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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:34:37 -0700 |
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Die Besitzer nannten sich +einstmals Kroken; Anders oder Hans Kroken, das waren die Hauptnamen. +Später nannten sie sich Krogh, der General vom Geniekorps sogar von +Krogh. Jetzt heißen sie recht und schlecht Krog. + +Alle Leute, die auf den kleinen Dampfern von oder nach der nahen Stadt +hier vorbeikamen und an der Landungsbrücke unterhalb der Kapelle +anlegten, wußten davon zu erzählen, wie behaglich und traulich geborgen +Krogskog doch daläge. + +Die Berge am Horizont nahmen sich großartig aus; hier vorn aber waren +sie niedriger. Zwischen zwei vorspringenden, bewaldeten, langgestreckten +Hügelrücken lag der Hof. So dicht drängten sich die Häuser an die Anhöhe +zur Rechten, daß es den Dampferpassagieren vorkam, als könne man vom +Dach des Hauses auf den Hügel hinüberspringen; der Westwind fand hier +keinen Einlaß; wie beim Versteckspiel konnte man zu ihm sagen: "Ein Haus +weiter!" Das gleiche konnte man auch zum Nord- und Ostwind sagen. Einzig +der Sturm von Süden her kam zu Gast, aber auch nur in aller +Bescheidenheit. Die Inseln, eine große und zwei kleine, hielten ihn auf +und stutzten ihn zurecht, bis sie ihn weiterziehen ließen. Die hohen +Bäume vor dem Hause wiegten nur gerade rhythmisch ihre höchsten Wipfel; +die Haltung verloren sie nicht. + +Diese stille Bucht hatte den besten Badestrand der ganzen Gegend. +Besonders die Jugend kam im Sommer an den Samstagabenden oder Sonntags +aus der Stadt, um im Wasser auf dem sandigen Grunde herumzutollen oder +nach der Großen Insel hin und zurück zu schwimmen. Von Krogskog aus +gesehen, lag der Badestrand zur Linken, da, wo der Fluß mündete, wo die +Landungsbrücke war, und wo, ein wenig höher und dem Hügel näher, auch +die Kapelle sich befand, umgeben von den Krogschen Familiengräbern. Von +da bis hinauf zu den Häusern rechts war es ein gutes Stück. Hier oben +war kaum je der Lärm der Badenden und Spielenden zu hören. Anders Krog +aber kam gern selbst hinunter, um ihnen zuzusehen, wenn sie auf der +Sandbank oder im Walde draußen auf der Landspitze Feuer angezündet +hatten. Er kam vermutlich, um ein Auge aufs Feuer zu haben. Aber davon +hörte und merkte niemand etwas. Er war bekannt als "der höflichste Mann +der Stadt", oder "der erste Gentleman der Stadt." Seine großen, +eigentümlich leuchtenden Augen glitten wie ein freundlicher Willkommgruß +über alle Gesichter; die wenigen Worte, die er sprach, enthielten nichts +als gute Wünsche. Er selbst stieg den Hügel weiter hinan auf seinem +gewohnten, langsamen Rundgang. Seine hohe, leicht vornübergebeugte +Gestalt war oben im Wald zu sehen, und so lange blieb es still. Aber was +hatten sie hier sonst für einen Spaß. Meist waren es Arbeiter und +Handwerker aus der Stadt, Turnvereine, Gesangvereine, Kinder. Sie +scharten sich bei der Landungsbrücke und bei der Kapelle; da zogen sie +sich aus. + +Die Strandstraße führte unmittelbar daran vorbei. Aber im Sommer fuhr +selten jemand dort entlang; da fuhr man lieber mit den kleinen Dampfern +oder in Booten. Wenn die Badenden oben auf dem Hügel einen Posten +aufstellten, waren sie sicher, daß keiner sie überrasche. + +Oben auf dem Hof selbst war es still, immer still. Die schönste +Vorderfront des Hauptgebäudes sah nicht einmal auf die Bucht hinaus, +sondern aufs Feld. Das Haus bestand aus zwei hohen Stockwerken mit +abgestumpften Dachecken. Ein langes, breites Haus. + +Die Grundmauer vorn war ziemlich hoch; eine bequeme Treppe führte +hinauf. Das ganze Gebäude war weißgestrichen, die Grundmauer aber und +die Fenster schwarz. Die Nebenhäuser lagen näher dem Hügel zu; vom +Dampfer aus waren sie nicht zu sehen. Zu beiden Seiten des Hauptgebäudes +große Gärten. Der Garten nach der See zu stand voller Obstbäume, der +links vom Hause war ausschließlich Blumen- und Küchengarten. + +Zwischen den Höhen lag ein länglicher Streifen flachen Wiesenlandes. Es +war vorzüglich bestellt. Die großen holländischen Kühe hatten es gut +hier. + +Die Geschichte des Gutes und der Familie hatte der Wald vorausbestimmt. +Der Wald war groß und üppig und war glücklicherweise frühzeitig unter +holländische Pflege und Sparsamkeit geraten, damals als holländische +Kuffs die Waldbesitzer in Norwegen aufsuchten. Hier bekamen sie ihre +Holzladung und versorgten die Norweger dafür mit ihrer Kultur und deren +Erzeugnissen. Krogskog hatte besonderes Glück dabei; denn vor nun +dreihundert Jahren geschah es, daß der Besitzer eines Kuffs, der in der +Bucht lag und lud, sich in des Bauern blondhaarige Tochter verliebte. +Das Ende vom Liede war, daß er die ganze Herrlichkeit kaufte. Ein +wundervoll gemaltes Bild von ihm und ihr hängt noch in der guten Stube, +der Eckstube nach der Bucht hinaus. Das Porträt zeigt einen langen, +hageren Mann mit ungewöhnlich leuchtenden Augen. Er war dunkelhaarig und +ein wenig krummnackig. Der Stamm muß kräftig gewesen sein, denn so sehen +die Krogs noch heutigentags aus. Der erste holländische Besitzer hieß +nicht Krog; er wohnte auch nicht hier; aber der Sohn, der den Hof +übernahm, war nach seinem Großvater mütterlicherseits Anders Krog +getauft, und er nannte seinen Sohn nach seinem eigenen Vater Hans. +Fortan wechselten die beiden Namen miteinander ab. Wenn noch mehr Söhne +da waren, hieß einer Klas und einer Jürges, woraus im Lauf der Zeit +Klaus und Jürgen wurde. Die Mischehen mit den holländischen Verwandten +setzten sich nämlich fort, so daß die Familie zu gleichen Teilen +holländisch und norwegisch war; der Haushalt wurde lange Zeit ganz +holländisch geführt. + +Aber es war, als wenn sich die Rassen trotzdem nicht vermischten. +Wahrscheinlich weil das holländische Element nicht rein holländisch +war,--in diesem Falle hätte es sich leichter mit dem norwegischen +Element verschmolzen,--sondern mit spanischem Blut durchsetzt war. Das +schwarze Haar, die leuchtenden Augen, der hagere Körper vererbten sich +von Glied zu Glied bei den Männern; das blonde Element aber und die +kräftig gebaute Gestalt blieb den Frauen eigen; in ihnen floß +norwegisches Blut, vermengt mit holländischem. Selten sah man ein andres +Zugeständnis der männlichen Linie an die weibliche oder umgekehrt, als +daß helles und dunkles Haar sich in rotem fanden, oder daß die +leuchtenden Augen auch einmal auf ein Frauenantlitz übergingen. + +Es war eine Eigentümlichkeit der Familie, daß in allen Ehen mehr Mädchen +als Knaben geboren wurden. Die Krogs waren schöne Menschen und +durchgehend wohlhabend; infolgedessen war die Familie weitverbreitet und +angesehen. Man sagte ihnen nach, sie hielten ihre Leute und ihre Habe +gut zusammen. + +Ihnen allen gemeinsam war ein weises Maßhalten. In Norwegen ist es ja +allgemein, daß ein Vermögen nicht durch drei Generationen besteht. Wird +es nicht in der zweiten vergeudet, dann sicherlich in der dritten. Hier +hielt es sich. Für den Hauptsitz der Familie waren die Wälder heute eine +ebensolche Quelle des Reichtums wie vor dreihundert Jahren. + +Erblich in der Familie war der Hang zum Wandern. In der Bibliothek des +Hofes waren mehr Reisebeschreibungen als Werke aus anderen Gebieten, und +es wurden ihrer beständig mehr. Schon die Kinder hatten am Reisen +Interesse, d.h. sie machten Pläne nach Büchern, Bildern und Karten. Sie +spielten reisen auf den Tischen. Sie wanderten von der einen Stadt, die +aus farbigen Papierhäusern aufgebaut war, zu den andern gleicher Art. +Sie schoben Schiffe hin und her, die auch aus buntem Papier waren und +die Bohnen, Kaffee, Salz und Hölzer führten. Draußen auf der Bucht +ruderten, segelten und schwammen sie von der Landungsbrücke zu den +Inseln hinüber. Von Europa nach Amerika, von Japan nach Ceylon. Oder sie +zogen über die Hügelrücken, d.h. über die Kordilleren zu den +allerdenkwürdigsten Indianerstädten. + +Kaum waren sie erwachsen, so ging es auf die Wanderschaft; es fing +meistens mit einer Reise zu den holländischen Verwandten an. So kam vor +vielleicht zweihundert Jahren ein Mann dahin, der freilich sofort mit +einem holländischen Ostindienfahrer weiterreiste, aber nach Amsterdam +zurückkehrte in dem Wunsch, Baumeister und Ingenieur zu werden, was +damals zusammengehörte. Er zeichnete sich aus und wurde später als +Lehrer in seinem Fach nach Kopenhagen berufen. Da ging er zum Heer über +und wurde schließlich General im Geniekorps. Durch Erbschaft und Arbeit +hatte er sich ein Vermögen erworben, nahm den Abschied und siedelte sich +in Krogskog an, das er einem kinderlosen Bruder abkaufte. Er nannte sich +Hans von Krogh. Er baute das jetzige Hauptgebäude aus Stein, eine wenig +gebräuchliche Bauart in einer norwegischen Waldgemeinde. Der alte +Ingenieur wollte seinen Spaß haben. Obwohl er nicht verheiratet war, +baute er es geräumig "für die Kommenden." Alle Häuser des Gehöfts baute +er um; er grub und pflanzte; er ließ einen Gärtner aus Holland kommen, +den alten Siemens, von dessen strengem Wesen und heißem Streben nach +Reinlichkeit und Ordnung noch heute berichtet wird. Für ihn baute der +General das Treibhaus und die Gärtnerwohnung. + +Der General wurde sehr alt. Nach ihm geschah nichts Besonderes, bis der +Jüngere von zwei Brüdern nach Amerika ging und sich dicht am Michigansee +ansiedelte, wo damals noch Neuland war. Das wurde als ein großes +Ereignis angesehen. Er hieß Anders Krog, und es ging ihm gut da drüben. +Nur wunderte man sich, daß er sich nicht verheiratete. Er wollte einen +seiner Neffen zu sich nehmen, um ihm seinen Besitz zu überlassen. So kam +es, daß der ältere Bruder des jetzigen Eigentümers von dannen zog. Er +hieß Hans. + +Aber siehe da, ein jung norwegisch Mädchen, auch eine Verwandte, kam +genau zur selben Zeit hin, und in sie verliebte sich der alternde Onkel. +Er bot seinem Neffen an, ihm die Kosten der Rückreise zu erstatten. Dem +jungen Mann aber erschien das unwürdig. Er blieb und fing ein eigenes +Geschäft an, und zwar einen Holzhandel, denn darauf verstand er sich. +Das Geschäft ging außerordentlich gut. Als er nach dem Tode seines +Vaters nach Hause sollte und den Hof übernehmen, wollte er nicht. Der +jüngere Bruder Anders war inzwischen Kaufmann geworden; er betrieb das +größte Kolonialwarengeschäft der Stadt. Jetzt mußte er auch den Hof +übernehmen. + +Ein eigentlicher Geschäftsmann war der junge Anders Krog nicht. Aber +seine Gewissenhaftigkeit ohnegleichen und sein rücksichtsvolles Wesen +bewirkten, daß bald alle bei ihm kauften. Ein andrer hätte reich dabei +werden müssen; aber das wurde er nicht. Als er Krogskog übernahm, war +sowohl das Geschäft in der Stadt wie vor allem auch der Hof erheblich +verschuldet. Keins von beiden hatte er billig bekommen. Reisen hatte er +freilich auch müssen, aber es waren jedes Jahr nur vier Wochen gewesen, +einmal nach England, ein andermal nach Frankreich usw. Sein größter +Wunsch war allerdings, einmal bis nach Amerika zu kommen, aber dazu +hatte er denn doch nicht den Mut. Er begnügte sich damit, von dem neuen +Wunderlande zu lesen; Lesen war seine größte Freude; nach ihr kam das +Hantieren im Garten. Das verstand er besser als der Gärtner. + +Dieser stille Mann mit den leuchtenden Augen war schüchtern wie ein +Mädchen von vierzehn Jahren. An jedem Werktag morgen suchte er sich +einen einsamen Platz--d.h. wenn so einer da war--auf dem kleinen +Dampfer, der ihn nach der Stadt brachte, solange die Bucht nicht +zugefroren war. Beim Aussteigen war er voll Rücksicht gegen die andern; +ehrerbietig grüßend eilte er an ihnen vorbei, wenn er an Land gekommen +war,--und war dann in seinem Hause am Markt zu finden bis zum Abend, wo +er auf die gleiche Weise heimkehrte. Das heißt: wenn er nicht radelte. +Im Winter fuhr er mit dem Wagen oder übernachtete in der Stadt, wo er in +seinem eigenen Hause zwei bescheidene Mansardenstuben bewohnte. + +Er hatte das Zeug zu dem besten Ehemann, den man sich in der Stadt +vorstellen konnte. Aber seine unüberwindliche Bescheidenheit machte jede +Annäherung unmöglich,--bis die rechte kam. Da war er aber schon über +vierzig Jahr. Es ging ihm wie seinem Namensvetter, dem Onkel am +Michigansee, daß ein junges Mädchen aus seiner eigenen Familie erschien +und ihn eroberte. Und das war ausgerechnet das einzige Kind dieses +Onkels. + +Er stand eines Sonntag morgens in Hemdsärmeln in seinem Küchen- und +Blumengarten an der Nordseite des Hauses, als ein junges Mädchen mit +einem großen Strohhut die beiden unbehandschuhten Hände auf das weiße +Staket legte und zwischen den großen Knaufen des Gitters +hindurchschaute. + +Anders Krog, der vor einem Blumenbeet kauerte, hörte ein schelmisches +"Guten Tag" und fuhr in die Höhe. Seine Augen nahmen das Mädel wie eine +Offenbarung in sich auf. Sprachlos und unbeweglich stand er mit seinen +erdigen Händen da und starrte sie an. + +Sie lachte und sagte: "Wer bin ich?" Da kam ihm die Besinnung zurück. +"Sie sind--Sie sind sicher--", er kam nicht weiter, aber sein Lächeln +hieß sie willkommen. "Wer bin ich?"--"Marit Krog aus Michigan." Er hatte +von seiner Schwester, die jenseits des linken Hügelrückens wohnte, +gehört, Marit Krog sei unterwegs. Aber er hatte nicht geahnt, daß sie +schon da war.--"Und Sie sind der Bruder meines Vaters", antwortete sie +in etwas englischem Tonfall. "Wie Ihr beide Euch ähnlich seid!--Nein, +wie Ihr Euch ähnlich seid!"--Sie stand und starrte ihn an. "Darf ich +nicht hineinkommen?"--"Ja, selbstverständlich,--aber erst--erst muß ich +doch--", er blickte auf seine Hände und auf die Hemdsärmel.--"Ich kann +ja ins Haus gehen?" sagte sie unternehmungslustig. "Das können +Sie,--selbstverständlich! Gehen Sie bitte durch die Haupttür hinein. Ich +werde das Mädchen schicken",--und er begab sich eilig nach der Küche. + +Sie lief vorn vor das Gebäude und die Treppe hinauf. Sie mußte einen +ungeheuer großen Schlüssel, der wie der ganze Eisenbeschlag ein altes +Kunstwerk war, umdrehen, um in das Vorzimmer zu gelangen, das sehr viel +Licht hatte. In ihr steckte ein Stück von einem Maler, sie hatte Augen +für so etwas. Sie sah sofort, daß all diese großen und kleinen Schränke +wunderschöne holländische Arbeit waren, und daß das Zimmer größer war, +als es den Anschein hatte; denn die Möbel nahmen viel Platz ein. Eine +schöne altertümliche Treppe mit Schnitzwerk führte zu ihrer Rechten in +das zweite Stockwerk hinauf. Geradeüber mußte der Eingang in die Küche +sein; sie dachte es sich und sie roch es auch. Das bestätigte sich ihr, +als das Mädchen herauskam. Durch die offne Tür sah sie in eine Küche +hinein, deren Fußboden mit Marmorfliesen belegt war; die Wände waren mit +blaubemalten Kacheln bekleidet, und auf dem Gesims, das die Wand in zwei +Hälften teilte, stand blankgeputztes Kupfergeschirr in allen Größen. +Eine holländische Küche. + +Hier im Vorzimmer stand sie auf Teppichen so dick, wie sie noch nie +welche betreten hatte. Ebenso schwer waren die Teppiche auf der Treppe, +die von Messingstangen gehalten wurden, wie sie dicker nie welche +gesehen hatte. Hier gehen die Menschen auf Kissen, dachte sie, und ihr +kam gleich das Bild in den Sinn, das Haus sei ein ungeheures Bett. +Später nannte sie es immer "das Bett." "Wollen wir jetzt nach Hause ins +Bett?" sagte sie dann lachend. Zu beiden Seiten sah sie Türen und malte +sich die Zimmer dahinter aus. Links von ihr, d. h. an der rechten Seite +des Hauses, komme erst ein kleineres Zimmer nach vorn und dahinter, nach +der Bucht hinaus, ein großer Raum über die ganze Breite des Hauses. Und +das traf zu. Zur Rechten stellte sie sich das Haus der Länge nach in +zwei Zimmer geteilt vor. Auch das stimmte. Es war nicht weiter +verwunderlich, denn ihres Vaters Haus am Michigansee war nach diesem Bau +eingerichtet. Oben dachte sie sich einen breiten Gang quer durch das +Haus und kleinere Zimmer zu beiden Seiten des Flurs. Waren aber hier +unten schon unglaublich dicke Teppiche, so waren sie da oben womöglich +noch dicker, richtige Kissen. Dies Haus ließ kein Geräusch aufkommen. +Hier lebten stille Menschen. + +Das Mädchen hatte die Tür an der Seite geöffnet, die zur See hinausging. +Marit trat ein und sah sich alle Malereien und Schnurrpfeifereien im +Zimmer an; es war allerdings überladen, aber jedes einzelne Stück war +sorgfältig ausgesucht, zum Teil mit intimem Geschmack; das sah sie +sofort. Hier waren unter anderem Gemälde, die einen hohen Wert haben +mußten. Was sie aber besonders beschäftigte, war der Gedanke, daß sie +erst jetzt ihren alten Vater verstand, obwohl sie von klein an mit ihm +zusammengelebt hatte, ganz allein mit ihm; ihre Mutter hatte sie früh +verloren. Aus so viel Feinem und Kostbarem war er zusammengesetzt. Ein +bißchen bunt durcheinander und daher unbeachtet. War's nicht, als komme +er jetzt und stelle sich neben sie und lächele sein diskretes, warmes +Lächeln, weil er sich verstanden wußte? + +Da kam er ja! Durch die offne Tür sah sie ihn die Treppe +herunterkommen. Jünger zwar, aber das tat nichts, die Augen waren nur +noch schöner und inniger,--er kam daher mit demselben Gang, denselben +Armbewegungen, genau so vornübergebeugt und behutsam sich nähernd. Und +wie er sie jetzt ansah und mit ihr sprach und sie willkommen hieß ... +mit den gleichen abgetönten Worten, da ahnte sie in alldem die tiefe +Achtung vor dem Individuellen, die in ihren Augen ihren Vater vor allen +auszeichnete, die sie kannte. Der Vater hatte dünneres Haar, sein +Gesicht war runzlig, der Mund hatte nicht mehr alle Zähne, die Haut war +verschrumpft ... Gerade diese Erinnerung füllte ihre Augen mit Tränen. +Sie blickte empor in seine jüngeren Augen, hörte seine frischere Stimme, +fühlte den Druck seiner wärmeren Hand. Sie konnte nicht dafür, sie +schlang beide Arme um Anders Krogs Hals, schmiegte sich an seine Brust +und weinte. + +Nun, damit war es entschieden. Er stand für nichts mehr. + +Nach einer Weile saßen sie beide zusammen in dem Boot, mit dem sie +gekommen war. Sie ruderte um die Landspitze herum. Teils um seiner +selbst willen, teils auch wegen der Badenden, die zusahen, hatte er ein +paar schüchterne Versuche gemacht, ihr das Ruder abzunehmen. Aber seit +dem Augenblick, da sie beide Arme um seinen Hals legte, hatte er sich +seiner Macht begeben. Er wußte im voraus, daß er so tun mußte, wie dies +reiche rote Haar es wünschte. Er saß und sah in ihr sommersprossiges +Gesicht und auf die sommersprossigen Hände, auf ihre prächtige Gestalt +und ihren frischen Mund. Er sah über dem Halskragen die feinste weiße +Haut; es war etwas in den Augen, das genau dazu paßte. Er wurde nicht +fertig, bis sie am Ziel waren. Auch auf dem Wege zum Hof der Schwester +wurde er nicht fertig, weder mit ihrer weichen Stimme, noch mit ihrem +Gang, noch mit ihren Füßen, noch mit ihrer Kleidung, noch mit den Zähnen +und dem Lächeln und am allerwenigsten mit dem, was sie da +holterdipolter erzählte,--es war etwas Verwirrendes in allem. + +Am nächsten Morgen fuhr er nicht in die Stadt. Sowie der Dampfer, auf +dem er hätte sein müssen, um die Landspitze herum war, kam ihr weißes +Boot. Sie hatte eine Magd bei sich, die Wache halten sollte, denn jetzt +wollte auch sie baden. + +Als sie fertig war, kam sie herauf. Sie wollte bis Mittag bleiben. +Nachher gingen sie zusammen über den Hügelsattel zurück, das Boot hatten +sie nach Hause geschickt. + +Am andern Tage fuhr sie mit ihm in die Stadt. Tags darauf mußte auch die +Tante mit, aber diesmal wollte sie mit dem Wagen fahren. Und so jeden +Tag etwas Neues. Die beiden Geschwister lebten nur für sie. Sie nahm es +hin, als müsse es so sein. + +Als sie drei Wochen so mit ihnen gelebt hatte, kam ein Kabeltelegramm +vom Bruder Hans mit der Nachricht, Onkel Anders sei plötzlich gestorben; +Marit solle vorbereitet werden. + +Dies war der schwerste Gang, den Anders Krog je gegangen war,--über den +Hügelrücken zur Schwester, mit diesem Telegramm in der Tasche. Gerade +als er das trauliche gelbe Haus, umgeben von Wirtschaftshäusern und +Bäumen, drunten in der Ebene vor sich liegen sah, hörte er die +Essensglocke vergnüglich in den heiteren, sonnigen Tag hinaustönen. Da +wartete der gedeckte Tisch. Er setzte sich hin; er hatte das Gefühl, als +könne er nicht weiter. Er mußte ja hinunter und den frohen Tag morden. + +Als er endlich auf den Hof gelangte, ging er zusammen mit einigen +Arbeitern, die von weither zum Mittagessen kamen, zur Hintertür hinein. + +Hier traf er die Schwester, die ihn ins Hinterzimmer hineinnötigte. +Ebenso wie er erschrak sie und wurde traurig; aber sie war eine mutigere +Natur und übernahm es, Marit, die nicht zu Hause war, aber jeden +Augenblick kommen mußte, die Mitteilung zu machen. + +Vom Hinterzimmer aus hörte Anders Krog dann nachher einen Ruf und einen +Aufschrei, den er nie wieder vergaß. Er sprang bei diesem Schmerzenslaut +auf, konnte sich aber nicht überwinden, das Zimmer zu verlassen; ein +wehes Schluchzen von drinnen hielt ihn fest. Es wurde stärker und +stärker, unterbrochen von kurzen Ausrufen. Die gleiche unmittelbare +Kraft in ihrem Schmerz wie in ihrer Freude. Es jagte ihn in der Stube +umher, bis die Schwester die Tür öffnete: "Sie möchte Dich sehen." + +Da mußte er hinein; mit Aufbietung all seiner Willenskraft zwang er sich +dazu. Sie lag auf dem Sofa; aber er ließ sich kaum sehen, als sie sich +aufrichtete und die Arme ausstreckte: "Komm, komm! Jetzt bist Du mein +Vater."--Er eilte hin und beugte sich über sie; sie legte den Arm um +seinen Hals und drückte ihn fest an sich; er mußte hinknien. + +"Du darfst mich nie mehr verlassen! Nie, nie!" "Nie!" entgegnete er +feierlich. Sie drückte ihn fest an sich, ihre Brust wogte an seiner, ihr +Gesicht lag feucht und glühend an seinem. "Du darfst mich nie +verlassen!"--"Nie!" wiederholte er aus tiefstem Herzen und schlang die +Arme um sie. + +Sie legte sich wie getröstet wieder hin und hielt seine Hand; sie wurde +ruhiger. Wenn die Anfälle kamen und er sich mit zärtlichen Worten über +sie beugte, wirkte es besänftigend. + +Er wagte nicht nach Hause zu gehen; er blieb die Nacht über da. Sie +konnte nicht schlafen, und er mußte bei ihr sitzen bleiben. + +Erst am nächsten Tage hatte sie sich klar gemacht, was nun geschehen +solle. Sie wollte hinreisen, und er sollte mit. Das kam ihm höchst +unerwartet. Aber weder er noch seine Schwester wagten, ihr zu +widersprechen. Da gelang es der Schwester, sie auf andre Gedanken zu +bringen. Sie sagte: "Ihr solltet Euch erst verheiraten." Marit sah sie +an und sagte: "Ja, das ist richtig. Das sollten wir wahrhaftig tun!" Und +nun beschäftigte sie das so stark, daß es sie von ihrem Schmerz +ablenkte. Anders war nicht gefragt worden; aber das war auch nicht +nötig. + +Dann kam der erste Brief von Hans. Er hatte alles mit dem Begräbnis des +Onkels geordnet und erzählte, in welcher Weise. Er erbot sich, das +Geschäft und den Besitz des Onkels zu übernehmen. + +Anders hatte zu seinem Bruder unbegrenztes Vertrauen; er nahm das +Angebot an, und damit wurde die Reise überflüssig. Sobald Hans einen +Überblick über den ganzen Nachlaß hatte, setzte er die Kaufsumme fest +und fragte bei dem Bruder an, ob er sich mit diesem Betrage an Hansens +Geschäft beteiligen wolle. Der Betrag, der in Bankguthaben und Aktien +bestand, wurde sofort ausgezahlt. Schon diese Summe war groß genug, um +nicht allein Anders schuldenfrei zu machen, sondern um auch Marit zu +gestatten, nach Herzenslust herumzuwirtschaften und zu reformieren. Er +wünschte, sie solle das ganze Erbe für sich behalten, aber darüber +lachte sie. Er wurde also Kompagnon seines Bruders und war für +norwegische Verhältnisse fortan ein recht wohlhabender Mann. + +In ihrer Ehe ging nach einigen Monaten eine Veränderung mit Marit vor. +Sie gab sich wunderlichen Einfällen hin; die Grenzen zwischen Traum und +Wirklichkeit verwischten sich. Dabei wollte sie alles umgestalten, was +unter ihrer Aufsicht stand, sowohl in ihrem Heim hier draußen, wie in +dem Stadthause. Aus diesem Hause mußten die Mieter hinaus. Sie wollte es +für sich allein haben. + +Seine Zeit war ausgefüllt von all ihren Einfällen, besonders aber von +ihr selbst. Seine Dankbarkeit fand nur kärgliche Worte, aber sie lag in +seinen Augen, in seiner Höflichkeit, die an Umfang noch zugenommen +hatte; vor allem aber lag sie in seiner sorglichen Achtsamkeit. Er hatte +Angst, das wieder zu verlieren, was so unerwartet gekommen war; oder +daß irgend etwas Schaden nehmen könne. Seiner bescheidenen Natur schien +das Glück unverdient. + +Sie schmiegte sich auch immer enger an ihn. Sie hatte eine Formel +gefunden, die sie häufig wiederholte: "Du bist mein Vater--und mehr!" +Und eine andere: "Du hast die herrlichsten Augen von der Welt, und die +gehören mir." Mit der Zeit gab sie manches von dem auf, womit sie sich +beschäftigte; statt dessen wollte sie ihm vorlesen. Von klein auf hatte +sie ihrem Vater vorgelesen; das sollte wieder aufgenommen werden. Sie +las ihm englisch-amerikanische Bücher vor, besonders Verse. Sie hatte +die klangvolle Vortragsweise, in der englische Verse gesprochen werden +müssen, und machte sie wahr durch ihre eigene glaubwürdige Art. Sie +hatte eine weiche Stimme, die die Worte behutsam und still wie aus der +Erinnerung heraus anfaßte. + +Als die Zeit fortschritt, mußten sie beide täglich zusammen ins +Treibhaus. Die Blumen darin waren ihr Vorboten dessen, was in ihr wuchs; +sie wollte jeden Tag nach ihnen sehen. "Ob sie wohl darüber reden?" + +Und dann eines Tages, als das erste Anzeichen da war, daß der Winter +hier von der Küste weichen wollte, und sie gemeinsam oben am sonnigen +Hang das erste Grün gepflückt hatten, da merkte sie, daß sie schwach +wurde; jetzt kam ihre große Stunde. Ohne sonderliche Schmerzen vorher, +ihre Hand in seiner, gebar sie eine Tochter. Die gerade hatte sie sich +gewünscht. Aber es war ihr nicht bestimmt, das Kind aufzuziehen; denn +drei Tage später war sie tot. + + * * * * * + +Die neue Marit + + +Der Arzt befürchtete lange, Krog würde auch sterben. Rein an +Überanstrengung. In seiner langen Einsamkeit war er nicht daran gewöhnt +gewesen, sich so hinzugeben oder so unendlich viel zu empfangen, wie ihm +das Zusammenleben mit ihr gebracht hatte. Erst ihr Tod offenbarte, wie +schwach er geworden war, wie wenig Widerstandskraft er noch hatte. Der +schwache Rest brauchte Monate, um sich so weit zu erholen, daß er die +Nähe anderer Menschen ertrug. Man erzählte ihm, das Kind sei zu seiner +Schwester gebracht. Sie fragten ihn, ob er es sehen möchte. Fast +unwillig wandte er sich ab. Das erste, was er ernstlich erwog, als er +sich kräftiger fühlte, war, sich von dem Geschäft zu befreien. Er beriet +sich darüber mit "Onkel Klaus", einem Verwandten, einem wunderlichen +alten Junggesellen, der allgemein so genannt wurde. Durch seine +Vermittlung wurde das Geschäft veräußert. Nicht aber das Haus, in dem es +sich befand,--das sollte in allen Teilen zur Erinnerung an sie +unverändert bleiben. + +Anders Krogs erster Gang war zur Kapelle und zum Grabe, und das griff +ihn so an, daß er wieder krank wurde. Sobald er sich erholt hatte, gab +er seine Absicht kund, auf Reisen zu gehen und fortzubleiben. Seine +Schwester kam erschrocken zu ihm herüber; das sei doch wohl nicht wahr? +"Du willst uns und das Kind doch nicht verlassen?"--"Ja, ich kann es in +meinen eigenen Stuben nicht aushalten", antwortete er und brach in +Tränen aus.--Aber er müsse doch auf jeden Fall das Kind erst +sehen?--"Nein, nein! Das am allerwenigsten." + +Er reiste ab, ohne es gesehen zu haben. + +Aber natürlicherweise war es das Kind, das ihn wieder nach Hause zog. +Als es drei Jahr alt war, wurde es photographiert,--und diese +Photographie ... solch einer Ähnlichkeit mit der Mutter, solchem +kindlichen Liebreiz konnte er nicht widerstehen. Von Konstantinopel aus, +wo er sich gerade aufhielt, schrieb er: "Jetzt habe ich bald drei Jahre +gebraucht, um das, was ich in einem erlebt habe, noch einmal zu +durchleben. Ich kann nicht sagen, daß ich es mir schon ganz zu eigen +gemacht habe. Namentlich wird viel Neues hinzukommen, wenn ich die +Stätten wiedersehe, wo wir zusammen waren. Aber soweit bin ich durch das +tiefere Hineinleben dieser Jahre doch gekommen, daß ich diese Stätten +nicht mehr scheue; im Gegenteil, ich sehne mich jetzt nach ihnen." + +Die Begegnung mit der neuen Marit wurde ein Fest für ihn. Nicht sofort; +denn zuerst hatte sie natürlich Angst vor dem fremden Mann mit den +großen Augen. Aber es erhöhte seine Freude, wie sie vorsichtig, nach und +nach ihm näher kam. Als sie schließlich auf seinen Knien saß mit den +beiden neuen Puppen, einem Türken und einer Türkin, und ihm diese in die +Nase steckte, damit er niesen sollte, weil die Tante das auch getan +hatte, da sagte er mit Tränen in den Augen: "Ich habe nur eine Begegnung +erlebt, die noch herrlicher war." + +Sie siedelte also mit dem Kindermädchen in sein Haus über. Ihr erster +gemeinschaftlicher Gang war zum Grabe der Mutter, auf das sie Blumen +legen sollte. Das tat sie auch; aber sie wollte sie wiederhaben. Nichts +half, was sie auch versuchten. Das Mädchen pflückte ihr schließlich +andere; aber die wollte sie nicht; sie wollte ihre eignen. Sie mußten +ihr also die Blumen lassen und die neuen aufs Grab legen. Er dachte: +"Das ist nicht die Mutter." + +Der Versuch wurde wiederholt. Jeden Tag sollte das Grab der Mutter mit +Blumen geschmückt werden, und von ihr. Er teilte die Blumen in zwei +Teile; die eine Hälfte trug er, die andere sie. Er wünschte, sie solle +ihre hinlegen und seine wieder mit nach Hause nehmen. Aber es gelang +nicht. Ja, schlimmer als das; denn als sie den Kirchhof verließen, +bestand sie darauf, er sollte seine Blumen auch wieder mit nach Hause +nehmen. Und er mußte nachgeben. Am nächsten Tage versuchte er etwas +anderes. Sie trug ihre Blumen zu der Mutter Grab, er aber gab ihr +Zuckerwerk, damit sie die Blumen liegen lassen sollte. Wirklich, sie gab +die Blumen gegen das Zuckerwerk ab, das sie in den Mund steckte. Aber +als sie gingen, wollte sie die Blumen auch noch haben. Das verstimmte +ihn. + +Dann kam er auf den Einfall, die Mutter fröre, Marit müsse sie +zudecken. Da meinte sie, Mutter solle doch heraufkommen, in ihr eigenes +Bett. Er hatte ihr nämlich gesagt, das leere Bett neben seinem sei +Mutters, und sie fragte beständig, ob Mutter nicht bald komme. Sie könne +nicht kommen, sagte er; sie liege da draußen und fröre. Das führte +schließlich zum Ziel. Sie breitete selbst die Blumen über die Grabstätte +und ließ sie liegen. Auf dem Heimweg wiederholte sie mehrmals: "Jetzt +friert Mutter nicht mehr." + +Er überlegte, was sie unter Mutter verstehen mochte. Er wünschte, sie +solle die Bilder ihrer Mutter kennen, übte aber vorher ihren Sinn an +Bildern von Tieren und Gegenständen. Dann ging er zu Bildern von seiner +Schwester und von sich selbst und von Personen über, die sie kannte. Als +sie damit ziemlich vertraut war, kam das erste Bild der Mutter an die +Reihe. Es machte keine Schwierigkeiten; sie durfte noch mehrere sehen +und lernte sie schnell von anderen unterscheiden. Nach Tisch, als sie +schlafen ging, wollte sie Mutter im Arm haben. Er verstand sie erst +nicht, und sie wurde ungeduldig. Da brachte er ihr das erste Bild der +Mutter; sie nahm es gleich in den Arm, deckte es zu und schlief ein. +Aber erst als sie mit vier Jahren einmal in der Küche eine Mutter sich +um ihr krankes Kind mühen sah, überzeugte er sich, daß sie wußte, was +eine Mutter sei; denn sie sagte: "Warum kommt meine Mutter nicht und +zieht mich an und aus?" + +Mit der Zeit wurden Vater und Tochter sehr gute Freunde. Noch mehr +Freude aber machte es ihm, als sie groß genug war, daß er ihr von Mutter +erzählen konnte. Von Mutter, die übers Meer herüber zu Vater gekommen +sei und Maritchen mitgebracht habe. Wo Vater und Mutter zusammengegangen +waren, gingen sie nun beide; jeden Spazierweg. Er ruderte sie, wie +Mutter ihn gerudert hatte; sie fuhren zusammen zur Stadt, wie sie beide +getan hatten. Dort saß Marit auf den Stühlen, die Mutter gekauft, und +auf denen sie gesessen hatte. Bei Tisch hatte sie Mutters Platz, bei +den Blumen im Treibhaus und im Garten war sie die Mutter, und sie half, +wie Mutter es getan hatte. Ein gar kluges, schönes Kind! Mit dem roten +Haar und der schimmernd weißen Haut der Mutter, mit ihren großen Augen +und denselben fein geschwungenen Brauen. Vermutlich würde sie auch ihre +gebogene Nase bekommen. Die Hände mit den langen Fingern hatte sie nicht +von der Mutter, auch die Gestalt nicht. Der Übergang vom Kopf zum Nacken +mit der sanften Neigung stammte eher vom Vater. Die Schultern hatten +nicht die schöne geschwungene Linie wie der Mutter Schultern, sondern +waren mehr abfallend, und die Arme flossen sanfter daraus hervor. Es +trieb ihn jeden Abend nach oben, zuzusehen, wenn sie ausgezogen wurde. +Die Verschmelzung des männlichen und des weiblichen Typus der Krogs, die +bisher so selten gewesen, die aber schon teilweise von der Mutter +repräsentiert worden war, gab es hier in der Vollendung. Marit schoß +hoch auf, ihre Augen waren groß und der Kopf fein geformt. + +Er konnte sie nicht dazu bewegen, mit Kindern umzugehen; das langweilte +sie. Sie gingen nicht schnell genug auf ihre Ideen ein, die freilich +recht eigentümlich waren. Die Felder hier waren doch ein Zirkus; der +Vater hatte ihr von Buffalo Bill erzählt. Indianer sprengten durch die +Arena, sie selbst an der Spitze auf einem weißen Pferde. Die Hügel waren +die Logen, die voll Menschen waren. Das konnten die anderen Kinder nicht +sehen. Auch das Reisenspielen auf dem Tisch, das ihr Vater sie gelehrt +hatte, verstanden sie nicht. + +Als Siebenjährige nötigte sie ihren Vater, ihr ein Rad zu kaufen und sie +fahren zu lehren; er selbst fuhr ausgezeichnet. Das war aber doch der +Tropfen, der den Becher zum Überlaufen brachte und ihn bestimmte, sich +nach Unterstützung umzusehen. + +Er hatte in Paris eine entfernte Verwandte kennen gelernt, eine Frau +Dawes; sie war in England verheiratet gewesen; als aber ihr einziges +Kind starb, hatte sie sich scheiden lassen und lebte in Paris als +Pensionsinhaberin. In dieser Pension hatte er sie täglich bewundert. Er +war kaum je einem klügeren Menschen begegnet. Er fragte bei ihr an, ob +sie zu ihm kommen, seinem Hause vorstehen und sein Kind erziehen wolle. +Sie sagte ohne Zögern telegraphisch zu, und in weniger als einem Monat +hatte sie alles verkauft, war abgereist und hatte sich in ihren neuen +Wirkungskreis begeben. Ein Hüftleiden, das sie schon lange plagte, hatte +sich verschlimmert, so daß ihr das Gehen schwer fiel. Aber von ihrem +Rollstuhl aus, den sie mitgebracht hatte, und den ihre behäbige Person +vollständig ausfüllte, leitete sie das ganze Haus, ihn selbst +inbegriffen. Er war ganz erschrocken über ihre Tüchtigkeit. Sie kam +selten aus ihrem Stuhl heraus, aber trotzdem wußte sie alles, was +geschah. Wände hemmten ihren Blick nicht, eine Entfernung gab es nicht +für sie. Größtenteils ließ sich das aus der Schärfe ihrer Sinne +erklären, aus ihrer Fähigkeit, Worte und Zeichen zu deuten, in Mienen +und Augen zu lesen, zu riechen und zu hören, Schlüsse zu ziehen aus dem, +was sie wußte,--und siebentens und letztens daraus, daß sie zu fragen +verstand. Aber einiges war auch nicht zu erklären. Drohte einem, den sie +lieb hatte, eine Gefahr, so fühlte sie das, wo sie auch war. Sie schrie +auf--in solchen Augenblicken sprach sie immer englisch--und war auf den +Beinen und Feuer und Flamme. So zum Beispiel an dem denkwürdigen Tage, +da Marit mit ihrem Rad in den Fluß gefallen war und durch Männer vom +Dampfer aus aufgefischt wurde; denn unten an der Landungsbrücke, wohin +sie gewollt hatte, war das Unglück geschehen. Da stießen sie und Frau +Dawes aufeinander, die eine triefend von Nässe und heulend, die andere +triefend von Schweiß und auch heulend. + +Frau Dawes machte täglich ihre Runde durch das Haus und, wenn es nötig +war, auch um das Haus herum. Weiter kam sie selten. Auf diesem Rundgang +sah sie alles, auch das, was erst später geschah, versicherten die +Mägde. + +Sie hatte etwas Schwimmendes an sich. Sie schwamm beständig in Papier. +Ihre Korrespondenz, die, wie Anders Krog behauptete, alle Personen +umfaßte, die sie einmal in Pension gehabt hatte, setzte sie +ununterbrochen fort. In allen Sprachen und über alle Dinge; denn ihre +zweite Hauptbeschäftigung war: das, was sie las--und sie las bis tief in +die Nacht hinein--in ihre Korrespondenz hineinzubringen. Sie drehte sich +nach dem Tisch mit dem Schreibpult um, sie wandte sich fort vom Tisch, +um zu lesen. An der Stuhllehne war eine Lesepultmechanik angebracht, +worauf das Buch lag; in der Hand hielt sie es selten. Sie zog Memoiren +jeder andern Lektüre vor, und davon plauderte sie nachher in ihren +Briefen. In zweiter Reihe kamen Kunstzeitschriften und Reiseliteratur. +Sie hatte ein kleines Vermögen und kaufte sich alles, was ihr gefiel. + +Das Kind unterrichtete sie nebenbei. In der Wohnstube an dem großen +Tisch saßen sie, "Tante Eva" in ihrem Thronsessel, die Kleine ihr +gegenüber. Immer aber, wenn es nötig war, mußte Marit an Tante Evas Pult +kommen. Der Unterricht ging so leicht vonstatten, daß die Kleine oft +vergaß, daß es Schule war. Ja, selbst der Vater, der seine Bibliothek +dicht daneben hatte, vergaß es oft, wenn er hereinkam und das Gespräch +oder die Erzählung mit anhörte. + +War der Unterricht leicht, so waren andre Dinge sehr schwierig und +führten zu Kämpfen. Das ganze Verhalten des Kindes wollte sie ändern, +und da war ihr der Vater im Wege. Aber er wurde natürlich geschlagen, +und noch ehe er ahnte, was Frau Dawes beabsichtigte. Marit sollte +gehorchen lernen, sie sollte einen Begriff von bestimmter +Zeiteinteilung, von Ordnung, von Höflichkeit, von Takt bekommen. Sie +sollte jeden Tag Klavier üben, sie sollte bei Tisch hübsch gerade +sitzen und sich die Hände unzählige Male am Tage waschen; sie sollte +immer sagen, wohin sie gehe. Und nichts von all dem wollte sie. +Eigentlich auch der Vater nicht. + +Frau Dawes hatte einen einzigen festen Punkt, von dem sie ausgehen +konnte. Das war der unerschütterliche Glaube des Kindes an die +Vollkommenheit seiner Mutter. Frau Dawes wußte sie davon zu überzeugen, +daß die Mutter nie später als um acht Uhr schlafen gegangen sei. Sie +habe immer vorher ihre Kleider ordentlich auf einen Stuhl gelegt und +ihre Schuhe vor die Tür gestellt. + +Von dem, was die Mutter getan und bis zur Vollkommenheit getan hatte, +ging sie zu dem über, was die Mutter getan hätte, wenn sie an Marits +Stelle gewesen wäre; und vor allem, was sie _nicht_ getan hätte, wenn +sie Marit wäre. Das war schwieriger. So als Frau Dawes versicherte, die +Mutter sei immer nur so weit geradelt, wie man sie sehen konnte. "Woher +weißt Du das?" fragte Marit.--"Ich weiß es daher, daß Dein Vater und +Deine Mutter nie voneinander getrennt waren."--"Das ist wahr, Marit", +fiel der Vater ein, froh, daß er auch einmal zu dem ja sagen konnte, was +Frau Dawes einfiel; denn das meiste war doch durchaus nicht wahr. + +Je weiter der Unterricht fortschritt, desto mehr Freude machte es Frau +Dawes selbst, und desto größeren Einfluß gewann sie auf das Kind. Sie +machte es sich zur Aufgabe, das Traumleben Marits auszuroden, das ein +Erbteil der Mutter war und in üppiger Blüte stand, solange der Vater +zuhörte und seinen Spaß daran hatte. + +Einmal im Frühjahr kam Marit schnell herein und erzählte ihrem Vater, in +dem alten Baum zwischen den Gräbern der Mutter und der Großmutter sei +ein kleines Nest und in dem Nest seien ganz, ganz kleine Eier. "Das ist +ein Gruß von Mutter, nicht?" Er nickte und ging mit ihr, um es zu +besehen. Als sie aber näher kamen, flog der Vogel auf und piepte +jämmerlich. "Mutter sagt, wir sollen nicht näher heran?" fragte sie +ihren Vater.--Er bejahte es. "Dann würden wir Mutter stören?" fragte sie +weiter. Er nickte.----Sie gingen seelenvergnügt wieder nach Hause und +sprachen den ganzen Weg von Mutter. Als Marit Frau Dawes hiervon +erzählte, sagte sie: "Das sagt Dein Vater nur, um Dich nicht zu +betrüben, Kind. Könnte Deine Mutter Dir eine Botschaft senden, so käme +sie selbst."--Die Revolution, die diese wenigen grausamen Worte +anrichteten, war nicht abzusehen. Sie veränderten auch das Verhältnis +zum Vater.---- + +Die Schule ging ihren regelrechten Gang, die Erziehung auch, bis Marit +nahezu dreizehn Jahr alt war, lang und dünn und großäugig mit üppigem, +rotem Haar und weißer, zarter Haut ohne Sommersprossen, was Frau Dawes' +besonderer Stolz war. + +Da kam der Vater eines Tages aus der Bibliothek herein und unterbrach +den Unterricht. Das war in den ganzen Jahren nicht ein einzigesmal +geschehen. Marit bekam frei; Frau Dawes ging mit dem Vater in die +Bibliothek. "Bitte lesen Sie diesen Brief!"-- + +Sie las und erfuhr,--wovon sie nicht die leiseste Ahnung gehabt +hatte,--daß der Mann, der vor ihr stand und ihr Gesicht während des +Lesens beobachtete, ein Millionär war, kein Kronen-, nein, ein +Dollarmillionär. Er hatte seit dem Tode des Onkels nach der ersten +vorläufigen Ausbezahlung der Bankguthaben und Aktien als Kompagnon des +Bruders nichts wieder abgehoben,--und dies war das Resultat. + +"Ich gratuliere Ihnen", sagte Frau Dawes und faßte seine rechte Hand mit +ihren beiden. Ihr standen die Tränen in den Augen. "Ich verstehe Sie, +lieber Krog; Sie wünschen, daß wir jetzt auf Reisen gehen?" Er sah sie +mit seinen leuchtenden Augen lachend an. "Haben Sie etwas dagegen, Frau +Dawes?"--"Durchaus nicht, wenn wir die nötige Bedienung mitnehmen; ich +bin ja einmal so schlecht zu Fuß."--"Das sollen Sie haben, und überall +halten wir uns einen Wagen. Der Unterricht kann fortgesetzt werden, +nicht wahr?"--"Ob er kann! Nur um so besser!" Sie lachte und weinte +zugleich, und sie sagte selbst, so glücklich sei sie noch nie gewesen. + +Vierzehn Tage später hatten die drei mit einem Diener und einem Mädchen +Krogskog verlassen. + + * * * * * + +Der Thronwechsel + + +So gingen zweieinhalb Jahre hin, in denen der Vater einige Male in +Norwegen war, aber die anderen nicht. Dann dachten sie ernstlich daran, +einen Sommer in Krogskog zu verbringen. Aus diesem Grunde standen sie +alle drei in einem Konfektionsgeschäft in Wien. Frau Dawes und Marit +sollten neue Kleider haben, besonders Marit, die aus ihren +herausgewachsen war. Es war in den ersten Tagen des Mai, und es handelte +sich um Sommerkleider. + +"Dein Vater und ich, wir finden beide, Du mußt jetzt lange Kleider +haben. Du bist schon so groß." Marit blickte zu ihrem Vater hin, aber +die Stoffe, die vor ihnen ausgebreitet lagen, hielten seinen Blick fest. +Frau Dawes sprach statt seiner. "Dein Vater hat oft gesagt, wenn Du mit +ihm gehst, sehen die Herren Dir so nach den Beinen."--Der Vater wurde +unruhig; selbst das Fräulein hinter dem Ladentisch merkte, daß ein +Gewitter in der Luft lag. Sie verstand die Sprache nicht, aber sie sah +die drei Gesichter. Schließlich hörte der Vater Marit mit einer fremden, +aber freundlichen Stimme antworten: "Soll ich jetzt lange Kleider haben, +weil Mutter, als sie in meinem Alter war, auch welche trug?"--Frau Dawes +sah erschrocken Anders Krog an; er aber wandte sich ab. Dann wieder +Marit: "Tante Eva, Du warst doch natürlich mit Mutter zusammen, als sie +damals lange Kleider bekam? Oder Vater vielleicht?" + +Dann wurde nicht mehr von langen Kleidern gesprochen. Es wurde +überhaupt nicht mehr gesprochen. Sie gingen fort. + +Weiter geschah nichts. Es ergab sich von selbst, daß sie am nächsten +Tage, statt zum Unterricht zu kommen, mit dem Vater ausfuhr, um die +Sache mit den Kleidern zu ordnen. Des weiteren, daß sie sich von dort in +die Museen begaben. Sie setzten diese täglichen Ausfahrten bis zur +Abreise fort. Mit dem Unterricht war es vorbei. Als sei nichts +vorgefallen, gingen sie jeden Abend zu Dreien ins Konzert oder in die +Oper oder ins Schauspiel. Sie wollten die Zeit, die ihnen noch blieb, +ausnutzen. + +In den ersten Tagen des Juni waren sie in Kopenhagen. Hier erwartete sie +ein Brief von Onkel Klaus. Jörgen Thiis, sein Pflegesohn, sei Leutnant +geworden; Klaus wolle draußen in seinem Landhause einen Frühlingsball +geben, aber er warte damit, bis sie heimkämen. Wann sie kämen? + +Darauf freute sich Marit sehr. Den schönen, schlanken Jörgen kannte sie. +Er war der Sohn des Bezirksamtmanns, seine Mutter war Klaus Krogs +Schwester. + +Also mußte jetzt ein Ballkleid komponiert werden; die Erwägungen waren +sehr kurz, keiner sagte vorläufig ein Wort. Das Spannende der Sache, ob +dieses Kleid wohl lang sein werde, verschloß jeder in seiner Brust. Als +der große Augenblick des Maßnehmens kam, fragte die Dame, die es tat: +"Das gnädige Fräulein soll doch ein langes Kleid haben?" Marit sah zu +Frau Dawes hin, die rot wurde. Was aber schlimmer war: die Dame selbst +wurde auch rot. Sie nahm eilig nach dem kurzen Kleide Maß, das Marit +anhatte. + +Am zwanzigsten Juni fand also der Ball statt. Ein schwüler Tag ohne +Sonne. Die Gäste standen im Garten vor dem großen Landhause, als das +Boot anlegte, mit dem Marit und ihr Vater kamen; sie waren die letzten. +Sie stieg allein aus. Der alte Klaus stapfte lang und dürr und mit +ungeheuer weiten Beinkleidern zu ihr hinunter, ohne Hut mit blanker +Glatze und feuchtglänzendem Gesicht. Er hielt sie durch eine +Handbewegung zurück, während er zu Anders Krog im Boot hinuntersah: +"Willst Du nicht heraufkommen?"--"Nein, nein! Tausend Dank!" Das Boot +stieß ab. Jetzt erst sah er Marit an, die Frau Dawes in ihrem langen +Brief als die größte Schönheit beschrieben hatte, die sie je gesehen. Er +starrte sie an, verbeugte sich und kam näher; er roch nach Tabak und +schmunzelte mit seinem großen, weit offnen, unappetitlichen Munde. Bot +ihr dann seinen Arm. Sie aber in ihrem langen ärmellosen Mantel tat, als +bemerkte sie es nicht. Er stutzte, folgte ihr aber zu den andern. Und +dann sagte er: "Hier bringe ich die Ballkönigin." Das verletzte sie und +verletzte alle, so daß der Anfang nicht vielversprechend war. Jörgen, +der Held des Abends, drängte sich vor, um sich zu erbieten, ihr Hut und +Mantel abzunehmen. Sie aber grüßte obenhin und ging weiter. Es lag Stil +darin. Unter den Zurückbleibenden entstand sofort ein Geflüster. Die +Art, wie sie vorüberging, ihr Gesicht, ihre Haltung, ihr Gang, die +blendend schöne Haut, die leuchtenden Augen, die Wölbung darüber, die +feingeformte Nase ... das war alles aus einem Guß und alles vollendet. +Jörgen Thiis war hin. Er selbst war ein großer, schlanker Mensch vom +Krogschen Typ; nur die Augen waren ganz anders. Jetzt hingen sie wie +festgenagelt an der Tür, hinter der sie verschwunden war. Er wartete auf +der Treppe. + +Und wie sie wieder heraus und auf ihn zukam, um an seinem Arm zu den +andern hinunter zu gehen,--in einem kurzen Kleide aus lichtem, +wasserblauem Krepp mit durchbrochnen seidenen Strümpfen von derselben +Farbe und in Silberbrokatschuhen mit antiken Schnallen, war sie ein +Bild. Die Bewunderung war einstimmig. Es wurde von nichts anderem +gesprochen, bis man zu Tisch ging. Auch da hörte es noch nicht auf; es +gab Gesprächsstoff für die ganze Stadt. Daß ein so klassisch +geschnittenes Gesicht mit so leuchtenden Augen in dem weißen, weißen +Teint obendrein noch in einem Glorienschein von rotem Haar stand! Das +Ganze war harmonisch zu der hohen Gestalt mit den leicht abfallenden +Schultern und einer Büste, die noch nicht voll entfaltet, aber von einer +Freiheit und Unabhängigkeit war, als könne sie losgelöst werden. Die +Arme, die Handgelenke, die Hüftbildung, die Füße ... es wurde beinahe +komisch; denn einige junge Herren stellten mit dem größten Eifer die +Behauptung auf, die Knöchel seien das Allerschönste. Sie hätten nicht +ihresgleichen. So dünn,--und mit dieser schwellenden Rundung nach +oben--? Nein, nirgends! + +Jörgen Thiis vergaß das Reden, ja sogar eine Zeitlang das Essen, das ihm +sonst doch das Schönste auf der Welt war. Er ging wie ein Schlafwandler +mit ihr. Wenn man sie sah, war er an ihrer Seite oder hinter ihr her. + +Wegen des Balles hatten sich ihr Vater und Frau Dawes nach dem Hause in +der Stadt begeben. Sie wurden beim Morgengrauen geweckt von lautem +Schwatzen und Lachen vor dem Hause und schließlich gar männlichen und +weiblichen Hurrarufen; die Ballgäste hatten Marit nach Hause begleitet. + +Am ändern Tage bekamen die Alten Besuch von Verwandten und Freunden. Die +älteren Leute, die auf dem Ball gewesen waren, erklärten Marit für die +Schönste, die sie seit Menschengedenken gesehen hätten. Der alte Klaus +war abends um neun noch in die Stadt gerudert und zu einigen Freunden +gepilgert, bloß weil sie kommen und sehen sollten. + +Am Nachmittag präsentierte sich Jörgen in Uniform und mit neuen +Handschuhen. Er wollte sich erlauben, nach dem Befinden des gnädigen +Fräuleins zu fragen. Das gnädige Fräulein habe noch nichts von sich +hören lassen. + +Als sie schließlich kam, war sie von etwas ganz andrem erfüllt als von +dem gestrigen Tage. Das merkte Frau Dawes sofort. Auch erzählte die +Ballkönigin nicht das geringste von dem Balle. Sie beschränkte sich +darauf, zu fragen, ob sie aufgeweckt worden seien. Dann aß sie. Als sie +fertig war und wieder hereinkam, erzählte ihr Vater, Jörgen sei +dagewesen, um zu fragen, wie es ihr gehe. Marit lächelte. Frau Dawes: +"Findest Du Jörgen nicht nett?"--"Doch."--"Worüber lächelst Du +denn?"--"Er hat so viel gegessen."--Jetzt fiel der Vater lachend ein: +"Das macht sein Vater, der Amtmann, auch so! Und regelmäßig sucht er +sich die besten Stücke aus."--"Freilich." + +Frau Dawes saß und wartete auf das, was jetzt kommen würde; denn es kam +etwas. Marit ging hinaus; nach einer Weile erschien sie mit Hut und +Sonnenschirm wieder. "Willst Du ausgehen?" fragte Frau Dawes. Marit +stand da und zog sich die Handschuhe an. "Ich gehe aus und bestelle mir +Visitenkarten."--"Hast Du keine Visitenkarten?"--"Doch; aber die alten +gefallen mir nicht mehr."--"Warum nicht?" fragte Frau Dawes sehr +verwundert; "Du hast sie doch damals in Italien so hübsch +gefunden?"--"Ja;--aber der Name gefällt mir nicht mehr, meine +ich."--"Der Name?" Beide blickten auf. Marit: "Es ist gerade, als wenn +er gar nicht mehr zu mir gehört,--meine ich."--"Marit gefällt Dir +nicht?" fragte Frau Dawes. Der Vater warf leise hin: "Es war der Name +Deiner Mutter." Sie antwortete nicht gleich; sie fühlte die entsetzten +Augen des Vaters.--"Wie möchtest Du denn heißen, Kind?" Das war wieder +Frau Dawes, die sprach. "Mary."--"Mary?"--"Ja. Das paßt besser,--meine +ich." Die stumme Verwunderung der andern bedrückte sie augenscheinlich. +Sie sagte: "Wir wollen ja jetzt doch nach Amerika. Da sagt man +Mary."--"Aber Du bist Marit getauft", sagte ihr Vater schließlich +zaghaft.--"Was schadet das?"--Frau Dawes: "Es steht in Deinem +Taufschein, Kind; es ist Dein Name."--"Ja, in den Urkunden steht es +vielleicht, aber nicht in mir." Die beiden andern starrten sie an. + +"Es tut Deinem Vater weh, Kind."--"Vater kann mich ja ruhig weiter Marit +nennen."--Frau Dawes blickte sie traurig an, sagte aber nichts weiter. +Marit war mit ihren Handschuhen fertig. "In Amerika werde ich Mary +genannt. Das weiß ich. Hier habe ich eine Probekarte. Es macht sich doch +gut?" Sie holte eine ganz kleine Karte aus der Tasche. Frau Dawes besah +sie und reichte sie Anders Krog hin. Mit feiner Schrift stand auf feinem +Papier: "Mary Krog." + +Der Vater schaute lange, schaute immer wieder auf die Karte. Legte sie +dann auf den Tisch, nahm seine Zeitung und tat, als lese er. + +"Es tut mir leid, Vater, daß Du es so auffaßt."--Anders Krog wiederholte +leise, ohne von der Zeitung aufzusehen: "Marit ist der Name Deiner +Mutter."--"Ich habe Mutters Namen auch lieb.--Er paßt aber nicht für +mich." + +Damit ging sie leise hinaus. Frau Dawes, die am Fenster saß, blickte ihr +die Straße entlang nach. Anders Krog legte die Zeitung hin; er konnte +nicht lesen. Frau Dawes versuchte, ihn zu trösten. "Es ist was Wahres +dran", sagte sie. "Marit paßt nicht mehr für sie." + +"Der Name ihrer Mutter", wiederholte Anders Krog, und die Tränen liefen +ihm über das Gesicht. + + * * * * * + +Drei Jahre später + + +Drei Jahre später fuhr Mary nach langem Regen an einem schönen +Frühlingstage mit einer Verwandten, Alice Clerq, in Paris die Avenue du +Bois de Boulogne hinunter auf das vergoldete Parktor zu. Sie hatten sich +in Amerika kennen gelernt und sich hier in Paris im vorigen Jahre +wiedergetroffen. Alice Clerq wohnte jetzt mit ihrem Vater in Paris. Der +alte Clerq war früher der bedeutendste Kunsthändler von New York gewesen +und hatte eine Norwegerin aus der Familie Krog geheiratet. Nach dem Tode +seiner Frau verkaufte er sein riesiges Geschäft. Die Tochter war mit der +Kunst aufgewachsen und hatte eine gründliche Ausbildung darin genossen. +Sie hatte die Museen der ganzen Welt gesehen, hatte ihren Vater sogar +bis nach Japan geschleppt. Ihr Hôtel in den Champs Elysées war voll von +Kunstgegenständen. Dort hatte sie auch ihr Atelier; sie war nämlich +Bildhauerin. Alice war nicht mehr jung, eine kräftige, rundliche Person, +gutmütig und lustig. + +Dies Jahr kam Anders Krog mit seiner Begleitung aus Spanien. Die beiden +Freundinnen sprachen gerade über ein Bild Marys, das aus Spanien an +Alice geschickt war und nach Norwegen weiter wanderte. Alice behauptete, +der Künstler habe es offenbar auf eine Ähnlichkeit mit Donatellos +"Heiliger Cäcilie" abgesehen. Durch die Stellung des Kopfes, die Form +der Augen, die Linie des Halses und den halb geöffneten Mund. Aber so +interessant dieser Versuch sein möge, für die Ähnlichkeit sei er von +Schaden. Zum Beispiel sei es ein Verlust für das Bild, daß die Augen +nicht zu sehen seien; die habe sie ja niedergeschlagen wie bei +Donatello. Mary lachte. Gerade um diese Ähnlichkeit herauszubekommen, +habe sie ihm gesessen. + +Nun erzählte Alice von einem norwegischen Genieoffizier, den sie kennen +gelernt habe, als sie mit seiner Mutter im Sommer in Norwegen gewesen +sei. Er habe das Bild bei ihr gesehen und sich ganz in dieses Porträt +verliebt.--"So", sagte Mary wie abwesend.--"Es ist kein gewöhnlicher +Mensch, kannst Du glauben, und auch kein gewöhnliches Verliebtsein." +--"Nanu?"--"Ich bereite Dich vor. Er kommt natürlich bei mir mit Dir +zusammen."--"Ist das nötig?"--"Sehr. Denn sonst muß ich es ausbaden." +--"Ist er denn gefährlich?" Alice lachte: "Mir wenigstens."--"Sieh +einer an! Ja, das ist etwas anderes."--"Jetzt verstehst Du mich falsch. +Warte, bis Du ihn siehst."--"Ist er so schön?"--Alice lachte: "Nein, +er ist geradezu häßlich!--Na, warte nur ab."--Sie fuhren weiter, das +Gedränge wurde größer; es war einer der Haupttage.--"Wie heißt er?" +--"Franz Röy."--"Röy? So heißt unsere Ärztin auch. Fräulein Röy." +--"Ja, das ist seine Schwester; er spricht oft von ihr."--"Sie hat +eine herrliche Figur."--Da richtete Alice sich auf: "Und er? Wenn ich +mit ihm über die Straße gehe, drehen die Leute sich um, weil sie ihn +noch einmal sehen wollen. Ein richtiger Riese! Aber keiner von den +fettgepolsterten. Nein, sehr groß und geschmeidig." --"Also gut +trainiert?"--"Riesig. Auf nichts ist er so stolz wie auf seine Kraft, +und nichts zeigt er so gern!"--"Ist er denn dumm?"--"Dumm? Franz Röy?" +--Sie lehnte sich wieder zurück, und Mary fragte nicht weiter. + +Sie kamen spät draußen an; endlose Wagenreihen zogen an ihnen vorbei +heimwärts aus dem Bois. Die drei breiten Fahrwege der Avenue waren +gedrängt voll. Je näher sie dem eisernen Tor kamen, wo die Wege +zusammenliefen, desto dichter wurden die Wagenreihen. Diese +Zurschaustellung von hellen und bunten Frühjahrstoiletten an dem ersten +sonnigen Tage nach dem Regen war ein einzigartiges Schauspiel. Zwischen +den neubelaubten Bäumen wirkten die Wagen wie gefüllte Blumenkörbe im +Grün, einer hinter dem andern, einer neben dem andern, ohne Anfang und +ohne Ende. + +Am Tor kamen sie in die Nähe der wogenden Menge von Fußgängern. Aber +kaum waren sie mitten drin, als sich von rechts nach links hinüber eine +unruhige Bewegung fortpflanzte. Dort rechts mußten die Leute etwas +sehen, was von hier aus nicht zu sehen war. Einige schrien und zeigten +nach den Seen hinüber, die Wagen fuhren auf Kommando zur Seite oder in +die Querwege hinein, die Bewegung wuchs, bald war sie allgemein. +Schutzleute und Parkwächter rannten hin und her, die Wagen stauten sich +so dicht, daß keiner mehr vom Fleck kam. Ein breiter Mittelgang war bald +weit hinunter frei. Alle spähten und fragten,--da kam es! Ein paar +durchgegangene Pferde mit einem großen Wagen. Auf dem Bock sah man den +Kutscher und den Groom. Es mußte sich ein Kampf abgespielt haben, so daß +man Zeit bekam, den Weg frei zu machen, oder die Pferde mußten in sehr +großer Entfernung scheu geworden sein. Hier, diesseits des Tores, waren +alle Gefährte aus dem Mittelweg verschwunden; Alices Wagen stand beinahe +zu äußerst am linken Fußweg. Hinter sich hörten sie Geschrei; vermutlich +wurde die ganze Avenue freigemacht. Aber niemand blickt dahin, alles +sieht nach vorn. Ein stattliches Gespann kommt in rasender Fahrt auf sie +zu. Von Neugier getrieben, wogen zu beiden Seiten die Massen vor und +zurück. Ängstliche Menschen draußen vor dem Tor riefen: "Schließt das +Tor!"--Ein rasender Protest, ein tausendstimmiger Hohn von drinnen +antwortete ihnen. Alle Wageninsassen hatten sich erhoben, manche standen +auf den Sitzen. Auch Alice und Mary. Es machte den Eindruck, als werde +die Fahrt toller, je näher die Tiere kamen. Kutscher und Groom rissen +aus Leibeskräften an den Zügeln; aber das stachelte die Tiere nur an. +Ein Mann im Zylinder beugte den Oberkörper aus dem Wagen, vermutlich um +festzustellen, wo er sich den Hals brechen werde. Ein paar Hunde liefen +mit eifrigem Protest hinterher, hier oben lockten sie noch mehrere +andere auf die Bahn hinaus, die sich aber nicht weit vorwagten. Die zwei +oder drei, die es taten, prallten gegeneinander, daß einer sich +überstürzte und überfahren wurde, der Wagen machte einen Satz, der Hund +heulte auf,--seine Kameraden hielten eine Weile inne. + +Da löst sich ein Mann aus den Massen am eisernen Portal und tritt mitten +auf den Weg. Man schrie, man schwang Stöcke und Regenschirme und drohte +ihm. Ein paar Schutzleute wagten sich einige Schritte hinter ihm her und +winkten und riefen; das gleiche tat diesseits ein Parkwächter, lief aber +in Todesangst wieder zurück. Statt auf die Rufe und Drohungen zu achten, +nahm der Mann die Pferde aufs Korn, trat nach links, dann nach rechts, +dann wieder nach links ... offenbar um sich ihnen entgegenzuwerfen. + +Sowie die Menge das erfaßt hatte, wurde sie still, ja, es wurde so +still, daß man die Vögel in den Bäumen singen hören konnte, hören auch +das ferne, dumpfe Getöse der nimmer stillen Riesenstadt, das vom Winde +herübergetragen wurde. Es gab dem Vogelgezwitscher einen einförmigen +Unterton. Merkwürdig, daß die Pferde genau so gespannt dastanden wie die +Menschen; sie rührten keinen Fuß. Nur die Hunde waren wieder in +Bewegung. + +Nun hatte der wilde Zug den Mann mitten auf der Straße erreicht. Er +drehte sich pfeilschnell nach derselben Seite wie die Pferde, lief neben +ihnen her und warf sich dann dem nächsten in die Flanke ... + +"Das ist er!" rief Alice mit leichenblassem Gesicht und packte Mary so +krampfhaft, daß sie beide ins Stolpern kamen. Schrill und wild +kreischten weibliche Stimmen auf. Ein dumpfes Gebrüll von Männerstimmen +folgte. Jetzt hing er an dem einen Pferde. Alice schloß die Augen, Mary +wandte sich ab. Lief er mit oder wurde er geschleift? Sie anhalten +konnte er nicht. + +Wieder einige Sekunden lang eine fürchterliche Stille, nur die Hunde und +die Hufe der Pferde hörte man. Dann ein kurzer Aufschrei und dann +tausende, und dann Jubel, wilder, endloser Jubel. Wehende Taschentücher, +Hüte und Sonnenschirme. Die Menge strömte zu beiden Seiten wie eine +Sturmflut wieder in die Avenue hinein. Hier oben war die Straße in einem +Augenblick gedrängt voll. Die rasenden Tiere standen schaumbedeckt und +zitternd dicht bei Alices Wagen. Sie sah einen grauen Engländer, einen +schlanken alten Herrn mit weißem Bart und im Zylinder, und sie sah eine +junge schlanke Dame an seinem Arm hängen und hörte den Alten sagen: +"Well done, young man!" + +Ein schallendes Gelächter folgte. Und jetzt erst sah sie ihn, dem die +Worte gegolten hatten, wie er die Pferde bei den Nüstern gepackt hatte, +ohne Hut, mit aufgerissener Weste und blutenden Händen, jetzt aber das +schweißbedeckte, aufgeregte Gesicht lustig dem Engländer zuwandte. +Gerade im selben Augenblick gewahrte er Alice. Sie stand ja noch immer +auf dem Sitz ihres Wagens. Ohne Zögern ließ er Pferde und Wagen mitsamt +dem Engländer stehen und bahnte sich den Weg zu ihr: "Verehrteste, +bringen Sie mich fort aus diesem Wirrwarr!" sagte er laut in seiner +breiten ostländischen Mundart. Ehe sie antworten, ja noch ehe sie vom +Sitz herunterkommen, geschweige ehe der Groom sich vom Bock +herabschwingen konnte, hatte er die Wagentür geöffnet und war bei ihnen +im Wagen. Er half erst Alice von der Bank herunter, dann ihrer Freundin. +Darauf sagte er auf französisch zum Kutscher: "Fahren Sie mich nach +Hause, so schnell Sie loskommen können. Sie wissen die Adresse +wohl."--"Ja, Herr Hauptmann", antwortete der Kutscher mit ehrerbietigem +Gruß und bewundernden Blicken. Als Franz Röy sich hinsetzen wollte, +verzog er das Gesicht und rief, indem er sich an den Fuß faßte: "Au, +Donnerwetter, das Ekel hat mich getreten. Jetzt merke ich es erst." In +diesem Augenblick begegnete er Marys großen, verwunderten Augen; er +hatte sie bisher nicht angesehen, nicht einmal, als er ihr vom Sitz +heruntergeholfen hatte. Die Veränderung in seinem Gesichtsausdruck war +so gewaltig und so überwältigend komisch, daß die beiden Damen in lautes +Lachen ausbrachen. Er faßte mit der blutigen Hand an seinen Hut--und +merkte, daß er keinen aufhatte. Da lachte er auch. + +Der Kutscher hatte inzwischen den Wagen ein paar Meter vorwärts +bugsiert, nun versuchte er zu wenden. + +"Ja, ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wer das ist?" lachte Alice. +"Nein!" sagte er und starrte Mary an, daß sie rot wurde. + +"Aber, mein Gott, wie konnten Sie das wagen!"--Alices Stimme +war's.--"Ach, das ist nicht so gefährlich, wie es aussieht", antwortete +er, ohne ein Auge von Mary zu wenden. "Es ist bloß ein Kniff. Ich habe +es schon vorher zweimal gemacht." Er sprach nur zu Mary. "Diesmal sah +ich gleich, daß bloß das eine Pferd den Verstand verloren hatte; das +andere wurde nur mitgerissen. Ja, da nahm ich mir also das tolle vor. +Pfui Teufel, wie sehe ich aus!" Jetzt erst entdeckte er, daß seine +Weste zerrissen, daß seine Uhr weg war, und daß seine blutende Hand ihn +beschmutzte. Mary bot ihm ihr Taschentuch an. Er blickte auf das feine, +gestickte Gewebe und dann auf sie: "Nein, gnädiges Fräulein, das wäre, +als wollte man Baumrinde mit Seide flicken." + +Gleich draußen vor dem Tor an der rechten Seite wohnte er, also war es +keine Entfernung. Mit herzlichem Dank, ohne die blutige Hand +darzubieten, stieg er aus. + +Als er schlank und riesig über den Fußweg von dannen hinkte und der +Wagen wendete, sagte Alice leise auf englisch: "Wer so ein Modell haben +könnte, Mary!"--Mary sah sie verwundert an: "Ja, läßt sich denn das +nicht machen?"--Alice gab Mary den Blick noch verwunderter zurück: +"Nackt meine ich." Mary machte beinahe einen Luftsprung, beugte sich +dann nach vorn und sah Alice gerade ins Gesicht. Alice begegnete ihren +Augen mit einem schelmischen Lachen. + +Mary lehnte sich zurück und starrte vor sich hin. + + * * * * * + +Franz Röy mußte sich wegen seines Fußes einige Tage Schonung auferlegen. +Als er sich wieder bei Alice meldete, wurde verabredetermaßen Mary +benachrichtigt. Aber es überkam sie eine solche Unruhe, daß sie sich +nicht hinzugehen getraute. Beim nächsten Mal trieb die Neugier, oder was +es sonst war, sie hin. Aber sie kam sehr spät, und kaum stand sie ihm +gegenüber, da wünschte sie, sie wäre nie gekommen. Er hatte etwas so +Intensives, daß die vornehme Dame es als Aufdringlichkeit, ja fast als +Beleidigung empfand. Ihr Wesen war in Aufruhr, sie folgte ihm mit den +Augen, mit den Ohren; die Gedanken sausten in ihr und das Blut auch. Es +muß doch mal vorübergehen, dachte sie. Aber das war nicht der Fall. +Alices Verzauberung oder richtiger ihre Verliebtheit erhöhte das +Schwindelgefühl. War er eigentlich so häßlich? Diese breite, steile +Stirn, diese kleinen, sprühenden Augen, der zusammengekniffene Mund, das +vorspringende Kinn, das hatte alles in allem etwas ungewöhnlich +Kraftvolles, aber es wurde spaßhaft, weil er beinahe gar keine Nase +hatte. Spaßhaft war auch das meiste, was er sagte. So immer aufgelegt +und lustig, daß um ihn her beständig Heiterkeit war, so unerschöpflich +voller Einfälle. Seine Manieren hatten nichts Gewaltsames; er war im +Gegenteil die Höflichkeit selbst; er war aufmerksam, zuweilen sogar +galant. Es lag nur an dem Überwältigenden in ihm. Seine Sprache und +seine Augen allein waren wie ein Gewitter. Aber auch seine Gestalt tat +das ihre, diese kraftvolle Hand, dieser massige Fuß, der fast nur Spann +war, diese Schultern, der Nacken, der Brustkasten, das alles sprach mit, +wirkte erdrückend, demonstrierte. Man kam keinen Augenblick davon los. +Und seine Rede floß unaufhaltsam. + +Mary kannte nur die Unterhaltungsform der internationalen Gesellschaft. +Eine leichte Konversation über Wind und Wetter, über die +Tagesereignisse, über Literatur und Kunst, über Zufälligkeiten auf +Reisen und beim Aufenthalt, das ganze immer mit anderthalb Ellen +Abstand. Er dagegen war ganz individuell und nahebei. Dabei fühlte sie, +daß sie selbst auf ihn wirkte wie Wein. Er wurde immer berauschter und +immer übermütiger. Das regte auf und machte unruhig. Sobald sie +anstandshalber fort konnte, verschwand sie, benommen, verwirrt und +eigentlich in einer wilden Flucht. Sie gab sich selbst das feierliche +Versprechen, nie wiederzukommen. + +Erst später am Tage ging sie zu ihrem Vater und zu Frau Dawes hinein. +Sie erwähnte kein Wort von ihrer Begegnung. Das hatte sie das vorige Mal +auch nicht getan. Frau Dawes sagte, sie solle sich einmal die Karte +ansehen, die auf dem Tisch liege.--"Jörgen Thiis? Ist denn der +hier?"--"Er ist den ganzen Winter hier gewesen. Jetzt hat er erst +erfahren, daß wir angekommen sind."--"Er bat um Grüße an Dich", warf der +Vater ein, der wie gewöhnlich saß und las. + +Es war wirklich eine Erholung, an Jörgen Thiis zu denken. Im vorigen +Winter war sie verschiedentlich mit ihm hier in Paris zusammengewesen. +Bei mehreren Gelegenheiten war er ihr Kavalier, so zum Beispiel bei den +offiziellen Bällen im Elysée und im Hôtel de Ville. Ein Kavalier, mit +dem sie in allen Stücken Ehre einlegte. Hübsch, elegant, zuvorkommend. +Der Vater erzählte, Jörgen wolle zur Diplomatie übergehen. "Dazu gehört +doch wohl Kapital?" sagte Mary. "Er wird Onkel Klaus beerben", +antwortete Frau Dawes. "Weißt Du das bestimmt?"--"Bestimmt nicht."--"Ist +es denn wahr, daß Onkel Klaus in letzter Zeit mehrfach Verluste gehabt +hat?" Frau Dawes schwieg. Der Vater antwortete: "Das kann schon +sein."--"Ja, unterstützt er ihn denn?" Keiner antwortete. "Dann kann ich +nicht finden, daß Jörgens Aussichten so glänzend sind", sagte sie +abschließend.-- + +Franz Röy war im Auftrage der Regierung in Paris und war infolgedessen +oft abwesend. Das war gerade jetzt der Fall, so daß Mary sich sicher +fühlte. Aber als sie eines Morgens früh zu Alice kam,--sie wollten +zusammen in die Stadt,--saß er da! Er sprang auf und eilte ihr entgegen. +Seine Augen überschütteten sie mit Bewunderung und Freude, er nahm ihre +Hand in seine beiden Hände. Etwas strahlend Glücklicheres hatte sie nie +gesehen. Mary fühlte, wie sie rot wurde. Alice lachte, was die Sache +noch schlimmer machte. Aber seine Redseligkeit, die heute selbst für +seine Verhältnisse außergewöhnlich war, half ihnen darüber weg. Jetzt +stürzte er sich in eine kolossale Fabrik hinein, von der er direkt +herkam, und riß sie mit. Die halbnackten Männer mit ihren Haken an dem +Strom des siedenden, rotglühenden, wallenden Eisenerzes,--die Gewalt der +Maschinen und die Menschen dazwischen wie vorsichtige Ameisen in einem +Wald von Riesen. Er versuchte ihnen das auch in den Einzelheiten zu +erklären. Es gelang völlig; aber es dauerte lange und hielt vor, bis die +beiden Freundinnen fort mußten. + +Als sie im Wagen saßen, war Alice äußerst aufgeräumt. Es war nämlich +ganz klar, heute hatte er einen starken Eindruck gemacht.-- + +Am Tage darauf verließ Mary mit einem amerikanischen Ehepaar Paris im +Automobil. Sie blieb mehrere Tage fort. Aber es war ihr erstes, als sie +wieder zurückkam, Alice aufzusuchen. Wahrhaftig: Franz Röy war da. Er +und Alice sprangen in lebhafter Freude auf, Alice kam ihr entgegen und +umarmte und küßte sie: "Du Ausreißer, Du Ausreißer!" rief sie. Daß Franz +Röys Augen funkelten, ist zu wenig gesagt; sie schossen förmlich Salut. +Von dem Augenblick an, da sie ihn begrüßte, stand sein Mund nicht mehr +still. Er benahm sich so töricht verliebt, daß es Alice ganz angst +wurde. Glücklicherweise mußte er ein Ende machen; er hatte eine +Konferenz. Mary war nachher wieder ganz aufgerührt; die See wollte sich +nicht legen. Alice sah es und wollte sie beruhigen mit eifrigen, +ängstlichen Versuchen, ihn ihr zu erklären. Aber das verwirrte nur noch +mehr; Mary ging. + +Am Nachmittag, als sie zu den andern ins Zimmer trat--sie hatte ein +wenig geruht, es hatte ihr notgetan--hörte sie Klavierspiel. Sie wußte +sofort, daß es Jörgen Thiis war, der den beiden Alten Gesellschaft +leistete. Er war wirklich ein Künstler, und er hatte eine Vorliebe für +den Flügel, den sie hatten. Den wollten sie mit nach Norwegen nehmen. +Sie ging gleich zu ihm hin und dankte ihm, daß er so aufmerksam gegen +ihren Vater und Tante Eva sei; leider müßten die beiden so oft allein +bleiben. Er antwortete, es sei ihm eine unendliche Freude, daß sie seine +Musik schätzten, und das Klavier sei zu verlockend, in der Tat ersten +Ranges. Die Unterhaltung bei Tisch und nachher zeigte Mary, wie die drei +zusammenstimmten; sie war entbehrlich. + +Sie war wirklich dankbar dafür, so daß es ein gemütlicher Abend wurde. +Es wurde viel von der Heimat gesprochen, nach der die beiden Alten +Sehnsucht hatten. + +Kaum war er fort, so sagte Frau Dawes: "Was ist Jörgen doch für ein +gemütlicher, gebildeter Mensch, liebes Kind!"--Der Vater blickte Mary an +und lächelte. "Worüber lachst Du, Vater?"--"Über nichts", er lachte +noch mehr. "Du möchtest wissen, wie er bei mir angeschrieben ist?"--"Ja, +wirkt er auf Dich?" Frau Dawes war ganz Ohr. "A--ach."--"Das kommt ja so +gedehnt heraus?"--"N--n--nein."--"Nun also?"--"Im Grunde gefällt er mir +gut."--"Doch es ist ein Aber dabei--?" Jetzt lächelte sie. "Ich mag +nicht, daß seine Augen sich förmlich an mir festsaugen." Der Vater +lachte: "Genau wie beim Essen, nicht?"--"Ja freilich!"--"Ein Lebemann, +siehst Du, wie sein Vater."--"Aber genau wie sein Vater hat er auch +viele gute Eigenschaften", warf Frau Dawes ein. "Das hat er", sagte +Anders Krog ernsthaft. Mary antwortete nicht. Sie sagte Gutnacht und bot +ihm die Stirn zum Kuß.---- + +Ein paar Tage später, ganz früh am Morgen, suchte Mary Alice in ihrem +Atelier des Hinterhauses auf. Anders Krog hatte irgendwo altes +chinesisches Porzellan gesehen, auf das er Lust bekommen hatte; aber +Alices guter Rat war hierzu von größter Wichtigkeit. Mary war überzeugt, +sie allein zu treffen, in der Regel freilich mit irgendeinem Modell. + +Sie ging direkt hinein, ohne mit dem Pförtner zu sprechen. Alice öffnete +ihr selbst. Sie hatte ihren Atelierkittel an, und ihre Hände waren +schmutzig, sie konnte sie Mary nicht geben. "Hast Du ein Modell da?" +flüsterte sie. "Ich wollte gerade anfangen," antwortete Alice leise mit +einem seltsamen Lächeln, "das Modell wartet im Zimmer nebenan. Aber komm +nur!" Als Mary hinter dem Vorhang hervortrat, erkannte sie den Grund, +warum das Modell im Zimmer nebenan wartete; Franz Röy saß in diesem +Zimmer. So früh am Morgen und tief in Gedanken. Er bemerkte nicht +einmal, daß sie hereinkamen. Es war das erstemal, daß Mary ihn ernst +sah. Das stand der männlichen Gestalt und seinem kraftvollen Gesicht +ungleich besser als jene ausgelassene Lustigkeit. "Sehen Sie, wer da +kommt!" sagte Alice. Er sprang auf.---- + +Die Unterhaltung heute war sehr ernst. Er war in gedrückter Stimmung. +Mary konnte unschwer erraten, daß die anderen von ihr gesprochen hatten. + +Sie waren deshalb alle drei etwas befangen. Bis Alice ein Thema aus der +Morgenzeitung aufgriff. Zwei Morde aus Eifersucht, von denen der eine +geradezu entsetzlich war, hatten sie alle erschüttert, besonders Franz +Röy. Er behauptete, die Auffassung von der Ehe stamme bei den +romanischen Völkern aus einer Zeit, da die Frau Eigentum des Mannes war +und Untreue folglich mit dem Tode bestraft wurde. Durch das Christentum +sei freilich später der Mann auch Eigentum der Frau geworden. Hierüber +entstand eine lebhafte Diskussion. Mary stimmte ihm darin bei, daß +keiner der Eheleute dem ändern gehöre. Sie seien freie Individuen und +könnten über sich selbst bestimmen. In der Ehe wie vor der Ehe. Nur die +Liebe sei entscheidend. Höre die Liebe auf, weil der eine Teil oder auch +beide durch die Entwicklung anders geworden seien, als sie bei +Begründung der Ehe waren, oder treffe einer von ihnen einen Menschen, +der seine Seele und seine Gedanken gefangen nehme und seinem Leben eine +andere Richtung gebe, dann müsse der Verlassene resignieren. Nicht +verdammen oder töten. Aber ihre Meinung und Franz Röys Ansicht gingen +auseinander, als sie erwogen, was zwei Eheleute von Rechts wegen +scheiden dürfe. Namentlich als sie darauf kamen, was davon zurückhalten +müsse. Sie war hier viel bedenklicher als er. Er schlug scherzend vor, +sie solle doch sagen: "Eheleute haben volle Freiheit, sich scheiden zu +lassen; aber sie dürfen keinen Gebrauch davon machen." Sie schlug vor, +er solle sagen: "Eheleute müssen in der Regel geschieden werden; haben +sie keinen wirklichen Grund, müssen sie sich einen pumpen." + +Sie kamen in diesem Gespräch tiefer als bis zu den Worten. Es bezauberte +ihn wie eine neue Art von Schönheit an ihr, wie souverän sie war. Das +gab ihrer Erscheinung einen neuen Glanz. Es war keine Herrschsucht +darin. Es war nur eine Schutzwehr, aber die höchste. Ihr ganzes Wesen +war darin konzentriert. Ein "Rühr' mich nicht an!" in Augen, Stimme und +Haltung. Vielleicht, wenn es sein mußte, bereit zur Märtyrerglorie. Sie +wurde viel größer. Aber auch hilfloser. Gerade solche Wesen stehen zu +hoch und stolpern beim ersten Schritt. Dann pflegen sie furchtbar zu +fallen. + +Er starrte sie an und vergaß zu antworten, vergaß, wo er war. Ihm war, +als rufe ihm einer zu: "Gib acht auf sie!" In seine Liebe zog mit +gebieterischem Kommando die Ritterlichkeit ein. + +Sie sah, wie er sich dem Gespräch fernhielt; aber das hinderte sie +nicht; das Thema war ihr zu lieb. Als er wieder bei der Sache war, hörte +er, wie sie ihr Innerstes enthüllte, zweifellos ohne es zu ahnen. Sie +sprach aus, was sie gedacht hatte, seit sie sich so etwas hatte klar +machen können. Es war ihr so natürlich, wie das Kleid zu heben, wenn es +schmutzig war, oder draußen im Meer zu schwimmen, wenn der Fuß keinen +festen Boden mehr fand. Die Individualität muß frei werden, muß wachsen, +darf nicht gebeugt und nicht befleckt werden; das war das Erste und das +Letzte. + +Aber gleichzeitig fühlte sie sich seltsam zu dem Menschen hingezogen, +der sie zu bewegen vermochte, das auszusprechen. Sie hatte es so lange +nicht mehr getan. Sie wußte nicht, daß die Persönlichkeit, die unsere +Gedanken erlöst, selbstverständlich Macht über uns hat. Sie fühlte nur, +daß sie sprechen mußte--und sich mit sich selbst beschäftigen. Eine +wundersüße Empfindung, die sie zum erstenmal hatte. + +Folglich wurde das Thema ausgesponnen. In Worten, die immer weiter und +weiter in sie selbst hineinschlüpften und schließlich sich in einer +Stille von Blicken und Atemzügen verloren. Alice war zu ihrem Modell +hineingegangen. Sie waren befangen, als sie merkten, daß sie allein +waren. Sie verstummten, und ihre Blicke wichen sich aus. + +Nach flüchtigem Verweilen bald auf dem einen, bald dem anderen der +vielen Kunstgegenstände, richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf einen +Faun ohne Arme, der sie angrinste. Sie sprachen über dieses Stück alter +Kunst, nur um nicht zu schweigen. Wo der gefunden sein mochte? Aus +welcher Zeit er stamme? Er sei gewiß sehr teuer gewesen. Sie sprachen in +gedämpften Worten mit liebkosender Stimme, und die Augen glitten umher. +Sie standen auch nicht auf ganz sicheren Füßen. Sie fühlten sich +leichter, wie wenn sie sich in höheren Luftschichten befänden. Dabei die +Empfindung, daß alles, was sie dachten, offen daliege, und daß sie +selbst durchsichtig seien. + +Jetzt kam Alice wieder. Sie blickte sie mit Augen an, die die beiden +aufweckten. "Sind Sie jetzt mit der Ehe fertig?" fragte sie; denn sie +hatten ja über die Ehe gesprochen, als sie hinausgegangen war. + +--Mary fiel ein, sie habe etwas zu besorgen, und ihr Wagen warte. Franz +Röy erinnerte sich auch seiner Obliegenheiten. So gingen sie zusammen +fort, durch den Hofraum, durch das Vestibül und die Tür auf den Wagen +zu. Aber sie fanden den Ton von vorhin nicht wieder, und sprachen +deshalb nicht. + +Den Hut in der Hand, öffnete er ihr den Schlag. Sie stieg ein, ohne +aufzublicken. Als sie sich hingesetzt hatte und ihm zunicken wollte, +harrten ihrer die heißesten Augen, in die sie je geblickt hatte. Voll +Leidenschaft und voll Ehrerbietung. + +Zwei Stunden darauf war er wieder bei Alice. Länger hatte er mit seinen +himmelstürmenden Hoffnungen nicht allein sein können. + +Wo er in der Zwischenzeit gewesen sei? In der Stadt, um sich einen Abguß +von Donatellos Heiliger Cäcilia zu kaufen. Er müsse vergleichen. Aber +Alice könne sich im voraus denken, daß Donatellos Cäcilia kläglich +durchgefallen sei. + +Jetzt bekam Alice ernstlich Angst: "Lieber Freund, Sie werden sich noch +alles verderben. Das liegt in Ihrer Natur." Er sagte stolz: "Ich habe +mir noch nie im Ernst ein Ziel gesteckt, das ich nicht erreicht +hätte."--"Das glaube ich gern. Sie können arbeiten, Sie können +Hindernisse überwinden, Sie können auch warten."--"Das kann ich!"--"Aber +Sie können sich nicht beherrschen, Sie können nicht abwarten, daß sie zu +Ihnen kommt."--"Was soll das heißen, Alice?"--Es tat ihm weh. "Es soll +Sie daran erinnern, lieber Freund, daß Sie Mary nicht kennen. Sie kennen +die Welt nicht, in der sie lebt. Sie sind ein Waldbär."--"Kann sein, daß +ich ein Waldbär bin. Dagegen sage ich nichts. Aber wenn sie nun Freude +an einem Waldbären hat? Man kann sich in solchen Dingen nicht täuschen." +Er wollte sich seine festliche Stimmung nicht trüben lassen. Darum kam +er bittend auf sie zu; er wollte sie sogar umarmen; er hatte es sehr mit +dem Umarmen. + +"Nein, seien Sie artig, Franz! Übrigens stören Sie mich schon zum +zweitenmal."--"Sie sollen auch gestört werden, Sie sollen nicht die da +drin in Ihrem Gefängnis modellieren. Liebe Alice, Sie mein einziger +Freund, Sie sollen mir mein Glück modellieren!"--"Ja, was kann ich +weiter für Sie tun, als ich getan habe?"--"Sie können mir den Zutritt zu +ihrem Hause verschaffen." Alice überlegte. "Das ist nicht so +leicht."--"O,--Sie werden schon etwas ausfindig machen. Sie müssen, Sie +müssen es!" Er redete und bettelte und umarmte sie solange, bis sie +nachgab und es ihm versprach. + +Ob sie es nun falsch anstellte,--jedenfalls ging es schief. "Wenn ich +meinen Vater bitte, einen jungen Herrn zu empfangen, der ihm nicht +vorgestellt ist, muß er es falsch auffassen", sagte Mary. Alice gab das +ohne weiteres zu. Sie war wütend auf sich selbst, daß sie daran nicht +gedacht hatte. Anstatt mit Mary zu überlegen, ob sich die Sache nicht +anders machen lasse, gab sie es ganz auf. Sie war noch ärgerlich, als +sie Franz Röy das Ergebnis mitteilte; sie habe das Gefühl, sagte sie, +Mary wünsche keinen Vermittler. Sie schärfte ihm wieder ein, vorsichtig +zu sein. + +Franz Röy war ganz unglücklich. Alice versuchte auch nicht, ihn zu +trösten. + +Tags darauf kam er wieder. "Ich kann's nicht aufgeben", sagte er. "Ich +kann auch an nichts anderes denken." + +Solange saß er und so oft wiederholte er dieselbe Litanei in allen +Tonarten, und so unglücklich war er, daß er der gutmütigen Alice leid +tat. "Hören Sie," sagte sie, "ich werde Sie zusammen einladen. Dann +kommt vielleicht die Einladung zu Krogs von selbst."--Er sprang auf. +"Das ist eine herrliche Idee. Tun Sie das, Liebste!"--"Ich kann es nicht +gleich tun. Anders Krog ist unwohl. Wir müssen warten." Er starrte sie +enttäuscht an. "Aber können Sie uns beide nicht mal wieder +zusammenbringen?"--"Ja, das kann ich."--"So tun Sie es,--sobald wie +möglich! Sie Liebste, Beste, sobald wie möglich!" + +Das gelang. Mary war gleich zu einem Wiedersehen bereit. + +Sie trafen sich bei Alice, um zusammen in die Ausstellung in den +Champs-Elysées zu fahren. + +Zusammen vor Kunstwerken zu stehen, ist wie ein Gespräch ohne Worte. Die +wenigen Worte; die gesprochen werden, rufen hundert andere wach. Aber +die werden nicht ausgesprochen. Der eine fühlt durch den andern, oder +glaubt es zu tun. Sie begegnen sich in einem Bilde, um in einem anderen +wieder getrennt zu werden. Dabei lernen sie sich in einer Stunde besser +kennen als sonst in Wochen. Alice führte sie von Bild zu Bild; aber sie +selbst war mit sich beschäftigt,--je länger, je vollständiger. Sie sah +alles mit Künstleraugen an. Die beiden andern, die mit den Bildern +anfingen, gingen immer mehr dazu über, durch die Bilder einander zu +erforschen. Es wurde ein Flüsterspiel mit schnellen Blicken, knappen +Worten und leicht andeutenden Fingern. Die aber, die sich auf heimlichen +Wegen zueinander hintasten, haben zugleich eine unermeßliche Freude +daran. Und lassen diese Freude auch wohl ahnen. Ein Spiel wie bei +Vögeln, die unter dem Wasser schwimmen und weit hinten emportauchen,--um +dann wieder zueinander hinzustreben. Das Glück der Stunde wurde erhöht +durch die vielen Augen, die auf ihnen ruhten. + +Unten bei den Skulpturen führte Alice sie ganz nach vorn in den +Mittelbau. Sie blieb vor einem leeren Sockel stehen und wandte sich an +den Aufseher. "Ist der Athlet noch nicht in Ordnung?"--"Nein, gnädiges +Fräulein, leider nicht", antwortete er. "Dann ist es wohl noch einmal +schief gegangen?"--"Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein." Alice erklärte +Mary, die Statue eines Athleten sei bei der Aufstellung zerbrochen. "Ein +Athlet?" fragte Franz Röy, der etwas abseits stand und jetzt eilig +herzukam. Die beiden andern lächelten. "Ein Athlet? Sprachen Sie nicht +von einem Athleten?"--"Ja", sagten sie und lachten. "Ist dabei etwas zu +lachen?" fragte er. "Ich habe einen Vetter, der ist Athlet." Nun lachten +die beiden Damen erst recht. Franz Röy war höchlichst erstaunt. "Ich +kann Ihnen versichern, er ist der prächtigste Mensch, den ich kenne. Und +so erstaunlich tüchtig. Das liegt in unserer Familie. Als Knabe war ich +zwei Sommer bei ihm im Zirkus." Die andern lachten. "Worüber zum Teufel +lachen Sie? Ich habe in meinem Leben keine herrlicheren Tage erlebt als +im Zirkus." Die beiden Damen eilten unter Lachen in wilder Flucht dem +Ausgang zu. Er mußte ihnen folgen; aber er war beleidigt. "Ich begreife +nicht, worüber Sie lachen", sagte er, als sie alle im Wagen saßen, +lachte aber mit. + +Das kleine Mißverständnis hatte die Folge, daß sie alle in der besten +Stimmung waren, als sie vor Marys Wohnung hielten. + +Alice und Franz Röy fuhren ohne sie weiter. Er wandte sich überglücklich +zu Alice und fragte, ob er heute nicht ein braver Junge gewesen sei? Ob +er sich nicht im Zaum gehalten habe? Ob seine "Affäre" nicht brillant +stände? Er ließ sich nicht Zeit, auf ihre Antwort zu hören, er lachte +und schwatzte und wollte sie schließlich nach oben begleiten. Hiervon +wollte Alice aber nichts wissen. Da verlangte er als Belohnung, wenn er +es sein lasse, daß Alice sie beide auf eine Spazierfahrt ins Bois de +Boulogne mitnehmen solle, nach Schloß Bagatelle hinaus. Die Fahrt müsse +morgens um neun Uhr gemacht werden. Da dufte der Wald am stärksten, da +sei der Gesang der Vögel am schönsten und da seien sie noch allein. Sie +versprach es ihm. + +Am nächsten Freitag holte Alice Mary kurz vor neun Uhr morgens ab, dann +fuhren sie weiter zu Franz Röy. + +Schon von weitem sah Alice ihn auf dem Fußweg auf und ab wandern. Aus +Gang und Haltung ahnte ihr Böses. Mary konnte ihn nicht sehen, bis sie +hielten. Da aber warf all die Glut seines Gesichts eine Flamme auf +ihres. Er schwang sich auf den Wagen wie auf ein erobertes Schiff. Alice +suchte eilig seine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, um es nicht +gleich zu einem Ausbruch kommen zu lassen. "Was für ein herrlicher +Morgen," sagte sie, "gerade weil er nicht ganz sonnenklar ist. Nichts +ist schöner als ein gedämpfter Ton über einer so farbenfrohen Landschaft +wie der, durch die wir jetzt kommen." Aber er hörte nicht, er faßte +nichts außer Mary. Der weiße Schleier, der von ihrem roten Haar +zurückgeschlagen war, der halbgeöffnete, frische Mund brachte ihn um den +Verstand. Alice meinte, der Wald dufte viel stärker, seit die +japanischen Baumarten herangewachsen seien. Immer, wenn diese Bäume +berauschende Wellen in den hergebrachten europäischen Waldduft +hineingössen, sei's, als flögen fremde Vögel mit fremdartigem Schrei +zwischen den Bäumen auf. Sofort behauptete Franz Röy energisch, die +heimischen Vögel des Waldes hätten davon einen anderen Gesang bekommen. +So wunderbar schön, wie sie diesen Morgen sängen, meinte er, hätten sie +noch nie gesungen. + +Alices Angst vor einer Explosion stieg. Sie wollte ihn ablenken, indem +sie ihn auf die Farbenkontraste von Wald und Wiese und Fernsicht +aufmerksam machte. Gerade der Weg nach Bagatelle hinaus ist so reich +daran. Aber Franz Röy saß rückwärts und mußte sich jedesmal erst +umdrehen, bis er sehen konnte, was Alice ihm zeigen wollte. Das machte +ihn ungeduldig, um so mehr als Mary und er jedesmal in ihrem Gespräch +unterbrochen wurden. "Wollen wir nicht lieber aussteigen und ein Stück +gehen?" fragte er. Aber davor hatte Alice die meiste Angst; auf was für +Gedanken konnte er da nicht kommen?! + +"Sehen Sie sich doch um!" rief sie ihm zu. "Ist es nicht, als wenn die +Farben hier Chöre singen?"--"Wo?" fragte er gereizt.--"Herrgott, sehen +Sie doch bloß das verschiedene Grün in demselben Wald! Sehen Sie doch +nur! Und daneben wieder das Grün der Wiese!"--"Mir liegt nichts daran, +das zu sehen! Nicht ein Deut!" Er drehte sich wieder zu den Damen um und +lachte. "Wäre es nicht doch besser, auszusteigen?" bestürmte er sie +wieder. "Es ist doch was anderes, im Walde herumzulaufen, als ihn +anzusehen. Ebenso mit dem Rasen."--"Das Betreten des Rasens ist +verboten!"--"Zum Donnerwetter, so gehen wir eben auf der Landstraße und +besehen uns alles. Das ist viel schöner, als in dem engen Wagen zu +sitzen!" Mary stimmte ihm zu. + +"Zum Spazierengehen habe ich Sie aber nicht hier herausgefahren. Wir +wollten den Anblick des historischen Schlosses Bagatelle genießen und +den Wald, in dem es liegt. So was gibt es nicht wieder. Und dann wollten +wir doch soweit wie möglich hinaus. Daraus wird aber nichts, wenn wir +gehen." + +Dieser Appell hielt sie eine Weile im Schach. Die Besitzerin des Wagens +mußte doch den Ausschlag geben. Aber Mary war mittlerweile auch +übermütig geworden. Ihre Augen, die gewöhnlich etwas Nachdenkliches +hatten, leuchteten vor Lebenslust. Heute lachte sie über seine vielen +drolligen Einfälle; sie lachte über das Geringfügigste. Sie wollte in +einemfort Blumen haben, wenn sie welche sah. Jedesmal mußte angehalten +werden, um Blumen und Laub zu pflücken. Sie packte den Wagen voll, so +daß Alice schließlich protestierte. Da warf sie alles miteinander hinaus +und verlangte energisch, selbst auch hinauszukönnen. + +Sie hielten und stiegen aus. + +Sie waren jetzt weit über Bagatelle hinaus und ließen den Wagen +umkehren. Er solle langsam ein Stück zurückfahren, sie kämen nach. + +Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, als Franz Röy anfing, Rad zu +schlagen, d.h. er warf sich seitlings auf den Händen herum, um wieder +auf die Füße zu fallen, dann wieder auf die Hände und so weiter, +schneller und immer schneller. Dann drehte er um und kam auf dieselbe +Weise zurück. "Das ist eins von meinen Zirkuskunststücken", sagte er +strahlend. "Jetzt kommt ein anderes!" Er warf sich in der Luft herum und +kam wieder auf die Füße genau an derselben Stelle, wo er hochgesprungen +war. Dann noch einmal. "Sehen Sie? Genau wo ich hochgesprungen bin!" Er +triumphierte und machte es noch zwei-, noch drei-, vier-, fünfmal vor. + +Sie bewunderten ihn. Es war auch bewundernswert, wie der große, starke +Mann das mit einer Leichtigkeit ausführte, daß es wirklich schön aussah. +Angefeuert durch ihr Lob fing er an, sich mit solcher Geschwindigkeit +herumzuwirbeln, daß den andern beim bloßen Zusehen schlecht wurde. Schön +war es auch nicht. Sie wandten sich ab und schrien. Das machte ihm +furchtbaren Spaß. Ärgerlich rief Alice: "Sie sind wahrhaftig wie ein +Schuljunge von siebzehn Jahren!"--"Wie alt sind Sie eigentlich?" fragte +Mary. "Über dreißig." Da lachten sie aus vollem Halse. + +Das hätten sie nicht tun sollen. Dafür mußte er sie strafen. Ehe Alice +es ahnen konnte, faßte er sie um die Taille und tanzte mit ihr im +rasendsten Galopp die Chaussee hinunter, daß der Staub aufwirbelte. Die +schwerfällige Alice wehrte sich aus Leibeskräften und schrie. Aber es +half nichts; es machte ihm nur Spaß. Ihr Hut fiel zu Boden, ihr Schal +flog hin, Mary lief hinterher und nahm beides auf, aber sie krümmte sich +vor Lachen. Denn diese plumpen, völlig nutzlosen Widerstandsversuche +waren nicht mitanzusehen. Schließlich machte er Kehrt, und sie kamen in +dem gleichen rasenden Trab wieder zurück und machten bei Mary Halt. +Alices Gesicht ganz verstört, schweißtriefend und rot. Ihre kurzatmige +Wut, die keine Worte fand, ließ Mary kreischen vor Lachen. Franz sang +ihr: "Hopsa--sa! hop--sa--sa!" vor, bis sie sprechen und ihn tüchtig +ausschelten konnte. Da lachte er. + +"Und Sie?" wandte Mary sich jetzt an Franz Röy, "hat es Sie gar nicht +angestrengt?"--"Nicht sonderlich. Ich könnte gleich mit Ihnen dieselbe +Tour machen!" Mary erschrak. Sie hatte Alice gerade den Hut gegeben und +stand nun da mit dem Schal und ihrem eigenen Hut, den sie abgenommen +hatte, in der Hand, warf aber mit einem Aufschrei die beiden Gegenstände +hin und sauste nach der entgegengesetzten Seite davon, dahin, wo der +Wagen hielt. + +Keinen Augenblick war es Franz Röy in den Sinn gekommen, seine Drohung +auszuführen. Es war nur Scherz gewesen. Aber als er sie laufen sah, und +zwar mit einer Geschwindigkeit, die er weder ihr noch überhaupt einer +Dame zugetraut hätte, war das für sein Offiziersherz wie eine +Herausforderung. Alice merkte es und sagte schnell: "Tun Sie's nicht!" +Die Worte stellten sich ihm so eindringlich in den Weg, daß er zweifelnd +stehen blieb. Mary aber dahinten auf der Straße in dem weißen Kleide und +dem roten Haar darüber, mit einem so geschwinden und leichten Tanz der +Füße, daß allein dieser Rhythmus schon lockte, ja, das raubte ihm die +Besinnung, das schleuderte ihn in die Bahn, eh' er selbst es wußte. +Gerade als Alice zum zweitenmal und ganz verzweifelt rief: "Tun Sie's +nicht!" + +Der helle Streifen da vorn über dem Straßenstaub fiel wie Sonne in seine +Augen und in seine Phantasie. Er blendete ihn. Er lief ganz bewußtlos +weiter. Er lief, als rufe da vorn immerzu jemand: "Fang mich! Fang +mich!" Er lief, als gelte es des Lebens höchsten Preis, sie einzuholen. + +Sie hatte einen bedeutenden Vorsprung. Gerade das spornte seine ganze +Kraft bis zum äußersten an. Ein Wettlauf ums Glück mit einer, die +gefangen werden möchte. Siedend heiß brauste ihm das Blut in den Ohren, +die Begierde wallte auf. Die stürmische Sehnsucht all dieser Tage und +Nächte trieb vorwärts zum Sieg. Wollte endlich einmal reden. Oder +richtiger,--da bedurfte es keines Redens; er würde sie in seinen Armen +haben! + +Jetzt wandte sie den Kopf,--sah ihn, stieß einen Schrei aus, raffte das +Kleid zusammen,--jetzt setzte sie die Füße wahrhaftig noch schneller! Er +war wie toll. Er hielt ihren Schrei für einen Lockruf. Er sah sie nach +vorn winken und glaubte, das solle bezeichnen, wo sie stehen bleiben +wolle und frei sein. Es hieß also sie einzuholen, bis sie dahin kam. +Auch er gab sich den letzten Sporn, und der brachte ihn im Nu dicht in +ihre Nähe. Er meinte, ihren Duft zu spüren, bald mußte er ihren Atem +hören. Er war so erregt, daß er gar nicht wußte, er berühre sie, bis sie +sich umsah. Sie ließ sofort das Kleid los und nach ein paar Sätzen stand +sie still. Sein Arm legte sich um ihre Taille, er glühte und zog sie +leidenschaftlich an sich,--da hörte er ein sehr bitteres: "Lassen Sie +mich los!" Die Atemnot machte es so eigen scharf. Er war ganz entsetzt, +dachte aber, er müsse sie stützen, bis sie wieder zu Atem gekommen sei, +und deshalb hielt er sie fest. Da, mit der gleichen schneidenden Schärfe +der Atemnot: "Sie sind kein Kavalier!" Er ließ sie los. + +Man hörte Huf schlag, der Wagen kam rasch heran. Die beiden auf dem Bock +mußten den Vorgang mitangesehen haben; ihnen hatte sie gewinkt. In +seiner blinden Hetze hatte er nur sie gesehen. + +Jetzt ging sie auf den Wagen zu; sie hielt sich das Taschentuch vors +Gesicht; sie weinte. Der Diener sprang vom Bock und öffnete ihr den +Schlag. + +Er ließ sie stehen, trostlos, wie gelähmt in seinem Denken. Da kam +Alice. Sie hatte ihren Schal und Marys Hut in der Hand und ging direkt +auf den Wagen zu, ohne ihn zu beachten. Als er zu ihr hin wollte, winkte +sie ihm ab. + + * * * * * + +Am dritten Tage nach diesem Ereignis ließ er sich bei Alice melden. Sie +sei nicht zu Hause. Am Tage darauf bekam er denselben Bescheid. Dann +mußte er auf einige Tage verreisen. Aber sowie er zurückkam, meldete er +sich wieder. Sie sei eben fortgegangen, antwortete der Diener. Da schob +er ohne weiteres den Diener beiseite und ging hinein. + +Alice war ganz in Anspruch genommen von einer Reihe von +Kunstgegenständen, die auf Tischen und Stühlen lagen oder standen. "Aber +Alice?" sagte er leise und schmerzlich. Sie war erschrocken; doch er +gewahrte im gleichen Augenblick ihren Vater hinter ihr. Da tat er, als +habe er nichts gesagt, und trat näher. + +Die Kunstgegenstände wurden beiseite gestellt; Franz Röy half dabei. Der +Vater verließ das Zimmer. "Aber Alice?" wiederholte Franz Röy nun +vorwurfsvoll. "Sie wollen mir doch wohl nicht Ihr Haus verschließen? Und +gerade, wo ich so unglücklich bin?" Sie antwortete nicht. "Wir sind doch +immer so gute Kameraden gewesen und haben uns so gut vertragen!" Sie +stand abgewandt und gab keine Antwort. "Selbst wenn ich mich dumm +benommen habe, kennen wir beide uns doch zu gut, als daß es uns trennen +könnte?"--"Es muß doch Grenzen geben", hörte er sie sagen.--Er bedachte +sich eine Weile: "Grenzen? Grenzen? Aber hören Sie mal, Alice, zwischen +uns ist doch nichts."--Ehe er weiterreden konnte, warf sie schnell ein: +"Es geht doch nicht an, sich im Beisein anderer so zu benehmen!" Sie war +feuerrot.--"Ja, was meinen Sie--?" Er verstand sie nicht. Sie wandte +sich ab: "Mich im Beisein anderer so zu behandeln ..." ergänzte sie. +"Was muß Mary denken?"--Jetzt erst ging ihm ein Licht auf, daß er sich +auch gegen sie, gegen Alice nicht richtig benommen habe; er hatte die +ganze Zeit nur an Mary gedacht. Jetzt schämte er sich. Schämte sich ganz +entsetzlich und ging auf sie zu. "Ich bitte Sie um Verzeihung, Alice, +ich war so froh, daß ich nichts überlegt habe. Erst jetzt kommt mir das +zum Bewußtsein. Verzeihen Sie mir armem Sünder! Nein, sehen Sie mich +an!" Sie wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen waren unglücklich und +standen voll Tränen; sie begegneten den seinen, die auch unglücklich, +aber flehend waren. Da dauerte es nicht lange, bis ihre und seine eins +waren. Er streckte die Arme aus, umarmte sie und wollte sie küssen; aber +das durfte er nicht. "Alice, liebe, süße Alice, Sie wollen mir doch +wieder helfen?"--"Es hat keinen Zweck. Sie zerstören alles."--"Ich will +fortan jedes bißchen tun, was Sie wünschen."--"Das haben Sie früher auch +schon versprochen."--"Aber jetzt habe ich zugelernt. Jetzt halte ich es. +Auf Ehre!"--"Man kann sich nicht auf Ihre Versprechungen verlassen. Denn +Sie haben eben kein Verständnis."--"Kein Verständnis?"--"Nein, Sie ahnen +ja nicht, wie sie ist!"--"Ich gebe zu, daß ich mich getäuscht haben muß; +denn noch in diesem Augenblick ist mir nicht klar, worüber sie so böse +wurde."--"Das kann ich mir denken."--"Ja, denn als sie alles hinwarf und +fortlief, glaubte ich tatsächlich, sie tue es, damit ich +hinterherlaufe."--"Hörten Sie denn nicht, daß ich zweimal rief: 'Tun +Sie's nicht!'"--"Ja; aber ich verstand auch das nicht."--Alice setzte +sich entmutigt hin. Sie sagte nichts mehr; es half ja doch nichts. Er +nahm ihr gegenüber Platz: "Erklären Sie mir's, Alice! Haben Sie nicht +gesehen, wie sie lachte, als ich mit Ihnen davontanzte?"--"Haben Sie +noch nicht begriffen, was für ein kolossaler Abstand zwischen ihr und +uns andern ist?"--"Mary Krog ist nicht anspruchsvoll und nicht +übermütig. Nicht im geringsten."--"Nein, das ist sie nicht. Sie +verstehen mich schon wieder falsch. Während wir andern gewöhnliche +Sterbliche sind, die ruhig mal derb angefaßt werden können, lebt sie in +einer Ferne, der bis jetzt niemand auch nur um einen halben Meter +nähergekommen ist. Nicht aus Stolz oder aus Einbildung."--"Nein, +nein!"--"So ist sie eben. Wäre sie nicht so, dann wäre sie längst +gekapert und verheiratet. Sie werden doch nicht glauben, daß es ihr an +Bewerbern gefehlt hat?"--"Nein, das laßt sich denken."--"Fragen Sie +Frau Dawes! Sie führt in ihren tausend Briefen Buch darüber. Sie +schreibt jetzt von nichts anderem." + +"Aber wie ist das zu verstehen, liebe Alice?"--"Das ist ganz leicht zu +verstehen. Sie ist freundlich und umgänglich und gefällig, was sie +wollen. Aber sie lebt in einem Elfenlande, das niemand betreten darf. +Darüber wacht sie mit der unverbrüchlichsten Sorgfalt und dem feinsten +Takt!"--"Also unberührbar?"--"Absolut! Daß Sie das noch nicht einmal +gemerkt haben!"--"Ich hatte es gemerkt,--aber ich vergaß es." + +Franz Röy saß da, als lausche er in die Ferne. Er hörte wieder diesen +hellen Angstruf, der durch die Luft zitterte, als er ihr näher kam; er +sah das aufgeregte Winken nach dem Wagen, er fühlte ihren zitternden +Körper, er vernahm den Zornesausbruch, der mit aller Kraft, die sie noch +hatte, herausgeschleudert wurde; er sah sie weinend fortgehen. Mit +einemmal begriff er! Was für ein dummer, brutaler Verbrecher er doch +war! + +Er blieb sitzen, stumm und tief unglücklich. + +Aber es lag nicht in seiner Natur, sich zu ergeben. Bald erhellte sich +sein Gesicht. "Schließlich war es doch nur ein Spiel, liebe +Alice."--"Für sie war es mehr. Daran zweifeln Sie doch auch wohl nicht +mehr?"--"Ihr ist schon öfter nachgestellt worden, meinen Sie?"--"Auf +alle mögliche Weise!"--"Darum ging die Phantasie mit ihr +durch?"--"Natürlich. Das sahen Sie doch?"--Er schwieg. "Aber hören Sie +mal, lieber Franz,--war es für Sie nicht auch mehr als ein Spiel? War es +nicht das Entscheidende?" + +Er ließ beschämt den Kopf sinken. Dann ging er ein paarmal auf und ab +und kam zu ihr zurück. "Sie ist souverän. Sie will nicht erobert sein. +Ich hätte stehen bleiben sollen--?"--"Sie hätten ihr überhaupt nicht +folgen sollen. Und sie wäre jetzt Ihr eigen gewesen." Er setzte sich wie +mit einer schweren Last auf den Schultern wieder hin. + +"Hat sie etwas gesagt?" fragte Alice mit forschendem Blick.--Er hätte +lieber geschwiegen, aber die Frage wurde wiederholt. "Sie sagte, ich sei +kein Kavalier." + +Alice fand das sehr schlimm. Darauf fragte er, ob Mary zu ihr etwas +gesagt habe. Im Wagen? "Kein Wort. Aber ich habe geredet. Ich schalt auf +Sie. Tüchtig."--"Sie hat auch später nicht mehr davon gesprochen?" +--Alice schüttelte den Kopf. "Ihr Name ist aus dem Wörterbuch +gestrichen, mein Freund."---- + + * * * * * + +Einige Tage später bekam er einen Rohrpostbrief, der ihn in aller Eile +davon unterrichtete, sie seien vormittags elf Uhr wieder in der +Ausstellung der Champs Elysées. Als er das Billet bekam, war die Uhr +schon elf. + +Mary war zu Alice gekommen mit der Bitte, sie zu begleiten. Sie solle +ihr Urteil über eine holländische Küstenlandschaft abgeben, die ihr +Vater kaufen wolle. Der Preis erscheine ihnen allen recht hoch, +möglicherweise könne Alice günstigere Bedingungen erzielen. Marys Wagen +hielt unten. Alice ließ sie allein, schrieb eilig an Franz Röy und +machte sich dann fertig, was gegen ihre Gewohnheit heute sehr lange Zeit +in Anspruch nahm. Sie kamen in die Ausstellung, suchten das Bild auf und +gingen ins Bureau, wo sie warten mußten, machten dann ihr Angebot, gaben +ihre Adresse auf und begaben sich wieder ins Parterre; denn sie wollten +den Athleten suchen. Jetzt stand er da in seiner ganzen männlichen +Kraft. Alice trat zuerst davor hin und rief: "O Gott, das ist ja--" +hielt aber inne und wandte sich von Mary ab. Sie besah die Statue von +allen Seiten, immer und immer wieder, ohne ein Wort zu sagen. Gerade +das, was an Franz Röy auffiel, daß seine Kraft nicht äußerlich in +Muskelkissen sichtbar war, sondern als Spannkraft in dem +wohlgeformtesten, geschmeidigen Körper lag, fand sich hier wieder. Das +war Franz Röys Haltung und seine Kopfstellung, seine breite, schräg +ansteigende Stirn, seine Hand, sein kurzer, kräftiger Fuß,--alles war +hier! Die Statue wirkte wie ein Schlachtgesang. Zum erstenmal fand sie +ein Wort dafür, wie Franz Röy wirkte. Dies hier riß sie mit wie der +Rhythmus eines Marsches. Genau das, was sie oft empfunden hatte, wenn +sie Franz Röy gehen sah. War diese Ähnlichkeit ein sonderbarer Zufall, +oder hatte wirklich Franz Röy ... ihr wurde heiß, und sie mußte ein +Stück von der Statue fort--zu einer andern hin. + +Mary hatte sich die Zeit über hinter Alice gehalten, die sie ganz +vergessen hatte. Nun, da Alice allein stand, stieg unwillkürlich die +Frage in ihr auf: begreift Mary, was sie sieht? + +Alice wartete eine Weile, ehe sie zu beobachten anfing. Mary stand jetzt +lange unbeweglich vor der Statue mit dem Rücken nach Alice. Alice wurde +neugierig. Sie ging auf einem Umwege zwischen andern Skulpturen hindurch +nach drüben, setzte ihr Pincenez auf und sah hin. Marys Augen waren +halbgeschlossen, ihre Brust wogte. Sie ging langsam im Kreise um die +Statue herum, trat etwas zurück, kam wieder näher und blieb halb +seitlich davor stehen. + +Da sah sie sich nach Alice um und erblickte sie, wie das Pincenez gerade +auf sie gerichtet war; Alice hielt es sogar noch fest, um deutlicher zu +sehen. Man konnte sich nicht täuschen: Alices Gesicht war ein einziges +Schelmenlachen. + +Es gibt Dinge, von denen keine Frau will, daß eine andere sie versteht: +Marys Blut geriet in Wallung; geärgert und gekränkt, empfand sie Alices +Blick wie eine "insulte"--das Wort wurde französisch gedacht. Sie drehte +schnell dem Athleten den Rücken und ging nach dem Ausgang zu. Aber sie +blieb hier und da stehen, um sich den Anschein zu geben, als betrachte +sie andere Kunstwerke. In Wirklichkeit, um ihrer Erregung Herr zu +werden. Endlich hatte sie den Ausgang erreicht. Sie blickte sich nicht +um, ob Alice nachkomme; sie ging in die Vorhalle hinaus und von da +weiter. + +Aber gerade, als sie draußen stand, kam Franz Röy dahergestürmt. So +eilig, als sei er hinbestellt und habe sich verspätet. Franz Röy riß den +Hut vom Kopf, bekam aber kein Nicken als Antwort, nur ein paar kühle +Augen. "Aber nein, jetzt müssen Sie auch nicht mehr böse sein!" sagte er +gutmütig und knabenhaft in seinem breitesten Ostländisch. Sie taute auf, +ja, sie konnte nicht anders, sie lächelte sogar und war tatsächlich nahe +daran, seine ausgestreckte Hand zu fassen,--als sie sah, wie seine Augen +blitzschnell an ihr vorbeiglitten und mit einem ganz, ganz kleinen +Triumph wieder zurückkehrten. Da wandte auch sie den Kopf und begegnete +Alices Augen. In ihnen lag eine ganze Welt von Schelmerei und Freude. +Eine abgekartete Sache also! Da ging eine Verwandlung mit Mary vor. Wie +von der höchsten Kirchturmspitze blickte sie auf die beiden +hinunter--und ließ sie stehen. Ihr Wagen hielt in einiger Entfernung; +sie winkte, und er kam in großem Bogen heran. Ihr Vater hatte auf seinem +Wagen keinen Diener; sie machte sich selbst den Schlag auf, ehe Franz +Röy hinzuspringen konnte. Sie stieg ein, als sei kein Mensch da. Von +ihrem Sitz aus sah sie sich nach Alice um,--an Franz Röy vorbei. Die +korpulente Alice kam langsam herangewatschelt. Schon von weitem war zu +sehen, daß sie einen harten Kampf mit unterdrücktem Lachen zu bestehen +hatte. Und als sie herangekommen war und Mary vornehm dasitzen sah, den +Kopf nach der andern Seite gewandt, während auf dieser Seite Franz Röy, +der Riese, wie ein verdonnerter Rekrut stand, da konnte sie sich nicht +länger halten, sie brach in ein Gelächter aus, das ihre ganze behäbige +Person von Grund auf erschütterte. Sie lachte, daß ihr die Tränen über +die Backen liefen. Sie lachte so, daß sie nur mit Not und Mühe und nicht +ohne Hilfe das Trittbrett fand und sich hinaufzog. Sie sank laut lachend +neben Mary auf den Sitz, daß der Wagen wackelte. Sie hielt das +Taschentuch vors Gesicht und prustete hinein. Sie sah Marys purpurrotes +Beleidigtsein und Franz Röys blasses Entsetzen, sie lachte nur immer +mehr. Sogar der Kutscher mußte mitlachen; er wußte den Teufel warum. So +fuhren sie ab. + +Wieder eine mißglückte Expedition nach den kühnsten Hoffnungen! Es +dauerte lange, bis Alice etwas sagen konnte. Natürlich fing sie damit +an, Franz Röy zu bedauern. "Du bist zu streng gegen ihn, Mary. Gott, wie +unglücklich er aussah!" Und wieder überkam sie das Lachen. Mary aber, +die die ganze Zeit über dagesessen und nur auf eine Gelegenheit gewartet +hatte, brach jetzt los: "Was geht mich Dein Protégé an?" Und als sei das +nicht genug, beugte sie sich vor und sah in Alices lustige Augen hinein. +"Du verwechselst uns beide wohl. Du bist selbst in ihn verliebt. Meinst +Du, ich habe das nicht lange gesehen? Ihr müßt ja selbst am besten +wissen, in was für einem Verhältnis Ihr zueinander steht. Mich geht es +nichts an. Aber das 'Sie', an dem Ihr festhaltet,--ist doch wohl nur ein +Deckmantel?" + +Alices Lachen erstarb. Sie wurde blaß, so blaß, daß Mary erschrak. Mary +wollte die Augen wieder abwenden, konnte es aber nicht. Alices Augen +hielten sie während des schmerzlichen Überganges fest, bis sie +erloschen. Da sank Alices Kopf mit einem langen, schweren Seufzer +hintenüber. Wie das Stöhnen eines verwundeten Tieres. + +Mary saß daneben, erschrocken über den eigenen Schuß. + +Aber es war geschehen. + +Unerwartet und hastig hob Alice den Kopf und ließ den Kutscher halten. +"Ich muß in dies Hôtel." Der Wagen hielt, sie öffnete die Tür, stieg aus +und schloß sie hinter sich. Mit einem langen Blick auf Mary sagte sie: +"Good bye!"--"Good bye!" war die leise Antwort. + +Beide fühlten, es war für immer. + +Mary fuhr weiter. Sowie sie zu Hause war, ging sie geradenwegs in den +Salon; sie wollte ihrem Vater etwas sagen. Schon draußen vor der Tür +hörte sie Klavierspiel und wußte, daß Jörgen Thiis da war. Aber das +hielt sie nicht zurück. In Hut und Sommermantel stand sie plötzlich +unerwartet im Zimmer. Jörgen Thiis sprang vom Klavier auf und ging ihr +entgegen, seine Augen waren voll Bewunderung; sie glühte nämlich vor +Erregung. Aber etwas Stolzes und Abweisendes in all dem Funkeln +bewirkte, daß er es aufgab, sich ihr zu nähern. Da bekamen seine Augen +das Saugende, Gierige, das sie so tief verabscheute. Mit leichtem Gruß +ging sie an ihm vorbei auf den Vater zu. Er saß wie gewöhnlich in einem +großen Stuhl mit einem Buch auf den Knien. "Du Vater, was meinst Du, +wollen wir jetzt nach Hause reisen?" + +Alle Gesichter hellten sich auf. Frau Dawes rief: "Denk nur, Jörgen +Thiis hat gerade gefragt, wann wir reisen; dann will er mit."--Mary +wandte sich nicht zu Jörgen Thiis, sondern fuhr fort: "Ich glaube, das +Schiff fährt morgen von le Havre ab."--"Ja, ganz recht," antwortete ihr +Vater, "aber bis dahin werden wir wohl nicht fertig?"--"Doch, das werden +wir," sagte Frau Dawes, "wir haben ja den ganzen Nachmittag."--"Ich will +mit Vergnügen helfen", sagte Jörgen Thiis. Dafür bekam er einen +freundlichen Blick von Mary, ehe sie über den Preis Bericht erstattete, +den Alice für die holländische Küstenlandschaft, die ihr Vater haben +wollte, angesetzt hatte. Dann ging sie hinaus, um ihre eigenen Sachen +einzupacken. + +Sie trafen sich alle vier um halb acht im Hotel beim Diner. Mary fand +sich, etwas abgespannt, auch ein; Jörgen Thiis ging ihr entgegen und +sagte: "Gnädiges Fräulein haben doch diesmal Franz Röy kennen +gelernt?"--Der Vater und Frau Dawes waren ganz Aufmerksamkeit; sie +verrieten dadurch, daß Jörgen soeben mit ihnen darüber gesprochen haben +mußte. Immer wenn sie die Bekanntschaft eines Herrn machte, bekamen +nämlich die beiden Angst. Mary wurde rot; sie fühlte es, und daher +vertiefte sich das Rot noch. Die beiden starrten sie an. "Ich habe ihn +bei Miß Clerq gesehen", antwortete Mary. "Miß Clerqs Mutter und sie sind +mehrere Sommer in Norwegen gewesen und dort mit Franz Röys Familie +zusammengetroffen; sie sind aus einer Stadt. Soll ich noch weitere +Aufklärungen geben?" Jörgen Thiis erschrak. Die andern starrten sie an. +Er sagte eilig: "Ich habe gerade zu Ihrem Vater und zu Frau Dawes +gesagt, daß unter uns jüngeren Offizieren Franz Röy als der beste gilt, +den wir überhaupt haben. Ich habe es also nicht böse gemeint."--"Das +habe ich auch nicht von Ihnen gedacht. Aber wenn ich selbst von dieser +Bekanntschaft hier nicht gesprochen habe, darf es auch von keinem +Fremden zugetragen werden, finde ich."--Ganz erschrocken sagte Jörgen +Thiis, daß ... daß ... daß er keine andere Absicht dabei gehabt habe +als, als, als ... "Das weiß ich", schnitt sie ihm das Wort ab. + +Dann gingen sie zusammen hinunter. Bei Tisch--sie hatten einen für sich +allein--nahm Jörgen Thiis das Thema natürlich wieder auf. Das könne +nicht so abgetan werden. Die Offiziere, sagte er, bedauerten, daß Franz +Röy zum Geniekorps übergegangen sei. Er sei ein hervorragender Stratege. +Ihre Übungen, sowohl die theoretischen wie die praktischen, hätten ihm +Gelegenheit gegeben, sich auszuzeichnen. Jörgen führte Beispiele an, die +sie aber nicht verstanden. Da wartete er mit Anekdoten über Franz Röy +auf. Aus dem Leben mit den Kameraden, aus seinem Beruf. Die sollten +beweisen, wie beliebt und wie schneidig er sei; Mary aber fand, sie +bewiesen eher, wie jungenhaft er sei. Jörgen trat also den Rückzug an: +er habe es nur erzählen hören; Franz Röy sei ja älter als er. "Wie +finden Sie ihn denn?" fragte er plötzlich sehr unschuldig. Mary zögerte, +die ändern blickten auf. "Er redet so sehr viel."--Jörgen lachte. "Ja, +was soll er machen? Er hat soviel Kraft."--"Muß die sich an uns andern +auslassen?" Darüber lachten sie alle, und damit war die Spannung gelöst, +in der bis jetzt alle befangen waren. Krog und Frau Dawes fühlten sich +sicher vor Franz Röy. Auch Jörgen Thiis. + +Sie kamen um halb neun wieder nach oben. Mary entschuldigte sich,--sie +sei müde. Von ihrem Zimmer aus hörte sie Jörgen Thiis spielen. Sie lag +und weinte. + + * * * * * + +Der nächste Abend auf dem weiten, stillen Meer. Es dämmerte leise der +Sommernacht entgegen; zwei Rauchsäulen in der Ferne,--sonst nichts. Ein +ununterbrochenes helles Grau oben und unten. Mary lehnte sich an die +Reeling. Kein Mensch weiter war zu sehen; das Stampfen der Maschine war +der einzige Laut. + +Sie war eben unten beim Konzert gewesen, war aber vor den andern nach +oben gegangen. Ein Gefühl unsäglicher Einsamkeit trieb sie hinauf zu +diesem inhaltlosen Ausblick. Überall Wolken als Grenze. + +Nichts als Wolken; nicht einmal ein Widerschein der untergegangenen +Sonne. + +Was war ihr selbst von dem Glanz der Welt geblieben, aus der sie kam? +War nicht in ihr und um sie herum die gleiche Leere? Das Wanderleben war +jetzt vorbei; weder ihr Vater noch Frau Dawes konnten oder wollten es +fortsetzen; das wußte sie. In der Bucht, wo sie wohnten, war kein +Nachbar, an dem ihr lag. In der Stadt eine halbe Stunde davon kein +Mensch, an dem sie hing. Sie hatte sich keine Zeit dazu gelassen. Sie +war nirgends heimisch. Ihr Leben war keins, das aus der Scholle +herauswächst und mit allem verknüpft ist, was daran hängt. Wo sie +hinkam, schien die Unterhaltung zu stocken, damit ein anderes Thema, das +ihr angepaßt war, aufgenommen werden konnte. Die Globetrotter, die mit +ihr durch die Welt zogen, sprachen von Reiseerlebnissen, von Museen und +Musik an den Orten, die sie zusammen aufgesucht hatten. Manchmal auch +über Probleme, die mit ihnen schwammen, wohin sie auch fuhren. Aber kein +einziges darunter, das ihr nahe ging. Die Redensarten, auf die es ankam, +konnte sie auswendig. Es war eigentlich eine Art Sprachübung oder ein +zweckloses, müßiges Geschwätz. + +Die Huldigungen, die ihr dargebracht wurden, und die bisweilen in einen +Kultus ausarteten, fingen schon an, als sie noch ein Kind war und es für +Spiel ansah. Später war es ihr so zur Gewohnheit geworden wie die Touren +eines Kontres. Ein einzelner Zwischenfall, der die ganze Familie in +Aufregung gebracht hatte, ein paar Fälle, die weh getan hatten, waren +längst vergessen; das ganze war jetzt Alltäglichkeit ohne Ernst. Sie +stand einsam und mit leeren Händen da. + +Es ging ein Zucken durch ihren Körper, als ihr Franz Röys riesige +Gestalt vor Augen trat. So deutlich, so scharf in allen Einzelheiten, +daß ihr war, als könne sie sich nicht vom Fleck rühren. + +Er war nicht wie die anderen. Hatte das sie in Aufregung gebracht? + +Bei dem bloßen Gedanken an ihn zitterte sie. Ohne daß sie es wollte, +stand Alice neben ihm in ihrer üppigen Lüsternheit, mit frivolen Augen +... In was für einem Verhältnis standen die beiden? Es wurde ihr dunkel +vor den Augen, es stach, es kochte in ihr. So stand sie und weinte. + +Sie hörte ein dumpfes Brausen von etwas Gewaltigem. Sie wandte sich nach +der Richtung. Ein Ozeansteamer kam ihnen entgegen, so unvermutet und so +ungeheuer groß, daß sie den Atem anhielt. Er wuchs aus dem Meer heraus +ohne Warnungssignal. Er schoß in rasender Fahrt auf sie zu, wurde größer +und immer größer, ein Feuerberg von großen und kleinen Lichtern. Unter +schäumendem Brausen kam er und zog er vorbei. Nur einen Augenblick, und +er war ein Bild in der Ferne. + +Wie das sie ergriff! + +Dies vorüberrauschende Leben, das von Erdteil zu Erdteil eilt, voll +Arbeit und Gedanken in ewigem, fruchtbarem Austausch. + +Während sie hier in einer kleinen Tonne umherschwamm, die von den Wellen +des Weltkolosses geschaukelt wurde, daß man sich festhalten mußte. + +Sie stand wieder allein in der großen Wüste. Wie verraten. Es war doch +wie ein Verrat, wenn alles, was sie in drei Erdteilen gesehen und gehört +hatte an Volksleben und Festen, kirchlichen wie nationalen, an +Kunstwerken und an Musik,--gewissermaßen zurückblieb, wo sie es gesehen +und gehört hatte, während sie einsam in einer unheimlichen, +bewegungslosen Einöde stand. + + * * * * * + +Daheim + + +Es kam erstaunlich anders. + +Schon als sie an Land stieg, sah sie bei Jung und Alt die +ungeheucheltste Freude über das Wiedersehen. Alle Gesichter strahlten. +Ebenso auf dem Wege zum Marktplatz; jeder freute sich; jeder grüßte. +Während sie keinen Gedanken für diese Leute gehabt hatte, hatten sie +ihrer gedacht. Vom Haus am Markt wollten sie später am Tage mit dem +Küstendampfer nach Krogskog weiterfahren. In der Zwischenzeit bekamen +sie Besuch von ihren Verwandten. Die mußten ihnen doch sagen, wie froh +sie seien, sie endlich wiederzusehen. Sie mußten auch von der Freude +berichten, die das spanische Bild Marys hervorgerufen hatte, erst hier, +dann in der Hauptstadt und jetzt auf einer Rundreise durch das Land mit +anderen Bildern. Man schreibe,--ja, sie habe doch gelesen, was man +schreibe?--Nein, sie habe überhaupt keine Zeitungen gelesen, nur hier +und da ein Blatt, das an ihrem jeweiligen Aufenthaltsort erschienen sei. +"Liest Du denn keine hiesigen Zeitungen?"--"Doch, wenn Vater sie mir +zeigt." Ob ihr denn ihr Vater nichts davon erzählt habe, und Frau Dawes +auch nicht?--"Nein."--"Ja, nun sei sie in ganz Norwegen bekannt. Dies +sei doch das dritte Bild von ihr; oder gar das vierte? Und dies sei das +schönste. Die illustrierten Zeitschriften hätten es gebracht. Ein +englisches Kunstjournal, "The Studio", habe es auch reproduziert. Ob sie +das nicht wisse?"--"Nein."--Die Jugend sei ganz stolz auf sie. Darum +hätten sie mit ihrem Frühlingsfest bis zu ihrer Heimkehr gewartet. "Da +soll Staat mit Dir gemacht werden."--"Mit mir?"--"Wir wollen nach +Marielyst, der Dampfer von hier und einer aus der Nachbarstadt, wir +treffen uns dort. Jörgen Thiis hat von Paris aus den ganzen Plan +entworfen."--"Jörgen Thiis?"--"Ja, hat er nichts davon gesagt?"--"Nein." + +Kaum war sie allein, so ging sie zu ihrem Vater ins Zimmer, der im +Begriff war, einige Kunstgegenstände auszupacken, die er gekauft hatte, +und die hier aufgestellt werden sollten. "Vater, hast Du die Bilder von +mir ausstellen lassen?" Er lächelte und sagte unschuldig: "Ja, +allerdings habe ich das getan, liebes Kind. Und viele haben ihre Freude +daran gehabt. Man hat mich übrigens darum gebeten. Man hat mich jedesmal +darum gebeten." Er sagte es so nett. Daß er ihr nichts davon gesagt +hatte und auch Frau Dawes und gleichzeitig wohl auch Jörgen Thiis es +verboten hatte, fand sie reizend. Sie tat etwas, was sie sonst sehr +selten tat, sie ging hin und gab ihm einen Kuß. + +Also das war es, worüber ihr Vater so eifrig mit Frau Dawes und Jörgen +Thiis getuschelt und geflüstert hatte? Deshalb waren die Zeitungen aus +der Heimat ihr vorenthalten worden. Alles war verabredet,--sogar der +Vorschlag, gerade jetzt nach Hause zu reisen! Sie hatte Jörgen Thiis +beinahe lieb. + +Als sie nach Krogskog abfuhren, hatte sich eine Menge Jugend auf der +Brücke eingefunden. Sie riefen: "Auf Wiedersehen am Sonntag!" + +Sie fand die Landschaft hinreißend schön. Die kleine halbe Stunde bis +Krogskog war wie ein Begrüßen guter alter Bekannter, ein fortwährendes +Begrüßen. Jetzt war auch die partielle Verlegung der Strandstraße an der +Küste entlang fertig. Es war wirklich lustig, wie sie sich um die +Landzungen herumschlängelte und oft in die Felsen hineinschnitt. Über +Krogskog führte der Weg wie früher durch die Ebene von einer Landspitze +zur andern, dicht an der Landungsbrücke vorbei und dicht unter der +Kapelle mit dem Kirchhof. + +Nein, wie behaglich Krogskog dalag: Sie hatte behalten, wie einsam es +lag; aber sie hatte vergessen, wie reizvoll es war! Diese stille, blanke +Bucht mit den Seevögeln! Das Gekräusel da hinten, wo der Fluß mündete, +die große Ebene hoch oben zwischen den Hügeln, und die Höhen so +grünbewachsen. Waren die Bäume vor dem Wohnhause wirklich nicht höher? +Wie gut sich das langgestreckte Haus machte mit den schwarzen Fenstern +und der schwarzen Grundmauer. Aus dem einen Schornstein stieg dichter +Rauch auf; er wirbelte ein lustiges Willkommen in die Luft. Sie sprang +vor den andern an Land und lief hinüber. Ein Mädchen von neun, zehn +Jahren kam heruntergerannt, blieb, als sie Mary gewahrte, stehen, machte +Kehrt und rannte all was sie konnte zurück. Mary aber holte sie vor der +Treppe ein. "Jetzt hab' ich Dich!" sie drehte sie zu sich herum: "Wie +heißt Du?" Es war ein hellhaariges, lachendes Ding, das nicht +antwortete. Auf der Treppe standen die Mädchen und eine von ihnen sagte, +sie heiße Nanna und sei hier Laufmädchen. "Dann sollst Du mein Mädchen +sein!" sagte Mary und nahm sie die Treppe mit hinauf. Sie nickte jeder +einzelnen zu, merkte aber, wie enttäuscht sie waren, als sie eilig +weiterging, ohne mit ihnen zu sprechen. Sie sehnte sich danach, den Fuß +auf die dicken Teppiche zu setzen, die seltsame Beleuchtung im Vorzimmer +um sich zu fühlen, die großen, kostbaren Schränke und alle Malereien und +Raritäten aus der holländischen Zeit wiederzusehen. Sie sehnte sich mehr +noch danach, hinauf in ihr eigenes Gemach zu kommen. Diese Lautlosigkeit +auf der Treppe und nachher auf dem langen, dämmerigen Gang--die hatte +nie ein solches Flüsterspiel mit ihr getrieben wie heute. Etwas Weiches, +Halbverstecktes, Vertrautes und Nahes zugleich. Das redete noch zu ihr, +als sie vor der Tür zu ihrem Zimmer stand, es hielt sie so fest, daß es +eine Weile dauerte, bis sie die Tür öffnete. + +Ah, der Raum lag in vollem Sonnenlicht, es kam von dem Fenster an der +Längswand, das auf die andern Häuser und auf die Anhöhe hinausging. +Blasseres Licht vom Fenster gerade gegenüber, das auf den Obstgarten und +drunten auf die Bucht sah. Die blinkte durch die Bäume. Über den Bäumen +sah man die Inseln und das hellgraue Meer. Vom Hügel aber, der im +schönsten Blüten- und Laubschmuck stand, zog Frühlingsduft herein. Das +Zimmer selbst in seiner weißen Reinheit lag da wie ein Schoß, der all +dies aufnahm. Hier drinnen scharte sich alles ehrerbietig um das Bett, +das mitten in der Stube stand. Es war nicht nur wie für eine Prinzessin; +es war die Prinzessin selber; alles andere neigte sich davor. + + * * * * * + +Der Ausflug nach Marielyst war in jeder Beziehung wohlgelungen. Aber an +dem Tage kam zwischen Mary und Jörgen eine Verstimmung auf. + +Das ging so zu. Jörgen Thiis kam mit einer großen, starken Dame an +Bord--ihre breite Stirn, die warmen Augen, die kleine Nase und das +vorspringende Kinn trieben ein leichtes Rot in Marys Wangen, das sie zu +verbergen suchte, indem sie sich erhob und fragte: "Sie sind doch die +Schwester des Hauptmanns im Geniekorps Franz Röy?"--"Ja", antwortete +Jörgen Thiis; "wir haben der Sicherheit halber einen Arzt mitgenommen." +---Mary: "Das freut mich sehr; ich habe natürlich durch Ihren Bruder von +Ihnen gehört. Er hat Sie sehr lieb."--"Das tun wir überhaupt alle", +versicherte Jörgen Thiis und entfernte sich. + +Fräulein Röy selbst hatte nichts gesagt, aber ihre forschenden Augen +überströmten Mary mit Bewunderung. Jetzt setzte sie sich neben sie. +"Bleiben Sie lange daheim?"--"Das weiß ich nicht. Vielleicht reisen wir +überhaupt nicht mehr; mein Vater ist zu schwach."--Fräulein Röys kluge +Augen notierten das förmlich. Sie sagte eine ganze Weile nichts mehr. +Mary aber dachte bei sich: wie taktvoll, daß sie nicht von ihrem Bruder +anfängt. + +Die beiden gingen während des Ausflugs einander nicht von der Seite. Sie +standen auch zusammen, als nachher im Freien Erfrischungen gereicht und +Reden gehalten wurden. Die Festfreude stieg Jörgen Thiis zu Kopf. Man +kam zu ihm und stieß mit ihm an, und er wurde sentimental und redete. +Auf das Ideal, das ewige Ideal. Glücklich der Mann, dem es schon in +seiner Jugend begegne! Er trage es in seiner Brust wie einen +wegweisenden, unauslöschbaren Scheinwerfer auf dem Pfade des Lebens!--Er +trank das Glas bis zum Grunde aus und schleuderte es bleich und bewegt +zu Boden. + +Dieser fürchterliche Ernst kam den fröhlichen Menschen so unerwartet, +daß sie lachen mußten. Alle miteinander! + +Fräulein Röy sagte zu Mary: "Sie sind doch viel mit Leutnant Thiis +zusammen gewesen?"--"Diesen Winter und im vorigen auch", antwortete Mary +leichthin und aß ihr Eis. + +Ein junges Mädchen stand daneben. "Es ist eine merkwürdige Sache mit +Jörgen Thiis", sagte sie. "Zu uns ist er so nett; aber gegen die +Soldaten soll er so schlecht sein." Erstaunt wandte Mary sich zu ihr um. +"Wieso schlecht?"--"Er soll sie so quälen, soll so furchtbar streng sein +und so ganz sonderbar, und um das kleinste strafen." Mary richtete ihre +allergrößten Augen auf Margrete Röy. "Ja, das ist Tatsache", antwortete +die leichthin; sie aß auch ihr Eis. + +Als gegen Abend der Tanz zu Ende war und sie zum Schiff hinunterzogen, +Mary an Jörgens Arm, da sagte sie zu ihm: "Ist es wahr, daß die +Mannschaften Ihres Kommandos über Sie klagen?"--"Das kann schon sein, +gnädiges Fräulein." Er lachte.--"Ist das zum Lachen?"--"Ja, zum Weinen +jedenfalls nicht, gnädiges Fräulein", er war so recht vergnügt, er hätte +sie am liebsten in den Arm genommen und wäre mit ihr nach der +Landungsstelle hinunter getanzt; das taten viele andere auch. Aber Mary +weigerte sich. "Mir hat es weh getan, das zu hören", sagte sie. Da +merkte er, daß es ihr Ernst war. "Ich will Ihnen sagen, gnädiges +Fräulein, der Norweger weiß im großen und ganzen nicht, was Gehorsam und +Disziplin sind. In der kurzen Zeit, da wir ihn unter unserm Kommando +haben, müssen wir es ihm beibringen."--"Auf welche Weise?"--"Mit +Kleinigkeiten natürlich."--"Indem Sie ihn mit Kleinigkeiten +quälen?"--"Ja. Ganz recht."--"Mit Dingen, deren Notwendigkeit er nicht +einsieht?"--"Ja gewiß. Er soll sich das Räsonnieren abgewöhnen. Er soll +gehorchen. Und das, was er tut, soll er korrekt tun. Absolut korrekt." + +Mary antwortete nicht. Aber als jetzt ein Paar an ihre Seite kam, sprach +sie mit denen und setzte das fort, bis sie die Landungsbrücke erreicht +hatten. + +Auf dem Schiff sah sie, daß Jörgen Thiis verstimmt war. Als sie von Bord +gingen, stand er nicht an der Landungsbrücke. Ohne jede Verabredung +begleitete die ganze Gesellschaft sie heim nach dem Haus am Markt. Sie +sangen und lärmten vor der Tür, bis sie auf den Altan heraustrat und +Blumen über sie streute,--die mitgebrachten und alle, die sie irgend +fand. Sie gingen lachend und geräuschvoll auseinander. Aber als sie von +dannen zogen, suchte sie unter ihnen nach Jörgen; er war nicht da. Das +tat ihr leid; sie hatte ihm einen der schönsten Tage ihres Lebens +schlecht gelohnt. Alle waren so reizend zu ihr gewesen. + +Größere und kleinere gesellschaftliche Zusammenkünfte lösten jetzt +einander ab; aber Jörgen Thiis war verschwunden. Zuerst war er eine +Zeitlang daheim bei seinen Eltern gewesen, jetzt war er in Kristiania. +Mary hatte nie weiter an Jörgen Thiis gedacht; aber nun, da er sich +fernhielt, besann sie sich darauf, wieviel von jenen schönen Begegnungen +mit ihren Altersgenossen auf sein Konto kam. Der wunderliche Toast, den +er auf die "Treue gegen das Ideal" ausgebracht hatte, ... als er sprach, +da hatte sie nur gedacht: wie sentimental Jörgen Thiis doch sein kann! +Jetzt dachte sie: vielleicht galt das mir? Sie war an solche +Übertreibungen gewöhnt, und sie machte sich absolut nichts aus Jörgen +Thiis. Aber wenn sie überlegte, wie rasend verliebt er schon bei ihrem +ersten Zusammentreffen gewesen war, und daß er in all diesen Jahren +genau so geblieben war, wann und wo sie sich auch begegneten, da wurde +das doch ein wenig mehr. Die gierigen, verzehrenden Augen bekamen +dadurch beinahe etwas Rührendes. Daß er es nicht ertrug, mit ihr +zusammen zu sein, wenn sie das geringste gegen ihn hatte, bewies ja +auch, wie gern er sie hatte. Daß er nichts sagte, sondern einfach +fortblieb, gefiel ihr. + +Da kam eines Tages Mille Falke, die hübsche, sanfte Frau des +lungenkranken Oberlehrers, zu ihr heraus. Sie habe einen Brief von +Jörgen Thiis bekommen. Eine Gesellschaft von zehn Personen in Kristiania +habe eine Fahrt nach dem Nordkap geplant. Sie hätten schon vor zwei +Monaten die Plätze bestellt,--und jetzt sei etwas dazwischen gekommen. +Man habe Jörgen Thiis gefragt, ob er nicht die Billets übernehmen und +zehn Personen heranholen könne, um mit ihnen diese herrliche Fahrt zu +machen. Unten in den Kleinstädten lebe man in besserer Kameradschaft, da +sei es leichter, eine solche Gesellschaft zusammenzubringen. Jörgen +Thiis habe sich bereit erklärt,--wenn Mary Krog dabei sein wolle; er +wisse, dann bekomme man die andern schon zusammen. + +Frau Falke setzte Mary das in ihrer Schmeichelkatzenart auseinander, der +nur wenige widerstehen konnten. Mary hatte freilich nicht die geringste +Lust, in der Sommerhitze auf dem Deck eines Dampfers zu sitzen und alles +abzubrechen, was hier unternommen wurde; es war gar zu nett. Aber sie +wollte Jörgen Thiis nicht gern noch einmal kränken. Sie sprach mit ihrem +Vater und mit Frau Dawes: sie hörte noch einmal Frau Falke an--und +willigte ein. + +In der ersten Hälfte des Juli versammelte sich die Gesellschaft eines +Nachts an Bord eines Küstendampfers, der sie nach Bergen bringen sollte. +Von dort wollte man die Reise antreten. Es waren sechs Damen und vier +Herren. Eine der Damen war die würdige Vorsteherin der Schule, die +Mutter des einen Herrn und die ehemalige Lehrerin von drei der Damen. +Sie war das moralische Zentrum. Dann war ein jungverheiratetes Paar da, +das die ganze Reise über geneckt wurde. Es lohnte sich; denn beide waren +sehr lebhaft und gaben es reichlich zurück. Ein junger Kaufmann schnitt +zwei Damen die Kur--behauptete man wenigstens--ohne sich klar zu werden, +welche er am liebsten mochte. Das zu entscheiden, half ihm die ganze +übrige Gesellschaft; die beiden Damen am eifrigsten. Ein junger +Philologe wurde gleich in der ersten Nacht auf dem Küstendampfer "der +Verlassene" getauft. Mit Ausnahme der alten Dame machten alle anderen +einen furchtbaren Radau, und keiner tat ein Auge zu. Er allein konnte +nicht tanzen und auch nicht singen und auch nicht die Kur schneiden. Er +konnte nicht mal vertragen, wenn man ihm den Hof machte, dann wurde er +nämlich verlegen. Die Folge war, daß alle, auch Mary, "dem Verlassenen" +den Hof machten, bloß um sich an seinem jämmerlichen Zustand zu weiden. +Der Urheber dieser Scherze war immer Jörgen Thiis; er neckte so +leidenschaftlich gern. Seine Erfindungsgabe in dieser Beziehung konnte +man nicht immer frei von Bosheit nennen. + +Im Anfang ging er frei aus. Aber nach und nach wagte sich sogar "der +Verlassene" an ihn heran. Über seinen Appetit, seine Herrschsucht und +besonders über seine untertänige Dienerrolle Mary gegenüber wurde +allgemein gestichelt. Mary hatte die wachsamen Augen der Krogs für +Übertreibungen, so daß sie mitlachte, auch wenn es über die +Untertänigkeit gegen sie herging. Er ließ sich nicht im geringsten +stören. Er aß genau soviel, war genau so pedantisch als Führer der +Gesellschaft und blieb unerschütterlich Marys erfinderischer, unablässig +hilfsbereiter Diener. + +Das Schiff war voll Passagiere; darunter viele Ausländer. Aber die +fröhliche Gesellschaft von Jörgen Thiis wurde der Mittelpunkt. Die Natur +machte so häufig Anspruch auf die Bewunderung der Reisenden, daß nicht +allzu große Reibungen vorkamen. Es war, als werde etwas Gewaltiges +vorgetragen. Ein Wunder löste das andere ab. Dazu kam der lange Tag. Die +Nächte wurden immer kürzer; schließlich gab es überhaupt keine Nacht +mehr. Sie fuhren in lauter Licht hinein, und das berauschte. Sie wurden +nicht müde. Sie tranken, sie tanzten und sangen; schließlich waren sie +alle auf denselben Ton gestimmt. Es wurden Vorschläge gemacht, die sonst +unmöglich gewesen wären; in die Wildheit der Landschaft, in den Rausch +von Licht paßten sie hinein. Als Mary eines Tages bei starkem Sturm +ihren Hut verloren hatte, sprangen zwei Herren ihm nach. Der eine war +natürlich Jörgen Thiis. Die Gemüter waren hoch über den Alltag hinaus +gespannt. Wenn einer oder der andere müde wurde, schlief er Tage und +Nächte durch. Aber die meisten hielten aus, jedenfalls solange es +vorwärts ging. Unter ihnen Mary. + +Jörgen Thiis hatte es durch seine ehrerbietige Energie dahin gebracht, +daß alle Leute Mary mehr oder weniger genau so behandelten wie er +selbst. Es kam auch nicht die geringste Störung vor, was besonders ihrer +eigenen formvollendeten Art und ihrer aufmerksamen Rücksichtnahme zu +danken war. + +Als sie von Bord gingen und wieder den Küstendampfer bestiegen, forderte +sie aus dem Gefühl aufrichtiger Dankbarkeit Jörgen Thiis auf, mit ihr +nach Krogskog zu kommen. "Ich kann nicht so plötzlich Schluß machen", +sagte sie. + +Und er blieb mehrere Tage dort. Alles fand er schön und behaglich. Der +Kunstsinn, der ihm eigen war, ging mehr aufs kleine; er schwärmte z.B. +für ethnographische Schnurrpfeifereien, und deren gab es hier eine +Menge. Die Zimmer und ihre Einrichtung waren so ganz nach seinem +Geschmack. Frau Dawes, der gegenüber er frei heraus redete, vertraute er +sich an; dies Behagliche, Gedämpfte stimme ihn erotisch, sagte er. Er +phantasierte viele Stunden lang auf dem Klavier; und immer in dieser +Richtung. + +Mary behandelte er unter vier Augen mit der gleichen Ehrerbietung wie in +Gegenwart anderer. Seit sie ihn kannte, hatte sie nicht ein einziges +Wort von ihm gehört, das als Einleitung zu einer Werbung aufgefaßt +werden konnte; ja nicht einmal ein Wort, das eine Einleitung zur +Einleitung hätte darstellen können. Und das gefiel ihr. + +Sie streiften zusammen durch Wald und Feld; sie ruderten zusammen zum +Besuch bei Verwandten. Er hatte den Schlüssel zu ihrem Badehaus. Er ging +hin, wenn noch keiner auf war, oft nach ihren Spaziergängen noch einmal. + +Mary selbst war umgänglicher geworden. Er sagte es einmal. "Ja," +antwortete sie, "die jungen Menschen hier leben mehr wie ein +Geschwisterkreis zusammen und sind daher anders, freier und frischer. +Das hat mich angesteckt." + +Eines Morgens mußte er zur Stadt und Mary begleitete ihn. Sie wollte +Onkel Klaus, seinen Pflegevater, besuchen. Sie hatte ihn, seit sie +heimgekommen war, noch nicht gesehen. + +Er saß in einer Rauchwolke wie eine Spinne in ihrem grauen Netz. Er +sprang auf, als er Mary eintreten sah, war beschämt und führte sie in +die gute Stube. Jörgen hatte Mary darauf vorbereitet, daß er schwerlich +guter Laune sei; er habe wieder kleine Verluste gehabt. Sie saßen auch +kaum in der kahlen, steifen guten Stube, als er anfing, über die +schlechten Zeiten zu klagen. Wie seine Art war, machte er den Rücken +krumm und spreizte die Beine auseinander, um die Ellbogen auf die Knie +stützen und die langen Finger gegeneinander stemmen zu können.--"Ja, Sie +haben es gut; Sie amüsieren sich bloß!" Vielleicht wollte er das wieder +gutmachen. Er sagte: "Ich habe nie ein schöneres Paar gesehen!" + +Jörgen lachte, wurde aber rot bis an die Schläfen. Mary saß unbeweglich; +es berührte sie nicht. + +Jörgen begleitete sie zurück nach dem Krogschen Haus am Markt, das dicht +daneben lag. Er sagte unterwegs kein Wort und verabschiedete sich +flüchtig. Später kam Nachricht von ihm, er müsse bis zum Abend in der +Stadt bleiben; dann fahre er mit seinem Rade nach Krogskog hinaus. Das +war gegen die Verabredung; aber sie fuhr heim. + +Auf der Dampferfahrt nach Hause nahm sie den Gedanken auf: Jörgen Thiis +und sie ein Paar? Nein! Das war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Er +war ein schöner eleganter Kerl, ein tadelloser Kavalier, ein wirklicher +Künstler auf dem Klavier. Über seinen hellen Kopf und seinen Takt war +nur eine Meinung. Selbst das, was sie früher so abgestoßen hatte, seine +Genußsucht, die in Blick und Mienen auftauchen und ihnen dies +Verzehrende geben konnte, von dem sie sich abwandte ... vielleicht war +von dieser Grundlage aus das andere kultiviert worden? Das Gefühl für +das Vollkommene in Kunst, Disziplin und Sprache? Aber doch blieb da +etwas Unaufgeklärtes. Es war ihr gleichgültig, was es war; denn sie warf +all diese Betrachtungen über Bord. Es ging sie nichts an. + +Sie hatte eine Bauernfrau gesehen, die in ihrer Jugend bei ihnen gedient +hatte; zu der setzte sie sich. Die Frau freute sich: "Na, wie geht es +Ihrem Vater? Jetzt bin ich so alt geworden; aber ich sage, soviele ich +kennen gelernt habe,--einen netteren Mann als Ihren Vater habe ich nie +getroffen. Er ist und bleibt der Beste." + +Das kam so unerwartet und so warm heraus, daß es Mary rührte. Die Frau +erzählte dann eine Geschichte nach der anderen von der Güte ihres Vaters +und von seinem rücksichtsvollen Wesen. Sie hatte solange zu erzählen, +bis sie da waren. Zuerst dachte Mary, etwas Schöneres sei ihr lange +nicht widerfahren. Aber dann wurde ihr bange. Sie hatte fast vergessen, +wie sehr sie selbst ihn liebte, hatte sich abgewöhnt, ihm das zu zeigen. +Warum? Warum war sie von soviel anderem in Anspruch genommen und nicht +von ihm, der der Liebste und Beste von allen war? + +Sie lief eilig nach dem Hause hinauf. Obwohl der Vater kränklich war, +war sie in letzter Zeit fast nie bei ihm gewesen. + +Als sie näher kam, sah sie Jörgens Rad an der Treppe stehen und hörte +ihn spielen. Aber sie eilte vorbei zu ihrem Vater hinein, der in seinem +Arbeitszimmer am Pult saß und schrieb. Sie schlang die Arme um ihn und +küßte ihn, blickte ihm in die guten Augen und küßte ihn noch einmal. Mit +ihrem scharfen Sinn für Komik lachte sie, als sie sein Erstaunen sah. +"Ja, sieh mich nur an, denn ich tue es gar so selten. Aber es ist +trotzdem wahr, daß ich Dich grenzenlos lieb habe." Wieder küßte sie ihn. +"Mein liebes Kind!" sagte er und lächelte mitten in dem Überfall vor +sich hin. Er war glücklich, das merkte sie. Allmählich kam in seine +Augen das eigentümliche Leuchten, das keiner wieder vergessen konnte. +Sie dachte bei sich: dies tue ich fortan jeden einzigen Tag. + +Jörgen und sie hatten eine Radtour in die Umgegend verabredet. Am +nächsten Tage waren sie unterwegs. Der Verwandte, zu dem sie kamen, ein +Kompagniechef, freute sich sehr über den Besuch. Sie mußten zwei, drei +Tage dableiben. Die junge Welt aus der Nachbarschaft wurde dazu geladen +und es kam eine Partie auf die Alm zustande,--wieder für Mary etwas +Neues. "Ich kenne alle Länder, nur mein Vaterland nicht." Im nächsten +Jahr wollte sie aber eine Reise durch Norwegen machen; dazu brauchte sie +keine besondere Reisebegleitung. Mit dieser Aussicht wurde es eine +königliche Heimfahrt. + +Gerade als Jörgen und sie ihre Räder an die Balustrade anlehnten, kam +die kleine Nanna aus der Tür gelaufen und eilig die Treppe herunter. Sie +weinte, bemerkte aber die Ankommenden nicht; sie wollte nach der andern +Seite. Als Mary rief: "Was ist los?" blieb sie stehen und schluchzte: +"Oh, kommen Sie, kommen Sie, ich sollte jemand holen!" Ebenso schnell +wieder die Treppe hinauf, um zu verkünden, daß sie jetzt kämen. Jörgen +hinterdrein, dann Mary. Es ging durch das Vorzimmer, die Treppe hinauf, +den Gang entlang bis zur letzten Tür rechts. Da drinnen lag Anders Krog +auf dem Fußboden, und neben ihm kniete schluchzend Frau Dawes. Er hatte +einen Schlaganfall bekommen. Jörgen hob ihn auf, trug ihn auf sein Bett +und legte ihn zurecht. Mary aber stürzte wieder hinunter ans Telephon +wegen des Doktors. + +Der Doktor war nicht zu Hause; sie suchte ihn überall. Dazwischen schrie +in ihr die Verzweiflung, daß sie nicht bei ihm gewesen war, als dies +geschah. Sie hatte sich doch gerade das Versprechen gegeben, jeden Tag +lieb zu ihm zu sein,--und hatte ihn doch verlassen! Ja, noch heute hatte +sie sich auf den nächsten Sommer gefreut, wo sie ohne ihn im Lande herum +reisen wollte. Was war aus ihr geworden? Was war los mit ihr? + +Sobald sie den Doktor gefunden hatte, eilte sie zum Vater zurück. Da war +er ausgezogen, und Jörgen war fort. Frau Dawes aber saß am Kopfende des +Bettes auf einem Stuhl mit einem Brief in der Hand, grenzenlos +unglücklich. Kaum gewahrte sie Mary, so reichte sie ihr den Brief, ohne +die Blicke von dem Kranken zu wenden. + +Der Brief war aus Amerika von einem Mary unbekannten Mann, der ihnen +mitteilte, daß Bruder Hans ihr und sein Vermögen verloren habe. Er +selbst sei schwachsinnig, sei es sicher schon lange gewesen. + +Mary war es bekannt, daß es in der männlichen Linie der Familie Krog +nichts Außergewöhnliches war, wenn alte Leute geistesschwach wurden. +Aber sie war erschrocken, daß ihr Vater keine Kontrolle geübt hatte! +Auch das war ein bedenkliches Zeichen. + +Ihr Vater mußte mit diesem Brief auf dem Wege zu Frau Dawes gewesen +sein, als ihn der Schlag gerührt hatte. Die Tür war nämlich geöffnet, +und er lag dicht daneben. + +Mary las den Brief zweimal und wandte sich an Frau Dawes, die saß und +weinte. "Ja, ja, Tante Eva,--das muß getragen werden."--"Getragen +werden? Getragen werden? Was meinst Du? Das Geld? Das lumpige Geld! Aber +Dein Vater! Dieser herrliche Mensch, mein bester Freund!" Sie blickte +unverwandt auf seine geschlossenen Augen und weinte unaufhörlich, +während sie ihm die zärtlichsten Namen gab, die höchsten Lobesworte, +aber auf englisch. In der fremden Sprache fielen die Worte wie aus einer +fernen Zeit über ihn; Mary lag auf den Knien daneben und las sie auf. +Sie brachten von jedem Tage in dem Zusammenleben der beiden Alten die +Entbehrungen, den Dank,--einen Niederschlag dessen, was sie an guten +Worten, an freundlichen Blicken, an Gaben und Nachsicht empfangen hatte. +Es kam so reich und so warm heraus mit der freudigen Kraft des guten +Gewissens; denn Frau Dawes hatte versucht, ihm alles zu sein, so weit es +in ihren Kräften stand. So goldene Worte jetzt über Marys Haupt ihm zu +Ehren ausgeschüttet wurden, sie selbst machten sie arm. Denn sie war ihm +so wenig gewesen. Oh, wie sie es bereute, wie verzweifelt sie war. + +Jörgen Thiis erschien draußen auf dem Gange, gerade als sie aufstand. +Sie bückte sich nach dem Brief und wollte ihm das Papier geben, als Frau +Dawes, die ihn auch gewahrte, ihn bat, sie in ihr Zimmer zu führen; sie +müsse auch zu Bett. "Gott weiß, wann ich wieder aufstehe! Wenn es mit +ihm zu Ende ist, ist es mit mir auch vorbei." + +Jörgen eilte herzu, nahm die schwere Masse aus dem Stuhl auf und segelte +langsam mit ihr ab; er klingelte nach einem Mädchen, das sie dann zu +Bett brachte; er selbst ging zu Mary zurück. Sie stand unbeweglich da +mit dem Brief in der Hand, den sie ihm jetzt hinreichte. + +Er las ihn aufmerksam und wurde bleich. Ja, er war eine Weile wie +betäubt; Mary trat ein paar Schritte näher an ihn heran; aber er merkte +es nicht. "Das hat den Schlaganfall verursacht", sagte sie. + +"Natürlich", flüsterte er, ohne sie anzusehen. Gleich darauf ging er. + +Mary stand wieder neben ihrem Vater. Sein schönes, feines Gesicht rief +nach ihr; sie warf sich wieder über ihn und schluchzte. Denn ihm, den +sie am liebsten hatte, war sie am wenigsten gewesen. Vielleicht nur, +weil er selbst nie an sich gedacht hatte? + +Sie verließ ihn nicht, bis der Doktor kam und mit ihm die Pflegerin. Da +ging sie zu Frau Dawes hinein. + +Frau Dawes war verzweifelt und elend. Mary wollte sie trösten, aber sie +unterbrach sie heftig: "Ich habe es zu gut gehabt. Ich bin mir zu sicher +gewesen. Jetzt kommt der Ernst!" Mary erschrak bei diesen Worten; denn +das hatte ihr die ganze Zeit auf dem Herzen gelegen. + +"Du verlierst uns beide, armes Kind! Und Dein Vermögen auch!" Mary war +es nicht lieb, daß sie das Vermögen erwähnte. Frau Dawes fühlte das und +sagte: "Du verstehst mich nicht, armes Kind! Es ist nicht Deine Schuld, +es ist unsere. Wir haben Dir zu viel Willen gelassen. Aber Du warst auch +so häßlich, wenn wir es nicht taten." + +Mary blickte erschrocken auf: "Ich häßlich?"--Frau Dawes: "Ich habe es +Deinem Vater gesagt, Kind, ich habe es ihm oft gesagt. Aber er war so +herzensgut, er beschönigte immer alles." + +Jörgen kam mit dem Doktor herein. "Wenn irgend etwas hinzutritt, kann es +vorbei sein, gnädiges Fräulein."--"Bleibt er gelähmt?" fragte Frau +Dawes.--Der Doktor wich der Frage aus; er sagte nur: "Jetzt ist vor +allem Ruhe nötig." Es wurde still nach dieser Erklärung. + +"Gnädiges Fräulein dürfen nicht bei dem Kranken wachen, lieber zwei +Pflegerinnen." Mary antwortete nicht. Frau Dawes fing wieder zu weinen +an: "Ja, jetzt kommen andere Tage."-- + +Der Doktor ging, begleitet von Jörgen Thiis. Als Jörgen zurückkam, +fragte er leise: "Soll ich auch fort,--oder kann ich irgendwie +nützen?"----"O nein, verlassen Sie uns nicht!" jammerte Frau Dawes. +Jörgen blickte Mary an, die nichts sagte; sie schaute auch nicht auf. +Sie weinte leise vor sich hin. + +"Sie wissen, gnädiges Fräulein," sagte Jörgen Thiis ehrerbietig, "daß +ich keinem Menschen lieber zu Diensten sein möchte."--"Das wissen wir, +lieber Freund, das wissen wir", schluchzte Frau Dawes. + +Mary hatte den Kopf erhoben; aber bei Frau Dawes' Worten schwieg sie. + +Als Mary nachher aus Frau Dawes' Stube kam, öffnete Jörgen eben die Tür +seines Zimmers, das Marys gerade gegenüber lag. Er blieb in der weit +geöffneten Tür stehen, so daß sie den gepackten Koffer hinter ihm sehen +konnte. Sie stand still: "Sie wollen fort?"--"Ja", antwortete er.--"Hier +wird es jetzt still." Er wartete auf mehr; aber mehr kam nicht. "Jetzt +beginnt die Jagdsaison. Ich hatte Ihren Vater fragen wollen, ob ich in +seinen Wäldern jagen dürfe."--"Wenn Ihnen meine Erlaubnis genügt, steht +dem nichts im Wege."--"Tausend Dank, gnädiges Fräulein! Ja, da darf ich +doch auch mal hierherkommen?" Er verneigte sich tief und nahm ihre Hand. + +Dann ging er zu Frau Dawes hinein, um ihr Adieu zu sagen. Da blieb er +mindestens zehn Minuten. Er kam gerade wieder heraus, als Mary zu ihrem +Vater hinüberging. + +Als sie über ihren Vater gebeugt stand, regte er sich und schlug die +Augen auf. Sie kniete hin: "Vater!" Er schien nachzudenken und versuchte +zu sprechen; es gelang ihm aber nicht. Sie sagte eilig: "Wir wissen +es,--alles, Vater. Aber hab' deswegen keine Sorge! Uns wird es trotzdem +an nichts fehlen." Seine Augen bewiesen, daß er verstanden hatte, wenn +auch langsam. Er wollte die Hand erheben, merkte aber, daß er es nicht +konnte. Er blickte sie schmerzlich erstaunt an; sie beugte sich über +ihn, küßte ihn und weinte. + +Aber es wurde unglaublich schnell besser. War es Marys Gegenwart und ihr +stetes Mühen um ihn, was ihm half? Die Krankenpflegerin behauptete es. + +Jetzt kam eine Zeit, in der sie unermüdlich war in ihrer Sorge um die +beiden Kranken; zugleich aber trat sie die Verwaltung von Haus und Hof +an. Sie übernahm die Buchführung und die Oberaufsicht. Sie fühlte sich +wohl dabei, denn sie hatte Talent, Ordnung zu schaffen und zu +dirigieren. Frau Dawes war sehr erstaunt darüber. + +Keine Sorge um die Zukunft, keine Sehnsucht nach alledem, was hinter +ihr lag. Sie sagte allen, die sie bedauerten, es sei freilich hart, daß +die beiden Alten krank seien; aber sonst gehe es ihr so gut, wie sie es +sich nur wünschen könnte. + + * * * * * + +An einem ungewöhnlich warmen Tage Anfang August hatte sie von morgens an +sehr viel zu tun gehabt. Sie hatte Sehnsucht, sich ins Wasser zu +stürzen, sowie sie Zeit hatte. + +Zwischen fünf und sechs liefen sie hinunter, die kleine Nanna und sie. +Zuerst waren sie beide zusammen im Badehause; der kleinen Nanna machte +es solche Freude, wenn sie mit Marys schönem Haar zu tun hatte; heute +durfte sie es auflösen. Dann lief sie den Hügel hinauf bis an den großen +Stein, um von dort aus nach beiden Seiten Wache zu halten. Mary mochte +nichts anhaben, sondern wollte nach Herzenslust plätschern und +schwimmen. Sie nahm den Weg nach der Insel. Von dort aus konnte sie +selbst zu beiden Seiten die Einfahrt und die Wege übersehen. Alles +still, keine Gefahr. Also wieder zurück. + +Die See umschmeichelte sie und trug sie, die Sonne spielte auf ihren +Armen, die das Wasser teilten; das Land vor ihr lag herbstsatt da mit +seinem fetten Heu; Seevögel schwebten in der Bucht, andere kreischten +über ihr. "Und mir graute so vor dem Alleinsein--" + +Als sie ans Ufer kam, mochte sie nicht heraus; sie legte sich auf den +Rücken und ruhte sich aus. Dann ein paar Stöße und wieder eine +Ruhepause. Der Strand war so einladend; sie legte sich in die Sonne. Den +Kopf halb auf einem Stein, das Haar herabfließend. O, wie schön das war! +Aber irgend etwas mahnte sie, aufzusehen. Sie hatte keine Lust dazu. +Aber sie mußte doch wohl einmal dahin sehen, wo das Mädchen saß. Ach, +was kümmerte sie das! Nanna hielt ja Wache. Aber soviel wurde doch +dadurch bewirkt, daß das Wohlbehagen ihr verloren ging; sie machte ein +Ende. Als sie aufstand, um auf die Badehaustreppe zuzugehen, gewahrte +sie hinter dem großen Stein--Jörgen Thiis im Jagdanzug mit dem Gewehr +über der Schulter! Das kleine Mädchen stand aufrecht auf dem Stein, ohne +sich zu rühren; sie starrte ihn an, als sei sie festgenagelt. + +Eine heiße Blutwelle durchflutete Mary--Zorn und Abscheu. War er +schamlos? Oder hatte er den Verstand verloren? Äußerlich tat sie, als +habe sie nichts gesehen,--warf sich kopfüber in die See und schwamm auf +die Treppe zu, hielt sich ruhig daran fest,--und verschwand. + +Aber ihr Atem ging heftig; ihr war so heiß, daß sie vergaß, sich +abzutrocknen, sich anzuziehen. Sie geriet in immer größere Hitze, +schließlich kochte sie vor Rachsucht und Wut. Der galante Jörgen Thiis +wagte sie zu beleidigen, wie sie noch nie im Leben beleidigt worden war. + +Sie schlug sich solange mit diesem sinnlosen, unehrenhaften Überfall +herum, bis sie mitten in Vorstellungen war, die sie weit fortführten. +Sie stand wieder vor der kraftvollen Gestalt des Athleten, sie fühlte +wieder Alices wissende Augen auf sich ruhen. Sie zitterte,--als sie +einen Schrei des Kindes da oben hörte. In ihrer Erregung war sie nahe +daran, auch zu schreien. Was konnte da nur los sein? Auf die Seite ging +kein Fenster hinaus. Aus der Tür zu sehen, wagte sie nicht, denn sie +hatte nichts an. Nie hatte sie sich so mit dem Anziehen beeilt, aber +gerade deshalb ging ihr alles verkehrt, und es zog sich in die Länge. +Sie mochte nicht halbangekleidet vor Jörgen Thiis hintreten. + +Als sie eben soweit war, daß sie daran denken konnte, die Tür +aufzumachen, hörte sie auf der Landungsbrücke das Tripp-Trapp der +kleinen Nanna. Mary riß die Tür auf, die Kleine kam hereingestürzt und +warf sich ihr gleich in den Schoß. Da versteckte sie den Kopf und weinte +und schluchzte, daß sie kein Wort herausbringen konnte. + +Mary gelang es, sie zu beruhigen, besonders als sie ihr versprach, sie +dürfe jetzt ihr Haar kämmen. Da erzählte sie, der Herr Leutnant habe +hinter dem Stein gestanden, bis sie es bemerkt habe. Sie habe gesessen +und gesungen und habe ihn gar nicht kommen hören. Er habe ihr gedroht. +Ach, und sie habe solche Angst gehabt, denn er habe so böse ausgesehen! +Ach, so böse habe er ausgesehen! Kaum sei Mary ins Haus gegangen, da sei +er hinuntergestürmt, direkt auf das Haus zu! + +"Jörgen Thiis?" + +"Dann schrie ich aus Leibeskräften! Da stand er still. Aber dann drehte +er sich um und kam auf mich zu. Ich hinunter vom Stein und hinein in den +Wald----" Sie konnte nicht weitersprechen. Sie verbarg wieder den Kopf +in Marys Schoß und weinte. + +Das wurde ja immer schlimmer! Marys Verstand konnte es anfangs kaum +fassen. + +Nach und nach aber ging ihr ein Licht auf--er mochte ein anderer sein. +Er trug eine rasende Leidenschaft in sich. Er hatte den Mut starker +Rücksichtslosigkeit. Wenn er nun gekommen war, um...? + +Stolz und stark, wie sie sich kannte, hätte das für ihn die Verbannung +auf immer bedeutet--nichts anderes. + +Aber auf dem Heimwege ließ sie Nanna vorausgehen. Aus dem einfachen +Grunde, weil sie kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnte,--so +stürmten die Gedanken auf sie ein. + +Wie konnte ein Mann sich tagtäglich so beherrschen--einer so gewaltigen +Begierde gegenüber? Eine lange, lange Anhäufung mußte vorauf gegangen +sein; sonst hätte er nicht einem so unerhörten Überfall auf sich +selbst--und auf sie--unterliegen können! + +In diesen ganzen Jahren war er also von Begierde entflammt gewesen? +Seine Huldigungen, seine Ehrerbietigkeit, seine steten Bemühungen um +sie--war das alles Rauch aus dem unterirdischen Krater? Der eines +schönen Tages lohende Steine und glühende Asche ausspeit! + +Also Jörgen Thiis war gefährlich? Er wurde nicht kleiner dadurch; er +stieg! Der Zwang, den er sich auferlegt hatte--ihr zu Ehren, war +löblich! Wenn die Versuchung eines Tages den rebellischen Kräften das +Tor öffnete--konnte sie ihm deswegen eigentlich böse sein? + +Den ganzen übrigen Tag, ja noch als sie sich auszog, dachte sie darüber +nach. Am ändern Tage faßte sie den Entschluß, jetzt müsse es ein Ende +haben. Es wurde etwas in ihr aufgewühlt, das sie schon einmal +zurückgedämmt hatte; das Tempo durfte nicht unterbrochen werden, in dem +sie sich ihr Leben einzurichten wünschte. Deshalb nahm sie ihre Arbeit +energischer als je wieder auf, ja sie machte sich noch mehr zu schaffen. +Sie sah nämlich die Bücher ihres Vaters und die losen Aufzeichnungen +durch (deren es reichlich viele gab!), sie wollte Klarheit haben, wie +die Dinge im ganzen standen. Er hatte doch auch hier Vermögen, und er +konnte unmöglich alles verbraucht haben, was er aus Amerika bekommen +hatte. Aber sie fand das Gesuchte nicht. Den Vater durfte sie nicht +damit behelligen, und Frau Dawes wußte nicht Bescheid. + +Aber so eifrig sie bei der Sache war,--etwas vom gestrigen Tage schlich +sich hinein. Jörgen hatte natürlich baden wollen, nach dem Bade +heraufkommen und sie begrüßen. Nach dem, was vorgefallen war, kam er +nicht. Kam er überhaupt wieder? Ohne besonders aufgefordert zu sein? Er +hatte sich ja einstweilen zur Genüge verrannt. Sie hörte an den +folgenden Tagen in der Umgegend schießen. Manche sagten auch, es werde +in größerer Entfernung geschossen. Aber er kam am zweiten Tage nicht, +kam am dritten nicht und am vierten auch nicht. Ihr gefiel das. + +Weil ihre Gedanken so oft auf den Höhen und im Walde waren, stieg sie +eines Tages kurz vor dem Mittagessen hinauf. In der letzten Hälfte des +August ist der Wetterumschlag im südlichen Norwegen häufig sehr kraß. Es +war jetzt kalt; sie empfand es als eine Erfrischung, im Nordwind, der +sie umspielte, bergan zu steigen. Sie stieg etwas unterhalb der Häuser +hinauf, da ging es leichter. Sie kletterte rasch, sie war daran gewöhnt +und sehnte sich, höher hinaufzukommen, im Winde zu stehen und über das +aufgerührte Meer hinzuschauen. Schon von der ersten Anhöhe aus genoß sie +den Blick auf die Halden, wo die Leute das Heu zum Trocknen +ausbreiteten, über die Bucht, die Inseln, das Meer, das heute ganz +schwarz war und viele Segler und etliche Dampfer trug. Doch über ihr +machten die Krähen einen schauderhaften Lärm; da saß man sicher zu +Gericht. Sie sah eine und die andere durch die Luft schießen und weiter +gegen Norden zwischen den Hügeln verschwinden. Der Spektakel wurde immer +schlimmer, je höher sie kam. Da beeilte sie sich; vielleicht konnte sie +den Verbrecher retten. Ganz aufgeregt war sie, so daß es ihr kalt über +den Rücken lief. Sie meinte, wenn sie um den nächsten Vorsprung herum +sei, müsse sie sie sehen können. Statt dessen sah sie, als sie den Kopf +hinübersteckte, ein gut Stück von ihr etwas weiter nördlich einen Mann +auf dem Bauch liegen, direkt über den Häusern. Das war Jörgen Thiis! +Zuerst duckte sie sich; aber dann stieg ein fröhliches Rachegefühl in +ihr auf, und in diesem Gefühl eilte sie schnell entschlossen hinan. Er +gewahrte sie und sprang verwirrt und beschämt in die Höhe, riß die Mütze +herunter, setzte sie wieder auf und wußte nicht, wo er hinsehen oder +sich hinwenden sollte. Sie kam langsam näher und weidete sich an ihm. +Schon von weitem rief sie: "Auf die Art also gehen Sie auf +Jagd?--Vielleicht wollen Sie unsere Hühner schießen?" Als sie näher kam: +"Sie haben keinen Hund bei sich? Ach nein, unsere Hühner können Sie ja +auch ohne Hund schießen. Oder haben Sie etwa überhaupt keinen Hund?" + +"Doch,--aber heute bin ich nicht zum Jagen hergekommen. Ich habe genug." + +Diese einfachen, sanftmütigen Worte, bei denen er sie nicht anzusehen +wagte, warfen ihre Gefühle über den Haufen. Sie wollte ihn nicht quälen. +Sie hatte genug von der Tyrannei des Onkels gehört. + +Die Krähen rasten schlimmer als bisher. "Hören Sie nur! Da wird Gericht +gehalten! Daß Sie dem armen Sünder nicht zu Hilfe kommen!"--"Da haben +Sie wahrhaftig recht!" sagte er, froh, daß er loskam. Er bückte sich +nach seinem Gewehr und lief davon. Sie hinterdrein. Erst eine kleine +Anhöhe hinan, dann den Weg entlang. Um zwei alte Bäume herum tobten die +grauen Richter; es waren ihrer Hunderte. Aber kaum erblickten sie einen +Mann mit einer Flinte, als sie krächzend nach allen Seiten +auseinanderstoben. Ihre Aufgabe war beendet. + +Und richtig: zwischen den beiden großen Bäumen lag zerzaust und blutig +eine ungewöhnlich große Krähe in den letzten Zuckungen. Jörgen wollte +sie aufheben. "Nein, fassen Sie sie nicht an!" rief Mary und wandte sich +ab. Sie ging gleich wieder bis an den Abhang. Sie hörte ihn nicht +nachkommen und blieb stehen: "Sie kommen doch mit und essen bei uns?" Er +kam. Dann gingen sie schweigend bis an die Stelle, wo er gelegen hatte. +Er fragte hastig: "Wie geht es bei Ihnen zu Hause?"--Sie lächelte: "O +danke, den Umstanden nach recht gut." + +Aus dem Schornstein wirbelte der Rauch in die Höhe. Vornehm wirken die +Dachziegel mit ihrer blauen Glasur auf den Hausern. Die großen Gärten zu +beiden Seiten mit den sandbestreuten Wegen lagen da, als hätten die +Hauser gestreifte Schwingen ausgebreitet. Das Ganze so lebensvoll, als +werde es sich im nächsten Augenblick in die Lüfte heben. "Haben Sie +lange hier gelegen?" fragte sie unbarmherzig; sie hielt es ja für eine +Art Belagerung. Er antwortete nicht. Sie begann den Abstieg; hier war es +ziemlich abschussig. "Soll ich Ihnen helfen?"--"O danke, ich bin +häufiger hier gegangen als Sie." + +Es wurde eine stille Mahlzeit. Jörgen aß immer sehr langsam, aber nie so +langsam wie heute. Mary war mit jedem Gericht schnell fertig und saß und +sah ihn an. Sagte dies und das und bekam höflich Antwort. Seine Augen, +die sonst gleich Wogen über sie hinspülten, die sie in sich aufsaugen +wollten ... heute hoben sie sich kaum vom Teller. Plötzlich hörte er +auf. "Ist Ihnen nicht wohl?"--"Doch, danke; aber ich bin satt."-- + +Wenige Minuten später kam er aus Anders Krogs Zimmer heraus. Mary war +kurz vorher von Frau Dawes gekommen und hatte gerade ihr Zimmer +geöffnet. Jörgen Thiis sagte: "Ich finde, gnädiges Fräulein, Ihrem Vater +geht es viel besser."--"Ja, er kann schon dies und das sagen und den Arm +etwas bewegen."--Jörgen hörte das augenscheinlich nicht. "Ist dies Ihr +Zimmer?--Ich habe es noch nie gesehen." Sie trat beiseite; er schaute +und schaute. "Wollen Sie nicht eintreten?"--"Darf ich?"--"Bitte sehr!" +Er ging bis an die Schwelle und überschritt sie langsam; Mary folgte +ihm. Er stand still und atmete schwer; sie war neben ihm. War denn das +Zimmer mit Spitzen überzogen? Er konnte sich gar nicht zurechtfinden. +Das Bett, die Möbel, weiß mit blau, oder blau mit weiß, die Amoretten an +der Decke, die Bilder, darunter eins von ihrer schönen Mutter, mit +Blumen geschmückt. Und der Duft ... nicht allein von den Blumen, nein, +von ihr selbst und all ihrer Habe. Sie stand in ihrem blauen Kleid,--es +war das mit den kurzen Ärmeln,--neben ihm. In diesem reinen Duft, in +diesem Farbenzauber schämte er sich. Er schämte sich so, daß er am +liebsten aus dem Zimmer gestürzt wäre. Er konnte nicht Herr seiner +Stimmung werden; in seiner Brust begann es zu arbeiten und zu +schluchzen; ein Zittern überkam ihn. Ihm war, als müsse er in Tränen +ausbrechen. Da schimmerte es von zwei weißen Armen, und er hörte etwas +Leises, das auch blau und weiß und weiß und blau war. Die Tür wurde +hinter ihm geschlossen, wohl um ihn zu verbergen. Da schimmerten wieder +die weißen Arme und er hörte deutlich: "Aber Jörgen!--Aber Jörgen!" Er +fühlte eine Hand auf seinem Arm und setzte sich hin. Sie hatte wirklich +"Jörgen" gesagt, zweimal "Jörgen." Jetzt strich sie ihm das Haar aus +der Stirn. So weich, so blütenzart. Es löste sich etwas in ihm; alles +Wunde und Harte schmolz unter ihrer Hand und zerrann. In einem +unsäglichen Gefühl von Wärme. Die sich da über ihn beugte, war +eigentlich die erste, die ihm beistand, seit er kein Kind mehr war. Er +hatte sich so verlassen gefühlt. Solches Vertrauen zu ihm lag in dem +Händedruck. So unverdient. Das tat gut! Oh wie gut das tat! Ihm träumte, +er sei auch gut, sei in der Gewalt guter Mächte. Das Weiße und Blaue +wölbe ein Zelt über ihm. Unter diesem Zelt nähmen diese großen, guten +Augen seine Seele in sich auf. Er sagte als Entschuldigung ganz leise: +"Ich konnte es nicht länger aushalten." Was er nicht länger aushalten +konnte, verstand sie; sie prallte zurück. + +"Mary", flüsterte er. Ohne es zu wollen, dachte er laut. Das erschreckte +ihn und erschreckte sie. Sie wich weiter zurück von ihm, ihre Augen +wurden unklar; es versagte da etwas. Das sah er,--und ehe sie es ahnte, +ehe er selbst es wußte, war er bei ihr. Er umschlang sie und preßte sie +an sich. Er wurde wild, als er ihren Körper an seinem fühlte, und küßte +sie, küßte sie, wo er gerade hintraf. Sie bog aus, bald nach der einer +Seite, bald nach der ändern. Da bedeckte er ihren Hals mit Küssen. Sie +fühlte, jetzt galt es. Einen Arm hatte sie nur frei; aber damit stieß +sie ihn von sich. Gleichzeitig bog sie sich so weit nach hinten, daß sie +fast gefallen wäre. Dadurch kam er über sie, das zündete, und er wollte +es sich zu Nutzen machen. Aber er mußte seinen rechten Arm lösen, um sie +umschlingen zu können. Gerade dadurch bekam sie ihren linken Arm frei, +stemmte ihn mit aller Macht ihm gegen die Brust, daß sie sich nach der +Seite wenden konnte, und stand aufrecht. Ihre Augen trafen sich. Sie +waren wild, die Flammen in ihnen prallten gegeneinander. Keiner sprach +ein Wort. Ihre Atemzüge gingen kurz und scharf. + +"Mary!" ertönte ein Schrei draußen auf dem Gange. Das war Frau Dawes! +Frau Dawes, die das Bett nicht mehr verlassen konnte,--stand auf dem +Flur! "Mary!" noch einmal so verzweifelt, als sei sie einer Ohnmacht +nahe. Die beiden hinaus: Frau Dawes lehnte in ihrem Nachtgewand vor +ihrer offnen Tür an der Wand. Sie war am Umsinken, als Jörgen Thiis +herzugestürzt kam und sie unter den Arm faßte. Die Treppe herauf kam ein +Mädchen nach dem andern, auch die kleine Nanna. Jörgen stand und hielt +Frau Dawes, bis sie sie mit vereinten Kräften aufhoben und hineintrugen. +Es war furchtbar schwer. Soviel sie hoben und schleppten, sie bekamen +sie knapp über die Schwelle ins Zimmer hinein. Dann langsam weiter; aber +jetzt kam noch das Allerschwerste: den Oberkörper ins Bett hineinheben; +denn das wollte ihnen nicht gelingen. Immer wenn der Oberkörper auf dem +Bettrand war, wollten die Beine nicht mit; dann glitt sie wieder +hinunter; sie selbst half nicht ein bißchen, sie stöhnte nur. Ehe Jörgen +richtig zufassen konnte, lag sie in ihrer ganzen Größe abermals am +Boden. Als sie den Oberkörper wieder einmal hochgehoben hatten, aber +nicht weit genug, daß er durch seine eigene Schwere liegen geblieben +wäre, waren sie ganz verzweifelt; sie wußten nicht, was sie machen +sollten. Das kleine Mädchen lachte laut auf und lief weg; Jörgen sandte +ihr einen wütenden Blick nach. Das war selbst für Mary zuviel. Vor drei +Minuten noch hatte sie wie eine Verzweifelte gekämpft,--und nun überkam +sie eine so unbegreifliche Lachlust, daß auch sie hinauslaufen mußte. Da +stand sie mit dem Taschentuch vorm Munde und krümmte sich vor Lachen, +als die Pflegerin aus dem Zimmer ihres Vaters herauskam; er wollte +wissen, was los sei. Mary ging hinein. Sie konnte es ihm vor Lachen kaum +auseinandersetzen, wie nämlich Frau Dawes dalag und was für +Anstrengungen Jörgen und die Mädchen machten. Ihren Vater quälte die +Frage, was Frau Dawes wohl auf dem Flur gewollt habe. Da verstummte +Marys Lachen. Ein Mädchen kam aus Frau Dawes' Zimmer und berichtete, +jetzt liege die gnädige Frau im Bett. Sie möchte das gnädige Fräulein +sprechen. + +Im Zimmer stand Jörgen am Fußende des Bettes; Frau Dawes lag und +stöhnte und weinte und rief nach Mary. Kaum ließ Mary sich in der Tür +blicken, da fing sie an: "Was war mit Dir, Kind? Mich überkam eine +schreckliche Angst,--was war los?" Mary ging zu ihr hin, ohne Jörgen +anzusehen. Sie kniete neben ihrer alten Freundin hin und legte den Arm +um ihren Hals: "Ach, Tante Eva!" sagte sie und schmiegte den Kopf an +ihre Brust. Nach einer Weile fing sie zu weinen an.--"Was ist denn? Was +ist denn? Was macht Dich so unglücklich?" jammerte Frau Dawes und strich +ihr immer und immer wieder mit der Hand über das herrliche Haar. +Schließlich blickte Mary auf; Jörgen Thiis war fort. Aber sie schwieg. +"Nie habe ich solch ein Gefühl gehabt," fing Frau Dawes wieder an, "wenn +nicht etwas Entsetzliches bevorstand!" Mary schwieg. "War es etwas mit +Jörgen Thiis?" Mary sah sie an.--"O Gott, das habe ich mir +gedacht!--Aber bedenke, Kind, er hat Dich geliebt, seit er Dich zum +erstenmal gesehen hat, und nie eine andere. Das ist schwer, siehst +Du.--Und kein einziges Mal hat er Dir gegenüber etwas wie eine Andeutung +gemacht,--oder doch?"--Mary schüttelte den Kopf. "Das ist viel. Das +zeugt von Charakter. Zu Diensten ist er Dir gewesen und verehrt hat er +Dich,--ja, sei nicht zu streng! Erst jetzt, da Du arm bist, wagter +----ja, was war denn eigentlich los?"--Mary zögerte eine Weile; dann sagte +sie: "Erst war es, als werde ihm schlecht. Aber dann wurde er plötzlich +toll."--"Ach, ich könnte Dir auch etwas erzählen ... Ja, ja, ja!" Sie +versank in Gedanken. Dann murmelte sie: "Wenn einer jahrelang so +herumgeht..."--"Wir wollen nicht darüber reden!" unterbrach Mary sie und +stand auf.--"Nein, das ist ..."--"Nichts mehr davon!" wiederholte Mary. +Sie trat ans Fenster. Da hörte sie Frau Dawes hinter sich: "Er hat mit +mir gesprochen, mußt Du wissen. Ob er jetzt seinen Antrag machen dürfe. +Er könne sich nichts Schöneres denken. Einspringen, wenn wir nicht +weiterkönnen. Aber er findet, Du bist zu unnahbar." Mary machte +unwillkürlich eine Bewegung. Frau Dawes bemerkte es: "Sei jetzt nicht zu +streng, Mary! Weißt Du, Kind, Dein Vater und ich, wir finden beide ..." +--"Nicht, Tante!" Mary drehte sich rasch nach ihr um--nicht gerade +unwillig, aber doch so, daß das Gespräch nicht weitergehen konnte. + +Mary blieb in der Stube. Sie wollte nicht Gefahr laufen, mit Jörgen +Thiis zusammenzutreffen. Als Mary Frau Dawes einmal eine Handreichung +leistete, sagte diese: "Du weißt, Kind, er beerbt Onkel Klaus?" Als Mary +nicht antwortete, wagte sie fortzufahren: "Jörgen glaubt, Onkel Klaus +wird ihm helfen, wenn er sich verheiratet." Mary ging das zu einem Ohr +hinein, zum andern hinaus. + +Als die Bahn frei war, suchte Mary ihr eigenes Zimmer auf. Sie +durchdachte die ganze Szene noch einmal und glühte vor Aufregung, aber +sie war verwundert, daß sie eigentlich nicht erzürnt war. Es war ja doch +ganz entsetzlich. + +Und gerade als sie dachte: "Was jetzt weiter?" klopfte es leise an die +Tür. Sie wurde sehr böse, sie wäre am liebsten aufgesprungen und hätte +die Tür verschlossen. Aber nach einer Weile sagte sie: "Herein!" Die Tür +öffnete sich und schloß sich, ohne daß sie aufsah; sie saß in ihrem +großen Stuhl. Leise und demütig kam er heran und ließ sich aufs Knie +nieder, indem er das Gesicht in ihre Hände legte. Daran war nichts +Abstoßendes. Er war tief bewegt. Sie blickte hinunter auf seinen +hübschen Kopf mit dem weichen Haar. Sie verweilte bei seinen langen +Künstlerfingern. Etwas Feines wirkte an ihm versöhnend. Aber diese +Sentimentalität! "Soll ich abreisen?" war das einzige, was er sagte. Sie +zögerte eine Weile, dann sagte sie: "Ja." Ganz leise. Er ließ die Arme +sinken, griff nach ihrer rechten Hand und drückte seine Lippen darauf, +lange, aber ehrerbietig. Stand auf und ging. + +Bei dem Kuß, so ehrerbietig er war, durchrieselte ihren Körper ein +aufregendes Gefühl. Wie sie es vorhin gehabt hatte, als er sie küßte +und küßte, daß sie einer Ohnmacht nahe war. Sie blieb verwundert sitzen. +Noch lange, nachdem er fort war. Sie dachte wieder ihren Kampf bis ins +kleinste durch und zitterte. "Warum bin ich nicht böse auf ihn?" + +Da klopfte es wieder. Das Mädchen der Frau Dawes fragte an, ob sie nicht +herüberkommen wolle. "Du hast ihn abreisen lassen, Kind?" Frau Dawes war +mehr als betrübt. Vor Eifer richtete sie sich auf und stützte sich auf +den einen Arm. Ihre Mütze saß schief auf dem kurzen grauen Haar, der +fette Hals war röter als gewöhnlich, als sei es ihr zu warm. "Warum hast +Du ihn abreisen lassen?" wiederholte sie. "Er wollte doch."--"Wie kannst +Du das sagen, Kind? Er war doch bei mir und jammerte. Er wollte für sein +Leben gern hier bleiben! Du hast keinen Begriff davon. Du hast ihn ja +immer bloß zurückgestoßen. Und gefoltert." Sie legte sich ganz +verzweifelt wieder zurück. Das Wort "gefoltert" machte flüchtig einen +komischen Eindruck; aber Mary hatte selbst die Empfindung, sie hätte mit +ihm sprechen sollen, ehe sie ihn gehen ließ. Denn gehen mußte er. + +Es kamen recht schwere Tage. Anders Krogs Befinden verschlechterte sich +bei einem Witterungsumschlag. Dazu kamen Verdauungsbeschwerden. Es fiel +ihm schwerer, sich verständlich zu machen. Mary war viel bei ihm; dann +folgte er ihr mit den Augen, daß es ihr fast Angst machte. + +Frau Dawes schickte ihm kleine Zettel. Von ihrer Schreiberei ließ sie +sogar im Bett nicht. Immer wenn solch ein Zettel kam, blickte er Mary +lange an. Da erriet sie, wovon die Zettel handelten. + +Eines Tages sagte Frau Dawes zu ihr: "Du überschätzt Dich, wenn Du +meinst, Du kannst hier allein mit uns leben."--"Wie meinst Du +das?"--"Daß Du im Frühling des gesellschaftlichen Lebens noch so müde +sein magst,--wenn der Herbst kommt, lockt es doch. Du bist zu sehr daran +gewöhnt."-- + +Mary antwortete diesmal nicht; aber einige Tage später--es war lange +naßkaltes Wetter gewesen, und sie hatte nicht draußen sein können--sagte +sie zu Frau Dawes: "Du kannst recht haben, das Leben, das wir all diese +Jahre hindurch geführt haben, hat tiefe Wurzeln in mir geschlagen."--"O +ja, tiefere als Du selbst ahnst, mein Kind!"--"Aber was soll ich denn +tun? Von hier fort kann ich doch nicht? Ich will es auch +nicht."--"Nein.--Aber Du könntest Dir etwas Abwechslung verschaffen." +--"Wie denn?"--"Du verstehst mich recht gut, Kind! Wenn Du +verheiratet wärst, würde er zeitweise hier mit Dir leben und Du +zeitweise mit ihm da, wo er hin muß."--"Eine wunderliche Ehe!"--"Ich +glaube nicht, daß Du ihm sonst näherkommen kannst."--"Wem +näherkommen?"--"Dem, was das Leben von Dir verlangt. Und dem, woran Du +gewöhnt bist." + +Mary fühlte, das, was Frau Dawes da sagte, sei auch des Vaters Wunsch. +Daß es ihr Schicksal sei, was ihm die größte Sorge mache. Daß ihm eine +Ehe mit Jörgen unter Onkel Klaus' Obhut eine große Beruhigung sei. Es +lag wie ein Druck auf ihr, daß sie bis auf diesen Tag wenig Rücksicht +auf die Wünsche des Vaters genommen hatte. + +Diese ganze Zeit, all diese Erwägungen erschienen ihr wie das Rezitativ +einer Oper, das zwei Handlungen miteinander verbindet. + +Wenn sie jetzt, wo es herbstete, über die Bucht hinschaute, fühlte sie +sich wie eine Gefangene. Stand sie oben auf der Höhe und sah mit den +schaumsprühenden Wogen den rauhen Herbst daherkommen, dann hatte sie das +Gefühl, er wolle sie für den Winter einkerkern. Dann brauste es in ihr +auf; sie war an anderes gewöhnt. + +Auch in ihrem Blut brauste es. Sie hatte ihre Ruhe verloren. In der +Erinnerung erschien ihr Jörgen nicht abstoßend. Die Atmosphäre, die ihn +umgab, schien ihr sogar sympathisch. + +Daß ein Schlaganfall den Vater aufs Krankenlager geworfen hatte, und +daß Jörgen gerade anwesend war, und daß er dem Vater willkommen +war,--knüpfte das kein Band? War das nicht wie Schicksal? + +An Jörgens Seite in Stockholm[1] aufzutreten und später weiter in die +Welt gesandt zu werden,--einen naturgemäßeren Abschluß ihres +Wanderlebens, eine vielseitigere Verwendung dessen, was sie dabei +gelernt hatte, konnte man sich schwer vorstellen. + +Onkel Klaus mußte helfen. Gründlich helfen. Sie war sich ihrer Macht +über Onkel Klaus bewußt.-- + +"Kurz und gut, liebe Tante Eva," sagte sie eines Tages, als sie neben +ihr am Bett saß und mit ihr plauderte: "Du kannst an Jörgen schreiben." + +[Footnote 1: Schweden und Norwegen hatten damals ein gemeinsames +Ministerium des Auswärtigen.] + + * * * * * + +Mary stand selbst auf der Brücke, als das Boot anlegte. Es war am +Sonnabend nachmittag, und wer irgend konnte, floh aus der Stadt, um die +letzten Herbsttage im Freien zu genießen. Es war ein schöner Tag. Im +südlichen Norwegen hat man solche Tage oft bis tief in den September +hinein. Mary war in Blau und hatte einen blauen Sonnenschirm, mit dem +sie Jörgen und ein paar Freundinnen winkte, die neben ihm standen. Alle +Leute an Bord kamen nach der Landungsseite herüber, um zuzusehen. + +Sowie Jörgen neben ihr stand, fühlte er, daß er vorsichtig sein müsse. +Er erriet, daß sie ihn nur deshalb hier unten in Empfang nahm, damit ihr +Zusammentreffen nicht intim ausfallen könne. + +Auf dem Wege nach oben sprachen sie über die Schwalben, die sich jetzt +zum Aufbruch rüsteten, über den Verwalter, der kürzlich einen mächtigen +Adler geschossen hatte, über das Schreibbrett, das für Frau Dawes +konstruiert worden war, über die gute Grummeternte, über die Obst-und +die Futterpreise.--Drinnen im Flur lief sie ihm mit einem kurzen +"Verzeihung!" weg. Sie flog die Treppe hinauf. Der Bursche, der Jörgens +Koffer brachte, trat hinter ihnen in die Tür; Jörgen und er standen da +und wußten nicht wohin. Da hörten sie Marys Stimme von oben: "Bitte +hierher!" Sie gingen hinauf. Sie öffnete das Fremdenzimmer, das neben +ihrem eigenen lag, und ließ den Burschen den Koffer dahinein setzen. Zu +Jörgen sagte sie: "Wollen wir nicht jetzt zu Vater hineingehen?"--Sie +ging voran. Die Pflegerin war nicht da. Vermutlich um die +fortzuschicken, war sie vorhin nach oben gelaufen. + +In den Augen des Kranken leuchtete es auf, als er hinter ihr in der +offenen Tür Jörgen bemerkte. Kaum war die Tür geschlossen, als Mary auf +ihren Vater zuging, sich über ihn beugte und sagte: "Jörgen und ich +haben uns verlobt, Vater." + +Alle Güte und alles Glück, das sich in einem Angesicht vereinen kann, +strahlte aus den Mienen des Vaters. Lächelnd wandte sie sich zu Jörgen, +der blaß und verwirrt dastand und nahe daran war, auf Mary zuzustürzen +und sie zu umarmen. Aber er fühlte, sie wollte wohl seine Überraschung, +seine Dankbarkeit und seine Anbetung, aber keine Zeremonien. Das tat +seinem Glück keinen Abbruch. Er begegnete ihren lächelnden Augen mit der +vollsten, innigsten Freude. Er drückte die Hand, die Anders Krog ihm +geben konnte, er blickte ihm in die tränennassen Augen und seine eigenen +füllten sich mit Tränen. Aber gesprochen wurde kein Wort, bis Mary +sagte: "Jetzt gehen wir zu Tante Eva!" + +In einem Gefühl des Sieges ging sie voran. Bewundernd folgte er ihr. +Sein Herz war voll, nicht zum wenigsten von Begeisterung über den +Großmut, mit der sie ihm verziehen hatte. Er dachte: draußen auf dem +Flur wird sie sich umdrehen, und dann ... Aber sie ging direkt auf Frau +Dawes' Tür zu und klopfte an. + +Als Frau Dawes Jörgen gewahrte, schlug sie die fetten Hände zusammen, +zerrte an ihrer Mütze und wollte sich aufrichten,--aber es gelang ihr +vor lauter Rührung nicht. Sie sank wieder zurück, weinte glückselig vor +sich hin und streckte die Arme aus; Jörgen warf sich hinein, aber zum +Kusse kam es nicht. + +Sobald ein vernünftiges Wort gesprochen werden konnte, sagte Mary: +"Findest Du nicht auch, Tante Eva, morgen müssen wir beide zu Onkel +Klaus?"--"Das einzig Richtige, Kind! Das einzig Richtige. Worauf braucht +Ihr zu warten?"--Jörgen strahlte. Mary zog sich zurück, damit die beiden +in aller Vertraulichkeit miteinander sprechen könnten. + +Als sie wieder zusammenkamen, merkte er, daß die Parole hieß: "Ansehen, +aber nicht anfassen!" Das fiel ihm schwer; aber er gab zu, daß einer, +der so vermessen gewesen war, im Zaum gehalten werden mußte. Sie wollte +selbst über sich verfügen. + +In ihrem Triumphgefühl war sie schöner als je. Es erschien ihm wie eine +Gnade, daß sie "Du" zu ihm sagte. Das war auch alles, wozu sie sich +herabließ. Er wartete und wartete; aber sie gab nicht mehr. Den ganzen +Tag nicht. Da nahm er seine Zuflucht zum Klavier und jammerte ganz +fürchterlich darauf: Mary machte die Türen auf, damit Frau Dawes etwas +hören könne. "Der arme Junge!" sagte Frau Dawes. + +Am ändern Tage kam sie erst kurz vor der Abfahrt des Dampfers nach +unten, mit dem sie zu Onkel Klaus wollten. "Heute bist Du richtig la +grande dame",--Jörgen musterte sie bewundernd; sie stand in ihrer +elegantesten Pariser Besuchstoilette vor ihm. "Du willst Onkel Klaus +wohl imponieren?"--"Das auch. Aber es ist doch heute Sonntag.--Sag' +mal," sie wurde plötzlich ernst, "weiß Onkel Klaus von Vaters +Unglück?"--"Von seiner Krankheit?"--"Nein, von der Ursache der +Krankheit?"--"Das weiß ich nicht. Ich komme von Hause.--Ich habe nichts +gesagt. Nicht mal zu Hause."--Das gefiel ihr. Deshalb wurde auch der +Gang zum Dampfer hinunter und nachher die Fahrt gemütlich und fröhlich. +Sie sprachen leise von der Hochzeit, von dem Urlaub für den ersten Monat +nachher, von dem Leben in Stockholm, von ihrer Reise dahin, von seinem +Weihnachtsbesuch zu Hause, von einem kleinen Abstecher nach Kristiania +jetzt gleich--kurz, an ihrem Himmel waren keine Wolken. + +Onkel Klaus trafen sie in seiner Rauchhöhle, wo sie ihn mehr ahnten, als +daß sie ihn sahen. Er war selber ganz erschrocken, als Mary in ihrer +ganzen Herrlichkeit vor ihm stand. Er eilte ihnen in den großen steifen +Salon voran. Noch ehe sie saßen, sagte Jörgen: "Ja, Onkel, heute kommen +wir, um Dir zu erzählen--" er kam nicht weiter; denn Onkel Klaus sah an +ihren Gesichtern, was für eine strahlende Neuigkeit sie brachten. "Ich +gratuliere, ich gratuliere!" Der große Mann streckte jedem eine Hand +hin: "Ja, das sagen alle," triumphierte er, "Ihr beide seid das +schmuckste Paar, das je in der Stadt war. Denn", fügte er hinzu, "wir +andern haben Euch ja lange verlobt!" Kaum hatten sie sich gesetzt, als +sich sein Gesicht verfinsterte. Er sah Mary mitleidig an: "Dein Vater, +armes Kind!"--"Vater geht es jetzt besser", antwortete sie +ausweichend.--Onkel Klaus blickte sie forschend an: "Er kann ja wohl +nicht mehr ..." er hielt inne, er konnte es wirklich nicht über sich +gewinnen, das auszusprechen, auch Mary nicht. Sie saßen also eine Weile +schweigend da. + +Als das Gespräch wieder in Fluß kam, redeten sie über die ungewöhnlich +schlechten Zeiten. Es mache den Eindruck, als wollten die kein Ende +nehmen. Die Aktien hätten keinen Wert, die Schiffahrt liege darnieder, +keine neuen Unternehmungen, das Geld arbeite nicht. Während sie hierüber +sprachen, blickte Onkel Klaus Jörgen mehrmals an, als wolle er nach +etwas fragen, wenn er erst fort sei: Sie bemerkte es und gab Jörgen +einen Wink, er stand auf und entschuldigte sich: er habe sich mit +einigen Kameraden in der Stadt verabredet. Es war zwischen Mary und ihm +ausgemacht, daß sie allein mit Onkel Klaus reden solle. Aber was mochte +Onkel Klaus mit ihr zu besprechen haben? Sie war gespannt. + +Jörgen war kaum aus der Tür, da sagte Onkel Klaus mit bekümmerter +Miene: "Armes Kind, ist es wahr, daß Dein Vater in Amerika große +Verluste gehabt hat?"--"Er hat alles verloren", antwortete sie. Blaß und +entsetzt fuhr der große Mann in die Höhe: "Er hat alles verloren?"--Er +starrte sie mit weit offnem Mund an, wurde dunkelrot und rief: "Ja, +Gottsdonnerwetter, da kann ich verstehen, daß man den Schlag +bekommt."--Er begann im Zimmer auf und ab zu rennen, als sei außer ihm +niemand da. Die weiten Hosen schlotterten ihm um die Beine, mit den +langen Armen fuchtelte er in der Luft herum. "Er ist doch schon immer so +ein leichtgläubiger Tropf gewesen! Ein richtiger Dussel! Wenn man sich +vorstellt, einer hat ein so großes Vermögen im Geschäft eines ändern +stecken, und er kümmert sich dann nicht weiter drum! Das ist doch eine +verdammte--" er hielt jäh inne und fragte in höchstem Erstaunen: "Auf +was wollt Ihr denn heiraten--?" + +Mary war tief verletzt, noch ehe diese Frage kam. In ihrer Gegenwart +sich so zu benehmen, vor ihren Ohren so etwas von ihrem Vater zu sagen! +Trotzdem antwortete sie mit ihrem reizendsten Lächeln und voll +Schelmerei: "Auf Dich, Onkel Klaus!" + +Seine Verblüffung war nicht zu beschreiben. Sie versuchte sie zu +dämpfen, ehe sie zum Ausbruch kam, sie bedauerte ihn scherzend--und zwar +auf englisch--was für ein armer Mann er sei. Aber das prallte ab wie +Vogelgezwitscher an einem Bären. "Das sieht dem Jörgen, diesem Satan, +ähnlich," brach er schließlich hervor, "gleich auf mich zu +spekulieren!"--Er rannte wieder durch die Stube, schneller als bisher: +"Haha! das konnte ich mir ja denken! Wenn was in die Quere kommt, muß +ich herhalten! In diesen Zeiten, wo ich kaum mein Essen verdiene! Solche +Unverschämtheit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!" +Er sah sie nicht, er sah überhaupt nichts. Dieser reiche Mensch hatte +seinen Launen, seiner Wut, seiner Unverschämtheit immer freien Lauf +gelassen. "Schockschwerenot, Jörgen verdiente, daß ich ihm auch das +entzöge, was er jetzt bekommt. Immer will er mehr haben! Und nun sollte +ich--ha, ha! Ja, das ist ein Prachtbengel!"-- + +Mary saß totenblaß da. Sie war nie bisher gedemütigt worden; nie bisher +hatte ein Mensch sie anders als eine Bevorzugte behandelt. + +Aber den Kopf verlor sie nicht. "Ich führe jetzt Vaters Bücher," sagte +sie kühl; "daraus habe ich ersehen, daß auch Ihr Geschäfte zusammen +gemacht habt."--"Oh ja," sagte er, ohne stehen zu bleiben und ohne sie +anzusehen: "Oh ja--mit ein paar Hunderttausend. Aber wenn Du die Bücher +führst, weißt Du wohl auch, daß sie in diesen Zeiten fast nichts +einbringen."--"Das ist nun wohl übertrieben", antwortete sie. "Ja, was +willst Du mit den Papieren?" fragte er und blieb stehen. Aus einer +plötzlichen Eingebung heraus rief er: "Hat Jörgen Dich beauftragt, sie +zu verkaufen?"--"Jörgen hat mich zu nichts beauftragt", sagte sie und +stand auf. + +Wie sie blaß und groß und stattlich vor ihm stand und ihn mutig ansah, +war er der Unterlegene. Er starrte sie nur an. Sie sagte: "Ich bedaure, +daß ich nicht eher gewußt habe; was für ein Mensch Du bist." Alle +Überlegenheit fiel von ihm ab,--er stand dumm und schwerfällig da. Er +war nicht imstande zu antworten, ja nicht einmal sich zu rühren. Er ließ +sie gehen. Und das wollte er gerade am wenigsten. + +Durch das Fenster sah er ihr nach, sah sie nach dem Markt hinuntergehen. +Wie schön und stolz sie war, wie ein Bild. + +Als Jörgen bald darauf kam, um Mary abzuholen oder vielmehr mit ihr +zusammen zu Tisch dazubleiben,--denn er war überzeugt, sie würden zum +Essen eingeladen werden--bekam er nicht allein dieselbe Lektion, die sie +bekommen hatte, sondern eine viel saftigere, weil Onkel Klaus jetzt +außerordentlich unzufrieden mit sich selbst war. Dafür mußte Jörgen +büßen. "Warum, zum Donnerwetter, bist Du nicht selbst gekommen? Du +warst wohl zu feig dazu?--Und dann hast Du sie veranlassen wollen, +Aktien zu verkaufen, die jetzt gar keinen Wert haben! Ein verflucht +leichtsinniger Kerl bist Du doch immer gewesen."--Onkel Klaus hatte +unrecht; aber Jörgen kannte ihn, er wußte, daß man ihm jetzt nicht +widersprechen durfte. Er machte sich auf allen vieren davon und kam zu +Mary, erbarmungswürdiger als damals, wo sie ihn oben auf dem Hügel +getroffen hatte, wie er in das verlorene Paradies hinunterschaute. Sie +selbst hatte geweint vor Ärger und Enttäuschung; aber sie hatte +Sprungfedern in sich; jetzt kam der Umschlag. Ihr Sturz aus ihrer +Siegesstimmung herab, die sie noch vor einer halben Stunde gehabt hatte, +war so jäh, daß die ganze Geschichte, wenn man Jörgens jämmerlichen +Zustand dazunahm, lächerlich wurde. Sie lachte so ausgelassen, so +köstlich befreit, daß sogar Jörgen geheilt wurde. Nach Verlauf einer +Viertelstunde gingen die beiden jungen Menschen über die Straße, um sich +ein leckeres Mittagessen mit Champagner zu bestellen. Während das +hergerichtet würde, wollten sie einen Spaziergang machen. Aber kaum +standen sie draußen in der köstlich frischen Luft, da mußte Jörgen +wieder hinauf und nach Krogskog telephonieren, sie würden heimkommen und +dort zu Mittag essen. Es würde ungefähr zwei Stunden dauern auf der +neuen Landstraße; das sollte ein herrlicher Spaziergang werden! + +Sie schritten tüchtig aus; der klare Herbsttag mit seiner frischen Brise +war kühl,--so rechtes Wetter zum Wandern. + +Der Weg an der See entlang durchschnitt die Landzungen; sie freuten sich +über den steten Wechsel von Strand und Bergeshöhe, von Bergeshöhe und +Strand. Das Meer tiefblau, bis weit hinten voller Segel und Rauchsäulen. +Heut war Sonntag, daher waren auch viele Lustjachten draußen; sie +krochen durch die Meerengen und wagten sich auf die offene See hinaus. + +Bei ihrem schnellen Tempo waren die beiden bald aus der eigentlichen +Stadt heraus. Da lag ein hübsches kleines Haus in einem Garten. "Wem +gehört das?" fragte Mary. Es sah so einladend aus. "Fräulein Röy, der +Ärztin", antwortete Jörgen eifrig. "Ich habe über all dem Ärger und der +Enttäuschung doch vergessen, Dir zu erzählen, daß ich Franz Röy in der +Stadt getroffen habe!" Ohne es zu wissen, blieb Mary stehen. Ohne es zu +wollen, wurde sie rot. "Franz Röy?" fragte sie und blickte starr vor +sich hin. Dann ging sie weiter, noch bevor sie eine Antwort bekommen +hatte. "Er soll hier die Hafenarbeiten leiten. Du weißt, Irgens ist +tot."--"Der Ingenieur? Der ist tot?"--"Und jetzt heißt es, Hauptmann Röy +wird das übernehmen."--"Ist das eine Arbeit für einen Mann wie +ihn?"--"So fragt gewiß mancher.--Alle fragen, was er hier will?" lachte +Jörgen. Mary sah ihn an und er Mary. Dann ging er näher an sie heran: +"Aber jetzt kommt er zu spät." Er hatte als Antwort einen +verständnisvollen Blick erwartet, in dem vielleicht ein bißchen Glück +lag. Aber sie ging weiter, ohne ihn anzusehen, auch ohne etwas zu sagen. + +Da trat eine lange Pause ein. Sie gingen schnell. Der Herbstwind wehte +erfrischend. Da wandte sie sich zu ihm, um ihm eine Freude zu machen. +"Weißt Du, Jörgen, daß Vater bei Onkel Klaus zweihunderttausend Kronen +stehen hat?"--"Zweihundertfünfzigtausend", antwortete Jörgen. Sie war +sehr erstaunt,--einmal darüber, daß Jörgen Bescheid wußte, dann über die +fünfzigtausend Kronen. "Onkel Klaus sprach von zweihunderttausend." +--"Ja, die Dein Vater in seine Unternehmungen und in das +Schiff hineingesteckt hat. Aber kurz bevor Dein Vater krank wurde, +hat er Onkel fünfzigtausend Kronen geschickt, die frei geworden +waren."--"Woher weißt Du das?"--"Onkel hat es mir gesagt."--"Ich habe +nichts darüber gefunden."--"Nein, Dein Vater hat sich mit dem Verbuchen +wohl nicht beeilt; das war seine Art so. Außerdem--," hier stockte +Jörgen, "kennst Du alle Geschäfte Deines Vaters?" Sie wollte darauf +nicht eingehen; die Frage kam ihr nicht unerwartet. Aber wie konnte +Jörgen--? Vielleicht durch Frau Dawes. Jedenfalls freute sie sich. Sie +war stehen geblieben, sie wollte etwas sagen. Aber der Wind hob ihr die +Röcke hoch, löste ihr eine Haarsträhne und riß ihr den Schal ab. +"Herrgott, wie entzückend Du aussiehst!" rief er.--"Aber dann steht ja +nichts im Wege, Jörgen?"--"Wir können heiraten, meinst Du?"--"Ja", und +damit ging's weiter.--"Nein, Liebste, jetzt bringen die Aktien nahezu +nichts ein."--"Ja, was tut das? Wir müssen drauflosgehen, Jörgen!" Sie +strahlte vor Gesundheit und Mut. "Ohne Onkels Zustimmung?" fragte er +verzagt.--Sie stand wieder still: "Würde er Dich enterben?"--Ohne direkt +zu antworten, sagte er schwermütig: "Wenn Du wüßtest, Mary, was ich mit +Onkel ausgestanden habe. Vom ersten Tag an, da er mich zu sich nahm. Wie +er mich geplagt hat. Wie er mir aufgepaßt hat. Bis auf diesen Tag bin +ich wie ein ungezogener Schuljunge von ihm behandelt worden. Seine +schlechte Laune hat er stets an mir ausgelassen." Auf seinem Gesicht +zeigte sich eine solche Mischung von Verbitterung und Unglück, daß Mary +unwillkürlich rief: "Armer Jörgen,--jetzt fange ich an zu verstehen!" +Sie gingen weiter. Sie dachte daran, daß seine Fähigkeit, sich zu +beherrschen in einer harten Schule erworben sei; da hatte er auch +gelernt, sich zu verstellen. Seine Zähigkeit mußte sie bewundern; was +hatte er nicht alles durchgesetzt! Und allein seine Musik! Die war wohl +sein Trost gewesen. Jetzt verstand sie seine ungewöhnliche Höflichkeit. +Jetzt verstand sie seine Sentimentalität. Sie verstand, wodurch er so +streng und pedantisch geworden war und so hart gegen seine Untergebenen. + +Sie sah ein, daß auch sie vielleicht schuld gewesen, wenn es ihm +schlecht gegangen war. Seine lange, schweigende Liebe zu ihr hatte ihm +nur eine Last mehr aufgebürdet; denn sie hatte ihm kein aufmunterndes +Wort gegönnt; im Gegenteil! Was Wunder, daß er schließlich wie verhext +war? "Armer Jörgen", sagte sie noch einmal und faßte seine Hand. Das +erste Liebeszeichen, das sie ihm je gewährt hatte. Sie mußte es gleich +wieder zurücknehmen, weil sie die Röcke festhalten mußte, denn um die +Landzunge pfiff ein scharfer Wind, und ein Segelboot schnitt gerade +unter ihnen durch das Wasser. Vom Boote aus wurde heraufgewinkt, und sie +winkten hinunter. Welch ein herrlicher Tag, wie schimmernd blau der +Fjord mit den roten Wimpeln überall. + +Als sie zur Bucht hinunterkamen, fragte sie: "Glaubst Du wirklich, er +würde Dich enterben, wenn wir uns verheiraten?"--"Wir haben nichts, +woraufhin wir heiraten können, Du Liebe!"--"Wir können doch diese +Papiere verkaufen", sagte sie mutig. "Ja, wenn wir so vorgehen, um uns +heiraten zu können, daß wir sie jetzt verkaufen, wo sie so niedrig +stehen, ja, dann enterbt er mich sicher."--Aber sie wollte die Hoffnung +nicht aufgeben: "Und unser Wald?"--"Der muß erst jahrelang stehen."-- + +Wie gut Jörgen Bescheid wußte! Wie genau er alles überlegt hatte! + +Sie kamen auf die Strandstraße, die auf die letzte Landzunge bei +Krogskog zuführte. Da stand ein alter wunderlicher Finnenhund. Mary war +gut Freund mit ihm. Er kläffte ja immer ein bißchen, wenn jemand in +seine Nähe kam; vielleicht konnte er nicht gut sehen; aber er wedelte +gleich mit dem Schwanz, wenn er einen Bekannten witterte. Heute war er +wie toll. + +"Herrjeh," rief Mary, "ist er etwa auf Dich so wütend?" Jörgen +antwortete nicht, sondern bückte sich nach einem kleinen Stein. Als der +Hund das sah, rannte er, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, hinter +einen Reisighaufen am Wege. Von dort setzte er dann das Konzert fort. +"Laß ihn doch!" sagte Mary, als sie sah, daß Jörgen die Schußlinie +berechnete. "Es wäre doch spaßig, wenn er sich genau auf die Stelle +zurückzöge, auf die ich ziele," sagte er, "dann bekommt er den Stein +nämlich gerade auf den Rücken." Dabei tat er, als werfe er; der Hund +setzte davon,--da warf er erst, und der Hund bekam den Stein genau auf +den Rücken. Er heulte auf. "Siehst Du!" sagte Jörgen triumphierend. "Es +gibt nicht viele, die so sicher treffen, kann ich Dir sagen."--"Kannst +Du ebenso gut schießen?"--"Ob ich es kann! Wirklich, Mary, alles, womit +ich mich befasse--viel ist es ja nicht,--das tue ich gründlich." Das +mußte sie zugeben. Das rasende Gebell des Hundes in der Ferne bestätigte +es auch. + +Auf dem Richtsteig zum Hause hinauf sagte er: "Meinst Du, wir sagen Frau +Dawes oder Deinem Vater etwas?"--"Von Onkel Klaus?"--"Ja. Es würde sie +nur betrüben. Können wir nicht sagen, er habe gemeint, wir sollten bis +zum Frühjahr warten?"--Sie blieb stehen. Sie war nicht für so etwas. +Aber Jörgen blieb dabei. "Ich kenne Onkel Klaus besser als Du. Ihm wird +es bald leid. Freilich wird er nicht nachgeben, aber er wird selbst mit +einem anderen Vorschlag kommen, ungefähr mit so etwas, wie ich jetzt +meine:--er möchte, wir warteten bis zum Frühjahr." + +Mary war sich längst darüber klar, wie gut Jörgen unterrichtet sei; sie +mußte deshalb auch zugeben, daß er so etwas besser verstand als sie. +Aber an Schleichwege war sie nicht gewöhnt. "Laß mich nur machen," sagte +er, "dann erspare ich den alten Leuten eine Enttäuschung." + +"Aber was soll ich denn sagen?" fragte Mary.--"Die Wahrheit, daß Onkel +sich sehr über unsere Verlobung gefreut hat, und daß die Zeiten jetzt so +schlecht seien, daß wir warten müßten. Das verhält sich doch tatsächlich +so." + +Damit war Mary einverstanden. Besonders weil es sie freute, daß Jörgen +auf die Schonung der beiden Alten bedacht war. Er bekam dafür einen +aufrichtigen Dank--und wieder ihre Hand. Die behielt er in seiner bis an +die Treppe, ja noch die Treppe hinauf. Er dachte, das ist ein Pfand für +einen Kuß im Vorzimmer. Aber dann nehme ich mir zehn! + +Er machte die Tür auf und ließ Mary vorangehen. "Schönen Dank für den +Spaziergang, Jörgen", sagte sie, indem sie an ihm vorbeiging und ihm +fröhlich zunickte,--lief zur Treppe und nach oben. Er hörte sie in ihr +Zimmer gehen.-- + +Wie schonend Jörgen auch seine Worte wählte, als er von dem Resultat +berichtete,--es war eine schwere Enttäuschung für die alten Leute. +Sowohl Krog wie vor allem Frau Dawes fanden es unerklärlich; die +letztere sogar grausam. So sollte Mary den langen Winter über hier +allein bleiben und Jörgen in Stockholm. Sie konnten sich vielleicht zu +Weihnachten ein paar Tage sehen, aber sonst nicht. Seltsamerweise übte +die Enttäuschung der beiden Alten einen Rückschlag auf Jörgen aus. Er +saß wie ein flügellahmer Vogel da. Er sprach nicht, er antwortete Frau +Dawes kaum, er spielte auch nicht; aber er bereitete seine Abreise für +den nächsten Morgen vor. Er wollte direkt nach Stockholm; seine Zeit war +um. + +Nur Mary war guter Dinge. Es war, als gehe sie die ganze Geschichte +nichts an. Ihr hatte der Tag nichts Schlimmes gebracht; so schien es. +Das Triumphgefühl, das in ihr war, seit sie vor ihrem Vater die +Verlobung zu proklamieren geruht hatte, war nicht allein ungeschwächt, +es war stärker als je. Sie ging über die Flure und durch die Stuben und +summte vor sich hin; sie hatte tausenderlei zu tun, als sei sie es, die +eine lange, wichtige Reise vorhatte. Beim Abendessen trieb sie soviel +Unsinn, daß Jörgen das unsichere Gefühl hatte, sie mache sich über ihn +lustig. Er sagte ihr schließlich gerade heraus, er verstehe sie nicht. +Ihm scheine, sie solle ihn lieber bedauern. Sie bleibe doch wenigstens +hier in ihrem entzückenden Heim und in ihrer schönen Sorge für ihre +beiden Lieben; er aber--? Jetzt habe er einen Haß auf das, was vor ihm +liege, weil es ihn von ihr fernhalte. Es tue ihm leid, daß er sich vom +Dienst habe beurlauben lassen. Er verabscheue Stockholm. Er wisse, wie +zurückgesetzt ein junger Mann dort sei, der nicht zur höheren "société" +gehöre und obendrein Norweger sei. Er war unglücklich und machte seinem +Kummer Luft. + +"Du hast doch bei Deiner Konfirmation so gut Bescheid gewußt, Jörgen, +hast Du vergessen, daß Jakob volle sieben Jahre um Rahel dienen +mußte?"--"Habe ich etwa nicht lange genug um Dich gedient, Mary?"--"Weil +Du gar so früh damit anfingst, sind es so viele Jahre geworden. Es ist +eine schlechte Angewohnheit von Dir--zu früh anzufangen!"--"War es denn +möglich, Dich zu sehen, ohne ...? Du tust Dir selbst unrecht."--"Du +hattest doch andere Ziele, Jörgen, als mich zu erringen?"--"Die hatte +Jakob auch, der Geldjäger! Und er hatte noch den offenbaren Vorteil, daß +er Rahel inzwischen sehen konnte, so oft er wollte."--"Na,--einer, der +Jahre lang gewartet hat, Jörgen--" "--der kann auch noch ein halbes Jahr +Iänger warten? Ja, Du hast gut reden, die nie auf etwas gewartet hat. +Nicht auf das geringste!"--Sie schwieg. "Daß Du mich obendrein noch +necken willst, Mary!--Der (auch wenn er bei Dir ist) auf so schmale Kost +gesetzt ist!"--"Du beklagst Dich, Jörgen?"--"Ja, wahrhaftig."--"Du hast +allzu früh angefangen, mußt Du bedenken." Sie lachte. Er wurde verlegen, +sagte aber nach einer Weile: "Du weißt eben nicht, was warten +heißt!"--"Ich weiß jedenfalls, daß einer, der auf schmale Kost gesetzt +ist, sich leichter daran gewöhnen kann." Sie lachte wieder. Er war +gekränkt und unsicher zugleich. Eine, die ihn wirklich lieb hatte, hätte +sich kaum so benommen--am Abend vor einer mehrmonatlichen Trennung. Und +bei so kläglichen Aussichten für die Ehe, wie sie sie hatten. + +Sie saßen eine Weile bei ihrem Vater und sehr lange bei Frau Dawes. +Jörgen war still und sagte überhaupt nichts. Mary aber war vergnügt. +Frau Dawes blickte die beiden verwundert an. Sie wandte sich zu Jörgen: +"Armer Junge, Du mußt zu Weihnachten herkommen!" Mary antwortete statt +seiner: "Tante Eva, um Weihnachten ist es in Stockholm gerade am +lustigsten." + +Plötzlich stand Mary auf und wünschte sehr unerwartet "Gute Nacht", erst +Jörgen, dann Frau Dawes. "Ich bin müde von unserer Tour und ich will +morgen früh aufstehen, um Jörgen zu begleiten." + +Jörgen fühlte, dieser unerwartete Aufbruch war ein wohlüberlegter +Streich. Sie wollte dem entgehen, ihm draußen auf dem Flur gute Nacht zu +sagen. Er schwur ihr Rache. Er verstand sich darauf. + +Frau Dawes wollte wissen, ob zwischen ihnen etwas vorgefallen sei. Das +bestritt er. Sie glaubte ihm nicht; er mußte allen Ernstes wiederholen, +er wisse von nichts. Aber seine Verstimmung verbergen, das konnte er +nicht. Er brachte es nicht einmal über sich, dazubleiben, und ließ sie +allein. Auf dem Flur war es gegen die Gewohnheit völlig dunkel. Er +tastete sich nach seiner Tür. Erst als er drinnen Licht angezündet hatte +und unwillkürlich auf ein Lebenszeichen aus ihrem Zimmer lauschte, fiel +ihm ein, daß sein Schloß geölt worden war. Heute morgen hatte es +geknarrt. Ganz unbedeutend, aber geknarrt hatte es. Nie war er in einem +Hause gewesen, wo wie hier die kleinste Kleinigkeit, die in Unordnung +war, sofort repariert worden wäre. Trotzdem Sonntag war. Er konnte sich +kein größeres Glück vorstellen, als später, wenn erst alles in Ordnung +war, hierher zurückzukehren, hier auszuruhen, und hier solange und +solcherart zu leben, wie sein tiefstes Bedürfnis nach Lebensgenuß es ihm +vor Augen stellte. + +Also galt es auszuhalten. Sich jetzt in ihre Launen zu finden wie früher +in des Onkels Launen. Bis seine Zeit kam!-- + +--Er war beim Ausziehen, als lautlos die Tür geöffnet wurde und Mary in +ihrem Nachtgewand hereintrat. Blendend schön. Sie schloß die Tür hinter +sich und trat an die Lampe. "Du sollst nicht länger warten, Jörgen!" Sie +löschte die Lampe aus.-- + + * * * * * + +Allein + + +Am nächsten Morgen verschlief sie die Zeit. Sie wurde durch Gesang und +Klavierspiel aufgeweckt. Im Halbschlummer erst und dann deutlich hörte +sie durch einen Strom herandrängender Erinnerungen Jörgens Stimme. Er +sang am Klavier bei offenem Fenster in den frühen Morgen hinein. Sein +heller, jubelnder Tenor trug Festesklänge zu ihr hinauf. + +Schnell, ganz schnell war sie aus dem Bett und in den Kleidern; sonst +kam sie zu spät, um ihn zum Schiff hinunterzubegleiten. Bei dem raschen +Hantieren wurde sie ganz wach, und mächtiger stürmten ihre Gedanken ihm +und seiner berauschten Seligkeit entgegen. Seinen tiefinnigen, Seele und +Sinne durchströmenden Dank und seine Lobeshymnen wollte sie in der Nähe +genießen! Hoch emporgehoben und im Triumph herumgetragen werden wie die +Herrscherin seines Lebens. Aus freier Souveränität hatte sie ihm des +Lebens höchsten Preis geschenkt. Jetzt war er belohnt für seine lange +Qual! Vorurteilslos und ohne zu feilschen. Sie kannte ihn jetzt doch; +sie wußte bis ins kleinste, wie er aussehen, wie er sich benehmen würde, +wenn er sie hineinführte in sein Glück. Deshalb schwoll ihre Brust dem +Wiedersehen entgegen. Feiern sollte man sie und ihr danken! + +Durch das kleine holländische Kabinett kam sie in ihrem blauen +Morgenkleide und legte die Hand auf den Türgriff des großen Musikzimmers +nach der See hinaus, mußte aber stehen bleiben, um Atem zu schöpfen, so +gespannt war sie. Dabei genoß sie seinen Triumph da drinnen. So +hingerissen war er von seiner eigenen Musik, daß sie ihm ganz nahe kam, +ehe er sie bemerkte. Er blickte strahlend auf und erhob sich langsam und +still wie zu einem Fest. Er wollte die Stimmung nicht zerstören; er +breitete die Arme ihr entgegen, zog sie an sich, küßte sie ehrbar aufs +Haar und streichelte ihr langsam und sorglich die Wange, die freilag; er +wollte zudecken und verbergen, ihr mit männlicher Güte über die Scham +weghelfen, die sie naturgemäß empfinden mußte. Er war ganz zart und +beruhigend.-- + +"Wir müssen jetzt wohl schnell essen", flüsterte er freundlich zu ihr +hinunter, küßte noch einmal ihr schönes Haar und atmete seinen Duft. +Dann faßte er sie sanft, aber gleichsam führend, um die Taille. An der +Tür fragte er leise: "Du hast wohl gut geschlafen, daß Du so spät +kommst?" Er öffnete mit der freien Hand väterlich die Tür und blickte +sie mitfühlend an, als er keine Antwort bekam. Sie war sehr blaß und +ganz verwirrt. "Mein süßes Mädchen", flüsterte er tröstend. + +Bei Tisch war des Rücksichtnehmens kein Ende, besonders da sie nichts +essen konnte. Aber die Zeit war knapp; er mußte für sich selbst sorgen, +so daß nicht viel darüber gesprochen wurde. Mary sagte kein einziges +Wort. Aber sie fand, er hantiere mit Messer und Gabel auf eine ganz +neue, herrische Art. Verwandt der Art, wie er zu ihr sprach und wie er +sie ansah. Er wollte ihr offenbar Mut einflößen. Nach dem, was gestern +geschehen war. Sie hätte den Teller mit allem, was darauf war, nehmen +und ihm ins Gesicht schleudern mögen! + +Sein Triumphgesang hatte ihm selber gegolten, die Siegeshymne seinem +eigenen Verdienst! + +Bei allen Mahlzeiten stand eine Karaffe mit Wein auf dem Tisch. Er trank +langsam ein ganzes, großes Glas, wischte sich den Mund und stand mit +einem würdevollen "Entschuldige!" auf.--Dann in der Tür: "Ich muß +nachsehen, ob der Knecht meinen Koffer geholt hat." + +Einen Augenblick nachher war er wieder da. "Die Zeit ist knapp"; er +schloß die Tür hinter sich und ging hastig auf Mary zu, die jetzt am +Fenster stand. Er zog sie diesmal rasch an sich und wollte sie +Küssen... + +"Nicht mehr dergleichen!" sagte sie mit ihrer ganzen alten Souveränität +und wandte sich ab. Sie ging stolz hinaus ins Vorzimmer, zog sich eine +Jacke an, wobei ihr das herzueilende Mädchen half, wählte einen Hut, +sah nach dem Wetter und nahm dann einen Sonnenschirm. Das Mädchen +öffnete ihr die Haustür, Mary ging rasch hinaus, er hinterher, in seinem +tiefsten Empfinden verletzt. Er war sich keiner Schuld bewußt. + +Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Aber es kochte so in +ihr, daß sie ihren Sonnenschirm fast zerbrochen hätte, als sie ihn +schließlich aufspannen wollte. Er sah es. + +"Du," sagte sie, und es klang, als habe sie eine ganz andere Stimme +bekommen, "ich halte nicht viel vom Briefschreiben. Ich kann auch keine +Briefe schreiben."--"Ich soll Dir also nicht schreiben--?!" Er hatte +auch eine andere Stimme bekommen. Sie antwortete nicht, und sie sah ihn +auch nicht an. "Wenn aber irgend etwas passiert--?" sagte er.--"Nun ja, +dann--! Aber dann hast Du ja Frau Dawes." + +Als sei es damit noch nicht genug, fügte sie hinzu: "Du bist wohl +übrigens auch kein Held im Briefschreiben. Also ist nicht viel dabei +verloren." + +Er hätte sie schlagen mögen. + +Zum Überfluß mußte nun auch noch der alte, wunderliche Finnenhund da an +der Brücke sein mit einem von seinen Leuten. Kaum wurde er Jörgen +gewahr, da fing das Konzert an. Es nützte alles nichts, soviel seine +Herren auch ihm pfiffen und ihn riefen. + +Alle wandten sich nach den Ankömmlingen um. Jörgen hatte sich sofort +nach einem kleinen Stein gebückt, und Mary hatte ihn leise gebeten, es +nicht zu tun. Der Dampfer legte gerade an, die allgemeine +Aufmerksamkeit, auch die des Hundes, wurde von ihnen abgelenkt, und auf +diesen Augenblick hatte Jörgen gewartet, um ihm den Stein direkt auf den +Leib zu werfen, daß er laut aufheulte. Unmittelbar darauf wandte er sich +zu Mary und zog den Hut mit seinem verbindlichsten Lächeln und mit +tausend Dank für die genossene Gastfreundschaft. + +Sie mußte anstandshalber warten, bis der Dampfer abfuhr; ja, sie mußte +ein paarmal mit dem Sonnenschirm winken. Lächelnd und triumphierend +grüßte Jörgen mit mächtigem Hutschwenken vom Dampfer herüber. + +Wütend war sie! Aber er kaum weniger. + + * * * * * + +"Er, der sich vor mir in den Staub hätte werfen müssen und den untersten +Saum meines Kleides küssen!" Das war ihre Empfindung. + +Schon gestern abend war das Gefühl von etwas Unfeinem in ihr +aufgedämmert. Er wollte sie nicht wieder loslassen. Sie mußte eine List +anwenden und ihre Tür verriegeln. Aber sie hatte sich das als eine +krankhafte Folge seiner langen Sehnsucht ausgelegt, die zur Besessenheit +geworden war. + +Jetzt war kein Zweifel möglich! Nur ein "Bewanderter" konnte es in +dieser Weise auffassen. Sie war betrogen. Das Allerschönste in ihr, das +von ihren feinsten Instinkten geschirmt und großgezogen worden, war +hineingelockt in einen widerwärtigen Irrtum. + +Sie rang den ganzen Tag damit. Verraten und geschändet nannte sie sich. +Zuerst wälzte sie alle Schuld von sich. Dann nahm sie alles auf sich und +verdammte sich als unbrauchbar für das Leben. Sie greife doch nur fehl, +sie verrate sich selbst. Einen Augenblick sagte sie: Mir ist Gewalt +angetan, obwohl ich mich freiwillig hingegeben habe! Im andern +Augenblick sagte sie: Das greift gewiß viel weiter zurück, und ich finde +mich nicht heraus. + +Welch ein Segen, daß ihr Zimmer unberührt und rein geblieben war. Das +nebenan wollte sie nie wieder betreten, nie mehr sehen. + +Ihm wollte sie nicht gehören. + +Aber würde er denn schweigen? Darüber war sie beruhigt. Auf dem Gebiet +lagen seine Schwächen nicht, sonst hätte sie wohl irgend etwas erfahren. +Aber daß ein einziger Mensch existieren sollte, der--! Sie weinte vor +ohnmächtigem Zorn. Das würde ihren Lebensmut zerstören. Das würde wie +ein Alp auf ihr liegen. Gerade wenn sie sich am höchsten fühlte. + +Sehen wollte sie ihn! Ihm sagen, wofür sie ihn gehalten habe,--und wer +er sei. Zu wem sie habe hineingehen wollen,--und zu wem sie +hineingekommen sei. Er sollte nicht triumphieren können. Aber dazu mußte +sie sein Leben kennen. Wen konnte sie fragen, wer kannte sich darin +aus?---- + +Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war sie sich klarer. Einmal +darüber, wie sie sich volle Gewißheit über Jörgen verschaffen konnte; +das mußte gelegentlich geschehen, so daß keiner etwas merkte. Ebenso war +sie sich klar, daß der Bruch mit ihm und die Begegnung, die den Bruch +vorbereitete, hingehalten werden mußte--vor allem um der beiden Alten +willen. Das zweite und viel wichtigere war: ihr eigenes Leben wieder +aufzubauen, aus dieser schwülen Luft herauszukommen, die sie ins +Verderben geführt hatte. Da gab es nur einen Weg: ihre Arbeit +aufzunehmen, sich brauchbar dafür zu machen und aus den Resultaten neuen +Mut zu schöpfen. + +Arbeit und Pflichttreue! Sie stützte sich auf die Ellbogen, als wolle +sie die Aufrichtung in ihrem Innern versinnbildlichen, und stand im +nächsten Augenblick auf den Füßen, um sich fertig zu machen.-- + +Die fünfzigtausend Kronen, die ihr Vater also neulich Onkel Klaus +gegeben, und die sie in den Büchern nicht gefunden hatte,--deuteten die +nicht darauf hin, daß ihr Vater noch einen Fonds in Amerika hatte--außer +dem brüderlichen Geschäft? Daß die Zinsen, die er nicht aufgebraucht +hatte, dort in Aktien angelegt waren? Da kürzlich 50 000 Kronen frei und +hierhergeschickt waren? + +Seit Jörgen ihr vorgestern von den 50 000 Kronen erzählt hatte, hatten +die ihr in all den ändern Geschichten keine Ruhe mehr gelassen. Sie +mußte die amerikanische Korrespondenz des Vaters prüfen; darin würde es +stehen. Aber sie fand keine solche Korrespondenz,--bis sie eine Truhe +öffnete, die unten in dem Bücherregal stand, zu dem der Schlüssel in +seinem Portemonnaie lag. Sie kannte die Truhe von ihren Reisen her; aber +sie hatte nie gewußt, was sie enthielt. Hier fand sich die ganze +amerikanische Korrespondenz; hier fanden sich auch die Belege. Es machte +den Eindruck, als habe er schon zu Lebzeiten ihrer Mutter ihr Vermögen +und alles, was damit zusammenhing, besonders verwaltet. Dann mußte aber +ein recht beträchtlicher Rest geblieben sein, selbst wenn der +Hauptbestand, eine Million Dollar, verloren war. Sie war wie im Fieber. +Ihr Vater mußte den Brief so verstanden haben, als sei sein ganzer +Besitz in Amerika verloren gegangen. So hatte sie es aufgefaßt, und die +andern gleichfalls. + +Den Kopf voll dieser Dinge, begab sie sich zum Vater. Sie setzte ihm +alles umständlich auseinander und sagte, sie wolle gleich nach Amerika, +um Klarheit zu schaffen. Er erschrak. Aber bald sah er die Notwendigkeit +ein und fügte sich. + +Frau Dawes war nicht so leichtgläubig. Sie vermutete, es müsse etwas +geschehen sein, wovon Mary sich ablenken wolle. Aber in Marys Wesen und +in ihrem Bericht über ihre Entdeckung war etwas Heftiges, etwas, das +keinen Widerspruch duldete. Frau Dawes beschränkte sich daher auf einige +schüchterne Einwendungen: es gebe auf dem Meer um diese Jahreszeit so +viele Stürme. + +Drei Tage später war Mary mit einem englisch sprechenden Mädchen auf dem +Wege nach Amerika. Sie werde, sagte sie, schon jemand finden, der ihr +wertvolle Hilfe leisten würde. Sie kenne so viele. + +Alles ging nach Wunsch. In weniger als anderthalb Monaten war sie wieder +daheim. Es war hohe Zeit gewesen, daß sie hinüberkam. Denn es sollte +gerade darüber prozessiert werden, ob Anders Krog mit seinem ganzen +Besitz der Kompagnon seines Bruders gewesen sei, während er es doch nur +mit der Summe war, die im Geschäft steckte. + +Das konnte sie beweisen. + +Dieser Erfolg machte ihr Mut. Warum nicht weiter gehen? Hier hatte sie +Kapital zur Verfügung, und sie hatte große Lust, etwas zu beginnen. Auch +einen Holzhandel. Konnte sie das nicht so gut lernen wie jeder andere? +Die doppelte Buchführung? War die so schwer? Sie fing gleich an. + +Anders Krog schien aufzuleben, seit sie wieder daheim war. Die +Gewißheit, daß das Vermögen, das außerhalb der Konkursmasse des Bruders +stand, gerettet war, war für ihn eine große Freude. Marys Zukunft lag +ihm so sehr am Herzen. + +Dagegen nahm Frau Dawes sichtlich ab. Es war, als habe dieses tätige, +rastlose Menschenkind seine Kräfte aufgebraucht. Selbst nach Jörgen +fragte sie nicht; ihre Korrespondenz hatte sie aufgegeben. + +Mary leitete den Gutsbetrieb zusammen mit dem Prokuristen und verwaltete +das Vermögen gemeinsam mit einem Geschäftsmanne. Nebenbei nahm sie +Unterricht und lernte. Zweimal wöchentlich war sie in der Stadt. + +So ging es in den November hinein. Da bekam Anders Krog einen Brief aus +Kristiania von einem nahen Verwandten, einem reichen Manne, dessen +einzige Tochter sich soeben verlobt hatte. Er bat, Marit möge doch zu +den Festlichkeiten hinkommen; es sollten in den beiden großen Familien +deren mehrere stattfinden. + +Mary war selbst erstaunt, wie große Lust sie plötzlich bekam. Der alte +Adam war nicht tot. Sie trällerte auf den Fluren und in den Stuben vor +sich hin, während sie ihre Reisevorbereitungen traf; sie sehnte sich +nach einer neuen Umgebung--und nach neuen Huldigungen. Sie suchte +Genugtuung darin! Das mußte sie sich selbst zugeben. + +Sie war kaum einige Tage dort, als Anders Krog einen Brief bekam, in dem +Marys Lob in den höchsten Tönen gesungen wurde. Nicht das Brautpaar, sie +sei der Mittelpunkt aller Bälle gewesen; nicht das Brautpaar, sie werde +bevorzugt und gefeiert--in erster Linie von dem Brautpaar selbst. Ihre +einzigartige Schönheit, ihr vornehmes Wesen, ihre Kenntnisse und ihr +Taktgefühl würden sie ihnen allen unvergeßlich machen. Sie möchten sie +so gern noch eine Zeitlang dabehalten. + +Anders Krog schickte den Brief zu Frau Dawes hinein mit der Bitte, ihn +bald zurückzugeben; er wolle ihn noch oft lesen,-- + +Am Tage darauf war Mary wieder daheim. Sie trat des Morgens still bei +ihrem Vater in die Tür, und er erschrak, als er sie sah. Sie sei krank +geworden, sagte sie, und das sah man auch deutlich genug. Sie war nicht +nur blaß, sie war grau, mit übernächtigen Augen und matter Stimme. Sie +gab ihrem Vater einen langen, zärtlichen Kuß, wollte aber den Brief, den +er bekommen hatte, gar nicht sehen und nicht von ihrem Aufenthalt in +Kristiania reden. Jetzt erst auf ein paar Minuten zu Frau Dawes, dann zu +Bett und ausruhen. + +Sie blieb kaum eine halbe Minute bei Frau Dawes, die sie in großer +Besorgnis zurückließ. + +Mary schlief den ganzen Tag, aß zu Abend eine Kleinigkeit und schlief +wieder die ganze Nacht. + +Als sie aufstand, sah sie aus wie immer, war frisch und wach. Der +Prokurist, der Gärtner und die Haushälterin kamen zu ihr und legten +Rechenschaft ab, und sie machte einen Rundgang durch das Haus. Dann kam +sie lächelnd nach oben zu ihrem Vater, der sehr glücklich war, als er +sie wieder so vor sich sah. + +Sie kam, um ihm zu sagen, daß jetzt einer baldigen Heirat nichts mehr im +Wege stehe. Jetzt hätten sie ja Vermögen. Der Vater brachte unter großen +Schwierigkeiten heraus, das habe er auch schon gedacht. Seine Augen und +die eine Hand sagten das übrige; daß er nämlich nichts lieber sehe. + +Aber als sie dasselbe zu Frau Dawes sagte und hinzufügte, sie habe +eigentlich Lust, gleich nach Stockholm zu fahren, um diesen Vorschlag zu +machen (Jörgens Name wurde nicht genannt), da gewann Frau Dawes die alte +Geistesschärfe wieder, richtete sich im Bett auf und fing laut zu +weinen an. Nun verlor Mary den Mut, warf sich über das Bett und +flüsterte: "So ist es, Tante Eva!" Sie weinte die verzweifeltsten Tränen +ihres Lebens. Aber als Frau Dawes' Kummer dadurch immer größer wurde, +hob Mary den Kopf: "Liebe Tante, Vater kann uns ja hören!"--Sie dämpften +ihre Stimmen ein wenig; Frau Dawes aber versicherte unter Tränen, dies +sei ja ihre eigene Geschichte! Erst als ihr Verlobter sie soweit gehabt +habe, sei ihr klar geworden, was für ein erbärmlicher Kerl er war; "aber +da mußten wir uns eben heiraten. Da siehst Du, Kind, wie wir Frauen +sind; wir werden nie klug."-- + +"Oh daß Ihr diesen Menschen in mein Leben hineinziehen mußtet!" jammerte +Mary. "Ich fühlte es instinktmäßig, daß ich ihn mir fernhalten müsse; +aber Ihr schlugt alle Bedenken zu Boden." Nach einer Weile: "Nein, so +mußt Du das nicht auffassen, Tante Eva; ich mache Euch keine Vorwürfe. +Was nützt jetzt auch alles Jammern? Hier bleibt nur eins: sich mit +geschlossenen Augen hineinstürzen." + +Darin stimmte ihr Frau Dawes völlig bei. "Dann machst Du es wie ich: +wenn die Ehre gerettet ist, läßt Du Dich von ihm scheiden."--"Nein, das +tue ich nicht. Dann haben wir etwas, das uns aneinander bindet.--O Gott, +o Gott!" sie jammerte, klammerte sich an ihre alte Freundin und +erstickte ihren Verzweiflungsschrei in den Kissen. Frau Dawes saß +hilflos da und stützte sie. "Das verstehe ich nicht", sagte sie. Da hob +Mary rasch den Kopf: "Das verstehst Du nicht? Gerade um mich zu binden, +hat er es getan. Er kannte mich." Wieder warf sie sich verzagt und +verzweifelt über das Bett. Zwischen den Ausbrüchen oder vielmehr als +einen Teil dieser Ausbrüche hörte man die Worte: "Es gibt keinen Ausweg! +Es gibt keinen Ausweg!" + +Frau Dawes hatte nicht die Kraft und nicht den Mut, bei soviel Leid nach +Worten zu suchen. + +Es mußte sich austoben. Bis die Empörung sich abkühlte. Frau Dawes +merkte, wie allmählich etwas anderes sich emporarbeitete. Mary hob den +Kopf, ihre verweinten Augen waren voll Haß: "Ich dachte, ich hätte mich +einem Gentleman hingegeben. Aber ich geriet an einen Spekulanten." Damit +stand sie langsam auf. "Willst Du ihm das sagen, Kind?"--"Mit keinem +Wort! Nichts, absolut nichts dergleichen. Ich will sagen, wir müssen +heiraten." + + * * * * * + +Drei Tage darauf wurde Jörgen Thiis im Ministerium des Auswärtigen ein +Brief überbracht. Er war von Mary. "Ich bin im Grand Hôtel und erwarte +Dich Punkt zwei Uhr draußen auf dem Trottoir." + +Er wußte sofort, was das zu bedeuten hatte. Er brach eilig auf, denn die +Uhr war dreiviertel zwei. Erst auf der Treppe fiel ihm auf, daß er sie +"draußen auf dem Trottoir" treffen solle. + +Sie wollte nicht mit ihm in ihrem Zimmer allein sein. + +Das änderte seinen Plan. Er ging nach seiner Wohnung und erlöste einen +kleinen schwarzen Pudel aus seiner Gefangenschaft, ein wertvolles Tier, +das er dressierte; denn es war ein rechter Tolpatsch. + +Auf der Straße war richtiges Tauwetter, so daß der Hund gleich Weisung +bekam, auf dem Trottoir zu bleiben, wo es sauber war. Nach ein paar +lustigen Seitensprüngen hatte es Erfolg; der Hund hatte Angst vor +Jörgens dünnem Stock. + +Schon von weitem sah er Marys schlanke Gestalt. Sie stand mit dem Rücken +nach ihm, gegen das Schloß gewandt. Kein Passant weiter, kein Mensch +sonst vor dem Hôtel. Sein Herz klopfte heftig; allzuviel Mut hatte er +nicht. + +Sie wurde ihn gewahr, als der Hund auf sie zulief wie auf einen guten +alten Freund, Sie hatte Hunde sehr gern; einzig das Wanderleben hatte +sie abgehalten, sich einen anzuschaffen. Und dieser war so sauber, so +hübsch und so appetitlich, so ganz nach ihrem Geschmack, daß sie sich +unwillkürlich zu ihm hinunterbeugte; im gleichen Augenblick sah sie +Jörgen. Sie richtete sich sofort in die Höhe: "Ist das Dein Hund?" +fragte sie, als hätten sie sich vor einer halben Stunde hier auf der +Straße getrennt. "Ja", antwortete er, indem er ehrerbietig den Hut zog. +Da bückte sie sich wieder zu dem Hunde hinunter und streichelte ihn. +"Nein, wie bist Du niedlich! Du reizender Kerl! Nicht anspringen!" +--"Nicht anspringen!" klang es verstärkt von Jörgen her. Sie +richtete sich wieder in die Höhe. "Wohin gehen wir?" sagte sie, "ich bin +noch nie hier gewesen."--"Wir können ja geradeaus gehen und dann um die +Ecke, dann kommen wir an das John Ericson-Denkmal."--"Ja, das möchte ich +gern sehen." Sie setzten sich in Bewegung. + +"Wirst Du herkommen?" rief Jörgen dem Hunde zu und hob den Stock. Jörgen +fühlte sich verletzt, daß sie ihm nicht einmal die Hand gegeben hatte. +Wehleidig kam der Hund an; aber bald war er wieder vergnügt, denn Mary +sprach mit ihm und streichelte ihn. + +"Ich habe einen kleinen Abstecher nach Amerika gemacht", sagte +sie.--"Ja, das hab' ich gehört."-- + +"Die fünfzigtausend Kronen, von denen Du sprachst, fand ich nicht in den +Büchern, und ich dachte mir, es müsse noch eine Abrechnung da sein, die +das Vermögen in Amerika betraf. Und so war es auch. Folglich wurde es +nötig, hinzureisen, um zu retten, was noch zu retten war. Die Hauptsumme +war verloren." + +"Wie verlief die Sache?"--"Ich habe das mitgebracht, was von den Zinsen +in all den Jahren nicht aufgebraucht war." + +--"Das Geld war gut angelegt?"--"Ich glaube besser, als es in Europa +möglich gewesen wäre."-- + +Hier gab es ein kleines Intermezzo. Der Hund war vom Trottoir +heruntergelaufen und bekam ein paar Hiebe. Das empörte Mary. "Herrgott, +der Hund weiß das doch nicht."--"Oh, er weiß es recht gut. Aber er hat +nicht gehorchen gelernt." + +Sie gingen ziemlich schnell weiter. "Warum erzählst Du mir das?" fragte +Jörgen. "Weil wir jetzt heiraten können."--"Ja, wieviel ist es +denn?"--"Zweihunderttausend."--"Dollar?"--"Nein, Kronen. Und dann noch +die Fünfzigtausend."--"Das ist nicht genug."--"Zusammen mit dem, was +wir sonst noch haben?"--"Dies 'sonst' bringt augenblicklich nahezu +nichts ein. Das weißt Du doch." + +Mary begann sich elend zu fühlen. Er merkte es ihrer Stimme an, als sie +sagte: + +"Wir haben doch den Wald in Reserve."--"Der frühestens in drei Jahren +abgeholzt werden kann? Vielleicht erst in vier, fünf? Es kommt auf das +Wachstum an."--Mary sah ein, daß, er recht hatte; warum hatte sie dies +erwähnt? + +"Aber zehn, zwölftausend Kronen jährlich ...?"--"In unserer Stellung +will das nicht viel sagen." + +Wieder ein Intermezzo. Hier war kein Trottoir, sondern ein großer, +freier Platz mit rechtem Morast. Sie hatten beide den Hund vergessen. +Ein dicker, schmutziger Schifferhund, auch ein Pudel, war auf Landurlaub +mit ein paar Matrosen, die die Straße entlangschlenderten. Diesem +willkommenen Kameraden hatte Jörgens Hund sich angeschlossen. Er wurde +mit Not und Mühe zurückgerufen, schmutzig, wie er schon war. Als Mary +auch rief, kam er freudig und glückselig an, bekam aber einen Schlag mit +der Peitsche und winselte.--"Es ist doch merkwürdig," sagte Mary, "daß +Du mit so einem netten Hund nicht Frieden halten kannst!" Sie dachte an +den alten Finnenhund bei ihren Nachbarsleuten daheim, gegen den er auch +so häßlich gewesen war. Jörgen antwortete nicht. Der Hund aber lief +demütig hinterher, und als Jörgen sich davon überzeugt hatte, sagte er: +"Weiß Onkel Klaus etwas von dem Vermögen?"--"Ich glaube, außer uns weiß +kein Mensch etwas davon.--Warum fragst Du?"--"Es ist richtiger, mit +Onkel Klaus zu reden."--Sie blieb verwundert stehen: "Mit Onkel Klaus?" +Jörgen stand auch still. Jetzt sahen sie sich an. "Wir kommen weiter +damit", sagte Jörgen. "Bei Onkel Klaus?" sie sah ihn starr an. Sie +verstand ihn nicht. "Für die Ehre der Familie tut er viel", sagte Jörgen +mit einem raschen Seitenblick, indem er weiterging. Sie war kreidebleich +geworden, folgte ihm aber. "Müssen wir uns Onkel Klaus anvertrauen?" +flüsterte sie hinter ihm. Weiter konnte die Demütigung nicht gehen. "Wir +tun es!" antwortete er aufmunternd und beinahe fröhlich; "jetzt sagt er +nicht nein." Hatte er das mit in Berechnung gezogen? + +Er kam näher an sie heran: "Sieh mal, wenn Onkel Klaus nichts von dem +Vermögen weiß, bekommen wir mehr!" + +Er hatte es gut durchdacht! So widerlich ihr das war, es imponierte ihr +doch. Jörgen war gewiß bedeutender, als sie geglaubt hatte. Wenn er erst +all seine Fähigkeiten entfaltet hatte, würde er noch andere als sie +überraschen. + +Sie zog sich zusammen wie ein Blatt bei übermäßiger Hitze. "Willst Du +die Sache mit Onkel Klaus selbst in Ordnung bringen?"--"Ich reise +natürlich sofort mit Dir nach Hause. Du hättest nicht zu kommen +brauchen; eine Mitteilung hätte genügt." + +Sie ging mit gesenktem Kopf neben ihm her und zitterte am ganzen Leibe. +Seine Überlegenheit ängstigte und lahmte sie; seine Erwägungen +verursachten ihr Übelkeit. Es war, wie schon einmal, daß sie einen Fuß +nicht vor den andern setzen konnte; sie konnte nicht weiter. + +Da hörte sie Jörgen rufen: "Komm her, kleiner Satan!" Wieder der Hund. +Dieser schmutzige Lümmel von Kamerad hatte ihn abermals vom Weg der +Pflicht fortgelockt. Jörgens Stimme hatte so etwas Eigentümliches, wenn +sie befahl: sie war gedämpft und scharf zugleich. + +Der Hund kannte sie und ließ es dabei bewenden, zweifelnd aufzublicken. +Da er aber mit einem glücklichen Leichtsinn begabt war, warf er sich +plötzlich lustig auf seinen Kameraden und nahm das Spiel wieder auf, +als sei nichts geschehen. + +Mary stand und zog eine Lehre daraus. Es war gerade an dem John +Ericson-Denkmal, wo dies geschah. Sie blickte zu dem Kunstwerk auf; sie +schaute in John Ericsons große, gute, nachdenkliche Augen, bis ihre +eigenen sich mit Tränen füllten. Sie war so unglücklich. + +Währenddessen plagte sich Jörgen mit dem Hunde. Sein Erziehungsprinzip +war, daß der Hund nie im Streit mit seinem Herrn seinen Willen bekam. +"Komm her, Du kleiner Rumtreiber", sagte er schmeichelnd. Der Hund war +ganz verdutzt. Er hielt mitten im Spielen inne. "Na, so komm doch, +Freundchen!" Er sprang mit ein paar lustigen Sätzen auf ihn zu, er +dachte an gute, gemütliche Stunden; vielleicht war dies so eine? Aber +woran es nun lag,--ihm stiegen Zweifel auf, er warf sich herum und +wälzte sich bald wieder mit seinem schmutzigen Freunde auf der Straße. + +Die Vorübergehenden standen still; sie hatten ihren Spaß an dem +Ungehorsam des Hundes. Das reizte Jörgen. Mary fühlte es, und sie wollte +dem Hunde helfen; sie stand hinter Jörgen und sagte leise auf +französisch: "Es ist nicht recht, ihn erst zu locken und dann zu +schlagen." Aber da wurde Jörgen noch eigensinniger. "Davon verstehst Du +nichts", antwortete er auch auf französisch und lockte den Hund wieder. + +Mit der unüberlegten Leichtgläubigkeit, die freundlichen kleinen Hunden +eigen ist, hielt der Hund im Spiel inne und sah nach ihm hin. Den Stock +hinter sich, kam Jörgen auf ihn zu und lockte ihn. Er war wütend über +das Lachen der andern, versteckte seine Wut aber hinter sanften Worten. +"Komm doch, Freundchen!" + +"Trau' ihm nicht!" rief ein englischer Matrose; aber es war zu spät. +Jörgen hatte ihn schon an dem einen langen Ohr gepackt. Der Hund heulte +auf, Jörgen mußte ihn gekniffen haben. Mary rief auf französisch: +"Schlag ihn nicht!" Aber Jörgen schlug ihn trotzdem. Nicht sehr hart, +aber der Hund heulte fürchterlich; er hatte solche Angst. Jörgen schlug +ihn wieder; auch jetzt nicht hart, mehr um die ganze Gesellschaft zu +ärgern. Der Hund schrie so gottsjämmerlich, daß Mary nicht hinsehen +konnte. Sie blickte hinauf in John Ericsons gute, große Augen und sagte: +"Mit diesen Schlag hast Du mich von Dir getrennt, Jörgen!" + +Im Nu ließ er den Hund los und richtete sich auf. Er sah ihre flammenden +Augen, das weiße Gesicht und die schlanke, stolz aufgerichtete Gestalt. +Über ihr John Ericsons Haupt. + +Nur einen Augenblick. Dann hatte sie sich umgedreht und schritt in +leichtem, frohem Tempo davon--der Hund hinterher. + +Die Leute lachten, die englischen Matrosen mit herausforderndem +Spott,--Jörgen ging hinterher. + +Aber als sie merkte, daß der Hund ihr folgte und nicht ihm, und als +seine Augen die ihren suchten, um zu erfahren, was sie jetzt wolle, da +schlug ihre ganze Angst in ausgelassene Fröhlichkeit um. Das war so ihre +Art. Sie klatschte in die Hände und lief, und der Hund sprang kläffend +um sie herum. + +Der Bann war gebrochen, die Schande getilgt,--nun ade Jörgen und alles, +was drum und dran ist! + +"Nicht wahr, Du kleiner Befreier?" Der bellte. + +Sie sah sich nach Jörgen um. Er getraute sich anstandshalber nicht so +schnell zu gehen. + +"Aber wir beide getrauen uns, nicht wahr?" Sie klatschte wieder in die +Hände und lief, und der Hund lief bellend mit. + +Dann schlug sie ein langsameres Tempo an; sie spielte mit ihm und +plauderte mit ihm; Jörgen war ja so weit zurück. "Eigentlich müßtest Du +'Liberator' heißen, aber der Name ist zu lang für so einen kleinen, +schwarzen Hanswurst. Du sollst John heißen,--ja, das sollst Du! Du +sollst nach dem heißen, der mich angeblickt hat, daß ich Mut bekam!" +Wieder lief sie weiter und der Hund mit. "Du folgst mir und nicht ihm! +Das ist recht, das ist gut! Das hat der auch getan, nach dem Du heißt. +Er folgte den Sklavenpeitschen nicht; er hielt zu denen, die Freiheit +brachten!" Jetzt bogen sie um die Ecke, Jörgen war nicht zu sehen. + +--Als er nachher ins Hotel kam, ließ sie sich verleugnen; und doch hatte +er sie hineingehen sehen. Er sagte, sie habe seinen Hund. Ja, davon +wisse man nichts. + +Er mußte gehen. Er hatte sie wie auch den Hund verloren. + +Oben auf ihrem Zimmer aber fragte Mary den Hund: "Willst Du mir gehören? +Willst Du bei mir bleiben, Du kleiner, schwarzer John?" Sie klatschte in +die Hände, damit er sein fröhliches Ja bellen solle. Damit war die +Eigentumsfrage entschieden. Sie bekam einen Brief von Jörgen, vermutlich +über diesen Punkt; den verbrannte sie ungelesen. + +Sie nahm an, sie werde ihn auf dem Bahnhof treffen, wenn der Zug nach +Norwegen abfuhr, und dann werde er sein Recht fordern. Sie kam mutig +angefahren, ihren frischgewaschenen, gekämmten und parfümierten Hund +neben sich. Jörgen war nicht da. + + * * * * * + +Sie schlief die ganze Nacht, den Hund auf ihrer Reisedecke. + +Aber mit dem Morgen kamen die Gedanken. Nun war sie allein. Hatte allein +die Verantwortung. + +Bis jetzt hatte sie sich ja selbst mit aller Gewalt in den einzigen +engen Ausweg hineingehetzt: sich sofort mit Jörgen zu verheiraten, auf +einer Reise ins Ausland dem Kinde das Leben zu geben--und dann bis ins +Unendliche auszuhalten. + +Aber sich mit einem Menschen zu verheiraten, den sie verabscheute, nur +um sich ein Feigenblatt zu leihen,--wie unverständlich ihr das jetzt +geworden war! Sie hatte es versucht, weil man in ihrer Umgebung so +dachte, und weil sie in einer Sonderstellung war; die duldete keinen +Fleck auf dem Festgewande. + +Aber jetzt sagte sie "pfui, pfui!" ganz laut. Und als der Hund sofort +aufblickte, fügte sie hinzu: "Dies war meine 'Hundereise', will ich Dir +sagen! Der Abschluß meiner 'Hundegeschichte'!" + +Aber was nun? + +Sie wußte, was man noch tun konnte. Aber dann mußte man zwei Mitwisser +haben, Jörgen und noch einen. Das war zuviel. Dann konnte sie nicht +stolz und frei dahinschreiten,--und das mußte sie können. + +Ja, was nun? + +Solange die "Hundereise", die "Hundegeschichte" ihr wie ein Befehl +erschienen war, wie etwas um ihrer Ehre willen unumgänglich Notwendiges, +hatte sie an die letzte, an die allerletzte Zufluchtsstätte nicht im +Ernst gedacht. + +Jetzt war es ernst. + +Sie sah traurig in die treuherzigen Augen des Hundes, als suche sie auch +hier einen Ausweg. Sie begegnete der unverfälschtesten Lebenslust und +Anhänglichkeit. Sie schmiegte ihren Kopf in sein Fell und weinte. Sie +war noch so jung,--sie hatte keine Lust zu sterben. + +Zum erstenmal weinte sie über sich selbst; sie tat sich leid. Sie konnte +nicht begreifen, womit sie dies verdient habe. Auch konnte sie sich +nicht klar werden, wie es gekommen war. + +Der Hund merkte, daß sie nicht froh sei. Er leckte ihr die Hände und +guckte ihr in die Augen. Er winselte, weil er hochwollte und sie +trösten. + +Da nahm sie ihn auf und beugte sich über ihn, was er als Spiel auffaßte. +Er schnappte nach ihren Händen. Darauf ging sie ein. Die fröhlichste +Kinderei begann zwischen den beiden und wollte gar kein Ende nehmen, +weil er nicht genug bekommen konnte; immer wenn sie aufhörte, fing er +wieder an. + +Da begann sie mit ihm zu plaudern: "Kleiner, schwarzer John, Du kommst +mir wie ein Neger vor. Du erinnerst mich daran, daß Dein Name die Neger +befreit hat. Befreit von der Sklaverei. Du hast mich davor bewahrt, in +die Sklaverei zu kommen. + +"Aber es ist eine schlechte Befreiung, weißt Du, wenn ich nicht mit Dir +weiter leben darf. Findest Du das nicht auch?" Und dann weinte sie +wieder.----Mit dichtverschleiertem Gesicht fuhr sie durch die Stadt von +einem Bahnhof zum andern, den Hund neben sich auf dem Sitz. Sie sah +keinen Bekannten. Aber wenn die wüßten--? + +Oh, diese gerichtete und getötete Krähe, die Jörgen aufheben wollte, und +vor der sie weglief,--sie wußte gar nicht, daß sie die so genau gesehen +hatte! Den zerfetzten Hals, den zerhackten Bauch, die leeren +Augenhöhlen,--das rote Fleisch grinste sie an, sie kam während dieser +ganzen schrecklichen Fahrt nicht davon los. + +Hier draußen war's Winter. Sie hatte seit vielen Jahren keinen Winter +mehr gesehen. Die absterbende, hinwelkende Natur hatte sie gesehen, aber +nicht die Umwandlungskraft des Winters, die die Verödung mit dem +allerweißesten Weiß zudeckt und in Wald und Feld willkürlich +Veränderungen schafft. Der Fjord war noch nicht zugefroren; er rauschte +schwarzgrau von allen Seiten heran, herausfordernd, hart, wie ein +Ungeheuer, das nach Kampf dürstet. + +Die Fahrt durch die Stadt hatte ihre Phantasie aufgerührt, die jetzt in +die Gewalt der Naturkräfte geriet. Ihre Ohnmacht wurde ihr umso tiefer +fühlbar. Konnte _sie_ den Kampf aufnehmen? Konnte sie ans Ziel kommen, +bis die Zeit der Umwandlung da war? Sie mußte sich vorher ins Wasser +stürzen. + +Wie sie mit diesen Gedanken spielte,--sah sie ihres Vaters Gesicht vor +sich. Wie konnte sie leben, ohne ihm zu sagen, was bevorstand? Nie, nie +konnte sie ihm das sagen. Sie konnte ihm nicht einmal sagen, daß es mit +Jörgen aus sei. Er würde das nicht ertragen können. + +Wenn sie statt zu reden--verschwände?! Du ewiger Himmel; das würde ihn +auf der Stelle töten. + +Auf der ganzen Fahrt keine Angst mehr vor den andern und nicht ein +bißchen Angst vor sich selber, einzig und allein vor ihm.-- + +--So ermattet, so voller Seelenangst kam sie heim, daß sie zu weinen +anfing, als sie das Haus erblickte. Einen so schweren Gang waren wohl +nicht viele gegangen. Selbst die Freudensprünge des Hundes, als er +festen Boden unter sich hatte, konnten sie nicht ablenken. Sie ging nach +oben, um sich zu waschen und umzukleiden, und bat, man möge ihren Vater +und Frau Dawes benachrichtigen, daß sie wieder da sei. Das kleine +Mädchen war mit in ihrem Zimmer und half ihr; es war Mary nicht +angenehm, daß Nanna in jedem freien Augenblick mit dem Hunde spielte; +aber sie sagte nichts. + +Sie sah sehr angegriffen aus. Daß sie geweint hatte, war deutlich zu +sehen. + +Aber das war vielleicht ganz gut. Dann merkte er doch gleich, daß es +nicht gut stehe. Wenn er es nur überstände! Sie mußte ihm dann schnell +auseinandersetzen, daß die Reise lang und beschwerlich gewesen sei, und +daß Jörgen das Vermögen in ihrer Stellung nicht ausreichend finde, um +sich daraufhin zu verheiraten. Sie müßten auf Onkel Klaus warten. + +Wenn sie weinen mußte, und das mußte sie sicher, so müde und verzagt, +wie sie jetzt war, so war das eine Vorbereitung für das nächste Mal. +Wenn er es nur überstände. + +Aber was sollte sie anders tun? Wenn sie nicht sofort kam, ahnte er +Unheil und ängstigte sich, und das konnte er auch nicht vertragen. + +Sie zitterte, als sie vor der Tür stand. Nicht bloß aus Angst vor ihm, +nein, auch weil sie nicht vor ihm niedersinken und ihm alles sagen und +sich bei ihm ausweinen durfte. Wie schrecklich das alles war.-- + +Aber das Leben ist manchmal barmherzig. + +Er war nicht von ihrer Ankunft benachrichtigt worden, weil er schlief. +Die Pflegerin stand draußen auf dem Flur, um Mary Bescheid zu sagen, +wenn sie komme. Warum sie nicht anklopfte und es ihr durch die Tür +zurief? Weil das nun einmal so ihre Art war. Als Mary jetzt herauskam, +stand aber die Pflegerin nicht auf dem Flur, sondern auf der Treppe. Das +Mädchen brachte nämlich das Mittagessen für den Kranken; das holte die +Pflegerin sonst immer selbst, und geniert, daß sie es heute nicht hatte +tun können, wollte sie ihr doch wenigstens entgegengehen und es ihr auf +der Treppe abnehmen. + +Gerade in diesem Augenblick öffnete Mary die Tür zu ihres Vaters Zimmer. +Sie blieb auf der Schwelle stehen, weil die Pflegerin jetzt auf sie +zukam und flüsterte: "Er schläft, gnädiges Fräulein!" + +Der Hund aber kümmerte sich nicht darum. Der war schon drin, hatte die +Pfoten auf den Bettrand gelegt und das Gesicht war dicht vor dem Antlitz +des Kranken, der gerade aufwachte. Aufwachte, wo diese schwarze Fratze +ihm in die Augen starrte. Sie öffneten sich weit und schweiften voll +Entsetzen durch das Zimmer, wo sie Marys Blick begegneten. Sie stand +bleich und wie gelähmt vor Schreck in der Tür. Er wandte den Kopf nach +ihr hin, seine Augen blieben an ihr hängen, es kam ein Seherblick in +sie. Dann sank der Kopf zurück. + +"Er stirbt!" schrie die Pflegerin hinter ihr auf. Sie setzte das Tablett +hin und eilte zu ihm. + +Mary konnte es zuerst nicht glauben; aber als sie es begriff, warf sie +sich mit einem herzzerreißenden Schrei über ihn. Der fand im Zimmer +nebenan bei Frau Dawes einen Widerhall. Als sie dorthin eilten, lag sie +ohne Bewußtsein. Sie kam nachher so weit zu sich, daß sie die Zunge +bewegen konnte. Sie stammelte allerhand in einem krausen Englisch, das +keiner verstand;--der Arzt aber sagte, es sei mit ihr gewiß auch bald +aus. Der Vater war tot. + +Mary klammerte sich an ihren Verstand, als halte sie ihn in ihren +Händen. Jetzt galt es, jetzt galt es; nur nicht nachgeben. Nicht +schreien, nicht denken. Denn sie hatte ihn ja nicht getötet! Es hieß: +fassen und begreifen, was die andern sagten, und dem Vorschlag +beistimmen, daß ihres Vaters Schwester geholt werden solle. Es galt, +ihrem eigenen Jammer nicht freien Lauf zu lassen, als sie die Trauer der +Tante sah. Es galt, es galt! "Hilf mir, hilf mir," schrie sie, "daß ich +nicht wahnsinnig werde!" Und zum Doktor sagte sie: "Ich habe ihn nicht +getötet,--oder doch?" + +Er schickte sie zu Bett, machte ihr kalte Umschläge und verließ sie +nicht. Auch er versicherte, es gelte! + +Erst als die kleine Nanna am andern Morgen früh mit dem Hunde zu ihr kam +und der bei ihr im Bett liegen wollte, konnte sie weinen. + +Im Lauf des Tages wurde es besser; denn durch das Telephon strömte eine +so gewaltige Menge von Telegrammen ins Haus, und es war eine so +herzliche, oft tiefbewegte Teilnahme in ihnen ausgedrückt, daß ihre +Trauer davor schmolz. Dieses Mitgefühl, diese Bewunderung für ihren +Vater und der innige Wunsch, sie zu trösten und zu stärken, halfen ihr. +Durch die unvorsichtige Abschrift einer dieser telephonischen Depeschen +erfuhr sie, daß auch Frau Dawes tot war. Man hatte sich nicht getraut, +es ihr zu sagen. Aber die große allgemeine Teilnahme half ihr auch +darüber hinweg. Jetzt erst verstand sie die Teilnahme ganz. Alle außer +ihr hatten gewußt, daß sie die beiden verloren hatte, und daß sie nun +ganz allein stand. + +Am meisten erschütterte sie ein Telegramm aus Paris, das folgenden +Wortlaut hatte: "Meine geliebte Mary! Wenn Dich in Deinem großen Schmerz +das Bewußtsein trösten kann, daß Du bei mir ausruhen kannst, so bestimme +über mich; ich will mit Dir reisen, ich will zu Dir kommen, ganz wie Du +wünschst! Treulich Deine Alice." + +Sie ahnte, wer Alice benachrichtigt hatte. + +Auch Jörgen telegraphierte: "Wenn ich Dir im geringsten nützlich sein +oder Dich trösten kann, so komme ich sofort. Ich bin zerschmettert und +verzweifelt." + +Die gleiche rührende und ehrenvolle Teilnahme zeigte sich auch beim +Begräbnis, das drei Tage später stattfand. Man hatte es um Marys willen +möglichst früh angesetzt. + +Es kamen Blumensendungen ohne Ende, vor allem aber ein Kranz von Alice. +Frische norwegische Blumen. + +Er wurde zu Mary hinaufgebracht, sie wollte ihn sehen. Das ganze Haus +war von Blumenduft erfüllt, mitten im Winter; der Hauch der Liebe +breitete sich über die Schlummernden. + +Sie war nicht unten; sie mochte die Särge und die Blumen und die +Vorbereitungen nicht sehen. Unten in den Zimmern wurden denen, die +weither kamen, Erfrischungen gereicht. + +Aber es erschienen viel mehr Menschen, als das Haus fassen konnte, und +unten an der Kapelle war ein noch größerer Andrang. + +Der Pfarrer fragte, ob er zu dem gnädigen Fräulein hinaufkommen dürfe. +Sie ließ ihm danken, sagte aber nein. + +Gleich darauf fragte die kleine Nanna, ob "Onkel Klaus" sie begrüßen +dürfe. Er hatte ein rührendes Telegramm geschickt und angefragt, ob er +ihr irgendwie behilflich sein könne. Außerdem war der Kranz von ihm so +großartig,--wie die Dienstboten versicherten--daß man auch den nach oben +gebracht hatte, damit sie sich ihn ansehen solle. + +Sie sagte ja. Und herein kam der große Mann im schwarzen Anzug, +schnaufend, als falle ihm das Atmen schwer. Kaum war er im Zimmer und +sah Mary wie eine Elfenbeinstatue mit dem schwarzen Kleid neben ihrem +Bett stehen, da setzte er sich auf den nächsten Stuhl und brach in +Tränen aus. Es klang, als wenn in einer großen Uhr die Feder springt und +das ganze losschnarrt. Es war das Weinen eines Mannes, der seit seiner +Kindheit nicht mehr geweint hatte. Ein Weinen, das sich über sich selbst +entsetzte. Er sah nicht auf. + +Aber er hatte etwas auf dem Herzen, das merkte sie. Es war, als wolle er +ein paarmal einen Anlauf nehmen, aber dann packte ihn das Weinen noch +schlimmer. Da winkte er mit der Hand ab. Das galt nicht ihr, das galt +ihm selbst; er konnte nicht. Er stand auf und ging. Die Tür machte er +nicht hinter sich zu. Sie hörte ihn schluchzen den Flur entlang und die +Treppe hinunter. Vermutlich brach er jetzt sofort auf. + +Mary war ergriffen. Sie wußte, ihr Vater war sein bester, vielleicht +sein einziger Freund gewesen. Aber sie ahnte, daß das Weinen nicht nur +ihrem Vater galt; es lag auch unmittelbare Teilnahme darin und Reue. +Sonst wäre er unten am Sarge geblieben. + +Die schöne Glocke der Kapelle begann zu läuten. Der Hund, der den ganzen +Tag bei ihr im Zimmer hatte bleiben müssen und sehr unruhig gewesen war, +stürzte jetzt ans Fenster, das auf die See hinausging, und legte die +Pfoten aufs Fensterbrett, um hinauszusehen. Mary trat zu ihm. + +Im selben Augenblick fuhr Onkel Klaus fort. Unten in den Zimmern aber +wurde ein Choral angestimmt, das Trauergefolge kam. Die beiden Särge +wurden von Bauern der Umgegend getragen. Als der erste herauskam, sank +Mary in die Knie und weinte, als solle das Herz ihr brechen. Weiter sah +sie nichts. + +Sie lag auf dem Bett, das Glockengeläute schnitt ihr ins Herz; sie hatte +das Gefühl, es müsse Furchen durch die Seele ziehen. Ihre Sinne +verwirrten sich immer mehr; sie war überzeugt, ihr Vater habe, als sie +in der Tür stand, in sie hineingesehen, und daran sei er gestorben. Frau +Dawes war ihm wie immer gefolgt. Er war die einzige, große Liebe ihres +Lebens gewesen. Jetzt waren sie beide bei ihr. Auch ihre Mutter in einem +weißen, schleppenden Kleide. "Du frierst, Kind!" Sie nahm sie in die +Arme, denn Mary war wieder ein kleines Kind und ganz unschuldig. Darüber +schlief sie ein. + +Aber als sie aufwachte und draußen und drinnen keinen Laut hörte,--das +Haus war leer ... da faltete sie die Hände und sagte halblaut: "Es war +das beste für uns drei. Das Schicksal war barmherzig mit uns." + +Sie sah sich nach dem Hund um; sie brauchte Teilnahme. Aber irgendeiner +mußte ihn hinausgelassen haben, während sie schlief. + +Das genügte, um wieder in Tränen auszubrechen. Perle auf Perle aus der +unerschöpflichen Schmerzensquelle rann ihr über Wangen und Hände, wie +sie so dalag und den schweren Kopf stützte. + +"Jetzt kann ich anfangen, wieder an mich selbst zu denken. Jetzt bin ich +allein." + + * * * * * + +Entscheidung + + +Am nächsten Tage ging sie zu den Gräbern hinunter. Ihr Schmerz wurde +durch einen kleinen Zwischenfall abgelenkt. + +Es war Sonnabend und morgen war einer der wenigen Sonntage des Jahres, +da in der Kapelle Gottesdienst stattfand. Zu solchen Tagen pflegten wohl +die Gräber geschmückt zu werden. Da das rechte Nachbargehöft früher zu +Krogskog gehört hatte, hatten die Leute hier ihren Begräbnisplatz. Die +Frau war hingekommen, um ein frisches Grab zu schmücken, und der alte +Wolfshund hatte sie begleitet. Natürlich flog Marys kleiner Pudel +treuherzig auf ihn zu, und zu Marys und der Frau Erstaunen nahm der alte +Hund nach einer umständlichen und vorsichtigen Beriechung den kleinen +Narren in seine Freundschaft auf. Er, der sonst keine jungen Hunde +leiden mochte, verliebte sich in ihn. Er litt, daß er ihn an den Ohren +zerrte und ihn in die Beine biß, ja, er legte sich vor ihm nieder und +spielte den Überwundenen. Mary machte das solche Freude, daß sie die +Frau ein Stück begleitete, um dem Spiel zuzusehen. Und sie wurde dafür +belohnt; denn sie hörte warme Lobesworte über ihren Vater und einen +Widerhall all dessen, was in diesen Tagen in der Umgegend gesprochen +worden war und den Grund zu seinem Nachruhm legte. + +Als sie mit dem Hunde, der jetzt sehr aufgekratzt war, wieder nach Hause +ging, dachte sie: werde ich wohl Mutter ähnlich? Ist irgend etwas in +mir, das bisher keinen Platz gehabt hat? Etwas Idyllisches? + +Es warteten ihrer an diesem Tage zwei Dinge. + +Das eine war ein Brief von Onkel Klaus, er nannte sie "Hochverehrtes, +liebes Patenkind, Fräulein Mary Krog." + +Daß er ihr Pate war, hatte sie nicht geahnt. Das hatte ihr Vater ihr nie +gesagt; wahrscheinlich wußte er es gar nicht. + +Onkel Klaus schrieb: + +"Es gibt Gefühle, die zu stark für Worte sind, zumal für geschriebene. +Ich bin kein Held der Feder; ich nehme mir nur die Freiheit, Dir +schriftlich mitzuteilen,--weil ich es mündlich nicht konnte,--daß ich an +demselben Tage, da mein unvergeßlicher Freund, Dein Vater, starb, und +Frau Dawes, Deine edle Pflegemutter, gleichfalls starb, und Du allein +zurückbliebst, Dich, mein liebes Patenkind, zu meiner Erbin eingesetzt +habe. + +Mein Vermögen ist bei weitem nicht so groß, wie allgemein angenommen +wird; ich habe auch in der letzten Zeit viel Pech gehabt. Aber es ist +schließlich doch genug für uns beide, wenn Du Deinen Teil verwaltest und +nicht Jörgen. Ich gehe nämlich davon aus, daß Ihr jetzt heiratet. + +Seit vielen Jahren habe ich Frau Dawes' Testament bei mir liegen, wie +ich auch ihr Geld in Verwaltung gehabt habe. Gestern habe ich das +Testament geöffnet. Sie hat Dir alles vermacht, was sie besitzt. Es sind +wohl an sechzigtausend Kronen. Aber es ist mit diesem Gelde ebenso +bestellt wie mit dem Gelde Deines Vaters: es trägt zurzeit so gut wie +keine Zinsen. + +Dein Pate Klaus Krog." + +Mary antwortete sofort: + +"Mein lieber Pate! + +Dein Brief hat mich tief gerührt. Ich danke Dir von ganzem Herzen. + +Aber Dein großes Geschenk darf ich nicht annehmen. + +Jörgen ist doch Dein Pflegesohn, und ich möchte ihm in keiner Weise im +Wege stehen. + +Du darfst mir das nicht übelnehmen. Ich kann unmöglich anders handeln. + +Über Frau Dawes' Testament werde ich später meine Bestimmungen treffen +und sie Dir dann mitteilen. + +Deine dankbare + +Mary Krog." + +Als sie den Brief fertig hatte, hörte sie einen Wagen vorfahren. Gleich +darauf wurde ihr eine Visitenkarte überbracht; darauf stand: Margrete +Röy, cand. med. + +Es dauerte eine Weile, bis sie hereinkam; sie hatte ihren Reisemantel +abgenommen; es war ein kalter Tag. Das erhöhte Marys Spannung +beträchtlich, so daß sie, als die hohe, kräftige Frauengestalt mit den +guten Augen in der Tür stand, blaß wurde und zitterte. Sie merkte, was +das auf die guten Augen für einen Eindruck machte, die jetzt ihr ganzes +Mitgefühl über sie hinströmten. Als kennten sie beide sich seit vielen +Jahren, ging Mary ihr entgegen, legte den Kopf an ihre Schulter und +weinte. Margrete Röy zog das unglückliche Mädchen warm an ihre Brust. + +Sie setzten sich. Sie wollte sich erkundigen, wann Mary ins Ausland +gehe. Mary war sehr erstaunt: "Habe ich darüber mit jemandem +gesprochen?"--Margrete Röy erklärte ihr, sie habe es von der Pflegerin +erfahren. "Ach," antwortete Mary, "was ich in dem Zustand gesagt habe, +weiß ich nicht mehr. Ich habe jedenfalls nachher nicht wieder daran +gedacht." + +"Also Sie wollen nicht fort?" Mary bedachte sich eine Weile. "Ich kann +es wirklich noch nicht sagen. Soweit bin ich noch nicht wieder zu mir +selbst gekommen." Margrete Röy wurde verlegen. Das sah Mary, oder +richtiger, sie fühlte es. "Wollen Sie etwa auch ins Ausland?" fragte +sie. "Ja. Ich wollte hören, ob ich Ihnen irgendwie dienlich sein kann, +dann wollte ich meine Reise nach Ihrer einrichten."--"Wohin reisen Sie +denn?"--"Ich reise im Interesse meines Studiums und fange mit Paris an. +Die Pflegerin sagte mir, dahin wollten Sie auch", fügte sie hinzu. Sie +war ganz schüchtern geworden. Sie hatte Mary helfen wollen und kam sich +nun aufdringlich vor. "Ich weiß, Sie meinen es gut", antwortete Mary. +"Es kann ja sein, daß ich von Paris gesprochen habe. Ich erinnere mich +nicht. In Wirklichkeit habe ich noch nichts beschlossen."--"Ja, dann +müssen Sie schon verzeihen. Dann beruht alles auf einem Mißverständnis." +Fräulein Röy stand auf. + +Mary hatte das Gefühl, sie müsse sie zurückhalten; aber sie hatte nicht +die Kraft. Erst an der Tür vertrat sie Fräulein Röy den Weg. "Ich möchte +in den nächsten Tagen einmal mit Ihnen sprechen, Fräulein Röy." Sie +sagte es sehr leise und blickte nicht auf. "Heute fühle ich mich nicht +kräftig genug", fügte sie hinzu.--"Das sehe ich. Das habe ich auch +angenommen. Deshalb habe ich Ihnen etwas mitgebracht, wovon Sie +vielleicht Gebrauch machen können. Es ist das beste Kräftigungsmittel, +das ich kenne." + +Nein, wie sympathisch ihr ganzes Wesen Mary berührte. Sie dankte ihr +herzlich. + +"Wenn ich etwas gesunder bin, komme ich also."--"Sie sollen mir +willkommen sein."--"Ja," sagte Mary errötend, "es ist Ihnen doch nicht +unangenehm, zu mir zu kommen?"--"In Ihr Haus am Markt?" fragte Margrete +Röy; sie wurde auch rot.--"In unser Haus am Markt, ja. Aber ich kann +wohl gar nicht mehr 'unser' sagen?" Ihr kamen wieder die Tränen. "Wenn +Sie mich nur verständigen, komme ich hin." + +Acht Tage später kam sie. + +In einem wütenden Novembersturm, wie man ihn schlimmer in jener Gegend +nie erlebt hatte. Das Wasser war noch nicht zugefroren, so daß Dampfer +verkehren konnten. Aber nur mit Not und Mühe. Und bei der Stadt mußten +sie Halt machen. + +Margrete Röy war höchlichst erstaunt, als sie an diesem Tage die +Nachricht erhielt, sie möge in das Krogsche Haus am Markt kommen. + +Sie kam in ein warmes behagliches Haus hinein und war doch gewohnt, es +ausgestorben mit heruntergelassenen Vorhängen zu sehen. Sie wurde eine +breite, altmodische Treppe hinaufgeführt; es war die ganze Stilart der +alten Stadthäuser zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. + +Mary saß in einem roten Boudoir, das seit den Lebzeiten ihrer Mutter +unverändert geblieben war. Sie saß auf dem Sofa unter einem großen +Porträt der Mutter. Als sie aufstand in ihrem schwarzen Kleide, bleich +und mit müden Augen unter dem roten Haar, da erschien sie Margrete Röy +wie die Verkörperung des Schmerzes, die schönste, die man sich +vorstellen konnte. Es lag eine Feiertagsruhe auf ihrem Wesen. Sie sprach +so leise, wie der Sturm draußen es irgend gestattete. + +"Ich fühle, Sie ehren das Leid eines anderen Menschen. Ich bin auch +überzeugt, daß Sie verschwiegen sind."--"Das bin ich."--Es dauerte eine +Weile, bis Mary sagte: "Was für ein Mensch ist Jörgen Thiis?"--"Was für +ein Mensch er ist?" + +"Aus verschiedenen Gründen nehme ich an, daß Sie mir das sagen +können."--"Da muß ich aber erst fragen: sind Sie nicht mit Jörgen Thiis +verlobt?"--"Nein."--"Man hat es gesagt."--Mary schwieg.--"Ja, sind Sie +denn auch nicht mit ihm verlobt gewesen?"--"Doch."--Da sagte Margrete +rasch und freudig: "Aber Sie haben die Verlobung aufgehoben?"--Mary +nickte.--"Das wird manchem eine Freude bereiten; Jörgen Thiis ist Ihrer +nicht würdig." Das schien Mary nicht in Erstaunen zu setzen. "Sie wissen +etwas?" fragte sie.--"Ein Frauenarzt, liebes Fräulein, weiß mehr, als er +erzählen kann."--"Aber ich glaube doch, er hat mich geliebt", sagte +Mary, um sich zu entschuldigen.--"Das haben wir alle gemerkt", +antwortete Margrete. "Er liebte Sie sicher mehr als je eine zuvor." Und +sie fügte hinzu: "Das war nicht zu verwundern ... Aber in Kristiania +habe ich ein junges, süßes Mädel gekannt, die damals seine Einzige war! +Sie war ganz aus dem Häuschen, und da sie sich nicht heiraten konnten, +gab sie sich ihm hin."--"Was tat sie?" Mary schrak auf; hatte sie recht +gehört? Es stürmte draußen so sehr, daß man einander schwer verstehen +konnte. Margrete wiederholte deutlich und mit Betonung: "Sie war ein +warmherziges Ding und glaubte, sie sei wirklich seine Einzige."--"Sie +konnten sich nicht heiraten?"--"Sie konnten sich nicht heiraten. Da gab +sie sich ihm hin." + +Mary fuhr in die Höhe, blieb aber stehen. Sie hatte etwas sagen wollen, +hielt aber inne. + +"Erschrecken Sie nicht so, Fräulein Krog, das ist nichts Seltenes." Bei +dieser Auslegung war es Mary, als sinke sie in eine tiefere Klasse +herab. Sie setzte sich langsam wieder hin. "Sie haben gewiß in solchen +Dingen gar keine Lebenserfahrung, Fräulein Krog."--Mary schüttelte den +Kopf.--"Dann wundert es mich, daß Sie beizeiten von Jörgen Thiis +losgekommen sind; der hat Routine."--Mary antwortete nicht. "Wir nahmen +an, Sie würden noch vor dem Herbst heiraten. Besonders als Ihr Vater und +Frau Dawes krank wurden."--"Das wollten wir auch, aber es stellte sich +als unmöglich heraus." + +Margrete konnte nicht ergründen, was hinter dieser rätselhaften Antwort +steckte. Aber sie sagte mit forschenden Augen: "Da wuchs wohl seine +Begierde ganz bedeutend?"--Es bebte in Mary, aber sie zwang es nieder. +"Sie scheinen ihn zu kennen?"--Margrete bedachte sich eine Weile: "Ja," +sagte sie, "ich bin ja älter als Sie,--auch älter als er. Aber--zu +meiner Schande sei's gesagt,--in Kristiania vergaffte ich mich auch in +ihn. Das merkte er--und versuchte sein Heil." Sie lachte. + +Mary wurde bleich, sie erhob sich und trat ans Fenster. Draußen +peitschten Sturm und Regen mit wachsender Gewalt gegen die Scheiben; sie +mußten jetzt ganz laut sprechen. Mary stand eine Weile und blickte in +das Unwetter hinaus, kam dann zurück und stellte sich aufgeregt und +unruhig vor Margrete hin. + +"Wollen Sie mir versprechen: niemals einem Menschen zu sagen, worüber +wir heute geredet haben?--Unter keinen Umständen?"--Margrete sah sie +verwundert an: "Ich soll niemandem erzählen, daß Sie mich nach Jörgen +Thiis gefragt haben?"--"Ich wünsche absolut, daß keiner es +erfährt."--"Auf wen geht das?"--Mary sah sie an: "Auf wen das geht?" Sie +verstand die Frage nicht. Margrete aber stand auf: "Ein Mensch kam +eigens in diese Stadt, um Ihnen zu sagen, daß Jörgen Thiis Ihrer nicht +würdig sei. Er kam zu spät. Aber mir scheint, er verdient zu erfahren, +daß Sie jetzt selbst dahintergekommen sind, was für ein Mensch Jörgen +Thiis ist."--Mary antwortete eifrig: "Dem sagen Sie's! Dem können Sie es +sagen.--So ist er deshalb gekommen?" fügte sie langsam hinzu. "Es ist +mir lieb, daß Sie mir das gesagt haben! Mein zweites Anliegen war +nämlich ... (sie hielt einen Augenblick inne); das zweite, was ich Ihnen +zu sagen hatte, war ... Sie sollen Ihren Bruder grüßen. Von mir."--"Das +will ich tun. Und ich danke Ihnen dafür! Sie wissen, was Sie meinem +Bruder sind." Marys Augen wichen ihr aus. Sie kämpfte eine Weile mit +sich. "Ich bin eine von den Unglücklichen," sagte sie, "die ihr eigenes +Leben nicht ins Lot bringen können,--nicht das, was geschehen ist. Ich +kann den Faden nicht finden. Aber mir ist, als wenn Ihr Bruder Anteil +daran habe."--Sie wollte wohl noch mehr sagen, vermochte es aber nicht. +Sie trat statt dessen wieder ans Fenster und blieb da stehen. Das +Unwetter draußen drang mit tausendstimmiger Wut ins Zimmer. Es schrie +förmlich nach ihr. "Herrgott, was für ein Wetter", sagte Margrete mit +lauter Stimme. "Ich freue mich, in das Wetter hinauszukommen", sagte +Mary, indem sie sich mit leuchtenden Augen umwandte. "Sie wollen in +diesem Wetter hinaus?" rief Margrete. "Ich will nach Hause gehen!" +antwortete Mary. "Noch obendrein gehen?!" Mary kam heran und stellte +sich vor sie hin, als wolle sie etwas Gewaltiges, Ungestümes sagen. Sie +hielt freilich inne; aber das Unausgesprochene stürmte empor in ihre +Augen, in ihr Gesicht, in ihre Brust, daß sie die Arme in die Luft +reckte und mit einem lauten Aufstöhnen auf das Sofa ihrer Mutter +niedersank. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. + +Da kniete Margrete vor ihr hin. Mary ließ sich umarmen und wie ein +müdes krankes Kind an ihre Brust ziehen. Auch das Weinen brach rührend +und hilflos wie das Weinen eines Kindes aus ihr hervor; ihr Kopf sank +auf die Schulter der Freundin. + +Nur einen Augenblick. Dann richtete sie sich mit einem Ruck empor. Denn +Margrete hatte ihr zugeflüstert: "Ihnen fehlt etwas. Sagen Sie es mir!" + +Kein Wort als Antwort. Da wagte Margrete nichts mehr zu sagen. Sie stand +auf; sie fühlte, hier war nichts mehr für sie zu tun. + +Mary tat auch nichts, um sie zurückzuhalten. Sie war auch aufgestanden, +und so sagten die beiden sich Lebewohl. + +Aber als Margrete an der Tür stand, konnte sie doch nicht umhin, noch +einmal zu fragen: "Wollen Sie wirklich hinaus--?" Mary nickte, als wolle +sie sagen: "Genug davon! Das ist meine Sache." + +Da ging Margrete. + + * * * * * + +Die Laternen brannten schon, als Mary vor ihrem Hause stand. Sie konnte +sich bei den Windstößen nur mühsam aufrechthalten, die sich von +Südwesten her zwischen den Häusern durchpreßten. Sie hatte einen +wetterfesten Mantel um mit einer Kapuze und hohe, gut schließende, +wasserdichte Stiefel. Sie ging so rasch sie konnte. Eine einzige +Vorstellung war von dem Gespräch mit Margrete Röy in ihr +zurückgeblieben. Aber die jagte sie vorwärts, die peitschte ihr mit dem +Regen zusammen in den Rücken:--Margretes entsetzte Augen und ihr +bleiches Gesicht, als sie gesagt hatte: "Ihnen fehlt etwas? Sagen Sie's +mir!" Himmlischer Vater, sie wußte es! So würden alle sie ansehen, wenn +sie es erfuhren! So tief hatte sie die Leute enttäuscht und gekränkt in +ihrem Glauben an sie. Ihr war's, als seien sie alle hinter ihr her, als +fliehe sie vor ihnen. Vor dem Krähenschwarm! Sie stürmte dahin und war +außerhalb der Stadt, ehe sie selbst es merkte. Hier draußen, wo keine +Laternen mehr standen, war es stockfinster; sie mußte eine Weile +stillstehen, bis sie den Weg sehen konnte. Aber dann ging's erst recht +vorwärts! Sie hatte den Orkan halb von hinten, halb von der Seite. + +Das war der Richterspruch, der sie aus Land und Reich verjagte! Der sie +noch weitertrieb! Ihr war's von der ersten Stunde an, da ihr Klarheit +wurde über ihre Lage, gewesen, als habe sie ein Paket geschenkt +bekommen, das sie bis jetzt nicht aufgemacht hatte. Sie hatte die ganze +Zeit über geahnt, was darin war; aber eigentlich hatte sie es erst +gestern aufgemacht. In dem Paket war ein großer schwarzer Schleier, in +den sie sich und ihre Schande einhüllen konnte, der Schleier des Todes. +Aber auch der Schleier wurde ihr nur bedingungsweise geschenkt. Unter +einer Bedingung, die sie von Kind auf kannte. Damals war ihr die +Geschichte einer Großtante erzählt worden, die es hatte verheimlichen +wollen, daß sie während der Abwesenheit des Mannes schwanger geworden +und deshalb heimlich Abend für Abend mit bloßen Füßen auf dem eiskalten +Fußboden umhergelaufen war. Sie hatte den natürlichen Tod sterben +wollen, der die Folge davon sein mußte. Dann wüßte keiner, daß sie sich +das Leben genommen habe, und das Warum kam nicht heraus. + +Aber irgendeiner hatte sie Nacht für Nacht so auf und ab gehen hören; +daher kam es doch heraus. + +Das wollte sie jetzt besser machen! + +Die Schwäche, die vor Margrete so unerwartet über sie gekommen, war +völlig geschwunden. Jetzt hatte sie Kraft zu ihrem Vorhaben. + +Als solle ihr Mut sofort auf die Probe gestellt werden, tauchte neben +ihr etwas Schattenhaftes auf. Es trat ungeahnt aus dem Dunkel hervor und +so beängstigend nahe, daß sie zu laufen anfing. Das Entsetzen, als sie +durch das Toben der Elemente zu hören meinte, es komme hinter ihr +hergelaufen! Da fand sie ihre Fassung wieder und blieb stehen. Da blieb +das hinter ihr auch stehen. Sie ging weiter; da ging das Schattenhafte +auch weiter. Nein, dachte sie: wenn ich nicht den Mut habe, dieser +Sache auf den Grund zu gehen, so habe ich auch den Mut nicht zu dem +ändern. Damit drehte sie sich um und ging direkt auf das Ungeheuer zu, +das sie verfolgte: es wieherte gutmütig,--es war ein junges Pferd. Es +war gesattelt und suchte in seiner Verlassenheit den Menschen. Sie +streichelte es und sprach mit ihm. Es war doch ein Gruß des Lebens, ein +Verlassener, der eine Verzweifelte tröstete. Aber als es weiter mitging, +lieferte sie es auf dem nächsten Bauernhof ab. Sie mußte allein sein. +Die Leute waren höchlichst erstaunt. Daß jemand in dem Wetter draußen +war, und noch dazu eine Frau! Sie floh hastig aus der Helle wieder ins +Dunkel hinaus. + +Das kleine Ereignis hatte sie gestärkt; sie wußte jetzt, daß sie Mut +hatte. Und rasch schritt sie vorwärts. + +Sie mußte jetzt über den ersten Hügel, den der Weg durchquerte. Ob es +wirklich so war, oder ob es ihr nur so schien: der Sturm nahm beständig +zu. Er mußte doch bald seinen Höhepunkt erreicht haben. Aber für sie lag +all ihr eigener Jammer und ihre Schande darin. Gerade das gab ihr Kraft. +Nicht vor dem Tode hatte sie Furcht,--nur vor dem Leben. + +Im Weiterschreiten durchdachte sie alles noch einmal. Sie wollte ihr +Kind nicht verraten, nicht sich selbst retten, indem sie das Kind töten +ließ. Es nicht zu fremden Leuten geben und dann verleugnen. Nicht leben +ohne Selbstachtung. + +Wenn ein Bewerber käme--und sicher kämen jetzt genau so viele wie +früher!--sollte sie es ihm dann gestehen? Oder schamlos verschweigen? Es +gab nur eins, was sie mit Ehren tun konnte: mit ihrem Kinde zusammen +untergehen. Zu nichts anderem fühlte sie sich fähig. Aber das mußte so +geschehen, daß keiner etwas merke. Sie mußte an einer Krankheit sterben; +also hieß es, sich diese Todeskrankheit zuzuziehen. + +Das war sie sich selber schuldig. Denn sie war sich heute genau so +sicher wie an jenem Abend, als sie zu Jörgen hineinging, daß sie nicht +deswegen unglücklich zu werden verdiene. + +Es war ein ungeheurer Irrtum, ja;--aber daran war sie unschuldig. Es war +gewiß auch stark mit Naturtrieb verquickt gewesen,--trotzdem war es eine +Handlung, deren sie sich nicht schämte. Sie war es sich selber schuldig, +mit dem unverkürzten Mitgefühl aller zu sterben, die sie je gekannt +hatte. Sie war das auch denen die in ihr die erste von allen gesehen +hatten. Sie hatte nicht illoyal den Glauben dieser Menschen an sich aufs +Spiel gesetzt. + +Jetzt war sie vorn auf der Landzunge, und der fürchterliche Kampf, der +hier begann, wurde unversehens zu einem Kampf um dies eine. Es war, als +wollten alle Mächte der Welt ihr die Selbstachtung entreißen und sie +verdammen. Hier war offnes Meer und meilenweit her rollten die Wogen in +wachsender Empörung heran. Wenn sie dann am Felsen anprallten, sprühten +sie meterhoch auf. Die allerhöchsten kamen mit den letzten, schneidenden +Spritzern bis zu ihr hinauf. "Da hast Du's! Da hast Du's!" Und der +Sturm, der gegen die zerrissene Felsenkante anraste, wollte sie durch +die Macht des Luftdrucks herunterreißen. Obschon der Regenmantel die +Kleider gut zusammenhielt, war's doch, als wolle der Sturm sie ihr vom +Leibe herunterziehen: "Steh nackt in Deiner Schande, in Deiner Schande!" + +Aber das rasende Schäumen der Wogen schüchterte sie nicht ein, sich +schuldig zu fühlen, auch der Sturm konnte sie nicht bis an die +Eisenstange treiben und vielleicht gar hinüber. Sie bückte sich, ja sie +mußte bei den schlimmsten Stößen stillstehen; aber dann ging's wieder +weiter, und sie hielt ihren Weg ein. "Ich gebe meinen Ehrenkranz nicht +her,--ich will mit ihm sterben! Deshalb sollt _ihr_ mich nicht haben!" + +Sie gelangte glücklich um die Spitze herum und auf die andere Seite und +von dort in die Ebene zwischen diesem Hügel und dem nächsten. Hier war +einmal ein Bergrutsch den Hang hinunter gegangen und unten lag das +Geröll, über das jetzt der Weg führte. In diesem verwitternden Geröll +stand ganz allein dicht am Wege eine einzige schwanke Birke. An die +Birke dachte sie, als sie gerade an die Stelle kam; bei solchem Sturm +mußte sie doch gebrochen sein? Nein, sie stand. Mary blieb daneben +stehen und holte tief Atem. Die Birke beugte sich, daß Mary jeden +Augenblick dachte: jetzt bricht sie; aber sie schnellte elastisch wieder +in die Höhe. Sie selbst konnte sich nicht lange an dieser Stelle halten, +so entsetzlich scharf pfiff der Orkan gerade hier um die Ecke; die junge +Birke aber, die so hoch emporragte und eine so üppige Krone hatte und +selbst so zart und schwach war, die stand stolz da, ganz aus eigener +Kraft; an ihr prallte alles ab. + +Sie wollte den Gedanken ausspinnen, als sie weiterging und in die Ebene +einbog. Aber gerade hier bekam der Sturm die Macht, ihr den Regen ins +Gesicht zu peitschen; jeder Tropfen war wie eine scharfe Nadel. Ach +nein, dachte sie, solch Gefühl wäre es, wenn ich versuchte, dem Sturm zu +trotzen, der meiner harrt. + +Die Lichter auf den Höfen, das einzige, was sie sah, verkündeten +Frieden. Aber sie wußte, was der Friede ihr bringen werde. + +Sie schritt auf dem Wege an der Bucht entlang weiter; aber sie wurde +allmählich müde. Sie merkte es daran, daß die Bilder überhand nahmen; +die Wirklichkeit verschwand hinter Bildern. Alte Vorstellungen aus +Büchern. Als sie auf die zweite Landzunge zustrebte, war das Meer, das +hier wieder offen vor ihr lag, gar kein Meer, sondern lauter +Seeungeheuer, die mit aufgesperrtem Rachen vor Begierde brüllten, +hunderte und aber hunderte. Und die rasenden Raubtiere in der Luft mit +den grausigen Schwingen hatten denen da unten versprochen, Mary ihnen +zuzuwerfen. Sie hielt sich mit ihrer letzten Kraft an der Felswand fest; +aber jetzt kam ein Graben, sie fiel hinein und durchnäßte ganz. Es sind +also noch mehr Feinde da, dachte sie und krabbelte wieder heraus. +Glücklicherweise war die Landzunge schmal; bald war sie an der Biegung +nach der nächsten breiten Ebene. Dann kam nur noch ein Berg. Nicht um +das Leben zu retten, wollte sie nicht hinausgeschleudert werden, nur um +die Ehre zu retten. Fand man sie in der See oder war sie ganz +verschwunden, so würden alle sagen, sie habe den Tod gesucht--und dann +auch nach dem Grunde forschen. + +Jetzt aber hörte sie durch die Dunkelheit den alten Finnenhund bellen. +Ganz nahebei. Sie war schneller gegangen, als sie gedacht hatte, sie war +ja schon beim Nachbargehöft, Jetzt sah sie auch die Lichter. + +Schon der Gedanke, einem Wesen zu begegnen, das an ihr hing, bewegte +sie. Sie liebte das Leben. Sie glaubte selbst nicht mehr, daß sie so +untauglich zum Leben sei. Als diese wohlbekannte Stimme aus dem Dunkel +nach ihr rief, war ihr zumut, wie einem Schiffbrüchigen, der am Ufer +Menschen sieht. + +Als sie über das Gehöft ging, verließ der Hund seinen Posten und kam +kläffend, schweifwedelnd und triefend heran, um sich seine Begrüßung zu +holen. Sie strich ihm dreimal zum Abschied über den Kopf und eilte +weiter. Kurz darauf hörte sie ihn wieder bellen, aber anders, viel +heftiger. Sie mußte unwillkürlich an Jörgen denken. Wie überhaupt auf +dieser ganzen letzten Wegstrecke, die sonst nur ihrem Vater geweiht +gewesen war. Wie hundertmal war sie hier von klein auf mit ihrem Vater +gegangen und geradelt. Jetzt war auch das von Jörgen verschandelt. Sie +konnte hier nicht mehr ohne ihn gehen. Keinen Schritt in ihrem Leben +mehr ohne ihn. + +Sie blickte unwillkürlich nach oben, aber Himmel war nicht zu sehen. + +Ganz erschöpft rüstete sie sich, den letzten Hügelrücken zu +überschreiten. Sie passierte ihn gedankenlos, ohne das Gefühl, daß es +das letztemal war; aber auch ohne Bangen. + +Das, worauf sie jetzt geradenwegs zuging, stand so fest in ihren +Gedanken wie der Weg unter ihren Füßen. Der führte über die Feldmark +von Krogskog auf die Landungsbrücke. Es war so finster, daß ihre Augen, +die sich jetzt doch an die Dunkelheit gewöhnt hatten, die weißen Mauern +der Kapelle erst dicht an der Landungsbrücke wahrnahmen. Ihre Gedanken +schweiften hinüber zu den Gräbern auf dem Kirchhof; aber gleich kamen +sie zurück, um sich zu sammeln für das Ziel ihrer Wanderung. Ohne Zögern +setzte sie den Fuß auf die Brücke und ging hinunter. Hier dräute kein +Orkan, hier peitschte ihr kein Regen ins Gesicht; die beiden waren zu +freundlich gesinnten Mächten geworden, sowie sie den Boden von Krogskog +betreten hatte. Die Höhen und die Inseln boten hier Schutz. Unter andern +Umständen hätte sie eine Erleichterung gefühlt, und vielleicht den +Frieden in dem heimischen Hafen empfunden,--jetzt war jeder Gedanke +abgestumpft. Ganz mechanisch eilte sie weiter. Mechanisch machte sie ein +paar Knöpfe ihres Regenmantels auf, um den Schlüssel herauszuholen; +mechanisch steckte sie ihn ins Schloß und öffnete die Badehaustür. Erst +als sie drinnen stand in der Stockfinsternis, kam sie zum Bewußtsein und +erschrak. Der Südwestwind, der hier noch übrig geblieben war, schlug die +Tür zu, da schauderte sie zusammen. Es war, als sei sie nicht allein. + +Sie mußte sich jetzt ausziehen und die Treppe hinuntersteigen, um +eiskalt zu werden. Eis-eiskalt! Dann sich wieder anziehen und nach Hause +gehen zum Fieber und zu den andern Dingen, die hinterher kamen. Hätte +das Fieber die erwartete Wirkung nicht, dann hatte sie etwas, was +nachhalf. Sie hatte es bei Frau Dawes in einem Fach gefunden. Dann träfe +das Fieber die Schuld. + +Aber nun, da sie mit dem Ausziehen anfangen wollte, war's, als krampfe +sich alles in ihr zusammen, und eine Gänsehaut überlief sie. Vor dem +Wasser, vor dem eiskalten Wasser, in das sie hineinmußte, hatte sie +Angst. Huh, hier dicht bei war gewiß schon Eis. Sie mußte mit den +nackten Füßen das Eis betreten! Sie wollte doch auf jeden Fall die +Strümpfe anbehalten; die konnte sie nachher trocknen, damit keiner +Verdacht schöpfe. Aber das eis-eiskalte Wasser ... wenn sie einen +Herzkrampf bekäme? Nein, sie wollte sich bewegen, wollte schwimmen. Aber +wenn sie sich am Eise schnitt, wenn sie wieder herauswollte? Sie mußte +auch die Unterkleider anbehalten. Aber würden die bis zum nächsten +Morgen trocknen? O doch, wenn sie sie an den Ofen hing. Sie mußte +zuriegeln, damit alles in Ordnung war, wenn das Mädchen hereinkam. Wenn +sie dann nur noch bei Bewußtsein war! Sie war nie krank gewesen; sie +wußte nicht Bescheid damit. + +Als sie in diese langen Überlegungen verfiel, hatte sie den Regenmantel +aufgeknöpft. Nun, da sie die Kapuze abnehmen mußte, geschah das +Unerwartete, daß sie ganz unwillkürlich statt dessen mit dem Kleide +anfing und es oben am Halse aufknöpfte, wo das Medaillon ihrer Mutter +hing. Da zitterten ihr die Hände, und auch ihren Körper überlief ein +Beben. Sie hatte nicht an das Medaillon gedacht; nein, viele Jahre +nicht, auch jetzt dachte sie nicht daran; daher rührte das Zittern +nicht. Aber das Medaillon kam sozusagen bei dem Zittern nach oben. Sie +mußte es jetzt doch abnehmen. Wenn sie es nur nicht vergäße! Nein, sie +wollte es gleich in die Tasche stecken. + +--So!-- + +Da kam ein neues Grauen. Ganz deutlich hörte sie feste Schritte auf der +Landungsbrücke, die näher und näher kamen. Das Zittern hörte auf; +instinktiv knöpfte sie erst das Kleid am Halse wieder zu, dann ganz, +ganz schnell auch den Mantel. Wer hatte hier etwas zu tun? Im Badehause +keinesfalls. + +Doch just hierher kam es! Ein fester Griff, die Tür flog auf, eine +mächtige Gestalt im Wettermantel stand im Rahmen; der Kopf mit der +Kapuze ragte über die Türöffnung weg. Eine elektrische Taschenlaterne +leuchtete ihr gerade ins Gesicht, sie stieß einen heftigen Schrei +aus,--es war Franz Röy. + +Da überkam sie eine Ohnmacht, daß sie dem Umsinken nahe war; aber sie +wurde umschlungen und hinausgetragen, alles in einem Nu. Sie hörte die +Tür ins Schloß schnappen; sie wurde auf den Arm genommen und +fortgetragen. Kein einziges Wort konnte sie sagen; auch er sagte nichts. + +Aber am Ende der Landungsbrücke kam sie wieder zu sich; das merkte er. +Bald hörte er denn auch: "Das ist Gewalt!" Keine Antwort. Gleich darauf +ein heftiger Versuch, sich loszumachen, und wieder klang's nur lauter +und lebhafter: "Das ist Gewalt!"--Keine Antwort. Er schlang nur den +andern Arm zärtlich um sie. Sie fragte heftig: "Wie kommt es, daß Sie +hier sind?"--Da antwortete er: "Meine Schwester!" + +Die Stimme, diese Stimme legte sich zärtlich um sie. Aber sie wehrte +sich dagegen: "Wenn Ihre Schwester es gut mit mir meint und Sie auch, +dann lassen Sie mich los!" Er ging weiter: "Lassen Sie mich los, sag' +ich! Das ist unwürdig!" Sie riß sich so heftig von ihm los, daß er sie +anders fassen mußte, aber auf seinem Arm blieb sie. Mit tränenerstickter +Stimme sagte sie: "Ich lass' es mir von keinem Menschen gefallen, daß er +über mich bestimmt." Da antwortete er: "Sie mögen sich losreißen, soviel +Sie wollen,--ich trage Sie nach Hause. Wollen Sie mir nicht gehorchen, +so lasse ich Sie überwachen!" Die Worte legten sich wie ein eiserner +Reifen um sie; sie wurde ganz still: "Sie lassen mich bewachen?"--"Das +tu' ich; denn Sie sind Ihrer selbst nicht mächtig." + +Etwas Törichteres hatte sie in ihrem ganzen Leben nicht gehört. Aber sie +wollte mit ihm nicht darüber disputieren. Sie antwortete nur: "Und Sie +meinen, das habe einen Zweck?"--"Das meine ich. Wenn Sie sehen, wir +wollen alles für Sie tun, was in unserer Macht steht, dann geben Sie +nach, denn sie haben ein so gutes Herz." Sie schwieg eine Weile, dann +sagte sie: "Ich kann keine Hilfe von einem Menschen annehmen, der nicht +die rechte Achtung vor mir hat,"--sie fing zu weinen an. + +Da blieb Franz Röy stehen und blickte, so gut er konnte, unter seiner +Kapuze zu ihr auf. "Ich nicht die rechte Achtung vor Ihnen?! Meinen Sie, +dann trüge ich Sie? Für mich sind Sie das Feinste, das Schönste, was ich +kenne. Darum trage ich Sie. Sie mögen getan haben, was Sie wollen--ich +weiß, Sie haben es aus dem vornehmsten Gefühl heraus getan; anders +können Sie nicht handeln! Sind Sie betrogen, haben Sie sich furchtbar +geirrt,--so liebe ich Sie nur noch mehr--jetzt ist es gesagt!--dann sind +Sie doch ja auch unglücklich, meine ich! Dann kann ich Ihnen vielleicht +doch irgendetwas sein. Das wäre das schönste, was mir geschehen kann. +Ich will Sie verlassen, wenn Sie es absolut wünschen. Ich will mit Ihnen +zum Altar gehen, wenn Sie soviel Zutrauen zu mir haben. Ich will den +Schuft totschlagen, wenn Ihnen damit gedient ist. Ich will alles tun, +was Sie wollen, wenn Sie nur glücklich dadurch werden. Denn das ist für +mich das schönste." + +Er hielt inne, fing aber wieder an: + +"Ich habe nicht geglaubt, daß ein Mensch soviel Qual ertragen kann, wie +ich empfunden habe, als ich heute abend hinter Ihnen herging. Hier +stürzt sie sich hinunter, dachte ich. Dann muß ich mich auch +hinunterstürzen. Bei diesem Unwetter bedeutet das sicher für uns beide +den Tod; aber das hilft nichts. Das war's auch nicht, was mich peinigte. +Nein, nur daß Sie so unglücklich, so verzweifelt waren. Daß Sie sich für +unwürdig des Lebens halten konnten. Sie, die um keinen Preis der Welt je +etwas Unwürdiges tun konnte. Nie, niemals bin ich einem Menschen +begegnet, dessen ich mir in dieser Beziehung sicherer war. Und doch +konnte ich Ihnen das nicht sagen. Und durfte Ihnen nicht helfen. Ich +kannte Sie,--ich getraute mich nicht in Ihre Nähe. + +"Aber nun habe ich Sie doch gerettet. Denn Sie können nicht sterben +wollen, jetzt, nachdem Sie mich angehört haben. Oder doch?" Er hatte sie +schluchzen hören; er hatte gefühlt, wie sie ihre Arme um seinen Hals +schlang, daß sie seine Worte fast erstickte. Jetzt ließ er sie langsam +zu Boden gleiten. Aber der Arm, den sie ihm um den Hals gelegt hatte, +löste sich nicht. Als sie auf der Erde stand, legte sie auch den andern +Arm um seinen Hals und barg leise schluchzend ihr Gesicht an seiner +Brust; ihr Herz schlug an seinem den Takt dazu, den raschen Takt der +Freude.-- + +--Oben auf dem Hof hatten sie telephonisch Nachricht bekommen, das +gnädige Fräulein sei unterwegs in dem schlimmsten Wetter, das je +dagewesen sei. Aus dem Stadthause wurde immer und immer wieder +angefragt, ob sie noch nicht da sei. + +Das kleine Mädchen war schon mehrmals mit dem Hunde draußen auf der +Treppe gewesen, ohne daß der Hund gebellt hätte. Diesmal aber bellte +er,--mehr noch, er setzte im Galopp davon. + +Im Hause war man in der denkbar größten Aufregung. Keiner fand etwas +Sonderbares darin, daß Unglück und Verzweiflung sie in Wetter und Sturm +hinausgetrieben hatten. Sie bedurfte dessen! Sie sehnte sich danach, ihr +Leben aufs Spiel zu setzen; sie legte keinen Wert mehr darauf. Als jetzt +das kleine Mädchen hereingestürmt kam: "Sie ist da! Sie ist da!" weinten +sie alle vor Freude. Sie hatten schon längst warme Zimmer und warmes +Essen bereit. Nun legten sie noch ein Gedeck auf, denn Nanna kam wieder +hereingestürmt und berichtete, sie sei nicht allein; die Kleine hatte +einen Mann reden hören. Da sei gewiß Jörgen Thiis endlich gekommen! +meinten sie. "Nein, es war nicht seine Stimme. Es war doch eine richtige +Männerstimme!" + +Die Freude des Hundes, als er sie sah, kannte keine Grenzen. Er +winselte, er kläffte, er sprang ihr direkt ins Gesicht und wollte gar +nicht aufhören. Als Franz Röy mit ihm sprach, begrüßte er ihn wie einen +alten Bekannten, wandte sich aber gleich wieder Mary zu. Das kleine +zottige Wesen sprühte förmlich Feuer. Es verkörperte die Freude der +Heimat, sie gesund wiederzusehen. Ein Grüßen der Toten und der Lebenden. +Das war ihre Empfindung. Sie dachte, vielleicht sei er auch ein +Vorspiel zu ihrer eigenen wiedererwachenden Freude, wenn sie einmal das +ausgestandene Grauen ganz los werden konnte. + +Als sie mit dem Hunde hineinkam, der wie toll vor Freude war, da standen +die sämtlichen drei Mädchen da, und die Kleine hinter ihnen. Sie hielten +in ihrem Freudenausbruch inne, als sie den riesigen Menschen hinter ihr +heraufkommen sahen; denn in seinem Wettermantel hatte Franz Röy etwas +Übernatürliches. Aber nur einen Augenblick, dann riefen sie: "Nein, daß +gnädiges Fräulein bei solchem Wetter draußen sind! Wie haben wir uns +geängstigt. Die Verwalterin im Stadthause verständigte uns! Im Dorf ist +Feuer. Alle Mannsleute sind da. Wir hätten sonst Hilfe geschickt. Gott +sei Dank, daß Sie wieder da sind!" + +Mary verbarg ihre Rührung, indem sie schnell nach oben ging. Sie kam in +ihr warmes Zimmer, wo die Lampe schon angezündet war. + +"Ist all diese Liebe und Fürsorge neu? Oder habe ich sie früher nur +nicht beachtet?" + +Der Hund winselte solange vor der Tür, bis sie ihn einließ. Seine +Dankbarkeit war so aufdringlich, daß sie sich nur mit Mühe umziehen +konnte. Besonders schwierig wurde es, als sie die Strümpfe wechselte. + +Schließlich machte sie sich das Haar zurecht, da fiel ihr das Medaillon +ihrer Mutter ein; sie holte es wieder hervor und band es um den Hals. +Sie schaute es an--zum erstenmal nach langen Jahren--und drückte und +küßte es. Darauf steckte sie ein Licht an und ging damit über den Flur +in ihres Vaters Zimmer. Sie setzte das Licht hin, beugte sich über sein +Bett und drückte einen Kuß auf sein Kopfkissen. Dann wieder hinaus; aber +vor der Tür des Fremdenzimmers stand sie still. "Hier soll er schlafen, +damit es morgen wieder geöffnet werden kann. Dann ist alles Häßliche +weg!" Zu dem Mädchen, das gerade nach oben kam, sagte sie, das +Fremdenzimmer müsse geheizt werden. Das sei schon geschehen, antwortete +das Mädchen. "Darf ich Fräuleins Lampe hineinstellen?" Sie bekam sie. +Mary stand und sah ihr nach. Waren sie wirklich immer so gewesen? + +Das Mädchen blieb im Zimmer, um alles zurecht zu machen. Sie selbst ging +auf die Treppe zu. Da blieb sie wieder stehen. Der Hund, der schon unten +gewesen war, kam winselnd wieder herauf. Er wollte sie nicht wieder +verlieren. Sie streichelte ihn voll Dankbarkeit; das war gewissermaßen +eine kleine Abzahlung auf das große Dankgefühl, das sie jetzt ganz +erfüllte. "Morgen--heute bin ich zu müde--morgen sage ich Franz Röy +alles. Alles, was mir geschehen ist. Alles! Dann finde ich mich +vielleicht selbst auch heraus." Mit diesem stolzen Vorsatz ging sie die +Treppe hinunter, stand aber still, ehe sie unten angelangt war. +"Seltsam! Ganz seltsam! Mir ist, als könnte ich es der ganzen Welt +sagen." + +Der Hund stand vor der Tür zu dem holländischen Zimmer; da witterte er +Franz Röy. + +Sie ging und machte die Tür auf. Aber kaum stand sie selbst auf der +Schwelle, da rief Franz Röy, als sei es ihm schwer gefallen, solange zu +schweigen: "Gott im Himmel, ist das hier schön!" Als er den Hund neben +ihr sah, fügte er hinzu: "Und wie lieb man Sie hier haben muß!" Sein +Gesicht leuchtete. + +"In Uniform?" fragte sie.--"Ja, ich bin nämlich direkt von einer großen +Hochzeit fortgeholt worden!" Er lachte. + +Das brachte sie auf einen Gedanken. Während der Hund an ihrem Kleide riß +und zerrte, blickte sie fröhlich zu Franz Röy auf: "Hier auf Krogskog +hat früher schon einmal ein General vom Geniekorps gelebt."-- + + + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Mary, Erzaehlung, by Bjornstjerne Bjornson + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10507 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Mary, Erzaehlung + +Author: Bjornstjerne Bjornson + +Release Date: December 20, 2003 [EBook #10507] + +Language: German + +Character set encoding: ISO Latin-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MARY, ERZAEHLUNG *** + + + + +Produced by Juliet Sutherland, Brett Koonce and PG Distributed +Proofreaders + + + + + + + +MARY, ERZÄHLUNG + +von + +BJORNSTJERNE BJORNSON + + * * * * * + +Das Gut und die Familie + + +Die Küstenlinie des südlichen Norwegen ist häufig unterbrochen. Daran +sind die Berge und die Flüsse schuld. Das Gebirge läuft in Hügel und +Landzungen aus, denen oft Inseln vorgelagert sind; die Ströme haben +Täler gegraben und münden in Buchten. + +In solch einer Bucht, dem "Kroken", lag das Gehöft. Ursprünglich hieß +der Hof Krokskog, woraus die dänischen Beamten in ihren Protokollen +"Krogskov" machten; jetzt heißt er Krogskog. Die Besitzer nannten sich +einstmals Kroken; Anders oder Hans Kroken, das waren die Hauptnamen. +Später nannten sie sich Krogh, der General vom Geniekorps sogar von +Krogh. Jetzt heißen sie recht und schlecht Krog. + +Alle Leute, die auf den kleinen Dampfern von oder nach der nahen Stadt +hier vorbeikamen und an der Landungsbrücke unterhalb der Kapelle +anlegten, wußten davon zu erzählen, wie behaglich und traulich geborgen +Krogskog doch daläge. + +Die Berge am Horizont nahmen sich großartig aus; hier vorn aber waren +sie niedriger. Zwischen zwei vorspringenden, bewaldeten, langgestreckten +Hügelrücken lag der Hof. So dicht drängten sich die Häuser an die Anhöhe +zur Rechten, daß es den Dampferpassagieren vorkam, als könne man vom +Dach des Hauses auf den Hügel hinüberspringen; der Westwind fand hier +keinen Einlaß; wie beim Versteckspiel konnte man zu ihm sagen: "Ein Haus +weiter!" Das gleiche konnte man auch zum Nord- und Ostwind sagen. Einzig +der Sturm von Süden her kam zu Gast, aber auch nur in aller +Bescheidenheit. Die Inseln, eine große und zwei kleine, hielten ihn auf +und stutzten ihn zurecht, bis sie ihn weiterziehen ließen. Die hohen +Bäume vor dem Hause wiegten nur gerade rhythmisch ihre höchsten Wipfel; +die Haltung verloren sie nicht. + +Diese stille Bucht hatte den besten Badestrand der ganzen Gegend. +Besonders die Jugend kam im Sommer an den Samstagabenden oder Sonntags +aus der Stadt, um im Wasser auf dem sandigen Grunde herumzutollen oder +nach der Großen Insel hin und zurück zu schwimmen. Von Krogskog aus +gesehen, lag der Badestrand zur Linken, da, wo der Fluß mündete, wo die +Landungsbrücke war, und wo, ein wenig höher und dem Hügel näher, auch +die Kapelle sich befand, umgeben von den Krogschen Familiengräbern. Von +da bis hinauf zu den Häusern rechts war es ein gutes Stück. Hier oben +war kaum je der Lärm der Badenden und Spielenden zu hören. Anders Krog +aber kam gern selbst hinunter, um ihnen zuzusehen, wenn sie auf der +Sandbank oder im Walde draußen auf der Landspitze Feuer angezündet +hatten. Er kam vermutlich, um ein Auge aufs Feuer zu haben. Aber davon +hörte und merkte niemand etwas. Er war bekannt als "der höflichste Mann +der Stadt", oder "der erste Gentleman der Stadt." Seine großen, +eigentümlich leuchtenden Augen glitten wie ein freundlicher Willkommgruß +über alle Gesichter; die wenigen Worte, die er sprach, enthielten nichts +als gute Wünsche. Er selbst stieg den Hügel weiter hinan auf seinem +gewohnten, langsamen Rundgang. Seine hohe, leicht vornübergebeugte +Gestalt war oben im Wald zu sehen, und so lange blieb es still. Aber was +hatten sie hier sonst für einen Spaß. Meist waren es Arbeiter und +Handwerker aus der Stadt, Turnvereine, Gesangvereine, Kinder. Sie +scharten sich bei der Landungsbrücke und bei der Kapelle; da zogen sie +sich aus. + +Die Strandstraße führte unmittelbar daran vorbei. Aber im Sommer fuhr +selten jemand dort entlang; da fuhr man lieber mit den kleinen Dampfern +oder in Booten. Wenn die Badenden oben auf dem Hügel einen Posten +aufstellten, waren sie sicher, daß keiner sie überrasche. + +Oben auf dem Hof selbst war es still, immer still. Die schönste +Vorderfront des Hauptgebäudes sah nicht einmal auf die Bucht hinaus, +sondern aufs Feld. Das Haus bestand aus zwei hohen Stockwerken mit +abgestumpften Dachecken. Ein langes, breites Haus. + +Die Grundmauer vorn war ziemlich hoch; eine bequeme Treppe führte +hinauf. Das ganze Gebäude war weißgestrichen, die Grundmauer aber und +die Fenster schwarz. Die Nebenhäuser lagen näher dem Hügel zu; vom +Dampfer aus waren sie nicht zu sehen. Zu beiden Seiten des Hauptgebäudes +große Gärten. Der Garten nach der See zu stand voller Obstbäume, der +links vom Hause war ausschließlich Blumen- und Küchengarten. + +Zwischen den Höhen lag ein länglicher Streifen flachen Wiesenlandes. Es +war vorzüglich bestellt. Die großen holländischen Kühe hatten es gut +hier. + +Die Geschichte des Gutes und der Familie hatte der Wald vorausbestimmt. +Der Wald war groß und üppig und war glücklicherweise frühzeitig unter +holländische Pflege und Sparsamkeit geraten, damals als holländische +Kuffs die Waldbesitzer in Norwegen aufsuchten. Hier bekamen sie ihre +Holzladung und versorgten die Norweger dafür mit ihrer Kultur und deren +Erzeugnissen. Krogskog hatte besonderes Glück dabei; denn vor nun +dreihundert Jahren geschah es, daß der Besitzer eines Kuffs, der in der +Bucht lag und lud, sich in des Bauern blondhaarige Tochter verliebte. +Das Ende vom Liede war, daß er die ganze Herrlichkeit kaufte. Ein +wundervoll gemaltes Bild von ihm und ihr hängt noch in der guten Stube, +der Eckstube nach der Bucht hinaus. Das Porträt zeigt einen langen, +hageren Mann mit ungewöhnlich leuchtenden Augen. Er war dunkelhaarig und +ein wenig krummnackig. Der Stamm muß kräftig gewesen sein, denn so sehen +die Krogs noch heutigentags aus. Der erste holländische Besitzer hieß +nicht Krog; er wohnte auch nicht hier; aber der Sohn, der den Hof +übernahm, war nach seinem Großvater mütterlicherseits Anders Krog +getauft, und er nannte seinen Sohn nach seinem eigenen Vater Hans. +Fortan wechselten die beiden Namen miteinander ab. Wenn noch mehr Söhne +da waren, hieß einer Klas und einer Jürges, woraus im Lauf der Zeit +Klaus und Jürgen wurde. Die Mischehen mit den holländischen Verwandten +setzten sich nämlich fort, so daß die Familie zu gleichen Teilen +holländisch und norwegisch war; der Haushalt wurde lange Zeit ganz +holländisch geführt. + +Aber es war, als wenn sich die Rassen trotzdem nicht vermischten. +Wahrscheinlich weil das holländische Element nicht rein holländisch +war,--in diesem Falle hätte es sich leichter mit dem norwegischen +Element verschmolzen,--sondern mit spanischem Blut durchsetzt war. Das +schwarze Haar, die leuchtenden Augen, der hagere Körper vererbten sich +von Glied zu Glied bei den Männern; das blonde Element aber und die +kräftig gebaute Gestalt blieb den Frauen eigen; in ihnen floß +norwegisches Blut, vermengt mit holländischem. Selten sah man ein andres +Zugeständnis der männlichen Linie an die weibliche oder umgekehrt, als +daß helles und dunkles Haar sich in rotem fanden, oder daß die +leuchtenden Augen auch einmal auf ein Frauenantlitz übergingen. + +Es war eine Eigentümlichkeit der Familie, daß in allen Ehen mehr Mädchen +als Knaben geboren wurden. Die Krogs waren schöne Menschen und +durchgehend wohlhabend; infolgedessen war die Familie weitverbreitet und +angesehen. Man sagte ihnen nach, sie hielten ihre Leute und ihre Habe +gut zusammen. + +Ihnen allen gemeinsam war ein weises Maßhalten. In Norwegen ist es ja +allgemein, daß ein Vermögen nicht durch drei Generationen besteht. Wird +es nicht in der zweiten vergeudet, dann sicherlich in der dritten. Hier +hielt es sich. Für den Hauptsitz der Familie waren die Wälder heute eine +ebensolche Quelle des Reichtums wie vor dreihundert Jahren. + +Erblich in der Familie war der Hang zum Wandern. In der Bibliothek des +Hofes waren mehr Reisebeschreibungen als Werke aus anderen Gebieten, und +es wurden ihrer beständig mehr. Schon die Kinder hatten am Reisen +Interesse, d.h. sie machten Pläne nach Büchern, Bildern und Karten. Sie +spielten reisen auf den Tischen. Sie wanderten von der einen Stadt, die +aus farbigen Papierhäusern aufgebaut war, zu den andern gleicher Art. +Sie schoben Schiffe hin und her, die auch aus buntem Papier waren und +die Bohnen, Kaffee, Salz und Hölzer führten. Draußen auf der Bucht +ruderten, segelten und schwammen sie von der Landungsbrücke zu den +Inseln hinüber. Von Europa nach Amerika, von Japan nach Ceylon. Oder sie +zogen über die Hügelrücken, d.h. über die Kordilleren zu den +allerdenkwürdigsten Indianerstädten. + +Kaum waren sie erwachsen, so ging es auf die Wanderschaft; es fing +meistens mit einer Reise zu den holländischen Verwandten an. So kam vor +vielleicht zweihundert Jahren ein Mann dahin, der freilich sofort mit +einem holländischen Ostindienfahrer weiterreiste, aber nach Amsterdam +zurückkehrte in dem Wunsch, Baumeister und Ingenieur zu werden, was +damals zusammengehörte. Er zeichnete sich aus und wurde später als +Lehrer in seinem Fach nach Kopenhagen berufen. Da ging er zum Heer über +und wurde schließlich General im Geniekorps. Durch Erbschaft und Arbeit +hatte er sich ein Vermögen erworben, nahm den Abschied und siedelte sich +in Krogskog an, das er einem kinderlosen Bruder abkaufte. Er nannte sich +Hans von Krogh. Er baute das jetzige Hauptgebäude aus Stein, eine wenig +gebräuchliche Bauart in einer norwegischen Waldgemeinde. Der alte +Ingenieur wollte seinen Spaß haben. Obwohl er nicht verheiratet war, +baute er es geräumig "für die Kommenden." Alle Häuser des Gehöfts baute +er um; er grub und pflanzte; er ließ einen Gärtner aus Holland kommen, +den alten Siemens, von dessen strengem Wesen und heißem Streben nach +Reinlichkeit und Ordnung noch heute berichtet wird. Für ihn baute der +General das Treibhaus und die Gärtnerwohnung. + +Der General wurde sehr alt. Nach ihm geschah nichts Besonderes, bis der +Jüngere von zwei Brüdern nach Amerika ging und sich dicht am Michigansee +ansiedelte, wo damals noch Neuland war. Das wurde als ein großes +Ereignis angesehen. Er hieß Anders Krog, und es ging ihm gut da drüben. +Nur wunderte man sich, daß er sich nicht verheiratete. Er wollte einen +seiner Neffen zu sich nehmen, um ihm seinen Besitz zu überlassen. So kam +es, daß der ältere Bruder des jetzigen Eigentümers von dannen zog. Er +hieß Hans. + +Aber siehe da, ein jung norwegisch Mädchen, auch eine Verwandte, kam +genau zur selben Zeit hin, und in sie verliebte sich der alternde Onkel. +Er bot seinem Neffen an, ihm die Kosten der Rückreise zu erstatten. Dem +jungen Mann aber erschien das unwürdig. Er blieb und fing ein eigenes +Geschäft an, und zwar einen Holzhandel, denn darauf verstand er sich. +Das Geschäft ging außerordentlich gut. Als er nach dem Tode seines +Vaters nach Hause sollte und den Hof übernehmen, wollte er nicht. Der +jüngere Bruder Anders war inzwischen Kaufmann geworden; er betrieb das +größte Kolonialwarengeschäft der Stadt. Jetzt mußte er auch den Hof +übernehmen. + +Ein eigentlicher Geschäftsmann war der junge Anders Krog nicht. Aber +seine Gewissenhaftigkeit ohnegleichen und sein rücksichtsvolles Wesen +bewirkten, daß bald alle bei ihm kauften. Ein andrer hätte reich dabei +werden müssen; aber das wurde er nicht. Als er Krogskog übernahm, war +sowohl das Geschäft in der Stadt wie vor allem auch der Hof erheblich +verschuldet. Keins von beiden hatte er billig bekommen. Reisen hatte er +freilich auch müssen, aber es waren jedes Jahr nur vier Wochen gewesen, +einmal nach England, ein andermal nach Frankreich usw. Sein größter +Wunsch war allerdings, einmal bis nach Amerika zu kommen, aber dazu +hatte er denn doch nicht den Mut. Er begnügte sich damit, von dem neuen +Wunderlande zu lesen; Lesen war seine größte Freude; nach ihr kam das +Hantieren im Garten. Das verstand er besser als der Gärtner. + +Dieser stille Mann mit den leuchtenden Augen war schüchtern wie ein +Mädchen von vierzehn Jahren. An jedem Werktag morgen suchte er sich +einen einsamen Platz--d.h. wenn so einer da war--auf dem kleinen +Dampfer, der ihn nach der Stadt brachte, solange die Bucht nicht +zugefroren war. Beim Aussteigen war er voll Rücksicht gegen die andern; +ehrerbietig grüßend eilte er an ihnen vorbei, wenn er an Land gekommen +war,--und war dann in seinem Hause am Markt zu finden bis zum Abend, wo +er auf die gleiche Weise heimkehrte. Das heißt: wenn er nicht radelte. +Im Winter fuhr er mit dem Wagen oder übernachtete in der Stadt, wo er in +seinem eigenen Hause zwei bescheidene Mansardenstuben bewohnte. + +Er hatte das Zeug zu dem besten Ehemann, den man sich in der Stadt +vorstellen konnte. Aber seine unüberwindliche Bescheidenheit machte jede +Annäherung unmöglich,--bis die rechte kam. Da war er aber schon über +vierzig Jahr. Es ging ihm wie seinem Namensvetter, dem Onkel am +Michigansee, daß ein junges Mädchen aus seiner eigenen Familie erschien +und ihn eroberte. Und das war ausgerechnet das einzige Kind dieses +Onkels. + +Er stand eines Sonntag morgens in Hemdsärmeln in seinem Küchen- und +Blumengarten an der Nordseite des Hauses, als ein junges Mädchen mit +einem großen Strohhut die beiden unbehandschuhten Hände auf das weiße +Staket legte und zwischen den großen Knaufen des Gitters +hindurchschaute. + +Anders Krog, der vor einem Blumenbeet kauerte, hörte ein schelmisches +"Guten Tag" und fuhr in die Höhe. Seine Augen nahmen das Mädel wie eine +Offenbarung in sich auf. Sprachlos und unbeweglich stand er mit seinen +erdigen Händen da und starrte sie an. + +Sie lachte und sagte: "Wer bin ich?" Da kam ihm die Besinnung zurück. +"Sie sind--Sie sind sicher--", er kam nicht weiter, aber sein Lächeln +hieß sie willkommen. "Wer bin ich?"--"Marit Krog aus Michigan." Er hatte +von seiner Schwester, die jenseits des linken Hügelrückens wohnte, +gehört, Marit Krog sei unterwegs. Aber er hatte nicht geahnt, daß sie +schon da war.--"Und Sie sind der Bruder meines Vaters", antwortete sie +in etwas englischem Tonfall. "Wie Ihr beide Euch ähnlich seid!--Nein, +wie Ihr Euch ähnlich seid!"--Sie stand und starrte ihn an. "Darf ich +nicht hineinkommen?"--"Ja, selbstverständlich,--aber erst--erst muß ich +doch--", er blickte auf seine Hände und auf die Hemdsärmel.--"Ich kann +ja ins Haus gehen?" sagte sie unternehmungslustig. "Das können +Sie,--selbstverständlich! Gehen Sie bitte durch die Haupttür hinein. Ich +werde das Mädchen schicken",--und er begab sich eilig nach der Küche. + +Sie lief vorn vor das Gebäude und die Treppe hinauf. Sie mußte einen +ungeheuer großen Schlüssel, der wie der ganze Eisenbeschlag ein altes +Kunstwerk war, umdrehen, um in das Vorzimmer zu gelangen, das sehr viel +Licht hatte. In ihr steckte ein Stück von einem Maler, sie hatte Augen +für so etwas. Sie sah sofort, daß all diese großen und kleinen Schränke +wunderschöne holländische Arbeit waren, und daß das Zimmer größer war, +als es den Anschein hatte; denn die Möbel nahmen viel Platz ein. Eine +schöne altertümliche Treppe mit Schnitzwerk führte zu ihrer Rechten in +das zweite Stockwerk hinauf. Geradeüber mußte der Eingang in die Küche +sein; sie dachte es sich und sie roch es auch. Das bestätigte sich ihr, +als das Mädchen herauskam. Durch die offne Tür sah sie in eine Küche +hinein, deren Fußboden mit Marmorfliesen belegt war; die Wände waren mit +blaubemalten Kacheln bekleidet, und auf dem Gesims, das die Wand in zwei +Hälften teilte, stand blankgeputztes Kupfergeschirr in allen Größen. +Eine holländische Küche. + +Hier im Vorzimmer stand sie auf Teppichen so dick, wie sie noch nie +welche betreten hatte. Ebenso schwer waren die Teppiche auf der Treppe, +die von Messingstangen gehalten wurden, wie sie dicker nie welche +gesehen hatte. Hier gehen die Menschen auf Kissen, dachte sie, und ihr +kam gleich das Bild in den Sinn, das Haus sei ein ungeheures Bett. +Später nannte sie es immer "das Bett." "Wollen wir jetzt nach Hause ins +Bett?" sagte sie dann lachend. Zu beiden Seiten sah sie Türen und malte +sich die Zimmer dahinter aus. Links von ihr, d. h. an der rechten Seite +des Hauses, komme erst ein kleineres Zimmer nach vorn und dahinter, nach +der Bucht hinaus, ein großer Raum über die ganze Breite des Hauses. Und +das traf zu. Zur Rechten stellte sie sich das Haus der Länge nach in +zwei Zimmer geteilt vor. Auch das stimmte. Es war nicht weiter +verwunderlich, denn ihres Vaters Haus am Michigansee war nach diesem Bau +eingerichtet. Oben dachte sie sich einen breiten Gang quer durch das +Haus und kleinere Zimmer zu beiden Seiten des Flurs. Waren aber hier +unten schon unglaublich dicke Teppiche, so waren sie da oben womöglich +noch dicker, richtige Kissen. Dies Haus ließ kein Geräusch aufkommen. +Hier lebten stille Menschen. + +Das Mädchen hatte die Tür an der Seite geöffnet, die zur See hinausging. +Marit trat ein und sah sich alle Malereien und Schnurrpfeifereien im +Zimmer an; es war allerdings überladen, aber jedes einzelne Stück war +sorgfältig ausgesucht, zum Teil mit intimem Geschmack; das sah sie +sofort. Hier waren unter anderem Gemälde, die einen hohen Wert haben +mußten. Was sie aber besonders beschäftigte, war der Gedanke, daß sie +erst jetzt ihren alten Vater verstand, obwohl sie von klein an mit ihm +zusammengelebt hatte, ganz allein mit ihm; ihre Mutter hatte sie früh +verloren. Aus so viel Feinem und Kostbarem war er zusammengesetzt. Ein +bißchen bunt durcheinander und daher unbeachtet. War's nicht, als komme +er jetzt und stelle sich neben sie und lächele sein diskretes, warmes +Lächeln, weil er sich verstanden wußte? + +Da kam er ja! Durch die offne Tür sah sie ihn die Treppe +herunterkommen. Jünger zwar, aber das tat nichts, die Augen waren nur +noch schöner und inniger,--er kam daher mit demselben Gang, denselben +Armbewegungen, genau so vornübergebeugt und behutsam sich nähernd. Und +wie er sie jetzt ansah und mit ihr sprach und sie willkommen hieß ... +mit den gleichen abgetönten Worten, da ahnte sie in alldem die tiefe +Achtung vor dem Individuellen, die in ihren Augen ihren Vater vor allen +auszeichnete, die sie kannte. Der Vater hatte dünneres Haar, sein +Gesicht war runzlig, der Mund hatte nicht mehr alle Zähne, die Haut war +verschrumpft ... Gerade diese Erinnerung füllte ihre Augen mit Tränen. +Sie blickte empor in seine jüngeren Augen, hörte seine frischere Stimme, +fühlte den Druck seiner wärmeren Hand. Sie konnte nicht dafür, sie +schlang beide Arme um Anders Krogs Hals, schmiegte sich an seine Brust +und weinte. + +Nun, damit war es entschieden. Er stand für nichts mehr. + +Nach einer Weile saßen sie beide zusammen in dem Boot, mit dem sie +gekommen war. Sie ruderte um die Landspitze herum. Teils um seiner +selbst willen, teils auch wegen der Badenden, die zusahen, hatte er ein +paar schüchterne Versuche gemacht, ihr das Ruder abzunehmen. Aber seit +dem Augenblick, da sie beide Arme um seinen Hals legte, hatte er sich +seiner Macht begeben. Er wußte im voraus, daß er so tun mußte, wie dies +reiche rote Haar es wünschte. Er saß und sah in ihr sommersprossiges +Gesicht und auf die sommersprossigen Hände, auf ihre prächtige Gestalt +und ihren frischen Mund. Er sah über dem Halskragen die feinste weiße +Haut; es war etwas in den Augen, das genau dazu paßte. Er wurde nicht +fertig, bis sie am Ziel waren. Auch auf dem Wege zum Hof der Schwester +wurde er nicht fertig, weder mit ihrer weichen Stimme, noch mit ihrem +Gang, noch mit ihren Füßen, noch mit ihrer Kleidung, noch mit den Zähnen +und dem Lächeln und am allerwenigsten mit dem, was sie da +holterdipolter erzählte,--es war etwas Verwirrendes in allem. + +Am nächsten Morgen fuhr er nicht in die Stadt. Sowie der Dampfer, auf +dem er hätte sein müssen, um die Landspitze herum war, kam ihr weißes +Boot. Sie hatte eine Magd bei sich, die Wache halten sollte, denn jetzt +wollte auch sie baden. + +Als sie fertig war, kam sie herauf. Sie wollte bis Mittag bleiben. +Nachher gingen sie zusammen über den Hügelsattel zurück, das Boot hatten +sie nach Hause geschickt. + +Am andern Tage fuhr sie mit ihm in die Stadt. Tags darauf mußte auch die +Tante mit, aber diesmal wollte sie mit dem Wagen fahren. Und so jeden +Tag etwas Neues. Die beiden Geschwister lebten nur für sie. Sie nahm es +hin, als müsse es so sein. + +Als sie drei Wochen so mit ihnen gelebt hatte, kam ein Kabeltelegramm +vom Bruder Hans mit der Nachricht, Onkel Anders sei plötzlich gestorben; +Marit solle vorbereitet werden. + +Dies war der schwerste Gang, den Anders Krog je gegangen war,--über den +Hügelrücken zur Schwester, mit diesem Telegramm in der Tasche. Gerade +als er das trauliche gelbe Haus, umgeben von Wirtschaftshäusern und +Bäumen, drunten in der Ebene vor sich liegen sah, hörte er die +Essensglocke vergnüglich in den heiteren, sonnigen Tag hinaustönen. Da +wartete der gedeckte Tisch. Er setzte sich hin; er hatte das Gefühl, als +könne er nicht weiter. Er mußte ja hinunter und den frohen Tag morden. + +Als er endlich auf den Hof gelangte, ging er zusammen mit einigen +Arbeitern, die von weither zum Mittagessen kamen, zur Hintertür hinein. + +Hier traf er die Schwester, die ihn ins Hinterzimmer hineinnötigte. +Ebenso wie er erschrak sie und wurde traurig; aber sie war eine mutigere +Natur und übernahm es, Marit, die nicht zu Hause war, aber jeden +Augenblick kommen mußte, die Mitteilung zu machen. + +Vom Hinterzimmer aus hörte Anders Krog dann nachher einen Ruf und einen +Aufschrei, den er nie wieder vergaß. Er sprang bei diesem Schmerzenslaut +auf, konnte sich aber nicht überwinden, das Zimmer zu verlassen; ein +wehes Schluchzen von drinnen hielt ihn fest. Es wurde stärker und +stärker, unterbrochen von kurzen Ausrufen. Die gleiche unmittelbare +Kraft in ihrem Schmerz wie in ihrer Freude. Es jagte ihn in der Stube +umher, bis die Schwester die Tür öffnete: "Sie möchte Dich sehen." + +Da mußte er hinein; mit Aufbietung all seiner Willenskraft zwang er sich +dazu. Sie lag auf dem Sofa; aber er ließ sich kaum sehen, als sie sich +aufrichtete und die Arme ausstreckte: "Komm, komm! Jetzt bist Du mein +Vater."--Er eilte hin und beugte sich über sie; sie legte den Arm um +seinen Hals und drückte ihn fest an sich; er mußte hinknien. + +"Du darfst mich nie mehr verlassen! Nie, nie!" "Nie!" entgegnete er +feierlich. Sie drückte ihn fest an sich, ihre Brust wogte an seiner, ihr +Gesicht lag feucht und glühend an seinem. "Du darfst mich nie +verlassen!"--"Nie!" wiederholte er aus tiefstem Herzen und schlang die +Arme um sie. + +Sie legte sich wie getröstet wieder hin und hielt seine Hand; sie wurde +ruhiger. Wenn die Anfälle kamen und er sich mit zärtlichen Worten über +sie beugte, wirkte es besänftigend. + +Er wagte nicht nach Hause zu gehen; er blieb die Nacht über da. Sie +konnte nicht schlafen, und er mußte bei ihr sitzen bleiben. + +Erst am nächsten Tage hatte sie sich klar gemacht, was nun geschehen +solle. Sie wollte hinreisen, und er sollte mit. Das kam ihm höchst +unerwartet. Aber weder er noch seine Schwester wagten, ihr zu +widersprechen. Da gelang es der Schwester, sie auf andre Gedanken zu +bringen. Sie sagte: "Ihr solltet Euch erst verheiraten." Marit sah sie +an und sagte: "Ja, das ist richtig. Das sollten wir wahrhaftig tun!" Und +nun beschäftigte sie das so stark, daß es sie von ihrem Schmerz +ablenkte. Anders war nicht gefragt worden; aber das war auch nicht +nötig. + +Dann kam der erste Brief von Hans. Er hatte alles mit dem Begräbnis des +Onkels geordnet und erzählte, in welcher Weise. Er erbot sich, das +Geschäft und den Besitz des Onkels zu übernehmen. + +Anders hatte zu seinem Bruder unbegrenztes Vertrauen; er nahm das +Angebot an, und damit wurde die Reise überflüssig. Sobald Hans einen +Überblick über den ganzen Nachlaß hatte, setzte er die Kaufsumme fest +und fragte bei dem Bruder an, ob er sich mit diesem Betrage an Hansens +Geschäft beteiligen wolle. Der Betrag, der in Bankguthaben und Aktien +bestand, wurde sofort ausgezahlt. Schon diese Summe war groß genug, um +nicht allein Anders schuldenfrei zu machen, sondern um auch Marit zu +gestatten, nach Herzenslust herumzuwirtschaften und zu reformieren. Er +wünschte, sie solle das ganze Erbe für sich behalten, aber darüber +lachte sie. Er wurde also Kompagnon seines Bruders und war für +norwegische Verhältnisse fortan ein recht wohlhabender Mann. + +In ihrer Ehe ging nach einigen Monaten eine Veränderung mit Marit vor. +Sie gab sich wunderlichen Einfällen hin; die Grenzen zwischen Traum und +Wirklichkeit verwischten sich. Dabei wollte sie alles umgestalten, was +unter ihrer Aufsicht stand, sowohl in ihrem Heim hier draußen, wie in +dem Stadthause. Aus diesem Hause mußten die Mieter hinaus. Sie wollte es +für sich allein haben. + +Seine Zeit war ausgefüllt von all ihren Einfällen, besonders aber von +ihr selbst. Seine Dankbarkeit fand nur kärgliche Worte, aber sie lag in +seinen Augen, in seiner Höflichkeit, die an Umfang noch zugenommen +hatte; vor allem aber lag sie in seiner sorglichen Achtsamkeit. Er hatte +Angst, das wieder zu verlieren, was so unerwartet gekommen war; oder +daß irgend etwas Schaden nehmen könne. Seiner bescheidenen Natur schien +das Glück unverdient. + +Sie schmiegte sich auch immer enger an ihn. Sie hatte eine Formel +gefunden, die sie häufig wiederholte: "Du bist mein Vater--und mehr!" +Und eine andere: "Du hast die herrlichsten Augen von der Welt, und die +gehören mir." Mit der Zeit gab sie manches von dem auf, womit sie sich +beschäftigte; statt dessen wollte sie ihm vorlesen. Von klein auf hatte +sie ihrem Vater vorgelesen; das sollte wieder aufgenommen werden. Sie +las ihm englisch-amerikanische Bücher vor, besonders Verse. Sie hatte +die klangvolle Vortragsweise, in der englische Verse gesprochen werden +müssen, und machte sie wahr durch ihre eigene glaubwürdige Art. Sie +hatte eine weiche Stimme, die die Worte behutsam und still wie aus der +Erinnerung heraus anfaßte. + +Als die Zeit fortschritt, mußten sie beide täglich zusammen ins +Treibhaus. Die Blumen darin waren ihr Vorboten dessen, was in ihr wuchs; +sie wollte jeden Tag nach ihnen sehen. "Ob sie wohl darüber reden?" + +Und dann eines Tages, als das erste Anzeichen da war, daß der Winter +hier von der Küste weichen wollte, und sie gemeinsam oben am sonnigen +Hang das erste Grün gepflückt hatten, da merkte sie, daß sie schwach +wurde; jetzt kam ihre große Stunde. Ohne sonderliche Schmerzen vorher, +ihre Hand in seiner, gebar sie eine Tochter. Die gerade hatte sie sich +gewünscht. Aber es war ihr nicht bestimmt, das Kind aufzuziehen; denn +drei Tage später war sie tot. + + * * * * * + +Die neue Marit + + +Der Arzt befürchtete lange, Krog würde auch sterben. Rein an +Überanstrengung. In seiner langen Einsamkeit war er nicht daran gewöhnt +gewesen, sich so hinzugeben oder so unendlich viel zu empfangen, wie ihm +das Zusammenleben mit ihr gebracht hatte. Erst ihr Tod offenbarte, wie +schwach er geworden war, wie wenig Widerstandskraft er noch hatte. Der +schwache Rest brauchte Monate, um sich so weit zu erholen, daß er die +Nähe anderer Menschen ertrug. Man erzählte ihm, das Kind sei zu seiner +Schwester gebracht. Sie fragten ihn, ob er es sehen möchte. Fast +unwillig wandte er sich ab. Das erste, was er ernstlich erwog, als er +sich kräftiger fühlte, war, sich von dem Geschäft zu befreien. Er beriet +sich darüber mit "Onkel Klaus", einem Verwandten, einem wunderlichen +alten Junggesellen, der allgemein so genannt wurde. Durch seine +Vermittlung wurde das Geschäft veräußert. Nicht aber das Haus, in dem es +sich befand,--das sollte in allen Teilen zur Erinnerung an sie +unverändert bleiben. + +Anders Krogs erster Gang war zur Kapelle und zum Grabe, und das griff +ihn so an, daß er wieder krank wurde. Sobald er sich erholt hatte, gab +er seine Absicht kund, auf Reisen zu gehen und fortzubleiben. Seine +Schwester kam erschrocken zu ihm herüber; das sei doch wohl nicht wahr? +"Du willst uns und das Kind doch nicht verlassen?"--"Ja, ich kann es in +meinen eigenen Stuben nicht aushalten", antwortete er und brach in +Tränen aus.--Aber er müsse doch auf jeden Fall das Kind erst +sehen?--"Nein, nein! Das am allerwenigsten." + +Er reiste ab, ohne es gesehen zu haben. + +Aber natürlicherweise war es das Kind, das ihn wieder nach Hause zog. +Als es drei Jahr alt war, wurde es photographiert,--und diese +Photographie ... solch einer Ähnlichkeit mit der Mutter, solchem +kindlichen Liebreiz konnte er nicht widerstehen. Von Konstantinopel aus, +wo er sich gerade aufhielt, schrieb er: "Jetzt habe ich bald drei Jahre +gebraucht, um das, was ich in einem erlebt habe, noch einmal zu +durchleben. Ich kann nicht sagen, daß ich es mir schon ganz zu eigen +gemacht habe. Namentlich wird viel Neues hinzukommen, wenn ich die +Stätten wiedersehe, wo wir zusammen waren. Aber soweit bin ich durch das +tiefere Hineinleben dieser Jahre doch gekommen, daß ich diese Stätten +nicht mehr scheue; im Gegenteil, ich sehne mich jetzt nach ihnen." + +Die Begegnung mit der neuen Marit wurde ein Fest für ihn. Nicht sofort; +denn zuerst hatte sie natürlich Angst vor dem fremden Mann mit den +großen Augen. Aber es erhöhte seine Freude, wie sie vorsichtig, nach und +nach ihm näher kam. Als sie schließlich auf seinen Knien saß mit den +beiden neuen Puppen, einem Türken und einer Türkin, und ihm diese in die +Nase steckte, damit er niesen sollte, weil die Tante das auch getan +hatte, da sagte er mit Tränen in den Augen: "Ich habe nur eine Begegnung +erlebt, die noch herrlicher war." + +Sie siedelte also mit dem Kindermädchen in sein Haus über. Ihr erster +gemeinschaftlicher Gang war zum Grabe der Mutter, auf das sie Blumen +legen sollte. Das tat sie auch; aber sie wollte sie wiederhaben. Nichts +half, was sie auch versuchten. Das Mädchen pflückte ihr schließlich +andere; aber die wollte sie nicht; sie wollte ihre eignen. Sie mußten +ihr also die Blumen lassen und die neuen aufs Grab legen. Er dachte: +"Das ist nicht die Mutter." + +Der Versuch wurde wiederholt. Jeden Tag sollte das Grab der Mutter mit +Blumen geschmückt werden, und von ihr. Er teilte die Blumen in zwei +Teile; die eine Hälfte trug er, die andere sie. Er wünschte, sie solle +ihre hinlegen und seine wieder mit nach Hause nehmen. Aber es gelang +nicht. Ja, schlimmer als das; denn als sie den Kirchhof verließen, +bestand sie darauf, er sollte seine Blumen auch wieder mit nach Hause +nehmen. Und er mußte nachgeben. Am nächsten Tage versuchte er etwas +anderes. Sie trug ihre Blumen zu der Mutter Grab, er aber gab ihr +Zuckerwerk, damit sie die Blumen liegen lassen sollte. Wirklich, sie gab +die Blumen gegen das Zuckerwerk ab, das sie in den Mund steckte. Aber +als sie gingen, wollte sie die Blumen auch noch haben. Das verstimmte +ihn. + +Dann kam er auf den Einfall, die Mutter fröre, Marit müsse sie +zudecken. Da meinte sie, Mutter solle doch heraufkommen, in ihr eigenes +Bett. Er hatte ihr nämlich gesagt, das leere Bett neben seinem sei +Mutters, und sie fragte beständig, ob Mutter nicht bald komme. Sie könne +nicht kommen, sagte er; sie liege da draußen und fröre. Das führte +schließlich zum Ziel. Sie breitete selbst die Blumen über die Grabstätte +und ließ sie liegen. Auf dem Heimweg wiederholte sie mehrmals: "Jetzt +friert Mutter nicht mehr." + +Er überlegte, was sie unter Mutter verstehen mochte. Er wünschte, sie +solle die Bilder ihrer Mutter kennen, übte aber vorher ihren Sinn an +Bildern von Tieren und Gegenständen. Dann ging er zu Bildern von seiner +Schwester und von sich selbst und von Personen über, die sie kannte. Als +sie damit ziemlich vertraut war, kam das erste Bild der Mutter an die +Reihe. Es machte keine Schwierigkeiten; sie durfte noch mehrere sehen +und lernte sie schnell von anderen unterscheiden. Nach Tisch, als sie +schlafen ging, wollte sie Mutter im Arm haben. Er verstand sie erst +nicht, und sie wurde ungeduldig. Da brachte er ihr das erste Bild der +Mutter; sie nahm es gleich in den Arm, deckte es zu und schlief ein. +Aber erst als sie mit vier Jahren einmal in der Küche eine Mutter sich +um ihr krankes Kind mühen sah, überzeugte er sich, daß sie wußte, was +eine Mutter sei; denn sie sagte: "Warum kommt meine Mutter nicht und +zieht mich an und aus?" + +Mit der Zeit wurden Vater und Tochter sehr gute Freunde. Noch mehr +Freude aber machte es ihm, als sie groß genug war, daß er ihr von Mutter +erzählen konnte. Von Mutter, die übers Meer herüber zu Vater gekommen +sei und Maritchen mitgebracht habe. Wo Vater und Mutter zusammengegangen +waren, gingen sie nun beide; jeden Spazierweg. Er ruderte sie, wie +Mutter ihn gerudert hatte; sie fuhren zusammen zur Stadt, wie sie beide +getan hatten. Dort saß Marit auf den Stühlen, die Mutter gekauft, und +auf denen sie gesessen hatte. Bei Tisch hatte sie Mutters Platz, bei +den Blumen im Treibhaus und im Garten war sie die Mutter, und sie half, +wie Mutter es getan hatte. Ein gar kluges, schönes Kind! Mit dem roten +Haar und der schimmernd weißen Haut der Mutter, mit ihren großen Augen +und denselben fein geschwungenen Brauen. Vermutlich würde sie auch ihre +gebogene Nase bekommen. Die Hände mit den langen Fingern hatte sie nicht +von der Mutter, auch die Gestalt nicht. Der Übergang vom Kopf zum Nacken +mit der sanften Neigung stammte eher vom Vater. Die Schultern hatten +nicht die schöne geschwungene Linie wie der Mutter Schultern, sondern +waren mehr abfallend, und die Arme flossen sanfter daraus hervor. Es +trieb ihn jeden Abend nach oben, zuzusehen, wenn sie ausgezogen wurde. +Die Verschmelzung des männlichen und des weiblichen Typus der Krogs, die +bisher so selten gewesen, die aber schon teilweise von der Mutter +repräsentiert worden war, gab es hier in der Vollendung. Marit schoß +hoch auf, ihre Augen waren groß und der Kopf fein geformt. + +Er konnte sie nicht dazu bewegen, mit Kindern umzugehen; das langweilte +sie. Sie gingen nicht schnell genug auf ihre Ideen ein, die freilich +recht eigentümlich waren. Die Felder hier waren doch ein Zirkus; der +Vater hatte ihr von Buffalo Bill erzählt. Indianer sprengten durch die +Arena, sie selbst an der Spitze auf einem weißen Pferde. Die Hügel waren +die Logen, die voll Menschen waren. Das konnten die anderen Kinder nicht +sehen. Auch das Reisenspielen auf dem Tisch, das ihr Vater sie gelehrt +hatte, verstanden sie nicht. + +Als Siebenjährige nötigte sie ihren Vater, ihr ein Rad zu kaufen und sie +fahren zu lehren; er selbst fuhr ausgezeichnet. Das war aber doch der +Tropfen, der den Becher zum Überlaufen brachte und ihn bestimmte, sich +nach Unterstützung umzusehen. + +Er hatte in Paris eine entfernte Verwandte kennen gelernt, eine Frau +Dawes; sie war in England verheiratet gewesen; als aber ihr einziges +Kind starb, hatte sie sich scheiden lassen und lebte in Paris als +Pensionsinhaberin. In dieser Pension hatte er sie täglich bewundert. Er +war kaum je einem klügeren Menschen begegnet. Er fragte bei ihr an, ob +sie zu ihm kommen, seinem Hause vorstehen und sein Kind erziehen wolle. +Sie sagte ohne Zögern telegraphisch zu, und in weniger als einem Monat +hatte sie alles verkauft, war abgereist und hatte sich in ihren neuen +Wirkungskreis begeben. Ein Hüftleiden, das sie schon lange plagte, hatte +sich verschlimmert, so daß ihr das Gehen schwer fiel. Aber von ihrem +Rollstuhl aus, den sie mitgebracht hatte, und den ihre behäbige Person +vollständig ausfüllte, leitete sie das ganze Haus, ihn selbst +inbegriffen. Er war ganz erschrocken über ihre Tüchtigkeit. Sie kam +selten aus ihrem Stuhl heraus, aber trotzdem wußte sie alles, was +geschah. Wände hemmten ihren Blick nicht, eine Entfernung gab es nicht +für sie. Größtenteils ließ sich das aus der Schärfe ihrer Sinne +erklären, aus ihrer Fähigkeit, Worte und Zeichen zu deuten, in Mienen +und Augen zu lesen, zu riechen und zu hören, Schlüsse zu ziehen aus dem, +was sie wußte,--und siebentens und letztens daraus, daß sie zu fragen +verstand. Aber einiges war auch nicht zu erklären. Drohte einem, den sie +lieb hatte, eine Gefahr, so fühlte sie das, wo sie auch war. Sie schrie +auf--in solchen Augenblicken sprach sie immer englisch--und war auf den +Beinen und Feuer und Flamme. So zum Beispiel an dem denkwürdigen Tage, +da Marit mit ihrem Rad in den Fluß gefallen war und durch Männer vom +Dampfer aus aufgefischt wurde; denn unten an der Landungsbrücke, wohin +sie gewollt hatte, war das Unglück geschehen. Da stießen sie und Frau +Dawes aufeinander, die eine triefend von Nässe und heulend, die andere +triefend von Schweiß und auch heulend. + +Frau Dawes machte täglich ihre Runde durch das Haus und, wenn es nötig +war, auch um das Haus herum. Weiter kam sie selten. Auf diesem Rundgang +sah sie alles, auch das, was erst später geschah, versicherten die +Mägde. + +Sie hatte etwas Schwimmendes an sich. Sie schwamm beständig in Papier. +Ihre Korrespondenz, die, wie Anders Krog behauptete, alle Personen +umfaßte, die sie einmal in Pension gehabt hatte, setzte sie +ununterbrochen fort. In allen Sprachen und über alle Dinge; denn ihre +zweite Hauptbeschäftigung war: das, was sie las--und sie las bis tief in +die Nacht hinein--in ihre Korrespondenz hineinzubringen. Sie drehte sich +nach dem Tisch mit dem Schreibpult um, sie wandte sich fort vom Tisch, +um zu lesen. An der Stuhllehne war eine Lesepultmechanik angebracht, +worauf das Buch lag; in der Hand hielt sie es selten. Sie zog Memoiren +jeder andern Lektüre vor, und davon plauderte sie nachher in ihren +Briefen. In zweiter Reihe kamen Kunstzeitschriften und Reiseliteratur. +Sie hatte ein kleines Vermögen und kaufte sich alles, was ihr gefiel. + +Das Kind unterrichtete sie nebenbei. In der Wohnstube an dem großen +Tisch saßen sie, "Tante Eva" in ihrem Thronsessel, die Kleine ihr +gegenüber. Immer aber, wenn es nötig war, mußte Marit an Tante Evas Pult +kommen. Der Unterricht ging so leicht vonstatten, daß die Kleine oft +vergaß, daß es Schule war. Ja, selbst der Vater, der seine Bibliothek +dicht daneben hatte, vergaß es oft, wenn er hereinkam und das Gespräch +oder die Erzählung mit anhörte. + +War der Unterricht leicht, so waren andre Dinge sehr schwierig und +führten zu Kämpfen. Das ganze Verhalten des Kindes wollte sie ändern, +und da war ihr der Vater im Wege. Aber er wurde natürlich geschlagen, +und noch ehe er ahnte, was Frau Dawes beabsichtigte. Marit sollte +gehorchen lernen, sie sollte einen Begriff von bestimmter +Zeiteinteilung, von Ordnung, von Höflichkeit, von Takt bekommen. Sie +sollte jeden Tag Klavier üben, sie sollte bei Tisch hübsch gerade +sitzen und sich die Hände unzählige Male am Tage waschen; sie sollte +immer sagen, wohin sie gehe. Und nichts von all dem wollte sie. +Eigentlich auch der Vater nicht. + +Frau Dawes hatte einen einzigen festen Punkt, von dem sie ausgehen +konnte. Das war der unerschütterliche Glaube des Kindes an die +Vollkommenheit seiner Mutter. Frau Dawes wußte sie davon zu überzeugen, +daß die Mutter nie später als um acht Uhr schlafen gegangen sei. Sie +habe immer vorher ihre Kleider ordentlich auf einen Stuhl gelegt und +ihre Schuhe vor die Tür gestellt. + +Von dem, was die Mutter getan und bis zur Vollkommenheit getan hatte, +ging sie zu dem über, was die Mutter getan hätte, wenn sie an Marits +Stelle gewesen wäre; und vor allem, was sie _nicht_ getan hätte, wenn +sie Marit wäre. Das war schwieriger. So als Frau Dawes versicherte, die +Mutter sei immer nur so weit geradelt, wie man sie sehen konnte. "Woher +weißt Du das?" fragte Marit.--"Ich weiß es daher, daß Dein Vater und +Deine Mutter nie voneinander getrennt waren."--"Das ist wahr, Marit", +fiel der Vater ein, froh, daß er auch einmal zu dem ja sagen konnte, was +Frau Dawes einfiel; denn das meiste war doch durchaus nicht wahr. + +Je weiter der Unterricht fortschritt, desto mehr Freude machte es Frau +Dawes selbst, und desto größeren Einfluß gewann sie auf das Kind. Sie +machte es sich zur Aufgabe, das Traumleben Marits auszuroden, das ein +Erbteil der Mutter war und in üppiger Blüte stand, solange der Vater +zuhörte und seinen Spaß daran hatte. + +Einmal im Frühjahr kam Marit schnell herein und erzählte ihrem Vater, in +dem alten Baum zwischen den Gräbern der Mutter und der Großmutter sei +ein kleines Nest und in dem Nest seien ganz, ganz kleine Eier. "Das ist +ein Gruß von Mutter, nicht?" Er nickte und ging mit ihr, um es zu +besehen. Als sie aber näher kamen, flog der Vogel auf und piepte +jämmerlich. "Mutter sagt, wir sollen nicht näher heran?" fragte sie +ihren Vater.--Er bejahte es. "Dann würden wir Mutter stören?" fragte sie +weiter. Er nickte.----Sie gingen seelenvergnügt wieder nach Hause und +sprachen den ganzen Weg von Mutter. Als Marit Frau Dawes hiervon +erzählte, sagte sie: "Das sagt Dein Vater nur, um Dich nicht zu +betrüben, Kind. Könnte Deine Mutter Dir eine Botschaft senden, so käme +sie selbst."--Die Revolution, die diese wenigen grausamen Worte +anrichteten, war nicht abzusehen. Sie veränderten auch das Verhältnis +zum Vater.---- + +Die Schule ging ihren regelrechten Gang, die Erziehung auch, bis Marit +nahezu dreizehn Jahr alt war, lang und dünn und großäugig mit üppigem, +rotem Haar und weißer, zarter Haut ohne Sommersprossen, was Frau Dawes' +besonderer Stolz war. + +Da kam der Vater eines Tages aus der Bibliothek herein und unterbrach +den Unterricht. Das war in den ganzen Jahren nicht ein einzigesmal +geschehen. Marit bekam frei; Frau Dawes ging mit dem Vater in die +Bibliothek. "Bitte lesen Sie diesen Brief!"-- + +Sie las und erfuhr,--wovon sie nicht die leiseste Ahnung gehabt +hatte,--daß der Mann, der vor ihr stand und ihr Gesicht während des +Lesens beobachtete, ein Millionär war, kein Kronen-, nein, ein +Dollarmillionär. Er hatte seit dem Tode des Onkels nach der ersten +vorläufigen Ausbezahlung der Bankguthaben und Aktien als Kompagnon des +Bruders nichts wieder abgehoben,--und dies war das Resultat. + +"Ich gratuliere Ihnen", sagte Frau Dawes und faßte seine rechte Hand mit +ihren beiden. Ihr standen die Tränen in den Augen. "Ich verstehe Sie, +lieber Krog; Sie wünschen, daß wir jetzt auf Reisen gehen?" Er sah sie +mit seinen leuchtenden Augen lachend an. "Haben Sie etwas dagegen, Frau +Dawes?"--"Durchaus nicht, wenn wir die nötige Bedienung mitnehmen; ich +bin ja einmal so schlecht zu Fuß."--"Das sollen Sie haben, und überall +halten wir uns einen Wagen. Der Unterricht kann fortgesetzt werden, +nicht wahr?"--"Ob er kann! Nur um so besser!" Sie lachte und weinte +zugleich, und sie sagte selbst, so glücklich sei sie noch nie gewesen. + +Vierzehn Tage später hatten die drei mit einem Diener und einem Mädchen +Krogskog verlassen. + + * * * * * + +Der Thronwechsel + + +So gingen zweieinhalb Jahre hin, in denen der Vater einige Male in +Norwegen war, aber die anderen nicht. Dann dachten sie ernstlich daran, +einen Sommer in Krogskog zu verbringen. Aus diesem Grunde standen sie +alle drei in einem Konfektionsgeschäft in Wien. Frau Dawes und Marit +sollten neue Kleider haben, besonders Marit, die aus ihren +herausgewachsen war. Es war in den ersten Tagen des Mai, und es handelte +sich um Sommerkleider. + +"Dein Vater und ich, wir finden beide, Du mußt jetzt lange Kleider +haben. Du bist schon so groß." Marit blickte zu ihrem Vater hin, aber +die Stoffe, die vor ihnen ausgebreitet lagen, hielten seinen Blick fest. +Frau Dawes sprach statt seiner. "Dein Vater hat oft gesagt, wenn Du mit +ihm gehst, sehen die Herren Dir so nach den Beinen."--Der Vater wurde +unruhig; selbst das Fräulein hinter dem Ladentisch merkte, daß ein +Gewitter in der Luft lag. Sie verstand die Sprache nicht, aber sie sah +die drei Gesichter. Schließlich hörte der Vater Marit mit einer fremden, +aber freundlichen Stimme antworten: "Soll ich jetzt lange Kleider haben, +weil Mutter, als sie in meinem Alter war, auch welche trug?"--Frau Dawes +sah erschrocken Anders Krog an; er aber wandte sich ab. Dann wieder +Marit: "Tante Eva, Du warst doch natürlich mit Mutter zusammen, als sie +damals lange Kleider bekam? Oder Vater vielleicht?" + +Dann wurde nicht mehr von langen Kleidern gesprochen. Es wurde +überhaupt nicht mehr gesprochen. Sie gingen fort. + +Weiter geschah nichts. Es ergab sich von selbst, daß sie am nächsten +Tage, statt zum Unterricht zu kommen, mit dem Vater ausfuhr, um die +Sache mit den Kleidern zu ordnen. Des weiteren, daß sie sich von dort in +die Museen begaben. Sie setzten diese täglichen Ausfahrten bis zur +Abreise fort. Mit dem Unterricht war es vorbei. Als sei nichts +vorgefallen, gingen sie jeden Abend zu Dreien ins Konzert oder in die +Oper oder ins Schauspiel. Sie wollten die Zeit, die ihnen noch blieb, +ausnutzen. + +In den ersten Tagen des Juni waren sie in Kopenhagen. Hier erwartete sie +ein Brief von Onkel Klaus. Jörgen Thiis, sein Pflegesohn, sei Leutnant +geworden; Klaus wolle draußen in seinem Landhause einen Frühlingsball +geben, aber er warte damit, bis sie heimkämen. Wann sie kämen? + +Darauf freute sich Marit sehr. Den schönen, schlanken Jörgen kannte sie. +Er war der Sohn des Bezirksamtmanns, seine Mutter war Klaus Krogs +Schwester. + +Also mußte jetzt ein Ballkleid komponiert werden; die Erwägungen waren +sehr kurz, keiner sagte vorläufig ein Wort. Das Spannende der Sache, ob +dieses Kleid wohl lang sein werde, verschloß jeder in seiner Brust. Als +der große Augenblick des Maßnehmens kam, fragte die Dame, die es tat: +"Das gnädige Fräulein soll doch ein langes Kleid haben?" Marit sah zu +Frau Dawes hin, die rot wurde. Was aber schlimmer war: die Dame selbst +wurde auch rot. Sie nahm eilig nach dem kurzen Kleide Maß, das Marit +anhatte. + +Am zwanzigsten Juni fand also der Ball statt. Ein schwüler Tag ohne +Sonne. Die Gäste standen im Garten vor dem großen Landhause, als das +Boot anlegte, mit dem Marit und ihr Vater kamen; sie waren die letzten. +Sie stieg allein aus. Der alte Klaus stapfte lang und dürr und mit +ungeheuer weiten Beinkleidern zu ihr hinunter, ohne Hut mit blanker +Glatze und feuchtglänzendem Gesicht. Er hielt sie durch eine +Handbewegung zurück, während er zu Anders Krog im Boot hinuntersah: +"Willst Du nicht heraufkommen?"--"Nein, nein! Tausend Dank!" Das Boot +stieß ab. Jetzt erst sah er Marit an, die Frau Dawes in ihrem langen +Brief als die größte Schönheit beschrieben hatte, die sie je gesehen. Er +starrte sie an, verbeugte sich und kam näher; er roch nach Tabak und +schmunzelte mit seinem großen, weit offnen, unappetitlichen Munde. Bot +ihr dann seinen Arm. Sie aber in ihrem langen ärmellosen Mantel tat, als +bemerkte sie es nicht. Er stutzte, folgte ihr aber zu den andern. Und +dann sagte er: "Hier bringe ich die Ballkönigin." Das verletzte sie und +verletzte alle, so daß der Anfang nicht vielversprechend war. Jörgen, +der Held des Abends, drängte sich vor, um sich zu erbieten, ihr Hut und +Mantel abzunehmen. Sie aber grüßte obenhin und ging weiter. Es lag Stil +darin. Unter den Zurückbleibenden entstand sofort ein Geflüster. Die +Art, wie sie vorüberging, ihr Gesicht, ihre Haltung, ihr Gang, die +blendend schöne Haut, die leuchtenden Augen, die Wölbung darüber, die +feingeformte Nase ... das war alles aus einem Guß und alles vollendet. +Jörgen Thiis war hin. Er selbst war ein großer, schlanker Mensch vom +Krogschen Typ; nur die Augen waren ganz anders. Jetzt hingen sie wie +festgenagelt an der Tür, hinter der sie verschwunden war. Er wartete auf +der Treppe. + +Und wie sie wieder heraus und auf ihn zukam, um an seinem Arm zu den +andern hinunter zu gehen,--in einem kurzen Kleide aus lichtem, +wasserblauem Krepp mit durchbrochnen seidenen Strümpfen von derselben +Farbe und in Silberbrokatschuhen mit antiken Schnallen, war sie ein +Bild. Die Bewunderung war einstimmig. Es wurde von nichts anderem +gesprochen, bis man zu Tisch ging. Auch da hörte es noch nicht auf; es +gab Gesprächsstoff für die ganze Stadt. Daß ein so klassisch +geschnittenes Gesicht mit so leuchtenden Augen in dem weißen, weißen +Teint obendrein noch in einem Glorienschein von rotem Haar stand! Das +Ganze war harmonisch zu der hohen Gestalt mit den leicht abfallenden +Schultern und einer Büste, die noch nicht voll entfaltet, aber von einer +Freiheit und Unabhängigkeit war, als könne sie losgelöst werden. Die +Arme, die Handgelenke, die Hüftbildung, die Füße ... es wurde beinahe +komisch; denn einige junge Herren stellten mit dem größten Eifer die +Behauptung auf, die Knöchel seien das Allerschönste. Sie hätten nicht +ihresgleichen. So dünn,--und mit dieser schwellenden Rundung nach +oben--? Nein, nirgends! + +Jörgen Thiis vergaß das Reden, ja sogar eine Zeitlang das Essen, das ihm +sonst doch das Schönste auf der Welt war. Er ging wie ein Schlafwandler +mit ihr. Wenn man sie sah, war er an ihrer Seite oder hinter ihr her. + +Wegen des Balles hatten sich ihr Vater und Frau Dawes nach dem Hause in +der Stadt begeben. Sie wurden beim Morgengrauen geweckt von lautem +Schwatzen und Lachen vor dem Hause und schließlich gar männlichen und +weiblichen Hurrarufen; die Ballgäste hatten Marit nach Hause begleitet. + +Am ändern Tage bekamen die Alten Besuch von Verwandten und Freunden. Die +älteren Leute, die auf dem Ball gewesen waren, erklärten Marit für die +Schönste, die sie seit Menschengedenken gesehen hätten. Der alte Klaus +war abends um neun noch in die Stadt gerudert und zu einigen Freunden +gepilgert, bloß weil sie kommen und sehen sollten. + +Am Nachmittag präsentierte sich Jörgen in Uniform und mit neuen +Handschuhen. Er wollte sich erlauben, nach dem Befinden des gnädigen +Fräuleins zu fragen. Das gnädige Fräulein habe noch nichts von sich +hören lassen. + +Als sie schließlich kam, war sie von etwas ganz andrem erfüllt als von +dem gestrigen Tage. Das merkte Frau Dawes sofort. Auch erzählte die +Ballkönigin nicht das geringste von dem Balle. Sie beschränkte sich +darauf, zu fragen, ob sie aufgeweckt worden seien. Dann aß sie. Als sie +fertig war und wieder hereinkam, erzählte ihr Vater, Jörgen sei +dagewesen, um zu fragen, wie es ihr gehe. Marit lächelte. Frau Dawes: +"Findest Du Jörgen nicht nett?"--"Doch."--"Worüber lächelst Du +denn?"--"Er hat so viel gegessen."--Jetzt fiel der Vater lachend ein: +"Das macht sein Vater, der Amtmann, auch so! Und regelmäßig sucht er +sich die besten Stücke aus."--"Freilich." + +Frau Dawes saß und wartete auf das, was jetzt kommen würde; denn es kam +etwas. Marit ging hinaus; nach einer Weile erschien sie mit Hut und +Sonnenschirm wieder. "Willst Du ausgehen?" fragte Frau Dawes. Marit +stand da und zog sich die Handschuhe an. "Ich gehe aus und bestelle mir +Visitenkarten."--"Hast Du keine Visitenkarten?"--"Doch; aber die alten +gefallen mir nicht mehr."--"Warum nicht?" fragte Frau Dawes sehr +verwundert; "Du hast sie doch damals in Italien so hübsch +gefunden?"--"Ja;--aber der Name gefällt mir nicht mehr, meine +ich."--"Der Name?" Beide blickten auf. Marit: "Es ist gerade, als wenn +er gar nicht mehr zu mir gehört,--meine ich."--"Marit gefällt Dir +nicht?" fragte Frau Dawes. Der Vater warf leise hin: "Es war der Name +Deiner Mutter." Sie antwortete nicht gleich; sie fühlte die entsetzten +Augen des Vaters.--"Wie möchtest Du denn heißen, Kind?" Das war wieder +Frau Dawes, die sprach. "Mary."--"Mary?"--"Ja. Das paßt besser,--meine +ich." Die stumme Verwunderung der andern bedrückte sie augenscheinlich. +Sie sagte: "Wir wollen ja jetzt doch nach Amerika. Da sagt man +Mary."--"Aber Du bist Marit getauft", sagte ihr Vater schließlich +zaghaft.--"Was schadet das?"--Frau Dawes: "Es steht in Deinem +Taufschein, Kind; es ist Dein Name."--"Ja, in den Urkunden steht es +vielleicht, aber nicht in mir." Die beiden andern starrten sie an. + +"Es tut Deinem Vater weh, Kind."--"Vater kann mich ja ruhig weiter Marit +nennen."--Frau Dawes blickte sie traurig an, sagte aber nichts weiter. +Marit war mit ihren Handschuhen fertig. "In Amerika werde ich Mary +genannt. Das weiß ich. Hier habe ich eine Probekarte. Es macht sich doch +gut?" Sie holte eine ganz kleine Karte aus der Tasche. Frau Dawes besah +sie und reichte sie Anders Krog hin. Mit feiner Schrift stand auf feinem +Papier: "Mary Krog." + +Der Vater schaute lange, schaute immer wieder auf die Karte. Legte sie +dann auf den Tisch, nahm seine Zeitung und tat, als lese er. + +"Es tut mir leid, Vater, daß Du es so auffaßt."--Anders Krog wiederholte +leise, ohne von der Zeitung aufzusehen: "Marit ist der Name Deiner +Mutter."--"Ich habe Mutters Namen auch lieb.--Er paßt aber nicht für +mich." + +Damit ging sie leise hinaus. Frau Dawes, die am Fenster saß, blickte ihr +die Straße entlang nach. Anders Krog legte die Zeitung hin; er konnte +nicht lesen. Frau Dawes versuchte, ihn zu trösten. "Es ist was Wahres +dran", sagte sie. "Marit paßt nicht mehr für sie." + +"Der Name ihrer Mutter", wiederholte Anders Krog, und die Tränen liefen +ihm über das Gesicht. + + * * * * * + +Drei Jahre später + + +Drei Jahre später fuhr Mary nach langem Regen an einem schönen +Frühlingstage mit einer Verwandten, Alice Clerq, in Paris die Avenue du +Bois de Boulogne hinunter auf das vergoldete Parktor zu. Sie hatten sich +in Amerika kennen gelernt und sich hier in Paris im vorigen Jahre +wiedergetroffen. Alice Clerq wohnte jetzt mit ihrem Vater in Paris. Der +alte Clerq war früher der bedeutendste Kunsthändler von New York gewesen +und hatte eine Norwegerin aus der Familie Krog geheiratet. Nach dem Tode +seiner Frau verkaufte er sein riesiges Geschäft. Die Tochter war mit der +Kunst aufgewachsen und hatte eine gründliche Ausbildung darin genossen. +Sie hatte die Museen der ganzen Welt gesehen, hatte ihren Vater sogar +bis nach Japan geschleppt. Ihr Hôtel in den Champs Elysées war voll von +Kunstgegenständen. Dort hatte sie auch ihr Atelier; sie war nämlich +Bildhauerin. Alice war nicht mehr jung, eine kräftige, rundliche Person, +gutmütig und lustig. + +Dies Jahr kam Anders Krog mit seiner Begleitung aus Spanien. Die beiden +Freundinnen sprachen gerade über ein Bild Marys, das aus Spanien an +Alice geschickt war und nach Norwegen weiter wanderte. Alice behauptete, +der Künstler habe es offenbar auf eine Ähnlichkeit mit Donatellos +"Heiliger Cäcilie" abgesehen. Durch die Stellung des Kopfes, die Form +der Augen, die Linie des Halses und den halb geöffneten Mund. Aber so +interessant dieser Versuch sein möge, für die Ähnlichkeit sei er von +Schaden. Zum Beispiel sei es ein Verlust für das Bild, daß die Augen +nicht zu sehen seien; die habe sie ja niedergeschlagen wie bei +Donatello. Mary lachte. Gerade um diese Ähnlichkeit herauszubekommen, +habe sie ihm gesessen. + +Nun erzählte Alice von einem norwegischen Genieoffizier, den sie kennen +gelernt habe, als sie mit seiner Mutter im Sommer in Norwegen gewesen +sei. Er habe das Bild bei ihr gesehen und sich ganz in dieses Porträt +verliebt.--"So", sagte Mary wie abwesend.--"Es ist kein gewöhnlicher +Mensch, kannst Du glauben, und auch kein gewöhnliches Verliebtsein." +--"Nanu?"--"Ich bereite Dich vor. Er kommt natürlich bei mir mit Dir +zusammen."--"Ist das nötig?"--"Sehr. Denn sonst muß ich es ausbaden." +--"Ist er denn gefährlich?" Alice lachte: "Mir wenigstens."--"Sieh +einer an! Ja, das ist etwas anderes."--"Jetzt verstehst Du mich falsch. +Warte, bis Du ihn siehst."--"Ist er so schön?"--Alice lachte: "Nein, +er ist geradezu häßlich!--Na, warte nur ab."--Sie fuhren weiter, das +Gedränge wurde größer; es war einer der Haupttage.--"Wie heißt er?" +--"Franz Röy."--"Röy? So heißt unsere Ärztin auch. Fräulein Röy." +--"Ja, das ist seine Schwester; er spricht oft von ihr."--"Sie hat +eine herrliche Figur."--Da richtete Alice sich auf: "Und er? Wenn ich +mit ihm über die Straße gehe, drehen die Leute sich um, weil sie ihn +noch einmal sehen wollen. Ein richtiger Riese! Aber keiner von den +fettgepolsterten. Nein, sehr groß und geschmeidig." --"Also gut +trainiert?"--"Riesig. Auf nichts ist er so stolz wie auf seine Kraft, +und nichts zeigt er so gern!"--"Ist er denn dumm?"--"Dumm? Franz Röy?" +--Sie lehnte sich wieder zurück, und Mary fragte nicht weiter. + +Sie kamen spät draußen an; endlose Wagenreihen zogen an ihnen vorbei +heimwärts aus dem Bois. Die drei breiten Fahrwege der Avenue waren +gedrängt voll. Je näher sie dem eisernen Tor kamen, wo die Wege +zusammenliefen, desto dichter wurden die Wagenreihen. Diese +Zurschaustellung von hellen und bunten Frühjahrstoiletten an dem ersten +sonnigen Tage nach dem Regen war ein einzigartiges Schauspiel. Zwischen +den neubelaubten Bäumen wirkten die Wagen wie gefüllte Blumenkörbe im +Grün, einer hinter dem andern, einer neben dem andern, ohne Anfang und +ohne Ende. + +Am Tor kamen sie in die Nähe der wogenden Menge von Fußgängern. Aber +kaum waren sie mitten drin, als sich von rechts nach links hinüber eine +unruhige Bewegung fortpflanzte. Dort rechts mußten die Leute etwas +sehen, was von hier aus nicht zu sehen war. Einige schrien und zeigten +nach den Seen hinüber, die Wagen fuhren auf Kommando zur Seite oder in +die Querwege hinein, die Bewegung wuchs, bald war sie allgemein. +Schutzleute und Parkwächter rannten hin und her, die Wagen stauten sich +so dicht, daß keiner mehr vom Fleck kam. Ein breiter Mittelgang war bald +weit hinunter frei. Alle spähten und fragten,--da kam es! Ein paar +durchgegangene Pferde mit einem großen Wagen. Auf dem Bock sah man den +Kutscher und den Groom. Es mußte sich ein Kampf abgespielt haben, so daß +man Zeit bekam, den Weg frei zu machen, oder die Pferde mußten in sehr +großer Entfernung scheu geworden sein. Hier, diesseits des Tores, waren +alle Gefährte aus dem Mittelweg verschwunden; Alices Wagen stand beinahe +zu äußerst am linken Fußweg. Hinter sich hörten sie Geschrei; vermutlich +wurde die ganze Avenue freigemacht. Aber niemand blickt dahin, alles +sieht nach vorn. Ein stattliches Gespann kommt in rasender Fahrt auf sie +zu. Von Neugier getrieben, wogen zu beiden Seiten die Massen vor und +zurück. Ängstliche Menschen draußen vor dem Tor riefen: "Schließt das +Tor!"--Ein rasender Protest, ein tausendstimmiger Hohn von drinnen +antwortete ihnen. Alle Wageninsassen hatten sich erhoben, manche standen +auf den Sitzen. Auch Alice und Mary. Es machte den Eindruck, als werde +die Fahrt toller, je näher die Tiere kamen. Kutscher und Groom rissen +aus Leibeskräften an den Zügeln; aber das stachelte die Tiere nur an. +Ein Mann im Zylinder beugte den Oberkörper aus dem Wagen, vermutlich um +festzustellen, wo er sich den Hals brechen werde. Ein paar Hunde liefen +mit eifrigem Protest hinterher, hier oben lockten sie noch mehrere +andere auf die Bahn hinaus, die sich aber nicht weit vorwagten. Die zwei +oder drei, die es taten, prallten gegeneinander, daß einer sich +überstürzte und überfahren wurde, der Wagen machte einen Satz, der Hund +heulte auf,--seine Kameraden hielten eine Weile inne. + +Da löst sich ein Mann aus den Massen am eisernen Portal und tritt mitten +auf den Weg. Man schrie, man schwang Stöcke und Regenschirme und drohte +ihm. Ein paar Schutzleute wagten sich einige Schritte hinter ihm her und +winkten und riefen; das gleiche tat diesseits ein Parkwächter, lief aber +in Todesangst wieder zurück. Statt auf die Rufe und Drohungen zu achten, +nahm der Mann die Pferde aufs Korn, trat nach links, dann nach rechts, +dann wieder nach links ... offenbar um sich ihnen entgegenzuwerfen. + +Sowie die Menge das erfaßt hatte, wurde sie still, ja, es wurde so +still, daß man die Vögel in den Bäumen singen hören konnte, hören auch +das ferne, dumpfe Getöse der nimmer stillen Riesenstadt, das vom Winde +herübergetragen wurde. Es gab dem Vogelgezwitscher einen einförmigen +Unterton. Merkwürdig, daß die Pferde genau so gespannt dastanden wie die +Menschen; sie rührten keinen Fuß. Nur die Hunde waren wieder in +Bewegung. + +Nun hatte der wilde Zug den Mann mitten auf der Straße erreicht. Er +drehte sich pfeilschnell nach derselben Seite wie die Pferde, lief neben +ihnen her und warf sich dann dem nächsten in die Flanke ... + +"Das ist er!" rief Alice mit leichenblassem Gesicht und packte Mary so +krampfhaft, daß sie beide ins Stolpern kamen. Schrill und wild +kreischten weibliche Stimmen auf. Ein dumpfes Gebrüll von Männerstimmen +folgte. Jetzt hing er an dem einen Pferde. Alice schloß die Augen, Mary +wandte sich ab. Lief er mit oder wurde er geschleift? Sie anhalten +konnte er nicht. + +Wieder einige Sekunden lang eine fürchterliche Stille, nur die Hunde und +die Hufe der Pferde hörte man. Dann ein kurzer Aufschrei und dann +tausende, und dann Jubel, wilder, endloser Jubel. Wehende Taschentücher, +Hüte und Sonnenschirme. Die Menge strömte zu beiden Seiten wie eine +Sturmflut wieder in die Avenue hinein. Hier oben war die Straße in einem +Augenblick gedrängt voll. Die rasenden Tiere standen schaumbedeckt und +zitternd dicht bei Alices Wagen. Sie sah einen grauen Engländer, einen +schlanken alten Herrn mit weißem Bart und im Zylinder, und sie sah eine +junge schlanke Dame an seinem Arm hängen und hörte den Alten sagen: +"Well done, young man!" + +Ein schallendes Gelächter folgte. Und jetzt erst sah sie ihn, dem die +Worte gegolten hatten, wie er die Pferde bei den Nüstern gepackt hatte, +ohne Hut, mit aufgerissener Weste und blutenden Händen, jetzt aber das +schweißbedeckte, aufgeregte Gesicht lustig dem Engländer zuwandte. +Gerade im selben Augenblick gewahrte er Alice. Sie stand ja noch immer +auf dem Sitz ihres Wagens. Ohne Zögern ließ er Pferde und Wagen mitsamt +dem Engländer stehen und bahnte sich den Weg zu ihr: "Verehrteste, +bringen Sie mich fort aus diesem Wirrwarr!" sagte er laut in seiner +breiten ostländischen Mundart. Ehe sie antworten, ja noch ehe sie vom +Sitz herunterkommen, geschweige ehe der Groom sich vom Bock +herabschwingen konnte, hatte er die Wagentür geöffnet und war bei ihnen +im Wagen. Er half erst Alice von der Bank herunter, dann ihrer Freundin. +Darauf sagte er auf französisch zum Kutscher: "Fahren Sie mich nach +Hause, so schnell Sie loskommen können. Sie wissen die Adresse +wohl."--"Ja, Herr Hauptmann", antwortete der Kutscher mit ehrerbietigem +Gruß und bewundernden Blicken. Als Franz Röy sich hinsetzen wollte, +verzog er das Gesicht und rief, indem er sich an den Fuß faßte: "Au, +Donnerwetter, das Ekel hat mich getreten. Jetzt merke ich es erst." In +diesem Augenblick begegnete er Marys großen, verwunderten Augen; er +hatte sie bisher nicht angesehen, nicht einmal, als er ihr vom Sitz +heruntergeholfen hatte. Die Veränderung in seinem Gesichtsausdruck war +so gewaltig und so überwältigend komisch, daß die beiden Damen in lautes +Lachen ausbrachen. Er faßte mit der blutigen Hand an seinen Hut--und +merkte, daß er keinen aufhatte. Da lachte er auch. + +Der Kutscher hatte inzwischen den Wagen ein paar Meter vorwärts +bugsiert, nun versuchte er zu wenden. + +"Ja, ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wer das ist?" lachte Alice. +"Nein!" sagte er und starrte Mary an, daß sie rot wurde. + +"Aber, mein Gott, wie konnten Sie das wagen!"--Alices Stimme +war's.--"Ach, das ist nicht so gefährlich, wie es aussieht", antwortete +er, ohne ein Auge von Mary zu wenden. "Es ist bloß ein Kniff. Ich habe +es schon vorher zweimal gemacht." Er sprach nur zu Mary. "Diesmal sah +ich gleich, daß bloß das eine Pferd den Verstand verloren hatte; das +andere wurde nur mitgerissen. Ja, da nahm ich mir also das tolle vor. +Pfui Teufel, wie sehe ich aus!" Jetzt erst entdeckte er, daß seine +Weste zerrissen, daß seine Uhr weg war, und daß seine blutende Hand ihn +beschmutzte. Mary bot ihm ihr Taschentuch an. Er blickte auf das feine, +gestickte Gewebe und dann auf sie: "Nein, gnädiges Fräulein, das wäre, +als wollte man Baumrinde mit Seide flicken." + +Gleich draußen vor dem Tor an der rechten Seite wohnte er, also war es +keine Entfernung. Mit herzlichem Dank, ohne die blutige Hand +darzubieten, stieg er aus. + +Als er schlank und riesig über den Fußweg von dannen hinkte und der +Wagen wendete, sagte Alice leise auf englisch: "Wer so ein Modell haben +könnte, Mary!"--Mary sah sie verwundert an: "Ja, läßt sich denn das +nicht machen?"--Alice gab Mary den Blick noch verwunderter zurück: +"Nackt meine ich." Mary machte beinahe einen Luftsprung, beugte sich +dann nach vorn und sah Alice gerade ins Gesicht. Alice begegnete ihren +Augen mit einem schelmischen Lachen. + +Mary lehnte sich zurück und starrte vor sich hin. + + * * * * * + +Franz Röy mußte sich wegen seines Fußes einige Tage Schonung auferlegen. +Als er sich wieder bei Alice meldete, wurde verabredetermaßen Mary +benachrichtigt. Aber es überkam sie eine solche Unruhe, daß sie sich +nicht hinzugehen getraute. Beim nächsten Mal trieb die Neugier, oder was +es sonst war, sie hin. Aber sie kam sehr spät, und kaum stand sie ihm +gegenüber, da wünschte sie, sie wäre nie gekommen. Er hatte etwas so +Intensives, daß die vornehme Dame es als Aufdringlichkeit, ja fast als +Beleidigung empfand. Ihr Wesen war in Aufruhr, sie folgte ihm mit den +Augen, mit den Ohren; die Gedanken sausten in ihr und das Blut auch. Es +muß doch mal vorübergehen, dachte sie. Aber das war nicht der Fall. +Alices Verzauberung oder richtiger ihre Verliebtheit erhöhte das +Schwindelgefühl. War er eigentlich so häßlich? Diese breite, steile +Stirn, diese kleinen, sprühenden Augen, der zusammengekniffene Mund, das +vorspringende Kinn, das hatte alles in allem etwas ungewöhnlich +Kraftvolles, aber es wurde spaßhaft, weil er beinahe gar keine Nase +hatte. Spaßhaft war auch das meiste, was er sagte. So immer aufgelegt +und lustig, daß um ihn her beständig Heiterkeit war, so unerschöpflich +voller Einfälle. Seine Manieren hatten nichts Gewaltsames; er war im +Gegenteil die Höflichkeit selbst; er war aufmerksam, zuweilen sogar +galant. Es lag nur an dem Überwältigenden in ihm. Seine Sprache und +seine Augen allein waren wie ein Gewitter. Aber auch seine Gestalt tat +das ihre, diese kraftvolle Hand, dieser massige Fuß, der fast nur Spann +war, diese Schultern, der Nacken, der Brustkasten, das alles sprach mit, +wirkte erdrückend, demonstrierte. Man kam keinen Augenblick davon los. +Und seine Rede floß unaufhaltsam. + +Mary kannte nur die Unterhaltungsform der internationalen Gesellschaft. +Eine leichte Konversation über Wind und Wetter, über die +Tagesereignisse, über Literatur und Kunst, über Zufälligkeiten auf +Reisen und beim Aufenthalt, das ganze immer mit anderthalb Ellen +Abstand. Er dagegen war ganz individuell und nahebei. Dabei fühlte sie, +daß sie selbst auf ihn wirkte wie Wein. Er wurde immer berauschter und +immer übermütiger. Das regte auf und machte unruhig. Sobald sie +anstandshalber fort konnte, verschwand sie, benommen, verwirrt und +eigentlich in einer wilden Flucht. Sie gab sich selbst das feierliche +Versprechen, nie wiederzukommen. + +Erst später am Tage ging sie zu ihrem Vater und zu Frau Dawes hinein. +Sie erwähnte kein Wort von ihrer Begegnung. Das hatte sie das vorige Mal +auch nicht getan. Frau Dawes sagte, sie solle sich einmal die Karte +ansehen, die auf dem Tisch liege.--"Jörgen Thiis? Ist denn der +hier?"--"Er ist den ganzen Winter hier gewesen. Jetzt hat er erst +erfahren, daß wir angekommen sind."--"Er bat um Grüße an Dich", warf der +Vater ein, der wie gewöhnlich saß und las. + +Es war wirklich eine Erholung, an Jörgen Thiis zu denken. Im vorigen +Winter war sie verschiedentlich mit ihm hier in Paris zusammengewesen. +Bei mehreren Gelegenheiten war er ihr Kavalier, so zum Beispiel bei den +offiziellen Bällen im Elysée und im Hôtel de Ville. Ein Kavalier, mit +dem sie in allen Stücken Ehre einlegte. Hübsch, elegant, zuvorkommend. +Der Vater erzählte, Jörgen wolle zur Diplomatie übergehen. "Dazu gehört +doch wohl Kapital?" sagte Mary. "Er wird Onkel Klaus beerben", +antwortete Frau Dawes. "Weißt Du das bestimmt?"--"Bestimmt nicht."--"Ist +es denn wahr, daß Onkel Klaus in letzter Zeit mehrfach Verluste gehabt +hat?" Frau Dawes schwieg. Der Vater antwortete: "Das kann schon +sein."--"Ja, unterstützt er ihn denn?" Keiner antwortete. "Dann kann ich +nicht finden, daß Jörgens Aussichten so glänzend sind", sagte sie +abschließend.-- + +Franz Röy war im Auftrage der Regierung in Paris und war infolgedessen +oft abwesend. Das war gerade jetzt der Fall, so daß Mary sich sicher +fühlte. Aber als sie eines Morgens früh zu Alice kam,--sie wollten +zusammen in die Stadt,--saß er da! Er sprang auf und eilte ihr entgegen. +Seine Augen überschütteten sie mit Bewunderung und Freude, er nahm ihre +Hand in seine beiden Hände. Etwas strahlend Glücklicheres hatte sie nie +gesehen. Mary fühlte, wie sie rot wurde. Alice lachte, was die Sache +noch schlimmer machte. Aber seine Redseligkeit, die heute selbst für +seine Verhältnisse außergewöhnlich war, half ihnen darüber weg. Jetzt +stürzte er sich in eine kolossale Fabrik hinein, von der er direkt +herkam, und riß sie mit. Die halbnackten Männer mit ihren Haken an dem +Strom des siedenden, rotglühenden, wallenden Eisenerzes,--die Gewalt der +Maschinen und die Menschen dazwischen wie vorsichtige Ameisen in einem +Wald von Riesen. Er versuchte ihnen das auch in den Einzelheiten zu +erklären. Es gelang völlig; aber es dauerte lange und hielt vor, bis die +beiden Freundinnen fort mußten. + +Als sie im Wagen saßen, war Alice äußerst aufgeräumt. Es war nämlich +ganz klar, heute hatte er einen starken Eindruck gemacht.-- + +Am Tage darauf verließ Mary mit einem amerikanischen Ehepaar Paris im +Automobil. Sie blieb mehrere Tage fort. Aber es war ihr erstes, als sie +wieder zurückkam, Alice aufzusuchen. Wahrhaftig: Franz Röy war da. Er +und Alice sprangen in lebhafter Freude auf, Alice kam ihr entgegen und +umarmte und küßte sie: "Du Ausreißer, Du Ausreißer!" rief sie. Daß Franz +Röys Augen funkelten, ist zu wenig gesagt; sie schossen förmlich Salut. +Von dem Augenblick an, da sie ihn begrüßte, stand sein Mund nicht mehr +still. Er benahm sich so töricht verliebt, daß es Alice ganz angst +wurde. Glücklicherweise mußte er ein Ende machen; er hatte eine +Konferenz. Mary war nachher wieder ganz aufgerührt; die See wollte sich +nicht legen. Alice sah es und wollte sie beruhigen mit eifrigen, +ängstlichen Versuchen, ihn ihr zu erklären. Aber das verwirrte nur noch +mehr; Mary ging. + +Am Nachmittag, als sie zu den andern ins Zimmer trat--sie hatte ein +wenig geruht, es hatte ihr notgetan--hörte sie Klavierspiel. Sie wußte +sofort, daß es Jörgen Thiis war, der den beiden Alten Gesellschaft +leistete. Er war wirklich ein Künstler, und er hatte eine Vorliebe für +den Flügel, den sie hatten. Den wollten sie mit nach Norwegen nehmen. +Sie ging gleich zu ihm hin und dankte ihm, daß er so aufmerksam gegen +ihren Vater und Tante Eva sei; leider müßten die beiden so oft allein +bleiben. Er antwortete, es sei ihm eine unendliche Freude, daß sie seine +Musik schätzten, und das Klavier sei zu verlockend, in der Tat ersten +Ranges. Die Unterhaltung bei Tisch und nachher zeigte Mary, wie die drei +zusammenstimmten; sie war entbehrlich. + +Sie war wirklich dankbar dafür, so daß es ein gemütlicher Abend wurde. +Es wurde viel von der Heimat gesprochen, nach der die beiden Alten +Sehnsucht hatten. + +Kaum war er fort, so sagte Frau Dawes: "Was ist Jörgen doch für ein +gemütlicher, gebildeter Mensch, liebes Kind!"--Der Vater blickte Mary an +und lächelte. "Worüber lachst Du, Vater?"--"Über nichts", er lachte +noch mehr. "Du möchtest wissen, wie er bei mir angeschrieben ist?"--"Ja, +wirkt er auf Dich?" Frau Dawes war ganz Ohr. "A--ach."--"Das kommt ja so +gedehnt heraus?"--"N--n--nein."--"Nun also?"--"Im Grunde gefällt er mir +gut."--"Doch es ist ein Aber dabei--?" Jetzt lächelte sie. "Ich mag +nicht, daß seine Augen sich förmlich an mir festsaugen." Der Vater +lachte: "Genau wie beim Essen, nicht?"--"Ja freilich!"--"Ein Lebemann, +siehst Du, wie sein Vater."--"Aber genau wie sein Vater hat er auch +viele gute Eigenschaften", warf Frau Dawes ein. "Das hat er", sagte +Anders Krog ernsthaft. Mary antwortete nicht. Sie sagte Gutnacht und bot +ihm die Stirn zum Kuß.---- + +Ein paar Tage später, ganz früh am Morgen, suchte Mary Alice in ihrem +Atelier des Hinterhauses auf. Anders Krog hatte irgendwo altes +chinesisches Porzellan gesehen, auf das er Lust bekommen hatte; aber +Alices guter Rat war hierzu von größter Wichtigkeit. Mary war überzeugt, +sie allein zu treffen, in der Regel freilich mit irgendeinem Modell. + +Sie ging direkt hinein, ohne mit dem Pförtner zu sprechen. Alice öffnete +ihr selbst. Sie hatte ihren Atelierkittel an, und ihre Hände waren +schmutzig, sie konnte sie Mary nicht geben. "Hast Du ein Modell da?" +flüsterte sie. "Ich wollte gerade anfangen," antwortete Alice leise mit +einem seltsamen Lächeln, "das Modell wartet im Zimmer nebenan. Aber komm +nur!" Als Mary hinter dem Vorhang hervortrat, erkannte sie den Grund, +warum das Modell im Zimmer nebenan wartete; Franz Röy saß in diesem +Zimmer. So früh am Morgen und tief in Gedanken. Er bemerkte nicht +einmal, daß sie hereinkamen. Es war das erstemal, daß Mary ihn ernst +sah. Das stand der männlichen Gestalt und seinem kraftvollen Gesicht +ungleich besser als jene ausgelassene Lustigkeit. "Sehen Sie, wer da +kommt!" sagte Alice. Er sprang auf.---- + +Die Unterhaltung heute war sehr ernst. Er war in gedrückter Stimmung. +Mary konnte unschwer erraten, daß die anderen von ihr gesprochen hatten. + +Sie waren deshalb alle drei etwas befangen. Bis Alice ein Thema aus der +Morgenzeitung aufgriff. Zwei Morde aus Eifersucht, von denen der eine +geradezu entsetzlich war, hatten sie alle erschüttert, besonders Franz +Röy. Er behauptete, die Auffassung von der Ehe stamme bei den +romanischen Völkern aus einer Zeit, da die Frau Eigentum des Mannes war +und Untreue folglich mit dem Tode bestraft wurde. Durch das Christentum +sei freilich später der Mann auch Eigentum der Frau geworden. Hierüber +entstand eine lebhafte Diskussion. Mary stimmte ihm darin bei, daß +keiner der Eheleute dem ändern gehöre. Sie seien freie Individuen und +könnten über sich selbst bestimmen. In der Ehe wie vor der Ehe. Nur die +Liebe sei entscheidend. Höre die Liebe auf, weil der eine Teil oder auch +beide durch die Entwicklung anders geworden seien, als sie bei +Begründung der Ehe waren, oder treffe einer von ihnen einen Menschen, +der seine Seele und seine Gedanken gefangen nehme und seinem Leben eine +andere Richtung gebe, dann müsse der Verlassene resignieren. Nicht +verdammen oder töten. Aber ihre Meinung und Franz Röys Ansicht gingen +auseinander, als sie erwogen, was zwei Eheleute von Rechts wegen +scheiden dürfe. Namentlich als sie darauf kamen, was davon zurückhalten +müsse. Sie war hier viel bedenklicher als er. Er schlug scherzend vor, +sie solle doch sagen: "Eheleute haben volle Freiheit, sich scheiden zu +lassen; aber sie dürfen keinen Gebrauch davon machen." Sie schlug vor, +er solle sagen: "Eheleute müssen in der Regel geschieden werden; haben +sie keinen wirklichen Grund, müssen sie sich einen pumpen." + +Sie kamen in diesem Gespräch tiefer als bis zu den Worten. Es bezauberte +ihn wie eine neue Art von Schönheit an ihr, wie souverän sie war. Das +gab ihrer Erscheinung einen neuen Glanz. Es war keine Herrschsucht +darin. Es war nur eine Schutzwehr, aber die höchste. Ihr ganzes Wesen +war darin konzentriert. Ein "Rühr' mich nicht an!" in Augen, Stimme und +Haltung. Vielleicht, wenn es sein mußte, bereit zur Märtyrerglorie. Sie +wurde viel größer. Aber auch hilfloser. Gerade solche Wesen stehen zu +hoch und stolpern beim ersten Schritt. Dann pflegen sie furchtbar zu +fallen. + +Er starrte sie an und vergaß zu antworten, vergaß, wo er war. Ihm war, +als rufe ihm einer zu: "Gib acht auf sie!" In seine Liebe zog mit +gebieterischem Kommando die Ritterlichkeit ein. + +Sie sah, wie er sich dem Gespräch fernhielt; aber das hinderte sie +nicht; das Thema war ihr zu lieb. Als er wieder bei der Sache war, hörte +er, wie sie ihr Innerstes enthüllte, zweifellos ohne es zu ahnen. Sie +sprach aus, was sie gedacht hatte, seit sie sich so etwas hatte klar +machen können. Es war ihr so natürlich, wie das Kleid zu heben, wenn es +schmutzig war, oder draußen im Meer zu schwimmen, wenn der Fuß keinen +festen Boden mehr fand. Die Individualität muß frei werden, muß wachsen, +darf nicht gebeugt und nicht befleckt werden; das war das Erste und das +Letzte. + +Aber gleichzeitig fühlte sie sich seltsam zu dem Menschen hingezogen, +der sie zu bewegen vermochte, das auszusprechen. Sie hatte es so lange +nicht mehr getan. Sie wußte nicht, daß die Persönlichkeit, die unsere +Gedanken erlöst, selbstverständlich Macht über uns hat. Sie fühlte nur, +daß sie sprechen mußte--und sich mit sich selbst beschäftigen. Eine +wundersüße Empfindung, die sie zum erstenmal hatte. + +Folglich wurde das Thema ausgesponnen. In Worten, die immer weiter und +weiter in sie selbst hineinschlüpften und schließlich sich in einer +Stille von Blicken und Atemzügen verloren. Alice war zu ihrem Modell +hineingegangen. Sie waren befangen, als sie merkten, daß sie allein +waren. Sie verstummten, und ihre Blicke wichen sich aus. + +Nach flüchtigem Verweilen bald auf dem einen, bald dem anderen der +vielen Kunstgegenstände, richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf einen +Faun ohne Arme, der sie angrinste. Sie sprachen über dieses Stück alter +Kunst, nur um nicht zu schweigen. Wo der gefunden sein mochte? Aus +welcher Zeit er stamme? Er sei gewiß sehr teuer gewesen. Sie sprachen in +gedämpften Worten mit liebkosender Stimme, und die Augen glitten umher. +Sie standen auch nicht auf ganz sicheren Füßen. Sie fühlten sich +leichter, wie wenn sie sich in höheren Luftschichten befänden. Dabei die +Empfindung, daß alles, was sie dachten, offen daliege, und daß sie +selbst durchsichtig seien. + +Jetzt kam Alice wieder. Sie blickte sie mit Augen an, die die beiden +aufweckten. "Sind Sie jetzt mit der Ehe fertig?" fragte sie; denn sie +hatten ja über die Ehe gesprochen, als sie hinausgegangen war. + +--Mary fiel ein, sie habe etwas zu besorgen, und ihr Wagen warte. Franz +Röy erinnerte sich auch seiner Obliegenheiten. So gingen sie zusammen +fort, durch den Hofraum, durch das Vestibül und die Tür auf den Wagen +zu. Aber sie fanden den Ton von vorhin nicht wieder, und sprachen +deshalb nicht. + +Den Hut in der Hand, öffnete er ihr den Schlag. Sie stieg ein, ohne +aufzublicken. Als sie sich hingesetzt hatte und ihm zunicken wollte, +harrten ihrer die heißesten Augen, in die sie je geblickt hatte. Voll +Leidenschaft und voll Ehrerbietung. + +Zwei Stunden darauf war er wieder bei Alice. Länger hatte er mit seinen +himmelstürmenden Hoffnungen nicht allein sein können. + +Wo er in der Zwischenzeit gewesen sei? In der Stadt, um sich einen Abguß +von Donatellos Heiliger Cäcilia zu kaufen. Er müsse vergleichen. Aber +Alice könne sich im voraus denken, daß Donatellos Cäcilia kläglich +durchgefallen sei. + +Jetzt bekam Alice ernstlich Angst: "Lieber Freund, Sie werden sich noch +alles verderben. Das liegt in Ihrer Natur." Er sagte stolz: "Ich habe +mir noch nie im Ernst ein Ziel gesteckt, das ich nicht erreicht +hätte."--"Das glaube ich gern. Sie können arbeiten, Sie können +Hindernisse überwinden, Sie können auch warten."--"Das kann ich!"--"Aber +Sie können sich nicht beherrschen, Sie können nicht abwarten, daß sie zu +Ihnen kommt."--"Was soll das heißen, Alice?"--Es tat ihm weh. "Es soll +Sie daran erinnern, lieber Freund, daß Sie Mary nicht kennen. Sie kennen +die Welt nicht, in der sie lebt. Sie sind ein Waldbär."--"Kann sein, daß +ich ein Waldbär bin. Dagegen sage ich nichts. Aber wenn sie nun Freude +an einem Waldbären hat? Man kann sich in solchen Dingen nicht täuschen." +Er wollte sich seine festliche Stimmung nicht trüben lassen. Darum kam +er bittend auf sie zu; er wollte sie sogar umarmen; er hatte es sehr mit +dem Umarmen. + +"Nein, seien Sie artig, Franz! Übrigens stören Sie mich schon zum +zweitenmal."--"Sie sollen auch gestört werden, Sie sollen nicht die da +drin in Ihrem Gefängnis modellieren. Liebe Alice, Sie mein einziger +Freund, Sie sollen mir mein Glück modellieren!"--"Ja, was kann ich +weiter für Sie tun, als ich getan habe?"--"Sie können mir den Zutritt zu +ihrem Hause verschaffen." Alice überlegte. "Das ist nicht so +leicht."--"O,--Sie werden schon etwas ausfindig machen. Sie müssen, Sie +müssen es!" Er redete und bettelte und umarmte sie solange, bis sie +nachgab und es ihm versprach. + +Ob sie es nun falsch anstellte,--jedenfalls ging es schief. "Wenn ich +meinen Vater bitte, einen jungen Herrn zu empfangen, der ihm nicht +vorgestellt ist, muß er es falsch auffassen", sagte Mary. Alice gab das +ohne weiteres zu. Sie war wütend auf sich selbst, daß sie daran nicht +gedacht hatte. Anstatt mit Mary zu überlegen, ob sich die Sache nicht +anders machen lasse, gab sie es ganz auf. Sie war noch ärgerlich, als +sie Franz Röy das Ergebnis mitteilte; sie habe das Gefühl, sagte sie, +Mary wünsche keinen Vermittler. Sie schärfte ihm wieder ein, vorsichtig +zu sein. + +Franz Röy war ganz unglücklich. Alice versuchte auch nicht, ihn zu +trösten. + +Tags darauf kam er wieder. "Ich kann's nicht aufgeben", sagte er. "Ich +kann auch an nichts anderes denken." + +Solange saß er und so oft wiederholte er dieselbe Litanei in allen +Tonarten, und so unglücklich war er, daß er der gutmütigen Alice leid +tat. "Hören Sie," sagte sie, "ich werde Sie zusammen einladen. Dann +kommt vielleicht die Einladung zu Krogs von selbst."--Er sprang auf. +"Das ist eine herrliche Idee. Tun Sie das, Liebste!"--"Ich kann es nicht +gleich tun. Anders Krog ist unwohl. Wir müssen warten." Er starrte sie +enttäuscht an. "Aber können Sie uns beide nicht mal wieder +zusammenbringen?"--"Ja, das kann ich."--"So tun Sie es,--sobald wie +möglich! Sie Liebste, Beste, sobald wie möglich!" + +Das gelang. Mary war gleich zu einem Wiedersehen bereit. + +Sie trafen sich bei Alice, um zusammen in die Ausstellung in den +Champs-Elysées zu fahren. + +Zusammen vor Kunstwerken zu stehen, ist wie ein Gespräch ohne Worte. Die +wenigen Worte; die gesprochen werden, rufen hundert andere wach. Aber +die werden nicht ausgesprochen. Der eine fühlt durch den andern, oder +glaubt es zu tun. Sie begegnen sich in einem Bilde, um in einem anderen +wieder getrennt zu werden. Dabei lernen sie sich in einer Stunde besser +kennen als sonst in Wochen. Alice führte sie von Bild zu Bild; aber sie +selbst war mit sich beschäftigt,--je länger, je vollständiger. Sie sah +alles mit Künstleraugen an. Die beiden andern, die mit den Bildern +anfingen, gingen immer mehr dazu über, durch die Bilder einander zu +erforschen. Es wurde ein Flüsterspiel mit schnellen Blicken, knappen +Worten und leicht andeutenden Fingern. Die aber, die sich auf heimlichen +Wegen zueinander hintasten, haben zugleich eine unermeßliche Freude +daran. Und lassen diese Freude auch wohl ahnen. Ein Spiel wie bei +Vögeln, die unter dem Wasser schwimmen und weit hinten emportauchen,--um +dann wieder zueinander hinzustreben. Das Glück der Stunde wurde erhöht +durch die vielen Augen, die auf ihnen ruhten. + +Unten bei den Skulpturen führte Alice sie ganz nach vorn in den +Mittelbau. Sie blieb vor einem leeren Sockel stehen und wandte sich an +den Aufseher. "Ist der Athlet noch nicht in Ordnung?"--"Nein, gnädiges +Fräulein, leider nicht", antwortete er. "Dann ist es wohl noch einmal +schief gegangen?"--"Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein." Alice erklärte +Mary, die Statue eines Athleten sei bei der Aufstellung zerbrochen. "Ein +Athlet?" fragte Franz Röy, der etwas abseits stand und jetzt eilig +herzukam. Die beiden andern lächelten. "Ein Athlet? Sprachen Sie nicht +von einem Athleten?"--"Ja", sagten sie und lachten. "Ist dabei etwas zu +lachen?" fragte er. "Ich habe einen Vetter, der ist Athlet." Nun lachten +die beiden Damen erst recht. Franz Röy war höchlichst erstaunt. "Ich +kann Ihnen versichern, er ist der prächtigste Mensch, den ich kenne. Und +so erstaunlich tüchtig. Das liegt in unserer Familie. Als Knabe war ich +zwei Sommer bei ihm im Zirkus." Die andern lachten. "Worüber zum Teufel +lachen Sie? Ich habe in meinem Leben keine herrlicheren Tage erlebt als +im Zirkus." Die beiden Damen eilten unter Lachen in wilder Flucht dem +Ausgang zu. Er mußte ihnen folgen; aber er war beleidigt. "Ich begreife +nicht, worüber Sie lachen", sagte er, als sie alle im Wagen saßen, +lachte aber mit. + +Das kleine Mißverständnis hatte die Folge, daß sie alle in der besten +Stimmung waren, als sie vor Marys Wohnung hielten. + +Alice und Franz Röy fuhren ohne sie weiter. Er wandte sich überglücklich +zu Alice und fragte, ob er heute nicht ein braver Junge gewesen sei? Ob +er sich nicht im Zaum gehalten habe? Ob seine "Affäre" nicht brillant +stände? Er ließ sich nicht Zeit, auf ihre Antwort zu hören, er lachte +und schwatzte und wollte sie schließlich nach oben begleiten. Hiervon +wollte Alice aber nichts wissen. Da verlangte er als Belohnung, wenn er +es sein lasse, daß Alice sie beide auf eine Spazierfahrt ins Bois de +Boulogne mitnehmen solle, nach Schloß Bagatelle hinaus. Die Fahrt müsse +morgens um neun Uhr gemacht werden. Da dufte der Wald am stärksten, da +sei der Gesang der Vögel am schönsten und da seien sie noch allein. Sie +versprach es ihm. + +Am nächsten Freitag holte Alice Mary kurz vor neun Uhr morgens ab, dann +fuhren sie weiter zu Franz Röy. + +Schon von weitem sah Alice ihn auf dem Fußweg auf und ab wandern. Aus +Gang und Haltung ahnte ihr Böses. Mary konnte ihn nicht sehen, bis sie +hielten. Da aber warf all die Glut seines Gesichts eine Flamme auf +ihres. Er schwang sich auf den Wagen wie auf ein erobertes Schiff. Alice +suchte eilig seine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, um es nicht +gleich zu einem Ausbruch kommen zu lassen. "Was für ein herrlicher +Morgen," sagte sie, "gerade weil er nicht ganz sonnenklar ist. Nichts +ist schöner als ein gedämpfter Ton über einer so farbenfrohen Landschaft +wie der, durch die wir jetzt kommen." Aber er hörte nicht, er faßte +nichts außer Mary. Der weiße Schleier, der von ihrem roten Haar +zurückgeschlagen war, der halbgeöffnete, frische Mund brachte ihn um den +Verstand. Alice meinte, der Wald dufte viel stärker, seit die +japanischen Baumarten herangewachsen seien. Immer, wenn diese Bäume +berauschende Wellen in den hergebrachten europäischen Waldduft +hineingössen, sei's, als flögen fremde Vögel mit fremdartigem Schrei +zwischen den Bäumen auf. Sofort behauptete Franz Röy energisch, die +heimischen Vögel des Waldes hätten davon einen anderen Gesang bekommen. +So wunderbar schön, wie sie diesen Morgen sängen, meinte er, hätten sie +noch nie gesungen. + +Alices Angst vor einer Explosion stieg. Sie wollte ihn ablenken, indem +sie ihn auf die Farbenkontraste von Wald und Wiese und Fernsicht +aufmerksam machte. Gerade der Weg nach Bagatelle hinaus ist so reich +daran. Aber Franz Röy saß rückwärts und mußte sich jedesmal erst +umdrehen, bis er sehen konnte, was Alice ihm zeigen wollte. Das machte +ihn ungeduldig, um so mehr als Mary und er jedesmal in ihrem Gespräch +unterbrochen wurden. "Wollen wir nicht lieber aussteigen und ein Stück +gehen?" fragte er. Aber davor hatte Alice die meiste Angst; auf was für +Gedanken konnte er da nicht kommen?! + +"Sehen Sie sich doch um!" rief sie ihm zu. "Ist es nicht, als wenn die +Farben hier Chöre singen?"--"Wo?" fragte er gereizt.--"Herrgott, sehen +Sie doch bloß das verschiedene Grün in demselben Wald! Sehen Sie doch +nur! Und daneben wieder das Grün der Wiese!"--"Mir liegt nichts daran, +das zu sehen! Nicht ein Deut!" Er drehte sich wieder zu den Damen um und +lachte. "Wäre es nicht doch besser, auszusteigen?" bestürmte er sie +wieder. "Es ist doch was anderes, im Walde herumzulaufen, als ihn +anzusehen. Ebenso mit dem Rasen."--"Das Betreten des Rasens ist +verboten!"--"Zum Donnerwetter, so gehen wir eben auf der Landstraße und +besehen uns alles. Das ist viel schöner, als in dem engen Wagen zu +sitzen!" Mary stimmte ihm zu. + +"Zum Spazierengehen habe ich Sie aber nicht hier herausgefahren. Wir +wollten den Anblick des historischen Schlosses Bagatelle genießen und +den Wald, in dem es liegt. So was gibt es nicht wieder. Und dann wollten +wir doch soweit wie möglich hinaus. Daraus wird aber nichts, wenn wir +gehen." + +Dieser Appell hielt sie eine Weile im Schach. Die Besitzerin des Wagens +mußte doch den Ausschlag geben. Aber Mary war mittlerweile auch +übermütig geworden. Ihre Augen, die gewöhnlich etwas Nachdenkliches +hatten, leuchteten vor Lebenslust. Heute lachte sie über seine vielen +drolligen Einfälle; sie lachte über das Geringfügigste. Sie wollte in +einemfort Blumen haben, wenn sie welche sah. Jedesmal mußte angehalten +werden, um Blumen und Laub zu pflücken. Sie packte den Wagen voll, so +daß Alice schließlich protestierte. Da warf sie alles miteinander hinaus +und verlangte energisch, selbst auch hinauszukönnen. + +Sie hielten und stiegen aus. + +Sie waren jetzt weit über Bagatelle hinaus und ließen den Wagen +umkehren. Er solle langsam ein Stück zurückfahren, sie kämen nach. + +Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, als Franz Röy anfing, Rad zu +schlagen, d.h. er warf sich seitlings auf den Händen herum, um wieder +auf die Füße zu fallen, dann wieder auf die Hände und so weiter, +schneller und immer schneller. Dann drehte er um und kam auf dieselbe +Weise zurück. "Das ist eins von meinen Zirkuskunststücken", sagte er +strahlend. "Jetzt kommt ein anderes!" Er warf sich in der Luft herum und +kam wieder auf die Füße genau an derselben Stelle, wo er hochgesprungen +war. Dann noch einmal. "Sehen Sie? Genau wo ich hochgesprungen bin!" Er +triumphierte und machte es noch zwei-, noch drei-, vier-, fünfmal vor. + +Sie bewunderten ihn. Es war auch bewundernswert, wie der große, starke +Mann das mit einer Leichtigkeit ausführte, daß es wirklich schön aussah. +Angefeuert durch ihr Lob fing er an, sich mit solcher Geschwindigkeit +herumzuwirbeln, daß den andern beim bloßen Zusehen schlecht wurde. Schön +war es auch nicht. Sie wandten sich ab und schrien. Das machte ihm +furchtbaren Spaß. Ärgerlich rief Alice: "Sie sind wahrhaftig wie ein +Schuljunge von siebzehn Jahren!"--"Wie alt sind Sie eigentlich?" fragte +Mary. "Über dreißig." Da lachten sie aus vollem Halse. + +Das hätten sie nicht tun sollen. Dafür mußte er sie strafen. Ehe Alice +es ahnen konnte, faßte er sie um die Taille und tanzte mit ihr im +rasendsten Galopp die Chaussee hinunter, daß der Staub aufwirbelte. Die +schwerfällige Alice wehrte sich aus Leibeskräften und schrie. Aber es +half nichts; es machte ihm nur Spaß. Ihr Hut fiel zu Boden, ihr Schal +flog hin, Mary lief hinterher und nahm beides auf, aber sie krümmte sich +vor Lachen. Denn diese plumpen, völlig nutzlosen Widerstandsversuche +waren nicht mitanzusehen. Schließlich machte er Kehrt, und sie kamen in +dem gleichen rasenden Trab wieder zurück und machten bei Mary Halt. +Alices Gesicht ganz verstört, schweißtriefend und rot. Ihre kurzatmige +Wut, die keine Worte fand, ließ Mary kreischen vor Lachen. Franz sang +ihr: "Hopsa--sa! hop--sa--sa!" vor, bis sie sprechen und ihn tüchtig +ausschelten konnte. Da lachte er. + +"Und Sie?" wandte Mary sich jetzt an Franz Röy, "hat es Sie gar nicht +angestrengt?"--"Nicht sonderlich. Ich könnte gleich mit Ihnen dieselbe +Tour machen!" Mary erschrak. Sie hatte Alice gerade den Hut gegeben und +stand nun da mit dem Schal und ihrem eigenen Hut, den sie abgenommen +hatte, in der Hand, warf aber mit einem Aufschrei die beiden Gegenstände +hin und sauste nach der entgegengesetzten Seite davon, dahin, wo der +Wagen hielt. + +Keinen Augenblick war es Franz Röy in den Sinn gekommen, seine Drohung +auszuführen. Es war nur Scherz gewesen. Aber als er sie laufen sah, und +zwar mit einer Geschwindigkeit, die er weder ihr noch überhaupt einer +Dame zugetraut hätte, war das für sein Offiziersherz wie eine +Herausforderung. Alice merkte es und sagte schnell: "Tun Sie's nicht!" +Die Worte stellten sich ihm so eindringlich in den Weg, daß er zweifelnd +stehen blieb. Mary aber dahinten auf der Straße in dem weißen Kleide und +dem roten Haar darüber, mit einem so geschwinden und leichten Tanz der +Füße, daß allein dieser Rhythmus schon lockte, ja, das raubte ihm die +Besinnung, das schleuderte ihn in die Bahn, eh' er selbst es wußte. +Gerade als Alice zum zweitenmal und ganz verzweifelt rief: "Tun Sie's +nicht!" + +Der helle Streifen da vorn über dem Straßenstaub fiel wie Sonne in seine +Augen und in seine Phantasie. Er blendete ihn. Er lief ganz bewußtlos +weiter. Er lief, als rufe da vorn immerzu jemand: "Fang mich! Fang +mich!" Er lief, als gelte es des Lebens höchsten Preis, sie einzuholen. + +Sie hatte einen bedeutenden Vorsprung. Gerade das spornte seine ganze +Kraft bis zum äußersten an. Ein Wettlauf ums Glück mit einer, die +gefangen werden möchte. Siedend heiß brauste ihm das Blut in den Ohren, +die Begierde wallte auf. Die stürmische Sehnsucht all dieser Tage und +Nächte trieb vorwärts zum Sieg. Wollte endlich einmal reden. Oder +richtiger,--da bedurfte es keines Redens; er würde sie in seinen Armen +haben! + +Jetzt wandte sie den Kopf,--sah ihn, stieß einen Schrei aus, raffte das +Kleid zusammen,--jetzt setzte sie die Füße wahrhaftig noch schneller! Er +war wie toll. Er hielt ihren Schrei für einen Lockruf. Er sah sie nach +vorn winken und glaubte, das solle bezeichnen, wo sie stehen bleiben +wolle und frei sein. Es hieß also sie einzuholen, bis sie dahin kam. +Auch er gab sich den letzten Sporn, und der brachte ihn im Nu dicht in +ihre Nähe. Er meinte, ihren Duft zu spüren, bald mußte er ihren Atem +hören. Er war so erregt, daß er gar nicht wußte, er berühre sie, bis sie +sich umsah. Sie ließ sofort das Kleid los und nach ein paar Sätzen stand +sie still. Sein Arm legte sich um ihre Taille, er glühte und zog sie +leidenschaftlich an sich,--da hörte er ein sehr bitteres: "Lassen Sie +mich los!" Die Atemnot machte es so eigen scharf. Er war ganz entsetzt, +dachte aber, er müsse sie stützen, bis sie wieder zu Atem gekommen sei, +und deshalb hielt er sie fest. Da, mit der gleichen schneidenden Schärfe +der Atemnot: "Sie sind kein Kavalier!" Er ließ sie los. + +Man hörte Huf schlag, der Wagen kam rasch heran. Die beiden auf dem Bock +mußten den Vorgang mitangesehen haben; ihnen hatte sie gewinkt. In +seiner blinden Hetze hatte er nur sie gesehen. + +Jetzt ging sie auf den Wagen zu; sie hielt sich das Taschentuch vors +Gesicht; sie weinte. Der Diener sprang vom Bock und öffnete ihr den +Schlag. + +Er ließ sie stehen, trostlos, wie gelähmt in seinem Denken. Da kam +Alice. Sie hatte ihren Schal und Marys Hut in der Hand und ging direkt +auf den Wagen zu, ohne ihn zu beachten. Als er zu ihr hin wollte, winkte +sie ihm ab. + + * * * * * + +Am dritten Tage nach diesem Ereignis ließ er sich bei Alice melden. Sie +sei nicht zu Hause. Am Tage darauf bekam er denselben Bescheid. Dann +mußte er auf einige Tage verreisen. Aber sowie er zurückkam, meldete er +sich wieder. Sie sei eben fortgegangen, antwortete der Diener. Da schob +er ohne weiteres den Diener beiseite und ging hinein. + +Alice war ganz in Anspruch genommen von einer Reihe von +Kunstgegenständen, die auf Tischen und Stühlen lagen oder standen. "Aber +Alice?" sagte er leise und schmerzlich. Sie war erschrocken; doch er +gewahrte im gleichen Augenblick ihren Vater hinter ihr. Da tat er, als +habe er nichts gesagt, und trat näher. + +Die Kunstgegenstände wurden beiseite gestellt; Franz Röy half dabei. Der +Vater verließ das Zimmer. "Aber Alice?" wiederholte Franz Röy nun +vorwurfsvoll. "Sie wollen mir doch wohl nicht Ihr Haus verschließen? Und +gerade, wo ich so unglücklich bin?" Sie antwortete nicht. "Wir sind doch +immer so gute Kameraden gewesen und haben uns so gut vertragen!" Sie +stand abgewandt und gab keine Antwort. "Selbst wenn ich mich dumm +benommen habe, kennen wir beide uns doch zu gut, als daß es uns trennen +könnte?"--"Es muß doch Grenzen geben", hörte er sie sagen.--Er bedachte +sich eine Weile: "Grenzen? Grenzen? Aber hören Sie mal, Alice, zwischen +uns ist doch nichts."--Ehe er weiterreden konnte, warf sie schnell ein: +"Es geht doch nicht an, sich im Beisein anderer so zu benehmen!" Sie war +feuerrot.--"Ja, was meinen Sie--?" Er verstand sie nicht. Sie wandte +sich ab: "Mich im Beisein anderer so zu behandeln ..." ergänzte sie. +"Was muß Mary denken?"--Jetzt erst ging ihm ein Licht auf, daß er sich +auch gegen sie, gegen Alice nicht richtig benommen habe; er hatte die +ganze Zeit nur an Mary gedacht. Jetzt schämte er sich. Schämte sich ganz +entsetzlich und ging auf sie zu. "Ich bitte Sie um Verzeihung, Alice, +ich war so froh, daß ich nichts überlegt habe. Erst jetzt kommt mir das +zum Bewußtsein. Verzeihen Sie mir armem Sünder! Nein, sehen Sie mich +an!" Sie wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen waren unglücklich und +standen voll Tränen; sie begegneten den seinen, die auch unglücklich, +aber flehend waren. Da dauerte es nicht lange, bis ihre und seine eins +waren. Er streckte die Arme aus, umarmte sie und wollte sie küssen; aber +das durfte er nicht. "Alice, liebe, süße Alice, Sie wollen mir doch +wieder helfen?"--"Es hat keinen Zweck. Sie zerstören alles."--"Ich will +fortan jedes bißchen tun, was Sie wünschen."--"Das haben Sie früher auch +schon versprochen."--"Aber jetzt habe ich zugelernt. Jetzt halte ich es. +Auf Ehre!"--"Man kann sich nicht auf Ihre Versprechungen verlassen. Denn +Sie haben eben kein Verständnis."--"Kein Verständnis?"--"Nein, Sie ahnen +ja nicht, wie sie ist!"--"Ich gebe zu, daß ich mich getäuscht haben muß; +denn noch in diesem Augenblick ist mir nicht klar, worüber sie so böse +wurde."--"Das kann ich mir denken."--"Ja, denn als sie alles hinwarf und +fortlief, glaubte ich tatsächlich, sie tue es, damit ich +hinterherlaufe."--"Hörten Sie denn nicht, daß ich zweimal rief: 'Tun +Sie's nicht!'"--"Ja; aber ich verstand auch das nicht."--Alice setzte +sich entmutigt hin. Sie sagte nichts mehr; es half ja doch nichts. Er +nahm ihr gegenüber Platz: "Erklären Sie mir's, Alice! Haben Sie nicht +gesehen, wie sie lachte, als ich mit Ihnen davontanzte?"--"Haben Sie +noch nicht begriffen, was für ein kolossaler Abstand zwischen ihr und +uns andern ist?"--"Mary Krog ist nicht anspruchsvoll und nicht +übermütig. Nicht im geringsten."--"Nein, das ist sie nicht. Sie +verstehen mich schon wieder falsch. Während wir andern gewöhnliche +Sterbliche sind, die ruhig mal derb angefaßt werden können, lebt sie in +einer Ferne, der bis jetzt niemand auch nur um einen halben Meter +nähergekommen ist. Nicht aus Stolz oder aus Einbildung."--"Nein, +nein!"--"So ist sie eben. Wäre sie nicht so, dann wäre sie längst +gekapert und verheiratet. Sie werden doch nicht glauben, daß es ihr an +Bewerbern gefehlt hat?"--"Nein, das laßt sich denken."--"Fragen Sie +Frau Dawes! Sie führt in ihren tausend Briefen Buch darüber. Sie +schreibt jetzt von nichts anderem." + +"Aber wie ist das zu verstehen, liebe Alice?"--"Das ist ganz leicht zu +verstehen. Sie ist freundlich und umgänglich und gefällig, was sie +wollen. Aber sie lebt in einem Elfenlande, das niemand betreten darf. +Darüber wacht sie mit der unverbrüchlichsten Sorgfalt und dem feinsten +Takt!"--"Also unberührbar?"--"Absolut! Daß Sie das noch nicht einmal +gemerkt haben!"--"Ich hatte es gemerkt,--aber ich vergaß es." + +Franz Röy saß da, als lausche er in die Ferne. Er hörte wieder diesen +hellen Angstruf, der durch die Luft zitterte, als er ihr näher kam; er +sah das aufgeregte Winken nach dem Wagen, er fühlte ihren zitternden +Körper, er vernahm den Zornesausbruch, der mit aller Kraft, die sie noch +hatte, herausgeschleudert wurde; er sah sie weinend fortgehen. Mit +einemmal begriff er! Was für ein dummer, brutaler Verbrecher er doch +war! + +Er blieb sitzen, stumm und tief unglücklich. + +Aber es lag nicht in seiner Natur, sich zu ergeben. Bald erhellte sich +sein Gesicht. "Schließlich war es doch nur ein Spiel, liebe +Alice."--"Für sie war es mehr. Daran zweifeln Sie doch auch wohl nicht +mehr?"--"Ihr ist schon öfter nachgestellt worden, meinen Sie?"--"Auf +alle mögliche Weise!"--"Darum ging die Phantasie mit ihr +durch?"--"Natürlich. Das sahen Sie doch?"--Er schwieg. "Aber hören Sie +mal, lieber Franz,--war es für Sie nicht auch mehr als ein Spiel? War es +nicht das Entscheidende?" + +Er ließ beschämt den Kopf sinken. Dann ging er ein paarmal auf und ab +und kam zu ihr zurück. "Sie ist souverän. Sie will nicht erobert sein. +Ich hätte stehen bleiben sollen--?"--"Sie hätten ihr überhaupt nicht +folgen sollen. Und sie wäre jetzt Ihr eigen gewesen." Er setzte sich wie +mit einer schweren Last auf den Schultern wieder hin. + +"Hat sie etwas gesagt?" fragte Alice mit forschendem Blick.--Er hätte +lieber geschwiegen, aber die Frage wurde wiederholt. "Sie sagte, ich sei +kein Kavalier." + +Alice fand das sehr schlimm. Darauf fragte er, ob Mary zu ihr etwas +gesagt habe. Im Wagen? "Kein Wort. Aber ich habe geredet. Ich schalt auf +Sie. Tüchtig."--"Sie hat auch später nicht mehr davon gesprochen?" +--Alice schüttelte den Kopf. "Ihr Name ist aus dem Wörterbuch +gestrichen, mein Freund."---- + + * * * * * + +Einige Tage später bekam er einen Rohrpostbrief, der ihn in aller Eile +davon unterrichtete, sie seien vormittags elf Uhr wieder in der +Ausstellung der Champs Elysées. Als er das Billet bekam, war die Uhr +schon elf. + +Mary war zu Alice gekommen mit der Bitte, sie zu begleiten. Sie solle +ihr Urteil über eine holländische Küstenlandschaft abgeben, die ihr +Vater kaufen wolle. Der Preis erscheine ihnen allen recht hoch, +möglicherweise könne Alice günstigere Bedingungen erzielen. Marys Wagen +hielt unten. Alice ließ sie allein, schrieb eilig an Franz Röy und +machte sich dann fertig, was gegen ihre Gewohnheit heute sehr lange Zeit +in Anspruch nahm. Sie kamen in die Ausstellung, suchten das Bild auf und +gingen ins Bureau, wo sie warten mußten, machten dann ihr Angebot, gaben +ihre Adresse auf und begaben sich wieder ins Parterre; denn sie wollten +den Athleten suchen. Jetzt stand er da in seiner ganzen männlichen +Kraft. Alice trat zuerst davor hin und rief: "O Gott, das ist ja--" +hielt aber inne und wandte sich von Mary ab. Sie besah die Statue von +allen Seiten, immer und immer wieder, ohne ein Wort zu sagen. Gerade +das, was an Franz Röy auffiel, daß seine Kraft nicht äußerlich in +Muskelkissen sichtbar war, sondern als Spannkraft in dem +wohlgeformtesten, geschmeidigen Körper lag, fand sich hier wieder. Das +war Franz Röys Haltung und seine Kopfstellung, seine breite, schräg +ansteigende Stirn, seine Hand, sein kurzer, kräftiger Fuß,--alles war +hier! Die Statue wirkte wie ein Schlachtgesang. Zum erstenmal fand sie +ein Wort dafür, wie Franz Röy wirkte. Dies hier riß sie mit wie der +Rhythmus eines Marsches. Genau das, was sie oft empfunden hatte, wenn +sie Franz Röy gehen sah. War diese Ähnlichkeit ein sonderbarer Zufall, +oder hatte wirklich Franz Röy ... ihr wurde heiß, und sie mußte ein +Stück von der Statue fort--zu einer andern hin. + +Mary hatte sich die Zeit über hinter Alice gehalten, die sie ganz +vergessen hatte. Nun, da Alice allein stand, stieg unwillkürlich die +Frage in ihr auf: begreift Mary, was sie sieht? + +Alice wartete eine Weile, ehe sie zu beobachten anfing. Mary stand jetzt +lange unbeweglich vor der Statue mit dem Rücken nach Alice. Alice wurde +neugierig. Sie ging auf einem Umwege zwischen andern Skulpturen hindurch +nach drüben, setzte ihr Pincenez auf und sah hin. Marys Augen waren +halbgeschlossen, ihre Brust wogte. Sie ging langsam im Kreise um die +Statue herum, trat etwas zurück, kam wieder näher und blieb halb +seitlich davor stehen. + +Da sah sie sich nach Alice um und erblickte sie, wie das Pincenez gerade +auf sie gerichtet war; Alice hielt es sogar noch fest, um deutlicher zu +sehen. Man konnte sich nicht täuschen: Alices Gesicht war ein einziges +Schelmenlachen. + +Es gibt Dinge, von denen keine Frau will, daß eine andere sie versteht: +Marys Blut geriet in Wallung; geärgert und gekränkt, empfand sie Alices +Blick wie eine "insulte"--das Wort wurde französisch gedacht. Sie drehte +schnell dem Athleten den Rücken und ging nach dem Ausgang zu. Aber sie +blieb hier und da stehen, um sich den Anschein zu geben, als betrachte +sie andere Kunstwerke. In Wirklichkeit, um ihrer Erregung Herr zu +werden. Endlich hatte sie den Ausgang erreicht. Sie blickte sich nicht +um, ob Alice nachkomme; sie ging in die Vorhalle hinaus und von da +weiter. + +Aber gerade, als sie draußen stand, kam Franz Röy dahergestürmt. So +eilig, als sei er hinbestellt und habe sich verspätet. Franz Röy riß den +Hut vom Kopf, bekam aber kein Nicken als Antwort, nur ein paar kühle +Augen. "Aber nein, jetzt müssen Sie auch nicht mehr böse sein!" sagte er +gutmütig und knabenhaft in seinem breitesten Ostländisch. Sie taute auf, +ja, sie konnte nicht anders, sie lächelte sogar und war tatsächlich nahe +daran, seine ausgestreckte Hand zu fassen,--als sie sah, wie seine Augen +blitzschnell an ihr vorbeiglitten und mit einem ganz, ganz kleinen +Triumph wieder zurückkehrten. Da wandte auch sie den Kopf und begegnete +Alices Augen. In ihnen lag eine ganze Welt von Schelmerei und Freude. +Eine abgekartete Sache also! Da ging eine Verwandlung mit Mary vor. Wie +von der höchsten Kirchturmspitze blickte sie auf die beiden +hinunter--und ließ sie stehen. Ihr Wagen hielt in einiger Entfernung; +sie winkte, und er kam in großem Bogen heran. Ihr Vater hatte auf seinem +Wagen keinen Diener; sie machte sich selbst den Schlag auf, ehe Franz +Röy hinzuspringen konnte. Sie stieg ein, als sei kein Mensch da. Von +ihrem Sitz aus sah sie sich nach Alice um,--an Franz Röy vorbei. Die +korpulente Alice kam langsam herangewatschelt. Schon von weitem war zu +sehen, daß sie einen harten Kampf mit unterdrücktem Lachen zu bestehen +hatte. Und als sie herangekommen war und Mary vornehm dasitzen sah, den +Kopf nach der andern Seite gewandt, während auf dieser Seite Franz Röy, +der Riese, wie ein verdonnerter Rekrut stand, da konnte sie sich nicht +länger halten, sie brach in ein Gelächter aus, das ihre ganze behäbige +Person von Grund auf erschütterte. Sie lachte, daß ihr die Tränen über +die Backen liefen. Sie lachte so, daß sie nur mit Not und Mühe und nicht +ohne Hilfe das Trittbrett fand und sich hinaufzog. Sie sank laut lachend +neben Mary auf den Sitz, daß der Wagen wackelte. Sie hielt das +Taschentuch vors Gesicht und prustete hinein. Sie sah Marys purpurrotes +Beleidigtsein und Franz Röys blasses Entsetzen, sie lachte nur immer +mehr. Sogar der Kutscher mußte mitlachen; er wußte den Teufel warum. So +fuhren sie ab. + +Wieder eine mißglückte Expedition nach den kühnsten Hoffnungen! Es +dauerte lange, bis Alice etwas sagen konnte. Natürlich fing sie damit +an, Franz Röy zu bedauern. "Du bist zu streng gegen ihn, Mary. Gott, wie +unglücklich er aussah!" Und wieder überkam sie das Lachen. Mary aber, +die die ganze Zeit über dagesessen und nur auf eine Gelegenheit gewartet +hatte, brach jetzt los: "Was geht mich Dein Protégé an?" Und als sei das +nicht genug, beugte sie sich vor und sah in Alices lustige Augen hinein. +"Du verwechselst uns beide wohl. Du bist selbst in ihn verliebt. Meinst +Du, ich habe das nicht lange gesehen? Ihr müßt ja selbst am besten +wissen, in was für einem Verhältnis Ihr zueinander steht. Mich geht es +nichts an. Aber das 'Sie', an dem Ihr festhaltet,--ist doch wohl nur ein +Deckmantel?" + +Alices Lachen erstarb. Sie wurde blaß, so blaß, daß Mary erschrak. Mary +wollte die Augen wieder abwenden, konnte es aber nicht. Alices Augen +hielten sie während des schmerzlichen Überganges fest, bis sie +erloschen. Da sank Alices Kopf mit einem langen, schweren Seufzer +hintenüber. Wie das Stöhnen eines verwundeten Tieres. + +Mary saß daneben, erschrocken über den eigenen Schuß. + +Aber es war geschehen. + +Unerwartet und hastig hob Alice den Kopf und ließ den Kutscher halten. +"Ich muß in dies Hôtel." Der Wagen hielt, sie öffnete die Tür, stieg aus +und schloß sie hinter sich. Mit einem langen Blick auf Mary sagte sie: +"Good bye!"--"Good bye!" war die leise Antwort. + +Beide fühlten, es war für immer. + +Mary fuhr weiter. Sowie sie zu Hause war, ging sie geradenwegs in den +Salon; sie wollte ihrem Vater etwas sagen. Schon draußen vor der Tür +hörte sie Klavierspiel und wußte, daß Jörgen Thiis da war. Aber das +hielt sie nicht zurück. In Hut und Sommermantel stand sie plötzlich +unerwartet im Zimmer. Jörgen Thiis sprang vom Klavier auf und ging ihr +entgegen, seine Augen waren voll Bewunderung; sie glühte nämlich vor +Erregung. Aber etwas Stolzes und Abweisendes in all dem Funkeln +bewirkte, daß er es aufgab, sich ihr zu nähern. Da bekamen seine Augen +das Saugende, Gierige, das sie so tief verabscheute. Mit leichtem Gruß +ging sie an ihm vorbei auf den Vater zu. Er saß wie gewöhnlich in einem +großen Stuhl mit einem Buch auf den Knien. "Du Vater, was meinst Du, +wollen wir jetzt nach Hause reisen?" + +Alle Gesichter hellten sich auf. Frau Dawes rief: "Denk nur, Jörgen +Thiis hat gerade gefragt, wann wir reisen; dann will er mit."--Mary +wandte sich nicht zu Jörgen Thiis, sondern fuhr fort: "Ich glaube, das +Schiff fährt morgen von le Havre ab."--"Ja, ganz recht," antwortete ihr +Vater, "aber bis dahin werden wir wohl nicht fertig?"--"Doch, das werden +wir," sagte Frau Dawes, "wir haben ja den ganzen Nachmittag."--"Ich will +mit Vergnügen helfen", sagte Jörgen Thiis. Dafür bekam er einen +freundlichen Blick von Mary, ehe sie über den Preis Bericht erstattete, +den Alice für die holländische Küstenlandschaft, die ihr Vater haben +wollte, angesetzt hatte. Dann ging sie hinaus, um ihre eigenen Sachen +einzupacken. + +Sie trafen sich alle vier um halb acht im Hotel beim Diner. Mary fand +sich, etwas abgespannt, auch ein; Jörgen Thiis ging ihr entgegen und +sagte: "Gnädiges Fräulein haben doch diesmal Franz Röy kennen +gelernt?"--Der Vater und Frau Dawes waren ganz Aufmerksamkeit; sie +verrieten dadurch, daß Jörgen soeben mit ihnen darüber gesprochen haben +mußte. Immer wenn sie die Bekanntschaft eines Herrn machte, bekamen +nämlich die beiden Angst. Mary wurde rot; sie fühlte es, und daher +vertiefte sich das Rot noch. Die beiden starrten sie an. "Ich habe ihn +bei Miß Clerq gesehen", antwortete Mary. "Miß Clerqs Mutter und sie sind +mehrere Sommer in Norwegen gewesen und dort mit Franz Röys Familie +zusammengetroffen; sie sind aus einer Stadt. Soll ich noch weitere +Aufklärungen geben?" Jörgen Thiis erschrak. Die andern starrten sie an. +Er sagte eilig: "Ich habe gerade zu Ihrem Vater und zu Frau Dawes +gesagt, daß unter uns jüngeren Offizieren Franz Röy als der beste gilt, +den wir überhaupt haben. Ich habe es also nicht böse gemeint."--"Das +habe ich auch nicht von Ihnen gedacht. Aber wenn ich selbst von dieser +Bekanntschaft hier nicht gesprochen habe, darf es auch von keinem +Fremden zugetragen werden, finde ich."--Ganz erschrocken sagte Jörgen +Thiis, daß ... daß ... daß er keine andere Absicht dabei gehabt habe +als, als, als ... "Das weiß ich", schnitt sie ihm das Wort ab. + +Dann gingen sie zusammen hinunter. Bei Tisch--sie hatten einen für sich +allein--nahm Jörgen Thiis das Thema natürlich wieder auf. Das könne +nicht so abgetan werden. Die Offiziere, sagte er, bedauerten, daß Franz +Röy zum Geniekorps übergegangen sei. Er sei ein hervorragender Stratege. +Ihre Übungen, sowohl die theoretischen wie die praktischen, hätten ihm +Gelegenheit gegeben, sich auszuzeichnen. Jörgen führte Beispiele an, die +sie aber nicht verstanden. Da wartete er mit Anekdoten über Franz Röy +auf. Aus dem Leben mit den Kameraden, aus seinem Beruf. Die sollten +beweisen, wie beliebt und wie schneidig er sei; Mary aber fand, sie +bewiesen eher, wie jungenhaft er sei. Jörgen trat also den Rückzug an: +er habe es nur erzählen hören; Franz Röy sei ja älter als er. "Wie +finden Sie ihn denn?" fragte er plötzlich sehr unschuldig. Mary zögerte, +die ändern blickten auf. "Er redet so sehr viel."--Jörgen lachte. "Ja, +was soll er machen? Er hat soviel Kraft."--"Muß die sich an uns andern +auslassen?" Darüber lachten sie alle, und damit war die Spannung gelöst, +in der bis jetzt alle befangen waren. Krog und Frau Dawes fühlten sich +sicher vor Franz Röy. Auch Jörgen Thiis. + +Sie kamen um halb neun wieder nach oben. Mary entschuldigte sich,--sie +sei müde. Von ihrem Zimmer aus hörte sie Jörgen Thiis spielen. Sie lag +und weinte. + + * * * * * + +Der nächste Abend auf dem weiten, stillen Meer. Es dämmerte leise der +Sommernacht entgegen; zwei Rauchsäulen in der Ferne,--sonst nichts. Ein +ununterbrochenes helles Grau oben und unten. Mary lehnte sich an die +Reeling. Kein Mensch weiter war zu sehen; das Stampfen der Maschine war +der einzige Laut. + +Sie war eben unten beim Konzert gewesen, war aber vor den andern nach +oben gegangen. Ein Gefühl unsäglicher Einsamkeit trieb sie hinauf zu +diesem inhaltlosen Ausblick. Überall Wolken als Grenze. + +Nichts als Wolken; nicht einmal ein Widerschein der untergegangenen +Sonne. + +Was war ihr selbst von dem Glanz der Welt geblieben, aus der sie kam? +War nicht in ihr und um sie herum die gleiche Leere? Das Wanderleben war +jetzt vorbei; weder ihr Vater noch Frau Dawes konnten oder wollten es +fortsetzen; das wußte sie. In der Bucht, wo sie wohnten, war kein +Nachbar, an dem ihr lag. In der Stadt eine halbe Stunde davon kein +Mensch, an dem sie hing. Sie hatte sich keine Zeit dazu gelassen. Sie +war nirgends heimisch. Ihr Leben war keins, das aus der Scholle +herauswächst und mit allem verknüpft ist, was daran hängt. Wo sie +hinkam, schien die Unterhaltung zu stocken, damit ein anderes Thema, das +ihr angepaßt war, aufgenommen werden konnte. Die Globetrotter, die mit +ihr durch die Welt zogen, sprachen von Reiseerlebnissen, von Museen und +Musik an den Orten, die sie zusammen aufgesucht hatten. Manchmal auch +über Probleme, die mit ihnen schwammen, wohin sie auch fuhren. Aber kein +einziges darunter, das ihr nahe ging. Die Redensarten, auf die es ankam, +konnte sie auswendig. Es war eigentlich eine Art Sprachübung oder ein +zweckloses, müßiges Geschwätz. + +Die Huldigungen, die ihr dargebracht wurden, und die bisweilen in einen +Kultus ausarteten, fingen schon an, als sie noch ein Kind war und es für +Spiel ansah. Später war es ihr so zur Gewohnheit geworden wie die Touren +eines Kontres. Ein einzelner Zwischenfall, der die ganze Familie in +Aufregung gebracht hatte, ein paar Fälle, die weh getan hatten, waren +längst vergessen; das ganze war jetzt Alltäglichkeit ohne Ernst. Sie +stand einsam und mit leeren Händen da. + +Es ging ein Zucken durch ihren Körper, als ihr Franz Röys riesige +Gestalt vor Augen trat. So deutlich, so scharf in allen Einzelheiten, +daß ihr war, als könne sie sich nicht vom Fleck rühren. + +Er war nicht wie die anderen. Hatte das sie in Aufregung gebracht? + +Bei dem bloßen Gedanken an ihn zitterte sie. Ohne daß sie es wollte, +stand Alice neben ihm in ihrer üppigen Lüsternheit, mit frivolen Augen +... In was für einem Verhältnis standen die beiden? Es wurde ihr dunkel +vor den Augen, es stach, es kochte in ihr. So stand sie und weinte. + +Sie hörte ein dumpfes Brausen von etwas Gewaltigem. Sie wandte sich nach +der Richtung. Ein Ozeansteamer kam ihnen entgegen, so unvermutet und so +ungeheuer groß, daß sie den Atem anhielt. Er wuchs aus dem Meer heraus +ohne Warnungssignal. Er schoß in rasender Fahrt auf sie zu, wurde größer +und immer größer, ein Feuerberg von großen und kleinen Lichtern. Unter +schäumendem Brausen kam er und zog er vorbei. Nur einen Augenblick, und +er war ein Bild in der Ferne. + +Wie das sie ergriff! + +Dies vorüberrauschende Leben, das von Erdteil zu Erdteil eilt, voll +Arbeit und Gedanken in ewigem, fruchtbarem Austausch. + +Während sie hier in einer kleinen Tonne umherschwamm, die von den Wellen +des Weltkolosses geschaukelt wurde, daß man sich festhalten mußte. + +Sie stand wieder allein in der großen Wüste. Wie verraten. Es war doch +wie ein Verrat, wenn alles, was sie in drei Erdteilen gesehen und gehört +hatte an Volksleben und Festen, kirchlichen wie nationalen, an +Kunstwerken und an Musik,--gewissermaßen zurückblieb, wo sie es gesehen +und gehört hatte, während sie einsam in einer unheimlichen, +bewegungslosen Einöde stand. + + * * * * * + +Daheim + + +Es kam erstaunlich anders. + +Schon als sie an Land stieg, sah sie bei Jung und Alt die +ungeheucheltste Freude über das Wiedersehen. Alle Gesichter strahlten. +Ebenso auf dem Wege zum Marktplatz; jeder freute sich; jeder grüßte. +Während sie keinen Gedanken für diese Leute gehabt hatte, hatten sie +ihrer gedacht. Vom Haus am Markt wollten sie später am Tage mit dem +Küstendampfer nach Krogskog weiterfahren. In der Zwischenzeit bekamen +sie Besuch von ihren Verwandten. Die mußten ihnen doch sagen, wie froh +sie seien, sie endlich wiederzusehen. Sie mußten auch von der Freude +berichten, die das spanische Bild Marys hervorgerufen hatte, erst hier, +dann in der Hauptstadt und jetzt auf einer Rundreise durch das Land mit +anderen Bildern. Man schreibe,--ja, sie habe doch gelesen, was man +schreibe?--Nein, sie habe überhaupt keine Zeitungen gelesen, nur hier +und da ein Blatt, das an ihrem jeweiligen Aufenthaltsort erschienen sei. +"Liest Du denn keine hiesigen Zeitungen?"--"Doch, wenn Vater sie mir +zeigt." Ob ihr denn ihr Vater nichts davon erzählt habe, und Frau Dawes +auch nicht?--"Nein."--"Ja, nun sei sie in ganz Norwegen bekannt. Dies +sei doch das dritte Bild von ihr; oder gar das vierte? Und dies sei das +schönste. Die illustrierten Zeitschriften hätten es gebracht. Ein +englisches Kunstjournal, "The Studio", habe es auch reproduziert. Ob sie +das nicht wisse?"--"Nein."--Die Jugend sei ganz stolz auf sie. Darum +hätten sie mit ihrem Frühlingsfest bis zu ihrer Heimkehr gewartet. "Da +soll Staat mit Dir gemacht werden."--"Mit mir?"--"Wir wollen nach +Marielyst, der Dampfer von hier und einer aus der Nachbarstadt, wir +treffen uns dort. Jörgen Thiis hat von Paris aus den ganzen Plan +entworfen."--"Jörgen Thiis?"--"Ja, hat er nichts davon gesagt?"--"Nein." + +Kaum war sie allein, so ging sie zu ihrem Vater ins Zimmer, der im +Begriff war, einige Kunstgegenstände auszupacken, die er gekauft hatte, +und die hier aufgestellt werden sollten. "Vater, hast Du die Bilder von +mir ausstellen lassen?" Er lächelte und sagte unschuldig: "Ja, +allerdings habe ich das getan, liebes Kind. Und viele haben ihre Freude +daran gehabt. Man hat mich übrigens darum gebeten. Man hat mich jedesmal +darum gebeten." Er sagte es so nett. Daß er ihr nichts davon gesagt +hatte und auch Frau Dawes und gleichzeitig wohl auch Jörgen Thiis es +verboten hatte, fand sie reizend. Sie tat etwas, was sie sonst sehr +selten tat, sie ging hin und gab ihm einen Kuß. + +Also das war es, worüber ihr Vater so eifrig mit Frau Dawes und Jörgen +Thiis getuschelt und geflüstert hatte? Deshalb waren die Zeitungen aus +der Heimat ihr vorenthalten worden. Alles war verabredet,--sogar der +Vorschlag, gerade jetzt nach Hause zu reisen! Sie hatte Jörgen Thiis +beinahe lieb. + +Als sie nach Krogskog abfuhren, hatte sich eine Menge Jugend auf der +Brücke eingefunden. Sie riefen: "Auf Wiedersehen am Sonntag!" + +Sie fand die Landschaft hinreißend schön. Die kleine halbe Stunde bis +Krogskog war wie ein Begrüßen guter alter Bekannter, ein fortwährendes +Begrüßen. Jetzt war auch die partielle Verlegung der Strandstraße an der +Küste entlang fertig. Es war wirklich lustig, wie sie sich um die +Landzungen herumschlängelte und oft in die Felsen hineinschnitt. Über +Krogskog führte der Weg wie früher durch die Ebene von einer Landspitze +zur andern, dicht an der Landungsbrücke vorbei und dicht unter der +Kapelle mit dem Kirchhof. + +Nein, wie behaglich Krogskog dalag: Sie hatte behalten, wie einsam es +lag; aber sie hatte vergessen, wie reizvoll es war! Diese stille, blanke +Bucht mit den Seevögeln! Das Gekräusel da hinten, wo der Fluß mündete, +die große Ebene hoch oben zwischen den Hügeln, und die Höhen so +grünbewachsen. Waren die Bäume vor dem Wohnhause wirklich nicht höher? +Wie gut sich das langgestreckte Haus machte mit den schwarzen Fenstern +und der schwarzen Grundmauer. Aus dem einen Schornstein stieg dichter +Rauch auf; er wirbelte ein lustiges Willkommen in die Luft. Sie sprang +vor den andern an Land und lief hinüber. Ein Mädchen von neun, zehn +Jahren kam heruntergerannt, blieb, als sie Mary gewahrte, stehen, machte +Kehrt und rannte all was sie konnte zurück. Mary aber holte sie vor der +Treppe ein. "Jetzt hab' ich Dich!" sie drehte sie zu sich herum: "Wie +heißt Du?" Es war ein hellhaariges, lachendes Ding, das nicht +antwortete. Auf der Treppe standen die Mädchen und eine von ihnen sagte, +sie heiße Nanna und sei hier Laufmädchen. "Dann sollst Du mein Mädchen +sein!" sagte Mary und nahm sie die Treppe mit hinauf. Sie nickte jeder +einzelnen zu, merkte aber, wie enttäuscht sie waren, als sie eilig +weiterging, ohne mit ihnen zu sprechen. Sie sehnte sich danach, den Fuß +auf die dicken Teppiche zu setzen, die seltsame Beleuchtung im Vorzimmer +um sich zu fühlen, die großen, kostbaren Schränke und alle Malereien und +Raritäten aus der holländischen Zeit wiederzusehen. Sie sehnte sich mehr +noch danach, hinauf in ihr eigenes Gemach zu kommen. Diese Lautlosigkeit +auf der Treppe und nachher auf dem langen, dämmerigen Gang--die hatte +nie ein solches Flüsterspiel mit ihr getrieben wie heute. Etwas Weiches, +Halbverstecktes, Vertrautes und Nahes zugleich. Das redete noch zu ihr, +als sie vor der Tür zu ihrem Zimmer stand, es hielt sie so fest, daß es +eine Weile dauerte, bis sie die Tür öffnete. + +Ah, der Raum lag in vollem Sonnenlicht, es kam von dem Fenster an der +Längswand, das auf die andern Häuser und auf die Anhöhe hinausging. +Blasseres Licht vom Fenster gerade gegenüber, das auf den Obstgarten und +drunten auf die Bucht sah. Die blinkte durch die Bäume. Über den Bäumen +sah man die Inseln und das hellgraue Meer. Vom Hügel aber, der im +schönsten Blüten- und Laubschmuck stand, zog Frühlingsduft herein. Das +Zimmer selbst in seiner weißen Reinheit lag da wie ein Schoß, der all +dies aufnahm. Hier drinnen scharte sich alles ehrerbietig um das Bett, +das mitten in der Stube stand. Es war nicht nur wie für eine Prinzessin; +es war die Prinzessin selber; alles andere neigte sich davor. + + * * * * * + +Der Ausflug nach Marielyst war in jeder Beziehung wohlgelungen. Aber an +dem Tage kam zwischen Mary und Jörgen eine Verstimmung auf. + +Das ging so zu. Jörgen Thiis kam mit einer großen, starken Dame an +Bord--ihre breite Stirn, die warmen Augen, die kleine Nase und das +vorspringende Kinn trieben ein leichtes Rot in Marys Wangen, das sie zu +verbergen suchte, indem sie sich erhob und fragte: "Sie sind doch die +Schwester des Hauptmanns im Geniekorps Franz Röy?"--"Ja", antwortete +Jörgen Thiis; "wir haben der Sicherheit halber einen Arzt mitgenommen." +---Mary: "Das freut mich sehr; ich habe natürlich durch Ihren Bruder von +Ihnen gehört. Er hat Sie sehr lieb."--"Das tun wir überhaupt alle", +versicherte Jörgen Thiis und entfernte sich. + +Fräulein Röy selbst hatte nichts gesagt, aber ihre forschenden Augen +überströmten Mary mit Bewunderung. Jetzt setzte sie sich neben sie. +"Bleiben Sie lange daheim?"--"Das weiß ich nicht. Vielleicht reisen wir +überhaupt nicht mehr; mein Vater ist zu schwach."--Fräulein Röys kluge +Augen notierten das förmlich. Sie sagte eine ganze Weile nichts mehr. +Mary aber dachte bei sich: wie taktvoll, daß sie nicht von ihrem Bruder +anfängt. + +Die beiden gingen während des Ausflugs einander nicht von der Seite. Sie +standen auch zusammen, als nachher im Freien Erfrischungen gereicht und +Reden gehalten wurden. Die Festfreude stieg Jörgen Thiis zu Kopf. Man +kam zu ihm und stieß mit ihm an, und er wurde sentimental und redete. +Auf das Ideal, das ewige Ideal. Glücklich der Mann, dem es schon in +seiner Jugend begegne! Er trage es in seiner Brust wie einen +wegweisenden, unauslöschbaren Scheinwerfer auf dem Pfade des Lebens!--Er +trank das Glas bis zum Grunde aus und schleuderte es bleich und bewegt +zu Boden. + +Dieser fürchterliche Ernst kam den fröhlichen Menschen so unerwartet, +daß sie lachen mußten. Alle miteinander! + +Fräulein Röy sagte zu Mary: "Sie sind doch viel mit Leutnant Thiis +zusammen gewesen?"--"Diesen Winter und im vorigen auch", antwortete Mary +leichthin und aß ihr Eis. + +Ein junges Mädchen stand daneben. "Es ist eine merkwürdige Sache mit +Jörgen Thiis", sagte sie. "Zu uns ist er so nett; aber gegen die +Soldaten soll er so schlecht sein." Erstaunt wandte Mary sich zu ihr um. +"Wieso schlecht?"--"Er soll sie so quälen, soll so furchtbar streng sein +und so ganz sonderbar, und um das kleinste strafen." Mary richtete ihre +allergrößten Augen auf Margrete Röy. "Ja, das ist Tatsache", antwortete +die leichthin; sie aß auch ihr Eis. + +Als gegen Abend der Tanz zu Ende war und sie zum Schiff hinunterzogen, +Mary an Jörgens Arm, da sagte sie zu ihm: "Ist es wahr, daß die +Mannschaften Ihres Kommandos über Sie klagen?"--"Das kann schon sein, +gnädiges Fräulein." Er lachte.--"Ist das zum Lachen?"--"Ja, zum Weinen +jedenfalls nicht, gnädiges Fräulein", er war so recht vergnügt, er hätte +sie am liebsten in den Arm genommen und wäre mit ihr nach der +Landungsstelle hinunter getanzt; das taten viele andere auch. Aber Mary +weigerte sich. "Mir hat es weh getan, das zu hören", sagte sie. Da +merkte er, daß es ihr Ernst war. "Ich will Ihnen sagen, gnädiges +Fräulein, der Norweger weiß im großen und ganzen nicht, was Gehorsam und +Disziplin sind. In der kurzen Zeit, da wir ihn unter unserm Kommando +haben, müssen wir es ihm beibringen."--"Auf welche Weise?"--"Mit +Kleinigkeiten natürlich."--"Indem Sie ihn mit Kleinigkeiten +quälen?"--"Ja. Ganz recht."--"Mit Dingen, deren Notwendigkeit er nicht +einsieht?"--"Ja gewiß. Er soll sich das Räsonnieren abgewöhnen. Er soll +gehorchen. Und das, was er tut, soll er korrekt tun. Absolut korrekt." + +Mary antwortete nicht. Aber als jetzt ein Paar an ihre Seite kam, sprach +sie mit denen und setzte das fort, bis sie die Landungsbrücke erreicht +hatten. + +Auf dem Schiff sah sie, daß Jörgen Thiis verstimmt war. Als sie von Bord +gingen, stand er nicht an der Landungsbrücke. Ohne jede Verabredung +begleitete die ganze Gesellschaft sie heim nach dem Haus am Markt. Sie +sangen und lärmten vor der Tür, bis sie auf den Altan heraustrat und +Blumen über sie streute,--die mitgebrachten und alle, die sie irgend +fand. Sie gingen lachend und geräuschvoll auseinander. Aber als sie von +dannen zogen, suchte sie unter ihnen nach Jörgen; er war nicht da. Das +tat ihr leid; sie hatte ihm einen der schönsten Tage ihres Lebens +schlecht gelohnt. Alle waren so reizend zu ihr gewesen. + +Größere und kleinere gesellschaftliche Zusammenkünfte lösten jetzt +einander ab; aber Jörgen Thiis war verschwunden. Zuerst war er eine +Zeitlang daheim bei seinen Eltern gewesen, jetzt war er in Kristiania. +Mary hatte nie weiter an Jörgen Thiis gedacht; aber nun, da er sich +fernhielt, besann sie sich darauf, wieviel von jenen schönen Begegnungen +mit ihren Altersgenossen auf sein Konto kam. Der wunderliche Toast, den +er auf die "Treue gegen das Ideal" ausgebracht hatte, ... als er sprach, +da hatte sie nur gedacht: wie sentimental Jörgen Thiis doch sein kann! +Jetzt dachte sie: vielleicht galt das mir? Sie war an solche +Übertreibungen gewöhnt, und sie machte sich absolut nichts aus Jörgen +Thiis. Aber wenn sie überlegte, wie rasend verliebt er schon bei ihrem +ersten Zusammentreffen gewesen war, und daß er in all diesen Jahren +genau so geblieben war, wann und wo sie sich auch begegneten, da wurde +das doch ein wenig mehr. Die gierigen, verzehrenden Augen bekamen +dadurch beinahe etwas Rührendes. Daß er es nicht ertrug, mit ihr +zusammen zu sein, wenn sie das geringste gegen ihn hatte, bewies ja +auch, wie gern er sie hatte. Daß er nichts sagte, sondern einfach +fortblieb, gefiel ihr. + +Da kam eines Tages Mille Falke, die hübsche, sanfte Frau des +lungenkranken Oberlehrers, zu ihr heraus. Sie habe einen Brief von +Jörgen Thiis bekommen. Eine Gesellschaft von zehn Personen in Kristiania +habe eine Fahrt nach dem Nordkap geplant. Sie hätten schon vor zwei +Monaten die Plätze bestellt,--und jetzt sei etwas dazwischen gekommen. +Man habe Jörgen Thiis gefragt, ob er nicht die Billets übernehmen und +zehn Personen heranholen könne, um mit ihnen diese herrliche Fahrt zu +machen. Unten in den Kleinstädten lebe man in besserer Kameradschaft, da +sei es leichter, eine solche Gesellschaft zusammenzubringen. Jörgen +Thiis habe sich bereit erklärt,--wenn Mary Krog dabei sein wolle; er +wisse, dann bekomme man die andern schon zusammen. + +Frau Falke setzte Mary das in ihrer Schmeichelkatzenart auseinander, der +nur wenige widerstehen konnten. Mary hatte freilich nicht die geringste +Lust, in der Sommerhitze auf dem Deck eines Dampfers zu sitzen und alles +abzubrechen, was hier unternommen wurde; es war gar zu nett. Aber sie +wollte Jörgen Thiis nicht gern noch einmal kränken. Sie sprach mit ihrem +Vater und mit Frau Dawes: sie hörte noch einmal Frau Falke an--und +willigte ein. + +In der ersten Hälfte des Juli versammelte sich die Gesellschaft eines +Nachts an Bord eines Küstendampfers, der sie nach Bergen bringen sollte. +Von dort wollte man die Reise antreten. Es waren sechs Damen und vier +Herren. Eine der Damen war die würdige Vorsteherin der Schule, die +Mutter des einen Herrn und die ehemalige Lehrerin von drei der Damen. +Sie war das moralische Zentrum. Dann war ein jungverheiratetes Paar da, +das die ganze Reise über geneckt wurde. Es lohnte sich; denn beide waren +sehr lebhaft und gaben es reichlich zurück. Ein junger Kaufmann schnitt +zwei Damen die Kur--behauptete man wenigstens--ohne sich klar zu werden, +welche er am liebsten mochte. Das zu entscheiden, half ihm die ganze +übrige Gesellschaft; die beiden Damen am eifrigsten. Ein junger +Philologe wurde gleich in der ersten Nacht auf dem Küstendampfer "der +Verlassene" getauft. Mit Ausnahme der alten Dame machten alle anderen +einen furchtbaren Radau, und keiner tat ein Auge zu. Er allein konnte +nicht tanzen und auch nicht singen und auch nicht die Kur schneiden. Er +konnte nicht mal vertragen, wenn man ihm den Hof machte, dann wurde er +nämlich verlegen. Die Folge war, daß alle, auch Mary, "dem Verlassenen" +den Hof machten, bloß um sich an seinem jämmerlichen Zustand zu weiden. +Der Urheber dieser Scherze war immer Jörgen Thiis; er neckte so +leidenschaftlich gern. Seine Erfindungsgabe in dieser Beziehung konnte +man nicht immer frei von Bosheit nennen. + +Im Anfang ging er frei aus. Aber nach und nach wagte sich sogar "der +Verlassene" an ihn heran. Über seinen Appetit, seine Herrschsucht und +besonders über seine untertänige Dienerrolle Mary gegenüber wurde +allgemein gestichelt. Mary hatte die wachsamen Augen der Krogs für +Übertreibungen, so daß sie mitlachte, auch wenn es über die +Untertänigkeit gegen sie herging. Er ließ sich nicht im geringsten +stören. Er aß genau soviel, war genau so pedantisch als Führer der +Gesellschaft und blieb unerschütterlich Marys erfinderischer, unablässig +hilfsbereiter Diener. + +Das Schiff war voll Passagiere; darunter viele Ausländer. Aber die +fröhliche Gesellschaft von Jörgen Thiis wurde der Mittelpunkt. Die Natur +machte so häufig Anspruch auf die Bewunderung der Reisenden, daß nicht +allzu große Reibungen vorkamen. Es war, als werde etwas Gewaltiges +vorgetragen. Ein Wunder löste das andere ab. Dazu kam der lange Tag. Die +Nächte wurden immer kürzer; schließlich gab es überhaupt keine Nacht +mehr. Sie fuhren in lauter Licht hinein, und das berauschte. Sie wurden +nicht müde. Sie tranken, sie tanzten und sangen; schließlich waren sie +alle auf denselben Ton gestimmt. Es wurden Vorschläge gemacht, die sonst +unmöglich gewesen wären; in die Wildheit der Landschaft, in den Rausch +von Licht paßten sie hinein. Als Mary eines Tages bei starkem Sturm +ihren Hut verloren hatte, sprangen zwei Herren ihm nach. Der eine war +natürlich Jörgen Thiis. Die Gemüter waren hoch über den Alltag hinaus +gespannt. Wenn einer oder der andere müde wurde, schlief er Tage und +Nächte durch. Aber die meisten hielten aus, jedenfalls solange es +vorwärts ging. Unter ihnen Mary. + +Jörgen Thiis hatte es durch seine ehrerbietige Energie dahin gebracht, +daß alle Leute Mary mehr oder weniger genau so behandelten wie er +selbst. Es kam auch nicht die geringste Störung vor, was besonders ihrer +eigenen formvollendeten Art und ihrer aufmerksamen Rücksichtnahme zu +danken war. + +Als sie von Bord gingen und wieder den Küstendampfer bestiegen, forderte +sie aus dem Gefühl aufrichtiger Dankbarkeit Jörgen Thiis auf, mit ihr +nach Krogskog zu kommen. "Ich kann nicht so plötzlich Schluß machen", +sagte sie. + +Und er blieb mehrere Tage dort. Alles fand er schön und behaglich. Der +Kunstsinn, der ihm eigen war, ging mehr aufs kleine; er schwärmte z.B. +für ethnographische Schnurrpfeifereien, und deren gab es hier eine +Menge. Die Zimmer und ihre Einrichtung waren so ganz nach seinem +Geschmack. Frau Dawes, der gegenüber er frei heraus redete, vertraute er +sich an; dies Behagliche, Gedämpfte stimme ihn erotisch, sagte er. Er +phantasierte viele Stunden lang auf dem Klavier; und immer in dieser +Richtung. + +Mary behandelte er unter vier Augen mit der gleichen Ehrerbietung wie in +Gegenwart anderer. Seit sie ihn kannte, hatte sie nicht ein einziges +Wort von ihm gehört, das als Einleitung zu einer Werbung aufgefaßt +werden konnte; ja nicht einmal ein Wort, das eine Einleitung zur +Einleitung hätte darstellen können. Und das gefiel ihr. + +Sie streiften zusammen durch Wald und Feld; sie ruderten zusammen zum +Besuch bei Verwandten. Er hatte den Schlüssel zu ihrem Badehaus. Er ging +hin, wenn noch keiner auf war, oft nach ihren Spaziergängen noch einmal. + +Mary selbst war umgänglicher geworden. Er sagte es einmal. "Ja," +antwortete sie, "die jungen Menschen hier leben mehr wie ein +Geschwisterkreis zusammen und sind daher anders, freier und frischer. +Das hat mich angesteckt." + +Eines Morgens mußte er zur Stadt und Mary begleitete ihn. Sie wollte +Onkel Klaus, seinen Pflegevater, besuchen. Sie hatte ihn, seit sie +heimgekommen war, noch nicht gesehen. + +Er saß in einer Rauchwolke wie eine Spinne in ihrem grauen Netz. Er +sprang auf, als er Mary eintreten sah, war beschämt und führte sie in +die gute Stube. Jörgen hatte Mary darauf vorbereitet, daß er schwerlich +guter Laune sei; er habe wieder kleine Verluste gehabt. Sie saßen auch +kaum in der kahlen, steifen guten Stube, als er anfing, über die +schlechten Zeiten zu klagen. Wie seine Art war, machte er den Rücken +krumm und spreizte die Beine auseinander, um die Ellbogen auf die Knie +stützen und die langen Finger gegeneinander stemmen zu können.--"Ja, Sie +haben es gut; Sie amüsieren sich bloß!" Vielleicht wollte er das wieder +gutmachen. Er sagte: "Ich habe nie ein schöneres Paar gesehen!" + +Jörgen lachte, wurde aber rot bis an die Schläfen. Mary saß unbeweglich; +es berührte sie nicht. + +Jörgen begleitete sie zurück nach dem Krogschen Haus am Markt, das dicht +daneben lag. Er sagte unterwegs kein Wort und verabschiedete sich +flüchtig. Später kam Nachricht von ihm, er müsse bis zum Abend in der +Stadt bleiben; dann fahre er mit seinem Rade nach Krogskog hinaus. Das +war gegen die Verabredung; aber sie fuhr heim. + +Auf der Dampferfahrt nach Hause nahm sie den Gedanken auf: Jörgen Thiis +und sie ein Paar? Nein! Das war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Er +war ein schöner eleganter Kerl, ein tadelloser Kavalier, ein wirklicher +Künstler auf dem Klavier. Über seinen hellen Kopf und seinen Takt war +nur eine Meinung. Selbst das, was sie früher so abgestoßen hatte, seine +Genußsucht, die in Blick und Mienen auftauchen und ihnen dies +Verzehrende geben konnte, von dem sie sich abwandte ... vielleicht war +von dieser Grundlage aus das andere kultiviert worden? Das Gefühl für +das Vollkommene in Kunst, Disziplin und Sprache? Aber doch blieb da +etwas Unaufgeklärtes. Es war ihr gleichgültig, was es war; denn sie warf +all diese Betrachtungen über Bord. Es ging sie nichts an. + +Sie hatte eine Bauernfrau gesehen, die in ihrer Jugend bei ihnen gedient +hatte; zu der setzte sie sich. Die Frau freute sich: "Na, wie geht es +Ihrem Vater? Jetzt bin ich so alt geworden; aber ich sage, soviele ich +kennen gelernt habe,--einen netteren Mann als Ihren Vater habe ich nie +getroffen. Er ist und bleibt der Beste." + +Das kam so unerwartet und so warm heraus, daß es Mary rührte. Die Frau +erzählte dann eine Geschichte nach der anderen von der Güte ihres Vaters +und von seinem rücksichtsvollen Wesen. Sie hatte solange zu erzählen, +bis sie da waren. Zuerst dachte Mary, etwas Schöneres sei ihr lange +nicht widerfahren. Aber dann wurde ihr bange. Sie hatte fast vergessen, +wie sehr sie selbst ihn liebte, hatte sich abgewöhnt, ihm das zu zeigen. +Warum? Warum war sie von soviel anderem in Anspruch genommen und nicht +von ihm, der der Liebste und Beste von allen war? + +Sie lief eilig nach dem Hause hinauf. Obwohl der Vater kränklich war, +war sie in letzter Zeit fast nie bei ihm gewesen. + +Als sie näher kam, sah sie Jörgens Rad an der Treppe stehen und hörte +ihn spielen. Aber sie eilte vorbei zu ihrem Vater hinein, der in seinem +Arbeitszimmer am Pult saß und schrieb. Sie schlang die Arme um ihn und +küßte ihn, blickte ihm in die guten Augen und küßte ihn noch einmal. Mit +ihrem scharfen Sinn für Komik lachte sie, als sie sein Erstaunen sah. +"Ja, sieh mich nur an, denn ich tue es gar so selten. Aber es ist +trotzdem wahr, daß ich Dich grenzenlos lieb habe." Wieder küßte sie ihn. +"Mein liebes Kind!" sagte er und lächelte mitten in dem Überfall vor +sich hin. Er war glücklich, das merkte sie. Allmählich kam in seine +Augen das eigentümliche Leuchten, das keiner wieder vergessen konnte. +Sie dachte bei sich: dies tue ich fortan jeden einzigen Tag. + +Jörgen und sie hatten eine Radtour in die Umgegend verabredet. Am +nächsten Tage waren sie unterwegs. Der Verwandte, zu dem sie kamen, ein +Kompagniechef, freute sich sehr über den Besuch. Sie mußten zwei, drei +Tage dableiben. Die junge Welt aus der Nachbarschaft wurde dazu geladen +und es kam eine Partie auf die Alm zustande,--wieder für Mary etwas +Neues. "Ich kenne alle Länder, nur mein Vaterland nicht." Im nächsten +Jahr wollte sie aber eine Reise durch Norwegen machen; dazu brauchte sie +keine besondere Reisebegleitung. Mit dieser Aussicht wurde es eine +königliche Heimfahrt. + +Gerade als Jörgen und sie ihre Räder an die Balustrade anlehnten, kam +die kleine Nanna aus der Tür gelaufen und eilig die Treppe herunter. Sie +weinte, bemerkte aber die Ankommenden nicht; sie wollte nach der andern +Seite. Als Mary rief: "Was ist los?" blieb sie stehen und schluchzte: +"Oh, kommen Sie, kommen Sie, ich sollte jemand holen!" Ebenso schnell +wieder die Treppe hinauf, um zu verkünden, daß sie jetzt kämen. Jörgen +hinterdrein, dann Mary. Es ging durch das Vorzimmer, die Treppe hinauf, +den Gang entlang bis zur letzten Tür rechts. Da drinnen lag Anders Krog +auf dem Fußboden, und neben ihm kniete schluchzend Frau Dawes. Er hatte +einen Schlaganfall bekommen. Jörgen hob ihn auf, trug ihn auf sein Bett +und legte ihn zurecht. Mary aber stürzte wieder hinunter ans Telephon +wegen des Doktors. + +Der Doktor war nicht zu Hause; sie suchte ihn überall. Dazwischen schrie +in ihr die Verzweiflung, daß sie nicht bei ihm gewesen war, als dies +geschah. Sie hatte sich doch gerade das Versprechen gegeben, jeden Tag +lieb zu ihm zu sein,--und hatte ihn doch verlassen! Ja, noch heute hatte +sie sich auf den nächsten Sommer gefreut, wo sie ohne ihn im Lande herum +reisen wollte. Was war aus ihr geworden? Was war los mit ihr? + +Sobald sie den Doktor gefunden hatte, eilte sie zum Vater zurück. Da war +er ausgezogen, und Jörgen war fort. Frau Dawes aber saß am Kopfende des +Bettes auf einem Stuhl mit einem Brief in der Hand, grenzenlos +unglücklich. Kaum gewahrte sie Mary, so reichte sie ihr den Brief, ohne +die Blicke von dem Kranken zu wenden. + +Der Brief war aus Amerika von einem Mary unbekannten Mann, der ihnen +mitteilte, daß Bruder Hans ihr und sein Vermögen verloren habe. Er +selbst sei schwachsinnig, sei es sicher schon lange gewesen. + +Mary war es bekannt, daß es in der männlichen Linie der Familie Krog +nichts Außergewöhnliches war, wenn alte Leute geistesschwach wurden. +Aber sie war erschrocken, daß ihr Vater keine Kontrolle geübt hatte! +Auch das war ein bedenkliches Zeichen. + +Ihr Vater mußte mit diesem Brief auf dem Wege zu Frau Dawes gewesen +sein, als ihn der Schlag gerührt hatte. Die Tür war nämlich geöffnet, +und er lag dicht daneben. + +Mary las den Brief zweimal und wandte sich an Frau Dawes, die saß und +weinte. "Ja, ja, Tante Eva,--das muß getragen werden."--"Getragen +werden? Getragen werden? Was meinst Du? Das Geld? Das lumpige Geld! Aber +Dein Vater! Dieser herrliche Mensch, mein bester Freund!" Sie blickte +unverwandt auf seine geschlossenen Augen und weinte unaufhörlich, +während sie ihm die zärtlichsten Namen gab, die höchsten Lobesworte, +aber auf englisch. In der fremden Sprache fielen die Worte wie aus einer +fernen Zeit über ihn; Mary lag auf den Knien daneben und las sie auf. +Sie brachten von jedem Tage in dem Zusammenleben der beiden Alten die +Entbehrungen, den Dank,--einen Niederschlag dessen, was sie an guten +Worten, an freundlichen Blicken, an Gaben und Nachsicht empfangen hatte. +Es kam so reich und so warm heraus mit der freudigen Kraft des guten +Gewissens; denn Frau Dawes hatte versucht, ihm alles zu sein, so weit es +in ihren Kräften stand. So goldene Worte jetzt über Marys Haupt ihm zu +Ehren ausgeschüttet wurden, sie selbst machten sie arm. Denn sie war ihm +so wenig gewesen. Oh, wie sie es bereute, wie verzweifelt sie war. + +Jörgen Thiis erschien draußen auf dem Gange, gerade als sie aufstand. +Sie bückte sich nach dem Brief und wollte ihm das Papier geben, als Frau +Dawes, die ihn auch gewahrte, ihn bat, sie in ihr Zimmer zu führen; sie +müsse auch zu Bett. "Gott weiß, wann ich wieder aufstehe! Wenn es mit +ihm zu Ende ist, ist es mit mir auch vorbei." + +Jörgen eilte herzu, nahm die schwere Masse aus dem Stuhl auf und segelte +langsam mit ihr ab; er klingelte nach einem Mädchen, das sie dann zu +Bett brachte; er selbst ging zu Mary zurück. Sie stand unbeweglich da +mit dem Brief in der Hand, den sie ihm jetzt hinreichte. + +Er las ihn aufmerksam und wurde bleich. Ja, er war eine Weile wie +betäubt; Mary trat ein paar Schritte näher an ihn heran; aber er merkte +es nicht. "Das hat den Schlaganfall verursacht", sagte sie. + +"Natürlich", flüsterte er, ohne sie anzusehen. Gleich darauf ging er. + +Mary stand wieder neben ihrem Vater. Sein schönes, feines Gesicht rief +nach ihr; sie warf sich wieder über ihn und schluchzte. Denn ihm, den +sie am liebsten hatte, war sie am wenigsten gewesen. Vielleicht nur, +weil er selbst nie an sich gedacht hatte? + +Sie verließ ihn nicht, bis der Doktor kam und mit ihm die Pflegerin. Da +ging sie zu Frau Dawes hinein. + +Frau Dawes war verzweifelt und elend. Mary wollte sie trösten, aber sie +unterbrach sie heftig: "Ich habe es zu gut gehabt. Ich bin mir zu sicher +gewesen. Jetzt kommt der Ernst!" Mary erschrak bei diesen Worten; denn +das hatte ihr die ganze Zeit auf dem Herzen gelegen. + +"Du verlierst uns beide, armes Kind! Und Dein Vermögen auch!" Mary war +es nicht lieb, daß sie das Vermögen erwähnte. Frau Dawes fühlte das und +sagte: "Du verstehst mich nicht, armes Kind! Es ist nicht Deine Schuld, +es ist unsere. Wir haben Dir zu viel Willen gelassen. Aber Du warst auch +so häßlich, wenn wir es nicht taten." + +Mary blickte erschrocken auf: "Ich häßlich?"--Frau Dawes: "Ich habe es +Deinem Vater gesagt, Kind, ich habe es ihm oft gesagt. Aber er war so +herzensgut, er beschönigte immer alles." + +Jörgen kam mit dem Doktor herein. "Wenn irgend etwas hinzutritt, kann es +vorbei sein, gnädiges Fräulein."--"Bleibt er gelähmt?" fragte Frau +Dawes.--Der Doktor wich der Frage aus; er sagte nur: "Jetzt ist vor +allem Ruhe nötig." Es wurde still nach dieser Erklärung. + +"Gnädiges Fräulein dürfen nicht bei dem Kranken wachen, lieber zwei +Pflegerinnen." Mary antwortete nicht. Frau Dawes fing wieder zu weinen +an: "Ja, jetzt kommen andere Tage."-- + +Der Doktor ging, begleitet von Jörgen Thiis. Als Jörgen zurückkam, +fragte er leise: "Soll ich auch fort,--oder kann ich irgendwie +nützen?"----"O nein, verlassen Sie uns nicht!" jammerte Frau Dawes. +Jörgen blickte Mary an, die nichts sagte; sie schaute auch nicht auf. +Sie weinte leise vor sich hin. + +"Sie wissen, gnädiges Fräulein," sagte Jörgen Thiis ehrerbietig, "daß +ich keinem Menschen lieber zu Diensten sein möchte."--"Das wissen wir, +lieber Freund, das wissen wir", schluchzte Frau Dawes. + +Mary hatte den Kopf erhoben; aber bei Frau Dawes' Worten schwieg sie. + +Als Mary nachher aus Frau Dawes' Stube kam, öffnete Jörgen eben die Tür +seines Zimmers, das Marys gerade gegenüber lag. Er blieb in der weit +geöffneten Tür stehen, so daß sie den gepackten Koffer hinter ihm sehen +konnte. Sie stand still: "Sie wollen fort?"--"Ja", antwortete er.--"Hier +wird es jetzt still." Er wartete auf mehr; aber mehr kam nicht. "Jetzt +beginnt die Jagdsaison. Ich hatte Ihren Vater fragen wollen, ob ich in +seinen Wäldern jagen dürfe."--"Wenn Ihnen meine Erlaubnis genügt, steht +dem nichts im Wege."--"Tausend Dank, gnädiges Fräulein! Ja, da darf ich +doch auch mal hierherkommen?" Er verneigte sich tief und nahm ihre Hand. + +Dann ging er zu Frau Dawes hinein, um ihr Adieu zu sagen. Da blieb er +mindestens zehn Minuten. Er kam gerade wieder heraus, als Mary zu ihrem +Vater hinüberging. + +Als sie über ihren Vater gebeugt stand, regte er sich und schlug die +Augen auf. Sie kniete hin: "Vater!" Er schien nachzudenken und versuchte +zu sprechen; es gelang ihm aber nicht. Sie sagte eilig: "Wir wissen +es,--alles, Vater. Aber hab' deswegen keine Sorge! Uns wird es trotzdem +an nichts fehlen." Seine Augen bewiesen, daß er verstanden hatte, wenn +auch langsam. Er wollte die Hand erheben, merkte aber, daß er es nicht +konnte. Er blickte sie schmerzlich erstaunt an; sie beugte sich über +ihn, küßte ihn und weinte. + +Aber es wurde unglaublich schnell besser. War es Marys Gegenwart und ihr +stetes Mühen um ihn, was ihm half? Die Krankenpflegerin behauptete es. + +Jetzt kam eine Zeit, in der sie unermüdlich war in ihrer Sorge um die +beiden Kranken; zugleich aber trat sie die Verwaltung von Haus und Hof +an. Sie übernahm die Buchführung und die Oberaufsicht. Sie fühlte sich +wohl dabei, denn sie hatte Talent, Ordnung zu schaffen und zu +dirigieren. Frau Dawes war sehr erstaunt darüber. + +Keine Sorge um die Zukunft, keine Sehnsucht nach alledem, was hinter +ihr lag. Sie sagte allen, die sie bedauerten, es sei freilich hart, daß +die beiden Alten krank seien; aber sonst gehe es ihr so gut, wie sie es +sich nur wünschen könnte. + + * * * * * + +An einem ungewöhnlich warmen Tage Anfang August hatte sie von morgens an +sehr viel zu tun gehabt. Sie hatte Sehnsucht, sich ins Wasser zu +stürzen, sowie sie Zeit hatte. + +Zwischen fünf und sechs liefen sie hinunter, die kleine Nanna und sie. +Zuerst waren sie beide zusammen im Badehause; der kleinen Nanna machte +es solche Freude, wenn sie mit Marys schönem Haar zu tun hatte; heute +durfte sie es auflösen. Dann lief sie den Hügel hinauf bis an den großen +Stein, um von dort aus nach beiden Seiten Wache zu halten. Mary mochte +nichts anhaben, sondern wollte nach Herzenslust plätschern und +schwimmen. Sie nahm den Weg nach der Insel. Von dort aus konnte sie +selbst zu beiden Seiten die Einfahrt und die Wege übersehen. Alles +still, keine Gefahr. Also wieder zurück. + +Die See umschmeichelte sie und trug sie, die Sonne spielte auf ihren +Armen, die das Wasser teilten; das Land vor ihr lag herbstsatt da mit +seinem fetten Heu; Seevögel schwebten in der Bucht, andere kreischten +über ihr. "Und mir graute so vor dem Alleinsein--" + +Als sie ans Ufer kam, mochte sie nicht heraus; sie legte sich auf den +Rücken und ruhte sich aus. Dann ein paar Stöße und wieder eine +Ruhepause. Der Strand war so einladend; sie legte sich in die Sonne. Den +Kopf halb auf einem Stein, das Haar herabfließend. O, wie schön das war! +Aber irgend etwas mahnte sie, aufzusehen. Sie hatte keine Lust dazu. +Aber sie mußte doch wohl einmal dahin sehen, wo das Mädchen saß. Ach, +was kümmerte sie das! Nanna hielt ja Wache. Aber soviel wurde doch +dadurch bewirkt, daß das Wohlbehagen ihr verloren ging; sie machte ein +Ende. Als sie aufstand, um auf die Badehaustreppe zuzugehen, gewahrte +sie hinter dem großen Stein--Jörgen Thiis im Jagdanzug mit dem Gewehr +über der Schulter! Das kleine Mädchen stand aufrecht auf dem Stein, ohne +sich zu rühren; sie starrte ihn an, als sei sie festgenagelt. + +Eine heiße Blutwelle durchflutete Mary--Zorn und Abscheu. War er +schamlos? Oder hatte er den Verstand verloren? Äußerlich tat sie, als +habe sie nichts gesehen,--warf sich kopfüber in die See und schwamm auf +die Treppe zu, hielt sich ruhig daran fest,--und verschwand. + +Aber ihr Atem ging heftig; ihr war so heiß, daß sie vergaß, sich +abzutrocknen, sich anzuziehen. Sie geriet in immer größere Hitze, +schließlich kochte sie vor Rachsucht und Wut. Der galante Jörgen Thiis +wagte sie zu beleidigen, wie sie noch nie im Leben beleidigt worden war. + +Sie schlug sich solange mit diesem sinnlosen, unehrenhaften Überfall +herum, bis sie mitten in Vorstellungen war, die sie weit fortführten. +Sie stand wieder vor der kraftvollen Gestalt des Athleten, sie fühlte +wieder Alices wissende Augen auf sich ruhen. Sie zitterte,--als sie +einen Schrei des Kindes da oben hörte. In ihrer Erregung war sie nahe +daran, auch zu schreien. Was konnte da nur los sein? Auf die Seite ging +kein Fenster hinaus. Aus der Tür zu sehen, wagte sie nicht, denn sie +hatte nichts an. Nie hatte sie sich so mit dem Anziehen beeilt, aber +gerade deshalb ging ihr alles verkehrt, und es zog sich in die Länge. +Sie mochte nicht halbangekleidet vor Jörgen Thiis hintreten. + +Als sie eben soweit war, daß sie daran denken konnte, die Tür +aufzumachen, hörte sie auf der Landungsbrücke das Tripp-Trapp der +kleinen Nanna. Mary riß die Tür auf, die Kleine kam hereingestürzt und +warf sich ihr gleich in den Schoß. Da versteckte sie den Kopf und weinte +und schluchzte, daß sie kein Wort herausbringen konnte. + +Mary gelang es, sie zu beruhigen, besonders als sie ihr versprach, sie +dürfe jetzt ihr Haar kämmen. Da erzählte sie, der Herr Leutnant habe +hinter dem Stein gestanden, bis sie es bemerkt habe. Sie habe gesessen +und gesungen und habe ihn gar nicht kommen hören. Er habe ihr gedroht. +Ach, und sie habe solche Angst gehabt, denn er habe so böse ausgesehen! +Ach, so böse habe er ausgesehen! Kaum sei Mary ins Haus gegangen, da sei +er hinuntergestürmt, direkt auf das Haus zu! + +"Jörgen Thiis?" + +"Dann schrie ich aus Leibeskräften! Da stand er still. Aber dann drehte +er sich um und kam auf mich zu. Ich hinunter vom Stein und hinein in den +Wald----" Sie konnte nicht weitersprechen. Sie verbarg wieder den Kopf +in Marys Schoß und weinte. + +Das wurde ja immer schlimmer! Marys Verstand konnte es anfangs kaum +fassen. + +Nach und nach aber ging ihr ein Licht auf--er mochte ein anderer sein. +Er trug eine rasende Leidenschaft in sich. Er hatte den Mut starker +Rücksichtslosigkeit. Wenn er nun gekommen war, um...? + +Stolz und stark, wie sie sich kannte, hätte das für ihn die Verbannung +auf immer bedeutet--nichts anderes. + +Aber auf dem Heimwege ließ sie Nanna vorausgehen. Aus dem einfachen +Grunde, weil sie kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnte,--so +stürmten die Gedanken auf sie ein. + +Wie konnte ein Mann sich tagtäglich so beherrschen--einer so gewaltigen +Begierde gegenüber? Eine lange, lange Anhäufung mußte vorauf gegangen +sein; sonst hätte er nicht einem so unerhörten Überfall auf sich +selbst--und auf sie--unterliegen können! + +In diesen ganzen Jahren war er also von Begierde entflammt gewesen? +Seine Huldigungen, seine Ehrerbietigkeit, seine steten Bemühungen um +sie--war das alles Rauch aus dem unterirdischen Krater? Der eines +schönen Tages lohende Steine und glühende Asche ausspeit! + +Also Jörgen Thiis war gefährlich? Er wurde nicht kleiner dadurch; er +stieg! Der Zwang, den er sich auferlegt hatte--ihr zu Ehren, war +löblich! Wenn die Versuchung eines Tages den rebellischen Kräften das +Tor öffnete--konnte sie ihm deswegen eigentlich böse sein? + +Den ganzen übrigen Tag, ja noch als sie sich auszog, dachte sie darüber +nach. Am ändern Tage faßte sie den Entschluß, jetzt müsse es ein Ende +haben. Es wurde etwas in ihr aufgewühlt, das sie schon einmal +zurückgedämmt hatte; das Tempo durfte nicht unterbrochen werden, in dem +sie sich ihr Leben einzurichten wünschte. Deshalb nahm sie ihre Arbeit +energischer als je wieder auf, ja sie machte sich noch mehr zu schaffen. +Sie sah nämlich die Bücher ihres Vaters und die losen Aufzeichnungen +durch (deren es reichlich viele gab!), sie wollte Klarheit haben, wie +die Dinge im ganzen standen. Er hatte doch auch hier Vermögen, und er +konnte unmöglich alles verbraucht haben, was er aus Amerika bekommen +hatte. Aber sie fand das Gesuchte nicht. Den Vater durfte sie nicht +damit behelligen, und Frau Dawes wußte nicht Bescheid. + +Aber so eifrig sie bei der Sache war,--etwas vom gestrigen Tage schlich +sich hinein. Jörgen hatte natürlich baden wollen, nach dem Bade +heraufkommen und sie begrüßen. Nach dem, was vorgefallen war, kam er +nicht. Kam er überhaupt wieder? Ohne besonders aufgefordert zu sein? Er +hatte sich ja einstweilen zur Genüge verrannt. Sie hörte an den +folgenden Tagen in der Umgegend schießen. Manche sagten auch, es werde +in größerer Entfernung geschossen. Aber er kam am zweiten Tage nicht, +kam am dritten nicht und am vierten auch nicht. Ihr gefiel das. + +Weil ihre Gedanken so oft auf den Höhen und im Walde waren, stieg sie +eines Tages kurz vor dem Mittagessen hinauf. In der letzten Hälfte des +August ist der Wetterumschlag im südlichen Norwegen häufig sehr kraß. Es +war jetzt kalt; sie empfand es als eine Erfrischung, im Nordwind, der +sie umspielte, bergan zu steigen. Sie stieg etwas unterhalb der Häuser +hinauf, da ging es leichter. Sie kletterte rasch, sie war daran gewöhnt +und sehnte sich, höher hinaufzukommen, im Winde zu stehen und über das +aufgerührte Meer hinzuschauen. Schon von der ersten Anhöhe aus genoß sie +den Blick auf die Halden, wo die Leute das Heu zum Trocknen +ausbreiteten, über die Bucht, die Inseln, das Meer, das heute ganz +schwarz war und viele Segler und etliche Dampfer trug. Doch über ihr +machten die Krähen einen schauderhaften Lärm; da saß man sicher zu +Gericht. Sie sah eine und die andere durch die Luft schießen und weiter +gegen Norden zwischen den Hügeln verschwinden. Der Spektakel wurde immer +schlimmer, je höher sie kam. Da beeilte sie sich; vielleicht konnte sie +den Verbrecher retten. Ganz aufgeregt war sie, so daß es ihr kalt über +den Rücken lief. Sie meinte, wenn sie um den nächsten Vorsprung herum +sei, müsse sie sie sehen können. Statt dessen sah sie, als sie den Kopf +hinübersteckte, ein gut Stück von ihr etwas weiter nördlich einen Mann +auf dem Bauch liegen, direkt über den Häusern. Das war Jörgen Thiis! +Zuerst duckte sie sich; aber dann stieg ein fröhliches Rachegefühl in +ihr auf, und in diesem Gefühl eilte sie schnell entschlossen hinan. Er +gewahrte sie und sprang verwirrt und beschämt in die Höhe, riß die Mütze +herunter, setzte sie wieder auf und wußte nicht, wo er hinsehen oder +sich hinwenden sollte. Sie kam langsam näher und weidete sich an ihm. +Schon von weitem rief sie: "Auf die Art also gehen Sie auf +Jagd?--Vielleicht wollen Sie unsere Hühner schießen?" Als sie näher kam: +"Sie haben keinen Hund bei sich? Ach nein, unsere Hühner können Sie ja +auch ohne Hund schießen. Oder haben Sie etwa überhaupt keinen Hund?" + +"Doch,--aber heute bin ich nicht zum Jagen hergekommen. Ich habe genug." + +Diese einfachen, sanftmütigen Worte, bei denen er sie nicht anzusehen +wagte, warfen ihre Gefühle über den Haufen. Sie wollte ihn nicht quälen. +Sie hatte genug von der Tyrannei des Onkels gehört. + +Die Krähen rasten schlimmer als bisher. "Hören Sie nur! Da wird Gericht +gehalten! Daß Sie dem armen Sünder nicht zu Hilfe kommen!"--"Da haben +Sie wahrhaftig recht!" sagte er, froh, daß er loskam. Er bückte sich +nach seinem Gewehr und lief davon. Sie hinterdrein. Erst eine kleine +Anhöhe hinan, dann den Weg entlang. Um zwei alte Bäume herum tobten die +grauen Richter; es waren ihrer Hunderte. Aber kaum erblickten sie einen +Mann mit einer Flinte, als sie krächzend nach allen Seiten +auseinanderstoben. Ihre Aufgabe war beendet. + +Und richtig: zwischen den beiden großen Bäumen lag zerzaust und blutig +eine ungewöhnlich große Krähe in den letzten Zuckungen. Jörgen wollte +sie aufheben. "Nein, fassen Sie sie nicht an!" rief Mary und wandte sich +ab. Sie ging gleich wieder bis an den Abhang. Sie hörte ihn nicht +nachkommen und blieb stehen: "Sie kommen doch mit und essen bei uns?" Er +kam. Dann gingen sie schweigend bis an die Stelle, wo er gelegen hatte. +Er fragte hastig: "Wie geht es bei Ihnen zu Hause?"--Sie lächelte: "O +danke, den Umstanden nach recht gut." + +Aus dem Schornstein wirbelte der Rauch in die Höhe. Vornehm wirken die +Dachziegel mit ihrer blauen Glasur auf den Hausern. Die großen Gärten zu +beiden Seiten mit den sandbestreuten Wegen lagen da, als hätten die +Hauser gestreifte Schwingen ausgebreitet. Das Ganze so lebensvoll, als +werde es sich im nächsten Augenblick in die Lüfte heben. "Haben Sie +lange hier gelegen?" fragte sie unbarmherzig; sie hielt es ja für eine +Art Belagerung. Er antwortete nicht. Sie begann den Abstieg; hier war es +ziemlich abschussig. "Soll ich Ihnen helfen?"--"O danke, ich bin +häufiger hier gegangen als Sie." + +Es wurde eine stille Mahlzeit. Jörgen aß immer sehr langsam, aber nie so +langsam wie heute. Mary war mit jedem Gericht schnell fertig und saß und +sah ihn an. Sagte dies und das und bekam höflich Antwort. Seine Augen, +die sonst gleich Wogen über sie hinspülten, die sie in sich aufsaugen +wollten ... heute hoben sie sich kaum vom Teller. Plötzlich hörte er +auf. "Ist Ihnen nicht wohl?"--"Doch, danke; aber ich bin satt."-- + +Wenige Minuten später kam er aus Anders Krogs Zimmer heraus. Mary war +kurz vorher von Frau Dawes gekommen und hatte gerade ihr Zimmer +geöffnet. Jörgen Thiis sagte: "Ich finde, gnädiges Fräulein, Ihrem Vater +geht es viel besser."--"Ja, er kann schon dies und das sagen und den Arm +etwas bewegen."--Jörgen hörte das augenscheinlich nicht. "Ist dies Ihr +Zimmer?--Ich habe es noch nie gesehen." Sie trat beiseite; er schaute +und schaute. "Wollen Sie nicht eintreten?"--"Darf ich?"--"Bitte sehr!" +Er ging bis an die Schwelle und überschritt sie langsam; Mary folgte +ihm. Er stand still und atmete schwer; sie war neben ihm. War denn das +Zimmer mit Spitzen überzogen? Er konnte sich gar nicht zurechtfinden. +Das Bett, die Möbel, weiß mit blau, oder blau mit weiß, die Amoretten an +der Decke, die Bilder, darunter eins von ihrer schönen Mutter, mit +Blumen geschmückt. Und der Duft ... nicht allein von den Blumen, nein, +von ihr selbst und all ihrer Habe. Sie stand in ihrem blauen Kleid,--es +war das mit den kurzen Ärmeln,--neben ihm. In diesem reinen Duft, in +diesem Farbenzauber schämte er sich. Er schämte sich so, daß er am +liebsten aus dem Zimmer gestürzt wäre. Er konnte nicht Herr seiner +Stimmung werden; in seiner Brust begann es zu arbeiten und zu +schluchzen; ein Zittern überkam ihn. Ihm war, als müsse er in Tränen +ausbrechen. Da schimmerte es von zwei weißen Armen, und er hörte etwas +Leises, das auch blau und weiß und weiß und blau war. Die Tür wurde +hinter ihm geschlossen, wohl um ihn zu verbergen. Da schimmerten wieder +die weißen Arme und er hörte deutlich: "Aber Jörgen!--Aber Jörgen!" Er +fühlte eine Hand auf seinem Arm und setzte sich hin. Sie hatte wirklich +"Jörgen" gesagt, zweimal "Jörgen." Jetzt strich sie ihm das Haar aus +der Stirn. So weich, so blütenzart. Es löste sich etwas in ihm; alles +Wunde und Harte schmolz unter ihrer Hand und zerrann. In einem +unsäglichen Gefühl von Wärme. Die sich da über ihn beugte, war +eigentlich die erste, die ihm beistand, seit er kein Kind mehr war. Er +hatte sich so verlassen gefühlt. Solches Vertrauen zu ihm lag in dem +Händedruck. So unverdient. Das tat gut! Oh wie gut das tat! Ihm träumte, +er sei auch gut, sei in der Gewalt guter Mächte. Das Weiße und Blaue +wölbe ein Zelt über ihm. Unter diesem Zelt nähmen diese großen, guten +Augen seine Seele in sich auf. Er sagte als Entschuldigung ganz leise: +"Ich konnte es nicht länger aushalten." Was er nicht länger aushalten +konnte, verstand sie; sie prallte zurück. + +"Mary", flüsterte er. Ohne es zu wollen, dachte er laut. Das erschreckte +ihn und erschreckte sie. Sie wich weiter zurück von ihm, ihre Augen +wurden unklar; es versagte da etwas. Das sah er,--und ehe sie es ahnte, +ehe er selbst es wußte, war er bei ihr. Er umschlang sie und preßte sie +an sich. Er wurde wild, als er ihren Körper an seinem fühlte, und küßte +sie, küßte sie, wo er gerade hintraf. Sie bog aus, bald nach der einer +Seite, bald nach der ändern. Da bedeckte er ihren Hals mit Küssen. Sie +fühlte, jetzt galt es. Einen Arm hatte sie nur frei; aber damit stieß +sie ihn von sich. Gleichzeitig bog sie sich so weit nach hinten, daß sie +fast gefallen wäre. Dadurch kam er über sie, das zündete, und er wollte +es sich zu Nutzen machen. Aber er mußte seinen rechten Arm lösen, um sie +umschlingen zu können. Gerade dadurch bekam sie ihren linken Arm frei, +stemmte ihn mit aller Macht ihm gegen die Brust, daß sie sich nach der +Seite wenden konnte, und stand aufrecht. Ihre Augen trafen sich. Sie +waren wild, die Flammen in ihnen prallten gegeneinander. Keiner sprach +ein Wort. Ihre Atemzüge gingen kurz und scharf. + +"Mary!" ertönte ein Schrei draußen auf dem Gange. Das war Frau Dawes! +Frau Dawes, die das Bett nicht mehr verlassen konnte,--stand auf dem +Flur! "Mary!" noch einmal so verzweifelt, als sei sie einer Ohnmacht +nahe. Die beiden hinaus: Frau Dawes lehnte in ihrem Nachtgewand vor +ihrer offnen Tür an der Wand. Sie war am Umsinken, als Jörgen Thiis +herzugestürzt kam und sie unter den Arm faßte. Die Treppe herauf kam ein +Mädchen nach dem andern, auch die kleine Nanna. Jörgen stand und hielt +Frau Dawes, bis sie sie mit vereinten Kräften aufhoben und hineintrugen. +Es war furchtbar schwer. Soviel sie hoben und schleppten, sie bekamen +sie knapp über die Schwelle ins Zimmer hinein. Dann langsam weiter; aber +jetzt kam noch das Allerschwerste: den Oberkörper ins Bett hineinheben; +denn das wollte ihnen nicht gelingen. Immer wenn der Oberkörper auf dem +Bettrand war, wollten die Beine nicht mit; dann glitt sie wieder +hinunter; sie selbst half nicht ein bißchen, sie stöhnte nur. Ehe Jörgen +richtig zufassen konnte, lag sie in ihrer ganzen Größe abermals am +Boden. Als sie den Oberkörper wieder einmal hochgehoben hatten, aber +nicht weit genug, daß er durch seine eigene Schwere liegen geblieben +wäre, waren sie ganz verzweifelt; sie wußten nicht, was sie machen +sollten. Das kleine Mädchen lachte laut auf und lief weg; Jörgen sandte +ihr einen wütenden Blick nach. Das war selbst für Mary zuviel. Vor drei +Minuten noch hatte sie wie eine Verzweifelte gekämpft,--und nun überkam +sie eine so unbegreifliche Lachlust, daß auch sie hinauslaufen mußte. Da +stand sie mit dem Taschentuch vorm Munde und krümmte sich vor Lachen, +als die Pflegerin aus dem Zimmer ihres Vaters herauskam; er wollte +wissen, was los sei. Mary ging hinein. Sie konnte es ihm vor Lachen kaum +auseinandersetzen, wie nämlich Frau Dawes dalag und was für +Anstrengungen Jörgen und die Mädchen machten. Ihren Vater quälte die +Frage, was Frau Dawes wohl auf dem Flur gewollt habe. Da verstummte +Marys Lachen. Ein Mädchen kam aus Frau Dawes' Zimmer und berichtete, +jetzt liege die gnädige Frau im Bett. Sie möchte das gnädige Fräulein +sprechen. + +Im Zimmer stand Jörgen am Fußende des Bettes; Frau Dawes lag und +stöhnte und weinte und rief nach Mary. Kaum ließ Mary sich in der Tür +blicken, da fing sie an: "Was war mit Dir, Kind? Mich überkam eine +schreckliche Angst,--was war los?" Mary ging zu ihr hin, ohne Jörgen +anzusehen. Sie kniete neben ihrer alten Freundin hin und legte den Arm +um ihren Hals: "Ach, Tante Eva!" sagte sie und schmiegte den Kopf an +ihre Brust. Nach einer Weile fing sie zu weinen an.--"Was ist denn? Was +ist denn? Was macht Dich so unglücklich?" jammerte Frau Dawes und strich +ihr immer und immer wieder mit der Hand über das herrliche Haar. +Schließlich blickte Mary auf; Jörgen Thiis war fort. Aber sie schwieg. +"Nie habe ich solch ein Gefühl gehabt," fing Frau Dawes wieder an, "wenn +nicht etwas Entsetzliches bevorstand!" Mary schwieg. "War es etwas mit +Jörgen Thiis?" Mary sah sie an.--"O Gott, das habe ich mir +gedacht!--Aber bedenke, Kind, er hat Dich geliebt, seit er Dich zum +erstenmal gesehen hat, und nie eine andere. Das ist schwer, siehst +Du.--Und kein einziges Mal hat er Dir gegenüber etwas wie eine Andeutung +gemacht,--oder doch?"--Mary schüttelte den Kopf. "Das ist viel. Das +zeugt von Charakter. Zu Diensten ist er Dir gewesen und verehrt hat er +Dich,--ja, sei nicht zu streng! Erst jetzt, da Du arm bist, wagter +----ja, was war denn eigentlich los?"--Mary zögerte eine Weile; dann sagte +sie: "Erst war es, als werde ihm schlecht. Aber dann wurde er plötzlich +toll."--"Ach, ich könnte Dir auch etwas erzählen ... Ja, ja, ja!" Sie +versank in Gedanken. Dann murmelte sie: "Wenn einer jahrelang so +herumgeht..."--"Wir wollen nicht darüber reden!" unterbrach Mary sie und +stand auf.--"Nein, das ist ..."--"Nichts mehr davon!" wiederholte Mary. +Sie trat ans Fenster. Da hörte sie Frau Dawes hinter sich: "Er hat mit +mir gesprochen, mußt Du wissen. Ob er jetzt seinen Antrag machen dürfe. +Er könne sich nichts Schöneres denken. Einspringen, wenn wir nicht +weiterkönnen. Aber er findet, Du bist zu unnahbar." Mary machte +unwillkürlich eine Bewegung. Frau Dawes bemerkte es: "Sei jetzt nicht zu +streng, Mary! Weißt Du, Kind, Dein Vater und ich, wir finden beide ..." +--"Nicht, Tante!" Mary drehte sich rasch nach ihr um--nicht gerade +unwillig, aber doch so, daß das Gespräch nicht weitergehen konnte. + +Mary blieb in der Stube. Sie wollte nicht Gefahr laufen, mit Jörgen +Thiis zusammenzutreffen. Als Mary Frau Dawes einmal eine Handreichung +leistete, sagte diese: "Du weißt, Kind, er beerbt Onkel Klaus?" Als Mary +nicht antwortete, wagte sie fortzufahren: "Jörgen glaubt, Onkel Klaus +wird ihm helfen, wenn er sich verheiratet." Mary ging das zu einem Ohr +hinein, zum andern hinaus. + +Als die Bahn frei war, suchte Mary ihr eigenes Zimmer auf. Sie +durchdachte die ganze Szene noch einmal und glühte vor Aufregung, aber +sie war verwundert, daß sie eigentlich nicht erzürnt war. Es war ja doch +ganz entsetzlich. + +Und gerade als sie dachte: "Was jetzt weiter?" klopfte es leise an die +Tür. Sie wurde sehr böse, sie wäre am liebsten aufgesprungen und hätte +die Tür verschlossen. Aber nach einer Weile sagte sie: "Herein!" Die Tür +öffnete sich und schloß sich, ohne daß sie aufsah; sie saß in ihrem +großen Stuhl. Leise und demütig kam er heran und ließ sich aufs Knie +nieder, indem er das Gesicht in ihre Hände legte. Daran war nichts +Abstoßendes. Er war tief bewegt. Sie blickte hinunter auf seinen +hübschen Kopf mit dem weichen Haar. Sie verweilte bei seinen langen +Künstlerfingern. Etwas Feines wirkte an ihm versöhnend. Aber diese +Sentimentalität! "Soll ich abreisen?" war das einzige, was er sagte. Sie +zögerte eine Weile, dann sagte sie: "Ja." Ganz leise. Er ließ die Arme +sinken, griff nach ihrer rechten Hand und drückte seine Lippen darauf, +lange, aber ehrerbietig. Stand auf und ging. + +Bei dem Kuß, so ehrerbietig er war, durchrieselte ihren Körper ein +aufregendes Gefühl. Wie sie es vorhin gehabt hatte, als er sie küßte +und küßte, daß sie einer Ohnmacht nahe war. Sie blieb verwundert sitzen. +Noch lange, nachdem er fort war. Sie dachte wieder ihren Kampf bis ins +kleinste durch und zitterte. "Warum bin ich nicht böse auf ihn?" + +Da klopfte es wieder. Das Mädchen der Frau Dawes fragte an, ob sie nicht +herüberkommen wolle. "Du hast ihn abreisen lassen, Kind?" Frau Dawes war +mehr als betrübt. Vor Eifer richtete sie sich auf und stützte sich auf +den einen Arm. Ihre Mütze saß schief auf dem kurzen grauen Haar, der +fette Hals war röter als gewöhnlich, als sei es ihr zu warm. "Warum hast +Du ihn abreisen lassen?" wiederholte sie. "Er wollte doch."--"Wie kannst +Du das sagen, Kind? Er war doch bei mir und jammerte. Er wollte für sein +Leben gern hier bleiben! Du hast keinen Begriff davon. Du hast ihn ja +immer bloß zurückgestoßen. Und gefoltert." Sie legte sich ganz +verzweifelt wieder zurück. Das Wort "gefoltert" machte flüchtig einen +komischen Eindruck; aber Mary hatte selbst die Empfindung, sie hätte mit +ihm sprechen sollen, ehe sie ihn gehen ließ. Denn gehen mußte er. + +Es kamen recht schwere Tage. Anders Krogs Befinden verschlechterte sich +bei einem Witterungsumschlag. Dazu kamen Verdauungsbeschwerden. Es fiel +ihm schwerer, sich verständlich zu machen. Mary war viel bei ihm; dann +folgte er ihr mit den Augen, daß es ihr fast Angst machte. + +Frau Dawes schickte ihm kleine Zettel. Von ihrer Schreiberei ließ sie +sogar im Bett nicht. Immer wenn solch ein Zettel kam, blickte er Mary +lange an. Da erriet sie, wovon die Zettel handelten. + +Eines Tages sagte Frau Dawes zu ihr: "Du überschätzt Dich, wenn Du +meinst, Du kannst hier allein mit uns leben."--"Wie meinst Du +das?"--"Daß Du im Frühling des gesellschaftlichen Lebens noch so müde +sein magst,--wenn der Herbst kommt, lockt es doch. Du bist zu sehr daran +gewöhnt."-- + +Mary antwortete diesmal nicht; aber einige Tage später--es war lange +naßkaltes Wetter gewesen, und sie hatte nicht draußen sein können--sagte +sie zu Frau Dawes: "Du kannst recht haben, das Leben, das wir all diese +Jahre hindurch geführt haben, hat tiefe Wurzeln in mir geschlagen."--"O +ja, tiefere als Du selbst ahnst, mein Kind!"--"Aber was soll ich denn +tun? Von hier fort kann ich doch nicht? Ich will es auch +nicht."--"Nein.--Aber Du könntest Dir etwas Abwechslung verschaffen." +--"Wie denn?"--"Du verstehst mich recht gut, Kind! Wenn Du +verheiratet wärst, würde er zeitweise hier mit Dir leben und Du +zeitweise mit ihm da, wo er hin muß."--"Eine wunderliche Ehe!"--"Ich +glaube nicht, daß Du ihm sonst näherkommen kannst."--"Wem +näherkommen?"--"Dem, was das Leben von Dir verlangt. Und dem, woran Du +gewöhnt bist." + +Mary fühlte, das, was Frau Dawes da sagte, sei auch des Vaters Wunsch. +Daß es ihr Schicksal sei, was ihm die größte Sorge mache. Daß ihm eine +Ehe mit Jörgen unter Onkel Klaus' Obhut eine große Beruhigung sei. Es +lag wie ein Druck auf ihr, daß sie bis auf diesen Tag wenig Rücksicht +auf die Wünsche des Vaters genommen hatte. + +Diese ganze Zeit, all diese Erwägungen erschienen ihr wie das Rezitativ +einer Oper, das zwei Handlungen miteinander verbindet. + +Wenn sie jetzt, wo es herbstete, über die Bucht hinschaute, fühlte sie +sich wie eine Gefangene. Stand sie oben auf der Höhe und sah mit den +schaumsprühenden Wogen den rauhen Herbst daherkommen, dann hatte sie das +Gefühl, er wolle sie für den Winter einkerkern. Dann brauste es in ihr +auf; sie war an anderes gewöhnt. + +Auch in ihrem Blut brauste es. Sie hatte ihre Ruhe verloren. In der +Erinnerung erschien ihr Jörgen nicht abstoßend. Die Atmosphäre, die ihn +umgab, schien ihr sogar sympathisch. + +Daß ein Schlaganfall den Vater aufs Krankenlager geworfen hatte, und +daß Jörgen gerade anwesend war, und daß er dem Vater willkommen +war,--knüpfte das kein Band? War das nicht wie Schicksal? + +An Jörgens Seite in Stockholm[1] aufzutreten und später weiter in die +Welt gesandt zu werden,--einen naturgemäßeren Abschluß ihres +Wanderlebens, eine vielseitigere Verwendung dessen, was sie dabei +gelernt hatte, konnte man sich schwer vorstellen. + +Onkel Klaus mußte helfen. Gründlich helfen. Sie war sich ihrer Macht +über Onkel Klaus bewußt.-- + +"Kurz und gut, liebe Tante Eva," sagte sie eines Tages, als sie neben +ihr am Bett saß und mit ihr plauderte: "Du kannst an Jörgen schreiben." + +[Footnote 1: Schweden und Norwegen hatten damals ein gemeinsames +Ministerium des Auswärtigen.] + + * * * * * + +Mary stand selbst auf der Brücke, als das Boot anlegte. Es war am +Sonnabend nachmittag, und wer irgend konnte, floh aus der Stadt, um die +letzten Herbsttage im Freien zu genießen. Es war ein schöner Tag. Im +südlichen Norwegen hat man solche Tage oft bis tief in den September +hinein. Mary war in Blau und hatte einen blauen Sonnenschirm, mit dem +sie Jörgen und ein paar Freundinnen winkte, die neben ihm standen. Alle +Leute an Bord kamen nach der Landungsseite herüber, um zuzusehen. + +Sowie Jörgen neben ihr stand, fühlte er, daß er vorsichtig sein müsse. +Er erriet, daß sie ihn nur deshalb hier unten in Empfang nahm, damit ihr +Zusammentreffen nicht intim ausfallen könne. + +Auf dem Wege nach oben sprachen sie über die Schwalben, die sich jetzt +zum Aufbruch rüsteten, über den Verwalter, der kürzlich einen mächtigen +Adler geschossen hatte, über das Schreibbrett, das für Frau Dawes +konstruiert worden war, über die gute Grummeternte, über die Obst-und +die Futterpreise.--Drinnen im Flur lief sie ihm mit einem kurzen +"Verzeihung!" weg. Sie flog die Treppe hinauf. Der Bursche, der Jörgens +Koffer brachte, trat hinter ihnen in die Tür; Jörgen und er standen da +und wußten nicht wohin. Da hörten sie Marys Stimme von oben: "Bitte +hierher!" Sie gingen hinauf. Sie öffnete das Fremdenzimmer, das neben +ihrem eigenen lag, und ließ den Burschen den Koffer dahinein setzen. Zu +Jörgen sagte sie: "Wollen wir nicht jetzt zu Vater hineingehen?"--Sie +ging voran. Die Pflegerin war nicht da. Vermutlich um die +fortzuschicken, war sie vorhin nach oben gelaufen. + +In den Augen des Kranken leuchtete es auf, als er hinter ihr in der +offenen Tür Jörgen bemerkte. Kaum war die Tür geschlossen, als Mary auf +ihren Vater zuging, sich über ihn beugte und sagte: "Jörgen und ich +haben uns verlobt, Vater." + +Alle Güte und alles Glück, das sich in einem Angesicht vereinen kann, +strahlte aus den Mienen des Vaters. Lächelnd wandte sie sich zu Jörgen, +der blaß und verwirrt dastand und nahe daran war, auf Mary zuzustürzen +und sie zu umarmen. Aber er fühlte, sie wollte wohl seine Überraschung, +seine Dankbarkeit und seine Anbetung, aber keine Zeremonien. Das tat +seinem Glück keinen Abbruch. Er begegnete ihren lächelnden Augen mit der +vollsten, innigsten Freude. Er drückte die Hand, die Anders Krog ihm +geben konnte, er blickte ihm in die tränennassen Augen und seine eigenen +füllten sich mit Tränen. Aber gesprochen wurde kein Wort, bis Mary +sagte: "Jetzt gehen wir zu Tante Eva!" + +In einem Gefühl des Sieges ging sie voran. Bewundernd folgte er ihr. +Sein Herz war voll, nicht zum wenigsten von Begeisterung über den +Großmut, mit der sie ihm verziehen hatte. Er dachte: draußen auf dem +Flur wird sie sich umdrehen, und dann ... Aber sie ging direkt auf Frau +Dawes' Tür zu und klopfte an. + +Als Frau Dawes Jörgen gewahrte, schlug sie die fetten Hände zusammen, +zerrte an ihrer Mütze und wollte sich aufrichten,--aber es gelang ihr +vor lauter Rührung nicht. Sie sank wieder zurück, weinte glückselig vor +sich hin und streckte die Arme aus; Jörgen warf sich hinein, aber zum +Kusse kam es nicht. + +Sobald ein vernünftiges Wort gesprochen werden konnte, sagte Mary: +"Findest Du nicht auch, Tante Eva, morgen müssen wir beide zu Onkel +Klaus?"--"Das einzig Richtige, Kind! Das einzig Richtige. Worauf braucht +Ihr zu warten?"--Jörgen strahlte. Mary zog sich zurück, damit die beiden +in aller Vertraulichkeit miteinander sprechen könnten. + +Als sie wieder zusammenkamen, merkte er, daß die Parole hieß: "Ansehen, +aber nicht anfassen!" Das fiel ihm schwer; aber er gab zu, daß einer, +der so vermessen gewesen war, im Zaum gehalten werden mußte. Sie wollte +selbst über sich verfügen. + +In ihrem Triumphgefühl war sie schöner als je. Es erschien ihm wie eine +Gnade, daß sie "Du" zu ihm sagte. Das war auch alles, wozu sie sich +herabließ. Er wartete und wartete; aber sie gab nicht mehr. Den ganzen +Tag nicht. Da nahm er seine Zuflucht zum Klavier und jammerte ganz +fürchterlich darauf: Mary machte die Türen auf, damit Frau Dawes etwas +hören könne. "Der arme Junge!" sagte Frau Dawes. + +Am ändern Tage kam sie erst kurz vor der Abfahrt des Dampfers nach +unten, mit dem sie zu Onkel Klaus wollten. "Heute bist Du richtig la +grande dame",--Jörgen musterte sie bewundernd; sie stand in ihrer +elegantesten Pariser Besuchstoilette vor ihm. "Du willst Onkel Klaus +wohl imponieren?"--"Das auch. Aber es ist doch heute Sonntag.--Sag' +mal," sie wurde plötzlich ernst, "weiß Onkel Klaus von Vaters +Unglück?"--"Von seiner Krankheit?"--"Nein, von der Ursache der +Krankheit?"--"Das weiß ich nicht. Ich komme von Hause.--Ich habe nichts +gesagt. Nicht mal zu Hause."--Das gefiel ihr. Deshalb wurde auch der +Gang zum Dampfer hinunter und nachher die Fahrt gemütlich und fröhlich. +Sie sprachen leise von der Hochzeit, von dem Urlaub für den ersten Monat +nachher, von dem Leben in Stockholm, von ihrer Reise dahin, von seinem +Weihnachtsbesuch zu Hause, von einem kleinen Abstecher nach Kristiania +jetzt gleich--kurz, an ihrem Himmel waren keine Wolken. + +Onkel Klaus trafen sie in seiner Rauchhöhle, wo sie ihn mehr ahnten, als +daß sie ihn sahen. Er war selber ganz erschrocken, als Mary in ihrer +ganzen Herrlichkeit vor ihm stand. Er eilte ihnen in den großen steifen +Salon voran. Noch ehe sie saßen, sagte Jörgen: "Ja, Onkel, heute kommen +wir, um Dir zu erzählen--" er kam nicht weiter; denn Onkel Klaus sah an +ihren Gesichtern, was für eine strahlende Neuigkeit sie brachten. "Ich +gratuliere, ich gratuliere!" Der große Mann streckte jedem eine Hand +hin: "Ja, das sagen alle," triumphierte er, "Ihr beide seid das +schmuckste Paar, das je in der Stadt war. Denn", fügte er hinzu, "wir +andern haben Euch ja lange verlobt!" Kaum hatten sie sich gesetzt, als +sich sein Gesicht verfinsterte. Er sah Mary mitleidig an: "Dein Vater, +armes Kind!"--"Vater geht es jetzt besser", antwortete sie +ausweichend.--Onkel Klaus blickte sie forschend an: "Er kann ja wohl +nicht mehr ..." er hielt inne, er konnte es wirklich nicht über sich +gewinnen, das auszusprechen, auch Mary nicht. Sie saßen also eine Weile +schweigend da. + +Als das Gespräch wieder in Fluß kam, redeten sie über die ungewöhnlich +schlechten Zeiten. Es mache den Eindruck, als wollten die kein Ende +nehmen. Die Aktien hätten keinen Wert, die Schiffahrt liege darnieder, +keine neuen Unternehmungen, das Geld arbeite nicht. Während sie hierüber +sprachen, blickte Onkel Klaus Jörgen mehrmals an, als wolle er nach +etwas fragen, wenn er erst fort sei: Sie bemerkte es und gab Jörgen +einen Wink, er stand auf und entschuldigte sich: er habe sich mit +einigen Kameraden in der Stadt verabredet. Es war zwischen Mary und ihm +ausgemacht, daß sie allein mit Onkel Klaus reden solle. Aber was mochte +Onkel Klaus mit ihr zu besprechen haben? Sie war gespannt. + +Jörgen war kaum aus der Tür, da sagte Onkel Klaus mit bekümmerter +Miene: "Armes Kind, ist es wahr, daß Dein Vater in Amerika große +Verluste gehabt hat?"--"Er hat alles verloren", antwortete sie. Blaß und +entsetzt fuhr der große Mann in die Höhe: "Er hat alles verloren?"--Er +starrte sie mit weit offnem Mund an, wurde dunkelrot und rief: "Ja, +Gottsdonnerwetter, da kann ich verstehen, daß man den Schlag +bekommt."--Er begann im Zimmer auf und ab zu rennen, als sei außer ihm +niemand da. Die weiten Hosen schlotterten ihm um die Beine, mit den +langen Armen fuchtelte er in der Luft herum. "Er ist doch schon immer so +ein leichtgläubiger Tropf gewesen! Ein richtiger Dussel! Wenn man sich +vorstellt, einer hat ein so großes Vermögen im Geschäft eines ändern +stecken, und er kümmert sich dann nicht weiter drum! Das ist doch eine +verdammte--" er hielt jäh inne und fragte in höchstem Erstaunen: "Auf +was wollt Ihr denn heiraten--?" + +Mary war tief verletzt, noch ehe diese Frage kam. In ihrer Gegenwart +sich so zu benehmen, vor ihren Ohren so etwas von ihrem Vater zu sagen! +Trotzdem antwortete sie mit ihrem reizendsten Lächeln und voll +Schelmerei: "Auf Dich, Onkel Klaus!" + +Seine Verblüffung war nicht zu beschreiben. Sie versuchte sie zu +dämpfen, ehe sie zum Ausbruch kam, sie bedauerte ihn scherzend--und zwar +auf englisch--was für ein armer Mann er sei. Aber das prallte ab wie +Vogelgezwitscher an einem Bären. "Das sieht dem Jörgen, diesem Satan, +ähnlich," brach er schließlich hervor, "gleich auf mich zu +spekulieren!"--Er rannte wieder durch die Stube, schneller als bisher: +"Haha! das konnte ich mir ja denken! Wenn was in die Quere kommt, muß +ich herhalten! In diesen Zeiten, wo ich kaum mein Essen verdiene! Solche +Unverschämtheit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!" +Er sah sie nicht, er sah überhaupt nichts. Dieser reiche Mensch hatte +seinen Launen, seiner Wut, seiner Unverschämtheit immer freien Lauf +gelassen. "Schockschwerenot, Jörgen verdiente, daß ich ihm auch das +entzöge, was er jetzt bekommt. Immer will er mehr haben! Und nun sollte +ich--ha, ha! Ja, das ist ein Prachtbengel!"-- + +Mary saß totenblaß da. Sie war nie bisher gedemütigt worden; nie bisher +hatte ein Mensch sie anders als eine Bevorzugte behandelt. + +Aber den Kopf verlor sie nicht. "Ich führe jetzt Vaters Bücher," sagte +sie kühl; "daraus habe ich ersehen, daß auch Ihr Geschäfte zusammen +gemacht habt."--"Oh ja," sagte er, ohne stehen zu bleiben und ohne sie +anzusehen: "Oh ja--mit ein paar Hunderttausend. Aber wenn Du die Bücher +führst, weißt Du wohl auch, daß sie in diesen Zeiten fast nichts +einbringen."--"Das ist nun wohl übertrieben", antwortete sie. "Ja, was +willst Du mit den Papieren?" fragte er und blieb stehen. Aus einer +plötzlichen Eingebung heraus rief er: "Hat Jörgen Dich beauftragt, sie +zu verkaufen?"--"Jörgen hat mich zu nichts beauftragt", sagte sie und +stand auf. + +Wie sie blaß und groß und stattlich vor ihm stand und ihn mutig ansah, +war er der Unterlegene. Er starrte sie nur an. Sie sagte: "Ich bedaure, +daß ich nicht eher gewußt habe; was für ein Mensch Du bist." Alle +Überlegenheit fiel von ihm ab,--er stand dumm und schwerfällig da. Er +war nicht imstande zu antworten, ja nicht einmal sich zu rühren. Er ließ +sie gehen. Und das wollte er gerade am wenigsten. + +Durch das Fenster sah er ihr nach, sah sie nach dem Markt hinuntergehen. +Wie schön und stolz sie war, wie ein Bild. + +Als Jörgen bald darauf kam, um Mary abzuholen oder vielmehr mit ihr +zusammen zu Tisch dazubleiben,--denn er war überzeugt, sie würden zum +Essen eingeladen werden--bekam er nicht allein dieselbe Lektion, die sie +bekommen hatte, sondern eine viel saftigere, weil Onkel Klaus jetzt +außerordentlich unzufrieden mit sich selbst war. Dafür mußte Jörgen +büßen. "Warum, zum Donnerwetter, bist Du nicht selbst gekommen? Du +warst wohl zu feig dazu?--Und dann hast Du sie veranlassen wollen, +Aktien zu verkaufen, die jetzt gar keinen Wert haben! Ein verflucht +leichtsinniger Kerl bist Du doch immer gewesen."--Onkel Klaus hatte +unrecht; aber Jörgen kannte ihn, er wußte, daß man ihm jetzt nicht +widersprechen durfte. Er machte sich auf allen vieren davon und kam zu +Mary, erbarmungswürdiger als damals, wo sie ihn oben auf dem Hügel +getroffen hatte, wie er in das verlorene Paradies hinunterschaute. Sie +selbst hatte geweint vor Ärger und Enttäuschung; aber sie hatte +Sprungfedern in sich; jetzt kam der Umschlag. Ihr Sturz aus ihrer +Siegesstimmung herab, die sie noch vor einer halben Stunde gehabt hatte, +war so jäh, daß die ganze Geschichte, wenn man Jörgens jämmerlichen +Zustand dazunahm, lächerlich wurde. Sie lachte so ausgelassen, so +köstlich befreit, daß sogar Jörgen geheilt wurde. Nach Verlauf einer +Viertelstunde gingen die beiden jungen Menschen über die Straße, um sich +ein leckeres Mittagessen mit Champagner zu bestellen. Während das +hergerichtet würde, wollten sie einen Spaziergang machen. Aber kaum +standen sie draußen in der köstlich frischen Luft, da mußte Jörgen +wieder hinauf und nach Krogskog telephonieren, sie würden heimkommen und +dort zu Mittag essen. Es würde ungefähr zwei Stunden dauern auf der +neuen Landstraße; das sollte ein herrlicher Spaziergang werden! + +Sie schritten tüchtig aus; der klare Herbsttag mit seiner frischen Brise +war kühl,--so rechtes Wetter zum Wandern. + +Der Weg an der See entlang durchschnitt die Landzungen; sie freuten sich +über den steten Wechsel von Strand und Bergeshöhe, von Bergeshöhe und +Strand. Das Meer tiefblau, bis weit hinten voller Segel und Rauchsäulen. +Heut war Sonntag, daher waren auch viele Lustjachten draußen; sie +krochen durch die Meerengen und wagten sich auf die offene See hinaus. + +Bei ihrem schnellen Tempo waren die beiden bald aus der eigentlichen +Stadt heraus. Da lag ein hübsches kleines Haus in einem Garten. "Wem +gehört das?" fragte Mary. Es sah so einladend aus. "Fräulein Röy, der +Ärztin", antwortete Jörgen eifrig. "Ich habe über all dem Ärger und der +Enttäuschung doch vergessen, Dir zu erzählen, daß ich Franz Röy in der +Stadt getroffen habe!" Ohne es zu wissen, blieb Mary stehen. Ohne es zu +wollen, wurde sie rot. "Franz Röy?" fragte sie und blickte starr vor +sich hin. Dann ging sie weiter, noch bevor sie eine Antwort bekommen +hatte. "Er soll hier die Hafenarbeiten leiten. Du weißt, Irgens ist +tot."--"Der Ingenieur? Der ist tot?"--"Und jetzt heißt es, Hauptmann Röy +wird das übernehmen."--"Ist das eine Arbeit für einen Mann wie +ihn?"--"So fragt gewiß mancher.--Alle fragen, was er hier will?" lachte +Jörgen. Mary sah ihn an und er Mary. Dann ging er näher an sie heran: +"Aber jetzt kommt er zu spät." Er hatte als Antwort einen +verständnisvollen Blick erwartet, in dem vielleicht ein bißchen Glück +lag. Aber sie ging weiter, ohne ihn anzusehen, auch ohne etwas zu sagen. + +Da trat eine lange Pause ein. Sie gingen schnell. Der Herbstwind wehte +erfrischend. Da wandte sie sich zu ihm, um ihm eine Freude zu machen. +"Weißt Du, Jörgen, daß Vater bei Onkel Klaus zweihunderttausend Kronen +stehen hat?"--"Zweihundertfünfzigtausend", antwortete Jörgen. Sie war +sehr erstaunt,--einmal darüber, daß Jörgen Bescheid wußte, dann über die +fünfzigtausend Kronen. "Onkel Klaus sprach von zweihunderttausend." +--"Ja, die Dein Vater in seine Unternehmungen und in das +Schiff hineingesteckt hat. Aber kurz bevor Dein Vater krank wurde, +hat er Onkel fünfzigtausend Kronen geschickt, die frei geworden +waren."--"Woher weißt Du das?"--"Onkel hat es mir gesagt."--"Ich habe +nichts darüber gefunden."--"Nein, Dein Vater hat sich mit dem Verbuchen +wohl nicht beeilt; das war seine Art so. Außerdem--," hier stockte +Jörgen, "kennst Du alle Geschäfte Deines Vaters?" Sie wollte darauf +nicht eingehen; die Frage kam ihr nicht unerwartet. Aber wie konnte +Jörgen--? Vielleicht durch Frau Dawes. Jedenfalls freute sie sich. Sie +war stehen geblieben, sie wollte etwas sagen. Aber der Wind hob ihr die +Röcke hoch, löste ihr eine Haarsträhne und riß ihr den Schal ab. +"Herrgott, wie entzückend Du aussiehst!" rief er.--"Aber dann steht ja +nichts im Wege, Jörgen?"--"Wir können heiraten, meinst Du?"--"Ja", und +damit ging's weiter.--"Nein, Liebste, jetzt bringen die Aktien nahezu +nichts ein."--"Ja, was tut das? Wir müssen drauflosgehen, Jörgen!" Sie +strahlte vor Gesundheit und Mut. "Ohne Onkels Zustimmung?" fragte er +verzagt.--Sie stand wieder still: "Würde er Dich enterben?"--Ohne direkt +zu antworten, sagte er schwermütig: "Wenn Du wüßtest, Mary, was ich mit +Onkel ausgestanden habe. Vom ersten Tag an, da er mich zu sich nahm. Wie +er mich geplagt hat. Wie er mir aufgepaßt hat. Bis auf diesen Tag bin +ich wie ein ungezogener Schuljunge von ihm behandelt worden. Seine +schlechte Laune hat er stets an mir ausgelassen." Auf seinem Gesicht +zeigte sich eine solche Mischung von Verbitterung und Unglück, daß Mary +unwillkürlich rief: "Armer Jörgen,--jetzt fange ich an zu verstehen!" +Sie gingen weiter. Sie dachte daran, daß seine Fähigkeit, sich zu +beherrschen in einer harten Schule erworben sei; da hatte er auch +gelernt, sich zu verstellen. Seine Zähigkeit mußte sie bewundern; was +hatte er nicht alles durchgesetzt! Und allein seine Musik! Die war wohl +sein Trost gewesen. Jetzt verstand sie seine ungewöhnliche Höflichkeit. +Jetzt verstand sie seine Sentimentalität. Sie verstand, wodurch er so +streng und pedantisch geworden war und so hart gegen seine Untergebenen. + +Sie sah ein, daß auch sie vielleicht schuld gewesen, wenn es ihm +schlecht gegangen war. Seine lange, schweigende Liebe zu ihr hatte ihm +nur eine Last mehr aufgebürdet; denn sie hatte ihm kein aufmunterndes +Wort gegönnt; im Gegenteil! Was Wunder, daß er schließlich wie verhext +war? "Armer Jörgen", sagte sie noch einmal und faßte seine Hand. Das +erste Liebeszeichen, das sie ihm je gewährt hatte. Sie mußte es gleich +wieder zurücknehmen, weil sie die Röcke festhalten mußte, denn um die +Landzunge pfiff ein scharfer Wind, und ein Segelboot schnitt gerade +unter ihnen durch das Wasser. Vom Boote aus wurde heraufgewinkt, und sie +winkten hinunter. Welch ein herrlicher Tag, wie schimmernd blau der +Fjord mit den roten Wimpeln überall. + +Als sie zur Bucht hinunterkamen, fragte sie: "Glaubst Du wirklich, er +würde Dich enterben, wenn wir uns verheiraten?"--"Wir haben nichts, +woraufhin wir heiraten können, Du Liebe!"--"Wir können doch diese +Papiere verkaufen", sagte sie mutig. "Ja, wenn wir so vorgehen, um uns +heiraten zu können, daß wir sie jetzt verkaufen, wo sie so niedrig +stehen, ja, dann enterbt er mich sicher."--Aber sie wollte die Hoffnung +nicht aufgeben: "Und unser Wald?"--"Der muß erst jahrelang stehen."-- + +Wie gut Jörgen Bescheid wußte! Wie genau er alles überlegt hatte! + +Sie kamen auf die Strandstraße, die auf die letzte Landzunge bei +Krogskog zuführte. Da stand ein alter wunderlicher Finnenhund. Mary war +gut Freund mit ihm. Er kläffte ja immer ein bißchen, wenn jemand in +seine Nähe kam; vielleicht konnte er nicht gut sehen; aber er wedelte +gleich mit dem Schwanz, wenn er einen Bekannten witterte. Heute war er +wie toll. + +"Herrjeh," rief Mary, "ist er etwa auf Dich so wütend?" Jörgen +antwortete nicht, sondern bückte sich nach einem kleinen Stein. Als der +Hund das sah, rannte er, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, hinter +einen Reisighaufen am Wege. Von dort setzte er dann das Konzert fort. +"Laß ihn doch!" sagte Mary, als sie sah, daß Jörgen die Schußlinie +berechnete. "Es wäre doch spaßig, wenn er sich genau auf die Stelle +zurückzöge, auf die ich ziele," sagte er, "dann bekommt er den Stein +nämlich gerade auf den Rücken." Dabei tat er, als werfe er; der Hund +setzte davon,--da warf er erst, und der Hund bekam den Stein genau auf +den Rücken. Er heulte auf. "Siehst Du!" sagte Jörgen triumphierend. "Es +gibt nicht viele, die so sicher treffen, kann ich Dir sagen."--"Kannst +Du ebenso gut schießen?"--"Ob ich es kann! Wirklich, Mary, alles, womit +ich mich befasse--viel ist es ja nicht,--das tue ich gründlich." Das +mußte sie zugeben. Das rasende Gebell des Hundes in der Ferne bestätigte +es auch. + +Auf dem Richtsteig zum Hause hinauf sagte er: "Meinst Du, wir sagen Frau +Dawes oder Deinem Vater etwas?"--"Von Onkel Klaus?"--"Ja. Es würde sie +nur betrüben. Können wir nicht sagen, er habe gemeint, wir sollten bis +zum Frühjahr warten?"--Sie blieb stehen. Sie war nicht für so etwas. +Aber Jörgen blieb dabei. "Ich kenne Onkel Klaus besser als Du. Ihm wird +es bald leid. Freilich wird er nicht nachgeben, aber er wird selbst mit +einem anderen Vorschlag kommen, ungefähr mit so etwas, wie ich jetzt +meine:--er möchte, wir warteten bis zum Frühjahr." + +Mary war sich längst darüber klar, wie gut Jörgen unterrichtet sei; sie +mußte deshalb auch zugeben, daß er so etwas besser verstand als sie. +Aber an Schleichwege war sie nicht gewöhnt. "Laß mich nur machen," sagte +er, "dann erspare ich den alten Leuten eine Enttäuschung." + +"Aber was soll ich denn sagen?" fragte Mary.--"Die Wahrheit, daß Onkel +sich sehr über unsere Verlobung gefreut hat, und daß die Zeiten jetzt so +schlecht seien, daß wir warten müßten. Das verhält sich doch tatsächlich +so." + +Damit war Mary einverstanden. Besonders weil es sie freute, daß Jörgen +auf die Schonung der beiden Alten bedacht war. Er bekam dafür einen +aufrichtigen Dank--und wieder ihre Hand. Die behielt er in seiner bis an +die Treppe, ja noch die Treppe hinauf. Er dachte, das ist ein Pfand für +einen Kuß im Vorzimmer. Aber dann nehme ich mir zehn! + +Er machte die Tür auf und ließ Mary vorangehen. "Schönen Dank für den +Spaziergang, Jörgen", sagte sie, indem sie an ihm vorbeiging und ihm +fröhlich zunickte,--lief zur Treppe und nach oben. Er hörte sie in ihr +Zimmer gehen.-- + +Wie schonend Jörgen auch seine Worte wählte, als er von dem Resultat +berichtete,--es war eine schwere Enttäuschung für die alten Leute. +Sowohl Krog wie vor allem Frau Dawes fanden es unerklärlich; die +letztere sogar grausam. So sollte Mary den langen Winter über hier +allein bleiben und Jörgen in Stockholm. Sie konnten sich vielleicht zu +Weihnachten ein paar Tage sehen, aber sonst nicht. Seltsamerweise übte +die Enttäuschung der beiden Alten einen Rückschlag auf Jörgen aus. Er +saß wie ein flügellahmer Vogel da. Er sprach nicht, er antwortete Frau +Dawes kaum, er spielte auch nicht; aber er bereitete seine Abreise für +den nächsten Morgen vor. Er wollte direkt nach Stockholm; seine Zeit war +um. + +Nur Mary war guter Dinge. Es war, als gehe sie die ganze Geschichte +nichts an. Ihr hatte der Tag nichts Schlimmes gebracht; so schien es. +Das Triumphgefühl, das in ihr war, seit sie vor ihrem Vater die +Verlobung zu proklamieren geruht hatte, war nicht allein ungeschwächt, +es war stärker als je. Sie ging über die Flure und durch die Stuben und +summte vor sich hin; sie hatte tausenderlei zu tun, als sei sie es, die +eine lange, wichtige Reise vorhatte. Beim Abendessen trieb sie soviel +Unsinn, daß Jörgen das unsichere Gefühl hatte, sie mache sich über ihn +lustig. Er sagte ihr schließlich gerade heraus, er verstehe sie nicht. +Ihm scheine, sie solle ihn lieber bedauern. Sie bleibe doch wenigstens +hier in ihrem entzückenden Heim und in ihrer schönen Sorge für ihre +beiden Lieben; er aber--? Jetzt habe er einen Haß auf das, was vor ihm +liege, weil es ihn von ihr fernhalte. Es tue ihm leid, daß er sich vom +Dienst habe beurlauben lassen. Er verabscheue Stockholm. Er wisse, wie +zurückgesetzt ein junger Mann dort sei, der nicht zur höheren "société" +gehöre und obendrein Norweger sei. Er war unglücklich und machte seinem +Kummer Luft. + +"Du hast doch bei Deiner Konfirmation so gut Bescheid gewußt, Jörgen, +hast Du vergessen, daß Jakob volle sieben Jahre um Rahel dienen +mußte?"--"Habe ich etwa nicht lange genug um Dich gedient, Mary?"--"Weil +Du gar so früh damit anfingst, sind es so viele Jahre geworden. Es ist +eine schlechte Angewohnheit von Dir--zu früh anzufangen!"--"War es denn +möglich, Dich zu sehen, ohne ...? Du tust Dir selbst unrecht."--"Du +hattest doch andere Ziele, Jörgen, als mich zu erringen?"--"Die hatte +Jakob auch, der Geldjäger! Und er hatte noch den offenbaren Vorteil, daß +er Rahel inzwischen sehen konnte, so oft er wollte."--"Na,--einer, der +Jahre lang gewartet hat, Jörgen--" "--der kann auch noch ein halbes Jahr +Iänger warten? Ja, Du hast gut reden, die nie auf etwas gewartet hat. +Nicht auf das geringste!"--Sie schwieg. "Daß Du mich obendrein noch +necken willst, Mary!--Der (auch wenn er bei Dir ist) auf so schmale Kost +gesetzt ist!"--"Du beklagst Dich, Jörgen?"--"Ja, wahrhaftig."--"Du hast +allzu früh angefangen, mußt Du bedenken." Sie lachte. Er wurde verlegen, +sagte aber nach einer Weile: "Du weißt eben nicht, was warten +heißt!"--"Ich weiß jedenfalls, daß einer, der auf schmale Kost gesetzt +ist, sich leichter daran gewöhnen kann." Sie lachte wieder. Er war +gekränkt und unsicher zugleich. Eine, die ihn wirklich lieb hatte, hätte +sich kaum so benommen--am Abend vor einer mehrmonatlichen Trennung. Und +bei so kläglichen Aussichten für die Ehe, wie sie sie hatten. + +Sie saßen eine Weile bei ihrem Vater und sehr lange bei Frau Dawes. +Jörgen war still und sagte überhaupt nichts. Mary aber war vergnügt. +Frau Dawes blickte die beiden verwundert an. Sie wandte sich zu Jörgen: +"Armer Junge, Du mußt zu Weihnachten herkommen!" Mary antwortete statt +seiner: "Tante Eva, um Weihnachten ist es in Stockholm gerade am +lustigsten." + +Plötzlich stand Mary auf und wünschte sehr unerwartet "Gute Nacht", erst +Jörgen, dann Frau Dawes. "Ich bin müde von unserer Tour und ich will +morgen früh aufstehen, um Jörgen zu begleiten." + +Jörgen fühlte, dieser unerwartete Aufbruch war ein wohlüberlegter +Streich. Sie wollte dem entgehen, ihm draußen auf dem Flur gute Nacht zu +sagen. Er schwur ihr Rache. Er verstand sich darauf. + +Frau Dawes wollte wissen, ob zwischen ihnen etwas vorgefallen sei. Das +bestritt er. Sie glaubte ihm nicht; er mußte allen Ernstes wiederholen, +er wisse von nichts. Aber seine Verstimmung verbergen, das konnte er +nicht. Er brachte es nicht einmal über sich, dazubleiben, und ließ sie +allein. Auf dem Flur war es gegen die Gewohnheit völlig dunkel. Er +tastete sich nach seiner Tür. Erst als er drinnen Licht angezündet hatte +und unwillkürlich auf ein Lebenszeichen aus ihrem Zimmer lauschte, fiel +ihm ein, daß sein Schloß geölt worden war. Heute morgen hatte es +geknarrt. Ganz unbedeutend, aber geknarrt hatte es. Nie war er in einem +Hause gewesen, wo wie hier die kleinste Kleinigkeit, die in Unordnung +war, sofort repariert worden wäre. Trotzdem Sonntag war. Er konnte sich +kein größeres Glück vorstellen, als später, wenn erst alles in Ordnung +war, hierher zurückzukehren, hier auszuruhen, und hier solange und +solcherart zu leben, wie sein tiefstes Bedürfnis nach Lebensgenuß es ihm +vor Augen stellte. + +Also galt es auszuhalten. Sich jetzt in ihre Launen zu finden wie früher +in des Onkels Launen. Bis seine Zeit kam!-- + +--Er war beim Ausziehen, als lautlos die Tür geöffnet wurde und Mary in +ihrem Nachtgewand hereintrat. Blendend schön. Sie schloß die Tür hinter +sich und trat an die Lampe. "Du sollst nicht länger warten, Jörgen!" Sie +löschte die Lampe aus.-- + + * * * * * + +Allein + + +Am nächsten Morgen verschlief sie die Zeit. Sie wurde durch Gesang und +Klavierspiel aufgeweckt. Im Halbschlummer erst und dann deutlich hörte +sie durch einen Strom herandrängender Erinnerungen Jörgens Stimme. Er +sang am Klavier bei offenem Fenster in den frühen Morgen hinein. Sein +heller, jubelnder Tenor trug Festesklänge zu ihr hinauf. + +Schnell, ganz schnell war sie aus dem Bett und in den Kleidern; sonst +kam sie zu spät, um ihn zum Schiff hinunterzubegleiten. Bei dem raschen +Hantieren wurde sie ganz wach, und mächtiger stürmten ihre Gedanken ihm +und seiner berauschten Seligkeit entgegen. Seinen tiefinnigen, Seele und +Sinne durchströmenden Dank und seine Lobeshymnen wollte sie in der Nähe +genießen! Hoch emporgehoben und im Triumph herumgetragen werden wie die +Herrscherin seines Lebens. Aus freier Souveränität hatte sie ihm des +Lebens höchsten Preis geschenkt. Jetzt war er belohnt für seine lange +Qual! Vorurteilslos und ohne zu feilschen. Sie kannte ihn jetzt doch; +sie wußte bis ins kleinste, wie er aussehen, wie er sich benehmen würde, +wenn er sie hineinführte in sein Glück. Deshalb schwoll ihre Brust dem +Wiedersehen entgegen. Feiern sollte man sie und ihr danken! + +Durch das kleine holländische Kabinett kam sie in ihrem blauen +Morgenkleide und legte die Hand auf den Türgriff des großen Musikzimmers +nach der See hinaus, mußte aber stehen bleiben, um Atem zu schöpfen, so +gespannt war sie. Dabei genoß sie seinen Triumph da drinnen. So +hingerissen war er von seiner eigenen Musik, daß sie ihm ganz nahe kam, +ehe er sie bemerkte. Er blickte strahlend auf und erhob sich langsam und +still wie zu einem Fest. Er wollte die Stimmung nicht zerstören; er +breitete die Arme ihr entgegen, zog sie an sich, küßte sie ehrbar aufs +Haar und streichelte ihr langsam und sorglich die Wange, die freilag; er +wollte zudecken und verbergen, ihr mit männlicher Güte über die Scham +weghelfen, die sie naturgemäß empfinden mußte. Er war ganz zart und +beruhigend.-- + +"Wir müssen jetzt wohl schnell essen", flüsterte er freundlich zu ihr +hinunter, küßte noch einmal ihr schönes Haar und atmete seinen Duft. +Dann faßte er sie sanft, aber gleichsam führend, um die Taille. An der +Tür fragte er leise: "Du hast wohl gut geschlafen, daß Du so spät +kommst?" Er öffnete mit der freien Hand väterlich die Tür und blickte +sie mitfühlend an, als er keine Antwort bekam. Sie war sehr blaß und +ganz verwirrt. "Mein süßes Mädchen", flüsterte er tröstend. + +Bei Tisch war des Rücksichtnehmens kein Ende, besonders da sie nichts +essen konnte. Aber die Zeit war knapp; er mußte für sich selbst sorgen, +so daß nicht viel darüber gesprochen wurde. Mary sagte kein einziges +Wort. Aber sie fand, er hantiere mit Messer und Gabel auf eine ganz +neue, herrische Art. Verwandt der Art, wie er zu ihr sprach und wie er +sie ansah. Er wollte ihr offenbar Mut einflößen. Nach dem, was gestern +geschehen war. Sie hätte den Teller mit allem, was darauf war, nehmen +und ihm ins Gesicht schleudern mögen! + +Sein Triumphgesang hatte ihm selber gegolten, die Siegeshymne seinem +eigenen Verdienst! + +Bei allen Mahlzeiten stand eine Karaffe mit Wein auf dem Tisch. Er trank +langsam ein ganzes, großes Glas, wischte sich den Mund und stand mit +einem würdevollen "Entschuldige!" auf.--Dann in der Tür: "Ich muß +nachsehen, ob der Knecht meinen Koffer geholt hat." + +Einen Augenblick nachher war er wieder da. "Die Zeit ist knapp"; er +schloß die Tür hinter sich und ging hastig auf Mary zu, die jetzt am +Fenster stand. Er zog sie diesmal rasch an sich und wollte sie +Küssen... + +"Nicht mehr dergleichen!" sagte sie mit ihrer ganzen alten Souveränität +und wandte sich ab. Sie ging stolz hinaus ins Vorzimmer, zog sich eine +Jacke an, wobei ihr das herzueilende Mädchen half, wählte einen Hut, +sah nach dem Wetter und nahm dann einen Sonnenschirm. Das Mädchen +öffnete ihr die Haustür, Mary ging rasch hinaus, er hinterher, in seinem +tiefsten Empfinden verletzt. Er war sich keiner Schuld bewußt. + +Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Aber es kochte so in +ihr, daß sie ihren Sonnenschirm fast zerbrochen hätte, als sie ihn +schließlich aufspannen wollte. Er sah es. + +"Du," sagte sie, und es klang, als habe sie eine ganz andere Stimme +bekommen, "ich halte nicht viel vom Briefschreiben. Ich kann auch keine +Briefe schreiben."--"Ich soll Dir also nicht schreiben--?!" Er hatte +auch eine andere Stimme bekommen. Sie antwortete nicht, und sie sah ihn +auch nicht an. "Wenn aber irgend etwas passiert--?" sagte er.--"Nun ja, +dann--! Aber dann hast Du ja Frau Dawes." + +Als sei es damit noch nicht genug, fügte sie hinzu: "Du bist wohl +übrigens auch kein Held im Briefschreiben. Also ist nicht viel dabei +verloren." + +Er hätte sie schlagen mögen. + +Zum Überfluß mußte nun auch noch der alte, wunderliche Finnenhund da an +der Brücke sein mit einem von seinen Leuten. Kaum wurde er Jörgen +gewahr, da fing das Konzert an. Es nützte alles nichts, soviel seine +Herren auch ihm pfiffen und ihn riefen. + +Alle wandten sich nach den Ankömmlingen um. Jörgen hatte sich sofort +nach einem kleinen Stein gebückt, und Mary hatte ihn leise gebeten, es +nicht zu tun. Der Dampfer legte gerade an, die allgemeine +Aufmerksamkeit, auch die des Hundes, wurde von ihnen abgelenkt, und auf +diesen Augenblick hatte Jörgen gewartet, um ihm den Stein direkt auf den +Leib zu werfen, daß er laut aufheulte. Unmittelbar darauf wandte er sich +zu Mary und zog den Hut mit seinem verbindlichsten Lächeln und mit +tausend Dank für die genossene Gastfreundschaft. + +Sie mußte anstandshalber warten, bis der Dampfer abfuhr; ja, sie mußte +ein paarmal mit dem Sonnenschirm winken. Lächelnd und triumphierend +grüßte Jörgen mit mächtigem Hutschwenken vom Dampfer herüber. + +Wütend war sie! Aber er kaum weniger. + + * * * * * + +"Er, der sich vor mir in den Staub hätte werfen müssen und den untersten +Saum meines Kleides küssen!" Das war ihre Empfindung. + +Schon gestern abend war das Gefühl von etwas Unfeinem in ihr +aufgedämmert. Er wollte sie nicht wieder loslassen. Sie mußte eine List +anwenden und ihre Tür verriegeln. Aber sie hatte sich das als eine +krankhafte Folge seiner langen Sehnsucht ausgelegt, die zur Besessenheit +geworden war. + +Jetzt war kein Zweifel möglich! Nur ein "Bewanderter" konnte es in +dieser Weise auffassen. Sie war betrogen. Das Allerschönste in ihr, das +von ihren feinsten Instinkten geschirmt und großgezogen worden, war +hineingelockt in einen widerwärtigen Irrtum. + +Sie rang den ganzen Tag damit. Verraten und geschändet nannte sie sich. +Zuerst wälzte sie alle Schuld von sich. Dann nahm sie alles auf sich und +verdammte sich als unbrauchbar für das Leben. Sie greife doch nur fehl, +sie verrate sich selbst. Einen Augenblick sagte sie: Mir ist Gewalt +angetan, obwohl ich mich freiwillig hingegeben habe! Im andern +Augenblick sagte sie: Das greift gewiß viel weiter zurück, und ich finde +mich nicht heraus. + +Welch ein Segen, daß ihr Zimmer unberührt und rein geblieben war. Das +nebenan wollte sie nie wieder betreten, nie mehr sehen. + +Ihm wollte sie nicht gehören. + +Aber würde er denn schweigen? Darüber war sie beruhigt. Auf dem Gebiet +lagen seine Schwächen nicht, sonst hätte sie wohl irgend etwas erfahren. +Aber daß ein einziger Mensch existieren sollte, der--! Sie weinte vor +ohnmächtigem Zorn. Das würde ihren Lebensmut zerstören. Das würde wie +ein Alp auf ihr liegen. Gerade wenn sie sich am höchsten fühlte. + +Sehen wollte sie ihn! Ihm sagen, wofür sie ihn gehalten habe,--und wer +er sei. Zu wem sie habe hineingehen wollen,--und zu wem sie +hineingekommen sei. Er sollte nicht triumphieren können. Aber dazu mußte +sie sein Leben kennen. Wen konnte sie fragen, wer kannte sich darin +aus?---- + +Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war sie sich klarer. Einmal +darüber, wie sie sich volle Gewißheit über Jörgen verschaffen konnte; +das mußte gelegentlich geschehen, so daß keiner etwas merkte. Ebenso war +sie sich klar, daß der Bruch mit ihm und die Begegnung, die den Bruch +vorbereitete, hingehalten werden mußte--vor allem um der beiden Alten +willen. Das zweite und viel wichtigere war: ihr eigenes Leben wieder +aufzubauen, aus dieser schwülen Luft herauszukommen, die sie ins +Verderben geführt hatte. Da gab es nur einen Weg: ihre Arbeit +aufzunehmen, sich brauchbar dafür zu machen und aus den Resultaten neuen +Mut zu schöpfen. + +Arbeit und Pflichttreue! Sie stützte sich auf die Ellbogen, als wolle +sie die Aufrichtung in ihrem Innern versinnbildlichen, und stand im +nächsten Augenblick auf den Füßen, um sich fertig zu machen.-- + +Die fünfzigtausend Kronen, die ihr Vater also neulich Onkel Klaus +gegeben, und die sie in den Büchern nicht gefunden hatte,--deuteten die +nicht darauf hin, daß ihr Vater noch einen Fonds in Amerika hatte--außer +dem brüderlichen Geschäft? Daß die Zinsen, die er nicht aufgebraucht +hatte, dort in Aktien angelegt waren? Da kürzlich 50 000 Kronen frei und +hierhergeschickt waren? + +Seit Jörgen ihr vorgestern von den 50 000 Kronen erzählt hatte, hatten +die ihr in all den ändern Geschichten keine Ruhe mehr gelassen. Sie +mußte die amerikanische Korrespondenz des Vaters prüfen; darin würde es +stehen. Aber sie fand keine solche Korrespondenz,--bis sie eine Truhe +öffnete, die unten in dem Bücherregal stand, zu dem der Schlüssel in +seinem Portemonnaie lag. Sie kannte die Truhe von ihren Reisen her; aber +sie hatte nie gewußt, was sie enthielt. Hier fand sich die ganze +amerikanische Korrespondenz; hier fanden sich auch die Belege. Es machte +den Eindruck, als habe er schon zu Lebzeiten ihrer Mutter ihr Vermögen +und alles, was damit zusammenhing, besonders verwaltet. Dann mußte aber +ein recht beträchtlicher Rest geblieben sein, selbst wenn der +Hauptbestand, eine Million Dollar, verloren war. Sie war wie im Fieber. +Ihr Vater mußte den Brief so verstanden haben, als sei sein ganzer +Besitz in Amerika verloren gegangen. So hatte sie es aufgefaßt, und die +andern gleichfalls. + +Den Kopf voll dieser Dinge, begab sie sich zum Vater. Sie setzte ihm +alles umständlich auseinander und sagte, sie wolle gleich nach Amerika, +um Klarheit zu schaffen. Er erschrak. Aber bald sah er die Notwendigkeit +ein und fügte sich. + +Frau Dawes war nicht so leichtgläubig. Sie vermutete, es müsse etwas +geschehen sein, wovon Mary sich ablenken wolle. Aber in Marys Wesen und +in ihrem Bericht über ihre Entdeckung war etwas Heftiges, etwas, das +keinen Widerspruch duldete. Frau Dawes beschränkte sich daher auf einige +schüchterne Einwendungen: es gebe auf dem Meer um diese Jahreszeit so +viele Stürme. + +Drei Tage später war Mary mit einem englisch sprechenden Mädchen auf dem +Wege nach Amerika. Sie werde, sagte sie, schon jemand finden, der ihr +wertvolle Hilfe leisten würde. Sie kenne so viele. + +Alles ging nach Wunsch. In weniger als anderthalb Monaten war sie wieder +daheim. Es war hohe Zeit gewesen, daß sie hinüberkam. Denn es sollte +gerade darüber prozessiert werden, ob Anders Krog mit seinem ganzen +Besitz der Kompagnon seines Bruders gewesen sei, während er es doch nur +mit der Summe war, die im Geschäft steckte. + +Das konnte sie beweisen. + +Dieser Erfolg machte ihr Mut. Warum nicht weiter gehen? Hier hatte sie +Kapital zur Verfügung, und sie hatte große Lust, etwas zu beginnen. Auch +einen Holzhandel. Konnte sie das nicht so gut lernen wie jeder andere? +Die doppelte Buchführung? War die so schwer? Sie fing gleich an. + +Anders Krog schien aufzuleben, seit sie wieder daheim war. Die +Gewißheit, daß das Vermögen, das außerhalb der Konkursmasse des Bruders +stand, gerettet war, war für ihn eine große Freude. Marys Zukunft lag +ihm so sehr am Herzen. + +Dagegen nahm Frau Dawes sichtlich ab. Es war, als habe dieses tätige, +rastlose Menschenkind seine Kräfte aufgebraucht. Selbst nach Jörgen +fragte sie nicht; ihre Korrespondenz hatte sie aufgegeben. + +Mary leitete den Gutsbetrieb zusammen mit dem Prokuristen und verwaltete +das Vermögen gemeinsam mit einem Geschäftsmanne. Nebenbei nahm sie +Unterricht und lernte. Zweimal wöchentlich war sie in der Stadt. + +So ging es in den November hinein. Da bekam Anders Krog einen Brief aus +Kristiania von einem nahen Verwandten, einem reichen Manne, dessen +einzige Tochter sich soeben verlobt hatte. Er bat, Marit möge doch zu +den Festlichkeiten hinkommen; es sollten in den beiden großen Familien +deren mehrere stattfinden. + +Mary war selbst erstaunt, wie große Lust sie plötzlich bekam. Der alte +Adam war nicht tot. Sie trällerte auf den Fluren und in den Stuben vor +sich hin, während sie ihre Reisevorbereitungen traf; sie sehnte sich +nach einer neuen Umgebung--und nach neuen Huldigungen. Sie suchte +Genugtuung darin! Das mußte sie sich selbst zugeben. + +Sie war kaum einige Tage dort, als Anders Krog einen Brief bekam, in dem +Marys Lob in den höchsten Tönen gesungen wurde. Nicht das Brautpaar, sie +sei der Mittelpunkt aller Bälle gewesen; nicht das Brautpaar, sie werde +bevorzugt und gefeiert--in erster Linie von dem Brautpaar selbst. Ihre +einzigartige Schönheit, ihr vornehmes Wesen, ihre Kenntnisse und ihr +Taktgefühl würden sie ihnen allen unvergeßlich machen. Sie möchten sie +so gern noch eine Zeitlang dabehalten. + +Anders Krog schickte den Brief zu Frau Dawes hinein mit der Bitte, ihn +bald zurückzugeben; er wolle ihn noch oft lesen,-- + +Am Tage darauf war Mary wieder daheim. Sie trat des Morgens still bei +ihrem Vater in die Tür, und er erschrak, als er sie sah. Sie sei krank +geworden, sagte sie, und das sah man auch deutlich genug. Sie war nicht +nur blaß, sie war grau, mit übernächtigen Augen und matter Stimme. Sie +gab ihrem Vater einen langen, zärtlichen Kuß, wollte aber den Brief, den +er bekommen hatte, gar nicht sehen und nicht von ihrem Aufenthalt in +Kristiania reden. Jetzt erst auf ein paar Minuten zu Frau Dawes, dann zu +Bett und ausruhen. + +Sie blieb kaum eine halbe Minute bei Frau Dawes, die sie in großer +Besorgnis zurückließ. + +Mary schlief den ganzen Tag, aß zu Abend eine Kleinigkeit und schlief +wieder die ganze Nacht. + +Als sie aufstand, sah sie aus wie immer, war frisch und wach. Der +Prokurist, der Gärtner und die Haushälterin kamen zu ihr und legten +Rechenschaft ab, und sie machte einen Rundgang durch das Haus. Dann kam +sie lächelnd nach oben zu ihrem Vater, der sehr glücklich war, als er +sie wieder so vor sich sah. + +Sie kam, um ihm zu sagen, daß jetzt einer baldigen Heirat nichts mehr im +Wege stehe. Jetzt hätten sie ja Vermögen. Der Vater brachte unter großen +Schwierigkeiten heraus, das habe er auch schon gedacht. Seine Augen und +die eine Hand sagten das übrige; daß er nämlich nichts lieber sehe. + +Aber als sie dasselbe zu Frau Dawes sagte und hinzufügte, sie habe +eigentlich Lust, gleich nach Stockholm zu fahren, um diesen Vorschlag zu +machen (Jörgens Name wurde nicht genannt), da gewann Frau Dawes die alte +Geistesschärfe wieder, richtete sich im Bett auf und fing laut zu +weinen an. Nun verlor Mary den Mut, warf sich über das Bett und +flüsterte: "So ist es, Tante Eva!" Sie weinte die verzweifeltsten Tränen +ihres Lebens. Aber als Frau Dawes' Kummer dadurch immer größer wurde, +hob Mary den Kopf: "Liebe Tante, Vater kann uns ja hören!"--Sie dämpften +ihre Stimmen ein wenig; Frau Dawes aber versicherte unter Tränen, dies +sei ja ihre eigene Geschichte! Erst als ihr Verlobter sie soweit gehabt +habe, sei ihr klar geworden, was für ein erbärmlicher Kerl er war; "aber +da mußten wir uns eben heiraten. Da siehst Du, Kind, wie wir Frauen +sind; wir werden nie klug."-- + +"Oh daß Ihr diesen Menschen in mein Leben hineinziehen mußtet!" jammerte +Mary. "Ich fühlte es instinktmäßig, daß ich ihn mir fernhalten müsse; +aber Ihr schlugt alle Bedenken zu Boden." Nach einer Weile: "Nein, so +mußt Du das nicht auffassen, Tante Eva; ich mache Euch keine Vorwürfe. +Was nützt jetzt auch alles Jammern? Hier bleibt nur eins: sich mit +geschlossenen Augen hineinstürzen." + +Darin stimmte ihr Frau Dawes völlig bei. "Dann machst Du es wie ich: +wenn die Ehre gerettet ist, läßt Du Dich von ihm scheiden."--"Nein, das +tue ich nicht. Dann haben wir etwas, das uns aneinander bindet.--O Gott, +o Gott!" sie jammerte, klammerte sich an ihre alte Freundin und +erstickte ihren Verzweiflungsschrei in den Kissen. Frau Dawes saß +hilflos da und stützte sie. "Das verstehe ich nicht", sagte sie. Da hob +Mary rasch den Kopf: "Das verstehst Du nicht? Gerade um mich zu binden, +hat er es getan. Er kannte mich." Wieder warf sie sich verzagt und +verzweifelt über das Bett. Zwischen den Ausbrüchen oder vielmehr als +einen Teil dieser Ausbrüche hörte man die Worte: "Es gibt keinen Ausweg! +Es gibt keinen Ausweg!" + +Frau Dawes hatte nicht die Kraft und nicht den Mut, bei soviel Leid nach +Worten zu suchen. + +Es mußte sich austoben. Bis die Empörung sich abkühlte. Frau Dawes +merkte, wie allmählich etwas anderes sich emporarbeitete. Mary hob den +Kopf, ihre verweinten Augen waren voll Haß: "Ich dachte, ich hätte mich +einem Gentleman hingegeben. Aber ich geriet an einen Spekulanten." Damit +stand sie langsam auf. "Willst Du ihm das sagen, Kind?"--"Mit keinem +Wort! Nichts, absolut nichts dergleichen. Ich will sagen, wir müssen +heiraten." + + * * * * * + +Drei Tage darauf wurde Jörgen Thiis im Ministerium des Auswärtigen ein +Brief überbracht. Er war von Mary. "Ich bin im Grand Hôtel und erwarte +Dich Punkt zwei Uhr draußen auf dem Trottoir." + +Er wußte sofort, was das zu bedeuten hatte. Er brach eilig auf, denn die +Uhr war dreiviertel zwei. Erst auf der Treppe fiel ihm auf, daß er sie +"draußen auf dem Trottoir" treffen solle. + +Sie wollte nicht mit ihm in ihrem Zimmer allein sein. + +Das änderte seinen Plan. Er ging nach seiner Wohnung und erlöste einen +kleinen schwarzen Pudel aus seiner Gefangenschaft, ein wertvolles Tier, +das er dressierte; denn es war ein rechter Tolpatsch. + +Auf der Straße war richtiges Tauwetter, so daß der Hund gleich Weisung +bekam, auf dem Trottoir zu bleiben, wo es sauber war. Nach ein paar +lustigen Seitensprüngen hatte es Erfolg; der Hund hatte Angst vor +Jörgens dünnem Stock. + +Schon von weitem sah er Marys schlanke Gestalt. Sie stand mit dem Rücken +nach ihm, gegen das Schloß gewandt. Kein Passant weiter, kein Mensch +sonst vor dem Hôtel. Sein Herz klopfte heftig; allzuviel Mut hatte er +nicht. + +Sie wurde ihn gewahr, als der Hund auf sie zulief wie auf einen guten +alten Freund, Sie hatte Hunde sehr gern; einzig das Wanderleben hatte +sie abgehalten, sich einen anzuschaffen. Und dieser war so sauber, so +hübsch und so appetitlich, so ganz nach ihrem Geschmack, daß sie sich +unwillkürlich zu ihm hinunterbeugte; im gleichen Augenblick sah sie +Jörgen. Sie richtete sich sofort in die Höhe: "Ist das Dein Hund?" +fragte sie, als hätten sie sich vor einer halben Stunde hier auf der +Straße getrennt. "Ja", antwortete er, indem er ehrerbietig den Hut zog. +Da bückte sie sich wieder zu dem Hunde hinunter und streichelte ihn. +"Nein, wie bist Du niedlich! Du reizender Kerl! Nicht anspringen!" +--"Nicht anspringen!" klang es verstärkt von Jörgen her. Sie +richtete sich wieder in die Höhe. "Wohin gehen wir?" sagte sie, "ich bin +noch nie hier gewesen."--"Wir können ja geradeaus gehen und dann um die +Ecke, dann kommen wir an das John Ericson-Denkmal."--"Ja, das möchte ich +gern sehen." Sie setzten sich in Bewegung. + +"Wirst Du herkommen?" rief Jörgen dem Hunde zu und hob den Stock. Jörgen +fühlte sich verletzt, daß sie ihm nicht einmal die Hand gegeben hatte. +Wehleidig kam der Hund an; aber bald war er wieder vergnügt, denn Mary +sprach mit ihm und streichelte ihn. + +"Ich habe einen kleinen Abstecher nach Amerika gemacht", sagte +sie.--"Ja, das hab' ich gehört."-- + +"Die fünfzigtausend Kronen, von denen Du sprachst, fand ich nicht in den +Büchern, und ich dachte mir, es müsse noch eine Abrechnung da sein, die +das Vermögen in Amerika betraf. Und so war es auch. Folglich wurde es +nötig, hinzureisen, um zu retten, was noch zu retten war. Die Hauptsumme +war verloren." + +"Wie verlief die Sache?"--"Ich habe das mitgebracht, was von den Zinsen +in all den Jahren nicht aufgebraucht war." + +--"Das Geld war gut angelegt?"--"Ich glaube besser, als es in Europa +möglich gewesen wäre."-- + +Hier gab es ein kleines Intermezzo. Der Hund war vom Trottoir +heruntergelaufen und bekam ein paar Hiebe. Das empörte Mary. "Herrgott, +der Hund weiß das doch nicht."--"Oh, er weiß es recht gut. Aber er hat +nicht gehorchen gelernt." + +Sie gingen ziemlich schnell weiter. "Warum erzählst Du mir das?" fragte +Jörgen. "Weil wir jetzt heiraten können."--"Ja, wieviel ist es +denn?"--"Zweihunderttausend."--"Dollar?"--"Nein, Kronen. Und dann noch +die Fünfzigtausend."--"Das ist nicht genug."--"Zusammen mit dem, was +wir sonst noch haben?"--"Dies 'sonst' bringt augenblicklich nahezu +nichts ein. Das weißt Du doch." + +Mary begann sich elend zu fühlen. Er merkte es ihrer Stimme an, als sie +sagte: + +"Wir haben doch den Wald in Reserve."--"Der frühestens in drei Jahren +abgeholzt werden kann? Vielleicht erst in vier, fünf? Es kommt auf das +Wachstum an."--Mary sah ein, daß, er recht hatte; warum hatte sie dies +erwähnt? + +"Aber zehn, zwölftausend Kronen jährlich ...?"--"In unserer Stellung +will das nicht viel sagen." + +Wieder ein Intermezzo. Hier war kein Trottoir, sondern ein großer, +freier Platz mit rechtem Morast. Sie hatten beide den Hund vergessen. +Ein dicker, schmutziger Schifferhund, auch ein Pudel, war auf Landurlaub +mit ein paar Matrosen, die die Straße entlangschlenderten. Diesem +willkommenen Kameraden hatte Jörgens Hund sich angeschlossen. Er wurde +mit Not und Mühe zurückgerufen, schmutzig, wie er schon war. Als Mary +auch rief, kam er freudig und glückselig an, bekam aber einen Schlag mit +der Peitsche und winselte.--"Es ist doch merkwürdig," sagte Mary, "daß +Du mit so einem netten Hund nicht Frieden halten kannst!" Sie dachte an +den alten Finnenhund bei ihren Nachbarsleuten daheim, gegen den er auch +so häßlich gewesen war. Jörgen antwortete nicht. Der Hund aber lief +demütig hinterher, und als Jörgen sich davon überzeugt hatte, sagte er: +"Weiß Onkel Klaus etwas von dem Vermögen?"--"Ich glaube, außer uns weiß +kein Mensch etwas davon.--Warum fragst Du?"--"Es ist richtiger, mit +Onkel Klaus zu reden."--Sie blieb verwundert stehen: "Mit Onkel Klaus?" +Jörgen stand auch still. Jetzt sahen sie sich an. "Wir kommen weiter +damit", sagte Jörgen. "Bei Onkel Klaus?" sie sah ihn starr an. Sie +verstand ihn nicht. "Für die Ehre der Familie tut er viel", sagte Jörgen +mit einem raschen Seitenblick, indem er weiterging. Sie war kreidebleich +geworden, folgte ihm aber. "Müssen wir uns Onkel Klaus anvertrauen?" +flüsterte sie hinter ihm. Weiter konnte die Demütigung nicht gehen. "Wir +tun es!" antwortete er aufmunternd und beinahe fröhlich; "jetzt sagt er +nicht nein." Hatte er das mit in Berechnung gezogen? + +Er kam näher an sie heran: "Sieh mal, wenn Onkel Klaus nichts von dem +Vermögen weiß, bekommen wir mehr!" + +Er hatte es gut durchdacht! So widerlich ihr das war, es imponierte ihr +doch. Jörgen war gewiß bedeutender, als sie geglaubt hatte. Wenn er erst +all seine Fähigkeiten entfaltet hatte, würde er noch andere als sie +überraschen. + +Sie zog sich zusammen wie ein Blatt bei übermäßiger Hitze. "Willst Du +die Sache mit Onkel Klaus selbst in Ordnung bringen?"--"Ich reise +natürlich sofort mit Dir nach Hause. Du hättest nicht zu kommen +brauchen; eine Mitteilung hätte genügt." + +Sie ging mit gesenktem Kopf neben ihm her und zitterte am ganzen Leibe. +Seine Überlegenheit ängstigte und lahmte sie; seine Erwägungen +verursachten ihr Übelkeit. Es war, wie schon einmal, daß sie einen Fuß +nicht vor den andern setzen konnte; sie konnte nicht weiter. + +Da hörte sie Jörgen rufen: "Komm her, kleiner Satan!" Wieder der Hund. +Dieser schmutzige Lümmel von Kamerad hatte ihn abermals vom Weg der +Pflicht fortgelockt. Jörgens Stimme hatte so etwas Eigentümliches, wenn +sie befahl: sie war gedämpft und scharf zugleich. + +Der Hund kannte sie und ließ es dabei bewenden, zweifelnd aufzublicken. +Da er aber mit einem glücklichen Leichtsinn begabt war, warf er sich +plötzlich lustig auf seinen Kameraden und nahm das Spiel wieder auf, +als sei nichts geschehen. + +Mary stand und zog eine Lehre daraus. Es war gerade an dem John +Ericson-Denkmal, wo dies geschah. Sie blickte zu dem Kunstwerk auf; sie +schaute in John Ericsons große, gute, nachdenkliche Augen, bis ihre +eigenen sich mit Tränen füllten. Sie war so unglücklich. + +Währenddessen plagte sich Jörgen mit dem Hunde. Sein Erziehungsprinzip +war, daß der Hund nie im Streit mit seinem Herrn seinen Willen bekam. +"Komm her, Du kleiner Rumtreiber", sagte er schmeichelnd. Der Hund war +ganz verdutzt. Er hielt mitten im Spielen inne. "Na, so komm doch, +Freundchen!" Er sprang mit ein paar lustigen Sätzen auf ihn zu, er +dachte an gute, gemütliche Stunden; vielleicht war dies so eine? Aber +woran es nun lag,--ihm stiegen Zweifel auf, er warf sich herum und +wälzte sich bald wieder mit seinem schmutzigen Freunde auf der Straße. + +Die Vorübergehenden standen still; sie hatten ihren Spaß an dem +Ungehorsam des Hundes. Das reizte Jörgen. Mary fühlte es, und sie wollte +dem Hunde helfen; sie stand hinter Jörgen und sagte leise auf +französisch: "Es ist nicht recht, ihn erst zu locken und dann zu +schlagen." Aber da wurde Jörgen noch eigensinniger. "Davon verstehst Du +nichts", antwortete er auch auf französisch und lockte den Hund wieder. + +Mit der unüberlegten Leichtgläubigkeit, die freundlichen kleinen Hunden +eigen ist, hielt der Hund im Spiel inne und sah nach ihm hin. Den Stock +hinter sich, kam Jörgen auf ihn zu und lockte ihn. Er war wütend über +das Lachen der andern, versteckte seine Wut aber hinter sanften Worten. +"Komm doch, Freundchen!" + +"Trau' ihm nicht!" rief ein englischer Matrose; aber es war zu spät. +Jörgen hatte ihn schon an dem einen langen Ohr gepackt. Der Hund heulte +auf, Jörgen mußte ihn gekniffen haben. Mary rief auf französisch: +"Schlag ihn nicht!" Aber Jörgen schlug ihn trotzdem. Nicht sehr hart, +aber der Hund heulte fürchterlich; er hatte solche Angst. Jörgen schlug +ihn wieder; auch jetzt nicht hart, mehr um die ganze Gesellschaft zu +ärgern. Der Hund schrie so gottsjämmerlich, daß Mary nicht hinsehen +konnte. Sie blickte hinauf in John Ericsons gute, große Augen und sagte: +"Mit diesen Schlag hast Du mich von Dir getrennt, Jörgen!" + +Im Nu ließ er den Hund los und richtete sich auf. Er sah ihre flammenden +Augen, das weiße Gesicht und die schlanke, stolz aufgerichtete Gestalt. +Über ihr John Ericsons Haupt. + +Nur einen Augenblick. Dann hatte sie sich umgedreht und schritt in +leichtem, frohem Tempo davon--der Hund hinterher. + +Die Leute lachten, die englischen Matrosen mit herausforderndem +Spott,--Jörgen ging hinterher. + +Aber als sie merkte, daß der Hund ihr folgte und nicht ihm, und als +seine Augen die ihren suchten, um zu erfahren, was sie jetzt wolle, da +schlug ihre ganze Angst in ausgelassene Fröhlichkeit um. Das war so ihre +Art. Sie klatschte in die Hände und lief, und der Hund sprang kläffend +um sie herum. + +Der Bann war gebrochen, die Schande getilgt,--nun ade Jörgen und alles, +was drum und dran ist! + +"Nicht wahr, Du kleiner Befreier?" Der bellte. + +Sie sah sich nach Jörgen um. Er getraute sich anstandshalber nicht so +schnell zu gehen. + +"Aber wir beide getrauen uns, nicht wahr?" Sie klatschte wieder in die +Hände und lief, und der Hund lief bellend mit. + +Dann schlug sie ein langsameres Tempo an; sie spielte mit ihm und +plauderte mit ihm; Jörgen war ja so weit zurück. "Eigentlich müßtest Du +'Liberator' heißen, aber der Name ist zu lang für so einen kleinen, +schwarzen Hanswurst. Du sollst John heißen,--ja, das sollst Du! Du +sollst nach dem heißen, der mich angeblickt hat, daß ich Mut bekam!" +Wieder lief sie weiter und der Hund mit. "Du folgst mir und nicht ihm! +Das ist recht, das ist gut! Das hat der auch getan, nach dem Du heißt. +Er folgte den Sklavenpeitschen nicht; er hielt zu denen, die Freiheit +brachten!" Jetzt bogen sie um die Ecke, Jörgen war nicht zu sehen. + +--Als er nachher ins Hotel kam, ließ sie sich verleugnen; und doch hatte +er sie hineingehen sehen. Er sagte, sie habe seinen Hund. Ja, davon +wisse man nichts. + +Er mußte gehen. Er hatte sie wie auch den Hund verloren. + +Oben auf ihrem Zimmer aber fragte Mary den Hund: "Willst Du mir gehören? +Willst Du bei mir bleiben, Du kleiner, schwarzer John?" Sie klatschte in +die Hände, damit er sein fröhliches Ja bellen solle. Damit war die +Eigentumsfrage entschieden. Sie bekam einen Brief von Jörgen, vermutlich +über diesen Punkt; den verbrannte sie ungelesen. + +Sie nahm an, sie werde ihn auf dem Bahnhof treffen, wenn der Zug nach +Norwegen abfuhr, und dann werde er sein Recht fordern. Sie kam mutig +angefahren, ihren frischgewaschenen, gekämmten und parfümierten Hund +neben sich. Jörgen war nicht da. + + * * * * * + +Sie schlief die ganze Nacht, den Hund auf ihrer Reisedecke. + +Aber mit dem Morgen kamen die Gedanken. Nun war sie allein. Hatte allein +die Verantwortung. + +Bis jetzt hatte sie sich ja selbst mit aller Gewalt in den einzigen +engen Ausweg hineingehetzt: sich sofort mit Jörgen zu verheiraten, auf +einer Reise ins Ausland dem Kinde das Leben zu geben--und dann bis ins +Unendliche auszuhalten. + +Aber sich mit einem Menschen zu verheiraten, den sie verabscheute, nur +um sich ein Feigenblatt zu leihen,--wie unverständlich ihr das jetzt +geworden war! Sie hatte es versucht, weil man in ihrer Umgebung so +dachte, und weil sie in einer Sonderstellung war; die duldete keinen +Fleck auf dem Festgewande. + +Aber jetzt sagte sie "pfui, pfui!" ganz laut. Und als der Hund sofort +aufblickte, fügte sie hinzu: "Dies war meine 'Hundereise', will ich Dir +sagen! Der Abschluß meiner 'Hundegeschichte'!" + +Aber was nun? + +Sie wußte, was man noch tun konnte. Aber dann mußte man zwei Mitwisser +haben, Jörgen und noch einen. Das war zuviel. Dann konnte sie nicht +stolz und frei dahinschreiten,--und das mußte sie können. + +Ja, was nun? + +Solange die "Hundereise", die "Hundegeschichte" ihr wie ein Befehl +erschienen war, wie etwas um ihrer Ehre willen unumgänglich Notwendiges, +hatte sie an die letzte, an die allerletzte Zufluchtsstätte nicht im +Ernst gedacht. + +Jetzt war es ernst. + +Sie sah traurig in die treuherzigen Augen des Hundes, als suche sie auch +hier einen Ausweg. Sie begegnete der unverfälschtesten Lebenslust und +Anhänglichkeit. Sie schmiegte ihren Kopf in sein Fell und weinte. Sie +war noch so jung,--sie hatte keine Lust zu sterben. + +Zum erstenmal weinte sie über sich selbst; sie tat sich leid. Sie konnte +nicht begreifen, womit sie dies verdient habe. Auch konnte sie sich +nicht klar werden, wie es gekommen war. + +Der Hund merkte, daß sie nicht froh sei. Er leckte ihr die Hände und +guckte ihr in die Augen. Er winselte, weil er hochwollte und sie +trösten. + +Da nahm sie ihn auf und beugte sich über ihn, was er als Spiel auffaßte. +Er schnappte nach ihren Händen. Darauf ging sie ein. Die fröhlichste +Kinderei begann zwischen den beiden und wollte gar kein Ende nehmen, +weil er nicht genug bekommen konnte; immer wenn sie aufhörte, fing er +wieder an. + +Da begann sie mit ihm zu plaudern: "Kleiner, schwarzer John, Du kommst +mir wie ein Neger vor. Du erinnerst mich daran, daß Dein Name die Neger +befreit hat. Befreit von der Sklaverei. Du hast mich davor bewahrt, in +die Sklaverei zu kommen. + +"Aber es ist eine schlechte Befreiung, weißt Du, wenn ich nicht mit Dir +weiter leben darf. Findest Du das nicht auch?" Und dann weinte sie +wieder.----Mit dichtverschleiertem Gesicht fuhr sie durch die Stadt von +einem Bahnhof zum andern, den Hund neben sich auf dem Sitz. Sie sah +keinen Bekannten. Aber wenn die wüßten--? + +Oh, diese gerichtete und getötete Krähe, die Jörgen aufheben wollte, und +vor der sie weglief,--sie wußte gar nicht, daß sie die so genau gesehen +hatte! Den zerfetzten Hals, den zerhackten Bauch, die leeren +Augenhöhlen,--das rote Fleisch grinste sie an, sie kam während dieser +ganzen schrecklichen Fahrt nicht davon los. + +Hier draußen war's Winter. Sie hatte seit vielen Jahren keinen Winter +mehr gesehen. Die absterbende, hinwelkende Natur hatte sie gesehen, aber +nicht die Umwandlungskraft des Winters, die die Verödung mit dem +allerweißesten Weiß zudeckt und in Wald und Feld willkürlich +Veränderungen schafft. Der Fjord war noch nicht zugefroren; er rauschte +schwarzgrau von allen Seiten heran, herausfordernd, hart, wie ein +Ungeheuer, das nach Kampf dürstet. + +Die Fahrt durch die Stadt hatte ihre Phantasie aufgerührt, die jetzt in +die Gewalt der Naturkräfte geriet. Ihre Ohnmacht wurde ihr umso tiefer +fühlbar. Konnte _sie_ den Kampf aufnehmen? Konnte sie ans Ziel kommen, +bis die Zeit der Umwandlung da war? Sie mußte sich vorher ins Wasser +stürzen. + +Wie sie mit diesen Gedanken spielte,--sah sie ihres Vaters Gesicht vor +sich. Wie konnte sie leben, ohne ihm zu sagen, was bevorstand? Nie, nie +konnte sie ihm das sagen. Sie konnte ihm nicht einmal sagen, daß es mit +Jörgen aus sei. Er würde das nicht ertragen können. + +Wenn sie statt zu reden--verschwände?! Du ewiger Himmel; das würde ihn +auf der Stelle töten. + +Auf der ganzen Fahrt keine Angst mehr vor den andern und nicht ein +bißchen Angst vor sich selber, einzig und allein vor ihm.-- + +--So ermattet, so voller Seelenangst kam sie heim, daß sie zu weinen +anfing, als sie das Haus erblickte. Einen so schweren Gang waren wohl +nicht viele gegangen. Selbst die Freudensprünge des Hundes, als er +festen Boden unter sich hatte, konnten sie nicht ablenken. Sie ging nach +oben, um sich zu waschen und umzukleiden, und bat, man möge ihren Vater +und Frau Dawes benachrichtigen, daß sie wieder da sei. Das kleine +Mädchen war mit in ihrem Zimmer und half ihr; es war Mary nicht +angenehm, daß Nanna in jedem freien Augenblick mit dem Hunde spielte; +aber sie sagte nichts. + +Sie sah sehr angegriffen aus. Daß sie geweint hatte, war deutlich zu +sehen. + +Aber das war vielleicht ganz gut. Dann merkte er doch gleich, daß es +nicht gut stehe. Wenn er es nur überstände! Sie mußte ihm dann schnell +auseinandersetzen, daß die Reise lang und beschwerlich gewesen sei, und +daß Jörgen das Vermögen in ihrer Stellung nicht ausreichend finde, um +sich daraufhin zu verheiraten. Sie müßten auf Onkel Klaus warten. + +Wenn sie weinen mußte, und das mußte sie sicher, so müde und verzagt, +wie sie jetzt war, so war das eine Vorbereitung für das nächste Mal. +Wenn er es nur überstände. + +Aber was sollte sie anders tun? Wenn sie nicht sofort kam, ahnte er +Unheil und ängstigte sich, und das konnte er auch nicht vertragen. + +Sie zitterte, als sie vor der Tür stand. Nicht bloß aus Angst vor ihm, +nein, auch weil sie nicht vor ihm niedersinken und ihm alles sagen und +sich bei ihm ausweinen durfte. Wie schrecklich das alles war.-- + +Aber das Leben ist manchmal barmherzig. + +Er war nicht von ihrer Ankunft benachrichtigt worden, weil er schlief. +Die Pflegerin stand draußen auf dem Flur, um Mary Bescheid zu sagen, +wenn sie komme. Warum sie nicht anklopfte und es ihr durch die Tür +zurief? Weil das nun einmal so ihre Art war. Als Mary jetzt herauskam, +stand aber die Pflegerin nicht auf dem Flur, sondern auf der Treppe. Das +Mädchen brachte nämlich das Mittagessen für den Kranken; das holte die +Pflegerin sonst immer selbst, und geniert, daß sie es heute nicht hatte +tun können, wollte sie ihr doch wenigstens entgegengehen und es ihr auf +der Treppe abnehmen. + +Gerade in diesem Augenblick öffnete Mary die Tür zu ihres Vaters Zimmer. +Sie blieb auf der Schwelle stehen, weil die Pflegerin jetzt auf sie +zukam und flüsterte: "Er schläft, gnädiges Fräulein!" + +Der Hund aber kümmerte sich nicht darum. Der war schon drin, hatte die +Pfoten auf den Bettrand gelegt und das Gesicht war dicht vor dem Antlitz +des Kranken, der gerade aufwachte. Aufwachte, wo diese schwarze Fratze +ihm in die Augen starrte. Sie öffneten sich weit und schweiften voll +Entsetzen durch das Zimmer, wo sie Marys Blick begegneten. Sie stand +bleich und wie gelähmt vor Schreck in der Tür. Er wandte den Kopf nach +ihr hin, seine Augen blieben an ihr hängen, es kam ein Seherblick in +sie. Dann sank der Kopf zurück. + +"Er stirbt!" schrie die Pflegerin hinter ihr auf. Sie setzte das Tablett +hin und eilte zu ihm. + +Mary konnte es zuerst nicht glauben; aber als sie es begriff, warf sie +sich mit einem herzzerreißenden Schrei über ihn. Der fand im Zimmer +nebenan bei Frau Dawes einen Widerhall. Als sie dorthin eilten, lag sie +ohne Bewußtsein. Sie kam nachher so weit zu sich, daß sie die Zunge +bewegen konnte. Sie stammelte allerhand in einem krausen Englisch, das +keiner verstand;--der Arzt aber sagte, es sei mit ihr gewiß auch bald +aus. Der Vater war tot. + +Mary klammerte sich an ihren Verstand, als halte sie ihn in ihren +Händen. Jetzt galt es, jetzt galt es; nur nicht nachgeben. Nicht +schreien, nicht denken. Denn sie hatte ihn ja nicht getötet! Es hieß: +fassen und begreifen, was die andern sagten, und dem Vorschlag +beistimmen, daß ihres Vaters Schwester geholt werden solle. Es galt, +ihrem eigenen Jammer nicht freien Lauf zu lassen, als sie die Trauer der +Tante sah. Es galt, es galt! "Hilf mir, hilf mir," schrie sie, "daß ich +nicht wahnsinnig werde!" Und zum Doktor sagte sie: "Ich habe ihn nicht +getötet,--oder doch?" + +Er schickte sie zu Bett, machte ihr kalte Umschläge und verließ sie +nicht. Auch er versicherte, es gelte! + +Erst als die kleine Nanna am andern Morgen früh mit dem Hunde zu ihr kam +und der bei ihr im Bett liegen wollte, konnte sie weinen. + +Im Lauf des Tages wurde es besser; denn durch das Telephon strömte eine +so gewaltige Menge von Telegrammen ins Haus, und es war eine so +herzliche, oft tiefbewegte Teilnahme in ihnen ausgedrückt, daß ihre +Trauer davor schmolz. Dieses Mitgefühl, diese Bewunderung für ihren +Vater und der innige Wunsch, sie zu trösten und zu stärken, halfen ihr. +Durch die unvorsichtige Abschrift einer dieser telephonischen Depeschen +erfuhr sie, daß auch Frau Dawes tot war. Man hatte sich nicht getraut, +es ihr zu sagen. Aber die große allgemeine Teilnahme half ihr auch +darüber hinweg. Jetzt erst verstand sie die Teilnahme ganz. Alle außer +ihr hatten gewußt, daß sie die beiden verloren hatte, und daß sie nun +ganz allein stand. + +Am meisten erschütterte sie ein Telegramm aus Paris, das folgenden +Wortlaut hatte: "Meine geliebte Mary! Wenn Dich in Deinem großen Schmerz +das Bewußtsein trösten kann, daß Du bei mir ausruhen kannst, so bestimme +über mich; ich will mit Dir reisen, ich will zu Dir kommen, ganz wie Du +wünschst! Treulich Deine Alice." + +Sie ahnte, wer Alice benachrichtigt hatte. + +Auch Jörgen telegraphierte: "Wenn ich Dir im geringsten nützlich sein +oder Dich trösten kann, so komme ich sofort. Ich bin zerschmettert und +verzweifelt." + +Die gleiche rührende und ehrenvolle Teilnahme zeigte sich auch beim +Begräbnis, das drei Tage später stattfand. Man hatte es um Marys willen +möglichst früh angesetzt. + +Es kamen Blumensendungen ohne Ende, vor allem aber ein Kranz von Alice. +Frische norwegische Blumen. + +Er wurde zu Mary hinaufgebracht, sie wollte ihn sehen. Das ganze Haus +war von Blumenduft erfüllt, mitten im Winter; der Hauch der Liebe +breitete sich über die Schlummernden. + +Sie war nicht unten; sie mochte die Särge und die Blumen und die +Vorbereitungen nicht sehen. Unten in den Zimmern wurden denen, die +weither kamen, Erfrischungen gereicht. + +Aber es erschienen viel mehr Menschen, als das Haus fassen konnte, und +unten an der Kapelle war ein noch größerer Andrang. + +Der Pfarrer fragte, ob er zu dem gnädigen Fräulein hinaufkommen dürfe. +Sie ließ ihm danken, sagte aber nein. + +Gleich darauf fragte die kleine Nanna, ob "Onkel Klaus" sie begrüßen +dürfe. Er hatte ein rührendes Telegramm geschickt und angefragt, ob er +ihr irgendwie behilflich sein könne. Außerdem war der Kranz von ihm so +großartig,--wie die Dienstboten versicherten--daß man auch den nach oben +gebracht hatte, damit sie sich ihn ansehen solle. + +Sie sagte ja. Und herein kam der große Mann im schwarzen Anzug, +schnaufend, als falle ihm das Atmen schwer. Kaum war er im Zimmer und +sah Mary wie eine Elfenbeinstatue mit dem schwarzen Kleid neben ihrem +Bett stehen, da setzte er sich auf den nächsten Stuhl und brach in +Tränen aus. Es klang, als wenn in einer großen Uhr die Feder springt und +das ganze losschnarrt. Es war das Weinen eines Mannes, der seit seiner +Kindheit nicht mehr geweint hatte. Ein Weinen, das sich über sich selbst +entsetzte. Er sah nicht auf. + +Aber er hatte etwas auf dem Herzen, das merkte sie. Es war, als wolle er +ein paarmal einen Anlauf nehmen, aber dann packte ihn das Weinen noch +schlimmer. Da winkte er mit der Hand ab. Das galt nicht ihr, das galt +ihm selbst; er konnte nicht. Er stand auf und ging. Die Tür machte er +nicht hinter sich zu. Sie hörte ihn schluchzen den Flur entlang und die +Treppe hinunter. Vermutlich brach er jetzt sofort auf. + +Mary war ergriffen. Sie wußte, ihr Vater war sein bester, vielleicht +sein einziger Freund gewesen. Aber sie ahnte, daß das Weinen nicht nur +ihrem Vater galt; es lag auch unmittelbare Teilnahme darin und Reue. +Sonst wäre er unten am Sarge geblieben. + +Die schöne Glocke der Kapelle begann zu läuten. Der Hund, der den ganzen +Tag bei ihr im Zimmer hatte bleiben müssen und sehr unruhig gewesen war, +stürzte jetzt ans Fenster, das auf die See hinausging, und legte die +Pfoten aufs Fensterbrett, um hinauszusehen. Mary trat zu ihm. + +Im selben Augenblick fuhr Onkel Klaus fort. Unten in den Zimmern aber +wurde ein Choral angestimmt, das Trauergefolge kam. Die beiden Särge +wurden von Bauern der Umgegend getragen. Als der erste herauskam, sank +Mary in die Knie und weinte, als solle das Herz ihr brechen. Weiter sah +sie nichts. + +Sie lag auf dem Bett, das Glockengeläute schnitt ihr ins Herz; sie hatte +das Gefühl, es müsse Furchen durch die Seele ziehen. Ihre Sinne +verwirrten sich immer mehr; sie war überzeugt, ihr Vater habe, als sie +in der Tür stand, in sie hineingesehen, und daran sei er gestorben. Frau +Dawes war ihm wie immer gefolgt. Er war die einzige, große Liebe ihres +Lebens gewesen. Jetzt waren sie beide bei ihr. Auch ihre Mutter in einem +weißen, schleppenden Kleide. "Du frierst, Kind!" Sie nahm sie in die +Arme, denn Mary war wieder ein kleines Kind und ganz unschuldig. Darüber +schlief sie ein. + +Aber als sie aufwachte und draußen und drinnen keinen Laut hörte,--das +Haus war leer ... da faltete sie die Hände und sagte halblaut: "Es war +das beste für uns drei. Das Schicksal war barmherzig mit uns." + +Sie sah sich nach dem Hund um; sie brauchte Teilnahme. Aber irgendeiner +mußte ihn hinausgelassen haben, während sie schlief. + +Das genügte, um wieder in Tränen auszubrechen. Perle auf Perle aus der +unerschöpflichen Schmerzensquelle rann ihr über Wangen und Hände, wie +sie so dalag und den schweren Kopf stützte. + +"Jetzt kann ich anfangen, wieder an mich selbst zu denken. Jetzt bin ich +allein." + + * * * * * + +Entscheidung + + +Am nächsten Tage ging sie zu den Gräbern hinunter. Ihr Schmerz wurde +durch einen kleinen Zwischenfall abgelenkt. + +Es war Sonnabend und morgen war einer der wenigen Sonntage des Jahres, +da in der Kapelle Gottesdienst stattfand. Zu solchen Tagen pflegten wohl +die Gräber geschmückt zu werden. Da das rechte Nachbargehöft früher zu +Krogskog gehört hatte, hatten die Leute hier ihren Begräbnisplatz. Die +Frau war hingekommen, um ein frisches Grab zu schmücken, und der alte +Wolfshund hatte sie begleitet. Natürlich flog Marys kleiner Pudel +treuherzig auf ihn zu, und zu Marys und der Frau Erstaunen nahm der alte +Hund nach einer umständlichen und vorsichtigen Beriechung den kleinen +Narren in seine Freundschaft auf. Er, der sonst keine jungen Hunde +leiden mochte, verliebte sich in ihn. Er litt, daß er ihn an den Ohren +zerrte und ihn in die Beine biß, ja, er legte sich vor ihm nieder und +spielte den Überwundenen. Mary machte das solche Freude, daß sie die +Frau ein Stück begleitete, um dem Spiel zuzusehen. Und sie wurde dafür +belohnt; denn sie hörte warme Lobesworte über ihren Vater und einen +Widerhall all dessen, was in diesen Tagen in der Umgegend gesprochen +worden war und den Grund zu seinem Nachruhm legte. + +Als sie mit dem Hunde, der jetzt sehr aufgekratzt war, wieder nach Hause +ging, dachte sie: werde ich wohl Mutter ähnlich? Ist irgend etwas in +mir, das bisher keinen Platz gehabt hat? Etwas Idyllisches? + +Es warteten ihrer an diesem Tage zwei Dinge. + +Das eine war ein Brief von Onkel Klaus, er nannte sie "Hochverehrtes, +liebes Patenkind, Fräulein Mary Krog." + +Daß er ihr Pate war, hatte sie nicht geahnt. Das hatte ihr Vater ihr nie +gesagt; wahrscheinlich wußte er es gar nicht. + +Onkel Klaus schrieb: + +"Es gibt Gefühle, die zu stark für Worte sind, zumal für geschriebene. +Ich bin kein Held der Feder; ich nehme mir nur die Freiheit, Dir +schriftlich mitzuteilen,--weil ich es mündlich nicht konnte,--daß ich an +demselben Tage, da mein unvergeßlicher Freund, Dein Vater, starb, und +Frau Dawes, Deine edle Pflegemutter, gleichfalls starb, und Du allein +zurückbliebst, Dich, mein liebes Patenkind, zu meiner Erbin eingesetzt +habe. + +Mein Vermögen ist bei weitem nicht so groß, wie allgemein angenommen +wird; ich habe auch in der letzten Zeit viel Pech gehabt. Aber es ist +schließlich doch genug für uns beide, wenn Du Deinen Teil verwaltest und +nicht Jörgen. Ich gehe nämlich davon aus, daß Ihr jetzt heiratet. + +Seit vielen Jahren habe ich Frau Dawes' Testament bei mir liegen, wie +ich auch ihr Geld in Verwaltung gehabt habe. Gestern habe ich das +Testament geöffnet. Sie hat Dir alles vermacht, was sie besitzt. Es sind +wohl an sechzigtausend Kronen. Aber es ist mit diesem Gelde ebenso +bestellt wie mit dem Gelde Deines Vaters: es trägt zurzeit so gut wie +keine Zinsen. + +Dein Pate Klaus Krog." + +Mary antwortete sofort: + +"Mein lieber Pate! + +Dein Brief hat mich tief gerührt. Ich danke Dir von ganzem Herzen. + +Aber Dein großes Geschenk darf ich nicht annehmen. + +Jörgen ist doch Dein Pflegesohn, und ich möchte ihm in keiner Weise im +Wege stehen. + +Du darfst mir das nicht übelnehmen. Ich kann unmöglich anders handeln. + +Über Frau Dawes' Testament werde ich später meine Bestimmungen treffen +und sie Dir dann mitteilen. + +Deine dankbare + +Mary Krog." + +Als sie den Brief fertig hatte, hörte sie einen Wagen vorfahren. Gleich +darauf wurde ihr eine Visitenkarte überbracht; darauf stand: Margrete +Röy, cand. med. + +Es dauerte eine Weile, bis sie hereinkam; sie hatte ihren Reisemantel +abgenommen; es war ein kalter Tag. Das erhöhte Marys Spannung +beträchtlich, so daß sie, als die hohe, kräftige Frauengestalt mit den +guten Augen in der Tür stand, blaß wurde und zitterte. Sie merkte, was +das auf die guten Augen für einen Eindruck machte, die jetzt ihr ganzes +Mitgefühl über sie hinströmten. Als kennten sie beide sich seit vielen +Jahren, ging Mary ihr entgegen, legte den Kopf an ihre Schulter und +weinte. Margrete Röy zog das unglückliche Mädchen warm an ihre Brust. + +Sie setzten sich. Sie wollte sich erkundigen, wann Mary ins Ausland +gehe. Mary war sehr erstaunt: "Habe ich darüber mit jemandem +gesprochen?"--Margrete Röy erklärte ihr, sie habe es von der Pflegerin +erfahren. "Ach," antwortete Mary, "was ich in dem Zustand gesagt habe, +weiß ich nicht mehr. Ich habe jedenfalls nachher nicht wieder daran +gedacht." + +"Also Sie wollen nicht fort?" Mary bedachte sich eine Weile. "Ich kann +es wirklich noch nicht sagen. Soweit bin ich noch nicht wieder zu mir +selbst gekommen." Margrete Röy wurde verlegen. Das sah Mary, oder +richtiger, sie fühlte es. "Wollen Sie etwa auch ins Ausland?" fragte +sie. "Ja. Ich wollte hören, ob ich Ihnen irgendwie dienlich sein kann, +dann wollte ich meine Reise nach Ihrer einrichten."--"Wohin reisen Sie +denn?"--"Ich reise im Interesse meines Studiums und fange mit Paris an. +Die Pflegerin sagte mir, dahin wollten Sie auch", fügte sie hinzu. Sie +war ganz schüchtern geworden. Sie hatte Mary helfen wollen und kam sich +nun aufdringlich vor. "Ich weiß, Sie meinen es gut", antwortete Mary. +"Es kann ja sein, daß ich von Paris gesprochen habe. Ich erinnere mich +nicht. In Wirklichkeit habe ich noch nichts beschlossen."--"Ja, dann +müssen Sie schon verzeihen. Dann beruht alles auf einem Mißverständnis." +Fräulein Röy stand auf. + +Mary hatte das Gefühl, sie müsse sie zurückhalten; aber sie hatte nicht +die Kraft. Erst an der Tür vertrat sie Fräulein Röy den Weg. "Ich möchte +in den nächsten Tagen einmal mit Ihnen sprechen, Fräulein Röy." Sie +sagte es sehr leise und blickte nicht auf. "Heute fühle ich mich nicht +kräftig genug", fügte sie hinzu.--"Das sehe ich. Das habe ich auch +angenommen. Deshalb habe ich Ihnen etwas mitgebracht, wovon Sie +vielleicht Gebrauch machen können. Es ist das beste Kräftigungsmittel, +das ich kenne." + +Nein, wie sympathisch ihr ganzes Wesen Mary berührte. Sie dankte ihr +herzlich. + +"Wenn ich etwas gesunder bin, komme ich also."--"Sie sollen mir +willkommen sein."--"Ja," sagte Mary errötend, "es ist Ihnen doch nicht +unangenehm, zu mir zu kommen?"--"In Ihr Haus am Markt?" fragte Margrete +Röy; sie wurde auch rot.--"In unser Haus am Markt, ja. Aber ich kann +wohl gar nicht mehr 'unser' sagen?" Ihr kamen wieder die Tränen. "Wenn +Sie mich nur verständigen, komme ich hin." + +Acht Tage später kam sie. + +In einem wütenden Novembersturm, wie man ihn schlimmer in jener Gegend +nie erlebt hatte. Das Wasser war noch nicht zugefroren, so daß Dampfer +verkehren konnten. Aber nur mit Not und Mühe. Und bei der Stadt mußten +sie Halt machen. + +Margrete Röy war höchlichst erstaunt, als sie an diesem Tage die +Nachricht erhielt, sie möge in das Krogsche Haus am Markt kommen. + +Sie kam in ein warmes behagliches Haus hinein und war doch gewohnt, es +ausgestorben mit heruntergelassenen Vorhängen zu sehen. Sie wurde eine +breite, altmodische Treppe hinaufgeführt; es war die ganze Stilart der +alten Stadthäuser zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. + +Mary saß in einem roten Boudoir, das seit den Lebzeiten ihrer Mutter +unverändert geblieben war. Sie saß auf dem Sofa unter einem großen +Porträt der Mutter. Als sie aufstand in ihrem schwarzen Kleide, bleich +und mit müden Augen unter dem roten Haar, da erschien sie Margrete Röy +wie die Verkörperung des Schmerzes, die schönste, die man sich +vorstellen konnte. Es lag eine Feiertagsruhe auf ihrem Wesen. Sie sprach +so leise, wie der Sturm draußen es irgend gestattete. + +"Ich fühle, Sie ehren das Leid eines anderen Menschen. Ich bin auch +überzeugt, daß Sie verschwiegen sind."--"Das bin ich."--Es dauerte eine +Weile, bis Mary sagte: "Was für ein Mensch ist Jörgen Thiis?"--"Was für +ein Mensch er ist?" + +"Aus verschiedenen Gründen nehme ich an, daß Sie mir das sagen +können."--"Da muß ich aber erst fragen: sind Sie nicht mit Jörgen Thiis +verlobt?"--"Nein."--"Man hat es gesagt."--Mary schwieg.--"Ja, sind Sie +denn auch nicht mit ihm verlobt gewesen?"--"Doch."--Da sagte Margrete +rasch und freudig: "Aber Sie haben die Verlobung aufgehoben?"--Mary +nickte.--"Das wird manchem eine Freude bereiten; Jörgen Thiis ist Ihrer +nicht würdig." Das schien Mary nicht in Erstaunen zu setzen. "Sie wissen +etwas?" fragte sie.--"Ein Frauenarzt, liebes Fräulein, weiß mehr, als er +erzählen kann."--"Aber ich glaube doch, er hat mich geliebt", sagte +Mary, um sich zu entschuldigen.--"Das haben wir alle gemerkt", +antwortete Margrete. "Er liebte Sie sicher mehr als je eine zuvor." Und +sie fügte hinzu: "Das war nicht zu verwundern ... Aber in Kristiania +habe ich ein junges, süßes Mädel gekannt, die damals seine Einzige war! +Sie war ganz aus dem Häuschen, und da sie sich nicht heiraten konnten, +gab sie sich ihm hin."--"Was tat sie?" Mary schrak auf; hatte sie recht +gehört? Es stürmte draußen so sehr, daß man einander schwer verstehen +konnte. Margrete wiederholte deutlich und mit Betonung: "Sie war ein +warmherziges Ding und glaubte, sie sei wirklich seine Einzige."--"Sie +konnten sich nicht heiraten?"--"Sie konnten sich nicht heiraten. Da gab +sie sich ihm hin." + +Mary fuhr in die Höhe, blieb aber stehen. Sie hatte etwas sagen wollen, +hielt aber inne. + +"Erschrecken Sie nicht so, Fräulein Krog, das ist nichts Seltenes." Bei +dieser Auslegung war es Mary, als sinke sie in eine tiefere Klasse +herab. Sie setzte sich langsam wieder hin. "Sie haben gewiß in solchen +Dingen gar keine Lebenserfahrung, Fräulein Krog."--Mary schüttelte den +Kopf.--"Dann wundert es mich, daß Sie beizeiten von Jörgen Thiis +losgekommen sind; der hat Routine."--Mary antwortete nicht. "Wir nahmen +an, Sie würden noch vor dem Herbst heiraten. Besonders als Ihr Vater und +Frau Dawes krank wurden."--"Das wollten wir auch, aber es stellte sich +als unmöglich heraus." + +Margrete konnte nicht ergründen, was hinter dieser rätselhaften Antwort +steckte. Aber sie sagte mit forschenden Augen: "Da wuchs wohl seine +Begierde ganz bedeutend?"--Es bebte in Mary, aber sie zwang es nieder. +"Sie scheinen ihn zu kennen?"--Margrete bedachte sich eine Weile: "Ja," +sagte sie, "ich bin ja älter als Sie,--auch älter als er. Aber--zu +meiner Schande sei's gesagt,--in Kristiania vergaffte ich mich auch in +ihn. Das merkte er--und versuchte sein Heil." Sie lachte. + +Mary wurde bleich, sie erhob sich und trat ans Fenster. Draußen +peitschten Sturm und Regen mit wachsender Gewalt gegen die Scheiben; sie +mußten jetzt ganz laut sprechen. Mary stand eine Weile und blickte in +das Unwetter hinaus, kam dann zurück und stellte sich aufgeregt und +unruhig vor Margrete hin. + +"Wollen Sie mir versprechen: niemals einem Menschen zu sagen, worüber +wir heute geredet haben?--Unter keinen Umständen?"--Margrete sah sie +verwundert an: "Ich soll niemandem erzählen, daß Sie mich nach Jörgen +Thiis gefragt haben?"--"Ich wünsche absolut, daß keiner es +erfährt."--"Auf wen geht das?"--Mary sah sie an: "Auf wen das geht?" Sie +verstand die Frage nicht. Margrete aber stand auf: "Ein Mensch kam +eigens in diese Stadt, um Ihnen zu sagen, daß Jörgen Thiis Ihrer nicht +würdig sei. Er kam zu spät. Aber mir scheint, er verdient zu erfahren, +daß Sie jetzt selbst dahintergekommen sind, was für ein Mensch Jörgen +Thiis ist."--Mary antwortete eifrig: "Dem sagen Sie's! Dem können Sie es +sagen.--So ist er deshalb gekommen?" fügte sie langsam hinzu. "Es ist +mir lieb, daß Sie mir das gesagt haben! Mein zweites Anliegen war +nämlich ... (sie hielt einen Augenblick inne); das zweite, was ich Ihnen +zu sagen hatte, war ... Sie sollen Ihren Bruder grüßen. Von mir."--"Das +will ich tun. Und ich danke Ihnen dafür! Sie wissen, was Sie meinem +Bruder sind." Marys Augen wichen ihr aus. Sie kämpfte eine Weile mit +sich. "Ich bin eine von den Unglücklichen," sagte sie, "die ihr eigenes +Leben nicht ins Lot bringen können,--nicht das, was geschehen ist. Ich +kann den Faden nicht finden. Aber mir ist, als wenn Ihr Bruder Anteil +daran habe."--Sie wollte wohl noch mehr sagen, vermochte es aber nicht. +Sie trat statt dessen wieder ans Fenster und blieb da stehen. Das +Unwetter draußen drang mit tausendstimmiger Wut ins Zimmer. Es schrie +förmlich nach ihr. "Herrgott, was für ein Wetter", sagte Margrete mit +lauter Stimme. "Ich freue mich, in das Wetter hinauszukommen", sagte +Mary, indem sie sich mit leuchtenden Augen umwandte. "Sie wollen in +diesem Wetter hinaus?" rief Margrete. "Ich will nach Hause gehen!" +antwortete Mary. "Noch obendrein gehen?!" Mary kam heran und stellte +sich vor sie hin, als wolle sie etwas Gewaltiges, Ungestümes sagen. Sie +hielt freilich inne; aber das Unausgesprochene stürmte empor in ihre +Augen, in ihr Gesicht, in ihre Brust, daß sie die Arme in die Luft +reckte und mit einem lauten Aufstöhnen auf das Sofa ihrer Mutter +niedersank. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. + +Da kniete Margrete vor ihr hin. Mary ließ sich umarmen und wie ein +müdes krankes Kind an ihre Brust ziehen. Auch das Weinen brach rührend +und hilflos wie das Weinen eines Kindes aus ihr hervor; ihr Kopf sank +auf die Schulter der Freundin. + +Nur einen Augenblick. Dann richtete sie sich mit einem Ruck empor. Denn +Margrete hatte ihr zugeflüstert: "Ihnen fehlt etwas. Sagen Sie es mir!" + +Kein Wort als Antwort. Da wagte Margrete nichts mehr zu sagen. Sie stand +auf; sie fühlte, hier war nichts mehr für sie zu tun. + +Mary tat auch nichts, um sie zurückzuhalten. Sie war auch aufgestanden, +und so sagten die beiden sich Lebewohl. + +Aber als Margrete an der Tür stand, konnte sie doch nicht umhin, noch +einmal zu fragen: "Wollen Sie wirklich hinaus--?" Mary nickte, als wolle +sie sagen: "Genug davon! Das ist meine Sache." + +Da ging Margrete. + + * * * * * + +Die Laternen brannten schon, als Mary vor ihrem Hause stand. Sie konnte +sich bei den Windstößen nur mühsam aufrechthalten, die sich von +Südwesten her zwischen den Häusern durchpreßten. Sie hatte einen +wetterfesten Mantel um mit einer Kapuze und hohe, gut schließende, +wasserdichte Stiefel. Sie ging so rasch sie konnte. Eine einzige +Vorstellung war von dem Gespräch mit Margrete Röy in ihr +zurückgeblieben. Aber die jagte sie vorwärts, die peitschte ihr mit dem +Regen zusammen in den Rücken:--Margretes entsetzte Augen und ihr +bleiches Gesicht, als sie gesagt hatte: "Ihnen fehlt etwas? Sagen Sie's +mir!" Himmlischer Vater, sie wußte es! So würden alle sie ansehen, wenn +sie es erfuhren! So tief hatte sie die Leute enttäuscht und gekränkt in +ihrem Glauben an sie. Ihr war's, als seien sie alle hinter ihr her, als +fliehe sie vor ihnen. Vor dem Krähenschwarm! Sie stürmte dahin und war +außerhalb der Stadt, ehe sie selbst es merkte. Hier draußen, wo keine +Laternen mehr standen, war es stockfinster; sie mußte eine Weile +stillstehen, bis sie den Weg sehen konnte. Aber dann ging's erst recht +vorwärts! Sie hatte den Orkan halb von hinten, halb von der Seite. + +Das war der Richterspruch, der sie aus Land und Reich verjagte! Der sie +noch weitertrieb! Ihr war's von der ersten Stunde an, da ihr Klarheit +wurde über ihre Lage, gewesen, als habe sie ein Paket geschenkt +bekommen, das sie bis jetzt nicht aufgemacht hatte. Sie hatte die ganze +Zeit über geahnt, was darin war; aber eigentlich hatte sie es erst +gestern aufgemacht. In dem Paket war ein großer schwarzer Schleier, in +den sie sich und ihre Schande einhüllen konnte, der Schleier des Todes. +Aber auch der Schleier wurde ihr nur bedingungsweise geschenkt. Unter +einer Bedingung, die sie von Kind auf kannte. Damals war ihr die +Geschichte einer Großtante erzählt worden, die es hatte verheimlichen +wollen, daß sie während der Abwesenheit des Mannes schwanger geworden +und deshalb heimlich Abend für Abend mit bloßen Füßen auf dem eiskalten +Fußboden umhergelaufen war. Sie hatte den natürlichen Tod sterben +wollen, der die Folge davon sein mußte. Dann wüßte keiner, daß sie sich +das Leben genommen habe, und das Warum kam nicht heraus. + +Aber irgendeiner hatte sie Nacht für Nacht so auf und ab gehen hören; +daher kam es doch heraus. + +Das wollte sie jetzt besser machen! + +Die Schwäche, die vor Margrete so unerwartet über sie gekommen, war +völlig geschwunden. Jetzt hatte sie Kraft zu ihrem Vorhaben. + +Als solle ihr Mut sofort auf die Probe gestellt werden, tauchte neben +ihr etwas Schattenhaftes auf. Es trat ungeahnt aus dem Dunkel hervor und +so beängstigend nahe, daß sie zu laufen anfing. Das Entsetzen, als sie +durch das Toben der Elemente zu hören meinte, es komme hinter ihr +hergelaufen! Da fand sie ihre Fassung wieder und blieb stehen. Da blieb +das hinter ihr auch stehen. Sie ging weiter; da ging das Schattenhafte +auch weiter. Nein, dachte sie: wenn ich nicht den Mut habe, dieser +Sache auf den Grund zu gehen, so habe ich auch den Mut nicht zu dem +ändern. Damit drehte sie sich um und ging direkt auf das Ungeheuer zu, +das sie verfolgte: es wieherte gutmütig,--es war ein junges Pferd. Es +war gesattelt und suchte in seiner Verlassenheit den Menschen. Sie +streichelte es und sprach mit ihm. Es war doch ein Gruß des Lebens, ein +Verlassener, der eine Verzweifelte tröstete. Aber als es weiter mitging, +lieferte sie es auf dem nächsten Bauernhof ab. Sie mußte allein sein. +Die Leute waren höchlichst erstaunt. Daß jemand in dem Wetter draußen +war, und noch dazu eine Frau! Sie floh hastig aus der Helle wieder ins +Dunkel hinaus. + +Das kleine Ereignis hatte sie gestärkt; sie wußte jetzt, daß sie Mut +hatte. Und rasch schritt sie vorwärts. + +Sie mußte jetzt über den ersten Hügel, den der Weg durchquerte. Ob es +wirklich so war, oder ob es ihr nur so schien: der Sturm nahm beständig +zu. Er mußte doch bald seinen Höhepunkt erreicht haben. Aber für sie lag +all ihr eigener Jammer und ihre Schande darin. Gerade das gab ihr Kraft. +Nicht vor dem Tode hatte sie Furcht,--nur vor dem Leben. + +Im Weiterschreiten durchdachte sie alles noch einmal. Sie wollte ihr +Kind nicht verraten, nicht sich selbst retten, indem sie das Kind töten +ließ. Es nicht zu fremden Leuten geben und dann verleugnen. Nicht leben +ohne Selbstachtung. + +Wenn ein Bewerber käme--und sicher kämen jetzt genau so viele wie +früher!--sollte sie es ihm dann gestehen? Oder schamlos verschweigen? Es +gab nur eins, was sie mit Ehren tun konnte: mit ihrem Kinde zusammen +untergehen. Zu nichts anderem fühlte sie sich fähig. Aber das mußte so +geschehen, daß keiner etwas merke. Sie mußte an einer Krankheit sterben; +also hieß es, sich diese Todeskrankheit zuzuziehen. + +Das war sie sich selber schuldig. Denn sie war sich heute genau so +sicher wie an jenem Abend, als sie zu Jörgen hineinging, daß sie nicht +deswegen unglücklich zu werden verdiene. + +Es war ein ungeheurer Irrtum, ja;--aber daran war sie unschuldig. Es war +gewiß auch stark mit Naturtrieb verquickt gewesen,--trotzdem war es eine +Handlung, deren sie sich nicht schämte. Sie war es sich selber schuldig, +mit dem unverkürzten Mitgefühl aller zu sterben, die sie je gekannt +hatte. Sie war das auch denen die in ihr die erste von allen gesehen +hatten. Sie hatte nicht illoyal den Glauben dieser Menschen an sich aufs +Spiel gesetzt. + +Jetzt war sie vorn auf der Landzunge, und der fürchterliche Kampf, der +hier begann, wurde unversehens zu einem Kampf um dies eine. Es war, als +wollten alle Mächte der Welt ihr die Selbstachtung entreißen und sie +verdammen. Hier war offnes Meer und meilenweit her rollten die Wogen in +wachsender Empörung heran. Wenn sie dann am Felsen anprallten, sprühten +sie meterhoch auf. Die allerhöchsten kamen mit den letzten, schneidenden +Spritzern bis zu ihr hinauf. "Da hast Du's! Da hast Du's!" Und der +Sturm, der gegen die zerrissene Felsenkante anraste, wollte sie durch +die Macht des Luftdrucks herunterreißen. Obschon der Regenmantel die +Kleider gut zusammenhielt, war's doch, als wolle der Sturm sie ihr vom +Leibe herunterziehen: "Steh nackt in Deiner Schande, in Deiner Schande!" + +Aber das rasende Schäumen der Wogen schüchterte sie nicht ein, sich +schuldig zu fühlen, auch der Sturm konnte sie nicht bis an die +Eisenstange treiben und vielleicht gar hinüber. Sie bückte sich, ja sie +mußte bei den schlimmsten Stößen stillstehen; aber dann ging's wieder +weiter, und sie hielt ihren Weg ein. "Ich gebe meinen Ehrenkranz nicht +her,--ich will mit ihm sterben! Deshalb sollt _ihr_ mich nicht haben!" + +Sie gelangte glücklich um die Spitze herum und auf die andere Seite und +von dort in die Ebene zwischen diesem Hügel und dem nächsten. Hier war +einmal ein Bergrutsch den Hang hinunter gegangen und unten lag das +Geröll, über das jetzt der Weg führte. In diesem verwitternden Geröll +stand ganz allein dicht am Wege eine einzige schwanke Birke. An die +Birke dachte sie, als sie gerade an die Stelle kam; bei solchem Sturm +mußte sie doch gebrochen sein? Nein, sie stand. Mary blieb daneben +stehen und holte tief Atem. Die Birke beugte sich, daß Mary jeden +Augenblick dachte: jetzt bricht sie; aber sie schnellte elastisch wieder +in die Höhe. Sie selbst konnte sich nicht lange an dieser Stelle halten, +so entsetzlich scharf pfiff der Orkan gerade hier um die Ecke; die junge +Birke aber, die so hoch emporragte und eine so üppige Krone hatte und +selbst so zart und schwach war, die stand stolz da, ganz aus eigener +Kraft; an ihr prallte alles ab. + +Sie wollte den Gedanken ausspinnen, als sie weiterging und in die Ebene +einbog. Aber gerade hier bekam der Sturm die Macht, ihr den Regen ins +Gesicht zu peitschen; jeder Tropfen war wie eine scharfe Nadel. Ach +nein, dachte sie, solch Gefühl wäre es, wenn ich versuchte, dem Sturm zu +trotzen, der meiner harrt. + +Die Lichter auf den Höfen, das einzige, was sie sah, verkündeten +Frieden. Aber sie wußte, was der Friede ihr bringen werde. + +Sie schritt auf dem Wege an der Bucht entlang weiter; aber sie wurde +allmählich müde. Sie merkte es daran, daß die Bilder überhand nahmen; +die Wirklichkeit verschwand hinter Bildern. Alte Vorstellungen aus +Büchern. Als sie auf die zweite Landzunge zustrebte, war das Meer, das +hier wieder offen vor ihr lag, gar kein Meer, sondern lauter +Seeungeheuer, die mit aufgesperrtem Rachen vor Begierde brüllten, +hunderte und aber hunderte. Und die rasenden Raubtiere in der Luft mit +den grausigen Schwingen hatten denen da unten versprochen, Mary ihnen +zuzuwerfen. Sie hielt sich mit ihrer letzten Kraft an der Felswand fest; +aber jetzt kam ein Graben, sie fiel hinein und durchnäßte ganz. Es sind +also noch mehr Feinde da, dachte sie und krabbelte wieder heraus. +Glücklicherweise war die Landzunge schmal; bald war sie an der Biegung +nach der nächsten breiten Ebene. Dann kam nur noch ein Berg. Nicht um +das Leben zu retten, wollte sie nicht hinausgeschleudert werden, nur um +die Ehre zu retten. Fand man sie in der See oder war sie ganz +verschwunden, so würden alle sagen, sie habe den Tod gesucht--und dann +auch nach dem Grunde forschen. + +Jetzt aber hörte sie durch die Dunkelheit den alten Finnenhund bellen. +Ganz nahebei. Sie war schneller gegangen, als sie gedacht hatte, sie war +ja schon beim Nachbargehöft, Jetzt sah sie auch die Lichter. + +Schon der Gedanke, einem Wesen zu begegnen, das an ihr hing, bewegte +sie. Sie liebte das Leben. Sie glaubte selbst nicht mehr, daß sie so +untauglich zum Leben sei. Als diese wohlbekannte Stimme aus dem Dunkel +nach ihr rief, war ihr zumut, wie einem Schiffbrüchigen, der am Ufer +Menschen sieht. + +Als sie über das Gehöft ging, verließ der Hund seinen Posten und kam +kläffend, schweifwedelnd und triefend heran, um sich seine Begrüßung zu +holen. Sie strich ihm dreimal zum Abschied über den Kopf und eilte +weiter. Kurz darauf hörte sie ihn wieder bellen, aber anders, viel +heftiger. Sie mußte unwillkürlich an Jörgen denken. Wie überhaupt auf +dieser ganzen letzten Wegstrecke, die sonst nur ihrem Vater geweiht +gewesen war. Wie hundertmal war sie hier von klein auf mit ihrem Vater +gegangen und geradelt. Jetzt war auch das von Jörgen verschandelt. Sie +konnte hier nicht mehr ohne ihn gehen. Keinen Schritt in ihrem Leben +mehr ohne ihn. + +Sie blickte unwillkürlich nach oben, aber Himmel war nicht zu sehen. + +Ganz erschöpft rüstete sie sich, den letzten Hügelrücken zu +überschreiten. Sie passierte ihn gedankenlos, ohne das Gefühl, daß es +das letztemal war; aber auch ohne Bangen. + +Das, worauf sie jetzt geradenwegs zuging, stand so fest in ihren +Gedanken wie der Weg unter ihren Füßen. Der führte über die Feldmark +von Krogskog auf die Landungsbrücke. Es war so finster, daß ihre Augen, +die sich jetzt doch an die Dunkelheit gewöhnt hatten, die weißen Mauern +der Kapelle erst dicht an der Landungsbrücke wahrnahmen. Ihre Gedanken +schweiften hinüber zu den Gräbern auf dem Kirchhof; aber gleich kamen +sie zurück, um sich zu sammeln für das Ziel ihrer Wanderung. Ohne Zögern +setzte sie den Fuß auf die Brücke und ging hinunter. Hier dräute kein +Orkan, hier peitschte ihr kein Regen ins Gesicht; die beiden waren zu +freundlich gesinnten Mächten geworden, sowie sie den Boden von Krogskog +betreten hatte. Die Höhen und die Inseln boten hier Schutz. Unter andern +Umständen hätte sie eine Erleichterung gefühlt, und vielleicht den +Frieden in dem heimischen Hafen empfunden,--jetzt war jeder Gedanke +abgestumpft. Ganz mechanisch eilte sie weiter. Mechanisch machte sie ein +paar Knöpfe ihres Regenmantels auf, um den Schlüssel herauszuholen; +mechanisch steckte sie ihn ins Schloß und öffnete die Badehaustür. Erst +als sie drinnen stand in der Stockfinsternis, kam sie zum Bewußtsein und +erschrak. Der Südwestwind, der hier noch übrig geblieben war, schlug die +Tür zu, da schauderte sie zusammen. Es war, als sei sie nicht allein. + +Sie mußte sich jetzt ausziehen und die Treppe hinuntersteigen, um +eiskalt zu werden. Eis-eiskalt! Dann sich wieder anziehen und nach Hause +gehen zum Fieber und zu den andern Dingen, die hinterher kamen. Hätte +das Fieber die erwartete Wirkung nicht, dann hatte sie etwas, was +nachhalf. Sie hatte es bei Frau Dawes in einem Fach gefunden. Dann träfe +das Fieber die Schuld. + +Aber nun, da sie mit dem Ausziehen anfangen wollte, war's, als krampfe +sich alles in ihr zusammen, und eine Gänsehaut überlief sie. Vor dem +Wasser, vor dem eiskalten Wasser, in das sie hineinmußte, hatte sie +Angst. Huh, hier dicht bei war gewiß schon Eis. Sie mußte mit den +nackten Füßen das Eis betreten! Sie wollte doch auf jeden Fall die +Strümpfe anbehalten; die konnte sie nachher trocknen, damit keiner +Verdacht schöpfe. Aber das eis-eiskalte Wasser ... wenn sie einen +Herzkrampf bekäme? Nein, sie wollte sich bewegen, wollte schwimmen. Aber +wenn sie sich am Eise schnitt, wenn sie wieder herauswollte? Sie mußte +auch die Unterkleider anbehalten. Aber würden die bis zum nächsten +Morgen trocknen? O doch, wenn sie sie an den Ofen hing. Sie mußte +zuriegeln, damit alles in Ordnung war, wenn das Mädchen hereinkam. Wenn +sie dann nur noch bei Bewußtsein war! Sie war nie krank gewesen; sie +wußte nicht Bescheid damit. + +Als sie in diese langen Überlegungen verfiel, hatte sie den Regenmantel +aufgeknöpft. Nun, da sie die Kapuze abnehmen mußte, geschah das +Unerwartete, daß sie ganz unwillkürlich statt dessen mit dem Kleide +anfing und es oben am Halse aufknöpfte, wo das Medaillon ihrer Mutter +hing. Da zitterten ihr die Hände, und auch ihren Körper überlief ein +Beben. Sie hatte nicht an das Medaillon gedacht; nein, viele Jahre +nicht, auch jetzt dachte sie nicht daran; daher rührte das Zittern +nicht. Aber das Medaillon kam sozusagen bei dem Zittern nach oben. Sie +mußte es jetzt doch abnehmen. Wenn sie es nur nicht vergäße! Nein, sie +wollte es gleich in die Tasche stecken. + +--So!-- + +Da kam ein neues Grauen. Ganz deutlich hörte sie feste Schritte auf der +Landungsbrücke, die näher und näher kamen. Das Zittern hörte auf; +instinktiv knöpfte sie erst das Kleid am Halse wieder zu, dann ganz, +ganz schnell auch den Mantel. Wer hatte hier etwas zu tun? Im Badehause +keinesfalls. + +Doch just hierher kam es! Ein fester Griff, die Tür flog auf, eine +mächtige Gestalt im Wettermantel stand im Rahmen; der Kopf mit der +Kapuze ragte über die Türöffnung weg. Eine elektrische Taschenlaterne +leuchtete ihr gerade ins Gesicht, sie stieß einen heftigen Schrei +aus,--es war Franz Röy. + +Da überkam sie eine Ohnmacht, daß sie dem Umsinken nahe war; aber sie +wurde umschlungen und hinausgetragen, alles in einem Nu. Sie hörte die +Tür ins Schloß schnappen; sie wurde auf den Arm genommen und +fortgetragen. Kein einziges Wort konnte sie sagen; auch er sagte nichts. + +Aber am Ende der Landungsbrücke kam sie wieder zu sich; das merkte er. +Bald hörte er denn auch: "Das ist Gewalt!" Keine Antwort. Gleich darauf +ein heftiger Versuch, sich loszumachen, und wieder klang's nur lauter +und lebhafter: "Das ist Gewalt!"--Keine Antwort. Er schlang nur den +andern Arm zärtlich um sie. Sie fragte heftig: "Wie kommt es, daß Sie +hier sind?"--Da antwortete er: "Meine Schwester!" + +Die Stimme, diese Stimme legte sich zärtlich um sie. Aber sie wehrte +sich dagegen: "Wenn Ihre Schwester es gut mit mir meint und Sie auch, +dann lassen Sie mich los!" Er ging weiter: "Lassen Sie mich los, sag' +ich! Das ist unwürdig!" Sie riß sich so heftig von ihm los, daß er sie +anders fassen mußte, aber auf seinem Arm blieb sie. Mit tränenerstickter +Stimme sagte sie: "Ich lass' es mir von keinem Menschen gefallen, daß er +über mich bestimmt." Da antwortete er: "Sie mögen sich losreißen, soviel +Sie wollen,--ich trage Sie nach Hause. Wollen Sie mir nicht gehorchen, +so lasse ich Sie überwachen!" Die Worte legten sich wie ein eiserner +Reifen um sie; sie wurde ganz still: "Sie lassen mich bewachen?"--"Das +tu' ich; denn Sie sind Ihrer selbst nicht mächtig." + +Etwas Törichteres hatte sie in ihrem ganzen Leben nicht gehört. Aber sie +wollte mit ihm nicht darüber disputieren. Sie antwortete nur: "Und Sie +meinen, das habe einen Zweck?"--"Das meine ich. Wenn Sie sehen, wir +wollen alles für Sie tun, was in unserer Macht steht, dann geben Sie +nach, denn sie haben ein so gutes Herz." Sie schwieg eine Weile, dann +sagte sie: "Ich kann keine Hilfe von einem Menschen annehmen, der nicht +die rechte Achtung vor mir hat,"--sie fing zu weinen an. + +Da blieb Franz Röy stehen und blickte, so gut er konnte, unter seiner +Kapuze zu ihr auf. "Ich nicht die rechte Achtung vor Ihnen?! Meinen Sie, +dann trüge ich Sie? Für mich sind Sie das Feinste, das Schönste, was ich +kenne. Darum trage ich Sie. Sie mögen getan haben, was Sie wollen--ich +weiß, Sie haben es aus dem vornehmsten Gefühl heraus getan; anders +können Sie nicht handeln! Sind Sie betrogen, haben Sie sich furchtbar +geirrt,--so liebe ich Sie nur noch mehr--jetzt ist es gesagt!--dann sind +Sie doch ja auch unglücklich, meine ich! Dann kann ich Ihnen vielleicht +doch irgendetwas sein. Das wäre das schönste, was mir geschehen kann. +Ich will Sie verlassen, wenn Sie es absolut wünschen. Ich will mit Ihnen +zum Altar gehen, wenn Sie soviel Zutrauen zu mir haben. Ich will den +Schuft totschlagen, wenn Ihnen damit gedient ist. Ich will alles tun, +was Sie wollen, wenn Sie nur glücklich dadurch werden. Denn das ist für +mich das schönste." + +Er hielt inne, fing aber wieder an: + +"Ich habe nicht geglaubt, daß ein Mensch soviel Qual ertragen kann, wie +ich empfunden habe, als ich heute abend hinter Ihnen herging. Hier +stürzt sie sich hinunter, dachte ich. Dann muß ich mich auch +hinunterstürzen. Bei diesem Unwetter bedeutet das sicher für uns beide +den Tod; aber das hilft nichts. Das war's auch nicht, was mich peinigte. +Nein, nur daß Sie so unglücklich, so verzweifelt waren. Daß Sie sich für +unwürdig des Lebens halten konnten. Sie, die um keinen Preis der Welt je +etwas Unwürdiges tun konnte. Nie, niemals bin ich einem Menschen +begegnet, dessen ich mir in dieser Beziehung sicherer war. Und doch +konnte ich Ihnen das nicht sagen. Und durfte Ihnen nicht helfen. Ich +kannte Sie,--ich getraute mich nicht in Ihre Nähe. + +"Aber nun habe ich Sie doch gerettet. Denn Sie können nicht sterben +wollen, jetzt, nachdem Sie mich angehört haben. Oder doch?" Er hatte sie +schluchzen hören; er hatte gefühlt, wie sie ihre Arme um seinen Hals +schlang, daß sie seine Worte fast erstickte. Jetzt ließ er sie langsam +zu Boden gleiten. Aber der Arm, den sie ihm um den Hals gelegt hatte, +löste sich nicht. Als sie auf der Erde stand, legte sie auch den andern +Arm um seinen Hals und barg leise schluchzend ihr Gesicht an seiner +Brust; ihr Herz schlug an seinem den Takt dazu, den raschen Takt der +Freude.-- + +--Oben auf dem Hof hatten sie telephonisch Nachricht bekommen, das +gnädige Fräulein sei unterwegs in dem schlimmsten Wetter, das je +dagewesen sei. Aus dem Stadthause wurde immer und immer wieder +angefragt, ob sie noch nicht da sei. + +Das kleine Mädchen war schon mehrmals mit dem Hunde draußen auf der +Treppe gewesen, ohne daß der Hund gebellt hätte. Diesmal aber bellte +er,--mehr noch, er setzte im Galopp davon. + +Im Hause war man in der denkbar größten Aufregung. Keiner fand etwas +Sonderbares darin, daß Unglück und Verzweiflung sie in Wetter und Sturm +hinausgetrieben hatten. Sie bedurfte dessen! Sie sehnte sich danach, ihr +Leben aufs Spiel zu setzen; sie legte keinen Wert mehr darauf. Als jetzt +das kleine Mädchen hereingestürmt kam: "Sie ist da! Sie ist da!" weinten +sie alle vor Freude. Sie hatten schon längst warme Zimmer und warmes +Essen bereit. Nun legten sie noch ein Gedeck auf, denn Nanna kam wieder +hereingestürmt und berichtete, sie sei nicht allein; die Kleine hatte +einen Mann reden hören. Da sei gewiß Jörgen Thiis endlich gekommen! +meinten sie. "Nein, es war nicht seine Stimme. Es war doch eine richtige +Männerstimme!" + +Die Freude des Hundes, als er sie sah, kannte keine Grenzen. Er +winselte, er kläffte, er sprang ihr direkt ins Gesicht und wollte gar +nicht aufhören. Als Franz Röy mit ihm sprach, begrüßte er ihn wie einen +alten Bekannten, wandte sich aber gleich wieder Mary zu. Das kleine +zottige Wesen sprühte förmlich Feuer. Es verkörperte die Freude der +Heimat, sie gesund wiederzusehen. Ein Grüßen der Toten und der Lebenden. +Das war ihre Empfindung. Sie dachte, vielleicht sei er auch ein +Vorspiel zu ihrer eigenen wiedererwachenden Freude, wenn sie einmal das +ausgestandene Grauen ganz los werden konnte. + +Als sie mit dem Hunde hineinkam, der wie toll vor Freude war, da standen +die sämtlichen drei Mädchen da, und die Kleine hinter ihnen. Sie hielten +in ihrem Freudenausbruch inne, als sie den riesigen Menschen hinter ihr +heraufkommen sahen; denn in seinem Wettermantel hatte Franz Röy etwas +Übernatürliches. Aber nur einen Augenblick, dann riefen sie: "Nein, daß +gnädiges Fräulein bei solchem Wetter draußen sind! Wie haben wir uns +geängstigt. Die Verwalterin im Stadthause verständigte uns! Im Dorf ist +Feuer. Alle Mannsleute sind da. Wir hätten sonst Hilfe geschickt. Gott +sei Dank, daß Sie wieder da sind!" + +Mary verbarg ihre Rührung, indem sie schnell nach oben ging. Sie kam in +ihr warmes Zimmer, wo die Lampe schon angezündet war. + +"Ist all diese Liebe und Fürsorge neu? Oder habe ich sie früher nur +nicht beachtet?" + +Der Hund winselte solange vor der Tür, bis sie ihn einließ. Seine +Dankbarkeit war so aufdringlich, daß sie sich nur mit Mühe umziehen +konnte. Besonders schwierig wurde es, als sie die Strümpfe wechselte. + +Schließlich machte sie sich das Haar zurecht, da fiel ihr das Medaillon +ihrer Mutter ein; sie holte es wieder hervor und band es um den Hals. +Sie schaute es an--zum erstenmal nach langen Jahren--und drückte und +küßte es. Darauf steckte sie ein Licht an und ging damit über den Flur +in ihres Vaters Zimmer. Sie setzte das Licht hin, beugte sich über sein +Bett und drückte einen Kuß auf sein Kopfkissen. Dann wieder hinaus; aber +vor der Tür des Fremdenzimmers stand sie still. "Hier soll er schlafen, +damit es morgen wieder geöffnet werden kann. Dann ist alles Häßliche +weg!" Zu dem Mädchen, das gerade nach oben kam, sagte sie, das +Fremdenzimmer müsse geheizt werden. Das sei schon geschehen, antwortete +das Mädchen. "Darf ich Fräuleins Lampe hineinstellen?" Sie bekam sie. +Mary stand und sah ihr nach. Waren sie wirklich immer so gewesen? + +Das Mädchen blieb im Zimmer, um alles zurecht zu machen. Sie selbst ging +auf die Treppe zu. Da blieb sie wieder stehen. Der Hund, der schon unten +gewesen war, kam winselnd wieder herauf. Er wollte sie nicht wieder +verlieren. Sie streichelte ihn voll Dankbarkeit; das war gewissermaßen +eine kleine Abzahlung auf das große Dankgefühl, das sie jetzt ganz +erfüllte. "Morgen--heute bin ich zu müde--morgen sage ich Franz Röy +alles. Alles, was mir geschehen ist. Alles! Dann finde ich mich +vielleicht selbst auch heraus." Mit diesem stolzen Vorsatz ging sie die +Treppe hinunter, stand aber still, ehe sie unten angelangt war. +"Seltsam! Ganz seltsam! Mir ist, als könnte ich es der ganzen Welt +sagen." + +Der Hund stand vor der Tür zu dem holländischen Zimmer; da witterte er +Franz Röy. + +Sie ging und machte die Tür auf. Aber kaum stand sie selbst auf der +Schwelle, da rief Franz Röy, als sei es ihm schwer gefallen, solange zu +schweigen: "Gott im Himmel, ist das hier schön!" Als er den Hund neben +ihr sah, fügte er hinzu: "Und wie lieb man Sie hier haben muß!" Sein +Gesicht leuchtete. + +"In Uniform?" fragte sie.--"Ja, ich bin nämlich direkt von einer großen +Hochzeit fortgeholt worden!" Er lachte. + +Das brachte sie auf einen Gedanken. Während der Hund an ihrem Kleide riß +und zerrte, blickte sie fröhlich zu Franz Röy auf: "Hier auf Krogskog +hat früher schon einmal ein General vom Geniekorps gelebt."-- + + + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Mary, Erzaehlung, by Bjornstjerne Bjornson + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MARY, ERZAEHLUNG *** + +***** This file should be named 10507-8.txt or 10507-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/0/5/0/10507/ + +Produced by Juliet Sutherland, Brett Koonce and PG Distributed +Proofreaders + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's +eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, +compressed (zipped), HTML and others. + +Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over +the old filename and etext number. 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For +example an eBook of filename 10234 would be found at: + + https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234 + +or filename 24689 would be found at: + https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689 + +An alternative method of locating eBooks: + https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL + + diff --git a/old/10507-8.zip b/old/10507-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b183b58 --- /dev/null +++ b/old/10507-8.zip diff --git a/old/10507.txt b/old/10507.txt new file mode 100644 index 0000000..8747cc4 --- /dev/null +++ b/old/10507.txt @@ -0,0 +1,5320 @@ +The Project Gutenberg EBook of Mary, Erzaehlung, by Bjornstjerne Bjornson + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Mary, Erzaehlung + +Author: Bjornstjerne Bjornson + +Release Date: December 20, 2003 [EBook #10507] + +Language: German + +Character set encoding: ISO Latin-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MARY, ERZAEHLUNG *** + + + + +Produced by Juliet Sutherland, Brett Koonce and PG Distributed +Proofreaders + + + + + + + +MARY, ERZAeHLUNG + +von + +BJORNSTJERNE BJORNSON + + * * * * * + +Das Gut und die Familie + + +Die Kuestenlinie des suedlichen Norwegen ist haeufig unterbrochen. Daran +sind die Berge und die Fluesse schuld. Das Gebirge laeuft in Huegel und +Landzungen aus, denen oft Inseln vorgelagert sind; die Stroeme haben +Taeler gegraben und muenden in Buchten. + +In solch einer Bucht, dem "Kroken", lag das Gehoeft. Urspruenglich hiess +der Hof Krokskog, woraus die daenischen Beamten in ihren Protokollen +"Krogskov" machten; jetzt heisst er Krogskog. Die Besitzer nannten sich +einstmals Kroken; Anders oder Hans Kroken, das waren die Hauptnamen. +Spaeter nannten sie sich Krogh, der General vom Geniekorps sogar von +Krogh. Jetzt heissen sie recht und schlecht Krog. + +Alle Leute, die auf den kleinen Dampfern von oder nach der nahen Stadt +hier vorbeikamen und an der Landungsbruecke unterhalb der Kapelle +anlegten, wussten davon zu erzaehlen, wie behaglich und traulich geborgen +Krogskog doch dalaege. + +Die Berge am Horizont nahmen sich grossartig aus; hier vorn aber waren +sie niedriger. Zwischen zwei vorspringenden, bewaldeten, langgestreckten +Huegelruecken lag der Hof. So dicht draengten sich die Haeuser an die Anhoehe +zur Rechten, dass es den Dampferpassagieren vorkam, als koenne man vom +Dach des Hauses auf den Huegel hinueberspringen; der Westwind fand hier +keinen Einlass; wie beim Versteckspiel konnte man zu ihm sagen: "Ein Haus +weiter!" Das gleiche konnte man auch zum Nord- und Ostwind sagen. Einzig +der Sturm von Sueden her kam zu Gast, aber auch nur in aller +Bescheidenheit. Die Inseln, eine grosse und zwei kleine, hielten ihn auf +und stutzten ihn zurecht, bis sie ihn weiterziehen liessen. Die hohen +Baeume vor dem Hause wiegten nur gerade rhythmisch ihre hoechsten Wipfel; +die Haltung verloren sie nicht. + +Diese stille Bucht hatte den besten Badestrand der ganzen Gegend. +Besonders die Jugend kam im Sommer an den Samstagabenden oder Sonntags +aus der Stadt, um im Wasser auf dem sandigen Grunde herumzutollen oder +nach der Grossen Insel hin und zurueck zu schwimmen. Von Krogskog aus +gesehen, lag der Badestrand zur Linken, da, wo der Fluss muendete, wo die +Landungsbruecke war, und wo, ein wenig hoeher und dem Huegel naeher, auch +die Kapelle sich befand, umgeben von den Krogschen Familiengraebern. Von +da bis hinauf zu den Haeusern rechts war es ein gutes Stueck. Hier oben +war kaum je der Laerm der Badenden und Spielenden zu hoeren. Anders Krog +aber kam gern selbst hinunter, um ihnen zuzusehen, wenn sie auf der +Sandbank oder im Walde draussen auf der Landspitze Feuer angezuendet +hatten. Er kam vermutlich, um ein Auge aufs Feuer zu haben. Aber davon +hoerte und merkte niemand etwas. Er war bekannt als "der hoeflichste Mann +der Stadt", oder "der erste Gentleman der Stadt." Seine grossen, +eigentuemlich leuchtenden Augen glitten wie ein freundlicher Willkommgruss +ueber alle Gesichter; die wenigen Worte, die er sprach, enthielten nichts +als gute Wuensche. Er selbst stieg den Huegel weiter hinan auf seinem +gewohnten, langsamen Rundgang. Seine hohe, leicht vornuebergebeugte +Gestalt war oben im Wald zu sehen, und so lange blieb es still. Aber was +hatten sie hier sonst fuer einen Spass. Meist waren es Arbeiter und +Handwerker aus der Stadt, Turnvereine, Gesangvereine, Kinder. Sie +scharten sich bei der Landungsbruecke und bei der Kapelle; da zogen sie +sich aus. + +Die Strandstrasse fuehrte unmittelbar daran vorbei. Aber im Sommer fuhr +selten jemand dort entlang; da fuhr man lieber mit den kleinen Dampfern +oder in Booten. Wenn die Badenden oben auf dem Huegel einen Posten +aufstellten, waren sie sicher, dass keiner sie ueberrasche. + +Oben auf dem Hof selbst war es still, immer still. Die schoenste +Vorderfront des Hauptgebaeudes sah nicht einmal auf die Bucht hinaus, +sondern aufs Feld. Das Haus bestand aus zwei hohen Stockwerken mit +abgestumpften Dachecken. Ein langes, breites Haus. + +Die Grundmauer vorn war ziemlich hoch; eine bequeme Treppe fuehrte +hinauf. Das ganze Gebaeude war weissgestrichen, die Grundmauer aber und +die Fenster schwarz. Die Nebenhaeuser lagen naeher dem Huegel zu; vom +Dampfer aus waren sie nicht zu sehen. Zu beiden Seiten des Hauptgebaeudes +grosse Gaerten. Der Garten nach der See zu stand voller Obstbaeume, der +links vom Hause war ausschliesslich Blumen- und Kuechengarten. + +Zwischen den Hoehen lag ein laenglicher Streifen flachen Wiesenlandes. Es +war vorzueglich bestellt. Die grossen hollaendischen Kuehe hatten es gut +hier. + +Die Geschichte des Gutes und der Familie hatte der Wald vorausbestimmt. +Der Wald war gross und ueppig und war gluecklicherweise fruehzeitig unter +hollaendische Pflege und Sparsamkeit geraten, damals als hollaendische +Kuffs die Waldbesitzer in Norwegen aufsuchten. Hier bekamen sie ihre +Holzladung und versorgten die Norweger dafuer mit ihrer Kultur und deren +Erzeugnissen. Krogskog hatte besonderes Glueck dabei; denn vor nun +dreihundert Jahren geschah es, dass der Besitzer eines Kuffs, der in der +Bucht lag und lud, sich in des Bauern blondhaarige Tochter verliebte. +Das Ende vom Liede war, dass er die ganze Herrlichkeit kaufte. Ein +wundervoll gemaltes Bild von ihm und ihr haengt noch in der guten Stube, +der Eckstube nach der Bucht hinaus. Das Portraet zeigt einen langen, +hageren Mann mit ungewoehnlich leuchtenden Augen. Er war dunkelhaarig und +ein wenig krummnackig. Der Stamm muss kraeftig gewesen sein, denn so sehen +die Krogs noch heutigentags aus. Der erste hollaendische Besitzer hiess +nicht Krog; er wohnte auch nicht hier; aber der Sohn, der den Hof +uebernahm, war nach seinem Grossvater muetterlicherseits Anders Krog +getauft, und er nannte seinen Sohn nach seinem eigenen Vater Hans. +Fortan wechselten die beiden Namen miteinander ab. Wenn noch mehr Soehne +da waren, hiess einer Klas und einer Juerges, woraus im Lauf der Zeit +Klaus und Juergen wurde. Die Mischehen mit den hollaendischen Verwandten +setzten sich naemlich fort, so dass die Familie zu gleichen Teilen +hollaendisch und norwegisch war; der Haushalt wurde lange Zeit ganz +hollaendisch gefuehrt. + +Aber es war, als wenn sich die Rassen trotzdem nicht vermischten. +Wahrscheinlich weil das hollaendische Element nicht rein hollaendisch +war,--in diesem Falle haette es sich leichter mit dem norwegischen +Element verschmolzen,--sondern mit spanischem Blut durchsetzt war. Das +schwarze Haar, die leuchtenden Augen, der hagere Koerper vererbten sich +von Glied zu Glied bei den Maennern; das blonde Element aber und die +kraeftig gebaute Gestalt blieb den Frauen eigen; in ihnen floss +norwegisches Blut, vermengt mit hollaendischem. Selten sah man ein andres +Zugestaendnis der maennlichen Linie an die weibliche oder umgekehrt, als +dass helles und dunkles Haar sich in rotem fanden, oder dass die +leuchtenden Augen auch einmal auf ein Frauenantlitz uebergingen. + +Es war eine Eigentuemlichkeit der Familie, dass in allen Ehen mehr Maedchen +als Knaben geboren wurden. Die Krogs waren schoene Menschen und +durchgehend wohlhabend; infolgedessen war die Familie weitverbreitet und +angesehen. Man sagte ihnen nach, sie hielten ihre Leute und ihre Habe +gut zusammen. + +Ihnen allen gemeinsam war ein weises Masshalten. In Norwegen ist es ja +allgemein, dass ein Vermoegen nicht durch drei Generationen besteht. Wird +es nicht in der zweiten vergeudet, dann sicherlich in der dritten. Hier +hielt es sich. Fuer den Hauptsitz der Familie waren die Waelder heute eine +ebensolche Quelle des Reichtums wie vor dreihundert Jahren. + +Erblich in der Familie war der Hang zum Wandern. In der Bibliothek des +Hofes waren mehr Reisebeschreibungen als Werke aus anderen Gebieten, und +es wurden ihrer bestaendig mehr. Schon die Kinder hatten am Reisen +Interesse, d.h. sie machten Plaene nach Buechern, Bildern und Karten. Sie +spielten reisen auf den Tischen. Sie wanderten von der einen Stadt, die +aus farbigen Papierhaeusern aufgebaut war, zu den andern gleicher Art. +Sie schoben Schiffe hin und her, die auch aus buntem Papier waren und +die Bohnen, Kaffee, Salz und Hoelzer fuehrten. Draussen auf der Bucht +ruderten, segelten und schwammen sie von der Landungsbruecke zu den +Inseln hinueber. Von Europa nach Amerika, von Japan nach Ceylon. Oder sie +zogen ueber die Huegelruecken, d.h. ueber die Kordilleren zu den +allerdenkwuerdigsten Indianerstaedten. + +Kaum waren sie erwachsen, so ging es auf die Wanderschaft; es fing +meistens mit einer Reise zu den hollaendischen Verwandten an. So kam vor +vielleicht zweihundert Jahren ein Mann dahin, der freilich sofort mit +einem hollaendischen Ostindienfahrer weiterreiste, aber nach Amsterdam +zurueckkehrte in dem Wunsch, Baumeister und Ingenieur zu werden, was +damals zusammengehoerte. Er zeichnete sich aus und wurde spaeter als +Lehrer in seinem Fach nach Kopenhagen berufen. Da ging er zum Heer ueber +und wurde schliesslich General im Geniekorps. Durch Erbschaft und Arbeit +hatte er sich ein Vermoegen erworben, nahm den Abschied und siedelte sich +in Krogskog an, das er einem kinderlosen Bruder abkaufte. Er nannte sich +Hans von Krogh. Er baute das jetzige Hauptgebaeude aus Stein, eine wenig +gebraeuchliche Bauart in einer norwegischen Waldgemeinde. Der alte +Ingenieur wollte seinen Spass haben. Obwohl er nicht verheiratet war, +baute er es geraeumig "fuer die Kommenden." Alle Haeuser des Gehoefts baute +er um; er grub und pflanzte; er liess einen Gaertner aus Holland kommen, +den alten Siemens, von dessen strengem Wesen und heissem Streben nach +Reinlichkeit und Ordnung noch heute berichtet wird. Fuer ihn baute der +General das Treibhaus und die Gaertnerwohnung. + +Der General wurde sehr alt. Nach ihm geschah nichts Besonderes, bis der +Juengere von zwei Bruedern nach Amerika ging und sich dicht am Michigansee +ansiedelte, wo damals noch Neuland war. Das wurde als ein grosses +Ereignis angesehen. Er hiess Anders Krog, und es ging ihm gut da drueben. +Nur wunderte man sich, dass er sich nicht verheiratete. Er wollte einen +seiner Neffen zu sich nehmen, um ihm seinen Besitz zu ueberlassen. So kam +es, dass der aeltere Bruder des jetzigen Eigentuemers von dannen zog. Er +hiess Hans. + +Aber siehe da, ein jung norwegisch Maedchen, auch eine Verwandte, kam +genau zur selben Zeit hin, und in sie verliebte sich der alternde Onkel. +Er bot seinem Neffen an, ihm die Kosten der Rueckreise zu erstatten. Dem +jungen Mann aber erschien das unwuerdig. Er blieb und fing ein eigenes +Geschaeft an, und zwar einen Holzhandel, denn darauf verstand er sich. +Das Geschaeft ging ausserordentlich gut. Als er nach dem Tode seines +Vaters nach Hause sollte und den Hof uebernehmen, wollte er nicht. Der +juengere Bruder Anders war inzwischen Kaufmann geworden; er betrieb das +groesste Kolonialwarengeschaeft der Stadt. Jetzt musste er auch den Hof +uebernehmen. + +Ein eigentlicher Geschaeftsmann war der junge Anders Krog nicht. Aber +seine Gewissenhaftigkeit ohnegleichen und sein ruecksichtsvolles Wesen +bewirkten, dass bald alle bei ihm kauften. Ein andrer haette reich dabei +werden muessen; aber das wurde er nicht. Als er Krogskog uebernahm, war +sowohl das Geschaeft in der Stadt wie vor allem auch der Hof erheblich +verschuldet. Keins von beiden hatte er billig bekommen. Reisen hatte er +freilich auch muessen, aber es waren jedes Jahr nur vier Wochen gewesen, +einmal nach England, ein andermal nach Frankreich usw. Sein groesster +Wunsch war allerdings, einmal bis nach Amerika zu kommen, aber dazu +hatte er denn doch nicht den Mut. Er begnuegte sich damit, von dem neuen +Wunderlande zu lesen; Lesen war seine groesste Freude; nach ihr kam das +Hantieren im Garten. Das verstand er besser als der Gaertner. + +Dieser stille Mann mit den leuchtenden Augen war schuechtern wie ein +Maedchen von vierzehn Jahren. An jedem Werktag morgen suchte er sich +einen einsamen Platz--d.h. wenn so einer da war--auf dem kleinen +Dampfer, der ihn nach der Stadt brachte, solange die Bucht nicht +zugefroren war. Beim Aussteigen war er voll Ruecksicht gegen die andern; +ehrerbietig gruessend eilte er an ihnen vorbei, wenn er an Land gekommen +war,--und war dann in seinem Hause am Markt zu finden bis zum Abend, wo +er auf die gleiche Weise heimkehrte. Das heisst: wenn er nicht radelte. +Im Winter fuhr er mit dem Wagen oder uebernachtete in der Stadt, wo er in +seinem eigenen Hause zwei bescheidene Mansardenstuben bewohnte. + +Er hatte das Zeug zu dem besten Ehemann, den man sich in der Stadt +vorstellen konnte. Aber seine unueberwindliche Bescheidenheit machte jede +Annaeherung unmoeglich,--bis die rechte kam. Da war er aber schon ueber +vierzig Jahr. Es ging ihm wie seinem Namensvetter, dem Onkel am +Michigansee, dass ein junges Maedchen aus seiner eigenen Familie erschien +und ihn eroberte. Und das war ausgerechnet das einzige Kind dieses +Onkels. + +Er stand eines Sonntag morgens in Hemdsaermeln in seinem Kuechen- und +Blumengarten an der Nordseite des Hauses, als ein junges Maedchen mit +einem grossen Strohhut die beiden unbehandschuhten Haende auf das weisse +Staket legte und zwischen den grossen Knaufen des Gitters +hindurchschaute. + +Anders Krog, der vor einem Blumenbeet kauerte, hoerte ein schelmisches +"Guten Tag" und fuhr in die Hoehe. Seine Augen nahmen das Maedel wie eine +Offenbarung in sich auf. Sprachlos und unbeweglich stand er mit seinen +erdigen Haenden da und starrte sie an. + +Sie lachte und sagte: "Wer bin ich?" Da kam ihm die Besinnung zurueck. +"Sie sind--Sie sind sicher--", er kam nicht weiter, aber sein Laecheln +hiess sie willkommen. "Wer bin ich?"--"Marit Krog aus Michigan." Er hatte +von seiner Schwester, die jenseits des linken Huegelrueckens wohnte, +gehoert, Marit Krog sei unterwegs. Aber er hatte nicht geahnt, dass sie +schon da war.--"Und Sie sind der Bruder meines Vaters", antwortete sie +in etwas englischem Tonfall. "Wie Ihr beide Euch aehnlich seid!--Nein, +wie Ihr Euch aehnlich seid!"--Sie stand und starrte ihn an. "Darf ich +nicht hineinkommen?"--"Ja, selbstverstaendlich,--aber erst--erst muss ich +doch--", er blickte auf seine Haende und auf die Hemdsaermel.--"Ich kann +ja ins Haus gehen?" sagte sie unternehmungslustig. "Das koennen +Sie,--selbstverstaendlich! Gehen Sie bitte durch die Haupttuer hinein. Ich +werde das Maedchen schicken",--und er begab sich eilig nach der Kueche. + +Sie lief vorn vor das Gebaeude und die Treppe hinauf. Sie musste einen +ungeheuer grossen Schluessel, der wie der ganze Eisenbeschlag ein altes +Kunstwerk war, umdrehen, um in das Vorzimmer zu gelangen, das sehr viel +Licht hatte. In ihr steckte ein Stueck von einem Maler, sie hatte Augen +fuer so etwas. Sie sah sofort, dass all diese grossen und kleinen Schraenke +wunderschoene hollaendische Arbeit waren, und dass das Zimmer groesser war, +als es den Anschein hatte; denn die Moebel nahmen viel Platz ein. Eine +schoene altertuemliche Treppe mit Schnitzwerk fuehrte zu ihrer Rechten in +das zweite Stockwerk hinauf. Geradeueber musste der Eingang in die Kueche +sein; sie dachte es sich und sie roch es auch. Das bestaetigte sich ihr, +als das Maedchen herauskam. Durch die offne Tuer sah sie in eine Kueche +hinein, deren Fussboden mit Marmorfliesen belegt war; die Waende waren mit +blaubemalten Kacheln bekleidet, und auf dem Gesims, das die Wand in zwei +Haelften teilte, stand blankgeputztes Kupfergeschirr in allen Groessen. +Eine hollaendische Kueche. + +Hier im Vorzimmer stand sie auf Teppichen so dick, wie sie noch nie +welche betreten hatte. Ebenso schwer waren die Teppiche auf der Treppe, +die von Messingstangen gehalten wurden, wie sie dicker nie welche +gesehen hatte. Hier gehen die Menschen auf Kissen, dachte sie, und ihr +kam gleich das Bild in den Sinn, das Haus sei ein ungeheures Bett. +Spaeter nannte sie es immer "das Bett." "Wollen wir jetzt nach Hause ins +Bett?" sagte sie dann lachend. Zu beiden Seiten sah sie Tueren und malte +sich die Zimmer dahinter aus. Links von ihr, d. h. an der rechten Seite +des Hauses, komme erst ein kleineres Zimmer nach vorn und dahinter, nach +der Bucht hinaus, ein grosser Raum ueber die ganze Breite des Hauses. Und +das traf zu. Zur Rechten stellte sie sich das Haus der Laenge nach in +zwei Zimmer geteilt vor. Auch das stimmte. Es war nicht weiter +verwunderlich, denn ihres Vaters Haus am Michigansee war nach diesem Bau +eingerichtet. Oben dachte sie sich einen breiten Gang quer durch das +Haus und kleinere Zimmer zu beiden Seiten des Flurs. Waren aber hier +unten schon unglaublich dicke Teppiche, so waren sie da oben womoeglich +noch dicker, richtige Kissen. Dies Haus liess kein Geraeusch aufkommen. +Hier lebten stille Menschen. + +Das Maedchen hatte die Tuer an der Seite geoeffnet, die zur See hinausging. +Marit trat ein und sah sich alle Malereien und Schnurrpfeifereien im +Zimmer an; es war allerdings ueberladen, aber jedes einzelne Stueck war +sorgfaeltig ausgesucht, zum Teil mit intimem Geschmack; das sah sie +sofort. Hier waren unter anderem Gemaelde, die einen hohen Wert haben +mussten. Was sie aber besonders beschaeftigte, war der Gedanke, dass sie +erst jetzt ihren alten Vater verstand, obwohl sie von klein an mit ihm +zusammengelebt hatte, ganz allein mit ihm; ihre Mutter hatte sie frueh +verloren. Aus so viel Feinem und Kostbarem war er zusammengesetzt. Ein +bisschen bunt durcheinander und daher unbeachtet. War's nicht, als komme +er jetzt und stelle sich neben sie und laechele sein diskretes, warmes +Laecheln, weil er sich verstanden wusste? + +Da kam er ja! Durch die offne Tuer sah sie ihn die Treppe +herunterkommen. Juenger zwar, aber das tat nichts, die Augen waren nur +noch schoener und inniger,--er kam daher mit demselben Gang, denselben +Armbewegungen, genau so vornuebergebeugt und behutsam sich naehernd. Und +wie er sie jetzt ansah und mit ihr sprach und sie willkommen hiess ... +mit den gleichen abgetoenten Worten, da ahnte sie in alldem die tiefe +Achtung vor dem Individuellen, die in ihren Augen ihren Vater vor allen +auszeichnete, die sie kannte. Der Vater hatte duenneres Haar, sein +Gesicht war runzlig, der Mund hatte nicht mehr alle Zaehne, die Haut war +verschrumpft ... Gerade diese Erinnerung fuellte ihre Augen mit Traenen. +Sie blickte empor in seine juengeren Augen, hoerte seine frischere Stimme, +fuehlte den Druck seiner waermeren Hand. Sie konnte nicht dafuer, sie +schlang beide Arme um Anders Krogs Hals, schmiegte sich an seine Brust +und weinte. + +Nun, damit war es entschieden. Er stand fuer nichts mehr. + +Nach einer Weile sassen sie beide zusammen in dem Boot, mit dem sie +gekommen war. Sie ruderte um die Landspitze herum. Teils um seiner +selbst willen, teils auch wegen der Badenden, die zusahen, hatte er ein +paar schuechterne Versuche gemacht, ihr das Ruder abzunehmen. Aber seit +dem Augenblick, da sie beide Arme um seinen Hals legte, hatte er sich +seiner Macht begeben. Er wusste im voraus, dass er so tun musste, wie dies +reiche rote Haar es wuenschte. Er sass und sah in ihr sommersprossiges +Gesicht und auf die sommersprossigen Haende, auf ihre praechtige Gestalt +und ihren frischen Mund. Er sah ueber dem Halskragen die feinste weisse +Haut; es war etwas in den Augen, das genau dazu passte. Er wurde nicht +fertig, bis sie am Ziel waren. Auch auf dem Wege zum Hof der Schwester +wurde er nicht fertig, weder mit ihrer weichen Stimme, noch mit ihrem +Gang, noch mit ihren Fuessen, noch mit ihrer Kleidung, noch mit den Zaehnen +und dem Laecheln und am allerwenigsten mit dem, was sie da +holterdipolter erzaehlte,--es war etwas Verwirrendes in allem. + +Am naechsten Morgen fuhr er nicht in die Stadt. Sowie der Dampfer, auf +dem er haette sein muessen, um die Landspitze herum war, kam ihr weisses +Boot. Sie hatte eine Magd bei sich, die Wache halten sollte, denn jetzt +wollte auch sie baden. + +Als sie fertig war, kam sie herauf. Sie wollte bis Mittag bleiben. +Nachher gingen sie zusammen ueber den Huegelsattel zurueck, das Boot hatten +sie nach Hause geschickt. + +Am andern Tage fuhr sie mit ihm in die Stadt. Tags darauf musste auch die +Tante mit, aber diesmal wollte sie mit dem Wagen fahren. Und so jeden +Tag etwas Neues. Die beiden Geschwister lebten nur fuer sie. Sie nahm es +hin, als muesse es so sein. + +Als sie drei Wochen so mit ihnen gelebt hatte, kam ein Kabeltelegramm +vom Bruder Hans mit der Nachricht, Onkel Anders sei ploetzlich gestorben; +Marit solle vorbereitet werden. + +Dies war der schwerste Gang, den Anders Krog je gegangen war,--ueber den +Huegelruecken zur Schwester, mit diesem Telegramm in der Tasche. Gerade +als er das trauliche gelbe Haus, umgeben von Wirtschaftshaeusern und +Baeumen, drunten in der Ebene vor sich liegen sah, hoerte er die +Essensglocke vergnueglich in den heiteren, sonnigen Tag hinaustoenen. Da +wartete der gedeckte Tisch. Er setzte sich hin; er hatte das Gefuehl, als +koenne er nicht weiter. Er musste ja hinunter und den frohen Tag morden. + +Als er endlich auf den Hof gelangte, ging er zusammen mit einigen +Arbeitern, die von weither zum Mittagessen kamen, zur Hintertuer hinein. + +Hier traf er die Schwester, die ihn ins Hinterzimmer hineinnoetigte. +Ebenso wie er erschrak sie und wurde traurig; aber sie war eine mutigere +Natur und uebernahm es, Marit, die nicht zu Hause war, aber jeden +Augenblick kommen musste, die Mitteilung zu machen. + +Vom Hinterzimmer aus hoerte Anders Krog dann nachher einen Ruf und einen +Aufschrei, den er nie wieder vergass. Er sprang bei diesem Schmerzenslaut +auf, konnte sich aber nicht ueberwinden, das Zimmer zu verlassen; ein +wehes Schluchzen von drinnen hielt ihn fest. Es wurde staerker und +staerker, unterbrochen von kurzen Ausrufen. Die gleiche unmittelbare +Kraft in ihrem Schmerz wie in ihrer Freude. Es jagte ihn in der Stube +umher, bis die Schwester die Tuer oeffnete: "Sie moechte Dich sehen." + +Da musste er hinein; mit Aufbietung all seiner Willenskraft zwang er sich +dazu. Sie lag auf dem Sofa; aber er liess sich kaum sehen, als sie sich +aufrichtete und die Arme ausstreckte: "Komm, komm! Jetzt bist Du mein +Vater."--Er eilte hin und beugte sich ueber sie; sie legte den Arm um +seinen Hals und drueckte ihn fest an sich; er musste hinknien. + +"Du darfst mich nie mehr verlassen! Nie, nie!" "Nie!" entgegnete er +feierlich. Sie drueckte ihn fest an sich, ihre Brust wogte an seiner, ihr +Gesicht lag feucht und gluehend an seinem. "Du darfst mich nie +verlassen!"--"Nie!" wiederholte er aus tiefstem Herzen und schlang die +Arme um sie. + +Sie legte sich wie getroestet wieder hin und hielt seine Hand; sie wurde +ruhiger. Wenn die Anfaelle kamen und er sich mit zaertlichen Worten ueber +sie beugte, wirkte es besaenftigend. + +Er wagte nicht nach Hause zu gehen; er blieb die Nacht ueber da. Sie +konnte nicht schlafen, und er musste bei ihr sitzen bleiben. + +Erst am naechsten Tage hatte sie sich klar gemacht, was nun geschehen +solle. Sie wollte hinreisen, und er sollte mit. Das kam ihm hoechst +unerwartet. Aber weder er noch seine Schwester wagten, ihr zu +widersprechen. Da gelang es der Schwester, sie auf andre Gedanken zu +bringen. Sie sagte: "Ihr solltet Euch erst verheiraten." Marit sah sie +an und sagte: "Ja, das ist richtig. Das sollten wir wahrhaftig tun!" Und +nun beschaeftigte sie das so stark, dass es sie von ihrem Schmerz +ablenkte. Anders war nicht gefragt worden; aber das war auch nicht +noetig. + +Dann kam der erste Brief von Hans. Er hatte alles mit dem Begraebnis des +Onkels geordnet und erzaehlte, in welcher Weise. Er erbot sich, das +Geschaeft und den Besitz des Onkels zu uebernehmen. + +Anders hatte zu seinem Bruder unbegrenztes Vertrauen; er nahm das +Angebot an, und damit wurde die Reise ueberfluessig. Sobald Hans einen +Ueberblick ueber den ganzen Nachlass hatte, setzte er die Kaufsumme fest +und fragte bei dem Bruder an, ob er sich mit diesem Betrage an Hansens +Geschaeft beteiligen wolle. Der Betrag, der in Bankguthaben und Aktien +bestand, wurde sofort ausgezahlt. Schon diese Summe war gross genug, um +nicht allein Anders schuldenfrei zu machen, sondern um auch Marit zu +gestatten, nach Herzenslust herumzuwirtschaften und zu reformieren. Er +wuenschte, sie solle das ganze Erbe fuer sich behalten, aber darueber +lachte sie. Er wurde also Kompagnon seines Bruders und war fuer +norwegische Verhaeltnisse fortan ein recht wohlhabender Mann. + +In ihrer Ehe ging nach einigen Monaten eine Veraenderung mit Marit vor. +Sie gab sich wunderlichen Einfaellen hin; die Grenzen zwischen Traum und +Wirklichkeit verwischten sich. Dabei wollte sie alles umgestalten, was +unter ihrer Aufsicht stand, sowohl in ihrem Heim hier draussen, wie in +dem Stadthause. Aus diesem Hause mussten die Mieter hinaus. Sie wollte es +fuer sich allein haben. + +Seine Zeit war ausgefuellt von all ihren Einfaellen, besonders aber von +ihr selbst. Seine Dankbarkeit fand nur kaergliche Worte, aber sie lag in +seinen Augen, in seiner Hoeflichkeit, die an Umfang noch zugenommen +hatte; vor allem aber lag sie in seiner sorglichen Achtsamkeit. Er hatte +Angst, das wieder zu verlieren, was so unerwartet gekommen war; oder +dass irgend etwas Schaden nehmen koenne. Seiner bescheidenen Natur schien +das Glueck unverdient. + +Sie schmiegte sich auch immer enger an ihn. Sie hatte eine Formel +gefunden, die sie haeufig wiederholte: "Du bist mein Vater--und mehr!" +Und eine andere: "Du hast die herrlichsten Augen von der Welt, und die +gehoeren mir." Mit der Zeit gab sie manches von dem auf, womit sie sich +beschaeftigte; statt dessen wollte sie ihm vorlesen. Von klein auf hatte +sie ihrem Vater vorgelesen; das sollte wieder aufgenommen werden. Sie +las ihm englisch-amerikanische Buecher vor, besonders Verse. Sie hatte +die klangvolle Vortragsweise, in der englische Verse gesprochen werden +muessen, und machte sie wahr durch ihre eigene glaubwuerdige Art. Sie +hatte eine weiche Stimme, die die Worte behutsam und still wie aus der +Erinnerung heraus anfasste. + +Als die Zeit fortschritt, mussten sie beide taeglich zusammen ins +Treibhaus. Die Blumen darin waren ihr Vorboten dessen, was in ihr wuchs; +sie wollte jeden Tag nach ihnen sehen. "Ob sie wohl darueber reden?" + +Und dann eines Tages, als das erste Anzeichen da war, dass der Winter +hier von der Kueste weichen wollte, und sie gemeinsam oben am sonnigen +Hang das erste Gruen gepflueckt hatten, da merkte sie, dass sie schwach +wurde; jetzt kam ihre grosse Stunde. Ohne sonderliche Schmerzen vorher, +ihre Hand in seiner, gebar sie eine Tochter. Die gerade hatte sie sich +gewuenscht. Aber es war ihr nicht bestimmt, das Kind aufzuziehen; denn +drei Tage spaeter war sie tot. + + * * * * * + +Die neue Marit + + +Der Arzt befuerchtete lange, Krog wuerde auch sterben. Rein an +Ueberanstrengung. In seiner langen Einsamkeit war er nicht daran gewoehnt +gewesen, sich so hinzugeben oder so unendlich viel zu empfangen, wie ihm +das Zusammenleben mit ihr gebracht hatte. Erst ihr Tod offenbarte, wie +schwach er geworden war, wie wenig Widerstandskraft er noch hatte. Der +schwache Rest brauchte Monate, um sich so weit zu erholen, dass er die +Naehe anderer Menschen ertrug. Man erzaehlte ihm, das Kind sei zu seiner +Schwester gebracht. Sie fragten ihn, ob er es sehen moechte. Fast +unwillig wandte er sich ab. Das erste, was er ernstlich erwog, als er +sich kraeftiger fuehlte, war, sich von dem Geschaeft zu befreien. Er beriet +sich darueber mit "Onkel Klaus", einem Verwandten, einem wunderlichen +alten Junggesellen, der allgemein so genannt wurde. Durch seine +Vermittlung wurde das Geschaeft veraeussert. Nicht aber das Haus, in dem es +sich befand,--das sollte in allen Teilen zur Erinnerung an sie +unveraendert bleiben. + +Anders Krogs erster Gang war zur Kapelle und zum Grabe, und das griff +ihn so an, dass er wieder krank wurde. Sobald er sich erholt hatte, gab +er seine Absicht kund, auf Reisen zu gehen und fortzubleiben. Seine +Schwester kam erschrocken zu ihm herueber; das sei doch wohl nicht wahr? +"Du willst uns und das Kind doch nicht verlassen?"--"Ja, ich kann es in +meinen eigenen Stuben nicht aushalten", antwortete er und brach in +Traenen aus.--Aber er muesse doch auf jeden Fall das Kind erst +sehen?--"Nein, nein! Das am allerwenigsten." + +Er reiste ab, ohne es gesehen zu haben. + +Aber natuerlicherweise war es das Kind, das ihn wieder nach Hause zog. +Als es drei Jahr alt war, wurde es photographiert,--und diese +Photographie ... solch einer Aehnlichkeit mit der Mutter, solchem +kindlichen Liebreiz konnte er nicht widerstehen. Von Konstantinopel aus, +wo er sich gerade aufhielt, schrieb er: "Jetzt habe ich bald drei Jahre +gebraucht, um das, was ich in einem erlebt habe, noch einmal zu +durchleben. Ich kann nicht sagen, dass ich es mir schon ganz zu eigen +gemacht habe. Namentlich wird viel Neues hinzukommen, wenn ich die +Staetten wiedersehe, wo wir zusammen waren. Aber soweit bin ich durch das +tiefere Hineinleben dieser Jahre doch gekommen, dass ich diese Staetten +nicht mehr scheue; im Gegenteil, ich sehne mich jetzt nach ihnen." + +Die Begegnung mit der neuen Marit wurde ein Fest fuer ihn. Nicht sofort; +denn zuerst hatte sie natuerlich Angst vor dem fremden Mann mit den +grossen Augen. Aber es erhoehte seine Freude, wie sie vorsichtig, nach und +nach ihm naeher kam. Als sie schliesslich auf seinen Knien sass mit den +beiden neuen Puppen, einem Tuerken und einer Tuerkin, und ihm diese in die +Nase steckte, damit er niesen sollte, weil die Tante das auch getan +hatte, da sagte er mit Traenen in den Augen: "Ich habe nur eine Begegnung +erlebt, die noch herrlicher war." + +Sie siedelte also mit dem Kindermaedchen in sein Haus ueber. Ihr erster +gemeinschaftlicher Gang war zum Grabe der Mutter, auf das sie Blumen +legen sollte. Das tat sie auch; aber sie wollte sie wiederhaben. Nichts +half, was sie auch versuchten. Das Maedchen pflueckte ihr schliesslich +andere; aber die wollte sie nicht; sie wollte ihre eignen. Sie mussten +ihr also die Blumen lassen und die neuen aufs Grab legen. Er dachte: +"Das ist nicht die Mutter." + +Der Versuch wurde wiederholt. Jeden Tag sollte das Grab der Mutter mit +Blumen geschmueckt werden, und von ihr. Er teilte die Blumen in zwei +Teile; die eine Haelfte trug er, die andere sie. Er wuenschte, sie solle +ihre hinlegen und seine wieder mit nach Hause nehmen. Aber es gelang +nicht. Ja, schlimmer als das; denn als sie den Kirchhof verliessen, +bestand sie darauf, er sollte seine Blumen auch wieder mit nach Hause +nehmen. Und er musste nachgeben. Am naechsten Tage versuchte er etwas +anderes. Sie trug ihre Blumen zu der Mutter Grab, er aber gab ihr +Zuckerwerk, damit sie die Blumen liegen lassen sollte. Wirklich, sie gab +die Blumen gegen das Zuckerwerk ab, das sie in den Mund steckte. Aber +als sie gingen, wollte sie die Blumen auch noch haben. Das verstimmte +ihn. + +Dann kam er auf den Einfall, die Mutter froere, Marit muesse sie +zudecken. Da meinte sie, Mutter solle doch heraufkommen, in ihr eigenes +Bett. Er hatte ihr naemlich gesagt, das leere Bett neben seinem sei +Mutters, und sie fragte bestaendig, ob Mutter nicht bald komme. Sie koenne +nicht kommen, sagte er; sie liege da draussen und froere. Das fuehrte +schliesslich zum Ziel. Sie breitete selbst die Blumen ueber die Grabstaette +und liess sie liegen. Auf dem Heimweg wiederholte sie mehrmals: "Jetzt +friert Mutter nicht mehr." + +Er ueberlegte, was sie unter Mutter verstehen mochte. Er wuenschte, sie +solle die Bilder ihrer Mutter kennen, uebte aber vorher ihren Sinn an +Bildern von Tieren und Gegenstaenden. Dann ging er zu Bildern von seiner +Schwester und von sich selbst und von Personen ueber, die sie kannte. Als +sie damit ziemlich vertraut war, kam das erste Bild der Mutter an die +Reihe. Es machte keine Schwierigkeiten; sie durfte noch mehrere sehen +und lernte sie schnell von anderen unterscheiden. Nach Tisch, als sie +schlafen ging, wollte sie Mutter im Arm haben. Er verstand sie erst +nicht, und sie wurde ungeduldig. Da brachte er ihr das erste Bild der +Mutter; sie nahm es gleich in den Arm, deckte es zu und schlief ein. +Aber erst als sie mit vier Jahren einmal in der Kueche eine Mutter sich +um ihr krankes Kind muehen sah, ueberzeugte er sich, dass sie wusste, was +eine Mutter sei; denn sie sagte: "Warum kommt meine Mutter nicht und +zieht mich an und aus?" + +Mit der Zeit wurden Vater und Tochter sehr gute Freunde. Noch mehr +Freude aber machte es ihm, als sie gross genug war, dass er ihr von Mutter +erzaehlen konnte. Von Mutter, die uebers Meer herueber zu Vater gekommen +sei und Maritchen mitgebracht habe. Wo Vater und Mutter zusammengegangen +waren, gingen sie nun beide; jeden Spazierweg. Er ruderte sie, wie +Mutter ihn gerudert hatte; sie fuhren zusammen zur Stadt, wie sie beide +getan hatten. Dort sass Marit auf den Stuehlen, die Mutter gekauft, und +auf denen sie gesessen hatte. Bei Tisch hatte sie Mutters Platz, bei +den Blumen im Treibhaus und im Garten war sie die Mutter, und sie half, +wie Mutter es getan hatte. Ein gar kluges, schoenes Kind! Mit dem roten +Haar und der schimmernd weissen Haut der Mutter, mit ihren grossen Augen +und denselben fein geschwungenen Brauen. Vermutlich wuerde sie auch ihre +gebogene Nase bekommen. Die Haende mit den langen Fingern hatte sie nicht +von der Mutter, auch die Gestalt nicht. Der Uebergang vom Kopf zum Nacken +mit der sanften Neigung stammte eher vom Vater. Die Schultern hatten +nicht die schoene geschwungene Linie wie der Mutter Schultern, sondern +waren mehr abfallend, und die Arme flossen sanfter daraus hervor. Es +trieb ihn jeden Abend nach oben, zuzusehen, wenn sie ausgezogen wurde. +Die Verschmelzung des maennlichen und des weiblichen Typus der Krogs, die +bisher so selten gewesen, die aber schon teilweise von der Mutter +repraesentiert worden war, gab es hier in der Vollendung. Marit schoss +hoch auf, ihre Augen waren gross und der Kopf fein geformt. + +Er konnte sie nicht dazu bewegen, mit Kindern umzugehen; das langweilte +sie. Sie gingen nicht schnell genug auf ihre Ideen ein, die freilich +recht eigentuemlich waren. Die Felder hier waren doch ein Zirkus; der +Vater hatte ihr von Buffalo Bill erzaehlt. Indianer sprengten durch die +Arena, sie selbst an der Spitze auf einem weissen Pferde. Die Huegel waren +die Logen, die voll Menschen waren. Das konnten die anderen Kinder nicht +sehen. Auch das Reisenspielen auf dem Tisch, das ihr Vater sie gelehrt +hatte, verstanden sie nicht. + +Als Siebenjaehrige noetigte sie ihren Vater, ihr ein Rad zu kaufen und sie +fahren zu lehren; er selbst fuhr ausgezeichnet. Das war aber doch der +Tropfen, der den Becher zum Ueberlaufen brachte und ihn bestimmte, sich +nach Unterstuetzung umzusehen. + +Er hatte in Paris eine entfernte Verwandte kennen gelernt, eine Frau +Dawes; sie war in England verheiratet gewesen; als aber ihr einziges +Kind starb, hatte sie sich scheiden lassen und lebte in Paris als +Pensionsinhaberin. In dieser Pension hatte er sie taeglich bewundert. Er +war kaum je einem kluegeren Menschen begegnet. Er fragte bei ihr an, ob +sie zu ihm kommen, seinem Hause vorstehen und sein Kind erziehen wolle. +Sie sagte ohne Zoegern telegraphisch zu, und in weniger als einem Monat +hatte sie alles verkauft, war abgereist und hatte sich in ihren neuen +Wirkungskreis begeben. Ein Hueftleiden, das sie schon lange plagte, hatte +sich verschlimmert, so dass ihr das Gehen schwer fiel. Aber von ihrem +Rollstuhl aus, den sie mitgebracht hatte, und den ihre behaebige Person +vollstaendig ausfuellte, leitete sie das ganze Haus, ihn selbst +inbegriffen. Er war ganz erschrocken ueber ihre Tuechtigkeit. Sie kam +selten aus ihrem Stuhl heraus, aber trotzdem wusste sie alles, was +geschah. Waende hemmten ihren Blick nicht, eine Entfernung gab es nicht +fuer sie. Groesstenteils liess sich das aus der Schaerfe ihrer Sinne +erklaeren, aus ihrer Faehigkeit, Worte und Zeichen zu deuten, in Mienen +und Augen zu lesen, zu riechen und zu hoeren, Schluesse zu ziehen aus dem, +was sie wusste,--und siebentens und letztens daraus, dass sie zu fragen +verstand. Aber einiges war auch nicht zu erklaeren. Drohte einem, den sie +lieb hatte, eine Gefahr, so fuehlte sie das, wo sie auch war. Sie schrie +auf--in solchen Augenblicken sprach sie immer englisch--und war auf den +Beinen und Feuer und Flamme. So zum Beispiel an dem denkwuerdigen Tage, +da Marit mit ihrem Rad in den Fluss gefallen war und durch Maenner vom +Dampfer aus aufgefischt wurde; denn unten an der Landungsbruecke, wohin +sie gewollt hatte, war das Unglueck geschehen. Da stiessen sie und Frau +Dawes aufeinander, die eine triefend von Naesse und heulend, die andere +triefend von Schweiss und auch heulend. + +Frau Dawes machte taeglich ihre Runde durch das Haus und, wenn es noetig +war, auch um das Haus herum. Weiter kam sie selten. Auf diesem Rundgang +sah sie alles, auch das, was erst spaeter geschah, versicherten die +Maegde. + +Sie hatte etwas Schwimmendes an sich. Sie schwamm bestaendig in Papier. +Ihre Korrespondenz, die, wie Anders Krog behauptete, alle Personen +umfasste, die sie einmal in Pension gehabt hatte, setzte sie +ununterbrochen fort. In allen Sprachen und ueber alle Dinge; denn ihre +zweite Hauptbeschaeftigung war: das, was sie las--und sie las bis tief in +die Nacht hinein--in ihre Korrespondenz hineinzubringen. Sie drehte sich +nach dem Tisch mit dem Schreibpult um, sie wandte sich fort vom Tisch, +um zu lesen. An der Stuhllehne war eine Lesepultmechanik angebracht, +worauf das Buch lag; in der Hand hielt sie es selten. Sie zog Memoiren +jeder andern Lektuere vor, und davon plauderte sie nachher in ihren +Briefen. In zweiter Reihe kamen Kunstzeitschriften und Reiseliteratur. +Sie hatte ein kleines Vermoegen und kaufte sich alles, was ihr gefiel. + +Das Kind unterrichtete sie nebenbei. In der Wohnstube an dem grossen +Tisch sassen sie, "Tante Eva" in ihrem Thronsessel, die Kleine ihr +gegenueber. Immer aber, wenn es noetig war, musste Marit an Tante Evas Pult +kommen. Der Unterricht ging so leicht vonstatten, dass die Kleine oft +vergass, dass es Schule war. Ja, selbst der Vater, der seine Bibliothek +dicht daneben hatte, vergass es oft, wenn er hereinkam und das Gespraech +oder die Erzaehlung mit anhoerte. + +War der Unterricht leicht, so waren andre Dinge sehr schwierig und +fuehrten zu Kaempfen. Das ganze Verhalten des Kindes wollte sie aendern, +und da war ihr der Vater im Wege. Aber er wurde natuerlich geschlagen, +und noch ehe er ahnte, was Frau Dawes beabsichtigte. Marit sollte +gehorchen lernen, sie sollte einen Begriff von bestimmter +Zeiteinteilung, von Ordnung, von Hoeflichkeit, von Takt bekommen. Sie +sollte jeden Tag Klavier ueben, sie sollte bei Tisch huebsch gerade +sitzen und sich die Haende unzaehlige Male am Tage waschen; sie sollte +immer sagen, wohin sie gehe. Und nichts von all dem wollte sie. +Eigentlich auch der Vater nicht. + +Frau Dawes hatte einen einzigen festen Punkt, von dem sie ausgehen +konnte. Das war der unerschuetterliche Glaube des Kindes an die +Vollkommenheit seiner Mutter. Frau Dawes wusste sie davon zu ueberzeugen, +dass die Mutter nie spaeter als um acht Uhr schlafen gegangen sei. Sie +habe immer vorher ihre Kleider ordentlich auf einen Stuhl gelegt und +ihre Schuhe vor die Tuer gestellt. + +Von dem, was die Mutter getan und bis zur Vollkommenheit getan hatte, +ging sie zu dem ueber, was die Mutter getan haette, wenn sie an Marits +Stelle gewesen waere; und vor allem, was sie _nicht_ getan haette, wenn +sie Marit waere. Das war schwieriger. So als Frau Dawes versicherte, die +Mutter sei immer nur so weit geradelt, wie man sie sehen konnte. "Woher +weisst Du das?" fragte Marit.--"Ich weiss es daher, dass Dein Vater und +Deine Mutter nie voneinander getrennt waren."--"Das ist wahr, Marit", +fiel der Vater ein, froh, dass er auch einmal zu dem ja sagen konnte, was +Frau Dawes einfiel; denn das meiste war doch durchaus nicht wahr. + +Je weiter der Unterricht fortschritt, desto mehr Freude machte es Frau +Dawes selbst, und desto groesseren Einfluss gewann sie auf das Kind. Sie +machte es sich zur Aufgabe, das Traumleben Marits auszuroden, das ein +Erbteil der Mutter war und in ueppiger Bluete stand, solange der Vater +zuhoerte und seinen Spass daran hatte. + +Einmal im Fruehjahr kam Marit schnell herein und erzaehlte ihrem Vater, in +dem alten Baum zwischen den Graebern der Mutter und der Grossmutter sei +ein kleines Nest und in dem Nest seien ganz, ganz kleine Eier. "Das ist +ein Gruss von Mutter, nicht?" Er nickte und ging mit ihr, um es zu +besehen. Als sie aber naeher kamen, flog der Vogel auf und piepte +jaemmerlich. "Mutter sagt, wir sollen nicht naeher heran?" fragte sie +ihren Vater.--Er bejahte es. "Dann wuerden wir Mutter stoeren?" fragte sie +weiter. Er nickte.----Sie gingen seelenvergnuegt wieder nach Hause und +sprachen den ganzen Weg von Mutter. Als Marit Frau Dawes hiervon +erzaehlte, sagte sie: "Das sagt Dein Vater nur, um Dich nicht zu +betrueben, Kind. Koennte Deine Mutter Dir eine Botschaft senden, so kaeme +sie selbst."--Die Revolution, die diese wenigen grausamen Worte +anrichteten, war nicht abzusehen. Sie veraenderten auch das Verhaeltnis +zum Vater.---- + +Die Schule ging ihren regelrechten Gang, die Erziehung auch, bis Marit +nahezu dreizehn Jahr alt war, lang und duenn und grossaeugig mit ueppigem, +rotem Haar und weisser, zarter Haut ohne Sommersprossen, was Frau Dawes' +besonderer Stolz war. + +Da kam der Vater eines Tages aus der Bibliothek herein und unterbrach +den Unterricht. Das war in den ganzen Jahren nicht ein einzigesmal +geschehen. Marit bekam frei; Frau Dawes ging mit dem Vater in die +Bibliothek. "Bitte lesen Sie diesen Brief!"-- + +Sie las und erfuhr,--wovon sie nicht die leiseste Ahnung gehabt +hatte,--dass der Mann, der vor ihr stand und ihr Gesicht waehrend des +Lesens beobachtete, ein Millionaer war, kein Kronen-, nein, ein +Dollarmillionaer. Er hatte seit dem Tode des Onkels nach der ersten +vorlaeufigen Ausbezahlung der Bankguthaben und Aktien als Kompagnon des +Bruders nichts wieder abgehoben,--und dies war das Resultat. + +"Ich gratuliere Ihnen", sagte Frau Dawes und fasste seine rechte Hand mit +ihren beiden. Ihr standen die Traenen in den Augen. "Ich verstehe Sie, +lieber Krog; Sie wuenschen, dass wir jetzt auf Reisen gehen?" Er sah sie +mit seinen leuchtenden Augen lachend an. "Haben Sie etwas dagegen, Frau +Dawes?"--"Durchaus nicht, wenn wir die noetige Bedienung mitnehmen; ich +bin ja einmal so schlecht zu Fuss."--"Das sollen Sie haben, und ueberall +halten wir uns einen Wagen. Der Unterricht kann fortgesetzt werden, +nicht wahr?"--"Ob er kann! Nur um so besser!" Sie lachte und weinte +zugleich, und sie sagte selbst, so gluecklich sei sie noch nie gewesen. + +Vierzehn Tage spaeter hatten die drei mit einem Diener und einem Maedchen +Krogskog verlassen. + + * * * * * + +Der Thronwechsel + + +So gingen zweieinhalb Jahre hin, in denen der Vater einige Male in +Norwegen war, aber die anderen nicht. Dann dachten sie ernstlich daran, +einen Sommer in Krogskog zu verbringen. Aus diesem Grunde standen sie +alle drei in einem Konfektionsgeschaeft in Wien. Frau Dawes und Marit +sollten neue Kleider haben, besonders Marit, die aus ihren +herausgewachsen war. Es war in den ersten Tagen des Mai, und es handelte +sich um Sommerkleider. + +"Dein Vater und ich, wir finden beide, Du musst jetzt lange Kleider +haben. Du bist schon so gross." Marit blickte zu ihrem Vater hin, aber +die Stoffe, die vor ihnen ausgebreitet lagen, hielten seinen Blick fest. +Frau Dawes sprach statt seiner. "Dein Vater hat oft gesagt, wenn Du mit +ihm gehst, sehen die Herren Dir so nach den Beinen."--Der Vater wurde +unruhig; selbst das Fraeulein hinter dem Ladentisch merkte, dass ein +Gewitter in der Luft lag. Sie verstand die Sprache nicht, aber sie sah +die drei Gesichter. Schliesslich hoerte der Vater Marit mit einer fremden, +aber freundlichen Stimme antworten: "Soll ich jetzt lange Kleider haben, +weil Mutter, als sie in meinem Alter war, auch welche trug?"--Frau Dawes +sah erschrocken Anders Krog an; er aber wandte sich ab. Dann wieder +Marit: "Tante Eva, Du warst doch natuerlich mit Mutter zusammen, als sie +damals lange Kleider bekam? Oder Vater vielleicht?" + +Dann wurde nicht mehr von langen Kleidern gesprochen. Es wurde +ueberhaupt nicht mehr gesprochen. Sie gingen fort. + +Weiter geschah nichts. Es ergab sich von selbst, dass sie am naechsten +Tage, statt zum Unterricht zu kommen, mit dem Vater ausfuhr, um die +Sache mit den Kleidern zu ordnen. Des weiteren, dass sie sich von dort in +die Museen begaben. Sie setzten diese taeglichen Ausfahrten bis zur +Abreise fort. Mit dem Unterricht war es vorbei. Als sei nichts +vorgefallen, gingen sie jeden Abend zu Dreien ins Konzert oder in die +Oper oder ins Schauspiel. Sie wollten die Zeit, die ihnen noch blieb, +ausnutzen. + +In den ersten Tagen des Juni waren sie in Kopenhagen. Hier erwartete sie +ein Brief von Onkel Klaus. Joergen Thiis, sein Pflegesohn, sei Leutnant +geworden; Klaus wolle draussen in seinem Landhause einen Fruehlingsball +geben, aber er warte damit, bis sie heimkaemen. Wann sie kaemen? + +Darauf freute sich Marit sehr. Den schoenen, schlanken Joergen kannte sie. +Er war der Sohn des Bezirksamtmanns, seine Mutter war Klaus Krogs +Schwester. + +Also musste jetzt ein Ballkleid komponiert werden; die Erwaegungen waren +sehr kurz, keiner sagte vorlaeufig ein Wort. Das Spannende der Sache, ob +dieses Kleid wohl lang sein werde, verschloss jeder in seiner Brust. Als +der grosse Augenblick des Massnehmens kam, fragte die Dame, die es tat: +"Das gnaedige Fraeulein soll doch ein langes Kleid haben?" Marit sah zu +Frau Dawes hin, die rot wurde. Was aber schlimmer war: die Dame selbst +wurde auch rot. Sie nahm eilig nach dem kurzen Kleide Mass, das Marit +anhatte. + +Am zwanzigsten Juni fand also der Ball statt. Ein schwueler Tag ohne +Sonne. Die Gaeste standen im Garten vor dem grossen Landhause, als das +Boot anlegte, mit dem Marit und ihr Vater kamen; sie waren die letzten. +Sie stieg allein aus. Der alte Klaus stapfte lang und duerr und mit +ungeheuer weiten Beinkleidern zu ihr hinunter, ohne Hut mit blanker +Glatze und feuchtglaenzendem Gesicht. Er hielt sie durch eine +Handbewegung zurueck, waehrend er zu Anders Krog im Boot hinuntersah: +"Willst Du nicht heraufkommen?"--"Nein, nein! Tausend Dank!" Das Boot +stiess ab. Jetzt erst sah er Marit an, die Frau Dawes in ihrem langen +Brief als die groesste Schoenheit beschrieben hatte, die sie je gesehen. Er +starrte sie an, verbeugte sich und kam naeher; er roch nach Tabak und +schmunzelte mit seinem grossen, weit offnen, unappetitlichen Munde. Bot +ihr dann seinen Arm. Sie aber in ihrem langen aermellosen Mantel tat, als +bemerkte sie es nicht. Er stutzte, folgte ihr aber zu den andern. Und +dann sagte er: "Hier bringe ich die Ballkoenigin." Das verletzte sie und +verletzte alle, so dass der Anfang nicht vielversprechend war. Joergen, +der Held des Abends, draengte sich vor, um sich zu erbieten, ihr Hut und +Mantel abzunehmen. Sie aber gruesste obenhin und ging weiter. Es lag Stil +darin. Unter den Zurueckbleibenden entstand sofort ein Gefluester. Die +Art, wie sie vorueberging, ihr Gesicht, ihre Haltung, ihr Gang, die +blendend schoene Haut, die leuchtenden Augen, die Woelbung darueber, die +feingeformte Nase ... das war alles aus einem Guss und alles vollendet. +Joergen Thiis war hin. Er selbst war ein grosser, schlanker Mensch vom +Krogschen Typ; nur die Augen waren ganz anders. Jetzt hingen sie wie +festgenagelt an der Tuer, hinter der sie verschwunden war. Er wartete auf +der Treppe. + +Und wie sie wieder heraus und auf ihn zukam, um an seinem Arm zu den +andern hinunter zu gehen,--in einem kurzen Kleide aus lichtem, +wasserblauem Krepp mit durchbrochnen seidenen Struempfen von derselben +Farbe und in Silberbrokatschuhen mit antiken Schnallen, war sie ein +Bild. Die Bewunderung war einstimmig. Es wurde von nichts anderem +gesprochen, bis man zu Tisch ging. Auch da hoerte es noch nicht auf; es +gab Gespraechsstoff fuer die ganze Stadt. Dass ein so klassisch +geschnittenes Gesicht mit so leuchtenden Augen in dem weissen, weissen +Teint obendrein noch in einem Glorienschein von rotem Haar stand! Das +Ganze war harmonisch zu der hohen Gestalt mit den leicht abfallenden +Schultern und einer Bueste, die noch nicht voll entfaltet, aber von einer +Freiheit und Unabhaengigkeit war, als koenne sie losgeloest werden. Die +Arme, die Handgelenke, die Hueftbildung, die Fuesse ... es wurde beinahe +komisch; denn einige junge Herren stellten mit dem groessten Eifer die +Behauptung auf, die Knoechel seien das Allerschoenste. Sie haetten nicht +ihresgleichen. So duenn,--und mit dieser schwellenden Rundung nach +oben--? Nein, nirgends! + +Joergen Thiis vergass das Reden, ja sogar eine Zeitlang das Essen, das ihm +sonst doch das Schoenste auf der Welt war. Er ging wie ein Schlafwandler +mit ihr. Wenn man sie sah, war er an ihrer Seite oder hinter ihr her. + +Wegen des Balles hatten sich ihr Vater und Frau Dawes nach dem Hause in +der Stadt begeben. Sie wurden beim Morgengrauen geweckt von lautem +Schwatzen und Lachen vor dem Hause und schliesslich gar maennlichen und +weiblichen Hurrarufen; die Ballgaeste hatten Marit nach Hause begleitet. + +Am aendern Tage bekamen die Alten Besuch von Verwandten und Freunden. Die +aelteren Leute, die auf dem Ball gewesen waren, erklaerten Marit fuer die +Schoenste, die sie seit Menschengedenken gesehen haetten. Der alte Klaus +war abends um neun noch in die Stadt gerudert und zu einigen Freunden +gepilgert, bloss weil sie kommen und sehen sollten. + +Am Nachmittag praesentierte sich Joergen in Uniform und mit neuen +Handschuhen. Er wollte sich erlauben, nach dem Befinden des gnaedigen +Fraeuleins zu fragen. Das gnaedige Fraeulein habe noch nichts von sich +hoeren lassen. + +Als sie schliesslich kam, war sie von etwas ganz andrem erfuellt als von +dem gestrigen Tage. Das merkte Frau Dawes sofort. Auch erzaehlte die +Ballkoenigin nicht das geringste von dem Balle. Sie beschraenkte sich +darauf, zu fragen, ob sie aufgeweckt worden seien. Dann ass sie. Als sie +fertig war und wieder hereinkam, erzaehlte ihr Vater, Joergen sei +dagewesen, um zu fragen, wie es ihr gehe. Marit laechelte. Frau Dawes: +"Findest Du Joergen nicht nett?"--"Doch."--"Worueber laechelst Du +denn?"--"Er hat so viel gegessen."--Jetzt fiel der Vater lachend ein: +"Das macht sein Vater, der Amtmann, auch so! Und regelmaessig sucht er +sich die besten Stuecke aus."--"Freilich." + +Frau Dawes sass und wartete auf das, was jetzt kommen wuerde; denn es kam +etwas. Marit ging hinaus; nach einer Weile erschien sie mit Hut und +Sonnenschirm wieder. "Willst Du ausgehen?" fragte Frau Dawes. Marit +stand da und zog sich die Handschuhe an. "Ich gehe aus und bestelle mir +Visitenkarten."--"Hast Du keine Visitenkarten?"--"Doch; aber die alten +gefallen mir nicht mehr."--"Warum nicht?" fragte Frau Dawes sehr +verwundert; "Du hast sie doch damals in Italien so huebsch +gefunden?"--"Ja;--aber der Name gefaellt mir nicht mehr, meine +ich."--"Der Name?" Beide blickten auf. Marit: "Es ist gerade, als wenn +er gar nicht mehr zu mir gehoert,--meine ich."--"Marit gefaellt Dir +nicht?" fragte Frau Dawes. Der Vater warf leise hin: "Es war der Name +Deiner Mutter." Sie antwortete nicht gleich; sie fuehlte die entsetzten +Augen des Vaters.--"Wie moechtest Du denn heissen, Kind?" Das war wieder +Frau Dawes, die sprach. "Mary."--"Mary?"--"Ja. Das passt besser,--meine +ich." Die stumme Verwunderung der andern bedrueckte sie augenscheinlich. +Sie sagte: "Wir wollen ja jetzt doch nach Amerika. Da sagt man +Mary."--"Aber Du bist Marit getauft", sagte ihr Vater schliesslich +zaghaft.--"Was schadet das?"--Frau Dawes: "Es steht in Deinem +Taufschein, Kind; es ist Dein Name."--"Ja, in den Urkunden steht es +vielleicht, aber nicht in mir." Die beiden andern starrten sie an. + +"Es tut Deinem Vater weh, Kind."--"Vater kann mich ja ruhig weiter Marit +nennen."--Frau Dawes blickte sie traurig an, sagte aber nichts weiter. +Marit war mit ihren Handschuhen fertig. "In Amerika werde ich Mary +genannt. Das weiss ich. Hier habe ich eine Probekarte. Es macht sich doch +gut?" Sie holte eine ganz kleine Karte aus der Tasche. Frau Dawes besah +sie und reichte sie Anders Krog hin. Mit feiner Schrift stand auf feinem +Papier: "Mary Krog." + +Der Vater schaute lange, schaute immer wieder auf die Karte. Legte sie +dann auf den Tisch, nahm seine Zeitung und tat, als lese er. + +"Es tut mir leid, Vater, dass Du es so auffasst."--Anders Krog wiederholte +leise, ohne von der Zeitung aufzusehen: "Marit ist der Name Deiner +Mutter."--"Ich habe Mutters Namen auch lieb.--Er passt aber nicht fuer +mich." + +Damit ging sie leise hinaus. Frau Dawes, die am Fenster sass, blickte ihr +die Strasse entlang nach. Anders Krog legte die Zeitung hin; er konnte +nicht lesen. Frau Dawes versuchte, ihn zu troesten. "Es ist was Wahres +dran", sagte sie. "Marit passt nicht mehr fuer sie." + +"Der Name ihrer Mutter", wiederholte Anders Krog, und die Traenen liefen +ihm ueber das Gesicht. + + * * * * * + +Drei Jahre spaeter + + +Drei Jahre spaeter fuhr Mary nach langem Regen an einem schoenen +Fruehlingstage mit einer Verwandten, Alice Clerq, in Paris die Avenue du +Bois de Boulogne hinunter auf das vergoldete Parktor zu. Sie hatten sich +in Amerika kennen gelernt und sich hier in Paris im vorigen Jahre +wiedergetroffen. Alice Clerq wohnte jetzt mit ihrem Vater in Paris. Der +alte Clerq war frueher der bedeutendste Kunsthaendler von New York gewesen +und hatte eine Norwegerin aus der Familie Krog geheiratet. Nach dem Tode +seiner Frau verkaufte er sein riesiges Geschaeft. Die Tochter war mit der +Kunst aufgewachsen und hatte eine gruendliche Ausbildung darin genossen. +Sie hatte die Museen der ganzen Welt gesehen, hatte ihren Vater sogar +bis nach Japan geschleppt. Ihr Hotel in den Champs Elysees war voll von +Kunstgegenstaenden. Dort hatte sie auch ihr Atelier; sie war naemlich +Bildhauerin. Alice war nicht mehr jung, eine kraeftige, rundliche Person, +gutmuetig und lustig. + +Dies Jahr kam Anders Krog mit seiner Begleitung aus Spanien. Die beiden +Freundinnen sprachen gerade ueber ein Bild Marys, das aus Spanien an +Alice geschickt war und nach Norwegen weiter wanderte. Alice behauptete, +der Kuenstler habe es offenbar auf eine Aehnlichkeit mit Donatellos +"Heiliger Caecilie" abgesehen. Durch die Stellung des Kopfes, die Form +der Augen, die Linie des Halses und den halb geoeffneten Mund. Aber so +interessant dieser Versuch sein moege, fuer die Aehnlichkeit sei er von +Schaden. Zum Beispiel sei es ein Verlust fuer das Bild, dass die Augen +nicht zu sehen seien; die habe sie ja niedergeschlagen wie bei +Donatello. Mary lachte. Gerade um diese Aehnlichkeit herauszubekommen, +habe sie ihm gesessen. + +Nun erzaehlte Alice von einem norwegischen Genieoffizier, den sie kennen +gelernt habe, als sie mit seiner Mutter im Sommer in Norwegen gewesen +sei. Er habe das Bild bei ihr gesehen und sich ganz in dieses Portraet +verliebt.--"So", sagte Mary wie abwesend.--"Es ist kein gewoehnlicher +Mensch, kannst Du glauben, und auch kein gewoehnliches Verliebtsein." +--"Nanu?"--"Ich bereite Dich vor. Er kommt natuerlich bei mir mit Dir +zusammen."--"Ist das noetig?"--"Sehr. Denn sonst muss ich es ausbaden." +--"Ist er denn gefaehrlich?" Alice lachte: "Mir wenigstens."--"Sieh +einer an! Ja, das ist etwas anderes."--"Jetzt verstehst Du mich falsch. +Warte, bis Du ihn siehst."--"Ist er so schoen?"--Alice lachte: "Nein, +er ist geradezu haesslich!--Na, warte nur ab."--Sie fuhren weiter, das +Gedraenge wurde groesser; es war einer der Haupttage.--"Wie heisst er?" +--"Franz Roey."--"Roey? So heisst unsere Aerztin auch. Fraeulein Roey." +--"Ja, das ist seine Schwester; er spricht oft von ihr."--"Sie hat +eine herrliche Figur."--Da richtete Alice sich auf: "Und er? Wenn ich +mit ihm ueber die Strasse gehe, drehen die Leute sich um, weil sie ihn +noch einmal sehen wollen. Ein richtiger Riese! Aber keiner von den +fettgepolsterten. Nein, sehr gross und geschmeidig." --"Also gut +trainiert?"--"Riesig. Auf nichts ist er so stolz wie auf seine Kraft, +und nichts zeigt er so gern!"--"Ist er denn dumm?"--"Dumm? Franz Roey?" +--Sie lehnte sich wieder zurueck, und Mary fragte nicht weiter. + +Sie kamen spaet draussen an; endlose Wagenreihen zogen an ihnen vorbei +heimwaerts aus dem Bois. Die drei breiten Fahrwege der Avenue waren +gedraengt voll. Je naeher sie dem eisernen Tor kamen, wo die Wege +zusammenliefen, desto dichter wurden die Wagenreihen. Diese +Zurschaustellung von hellen und bunten Fruehjahrstoiletten an dem ersten +sonnigen Tage nach dem Regen war ein einzigartiges Schauspiel. Zwischen +den neubelaubten Baeumen wirkten die Wagen wie gefuellte Blumenkoerbe im +Gruen, einer hinter dem andern, einer neben dem andern, ohne Anfang und +ohne Ende. + +Am Tor kamen sie in die Naehe der wogenden Menge von Fussgaengern. Aber +kaum waren sie mitten drin, als sich von rechts nach links hinueber eine +unruhige Bewegung fortpflanzte. Dort rechts mussten die Leute etwas +sehen, was von hier aus nicht zu sehen war. Einige schrien und zeigten +nach den Seen hinueber, die Wagen fuhren auf Kommando zur Seite oder in +die Querwege hinein, die Bewegung wuchs, bald war sie allgemein. +Schutzleute und Parkwaechter rannten hin und her, die Wagen stauten sich +so dicht, dass keiner mehr vom Fleck kam. Ein breiter Mittelgang war bald +weit hinunter frei. Alle spaehten und fragten,--da kam es! Ein paar +durchgegangene Pferde mit einem grossen Wagen. Auf dem Bock sah man den +Kutscher und den Groom. Es musste sich ein Kampf abgespielt haben, so dass +man Zeit bekam, den Weg frei zu machen, oder die Pferde mussten in sehr +grosser Entfernung scheu geworden sein. Hier, diesseits des Tores, waren +alle Gefaehrte aus dem Mittelweg verschwunden; Alices Wagen stand beinahe +zu aeusserst am linken Fussweg. Hinter sich hoerten sie Geschrei; vermutlich +wurde die ganze Avenue freigemacht. Aber niemand blickt dahin, alles +sieht nach vorn. Ein stattliches Gespann kommt in rasender Fahrt auf sie +zu. Von Neugier getrieben, wogen zu beiden Seiten die Massen vor und +zurueck. Aengstliche Menschen draussen vor dem Tor riefen: "Schliesst das +Tor!"--Ein rasender Protest, ein tausendstimmiger Hohn von drinnen +antwortete ihnen. Alle Wageninsassen hatten sich erhoben, manche standen +auf den Sitzen. Auch Alice und Mary. Es machte den Eindruck, als werde +die Fahrt toller, je naeher die Tiere kamen. Kutscher und Groom rissen +aus Leibeskraeften an den Zuegeln; aber das stachelte die Tiere nur an. +Ein Mann im Zylinder beugte den Oberkoerper aus dem Wagen, vermutlich um +festzustellen, wo er sich den Hals brechen werde. Ein paar Hunde liefen +mit eifrigem Protest hinterher, hier oben lockten sie noch mehrere +andere auf die Bahn hinaus, die sich aber nicht weit vorwagten. Die zwei +oder drei, die es taten, prallten gegeneinander, dass einer sich +ueberstuerzte und ueberfahren wurde, der Wagen machte einen Satz, der Hund +heulte auf,--seine Kameraden hielten eine Weile inne. + +Da loest sich ein Mann aus den Massen am eisernen Portal und tritt mitten +auf den Weg. Man schrie, man schwang Stoecke und Regenschirme und drohte +ihm. Ein paar Schutzleute wagten sich einige Schritte hinter ihm her und +winkten und riefen; das gleiche tat diesseits ein Parkwaechter, lief aber +in Todesangst wieder zurueck. Statt auf die Rufe und Drohungen zu achten, +nahm der Mann die Pferde aufs Korn, trat nach links, dann nach rechts, +dann wieder nach links ... offenbar um sich ihnen entgegenzuwerfen. + +Sowie die Menge das erfasst hatte, wurde sie still, ja, es wurde so +still, dass man die Voegel in den Baeumen singen hoeren konnte, hoeren auch +das ferne, dumpfe Getoese der nimmer stillen Riesenstadt, das vom Winde +heruebergetragen wurde. Es gab dem Vogelgezwitscher einen einfoermigen +Unterton. Merkwuerdig, dass die Pferde genau so gespannt dastanden wie die +Menschen; sie ruehrten keinen Fuss. Nur die Hunde waren wieder in +Bewegung. + +Nun hatte der wilde Zug den Mann mitten auf der Strasse erreicht. Er +drehte sich pfeilschnell nach derselben Seite wie die Pferde, lief neben +ihnen her und warf sich dann dem naechsten in die Flanke ... + +"Das ist er!" rief Alice mit leichenblassem Gesicht und packte Mary so +krampfhaft, dass sie beide ins Stolpern kamen. Schrill und wild +kreischten weibliche Stimmen auf. Ein dumpfes Gebruell von Maennerstimmen +folgte. Jetzt hing er an dem einen Pferde. Alice schloss die Augen, Mary +wandte sich ab. Lief er mit oder wurde er geschleift? Sie anhalten +konnte er nicht. + +Wieder einige Sekunden lang eine fuerchterliche Stille, nur die Hunde und +die Hufe der Pferde hoerte man. Dann ein kurzer Aufschrei und dann +tausende, und dann Jubel, wilder, endloser Jubel. Wehende Taschentuecher, +Huete und Sonnenschirme. Die Menge stroemte zu beiden Seiten wie eine +Sturmflut wieder in die Avenue hinein. Hier oben war die Strasse in einem +Augenblick gedraengt voll. Die rasenden Tiere standen schaumbedeckt und +zitternd dicht bei Alices Wagen. Sie sah einen grauen Englaender, einen +schlanken alten Herrn mit weissem Bart und im Zylinder, und sie sah eine +junge schlanke Dame an seinem Arm haengen und hoerte den Alten sagen: +"Well done, young man!" + +Ein schallendes Gelaechter folgte. Und jetzt erst sah sie ihn, dem die +Worte gegolten hatten, wie er die Pferde bei den Nuestern gepackt hatte, +ohne Hut, mit aufgerissener Weste und blutenden Haenden, jetzt aber das +schweissbedeckte, aufgeregte Gesicht lustig dem Englaender zuwandte. +Gerade im selben Augenblick gewahrte er Alice. Sie stand ja noch immer +auf dem Sitz ihres Wagens. Ohne Zoegern liess er Pferde und Wagen mitsamt +dem Englaender stehen und bahnte sich den Weg zu ihr: "Verehrteste, +bringen Sie mich fort aus diesem Wirrwarr!" sagte er laut in seiner +breiten ostlaendischen Mundart. Ehe sie antworten, ja noch ehe sie vom +Sitz herunterkommen, geschweige ehe der Groom sich vom Bock +herabschwingen konnte, hatte er die Wagentuer geoeffnet und war bei ihnen +im Wagen. Er half erst Alice von der Bank herunter, dann ihrer Freundin. +Darauf sagte er auf franzoesisch zum Kutscher: "Fahren Sie mich nach +Hause, so schnell Sie loskommen koennen. Sie wissen die Adresse +wohl."--"Ja, Herr Hauptmann", antwortete der Kutscher mit ehrerbietigem +Gruss und bewundernden Blicken. Als Franz Roey sich hinsetzen wollte, +verzog er das Gesicht und rief, indem er sich an den Fuss fasste: "Au, +Donnerwetter, das Ekel hat mich getreten. Jetzt merke ich es erst." In +diesem Augenblick begegnete er Marys grossen, verwunderten Augen; er +hatte sie bisher nicht angesehen, nicht einmal, als er ihr vom Sitz +heruntergeholfen hatte. Die Veraenderung in seinem Gesichtsausdruck war +so gewaltig und so ueberwaeltigend komisch, dass die beiden Damen in lautes +Lachen ausbrachen. Er fasste mit der blutigen Hand an seinen Hut--und +merkte, dass er keinen aufhatte. Da lachte er auch. + +Der Kutscher hatte inzwischen den Wagen ein paar Meter vorwaerts +bugsiert, nun versuchte er zu wenden. + +"Ja, ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wer das ist?" lachte Alice. +"Nein!" sagte er und starrte Mary an, dass sie rot wurde. + +"Aber, mein Gott, wie konnten Sie das wagen!"--Alices Stimme +war's.--"Ach, das ist nicht so gefaehrlich, wie es aussieht", antwortete +er, ohne ein Auge von Mary zu wenden. "Es ist bloss ein Kniff. Ich habe +es schon vorher zweimal gemacht." Er sprach nur zu Mary. "Diesmal sah +ich gleich, dass bloss das eine Pferd den Verstand verloren hatte; das +andere wurde nur mitgerissen. Ja, da nahm ich mir also das tolle vor. +Pfui Teufel, wie sehe ich aus!" Jetzt erst entdeckte er, dass seine +Weste zerrissen, dass seine Uhr weg war, und dass seine blutende Hand ihn +beschmutzte. Mary bot ihm ihr Taschentuch an. Er blickte auf das feine, +gestickte Gewebe und dann auf sie: "Nein, gnaediges Fraeulein, das waere, +als wollte man Baumrinde mit Seide flicken." + +Gleich draussen vor dem Tor an der rechten Seite wohnte er, also war es +keine Entfernung. Mit herzlichem Dank, ohne die blutige Hand +darzubieten, stieg er aus. + +Als er schlank und riesig ueber den Fussweg von dannen hinkte und der +Wagen wendete, sagte Alice leise auf englisch: "Wer so ein Modell haben +koennte, Mary!"--Mary sah sie verwundert an: "Ja, laesst sich denn das +nicht machen?"--Alice gab Mary den Blick noch verwunderter zurueck: +"Nackt meine ich." Mary machte beinahe einen Luftsprung, beugte sich +dann nach vorn und sah Alice gerade ins Gesicht. Alice begegnete ihren +Augen mit einem schelmischen Lachen. + +Mary lehnte sich zurueck und starrte vor sich hin. + + * * * * * + +Franz Roey musste sich wegen seines Fusses einige Tage Schonung auferlegen. +Als er sich wieder bei Alice meldete, wurde verabredetermassen Mary +benachrichtigt. Aber es ueberkam sie eine solche Unruhe, dass sie sich +nicht hinzugehen getraute. Beim naechsten Mal trieb die Neugier, oder was +es sonst war, sie hin. Aber sie kam sehr spaet, und kaum stand sie ihm +gegenueber, da wuenschte sie, sie waere nie gekommen. Er hatte etwas so +Intensives, dass die vornehme Dame es als Aufdringlichkeit, ja fast als +Beleidigung empfand. Ihr Wesen war in Aufruhr, sie folgte ihm mit den +Augen, mit den Ohren; die Gedanken sausten in ihr und das Blut auch. Es +muss doch mal voruebergehen, dachte sie. Aber das war nicht der Fall. +Alices Verzauberung oder richtiger ihre Verliebtheit erhoehte das +Schwindelgefuehl. War er eigentlich so haesslich? Diese breite, steile +Stirn, diese kleinen, spruehenden Augen, der zusammengekniffene Mund, das +vorspringende Kinn, das hatte alles in allem etwas ungewoehnlich +Kraftvolles, aber es wurde spasshaft, weil er beinahe gar keine Nase +hatte. Spasshaft war auch das meiste, was er sagte. So immer aufgelegt +und lustig, dass um ihn her bestaendig Heiterkeit war, so unerschoepflich +voller Einfaelle. Seine Manieren hatten nichts Gewaltsames; er war im +Gegenteil die Hoeflichkeit selbst; er war aufmerksam, zuweilen sogar +galant. Es lag nur an dem Ueberwaeltigenden in ihm. Seine Sprache und +seine Augen allein waren wie ein Gewitter. Aber auch seine Gestalt tat +das ihre, diese kraftvolle Hand, dieser massige Fuss, der fast nur Spann +war, diese Schultern, der Nacken, der Brustkasten, das alles sprach mit, +wirkte erdrueckend, demonstrierte. Man kam keinen Augenblick davon los. +Und seine Rede floss unaufhaltsam. + +Mary kannte nur die Unterhaltungsform der internationalen Gesellschaft. +Eine leichte Konversation ueber Wind und Wetter, ueber die +Tagesereignisse, ueber Literatur und Kunst, ueber Zufaelligkeiten auf +Reisen und beim Aufenthalt, das ganze immer mit anderthalb Ellen +Abstand. Er dagegen war ganz individuell und nahebei. Dabei fuehlte sie, +dass sie selbst auf ihn wirkte wie Wein. Er wurde immer berauschter und +immer uebermuetiger. Das regte auf und machte unruhig. Sobald sie +anstandshalber fort konnte, verschwand sie, benommen, verwirrt und +eigentlich in einer wilden Flucht. Sie gab sich selbst das feierliche +Versprechen, nie wiederzukommen. + +Erst spaeter am Tage ging sie zu ihrem Vater und zu Frau Dawes hinein. +Sie erwaehnte kein Wort von ihrer Begegnung. Das hatte sie das vorige Mal +auch nicht getan. Frau Dawes sagte, sie solle sich einmal die Karte +ansehen, die auf dem Tisch liege.--"Joergen Thiis? Ist denn der +hier?"--"Er ist den ganzen Winter hier gewesen. Jetzt hat er erst +erfahren, dass wir angekommen sind."--"Er bat um Gruesse an Dich", warf der +Vater ein, der wie gewoehnlich sass und las. + +Es war wirklich eine Erholung, an Joergen Thiis zu denken. Im vorigen +Winter war sie verschiedentlich mit ihm hier in Paris zusammengewesen. +Bei mehreren Gelegenheiten war er ihr Kavalier, so zum Beispiel bei den +offiziellen Baellen im Elysee und im Hotel de Ville. Ein Kavalier, mit +dem sie in allen Stuecken Ehre einlegte. Huebsch, elegant, zuvorkommend. +Der Vater erzaehlte, Joergen wolle zur Diplomatie uebergehen. "Dazu gehoert +doch wohl Kapital?" sagte Mary. "Er wird Onkel Klaus beerben", +antwortete Frau Dawes. "Weisst Du das bestimmt?"--"Bestimmt nicht."--"Ist +es denn wahr, dass Onkel Klaus in letzter Zeit mehrfach Verluste gehabt +hat?" Frau Dawes schwieg. Der Vater antwortete: "Das kann schon +sein."--"Ja, unterstuetzt er ihn denn?" Keiner antwortete. "Dann kann ich +nicht finden, dass Joergens Aussichten so glaenzend sind", sagte sie +abschliessend.-- + +Franz Roey war im Auftrage der Regierung in Paris und war infolgedessen +oft abwesend. Das war gerade jetzt der Fall, so dass Mary sich sicher +fuehlte. Aber als sie eines Morgens frueh zu Alice kam,--sie wollten +zusammen in die Stadt,--sass er da! Er sprang auf und eilte ihr entgegen. +Seine Augen ueberschuetteten sie mit Bewunderung und Freude, er nahm ihre +Hand in seine beiden Haende. Etwas strahlend Gluecklicheres hatte sie nie +gesehen. Mary fuehlte, wie sie rot wurde. Alice lachte, was die Sache +noch schlimmer machte. Aber seine Redseligkeit, die heute selbst fuer +seine Verhaeltnisse aussergewoehnlich war, half ihnen darueber weg. Jetzt +stuerzte er sich in eine kolossale Fabrik hinein, von der er direkt +herkam, und riss sie mit. Die halbnackten Maenner mit ihren Haken an dem +Strom des siedenden, rotgluehenden, wallenden Eisenerzes,--die Gewalt der +Maschinen und die Menschen dazwischen wie vorsichtige Ameisen in einem +Wald von Riesen. Er versuchte ihnen das auch in den Einzelheiten zu +erklaeren. Es gelang voellig; aber es dauerte lange und hielt vor, bis die +beiden Freundinnen fort mussten. + +Als sie im Wagen sassen, war Alice aeusserst aufgeraeumt. Es war naemlich +ganz klar, heute hatte er einen starken Eindruck gemacht.-- + +Am Tage darauf verliess Mary mit einem amerikanischen Ehepaar Paris im +Automobil. Sie blieb mehrere Tage fort. Aber es war ihr erstes, als sie +wieder zurueckkam, Alice aufzusuchen. Wahrhaftig: Franz Roey war da. Er +und Alice sprangen in lebhafter Freude auf, Alice kam ihr entgegen und +umarmte und kuesste sie: "Du Ausreisser, Du Ausreisser!" rief sie. Dass Franz +Roeys Augen funkelten, ist zu wenig gesagt; sie schossen foermlich Salut. +Von dem Augenblick an, da sie ihn begruesste, stand sein Mund nicht mehr +still. Er benahm sich so toericht verliebt, dass es Alice ganz angst +wurde. Gluecklicherweise musste er ein Ende machen; er hatte eine +Konferenz. Mary war nachher wieder ganz aufgeruehrt; die See wollte sich +nicht legen. Alice sah es und wollte sie beruhigen mit eifrigen, +aengstlichen Versuchen, ihn ihr zu erklaeren. Aber das verwirrte nur noch +mehr; Mary ging. + +Am Nachmittag, als sie zu den andern ins Zimmer trat--sie hatte ein +wenig geruht, es hatte ihr notgetan--hoerte sie Klavierspiel. Sie wusste +sofort, dass es Joergen Thiis war, der den beiden Alten Gesellschaft +leistete. Er war wirklich ein Kuenstler, und er hatte eine Vorliebe fuer +den Fluegel, den sie hatten. Den wollten sie mit nach Norwegen nehmen. +Sie ging gleich zu ihm hin und dankte ihm, dass er so aufmerksam gegen +ihren Vater und Tante Eva sei; leider muessten die beiden so oft allein +bleiben. Er antwortete, es sei ihm eine unendliche Freude, dass sie seine +Musik schaetzten, und das Klavier sei zu verlockend, in der Tat ersten +Ranges. Die Unterhaltung bei Tisch und nachher zeigte Mary, wie die drei +zusammenstimmten; sie war entbehrlich. + +Sie war wirklich dankbar dafuer, so dass es ein gemuetlicher Abend wurde. +Es wurde viel von der Heimat gesprochen, nach der die beiden Alten +Sehnsucht hatten. + +Kaum war er fort, so sagte Frau Dawes: "Was ist Joergen doch fuer ein +gemuetlicher, gebildeter Mensch, liebes Kind!"--Der Vater blickte Mary an +und laechelte. "Worueber lachst Du, Vater?"--"Ueber nichts", er lachte +noch mehr. "Du moechtest wissen, wie er bei mir angeschrieben ist?"--"Ja, +wirkt er auf Dich?" Frau Dawes war ganz Ohr. "A--ach."--"Das kommt ja so +gedehnt heraus?"--"N--n--nein."--"Nun also?"--"Im Grunde gefaellt er mir +gut."--"Doch es ist ein Aber dabei--?" Jetzt laechelte sie. "Ich mag +nicht, dass seine Augen sich foermlich an mir festsaugen." Der Vater +lachte: "Genau wie beim Essen, nicht?"--"Ja freilich!"--"Ein Lebemann, +siehst Du, wie sein Vater."--"Aber genau wie sein Vater hat er auch +viele gute Eigenschaften", warf Frau Dawes ein. "Das hat er", sagte +Anders Krog ernsthaft. Mary antwortete nicht. Sie sagte Gutnacht und bot +ihm die Stirn zum Kuss.---- + +Ein paar Tage spaeter, ganz frueh am Morgen, suchte Mary Alice in ihrem +Atelier des Hinterhauses auf. Anders Krog hatte irgendwo altes +chinesisches Porzellan gesehen, auf das er Lust bekommen hatte; aber +Alices guter Rat war hierzu von groesster Wichtigkeit. Mary war ueberzeugt, +sie allein zu treffen, in der Regel freilich mit irgendeinem Modell. + +Sie ging direkt hinein, ohne mit dem Pfoertner zu sprechen. Alice oeffnete +ihr selbst. Sie hatte ihren Atelierkittel an, und ihre Haende waren +schmutzig, sie konnte sie Mary nicht geben. "Hast Du ein Modell da?" +fluesterte sie. "Ich wollte gerade anfangen," antwortete Alice leise mit +einem seltsamen Laecheln, "das Modell wartet im Zimmer nebenan. Aber komm +nur!" Als Mary hinter dem Vorhang hervortrat, erkannte sie den Grund, +warum das Modell im Zimmer nebenan wartete; Franz Roey sass in diesem +Zimmer. So frueh am Morgen und tief in Gedanken. Er bemerkte nicht +einmal, dass sie hereinkamen. Es war das erstemal, dass Mary ihn ernst +sah. Das stand der maennlichen Gestalt und seinem kraftvollen Gesicht +ungleich besser als jene ausgelassene Lustigkeit. "Sehen Sie, wer da +kommt!" sagte Alice. Er sprang auf.---- + +Die Unterhaltung heute war sehr ernst. Er war in gedrueckter Stimmung. +Mary konnte unschwer erraten, dass die anderen von ihr gesprochen hatten. + +Sie waren deshalb alle drei etwas befangen. Bis Alice ein Thema aus der +Morgenzeitung aufgriff. Zwei Morde aus Eifersucht, von denen der eine +geradezu entsetzlich war, hatten sie alle erschuettert, besonders Franz +Roey. Er behauptete, die Auffassung von der Ehe stamme bei den +romanischen Voelkern aus einer Zeit, da die Frau Eigentum des Mannes war +und Untreue folglich mit dem Tode bestraft wurde. Durch das Christentum +sei freilich spaeter der Mann auch Eigentum der Frau geworden. Hierueber +entstand eine lebhafte Diskussion. Mary stimmte ihm darin bei, dass +keiner der Eheleute dem aendern gehoere. Sie seien freie Individuen und +koennten ueber sich selbst bestimmen. In der Ehe wie vor der Ehe. Nur die +Liebe sei entscheidend. Hoere die Liebe auf, weil der eine Teil oder auch +beide durch die Entwicklung anders geworden seien, als sie bei +Begruendung der Ehe waren, oder treffe einer von ihnen einen Menschen, +der seine Seele und seine Gedanken gefangen nehme und seinem Leben eine +andere Richtung gebe, dann muesse der Verlassene resignieren. Nicht +verdammen oder toeten. Aber ihre Meinung und Franz Roeys Ansicht gingen +auseinander, als sie erwogen, was zwei Eheleute von Rechts wegen +scheiden duerfe. Namentlich als sie darauf kamen, was davon zurueckhalten +muesse. Sie war hier viel bedenklicher als er. Er schlug scherzend vor, +sie solle doch sagen: "Eheleute haben volle Freiheit, sich scheiden zu +lassen; aber sie duerfen keinen Gebrauch davon machen." Sie schlug vor, +er solle sagen: "Eheleute muessen in der Regel geschieden werden; haben +sie keinen wirklichen Grund, muessen sie sich einen pumpen." + +Sie kamen in diesem Gespraech tiefer als bis zu den Worten. Es bezauberte +ihn wie eine neue Art von Schoenheit an ihr, wie souveraen sie war. Das +gab ihrer Erscheinung einen neuen Glanz. Es war keine Herrschsucht +darin. Es war nur eine Schutzwehr, aber die hoechste. Ihr ganzes Wesen +war darin konzentriert. Ein "Ruehr' mich nicht an!" in Augen, Stimme und +Haltung. Vielleicht, wenn es sein musste, bereit zur Maertyrerglorie. Sie +wurde viel groesser. Aber auch hilfloser. Gerade solche Wesen stehen zu +hoch und stolpern beim ersten Schritt. Dann pflegen sie furchtbar zu +fallen. + +Er starrte sie an und vergass zu antworten, vergass, wo er war. Ihm war, +als rufe ihm einer zu: "Gib acht auf sie!" In seine Liebe zog mit +gebieterischem Kommando die Ritterlichkeit ein. + +Sie sah, wie er sich dem Gespraech fernhielt; aber das hinderte sie +nicht; das Thema war ihr zu lieb. Als er wieder bei der Sache war, hoerte +er, wie sie ihr Innerstes enthuellte, zweifellos ohne es zu ahnen. Sie +sprach aus, was sie gedacht hatte, seit sie sich so etwas hatte klar +machen koennen. Es war ihr so natuerlich, wie das Kleid zu heben, wenn es +schmutzig war, oder draussen im Meer zu schwimmen, wenn der Fuss keinen +festen Boden mehr fand. Die Individualitaet muss frei werden, muss wachsen, +darf nicht gebeugt und nicht befleckt werden; das war das Erste und das +Letzte. + +Aber gleichzeitig fuehlte sie sich seltsam zu dem Menschen hingezogen, +der sie zu bewegen vermochte, das auszusprechen. Sie hatte es so lange +nicht mehr getan. Sie wusste nicht, dass die Persoenlichkeit, die unsere +Gedanken erloest, selbstverstaendlich Macht ueber uns hat. Sie fuehlte nur, +dass sie sprechen musste--und sich mit sich selbst beschaeftigen. Eine +wundersuesse Empfindung, die sie zum erstenmal hatte. + +Folglich wurde das Thema ausgesponnen. In Worten, die immer weiter und +weiter in sie selbst hineinschluepften und schliesslich sich in einer +Stille von Blicken und Atemzuegen verloren. Alice war zu ihrem Modell +hineingegangen. Sie waren befangen, als sie merkten, dass sie allein +waren. Sie verstummten, und ihre Blicke wichen sich aus. + +Nach fluechtigem Verweilen bald auf dem einen, bald dem anderen der +vielen Kunstgegenstaende, richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf einen +Faun ohne Arme, der sie angrinste. Sie sprachen ueber dieses Stueck alter +Kunst, nur um nicht zu schweigen. Wo der gefunden sein mochte? Aus +welcher Zeit er stamme? Er sei gewiss sehr teuer gewesen. Sie sprachen in +gedaempften Worten mit liebkosender Stimme, und die Augen glitten umher. +Sie standen auch nicht auf ganz sicheren Fuessen. Sie fuehlten sich +leichter, wie wenn sie sich in hoeheren Luftschichten befaenden. Dabei die +Empfindung, dass alles, was sie dachten, offen daliege, und dass sie +selbst durchsichtig seien. + +Jetzt kam Alice wieder. Sie blickte sie mit Augen an, die die beiden +aufweckten. "Sind Sie jetzt mit der Ehe fertig?" fragte sie; denn sie +hatten ja ueber die Ehe gesprochen, als sie hinausgegangen war. + +--Mary fiel ein, sie habe etwas zu besorgen, und ihr Wagen warte. Franz +Roey erinnerte sich auch seiner Obliegenheiten. So gingen sie zusammen +fort, durch den Hofraum, durch das Vestibuel und die Tuer auf den Wagen +zu. Aber sie fanden den Ton von vorhin nicht wieder, und sprachen +deshalb nicht. + +Den Hut in der Hand, oeffnete er ihr den Schlag. Sie stieg ein, ohne +aufzublicken. Als sie sich hingesetzt hatte und ihm zunicken wollte, +harrten ihrer die heissesten Augen, in die sie je geblickt hatte. Voll +Leidenschaft und voll Ehrerbietung. + +Zwei Stunden darauf war er wieder bei Alice. Laenger hatte er mit seinen +himmelstuermenden Hoffnungen nicht allein sein koennen. + +Wo er in der Zwischenzeit gewesen sei? In der Stadt, um sich einen Abguss +von Donatellos Heiliger Caecilia zu kaufen. Er muesse vergleichen. Aber +Alice koenne sich im voraus denken, dass Donatellos Caecilia klaeglich +durchgefallen sei. + +Jetzt bekam Alice ernstlich Angst: "Lieber Freund, Sie werden sich noch +alles verderben. Das liegt in Ihrer Natur." Er sagte stolz: "Ich habe +mir noch nie im Ernst ein Ziel gesteckt, das ich nicht erreicht +haette."--"Das glaube ich gern. Sie koennen arbeiten, Sie koennen +Hindernisse ueberwinden, Sie koennen auch warten."--"Das kann ich!"--"Aber +Sie koennen sich nicht beherrschen, Sie koennen nicht abwarten, dass sie zu +Ihnen kommt."--"Was soll das heissen, Alice?"--Es tat ihm weh. "Es soll +Sie daran erinnern, lieber Freund, dass Sie Mary nicht kennen. Sie kennen +die Welt nicht, in der sie lebt. Sie sind ein Waldbaer."--"Kann sein, dass +ich ein Waldbaer bin. Dagegen sage ich nichts. Aber wenn sie nun Freude +an einem Waldbaeren hat? Man kann sich in solchen Dingen nicht taeuschen." +Er wollte sich seine festliche Stimmung nicht trueben lassen. Darum kam +er bittend auf sie zu; er wollte sie sogar umarmen; er hatte es sehr mit +dem Umarmen. + +"Nein, seien Sie artig, Franz! Uebrigens stoeren Sie mich schon zum +zweitenmal."--"Sie sollen auch gestoert werden, Sie sollen nicht die da +drin in Ihrem Gefaengnis modellieren. Liebe Alice, Sie mein einziger +Freund, Sie sollen mir mein Glueck modellieren!"--"Ja, was kann ich +weiter fuer Sie tun, als ich getan habe?"--"Sie koennen mir den Zutritt zu +ihrem Hause verschaffen." Alice ueberlegte. "Das ist nicht so +leicht."--"O,--Sie werden schon etwas ausfindig machen. Sie muessen, Sie +muessen es!" Er redete und bettelte und umarmte sie solange, bis sie +nachgab und es ihm versprach. + +Ob sie es nun falsch anstellte,--jedenfalls ging es schief. "Wenn ich +meinen Vater bitte, einen jungen Herrn zu empfangen, der ihm nicht +vorgestellt ist, muss er es falsch auffassen", sagte Mary. Alice gab das +ohne weiteres zu. Sie war wuetend auf sich selbst, dass sie daran nicht +gedacht hatte. Anstatt mit Mary zu ueberlegen, ob sich die Sache nicht +anders machen lasse, gab sie es ganz auf. Sie war noch aergerlich, als +sie Franz Roey das Ergebnis mitteilte; sie habe das Gefuehl, sagte sie, +Mary wuensche keinen Vermittler. Sie schaerfte ihm wieder ein, vorsichtig +zu sein. + +Franz Roey war ganz ungluecklich. Alice versuchte auch nicht, ihn zu +troesten. + +Tags darauf kam er wieder. "Ich kann's nicht aufgeben", sagte er. "Ich +kann auch an nichts anderes denken." + +Solange sass er und so oft wiederholte er dieselbe Litanei in allen +Tonarten, und so ungluecklich war er, dass er der gutmuetigen Alice leid +tat. "Hoeren Sie," sagte sie, "ich werde Sie zusammen einladen. Dann +kommt vielleicht die Einladung zu Krogs von selbst."--Er sprang auf. +"Das ist eine herrliche Idee. Tun Sie das, Liebste!"--"Ich kann es nicht +gleich tun. Anders Krog ist unwohl. Wir muessen warten." Er starrte sie +enttaeuscht an. "Aber koennen Sie uns beide nicht mal wieder +zusammenbringen?"--"Ja, das kann ich."--"So tun Sie es,--sobald wie +moeglich! Sie Liebste, Beste, sobald wie moeglich!" + +Das gelang. Mary war gleich zu einem Wiedersehen bereit. + +Sie trafen sich bei Alice, um zusammen in die Ausstellung in den +Champs-Elysees zu fahren. + +Zusammen vor Kunstwerken zu stehen, ist wie ein Gespraech ohne Worte. Die +wenigen Worte; die gesprochen werden, rufen hundert andere wach. Aber +die werden nicht ausgesprochen. Der eine fuehlt durch den andern, oder +glaubt es zu tun. Sie begegnen sich in einem Bilde, um in einem anderen +wieder getrennt zu werden. Dabei lernen sie sich in einer Stunde besser +kennen als sonst in Wochen. Alice fuehrte sie von Bild zu Bild; aber sie +selbst war mit sich beschaeftigt,--je laenger, je vollstaendiger. Sie sah +alles mit Kuenstleraugen an. Die beiden andern, die mit den Bildern +anfingen, gingen immer mehr dazu ueber, durch die Bilder einander zu +erforschen. Es wurde ein Fluesterspiel mit schnellen Blicken, knappen +Worten und leicht andeutenden Fingern. Die aber, die sich auf heimlichen +Wegen zueinander hintasten, haben zugleich eine unermessliche Freude +daran. Und lassen diese Freude auch wohl ahnen. Ein Spiel wie bei +Voegeln, die unter dem Wasser schwimmen und weit hinten emportauchen,--um +dann wieder zueinander hinzustreben. Das Glueck der Stunde wurde erhoeht +durch die vielen Augen, die auf ihnen ruhten. + +Unten bei den Skulpturen fuehrte Alice sie ganz nach vorn in den +Mittelbau. Sie blieb vor einem leeren Sockel stehen und wandte sich an +den Aufseher. "Ist der Athlet noch nicht in Ordnung?"--"Nein, gnaediges +Fraeulein, leider nicht", antwortete er. "Dann ist es wohl noch einmal +schief gegangen?"--"Ich weiss nicht, gnaediges Fraeulein." Alice erklaerte +Mary, die Statue eines Athleten sei bei der Aufstellung zerbrochen. "Ein +Athlet?" fragte Franz Roey, der etwas abseits stand und jetzt eilig +herzukam. Die beiden andern laechelten. "Ein Athlet? Sprachen Sie nicht +von einem Athleten?"--"Ja", sagten sie und lachten. "Ist dabei etwas zu +lachen?" fragte er. "Ich habe einen Vetter, der ist Athlet." Nun lachten +die beiden Damen erst recht. Franz Roey war hoechlichst erstaunt. "Ich +kann Ihnen versichern, er ist der praechtigste Mensch, den ich kenne. Und +so erstaunlich tuechtig. Das liegt in unserer Familie. Als Knabe war ich +zwei Sommer bei ihm im Zirkus." Die andern lachten. "Worueber zum Teufel +lachen Sie? Ich habe in meinem Leben keine herrlicheren Tage erlebt als +im Zirkus." Die beiden Damen eilten unter Lachen in wilder Flucht dem +Ausgang zu. Er musste ihnen folgen; aber er war beleidigt. "Ich begreife +nicht, worueber Sie lachen", sagte er, als sie alle im Wagen sassen, +lachte aber mit. + +Das kleine Missverstaendnis hatte die Folge, dass sie alle in der besten +Stimmung waren, als sie vor Marys Wohnung hielten. + +Alice und Franz Roey fuhren ohne sie weiter. Er wandte sich uebergluecklich +zu Alice und fragte, ob er heute nicht ein braver Junge gewesen sei? Ob +er sich nicht im Zaum gehalten habe? Ob seine "Affaere" nicht brillant +staende? Er liess sich nicht Zeit, auf ihre Antwort zu hoeren, er lachte +und schwatzte und wollte sie schliesslich nach oben begleiten. Hiervon +wollte Alice aber nichts wissen. Da verlangte er als Belohnung, wenn er +es sein lasse, dass Alice sie beide auf eine Spazierfahrt ins Bois de +Boulogne mitnehmen solle, nach Schloss Bagatelle hinaus. Die Fahrt muesse +morgens um neun Uhr gemacht werden. Da dufte der Wald am staerksten, da +sei der Gesang der Voegel am schoensten und da seien sie noch allein. Sie +versprach es ihm. + +Am naechsten Freitag holte Alice Mary kurz vor neun Uhr morgens ab, dann +fuhren sie weiter zu Franz Roey. + +Schon von weitem sah Alice ihn auf dem Fussweg auf und ab wandern. Aus +Gang und Haltung ahnte ihr Boeses. Mary konnte ihn nicht sehen, bis sie +hielten. Da aber warf all die Glut seines Gesichts eine Flamme auf +ihres. Er schwang sich auf den Wagen wie auf ein erobertes Schiff. Alice +suchte eilig seine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, um es nicht +gleich zu einem Ausbruch kommen zu lassen. "Was fuer ein herrlicher +Morgen," sagte sie, "gerade weil er nicht ganz sonnenklar ist. Nichts +ist schoener als ein gedaempfter Ton ueber einer so farbenfrohen Landschaft +wie der, durch die wir jetzt kommen." Aber er hoerte nicht, er fasste +nichts ausser Mary. Der weisse Schleier, der von ihrem roten Haar +zurueckgeschlagen war, der halbgeoeffnete, frische Mund brachte ihn um den +Verstand. Alice meinte, der Wald dufte viel staerker, seit die +japanischen Baumarten herangewachsen seien. Immer, wenn diese Baeume +berauschende Wellen in den hergebrachten europaeischen Waldduft +hineingoessen, sei's, als floegen fremde Voegel mit fremdartigem Schrei +zwischen den Baeumen auf. Sofort behauptete Franz Roey energisch, die +heimischen Voegel des Waldes haetten davon einen anderen Gesang bekommen. +So wunderbar schoen, wie sie diesen Morgen saengen, meinte er, haetten sie +noch nie gesungen. + +Alices Angst vor einer Explosion stieg. Sie wollte ihn ablenken, indem +sie ihn auf die Farbenkontraste von Wald und Wiese und Fernsicht +aufmerksam machte. Gerade der Weg nach Bagatelle hinaus ist so reich +daran. Aber Franz Roey sass rueckwaerts und musste sich jedesmal erst +umdrehen, bis er sehen konnte, was Alice ihm zeigen wollte. Das machte +ihn ungeduldig, um so mehr als Mary und er jedesmal in ihrem Gespraech +unterbrochen wurden. "Wollen wir nicht lieber aussteigen und ein Stueck +gehen?" fragte er. Aber davor hatte Alice die meiste Angst; auf was fuer +Gedanken konnte er da nicht kommen?! + +"Sehen Sie sich doch um!" rief sie ihm zu. "Ist es nicht, als wenn die +Farben hier Choere singen?"--"Wo?" fragte er gereizt.--"Herrgott, sehen +Sie doch bloss das verschiedene Gruen in demselben Wald! Sehen Sie doch +nur! Und daneben wieder das Gruen der Wiese!"--"Mir liegt nichts daran, +das zu sehen! Nicht ein Deut!" Er drehte sich wieder zu den Damen um und +lachte. "Waere es nicht doch besser, auszusteigen?" bestuermte er sie +wieder. "Es ist doch was anderes, im Walde herumzulaufen, als ihn +anzusehen. Ebenso mit dem Rasen."--"Das Betreten des Rasens ist +verboten!"--"Zum Donnerwetter, so gehen wir eben auf der Landstrasse und +besehen uns alles. Das ist viel schoener, als in dem engen Wagen zu +sitzen!" Mary stimmte ihm zu. + +"Zum Spazierengehen habe ich Sie aber nicht hier herausgefahren. Wir +wollten den Anblick des historischen Schlosses Bagatelle geniessen und +den Wald, in dem es liegt. So was gibt es nicht wieder. Und dann wollten +wir doch soweit wie moeglich hinaus. Daraus wird aber nichts, wenn wir +gehen." + +Dieser Appell hielt sie eine Weile im Schach. Die Besitzerin des Wagens +musste doch den Ausschlag geben. Aber Mary war mittlerweile auch +uebermuetig geworden. Ihre Augen, die gewoehnlich etwas Nachdenkliches +hatten, leuchteten vor Lebenslust. Heute lachte sie ueber seine vielen +drolligen Einfaelle; sie lachte ueber das Geringfuegigste. Sie wollte in +einemfort Blumen haben, wenn sie welche sah. Jedesmal musste angehalten +werden, um Blumen und Laub zu pfluecken. Sie packte den Wagen voll, so +dass Alice schliesslich protestierte. Da warf sie alles miteinander hinaus +und verlangte energisch, selbst auch hinauszukoennen. + +Sie hielten und stiegen aus. + +Sie waren jetzt weit ueber Bagatelle hinaus und liessen den Wagen +umkehren. Er solle langsam ein Stueck zurueckfahren, sie kaemen nach. + +Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, als Franz Roey anfing, Rad zu +schlagen, d.h. er warf sich seitlings auf den Haenden herum, um wieder +auf die Fuesse zu fallen, dann wieder auf die Haende und so weiter, +schneller und immer schneller. Dann drehte er um und kam auf dieselbe +Weise zurueck. "Das ist eins von meinen Zirkuskunststuecken", sagte er +strahlend. "Jetzt kommt ein anderes!" Er warf sich in der Luft herum und +kam wieder auf die Fuesse genau an derselben Stelle, wo er hochgesprungen +war. Dann noch einmal. "Sehen Sie? Genau wo ich hochgesprungen bin!" Er +triumphierte und machte es noch zwei-, noch drei-, vier-, fuenfmal vor. + +Sie bewunderten ihn. Es war auch bewundernswert, wie der grosse, starke +Mann das mit einer Leichtigkeit ausfuehrte, dass es wirklich schoen aussah. +Angefeuert durch ihr Lob fing er an, sich mit solcher Geschwindigkeit +herumzuwirbeln, dass den andern beim blossen Zusehen schlecht wurde. Schoen +war es auch nicht. Sie wandten sich ab und schrien. Das machte ihm +furchtbaren Spass. Aergerlich rief Alice: "Sie sind wahrhaftig wie ein +Schuljunge von siebzehn Jahren!"--"Wie alt sind Sie eigentlich?" fragte +Mary. "Ueber dreissig." Da lachten sie aus vollem Halse. + +Das haetten sie nicht tun sollen. Dafuer musste er sie strafen. Ehe Alice +es ahnen konnte, fasste er sie um die Taille und tanzte mit ihr im +rasendsten Galopp die Chaussee hinunter, dass der Staub aufwirbelte. Die +schwerfaellige Alice wehrte sich aus Leibeskraeften und schrie. Aber es +half nichts; es machte ihm nur Spass. Ihr Hut fiel zu Boden, ihr Schal +flog hin, Mary lief hinterher und nahm beides auf, aber sie kruemmte sich +vor Lachen. Denn diese plumpen, voellig nutzlosen Widerstandsversuche +waren nicht mitanzusehen. Schliesslich machte er Kehrt, und sie kamen in +dem gleichen rasenden Trab wieder zurueck und machten bei Mary Halt. +Alices Gesicht ganz verstoert, schweisstriefend und rot. Ihre kurzatmige +Wut, die keine Worte fand, liess Mary kreischen vor Lachen. Franz sang +ihr: "Hopsa--sa! hop--sa--sa!" vor, bis sie sprechen und ihn tuechtig +ausschelten konnte. Da lachte er. + +"Und Sie?" wandte Mary sich jetzt an Franz Roey, "hat es Sie gar nicht +angestrengt?"--"Nicht sonderlich. Ich koennte gleich mit Ihnen dieselbe +Tour machen!" Mary erschrak. Sie hatte Alice gerade den Hut gegeben und +stand nun da mit dem Schal und ihrem eigenen Hut, den sie abgenommen +hatte, in der Hand, warf aber mit einem Aufschrei die beiden Gegenstaende +hin und sauste nach der entgegengesetzten Seite davon, dahin, wo der +Wagen hielt. + +Keinen Augenblick war es Franz Roey in den Sinn gekommen, seine Drohung +auszufuehren. Es war nur Scherz gewesen. Aber als er sie laufen sah, und +zwar mit einer Geschwindigkeit, die er weder ihr noch ueberhaupt einer +Dame zugetraut haette, war das fuer sein Offiziersherz wie eine +Herausforderung. Alice merkte es und sagte schnell: "Tun Sie's nicht!" +Die Worte stellten sich ihm so eindringlich in den Weg, dass er zweifelnd +stehen blieb. Mary aber dahinten auf der Strasse in dem weissen Kleide und +dem roten Haar darueber, mit einem so geschwinden und leichten Tanz der +Fuesse, dass allein dieser Rhythmus schon lockte, ja, das raubte ihm die +Besinnung, das schleuderte ihn in die Bahn, eh' er selbst es wusste. +Gerade als Alice zum zweitenmal und ganz verzweifelt rief: "Tun Sie's +nicht!" + +Der helle Streifen da vorn ueber dem Strassenstaub fiel wie Sonne in seine +Augen und in seine Phantasie. Er blendete ihn. Er lief ganz bewusstlos +weiter. Er lief, als rufe da vorn immerzu jemand: "Fang mich! Fang +mich!" Er lief, als gelte es des Lebens hoechsten Preis, sie einzuholen. + +Sie hatte einen bedeutenden Vorsprung. Gerade das spornte seine ganze +Kraft bis zum aeussersten an. Ein Wettlauf ums Glueck mit einer, die +gefangen werden moechte. Siedend heiss brauste ihm das Blut in den Ohren, +die Begierde wallte auf. Die stuermische Sehnsucht all dieser Tage und +Naechte trieb vorwaerts zum Sieg. Wollte endlich einmal reden. Oder +richtiger,--da bedurfte es keines Redens; er wuerde sie in seinen Armen +haben! + +Jetzt wandte sie den Kopf,--sah ihn, stiess einen Schrei aus, raffte das +Kleid zusammen,--jetzt setzte sie die Fuesse wahrhaftig noch schneller! Er +war wie toll. Er hielt ihren Schrei fuer einen Lockruf. Er sah sie nach +vorn winken und glaubte, das solle bezeichnen, wo sie stehen bleiben +wolle und frei sein. Es hiess also sie einzuholen, bis sie dahin kam. +Auch er gab sich den letzten Sporn, und der brachte ihn im Nu dicht in +ihre Naehe. Er meinte, ihren Duft zu spueren, bald musste er ihren Atem +hoeren. Er war so erregt, dass er gar nicht wusste, er beruehre sie, bis sie +sich umsah. Sie liess sofort das Kleid los und nach ein paar Saetzen stand +sie still. Sein Arm legte sich um ihre Taille, er gluehte und zog sie +leidenschaftlich an sich,--da hoerte er ein sehr bitteres: "Lassen Sie +mich los!" Die Atemnot machte es so eigen scharf. Er war ganz entsetzt, +dachte aber, er muesse sie stuetzen, bis sie wieder zu Atem gekommen sei, +und deshalb hielt er sie fest. Da, mit der gleichen schneidenden Schaerfe +der Atemnot: "Sie sind kein Kavalier!" Er liess sie los. + +Man hoerte Huf schlag, der Wagen kam rasch heran. Die beiden auf dem Bock +mussten den Vorgang mitangesehen haben; ihnen hatte sie gewinkt. In +seiner blinden Hetze hatte er nur sie gesehen. + +Jetzt ging sie auf den Wagen zu; sie hielt sich das Taschentuch vors +Gesicht; sie weinte. Der Diener sprang vom Bock und oeffnete ihr den +Schlag. + +Er liess sie stehen, trostlos, wie gelaehmt in seinem Denken. Da kam +Alice. Sie hatte ihren Schal und Marys Hut in der Hand und ging direkt +auf den Wagen zu, ohne ihn zu beachten. Als er zu ihr hin wollte, winkte +sie ihm ab. + + * * * * * + +Am dritten Tage nach diesem Ereignis liess er sich bei Alice melden. Sie +sei nicht zu Hause. Am Tage darauf bekam er denselben Bescheid. Dann +musste er auf einige Tage verreisen. Aber sowie er zurueckkam, meldete er +sich wieder. Sie sei eben fortgegangen, antwortete der Diener. Da schob +er ohne weiteres den Diener beiseite und ging hinein. + +Alice war ganz in Anspruch genommen von einer Reihe von +Kunstgegenstaenden, die auf Tischen und Stuehlen lagen oder standen. "Aber +Alice?" sagte er leise und schmerzlich. Sie war erschrocken; doch er +gewahrte im gleichen Augenblick ihren Vater hinter ihr. Da tat er, als +habe er nichts gesagt, und trat naeher. + +Die Kunstgegenstaende wurden beiseite gestellt; Franz Roey half dabei. Der +Vater verliess das Zimmer. "Aber Alice?" wiederholte Franz Roey nun +vorwurfsvoll. "Sie wollen mir doch wohl nicht Ihr Haus verschliessen? Und +gerade, wo ich so ungluecklich bin?" Sie antwortete nicht. "Wir sind doch +immer so gute Kameraden gewesen und haben uns so gut vertragen!" Sie +stand abgewandt und gab keine Antwort. "Selbst wenn ich mich dumm +benommen habe, kennen wir beide uns doch zu gut, als dass es uns trennen +koennte?"--"Es muss doch Grenzen geben", hoerte er sie sagen.--Er bedachte +sich eine Weile: "Grenzen? Grenzen? Aber hoeren Sie mal, Alice, zwischen +uns ist doch nichts."--Ehe er weiterreden konnte, warf sie schnell ein: +"Es geht doch nicht an, sich im Beisein anderer so zu benehmen!" Sie war +feuerrot.--"Ja, was meinen Sie--?" Er verstand sie nicht. Sie wandte +sich ab: "Mich im Beisein anderer so zu behandeln ..." ergaenzte sie. +"Was muss Mary denken?"--Jetzt erst ging ihm ein Licht auf, dass er sich +auch gegen sie, gegen Alice nicht richtig benommen habe; er hatte die +ganze Zeit nur an Mary gedacht. Jetzt schaemte er sich. Schaemte sich ganz +entsetzlich und ging auf sie zu. "Ich bitte Sie um Verzeihung, Alice, +ich war so froh, dass ich nichts ueberlegt habe. Erst jetzt kommt mir das +zum Bewusstsein. Verzeihen Sie mir armem Suender! Nein, sehen Sie mich +an!" Sie wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen waren ungluecklich und +standen voll Traenen; sie begegneten den seinen, die auch ungluecklich, +aber flehend waren. Da dauerte es nicht lange, bis ihre und seine eins +waren. Er streckte die Arme aus, umarmte sie und wollte sie kuessen; aber +das durfte er nicht. "Alice, liebe, suesse Alice, Sie wollen mir doch +wieder helfen?"--"Es hat keinen Zweck. Sie zerstoeren alles."--"Ich will +fortan jedes bisschen tun, was Sie wuenschen."--"Das haben Sie frueher auch +schon versprochen."--"Aber jetzt habe ich zugelernt. Jetzt halte ich es. +Auf Ehre!"--"Man kann sich nicht auf Ihre Versprechungen verlassen. Denn +Sie haben eben kein Verstaendnis."--"Kein Verstaendnis?"--"Nein, Sie ahnen +ja nicht, wie sie ist!"--"Ich gebe zu, dass ich mich getaeuscht haben muss; +denn noch in diesem Augenblick ist mir nicht klar, worueber sie so boese +wurde."--"Das kann ich mir denken."--"Ja, denn als sie alles hinwarf und +fortlief, glaubte ich tatsaechlich, sie tue es, damit ich +hinterherlaufe."--"Hoerten Sie denn nicht, dass ich zweimal rief: 'Tun +Sie's nicht!'"--"Ja; aber ich verstand auch das nicht."--Alice setzte +sich entmutigt hin. Sie sagte nichts mehr; es half ja doch nichts. Er +nahm ihr gegenueber Platz: "Erklaeren Sie mir's, Alice! Haben Sie nicht +gesehen, wie sie lachte, als ich mit Ihnen davontanzte?"--"Haben Sie +noch nicht begriffen, was fuer ein kolossaler Abstand zwischen ihr und +uns andern ist?"--"Mary Krog ist nicht anspruchsvoll und nicht +uebermuetig. Nicht im geringsten."--"Nein, das ist sie nicht. Sie +verstehen mich schon wieder falsch. Waehrend wir andern gewoehnliche +Sterbliche sind, die ruhig mal derb angefasst werden koennen, lebt sie in +einer Ferne, der bis jetzt niemand auch nur um einen halben Meter +naehergekommen ist. Nicht aus Stolz oder aus Einbildung."--"Nein, +nein!"--"So ist sie eben. Waere sie nicht so, dann waere sie laengst +gekapert und verheiratet. Sie werden doch nicht glauben, dass es ihr an +Bewerbern gefehlt hat?"--"Nein, das lasst sich denken."--"Fragen Sie +Frau Dawes! Sie fuehrt in ihren tausend Briefen Buch darueber. Sie +schreibt jetzt von nichts anderem." + +"Aber wie ist das zu verstehen, liebe Alice?"--"Das ist ganz leicht zu +verstehen. Sie ist freundlich und umgaenglich und gefaellig, was sie +wollen. Aber sie lebt in einem Elfenlande, das niemand betreten darf. +Darueber wacht sie mit der unverbruechlichsten Sorgfalt und dem feinsten +Takt!"--"Also unberuehrbar?"--"Absolut! Dass Sie das noch nicht einmal +gemerkt haben!"--"Ich hatte es gemerkt,--aber ich vergass es." + +Franz Roey sass da, als lausche er in die Ferne. Er hoerte wieder diesen +hellen Angstruf, der durch die Luft zitterte, als er ihr naeher kam; er +sah das aufgeregte Winken nach dem Wagen, er fuehlte ihren zitternden +Koerper, er vernahm den Zornesausbruch, der mit aller Kraft, die sie noch +hatte, herausgeschleudert wurde; er sah sie weinend fortgehen. Mit +einemmal begriff er! Was fuer ein dummer, brutaler Verbrecher er doch +war! + +Er blieb sitzen, stumm und tief ungluecklich. + +Aber es lag nicht in seiner Natur, sich zu ergeben. Bald erhellte sich +sein Gesicht. "Schliesslich war es doch nur ein Spiel, liebe +Alice."--"Fuer sie war es mehr. Daran zweifeln Sie doch auch wohl nicht +mehr?"--"Ihr ist schon oefter nachgestellt worden, meinen Sie?"--"Auf +alle moegliche Weise!"--"Darum ging die Phantasie mit ihr +durch?"--"Natuerlich. Das sahen Sie doch?"--Er schwieg. "Aber hoeren Sie +mal, lieber Franz,--war es fuer Sie nicht auch mehr als ein Spiel? War es +nicht das Entscheidende?" + +Er liess beschaemt den Kopf sinken. Dann ging er ein paarmal auf und ab +und kam zu ihr zurueck. "Sie ist souveraen. Sie will nicht erobert sein. +Ich haette stehen bleiben sollen--?"--"Sie haetten ihr ueberhaupt nicht +folgen sollen. Und sie waere jetzt Ihr eigen gewesen." Er setzte sich wie +mit einer schweren Last auf den Schultern wieder hin. + +"Hat sie etwas gesagt?" fragte Alice mit forschendem Blick.--Er haette +lieber geschwiegen, aber die Frage wurde wiederholt. "Sie sagte, ich sei +kein Kavalier." + +Alice fand das sehr schlimm. Darauf fragte er, ob Mary zu ihr etwas +gesagt habe. Im Wagen? "Kein Wort. Aber ich habe geredet. Ich schalt auf +Sie. Tuechtig."--"Sie hat auch spaeter nicht mehr davon gesprochen?" +--Alice schuettelte den Kopf. "Ihr Name ist aus dem Woerterbuch +gestrichen, mein Freund."---- + + * * * * * + +Einige Tage spaeter bekam er einen Rohrpostbrief, der ihn in aller Eile +davon unterrichtete, sie seien vormittags elf Uhr wieder in der +Ausstellung der Champs Elysees. Als er das Billet bekam, war die Uhr +schon elf. + +Mary war zu Alice gekommen mit der Bitte, sie zu begleiten. Sie solle +ihr Urteil ueber eine hollaendische Kuestenlandschaft abgeben, die ihr +Vater kaufen wolle. Der Preis erscheine ihnen allen recht hoch, +moeglicherweise koenne Alice guenstigere Bedingungen erzielen. Marys Wagen +hielt unten. Alice liess sie allein, schrieb eilig an Franz Roey und +machte sich dann fertig, was gegen ihre Gewohnheit heute sehr lange Zeit +in Anspruch nahm. Sie kamen in die Ausstellung, suchten das Bild auf und +gingen ins Bureau, wo sie warten mussten, machten dann ihr Angebot, gaben +ihre Adresse auf und begaben sich wieder ins Parterre; denn sie wollten +den Athleten suchen. Jetzt stand er da in seiner ganzen maennlichen +Kraft. Alice trat zuerst davor hin und rief: "O Gott, das ist ja--" +hielt aber inne und wandte sich von Mary ab. Sie besah die Statue von +allen Seiten, immer und immer wieder, ohne ein Wort zu sagen. Gerade +das, was an Franz Roey auffiel, dass seine Kraft nicht aeusserlich in +Muskelkissen sichtbar war, sondern als Spannkraft in dem +wohlgeformtesten, geschmeidigen Koerper lag, fand sich hier wieder. Das +war Franz Roeys Haltung und seine Kopfstellung, seine breite, schraeg +ansteigende Stirn, seine Hand, sein kurzer, kraeftiger Fuss,--alles war +hier! Die Statue wirkte wie ein Schlachtgesang. Zum erstenmal fand sie +ein Wort dafuer, wie Franz Roey wirkte. Dies hier riss sie mit wie der +Rhythmus eines Marsches. Genau das, was sie oft empfunden hatte, wenn +sie Franz Roey gehen sah. War diese Aehnlichkeit ein sonderbarer Zufall, +oder hatte wirklich Franz Roey ... ihr wurde heiss, und sie musste ein +Stueck von der Statue fort--zu einer andern hin. + +Mary hatte sich die Zeit ueber hinter Alice gehalten, die sie ganz +vergessen hatte. Nun, da Alice allein stand, stieg unwillkuerlich die +Frage in ihr auf: begreift Mary, was sie sieht? + +Alice wartete eine Weile, ehe sie zu beobachten anfing. Mary stand jetzt +lange unbeweglich vor der Statue mit dem Ruecken nach Alice. Alice wurde +neugierig. Sie ging auf einem Umwege zwischen andern Skulpturen hindurch +nach drueben, setzte ihr Pincenez auf und sah hin. Marys Augen waren +halbgeschlossen, ihre Brust wogte. Sie ging langsam im Kreise um die +Statue herum, trat etwas zurueck, kam wieder naeher und blieb halb +seitlich davor stehen. + +Da sah sie sich nach Alice um und erblickte sie, wie das Pincenez gerade +auf sie gerichtet war; Alice hielt es sogar noch fest, um deutlicher zu +sehen. Man konnte sich nicht taeuschen: Alices Gesicht war ein einziges +Schelmenlachen. + +Es gibt Dinge, von denen keine Frau will, dass eine andere sie versteht: +Marys Blut geriet in Wallung; geaergert und gekraenkt, empfand sie Alices +Blick wie eine "insulte"--das Wort wurde franzoesisch gedacht. Sie drehte +schnell dem Athleten den Ruecken und ging nach dem Ausgang zu. Aber sie +blieb hier und da stehen, um sich den Anschein zu geben, als betrachte +sie andere Kunstwerke. In Wirklichkeit, um ihrer Erregung Herr zu +werden. Endlich hatte sie den Ausgang erreicht. Sie blickte sich nicht +um, ob Alice nachkomme; sie ging in die Vorhalle hinaus und von da +weiter. + +Aber gerade, als sie draussen stand, kam Franz Roey dahergestuermt. So +eilig, als sei er hinbestellt und habe sich verspaetet. Franz Roey riss den +Hut vom Kopf, bekam aber kein Nicken als Antwort, nur ein paar kuehle +Augen. "Aber nein, jetzt muessen Sie auch nicht mehr boese sein!" sagte er +gutmuetig und knabenhaft in seinem breitesten Ostlaendisch. Sie taute auf, +ja, sie konnte nicht anders, sie laechelte sogar und war tatsaechlich nahe +daran, seine ausgestreckte Hand zu fassen,--als sie sah, wie seine Augen +blitzschnell an ihr vorbeiglitten und mit einem ganz, ganz kleinen +Triumph wieder zurueckkehrten. Da wandte auch sie den Kopf und begegnete +Alices Augen. In ihnen lag eine ganze Welt von Schelmerei und Freude. +Eine abgekartete Sache also! Da ging eine Verwandlung mit Mary vor. Wie +von der hoechsten Kirchturmspitze blickte sie auf die beiden +hinunter--und liess sie stehen. Ihr Wagen hielt in einiger Entfernung; +sie winkte, und er kam in grossem Bogen heran. Ihr Vater hatte auf seinem +Wagen keinen Diener; sie machte sich selbst den Schlag auf, ehe Franz +Roey hinzuspringen konnte. Sie stieg ein, als sei kein Mensch da. Von +ihrem Sitz aus sah sie sich nach Alice um,--an Franz Roey vorbei. Die +korpulente Alice kam langsam herangewatschelt. Schon von weitem war zu +sehen, dass sie einen harten Kampf mit unterdruecktem Lachen zu bestehen +hatte. Und als sie herangekommen war und Mary vornehm dasitzen sah, den +Kopf nach der andern Seite gewandt, waehrend auf dieser Seite Franz Roey, +der Riese, wie ein verdonnerter Rekrut stand, da konnte sie sich nicht +laenger halten, sie brach in ein Gelaechter aus, das ihre ganze behaebige +Person von Grund auf erschuetterte. Sie lachte, dass ihr die Traenen ueber +die Backen liefen. Sie lachte so, dass sie nur mit Not und Muehe und nicht +ohne Hilfe das Trittbrett fand und sich hinaufzog. Sie sank laut lachend +neben Mary auf den Sitz, dass der Wagen wackelte. Sie hielt das +Taschentuch vors Gesicht und prustete hinein. Sie sah Marys purpurrotes +Beleidigtsein und Franz Roeys blasses Entsetzen, sie lachte nur immer +mehr. Sogar der Kutscher musste mitlachen; er wusste den Teufel warum. So +fuhren sie ab. + +Wieder eine missglueckte Expedition nach den kuehnsten Hoffnungen! Es +dauerte lange, bis Alice etwas sagen konnte. Natuerlich fing sie damit +an, Franz Roey zu bedauern. "Du bist zu streng gegen ihn, Mary. Gott, wie +ungluecklich er aussah!" Und wieder ueberkam sie das Lachen. Mary aber, +die die ganze Zeit ueber dagesessen und nur auf eine Gelegenheit gewartet +hatte, brach jetzt los: "Was geht mich Dein Protege an?" Und als sei das +nicht genug, beugte sie sich vor und sah in Alices lustige Augen hinein. +"Du verwechselst uns beide wohl. Du bist selbst in ihn verliebt. Meinst +Du, ich habe das nicht lange gesehen? Ihr muesst ja selbst am besten +wissen, in was fuer einem Verhaeltnis Ihr zueinander steht. Mich geht es +nichts an. Aber das 'Sie', an dem Ihr festhaltet,--ist doch wohl nur ein +Deckmantel?" + +Alices Lachen erstarb. Sie wurde blass, so blass, dass Mary erschrak. Mary +wollte die Augen wieder abwenden, konnte es aber nicht. Alices Augen +hielten sie waehrend des schmerzlichen Ueberganges fest, bis sie +erloschen. Da sank Alices Kopf mit einem langen, schweren Seufzer +hintenueber. Wie das Stoehnen eines verwundeten Tieres. + +Mary sass daneben, erschrocken ueber den eigenen Schuss. + +Aber es war geschehen. + +Unerwartet und hastig hob Alice den Kopf und liess den Kutscher halten. +"Ich muss in dies Hotel." Der Wagen hielt, sie oeffnete die Tuer, stieg aus +und schloss sie hinter sich. Mit einem langen Blick auf Mary sagte sie: +"Good bye!"--"Good bye!" war die leise Antwort. + +Beide fuehlten, es war fuer immer. + +Mary fuhr weiter. Sowie sie zu Hause war, ging sie geradenwegs in den +Salon; sie wollte ihrem Vater etwas sagen. Schon draussen vor der Tuer +hoerte sie Klavierspiel und wusste, dass Joergen Thiis da war. Aber das +hielt sie nicht zurueck. In Hut und Sommermantel stand sie ploetzlich +unerwartet im Zimmer. Joergen Thiis sprang vom Klavier auf und ging ihr +entgegen, seine Augen waren voll Bewunderung; sie gluehte naemlich vor +Erregung. Aber etwas Stolzes und Abweisendes in all dem Funkeln +bewirkte, dass er es aufgab, sich ihr zu naehern. Da bekamen seine Augen +das Saugende, Gierige, das sie so tief verabscheute. Mit leichtem Gruss +ging sie an ihm vorbei auf den Vater zu. Er sass wie gewoehnlich in einem +grossen Stuhl mit einem Buch auf den Knien. "Du Vater, was meinst Du, +wollen wir jetzt nach Hause reisen?" + +Alle Gesichter hellten sich auf. Frau Dawes rief: "Denk nur, Joergen +Thiis hat gerade gefragt, wann wir reisen; dann will er mit."--Mary +wandte sich nicht zu Joergen Thiis, sondern fuhr fort: "Ich glaube, das +Schiff faehrt morgen von le Havre ab."--"Ja, ganz recht," antwortete ihr +Vater, "aber bis dahin werden wir wohl nicht fertig?"--"Doch, das werden +wir," sagte Frau Dawes, "wir haben ja den ganzen Nachmittag."--"Ich will +mit Vergnuegen helfen", sagte Joergen Thiis. Dafuer bekam er einen +freundlichen Blick von Mary, ehe sie ueber den Preis Bericht erstattete, +den Alice fuer die hollaendische Kuestenlandschaft, die ihr Vater haben +wollte, angesetzt hatte. Dann ging sie hinaus, um ihre eigenen Sachen +einzupacken. + +Sie trafen sich alle vier um halb acht im Hotel beim Diner. Mary fand +sich, etwas abgespannt, auch ein; Joergen Thiis ging ihr entgegen und +sagte: "Gnaediges Fraeulein haben doch diesmal Franz Roey kennen +gelernt?"--Der Vater und Frau Dawes waren ganz Aufmerksamkeit; sie +verrieten dadurch, dass Joergen soeben mit ihnen darueber gesprochen haben +musste. Immer wenn sie die Bekanntschaft eines Herrn machte, bekamen +naemlich die beiden Angst. Mary wurde rot; sie fuehlte es, und daher +vertiefte sich das Rot noch. Die beiden starrten sie an. "Ich habe ihn +bei Miss Clerq gesehen", antwortete Mary. "Miss Clerqs Mutter und sie sind +mehrere Sommer in Norwegen gewesen und dort mit Franz Roeys Familie +zusammengetroffen; sie sind aus einer Stadt. Soll ich noch weitere +Aufklaerungen geben?" Joergen Thiis erschrak. Die andern starrten sie an. +Er sagte eilig: "Ich habe gerade zu Ihrem Vater und zu Frau Dawes +gesagt, dass unter uns juengeren Offizieren Franz Roey als der beste gilt, +den wir ueberhaupt haben. Ich habe es also nicht boese gemeint."--"Das +habe ich auch nicht von Ihnen gedacht. Aber wenn ich selbst von dieser +Bekanntschaft hier nicht gesprochen habe, darf es auch von keinem +Fremden zugetragen werden, finde ich."--Ganz erschrocken sagte Joergen +Thiis, dass ... dass ... dass er keine andere Absicht dabei gehabt habe +als, als, als ... "Das weiss ich", schnitt sie ihm das Wort ab. + +Dann gingen sie zusammen hinunter. Bei Tisch--sie hatten einen fuer sich +allein--nahm Joergen Thiis das Thema natuerlich wieder auf. Das koenne +nicht so abgetan werden. Die Offiziere, sagte er, bedauerten, dass Franz +Roey zum Geniekorps uebergegangen sei. Er sei ein hervorragender Stratege. +Ihre Uebungen, sowohl die theoretischen wie die praktischen, haetten ihm +Gelegenheit gegeben, sich auszuzeichnen. Joergen fuehrte Beispiele an, die +sie aber nicht verstanden. Da wartete er mit Anekdoten ueber Franz Roey +auf. Aus dem Leben mit den Kameraden, aus seinem Beruf. Die sollten +beweisen, wie beliebt und wie schneidig er sei; Mary aber fand, sie +bewiesen eher, wie jungenhaft er sei. Joergen trat also den Rueckzug an: +er habe es nur erzaehlen hoeren; Franz Roey sei ja aelter als er. "Wie +finden Sie ihn denn?" fragte er ploetzlich sehr unschuldig. Mary zoegerte, +die aendern blickten auf. "Er redet so sehr viel."--Joergen lachte. "Ja, +was soll er machen? Er hat soviel Kraft."--"Muss die sich an uns andern +auslassen?" Darueber lachten sie alle, und damit war die Spannung geloest, +in der bis jetzt alle befangen waren. Krog und Frau Dawes fuehlten sich +sicher vor Franz Roey. Auch Joergen Thiis. + +Sie kamen um halb neun wieder nach oben. Mary entschuldigte sich,--sie +sei muede. Von ihrem Zimmer aus hoerte sie Joergen Thiis spielen. Sie lag +und weinte. + + * * * * * + +Der naechste Abend auf dem weiten, stillen Meer. Es daemmerte leise der +Sommernacht entgegen; zwei Rauchsaeulen in der Ferne,--sonst nichts. Ein +ununterbrochenes helles Grau oben und unten. Mary lehnte sich an die +Reeling. Kein Mensch weiter war zu sehen; das Stampfen der Maschine war +der einzige Laut. + +Sie war eben unten beim Konzert gewesen, war aber vor den andern nach +oben gegangen. Ein Gefuehl unsaeglicher Einsamkeit trieb sie hinauf zu +diesem inhaltlosen Ausblick. Ueberall Wolken als Grenze. + +Nichts als Wolken; nicht einmal ein Widerschein der untergegangenen +Sonne. + +Was war ihr selbst von dem Glanz der Welt geblieben, aus der sie kam? +War nicht in ihr und um sie herum die gleiche Leere? Das Wanderleben war +jetzt vorbei; weder ihr Vater noch Frau Dawes konnten oder wollten es +fortsetzen; das wusste sie. In der Bucht, wo sie wohnten, war kein +Nachbar, an dem ihr lag. In der Stadt eine halbe Stunde davon kein +Mensch, an dem sie hing. Sie hatte sich keine Zeit dazu gelassen. Sie +war nirgends heimisch. Ihr Leben war keins, das aus der Scholle +herauswaechst und mit allem verknuepft ist, was daran haengt. Wo sie +hinkam, schien die Unterhaltung zu stocken, damit ein anderes Thema, das +ihr angepasst war, aufgenommen werden konnte. Die Globetrotter, die mit +ihr durch die Welt zogen, sprachen von Reiseerlebnissen, von Museen und +Musik an den Orten, die sie zusammen aufgesucht hatten. Manchmal auch +ueber Probleme, die mit ihnen schwammen, wohin sie auch fuhren. Aber kein +einziges darunter, das ihr nahe ging. Die Redensarten, auf die es ankam, +konnte sie auswendig. Es war eigentlich eine Art Sprachuebung oder ein +zweckloses, muessiges Geschwaetz. + +Die Huldigungen, die ihr dargebracht wurden, und die bisweilen in einen +Kultus ausarteten, fingen schon an, als sie noch ein Kind war und es fuer +Spiel ansah. Spaeter war es ihr so zur Gewohnheit geworden wie die Touren +eines Kontres. Ein einzelner Zwischenfall, der die ganze Familie in +Aufregung gebracht hatte, ein paar Faelle, die weh getan hatten, waren +laengst vergessen; das ganze war jetzt Alltaeglichkeit ohne Ernst. Sie +stand einsam und mit leeren Haenden da. + +Es ging ein Zucken durch ihren Koerper, als ihr Franz Roeys riesige +Gestalt vor Augen trat. So deutlich, so scharf in allen Einzelheiten, +dass ihr war, als koenne sie sich nicht vom Fleck ruehren. + +Er war nicht wie die anderen. Hatte das sie in Aufregung gebracht? + +Bei dem blossen Gedanken an ihn zitterte sie. Ohne dass sie es wollte, +stand Alice neben ihm in ihrer ueppigen Luesternheit, mit frivolen Augen +... In was fuer einem Verhaeltnis standen die beiden? Es wurde ihr dunkel +vor den Augen, es stach, es kochte in ihr. So stand sie und weinte. + +Sie hoerte ein dumpfes Brausen von etwas Gewaltigem. Sie wandte sich nach +der Richtung. Ein Ozeansteamer kam ihnen entgegen, so unvermutet und so +ungeheuer gross, dass sie den Atem anhielt. Er wuchs aus dem Meer heraus +ohne Warnungssignal. Er schoss in rasender Fahrt auf sie zu, wurde groesser +und immer groesser, ein Feuerberg von grossen und kleinen Lichtern. Unter +schaeumendem Brausen kam er und zog er vorbei. Nur einen Augenblick, und +er war ein Bild in der Ferne. + +Wie das sie ergriff! + +Dies vorueberrauschende Leben, das von Erdteil zu Erdteil eilt, voll +Arbeit und Gedanken in ewigem, fruchtbarem Austausch. + +Waehrend sie hier in einer kleinen Tonne umherschwamm, die von den Wellen +des Weltkolosses geschaukelt wurde, dass man sich festhalten musste. + +Sie stand wieder allein in der grossen Wueste. Wie verraten. Es war doch +wie ein Verrat, wenn alles, was sie in drei Erdteilen gesehen und gehoert +hatte an Volksleben und Festen, kirchlichen wie nationalen, an +Kunstwerken und an Musik,--gewissermassen zurueckblieb, wo sie es gesehen +und gehoert hatte, waehrend sie einsam in einer unheimlichen, +bewegungslosen Einoede stand. + + * * * * * + +Daheim + + +Es kam erstaunlich anders. + +Schon als sie an Land stieg, sah sie bei Jung und Alt die +ungeheucheltste Freude ueber das Wiedersehen. Alle Gesichter strahlten. +Ebenso auf dem Wege zum Marktplatz; jeder freute sich; jeder gruesste. +Waehrend sie keinen Gedanken fuer diese Leute gehabt hatte, hatten sie +ihrer gedacht. Vom Haus am Markt wollten sie spaeter am Tage mit dem +Kuestendampfer nach Krogskog weiterfahren. In der Zwischenzeit bekamen +sie Besuch von ihren Verwandten. Die mussten ihnen doch sagen, wie froh +sie seien, sie endlich wiederzusehen. Sie mussten auch von der Freude +berichten, die das spanische Bild Marys hervorgerufen hatte, erst hier, +dann in der Hauptstadt und jetzt auf einer Rundreise durch das Land mit +anderen Bildern. Man schreibe,--ja, sie habe doch gelesen, was man +schreibe?--Nein, sie habe ueberhaupt keine Zeitungen gelesen, nur hier +und da ein Blatt, das an ihrem jeweiligen Aufenthaltsort erschienen sei. +"Liest Du denn keine hiesigen Zeitungen?"--"Doch, wenn Vater sie mir +zeigt." Ob ihr denn ihr Vater nichts davon erzaehlt habe, und Frau Dawes +auch nicht?--"Nein."--"Ja, nun sei sie in ganz Norwegen bekannt. Dies +sei doch das dritte Bild von ihr; oder gar das vierte? Und dies sei das +schoenste. Die illustrierten Zeitschriften haetten es gebracht. Ein +englisches Kunstjournal, "The Studio", habe es auch reproduziert. Ob sie +das nicht wisse?"--"Nein."--Die Jugend sei ganz stolz auf sie. Darum +haetten sie mit ihrem Fruehlingsfest bis zu ihrer Heimkehr gewartet. "Da +soll Staat mit Dir gemacht werden."--"Mit mir?"--"Wir wollen nach +Marielyst, der Dampfer von hier und einer aus der Nachbarstadt, wir +treffen uns dort. Joergen Thiis hat von Paris aus den ganzen Plan +entworfen."--"Joergen Thiis?"--"Ja, hat er nichts davon gesagt?"--"Nein." + +Kaum war sie allein, so ging sie zu ihrem Vater ins Zimmer, der im +Begriff war, einige Kunstgegenstaende auszupacken, die er gekauft hatte, +und die hier aufgestellt werden sollten. "Vater, hast Du die Bilder von +mir ausstellen lassen?" Er laechelte und sagte unschuldig: "Ja, +allerdings habe ich das getan, liebes Kind. Und viele haben ihre Freude +daran gehabt. Man hat mich uebrigens darum gebeten. Man hat mich jedesmal +darum gebeten." Er sagte es so nett. Dass er ihr nichts davon gesagt +hatte und auch Frau Dawes und gleichzeitig wohl auch Joergen Thiis es +verboten hatte, fand sie reizend. Sie tat etwas, was sie sonst sehr +selten tat, sie ging hin und gab ihm einen Kuss. + +Also das war es, worueber ihr Vater so eifrig mit Frau Dawes und Joergen +Thiis getuschelt und gefluestert hatte? Deshalb waren die Zeitungen aus +der Heimat ihr vorenthalten worden. Alles war verabredet,--sogar der +Vorschlag, gerade jetzt nach Hause zu reisen! Sie hatte Joergen Thiis +beinahe lieb. + +Als sie nach Krogskog abfuhren, hatte sich eine Menge Jugend auf der +Bruecke eingefunden. Sie riefen: "Auf Wiedersehen am Sonntag!" + +Sie fand die Landschaft hinreissend schoen. Die kleine halbe Stunde bis +Krogskog war wie ein Begruessen guter alter Bekannter, ein fortwaehrendes +Begruessen. Jetzt war auch die partielle Verlegung der Strandstrasse an der +Kueste entlang fertig. Es war wirklich lustig, wie sie sich um die +Landzungen herumschlaengelte und oft in die Felsen hineinschnitt. Ueber +Krogskog fuehrte der Weg wie frueher durch die Ebene von einer Landspitze +zur andern, dicht an der Landungsbruecke vorbei und dicht unter der +Kapelle mit dem Kirchhof. + +Nein, wie behaglich Krogskog dalag: Sie hatte behalten, wie einsam es +lag; aber sie hatte vergessen, wie reizvoll es war! Diese stille, blanke +Bucht mit den Seevoegeln! Das Gekraeusel da hinten, wo der Fluss muendete, +die grosse Ebene hoch oben zwischen den Huegeln, und die Hoehen so +gruenbewachsen. Waren die Baeume vor dem Wohnhause wirklich nicht hoeher? +Wie gut sich das langgestreckte Haus machte mit den schwarzen Fenstern +und der schwarzen Grundmauer. Aus dem einen Schornstein stieg dichter +Rauch auf; er wirbelte ein lustiges Willkommen in die Luft. Sie sprang +vor den andern an Land und lief hinueber. Ein Maedchen von neun, zehn +Jahren kam heruntergerannt, blieb, als sie Mary gewahrte, stehen, machte +Kehrt und rannte all was sie konnte zurueck. Mary aber holte sie vor der +Treppe ein. "Jetzt hab' ich Dich!" sie drehte sie zu sich herum: "Wie +heisst Du?" Es war ein hellhaariges, lachendes Ding, das nicht +antwortete. Auf der Treppe standen die Maedchen und eine von ihnen sagte, +sie heisse Nanna und sei hier Laufmaedchen. "Dann sollst Du mein Maedchen +sein!" sagte Mary und nahm sie die Treppe mit hinauf. Sie nickte jeder +einzelnen zu, merkte aber, wie enttaeuscht sie waren, als sie eilig +weiterging, ohne mit ihnen zu sprechen. Sie sehnte sich danach, den Fuss +auf die dicken Teppiche zu setzen, die seltsame Beleuchtung im Vorzimmer +um sich zu fuehlen, die grossen, kostbaren Schraenke und alle Malereien und +Raritaeten aus der hollaendischen Zeit wiederzusehen. Sie sehnte sich mehr +noch danach, hinauf in ihr eigenes Gemach zu kommen. Diese Lautlosigkeit +auf der Treppe und nachher auf dem langen, daemmerigen Gang--die hatte +nie ein solches Fluesterspiel mit ihr getrieben wie heute. Etwas Weiches, +Halbverstecktes, Vertrautes und Nahes zugleich. Das redete noch zu ihr, +als sie vor der Tuer zu ihrem Zimmer stand, es hielt sie so fest, dass es +eine Weile dauerte, bis sie die Tuer oeffnete. + +Ah, der Raum lag in vollem Sonnenlicht, es kam von dem Fenster an der +Laengswand, das auf die andern Haeuser und auf die Anhoehe hinausging. +Blasseres Licht vom Fenster gerade gegenueber, das auf den Obstgarten und +drunten auf die Bucht sah. Die blinkte durch die Baeume. Ueber den Baeumen +sah man die Inseln und das hellgraue Meer. Vom Huegel aber, der im +schoensten Blueten- und Laubschmuck stand, zog Fruehlingsduft herein. Das +Zimmer selbst in seiner weissen Reinheit lag da wie ein Schoss, der all +dies aufnahm. Hier drinnen scharte sich alles ehrerbietig um das Bett, +das mitten in der Stube stand. Es war nicht nur wie fuer eine Prinzessin; +es war die Prinzessin selber; alles andere neigte sich davor. + + * * * * * + +Der Ausflug nach Marielyst war in jeder Beziehung wohlgelungen. Aber an +dem Tage kam zwischen Mary und Joergen eine Verstimmung auf. + +Das ging so zu. Joergen Thiis kam mit einer grossen, starken Dame an +Bord--ihre breite Stirn, die warmen Augen, die kleine Nase und das +vorspringende Kinn trieben ein leichtes Rot in Marys Wangen, das sie zu +verbergen suchte, indem sie sich erhob und fragte: "Sie sind doch die +Schwester des Hauptmanns im Geniekorps Franz Roey?"--"Ja", antwortete +Joergen Thiis; "wir haben der Sicherheit halber einen Arzt mitgenommen." +---Mary: "Das freut mich sehr; ich habe natuerlich durch Ihren Bruder von +Ihnen gehoert. Er hat Sie sehr lieb."--"Das tun wir ueberhaupt alle", +versicherte Joergen Thiis und entfernte sich. + +Fraeulein Roey selbst hatte nichts gesagt, aber ihre forschenden Augen +ueberstroemten Mary mit Bewunderung. Jetzt setzte sie sich neben sie. +"Bleiben Sie lange daheim?"--"Das weiss ich nicht. Vielleicht reisen wir +ueberhaupt nicht mehr; mein Vater ist zu schwach."--Fraeulein Roeys kluge +Augen notierten das foermlich. Sie sagte eine ganze Weile nichts mehr. +Mary aber dachte bei sich: wie taktvoll, dass sie nicht von ihrem Bruder +anfaengt. + +Die beiden gingen waehrend des Ausflugs einander nicht von der Seite. Sie +standen auch zusammen, als nachher im Freien Erfrischungen gereicht und +Reden gehalten wurden. Die Festfreude stieg Joergen Thiis zu Kopf. Man +kam zu ihm und stiess mit ihm an, und er wurde sentimental und redete. +Auf das Ideal, das ewige Ideal. Gluecklich der Mann, dem es schon in +seiner Jugend begegne! Er trage es in seiner Brust wie einen +wegweisenden, unausloeschbaren Scheinwerfer auf dem Pfade des Lebens!--Er +trank das Glas bis zum Grunde aus und schleuderte es bleich und bewegt +zu Boden. + +Dieser fuerchterliche Ernst kam den froehlichen Menschen so unerwartet, +dass sie lachen mussten. Alle miteinander! + +Fraeulein Roey sagte zu Mary: "Sie sind doch viel mit Leutnant Thiis +zusammen gewesen?"--"Diesen Winter und im vorigen auch", antwortete Mary +leichthin und ass ihr Eis. + +Ein junges Maedchen stand daneben. "Es ist eine merkwuerdige Sache mit +Joergen Thiis", sagte sie. "Zu uns ist er so nett; aber gegen die +Soldaten soll er so schlecht sein." Erstaunt wandte Mary sich zu ihr um. +"Wieso schlecht?"--"Er soll sie so quaelen, soll so furchtbar streng sein +und so ganz sonderbar, und um das kleinste strafen." Mary richtete ihre +allergroessten Augen auf Margrete Roey. "Ja, das ist Tatsache", antwortete +die leichthin; sie ass auch ihr Eis. + +Als gegen Abend der Tanz zu Ende war und sie zum Schiff hinunterzogen, +Mary an Joergens Arm, da sagte sie zu ihm: "Ist es wahr, dass die +Mannschaften Ihres Kommandos ueber Sie klagen?"--"Das kann schon sein, +gnaediges Fraeulein." Er lachte.--"Ist das zum Lachen?"--"Ja, zum Weinen +jedenfalls nicht, gnaediges Fraeulein", er war so recht vergnuegt, er haette +sie am liebsten in den Arm genommen und waere mit ihr nach der +Landungsstelle hinunter getanzt; das taten viele andere auch. Aber Mary +weigerte sich. "Mir hat es weh getan, das zu hoeren", sagte sie. Da +merkte er, dass es ihr Ernst war. "Ich will Ihnen sagen, gnaediges +Fraeulein, der Norweger weiss im grossen und ganzen nicht, was Gehorsam und +Disziplin sind. In der kurzen Zeit, da wir ihn unter unserm Kommando +haben, muessen wir es ihm beibringen."--"Auf welche Weise?"--"Mit +Kleinigkeiten natuerlich."--"Indem Sie ihn mit Kleinigkeiten +quaelen?"--"Ja. Ganz recht."--"Mit Dingen, deren Notwendigkeit er nicht +einsieht?"--"Ja gewiss. Er soll sich das Raesonnieren abgewoehnen. Er soll +gehorchen. Und das, was er tut, soll er korrekt tun. Absolut korrekt." + +Mary antwortete nicht. Aber als jetzt ein Paar an ihre Seite kam, sprach +sie mit denen und setzte das fort, bis sie die Landungsbruecke erreicht +hatten. + +Auf dem Schiff sah sie, dass Joergen Thiis verstimmt war. Als sie von Bord +gingen, stand er nicht an der Landungsbruecke. Ohne jede Verabredung +begleitete die ganze Gesellschaft sie heim nach dem Haus am Markt. Sie +sangen und laermten vor der Tuer, bis sie auf den Altan heraustrat und +Blumen ueber sie streute,--die mitgebrachten und alle, die sie irgend +fand. Sie gingen lachend und geraeuschvoll auseinander. Aber als sie von +dannen zogen, suchte sie unter ihnen nach Joergen; er war nicht da. Das +tat ihr leid; sie hatte ihm einen der schoensten Tage ihres Lebens +schlecht gelohnt. Alle waren so reizend zu ihr gewesen. + +Groessere und kleinere gesellschaftliche Zusammenkuenfte loesten jetzt +einander ab; aber Joergen Thiis war verschwunden. Zuerst war er eine +Zeitlang daheim bei seinen Eltern gewesen, jetzt war er in Kristiania. +Mary hatte nie weiter an Joergen Thiis gedacht; aber nun, da er sich +fernhielt, besann sie sich darauf, wieviel von jenen schoenen Begegnungen +mit ihren Altersgenossen auf sein Konto kam. Der wunderliche Toast, den +er auf die "Treue gegen das Ideal" ausgebracht hatte, ... als er sprach, +da hatte sie nur gedacht: wie sentimental Joergen Thiis doch sein kann! +Jetzt dachte sie: vielleicht galt das mir? Sie war an solche +Uebertreibungen gewoehnt, und sie machte sich absolut nichts aus Joergen +Thiis. Aber wenn sie ueberlegte, wie rasend verliebt er schon bei ihrem +ersten Zusammentreffen gewesen war, und dass er in all diesen Jahren +genau so geblieben war, wann und wo sie sich auch begegneten, da wurde +das doch ein wenig mehr. Die gierigen, verzehrenden Augen bekamen +dadurch beinahe etwas Ruehrendes. Dass er es nicht ertrug, mit ihr +zusammen zu sein, wenn sie das geringste gegen ihn hatte, bewies ja +auch, wie gern er sie hatte. Dass er nichts sagte, sondern einfach +fortblieb, gefiel ihr. + +Da kam eines Tages Mille Falke, die huebsche, sanfte Frau des +lungenkranken Oberlehrers, zu ihr heraus. Sie habe einen Brief von +Joergen Thiis bekommen. Eine Gesellschaft von zehn Personen in Kristiania +habe eine Fahrt nach dem Nordkap geplant. Sie haetten schon vor zwei +Monaten die Plaetze bestellt,--und jetzt sei etwas dazwischen gekommen. +Man habe Joergen Thiis gefragt, ob er nicht die Billets uebernehmen und +zehn Personen heranholen koenne, um mit ihnen diese herrliche Fahrt zu +machen. Unten in den Kleinstaedten lebe man in besserer Kameradschaft, da +sei es leichter, eine solche Gesellschaft zusammenzubringen. Joergen +Thiis habe sich bereit erklaert,--wenn Mary Krog dabei sein wolle; er +wisse, dann bekomme man die andern schon zusammen. + +Frau Falke setzte Mary das in ihrer Schmeichelkatzenart auseinander, der +nur wenige widerstehen konnten. Mary hatte freilich nicht die geringste +Lust, in der Sommerhitze auf dem Deck eines Dampfers zu sitzen und alles +abzubrechen, was hier unternommen wurde; es war gar zu nett. Aber sie +wollte Joergen Thiis nicht gern noch einmal kraenken. Sie sprach mit ihrem +Vater und mit Frau Dawes: sie hoerte noch einmal Frau Falke an--und +willigte ein. + +In der ersten Haelfte des Juli versammelte sich die Gesellschaft eines +Nachts an Bord eines Kuestendampfers, der sie nach Bergen bringen sollte. +Von dort wollte man die Reise antreten. Es waren sechs Damen und vier +Herren. Eine der Damen war die wuerdige Vorsteherin der Schule, die +Mutter des einen Herrn und die ehemalige Lehrerin von drei der Damen. +Sie war das moralische Zentrum. Dann war ein jungverheiratetes Paar da, +das die ganze Reise ueber geneckt wurde. Es lohnte sich; denn beide waren +sehr lebhaft und gaben es reichlich zurueck. Ein junger Kaufmann schnitt +zwei Damen die Kur--behauptete man wenigstens--ohne sich klar zu werden, +welche er am liebsten mochte. Das zu entscheiden, half ihm die ganze +uebrige Gesellschaft; die beiden Damen am eifrigsten. Ein junger +Philologe wurde gleich in der ersten Nacht auf dem Kuestendampfer "der +Verlassene" getauft. Mit Ausnahme der alten Dame machten alle anderen +einen furchtbaren Radau, und keiner tat ein Auge zu. Er allein konnte +nicht tanzen und auch nicht singen und auch nicht die Kur schneiden. Er +konnte nicht mal vertragen, wenn man ihm den Hof machte, dann wurde er +naemlich verlegen. Die Folge war, dass alle, auch Mary, "dem Verlassenen" +den Hof machten, bloss um sich an seinem jaemmerlichen Zustand zu weiden. +Der Urheber dieser Scherze war immer Joergen Thiis; er neckte so +leidenschaftlich gern. Seine Erfindungsgabe in dieser Beziehung konnte +man nicht immer frei von Bosheit nennen. + +Im Anfang ging er frei aus. Aber nach und nach wagte sich sogar "der +Verlassene" an ihn heran. Ueber seinen Appetit, seine Herrschsucht und +besonders ueber seine untertaenige Dienerrolle Mary gegenueber wurde +allgemein gestichelt. Mary hatte die wachsamen Augen der Krogs fuer +Uebertreibungen, so dass sie mitlachte, auch wenn es ueber die +Untertaenigkeit gegen sie herging. Er liess sich nicht im geringsten +stoeren. Er ass genau soviel, war genau so pedantisch als Fuehrer der +Gesellschaft und blieb unerschuetterlich Marys erfinderischer, unablaessig +hilfsbereiter Diener. + +Das Schiff war voll Passagiere; darunter viele Auslaender. Aber die +froehliche Gesellschaft von Joergen Thiis wurde der Mittelpunkt. Die Natur +machte so haeufig Anspruch auf die Bewunderung der Reisenden, dass nicht +allzu grosse Reibungen vorkamen. Es war, als werde etwas Gewaltiges +vorgetragen. Ein Wunder loeste das andere ab. Dazu kam der lange Tag. Die +Naechte wurden immer kuerzer; schliesslich gab es ueberhaupt keine Nacht +mehr. Sie fuhren in lauter Licht hinein, und das berauschte. Sie wurden +nicht muede. Sie tranken, sie tanzten und sangen; schliesslich waren sie +alle auf denselben Ton gestimmt. Es wurden Vorschlaege gemacht, die sonst +unmoeglich gewesen waeren; in die Wildheit der Landschaft, in den Rausch +von Licht passten sie hinein. Als Mary eines Tages bei starkem Sturm +ihren Hut verloren hatte, sprangen zwei Herren ihm nach. Der eine war +natuerlich Joergen Thiis. Die Gemueter waren hoch ueber den Alltag hinaus +gespannt. Wenn einer oder der andere muede wurde, schlief er Tage und +Naechte durch. Aber die meisten hielten aus, jedenfalls solange es +vorwaerts ging. Unter ihnen Mary. + +Joergen Thiis hatte es durch seine ehrerbietige Energie dahin gebracht, +dass alle Leute Mary mehr oder weniger genau so behandelten wie er +selbst. Es kam auch nicht die geringste Stoerung vor, was besonders ihrer +eigenen formvollendeten Art und ihrer aufmerksamen Ruecksichtnahme zu +danken war. + +Als sie von Bord gingen und wieder den Kuestendampfer bestiegen, forderte +sie aus dem Gefuehl aufrichtiger Dankbarkeit Joergen Thiis auf, mit ihr +nach Krogskog zu kommen. "Ich kann nicht so ploetzlich Schluss machen", +sagte sie. + +Und er blieb mehrere Tage dort. Alles fand er schoen und behaglich. Der +Kunstsinn, der ihm eigen war, ging mehr aufs kleine; er schwaermte z.B. +fuer ethnographische Schnurrpfeifereien, und deren gab es hier eine +Menge. Die Zimmer und ihre Einrichtung waren so ganz nach seinem +Geschmack. Frau Dawes, der gegenueber er frei heraus redete, vertraute er +sich an; dies Behagliche, Gedaempfte stimme ihn erotisch, sagte er. Er +phantasierte viele Stunden lang auf dem Klavier; und immer in dieser +Richtung. + +Mary behandelte er unter vier Augen mit der gleichen Ehrerbietung wie in +Gegenwart anderer. Seit sie ihn kannte, hatte sie nicht ein einziges +Wort von ihm gehoert, das als Einleitung zu einer Werbung aufgefasst +werden konnte; ja nicht einmal ein Wort, das eine Einleitung zur +Einleitung haette darstellen koennen. Und das gefiel ihr. + +Sie streiften zusammen durch Wald und Feld; sie ruderten zusammen zum +Besuch bei Verwandten. Er hatte den Schluessel zu ihrem Badehaus. Er ging +hin, wenn noch keiner auf war, oft nach ihren Spaziergaengen noch einmal. + +Mary selbst war umgaenglicher geworden. Er sagte es einmal. "Ja," +antwortete sie, "die jungen Menschen hier leben mehr wie ein +Geschwisterkreis zusammen und sind daher anders, freier und frischer. +Das hat mich angesteckt." + +Eines Morgens musste er zur Stadt und Mary begleitete ihn. Sie wollte +Onkel Klaus, seinen Pflegevater, besuchen. Sie hatte ihn, seit sie +heimgekommen war, noch nicht gesehen. + +Er sass in einer Rauchwolke wie eine Spinne in ihrem grauen Netz. Er +sprang auf, als er Mary eintreten sah, war beschaemt und fuehrte sie in +die gute Stube. Joergen hatte Mary darauf vorbereitet, dass er schwerlich +guter Laune sei; er habe wieder kleine Verluste gehabt. Sie sassen auch +kaum in der kahlen, steifen guten Stube, als er anfing, ueber die +schlechten Zeiten zu klagen. Wie seine Art war, machte er den Ruecken +krumm und spreizte die Beine auseinander, um die Ellbogen auf die Knie +stuetzen und die langen Finger gegeneinander stemmen zu koennen.--"Ja, Sie +haben es gut; Sie amuesieren sich bloss!" Vielleicht wollte er das wieder +gutmachen. Er sagte: "Ich habe nie ein schoeneres Paar gesehen!" + +Joergen lachte, wurde aber rot bis an die Schlaefen. Mary sass unbeweglich; +es beruehrte sie nicht. + +Joergen begleitete sie zurueck nach dem Krogschen Haus am Markt, das dicht +daneben lag. Er sagte unterwegs kein Wort und verabschiedete sich +fluechtig. Spaeter kam Nachricht von ihm, er muesse bis zum Abend in der +Stadt bleiben; dann fahre er mit seinem Rade nach Krogskog hinaus. Das +war gegen die Verabredung; aber sie fuhr heim. + +Auf der Dampferfahrt nach Hause nahm sie den Gedanken auf: Joergen Thiis +und sie ein Paar? Nein! Das war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Er +war ein schoener eleganter Kerl, ein tadelloser Kavalier, ein wirklicher +Kuenstler auf dem Klavier. Ueber seinen hellen Kopf und seinen Takt war +nur eine Meinung. Selbst das, was sie frueher so abgestossen hatte, seine +Genusssucht, die in Blick und Mienen auftauchen und ihnen dies +Verzehrende geben konnte, von dem sie sich abwandte ... vielleicht war +von dieser Grundlage aus das andere kultiviert worden? Das Gefuehl fuer +das Vollkommene in Kunst, Disziplin und Sprache? Aber doch blieb da +etwas Unaufgeklaertes. Es war ihr gleichgueltig, was es war; denn sie warf +all diese Betrachtungen ueber Bord. Es ging sie nichts an. + +Sie hatte eine Bauernfrau gesehen, die in ihrer Jugend bei ihnen gedient +hatte; zu der setzte sie sich. Die Frau freute sich: "Na, wie geht es +Ihrem Vater? Jetzt bin ich so alt geworden; aber ich sage, soviele ich +kennen gelernt habe,--einen netteren Mann als Ihren Vater habe ich nie +getroffen. Er ist und bleibt der Beste." + +Das kam so unerwartet und so warm heraus, dass es Mary ruehrte. Die Frau +erzaehlte dann eine Geschichte nach der anderen von der Guete ihres Vaters +und von seinem ruecksichtsvollen Wesen. Sie hatte solange zu erzaehlen, +bis sie da waren. Zuerst dachte Mary, etwas Schoeneres sei ihr lange +nicht widerfahren. Aber dann wurde ihr bange. Sie hatte fast vergessen, +wie sehr sie selbst ihn liebte, hatte sich abgewoehnt, ihm das zu zeigen. +Warum? Warum war sie von soviel anderem in Anspruch genommen und nicht +von ihm, der der Liebste und Beste von allen war? + +Sie lief eilig nach dem Hause hinauf. Obwohl der Vater kraenklich war, +war sie in letzter Zeit fast nie bei ihm gewesen. + +Als sie naeher kam, sah sie Joergens Rad an der Treppe stehen und hoerte +ihn spielen. Aber sie eilte vorbei zu ihrem Vater hinein, der in seinem +Arbeitszimmer am Pult sass und schrieb. Sie schlang die Arme um ihn und +kuesste ihn, blickte ihm in die guten Augen und kuesste ihn noch einmal. Mit +ihrem scharfen Sinn fuer Komik lachte sie, als sie sein Erstaunen sah. +"Ja, sieh mich nur an, denn ich tue es gar so selten. Aber es ist +trotzdem wahr, dass ich Dich grenzenlos lieb habe." Wieder kuesste sie ihn. +"Mein liebes Kind!" sagte er und laechelte mitten in dem Ueberfall vor +sich hin. Er war gluecklich, das merkte sie. Allmaehlich kam in seine +Augen das eigentuemliche Leuchten, das keiner wieder vergessen konnte. +Sie dachte bei sich: dies tue ich fortan jeden einzigen Tag. + +Joergen und sie hatten eine Radtour in die Umgegend verabredet. Am +naechsten Tage waren sie unterwegs. Der Verwandte, zu dem sie kamen, ein +Kompagniechef, freute sich sehr ueber den Besuch. Sie mussten zwei, drei +Tage dableiben. Die junge Welt aus der Nachbarschaft wurde dazu geladen +und es kam eine Partie auf die Alm zustande,--wieder fuer Mary etwas +Neues. "Ich kenne alle Laender, nur mein Vaterland nicht." Im naechsten +Jahr wollte sie aber eine Reise durch Norwegen machen; dazu brauchte sie +keine besondere Reisebegleitung. Mit dieser Aussicht wurde es eine +koenigliche Heimfahrt. + +Gerade als Joergen und sie ihre Raeder an die Balustrade anlehnten, kam +die kleine Nanna aus der Tuer gelaufen und eilig die Treppe herunter. Sie +weinte, bemerkte aber die Ankommenden nicht; sie wollte nach der andern +Seite. Als Mary rief: "Was ist los?" blieb sie stehen und schluchzte: +"Oh, kommen Sie, kommen Sie, ich sollte jemand holen!" Ebenso schnell +wieder die Treppe hinauf, um zu verkuenden, dass sie jetzt kaemen. Joergen +hinterdrein, dann Mary. Es ging durch das Vorzimmer, die Treppe hinauf, +den Gang entlang bis zur letzten Tuer rechts. Da drinnen lag Anders Krog +auf dem Fussboden, und neben ihm kniete schluchzend Frau Dawes. Er hatte +einen Schlaganfall bekommen. Joergen hob ihn auf, trug ihn auf sein Bett +und legte ihn zurecht. Mary aber stuerzte wieder hinunter ans Telephon +wegen des Doktors. + +Der Doktor war nicht zu Hause; sie suchte ihn ueberall. Dazwischen schrie +in ihr die Verzweiflung, dass sie nicht bei ihm gewesen war, als dies +geschah. Sie hatte sich doch gerade das Versprechen gegeben, jeden Tag +lieb zu ihm zu sein,--und hatte ihn doch verlassen! Ja, noch heute hatte +sie sich auf den naechsten Sommer gefreut, wo sie ohne ihn im Lande herum +reisen wollte. Was war aus ihr geworden? Was war los mit ihr? + +Sobald sie den Doktor gefunden hatte, eilte sie zum Vater zurueck. Da war +er ausgezogen, und Joergen war fort. Frau Dawes aber sass am Kopfende des +Bettes auf einem Stuhl mit einem Brief in der Hand, grenzenlos +ungluecklich. Kaum gewahrte sie Mary, so reichte sie ihr den Brief, ohne +die Blicke von dem Kranken zu wenden. + +Der Brief war aus Amerika von einem Mary unbekannten Mann, der ihnen +mitteilte, dass Bruder Hans ihr und sein Vermoegen verloren habe. Er +selbst sei schwachsinnig, sei es sicher schon lange gewesen. + +Mary war es bekannt, dass es in der maennlichen Linie der Familie Krog +nichts Aussergewoehnliches war, wenn alte Leute geistesschwach wurden. +Aber sie war erschrocken, dass ihr Vater keine Kontrolle geuebt hatte! +Auch das war ein bedenkliches Zeichen. + +Ihr Vater musste mit diesem Brief auf dem Wege zu Frau Dawes gewesen +sein, als ihn der Schlag geruehrt hatte. Die Tuer war naemlich geoeffnet, +und er lag dicht daneben. + +Mary las den Brief zweimal und wandte sich an Frau Dawes, die sass und +weinte. "Ja, ja, Tante Eva,--das muss getragen werden."--"Getragen +werden? Getragen werden? Was meinst Du? Das Geld? Das lumpige Geld! Aber +Dein Vater! Dieser herrliche Mensch, mein bester Freund!" Sie blickte +unverwandt auf seine geschlossenen Augen und weinte unaufhoerlich, +waehrend sie ihm die zaertlichsten Namen gab, die hoechsten Lobesworte, +aber auf englisch. In der fremden Sprache fielen die Worte wie aus einer +fernen Zeit ueber ihn; Mary lag auf den Knien daneben und las sie auf. +Sie brachten von jedem Tage in dem Zusammenleben der beiden Alten die +Entbehrungen, den Dank,--einen Niederschlag dessen, was sie an guten +Worten, an freundlichen Blicken, an Gaben und Nachsicht empfangen hatte. +Es kam so reich und so warm heraus mit der freudigen Kraft des guten +Gewissens; denn Frau Dawes hatte versucht, ihm alles zu sein, so weit es +in ihren Kraeften stand. So goldene Worte jetzt ueber Marys Haupt ihm zu +Ehren ausgeschuettet wurden, sie selbst machten sie arm. Denn sie war ihm +so wenig gewesen. Oh, wie sie es bereute, wie verzweifelt sie war. + +Joergen Thiis erschien draussen auf dem Gange, gerade als sie aufstand. +Sie bueckte sich nach dem Brief und wollte ihm das Papier geben, als Frau +Dawes, die ihn auch gewahrte, ihn bat, sie in ihr Zimmer zu fuehren; sie +muesse auch zu Bett. "Gott weiss, wann ich wieder aufstehe! Wenn es mit +ihm zu Ende ist, ist es mit mir auch vorbei." + +Joergen eilte herzu, nahm die schwere Masse aus dem Stuhl auf und segelte +langsam mit ihr ab; er klingelte nach einem Maedchen, das sie dann zu +Bett brachte; er selbst ging zu Mary zurueck. Sie stand unbeweglich da +mit dem Brief in der Hand, den sie ihm jetzt hinreichte. + +Er las ihn aufmerksam und wurde bleich. Ja, er war eine Weile wie +betaeubt; Mary trat ein paar Schritte naeher an ihn heran; aber er merkte +es nicht. "Das hat den Schlaganfall verursacht", sagte sie. + +"Natuerlich", fluesterte er, ohne sie anzusehen. Gleich darauf ging er. + +Mary stand wieder neben ihrem Vater. Sein schoenes, feines Gesicht rief +nach ihr; sie warf sich wieder ueber ihn und schluchzte. Denn ihm, den +sie am liebsten hatte, war sie am wenigsten gewesen. Vielleicht nur, +weil er selbst nie an sich gedacht hatte? + +Sie verliess ihn nicht, bis der Doktor kam und mit ihm die Pflegerin. Da +ging sie zu Frau Dawes hinein. + +Frau Dawes war verzweifelt und elend. Mary wollte sie troesten, aber sie +unterbrach sie heftig: "Ich habe es zu gut gehabt. Ich bin mir zu sicher +gewesen. Jetzt kommt der Ernst!" Mary erschrak bei diesen Worten; denn +das hatte ihr die ganze Zeit auf dem Herzen gelegen. + +"Du verlierst uns beide, armes Kind! Und Dein Vermoegen auch!" Mary war +es nicht lieb, dass sie das Vermoegen erwaehnte. Frau Dawes fuehlte das und +sagte: "Du verstehst mich nicht, armes Kind! Es ist nicht Deine Schuld, +es ist unsere. Wir haben Dir zu viel Willen gelassen. Aber Du warst auch +so haesslich, wenn wir es nicht taten." + +Mary blickte erschrocken auf: "Ich haesslich?"--Frau Dawes: "Ich habe es +Deinem Vater gesagt, Kind, ich habe es ihm oft gesagt. Aber er war so +herzensgut, er beschoenigte immer alles." + +Joergen kam mit dem Doktor herein. "Wenn irgend etwas hinzutritt, kann es +vorbei sein, gnaediges Fraeulein."--"Bleibt er gelaehmt?" fragte Frau +Dawes.--Der Doktor wich der Frage aus; er sagte nur: "Jetzt ist vor +allem Ruhe noetig." Es wurde still nach dieser Erklaerung. + +"Gnaediges Fraeulein duerfen nicht bei dem Kranken wachen, lieber zwei +Pflegerinnen." Mary antwortete nicht. Frau Dawes fing wieder zu weinen +an: "Ja, jetzt kommen andere Tage."-- + +Der Doktor ging, begleitet von Joergen Thiis. Als Joergen zurueckkam, +fragte er leise: "Soll ich auch fort,--oder kann ich irgendwie +nuetzen?"----"O nein, verlassen Sie uns nicht!" jammerte Frau Dawes. +Joergen blickte Mary an, die nichts sagte; sie schaute auch nicht auf. +Sie weinte leise vor sich hin. + +"Sie wissen, gnaediges Fraeulein," sagte Joergen Thiis ehrerbietig, "dass +ich keinem Menschen lieber zu Diensten sein moechte."--"Das wissen wir, +lieber Freund, das wissen wir", schluchzte Frau Dawes. + +Mary hatte den Kopf erhoben; aber bei Frau Dawes' Worten schwieg sie. + +Als Mary nachher aus Frau Dawes' Stube kam, oeffnete Joergen eben die Tuer +seines Zimmers, das Marys gerade gegenueber lag. Er blieb in der weit +geoeffneten Tuer stehen, so dass sie den gepackten Koffer hinter ihm sehen +konnte. Sie stand still: "Sie wollen fort?"--"Ja", antwortete er.--"Hier +wird es jetzt still." Er wartete auf mehr; aber mehr kam nicht. "Jetzt +beginnt die Jagdsaison. Ich hatte Ihren Vater fragen wollen, ob ich in +seinen Waeldern jagen duerfe."--"Wenn Ihnen meine Erlaubnis genuegt, steht +dem nichts im Wege."--"Tausend Dank, gnaediges Fraeulein! Ja, da darf ich +doch auch mal hierherkommen?" Er verneigte sich tief und nahm ihre Hand. + +Dann ging er zu Frau Dawes hinein, um ihr Adieu zu sagen. Da blieb er +mindestens zehn Minuten. Er kam gerade wieder heraus, als Mary zu ihrem +Vater hinueberging. + +Als sie ueber ihren Vater gebeugt stand, regte er sich und schlug die +Augen auf. Sie kniete hin: "Vater!" Er schien nachzudenken und versuchte +zu sprechen; es gelang ihm aber nicht. Sie sagte eilig: "Wir wissen +es,--alles, Vater. Aber hab' deswegen keine Sorge! Uns wird es trotzdem +an nichts fehlen." Seine Augen bewiesen, dass er verstanden hatte, wenn +auch langsam. Er wollte die Hand erheben, merkte aber, dass er es nicht +konnte. Er blickte sie schmerzlich erstaunt an; sie beugte sich ueber +ihn, kuesste ihn und weinte. + +Aber es wurde unglaublich schnell besser. War es Marys Gegenwart und ihr +stetes Muehen um ihn, was ihm half? Die Krankenpflegerin behauptete es. + +Jetzt kam eine Zeit, in der sie unermuedlich war in ihrer Sorge um die +beiden Kranken; zugleich aber trat sie die Verwaltung von Haus und Hof +an. Sie uebernahm die Buchfuehrung und die Oberaufsicht. Sie fuehlte sich +wohl dabei, denn sie hatte Talent, Ordnung zu schaffen und zu +dirigieren. Frau Dawes war sehr erstaunt darueber. + +Keine Sorge um die Zukunft, keine Sehnsucht nach alledem, was hinter +ihr lag. Sie sagte allen, die sie bedauerten, es sei freilich hart, dass +die beiden Alten krank seien; aber sonst gehe es ihr so gut, wie sie es +sich nur wuenschen koennte. + + * * * * * + +An einem ungewoehnlich warmen Tage Anfang August hatte sie von morgens an +sehr viel zu tun gehabt. Sie hatte Sehnsucht, sich ins Wasser zu +stuerzen, sowie sie Zeit hatte. + +Zwischen fuenf und sechs liefen sie hinunter, die kleine Nanna und sie. +Zuerst waren sie beide zusammen im Badehause; der kleinen Nanna machte +es solche Freude, wenn sie mit Marys schoenem Haar zu tun hatte; heute +durfte sie es aufloesen. Dann lief sie den Huegel hinauf bis an den grossen +Stein, um von dort aus nach beiden Seiten Wache zu halten. Mary mochte +nichts anhaben, sondern wollte nach Herzenslust plaetschern und +schwimmen. Sie nahm den Weg nach der Insel. Von dort aus konnte sie +selbst zu beiden Seiten die Einfahrt und die Wege uebersehen. Alles +still, keine Gefahr. Also wieder zurueck. + +Die See umschmeichelte sie und trug sie, die Sonne spielte auf ihren +Armen, die das Wasser teilten; das Land vor ihr lag herbstsatt da mit +seinem fetten Heu; Seevoegel schwebten in der Bucht, andere kreischten +ueber ihr. "Und mir graute so vor dem Alleinsein--" + +Als sie ans Ufer kam, mochte sie nicht heraus; sie legte sich auf den +Ruecken und ruhte sich aus. Dann ein paar Stoesse und wieder eine +Ruhepause. Der Strand war so einladend; sie legte sich in die Sonne. Den +Kopf halb auf einem Stein, das Haar herabfliessend. O, wie schoen das war! +Aber irgend etwas mahnte sie, aufzusehen. Sie hatte keine Lust dazu. +Aber sie musste doch wohl einmal dahin sehen, wo das Maedchen sass. Ach, +was kuemmerte sie das! Nanna hielt ja Wache. Aber soviel wurde doch +dadurch bewirkt, dass das Wohlbehagen ihr verloren ging; sie machte ein +Ende. Als sie aufstand, um auf die Badehaustreppe zuzugehen, gewahrte +sie hinter dem grossen Stein--Joergen Thiis im Jagdanzug mit dem Gewehr +ueber der Schulter! Das kleine Maedchen stand aufrecht auf dem Stein, ohne +sich zu ruehren; sie starrte ihn an, als sei sie festgenagelt. + +Eine heisse Blutwelle durchflutete Mary--Zorn und Abscheu. War er +schamlos? Oder hatte er den Verstand verloren? Aeusserlich tat sie, als +habe sie nichts gesehen,--warf sich kopfueber in die See und schwamm auf +die Treppe zu, hielt sich ruhig daran fest,--und verschwand. + +Aber ihr Atem ging heftig; ihr war so heiss, dass sie vergass, sich +abzutrocknen, sich anzuziehen. Sie geriet in immer groessere Hitze, +schliesslich kochte sie vor Rachsucht und Wut. Der galante Joergen Thiis +wagte sie zu beleidigen, wie sie noch nie im Leben beleidigt worden war. + +Sie schlug sich solange mit diesem sinnlosen, unehrenhaften Ueberfall +herum, bis sie mitten in Vorstellungen war, die sie weit fortfuehrten. +Sie stand wieder vor der kraftvollen Gestalt des Athleten, sie fuehlte +wieder Alices wissende Augen auf sich ruhen. Sie zitterte,--als sie +einen Schrei des Kindes da oben hoerte. In ihrer Erregung war sie nahe +daran, auch zu schreien. Was konnte da nur los sein? Auf die Seite ging +kein Fenster hinaus. Aus der Tuer zu sehen, wagte sie nicht, denn sie +hatte nichts an. Nie hatte sie sich so mit dem Anziehen beeilt, aber +gerade deshalb ging ihr alles verkehrt, und es zog sich in die Laenge. +Sie mochte nicht halbangekleidet vor Joergen Thiis hintreten. + +Als sie eben soweit war, dass sie daran denken konnte, die Tuer +aufzumachen, hoerte sie auf der Landungsbruecke das Tripp-Trapp der +kleinen Nanna. Mary riss die Tuer auf, die Kleine kam hereingestuerzt und +warf sich ihr gleich in den Schoss. Da versteckte sie den Kopf und weinte +und schluchzte, dass sie kein Wort herausbringen konnte. + +Mary gelang es, sie zu beruhigen, besonders als sie ihr versprach, sie +duerfe jetzt ihr Haar kaemmen. Da erzaehlte sie, der Herr Leutnant habe +hinter dem Stein gestanden, bis sie es bemerkt habe. Sie habe gesessen +und gesungen und habe ihn gar nicht kommen hoeren. Er habe ihr gedroht. +Ach, und sie habe solche Angst gehabt, denn er habe so boese ausgesehen! +Ach, so boese habe er ausgesehen! Kaum sei Mary ins Haus gegangen, da sei +er hinuntergestuermt, direkt auf das Haus zu! + +"Joergen Thiis?" + +"Dann schrie ich aus Leibeskraeften! Da stand er still. Aber dann drehte +er sich um und kam auf mich zu. Ich hinunter vom Stein und hinein in den +Wald----" Sie konnte nicht weitersprechen. Sie verbarg wieder den Kopf +in Marys Schoss und weinte. + +Das wurde ja immer schlimmer! Marys Verstand konnte es anfangs kaum +fassen. + +Nach und nach aber ging ihr ein Licht auf--er mochte ein anderer sein. +Er trug eine rasende Leidenschaft in sich. Er hatte den Mut starker +Ruecksichtslosigkeit. Wenn er nun gekommen war, um...? + +Stolz und stark, wie sie sich kannte, haette das fuer ihn die Verbannung +auf immer bedeutet--nichts anderes. + +Aber auf dem Heimwege liess sie Nanna vorausgehen. Aus dem einfachen +Grunde, weil sie kaum einen Fuss vor den anderen setzen konnte,--so +stuermten die Gedanken auf sie ein. + +Wie konnte ein Mann sich tagtaeglich so beherrschen--einer so gewaltigen +Begierde gegenueber? Eine lange, lange Anhaeufung musste vorauf gegangen +sein; sonst haette er nicht einem so unerhoerten Ueberfall auf sich +selbst--und auf sie--unterliegen koennen! + +In diesen ganzen Jahren war er also von Begierde entflammt gewesen? +Seine Huldigungen, seine Ehrerbietigkeit, seine steten Bemuehungen um +sie--war das alles Rauch aus dem unterirdischen Krater? Der eines +schoenen Tages lohende Steine und gluehende Asche ausspeit! + +Also Joergen Thiis war gefaehrlich? Er wurde nicht kleiner dadurch; er +stieg! Der Zwang, den er sich auferlegt hatte--ihr zu Ehren, war +loeblich! Wenn die Versuchung eines Tages den rebellischen Kraeften das +Tor oeffnete--konnte sie ihm deswegen eigentlich boese sein? + +Den ganzen uebrigen Tag, ja noch als sie sich auszog, dachte sie darueber +nach. Am aendern Tage fasste sie den Entschluss, jetzt muesse es ein Ende +haben. Es wurde etwas in ihr aufgewuehlt, das sie schon einmal +zurueckgedaemmt hatte; das Tempo durfte nicht unterbrochen werden, in dem +sie sich ihr Leben einzurichten wuenschte. Deshalb nahm sie ihre Arbeit +energischer als je wieder auf, ja sie machte sich noch mehr zu schaffen. +Sie sah naemlich die Buecher ihres Vaters und die losen Aufzeichnungen +durch (deren es reichlich viele gab!), sie wollte Klarheit haben, wie +die Dinge im ganzen standen. Er hatte doch auch hier Vermoegen, und er +konnte unmoeglich alles verbraucht haben, was er aus Amerika bekommen +hatte. Aber sie fand das Gesuchte nicht. Den Vater durfte sie nicht +damit behelligen, und Frau Dawes wusste nicht Bescheid. + +Aber so eifrig sie bei der Sache war,--etwas vom gestrigen Tage schlich +sich hinein. Joergen hatte natuerlich baden wollen, nach dem Bade +heraufkommen und sie begruessen. Nach dem, was vorgefallen war, kam er +nicht. Kam er ueberhaupt wieder? Ohne besonders aufgefordert zu sein? Er +hatte sich ja einstweilen zur Genuege verrannt. Sie hoerte an den +folgenden Tagen in der Umgegend schiessen. Manche sagten auch, es werde +in groesserer Entfernung geschossen. Aber er kam am zweiten Tage nicht, +kam am dritten nicht und am vierten auch nicht. Ihr gefiel das. + +Weil ihre Gedanken so oft auf den Hoehen und im Walde waren, stieg sie +eines Tages kurz vor dem Mittagessen hinauf. In der letzten Haelfte des +August ist der Wetterumschlag im suedlichen Norwegen haeufig sehr krass. Es +war jetzt kalt; sie empfand es als eine Erfrischung, im Nordwind, der +sie umspielte, bergan zu steigen. Sie stieg etwas unterhalb der Haeuser +hinauf, da ging es leichter. Sie kletterte rasch, sie war daran gewoehnt +und sehnte sich, hoeher hinaufzukommen, im Winde zu stehen und ueber das +aufgeruehrte Meer hinzuschauen. Schon von der ersten Anhoehe aus genoss sie +den Blick auf die Halden, wo die Leute das Heu zum Trocknen +ausbreiteten, ueber die Bucht, die Inseln, das Meer, das heute ganz +schwarz war und viele Segler und etliche Dampfer trug. Doch ueber ihr +machten die Kraehen einen schauderhaften Laerm; da sass man sicher zu +Gericht. Sie sah eine und die andere durch die Luft schiessen und weiter +gegen Norden zwischen den Huegeln verschwinden. Der Spektakel wurde immer +schlimmer, je hoeher sie kam. Da beeilte sie sich; vielleicht konnte sie +den Verbrecher retten. Ganz aufgeregt war sie, so dass es ihr kalt ueber +den Ruecken lief. Sie meinte, wenn sie um den naechsten Vorsprung herum +sei, muesse sie sie sehen koennen. Statt dessen sah sie, als sie den Kopf +hinuebersteckte, ein gut Stueck von ihr etwas weiter noerdlich einen Mann +auf dem Bauch liegen, direkt ueber den Haeusern. Das war Joergen Thiis! +Zuerst duckte sie sich; aber dann stieg ein froehliches Rachegefuehl in +ihr auf, und in diesem Gefuehl eilte sie schnell entschlossen hinan. Er +gewahrte sie und sprang verwirrt und beschaemt in die Hoehe, riss die Muetze +herunter, setzte sie wieder auf und wusste nicht, wo er hinsehen oder +sich hinwenden sollte. Sie kam langsam naeher und weidete sich an ihm. +Schon von weitem rief sie: "Auf die Art also gehen Sie auf +Jagd?--Vielleicht wollen Sie unsere Huehner schiessen?" Als sie naeher kam: +"Sie haben keinen Hund bei sich? Ach nein, unsere Huehner koennen Sie ja +auch ohne Hund schiessen. Oder haben Sie etwa ueberhaupt keinen Hund?" + +"Doch,--aber heute bin ich nicht zum Jagen hergekommen. Ich habe genug." + +Diese einfachen, sanftmuetigen Worte, bei denen er sie nicht anzusehen +wagte, warfen ihre Gefuehle ueber den Haufen. Sie wollte ihn nicht quaelen. +Sie hatte genug von der Tyrannei des Onkels gehoert. + +Die Kraehen rasten schlimmer als bisher. "Hoeren Sie nur! Da wird Gericht +gehalten! Dass Sie dem armen Suender nicht zu Hilfe kommen!"--"Da haben +Sie wahrhaftig recht!" sagte er, froh, dass er loskam. Er bueckte sich +nach seinem Gewehr und lief davon. Sie hinterdrein. Erst eine kleine +Anhoehe hinan, dann den Weg entlang. Um zwei alte Baeume herum tobten die +grauen Richter; es waren ihrer Hunderte. Aber kaum erblickten sie einen +Mann mit einer Flinte, als sie kraechzend nach allen Seiten +auseinanderstoben. Ihre Aufgabe war beendet. + +Und richtig: zwischen den beiden grossen Baeumen lag zerzaust und blutig +eine ungewoehnlich grosse Kraehe in den letzten Zuckungen. Joergen wollte +sie aufheben. "Nein, fassen Sie sie nicht an!" rief Mary und wandte sich +ab. Sie ging gleich wieder bis an den Abhang. Sie hoerte ihn nicht +nachkommen und blieb stehen: "Sie kommen doch mit und essen bei uns?" Er +kam. Dann gingen sie schweigend bis an die Stelle, wo er gelegen hatte. +Er fragte hastig: "Wie geht es bei Ihnen zu Hause?"--Sie laechelte: "O +danke, den Umstanden nach recht gut." + +Aus dem Schornstein wirbelte der Rauch in die Hoehe. Vornehm wirken die +Dachziegel mit ihrer blauen Glasur auf den Hausern. Die grossen Gaerten zu +beiden Seiten mit den sandbestreuten Wegen lagen da, als haetten die +Hauser gestreifte Schwingen ausgebreitet. Das Ganze so lebensvoll, als +werde es sich im naechsten Augenblick in die Luefte heben. "Haben Sie +lange hier gelegen?" fragte sie unbarmherzig; sie hielt es ja fuer eine +Art Belagerung. Er antwortete nicht. Sie begann den Abstieg; hier war es +ziemlich abschussig. "Soll ich Ihnen helfen?"--"O danke, ich bin +haeufiger hier gegangen als Sie." + +Es wurde eine stille Mahlzeit. Joergen ass immer sehr langsam, aber nie so +langsam wie heute. Mary war mit jedem Gericht schnell fertig und sass und +sah ihn an. Sagte dies und das und bekam hoeflich Antwort. Seine Augen, +die sonst gleich Wogen ueber sie hinspuelten, die sie in sich aufsaugen +wollten ... heute hoben sie sich kaum vom Teller. Ploetzlich hoerte er +auf. "Ist Ihnen nicht wohl?"--"Doch, danke; aber ich bin satt."-- + +Wenige Minuten spaeter kam er aus Anders Krogs Zimmer heraus. Mary war +kurz vorher von Frau Dawes gekommen und hatte gerade ihr Zimmer +geoeffnet. Joergen Thiis sagte: "Ich finde, gnaediges Fraeulein, Ihrem Vater +geht es viel besser."--"Ja, er kann schon dies und das sagen und den Arm +etwas bewegen."--Joergen hoerte das augenscheinlich nicht. "Ist dies Ihr +Zimmer?--Ich habe es noch nie gesehen." Sie trat beiseite; er schaute +und schaute. "Wollen Sie nicht eintreten?"--"Darf ich?"--"Bitte sehr!" +Er ging bis an die Schwelle und ueberschritt sie langsam; Mary folgte +ihm. Er stand still und atmete schwer; sie war neben ihm. War denn das +Zimmer mit Spitzen ueberzogen? Er konnte sich gar nicht zurechtfinden. +Das Bett, die Moebel, weiss mit blau, oder blau mit weiss, die Amoretten an +der Decke, die Bilder, darunter eins von ihrer schoenen Mutter, mit +Blumen geschmueckt. Und der Duft ... nicht allein von den Blumen, nein, +von ihr selbst und all ihrer Habe. Sie stand in ihrem blauen Kleid,--es +war das mit den kurzen Aermeln,--neben ihm. In diesem reinen Duft, in +diesem Farbenzauber schaemte er sich. Er schaemte sich so, dass er am +liebsten aus dem Zimmer gestuerzt waere. Er konnte nicht Herr seiner +Stimmung werden; in seiner Brust begann es zu arbeiten und zu +schluchzen; ein Zittern ueberkam ihn. Ihm war, als muesse er in Traenen +ausbrechen. Da schimmerte es von zwei weissen Armen, und er hoerte etwas +Leises, das auch blau und weiss und weiss und blau war. Die Tuer wurde +hinter ihm geschlossen, wohl um ihn zu verbergen. Da schimmerten wieder +die weissen Arme und er hoerte deutlich: "Aber Joergen!--Aber Joergen!" Er +fuehlte eine Hand auf seinem Arm und setzte sich hin. Sie hatte wirklich +"Joergen" gesagt, zweimal "Joergen." Jetzt strich sie ihm das Haar aus +der Stirn. So weich, so bluetenzart. Es loeste sich etwas in ihm; alles +Wunde und Harte schmolz unter ihrer Hand und zerrann. In einem +unsaeglichen Gefuehl von Waerme. Die sich da ueber ihn beugte, war +eigentlich die erste, die ihm beistand, seit er kein Kind mehr war. Er +hatte sich so verlassen gefuehlt. Solches Vertrauen zu ihm lag in dem +Haendedruck. So unverdient. Das tat gut! Oh wie gut das tat! Ihm traeumte, +er sei auch gut, sei in der Gewalt guter Maechte. Das Weisse und Blaue +woelbe ein Zelt ueber ihm. Unter diesem Zelt naehmen diese grossen, guten +Augen seine Seele in sich auf. Er sagte als Entschuldigung ganz leise: +"Ich konnte es nicht laenger aushalten." Was er nicht laenger aushalten +konnte, verstand sie; sie prallte zurueck. + +"Mary", fluesterte er. Ohne es zu wollen, dachte er laut. Das erschreckte +ihn und erschreckte sie. Sie wich weiter zurueck von ihm, ihre Augen +wurden unklar; es versagte da etwas. Das sah er,--und ehe sie es ahnte, +ehe er selbst es wusste, war er bei ihr. Er umschlang sie und presste sie +an sich. Er wurde wild, als er ihren Koerper an seinem fuehlte, und kuesste +sie, kuesste sie, wo er gerade hintraf. Sie bog aus, bald nach der einer +Seite, bald nach der aendern. Da bedeckte er ihren Hals mit Kuessen. Sie +fuehlte, jetzt galt es. Einen Arm hatte sie nur frei; aber damit stiess +sie ihn von sich. Gleichzeitig bog sie sich so weit nach hinten, dass sie +fast gefallen waere. Dadurch kam er ueber sie, das zuendete, und er wollte +es sich zu Nutzen machen. Aber er musste seinen rechten Arm loesen, um sie +umschlingen zu koennen. Gerade dadurch bekam sie ihren linken Arm frei, +stemmte ihn mit aller Macht ihm gegen die Brust, dass sie sich nach der +Seite wenden konnte, und stand aufrecht. Ihre Augen trafen sich. Sie +waren wild, die Flammen in ihnen prallten gegeneinander. Keiner sprach +ein Wort. Ihre Atemzuege gingen kurz und scharf. + +"Mary!" ertoente ein Schrei draussen auf dem Gange. Das war Frau Dawes! +Frau Dawes, die das Bett nicht mehr verlassen konnte,--stand auf dem +Flur! "Mary!" noch einmal so verzweifelt, als sei sie einer Ohnmacht +nahe. Die beiden hinaus: Frau Dawes lehnte in ihrem Nachtgewand vor +ihrer offnen Tuer an der Wand. Sie war am Umsinken, als Joergen Thiis +herzugestuerzt kam und sie unter den Arm fasste. Die Treppe herauf kam ein +Maedchen nach dem andern, auch die kleine Nanna. Joergen stand und hielt +Frau Dawes, bis sie sie mit vereinten Kraeften aufhoben und hineintrugen. +Es war furchtbar schwer. Soviel sie hoben und schleppten, sie bekamen +sie knapp ueber die Schwelle ins Zimmer hinein. Dann langsam weiter; aber +jetzt kam noch das Allerschwerste: den Oberkoerper ins Bett hineinheben; +denn das wollte ihnen nicht gelingen. Immer wenn der Oberkoerper auf dem +Bettrand war, wollten die Beine nicht mit; dann glitt sie wieder +hinunter; sie selbst half nicht ein bisschen, sie stoehnte nur. Ehe Joergen +richtig zufassen konnte, lag sie in ihrer ganzen Groesse abermals am +Boden. Als sie den Oberkoerper wieder einmal hochgehoben hatten, aber +nicht weit genug, dass er durch seine eigene Schwere liegen geblieben +waere, waren sie ganz verzweifelt; sie wussten nicht, was sie machen +sollten. Das kleine Maedchen lachte laut auf und lief weg; Joergen sandte +ihr einen wuetenden Blick nach. Das war selbst fuer Mary zuviel. Vor drei +Minuten noch hatte sie wie eine Verzweifelte gekaempft,--und nun ueberkam +sie eine so unbegreifliche Lachlust, dass auch sie hinauslaufen musste. Da +stand sie mit dem Taschentuch vorm Munde und kruemmte sich vor Lachen, +als die Pflegerin aus dem Zimmer ihres Vaters herauskam; er wollte +wissen, was los sei. Mary ging hinein. Sie konnte es ihm vor Lachen kaum +auseinandersetzen, wie naemlich Frau Dawes dalag und was fuer +Anstrengungen Joergen und die Maedchen machten. Ihren Vater quaelte die +Frage, was Frau Dawes wohl auf dem Flur gewollt habe. Da verstummte +Marys Lachen. Ein Maedchen kam aus Frau Dawes' Zimmer und berichtete, +jetzt liege die gnaedige Frau im Bett. Sie moechte das gnaedige Fraeulein +sprechen. + +Im Zimmer stand Joergen am Fussende des Bettes; Frau Dawes lag und +stoehnte und weinte und rief nach Mary. Kaum liess Mary sich in der Tuer +blicken, da fing sie an: "Was war mit Dir, Kind? Mich ueberkam eine +schreckliche Angst,--was war los?" Mary ging zu ihr hin, ohne Joergen +anzusehen. Sie kniete neben ihrer alten Freundin hin und legte den Arm +um ihren Hals: "Ach, Tante Eva!" sagte sie und schmiegte den Kopf an +ihre Brust. Nach einer Weile fing sie zu weinen an.--"Was ist denn? Was +ist denn? Was macht Dich so ungluecklich?" jammerte Frau Dawes und strich +ihr immer und immer wieder mit der Hand ueber das herrliche Haar. +Schliesslich blickte Mary auf; Joergen Thiis war fort. Aber sie schwieg. +"Nie habe ich solch ein Gefuehl gehabt," fing Frau Dawes wieder an, "wenn +nicht etwas Entsetzliches bevorstand!" Mary schwieg. "War es etwas mit +Joergen Thiis?" Mary sah sie an.--"O Gott, das habe ich mir +gedacht!--Aber bedenke, Kind, er hat Dich geliebt, seit er Dich zum +erstenmal gesehen hat, und nie eine andere. Das ist schwer, siehst +Du.--Und kein einziges Mal hat er Dir gegenueber etwas wie eine Andeutung +gemacht,--oder doch?"--Mary schuettelte den Kopf. "Das ist viel. Das +zeugt von Charakter. Zu Diensten ist er Dir gewesen und verehrt hat er +Dich,--ja, sei nicht zu streng! Erst jetzt, da Du arm bist, wagter +----ja, was war denn eigentlich los?"--Mary zoegerte eine Weile; dann sagte +sie: "Erst war es, als werde ihm schlecht. Aber dann wurde er ploetzlich +toll."--"Ach, ich koennte Dir auch etwas erzaehlen ... Ja, ja, ja!" Sie +versank in Gedanken. Dann murmelte sie: "Wenn einer jahrelang so +herumgeht..."--"Wir wollen nicht darueber reden!" unterbrach Mary sie und +stand auf.--"Nein, das ist ..."--"Nichts mehr davon!" wiederholte Mary. +Sie trat ans Fenster. Da hoerte sie Frau Dawes hinter sich: "Er hat mit +mir gesprochen, musst Du wissen. Ob er jetzt seinen Antrag machen duerfe. +Er koenne sich nichts Schoeneres denken. Einspringen, wenn wir nicht +weiterkoennen. Aber er findet, Du bist zu unnahbar." Mary machte +unwillkuerlich eine Bewegung. Frau Dawes bemerkte es: "Sei jetzt nicht zu +streng, Mary! Weisst Du, Kind, Dein Vater und ich, wir finden beide ..." +--"Nicht, Tante!" Mary drehte sich rasch nach ihr um--nicht gerade +unwillig, aber doch so, dass das Gespraech nicht weitergehen konnte. + +Mary blieb in der Stube. Sie wollte nicht Gefahr laufen, mit Joergen +Thiis zusammenzutreffen. Als Mary Frau Dawes einmal eine Handreichung +leistete, sagte diese: "Du weisst, Kind, er beerbt Onkel Klaus?" Als Mary +nicht antwortete, wagte sie fortzufahren: "Joergen glaubt, Onkel Klaus +wird ihm helfen, wenn er sich verheiratet." Mary ging das zu einem Ohr +hinein, zum andern hinaus. + +Als die Bahn frei war, suchte Mary ihr eigenes Zimmer auf. Sie +durchdachte die ganze Szene noch einmal und gluehte vor Aufregung, aber +sie war verwundert, dass sie eigentlich nicht erzuernt war. Es war ja doch +ganz entsetzlich. + +Und gerade als sie dachte: "Was jetzt weiter?" klopfte es leise an die +Tuer. Sie wurde sehr boese, sie waere am liebsten aufgesprungen und haette +die Tuer verschlossen. Aber nach einer Weile sagte sie: "Herein!" Die Tuer +oeffnete sich und schloss sich, ohne dass sie aufsah; sie sass in ihrem +grossen Stuhl. Leise und demuetig kam er heran und liess sich aufs Knie +nieder, indem er das Gesicht in ihre Haende legte. Daran war nichts +Abstossendes. Er war tief bewegt. Sie blickte hinunter auf seinen +huebschen Kopf mit dem weichen Haar. Sie verweilte bei seinen langen +Kuenstlerfingern. Etwas Feines wirkte an ihm versoehnend. Aber diese +Sentimentalitaet! "Soll ich abreisen?" war das einzige, was er sagte. Sie +zoegerte eine Weile, dann sagte sie: "Ja." Ganz leise. Er liess die Arme +sinken, griff nach ihrer rechten Hand und drueckte seine Lippen darauf, +lange, aber ehrerbietig. Stand auf und ging. + +Bei dem Kuss, so ehrerbietig er war, durchrieselte ihren Koerper ein +aufregendes Gefuehl. Wie sie es vorhin gehabt hatte, als er sie kuesste +und kuesste, dass sie einer Ohnmacht nahe war. Sie blieb verwundert sitzen. +Noch lange, nachdem er fort war. Sie dachte wieder ihren Kampf bis ins +kleinste durch und zitterte. "Warum bin ich nicht boese auf ihn?" + +Da klopfte es wieder. Das Maedchen der Frau Dawes fragte an, ob sie nicht +herueberkommen wolle. "Du hast ihn abreisen lassen, Kind?" Frau Dawes war +mehr als betruebt. Vor Eifer richtete sie sich auf und stuetzte sich auf +den einen Arm. Ihre Muetze sass schief auf dem kurzen grauen Haar, der +fette Hals war roeter als gewoehnlich, als sei es ihr zu warm. "Warum hast +Du ihn abreisen lassen?" wiederholte sie. "Er wollte doch."--"Wie kannst +Du das sagen, Kind? Er war doch bei mir und jammerte. Er wollte fuer sein +Leben gern hier bleiben! Du hast keinen Begriff davon. Du hast ihn ja +immer bloss zurueckgestossen. Und gefoltert." Sie legte sich ganz +verzweifelt wieder zurueck. Das Wort "gefoltert" machte fluechtig einen +komischen Eindruck; aber Mary hatte selbst die Empfindung, sie haette mit +ihm sprechen sollen, ehe sie ihn gehen liess. Denn gehen musste er. + +Es kamen recht schwere Tage. Anders Krogs Befinden verschlechterte sich +bei einem Witterungsumschlag. Dazu kamen Verdauungsbeschwerden. Es fiel +ihm schwerer, sich verstaendlich zu machen. Mary war viel bei ihm; dann +folgte er ihr mit den Augen, dass es ihr fast Angst machte. + +Frau Dawes schickte ihm kleine Zettel. Von ihrer Schreiberei liess sie +sogar im Bett nicht. Immer wenn solch ein Zettel kam, blickte er Mary +lange an. Da erriet sie, wovon die Zettel handelten. + +Eines Tages sagte Frau Dawes zu ihr: "Du ueberschaetzt Dich, wenn Du +meinst, Du kannst hier allein mit uns leben."--"Wie meinst Du +das?"--"Dass Du im Fruehling des gesellschaftlichen Lebens noch so muede +sein magst,--wenn der Herbst kommt, lockt es doch. Du bist zu sehr daran +gewoehnt."-- + +Mary antwortete diesmal nicht; aber einige Tage spaeter--es war lange +nasskaltes Wetter gewesen, und sie hatte nicht draussen sein koennen--sagte +sie zu Frau Dawes: "Du kannst recht haben, das Leben, das wir all diese +Jahre hindurch gefuehrt haben, hat tiefe Wurzeln in mir geschlagen."--"O +ja, tiefere als Du selbst ahnst, mein Kind!"--"Aber was soll ich denn +tun? Von hier fort kann ich doch nicht? Ich will es auch +nicht."--"Nein.--Aber Du koenntest Dir etwas Abwechslung verschaffen." +--"Wie denn?"--"Du verstehst mich recht gut, Kind! Wenn Du +verheiratet waerst, wuerde er zeitweise hier mit Dir leben und Du +zeitweise mit ihm da, wo er hin muss."--"Eine wunderliche Ehe!"--"Ich +glaube nicht, dass Du ihm sonst naeherkommen kannst."--"Wem +naeherkommen?"--"Dem, was das Leben von Dir verlangt. Und dem, woran Du +gewoehnt bist." + +Mary fuehlte, das, was Frau Dawes da sagte, sei auch des Vaters Wunsch. +Dass es ihr Schicksal sei, was ihm die groesste Sorge mache. Dass ihm eine +Ehe mit Joergen unter Onkel Klaus' Obhut eine grosse Beruhigung sei. Es +lag wie ein Druck auf ihr, dass sie bis auf diesen Tag wenig Ruecksicht +auf die Wuensche des Vaters genommen hatte. + +Diese ganze Zeit, all diese Erwaegungen erschienen ihr wie das Rezitativ +einer Oper, das zwei Handlungen miteinander verbindet. + +Wenn sie jetzt, wo es herbstete, ueber die Bucht hinschaute, fuehlte sie +sich wie eine Gefangene. Stand sie oben auf der Hoehe und sah mit den +schaumspruehenden Wogen den rauhen Herbst daherkommen, dann hatte sie das +Gefuehl, er wolle sie fuer den Winter einkerkern. Dann brauste es in ihr +auf; sie war an anderes gewoehnt. + +Auch in ihrem Blut brauste es. Sie hatte ihre Ruhe verloren. In der +Erinnerung erschien ihr Joergen nicht abstossend. Die Atmosphaere, die ihn +umgab, schien ihr sogar sympathisch. + +Dass ein Schlaganfall den Vater aufs Krankenlager geworfen hatte, und +dass Joergen gerade anwesend war, und dass er dem Vater willkommen +war,--knuepfte das kein Band? War das nicht wie Schicksal? + +An Joergens Seite in Stockholm[1] aufzutreten und spaeter weiter in die +Welt gesandt zu werden,--einen naturgemaesseren Abschluss ihres +Wanderlebens, eine vielseitigere Verwendung dessen, was sie dabei +gelernt hatte, konnte man sich schwer vorstellen. + +Onkel Klaus musste helfen. Gruendlich helfen. Sie war sich ihrer Macht +ueber Onkel Klaus bewusst.-- + +"Kurz und gut, liebe Tante Eva," sagte sie eines Tages, als sie neben +ihr am Bett sass und mit ihr plauderte: "Du kannst an Joergen schreiben." + +[Footnote 1: Schweden und Norwegen hatten damals ein gemeinsames +Ministerium des Auswaertigen.] + + * * * * * + +Mary stand selbst auf der Bruecke, als das Boot anlegte. Es war am +Sonnabend nachmittag, und wer irgend konnte, floh aus der Stadt, um die +letzten Herbsttage im Freien zu geniessen. Es war ein schoener Tag. Im +suedlichen Norwegen hat man solche Tage oft bis tief in den September +hinein. Mary war in Blau und hatte einen blauen Sonnenschirm, mit dem +sie Joergen und ein paar Freundinnen winkte, die neben ihm standen. Alle +Leute an Bord kamen nach der Landungsseite herueber, um zuzusehen. + +Sowie Joergen neben ihr stand, fuehlte er, dass er vorsichtig sein muesse. +Er erriet, dass sie ihn nur deshalb hier unten in Empfang nahm, damit ihr +Zusammentreffen nicht intim ausfallen koenne. + +Auf dem Wege nach oben sprachen sie ueber die Schwalben, die sich jetzt +zum Aufbruch ruesteten, ueber den Verwalter, der kuerzlich einen maechtigen +Adler geschossen hatte, ueber das Schreibbrett, das fuer Frau Dawes +konstruiert worden war, ueber die gute Grummeternte, ueber die Obst-und +die Futterpreise.--Drinnen im Flur lief sie ihm mit einem kurzen +"Verzeihung!" weg. Sie flog die Treppe hinauf. Der Bursche, der Joergens +Koffer brachte, trat hinter ihnen in die Tuer; Joergen und er standen da +und wussten nicht wohin. Da hoerten sie Marys Stimme von oben: "Bitte +hierher!" Sie gingen hinauf. Sie oeffnete das Fremdenzimmer, das neben +ihrem eigenen lag, und liess den Burschen den Koffer dahinein setzen. Zu +Joergen sagte sie: "Wollen wir nicht jetzt zu Vater hineingehen?"--Sie +ging voran. Die Pflegerin war nicht da. Vermutlich um die +fortzuschicken, war sie vorhin nach oben gelaufen. + +In den Augen des Kranken leuchtete es auf, als er hinter ihr in der +offenen Tuer Joergen bemerkte. Kaum war die Tuer geschlossen, als Mary auf +ihren Vater zuging, sich ueber ihn beugte und sagte: "Joergen und ich +haben uns verlobt, Vater." + +Alle Guete und alles Glueck, das sich in einem Angesicht vereinen kann, +strahlte aus den Mienen des Vaters. Laechelnd wandte sie sich zu Joergen, +der blass und verwirrt dastand und nahe daran war, auf Mary zuzustuerzen +und sie zu umarmen. Aber er fuehlte, sie wollte wohl seine Ueberraschung, +seine Dankbarkeit und seine Anbetung, aber keine Zeremonien. Das tat +seinem Glueck keinen Abbruch. Er begegnete ihren laechelnden Augen mit der +vollsten, innigsten Freude. Er drueckte die Hand, die Anders Krog ihm +geben konnte, er blickte ihm in die traenennassen Augen und seine eigenen +fuellten sich mit Traenen. Aber gesprochen wurde kein Wort, bis Mary +sagte: "Jetzt gehen wir zu Tante Eva!" + +In einem Gefuehl des Sieges ging sie voran. Bewundernd folgte er ihr. +Sein Herz war voll, nicht zum wenigsten von Begeisterung ueber den +Grossmut, mit der sie ihm verziehen hatte. Er dachte: draussen auf dem +Flur wird sie sich umdrehen, und dann ... Aber sie ging direkt auf Frau +Dawes' Tuer zu und klopfte an. + +Als Frau Dawes Joergen gewahrte, schlug sie die fetten Haende zusammen, +zerrte an ihrer Muetze und wollte sich aufrichten,--aber es gelang ihr +vor lauter Ruehrung nicht. Sie sank wieder zurueck, weinte glueckselig vor +sich hin und streckte die Arme aus; Joergen warf sich hinein, aber zum +Kusse kam es nicht. + +Sobald ein vernuenftiges Wort gesprochen werden konnte, sagte Mary: +"Findest Du nicht auch, Tante Eva, morgen muessen wir beide zu Onkel +Klaus?"--"Das einzig Richtige, Kind! Das einzig Richtige. Worauf braucht +Ihr zu warten?"--Joergen strahlte. Mary zog sich zurueck, damit die beiden +in aller Vertraulichkeit miteinander sprechen koennten. + +Als sie wieder zusammenkamen, merkte er, dass die Parole hiess: "Ansehen, +aber nicht anfassen!" Das fiel ihm schwer; aber er gab zu, dass einer, +der so vermessen gewesen war, im Zaum gehalten werden musste. Sie wollte +selbst ueber sich verfuegen. + +In ihrem Triumphgefuehl war sie schoener als je. Es erschien ihm wie eine +Gnade, dass sie "Du" zu ihm sagte. Das war auch alles, wozu sie sich +herabliess. Er wartete und wartete; aber sie gab nicht mehr. Den ganzen +Tag nicht. Da nahm er seine Zuflucht zum Klavier und jammerte ganz +fuerchterlich darauf: Mary machte die Tueren auf, damit Frau Dawes etwas +hoeren koenne. "Der arme Junge!" sagte Frau Dawes. + +Am aendern Tage kam sie erst kurz vor der Abfahrt des Dampfers nach +unten, mit dem sie zu Onkel Klaus wollten. "Heute bist Du richtig la +grande dame",--Joergen musterte sie bewundernd; sie stand in ihrer +elegantesten Pariser Besuchstoilette vor ihm. "Du willst Onkel Klaus +wohl imponieren?"--"Das auch. Aber es ist doch heute Sonntag.--Sag' +mal," sie wurde ploetzlich ernst, "weiss Onkel Klaus von Vaters +Unglueck?"--"Von seiner Krankheit?"--"Nein, von der Ursache der +Krankheit?"--"Das weiss ich nicht. Ich komme von Hause.--Ich habe nichts +gesagt. Nicht mal zu Hause."--Das gefiel ihr. Deshalb wurde auch der +Gang zum Dampfer hinunter und nachher die Fahrt gemuetlich und froehlich. +Sie sprachen leise von der Hochzeit, von dem Urlaub fuer den ersten Monat +nachher, von dem Leben in Stockholm, von ihrer Reise dahin, von seinem +Weihnachtsbesuch zu Hause, von einem kleinen Abstecher nach Kristiania +jetzt gleich--kurz, an ihrem Himmel waren keine Wolken. + +Onkel Klaus trafen sie in seiner Rauchhoehle, wo sie ihn mehr ahnten, als +dass sie ihn sahen. Er war selber ganz erschrocken, als Mary in ihrer +ganzen Herrlichkeit vor ihm stand. Er eilte ihnen in den grossen steifen +Salon voran. Noch ehe sie sassen, sagte Joergen: "Ja, Onkel, heute kommen +wir, um Dir zu erzaehlen--" er kam nicht weiter; denn Onkel Klaus sah an +ihren Gesichtern, was fuer eine strahlende Neuigkeit sie brachten. "Ich +gratuliere, ich gratuliere!" Der grosse Mann streckte jedem eine Hand +hin: "Ja, das sagen alle," triumphierte er, "Ihr beide seid das +schmuckste Paar, das je in der Stadt war. Denn", fuegte er hinzu, "wir +andern haben Euch ja lange verlobt!" Kaum hatten sie sich gesetzt, als +sich sein Gesicht verfinsterte. Er sah Mary mitleidig an: "Dein Vater, +armes Kind!"--"Vater geht es jetzt besser", antwortete sie +ausweichend.--Onkel Klaus blickte sie forschend an: "Er kann ja wohl +nicht mehr ..." er hielt inne, er konnte es wirklich nicht ueber sich +gewinnen, das auszusprechen, auch Mary nicht. Sie sassen also eine Weile +schweigend da. + +Als das Gespraech wieder in Fluss kam, redeten sie ueber die ungewoehnlich +schlechten Zeiten. Es mache den Eindruck, als wollten die kein Ende +nehmen. Die Aktien haetten keinen Wert, die Schiffahrt liege darnieder, +keine neuen Unternehmungen, das Geld arbeite nicht. Waehrend sie hierueber +sprachen, blickte Onkel Klaus Joergen mehrmals an, als wolle er nach +etwas fragen, wenn er erst fort sei: Sie bemerkte es und gab Joergen +einen Wink, er stand auf und entschuldigte sich: er habe sich mit +einigen Kameraden in der Stadt verabredet. Es war zwischen Mary und ihm +ausgemacht, dass sie allein mit Onkel Klaus reden solle. Aber was mochte +Onkel Klaus mit ihr zu besprechen haben? Sie war gespannt. + +Joergen war kaum aus der Tuer, da sagte Onkel Klaus mit bekuemmerter +Miene: "Armes Kind, ist es wahr, dass Dein Vater in Amerika grosse +Verluste gehabt hat?"--"Er hat alles verloren", antwortete sie. Blass und +entsetzt fuhr der grosse Mann in die Hoehe: "Er hat alles verloren?"--Er +starrte sie mit weit offnem Mund an, wurde dunkelrot und rief: "Ja, +Gottsdonnerwetter, da kann ich verstehen, dass man den Schlag +bekommt."--Er begann im Zimmer auf und ab zu rennen, als sei ausser ihm +niemand da. Die weiten Hosen schlotterten ihm um die Beine, mit den +langen Armen fuchtelte er in der Luft herum. "Er ist doch schon immer so +ein leichtglaeubiger Tropf gewesen! Ein richtiger Dussel! Wenn man sich +vorstellt, einer hat ein so grosses Vermoegen im Geschaeft eines aendern +stecken, und er kuemmert sich dann nicht weiter drum! Das ist doch eine +verdammte--" er hielt jaeh inne und fragte in hoechstem Erstaunen: "Auf +was wollt Ihr denn heiraten--?" + +Mary war tief verletzt, noch ehe diese Frage kam. In ihrer Gegenwart +sich so zu benehmen, vor ihren Ohren so etwas von ihrem Vater zu sagen! +Trotzdem antwortete sie mit ihrem reizendsten Laecheln und voll +Schelmerei: "Auf Dich, Onkel Klaus!" + +Seine Verblueffung war nicht zu beschreiben. Sie versuchte sie zu +daempfen, ehe sie zum Ausbruch kam, sie bedauerte ihn scherzend--und zwar +auf englisch--was fuer ein armer Mann er sei. Aber das prallte ab wie +Vogelgezwitscher an einem Baeren. "Das sieht dem Joergen, diesem Satan, +aehnlich," brach er schliesslich hervor, "gleich auf mich zu +spekulieren!"--Er rannte wieder durch die Stube, schneller als bisher: +"Haha! das konnte ich mir ja denken! Wenn was in die Quere kommt, muss +ich herhalten! In diesen Zeiten, wo ich kaum mein Essen verdiene! Solche +Unverschaemtheit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!" +Er sah sie nicht, er sah ueberhaupt nichts. Dieser reiche Mensch hatte +seinen Launen, seiner Wut, seiner Unverschaemtheit immer freien Lauf +gelassen. "Schockschwerenot, Joergen verdiente, dass ich ihm auch das +entzoege, was er jetzt bekommt. Immer will er mehr haben! Und nun sollte +ich--ha, ha! Ja, das ist ein Prachtbengel!"-- + +Mary sass totenblass da. Sie war nie bisher gedemuetigt worden; nie bisher +hatte ein Mensch sie anders als eine Bevorzugte behandelt. + +Aber den Kopf verlor sie nicht. "Ich fuehre jetzt Vaters Buecher," sagte +sie kuehl; "daraus habe ich ersehen, dass auch Ihr Geschaefte zusammen +gemacht habt."--"Oh ja," sagte er, ohne stehen zu bleiben und ohne sie +anzusehen: "Oh ja--mit ein paar Hunderttausend. Aber wenn Du die Buecher +fuehrst, weisst Du wohl auch, dass sie in diesen Zeiten fast nichts +einbringen."--"Das ist nun wohl uebertrieben", antwortete sie. "Ja, was +willst Du mit den Papieren?" fragte er und blieb stehen. Aus einer +ploetzlichen Eingebung heraus rief er: "Hat Joergen Dich beauftragt, sie +zu verkaufen?"--"Joergen hat mich zu nichts beauftragt", sagte sie und +stand auf. + +Wie sie blass und gross und stattlich vor ihm stand und ihn mutig ansah, +war er der Unterlegene. Er starrte sie nur an. Sie sagte: "Ich bedaure, +dass ich nicht eher gewusst habe; was fuer ein Mensch Du bist." Alle +Ueberlegenheit fiel von ihm ab,--er stand dumm und schwerfaellig da. Er +war nicht imstande zu antworten, ja nicht einmal sich zu ruehren. Er liess +sie gehen. Und das wollte er gerade am wenigsten. + +Durch das Fenster sah er ihr nach, sah sie nach dem Markt hinuntergehen. +Wie schoen und stolz sie war, wie ein Bild. + +Als Joergen bald darauf kam, um Mary abzuholen oder vielmehr mit ihr +zusammen zu Tisch dazubleiben,--denn er war ueberzeugt, sie wuerden zum +Essen eingeladen werden--bekam er nicht allein dieselbe Lektion, die sie +bekommen hatte, sondern eine viel saftigere, weil Onkel Klaus jetzt +ausserordentlich unzufrieden mit sich selbst war. Dafuer musste Joergen +buessen. "Warum, zum Donnerwetter, bist Du nicht selbst gekommen? Du +warst wohl zu feig dazu?--Und dann hast Du sie veranlassen wollen, +Aktien zu verkaufen, die jetzt gar keinen Wert haben! Ein verflucht +leichtsinniger Kerl bist Du doch immer gewesen."--Onkel Klaus hatte +unrecht; aber Joergen kannte ihn, er wusste, dass man ihm jetzt nicht +widersprechen durfte. Er machte sich auf allen vieren davon und kam zu +Mary, erbarmungswuerdiger als damals, wo sie ihn oben auf dem Huegel +getroffen hatte, wie er in das verlorene Paradies hinunterschaute. Sie +selbst hatte geweint vor Aerger und Enttaeuschung; aber sie hatte +Sprungfedern in sich; jetzt kam der Umschlag. Ihr Sturz aus ihrer +Siegesstimmung herab, die sie noch vor einer halben Stunde gehabt hatte, +war so jaeh, dass die ganze Geschichte, wenn man Joergens jaemmerlichen +Zustand dazunahm, laecherlich wurde. Sie lachte so ausgelassen, so +koestlich befreit, dass sogar Joergen geheilt wurde. Nach Verlauf einer +Viertelstunde gingen die beiden jungen Menschen ueber die Strasse, um sich +ein leckeres Mittagessen mit Champagner zu bestellen. Waehrend das +hergerichtet wuerde, wollten sie einen Spaziergang machen. Aber kaum +standen sie draussen in der koestlich frischen Luft, da musste Joergen +wieder hinauf und nach Krogskog telephonieren, sie wuerden heimkommen und +dort zu Mittag essen. Es wuerde ungefaehr zwei Stunden dauern auf der +neuen Landstrasse; das sollte ein herrlicher Spaziergang werden! + +Sie schritten tuechtig aus; der klare Herbsttag mit seiner frischen Brise +war kuehl,--so rechtes Wetter zum Wandern. + +Der Weg an der See entlang durchschnitt die Landzungen; sie freuten sich +ueber den steten Wechsel von Strand und Bergeshoehe, von Bergeshoehe und +Strand. Das Meer tiefblau, bis weit hinten voller Segel und Rauchsaeulen. +Heut war Sonntag, daher waren auch viele Lustjachten draussen; sie +krochen durch die Meerengen und wagten sich auf die offene See hinaus. + +Bei ihrem schnellen Tempo waren die beiden bald aus der eigentlichen +Stadt heraus. Da lag ein huebsches kleines Haus in einem Garten. "Wem +gehoert das?" fragte Mary. Es sah so einladend aus. "Fraeulein Roey, der +Aerztin", antwortete Joergen eifrig. "Ich habe ueber all dem Aerger und der +Enttaeuschung doch vergessen, Dir zu erzaehlen, dass ich Franz Roey in der +Stadt getroffen habe!" Ohne es zu wissen, blieb Mary stehen. Ohne es zu +wollen, wurde sie rot. "Franz Roey?" fragte sie und blickte starr vor +sich hin. Dann ging sie weiter, noch bevor sie eine Antwort bekommen +hatte. "Er soll hier die Hafenarbeiten leiten. Du weisst, Irgens ist +tot."--"Der Ingenieur? Der ist tot?"--"Und jetzt heisst es, Hauptmann Roey +wird das uebernehmen."--"Ist das eine Arbeit fuer einen Mann wie +ihn?"--"So fragt gewiss mancher.--Alle fragen, was er hier will?" lachte +Joergen. Mary sah ihn an und er Mary. Dann ging er naeher an sie heran: +"Aber jetzt kommt er zu spaet." Er hatte als Antwort einen +verstaendnisvollen Blick erwartet, in dem vielleicht ein bisschen Glueck +lag. Aber sie ging weiter, ohne ihn anzusehen, auch ohne etwas zu sagen. + +Da trat eine lange Pause ein. Sie gingen schnell. Der Herbstwind wehte +erfrischend. Da wandte sie sich zu ihm, um ihm eine Freude zu machen. +"Weisst Du, Joergen, dass Vater bei Onkel Klaus zweihunderttausend Kronen +stehen hat?"--"Zweihundertfuenfzigtausend", antwortete Joergen. Sie war +sehr erstaunt,--einmal darueber, dass Joergen Bescheid wusste, dann ueber die +fuenfzigtausend Kronen. "Onkel Klaus sprach von zweihunderttausend." +--"Ja, die Dein Vater in seine Unternehmungen und in das +Schiff hineingesteckt hat. Aber kurz bevor Dein Vater krank wurde, +hat er Onkel fuenfzigtausend Kronen geschickt, die frei geworden +waren."--"Woher weisst Du das?"--"Onkel hat es mir gesagt."--"Ich habe +nichts darueber gefunden."--"Nein, Dein Vater hat sich mit dem Verbuchen +wohl nicht beeilt; das war seine Art so. Ausserdem--," hier stockte +Joergen, "kennst Du alle Geschaefte Deines Vaters?" Sie wollte darauf +nicht eingehen; die Frage kam ihr nicht unerwartet. Aber wie konnte +Joergen--? Vielleicht durch Frau Dawes. Jedenfalls freute sie sich. Sie +war stehen geblieben, sie wollte etwas sagen. Aber der Wind hob ihr die +Roecke hoch, loeste ihr eine Haarstraehne und riss ihr den Schal ab. +"Herrgott, wie entzueckend Du aussiehst!" rief er.--"Aber dann steht ja +nichts im Wege, Joergen?"--"Wir koennen heiraten, meinst Du?"--"Ja", und +damit ging's weiter.--"Nein, Liebste, jetzt bringen die Aktien nahezu +nichts ein."--"Ja, was tut das? Wir muessen drauflosgehen, Joergen!" Sie +strahlte vor Gesundheit und Mut. "Ohne Onkels Zustimmung?" fragte er +verzagt.--Sie stand wieder still: "Wuerde er Dich enterben?"--Ohne direkt +zu antworten, sagte er schwermuetig: "Wenn Du wuesstest, Mary, was ich mit +Onkel ausgestanden habe. Vom ersten Tag an, da er mich zu sich nahm. Wie +er mich geplagt hat. Wie er mir aufgepasst hat. Bis auf diesen Tag bin +ich wie ein ungezogener Schuljunge von ihm behandelt worden. Seine +schlechte Laune hat er stets an mir ausgelassen." Auf seinem Gesicht +zeigte sich eine solche Mischung von Verbitterung und Unglueck, dass Mary +unwillkuerlich rief: "Armer Joergen,--jetzt fange ich an zu verstehen!" +Sie gingen weiter. Sie dachte daran, dass seine Faehigkeit, sich zu +beherrschen in einer harten Schule erworben sei; da hatte er auch +gelernt, sich zu verstellen. Seine Zaehigkeit musste sie bewundern; was +hatte er nicht alles durchgesetzt! Und allein seine Musik! Die war wohl +sein Trost gewesen. Jetzt verstand sie seine ungewoehnliche Hoeflichkeit. +Jetzt verstand sie seine Sentimentalitaet. Sie verstand, wodurch er so +streng und pedantisch geworden war und so hart gegen seine Untergebenen. + +Sie sah ein, dass auch sie vielleicht schuld gewesen, wenn es ihm +schlecht gegangen war. Seine lange, schweigende Liebe zu ihr hatte ihm +nur eine Last mehr aufgebuerdet; denn sie hatte ihm kein aufmunterndes +Wort gegoennt; im Gegenteil! Was Wunder, dass er schliesslich wie verhext +war? "Armer Joergen", sagte sie noch einmal und fasste seine Hand. Das +erste Liebeszeichen, das sie ihm je gewaehrt hatte. Sie musste es gleich +wieder zuruecknehmen, weil sie die Roecke festhalten musste, denn um die +Landzunge pfiff ein scharfer Wind, und ein Segelboot schnitt gerade +unter ihnen durch das Wasser. Vom Boote aus wurde heraufgewinkt, und sie +winkten hinunter. Welch ein herrlicher Tag, wie schimmernd blau der +Fjord mit den roten Wimpeln ueberall. + +Als sie zur Bucht hinunterkamen, fragte sie: "Glaubst Du wirklich, er +wuerde Dich enterben, wenn wir uns verheiraten?"--"Wir haben nichts, +woraufhin wir heiraten koennen, Du Liebe!"--"Wir koennen doch diese +Papiere verkaufen", sagte sie mutig. "Ja, wenn wir so vorgehen, um uns +heiraten zu koennen, dass wir sie jetzt verkaufen, wo sie so niedrig +stehen, ja, dann enterbt er mich sicher."--Aber sie wollte die Hoffnung +nicht aufgeben: "Und unser Wald?"--"Der muss erst jahrelang stehen."-- + +Wie gut Joergen Bescheid wusste! Wie genau er alles ueberlegt hatte! + +Sie kamen auf die Strandstrasse, die auf die letzte Landzunge bei +Krogskog zufuehrte. Da stand ein alter wunderlicher Finnenhund. Mary war +gut Freund mit ihm. Er klaeffte ja immer ein bisschen, wenn jemand in +seine Naehe kam; vielleicht konnte er nicht gut sehen; aber er wedelte +gleich mit dem Schwanz, wenn er einen Bekannten witterte. Heute war er +wie toll. + +"Herrjeh," rief Mary, "ist er etwa auf Dich so wuetend?" Joergen +antwortete nicht, sondern bueckte sich nach einem kleinen Stein. Als der +Hund das sah, rannte er, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, hinter +einen Reisighaufen am Wege. Von dort setzte er dann das Konzert fort. +"Lass ihn doch!" sagte Mary, als sie sah, dass Joergen die Schusslinie +berechnete. "Es waere doch spassig, wenn er sich genau auf die Stelle +zurueckzoege, auf die ich ziele," sagte er, "dann bekommt er den Stein +naemlich gerade auf den Ruecken." Dabei tat er, als werfe er; der Hund +setzte davon,--da warf er erst, und der Hund bekam den Stein genau auf +den Ruecken. Er heulte auf. "Siehst Du!" sagte Joergen triumphierend. "Es +gibt nicht viele, die so sicher treffen, kann ich Dir sagen."--"Kannst +Du ebenso gut schiessen?"--"Ob ich es kann! Wirklich, Mary, alles, womit +ich mich befasse--viel ist es ja nicht,--das tue ich gruendlich." Das +musste sie zugeben. Das rasende Gebell des Hundes in der Ferne bestaetigte +es auch. + +Auf dem Richtsteig zum Hause hinauf sagte er: "Meinst Du, wir sagen Frau +Dawes oder Deinem Vater etwas?"--"Von Onkel Klaus?"--"Ja. Es wuerde sie +nur betrueben. Koennen wir nicht sagen, er habe gemeint, wir sollten bis +zum Fruehjahr warten?"--Sie blieb stehen. Sie war nicht fuer so etwas. +Aber Joergen blieb dabei. "Ich kenne Onkel Klaus besser als Du. Ihm wird +es bald leid. Freilich wird er nicht nachgeben, aber er wird selbst mit +einem anderen Vorschlag kommen, ungefaehr mit so etwas, wie ich jetzt +meine:--er moechte, wir warteten bis zum Fruehjahr." + +Mary war sich laengst darueber klar, wie gut Joergen unterrichtet sei; sie +musste deshalb auch zugeben, dass er so etwas besser verstand als sie. +Aber an Schleichwege war sie nicht gewoehnt. "Lass mich nur machen," sagte +er, "dann erspare ich den alten Leuten eine Enttaeuschung." + +"Aber was soll ich denn sagen?" fragte Mary.--"Die Wahrheit, dass Onkel +sich sehr ueber unsere Verlobung gefreut hat, und dass die Zeiten jetzt so +schlecht seien, dass wir warten muessten. Das verhaelt sich doch tatsaechlich +so." + +Damit war Mary einverstanden. Besonders weil es sie freute, dass Joergen +auf die Schonung der beiden Alten bedacht war. Er bekam dafuer einen +aufrichtigen Dank--und wieder ihre Hand. Die behielt er in seiner bis an +die Treppe, ja noch die Treppe hinauf. Er dachte, das ist ein Pfand fuer +einen Kuss im Vorzimmer. Aber dann nehme ich mir zehn! + +Er machte die Tuer auf und liess Mary vorangehen. "Schoenen Dank fuer den +Spaziergang, Joergen", sagte sie, indem sie an ihm vorbeiging und ihm +froehlich zunickte,--lief zur Treppe und nach oben. Er hoerte sie in ihr +Zimmer gehen.-- + +Wie schonend Joergen auch seine Worte waehlte, als er von dem Resultat +berichtete,--es war eine schwere Enttaeuschung fuer die alten Leute. +Sowohl Krog wie vor allem Frau Dawes fanden es unerklaerlich; die +letztere sogar grausam. So sollte Mary den langen Winter ueber hier +allein bleiben und Joergen in Stockholm. Sie konnten sich vielleicht zu +Weihnachten ein paar Tage sehen, aber sonst nicht. Seltsamerweise uebte +die Enttaeuschung der beiden Alten einen Rueckschlag auf Joergen aus. Er +sass wie ein fluegellahmer Vogel da. Er sprach nicht, er antwortete Frau +Dawes kaum, er spielte auch nicht; aber er bereitete seine Abreise fuer +den naechsten Morgen vor. Er wollte direkt nach Stockholm; seine Zeit war +um. + +Nur Mary war guter Dinge. Es war, als gehe sie die ganze Geschichte +nichts an. Ihr hatte der Tag nichts Schlimmes gebracht; so schien es. +Das Triumphgefuehl, das in ihr war, seit sie vor ihrem Vater die +Verlobung zu proklamieren geruht hatte, war nicht allein ungeschwaecht, +es war staerker als je. Sie ging ueber die Flure und durch die Stuben und +summte vor sich hin; sie hatte tausenderlei zu tun, als sei sie es, die +eine lange, wichtige Reise vorhatte. Beim Abendessen trieb sie soviel +Unsinn, dass Joergen das unsichere Gefuehl hatte, sie mache sich ueber ihn +lustig. Er sagte ihr schliesslich gerade heraus, er verstehe sie nicht. +Ihm scheine, sie solle ihn lieber bedauern. Sie bleibe doch wenigstens +hier in ihrem entzueckenden Heim und in ihrer schoenen Sorge fuer ihre +beiden Lieben; er aber--? Jetzt habe er einen Hass auf das, was vor ihm +liege, weil es ihn von ihr fernhalte. Es tue ihm leid, dass er sich vom +Dienst habe beurlauben lassen. Er verabscheue Stockholm. Er wisse, wie +zurueckgesetzt ein junger Mann dort sei, der nicht zur hoeheren "societe" +gehoere und obendrein Norweger sei. Er war ungluecklich und machte seinem +Kummer Luft. + +"Du hast doch bei Deiner Konfirmation so gut Bescheid gewusst, Joergen, +hast Du vergessen, dass Jakob volle sieben Jahre um Rahel dienen +musste?"--"Habe ich etwa nicht lange genug um Dich gedient, Mary?"--"Weil +Du gar so frueh damit anfingst, sind es so viele Jahre geworden. Es ist +eine schlechte Angewohnheit von Dir--zu frueh anzufangen!"--"War es denn +moeglich, Dich zu sehen, ohne ...? Du tust Dir selbst unrecht."--"Du +hattest doch andere Ziele, Joergen, als mich zu erringen?"--"Die hatte +Jakob auch, der Geldjaeger! Und er hatte noch den offenbaren Vorteil, dass +er Rahel inzwischen sehen konnte, so oft er wollte."--"Na,--einer, der +Jahre lang gewartet hat, Joergen--" "--der kann auch noch ein halbes Jahr +Iaenger warten? Ja, Du hast gut reden, die nie auf etwas gewartet hat. +Nicht auf das geringste!"--Sie schwieg. "Dass Du mich obendrein noch +necken willst, Mary!--Der (auch wenn er bei Dir ist) auf so schmale Kost +gesetzt ist!"--"Du beklagst Dich, Joergen?"--"Ja, wahrhaftig."--"Du hast +allzu frueh angefangen, musst Du bedenken." Sie lachte. Er wurde verlegen, +sagte aber nach einer Weile: "Du weisst eben nicht, was warten +heisst!"--"Ich weiss jedenfalls, dass einer, der auf schmale Kost gesetzt +ist, sich leichter daran gewoehnen kann." Sie lachte wieder. Er war +gekraenkt und unsicher zugleich. Eine, die ihn wirklich lieb hatte, haette +sich kaum so benommen--am Abend vor einer mehrmonatlichen Trennung. Und +bei so klaeglichen Aussichten fuer die Ehe, wie sie sie hatten. + +Sie sassen eine Weile bei ihrem Vater und sehr lange bei Frau Dawes. +Joergen war still und sagte ueberhaupt nichts. Mary aber war vergnuegt. +Frau Dawes blickte die beiden verwundert an. Sie wandte sich zu Joergen: +"Armer Junge, Du musst zu Weihnachten herkommen!" Mary antwortete statt +seiner: "Tante Eva, um Weihnachten ist es in Stockholm gerade am +lustigsten." + +Ploetzlich stand Mary auf und wuenschte sehr unerwartet "Gute Nacht", erst +Joergen, dann Frau Dawes. "Ich bin muede von unserer Tour und ich will +morgen frueh aufstehen, um Joergen zu begleiten." + +Joergen fuehlte, dieser unerwartete Aufbruch war ein wohlueberlegter +Streich. Sie wollte dem entgehen, ihm draussen auf dem Flur gute Nacht zu +sagen. Er schwur ihr Rache. Er verstand sich darauf. + +Frau Dawes wollte wissen, ob zwischen ihnen etwas vorgefallen sei. Das +bestritt er. Sie glaubte ihm nicht; er musste allen Ernstes wiederholen, +er wisse von nichts. Aber seine Verstimmung verbergen, das konnte er +nicht. Er brachte es nicht einmal ueber sich, dazubleiben, und liess sie +allein. Auf dem Flur war es gegen die Gewohnheit voellig dunkel. Er +tastete sich nach seiner Tuer. Erst als er drinnen Licht angezuendet hatte +und unwillkuerlich auf ein Lebenszeichen aus ihrem Zimmer lauschte, fiel +ihm ein, dass sein Schloss geoelt worden war. Heute morgen hatte es +geknarrt. Ganz unbedeutend, aber geknarrt hatte es. Nie war er in einem +Hause gewesen, wo wie hier die kleinste Kleinigkeit, die in Unordnung +war, sofort repariert worden waere. Trotzdem Sonntag war. Er konnte sich +kein groesseres Glueck vorstellen, als spaeter, wenn erst alles in Ordnung +war, hierher zurueckzukehren, hier auszuruhen, und hier solange und +solcherart zu leben, wie sein tiefstes Beduerfnis nach Lebensgenuss es ihm +vor Augen stellte. + +Also galt es auszuhalten. Sich jetzt in ihre Launen zu finden wie frueher +in des Onkels Launen. Bis seine Zeit kam!-- + +--Er war beim Ausziehen, als lautlos die Tuer geoeffnet wurde und Mary in +ihrem Nachtgewand hereintrat. Blendend schoen. Sie schloss die Tuer hinter +sich und trat an die Lampe. "Du sollst nicht laenger warten, Joergen!" Sie +loeschte die Lampe aus.-- + + * * * * * + +Allein + + +Am naechsten Morgen verschlief sie die Zeit. Sie wurde durch Gesang und +Klavierspiel aufgeweckt. Im Halbschlummer erst und dann deutlich hoerte +sie durch einen Strom herandraengender Erinnerungen Joergens Stimme. Er +sang am Klavier bei offenem Fenster in den fruehen Morgen hinein. Sein +heller, jubelnder Tenor trug Festesklaenge zu ihr hinauf. + +Schnell, ganz schnell war sie aus dem Bett und in den Kleidern; sonst +kam sie zu spaet, um ihn zum Schiff hinunterzubegleiten. Bei dem raschen +Hantieren wurde sie ganz wach, und maechtiger stuermten ihre Gedanken ihm +und seiner berauschten Seligkeit entgegen. Seinen tiefinnigen, Seele und +Sinne durchstroemenden Dank und seine Lobeshymnen wollte sie in der Naehe +geniessen! Hoch emporgehoben und im Triumph herumgetragen werden wie die +Herrscherin seines Lebens. Aus freier Souveraenitaet hatte sie ihm des +Lebens hoechsten Preis geschenkt. Jetzt war er belohnt fuer seine lange +Qual! Vorurteilslos und ohne zu feilschen. Sie kannte ihn jetzt doch; +sie wusste bis ins kleinste, wie er aussehen, wie er sich benehmen wuerde, +wenn er sie hineinfuehrte in sein Glueck. Deshalb schwoll ihre Brust dem +Wiedersehen entgegen. Feiern sollte man sie und ihr danken! + +Durch das kleine hollaendische Kabinett kam sie in ihrem blauen +Morgenkleide und legte die Hand auf den Tuergriff des grossen Musikzimmers +nach der See hinaus, musste aber stehen bleiben, um Atem zu schoepfen, so +gespannt war sie. Dabei genoss sie seinen Triumph da drinnen. So +hingerissen war er von seiner eigenen Musik, dass sie ihm ganz nahe kam, +ehe er sie bemerkte. Er blickte strahlend auf und erhob sich langsam und +still wie zu einem Fest. Er wollte die Stimmung nicht zerstoeren; er +breitete die Arme ihr entgegen, zog sie an sich, kuesste sie ehrbar aufs +Haar und streichelte ihr langsam und sorglich die Wange, die freilag; er +wollte zudecken und verbergen, ihr mit maennlicher Guete ueber die Scham +weghelfen, die sie naturgemaess empfinden musste. Er war ganz zart und +beruhigend.-- + +"Wir muessen jetzt wohl schnell essen", fluesterte er freundlich zu ihr +hinunter, kuesste noch einmal ihr schoenes Haar und atmete seinen Duft. +Dann fasste er sie sanft, aber gleichsam fuehrend, um die Taille. An der +Tuer fragte er leise: "Du hast wohl gut geschlafen, dass Du so spaet +kommst?" Er oeffnete mit der freien Hand vaeterlich die Tuer und blickte +sie mitfuehlend an, als er keine Antwort bekam. Sie war sehr blass und +ganz verwirrt. "Mein suesses Maedchen", fluesterte er troestend. + +Bei Tisch war des Ruecksichtnehmens kein Ende, besonders da sie nichts +essen konnte. Aber die Zeit war knapp; er musste fuer sich selbst sorgen, +so dass nicht viel darueber gesprochen wurde. Mary sagte kein einziges +Wort. Aber sie fand, er hantiere mit Messer und Gabel auf eine ganz +neue, herrische Art. Verwandt der Art, wie er zu ihr sprach und wie er +sie ansah. Er wollte ihr offenbar Mut einfloessen. Nach dem, was gestern +geschehen war. Sie haette den Teller mit allem, was darauf war, nehmen +und ihm ins Gesicht schleudern moegen! + +Sein Triumphgesang hatte ihm selber gegolten, die Siegeshymne seinem +eigenen Verdienst! + +Bei allen Mahlzeiten stand eine Karaffe mit Wein auf dem Tisch. Er trank +langsam ein ganzes, grosses Glas, wischte sich den Mund und stand mit +einem wuerdevollen "Entschuldige!" auf.--Dann in der Tuer: "Ich muss +nachsehen, ob der Knecht meinen Koffer geholt hat." + +Einen Augenblick nachher war er wieder da. "Die Zeit ist knapp"; er +schloss die Tuer hinter sich und ging hastig auf Mary zu, die jetzt am +Fenster stand. Er zog sie diesmal rasch an sich und wollte sie +Kuessen... + +"Nicht mehr dergleichen!" sagte sie mit ihrer ganzen alten Souveraenitaet +und wandte sich ab. Sie ging stolz hinaus ins Vorzimmer, zog sich eine +Jacke an, wobei ihr das herzueilende Maedchen half, waehlte einen Hut, +sah nach dem Wetter und nahm dann einen Sonnenschirm. Das Maedchen +oeffnete ihr die Haustuer, Mary ging rasch hinaus, er hinterher, in seinem +tiefsten Empfinden verletzt. Er war sich keiner Schuld bewusst. + +Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Aber es kochte so in +ihr, dass sie ihren Sonnenschirm fast zerbrochen haette, als sie ihn +schliesslich aufspannen wollte. Er sah es. + +"Du," sagte sie, und es klang, als habe sie eine ganz andere Stimme +bekommen, "ich halte nicht viel vom Briefschreiben. Ich kann auch keine +Briefe schreiben."--"Ich soll Dir also nicht schreiben--?!" Er hatte +auch eine andere Stimme bekommen. Sie antwortete nicht, und sie sah ihn +auch nicht an. "Wenn aber irgend etwas passiert--?" sagte er.--"Nun ja, +dann--! Aber dann hast Du ja Frau Dawes." + +Als sei es damit noch nicht genug, fuegte sie hinzu: "Du bist wohl +uebrigens auch kein Held im Briefschreiben. Also ist nicht viel dabei +verloren." + +Er haette sie schlagen moegen. + +Zum Ueberfluss musste nun auch noch der alte, wunderliche Finnenhund da an +der Bruecke sein mit einem von seinen Leuten. Kaum wurde er Joergen +gewahr, da fing das Konzert an. Es nuetzte alles nichts, soviel seine +Herren auch ihm pfiffen und ihn riefen. + +Alle wandten sich nach den Ankoemmlingen um. Joergen hatte sich sofort +nach einem kleinen Stein gebueckt, und Mary hatte ihn leise gebeten, es +nicht zu tun. Der Dampfer legte gerade an, die allgemeine +Aufmerksamkeit, auch die des Hundes, wurde von ihnen abgelenkt, und auf +diesen Augenblick hatte Joergen gewartet, um ihm den Stein direkt auf den +Leib zu werfen, dass er laut aufheulte. Unmittelbar darauf wandte er sich +zu Mary und zog den Hut mit seinem verbindlichsten Laecheln und mit +tausend Dank fuer die genossene Gastfreundschaft. + +Sie musste anstandshalber warten, bis der Dampfer abfuhr; ja, sie musste +ein paarmal mit dem Sonnenschirm winken. Laechelnd und triumphierend +gruesste Joergen mit maechtigem Hutschwenken vom Dampfer herueber. + +Wuetend war sie! Aber er kaum weniger. + + * * * * * + +"Er, der sich vor mir in den Staub haette werfen muessen und den untersten +Saum meines Kleides kuessen!" Das war ihre Empfindung. + +Schon gestern abend war das Gefuehl von etwas Unfeinem in ihr +aufgedaemmert. Er wollte sie nicht wieder loslassen. Sie musste eine List +anwenden und ihre Tuer verriegeln. Aber sie hatte sich das als eine +krankhafte Folge seiner langen Sehnsucht ausgelegt, die zur Besessenheit +geworden war. + +Jetzt war kein Zweifel moeglich! Nur ein "Bewanderter" konnte es in +dieser Weise auffassen. Sie war betrogen. Das Allerschoenste in ihr, das +von ihren feinsten Instinkten geschirmt und grossgezogen worden, war +hineingelockt in einen widerwaertigen Irrtum. + +Sie rang den ganzen Tag damit. Verraten und geschaendet nannte sie sich. +Zuerst waelzte sie alle Schuld von sich. Dann nahm sie alles auf sich und +verdammte sich als unbrauchbar fuer das Leben. Sie greife doch nur fehl, +sie verrate sich selbst. Einen Augenblick sagte sie: Mir ist Gewalt +angetan, obwohl ich mich freiwillig hingegeben habe! Im andern +Augenblick sagte sie: Das greift gewiss viel weiter zurueck, und ich finde +mich nicht heraus. + +Welch ein Segen, dass ihr Zimmer unberuehrt und rein geblieben war. Das +nebenan wollte sie nie wieder betreten, nie mehr sehen. + +Ihm wollte sie nicht gehoeren. + +Aber wuerde er denn schweigen? Darueber war sie beruhigt. Auf dem Gebiet +lagen seine Schwaechen nicht, sonst haette sie wohl irgend etwas erfahren. +Aber dass ein einziger Mensch existieren sollte, der--! Sie weinte vor +ohnmaechtigem Zorn. Das wuerde ihren Lebensmut zerstoeren. Das wuerde wie +ein Alp auf ihr liegen. Gerade wenn sie sich am hoechsten fuehlte. + +Sehen wollte sie ihn! Ihm sagen, wofuer sie ihn gehalten habe,--und wer +er sei. Zu wem sie habe hineingehen wollen,--und zu wem sie +hineingekommen sei. Er sollte nicht triumphieren koennen. Aber dazu musste +sie sein Leben kennen. Wen konnte sie fragen, wer kannte sich darin +aus?---- + +Als sie am naechsten Morgen aufwachte, war sie sich klarer. Einmal +darueber, wie sie sich volle Gewissheit ueber Joergen verschaffen konnte; +das musste gelegentlich geschehen, so dass keiner etwas merkte. Ebenso war +sie sich klar, dass der Bruch mit ihm und die Begegnung, die den Bruch +vorbereitete, hingehalten werden musste--vor allem um der beiden Alten +willen. Das zweite und viel wichtigere war: ihr eigenes Leben wieder +aufzubauen, aus dieser schwuelen Luft herauszukommen, die sie ins +Verderben gefuehrt hatte. Da gab es nur einen Weg: ihre Arbeit +aufzunehmen, sich brauchbar dafuer zu machen und aus den Resultaten neuen +Mut zu schoepfen. + +Arbeit und Pflichttreue! Sie stuetzte sich auf die Ellbogen, als wolle +sie die Aufrichtung in ihrem Innern versinnbildlichen, und stand im +naechsten Augenblick auf den Fuessen, um sich fertig zu machen.-- + +Die fuenfzigtausend Kronen, die ihr Vater also neulich Onkel Klaus +gegeben, und die sie in den Buechern nicht gefunden hatte,--deuteten die +nicht darauf hin, dass ihr Vater noch einen Fonds in Amerika hatte--ausser +dem bruederlichen Geschaeft? Dass die Zinsen, die er nicht aufgebraucht +hatte, dort in Aktien angelegt waren? Da kuerzlich 50 000 Kronen frei und +hierhergeschickt waren? + +Seit Joergen ihr vorgestern von den 50 000 Kronen erzaehlt hatte, hatten +die ihr in all den aendern Geschichten keine Ruhe mehr gelassen. Sie +musste die amerikanische Korrespondenz des Vaters pruefen; darin wuerde es +stehen. Aber sie fand keine solche Korrespondenz,--bis sie eine Truhe +oeffnete, die unten in dem Buecherregal stand, zu dem der Schluessel in +seinem Portemonnaie lag. Sie kannte die Truhe von ihren Reisen her; aber +sie hatte nie gewusst, was sie enthielt. Hier fand sich die ganze +amerikanische Korrespondenz; hier fanden sich auch die Belege. Es machte +den Eindruck, als habe er schon zu Lebzeiten ihrer Mutter ihr Vermoegen +und alles, was damit zusammenhing, besonders verwaltet. Dann musste aber +ein recht betraechtlicher Rest geblieben sein, selbst wenn der +Hauptbestand, eine Million Dollar, verloren war. Sie war wie im Fieber. +Ihr Vater musste den Brief so verstanden haben, als sei sein ganzer +Besitz in Amerika verloren gegangen. So hatte sie es aufgefasst, und die +andern gleichfalls. + +Den Kopf voll dieser Dinge, begab sie sich zum Vater. Sie setzte ihm +alles umstaendlich auseinander und sagte, sie wolle gleich nach Amerika, +um Klarheit zu schaffen. Er erschrak. Aber bald sah er die Notwendigkeit +ein und fuegte sich. + +Frau Dawes war nicht so leichtglaeubig. Sie vermutete, es muesse etwas +geschehen sein, wovon Mary sich ablenken wolle. Aber in Marys Wesen und +in ihrem Bericht ueber ihre Entdeckung war etwas Heftiges, etwas, das +keinen Widerspruch duldete. Frau Dawes beschraenkte sich daher auf einige +schuechterne Einwendungen: es gebe auf dem Meer um diese Jahreszeit so +viele Stuerme. + +Drei Tage spaeter war Mary mit einem englisch sprechenden Maedchen auf dem +Wege nach Amerika. Sie werde, sagte sie, schon jemand finden, der ihr +wertvolle Hilfe leisten wuerde. Sie kenne so viele. + +Alles ging nach Wunsch. In weniger als anderthalb Monaten war sie wieder +daheim. Es war hohe Zeit gewesen, dass sie hinueberkam. Denn es sollte +gerade darueber prozessiert werden, ob Anders Krog mit seinem ganzen +Besitz der Kompagnon seines Bruders gewesen sei, waehrend er es doch nur +mit der Summe war, die im Geschaeft steckte. + +Das konnte sie beweisen. + +Dieser Erfolg machte ihr Mut. Warum nicht weiter gehen? Hier hatte sie +Kapital zur Verfuegung, und sie hatte grosse Lust, etwas zu beginnen. Auch +einen Holzhandel. Konnte sie das nicht so gut lernen wie jeder andere? +Die doppelte Buchfuehrung? War die so schwer? Sie fing gleich an. + +Anders Krog schien aufzuleben, seit sie wieder daheim war. Die +Gewissheit, dass das Vermoegen, das ausserhalb der Konkursmasse des Bruders +stand, gerettet war, war fuer ihn eine grosse Freude. Marys Zukunft lag +ihm so sehr am Herzen. + +Dagegen nahm Frau Dawes sichtlich ab. Es war, als habe dieses taetige, +rastlose Menschenkind seine Kraefte aufgebraucht. Selbst nach Joergen +fragte sie nicht; ihre Korrespondenz hatte sie aufgegeben. + +Mary leitete den Gutsbetrieb zusammen mit dem Prokuristen und verwaltete +das Vermoegen gemeinsam mit einem Geschaeftsmanne. Nebenbei nahm sie +Unterricht und lernte. Zweimal woechentlich war sie in der Stadt. + +So ging es in den November hinein. Da bekam Anders Krog einen Brief aus +Kristiania von einem nahen Verwandten, einem reichen Manne, dessen +einzige Tochter sich soeben verlobt hatte. Er bat, Marit moege doch zu +den Festlichkeiten hinkommen; es sollten in den beiden grossen Familien +deren mehrere stattfinden. + +Mary war selbst erstaunt, wie grosse Lust sie ploetzlich bekam. Der alte +Adam war nicht tot. Sie traellerte auf den Fluren und in den Stuben vor +sich hin, waehrend sie ihre Reisevorbereitungen traf; sie sehnte sich +nach einer neuen Umgebung--und nach neuen Huldigungen. Sie suchte +Genugtuung darin! Das musste sie sich selbst zugeben. + +Sie war kaum einige Tage dort, als Anders Krog einen Brief bekam, in dem +Marys Lob in den hoechsten Toenen gesungen wurde. Nicht das Brautpaar, sie +sei der Mittelpunkt aller Baelle gewesen; nicht das Brautpaar, sie werde +bevorzugt und gefeiert--in erster Linie von dem Brautpaar selbst. Ihre +einzigartige Schoenheit, ihr vornehmes Wesen, ihre Kenntnisse und ihr +Taktgefuehl wuerden sie ihnen allen unvergesslich machen. Sie moechten sie +so gern noch eine Zeitlang dabehalten. + +Anders Krog schickte den Brief zu Frau Dawes hinein mit der Bitte, ihn +bald zurueckzugeben; er wolle ihn noch oft lesen,-- + +Am Tage darauf war Mary wieder daheim. Sie trat des Morgens still bei +ihrem Vater in die Tuer, und er erschrak, als er sie sah. Sie sei krank +geworden, sagte sie, und das sah man auch deutlich genug. Sie war nicht +nur blass, sie war grau, mit uebernaechtigen Augen und matter Stimme. Sie +gab ihrem Vater einen langen, zaertlichen Kuss, wollte aber den Brief, den +er bekommen hatte, gar nicht sehen und nicht von ihrem Aufenthalt in +Kristiania reden. Jetzt erst auf ein paar Minuten zu Frau Dawes, dann zu +Bett und ausruhen. + +Sie blieb kaum eine halbe Minute bei Frau Dawes, die sie in grosser +Besorgnis zurueckliess. + +Mary schlief den ganzen Tag, ass zu Abend eine Kleinigkeit und schlief +wieder die ganze Nacht. + +Als sie aufstand, sah sie aus wie immer, war frisch und wach. Der +Prokurist, der Gaertner und die Haushaelterin kamen zu ihr und legten +Rechenschaft ab, und sie machte einen Rundgang durch das Haus. Dann kam +sie laechelnd nach oben zu ihrem Vater, der sehr gluecklich war, als er +sie wieder so vor sich sah. + +Sie kam, um ihm zu sagen, dass jetzt einer baldigen Heirat nichts mehr im +Wege stehe. Jetzt haetten sie ja Vermoegen. Der Vater brachte unter grossen +Schwierigkeiten heraus, das habe er auch schon gedacht. Seine Augen und +die eine Hand sagten das uebrige; dass er naemlich nichts lieber sehe. + +Aber als sie dasselbe zu Frau Dawes sagte und hinzufuegte, sie habe +eigentlich Lust, gleich nach Stockholm zu fahren, um diesen Vorschlag zu +machen (Joergens Name wurde nicht genannt), da gewann Frau Dawes die alte +Geistesschaerfe wieder, richtete sich im Bett auf und fing laut zu +weinen an. Nun verlor Mary den Mut, warf sich ueber das Bett und +fluesterte: "So ist es, Tante Eva!" Sie weinte die verzweifeltsten Traenen +ihres Lebens. Aber als Frau Dawes' Kummer dadurch immer groesser wurde, +hob Mary den Kopf: "Liebe Tante, Vater kann uns ja hoeren!"--Sie daempften +ihre Stimmen ein wenig; Frau Dawes aber versicherte unter Traenen, dies +sei ja ihre eigene Geschichte! Erst als ihr Verlobter sie soweit gehabt +habe, sei ihr klar geworden, was fuer ein erbaermlicher Kerl er war; "aber +da mussten wir uns eben heiraten. Da siehst Du, Kind, wie wir Frauen +sind; wir werden nie klug."-- + +"Oh dass Ihr diesen Menschen in mein Leben hineinziehen musstet!" jammerte +Mary. "Ich fuehlte es instinktmaessig, dass ich ihn mir fernhalten muesse; +aber Ihr schlugt alle Bedenken zu Boden." Nach einer Weile: "Nein, so +musst Du das nicht auffassen, Tante Eva; ich mache Euch keine Vorwuerfe. +Was nuetzt jetzt auch alles Jammern? Hier bleibt nur eins: sich mit +geschlossenen Augen hineinstuerzen." + +Darin stimmte ihr Frau Dawes voellig bei. "Dann machst Du es wie ich: +wenn die Ehre gerettet ist, laesst Du Dich von ihm scheiden."--"Nein, das +tue ich nicht. Dann haben wir etwas, das uns aneinander bindet.--O Gott, +o Gott!" sie jammerte, klammerte sich an ihre alte Freundin und +erstickte ihren Verzweiflungsschrei in den Kissen. Frau Dawes sass +hilflos da und stuetzte sie. "Das verstehe ich nicht", sagte sie. Da hob +Mary rasch den Kopf: "Das verstehst Du nicht? Gerade um mich zu binden, +hat er es getan. Er kannte mich." Wieder warf sie sich verzagt und +verzweifelt ueber das Bett. Zwischen den Ausbruechen oder vielmehr als +einen Teil dieser Ausbrueche hoerte man die Worte: "Es gibt keinen Ausweg! +Es gibt keinen Ausweg!" + +Frau Dawes hatte nicht die Kraft und nicht den Mut, bei soviel Leid nach +Worten zu suchen. + +Es musste sich austoben. Bis die Empoerung sich abkuehlte. Frau Dawes +merkte, wie allmaehlich etwas anderes sich emporarbeitete. Mary hob den +Kopf, ihre verweinten Augen waren voll Hass: "Ich dachte, ich haette mich +einem Gentleman hingegeben. Aber ich geriet an einen Spekulanten." Damit +stand sie langsam auf. "Willst Du ihm das sagen, Kind?"--"Mit keinem +Wort! Nichts, absolut nichts dergleichen. Ich will sagen, wir muessen +heiraten." + + * * * * * + +Drei Tage darauf wurde Joergen Thiis im Ministerium des Auswaertigen ein +Brief ueberbracht. Er war von Mary. "Ich bin im Grand Hotel und erwarte +Dich Punkt zwei Uhr draussen auf dem Trottoir." + +Er wusste sofort, was das zu bedeuten hatte. Er brach eilig auf, denn die +Uhr war dreiviertel zwei. Erst auf der Treppe fiel ihm auf, dass er sie +"draussen auf dem Trottoir" treffen solle. + +Sie wollte nicht mit ihm in ihrem Zimmer allein sein. + +Das aenderte seinen Plan. Er ging nach seiner Wohnung und erloeste einen +kleinen schwarzen Pudel aus seiner Gefangenschaft, ein wertvolles Tier, +das er dressierte; denn es war ein rechter Tolpatsch. + +Auf der Strasse war richtiges Tauwetter, so dass der Hund gleich Weisung +bekam, auf dem Trottoir zu bleiben, wo es sauber war. Nach ein paar +lustigen Seitenspruengen hatte es Erfolg; der Hund hatte Angst vor +Joergens duennem Stock. + +Schon von weitem sah er Marys schlanke Gestalt. Sie stand mit dem Ruecken +nach ihm, gegen das Schloss gewandt. Kein Passant weiter, kein Mensch +sonst vor dem Hotel. Sein Herz klopfte heftig; allzuviel Mut hatte er +nicht. + +Sie wurde ihn gewahr, als der Hund auf sie zulief wie auf einen guten +alten Freund, Sie hatte Hunde sehr gern; einzig das Wanderleben hatte +sie abgehalten, sich einen anzuschaffen. Und dieser war so sauber, so +huebsch und so appetitlich, so ganz nach ihrem Geschmack, dass sie sich +unwillkuerlich zu ihm hinunterbeugte; im gleichen Augenblick sah sie +Joergen. Sie richtete sich sofort in die Hoehe: "Ist das Dein Hund?" +fragte sie, als haetten sie sich vor einer halben Stunde hier auf der +Strasse getrennt. "Ja", antwortete er, indem er ehrerbietig den Hut zog. +Da bueckte sie sich wieder zu dem Hunde hinunter und streichelte ihn. +"Nein, wie bist Du niedlich! Du reizender Kerl! Nicht anspringen!" +--"Nicht anspringen!" klang es verstaerkt von Joergen her. Sie +richtete sich wieder in die Hoehe. "Wohin gehen wir?" sagte sie, "ich bin +noch nie hier gewesen."--"Wir koennen ja geradeaus gehen und dann um die +Ecke, dann kommen wir an das John Ericson-Denkmal."--"Ja, das moechte ich +gern sehen." Sie setzten sich in Bewegung. + +"Wirst Du herkommen?" rief Joergen dem Hunde zu und hob den Stock. Joergen +fuehlte sich verletzt, dass sie ihm nicht einmal die Hand gegeben hatte. +Wehleidig kam der Hund an; aber bald war er wieder vergnuegt, denn Mary +sprach mit ihm und streichelte ihn. + +"Ich habe einen kleinen Abstecher nach Amerika gemacht", sagte +sie.--"Ja, das hab' ich gehoert."-- + +"Die fuenfzigtausend Kronen, von denen Du sprachst, fand ich nicht in den +Buechern, und ich dachte mir, es muesse noch eine Abrechnung da sein, die +das Vermoegen in Amerika betraf. Und so war es auch. Folglich wurde es +noetig, hinzureisen, um zu retten, was noch zu retten war. Die Hauptsumme +war verloren." + +"Wie verlief die Sache?"--"Ich habe das mitgebracht, was von den Zinsen +in all den Jahren nicht aufgebraucht war." + +--"Das Geld war gut angelegt?"--"Ich glaube besser, als es in Europa +moeglich gewesen waere."-- + +Hier gab es ein kleines Intermezzo. Der Hund war vom Trottoir +heruntergelaufen und bekam ein paar Hiebe. Das empoerte Mary. "Herrgott, +der Hund weiss das doch nicht."--"Oh, er weiss es recht gut. Aber er hat +nicht gehorchen gelernt." + +Sie gingen ziemlich schnell weiter. "Warum erzaehlst Du mir das?" fragte +Joergen. "Weil wir jetzt heiraten koennen."--"Ja, wieviel ist es +denn?"--"Zweihunderttausend."--"Dollar?"--"Nein, Kronen. Und dann noch +die Fuenfzigtausend."--"Das ist nicht genug."--"Zusammen mit dem, was +wir sonst noch haben?"--"Dies 'sonst' bringt augenblicklich nahezu +nichts ein. Das weisst Du doch." + +Mary begann sich elend zu fuehlen. Er merkte es ihrer Stimme an, als sie +sagte: + +"Wir haben doch den Wald in Reserve."--"Der fruehestens in drei Jahren +abgeholzt werden kann? Vielleicht erst in vier, fuenf? Es kommt auf das +Wachstum an."--Mary sah ein, dass, er recht hatte; warum hatte sie dies +erwaehnt? + +"Aber zehn, zwoelftausend Kronen jaehrlich ...?"--"In unserer Stellung +will das nicht viel sagen." + +Wieder ein Intermezzo. Hier war kein Trottoir, sondern ein grosser, +freier Platz mit rechtem Morast. Sie hatten beide den Hund vergessen. +Ein dicker, schmutziger Schifferhund, auch ein Pudel, war auf Landurlaub +mit ein paar Matrosen, die die Strasse entlangschlenderten. Diesem +willkommenen Kameraden hatte Joergens Hund sich angeschlossen. Er wurde +mit Not und Muehe zurueckgerufen, schmutzig, wie er schon war. Als Mary +auch rief, kam er freudig und glueckselig an, bekam aber einen Schlag mit +der Peitsche und winselte.--"Es ist doch merkwuerdig," sagte Mary, "dass +Du mit so einem netten Hund nicht Frieden halten kannst!" Sie dachte an +den alten Finnenhund bei ihren Nachbarsleuten daheim, gegen den er auch +so haesslich gewesen war. Joergen antwortete nicht. Der Hund aber lief +demuetig hinterher, und als Joergen sich davon ueberzeugt hatte, sagte er: +"Weiss Onkel Klaus etwas von dem Vermoegen?"--"Ich glaube, ausser uns weiss +kein Mensch etwas davon.--Warum fragst Du?"--"Es ist richtiger, mit +Onkel Klaus zu reden."--Sie blieb verwundert stehen: "Mit Onkel Klaus?" +Joergen stand auch still. Jetzt sahen sie sich an. "Wir kommen weiter +damit", sagte Joergen. "Bei Onkel Klaus?" sie sah ihn starr an. Sie +verstand ihn nicht. "Fuer die Ehre der Familie tut er viel", sagte Joergen +mit einem raschen Seitenblick, indem er weiterging. Sie war kreidebleich +geworden, folgte ihm aber. "Muessen wir uns Onkel Klaus anvertrauen?" +fluesterte sie hinter ihm. Weiter konnte die Demuetigung nicht gehen. "Wir +tun es!" antwortete er aufmunternd und beinahe froehlich; "jetzt sagt er +nicht nein." Hatte er das mit in Berechnung gezogen? + +Er kam naeher an sie heran: "Sieh mal, wenn Onkel Klaus nichts von dem +Vermoegen weiss, bekommen wir mehr!" + +Er hatte es gut durchdacht! So widerlich ihr das war, es imponierte ihr +doch. Joergen war gewiss bedeutender, als sie geglaubt hatte. Wenn er erst +all seine Faehigkeiten entfaltet hatte, wuerde er noch andere als sie +ueberraschen. + +Sie zog sich zusammen wie ein Blatt bei uebermaessiger Hitze. "Willst Du +die Sache mit Onkel Klaus selbst in Ordnung bringen?"--"Ich reise +natuerlich sofort mit Dir nach Hause. Du haettest nicht zu kommen +brauchen; eine Mitteilung haette genuegt." + +Sie ging mit gesenktem Kopf neben ihm her und zitterte am ganzen Leibe. +Seine Ueberlegenheit aengstigte und lahmte sie; seine Erwaegungen +verursachten ihr Uebelkeit. Es war, wie schon einmal, dass sie einen Fuss +nicht vor den andern setzen konnte; sie konnte nicht weiter. + +Da hoerte sie Joergen rufen: "Komm her, kleiner Satan!" Wieder der Hund. +Dieser schmutzige Luemmel von Kamerad hatte ihn abermals vom Weg der +Pflicht fortgelockt. Joergens Stimme hatte so etwas Eigentuemliches, wenn +sie befahl: sie war gedaempft und scharf zugleich. + +Der Hund kannte sie und liess es dabei bewenden, zweifelnd aufzublicken. +Da er aber mit einem gluecklichen Leichtsinn begabt war, warf er sich +ploetzlich lustig auf seinen Kameraden und nahm das Spiel wieder auf, +als sei nichts geschehen. + +Mary stand und zog eine Lehre daraus. Es war gerade an dem John +Ericson-Denkmal, wo dies geschah. Sie blickte zu dem Kunstwerk auf; sie +schaute in John Ericsons grosse, gute, nachdenkliche Augen, bis ihre +eigenen sich mit Traenen fuellten. Sie war so ungluecklich. + +Waehrenddessen plagte sich Joergen mit dem Hunde. Sein Erziehungsprinzip +war, dass der Hund nie im Streit mit seinem Herrn seinen Willen bekam. +"Komm her, Du kleiner Rumtreiber", sagte er schmeichelnd. Der Hund war +ganz verdutzt. Er hielt mitten im Spielen inne. "Na, so komm doch, +Freundchen!" Er sprang mit ein paar lustigen Saetzen auf ihn zu, er +dachte an gute, gemuetliche Stunden; vielleicht war dies so eine? Aber +woran es nun lag,--ihm stiegen Zweifel auf, er warf sich herum und +waelzte sich bald wieder mit seinem schmutzigen Freunde auf der Strasse. + +Die Voruebergehenden standen still; sie hatten ihren Spass an dem +Ungehorsam des Hundes. Das reizte Joergen. Mary fuehlte es, und sie wollte +dem Hunde helfen; sie stand hinter Joergen und sagte leise auf +franzoesisch: "Es ist nicht recht, ihn erst zu locken und dann zu +schlagen." Aber da wurde Joergen noch eigensinniger. "Davon verstehst Du +nichts", antwortete er auch auf franzoesisch und lockte den Hund wieder. + +Mit der unueberlegten Leichtglaeubigkeit, die freundlichen kleinen Hunden +eigen ist, hielt der Hund im Spiel inne und sah nach ihm hin. Den Stock +hinter sich, kam Joergen auf ihn zu und lockte ihn. Er war wuetend ueber +das Lachen der andern, versteckte seine Wut aber hinter sanften Worten. +"Komm doch, Freundchen!" + +"Trau' ihm nicht!" rief ein englischer Matrose; aber es war zu spaet. +Joergen hatte ihn schon an dem einen langen Ohr gepackt. Der Hund heulte +auf, Joergen musste ihn gekniffen haben. Mary rief auf franzoesisch: +"Schlag ihn nicht!" Aber Joergen schlug ihn trotzdem. Nicht sehr hart, +aber der Hund heulte fuerchterlich; er hatte solche Angst. Joergen schlug +ihn wieder; auch jetzt nicht hart, mehr um die ganze Gesellschaft zu +aergern. Der Hund schrie so gottsjaemmerlich, dass Mary nicht hinsehen +konnte. Sie blickte hinauf in John Ericsons gute, grosse Augen und sagte: +"Mit diesen Schlag hast Du mich von Dir getrennt, Joergen!" + +Im Nu liess er den Hund los und richtete sich auf. Er sah ihre flammenden +Augen, das weisse Gesicht und die schlanke, stolz aufgerichtete Gestalt. +Ueber ihr John Ericsons Haupt. + +Nur einen Augenblick. Dann hatte sie sich umgedreht und schritt in +leichtem, frohem Tempo davon--der Hund hinterher. + +Die Leute lachten, die englischen Matrosen mit herausforderndem +Spott,--Joergen ging hinterher. + +Aber als sie merkte, dass der Hund ihr folgte und nicht ihm, und als +seine Augen die ihren suchten, um zu erfahren, was sie jetzt wolle, da +schlug ihre ganze Angst in ausgelassene Froehlichkeit um. Das war so ihre +Art. Sie klatschte in die Haende und lief, und der Hund sprang klaeffend +um sie herum. + +Der Bann war gebrochen, die Schande getilgt,--nun ade Joergen und alles, +was drum und dran ist! + +"Nicht wahr, Du kleiner Befreier?" Der bellte. + +Sie sah sich nach Joergen um. Er getraute sich anstandshalber nicht so +schnell zu gehen. + +"Aber wir beide getrauen uns, nicht wahr?" Sie klatschte wieder in die +Haende und lief, und der Hund lief bellend mit. + +Dann schlug sie ein langsameres Tempo an; sie spielte mit ihm und +plauderte mit ihm; Joergen war ja so weit zurueck. "Eigentlich muesstest Du +'Liberator' heissen, aber der Name ist zu lang fuer so einen kleinen, +schwarzen Hanswurst. Du sollst John heissen,--ja, das sollst Du! Du +sollst nach dem heissen, der mich angeblickt hat, dass ich Mut bekam!" +Wieder lief sie weiter und der Hund mit. "Du folgst mir und nicht ihm! +Das ist recht, das ist gut! Das hat der auch getan, nach dem Du heisst. +Er folgte den Sklavenpeitschen nicht; er hielt zu denen, die Freiheit +brachten!" Jetzt bogen sie um die Ecke, Joergen war nicht zu sehen. + +--Als er nachher ins Hotel kam, liess sie sich verleugnen; und doch hatte +er sie hineingehen sehen. Er sagte, sie habe seinen Hund. Ja, davon +wisse man nichts. + +Er musste gehen. Er hatte sie wie auch den Hund verloren. + +Oben auf ihrem Zimmer aber fragte Mary den Hund: "Willst Du mir gehoeren? +Willst Du bei mir bleiben, Du kleiner, schwarzer John?" Sie klatschte in +die Haende, damit er sein froehliches Ja bellen solle. Damit war die +Eigentumsfrage entschieden. Sie bekam einen Brief von Joergen, vermutlich +ueber diesen Punkt; den verbrannte sie ungelesen. + +Sie nahm an, sie werde ihn auf dem Bahnhof treffen, wenn der Zug nach +Norwegen abfuhr, und dann werde er sein Recht fordern. Sie kam mutig +angefahren, ihren frischgewaschenen, gekaemmten und parfuemierten Hund +neben sich. Joergen war nicht da. + + * * * * * + +Sie schlief die ganze Nacht, den Hund auf ihrer Reisedecke. + +Aber mit dem Morgen kamen die Gedanken. Nun war sie allein. Hatte allein +die Verantwortung. + +Bis jetzt hatte sie sich ja selbst mit aller Gewalt in den einzigen +engen Ausweg hineingehetzt: sich sofort mit Joergen zu verheiraten, auf +einer Reise ins Ausland dem Kinde das Leben zu geben--und dann bis ins +Unendliche auszuhalten. + +Aber sich mit einem Menschen zu verheiraten, den sie verabscheute, nur +um sich ein Feigenblatt zu leihen,--wie unverstaendlich ihr das jetzt +geworden war! Sie hatte es versucht, weil man in ihrer Umgebung so +dachte, und weil sie in einer Sonderstellung war; die duldete keinen +Fleck auf dem Festgewande. + +Aber jetzt sagte sie "pfui, pfui!" ganz laut. Und als der Hund sofort +aufblickte, fuegte sie hinzu: "Dies war meine 'Hundereise', will ich Dir +sagen! Der Abschluss meiner 'Hundegeschichte'!" + +Aber was nun? + +Sie wusste, was man noch tun konnte. Aber dann musste man zwei Mitwisser +haben, Joergen und noch einen. Das war zuviel. Dann konnte sie nicht +stolz und frei dahinschreiten,--und das musste sie koennen. + +Ja, was nun? + +Solange die "Hundereise", die "Hundegeschichte" ihr wie ein Befehl +erschienen war, wie etwas um ihrer Ehre willen unumgaenglich Notwendiges, +hatte sie an die letzte, an die allerletzte Zufluchtsstaette nicht im +Ernst gedacht. + +Jetzt war es ernst. + +Sie sah traurig in die treuherzigen Augen des Hundes, als suche sie auch +hier einen Ausweg. Sie begegnete der unverfaelschtesten Lebenslust und +Anhaenglichkeit. Sie schmiegte ihren Kopf in sein Fell und weinte. Sie +war noch so jung,--sie hatte keine Lust zu sterben. + +Zum erstenmal weinte sie ueber sich selbst; sie tat sich leid. Sie konnte +nicht begreifen, womit sie dies verdient habe. Auch konnte sie sich +nicht klar werden, wie es gekommen war. + +Der Hund merkte, dass sie nicht froh sei. Er leckte ihr die Haende und +guckte ihr in die Augen. Er winselte, weil er hochwollte und sie +troesten. + +Da nahm sie ihn auf und beugte sich ueber ihn, was er als Spiel auffasste. +Er schnappte nach ihren Haenden. Darauf ging sie ein. Die froehlichste +Kinderei begann zwischen den beiden und wollte gar kein Ende nehmen, +weil er nicht genug bekommen konnte; immer wenn sie aufhoerte, fing er +wieder an. + +Da begann sie mit ihm zu plaudern: "Kleiner, schwarzer John, Du kommst +mir wie ein Neger vor. Du erinnerst mich daran, dass Dein Name die Neger +befreit hat. Befreit von der Sklaverei. Du hast mich davor bewahrt, in +die Sklaverei zu kommen. + +"Aber es ist eine schlechte Befreiung, weisst Du, wenn ich nicht mit Dir +weiter leben darf. Findest Du das nicht auch?" Und dann weinte sie +wieder.----Mit dichtverschleiertem Gesicht fuhr sie durch die Stadt von +einem Bahnhof zum andern, den Hund neben sich auf dem Sitz. Sie sah +keinen Bekannten. Aber wenn die wuessten--? + +Oh, diese gerichtete und getoetete Kraehe, die Joergen aufheben wollte, und +vor der sie weglief,--sie wusste gar nicht, dass sie die so genau gesehen +hatte! Den zerfetzten Hals, den zerhackten Bauch, die leeren +Augenhoehlen,--das rote Fleisch grinste sie an, sie kam waehrend dieser +ganzen schrecklichen Fahrt nicht davon los. + +Hier draussen war's Winter. Sie hatte seit vielen Jahren keinen Winter +mehr gesehen. Die absterbende, hinwelkende Natur hatte sie gesehen, aber +nicht die Umwandlungskraft des Winters, die die Veroedung mit dem +allerweissesten Weiss zudeckt und in Wald und Feld willkuerlich +Veraenderungen schafft. Der Fjord war noch nicht zugefroren; er rauschte +schwarzgrau von allen Seiten heran, herausfordernd, hart, wie ein +Ungeheuer, das nach Kampf duerstet. + +Die Fahrt durch die Stadt hatte ihre Phantasie aufgeruehrt, die jetzt in +die Gewalt der Naturkraefte geriet. Ihre Ohnmacht wurde ihr umso tiefer +fuehlbar. Konnte _sie_ den Kampf aufnehmen? Konnte sie ans Ziel kommen, +bis die Zeit der Umwandlung da war? Sie musste sich vorher ins Wasser +stuerzen. + +Wie sie mit diesen Gedanken spielte,--sah sie ihres Vaters Gesicht vor +sich. Wie konnte sie leben, ohne ihm zu sagen, was bevorstand? Nie, nie +konnte sie ihm das sagen. Sie konnte ihm nicht einmal sagen, dass es mit +Joergen aus sei. Er wuerde das nicht ertragen koennen. + +Wenn sie statt zu reden--verschwaende?! Du ewiger Himmel; das wuerde ihn +auf der Stelle toeten. + +Auf der ganzen Fahrt keine Angst mehr vor den andern und nicht ein +bisschen Angst vor sich selber, einzig und allein vor ihm.-- + +--So ermattet, so voller Seelenangst kam sie heim, dass sie zu weinen +anfing, als sie das Haus erblickte. Einen so schweren Gang waren wohl +nicht viele gegangen. Selbst die Freudenspruenge des Hundes, als er +festen Boden unter sich hatte, konnten sie nicht ablenken. Sie ging nach +oben, um sich zu waschen und umzukleiden, und bat, man moege ihren Vater +und Frau Dawes benachrichtigen, dass sie wieder da sei. Das kleine +Maedchen war mit in ihrem Zimmer und half ihr; es war Mary nicht +angenehm, dass Nanna in jedem freien Augenblick mit dem Hunde spielte; +aber sie sagte nichts. + +Sie sah sehr angegriffen aus. Dass sie geweint hatte, war deutlich zu +sehen. + +Aber das war vielleicht ganz gut. Dann merkte er doch gleich, dass es +nicht gut stehe. Wenn er es nur ueberstaende! Sie musste ihm dann schnell +auseinandersetzen, dass die Reise lang und beschwerlich gewesen sei, und +dass Joergen das Vermoegen in ihrer Stellung nicht ausreichend finde, um +sich daraufhin zu verheiraten. Sie muessten auf Onkel Klaus warten. + +Wenn sie weinen musste, und das musste sie sicher, so muede und verzagt, +wie sie jetzt war, so war das eine Vorbereitung fuer das naechste Mal. +Wenn er es nur ueberstaende. + +Aber was sollte sie anders tun? Wenn sie nicht sofort kam, ahnte er +Unheil und aengstigte sich, und das konnte er auch nicht vertragen. + +Sie zitterte, als sie vor der Tuer stand. Nicht bloss aus Angst vor ihm, +nein, auch weil sie nicht vor ihm niedersinken und ihm alles sagen und +sich bei ihm ausweinen durfte. Wie schrecklich das alles war.-- + +Aber das Leben ist manchmal barmherzig. + +Er war nicht von ihrer Ankunft benachrichtigt worden, weil er schlief. +Die Pflegerin stand draussen auf dem Flur, um Mary Bescheid zu sagen, +wenn sie komme. Warum sie nicht anklopfte und es ihr durch die Tuer +zurief? Weil das nun einmal so ihre Art war. Als Mary jetzt herauskam, +stand aber die Pflegerin nicht auf dem Flur, sondern auf der Treppe. Das +Maedchen brachte naemlich das Mittagessen fuer den Kranken; das holte die +Pflegerin sonst immer selbst, und geniert, dass sie es heute nicht hatte +tun koennen, wollte sie ihr doch wenigstens entgegengehen und es ihr auf +der Treppe abnehmen. + +Gerade in diesem Augenblick oeffnete Mary die Tuer zu ihres Vaters Zimmer. +Sie blieb auf der Schwelle stehen, weil die Pflegerin jetzt auf sie +zukam und fluesterte: "Er schlaeft, gnaediges Fraeulein!" + +Der Hund aber kuemmerte sich nicht darum. Der war schon drin, hatte die +Pfoten auf den Bettrand gelegt und das Gesicht war dicht vor dem Antlitz +des Kranken, der gerade aufwachte. Aufwachte, wo diese schwarze Fratze +ihm in die Augen starrte. Sie oeffneten sich weit und schweiften voll +Entsetzen durch das Zimmer, wo sie Marys Blick begegneten. Sie stand +bleich und wie gelaehmt vor Schreck in der Tuer. Er wandte den Kopf nach +ihr hin, seine Augen blieben an ihr haengen, es kam ein Seherblick in +sie. Dann sank der Kopf zurueck. + +"Er stirbt!" schrie die Pflegerin hinter ihr auf. Sie setzte das Tablett +hin und eilte zu ihm. + +Mary konnte es zuerst nicht glauben; aber als sie es begriff, warf sie +sich mit einem herzzerreissenden Schrei ueber ihn. Der fand im Zimmer +nebenan bei Frau Dawes einen Widerhall. Als sie dorthin eilten, lag sie +ohne Bewusstsein. Sie kam nachher so weit zu sich, dass sie die Zunge +bewegen konnte. Sie stammelte allerhand in einem krausen Englisch, das +keiner verstand;--der Arzt aber sagte, es sei mit ihr gewiss auch bald +aus. Der Vater war tot. + +Mary klammerte sich an ihren Verstand, als halte sie ihn in ihren +Haenden. Jetzt galt es, jetzt galt es; nur nicht nachgeben. Nicht +schreien, nicht denken. Denn sie hatte ihn ja nicht getoetet! Es hiess: +fassen und begreifen, was die andern sagten, und dem Vorschlag +beistimmen, dass ihres Vaters Schwester geholt werden solle. Es galt, +ihrem eigenen Jammer nicht freien Lauf zu lassen, als sie die Trauer der +Tante sah. Es galt, es galt! "Hilf mir, hilf mir," schrie sie, "dass ich +nicht wahnsinnig werde!" Und zum Doktor sagte sie: "Ich habe ihn nicht +getoetet,--oder doch?" + +Er schickte sie zu Bett, machte ihr kalte Umschlaege und verliess sie +nicht. Auch er versicherte, es gelte! + +Erst als die kleine Nanna am andern Morgen frueh mit dem Hunde zu ihr kam +und der bei ihr im Bett liegen wollte, konnte sie weinen. + +Im Lauf des Tages wurde es besser; denn durch das Telephon stroemte eine +so gewaltige Menge von Telegrammen ins Haus, und es war eine so +herzliche, oft tiefbewegte Teilnahme in ihnen ausgedrueckt, dass ihre +Trauer davor schmolz. Dieses Mitgefuehl, diese Bewunderung fuer ihren +Vater und der innige Wunsch, sie zu troesten und zu staerken, halfen ihr. +Durch die unvorsichtige Abschrift einer dieser telephonischen Depeschen +erfuhr sie, dass auch Frau Dawes tot war. Man hatte sich nicht getraut, +es ihr zu sagen. Aber die grosse allgemeine Teilnahme half ihr auch +darueber hinweg. Jetzt erst verstand sie die Teilnahme ganz. Alle ausser +ihr hatten gewusst, dass sie die beiden verloren hatte, und dass sie nun +ganz allein stand. + +Am meisten erschuetterte sie ein Telegramm aus Paris, das folgenden +Wortlaut hatte: "Meine geliebte Mary! Wenn Dich in Deinem grossen Schmerz +das Bewusstsein troesten kann, dass Du bei mir ausruhen kannst, so bestimme +ueber mich; ich will mit Dir reisen, ich will zu Dir kommen, ganz wie Du +wuenschst! Treulich Deine Alice." + +Sie ahnte, wer Alice benachrichtigt hatte. + +Auch Joergen telegraphierte: "Wenn ich Dir im geringsten nuetzlich sein +oder Dich troesten kann, so komme ich sofort. Ich bin zerschmettert und +verzweifelt." + +Die gleiche ruehrende und ehrenvolle Teilnahme zeigte sich auch beim +Begraebnis, das drei Tage spaeter stattfand. Man hatte es um Marys willen +moeglichst frueh angesetzt. + +Es kamen Blumensendungen ohne Ende, vor allem aber ein Kranz von Alice. +Frische norwegische Blumen. + +Er wurde zu Mary hinaufgebracht, sie wollte ihn sehen. Das ganze Haus +war von Blumenduft erfuellt, mitten im Winter; der Hauch der Liebe +breitete sich ueber die Schlummernden. + +Sie war nicht unten; sie mochte die Saerge und die Blumen und die +Vorbereitungen nicht sehen. Unten in den Zimmern wurden denen, die +weither kamen, Erfrischungen gereicht. + +Aber es erschienen viel mehr Menschen, als das Haus fassen konnte, und +unten an der Kapelle war ein noch groesserer Andrang. + +Der Pfarrer fragte, ob er zu dem gnaedigen Fraeulein hinaufkommen duerfe. +Sie liess ihm danken, sagte aber nein. + +Gleich darauf fragte die kleine Nanna, ob "Onkel Klaus" sie begruessen +duerfe. Er hatte ein ruehrendes Telegramm geschickt und angefragt, ob er +ihr irgendwie behilflich sein koenne. Ausserdem war der Kranz von ihm so +grossartig,--wie die Dienstboten versicherten--dass man auch den nach oben +gebracht hatte, damit sie sich ihn ansehen solle. + +Sie sagte ja. Und herein kam der grosse Mann im schwarzen Anzug, +schnaufend, als falle ihm das Atmen schwer. Kaum war er im Zimmer und +sah Mary wie eine Elfenbeinstatue mit dem schwarzen Kleid neben ihrem +Bett stehen, da setzte er sich auf den naechsten Stuhl und brach in +Traenen aus. Es klang, als wenn in einer grossen Uhr die Feder springt und +das ganze losschnarrt. Es war das Weinen eines Mannes, der seit seiner +Kindheit nicht mehr geweint hatte. Ein Weinen, das sich ueber sich selbst +entsetzte. Er sah nicht auf. + +Aber er hatte etwas auf dem Herzen, das merkte sie. Es war, als wolle er +ein paarmal einen Anlauf nehmen, aber dann packte ihn das Weinen noch +schlimmer. Da winkte er mit der Hand ab. Das galt nicht ihr, das galt +ihm selbst; er konnte nicht. Er stand auf und ging. Die Tuer machte er +nicht hinter sich zu. Sie hoerte ihn schluchzen den Flur entlang und die +Treppe hinunter. Vermutlich brach er jetzt sofort auf. + +Mary war ergriffen. Sie wusste, ihr Vater war sein bester, vielleicht +sein einziger Freund gewesen. Aber sie ahnte, dass das Weinen nicht nur +ihrem Vater galt; es lag auch unmittelbare Teilnahme darin und Reue. +Sonst waere er unten am Sarge geblieben. + +Die schoene Glocke der Kapelle begann zu laeuten. Der Hund, der den ganzen +Tag bei ihr im Zimmer hatte bleiben muessen und sehr unruhig gewesen war, +stuerzte jetzt ans Fenster, das auf die See hinausging, und legte die +Pfoten aufs Fensterbrett, um hinauszusehen. Mary trat zu ihm. + +Im selben Augenblick fuhr Onkel Klaus fort. Unten in den Zimmern aber +wurde ein Choral angestimmt, das Trauergefolge kam. Die beiden Saerge +wurden von Bauern der Umgegend getragen. Als der erste herauskam, sank +Mary in die Knie und weinte, als solle das Herz ihr brechen. Weiter sah +sie nichts. + +Sie lag auf dem Bett, das Glockengelaeute schnitt ihr ins Herz; sie hatte +das Gefuehl, es muesse Furchen durch die Seele ziehen. Ihre Sinne +verwirrten sich immer mehr; sie war ueberzeugt, ihr Vater habe, als sie +in der Tuer stand, in sie hineingesehen, und daran sei er gestorben. Frau +Dawes war ihm wie immer gefolgt. Er war die einzige, grosse Liebe ihres +Lebens gewesen. Jetzt waren sie beide bei ihr. Auch ihre Mutter in einem +weissen, schleppenden Kleide. "Du frierst, Kind!" Sie nahm sie in die +Arme, denn Mary war wieder ein kleines Kind und ganz unschuldig. Darueber +schlief sie ein. + +Aber als sie aufwachte und draussen und drinnen keinen Laut hoerte,--das +Haus war leer ... da faltete sie die Haende und sagte halblaut: "Es war +das beste fuer uns drei. Das Schicksal war barmherzig mit uns." + +Sie sah sich nach dem Hund um; sie brauchte Teilnahme. Aber irgendeiner +musste ihn hinausgelassen haben, waehrend sie schlief. + +Das genuegte, um wieder in Traenen auszubrechen. Perle auf Perle aus der +unerschoepflichen Schmerzensquelle rann ihr ueber Wangen und Haende, wie +sie so dalag und den schweren Kopf stuetzte. + +"Jetzt kann ich anfangen, wieder an mich selbst zu denken. Jetzt bin ich +allein." + + * * * * * + +Entscheidung + + +Am naechsten Tage ging sie zu den Graebern hinunter. Ihr Schmerz wurde +durch einen kleinen Zwischenfall abgelenkt. + +Es war Sonnabend und morgen war einer der wenigen Sonntage des Jahres, +da in der Kapelle Gottesdienst stattfand. Zu solchen Tagen pflegten wohl +die Graeber geschmueckt zu werden. Da das rechte Nachbargehoeft frueher zu +Krogskog gehoert hatte, hatten die Leute hier ihren Begraebnisplatz. Die +Frau war hingekommen, um ein frisches Grab zu schmuecken, und der alte +Wolfshund hatte sie begleitet. Natuerlich flog Marys kleiner Pudel +treuherzig auf ihn zu, und zu Marys und der Frau Erstaunen nahm der alte +Hund nach einer umstaendlichen und vorsichtigen Beriechung den kleinen +Narren in seine Freundschaft auf. Er, der sonst keine jungen Hunde +leiden mochte, verliebte sich in ihn. Er litt, dass er ihn an den Ohren +zerrte und ihn in die Beine biss, ja, er legte sich vor ihm nieder und +spielte den Ueberwundenen. Mary machte das solche Freude, dass sie die +Frau ein Stueck begleitete, um dem Spiel zuzusehen. Und sie wurde dafuer +belohnt; denn sie hoerte warme Lobesworte ueber ihren Vater und einen +Widerhall all dessen, was in diesen Tagen in der Umgegend gesprochen +worden war und den Grund zu seinem Nachruhm legte. + +Als sie mit dem Hunde, der jetzt sehr aufgekratzt war, wieder nach Hause +ging, dachte sie: werde ich wohl Mutter aehnlich? Ist irgend etwas in +mir, das bisher keinen Platz gehabt hat? Etwas Idyllisches? + +Es warteten ihrer an diesem Tage zwei Dinge. + +Das eine war ein Brief von Onkel Klaus, er nannte sie "Hochverehrtes, +liebes Patenkind, Fraeulein Mary Krog." + +Dass er ihr Pate war, hatte sie nicht geahnt. Das hatte ihr Vater ihr nie +gesagt; wahrscheinlich wusste er es gar nicht. + +Onkel Klaus schrieb: + +"Es gibt Gefuehle, die zu stark fuer Worte sind, zumal fuer geschriebene. +Ich bin kein Held der Feder; ich nehme mir nur die Freiheit, Dir +schriftlich mitzuteilen,--weil ich es muendlich nicht konnte,--dass ich an +demselben Tage, da mein unvergesslicher Freund, Dein Vater, starb, und +Frau Dawes, Deine edle Pflegemutter, gleichfalls starb, und Du allein +zurueckbliebst, Dich, mein liebes Patenkind, zu meiner Erbin eingesetzt +habe. + +Mein Vermoegen ist bei weitem nicht so gross, wie allgemein angenommen +wird; ich habe auch in der letzten Zeit viel Pech gehabt. Aber es ist +schliesslich doch genug fuer uns beide, wenn Du Deinen Teil verwaltest und +nicht Joergen. Ich gehe naemlich davon aus, dass Ihr jetzt heiratet. + +Seit vielen Jahren habe ich Frau Dawes' Testament bei mir liegen, wie +ich auch ihr Geld in Verwaltung gehabt habe. Gestern habe ich das +Testament geoeffnet. Sie hat Dir alles vermacht, was sie besitzt. Es sind +wohl an sechzigtausend Kronen. Aber es ist mit diesem Gelde ebenso +bestellt wie mit dem Gelde Deines Vaters: es traegt zurzeit so gut wie +keine Zinsen. + +Dein Pate Klaus Krog." + +Mary antwortete sofort: + +"Mein lieber Pate! + +Dein Brief hat mich tief geruehrt. Ich danke Dir von ganzem Herzen. + +Aber Dein grosses Geschenk darf ich nicht annehmen. + +Joergen ist doch Dein Pflegesohn, und ich moechte ihm in keiner Weise im +Wege stehen. + +Du darfst mir das nicht uebelnehmen. Ich kann unmoeglich anders handeln. + +Ueber Frau Dawes' Testament werde ich spaeter meine Bestimmungen treffen +und sie Dir dann mitteilen. + +Deine dankbare + +Mary Krog." + +Als sie den Brief fertig hatte, hoerte sie einen Wagen vorfahren. Gleich +darauf wurde ihr eine Visitenkarte ueberbracht; darauf stand: Margrete +Roey, cand. med. + +Es dauerte eine Weile, bis sie hereinkam; sie hatte ihren Reisemantel +abgenommen; es war ein kalter Tag. Das erhoehte Marys Spannung +betraechtlich, so dass sie, als die hohe, kraeftige Frauengestalt mit den +guten Augen in der Tuer stand, blass wurde und zitterte. Sie merkte, was +das auf die guten Augen fuer einen Eindruck machte, die jetzt ihr ganzes +Mitgefuehl ueber sie hinstroemten. Als kennten sie beide sich seit vielen +Jahren, ging Mary ihr entgegen, legte den Kopf an ihre Schulter und +weinte. Margrete Roey zog das unglueckliche Maedchen warm an ihre Brust. + +Sie setzten sich. Sie wollte sich erkundigen, wann Mary ins Ausland +gehe. Mary war sehr erstaunt: "Habe ich darueber mit jemandem +gesprochen?"--Margrete Roey erklaerte ihr, sie habe es von der Pflegerin +erfahren. "Ach," antwortete Mary, "was ich in dem Zustand gesagt habe, +weiss ich nicht mehr. Ich habe jedenfalls nachher nicht wieder daran +gedacht." + +"Also Sie wollen nicht fort?" Mary bedachte sich eine Weile. "Ich kann +es wirklich noch nicht sagen. Soweit bin ich noch nicht wieder zu mir +selbst gekommen." Margrete Roey wurde verlegen. Das sah Mary, oder +richtiger, sie fuehlte es. "Wollen Sie etwa auch ins Ausland?" fragte +sie. "Ja. Ich wollte hoeren, ob ich Ihnen irgendwie dienlich sein kann, +dann wollte ich meine Reise nach Ihrer einrichten."--"Wohin reisen Sie +denn?"--"Ich reise im Interesse meines Studiums und fange mit Paris an. +Die Pflegerin sagte mir, dahin wollten Sie auch", fuegte sie hinzu. Sie +war ganz schuechtern geworden. Sie hatte Mary helfen wollen und kam sich +nun aufdringlich vor. "Ich weiss, Sie meinen es gut", antwortete Mary. +"Es kann ja sein, dass ich von Paris gesprochen habe. Ich erinnere mich +nicht. In Wirklichkeit habe ich noch nichts beschlossen."--"Ja, dann +muessen Sie schon verzeihen. Dann beruht alles auf einem Missverstaendnis." +Fraeulein Roey stand auf. + +Mary hatte das Gefuehl, sie muesse sie zurueckhalten; aber sie hatte nicht +die Kraft. Erst an der Tuer vertrat sie Fraeulein Roey den Weg. "Ich moechte +in den naechsten Tagen einmal mit Ihnen sprechen, Fraeulein Roey." Sie +sagte es sehr leise und blickte nicht auf. "Heute fuehle ich mich nicht +kraeftig genug", fuegte sie hinzu.--"Das sehe ich. Das habe ich auch +angenommen. Deshalb habe ich Ihnen etwas mitgebracht, wovon Sie +vielleicht Gebrauch machen koennen. Es ist das beste Kraeftigungsmittel, +das ich kenne." + +Nein, wie sympathisch ihr ganzes Wesen Mary beruehrte. Sie dankte ihr +herzlich. + +"Wenn ich etwas gesunder bin, komme ich also."--"Sie sollen mir +willkommen sein."--"Ja," sagte Mary erroetend, "es ist Ihnen doch nicht +unangenehm, zu mir zu kommen?"--"In Ihr Haus am Markt?" fragte Margrete +Roey; sie wurde auch rot.--"In unser Haus am Markt, ja. Aber ich kann +wohl gar nicht mehr 'unser' sagen?" Ihr kamen wieder die Traenen. "Wenn +Sie mich nur verstaendigen, komme ich hin." + +Acht Tage spaeter kam sie. + +In einem wuetenden Novembersturm, wie man ihn schlimmer in jener Gegend +nie erlebt hatte. Das Wasser war noch nicht zugefroren, so dass Dampfer +verkehren konnten. Aber nur mit Not und Muehe. Und bei der Stadt mussten +sie Halt machen. + +Margrete Roey war hoechlichst erstaunt, als sie an diesem Tage die +Nachricht erhielt, sie moege in das Krogsche Haus am Markt kommen. + +Sie kam in ein warmes behagliches Haus hinein und war doch gewohnt, es +ausgestorben mit heruntergelassenen Vorhaengen zu sehen. Sie wurde eine +breite, altmodische Treppe hinaufgefuehrt; es war die ganze Stilart der +alten Stadthaeuser zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. + +Mary sass in einem roten Boudoir, das seit den Lebzeiten ihrer Mutter +unveraendert geblieben war. Sie sass auf dem Sofa unter einem grossen +Portraet der Mutter. Als sie aufstand in ihrem schwarzen Kleide, bleich +und mit mueden Augen unter dem roten Haar, da erschien sie Margrete Roey +wie die Verkoerperung des Schmerzes, die schoenste, die man sich +vorstellen konnte. Es lag eine Feiertagsruhe auf ihrem Wesen. Sie sprach +so leise, wie der Sturm draussen es irgend gestattete. + +"Ich fuehle, Sie ehren das Leid eines anderen Menschen. Ich bin auch +ueberzeugt, dass Sie verschwiegen sind."--"Das bin ich."--Es dauerte eine +Weile, bis Mary sagte: "Was fuer ein Mensch ist Joergen Thiis?"--"Was fuer +ein Mensch er ist?" + +"Aus verschiedenen Gruenden nehme ich an, dass Sie mir das sagen +koennen."--"Da muss ich aber erst fragen: sind Sie nicht mit Joergen Thiis +verlobt?"--"Nein."--"Man hat es gesagt."--Mary schwieg.--"Ja, sind Sie +denn auch nicht mit ihm verlobt gewesen?"--"Doch."--Da sagte Margrete +rasch und freudig: "Aber Sie haben die Verlobung aufgehoben?"--Mary +nickte.--"Das wird manchem eine Freude bereiten; Joergen Thiis ist Ihrer +nicht wuerdig." Das schien Mary nicht in Erstaunen zu setzen. "Sie wissen +etwas?" fragte sie.--"Ein Frauenarzt, liebes Fraeulein, weiss mehr, als er +erzaehlen kann."--"Aber ich glaube doch, er hat mich geliebt", sagte +Mary, um sich zu entschuldigen.--"Das haben wir alle gemerkt", +antwortete Margrete. "Er liebte Sie sicher mehr als je eine zuvor." Und +sie fuegte hinzu: "Das war nicht zu verwundern ... Aber in Kristiania +habe ich ein junges, suesses Maedel gekannt, die damals seine Einzige war! +Sie war ganz aus dem Haeuschen, und da sie sich nicht heiraten konnten, +gab sie sich ihm hin."--"Was tat sie?" Mary schrak auf; hatte sie recht +gehoert? Es stuermte draussen so sehr, dass man einander schwer verstehen +konnte. Margrete wiederholte deutlich und mit Betonung: "Sie war ein +warmherziges Ding und glaubte, sie sei wirklich seine Einzige."--"Sie +konnten sich nicht heiraten?"--"Sie konnten sich nicht heiraten. Da gab +sie sich ihm hin." + +Mary fuhr in die Hoehe, blieb aber stehen. Sie hatte etwas sagen wollen, +hielt aber inne. + +"Erschrecken Sie nicht so, Fraeulein Krog, das ist nichts Seltenes." Bei +dieser Auslegung war es Mary, als sinke sie in eine tiefere Klasse +herab. Sie setzte sich langsam wieder hin. "Sie haben gewiss in solchen +Dingen gar keine Lebenserfahrung, Fraeulein Krog."--Mary schuettelte den +Kopf.--"Dann wundert es mich, dass Sie beizeiten von Joergen Thiis +losgekommen sind; der hat Routine."--Mary antwortete nicht. "Wir nahmen +an, Sie wuerden noch vor dem Herbst heiraten. Besonders als Ihr Vater und +Frau Dawes krank wurden."--"Das wollten wir auch, aber es stellte sich +als unmoeglich heraus." + +Margrete konnte nicht ergruenden, was hinter dieser raetselhaften Antwort +steckte. Aber sie sagte mit forschenden Augen: "Da wuchs wohl seine +Begierde ganz bedeutend?"--Es bebte in Mary, aber sie zwang es nieder. +"Sie scheinen ihn zu kennen?"--Margrete bedachte sich eine Weile: "Ja," +sagte sie, "ich bin ja aelter als Sie,--auch aelter als er. Aber--zu +meiner Schande sei's gesagt,--in Kristiania vergaffte ich mich auch in +ihn. Das merkte er--und versuchte sein Heil." Sie lachte. + +Mary wurde bleich, sie erhob sich und trat ans Fenster. Draussen +peitschten Sturm und Regen mit wachsender Gewalt gegen die Scheiben; sie +mussten jetzt ganz laut sprechen. Mary stand eine Weile und blickte in +das Unwetter hinaus, kam dann zurueck und stellte sich aufgeregt und +unruhig vor Margrete hin. + +"Wollen Sie mir versprechen: niemals einem Menschen zu sagen, worueber +wir heute geredet haben?--Unter keinen Umstaenden?"--Margrete sah sie +verwundert an: "Ich soll niemandem erzaehlen, dass Sie mich nach Joergen +Thiis gefragt haben?"--"Ich wuensche absolut, dass keiner es +erfaehrt."--"Auf wen geht das?"--Mary sah sie an: "Auf wen das geht?" Sie +verstand die Frage nicht. Margrete aber stand auf: "Ein Mensch kam +eigens in diese Stadt, um Ihnen zu sagen, dass Joergen Thiis Ihrer nicht +wuerdig sei. Er kam zu spaet. Aber mir scheint, er verdient zu erfahren, +dass Sie jetzt selbst dahintergekommen sind, was fuer ein Mensch Joergen +Thiis ist."--Mary antwortete eifrig: "Dem sagen Sie's! Dem koennen Sie es +sagen.--So ist er deshalb gekommen?" fuegte sie langsam hinzu. "Es ist +mir lieb, dass Sie mir das gesagt haben! Mein zweites Anliegen war +naemlich ... (sie hielt einen Augenblick inne); das zweite, was ich Ihnen +zu sagen hatte, war ... Sie sollen Ihren Bruder gruessen. Von mir."--"Das +will ich tun. Und ich danke Ihnen dafuer! Sie wissen, was Sie meinem +Bruder sind." Marys Augen wichen ihr aus. Sie kaempfte eine Weile mit +sich. "Ich bin eine von den Ungluecklichen," sagte sie, "die ihr eigenes +Leben nicht ins Lot bringen koennen,--nicht das, was geschehen ist. Ich +kann den Faden nicht finden. Aber mir ist, als wenn Ihr Bruder Anteil +daran habe."--Sie wollte wohl noch mehr sagen, vermochte es aber nicht. +Sie trat statt dessen wieder ans Fenster und blieb da stehen. Das +Unwetter draussen drang mit tausendstimmiger Wut ins Zimmer. Es schrie +foermlich nach ihr. "Herrgott, was fuer ein Wetter", sagte Margrete mit +lauter Stimme. "Ich freue mich, in das Wetter hinauszukommen", sagte +Mary, indem sie sich mit leuchtenden Augen umwandte. "Sie wollen in +diesem Wetter hinaus?" rief Margrete. "Ich will nach Hause gehen!" +antwortete Mary. "Noch obendrein gehen?!" Mary kam heran und stellte +sich vor sie hin, als wolle sie etwas Gewaltiges, Ungestuemes sagen. Sie +hielt freilich inne; aber das Unausgesprochene stuermte empor in ihre +Augen, in ihr Gesicht, in ihre Brust, dass sie die Arme in die Luft +reckte und mit einem lauten Aufstoehnen auf das Sofa ihrer Mutter +niedersank. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Haenden. + +Da kniete Margrete vor ihr hin. Mary liess sich umarmen und wie ein +muedes krankes Kind an ihre Brust ziehen. Auch das Weinen brach ruehrend +und hilflos wie das Weinen eines Kindes aus ihr hervor; ihr Kopf sank +auf die Schulter der Freundin. + +Nur einen Augenblick. Dann richtete sie sich mit einem Ruck empor. Denn +Margrete hatte ihr zugefluestert: "Ihnen fehlt etwas. Sagen Sie es mir!" + +Kein Wort als Antwort. Da wagte Margrete nichts mehr zu sagen. Sie stand +auf; sie fuehlte, hier war nichts mehr fuer sie zu tun. + +Mary tat auch nichts, um sie zurueckzuhalten. Sie war auch aufgestanden, +und so sagten die beiden sich Lebewohl. + +Aber als Margrete an der Tuer stand, konnte sie doch nicht umhin, noch +einmal zu fragen: "Wollen Sie wirklich hinaus--?" Mary nickte, als wolle +sie sagen: "Genug davon! Das ist meine Sache." + +Da ging Margrete. + + * * * * * + +Die Laternen brannten schon, als Mary vor ihrem Hause stand. Sie konnte +sich bei den Windstoessen nur muehsam aufrechthalten, die sich von +Suedwesten her zwischen den Haeusern durchpressten. Sie hatte einen +wetterfesten Mantel um mit einer Kapuze und hohe, gut schliessende, +wasserdichte Stiefel. Sie ging so rasch sie konnte. Eine einzige +Vorstellung war von dem Gespraech mit Margrete Roey in ihr +zurueckgeblieben. Aber die jagte sie vorwaerts, die peitschte ihr mit dem +Regen zusammen in den Ruecken:--Margretes entsetzte Augen und ihr +bleiches Gesicht, als sie gesagt hatte: "Ihnen fehlt etwas? Sagen Sie's +mir!" Himmlischer Vater, sie wusste es! So wuerden alle sie ansehen, wenn +sie es erfuhren! So tief hatte sie die Leute enttaeuscht und gekraenkt in +ihrem Glauben an sie. Ihr war's, als seien sie alle hinter ihr her, als +fliehe sie vor ihnen. Vor dem Kraehenschwarm! Sie stuermte dahin und war +ausserhalb der Stadt, ehe sie selbst es merkte. Hier draussen, wo keine +Laternen mehr standen, war es stockfinster; sie musste eine Weile +stillstehen, bis sie den Weg sehen konnte. Aber dann ging's erst recht +vorwaerts! Sie hatte den Orkan halb von hinten, halb von der Seite. + +Das war der Richterspruch, der sie aus Land und Reich verjagte! Der sie +noch weitertrieb! Ihr war's von der ersten Stunde an, da ihr Klarheit +wurde ueber ihre Lage, gewesen, als habe sie ein Paket geschenkt +bekommen, das sie bis jetzt nicht aufgemacht hatte. Sie hatte die ganze +Zeit ueber geahnt, was darin war; aber eigentlich hatte sie es erst +gestern aufgemacht. In dem Paket war ein grosser schwarzer Schleier, in +den sie sich und ihre Schande einhuellen konnte, der Schleier des Todes. +Aber auch der Schleier wurde ihr nur bedingungsweise geschenkt. Unter +einer Bedingung, die sie von Kind auf kannte. Damals war ihr die +Geschichte einer Grosstante erzaehlt worden, die es hatte verheimlichen +wollen, dass sie waehrend der Abwesenheit des Mannes schwanger geworden +und deshalb heimlich Abend fuer Abend mit blossen Fuessen auf dem eiskalten +Fussboden umhergelaufen war. Sie hatte den natuerlichen Tod sterben +wollen, der die Folge davon sein musste. Dann wuesste keiner, dass sie sich +das Leben genommen habe, und das Warum kam nicht heraus. + +Aber irgendeiner hatte sie Nacht fuer Nacht so auf und ab gehen hoeren; +daher kam es doch heraus. + +Das wollte sie jetzt besser machen! + +Die Schwaeche, die vor Margrete so unerwartet ueber sie gekommen, war +voellig geschwunden. Jetzt hatte sie Kraft zu ihrem Vorhaben. + +Als solle ihr Mut sofort auf die Probe gestellt werden, tauchte neben +ihr etwas Schattenhaftes auf. Es trat ungeahnt aus dem Dunkel hervor und +so beaengstigend nahe, dass sie zu laufen anfing. Das Entsetzen, als sie +durch das Toben der Elemente zu hoeren meinte, es komme hinter ihr +hergelaufen! Da fand sie ihre Fassung wieder und blieb stehen. Da blieb +das hinter ihr auch stehen. Sie ging weiter; da ging das Schattenhafte +auch weiter. Nein, dachte sie: wenn ich nicht den Mut habe, dieser +Sache auf den Grund zu gehen, so habe ich auch den Mut nicht zu dem +aendern. Damit drehte sie sich um und ging direkt auf das Ungeheuer zu, +das sie verfolgte: es wieherte gutmuetig,--es war ein junges Pferd. Es +war gesattelt und suchte in seiner Verlassenheit den Menschen. Sie +streichelte es und sprach mit ihm. Es war doch ein Gruss des Lebens, ein +Verlassener, der eine Verzweifelte troestete. Aber als es weiter mitging, +lieferte sie es auf dem naechsten Bauernhof ab. Sie musste allein sein. +Die Leute waren hoechlichst erstaunt. Dass jemand in dem Wetter draussen +war, und noch dazu eine Frau! Sie floh hastig aus der Helle wieder ins +Dunkel hinaus. + +Das kleine Ereignis hatte sie gestaerkt; sie wusste jetzt, dass sie Mut +hatte. Und rasch schritt sie vorwaerts. + +Sie musste jetzt ueber den ersten Huegel, den der Weg durchquerte. Ob es +wirklich so war, oder ob es ihr nur so schien: der Sturm nahm bestaendig +zu. Er musste doch bald seinen Hoehepunkt erreicht haben. Aber fuer sie lag +all ihr eigener Jammer und ihre Schande darin. Gerade das gab ihr Kraft. +Nicht vor dem Tode hatte sie Furcht,--nur vor dem Leben. + +Im Weiterschreiten durchdachte sie alles noch einmal. Sie wollte ihr +Kind nicht verraten, nicht sich selbst retten, indem sie das Kind toeten +liess. Es nicht zu fremden Leuten geben und dann verleugnen. Nicht leben +ohne Selbstachtung. + +Wenn ein Bewerber kaeme--und sicher kaemen jetzt genau so viele wie +frueher!--sollte sie es ihm dann gestehen? Oder schamlos verschweigen? Es +gab nur eins, was sie mit Ehren tun konnte: mit ihrem Kinde zusammen +untergehen. Zu nichts anderem fuehlte sie sich faehig. Aber das musste so +geschehen, dass keiner etwas merke. Sie musste an einer Krankheit sterben; +also hiess es, sich diese Todeskrankheit zuzuziehen. + +Das war sie sich selber schuldig. Denn sie war sich heute genau so +sicher wie an jenem Abend, als sie zu Joergen hineinging, dass sie nicht +deswegen ungluecklich zu werden verdiene. + +Es war ein ungeheurer Irrtum, ja;--aber daran war sie unschuldig. Es war +gewiss auch stark mit Naturtrieb verquickt gewesen,--trotzdem war es eine +Handlung, deren sie sich nicht schaemte. Sie war es sich selber schuldig, +mit dem unverkuerzten Mitgefuehl aller zu sterben, die sie je gekannt +hatte. Sie war das auch denen die in ihr die erste von allen gesehen +hatten. Sie hatte nicht illoyal den Glauben dieser Menschen an sich aufs +Spiel gesetzt. + +Jetzt war sie vorn auf der Landzunge, und der fuerchterliche Kampf, der +hier begann, wurde unversehens zu einem Kampf um dies eine. Es war, als +wollten alle Maechte der Welt ihr die Selbstachtung entreissen und sie +verdammen. Hier war offnes Meer und meilenweit her rollten die Wogen in +wachsender Empoerung heran. Wenn sie dann am Felsen anprallten, spruehten +sie meterhoch auf. Die allerhoechsten kamen mit den letzten, schneidenden +Spritzern bis zu ihr hinauf. "Da hast Du's! Da hast Du's!" Und der +Sturm, der gegen die zerrissene Felsenkante anraste, wollte sie durch +die Macht des Luftdrucks herunterreissen. Obschon der Regenmantel die +Kleider gut zusammenhielt, war's doch, als wolle der Sturm sie ihr vom +Leibe herunterziehen: "Steh nackt in Deiner Schande, in Deiner Schande!" + +Aber das rasende Schaeumen der Wogen schuechterte sie nicht ein, sich +schuldig zu fuehlen, auch der Sturm konnte sie nicht bis an die +Eisenstange treiben und vielleicht gar hinueber. Sie bueckte sich, ja sie +musste bei den schlimmsten Stoessen stillstehen; aber dann ging's wieder +weiter, und sie hielt ihren Weg ein. "Ich gebe meinen Ehrenkranz nicht +her,--ich will mit ihm sterben! Deshalb sollt _ihr_ mich nicht haben!" + +Sie gelangte gluecklich um die Spitze herum und auf die andere Seite und +von dort in die Ebene zwischen diesem Huegel und dem naechsten. Hier war +einmal ein Bergrutsch den Hang hinunter gegangen und unten lag das +Geroell, ueber das jetzt der Weg fuehrte. In diesem verwitternden Geroell +stand ganz allein dicht am Wege eine einzige schwanke Birke. An die +Birke dachte sie, als sie gerade an die Stelle kam; bei solchem Sturm +musste sie doch gebrochen sein? Nein, sie stand. Mary blieb daneben +stehen und holte tief Atem. Die Birke beugte sich, dass Mary jeden +Augenblick dachte: jetzt bricht sie; aber sie schnellte elastisch wieder +in die Hoehe. Sie selbst konnte sich nicht lange an dieser Stelle halten, +so entsetzlich scharf pfiff der Orkan gerade hier um die Ecke; die junge +Birke aber, die so hoch emporragte und eine so ueppige Krone hatte und +selbst so zart und schwach war, die stand stolz da, ganz aus eigener +Kraft; an ihr prallte alles ab. + +Sie wollte den Gedanken ausspinnen, als sie weiterging und in die Ebene +einbog. Aber gerade hier bekam der Sturm die Macht, ihr den Regen ins +Gesicht zu peitschen; jeder Tropfen war wie eine scharfe Nadel. Ach +nein, dachte sie, solch Gefuehl waere es, wenn ich versuchte, dem Sturm zu +trotzen, der meiner harrt. + +Die Lichter auf den Hoefen, das einzige, was sie sah, verkuendeten +Frieden. Aber sie wusste, was der Friede ihr bringen werde. + +Sie schritt auf dem Wege an der Bucht entlang weiter; aber sie wurde +allmaehlich muede. Sie merkte es daran, dass die Bilder ueberhand nahmen; +die Wirklichkeit verschwand hinter Bildern. Alte Vorstellungen aus +Buechern. Als sie auf die zweite Landzunge zustrebte, war das Meer, das +hier wieder offen vor ihr lag, gar kein Meer, sondern lauter +Seeungeheuer, die mit aufgesperrtem Rachen vor Begierde bruellten, +hunderte und aber hunderte. Und die rasenden Raubtiere in der Luft mit +den grausigen Schwingen hatten denen da unten versprochen, Mary ihnen +zuzuwerfen. Sie hielt sich mit ihrer letzten Kraft an der Felswand fest; +aber jetzt kam ein Graben, sie fiel hinein und durchnaesste ganz. Es sind +also noch mehr Feinde da, dachte sie und krabbelte wieder heraus. +Gluecklicherweise war die Landzunge schmal; bald war sie an der Biegung +nach der naechsten breiten Ebene. Dann kam nur noch ein Berg. Nicht um +das Leben zu retten, wollte sie nicht hinausgeschleudert werden, nur um +die Ehre zu retten. Fand man sie in der See oder war sie ganz +verschwunden, so wuerden alle sagen, sie habe den Tod gesucht--und dann +auch nach dem Grunde forschen. + +Jetzt aber hoerte sie durch die Dunkelheit den alten Finnenhund bellen. +Ganz nahebei. Sie war schneller gegangen, als sie gedacht hatte, sie war +ja schon beim Nachbargehoeft, Jetzt sah sie auch die Lichter. + +Schon der Gedanke, einem Wesen zu begegnen, das an ihr hing, bewegte +sie. Sie liebte das Leben. Sie glaubte selbst nicht mehr, dass sie so +untauglich zum Leben sei. Als diese wohlbekannte Stimme aus dem Dunkel +nach ihr rief, war ihr zumut, wie einem Schiffbruechigen, der am Ufer +Menschen sieht. + +Als sie ueber das Gehoeft ging, verliess der Hund seinen Posten und kam +klaeffend, schweifwedelnd und triefend heran, um sich seine Begruessung zu +holen. Sie strich ihm dreimal zum Abschied ueber den Kopf und eilte +weiter. Kurz darauf hoerte sie ihn wieder bellen, aber anders, viel +heftiger. Sie musste unwillkuerlich an Joergen denken. Wie ueberhaupt auf +dieser ganzen letzten Wegstrecke, die sonst nur ihrem Vater geweiht +gewesen war. Wie hundertmal war sie hier von klein auf mit ihrem Vater +gegangen und geradelt. Jetzt war auch das von Joergen verschandelt. Sie +konnte hier nicht mehr ohne ihn gehen. Keinen Schritt in ihrem Leben +mehr ohne ihn. + +Sie blickte unwillkuerlich nach oben, aber Himmel war nicht zu sehen. + +Ganz erschoepft ruestete sie sich, den letzten Huegelruecken zu +ueberschreiten. Sie passierte ihn gedankenlos, ohne das Gefuehl, dass es +das letztemal war; aber auch ohne Bangen. + +Das, worauf sie jetzt geradenwegs zuging, stand so fest in ihren +Gedanken wie der Weg unter ihren Fuessen. Der fuehrte ueber die Feldmark +von Krogskog auf die Landungsbruecke. Es war so finster, dass ihre Augen, +die sich jetzt doch an die Dunkelheit gewoehnt hatten, die weissen Mauern +der Kapelle erst dicht an der Landungsbruecke wahrnahmen. Ihre Gedanken +schweiften hinueber zu den Graebern auf dem Kirchhof; aber gleich kamen +sie zurueck, um sich zu sammeln fuer das Ziel ihrer Wanderung. Ohne Zoegern +setzte sie den Fuss auf die Bruecke und ging hinunter. Hier draeute kein +Orkan, hier peitschte ihr kein Regen ins Gesicht; die beiden waren zu +freundlich gesinnten Maechten geworden, sowie sie den Boden von Krogskog +betreten hatte. Die Hoehen und die Inseln boten hier Schutz. Unter andern +Umstaenden haette sie eine Erleichterung gefuehlt, und vielleicht den +Frieden in dem heimischen Hafen empfunden,--jetzt war jeder Gedanke +abgestumpft. Ganz mechanisch eilte sie weiter. Mechanisch machte sie ein +paar Knoepfe ihres Regenmantels auf, um den Schluessel herauszuholen; +mechanisch steckte sie ihn ins Schloss und oeffnete die Badehaustuer. Erst +als sie drinnen stand in der Stockfinsternis, kam sie zum Bewusstsein und +erschrak. Der Suedwestwind, der hier noch uebrig geblieben war, schlug die +Tuer zu, da schauderte sie zusammen. Es war, als sei sie nicht allein. + +Sie musste sich jetzt ausziehen und die Treppe hinuntersteigen, um +eiskalt zu werden. Eis-eiskalt! Dann sich wieder anziehen und nach Hause +gehen zum Fieber und zu den andern Dingen, die hinterher kamen. Haette +das Fieber die erwartete Wirkung nicht, dann hatte sie etwas, was +nachhalf. Sie hatte es bei Frau Dawes in einem Fach gefunden. Dann traefe +das Fieber die Schuld. + +Aber nun, da sie mit dem Ausziehen anfangen wollte, war's, als krampfe +sich alles in ihr zusammen, und eine Gaensehaut ueberlief sie. Vor dem +Wasser, vor dem eiskalten Wasser, in das sie hineinmusste, hatte sie +Angst. Huh, hier dicht bei war gewiss schon Eis. Sie musste mit den +nackten Fuessen das Eis betreten! Sie wollte doch auf jeden Fall die +Struempfe anbehalten; die konnte sie nachher trocknen, damit keiner +Verdacht schoepfe. Aber das eis-eiskalte Wasser ... wenn sie einen +Herzkrampf bekaeme? Nein, sie wollte sich bewegen, wollte schwimmen. Aber +wenn sie sich am Eise schnitt, wenn sie wieder herauswollte? Sie musste +auch die Unterkleider anbehalten. Aber wuerden die bis zum naechsten +Morgen trocknen? O doch, wenn sie sie an den Ofen hing. Sie musste +zuriegeln, damit alles in Ordnung war, wenn das Maedchen hereinkam. Wenn +sie dann nur noch bei Bewusstsein war! Sie war nie krank gewesen; sie +wusste nicht Bescheid damit. + +Als sie in diese langen Ueberlegungen verfiel, hatte sie den Regenmantel +aufgeknoepft. Nun, da sie die Kapuze abnehmen musste, geschah das +Unerwartete, dass sie ganz unwillkuerlich statt dessen mit dem Kleide +anfing und es oben am Halse aufknoepfte, wo das Medaillon ihrer Mutter +hing. Da zitterten ihr die Haende, und auch ihren Koerper ueberlief ein +Beben. Sie hatte nicht an das Medaillon gedacht; nein, viele Jahre +nicht, auch jetzt dachte sie nicht daran; daher ruehrte das Zittern +nicht. Aber das Medaillon kam sozusagen bei dem Zittern nach oben. Sie +musste es jetzt doch abnehmen. Wenn sie es nur nicht vergaesse! Nein, sie +wollte es gleich in die Tasche stecken. + +--So!-- + +Da kam ein neues Grauen. Ganz deutlich hoerte sie feste Schritte auf der +Landungsbruecke, die naeher und naeher kamen. Das Zittern hoerte auf; +instinktiv knoepfte sie erst das Kleid am Halse wieder zu, dann ganz, +ganz schnell auch den Mantel. Wer hatte hier etwas zu tun? Im Badehause +keinesfalls. + +Doch just hierher kam es! Ein fester Griff, die Tuer flog auf, eine +maechtige Gestalt im Wettermantel stand im Rahmen; der Kopf mit der +Kapuze ragte ueber die Tueroeffnung weg. Eine elektrische Taschenlaterne +leuchtete ihr gerade ins Gesicht, sie stiess einen heftigen Schrei +aus,--es war Franz Roey. + +Da ueberkam sie eine Ohnmacht, dass sie dem Umsinken nahe war; aber sie +wurde umschlungen und hinausgetragen, alles in einem Nu. Sie hoerte die +Tuer ins Schloss schnappen; sie wurde auf den Arm genommen und +fortgetragen. Kein einziges Wort konnte sie sagen; auch er sagte nichts. + +Aber am Ende der Landungsbruecke kam sie wieder zu sich; das merkte er. +Bald hoerte er denn auch: "Das ist Gewalt!" Keine Antwort. Gleich darauf +ein heftiger Versuch, sich loszumachen, und wieder klang's nur lauter +und lebhafter: "Das ist Gewalt!"--Keine Antwort. Er schlang nur den +andern Arm zaertlich um sie. Sie fragte heftig: "Wie kommt es, dass Sie +hier sind?"--Da antwortete er: "Meine Schwester!" + +Die Stimme, diese Stimme legte sich zaertlich um sie. Aber sie wehrte +sich dagegen: "Wenn Ihre Schwester es gut mit mir meint und Sie auch, +dann lassen Sie mich los!" Er ging weiter: "Lassen Sie mich los, sag' +ich! Das ist unwuerdig!" Sie riss sich so heftig von ihm los, dass er sie +anders fassen musste, aber auf seinem Arm blieb sie. Mit traenenerstickter +Stimme sagte sie: "Ich lass' es mir von keinem Menschen gefallen, dass er +ueber mich bestimmt." Da antwortete er: "Sie moegen sich losreissen, soviel +Sie wollen,--ich trage Sie nach Hause. Wollen Sie mir nicht gehorchen, +so lasse ich Sie ueberwachen!" Die Worte legten sich wie ein eiserner +Reifen um sie; sie wurde ganz still: "Sie lassen mich bewachen?"--"Das +tu' ich; denn Sie sind Ihrer selbst nicht maechtig." + +Etwas Toerichteres hatte sie in ihrem ganzen Leben nicht gehoert. Aber sie +wollte mit ihm nicht darueber disputieren. Sie antwortete nur: "Und Sie +meinen, das habe einen Zweck?"--"Das meine ich. Wenn Sie sehen, wir +wollen alles fuer Sie tun, was in unserer Macht steht, dann geben Sie +nach, denn sie haben ein so gutes Herz." Sie schwieg eine Weile, dann +sagte sie: "Ich kann keine Hilfe von einem Menschen annehmen, der nicht +die rechte Achtung vor mir hat,"--sie fing zu weinen an. + +Da blieb Franz Roey stehen und blickte, so gut er konnte, unter seiner +Kapuze zu ihr auf. "Ich nicht die rechte Achtung vor Ihnen?! Meinen Sie, +dann truege ich Sie? Fuer mich sind Sie das Feinste, das Schoenste, was ich +kenne. Darum trage ich Sie. Sie moegen getan haben, was Sie wollen--ich +weiss, Sie haben es aus dem vornehmsten Gefuehl heraus getan; anders +koennen Sie nicht handeln! Sind Sie betrogen, haben Sie sich furchtbar +geirrt,--so liebe ich Sie nur noch mehr--jetzt ist es gesagt!--dann sind +Sie doch ja auch ungluecklich, meine ich! Dann kann ich Ihnen vielleicht +doch irgendetwas sein. Das waere das schoenste, was mir geschehen kann. +Ich will Sie verlassen, wenn Sie es absolut wuenschen. Ich will mit Ihnen +zum Altar gehen, wenn Sie soviel Zutrauen zu mir haben. Ich will den +Schuft totschlagen, wenn Ihnen damit gedient ist. Ich will alles tun, +was Sie wollen, wenn Sie nur gluecklich dadurch werden. Denn das ist fuer +mich das schoenste." + +Er hielt inne, fing aber wieder an: + +"Ich habe nicht geglaubt, dass ein Mensch soviel Qual ertragen kann, wie +ich empfunden habe, als ich heute abend hinter Ihnen herging. Hier +stuerzt sie sich hinunter, dachte ich. Dann muss ich mich auch +hinunterstuerzen. Bei diesem Unwetter bedeutet das sicher fuer uns beide +den Tod; aber das hilft nichts. Das war's auch nicht, was mich peinigte. +Nein, nur dass Sie so ungluecklich, so verzweifelt waren. Dass Sie sich fuer +unwuerdig des Lebens halten konnten. Sie, die um keinen Preis der Welt je +etwas Unwuerdiges tun konnte. Nie, niemals bin ich einem Menschen +begegnet, dessen ich mir in dieser Beziehung sicherer war. Und doch +konnte ich Ihnen das nicht sagen. Und durfte Ihnen nicht helfen. Ich +kannte Sie,--ich getraute mich nicht in Ihre Naehe. + +"Aber nun habe ich Sie doch gerettet. Denn Sie koennen nicht sterben +wollen, jetzt, nachdem Sie mich angehoert haben. Oder doch?" Er hatte sie +schluchzen hoeren; er hatte gefuehlt, wie sie ihre Arme um seinen Hals +schlang, dass sie seine Worte fast erstickte. Jetzt liess er sie langsam +zu Boden gleiten. Aber der Arm, den sie ihm um den Hals gelegt hatte, +loeste sich nicht. Als sie auf der Erde stand, legte sie auch den andern +Arm um seinen Hals und barg leise schluchzend ihr Gesicht an seiner +Brust; ihr Herz schlug an seinem den Takt dazu, den raschen Takt der +Freude.-- + +--Oben auf dem Hof hatten sie telephonisch Nachricht bekommen, das +gnaedige Fraeulein sei unterwegs in dem schlimmsten Wetter, das je +dagewesen sei. Aus dem Stadthause wurde immer und immer wieder +angefragt, ob sie noch nicht da sei. + +Das kleine Maedchen war schon mehrmals mit dem Hunde draussen auf der +Treppe gewesen, ohne dass der Hund gebellt haette. Diesmal aber bellte +er,--mehr noch, er setzte im Galopp davon. + +Im Hause war man in der denkbar groessten Aufregung. Keiner fand etwas +Sonderbares darin, dass Unglueck und Verzweiflung sie in Wetter und Sturm +hinausgetrieben hatten. Sie bedurfte dessen! Sie sehnte sich danach, ihr +Leben aufs Spiel zu setzen; sie legte keinen Wert mehr darauf. Als jetzt +das kleine Maedchen hereingestuermt kam: "Sie ist da! Sie ist da!" weinten +sie alle vor Freude. Sie hatten schon laengst warme Zimmer und warmes +Essen bereit. Nun legten sie noch ein Gedeck auf, denn Nanna kam wieder +hereingestuermt und berichtete, sie sei nicht allein; die Kleine hatte +einen Mann reden hoeren. Da sei gewiss Joergen Thiis endlich gekommen! +meinten sie. "Nein, es war nicht seine Stimme. Es war doch eine richtige +Maennerstimme!" + +Die Freude des Hundes, als er sie sah, kannte keine Grenzen. Er +winselte, er klaeffte, er sprang ihr direkt ins Gesicht und wollte gar +nicht aufhoeren. Als Franz Roey mit ihm sprach, begruesste er ihn wie einen +alten Bekannten, wandte sich aber gleich wieder Mary zu. Das kleine +zottige Wesen spruehte foermlich Feuer. Es verkoerperte die Freude der +Heimat, sie gesund wiederzusehen. Ein Gruessen der Toten und der Lebenden. +Das war ihre Empfindung. Sie dachte, vielleicht sei er auch ein +Vorspiel zu ihrer eigenen wiedererwachenden Freude, wenn sie einmal das +ausgestandene Grauen ganz los werden konnte. + +Als sie mit dem Hunde hineinkam, der wie toll vor Freude war, da standen +die saemtlichen drei Maedchen da, und die Kleine hinter ihnen. Sie hielten +in ihrem Freudenausbruch inne, als sie den riesigen Menschen hinter ihr +heraufkommen sahen; denn in seinem Wettermantel hatte Franz Roey etwas +Uebernatuerliches. Aber nur einen Augenblick, dann riefen sie: "Nein, dass +gnaediges Fraeulein bei solchem Wetter draussen sind! Wie haben wir uns +geaengstigt. Die Verwalterin im Stadthause verstaendigte uns! Im Dorf ist +Feuer. Alle Mannsleute sind da. Wir haetten sonst Hilfe geschickt. Gott +sei Dank, dass Sie wieder da sind!" + +Mary verbarg ihre Ruehrung, indem sie schnell nach oben ging. Sie kam in +ihr warmes Zimmer, wo die Lampe schon angezuendet war. + +"Ist all diese Liebe und Fuersorge neu? Oder habe ich sie frueher nur +nicht beachtet?" + +Der Hund winselte solange vor der Tuer, bis sie ihn einliess. Seine +Dankbarkeit war so aufdringlich, dass sie sich nur mit Muehe umziehen +konnte. Besonders schwierig wurde es, als sie die Struempfe wechselte. + +Schliesslich machte sie sich das Haar zurecht, da fiel ihr das Medaillon +ihrer Mutter ein; sie holte es wieder hervor und band es um den Hals. +Sie schaute es an--zum erstenmal nach langen Jahren--und drueckte und +kuesste es. Darauf steckte sie ein Licht an und ging damit ueber den Flur +in ihres Vaters Zimmer. Sie setzte das Licht hin, beugte sich ueber sein +Bett und drueckte einen Kuss auf sein Kopfkissen. Dann wieder hinaus; aber +vor der Tuer des Fremdenzimmers stand sie still. "Hier soll er schlafen, +damit es morgen wieder geoeffnet werden kann. Dann ist alles Haessliche +weg!" Zu dem Maedchen, das gerade nach oben kam, sagte sie, das +Fremdenzimmer muesse geheizt werden. Das sei schon geschehen, antwortete +das Maedchen. "Darf ich Fraeuleins Lampe hineinstellen?" Sie bekam sie. +Mary stand und sah ihr nach. Waren sie wirklich immer so gewesen? + +Das Maedchen blieb im Zimmer, um alles zurecht zu machen. Sie selbst ging +auf die Treppe zu. Da blieb sie wieder stehen. Der Hund, der schon unten +gewesen war, kam winselnd wieder herauf. Er wollte sie nicht wieder +verlieren. Sie streichelte ihn voll Dankbarkeit; das war gewissermassen +eine kleine Abzahlung auf das grosse Dankgefuehl, das sie jetzt ganz +erfuellte. "Morgen--heute bin ich zu muede--morgen sage ich Franz Roey +alles. Alles, was mir geschehen ist. Alles! Dann finde ich mich +vielleicht selbst auch heraus." Mit diesem stolzen Vorsatz ging sie die +Treppe hinunter, stand aber still, ehe sie unten angelangt war. +"Seltsam! Ganz seltsam! Mir ist, als koennte ich es der ganzen Welt +sagen." + +Der Hund stand vor der Tuer zu dem hollaendischen Zimmer; da witterte er +Franz Roey. + +Sie ging und machte die Tuer auf. Aber kaum stand sie selbst auf der +Schwelle, da rief Franz Roey, als sei es ihm schwer gefallen, solange zu +schweigen: "Gott im Himmel, ist das hier schoen!" Als er den Hund neben +ihr sah, fuegte er hinzu: "Und wie lieb man Sie hier haben muss!" Sein +Gesicht leuchtete. + +"In Uniform?" fragte sie.--"Ja, ich bin naemlich direkt von einer grossen +Hochzeit fortgeholt worden!" Er lachte. + +Das brachte sie auf einen Gedanken. Waehrend der Hund an ihrem Kleide riss +und zerrte, blickte sie froehlich zu Franz Roey auf: "Hier auf Krogskog +hat frueher schon einmal ein General vom Geniekorps gelebt."-- + + + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Mary, Erzaehlung, by Bjornstjerne Bjornson + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MARY, ERZAEHLUNG *** + +***** This file should be named 10507.txt or 10507.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/0/5/0/10507/ + +Produced by Juliet Sutherland, Brett Koonce and PG Distributed +Proofreaders + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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For +example an eBook of filename 10234 would be found at: + + https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234 + +or filename 24689 would be found at: + https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689 + +An alternative method of locating eBooks: + https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL + + diff --git a/old/10507.zip b/old/10507.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..548d12d --- /dev/null +++ b/old/10507.zip |
