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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:34:37 -0700
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10507 ***
+
+MARY, ERZÄHLUNG
+
+von
+
+BJORNSTJERNE BJORNSON
+
+ * * * * *
+
+Das Gut und die Familie
+
+
+Die Küstenlinie des südlichen Norwegen ist häufig unterbrochen. Daran
+sind die Berge und die Flüsse schuld. Das Gebirge läuft in Hügel und
+Landzungen aus, denen oft Inseln vorgelagert sind; die Ströme haben
+Täler gegraben und münden in Buchten.
+
+In solch einer Bucht, dem "Kroken", lag das Gehöft. Ursprünglich hieß
+der Hof Krokskog, woraus die dänischen Beamten in ihren Protokollen
+"Krogskov" machten; jetzt heißt er Krogskog. Die Besitzer nannten sich
+einstmals Kroken; Anders oder Hans Kroken, das waren die Hauptnamen.
+Später nannten sie sich Krogh, der General vom Geniekorps sogar von
+Krogh. Jetzt heißen sie recht und schlecht Krog.
+
+Alle Leute, die auf den kleinen Dampfern von oder nach der nahen Stadt
+hier vorbeikamen und an der Landungsbrücke unterhalb der Kapelle
+anlegten, wußten davon zu erzählen, wie behaglich und traulich geborgen
+Krogskog doch daläge.
+
+Die Berge am Horizont nahmen sich großartig aus; hier vorn aber waren
+sie niedriger. Zwischen zwei vorspringenden, bewaldeten, langgestreckten
+Hügelrücken lag der Hof. So dicht drängten sich die Häuser an die Anhöhe
+zur Rechten, daß es den Dampferpassagieren vorkam, als könne man vom
+Dach des Hauses auf den Hügel hinüberspringen; der Westwind fand hier
+keinen Einlaß; wie beim Versteckspiel konnte man zu ihm sagen: "Ein Haus
+weiter!" Das gleiche konnte man auch zum Nord- und Ostwind sagen. Einzig
+der Sturm von Süden her kam zu Gast, aber auch nur in aller
+Bescheidenheit. Die Inseln, eine große und zwei kleine, hielten ihn auf
+und stutzten ihn zurecht, bis sie ihn weiterziehen ließen. Die hohen
+Bäume vor dem Hause wiegten nur gerade rhythmisch ihre höchsten Wipfel;
+die Haltung verloren sie nicht.
+
+Diese stille Bucht hatte den besten Badestrand der ganzen Gegend.
+Besonders die Jugend kam im Sommer an den Samstagabenden oder Sonntags
+aus der Stadt, um im Wasser auf dem sandigen Grunde herumzutollen oder
+nach der Großen Insel hin und zurück zu schwimmen. Von Krogskog aus
+gesehen, lag der Badestrand zur Linken, da, wo der Fluß mündete, wo die
+Landungsbrücke war, und wo, ein wenig höher und dem Hügel näher, auch
+die Kapelle sich befand, umgeben von den Krogschen Familiengräbern. Von
+da bis hinauf zu den Häusern rechts war es ein gutes Stück. Hier oben
+war kaum je der Lärm der Badenden und Spielenden zu hören. Anders Krog
+aber kam gern selbst hinunter, um ihnen zuzusehen, wenn sie auf der
+Sandbank oder im Walde draußen auf der Landspitze Feuer angezündet
+hatten. Er kam vermutlich, um ein Auge aufs Feuer zu haben. Aber davon
+hörte und merkte niemand etwas. Er war bekannt als "der höflichste Mann
+der Stadt", oder "der erste Gentleman der Stadt." Seine großen,
+eigentümlich leuchtenden Augen glitten wie ein freundlicher Willkommgruß
+über alle Gesichter; die wenigen Worte, die er sprach, enthielten nichts
+als gute Wünsche. Er selbst stieg den Hügel weiter hinan auf seinem
+gewohnten, langsamen Rundgang. Seine hohe, leicht vornübergebeugte
+Gestalt war oben im Wald zu sehen, und so lange blieb es still. Aber was
+hatten sie hier sonst für einen Spaß. Meist waren es Arbeiter und
+Handwerker aus der Stadt, Turnvereine, Gesangvereine, Kinder. Sie
+scharten sich bei der Landungsbrücke und bei der Kapelle; da zogen sie
+sich aus.
+
+Die Strandstraße führte unmittelbar daran vorbei. Aber im Sommer fuhr
+selten jemand dort entlang; da fuhr man lieber mit den kleinen Dampfern
+oder in Booten. Wenn die Badenden oben auf dem Hügel einen Posten
+aufstellten, waren sie sicher, daß keiner sie überrasche.
+
+Oben auf dem Hof selbst war es still, immer still. Die schönste
+Vorderfront des Hauptgebäudes sah nicht einmal auf die Bucht hinaus,
+sondern aufs Feld. Das Haus bestand aus zwei hohen Stockwerken mit
+abgestumpften Dachecken. Ein langes, breites Haus.
+
+Die Grundmauer vorn war ziemlich hoch; eine bequeme Treppe führte
+hinauf. Das ganze Gebäude war weißgestrichen, die Grundmauer aber und
+die Fenster schwarz. Die Nebenhäuser lagen näher dem Hügel zu; vom
+Dampfer aus waren sie nicht zu sehen. Zu beiden Seiten des Hauptgebäudes
+große Gärten. Der Garten nach der See zu stand voller Obstbäume, der
+links vom Hause war ausschließlich Blumen- und Küchengarten.
+
+Zwischen den Höhen lag ein länglicher Streifen flachen Wiesenlandes. Es
+war vorzüglich bestellt. Die großen holländischen Kühe hatten es gut
+hier.
+
+Die Geschichte des Gutes und der Familie hatte der Wald vorausbestimmt.
+Der Wald war groß und üppig und war glücklicherweise frühzeitig unter
+holländische Pflege und Sparsamkeit geraten, damals als holländische
+Kuffs die Waldbesitzer in Norwegen aufsuchten. Hier bekamen sie ihre
+Holzladung und versorgten die Norweger dafür mit ihrer Kultur und deren
+Erzeugnissen. Krogskog hatte besonderes Glück dabei; denn vor nun
+dreihundert Jahren geschah es, daß der Besitzer eines Kuffs, der in der
+Bucht lag und lud, sich in des Bauern blondhaarige Tochter verliebte.
+Das Ende vom Liede war, daß er die ganze Herrlichkeit kaufte. Ein
+wundervoll gemaltes Bild von ihm und ihr hängt noch in der guten Stube,
+der Eckstube nach der Bucht hinaus. Das Porträt zeigt einen langen,
+hageren Mann mit ungewöhnlich leuchtenden Augen. Er war dunkelhaarig und
+ein wenig krummnackig. Der Stamm muß kräftig gewesen sein, denn so sehen
+die Krogs noch heutigentags aus. Der erste holländische Besitzer hieß
+nicht Krog; er wohnte auch nicht hier; aber der Sohn, der den Hof
+übernahm, war nach seinem Großvater mütterlicherseits Anders Krog
+getauft, und er nannte seinen Sohn nach seinem eigenen Vater Hans.
+Fortan wechselten die beiden Namen miteinander ab. Wenn noch mehr Söhne
+da waren, hieß einer Klas und einer Jürges, woraus im Lauf der Zeit
+Klaus und Jürgen wurde. Die Mischehen mit den holländischen Verwandten
+setzten sich nämlich fort, so daß die Familie zu gleichen Teilen
+holländisch und norwegisch war; der Haushalt wurde lange Zeit ganz
+holländisch geführt.
+
+Aber es war, als wenn sich die Rassen trotzdem nicht vermischten.
+Wahrscheinlich weil das holländische Element nicht rein holländisch
+war,--in diesem Falle hätte es sich leichter mit dem norwegischen
+Element verschmolzen,--sondern mit spanischem Blut durchsetzt war. Das
+schwarze Haar, die leuchtenden Augen, der hagere Körper vererbten sich
+von Glied zu Glied bei den Männern; das blonde Element aber und die
+kräftig gebaute Gestalt blieb den Frauen eigen; in ihnen floß
+norwegisches Blut, vermengt mit holländischem. Selten sah man ein andres
+Zugeständnis der männlichen Linie an die weibliche oder umgekehrt, als
+daß helles und dunkles Haar sich in rotem fanden, oder daß die
+leuchtenden Augen auch einmal auf ein Frauenantlitz übergingen.
+
+Es war eine Eigentümlichkeit der Familie, daß in allen Ehen mehr Mädchen
+als Knaben geboren wurden. Die Krogs waren schöne Menschen und
+durchgehend wohlhabend; infolgedessen war die Familie weitverbreitet und
+angesehen. Man sagte ihnen nach, sie hielten ihre Leute und ihre Habe
+gut zusammen.
+
+Ihnen allen gemeinsam war ein weises Maßhalten. In Norwegen ist es ja
+allgemein, daß ein Vermögen nicht durch drei Generationen besteht. Wird
+es nicht in der zweiten vergeudet, dann sicherlich in der dritten. Hier
+hielt es sich. Für den Hauptsitz der Familie waren die Wälder heute eine
+ebensolche Quelle des Reichtums wie vor dreihundert Jahren.
+
+Erblich in der Familie war der Hang zum Wandern. In der Bibliothek des
+Hofes waren mehr Reisebeschreibungen als Werke aus anderen Gebieten, und
+es wurden ihrer beständig mehr. Schon die Kinder hatten am Reisen
+Interesse, d.h. sie machten Pläne nach Büchern, Bildern und Karten. Sie
+spielten reisen auf den Tischen. Sie wanderten von der einen Stadt, die
+aus farbigen Papierhäusern aufgebaut war, zu den andern gleicher Art.
+Sie schoben Schiffe hin und her, die auch aus buntem Papier waren und
+die Bohnen, Kaffee, Salz und Hölzer führten. Draußen auf der Bucht
+ruderten, segelten und schwammen sie von der Landungsbrücke zu den
+Inseln hinüber. Von Europa nach Amerika, von Japan nach Ceylon. Oder sie
+zogen über die Hügelrücken, d.h. über die Kordilleren zu den
+allerdenkwürdigsten Indianerstädten.
+
+Kaum waren sie erwachsen, so ging es auf die Wanderschaft; es fing
+meistens mit einer Reise zu den holländischen Verwandten an. So kam vor
+vielleicht zweihundert Jahren ein Mann dahin, der freilich sofort mit
+einem holländischen Ostindienfahrer weiterreiste, aber nach Amsterdam
+zurückkehrte in dem Wunsch, Baumeister und Ingenieur zu werden, was
+damals zusammengehörte. Er zeichnete sich aus und wurde später als
+Lehrer in seinem Fach nach Kopenhagen berufen. Da ging er zum Heer über
+und wurde schließlich General im Geniekorps. Durch Erbschaft und Arbeit
+hatte er sich ein Vermögen erworben, nahm den Abschied und siedelte sich
+in Krogskog an, das er einem kinderlosen Bruder abkaufte. Er nannte sich
+Hans von Krogh. Er baute das jetzige Hauptgebäude aus Stein, eine wenig
+gebräuchliche Bauart in einer norwegischen Waldgemeinde. Der alte
+Ingenieur wollte seinen Spaß haben. Obwohl er nicht verheiratet war,
+baute er es geräumig "für die Kommenden." Alle Häuser des Gehöfts baute
+er um; er grub und pflanzte; er ließ einen Gärtner aus Holland kommen,
+den alten Siemens, von dessen strengem Wesen und heißem Streben nach
+Reinlichkeit und Ordnung noch heute berichtet wird. Für ihn baute der
+General das Treibhaus und die Gärtnerwohnung.
+
+Der General wurde sehr alt. Nach ihm geschah nichts Besonderes, bis der
+Jüngere von zwei Brüdern nach Amerika ging und sich dicht am Michigansee
+ansiedelte, wo damals noch Neuland war. Das wurde als ein großes
+Ereignis angesehen. Er hieß Anders Krog, und es ging ihm gut da drüben.
+Nur wunderte man sich, daß er sich nicht verheiratete. Er wollte einen
+seiner Neffen zu sich nehmen, um ihm seinen Besitz zu überlassen. So kam
+es, daß der ältere Bruder des jetzigen Eigentümers von dannen zog. Er
+hieß Hans.
+
+Aber siehe da, ein jung norwegisch Mädchen, auch eine Verwandte, kam
+genau zur selben Zeit hin, und in sie verliebte sich der alternde Onkel.
+Er bot seinem Neffen an, ihm die Kosten der Rückreise zu erstatten. Dem
+jungen Mann aber erschien das unwürdig. Er blieb und fing ein eigenes
+Geschäft an, und zwar einen Holzhandel, denn darauf verstand er sich.
+Das Geschäft ging außerordentlich gut. Als er nach dem Tode seines
+Vaters nach Hause sollte und den Hof übernehmen, wollte er nicht. Der
+jüngere Bruder Anders war inzwischen Kaufmann geworden; er betrieb das
+größte Kolonialwarengeschäft der Stadt. Jetzt mußte er auch den Hof
+übernehmen.
+
+Ein eigentlicher Geschäftsmann war der junge Anders Krog nicht. Aber
+seine Gewissenhaftigkeit ohnegleichen und sein rücksichtsvolles Wesen
+bewirkten, daß bald alle bei ihm kauften. Ein andrer hätte reich dabei
+werden müssen; aber das wurde er nicht. Als er Krogskog übernahm, war
+sowohl das Geschäft in der Stadt wie vor allem auch der Hof erheblich
+verschuldet. Keins von beiden hatte er billig bekommen. Reisen hatte er
+freilich auch müssen, aber es waren jedes Jahr nur vier Wochen gewesen,
+einmal nach England, ein andermal nach Frankreich usw. Sein größter
+Wunsch war allerdings, einmal bis nach Amerika zu kommen, aber dazu
+hatte er denn doch nicht den Mut. Er begnügte sich damit, von dem neuen
+Wunderlande zu lesen; Lesen war seine größte Freude; nach ihr kam das
+Hantieren im Garten. Das verstand er besser als der Gärtner.
+
+Dieser stille Mann mit den leuchtenden Augen war schüchtern wie ein
+Mädchen von vierzehn Jahren. An jedem Werktag morgen suchte er sich
+einen einsamen Platz--d.h. wenn so einer da war--auf dem kleinen
+Dampfer, der ihn nach der Stadt brachte, solange die Bucht nicht
+zugefroren war. Beim Aussteigen war er voll Rücksicht gegen die andern;
+ehrerbietig grüßend eilte er an ihnen vorbei, wenn er an Land gekommen
+war,--und war dann in seinem Hause am Markt zu finden bis zum Abend, wo
+er auf die gleiche Weise heimkehrte. Das heißt: wenn er nicht radelte.
+Im Winter fuhr er mit dem Wagen oder übernachtete in der Stadt, wo er in
+seinem eigenen Hause zwei bescheidene Mansardenstuben bewohnte.
+
+Er hatte das Zeug zu dem besten Ehemann, den man sich in der Stadt
+vorstellen konnte. Aber seine unüberwindliche Bescheidenheit machte jede
+Annäherung unmöglich,--bis die rechte kam. Da war er aber schon über
+vierzig Jahr. Es ging ihm wie seinem Namensvetter, dem Onkel am
+Michigansee, daß ein junges Mädchen aus seiner eigenen Familie erschien
+und ihn eroberte. Und das war ausgerechnet das einzige Kind dieses
+Onkels.
+
+Er stand eines Sonntag morgens in Hemdsärmeln in seinem Küchen- und
+Blumengarten an der Nordseite des Hauses, als ein junges Mädchen mit
+einem großen Strohhut die beiden unbehandschuhten Hände auf das weiße
+Staket legte und zwischen den großen Knaufen des Gitters
+hindurchschaute.
+
+Anders Krog, der vor einem Blumenbeet kauerte, hörte ein schelmisches
+"Guten Tag" und fuhr in die Höhe. Seine Augen nahmen das Mädel wie eine
+Offenbarung in sich auf. Sprachlos und unbeweglich stand er mit seinen
+erdigen Händen da und starrte sie an.
+
+Sie lachte und sagte: "Wer bin ich?" Da kam ihm die Besinnung zurück.
+"Sie sind--Sie sind sicher--", er kam nicht weiter, aber sein Lächeln
+hieß sie willkommen. "Wer bin ich?"--"Marit Krog aus Michigan." Er hatte
+von seiner Schwester, die jenseits des linken Hügelrückens wohnte,
+gehört, Marit Krog sei unterwegs. Aber er hatte nicht geahnt, daß sie
+schon da war.--"Und Sie sind der Bruder meines Vaters", antwortete sie
+in etwas englischem Tonfall. "Wie Ihr beide Euch ähnlich seid!--Nein,
+wie Ihr Euch ähnlich seid!"--Sie stand und starrte ihn an. "Darf ich
+nicht hineinkommen?"--"Ja, selbstverständlich,--aber erst--erst muß ich
+doch--", er blickte auf seine Hände und auf die Hemdsärmel.--"Ich kann
+ja ins Haus gehen?" sagte sie unternehmungslustig. "Das können
+Sie,--selbstverständlich! Gehen Sie bitte durch die Haupttür hinein. Ich
+werde das Mädchen schicken",--und er begab sich eilig nach der Küche.
+
+Sie lief vorn vor das Gebäude und die Treppe hinauf. Sie mußte einen
+ungeheuer großen Schlüssel, der wie der ganze Eisenbeschlag ein altes
+Kunstwerk war, umdrehen, um in das Vorzimmer zu gelangen, das sehr viel
+Licht hatte. In ihr steckte ein Stück von einem Maler, sie hatte Augen
+für so etwas. Sie sah sofort, daß all diese großen und kleinen Schränke
+wunderschöne holländische Arbeit waren, und daß das Zimmer größer war,
+als es den Anschein hatte; denn die Möbel nahmen viel Platz ein. Eine
+schöne altertümliche Treppe mit Schnitzwerk führte zu ihrer Rechten in
+das zweite Stockwerk hinauf. Geradeüber mußte der Eingang in die Küche
+sein; sie dachte es sich und sie roch es auch. Das bestätigte sich ihr,
+als das Mädchen herauskam. Durch die offne Tür sah sie in eine Küche
+hinein, deren Fußboden mit Marmorfliesen belegt war; die Wände waren mit
+blaubemalten Kacheln bekleidet, und auf dem Gesims, das die Wand in zwei
+Hälften teilte, stand blankgeputztes Kupfergeschirr in allen Größen.
+Eine holländische Küche.
+
+Hier im Vorzimmer stand sie auf Teppichen so dick, wie sie noch nie
+welche betreten hatte. Ebenso schwer waren die Teppiche auf der Treppe,
+die von Messingstangen gehalten wurden, wie sie dicker nie welche
+gesehen hatte. Hier gehen die Menschen auf Kissen, dachte sie, und ihr
+kam gleich das Bild in den Sinn, das Haus sei ein ungeheures Bett.
+Später nannte sie es immer "das Bett." "Wollen wir jetzt nach Hause ins
+Bett?" sagte sie dann lachend. Zu beiden Seiten sah sie Türen und malte
+sich die Zimmer dahinter aus. Links von ihr, d. h. an der rechten Seite
+des Hauses, komme erst ein kleineres Zimmer nach vorn und dahinter, nach
+der Bucht hinaus, ein großer Raum über die ganze Breite des Hauses. Und
+das traf zu. Zur Rechten stellte sie sich das Haus der Länge nach in
+zwei Zimmer geteilt vor. Auch das stimmte. Es war nicht weiter
+verwunderlich, denn ihres Vaters Haus am Michigansee war nach diesem Bau
+eingerichtet. Oben dachte sie sich einen breiten Gang quer durch das
+Haus und kleinere Zimmer zu beiden Seiten des Flurs. Waren aber hier
+unten schon unglaublich dicke Teppiche, so waren sie da oben womöglich
+noch dicker, richtige Kissen. Dies Haus ließ kein Geräusch aufkommen.
+Hier lebten stille Menschen.
+
+Das Mädchen hatte die Tür an der Seite geöffnet, die zur See hinausging.
+Marit trat ein und sah sich alle Malereien und Schnurrpfeifereien im
+Zimmer an; es war allerdings überladen, aber jedes einzelne Stück war
+sorgfältig ausgesucht, zum Teil mit intimem Geschmack; das sah sie
+sofort. Hier waren unter anderem Gemälde, die einen hohen Wert haben
+mußten. Was sie aber besonders beschäftigte, war der Gedanke, daß sie
+erst jetzt ihren alten Vater verstand, obwohl sie von klein an mit ihm
+zusammengelebt hatte, ganz allein mit ihm; ihre Mutter hatte sie früh
+verloren. Aus so viel Feinem und Kostbarem war er zusammengesetzt. Ein
+bißchen bunt durcheinander und daher unbeachtet. War's nicht, als komme
+er jetzt und stelle sich neben sie und lächele sein diskretes, warmes
+Lächeln, weil er sich verstanden wußte?
+
+Da kam er ja! Durch die offne Tür sah sie ihn die Treppe
+herunterkommen. Jünger zwar, aber das tat nichts, die Augen waren nur
+noch schöner und inniger,--er kam daher mit demselben Gang, denselben
+Armbewegungen, genau so vornübergebeugt und behutsam sich nähernd. Und
+wie er sie jetzt ansah und mit ihr sprach und sie willkommen hieß ...
+mit den gleichen abgetönten Worten, da ahnte sie in alldem die tiefe
+Achtung vor dem Individuellen, die in ihren Augen ihren Vater vor allen
+auszeichnete, die sie kannte. Der Vater hatte dünneres Haar, sein
+Gesicht war runzlig, der Mund hatte nicht mehr alle Zähne, die Haut war
+verschrumpft ... Gerade diese Erinnerung füllte ihre Augen mit Tränen.
+Sie blickte empor in seine jüngeren Augen, hörte seine frischere Stimme,
+fühlte den Druck seiner wärmeren Hand. Sie konnte nicht dafür, sie
+schlang beide Arme um Anders Krogs Hals, schmiegte sich an seine Brust
+und weinte.
+
+Nun, damit war es entschieden. Er stand für nichts mehr.
+
+Nach einer Weile saßen sie beide zusammen in dem Boot, mit dem sie
+gekommen war. Sie ruderte um die Landspitze herum. Teils um seiner
+selbst willen, teils auch wegen der Badenden, die zusahen, hatte er ein
+paar schüchterne Versuche gemacht, ihr das Ruder abzunehmen. Aber seit
+dem Augenblick, da sie beide Arme um seinen Hals legte, hatte er sich
+seiner Macht begeben. Er wußte im voraus, daß er so tun mußte, wie dies
+reiche rote Haar es wünschte. Er saß und sah in ihr sommersprossiges
+Gesicht und auf die sommersprossigen Hände, auf ihre prächtige Gestalt
+und ihren frischen Mund. Er sah über dem Halskragen die feinste weiße
+Haut; es war etwas in den Augen, das genau dazu paßte. Er wurde nicht
+fertig, bis sie am Ziel waren. Auch auf dem Wege zum Hof der Schwester
+wurde er nicht fertig, weder mit ihrer weichen Stimme, noch mit ihrem
+Gang, noch mit ihren Füßen, noch mit ihrer Kleidung, noch mit den Zähnen
+und dem Lächeln und am allerwenigsten mit dem, was sie da
+holterdipolter erzählte,--es war etwas Verwirrendes in allem.
+
+Am nächsten Morgen fuhr er nicht in die Stadt. Sowie der Dampfer, auf
+dem er hätte sein müssen, um die Landspitze herum war, kam ihr weißes
+Boot. Sie hatte eine Magd bei sich, die Wache halten sollte, denn jetzt
+wollte auch sie baden.
+
+Als sie fertig war, kam sie herauf. Sie wollte bis Mittag bleiben.
+Nachher gingen sie zusammen über den Hügelsattel zurück, das Boot hatten
+sie nach Hause geschickt.
+
+Am andern Tage fuhr sie mit ihm in die Stadt. Tags darauf mußte auch die
+Tante mit, aber diesmal wollte sie mit dem Wagen fahren. Und so jeden
+Tag etwas Neues. Die beiden Geschwister lebten nur für sie. Sie nahm es
+hin, als müsse es so sein.
+
+Als sie drei Wochen so mit ihnen gelebt hatte, kam ein Kabeltelegramm
+vom Bruder Hans mit der Nachricht, Onkel Anders sei plötzlich gestorben;
+Marit solle vorbereitet werden.
+
+Dies war der schwerste Gang, den Anders Krog je gegangen war,--über den
+Hügelrücken zur Schwester, mit diesem Telegramm in der Tasche. Gerade
+als er das trauliche gelbe Haus, umgeben von Wirtschaftshäusern und
+Bäumen, drunten in der Ebene vor sich liegen sah, hörte er die
+Essensglocke vergnüglich in den heiteren, sonnigen Tag hinaustönen. Da
+wartete der gedeckte Tisch. Er setzte sich hin; er hatte das Gefühl, als
+könne er nicht weiter. Er mußte ja hinunter und den frohen Tag morden.
+
+Als er endlich auf den Hof gelangte, ging er zusammen mit einigen
+Arbeitern, die von weither zum Mittagessen kamen, zur Hintertür hinein.
+
+Hier traf er die Schwester, die ihn ins Hinterzimmer hineinnötigte.
+Ebenso wie er erschrak sie und wurde traurig; aber sie war eine mutigere
+Natur und übernahm es, Marit, die nicht zu Hause war, aber jeden
+Augenblick kommen mußte, die Mitteilung zu machen.
+
+Vom Hinterzimmer aus hörte Anders Krog dann nachher einen Ruf und einen
+Aufschrei, den er nie wieder vergaß. Er sprang bei diesem Schmerzenslaut
+auf, konnte sich aber nicht überwinden, das Zimmer zu verlassen; ein
+wehes Schluchzen von drinnen hielt ihn fest. Es wurde stärker und
+stärker, unterbrochen von kurzen Ausrufen. Die gleiche unmittelbare
+Kraft in ihrem Schmerz wie in ihrer Freude. Es jagte ihn in der Stube
+umher, bis die Schwester die Tür öffnete: "Sie möchte Dich sehen."
+
+Da mußte er hinein; mit Aufbietung all seiner Willenskraft zwang er sich
+dazu. Sie lag auf dem Sofa; aber er ließ sich kaum sehen, als sie sich
+aufrichtete und die Arme ausstreckte: "Komm, komm! Jetzt bist Du mein
+Vater."--Er eilte hin und beugte sich über sie; sie legte den Arm um
+seinen Hals und drückte ihn fest an sich; er mußte hinknien.
+
+"Du darfst mich nie mehr verlassen! Nie, nie!" "Nie!" entgegnete er
+feierlich. Sie drückte ihn fest an sich, ihre Brust wogte an seiner, ihr
+Gesicht lag feucht und glühend an seinem. "Du darfst mich nie
+verlassen!"--"Nie!" wiederholte er aus tiefstem Herzen und schlang die
+Arme um sie.
+
+Sie legte sich wie getröstet wieder hin und hielt seine Hand; sie wurde
+ruhiger. Wenn die Anfälle kamen und er sich mit zärtlichen Worten über
+sie beugte, wirkte es besänftigend.
+
+Er wagte nicht nach Hause zu gehen; er blieb die Nacht über da. Sie
+konnte nicht schlafen, und er mußte bei ihr sitzen bleiben.
+
+Erst am nächsten Tage hatte sie sich klar gemacht, was nun geschehen
+solle. Sie wollte hinreisen, und er sollte mit. Das kam ihm höchst
+unerwartet. Aber weder er noch seine Schwester wagten, ihr zu
+widersprechen. Da gelang es der Schwester, sie auf andre Gedanken zu
+bringen. Sie sagte: "Ihr solltet Euch erst verheiraten." Marit sah sie
+an und sagte: "Ja, das ist richtig. Das sollten wir wahrhaftig tun!" Und
+nun beschäftigte sie das so stark, daß es sie von ihrem Schmerz
+ablenkte. Anders war nicht gefragt worden; aber das war auch nicht
+nötig.
+
+Dann kam der erste Brief von Hans. Er hatte alles mit dem Begräbnis des
+Onkels geordnet und erzählte, in welcher Weise. Er erbot sich, das
+Geschäft und den Besitz des Onkels zu übernehmen.
+
+Anders hatte zu seinem Bruder unbegrenztes Vertrauen; er nahm das
+Angebot an, und damit wurde die Reise überflüssig. Sobald Hans einen
+Überblick über den ganzen Nachlaß hatte, setzte er die Kaufsumme fest
+und fragte bei dem Bruder an, ob er sich mit diesem Betrage an Hansens
+Geschäft beteiligen wolle. Der Betrag, der in Bankguthaben und Aktien
+bestand, wurde sofort ausgezahlt. Schon diese Summe war groß genug, um
+nicht allein Anders schuldenfrei zu machen, sondern um auch Marit zu
+gestatten, nach Herzenslust herumzuwirtschaften und zu reformieren. Er
+wünschte, sie solle das ganze Erbe für sich behalten, aber darüber
+lachte sie. Er wurde also Kompagnon seines Bruders und war für
+norwegische Verhältnisse fortan ein recht wohlhabender Mann.
+
+In ihrer Ehe ging nach einigen Monaten eine Veränderung mit Marit vor.
+Sie gab sich wunderlichen Einfällen hin; die Grenzen zwischen Traum und
+Wirklichkeit verwischten sich. Dabei wollte sie alles umgestalten, was
+unter ihrer Aufsicht stand, sowohl in ihrem Heim hier draußen, wie in
+dem Stadthause. Aus diesem Hause mußten die Mieter hinaus. Sie wollte es
+für sich allein haben.
+
+Seine Zeit war ausgefüllt von all ihren Einfällen, besonders aber von
+ihr selbst. Seine Dankbarkeit fand nur kärgliche Worte, aber sie lag in
+seinen Augen, in seiner Höflichkeit, die an Umfang noch zugenommen
+hatte; vor allem aber lag sie in seiner sorglichen Achtsamkeit. Er hatte
+Angst, das wieder zu verlieren, was so unerwartet gekommen war; oder
+daß irgend etwas Schaden nehmen könne. Seiner bescheidenen Natur schien
+das Glück unverdient.
+
+Sie schmiegte sich auch immer enger an ihn. Sie hatte eine Formel
+gefunden, die sie häufig wiederholte: "Du bist mein Vater--und mehr!"
+Und eine andere: "Du hast die herrlichsten Augen von der Welt, und die
+gehören mir." Mit der Zeit gab sie manches von dem auf, womit sie sich
+beschäftigte; statt dessen wollte sie ihm vorlesen. Von klein auf hatte
+sie ihrem Vater vorgelesen; das sollte wieder aufgenommen werden. Sie
+las ihm englisch-amerikanische Bücher vor, besonders Verse. Sie hatte
+die klangvolle Vortragsweise, in der englische Verse gesprochen werden
+müssen, und machte sie wahr durch ihre eigene glaubwürdige Art. Sie
+hatte eine weiche Stimme, die die Worte behutsam und still wie aus der
+Erinnerung heraus anfaßte.
+
+Als die Zeit fortschritt, mußten sie beide täglich zusammen ins
+Treibhaus. Die Blumen darin waren ihr Vorboten dessen, was in ihr wuchs;
+sie wollte jeden Tag nach ihnen sehen. "Ob sie wohl darüber reden?"
+
+Und dann eines Tages, als das erste Anzeichen da war, daß der Winter
+hier von der Küste weichen wollte, und sie gemeinsam oben am sonnigen
+Hang das erste Grün gepflückt hatten, da merkte sie, daß sie schwach
+wurde; jetzt kam ihre große Stunde. Ohne sonderliche Schmerzen vorher,
+ihre Hand in seiner, gebar sie eine Tochter. Die gerade hatte sie sich
+gewünscht. Aber es war ihr nicht bestimmt, das Kind aufzuziehen; denn
+drei Tage später war sie tot.
+
+ * * * * *
+
+Die neue Marit
+
+
+Der Arzt befürchtete lange, Krog würde auch sterben. Rein an
+Überanstrengung. In seiner langen Einsamkeit war er nicht daran gewöhnt
+gewesen, sich so hinzugeben oder so unendlich viel zu empfangen, wie ihm
+das Zusammenleben mit ihr gebracht hatte. Erst ihr Tod offenbarte, wie
+schwach er geworden war, wie wenig Widerstandskraft er noch hatte. Der
+schwache Rest brauchte Monate, um sich so weit zu erholen, daß er die
+Nähe anderer Menschen ertrug. Man erzählte ihm, das Kind sei zu seiner
+Schwester gebracht. Sie fragten ihn, ob er es sehen möchte. Fast
+unwillig wandte er sich ab. Das erste, was er ernstlich erwog, als er
+sich kräftiger fühlte, war, sich von dem Geschäft zu befreien. Er beriet
+sich darüber mit "Onkel Klaus", einem Verwandten, einem wunderlichen
+alten Junggesellen, der allgemein so genannt wurde. Durch seine
+Vermittlung wurde das Geschäft veräußert. Nicht aber das Haus, in dem es
+sich befand,--das sollte in allen Teilen zur Erinnerung an sie
+unverändert bleiben.
+
+Anders Krogs erster Gang war zur Kapelle und zum Grabe, und das griff
+ihn so an, daß er wieder krank wurde. Sobald er sich erholt hatte, gab
+er seine Absicht kund, auf Reisen zu gehen und fortzubleiben. Seine
+Schwester kam erschrocken zu ihm herüber; das sei doch wohl nicht wahr?
+"Du willst uns und das Kind doch nicht verlassen?"--"Ja, ich kann es in
+meinen eigenen Stuben nicht aushalten", antwortete er und brach in
+Tränen aus.--Aber er müsse doch auf jeden Fall das Kind erst
+sehen?--"Nein, nein! Das am allerwenigsten."
+
+Er reiste ab, ohne es gesehen zu haben.
+
+Aber natürlicherweise war es das Kind, das ihn wieder nach Hause zog.
+Als es drei Jahr alt war, wurde es photographiert,--und diese
+Photographie ... solch einer Ähnlichkeit mit der Mutter, solchem
+kindlichen Liebreiz konnte er nicht widerstehen. Von Konstantinopel aus,
+wo er sich gerade aufhielt, schrieb er: "Jetzt habe ich bald drei Jahre
+gebraucht, um das, was ich in einem erlebt habe, noch einmal zu
+durchleben. Ich kann nicht sagen, daß ich es mir schon ganz zu eigen
+gemacht habe. Namentlich wird viel Neues hinzukommen, wenn ich die
+Stätten wiedersehe, wo wir zusammen waren. Aber soweit bin ich durch das
+tiefere Hineinleben dieser Jahre doch gekommen, daß ich diese Stätten
+nicht mehr scheue; im Gegenteil, ich sehne mich jetzt nach ihnen."
+
+Die Begegnung mit der neuen Marit wurde ein Fest für ihn. Nicht sofort;
+denn zuerst hatte sie natürlich Angst vor dem fremden Mann mit den
+großen Augen. Aber es erhöhte seine Freude, wie sie vorsichtig, nach und
+nach ihm näher kam. Als sie schließlich auf seinen Knien saß mit den
+beiden neuen Puppen, einem Türken und einer Türkin, und ihm diese in die
+Nase steckte, damit er niesen sollte, weil die Tante das auch getan
+hatte, da sagte er mit Tränen in den Augen: "Ich habe nur eine Begegnung
+erlebt, die noch herrlicher war."
+
+Sie siedelte also mit dem Kindermädchen in sein Haus über. Ihr erster
+gemeinschaftlicher Gang war zum Grabe der Mutter, auf das sie Blumen
+legen sollte. Das tat sie auch; aber sie wollte sie wiederhaben. Nichts
+half, was sie auch versuchten. Das Mädchen pflückte ihr schließlich
+andere; aber die wollte sie nicht; sie wollte ihre eignen. Sie mußten
+ihr also die Blumen lassen und die neuen aufs Grab legen. Er dachte:
+"Das ist nicht die Mutter."
+
+Der Versuch wurde wiederholt. Jeden Tag sollte das Grab der Mutter mit
+Blumen geschmückt werden, und von ihr. Er teilte die Blumen in zwei
+Teile; die eine Hälfte trug er, die andere sie. Er wünschte, sie solle
+ihre hinlegen und seine wieder mit nach Hause nehmen. Aber es gelang
+nicht. Ja, schlimmer als das; denn als sie den Kirchhof verließen,
+bestand sie darauf, er sollte seine Blumen auch wieder mit nach Hause
+nehmen. Und er mußte nachgeben. Am nächsten Tage versuchte er etwas
+anderes. Sie trug ihre Blumen zu der Mutter Grab, er aber gab ihr
+Zuckerwerk, damit sie die Blumen liegen lassen sollte. Wirklich, sie gab
+die Blumen gegen das Zuckerwerk ab, das sie in den Mund steckte. Aber
+als sie gingen, wollte sie die Blumen auch noch haben. Das verstimmte
+ihn.
+
+Dann kam er auf den Einfall, die Mutter fröre, Marit müsse sie
+zudecken. Da meinte sie, Mutter solle doch heraufkommen, in ihr eigenes
+Bett. Er hatte ihr nämlich gesagt, das leere Bett neben seinem sei
+Mutters, und sie fragte beständig, ob Mutter nicht bald komme. Sie könne
+nicht kommen, sagte er; sie liege da draußen und fröre. Das führte
+schließlich zum Ziel. Sie breitete selbst die Blumen über die Grabstätte
+und ließ sie liegen. Auf dem Heimweg wiederholte sie mehrmals: "Jetzt
+friert Mutter nicht mehr."
+
+Er überlegte, was sie unter Mutter verstehen mochte. Er wünschte, sie
+solle die Bilder ihrer Mutter kennen, übte aber vorher ihren Sinn an
+Bildern von Tieren und Gegenständen. Dann ging er zu Bildern von seiner
+Schwester und von sich selbst und von Personen über, die sie kannte. Als
+sie damit ziemlich vertraut war, kam das erste Bild der Mutter an die
+Reihe. Es machte keine Schwierigkeiten; sie durfte noch mehrere sehen
+und lernte sie schnell von anderen unterscheiden. Nach Tisch, als sie
+schlafen ging, wollte sie Mutter im Arm haben. Er verstand sie erst
+nicht, und sie wurde ungeduldig. Da brachte er ihr das erste Bild der
+Mutter; sie nahm es gleich in den Arm, deckte es zu und schlief ein.
+Aber erst als sie mit vier Jahren einmal in der Küche eine Mutter sich
+um ihr krankes Kind mühen sah, überzeugte er sich, daß sie wußte, was
+eine Mutter sei; denn sie sagte: "Warum kommt meine Mutter nicht und
+zieht mich an und aus?"
+
+Mit der Zeit wurden Vater und Tochter sehr gute Freunde. Noch mehr
+Freude aber machte es ihm, als sie groß genug war, daß er ihr von Mutter
+erzählen konnte. Von Mutter, die übers Meer herüber zu Vater gekommen
+sei und Maritchen mitgebracht habe. Wo Vater und Mutter zusammengegangen
+waren, gingen sie nun beide; jeden Spazierweg. Er ruderte sie, wie
+Mutter ihn gerudert hatte; sie fuhren zusammen zur Stadt, wie sie beide
+getan hatten. Dort saß Marit auf den Stühlen, die Mutter gekauft, und
+auf denen sie gesessen hatte. Bei Tisch hatte sie Mutters Platz, bei
+den Blumen im Treibhaus und im Garten war sie die Mutter, und sie half,
+wie Mutter es getan hatte. Ein gar kluges, schönes Kind! Mit dem roten
+Haar und der schimmernd weißen Haut der Mutter, mit ihren großen Augen
+und denselben fein geschwungenen Brauen. Vermutlich würde sie auch ihre
+gebogene Nase bekommen. Die Hände mit den langen Fingern hatte sie nicht
+von der Mutter, auch die Gestalt nicht. Der Übergang vom Kopf zum Nacken
+mit der sanften Neigung stammte eher vom Vater. Die Schultern hatten
+nicht die schöne geschwungene Linie wie der Mutter Schultern, sondern
+waren mehr abfallend, und die Arme flossen sanfter daraus hervor. Es
+trieb ihn jeden Abend nach oben, zuzusehen, wenn sie ausgezogen wurde.
+Die Verschmelzung des männlichen und des weiblichen Typus der Krogs, die
+bisher so selten gewesen, die aber schon teilweise von der Mutter
+repräsentiert worden war, gab es hier in der Vollendung. Marit schoß
+hoch auf, ihre Augen waren groß und der Kopf fein geformt.
+
+Er konnte sie nicht dazu bewegen, mit Kindern umzugehen; das langweilte
+sie. Sie gingen nicht schnell genug auf ihre Ideen ein, die freilich
+recht eigentümlich waren. Die Felder hier waren doch ein Zirkus; der
+Vater hatte ihr von Buffalo Bill erzählt. Indianer sprengten durch die
+Arena, sie selbst an der Spitze auf einem weißen Pferde. Die Hügel waren
+die Logen, die voll Menschen waren. Das konnten die anderen Kinder nicht
+sehen. Auch das Reisenspielen auf dem Tisch, das ihr Vater sie gelehrt
+hatte, verstanden sie nicht.
+
+Als Siebenjährige nötigte sie ihren Vater, ihr ein Rad zu kaufen und sie
+fahren zu lehren; er selbst fuhr ausgezeichnet. Das war aber doch der
+Tropfen, der den Becher zum Überlaufen brachte und ihn bestimmte, sich
+nach Unterstützung umzusehen.
+
+Er hatte in Paris eine entfernte Verwandte kennen gelernt, eine Frau
+Dawes; sie war in England verheiratet gewesen; als aber ihr einziges
+Kind starb, hatte sie sich scheiden lassen und lebte in Paris als
+Pensionsinhaberin. In dieser Pension hatte er sie täglich bewundert. Er
+war kaum je einem klügeren Menschen begegnet. Er fragte bei ihr an, ob
+sie zu ihm kommen, seinem Hause vorstehen und sein Kind erziehen wolle.
+Sie sagte ohne Zögern telegraphisch zu, und in weniger als einem Monat
+hatte sie alles verkauft, war abgereist und hatte sich in ihren neuen
+Wirkungskreis begeben. Ein Hüftleiden, das sie schon lange plagte, hatte
+sich verschlimmert, so daß ihr das Gehen schwer fiel. Aber von ihrem
+Rollstuhl aus, den sie mitgebracht hatte, und den ihre behäbige Person
+vollständig ausfüllte, leitete sie das ganze Haus, ihn selbst
+inbegriffen. Er war ganz erschrocken über ihre Tüchtigkeit. Sie kam
+selten aus ihrem Stuhl heraus, aber trotzdem wußte sie alles, was
+geschah. Wände hemmten ihren Blick nicht, eine Entfernung gab es nicht
+für sie. Größtenteils ließ sich das aus der Schärfe ihrer Sinne
+erklären, aus ihrer Fähigkeit, Worte und Zeichen zu deuten, in Mienen
+und Augen zu lesen, zu riechen und zu hören, Schlüsse zu ziehen aus dem,
+was sie wußte,--und siebentens und letztens daraus, daß sie zu fragen
+verstand. Aber einiges war auch nicht zu erklären. Drohte einem, den sie
+lieb hatte, eine Gefahr, so fühlte sie das, wo sie auch war. Sie schrie
+auf--in solchen Augenblicken sprach sie immer englisch--und war auf den
+Beinen und Feuer und Flamme. So zum Beispiel an dem denkwürdigen Tage,
+da Marit mit ihrem Rad in den Fluß gefallen war und durch Männer vom
+Dampfer aus aufgefischt wurde; denn unten an der Landungsbrücke, wohin
+sie gewollt hatte, war das Unglück geschehen. Da stießen sie und Frau
+Dawes aufeinander, die eine triefend von Nässe und heulend, die andere
+triefend von Schweiß und auch heulend.
+
+Frau Dawes machte täglich ihre Runde durch das Haus und, wenn es nötig
+war, auch um das Haus herum. Weiter kam sie selten. Auf diesem Rundgang
+sah sie alles, auch das, was erst später geschah, versicherten die
+Mägde.
+
+Sie hatte etwas Schwimmendes an sich. Sie schwamm beständig in Papier.
+Ihre Korrespondenz, die, wie Anders Krog behauptete, alle Personen
+umfaßte, die sie einmal in Pension gehabt hatte, setzte sie
+ununterbrochen fort. In allen Sprachen und über alle Dinge; denn ihre
+zweite Hauptbeschäftigung war: das, was sie las--und sie las bis tief in
+die Nacht hinein--in ihre Korrespondenz hineinzubringen. Sie drehte sich
+nach dem Tisch mit dem Schreibpult um, sie wandte sich fort vom Tisch,
+um zu lesen. An der Stuhllehne war eine Lesepultmechanik angebracht,
+worauf das Buch lag; in der Hand hielt sie es selten. Sie zog Memoiren
+jeder andern Lektüre vor, und davon plauderte sie nachher in ihren
+Briefen. In zweiter Reihe kamen Kunstzeitschriften und Reiseliteratur.
+Sie hatte ein kleines Vermögen und kaufte sich alles, was ihr gefiel.
+
+Das Kind unterrichtete sie nebenbei. In der Wohnstube an dem großen
+Tisch saßen sie, "Tante Eva" in ihrem Thronsessel, die Kleine ihr
+gegenüber. Immer aber, wenn es nötig war, mußte Marit an Tante Evas Pult
+kommen. Der Unterricht ging so leicht vonstatten, daß die Kleine oft
+vergaß, daß es Schule war. Ja, selbst der Vater, der seine Bibliothek
+dicht daneben hatte, vergaß es oft, wenn er hereinkam und das Gespräch
+oder die Erzählung mit anhörte.
+
+War der Unterricht leicht, so waren andre Dinge sehr schwierig und
+führten zu Kämpfen. Das ganze Verhalten des Kindes wollte sie ändern,
+und da war ihr der Vater im Wege. Aber er wurde natürlich geschlagen,
+und noch ehe er ahnte, was Frau Dawes beabsichtigte. Marit sollte
+gehorchen lernen, sie sollte einen Begriff von bestimmter
+Zeiteinteilung, von Ordnung, von Höflichkeit, von Takt bekommen. Sie
+sollte jeden Tag Klavier üben, sie sollte bei Tisch hübsch gerade
+sitzen und sich die Hände unzählige Male am Tage waschen; sie sollte
+immer sagen, wohin sie gehe. Und nichts von all dem wollte sie.
+Eigentlich auch der Vater nicht.
+
+Frau Dawes hatte einen einzigen festen Punkt, von dem sie ausgehen
+konnte. Das war der unerschütterliche Glaube des Kindes an die
+Vollkommenheit seiner Mutter. Frau Dawes wußte sie davon zu überzeugen,
+daß die Mutter nie später als um acht Uhr schlafen gegangen sei. Sie
+habe immer vorher ihre Kleider ordentlich auf einen Stuhl gelegt und
+ihre Schuhe vor die Tür gestellt.
+
+Von dem, was die Mutter getan und bis zur Vollkommenheit getan hatte,
+ging sie zu dem über, was die Mutter getan hätte, wenn sie an Marits
+Stelle gewesen wäre; und vor allem, was sie _nicht_ getan hätte, wenn
+sie Marit wäre. Das war schwieriger. So als Frau Dawes versicherte, die
+Mutter sei immer nur so weit geradelt, wie man sie sehen konnte. "Woher
+weißt Du das?" fragte Marit.--"Ich weiß es daher, daß Dein Vater und
+Deine Mutter nie voneinander getrennt waren."--"Das ist wahr, Marit",
+fiel der Vater ein, froh, daß er auch einmal zu dem ja sagen konnte, was
+Frau Dawes einfiel; denn das meiste war doch durchaus nicht wahr.
+
+Je weiter der Unterricht fortschritt, desto mehr Freude machte es Frau
+Dawes selbst, und desto größeren Einfluß gewann sie auf das Kind. Sie
+machte es sich zur Aufgabe, das Traumleben Marits auszuroden, das ein
+Erbteil der Mutter war und in üppiger Blüte stand, solange der Vater
+zuhörte und seinen Spaß daran hatte.
+
+Einmal im Frühjahr kam Marit schnell herein und erzählte ihrem Vater, in
+dem alten Baum zwischen den Gräbern der Mutter und der Großmutter sei
+ein kleines Nest und in dem Nest seien ganz, ganz kleine Eier. "Das ist
+ein Gruß von Mutter, nicht?" Er nickte und ging mit ihr, um es zu
+besehen. Als sie aber näher kamen, flog der Vogel auf und piepte
+jämmerlich. "Mutter sagt, wir sollen nicht näher heran?" fragte sie
+ihren Vater.--Er bejahte es. "Dann würden wir Mutter stören?" fragte sie
+weiter. Er nickte.----Sie gingen seelenvergnügt wieder nach Hause und
+sprachen den ganzen Weg von Mutter. Als Marit Frau Dawes hiervon
+erzählte, sagte sie: "Das sagt Dein Vater nur, um Dich nicht zu
+betrüben, Kind. Könnte Deine Mutter Dir eine Botschaft senden, so käme
+sie selbst."--Die Revolution, die diese wenigen grausamen Worte
+anrichteten, war nicht abzusehen. Sie veränderten auch das Verhältnis
+zum Vater.----
+
+Die Schule ging ihren regelrechten Gang, die Erziehung auch, bis Marit
+nahezu dreizehn Jahr alt war, lang und dünn und großäugig mit üppigem,
+rotem Haar und weißer, zarter Haut ohne Sommersprossen, was Frau Dawes'
+besonderer Stolz war.
+
+Da kam der Vater eines Tages aus der Bibliothek herein und unterbrach
+den Unterricht. Das war in den ganzen Jahren nicht ein einzigesmal
+geschehen. Marit bekam frei; Frau Dawes ging mit dem Vater in die
+Bibliothek. "Bitte lesen Sie diesen Brief!"--
+
+Sie las und erfuhr,--wovon sie nicht die leiseste Ahnung gehabt
+hatte,--daß der Mann, der vor ihr stand und ihr Gesicht während des
+Lesens beobachtete, ein Millionär war, kein Kronen-, nein, ein
+Dollarmillionär. Er hatte seit dem Tode des Onkels nach der ersten
+vorläufigen Ausbezahlung der Bankguthaben und Aktien als Kompagnon des
+Bruders nichts wieder abgehoben,--und dies war das Resultat.
+
+"Ich gratuliere Ihnen", sagte Frau Dawes und faßte seine rechte Hand mit
+ihren beiden. Ihr standen die Tränen in den Augen. "Ich verstehe Sie,
+lieber Krog; Sie wünschen, daß wir jetzt auf Reisen gehen?" Er sah sie
+mit seinen leuchtenden Augen lachend an. "Haben Sie etwas dagegen, Frau
+Dawes?"--"Durchaus nicht, wenn wir die nötige Bedienung mitnehmen; ich
+bin ja einmal so schlecht zu Fuß."--"Das sollen Sie haben, und überall
+halten wir uns einen Wagen. Der Unterricht kann fortgesetzt werden,
+nicht wahr?"--"Ob er kann! Nur um so besser!" Sie lachte und weinte
+zugleich, und sie sagte selbst, so glücklich sei sie noch nie gewesen.
+
+Vierzehn Tage später hatten die drei mit einem Diener und einem Mädchen
+Krogskog verlassen.
+
+ * * * * *
+
+Der Thronwechsel
+
+
+So gingen zweieinhalb Jahre hin, in denen der Vater einige Male in
+Norwegen war, aber die anderen nicht. Dann dachten sie ernstlich daran,
+einen Sommer in Krogskog zu verbringen. Aus diesem Grunde standen sie
+alle drei in einem Konfektionsgeschäft in Wien. Frau Dawes und Marit
+sollten neue Kleider haben, besonders Marit, die aus ihren
+herausgewachsen war. Es war in den ersten Tagen des Mai, und es handelte
+sich um Sommerkleider.
+
+"Dein Vater und ich, wir finden beide, Du mußt jetzt lange Kleider
+haben. Du bist schon so groß." Marit blickte zu ihrem Vater hin, aber
+die Stoffe, die vor ihnen ausgebreitet lagen, hielten seinen Blick fest.
+Frau Dawes sprach statt seiner. "Dein Vater hat oft gesagt, wenn Du mit
+ihm gehst, sehen die Herren Dir so nach den Beinen."--Der Vater wurde
+unruhig; selbst das Fräulein hinter dem Ladentisch merkte, daß ein
+Gewitter in der Luft lag. Sie verstand die Sprache nicht, aber sie sah
+die drei Gesichter. Schließlich hörte der Vater Marit mit einer fremden,
+aber freundlichen Stimme antworten: "Soll ich jetzt lange Kleider haben,
+weil Mutter, als sie in meinem Alter war, auch welche trug?"--Frau Dawes
+sah erschrocken Anders Krog an; er aber wandte sich ab. Dann wieder
+Marit: "Tante Eva, Du warst doch natürlich mit Mutter zusammen, als sie
+damals lange Kleider bekam? Oder Vater vielleicht?"
+
+Dann wurde nicht mehr von langen Kleidern gesprochen. Es wurde
+überhaupt nicht mehr gesprochen. Sie gingen fort.
+
+Weiter geschah nichts. Es ergab sich von selbst, daß sie am nächsten
+Tage, statt zum Unterricht zu kommen, mit dem Vater ausfuhr, um die
+Sache mit den Kleidern zu ordnen. Des weiteren, daß sie sich von dort in
+die Museen begaben. Sie setzten diese täglichen Ausfahrten bis zur
+Abreise fort. Mit dem Unterricht war es vorbei. Als sei nichts
+vorgefallen, gingen sie jeden Abend zu Dreien ins Konzert oder in die
+Oper oder ins Schauspiel. Sie wollten die Zeit, die ihnen noch blieb,
+ausnutzen.
+
+In den ersten Tagen des Juni waren sie in Kopenhagen. Hier erwartete sie
+ein Brief von Onkel Klaus. Jörgen Thiis, sein Pflegesohn, sei Leutnant
+geworden; Klaus wolle draußen in seinem Landhause einen Frühlingsball
+geben, aber er warte damit, bis sie heimkämen. Wann sie kämen?
+
+Darauf freute sich Marit sehr. Den schönen, schlanken Jörgen kannte sie.
+Er war der Sohn des Bezirksamtmanns, seine Mutter war Klaus Krogs
+Schwester.
+
+Also mußte jetzt ein Ballkleid komponiert werden; die Erwägungen waren
+sehr kurz, keiner sagte vorläufig ein Wort. Das Spannende der Sache, ob
+dieses Kleid wohl lang sein werde, verschloß jeder in seiner Brust. Als
+der große Augenblick des Maßnehmens kam, fragte die Dame, die es tat:
+"Das gnädige Fräulein soll doch ein langes Kleid haben?" Marit sah zu
+Frau Dawes hin, die rot wurde. Was aber schlimmer war: die Dame selbst
+wurde auch rot. Sie nahm eilig nach dem kurzen Kleide Maß, das Marit
+anhatte.
+
+Am zwanzigsten Juni fand also der Ball statt. Ein schwüler Tag ohne
+Sonne. Die Gäste standen im Garten vor dem großen Landhause, als das
+Boot anlegte, mit dem Marit und ihr Vater kamen; sie waren die letzten.
+Sie stieg allein aus. Der alte Klaus stapfte lang und dürr und mit
+ungeheuer weiten Beinkleidern zu ihr hinunter, ohne Hut mit blanker
+Glatze und feuchtglänzendem Gesicht. Er hielt sie durch eine
+Handbewegung zurück, während er zu Anders Krog im Boot hinuntersah:
+"Willst Du nicht heraufkommen?"--"Nein, nein! Tausend Dank!" Das Boot
+stieß ab. Jetzt erst sah er Marit an, die Frau Dawes in ihrem langen
+Brief als die größte Schönheit beschrieben hatte, die sie je gesehen. Er
+starrte sie an, verbeugte sich und kam näher; er roch nach Tabak und
+schmunzelte mit seinem großen, weit offnen, unappetitlichen Munde. Bot
+ihr dann seinen Arm. Sie aber in ihrem langen ärmellosen Mantel tat, als
+bemerkte sie es nicht. Er stutzte, folgte ihr aber zu den andern. Und
+dann sagte er: "Hier bringe ich die Ballkönigin." Das verletzte sie und
+verletzte alle, so daß der Anfang nicht vielversprechend war. Jörgen,
+der Held des Abends, drängte sich vor, um sich zu erbieten, ihr Hut und
+Mantel abzunehmen. Sie aber grüßte obenhin und ging weiter. Es lag Stil
+darin. Unter den Zurückbleibenden entstand sofort ein Geflüster. Die
+Art, wie sie vorüberging, ihr Gesicht, ihre Haltung, ihr Gang, die
+blendend schöne Haut, die leuchtenden Augen, die Wölbung darüber, die
+feingeformte Nase ... das war alles aus einem Guß und alles vollendet.
+Jörgen Thiis war hin. Er selbst war ein großer, schlanker Mensch vom
+Krogschen Typ; nur die Augen waren ganz anders. Jetzt hingen sie wie
+festgenagelt an der Tür, hinter der sie verschwunden war. Er wartete auf
+der Treppe.
+
+Und wie sie wieder heraus und auf ihn zukam, um an seinem Arm zu den
+andern hinunter zu gehen,--in einem kurzen Kleide aus lichtem,
+wasserblauem Krepp mit durchbrochnen seidenen Strümpfen von derselben
+Farbe und in Silberbrokatschuhen mit antiken Schnallen, war sie ein
+Bild. Die Bewunderung war einstimmig. Es wurde von nichts anderem
+gesprochen, bis man zu Tisch ging. Auch da hörte es noch nicht auf; es
+gab Gesprächsstoff für die ganze Stadt. Daß ein so klassisch
+geschnittenes Gesicht mit so leuchtenden Augen in dem weißen, weißen
+Teint obendrein noch in einem Glorienschein von rotem Haar stand! Das
+Ganze war harmonisch zu der hohen Gestalt mit den leicht abfallenden
+Schultern und einer Büste, die noch nicht voll entfaltet, aber von einer
+Freiheit und Unabhängigkeit war, als könne sie losgelöst werden. Die
+Arme, die Handgelenke, die Hüftbildung, die Füße ... es wurde beinahe
+komisch; denn einige junge Herren stellten mit dem größten Eifer die
+Behauptung auf, die Knöchel seien das Allerschönste. Sie hätten nicht
+ihresgleichen. So dünn,--und mit dieser schwellenden Rundung nach
+oben--? Nein, nirgends!
+
+Jörgen Thiis vergaß das Reden, ja sogar eine Zeitlang das Essen, das ihm
+sonst doch das Schönste auf der Welt war. Er ging wie ein Schlafwandler
+mit ihr. Wenn man sie sah, war er an ihrer Seite oder hinter ihr her.
+
+Wegen des Balles hatten sich ihr Vater und Frau Dawes nach dem Hause in
+der Stadt begeben. Sie wurden beim Morgengrauen geweckt von lautem
+Schwatzen und Lachen vor dem Hause und schließlich gar männlichen und
+weiblichen Hurrarufen; die Ballgäste hatten Marit nach Hause begleitet.
+
+Am ändern Tage bekamen die Alten Besuch von Verwandten und Freunden. Die
+älteren Leute, die auf dem Ball gewesen waren, erklärten Marit für die
+Schönste, die sie seit Menschengedenken gesehen hätten. Der alte Klaus
+war abends um neun noch in die Stadt gerudert und zu einigen Freunden
+gepilgert, bloß weil sie kommen und sehen sollten.
+
+Am Nachmittag präsentierte sich Jörgen in Uniform und mit neuen
+Handschuhen. Er wollte sich erlauben, nach dem Befinden des gnädigen
+Fräuleins zu fragen. Das gnädige Fräulein habe noch nichts von sich
+hören lassen.
+
+Als sie schließlich kam, war sie von etwas ganz andrem erfüllt als von
+dem gestrigen Tage. Das merkte Frau Dawes sofort. Auch erzählte die
+Ballkönigin nicht das geringste von dem Balle. Sie beschränkte sich
+darauf, zu fragen, ob sie aufgeweckt worden seien. Dann aß sie. Als sie
+fertig war und wieder hereinkam, erzählte ihr Vater, Jörgen sei
+dagewesen, um zu fragen, wie es ihr gehe. Marit lächelte. Frau Dawes:
+"Findest Du Jörgen nicht nett?"--"Doch."--"Worüber lächelst Du
+denn?"--"Er hat so viel gegessen."--Jetzt fiel der Vater lachend ein:
+"Das macht sein Vater, der Amtmann, auch so! Und regelmäßig sucht er
+sich die besten Stücke aus."--"Freilich."
+
+Frau Dawes saß und wartete auf das, was jetzt kommen würde; denn es kam
+etwas. Marit ging hinaus; nach einer Weile erschien sie mit Hut und
+Sonnenschirm wieder. "Willst Du ausgehen?" fragte Frau Dawes. Marit
+stand da und zog sich die Handschuhe an. "Ich gehe aus und bestelle mir
+Visitenkarten."--"Hast Du keine Visitenkarten?"--"Doch; aber die alten
+gefallen mir nicht mehr."--"Warum nicht?" fragte Frau Dawes sehr
+verwundert; "Du hast sie doch damals in Italien so hübsch
+gefunden?"--"Ja;--aber der Name gefällt mir nicht mehr, meine
+ich."--"Der Name?" Beide blickten auf. Marit: "Es ist gerade, als wenn
+er gar nicht mehr zu mir gehört,--meine ich."--"Marit gefällt Dir
+nicht?" fragte Frau Dawes. Der Vater warf leise hin: "Es war der Name
+Deiner Mutter." Sie antwortete nicht gleich; sie fühlte die entsetzten
+Augen des Vaters.--"Wie möchtest Du denn heißen, Kind?" Das war wieder
+Frau Dawes, die sprach. "Mary."--"Mary?"--"Ja. Das paßt besser,--meine
+ich." Die stumme Verwunderung der andern bedrückte sie augenscheinlich.
+Sie sagte: "Wir wollen ja jetzt doch nach Amerika. Da sagt man
+Mary."--"Aber Du bist Marit getauft", sagte ihr Vater schließlich
+zaghaft.--"Was schadet das?"--Frau Dawes: "Es steht in Deinem
+Taufschein, Kind; es ist Dein Name."--"Ja, in den Urkunden steht es
+vielleicht, aber nicht in mir." Die beiden andern starrten sie an.
+
+"Es tut Deinem Vater weh, Kind."--"Vater kann mich ja ruhig weiter Marit
+nennen."--Frau Dawes blickte sie traurig an, sagte aber nichts weiter.
+Marit war mit ihren Handschuhen fertig. "In Amerika werde ich Mary
+genannt. Das weiß ich. Hier habe ich eine Probekarte. Es macht sich doch
+gut?" Sie holte eine ganz kleine Karte aus der Tasche. Frau Dawes besah
+sie und reichte sie Anders Krog hin. Mit feiner Schrift stand auf feinem
+Papier: "Mary Krog."
+
+Der Vater schaute lange, schaute immer wieder auf die Karte. Legte sie
+dann auf den Tisch, nahm seine Zeitung und tat, als lese er.
+
+"Es tut mir leid, Vater, daß Du es so auffaßt."--Anders Krog wiederholte
+leise, ohne von der Zeitung aufzusehen: "Marit ist der Name Deiner
+Mutter."--"Ich habe Mutters Namen auch lieb.--Er paßt aber nicht für
+mich."
+
+Damit ging sie leise hinaus. Frau Dawes, die am Fenster saß, blickte ihr
+die Straße entlang nach. Anders Krog legte die Zeitung hin; er konnte
+nicht lesen. Frau Dawes versuchte, ihn zu trösten. "Es ist was Wahres
+dran", sagte sie. "Marit paßt nicht mehr für sie."
+
+"Der Name ihrer Mutter", wiederholte Anders Krog, und die Tränen liefen
+ihm über das Gesicht.
+
+ * * * * *
+
+Drei Jahre später
+
+
+Drei Jahre später fuhr Mary nach langem Regen an einem schönen
+Frühlingstage mit einer Verwandten, Alice Clerq, in Paris die Avenue du
+Bois de Boulogne hinunter auf das vergoldete Parktor zu. Sie hatten sich
+in Amerika kennen gelernt und sich hier in Paris im vorigen Jahre
+wiedergetroffen. Alice Clerq wohnte jetzt mit ihrem Vater in Paris. Der
+alte Clerq war früher der bedeutendste Kunsthändler von New York gewesen
+und hatte eine Norwegerin aus der Familie Krog geheiratet. Nach dem Tode
+seiner Frau verkaufte er sein riesiges Geschäft. Die Tochter war mit der
+Kunst aufgewachsen und hatte eine gründliche Ausbildung darin genossen.
+Sie hatte die Museen der ganzen Welt gesehen, hatte ihren Vater sogar
+bis nach Japan geschleppt. Ihr Hôtel in den Champs Elysées war voll von
+Kunstgegenständen. Dort hatte sie auch ihr Atelier; sie war nämlich
+Bildhauerin. Alice war nicht mehr jung, eine kräftige, rundliche Person,
+gutmütig und lustig.
+
+Dies Jahr kam Anders Krog mit seiner Begleitung aus Spanien. Die beiden
+Freundinnen sprachen gerade über ein Bild Marys, das aus Spanien an
+Alice geschickt war und nach Norwegen weiter wanderte. Alice behauptete,
+der Künstler habe es offenbar auf eine Ähnlichkeit mit Donatellos
+"Heiliger Cäcilie" abgesehen. Durch die Stellung des Kopfes, die Form
+der Augen, die Linie des Halses und den halb geöffneten Mund. Aber so
+interessant dieser Versuch sein möge, für die Ähnlichkeit sei er von
+Schaden. Zum Beispiel sei es ein Verlust für das Bild, daß die Augen
+nicht zu sehen seien; die habe sie ja niedergeschlagen wie bei
+Donatello. Mary lachte. Gerade um diese Ähnlichkeit herauszubekommen,
+habe sie ihm gesessen.
+
+Nun erzählte Alice von einem norwegischen Genieoffizier, den sie kennen
+gelernt habe, als sie mit seiner Mutter im Sommer in Norwegen gewesen
+sei. Er habe das Bild bei ihr gesehen und sich ganz in dieses Porträt
+verliebt.--"So", sagte Mary wie abwesend.--"Es ist kein gewöhnlicher
+Mensch, kannst Du glauben, und auch kein gewöhnliches Verliebtsein."
+--"Nanu?"--"Ich bereite Dich vor. Er kommt natürlich bei mir mit Dir
+zusammen."--"Ist das nötig?"--"Sehr. Denn sonst muß ich es ausbaden."
+--"Ist er denn gefährlich?" Alice lachte: "Mir wenigstens."--"Sieh
+einer an! Ja, das ist etwas anderes."--"Jetzt verstehst Du mich falsch.
+Warte, bis Du ihn siehst."--"Ist er so schön?"--Alice lachte: "Nein,
+er ist geradezu häßlich!--Na, warte nur ab."--Sie fuhren weiter, das
+Gedränge wurde größer; es war einer der Haupttage.--"Wie heißt er?"
+--"Franz Röy."--"Röy? So heißt unsere Ärztin auch. Fräulein Röy."
+--"Ja, das ist seine Schwester; er spricht oft von ihr."--"Sie hat
+eine herrliche Figur."--Da richtete Alice sich auf: "Und er? Wenn ich
+mit ihm über die Straße gehe, drehen die Leute sich um, weil sie ihn
+noch einmal sehen wollen. Ein richtiger Riese! Aber keiner von den
+fettgepolsterten. Nein, sehr groß und geschmeidig." --"Also gut
+trainiert?"--"Riesig. Auf nichts ist er so stolz wie auf seine Kraft,
+und nichts zeigt er so gern!"--"Ist er denn dumm?"--"Dumm? Franz Röy?"
+--Sie lehnte sich wieder zurück, und Mary fragte nicht weiter.
+
+Sie kamen spät draußen an; endlose Wagenreihen zogen an ihnen vorbei
+heimwärts aus dem Bois. Die drei breiten Fahrwege der Avenue waren
+gedrängt voll. Je näher sie dem eisernen Tor kamen, wo die Wege
+zusammenliefen, desto dichter wurden die Wagenreihen. Diese
+Zurschaustellung von hellen und bunten Frühjahrstoiletten an dem ersten
+sonnigen Tage nach dem Regen war ein einzigartiges Schauspiel. Zwischen
+den neubelaubten Bäumen wirkten die Wagen wie gefüllte Blumenkörbe im
+Grün, einer hinter dem andern, einer neben dem andern, ohne Anfang und
+ohne Ende.
+
+Am Tor kamen sie in die Nähe der wogenden Menge von Fußgängern. Aber
+kaum waren sie mitten drin, als sich von rechts nach links hinüber eine
+unruhige Bewegung fortpflanzte. Dort rechts mußten die Leute etwas
+sehen, was von hier aus nicht zu sehen war. Einige schrien und zeigten
+nach den Seen hinüber, die Wagen fuhren auf Kommando zur Seite oder in
+die Querwege hinein, die Bewegung wuchs, bald war sie allgemein.
+Schutzleute und Parkwächter rannten hin und her, die Wagen stauten sich
+so dicht, daß keiner mehr vom Fleck kam. Ein breiter Mittelgang war bald
+weit hinunter frei. Alle spähten und fragten,--da kam es! Ein paar
+durchgegangene Pferde mit einem großen Wagen. Auf dem Bock sah man den
+Kutscher und den Groom. Es mußte sich ein Kampf abgespielt haben, so daß
+man Zeit bekam, den Weg frei zu machen, oder die Pferde mußten in sehr
+großer Entfernung scheu geworden sein. Hier, diesseits des Tores, waren
+alle Gefährte aus dem Mittelweg verschwunden; Alices Wagen stand beinahe
+zu äußerst am linken Fußweg. Hinter sich hörten sie Geschrei; vermutlich
+wurde die ganze Avenue freigemacht. Aber niemand blickt dahin, alles
+sieht nach vorn. Ein stattliches Gespann kommt in rasender Fahrt auf sie
+zu. Von Neugier getrieben, wogen zu beiden Seiten die Massen vor und
+zurück. Ängstliche Menschen draußen vor dem Tor riefen: "Schließt das
+Tor!"--Ein rasender Protest, ein tausendstimmiger Hohn von drinnen
+antwortete ihnen. Alle Wageninsassen hatten sich erhoben, manche standen
+auf den Sitzen. Auch Alice und Mary. Es machte den Eindruck, als werde
+die Fahrt toller, je näher die Tiere kamen. Kutscher und Groom rissen
+aus Leibeskräften an den Zügeln; aber das stachelte die Tiere nur an.
+Ein Mann im Zylinder beugte den Oberkörper aus dem Wagen, vermutlich um
+festzustellen, wo er sich den Hals brechen werde. Ein paar Hunde liefen
+mit eifrigem Protest hinterher, hier oben lockten sie noch mehrere
+andere auf die Bahn hinaus, die sich aber nicht weit vorwagten. Die zwei
+oder drei, die es taten, prallten gegeneinander, daß einer sich
+überstürzte und überfahren wurde, der Wagen machte einen Satz, der Hund
+heulte auf,--seine Kameraden hielten eine Weile inne.
+
+Da löst sich ein Mann aus den Massen am eisernen Portal und tritt mitten
+auf den Weg. Man schrie, man schwang Stöcke und Regenschirme und drohte
+ihm. Ein paar Schutzleute wagten sich einige Schritte hinter ihm her und
+winkten und riefen; das gleiche tat diesseits ein Parkwächter, lief aber
+in Todesangst wieder zurück. Statt auf die Rufe und Drohungen zu achten,
+nahm der Mann die Pferde aufs Korn, trat nach links, dann nach rechts,
+dann wieder nach links ... offenbar um sich ihnen entgegenzuwerfen.
+
+Sowie die Menge das erfaßt hatte, wurde sie still, ja, es wurde so
+still, daß man die Vögel in den Bäumen singen hören konnte, hören auch
+das ferne, dumpfe Getöse der nimmer stillen Riesenstadt, das vom Winde
+herübergetragen wurde. Es gab dem Vogelgezwitscher einen einförmigen
+Unterton. Merkwürdig, daß die Pferde genau so gespannt dastanden wie die
+Menschen; sie rührten keinen Fuß. Nur die Hunde waren wieder in
+Bewegung.
+
+Nun hatte der wilde Zug den Mann mitten auf der Straße erreicht. Er
+drehte sich pfeilschnell nach derselben Seite wie die Pferde, lief neben
+ihnen her und warf sich dann dem nächsten in die Flanke ...
+
+"Das ist er!" rief Alice mit leichenblassem Gesicht und packte Mary so
+krampfhaft, daß sie beide ins Stolpern kamen. Schrill und wild
+kreischten weibliche Stimmen auf. Ein dumpfes Gebrüll von Männerstimmen
+folgte. Jetzt hing er an dem einen Pferde. Alice schloß die Augen, Mary
+wandte sich ab. Lief er mit oder wurde er geschleift? Sie anhalten
+konnte er nicht.
+
+Wieder einige Sekunden lang eine fürchterliche Stille, nur die Hunde und
+die Hufe der Pferde hörte man. Dann ein kurzer Aufschrei und dann
+tausende, und dann Jubel, wilder, endloser Jubel. Wehende Taschentücher,
+Hüte und Sonnenschirme. Die Menge strömte zu beiden Seiten wie eine
+Sturmflut wieder in die Avenue hinein. Hier oben war die Straße in einem
+Augenblick gedrängt voll. Die rasenden Tiere standen schaumbedeckt und
+zitternd dicht bei Alices Wagen. Sie sah einen grauen Engländer, einen
+schlanken alten Herrn mit weißem Bart und im Zylinder, und sie sah eine
+junge schlanke Dame an seinem Arm hängen und hörte den Alten sagen:
+"Well done, young man!"
+
+Ein schallendes Gelächter folgte. Und jetzt erst sah sie ihn, dem die
+Worte gegolten hatten, wie er die Pferde bei den Nüstern gepackt hatte,
+ohne Hut, mit aufgerissener Weste und blutenden Händen, jetzt aber das
+schweißbedeckte, aufgeregte Gesicht lustig dem Engländer zuwandte.
+Gerade im selben Augenblick gewahrte er Alice. Sie stand ja noch immer
+auf dem Sitz ihres Wagens. Ohne Zögern ließ er Pferde und Wagen mitsamt
+dem Engländer stehen und bahnte sich den Weg zu ihr: "Verehrteste,
+bringen Sie mich fort aus diesem Wirrwarr!" sagte er laut in seiner
+breiten ostländischen Mundart. Ehe sie antworten, ja noch ehe sie vom
+Sitz herunterkommen, geschweige ehe der Groom sich vom Bock
+herabschwingen konnte, hatte er die Wagentür geöffnet und war bei ihnen
+im Wagen. Er half erst Alice von der Bank herunter, dann ihrer Freundin.
+Darauf sagte er auf französisch zum Kutscher: "Fahren Sie mich nach
+Hause, so schnell Sie loskommen können. Sie wissen die Adresse
+wohl."--"Ja, Herr Hauptmann", antwortete der Kutscher mit ehrerbietigem
+Gruß und bewundernden Blicken. Als Franz Röy sich hinsetzen wollte,
+verzog er das Gesicht und rief, indem er sich an den Fuß faßte: "Au,
+Donnerwetter, das Ekel hat mich getreten. Jetzt merke ich es erst." In
+diesem Augenblick begegnete er Marys großen, verwunderten Augen; er
+hatte sie bisher nicht angesehen, nicht einmal, als er ihr vom Sitz
+heruntergeholfen hatte. Die Veränderung in seinem Gesichtsausdruck war
+so gewaltig und so überwältigend komisch, daß die beiden Damen in lautes
+Lachen ausbrachen. Er faßte mit der blutigen Hand an seinen Hut--und
+merkte, daß er keinen aufhatte. Da lachte er auch.
+
+Der Kutscher hatte inzwischen den Wagen ein paar Meter vorwärts
+bugsiert, nun versuchte er zu wenden.
+
+"Ja, ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wer das ist?" lachte Alice.
+"Nein!" sagte er und starrte Mary an, daß sie rot wurde.
+
+"Aber, mein Gott, wie konnten Sie das wagen!"--Alices Stimme
+war's.--"Ach, das ist nicht so gefährlich, wie es aussieht", antwortete
+er, ohne ein Auge von Mary zu wenden. "Es ist bloß ein Kniff. Ich habe
+es schon vorher zweimal gemacht." Er sprach nur zu Mary. "Diesmal sah
+ich gleich, daß bloß das eine Pferd den Verstand verloren hatte; das
+andere wurde nur mitgerissen. Ja, da nahm ich mir also das tolle vor.
+Pfui Teufel, wie sehe ich aus!" Jetzt erst entdeckte er, daß seine
+Weste zerrissen, daß seine Uhr weg war, und daß seine blutende Hand ihn
+beschmutzte. Mary bot ihm ihr Taschentuch an. Er blickte auf das feine,
+gestickte Gewebe und dann auf sie: "Nein, gnädiges Fräulein, das wäre,
+als wollte man Baumrinde mit Seide flicken."
+
+Gleich draußen vor dem Tor an der rechten Seite wohnte er, also war es
+keine Entfernung. Mit herzlichem Dank, ohne die blutige Hand
+darzubieten, stieg er aus.
+
+Als er schlank und riesig über den Fußweg von dannen hinkte und der
+Wagen wendete, sagte Alice leise auf englisch: "Wer so ein Modell haben
+könnte, Mary!"--Mary sah sie verwundert an: "Ja, läßt sich denn das
+nicht machen?"--Alice gab Mary den Blick noch verwunderter zurück:
+"Nackt meine ich." Mary machte beinahe einen Luftsprung, beugte sich
+dann nach vorn und sah Alice gerade ins Gesicht. Alice begegnete ihren
+Augen mit einem schelmischen Lachen.
+
+Mary lehnte sich zurück und starrte vor sich hin.
+
+ * * * * *
+
+Franz Röy mußte sich wegen seines Fußes einige Tage Schonung auferlegen.
+Als er sich wieder bei Alice meldete, wurde verabredetermaßen Mary
+benachrichtigt. Aber es überkam sie eine solche Unruhe, daß sie sich
+nicht hinzugehen getraute. Beim nächsten Mal trieb die Neugier, oder was
+es sonst war, sie hin. Aber sie kam sehr spät, und kaum stand sie ihm
+gegenüber, da wünschte sie, sie wäre nie gekommen. Er hatte etwas so
+Intensives, daß die vornehme Dame es als Aufdringlichkeit, ja fast als
+Beleidigung empfand. Ihr Wesen war in Aufruhr, sie folgte ihm mit den
+Augen, mit den Ohren; die Gedanken sausten in ihr und das Blut auch. Es
+muß doch mal vorübergehen, dachte sie. Aber das war nicht der Fall.
+Alices Verzauberung oder richtiger ihre Verliebtheit erhöhte das
+Schwindelgefühl. War er eigentlich so häßlich? Diese breite, steile
+Stirn, diese kleinen, sprühenden Augen, der zusammengekniffene Mund, das
+vorspringende Kinn, das hatte alles in allem etwas ungewöhnlich
+Kraftvolles, aber es wurde spaßhaft, weil er beinahe gar keine Nase
+hatte. Spaßhaft war auch das meiste, was er sagte. So immer aufgelegt
+und lustig, daß um ihn her beständig Heiterkeit war, so unerschöpflich
+voller Einfälle. Seine Manieren hatten nichts Gewaltsames; er war im
+Gegenteil die Höflichkeit selbst; er war aufmerksam, zuweilen sogar
+galant. Es lag nur an dem Überwältigenden in ihm. Seine Sprache und
+seine Augen allein waren wie ein Gewitter. Aber auch seine Gestalt tat
+das ihre, diese kraftvolle Hand, dieser massige Fuß, der fast nur Spann
+war, diese Schultern, der Nacken, der Brustkasten, das alles sprach mit,
+wirkte erdrückend, demonstrierte. Man kam keinen Augenblick davon los.
+Und seine Rede floß unaufhaltsam.
+
+Mary kannte nur die Unterhaltungsform der internationalen Gesellschaft.
+Eine leichte Konversation über Wind und Wetter, über die
+Tagesereignisse, über Literatur und Kunst, über Zufälligkeiten auf
+Reisen und beim Aufenthalt, das ganze immer mit anderthalb Ellen
+Abstand. Er dagegen war ganz individuell und nahebei. Dabei fühlte sie,
+daß sie selbst auf ihn wirkte wie Wein. Er wurde immer berauschter und
+immer übermütiger. Das regte auf und machte unruhig. Sobald sie
+anstandshalber fort konnte, verschwand sie, benommen, verwirrt und
+eigentlich in einer wilden Flucht. Sie gab sich selbst das feierliche
+Versprechen, nie wiederzukommen.
+
+Erst später am Tage ging sie zu ihrem Vater und zu Frau Dawes hinein.
+Sie erwähnte kein Wort von ihrer Begegnung. Das hatte sie das vorige Mal
+auch nicht getan. Frau Dawes sagte, sie solle sich einmal die Karte
+ansehen, die auf dem Tisch liege.--"Jörgen Thiis? Ist denn der
+hier?"--"Er ist den ganzen Winter hier gewesen. Jetzt hat er erst
+erfahren, daß wir angekommen sind."--"Er bat um Grüße an Dich", warf der
+Vater ein, der wie gewöhnlich saß und las.
+
+Es war wirklich eine Erholung, an Jörgen Thiis zu denken. Im vorigen
+Winter war sie verschiedentlich mit ihm hier in Paris zusammengewesen.
+Bei mehreren Gelegenheiten war er ihr Kavalier, so zum Beispiel bei den
+offiziellen Bällen im Elysée und im Hôtel de Ville. Ein Kavalier, mit
+dem sie in allen Stücken Ehre einlegte. Hübsch, elegant, zuvorkommend.
+Der Vater erzählte, Jörgen wolle zur Diplomatie übergehen. "Dazu gehört
+doch wohl Kapital?" sagte Mary. "Er wird Onkel Klaus beerben",
+antwortete Frau Dawes. "Weißt Du das bestimmt?"--"Bestimmt nicht."--"Ist
+es denn wahr, daß Onkel Klaus in letzter Zeit mehrfach Verluste gehabt
+hat?" Frau Dawes schwieg. Der Vater antwortete: "Das kann schon
+sein."--"Ja, unterstützt er ihn denn?" Keiner antwortete. "Dann kann ich
+nicht finden, daß Jörgens Aussichten so glänzend sind", sagte sie
+abschließend.--
+
+Franz Röy war im Auftrage der Regierung in Paris und war infolgedessen
+oft abwesend. Das war gerade jetzt der Fall, so daß Mary sich sicher
+fühlte. Aber als sie eines Morgens früh zu Alice kam,--sie wollten
+zusammen in die Stadt,--saß er da! Er sprang auf und eilte ihr entgegen.
+Seine Augen überschütteten sie mit Bewunderung und Freude, er nahm ihre
+Hand in seine beiden Hände. Etwas strahlend Glücklicheres hatte sie nie
+gesehen. Mary fühlte, wie sie rot wurde. Alice lachte, was die Sache
+noch schlimmer machte. Aber seine Redseligkeit, die heute selbst für
+seine Verhältnisse außergewöhnlich war, half ihnen darüber weg. Jetzt
+stürzte er sich in eine kolossale Fabrik hinein, von der er direkt
+herkam, und riß sie mit. Die halbnackten Männer mit ihren Haken an dem
+Strom des siedenden, rotglühenden, wallenden Eisenerzes,--die Gewalt der
+Maschinen und die Menschen dazwischen wie vorsichtige Ameisen in einem
+Wald von Riesen. Er versuchte ihnen das auch in den Einzelheiten zu
+erklären. Es gelang völlig; aber es dauerte lange und hielt vor, bis die
+beiden Freundinnen fort mußten.
+
+Als sie im Wagen saßen, war Alice äußerst aufgeräumt. Es war nämlich
+ganz klar, heute hatte er einen starken Eindruck gemacht.--
+
+Am Tage darauf verließ Mary mit einem amerikanischen Ehepaar Paris im
+Automobil. Sie blieb mehrere Tage fort. Aber es war ihr erstes, als sie
+wieder zurückkam, Alice aufzusuchen. Wahrhaftig: Franz Röy war da. Er
+und Alice sprangen in lebhafter Freude auf, Alice kam ihr entgegen und
+umarmte und küßte sie: "Du Ausreißer, Du Ausreißer!" rief sie. Daß Franz
+Röys Augen funkelten, ist zu wenig gesagt; sie schossen förmlich Salut.
+Von dem Augenblick an, da sie ihn begrüßte, stand sein Mund nicht mehr
+still. Er benahm sich so töricht verliebt, daß es Alice ganz angst
+wurde. Glücklicherweise mußte er ein Ende machen; er hatte eine
+Konferenz. Mary war nachher wieder ganz aufgerührt; die See wollte sich
+nicht legen. Alice sah es und wollte sie beruhigen mit eifrigen,
+ängstlichen Versuchen, ihn ihr zu erklären. Aber das verwirrte nur noch
+mehr; Mary ging.
+
+Am Nachmittag, als sie zu den andern ins Zimmer trat--sie hatte ein
+wenig geruht, es hatte ihr notgetan--hörte sie Klavierspiel. Sie wußte
+sofort, daß es Jörgen Thiis war, der den beiden Alten Gesellschaft
+leistete. Er war wirklich ein Künstler, und er hatte eine Vorliebe für
+den Flügel, den sie hatten. Den wollten sie mit nach Norwegen nehmen.
+Sie ging gleich zu ihm hin und dankte ihm, daß er so aufmerksam gegen
+ihren Vater und Tante Eva sei; leider müßten die beiden so oft allein
+bleiben. Er antwortete, es sei ihm eine unendliche Freude, daß sie seine
+Musik schätzten, und das Klavier sei zu verlockend, in der Tat ersten
+Ranges. Die Unterhaltung bei Tisch und nachher zeigte Mary, wie die drei
+zusammenstimmten; sie war entbehrlich.
+
+Sie war wirklich dankbar dafür, so daß es ein gemütlicher Abend wurde.
+Es wurde viel von der Heimat gesprochen, nach der die beiden Alten
+Sehnsucht hatten.
+
+Kaum war er fort, so sagte Frau Dawes: "Was ist Jörgen doch für ein
+gemütlicher, gebildeter Mensch, liebes Kind!"--Der Vater blickte Mary an
+und lächelte. "Worüber lachst Du, Vater?"--"Über nichts", er lachte
+noch mehr. "Du möchtest wissen, wie er bei mir angeschrieben ist?"--"Ja,
+wirkt er auf Dich?" Frau Dawes war ganz Ohr. "A--ach."--"Das kommt ja so
+gedehnt heraus?"--"N--n--nein."--"Nun also?"--"Im Grunde gefällt er mir
+gut."--"Doch es ist ein Aber dabei--?" Jetzt lächelte sie. "Ich mag
+nicht, daß seine Augen sich förmlich an mir festsaugen." Der Vater
+lachte: "Genau wie beim Essen, nicht?"--"Ja freilich!"--"Ein Lebemann,
+siehst Du, wie sein Vater."--"Aber genau wie sein Vater hat er auch
+viele gute Eigenschaften", warf Frau Dawes ein. "Das hat er", sagte
+Anders Krog ernsthaft. Mary antwortete nicht. Sie sagte Gutnacht und bot
+ihm die Stirn zum Kuß.----
+
+Ein paar Tage später, ganz früh am Morgen, suchte Mary Alice in ihrem
+Atelier des Hinterhauses auf. Anders Krog hatte irgendwo altes
+chinesisches Porzellan gesehen, auf das er Lust bekommen hatte; aber
+Alices guter Rat war hierzu von größter Wichtigkeit. Mary war überzeugt,
+sie allein zu treffen, in der Regel freilich mit irgendeinem Modell.
+
+Sie ging direkt hinein, ohne mit dem Pförtner zu sprechen. Alice öffnete
+ihr selbst. Sie hatte ihren Atelierkittel an, und ihre Hände waren
+schmutzig, sie konnte sie Mary nicht geben. "Hast Du ein Modell da?"
+flüsterte sie. "Ich wollte gerade anfangen," antwortete Alice leise mit
+einem seltsamen Lächeln, "das Modell wartet im Zimmer nebenan. Aber komm
+nur!" Als Mary hinter dem Vorhang hervortrat, erkannte sie den Grund,
+warum das Modell im Zimmer nebenan wartete; Franz Röy saß in diesem
+Zimmer. So früh am Morgen und tief in Gedanken. Er bemerkte nicht
+einmal, daß sie hereinkamen. Es war das erstemal, daß Mary ihn ernst
+sah. Das stand der männlichen Gestalt und seinem kraftvollen Gesicht
+ungleich besser als jene ausgelassene Lustigkeit. "Sehen Sie, wer da
+kommt!" sagte Alice. Er sprang auf.----
+
+Die Unterhaltung heute war sehr ernst. Er war in gedrückter Stimmung.
+Mary konnte unschwer erraten, daß die anderen von ihr gesprochen hatten.
+
+Sie waren deshalb alle drei etwas befangen. Bis Alice ein Thema aus der
+Morgenzeitung aufgriff. Zwei Morde aus Eifersucht, von denen der eine
+geradezu entsetzlich war, hatten sie alle erschüttert, besonders Franz
+Röy. Er behauptete, die Auffassung von der Ehe stamme bei den
+romanischen Völkern aus einer Zeit, da die Frau Eigentum des Mannes war
+und Untreue folglich mit dem Tode bestraft wurde. Durch das Christentum
+sei freilich später der Mann auch Eigentum der Frau geworden. Hierüber
+entstand eine lebhafte Diskussion. Mary stimmte ihm darin bei, daß
+keiner der Eheleute dem ändern gehöre. Sie seien freie Individuen und
+könnten über sich selbst bestimmen. In der Ehe wie vor der Ehe. Nur die
+Liebe sei entscheidend. Höre die Liebe auf, weil der eine Teil oder auch
+beide durch die Entwicklung anders geworden seien, als sie bei
+Begründung der Ehe waren, oder treffe einer von ihnen einen Menschen,
+der seine Seele und seine Gedanken gefangen nehme und seinem Leben eine
+andere Richtung gebe, dann müsse der Verlassene resignieren. Nicht
+verdammen oder töten. Aber ihre Meinung und Franz Röys Ansicht gingen
+auseinander, als sie erwogen, was zwei Eheleute von Rechts wegen
+scheiden dürfe. Namentlich als sie darauf kamen, was davon zurückhalten
+müsse. Sie war hier viel bedenklicher als er. Er schlug scherzend vor,
+sie solle doch sagen: "Eheleute haben volle Freiheit, sich scheiden zu
+lassen; aber sie dürfen keinen Gebrauch davon machen." Sie schlug vor,
+er solle sagen: "Eheleute müssen in der Regel geschieden werden; haben
+sie keinen wirklichen Grund, müssen sie sich einen pumpen."
+
+Sie kamen in diesem Gespräch tiefer als bis zu den Worten. Es bezauberte
+ihn wie eine neue Art von Schönheit an ihr, wie souverän sie war. Das
+gab ihrer Erscheinung einen neuen Glanz. Es war keine Herrschsucht
+darin. Es war nur eine Schutzwehr, aber die höchste. Ihr ganzes Wesen
+war darin konzentriert. Ein "Rühr' mich nicht an!" in Augen, Stimme und
+Haltung. Vielleicht, wenn es sein mußte, bereit zur Märtyrerglorie. Sie
+wurde viel größer. Aber auch hilfloser. Gerade solche Wesen stehen zu
+hoch und stolpern beim ersten Schritt. Dann pflegen sie furchtbar zu
+fallen.
+
+Er starrte sie an und vergaß zu antworten, vergaß, wo er war. Ihm war,
+als rufe ihm einer zu: "Gib acht auf sie!" In seine Liebe zog mit
+gebieterischem Kommando die Ritterlichkeit ein.
+
+Sie sah, wie er sich dem Gespräch fernhielt; aber das hinderte sie
+nicht; das Thema war ihr zu lieb. Als er wieder bei der Sache war, hörte
+er, wie sie ihr Innerstes enthüllte, zweifellos ohne es zu ahnen. Sie
+sprach aus, was sie gedacht hatte, seit sie sich so etwas hatte klar
+machen können. Es war ihr so natürlich, wie das Kleid zu heben, wenn es
+schmutzig war, oder draußen im Meer zu schwimmen, wenn der Fuß keinen
+festen Boden mehr fand. Die Individualität muß frei werden, muß wachsen,
+darf nicht gebeugt und nicht befleckt werden; das war das Erste und das
+Letzte.
+
+Aber gleichzeitig fühlte sie sich seltsam zu dem Menschen hingezogen,
+der sie zu bewegen vermochte, das auszusprechen. Sie hatte es so lange
+nicht mehr getan. Sie wußte nicht, daß die Persönlichkeit, die unsere
+Gedanken erlöst, selbstverständlich Macht über uns hat. Sie fühlte nur,
+daß sie sprechen mußte--und sich mit sich selbst beschäftigen. Eine
+wundersüße Empfindung, die sie zum erstenmal hatte.
+
+Folglich wurde das Thema ausgesponnen. In Worten, die immer weiter und
+weiter in sie selbst hineinschlüpften und schließlich sich in einer
+Stille von Blicken und Atemzügen verloren. Alice war zu ihrem Modell
+hineingegangen. Sie waren befangen, als sie merkten, daß sie allein
+waren. Sie verstummten, und ihre Blicke wichen sich aus.
+
+Nach flüchtigem Verweilen bald auf dem einen, bald dem anderen der
+vielen Kunstgegenstände, richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf einen
+Faun ohne Arme, der sie angrinste. Sie sprachen über dieses Stück alter
+Kunst, nur um nicht zu schweigen. Wo der gefunden sein mochte? Aus
+welcher Zeit er stamme? Er sei gewiß sehr teuer gewesen. Sie sprachen in
+gedämpften Worten mit liebkosender Stimme, und die Augen glitten umher.
+Sie standen auch nicht auf ganz sicheren Füßen. Sie fühlten sich
+leichter, wie wenn sie sich in höheren Luftschichten befänden. Dabei die
+Empfindung, daß alles, was sie dachten, offen daliege, und daß sie
+selbst durchsichtig seien.
+
+Jetzt kam Alice wieder. Sie blickte sie mit Augen an, die die beiden
+aufweckten. "Sind Sie jetzt mit der Ehe fertig?" fragte sie; denn sie
+hatten ja über die Ehe gesprochen, als sie hinausgegangen war.
+
+--Mary fiel ein, sie habe etwas zu besorgen, und ihr Wagen warte. Franz
+Röy erinnerte sich auch seiner Obliegenheiten. So gingen sie zusammen
+fort, durch den Hofraum, durch das Vestibül und die Tür auf den Wagen
+zu. Aber sie fanden den Ton von vorhin nicht wieder, und sprachen
+deshalb nicht.
+
+Den Hut in der Hand, öffnete er ihr den Schlag. Sie stieg ein, ohne
+aufzublicken. Als sie sich hingesetzt hatte und ihm zunicken wollte,
+harrten ihrer die heißesten Augen, in die sie je geblickt hatte. Voll
+Leidenschaft und voll Ehrerbietung.
+
+Zwei Stunden darauf war er wieder bei Alice. Länger hatte er mit seinen
+himmelstürmenden Hoffnungen nicht allein sein können.
+
+Wo er in der Zwischenzeit gewesen sei? In der Stadt, um sich einen Abguß
+von Donatellos Heiliger Cäcilia zu kaufen. Er müsse vergleichen. Aber
+Alice könne sich im voraus denken, daß Donatellos Cäcilia kläglich
+durchgefallen sei.
+
+Jetzt bekam Alice ernstlich Angst: "Lieber Freund, Sie werden sich noch
+alles verderben. Das liegt in Ihrer Natur." Er sagte stolz: "Ich habe
+mir noch nie im Ernst ein Ziel gesteckt, das ich nicht erreicht
+hätte."--"Das glaube ich gern. Sie können arbeiten, Sie können
+Hindernisse überwinden, Sie können auch warten."--"Das kann ich!"--"Aber
+Sie können sich nicht beherrschen, Sie können nicht abwarten, daß sie zu
+Ihnen kommt."--"Was soll das heißen, Alice?"--Es tat ihm weh. "Es soll
+Sie daran erinnern, lieber Freund, daß Sie Mary nicht kennen. Sie kennen
+die Welt nicht, in der sie lebt. Sie sind ein Waldbär."--"Kann sein, daß
+ich ein Waldbär bin. Dagegen sage ich nichts. Aber wenn sie nun Freude
+an einem Waldbären hat? Man kann sich in solchen Dingen nicht täuschen."
+Er wollte sich seine festliche Stimmung nicht trüben lassen. Darum kam
+er bittend auf sie zu; er wollte sie sogar umarmen; er hatte es sehr mit
+dem Umarmen.
+
+"Nein, seien Sie artig, Franz! Übrigens stören Sie mich schon zum
+zweitenmal."--"Sie sollen auch gestört werden, Sie sollen nicht die da
+drin in Ihrem Gefängnis modellieren. Liebe Alice, Sie mein einziger
+Freund, Sie sollen mir mein Glück modellieren!"--"Ja, was kann ich
+weiter für Sie tun, als ich getan habe?"--"Sie können mir den Zutritt zu
+ihrem Hause verschaffen." Alice überlegte. "Das ist nicht so
+leicht."--"O,--Sie werden schon etwas ausfindig machen. Sie müssen, Sie
+müssen es!" Er redete und bettelte und umarmte sie solange, bis sie
+nachgab und es ihm versprach.
+
+Ob sie es nun falsch anstellte,--jedenfalls ging es schief. "Wenn ich
+meinen Vater bitte, einen jungen Herrn zu empfangen, der ihm nicht
+vorgestellt ist, muß er es falsch auffassen", sagte Mary. Alice gab das
+ohne weiteres zu. Sie war wütend auf sich selbst, daß sie daran nicht
+gedacht hatte. Anstatt mit Mary zu überlegen, ob sich die Sache nicht
+anders machen lasse, gab sie es ganz auf. Sie war noch ärgerlich, als
+sie Franz Röy das Ergebnis mitteilte; sie habe das Gefühl, sagte sie,
+Mary wünsche keinen Vermittler. Sie schärfte ihm wieder ein, vorsichtig
+zu sein.
+
+Franz Röy war ganz unglücklich. Alice versuchte auch nicht, ihn zu
+trösten.
+
+Tags darauf kam er wieder. "Ich kann's nicht aufgeben", sagte er. "Ich
+kann auch an nichts anderes denken."
+
+Solange saß er und so oft wiederholte er dieselbe Litanei in allen
+Tonarten, und so unglücklich war er, daß er der gutmütigen Alice leid
+tat. "Hören Sie," sagte sie, "ich werde Sie zusammen einladen. Dann
+kommt vielleicht die Einladung zu Krogs von selbst."--Er sprang auf.
+"Das ist eine herrliche Idee. Tun Sie das, Liebste!"--"Ich kann es nicht
+gleich tun. Anders Krog ist unwohl. Wir müssen warten." Er starrte sie
+enttäuscht an. "Aber können Sie uns beide nicht mal wieder
+zusammenbringen?"--"Ja, das kann ich."--"So tun Sie es,--sobald wie
+möglich! Sie Liebste, Beste, sobald wie möglich!"
+
+Das gelang. Mary war gleich zu einem Wiedersehen bereit.
+
+Sie trafen sich bei Alice, um zusammen in die Ausstellung in den
+Champs-Elysées zu fahren.
+
+Zusammen vor Kunstwerken zu stehen, ist wie ein Gespräch ohne Worte. Die
+wenigen Worte; die gesprochen werden, rufen hundert andere wach. Aber
+die werden nicht ausgesprochen. Der eine fühlt durch den andern, oder
+glaubt es zu tun. Sie begegnen sich in einem Bilde, um in einem anderen
+wieder getrennt zu werden. Dabei lernen sie sich in einer Stunde besser
+kennen als sonst in Wochen. Alice führte sie von Bild zu Bild; aber sie
+selbst war mit sich beschäftigt,--je länger, je vollständiger. Sie sah
+alles mit Künstleraugen an. Die beiden andern, die mit den Bildern
+anfingen, gingen immer mehr dazu über, durch die Bilder einander zu
+erforschen. Es wurde ein Flüsterspiel mit schnellen Blicken, knappen
+Worten und leicht andeutenden Fingern. Die aber, die sich auf heimlichen
+Wegen zueinander hintasten, haben zugleich eine unermeßliche Freude
+daran. Und lassen diese Freude auch wohl ahnen. Ein Spiel wie bei
+Vögeln, die unter dem Wasser schwimmen und weit hinten emportauchen,--um
+dann wieder zueinander hinzustreben. Das Glück der Stunde wurde erhöht
+durch die vielen Augen, die auf ihnen ruhten.
+
+Unten bei den Skulpturen führte Alice sie ganz nach vorn in den
+Mittelbau. Sie blieb vor einem leeren Sockel stehen und wandte sich an
+den Aufseher. "Ist der Athlet noch nicht in Ordnung?"--"Nein, gnädiges
+Fräulein, leider nicht", antwortete er. "Dann ist es wohl noch einmal
+schief gegangen?"--"Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein." Alice erklärte
+Mary, die Statue eines Athleten sei bei der Aufstellung zerbrochen. "Ein
+Athlet?" fragte Franz Röy, der etwas abseits stand und jetzt eilig
+herzukam. Die beiden andern lächelten. "Ein Athlet? Sprachen Sie nicht
+von einem Athleten?"--"Ja", sagten sie und lachten. "Ist dabei etwas zu
+lachen?" fragte er. "Ich habe einen Vetter, der ist Athlet." Nun lachten
+die beiden Damen erst recht. Franz Röy war höchlichst erstaunt. "Ich
+kann Ihnen versichern, er ist der prächtigste Mensch, den ich kenne. Und
+so erstaunlich tüchtig. Das liegt in unserer Familie. Als Knabe war ich
+zwei Sommer bei ihm im Zirkus." Die andern lachten. "Worüber zum Teufel
+lachen Sie? Ich habe in meinem Leben keine herrlicheren Tage erlebt als
+im Zirkus." Die beiden Damen eilten unter Lachen in wilder Flucht dem
+Ausgang zu. Er mußte ihnen folgen; aber er war beleidigt. "Ich begreife
+nicht, worüber Sie lachen", sagte er, als sie alle im Wagen saßen,
+lachte aber mit.
+
+Das kleine Mißverständnis hatte die Folge, daß sie alle in der besten
+Stimmung waren, als sie vor Marys Wohnung hielten.
+
+Alice und Franz Röy fuhren ohne sie weiter. Er wandte sich überglücklich
+zu Alice und fragte, ob er heute nicht ein braver Junge gewesen sei? Ob
+er sich nicht im Zaum gehalten habe? Ob seine "Affäre" nicht brillant
+stände? Er ließ sich nicht Zeit, auf ihre Antwort zu hören, er lachte
+und schwatzte und wollte sie schließlich nach oben begleiten. Hiervon
+wollte Alice aber nichts wissen. Da verlangte er als Belohnung, wenn er
+es sein lasse, daß Alice sie beide auf eine Spazierfahrt ins Bois de
+Boulogne mitnehmen solle, nach Schloß Bagatelle hinaus. Die Fahrt müsse
+morgens um neun Uhr gemacht werden. Da dufte der Wald am stärksten, da
+sei der Gesang der Vögel am schönsten und da seien sie noch allein. Sie
+versprach es ihm.
+
+Am nächsten Freitag holte Alice Mary kurz vor neun Uhr morgens ab, dann
+fuhren sie weiter zu Franz Röy.
+
+Schon von weitem sah Alice ihn auf dem Fußweg auf und ab wandern. Aus
+Gang und Haltung ahnte ihr Böses. Mary konnte ihn nicht sehen, bis sie
+hielten. Da aber warf all die Glut seines Gesichts eine Flamme auf
+ihres. Er schwang sich auf den Wagen wie auf ein erobertes Schiff. Alice
+suchte eilig seine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, um es nicht
+gleich zu einem Ausbruch kommen zu lassen. "Was für ein herrlicher
+Morgen," sagte sie, "gerade weil er nicht ganz sonnenklar ist. Nichts
+ist schöner als ein gedämpfter Ton über einer so farbenfrohen Landschaft
+wie der, durch die wir jetzt kommen." Aber er hörte nicht, er faßte
+nichts außer Mary. Der weiße Schleier, der von ihrem roten Haar
+zurückgeschlagen war, der halbgeöffnete, frische Mund brachte ihn um den
+Verstand. Alice meinte, der Wald dufte viel stärker, seit die
+japanischen Baumarten herangewachsen seien. Immer, wenn diese Bäume
+berauschende Wellen in den hergebrachten europäischen Waldduft
+hineingössen, sei's, als flögen fremde Vögel mit fremdartigem Schrei
+zwischen den Bäumen auf. Sofort behauptete Franz Röy energisch, die
+heimischen Vögel des Waldes hätten davon einen anderen Gesang bekommen.
+So wunderbar schön, wie sie diesen Morgen sängen, meinte er, hätten sie
+noch nie gesungen.
+
+Alices Angst vor einer Explosion stieg. Sie wollte ihn ablenken, indem
+sie ihn auf die Farbenkontraste von Wald und Wiese und Fernsicht
+aufmerksam machte. Gerade der Weg nach Bagatelle hinaus ist so reich
+daran. Aber Franz Röy saß rückwärts und mußte sich jedesmal erst
+umdrehen, bis er sehen konnte, was Alice ihm zeigen wollte. Das machte
+ihn ungeduldig, um so mehr als Mary und er jedesmal in ihrem Gespräch
+unterbrochen wurden. "Wollen wir nicht lieber aussteigen und ein Stück
+gehen?" fragte er. Aber davor hatte Alice die meiste Angst; auf was für
+Gedanken konnte er da nicht kommen?!
+
+"Sehen Sie sich doch um!" rief sie ihm zu. "Ist es nicht, als wenn die
+Farben hier Chöre singen?"--"Wo?" fragte er gereizt.--"Herrgott, sehen
+Sie doch bloß das verschiedene Grün in demselben Wald! Sehen Sie doch
+nur! Und daneben wieder das Grün der Wiese!"--"Mir liegt nichts daran,
+das zu sehen! Nicht ein Deut!" Er drehte sich wieder zu den Damen um und
+lachte. "Wäre es nicht doch besser, auszusteigen?" bestürmte er sie
+wieder. "Es ist doch was anderes, im Walde herumzulaufen, als ihn
+anzusehen. Ebenso mit dem Rasen."--"Das Betreten des Rasens ist
+verboten!"--"Zum Donnerwetter, so gehen wir eben auf der Landstraße und
+besehen uns alles. Das ist viel schöner, als in dem engen Wagen zu
+sitzen!" Mary stimmte ihm zu.
+
+"Zum Spazierengehen habe ich Sie aber nicht hier herausgefahren. Wir
+wollten den Anblick des historischen Schlosses Bagatelle genießen und
+den Wald, in dem es liegt. So was gibt es nicht wieder. Und dann wollten
+wir doch soweit wie möglich hinaus. Daraus wird aber nichts, wenn wir
+gehen."
+
+Dieser Appell hielt sie eine Weile im Schach. Die Besitzerin des Wagens
+mußte doch den Ausschlag geben. Aber Mary war mittlerweile auch
+übermütig geworden. Ihre Augen, die gewöhnlich etwas Nachdenkliches
+hatten, leuchteten vor Lebenslust. Heute lachte sie über seine vielen
+drolligen Einfälle; sie lachte über das Geringfügigste. Sie wollte in
+einemfort Blumen haben, wenn sie welche sah. Jedesmal mußte angehalten
+werden, um Blumen und Laub zu pflücken. Sie packte den Wagen voll, so
+daß Alice schließlich protestierte. Da warf sie alles miteinander hinaus
+und verlangte energisch, selbst auch hinauszukönnen.
+
+Sie hielten und stiegen aus.
+
+Sie waren jetzt weit über Bagatelle hinaus und ließen den Wagen
+umkehren. Er solle langsam ein Stück zurückfahren, sie kämen nach.
+
+Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, als Franz Röy anfing, Rad zu
+schlagen, d.h. er warf sich seitlings auf den Händen herum, um wieder
+auf die Füße zu fallen, dann wieder auf die Hände und so weiter,
+schneller und immer schneller. Dann drehte er um und kam auf dieselbe
+Weise zurück. "Das ist eins von meinen Zirkuskunststücken", sagte er
+strahlend. "Jetzt kommt ein anderes!" Er warf sich in der Luft herum und
+kam wieder auf die Füße genau an derselben Stelle, wo er hochgesprungen
+war. Dann noch einmal. "Sehen Sie? Genau wo ich hochgesprungen bin!" Er
+triumphierte und machte es noch zwei-, noch drei-, vier-, fünfmal vor.
+
+Sie bewunderten ihn. Es war auch bewundernswert, wie der große, starke
+Mann das mit einer Leichtigkeit ausführte, daß es wirklich schön aussah.
+Angefeuert durch ihr Lob fing er an, sich mit solcher Geschwindigkeit
+herumzuwirbeln, daß den andern beim bloßen Zusehen schlecht wurde. Schön
+war es auch nicht. Sie wandten sich ab und schrien. Das machte ihm
+furchtbaren Spaß. Ärgerlich rief Alice: "Sie sind wahrhaftig wie ein
+Schuljunge von siebzehn Jahren!"--"Wie alt sind Sie eigentlich?" fragte
+Mary. "Über dreißig." Da lachten sie aus vollem Halse.
+
+Das hätten sie nicht tun sollen. Dafür mußte er sie strafen. Ehe Alice
+es ahnen konnte, faßte er sie um die Taille und tanzte mit ihr im
+rasendsten Galopp die Chaussee hinunter, daß der Staub aufwirbelte. Die
+schwerfällige Alice wehrte sich aus Leibeskräften und schrie. Aber es
+half nichts; es machte ihm nur Spaß. Ihr Hut fiel zu Boden, ihr Schal
+flog hin, Mary lief hinterher und nahm beides auf, aber sie krümmte sich
+vor Lachen. Denn diese plumpen, völlig nutzlosen Widerstandsversuche
+waren nicht mitanzusehen. Schließlich machte er Kehrt, und sie kamen in
+dem gleichen rasenden Trab wieder zurück und machten bei Mary Halt.
+Alices Gesicht ganz verstört, schweißtriefend und rot. Ihre kurzatmige
+Wut, die keine Worte fand, ließ Mary kreischen vor Lachen. Franz sang
+ihr: "Hopsa--sa! hop--sa--sa!" vor, bis sie sprechen und ihn tüchtig
+ausschelten konnte. Da lachte er.
+
+"Und Sie?" wandte Mary sich jetzt an Franz Röy, "hat es Sie gar nicht
+angestrengt?"--"Nicht sonderlich. Ich könnte gleich mit Ihnen dieselbe
+Tour machen!" Mary erschrak. Sie hatte Alice gerade den Hut gegeben und
+stand nun da mit dem Schal und ihrem eigenen Hut, den sie abgenommen
+hatte, in der Hand, warf aber mit einem Aufschrei die beiden Gegenstände
+hin und sauste nach der entgegengesetzten Seite davon, dahin, wo der
+Wagen hielt.
+
+Keinen Augenblick war es Franz Röy in den Sinn gekommen, seine Drohung
+auszuführen. Es war nur Scherz gewesen. Aber als er sie laufen sah, und
+zwar mit einer Geschwindigkeit, die er weder ihr noch überhaupt einer
+Dame zugetraut hätte, war das für sein Offiziersherz wie eine
+Herausforderung. Alice merkte es und sagte schnell: "Tun Sie's nicht!"
+Die Worte stellten sich ihm so eindringlich in den Weg, daß er zweifelnd
+stehen blieb. Mary aber dahinten auf der Straße in dem weißen Kleide und
+dem roten Haar darüber, mit einem so geschwinden und leichten Tanz der
+Füße, daß allein dieser Rhythmus schon lockte, ja, das raubte ihm die
+Besinnung, das schleuderte ihn in die Bahn, eh' er selbst es wußte.
+Gerade als Alice zum zweitenmal und ganz verzweifelt rief: "Tun Sie's
+nicht!"
+
+Der helle Streifen da vorn über dem Straßenstaub fiel wie Sonne in seine
+Augen und in seine Phantasie. Er blendete ihn. Er lief ganz bewußtlos
+weiter. Er lief, als rufe da vorn immerzu jemand: "Fang mich! Fang
+mich!" Er lief, als gelte es des Lebens höchsten Preis, sie einzuholen.
+
+Sie hatte einen bedeutenden Vorsprung. Gerade das spornte seine ganze
+Kraft bis zum äußersten an. Ein Wettlauf ums Glück mit einer, die
+gefangen werden möchte. Siedend heiß brauste ihm das Blut in den Ohren,
+die Begierde wallte auf. Die stürmische Sehnsucht all dieser Tage und
+Nächte trieb vorwärts zum Sieg. Wollte endlich einmal reden. Oder
+richtiger,--da bedurfte es keines Redens; er würde sie in seinen Armen
+haben!
+
+Jetzt wandte sie den Kopf,--sah ihn, stieß einen Schrei aus, raffte das
+Kleid zusammen,--jetzt setzte sie die Füße wahrhaftig noch schneller! Er
+war wie toll. Er hielt ihren Schrei für einen Lockruf. Er sah sie nach
+vorn winken und glaubte, das solle bezeichnen, wo sie stehen bleiben
+wolle und frei sein. Es hieß also sie einzuholen, bis sie dahin kam.
+Auch er gab sich den letzten Sporn, und der brachte ihn im Nu dicht in
+ihre Nähe. Er meinte, ihren Duft zu spüren, bald mußte er ihren Atem
+hören. Er war so erregt, daß er gar nicht wußte, er berühre sie, bis sie
+sich umsah. Sie ließ sofort das Kleid los und nach ein paar Sätzen stand
+sie still. Sein Arm legte sich um ihre Taille, er glühte und zog sie
+leidenschaftlich an sich,--da hörte er ein sehr bitteres: "Lassen Sie
+mich los!" Die Atemnot machte es so eigen scharf. Er war ganz entsetzt,
+dachte aber, er müsse sie stützen, bis sie wieder zu Atem gekommen sei,
+und deshalb hielt er sie fest. Da, mit der gleichen schneidenden Schärfe
+der Atemnot: "Sie sind kein Kavalier!" Er ließ sie los.
+
+Man hörte Huf schlag, der Wagen kam rasch heran. Die beiden auf dem Bock
+mußten den Vorgang mitangesehen haben; ihnen hatte sie gewinkt. In
+seiner blinden Hetze hatte er nur sie gesehen.
+
+Jetzt ging sie auf den Wagen zu; sie hielt sich das Taschentuch vors
+Gesicht; sie weinte. Der Diener sprang vom Bock und öffnete ihr den
+Schlag.
+
+Er ließ sie stehen, trostlos, wie gelähmt in seinem Denken. Da kam
+Alice. Sie hatte ihren Schal und Marys Hut in der Hand und ging direkt
+auf den Wagen zu, ohne ihn zu beachten. Als er zu ihr hin wollte, winkte
+sie ihm ab.
+
+ * * * * *
+
+Am dritten Tage nach diesem Ereignis ließ er sich bei Alice melden. Sie
+sei nicht zu Hause. Am Tage darauf bekam er denselben Bescheid. Dann
+mußte er auf einige Tage verreisen. Aber sowie er zurückkam, meldete er
+sich wieder. Sie sei eben fortgegangen, antwortete der Diener. Da schob
+er ohne weiteres den Diener beiseite und ging hinein.
+
+Alice war ganz in Anspruch genommen von einer Reihe von
+Kunstgegenständen, die auf Tischen und Stühlen lagen oder standen. "Aber
+Alice?" sagte er leise und schmerzlich. Sie war erschrocken; doch er
+gewahrte im gleichen Augenblick ihren Vater hinter ihr. Da tat er, als
+habe er nichts gesagt, und trat näher.
+
+Die Kunstgegenstände wurden beiseite gestellt; Franz Röy half dabei. Der
+Vater verließ das Zimmer. "Aber Alice?" wiederholte Franz Röy nun
+vorwurfsvoll. "Sie wollen mir doch wohl nicht Ihr Haus verschließen? Und
+gerade, wo ich so unglücklich bin?" Sie antwortete nicht. "Wir sind doch
+immer so gute Kameraden gewesen und haben uns so gut vertragen!" Sie
+stand abgewandt und gab keine Antwort. "Selbst wenn ich mich dumm
+benommen habe, kennen wir beide uns doch zu gut, als daß es uns trennen
+könnte?"--"Es muß doch Grenzen geben", hörte er sie sagen.--Er bedachte
+sich eine Weile: "Grenzen? Grenzen? Aber hören Sie mal, Alice, zwischen
+uns ist doch nichts."--Ehe er weiterreden konnte, warf sie schnell ein:
+"Es geht doch nicht an, sich im Beisein anderer so zu benehmen!" Sie war
+feuerrot.--"Ja, was meinen Sie--?" Er verstand sie nicht. Sie wandte
+sich ab: "Mich im Beisein anderer so zu behandeln ..." ergänzte sie.
+"Was muß Mary denken?"--Jetzt erst ging ihm ein Licht auf, daß er sich
+auch gegen sie, gegen Alice nicht richtig benommen habe; er hatte die
+ganze Zeit nur an Mary gedacht. Jetzt schämte er sich. Schämte sich ganz
+entsetzlich und ging auf sie zu. "Ich bitte Sie um Verzeihung, Alice,
+ich war so froh, daß ich nichts überlegt habe. Erst jetzt kommt mir das
+zum Bewußtsein. Verzeihen Sie mir armem Sünder! Nein, sehen Sie mich
+an!" Sie wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen waren unglücklich und
+standen voll Tränen; sie begegneten den seinen, die auch unglücklich,
+aber flehend waren. Da dauerte es nicht lange, bis ihre und seine eins
+waren. Er streckte die Arme aus, umarmte sie und wollte sie küssen; aber
+das durfte er nicht. "Alice, liebe, süße Alice, Sie wollen mir doch
+wieder helfen?"--"Es hat keinen Zweck. Sie zerstören alles."--"Ich will
+fortan jedes bißchen tun, was Sie wünschen."--"Das haben Sie früher auch
+schon versprochen."--"Aber jetzt habe ich zugelernt. Jetzt halte ich es.
+Auf Ehre!"--"Man kann sich nicht auf Ihre Versprechungen verlassen. Denn
+Sie haben eben kein Verständnis."--"Kein Verständnis?"--"Nein, Sie ahnen
+ja nicht, wie sie ist!"--"Ich gebe zu, daß ich mich getäuscht haben muß;
+denn noch in diesem Augenblick ist mir nicht klar, worüber sie so böse
+wurde."--"Das kann ich mir denken."--"Ja, denn als sie alles hinwarf und
+fortlief, glaubte ich tatsächlich, sie tue es, damit ich
+hinterherlaufe."--"Hörten Sie denn nicht, daß ich zweimal rief: 'Tun
+Sie's nicht!'"--"Ja; aber ich verstand auch das nicht."--Alice setzte
+sich entmutigt hin. Sie sagte nichts mehr; es half ja doch nichts. Er
+nahm ihr gegenüber Platz: "Erklären Sie mir's, Alice! Haben Sie nicht
+gesehen, wie sie lachte, als ich mit Ihnen davontanzte?"--"Haben Sie
+noch nicht begriffen, was für ein kolossaler Abstand zwischen ihr und
+uns andern ist?"--"Mary Krog ist nicht anspruchsvoll und nicht
+übermütig. Nicht im geringsten."--"Nein, das ist sie nicht. Sie
+verstehen mich schon wieder falsch. Während wir andern gewöhnliche
+Sterbliche sind, die ruhig mal derb angefaßt werden können, lebt sie in
+einer Ferne, der bis jetzt niemand auch nur um einen halben Meter
+nähergekommen ist. Nicht aus Stolz oder aus Einbildung."--"Nein,
+nein!"--"So ist sie eben. Wäre sie nicht so, dann wäre sie längst
+gekapert und verheiratet. Sie werden doch nicht glauben, daß es ihr an
+Bewerbern gefehlt hat?"--"Nein, das laßt sich denken."--"Fragen Sie
+Frau Dawes! Sie führt in ihren tausend Briefen Buch darüber. Sie
+schreibt jetzt von nichts anderem."
+
+"Aber wie ist das zu verstehen, liebe Alice?"--"Das ist ganz leicht zu
+verstehen. Sie ist freundlich und umgänglich und gefällig, was sie
+wollen. Aber sie lebt in einem Elfenlande, das niemand betreten darf.
+Darüber wacht sie mit der unverbrüchlichsten Sorgfalt und dem feinsten
+Takt!"--"Also unberührbar?"--"Absolut! Daß Sie das noch nicht einmal
+gemerkt haben!"--"Ich hatte es gemerkt,--aber ich vergaß es."
+
+Franz Röy saß da, als lausche er in die Ferne. Er hörte wieder diesen
+hellen Angstruf, der durch die Luft zitterte, als er ihr näher kam; er
+sah das aufgeregte Winken nach dem Wagen, er fühlte ihren zitternden
+Körper, er vernahm den Zornesausbruch, der mit aller Kraft, die sie noch
+hatte, herausgeschleudert wurde; er sah sie weinend fortgehen. Mit
+einemmal begriff er! Was für ein dummer, brutaler Verbrecher er doch
+war!
+
+Er blieb sitzen, stumm und tief unglücklich.
+
+Aber es lag nicht in seiner Natur, sich zu ergeben. Bald erhellte sich
+sein Gesicht. "Schließlich war es doch nur ein Spiel, liebe
+Alice."--"Für sie war es mehr. Daran zweifeln Sie doch auch wohl nicht
+mehr?"--"Ihr ist schon öfter nachgestellt worden, meinen Sie?"--"Auf
+alle mögliche Weise!"--"Darum ging die Phantasie mit ihr
+durch?"--"Natürlich. Das sahen Sie doch?"--Er schwieg. "Aber hören Sie
+mal, lieber Franz,--war es für Sie nicht auch mehr als ein Spiel? War es
+nicht das Entscheidende?"
+
+Er ließ beschämt den Kopf sinken. Dann ging er ein paarmal auf und ab
+und kam zu ihr zurück. "Sie ist souverän. Sie will nicht erobert sein.
+Ich hätte stehen bleiben sollen--?"--"Sie hätten ihr überhaupt nicht
+folgen sollen. Und sie wäre jetzt Ihr eigen gewesen." Er setzte sich wie
+mit einer schweren Last auf den Schultern wieder hin.
+
+"Hat sie etwas gesagt?" fragte Alice mit forschendem Blick.--Er hätte
+lieber geschwiegen, aber die Frage wurde wiederholt. "Sie sagte, ich sei
+kein Kavalier."
+
+Alice fand das sehr schlimm. Darauf fragte er, ob Mary zu ihr etwas
+gesagt habe. Im Wagen? "Kein Wort. Aber ich habe geredet. Ich schalt auf
+Sie. Tüchtig."--"Sie hat auch später nicht mehr davon gesprochen?"
+--Alice schüttelte den Kopf. "Ihr Name ist aus dem Wörterbuch
+gestrichen, mein Freund."----
+
+ * * * * *
+
+Einige Tage später bekam er einen Rohrpostbrief, der ihn in aller Eile
+davon unterrichtete, sie seien vormittags elf Uhr wieder in der
+Ausstellung der Champs Elysées. Als er das Billet bekam, war die Uhr
+schon elf.
+
+Mary war zu Alice gekommen mit der Bitte, sie zu begleiten. Sie solle
+ihr Urteil über eine holländische Küstenlandschaft abgeben, die ihr
+Vater kaufen wolle. Der Preis erscheine ihnen allen recht hoch,
+möglicherweise könne Alice günstigere Bedingungen erzielen. Marys Wagen
+hielt unten. Alice ließ sie allein, schrieb eilig an Franz Röy und
+machte sich dann fertig, was gegen ihre Gewohnheit heute sehr lange Zeit
+in Anspruch nahm. Sie kamen in die Ausstellung, suchten das Bild auf und
+gingen ins Bureau, wo sie warten mußten, machten dann ihr Angebot, gaben
+ihre Adresse auf und begaben sich wieder ins Parterre; denn sie wollten
+den Athleten suchen. Jetzt stand er da in seiner ganzen männlichen
+Kraft. Alice trat zuerst davor hin und rief: "O Gott, das ist ja--"
+hielt aber inne und wandte sich von Mary ab. Sie besah die Statue von
+allen Seiten, immer und immer wieder, ohne ein Wort zu sagen. Gerade
+das, was an Franz Röy auffiel, daß seine Kraft nicht äußerlich in
+Muskelkissen sichtbar war, sondern als Spannkraft in dem
+wohlgeformtesten, geschmeidigen Körper lag, fand sich hier wieder. Das
+war Franz Röys Haltung und seine Kopfstellung, seine breite, schräg
+ansteigende Stirn, seine Hand, sein kurzer, kräftiger Fuß,--alles war
+hier! Die Statue wirkte wie ein Schlachtgesang. Zum erstenmal fand sie
+ein Wort dafür, wie Franz Röy wirkte. Dies hier riß sie mit wie der
+Rhythmus eines Marsches. Genau das, was sie oft empfunden hatte, wenn
+sie Franz Röy gehen sah. War diese Ähnlichkeit ein sonderbarer Zufall,
+oder hatte wirklich Franz Röy ... ihr wurde heiß, und sie mußte ein
+Stück von der Statue fort--zu einer andern hin.
+
+Mary hatte sich die Zeit über hinter Alice gehalten, die sie ganz
+vergessen hatte. Nun, da Alice allein stand, stieg unwillkürlich die
+Frage in ihr auf: begreift Mary, was sie sieht?
+
+Alice wartete eine Weile, ehe sie zu beobachten anfing. Mary stand jetzt
+lange unbeweglich vor der Statue mit dem Rücken nach Alice. Alice wurde
+neugierig. Sie ging auf einem Umwege zwischen andern Skulpturen hindurch
+nach drüben, setzte ihr Pincenez auf und sah hin. Marys Augen waren
+halbgeschlossen, ihre Brust wogte. Sie ging langsam im Kreise um die
+Statue herum, trat etwas zurück, kam wieder näher und blieb halb
+seitlich davor stehen.
+
+Da sah sie sich nach Alice um und erblickte sie, wie das Pincenez gerade
+auf sie gerichtet war; Alice hielt es sogar noch fest, um deutlicher zu
+sehen. Man konnte sich nicht täuschen: Alices Gesicht war ein einziges
+Schelmenlachen.
+
+Es gibt Dinge, von denen keine Frau will, daß eine andere sie versteht:
+Marys Blut geriet in Wallung; geärgert und gekränkt, empfand sie Alices
+Blick wie eine "insulte"--das Wort wurde französisch gedacht. Sie drehte
+schnell dem Athleten den Rücken und ging nach dem Ausgang zu. Aber sie
+blieb hier und da stehen, um sich den Anschein zu geben, als betrachte
+sie andere Kunstwerke. In Wirklichkeit, um ihrer Erregung Herr zu
+werden. Endlich hatte sie den Ausgang erreicht. Sie blickte sich nicht
+um, ob Alice nachkomme; sie ging in die Vorhalle hinaus und von da
+weiter.
+
+Aber gerade, als sie draußen stand, kam Franz Röy dahergestürmt. So
+eilig, als sei er hinbestellt und habe sich verspätet. Franz Röy riß den
+Hut vom Kopf, bekam aber kein Nicken als Antwort, nur ein paar kühle
+Augen. "Aber nein, jetzt müssen Sie auch nicht mehr böse sein!" sagte er
+gutmütig und knabenhaft in seinem breitesten Ostländisch. Sie taute auf,
+ja, sie konnte nicht anders, sie lächelte sogar und war tatsächlich nahe
+daran, seine ausgestreckte Hand zu fassen,--als sie sah, wie seine Augen
+blitzschnell an ihr vorbeiglitten und mit einem ganz, ganz kleinen
+Triumph wieder zurückkehrten. Da wandte auch sie den Kopf und begegnete
+Alices Augen. In ihnen lag eine ganze Welt von Schelmerei und Freude.
+Eine abgekartete Sache also! Da ging eine Verwandlung mit Mary vor. Wie
+von der höchsten Kirchturmspitze blickte sie auf die beiden
+hinunter--und ließ sie stehen. Ihr Wagen hielt in einiger Entfernung;
+sie winkte, und er kam in großem Bogen heran. Ihr Vater hatte auf seinem
+Wagen keinen Diener; sie machte sich selbst den Schlag auf, ehe Franz
+Röy hinzuspringen konnte. Sie stieg ein, als sei kein Mensch da. Von
+ihrem Sitz aus sah sie sich nach Alice um,--an Franz Röy vorbei. Die
+korpulente Alice kam langsam herangewatschelt. Schon von weitem war zu
+sehen, daß sie einen harten Kampf mit unterdrücktem Lachen zu bestehen
+hatte. Und als sie herangekommen war und Mary vornehm dasitzen sah, den
+Kopf nach der andern Seite gewandt, während auf dieser Seite Franz Röy,
+der Riese, wie ein verdonnerter Rekrut stand, da konnte sie sich nicht
+länger halten, sie brach in ein Gelächter aus, das ihre ganze behäbige
+Person von Grund auf erschütterte. Sie lachte, daß ihr die Tränen über
+die Backen liefen. Sie lachte so, daß sie nur mit Not und Mühe und nicht
+ohne Hilfe das Trittbrett fand und sich hinaufzog. Sie sank laut lachend
+neben Mary auf den Sitz, daß der Wagen wackelte. Sie hielt das
+Taschentuch vors Gesicht und prustete hinein. Sie sah Marys purpurrotes
+Beleidigtsein und Franz Röys blasses Entsetzen, sie lachte nur immer
+mehr. Sogar der Kutscher mußte mitlachen; er wußte den Teufel warum. So
+fuhren sie ab.
+
+Wieder eine mißglückte Expedition nach den kühnsten Hoffnungen! Es
+dauerte lange, bis Alice etwas sagen konnte. Natürlich fing sie damit
+an, Franz Röy zu bedauern. "Du bist zu streng gegen ihn, Mary. Gott, wie
+unglücklich er aussah!" Und wieder überkam sie das Lachen. Mary aber,
+die die ganze Zeit über dagesessen und nur auf eine Gelegenheit gewartet
+hatte, brach jetzt los: "Was geht mich Dein Protégé an?" Und als sei das
+nicht genug, beugte sie sich vor und sah in Alices lustige Augen hinein.
+"Du verwechselst uns beide wohl. Du bist selbst in ihn verliebt. Meinst
+Du, ich habe das nicht lange gesehen? Ihr müßt ja selbst am besten
+wissen, in was für einem Verhältnis Ihr zueinander steht. Mich geht es
+nichts an. Aber das 'Sie', an dem Ihr festhaltet,--ist doch wohl nur ein
+Deckmantel?"
+
+Alices Lachen erstarb. Sie wurde blaß, so blaß, daß Mary erschrak. Mary
+wollte die Augen wieder abwenden, konnte es aber nicht. Alices Augen
+hielten sie während des schmerzlichen Überganges fest, bis sie
+erloschen. Da sank Alices Kopf mit einem langen, schweren Seufzer
+hintenüber. Wie das Stöhnen eines verwundeten Tieres.
+
+Mary saß daneben, erschrocken über den eigenen Schuß.
+
+Aber es war geschehen.
+
+Unerwartet und hastig hob Alice den Kopf und ließ den Kutscher halten.
+"Ich muß in dies Hôtel." Der Wagen hielt, sie öffnete die Tür, stieg aus
+und schloß sie hinter sich. Mit einem langen Blick auf Mary sagte sie:
+"Good bye!"--"Good bye!" war die leise Antwort.
+
+Beide fühlten, es war für immer.
+
+Mary fuhr weiter. Sowie sie zu Hause war, ging sie geradenwegs in den
+Salon; sie wollte ihrem Vater etwas sagen. Schon draußen vor der Tür
+hörte sie Klavierspiel und wußte, daß Jörgen Thiis da war. Aber das
+hielt sie nicht zurück. In Hut und Sommermantel stand sie plötzlich
+unerwartet im Zimmer. Jörgen Thiis sprang vom Klavier auf und ging ihr
+entgegen, seine Augen waren voll Bewunderung; sie glühte nämlich vor
+Erregung. Aber etwas Stolzes und Abweisendes in all dem Funkeln
+bewirkte, daß er es aufgab, sich ihr zu nähern. Da bekamen seine Augen
+das Saugende, Gierige, das sie so tief verabscheute. Mit leichtem Gruß
+ging sie an ihm vorbei auf den Vater zu. Er saß wie gewöhnlich in einem
+großen Stuhl mit einem Buch auf den Knien. "Du Vater, was meinst Du,
+wollen wir jetzt nach Hause reisen?"
+
+Alle Gesichter hellten sich auf. Frau Dawes rief: "Denk nur, Jörgen
+Thiis hat gerade gefragt, wann wir reisen; dann will er mit."--Mary
+wandte sich nicht zu Jörgen Thiis, sondern fuhr fort: "Ich glaube, das
+Schiff fährt morgen von le Havre ab."--"Ja, ganz recht," antwortete ihr
+Vater, "aber bis dahin werden wir wohl nicht fertig?"--"Doch, das werden
+wir," sagte Frau Dawes, "wir haben ja den ganzen Nachmittag."--"Ich will
+mit Vergnügen helfen", sagte Jörgen Thiis. Dafür bekam er einen
+freundlichen Blick von Mary, ehe sie über den Preis Bericht erstattete,
+den Alice für die holländische Küstenlandschaft, die ihr Vater haben
+wollte, angesetzt hatte. Dann ging sie hinaus, um ihre eigenen Sachen
+einzupacken.
+
+Sie trafen sich alle vier um halb acht im Hotel beim Diner. Mary fand
+sich, etwas abgespannt, auch ein; Jörgen Thiis ging ihr entgegen und
+sagte: "Gnädiges Fräulein haben doch diesmal Franz Röy kennen
+gelernt?"--Der Vater und Frau Dawes waren ganz Aufmerksamkeit; sie
+verrieten dadurch, daß Jörgen soeben mit ihnen darüber gesprochen haben
+mußte. Immer wenn sie die Bekanntschaft eines Herrn machte, bekamen
+nämlich die beiden Angst. Mary wurde rot; sie fühlte es, und daher
+vertiefte sich das Rot noch. Die beiden starrten sie an. "Ich habe ihn
+bei Miß Clerq gesehen", antwortete Mary. "Miß Clerqs Mutter und sie sind
+mehrere Sommer in Norwegen gewesen und dort mit Franz Röys Familie
+zusammengetroffen; sie sind aus einer Stadt. Soll ich noch weitere
+Aufklärungen geben?" Jörgen Thiis erschrak. Die andern starrten sie an.
+Er sagte eilig: "Ich habe gerade zu Ihrem Vater und zu Frau Dawes
+gesagt, daß unter uns jüngeren Offizieren Franz Röy als der beste gilt,
+den wir überhaupt haben. Ich habe es also nicht böse gemeint."--"Das
+habe ich auch nicht von Ihnen gedacht. Aber wenn ich selbst von dieser
+Bekanntschaft hier nicht gesprochen habe, darf es auch von keinem
+Fremden zugetragen werden, finde ich."--Ganz erschrocken sagte Jörgen
+Thiis, daß ... daß ... daß er keine andere Absicht dabei gehabt habe
+als, als, als ... "Das weiß ich", schnitt sie ihm das Wort ab.
+
+Dann gingen sie zusammen hinunter. Bei Tisch--sie hatten einen für sich
+allein--nahm Jörgen Thiis das Thema natürlich wieder auf. Das könne
+nicht so abgetan werden. Die Offiziere, sagte er, bedauerten, daß Franz
+Röy zum Geniekorps übergegangen sei. Er sei ein hervorragender Stratege.
+Ihre Übungen, sowohl die theoretischen wie die praktischen, hätten ihm
+Gelegenheit gegeben, sich auszuzeichnen. Jörgen führte Beispiele an, die
+sie aber nicht verstanden. Da wartete er mit Anekdoten über Franz Röy
+auf. Aus dem Leben mit den Kameraden, aus seinem Beruf. Die sollten
+beweisen, wie beliebt und wie schneidig er sei; Mary aber fand, sie
+bewiesen eher, wie jungenhaft er sei. Jörgen trat also den Rückzug an:
+er habe es nur erzählen hören; Franz Röy sei ja älter als er. "Wie
+finden Sie ihn denn?" fragte er plötzlich sehr unschuldig. Mary zögerte,
+die ändern blickten auf. "Er redet so sehr viel."--Jörgen lachte. "Ja,
+was soll er machen? Er hat soviel Kraft."--"Muß die sich an uns andern
+auslassen?" Darüber lachten sie alle, und damit war die Spannung gelöst,
+in der bis jetzt alle befangen waren. Krog und Frau Dawes fühlten sich
+sicher vor Franz Röy. Auch Jörgen Thiis.
+
+Sie kamen um halb neun wieder nach oben. Mary entschuldigte sich,--sie
+sei müde. Von ihrem Zimmer aus hörte sie Jörgen Thiis spielen. Sie lag
+und weinte.
+
+ * * * * *
+
+Der nächste Abend auf dem weiten, stillen Meer. Es dämmerte leise der
+Sommernacht entgegen; zwei Rauchsäulen in der Ferne,--sonst nichts. Ein
+ununterbrochenes helles Grau oben und unten. Mary lehnte sich an die
+Reeling. Kein Mensch weiter war zu sehen; das Stampfen der Maschine war
+der einzige Laut.
+
+Sie war eben unten beim Konzert gewesen, war aber vor den andern nach
+oben gegangen. Ein Gefühl unsäglicher Einsamkeit trieb sie hinauf zu
+diesem inhaltlosen Ausblick. Überall Wolken als Grenze.
+
+Nichts als Wolken; nicht einmal ein Widerschein der untergegangenen
+Sonne.
+
+Was war ihr selbst von dem Glanz der Welt geblieben, aus der sie kam?
+War nicht in ihr und um sie herum die gleiche Leere? Das Wanderleben war
+jetzt vorbei; weder ihr Vater noch Frau Dawes konnten oder wollten es
+fortsetzen; das wußte sie. In der Bucht, wo sie wohnten, war kein
+Nachbar, an dem ihr lag. In der Stadt eine halbe Stunde davon kein
+Mensch, an dem sie hing. Sie hatte sich keine Zeit dazu gelassen. Sie
+war nirgends heimisch. Ihr Leben war keins, das aus der Scholle
+herauswächst und mit allem verknüpft ist, was daran hängt. Wo sie
+hinkam, schien die Unterhaltung zu stocken, damit ein anderes Thema, das
+ihr angepaßt war, aufgenommen werden konnte. Die Globetrotter, die mit
+ihr durch die Welt zogen, sprachen von Reiseerlebnissen, von Museen und
+Musik an den Orten, die sie zusammen aufgesucht hatten. Manchmal auch
+über Probleme, die mit ihnen schwammen, wohin sie auch fuhren. Aber kein
+einziges darunter, das ihr nahe ging. Die Redensarten, auf die es ankam,
+konnte sie auswendig. Es war eigentlich eine Art Sprachübung oder ein
+zweckloses, müßiges Geschwätz.
+
+Die Huldigungen, die ihr dargebracht wurden, und die bisweilen in einen
+Kultus ausarteten, fingen schon an, als sie noch ein Kind war und es für
+Spiel ansah. Später war es ihr so zur Gewohnheit geworden wie die Touren
+eines Kontres. Ein einzelner Zwischenfall, der die ganze Familie in
+Aufregung gebracht hatte, ein paar Fälle, die weh getan hatten, waren
+längst vergessen; das ganze war jetzt Alltäglichkeit ohne Ernst. Sie
+stand einsam und mit leeren Händen da.
+
+Es ging ein Zucken durch ihren Körper, als ihr Franz Röys riesige
+Gestalt vor Augen trat. So deutlich, so scharf in allen Einzelheiten,
+daß ihr war, als könne sie sich nicht vom Fleck rühren.
+
+Er war nicht wie die anderen. Hatte das sie in Aufregung gebracht?
+
+Bei dem bloßen Gedanken an ihn zitterte sie. Ohne daß sie es wollte,
+stand Alice neben ihm in ihrer üppigen Lüsternheit, mit frivolen Augen
+... In was für einem Verhältnis standen die beiden? Es wurde ihr dunkel
+vor den Augen, es stach, es kochte in ihr. So stand sie und weinte.
+
+Sie hörte ein dumpfes Brausen von etwas Gewaltigem. Sie wandte sich nach
+der Richtung. Ein Ozeansteamer kam ihnen entgegen, so unvermutet und so
+ungeheuer groß, daß sie den Atem anhielt. Er wuchs aus dem Meer heraus
+ohne Warnungssignal. Er schoß in rasender Fahrt auf sie zu, wurde größer
+und immer größer, ein Feuerberg von großen und kleinen Lichtern. Unter
+schäumendem Brausen kam er und zog er vorbei. Nur einen Augenblick, und
+er war ein Bild in der Ferne.
+
+Wie das sie ergriff!
+
+Dies vorüberrauschende Leben, das von Erdteil zu Erdteil eilt, voll
+Arbeit und Gedanken in ewigem, fruchtbarem Austausch.
+
+Während sie hier in einer kleinen Tonne umherschwamm, die von den Wellen
+des Weltkolosses geschaukelt wurde, daß man sich festhalten mußte.
+
+Sie stand wieder allein in der großen Wüste. Wie verraten. Es war doch
+wie ein Verrat, wenn alles, was sie in drei Erdteilen gesehen und gehört
+hatte an Volksleben und Festen, kirchlichen wie nationalen, an
+Kunstwerken und an Musik,--gewissermaßen zurückblieb, wo sie es gesehen
+und gehört hatte, während sie einsam in einer unheimlichen,
+bewegungslosen Einöde stand.
+
+ * * * * *
+
+Daheim
+
+
+Es kam erstaunlich anders.
+
+Schon als sie an Land stieg, sah sie bei Jung und Alt die
+ungeheucheltste Freude über das Wiedersehen. Alle Gesichter strahlten.
+Ebenso auf dem Wege zum Marktplatz; jeder freute sich; jeder grüßte.
+Während sie keinen Gedanken für diese Leute gehabt hatte, hatten sie
+ihrer gedacht. Vom Haus am Markt wollten sie später am Tage mit dem
+Küstendampfer nach Krogskog weiterfahren. In der Zwischenzeit bekamen
+sie Besuch von ihren Verwandten. Die mußten ihnen doch sagen, wie froh
+sie seien, sie endlich wiederzusehen. Sie mußten auch von der Freude
+berichten, die das spanische Bild Marys hervorgerufen hatte, erst hier,
+dann in der Hauptstadt und jetzt auf einer Rundreise durch das Land mit
+anderen Bildern. Man schreibe,--ja, sie habe doch gelesen, was man
+schreibe?--Nein, sie habe überhaupt keine Zeitungen gelesen, nur hier
+und da ein Blatt, das an ihrem jeweiligen Aufenthaltsort erschienen sei.
+"Liest Du denn keine hiesigen Zeitungen?"--"Doch, wenn Vater sie mir
+zeigt." Ob ihr denn ihr Vater nichts davon erzählt habe, und Frau Dawes
+auch nicht?--"Nein."--"Ja, nun sei sie in ganz Norwegen bekannt. Dies
+sei doch das dritte Bild von ihr; oder gar das vierte? Und dies sei das
+schönste. Die illustrierten Zeitschriften hätten es gebracht. Ein
+englisches Kunstjournal, "The Studio", habe es auch reproduziert. Ob sie
+das nicht wisse?"--"Nein."--Die Jugend sei ganz stolz auf sie. Darum
+hätten sie mit ihrem Frühlingsfest bis zu ihrer Heimkehr gewartet. "Da
+soll Staat mit Dir gemacht werden."--"Mit mir?"--"Wir wollen nach
+Marielyst, der Dampfer von hier und einer aus der Nachbarstadt, wir
+treffen uns dort. Jörgen Thiis hat von Paris aus den ganzen Plan
+entworfen."--"Jörgen Thiis?"--"Ja, hat er nichts davon gesagt?"--"Nein."
+
+Kaum war sie allein, so ging sie zu ihrem Vater ins Zimmer, der im
+Begriff war, einige Kunstgegenstände auszupacken, die er gekauft hatte,
+und die hier aufgestellt werden sollten. "Vater, hast Du die Bilder von
+mir ausstellen lassen?" Er lächelte und sagte unschuldig: "Ja,
+allerdings habe ich das getan, liebes Kind. Und viele haben ihre Freude
+daran gehabt. Man hat mich übrigens darum gebeten. Man hat mich jedesmal
+darum gebeten." Er sagte es so nett. Daß er ihr nichts davon gesagt
+hatte und auch Frau Dawes und gleichzeitig wohl auch Jörgen Thiis es
+verboten hatte, fand sie reizend. Sie tat etwas, was sie sonst sehr
+selten tat, sie ging hin und gab ihm einen Kuß.
+
+Also das war es, worüber ihr Vater so eifrig mit Frau Dawes und Jörgen
+Thiis getuschelt und geflüstert hatte? Deshalb waren die Zeitungen aus
+der Heimat ihr vorenthalten worden. Alles war verabredet,--sogar der
+Vorschlag, gerade jetzt nach Hause zu reisen! Sie hatte Jörgen Thiis
+beinahe lieb.
+
+Als sie nach Krogskog abfuhren, hatte sich eine Menge Jugend auf der
+Brücke eingefunden. Sie riefen: "Auf Wiedersehen am Sonntag!"
+
+Sie fand die Landschaft hinreißend schön. Die kleine halbe Stunde bis
+Krogskog war wie ein Begrüßen guter alter Bekannter, ein fortwährendes
+Begrüßen. Jetzt war auch die partielle Verlegung der Strandstraße an der
+Küste entlang fertig. Es war wirklich lustig, wie sie sich um die
+Landzungen herumschlängelte und oft in die Felsen hineinschnitt. Über
+Krogskog führte der Weg wie früher durch die Ebene von einer Landspitze
+zur andern, dicht an der Landungsbrücke vorbei und dicht unter der
+Kapelle mit dem Kirchhof.
+
+Nein, wie behaglich Krogskog dalag: Sie hatte behalten, wie einsam es
+lag; aber sie hatte vergessen, wie reizvoll es war! Diese stille, blanke
+Bucht mit den Seevögeln! Das Gekräusel da hinten, wo der Fluß mündete,
+die große Ebene hoch oben zwischen den Hügeln, und die Höhen so
+grünbewachsen. Waren die Bäume vor dem Wohnhause wirklich nicht höher?
+Wie gut sich das langgestreckte Haus machte mit den schwarzen Fenstern
+und der schwarzen Grundmauer. Aus dem einen Schornstein stieg dichter
+Rauch auf; er wirbelte ein lustiges Willkommen in die Luft. Sie sprang
+vor den andern an Land und lief hinüber. Ein Mädchen von neun, zehn
+Jahren kam heruntergerannt, blieb, als sie Mary gewahrte, stehen, machte
+Kehrt und rannte all was sie konnte zurück. Mary aber holte sie vor der
+Treppe ein. "Jetzt hab' ich Dich!" sie drehte sie zu sich herum: "Wie
+heißt Du?" Es war ein hellhaariges, lachendes Ding, das nicht
+antwortete. Auf der Treppe standen die Mädchen und eine von ihnen sagte,
+sie heiße Nanna und sei hier Laufmädchen. "Dann sollst Du mein Mädchen
+sein!" sagte Mary und nahm sie die Treppe mit hinauf. Sie nickte jeder
+einzelnen zu, merkte aber, wie enttäuscht sie waren, als sie eilig
+weiterging, ohne mit ihnen zu sprechen. Sie sehnte sich danach, den Fuß
+auf die dicken Teppiche zu setzen, die seltsame Beleuchtung im Vorzimmer
+um sich zu fühlen, die großen, kostbaren Schränke und alle Malereien und
+Raritäten aus der holländischen Zeit wiederzusehen. Sie sehnte sich mehr
+noch danach, hinauf in ihr eigenes Gemach zu kommen. Diese Lautlosigkeit
+auf der Treppe und nachher auf dem langen, dämmerigen Gang--die hatte
+nie ein solches Flüsterspiel mit ihr getrieben wie heute. Etwas Weiches,
+Halbverstecktes, Vertrautes und Nahes zugleich. Das redete noch zu ihr,
+als sie vor der Tür zu ihrem Zimmer stand, es hielt sie so fest, daß es
+eine Weile dauerte, bis sie die Tür öffnete.
+
+Ah, der Raum lag in vollem Sonnenlicht, es kam von dem Fenster an der
+Längswand, das auf die andern Häuser und auf die Anhöhe hinausging.
+Blasseres Licht vom Fenster gerade gegenüber, das auf den Obstgarten und
+drunten auf die Bucht sah. Die blinkte durch die Bäume. Über den Bäumen
+sah man die Inseln und das hellgraue Meer. Vom Hügel aber, der im
+schönsten Blüten- und Laubschmuck stand, zog Frühlingsduft herein. Das
+Zimmer selbst in seiner weißen Reinheit lag da wie ein Schoß, der all
+dies aufnahm. Hier drinnen scharte sich alles ehrerbietig um das Bett,
+das mitten in der Stube stand. Es war nicht nur wie für eine Prinzessin;
+es war die Prinzessin selber; alles andere neigte sich davor.
+
+ * * * * *
+
+Der Ausflug nach Marielyst war in jeder Beziehung wohlgelungen. Aber an
+dem Tage kam zwischen Mary und Jörgen eine Verstimmung auf.
+
+Das ging so zu. Jörgen Thiis kam mit einer großen, starken Dame an
+Bord--ihre breite Stirn, die warmen Augen, die kleine Nase und das
+vorspringende Kinn trieben ein leichtes Rot in Marys Wangen, das sie zu
+verbergen suchte, indem sie sich erhob und fragte: "Sie sind doch die
+Schwester des Hauptmanns im Geniekorps Franz Röy?"--"Ja", antwortete
+Jörgen Thiis; "wir haben der Sicherheit halber einen Arzt mitgenommen."
+---Mary: "Das freut mich sehr; ich habe natürlich durch Ihren Bruder von
+Ihnen gehört. Er hat Sie sehr lieb."--"Das tun wir überhaupt alle",
+versicherte Jörgen Thiis und entfernte sich.
+
+Fräulein Röy selbst hatte nichts gesagt, aber ihre forschenden Augen
+überströmten Mary mit Bewunderung. Jetzt setzte sie sich neben sie.
+"Bleiben Sie lange daheim?"--"Das weiß ich nicht. Vielleicht reisen wir
+überhaupt nicht mehr; mein Vater ist zu schwach."--Fräulein Röys kluge
+Augen notierten das förmlich. Sie sagte eine ganze Weile nichts mehr.
+Mary aber dachte bei sich: wie taktvoll, daß sie nicht von ihrem Bruder
+anfängt.
+
+Die beiden gingen während des Ausflugs einander nicht von der Seite. Sie
+standen auch zusammen, als nachher im Freien Erfrischungen gereicht und
+Reden gehalten wurden. Die Festfreude stieg Jörgen Thiis zu Kopf. Man
+kam zu ihm und stieß mit ihm an, und er wurde sentimental und redete.
+Auf das Ideal, das ewige Ideal. Glücklich der Mann, dem es schon in
+seiner Jugend begegne! Er trage es in seiner Brust wie einen
+wegweisenden, unauslöschbaren Scheinwerfer auf dem Pfade des Lebens!--Er
+trank das Glas bis zum Grunde aus und schleuderte es bleich und bewegt
+zu Boden.
+
+Dieser fürchterliche Ernst kam den fröhlichen Menschen so unerwartet,
+daß sie lachen mußten. Alle miteinander!
+
+Fräulein Röy sagte zu Mary: "Sie sind doch viel mit Leutnant Thiis
+zusammen gewesen?"--"Diesen Winter und im vorigen auch", antwortete Mary
+leichthin und aß ihr Eis.
+
+Ein junges Mädchen stand daneben. "Es ist eine merkwürdige Sache mit
+Jörgen Thiis", sagte sie. "Zu uns ist er so nett; aber gegen die
+Soldaten soll er so schlecht sein." Erstaunt wandte Mary sich zu ihr um.
+"Wieso schlecht?"--"Er soll sie so quälen, soll so furchtbar streng sein
+und so ganz sonderbar, und um das kleinste strafen." Mary richtete ihre
+allergrößten Augen auf Margrete Röy. "Ja, das ist Tatsache", antwortete
+die leichthin; sie aß auch ihr Eis.
+
+Als gegen Abend der Tanz zu Ende war und sie zum Schiff hinunterzogen,
+Mary an Jörgens Arm, da sagte sie zu ihm: "Ist es wahr, daß die
+Mannschaften Ihres Kommandos über Sie klagen?"--"Das kann schon sein,
+gnädiges Fräulein." Er lachte.--"Ist das zum Lachen?"--"Ja, zum Weinen
+jedenfalls nicht, gnädiges Fräulein", er war so recht vergnügt, er hätte
+sie am liebsten in den Arm genommen und wäre mit ihr nach der
+Landungsstelle hinunter getanzt; das taten viele andere auch. Aber Mary
+weigerte sich. "Mir hat es weh getan, das zu hören", sagte sie. Da
+merkte er, daß es ihr Ernst war. "Ich will Ihnen sagen, gnädiges
+Fräulein, der Norweger weiß im großen und ganzen nicht, was Gehorsam und
+Disziplin sind. In der kurzen Zeit, da wir ihn unter unserm Kommando
+haben, müssen wir es ihm beibringen."--"Auf welche Weise?"--"Mit
+Kleinigkeiten natürlich."--"Indem Sie ihn mit Kleinigkeiten
+quälen?"--"Ja. Ganz recht."--"Mit Dingen, deren Notwendigkeit er nicht
+einsieht?"--"Ja gewiß. Er soll sich das Räsonnieren abgewöhnen. Er soll
+gehorchen. Und das, was er tut, soll er korrekt tun. Absolut korrekt."
+
+Mary antwortete nicht. Aber als jetzt ein Paar an ihre Seite kam, sprach
+sie mit denen und setzte das fort, bis sie die Landungsbrücke erreicht
+hatten.
+
+Auf dem Schiff sah sie, daß Jörgen Thiis verstimmt war. Als sie von Bord
+gingen, stand er nicht an der Landungsbrücke. Ohne jede Verabredung
+begleitete die ganze Gesellschaft sie heim nach dem Haus am Markt. Sie
+sangen und lärmten vor der Tür, bis sie auf den Altan heraustrat und
+Blumen über sie streute,--die mitgebrachten und alle, die sie irgend
+fand. Sie gingen lachend und geräuschvoll auseinander. Aber als sie von
+dannen zogen, suchte sie unter ihnen nach Jörgen; er war nicht da. Das
+tat ihr leid; sie hatte ihm einen der schönsten Tage ihres Lebens
+schlecht gelohnt. Alle waren so reizend zu ihr gewesen.
+
+Größere und kleinere gesellschaftliche Zusammenkünfte lösten jetzt
+einander ab; aber Jörgen Thiis war verschwunden. Zuerst war er eine
+Zeitlang daheim bei seinen Eltern gewesen, jetzt war er in Kristiania.
+Mary hatte nie weiter an Jörgen Thiis gedacht; aber nun, da er sich
+fernhielt, besann sie sich darauf, wieviel von jenen schönen Begegnungen
+mit ihren Altersgenossen auf sein Konto kam. Der wunderliche Toast, den
+er auf die "Treue gegen das Ideal" ausgebracht hatte, ... als er sprach,
+da hatte sie nur gedacht: wie sentimental Jörgen Thiis doch sein kann!
+Jetzt dachte sie: vielleicht galt das mir? Sie war an solche
+Übertreibungen gewöhnt, und sie machte sich absolut nichts aus Jörgen
+Thiis. Aber wenn sie überlegte, wie rasend verliebt er schon bei ihrem
+ersten Zusammentreffen gewesen war, und daß er in all diesen Jahren
+genau so geblieben war, wann und wo sie sich auch begegneten, da wurde
+das doch ein wenig mehr. Die gierigen, verzehrenden Augen bekamen
+dadurch beinahe etwas Rührendes. Daß er es nicht ertrug, mit ihr
+zusammen zu sein, wenn sie das geringste gegen ihn hatte, bewies ja
+auch, wie gern er sie hatte. Daß er nichts sagte, sondern einfach
+fortblieb, gefiel ihr.
+
+Da kam eines Tages Mille Falke, die hübsche, sanfte Frau des
+lungenkranken Oberlehrers, zu ihr heraus. Sie habe einen Brief von
+Jörgen Thiis bekommen. Eine Gesellschaft von zehn Personen in Kristiania
+habe eine Fahrt nach dem Nordkap geplant. Sie hätten schon vor zwei
+Monaten die Plätze bestellt,--und jetzt sei etwas dazwischen gekommen.
+Man habe Jörgen Thiis gefragt, ob er nicht die Billets übernehmen und
+zehn Personen heranholen könne, um mit ihnen diese herrliche Fahrt zu
+machen. Unten in den Kleinstädten lebe man in besserer Kameradschaft, da
+sei es leichter, eine solche Gesellschaft zusammenzubringen. Jörgen
+Thiis habe sich bereit erklärt,--wenn Mary Krog dabei sein wolle; er
+wisse, dann bekomme man die andern schon zusammen.
+
+Frau Falke setzte Mary das in ihrer Schmeichelkatzenart auseinander, der
+nur wenige widerstehen konnten. Mary hatte freilich nicht die geringste
+Lust, in der Sommerhitze auf dem Deck eines Dampfers zu sitzen und alles
+abzubrechen, was hier unternommen wurde; es war gar zu nett. Aber sie
+wollte Jörgen Thiis nicht gern noch einmal kränken. Sie sprach mit ihrem
+Vater und mit Frau Dawes: sie hörte noch einmal Frau Falke an--und
+willigte ein.
+
+In der ersten Hälfte des Juli versammelte sich die Gesellschaft eines
+Nachts an Bord eines Küstendampfers, der sie nach Bergen bringen sollte.
+Von dort wollte man die Reise antreten. Es waren sechs Damen und vier
+Herren. Eine der Damen war die würdige Vorsteherin der Schule, die
+Mutter des einen Herrn und die ehemalige Lehrerin von drei der Damen.
+Sie war das moralische Zentrum. Dann war ein jungverheiratetes Paar da,
+das die ganze Reise über geneckt wurde. Es lohnte sich; denn beide waren
+sehr lebhaft und gaben es reichlich zurück. Ein junger Kaufmann schnitt
+zwei Damen die Kur--behauptete man wenigstens--ohne sich klar zu werden,
+welche er am liebsten mochte. Das zu entscheiden, half ihm die ganze
+übrige Gesellschaft; die beiden Damen am eifrigsten. Ein junger
+Philologe wurde gleich in der ersten Nacht auf dem Küstendampfer "der
+Verlassene" getauft. Mit Ausnahme der alten Dame machten alle anderen
+einen furchtbaren Radau, und keiner tat ein Auge zu. Er allein konnte
+nicht tanzen und auch nicht singen und auch nicht die Kur schneiden. Er
+konnte nicht mal vertragen, wenn man ihm den Hof machte, dann wurde er
+nämlich verlegen. Die Folge war, daß alle, auch Mary, "dem Verlassenen"
+den Hof machten, bloß um sich an seinem jämmerlichen Zustand zu weiden.
+Der Urheber dieser Scherze war immer Jörgen Thiis; er neckte so
+leidenschaftlich gern. Seine Erfindungsgabe in dieser Beziehung konnte
+man nicht immer frei von Bosheit nennen.
+
+Im Anfang ging er frei aus. Aber nach und nach wagte sich sogar "der
+Verlassene" an ihn heran. Über seinen Appetit, seine Herrschsucht und
+besonders über seine untertänige Dienerrolle Mary gegenüber wurde
+allgemein gestichelt. Mary hatte die wachsamen Augen der Krogs für
+Übertreibungen, so daß sie mitlachte, auch wenn es über die
+Untertänigkeit gegen sie herging. Er ließ sich nicht im geringsten
+stören. Er aß genau soviel, war genau so pedantisch als Führer der
+Gesellschaft und blieb unerschütterlich Marys erfinderischer, unablässig
+hilfsbereiter Diener.
+
+Das Schiff war voll Passagiere; darunter viele Ausländer. Aber die
+fröhliche Gesellschaft von Jörgen Thiis wurde der Mittelpunkt. Die Natur
+machte so häufig Anspruch auf die Bewunderung der Reisenden, daß nicht
+allzu große Reibungen vorkamen. Es war, als werde etwas Gewaltiges
+vorgetragen. Ein Wunder löste das andere ab. Dazu kam der lange Tag. Die
+Nächte wurden immer kürzer; schließlich gab es überhaupt keine Nacht
+mehr. Sie fuhren in lauter Licht hinein, und das berauschte. Sie wurden
+nicht müde. Sie tranken, sie tanzten und sangen; schließlich waren sie
+alle auf denselben Ton gestimmt. Es wurden Vorschläge gemacht, die sonst
+unmöglich gewesen wären; in die Wildheit der Landschaft, in den Rausch
+von Licht paßten sie hinein. Als Mary eines Tages bei starkem Sturm
+ihren Hut verloren hatte, sprangen zwei Herren ihm nach. Der eine war
+natürlich Jörgen Thiis. Die Gemüter waren hoch über den Alltag hinaus
+gespannt. Wenn einer oder der andere müde wurde, schlief er Tage und
+Nächte durch. Aber die meisten hielten aus, jedenfalls solange es
+vorwärts ging. Unter ihnen Mary.
+
+Jörgen Thiis hatte es durch seine ehrerbietige Energie dahin gebracht,
+daß alle Leute Mary mehr oder weniger genau so behandelten wie er
+selbst. Es kam auch nicht die geringste Störung vor, was besonders ihrer
+eigenen formvollendeten Art und ihrer aufmerksamen Rücksichtnahme zu
+danken war.
+
+Als sie von Bord gingen und wieder den Küstendampfer bestiegen, forderte
+sie aus dem Gefühl aufrichtiger Dankbarkeit Jörgen Thiis auf, mit ihr
+nach Krogskog zu kommen. "Ich kann nicht so plötzlich Schluß machen",
+sagte sie.
+
+Und er blieb mehrere Tage dort. Alles fand er schön und behaglich. Der
+Kunstsinn, der ihm eigen war, ging mehr aufs kleine; er schwärmte z.B.
+für ethnographische Schnurrpfeifereien, und deren gab es hier eine
+Menge. Die Zimmer und ihre Einrichtung waren so ganz nach seinem
+Geschmack. Frau Dawes, der gegenüber er frei heraus redete, vertraute er
+sich an; dies Behagliche, Gedämpfte stimme ihn erotisch, sagte er. Er
+phantasierte viele Stunden lang auf dem Klavier; und immer in dieser
+Richtung.
+
+Mary behandelte er unter vier Augen mit der gleichen Ehrerbietung wie in
+Gegenwart anderer. Seit sie ihn kannte, hatte sie nicht ein einziges
+Wort von ihm gehört, das als Einleitung zu einer Werbung aufgefaßt
+werden konnte; ja nicht einmal ein Wort, das eine Einleitung zur
+Einleitung hätte darstellen können. Und das gefiel ihr.
+
+Sie streiften zusammen durch Wald und Feld; sie ruderten zusammen zum
+Besuch bei Verwandten. Er hatte den Schlüssel zu ihrem Badehaus. Er ging
+hin, wenn noch keiner auf war, oft nach ihren Spaziergängen noch einmal.
+
+Mary selbst war umgänglicher geworden. Er sagte es einmal. "Ja,"
+antwortete sie, "die jungen Menschen hier leben mehr wie ein
+Geschwisterkreis zusammen und sind daher anders, freier und frischer.
+Das hat mich angesteckt."
+
+Eines Morgens mußte er zur Stadt und Mary begleitete ihn. Sie wollte
+Onkel Klaus, seinen Pflegevater, besuchen. Sie hatte ihn, seit sie
+heimgekommen war, noch nicht gesehen.
+
+Er saß in einer Rauchwolke wie eine Spinne in ihrem grauen Netz. Er
+sprang auf, als er Mary eintreten sah, war beschämt und führte sie in
+die gute Stube. Jörgen hatte Mary darauf vorbereitet, daß er schwerlich
+guter Laune sei; er habe wieder kleine Verluste gehabt. Sie saßen auch
+kaum in der kahlen, steifen guten Stube, als er anfing, über die
+schlechten Zeiten zu klagen. Wie seine Art war, machte er den Rücken
+krumm und spreizte die Beine auseinander, um die Ellbogen auf die Knie
+stützen und die langen Finger gegeneinander stemmen zu können.--"Ja, Sie
+haben es gut; Sie amüsieren sich bloß!" Vielleicht wollte er das wieder
+gutmachen. Er sagte: "Ich habe nie ein schöneres Paar gesehen!"
+
+Jörgen lachte, wurde aber rot bis an die Schläfen. Mary saß unbeweglich;
+es berührte sie nicht.
+
+Jörgen begleitete sie zurück nach dem Krogschen Haus am Markt, das dicht
+daneben lag. Er sagte unterwegs kein Wort und verabschiedete sich
+flüchtig. Später kam Nachricht von ihm, er müsse bis zum Abend in der
+Stadt bleiben; dann fahre er mit seinem Rade nach Krogskog hinaus. Das
+war gegen die Verabredung; aber sie fuhr heim.
+
+Auf der Dampferfahrt nach Hause nahm sie den Gedanken auf: Jörgen Thiis
+und sie ein Paar? Nein! Das war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Er
+war ein schöner eleganter Kerl, ein tadelloser Kavalier, ein wirklicher
+Künstler auf dem Klavier. Über seinen hellen Kopf und seinen Takt war
+nur eine Meinung. Selbst das, was sie früher so abgestoßen hatte, seine
+Genußsucht, die in Blick und Mienen auftauchen und ihnen dies
+Verzehrende geben konnte, von dem sie sich abwandte ... vielleicht war
+von dieser Grundlage aus das andere kultiviert worden? Das Gefühl für
+das Vollkommene in Kunst, Disziplin und Sprache? Aber doch blieb da
+etwas Unaufgeklärtes. Es war ihr gleichgültig, was es war; denn sie warf
+all diese Betrachtungen über Bord. Es ging sie nichts an.
+
+Sie hatte eine Bauernfrau gesehen, die in ihrer Jugend bei ihnen gedient
+hatte; zu der setzte sie sich. Die Frau freute sich: "Na, wie geht es
+Ihrem Vater? Jetzt bin ich so alt geworden; aber ich sage, soviele ich
+kennen gelernt habe,--einen netteren Mann als Ihren Vater habe ich nie
+getroffen. Er ist und bleibt der Beste."
+
+Das kam so unerwartet und so warm heraus, daß es Mary rührte. Die Frau
+erzählte dann eine Geschichte nach der anderen von der Güte ihres Vaters
+und von seinem rücksichtsvollen Wesen. Sie hatte solange zu erzählen,
+bis sie da waren. Zuerst dachte Mary, etwas Schöneres sei ihr lange
+nicht widerfahren. Aber dann wurde ihr bange. Sie hatte fast vergessen,
+wie sehr sie selbst ihn liebte, hatte sich abgewöhnt, ihm das zu zeigen.
+Warum? Warum war sie von soviel anderem in Anspruch genommen und nicht
+von ihm, der der Liebste und Beste von allen war?
+
+Sie lief eilig nach dem Hause hinauf. Obwohl der Vater kränklich war,
+war sie in letzter Zeit fast nie bei ihm gewesen.
+
+Als sie näher kam, sah sie Jörgens Rad an der Treppe stehen und hörte
+ihn spielen. Aber sie eilte vorbei zu ihrem Vater hinein, der in seinem
+Arbeitszimmer am Pult saß und schrieb. Sie schlang die Arme um ihn und
+küßte ihn, blickte ihm in die guten Augen und küßte ihn noch einmal. Mit
+ihrem scharfen Sinn für Komik lachte sie, als sie sein Erstaunen sah.
+"Ja, sieh mich nur an, denn ich tue es gar so selten. Aber es ist
+trotzdem wahr, daß ich Dich grenzenlos lieb habe." Wieder küßte sie ihn.
+"Mein liebes Kind!" sagte er und lächelte mitten in dem Überfall vor
+sich hin. Er war glücklich, das merkte sie. Allmählich kam in seine
+Augen das eigentümliche Leuchten, das keiner wieder vergessen konnte.
+Sie dachte bei sich: dies tue ich fortan jeden einzigen Tag.
+
+Jörgen und sie hatten eine Radtour in die Umgegend verabredet. Am
+nächsten Tage waren sie unterwegs. Der Verwandte, zu dem sie kamen, ein
+Kompagniechef, freute sich sehr über den Besuch. Sie mußten zwei, drei
+Tage dableiben. Die junge Welt aus der Nachbarschaft wurde dazu geladen
+und es kam eine Partie auf die Alm zustande,--wieder für Mary etwas
+Neues. "Ich kenne alle Länder, nur mein Vaterland nicht." Im nächsten
+Jahr wollte sie aber eine Reise durch Norwegen machen; dazu brauchte sie
+keine besondere Reisebegleitung. Mit dieser Aussicht wurde es eine
+königliche Heimfahrt.
+
+Gerade als Jörgen und sie ihre Räder an die Balustrade anlehnten, kam
+die kleine Nanna aus der Tür gelaufen und eilig die Treppe herunter. Sie
+weinte, bemerkte aber die Ankommenden nicht; sie wollte nach der andern
+Seite. Als Mary rief: "Was ist los?" blieb sie stehen und schluchzte:
+"Oh, kommen Sie, kommen Sie, ich sollte jemand holen!" Ebenso schnell
+wieder die Treppe hinauf, um zu verkünden, daß sie jetzt kämen. Jörgen
+hinterdrein, dann Mary. Es ging durch das Vorzimmer, die Treppe hinauf,
+den Gang entlang bis zur letzten Tür rechts. Da drinnen lag Anders Krog
+auf dem Fußboden, und neben ihm kniete schluchzend Frau Dawes. Er hatte
+einen Schlaganfall bekommen. Jörgen hob ihn auf, trug ihn auf sein Bett
+und legte ihn zurecht. Mary aber stürzte wieder hinunter ans Telephon
+wegen des Doktors.
+
+Der Doktor war nicht zu Hause; sie suchte ihn überall. Dazwischen schrie
+in ihr die Verzweiflung, daß sie nicht bei ihm gewesen war, als dies
+geschah. Sie hatte sich doch gerade das Versprechen gegeben, jeden Tag
+lieb zu ihm zu sein,--und hatte ihn doch verlassen! Ja, noch heute hatte
+sie sich auf den nächsten Sommer gefreut, wo sie ohne ihn im Lande herum
+reisen wollte. Was war aus ihr geworden? Was war los mit ihr?
+
+Sobald sie den Doktor gefunden hatte, eilte sie zum Vater zurück. Da war
+er ausgezogen, und Jörgen war fort. Frau Dawes aber saß am Kopfende des
+Bettes auf einem Stuhl mit einem Brief in der Hand, grenzenlos
+unglücklich. Kaum gewahrte sie Mary, so reichte sie ihr den Brief, ohne
+die Blicke von dem Kranken zu wenden.
+
+Der Brief war aus Amerika von einem Mary unbekannten Mann, der ihnen
+mitteilte, daß Bruder Hans ihr und sein Vermögen verloren habe. Er
+selbst sei schwachsinnig, sei es sicher schon lange gewesen.
+
+Mary war es bekannt, daß es in der männlichen Linie der Familie Krog
+nichts Außergewöhnliches war, wenn alte Leute geistesschwach wurden.
+Aber sie war erschrocken, daß ihr Vater keine Kontrolle geübt hatte!
+Auch das war ein bedenkliches Zeichen.
+
+Ihr Vater mußte mit diesem Brief auf dem Wege zu Frau Dawes gewesen
+sein, als ihn der Schlag gerührt hatte. Die Tür war nämlich geöffnet,
+und er lag dicht daneben.
+
+Mary las den Brief zweimal und wandte sich an Frau Dawes, die saß und
+weinte. "Ja, ja, Tante Eva,--das muß getragen werden."--"Getragen
+werden? Getragen werden? Was meinst Du? Das Geld? Das lumpige Geld! Aber
+Dein Vater! Dieser herrliche Mensch, mein bester Freund!" Sie blickte
+unverwandt auf seine geschlossenen Augen und weinte unaufhörlich,
+während sie ihm die zärtlichsten Namen gab, die höchsten Lobesworte,
+aber auf englisch. In der fremden Sprache fielen die Worte wie aus einer
+fernen Zeit über ihn; Mary lag auf den Knien daneben und las sie auf.
+Sie brachten von jedem Tage in dem Zusammenleben der beiden Alten die
+Entbehrungen, den Dank,--einen Niederschlag dessen, was sie an guten
+Worten, an freundlichen Blicken, an Gaben und Nachsicht empfangen hatte.
+Es kam so reich und so warm heraus mit der freudigen Kraft des guten
+Gewissens; denn Frau Dawes hatte versucht, ihm alles zu sein, so weit es
+in ihren Kräften stand. So goldene Worte jetzt über Marys Haupt ihm zu
+Ehren ausgeschüttet wurden, sie selbst machten sie arm. Denn sie war ihm
+so wenig gewesen. Oh, wie sie es bereute, wie verzweifelt sie war.
+
+Jörgen Thiis erschien draußen auf dem Gange, gerade als sie aufstand.
+Sie bückte sich nach dem Brief und wollte ihm das Papier geben, als Frau
+Dawes, die ihn auch gewahrte, ihn bat, sie in ihr Zimmer zu führen; sie
+müsse auch zu Bett. "Gott weiß, wann ich wieder aufstehe! Wenn es mit
+ihm zu Ende ist, ist es mit mir auch vorbei."
+
+Jörgen eilte herzu, nahm die schwere Masse aus dem Stuhl auf und segelte
+langsam mit ihr ab; er klingelte nach einem Mädchen, das sie dann zu
+Bett brachte; er selbst ging zu Mary zurück. Sie stand unbeweglich da
+mit dem Brief in der Hand, den sie ihm jetzt hinreichte.
+
+Er las ihn aufmerksam und wurde bleich. Ja, er war eine Weile wie
+betäubt; Mary trat ein paar Schritte näher an ihn heran; aber er merkte
+es nicht. "Das hat den Schlaganfall verursacht", sagte sie.
+
+"Natürlich", flüsterte er, ohne sie anzusehen. Gleich darauf ging er.
+
+Mary stand wieder neben ihrem Vater. Sein schönes, feines Gesicht rief
+nach ihr; sie warf sich wieder über ihn und schluchzte. Denn ihm, den
+sie am liebsten hatte, war sie am wenigsten gewesen. Vielleicht nur,
+weil er selbst nie an sich gedacht hatte?
+
+Sie verließ ihn nicht, bis der Doktor kam und mit ihm die Pflegerin. Da
+ging sie zu Frau Dawes hinein.
+
+Frau Dawes war verzweifelt und elend. Mary wollte sie trösten, aber sie
+unterbrach sie heftig: "Ich habe es zu gut gehabt. Ich bin mir zu sicher
+gewesen. Jetzt kommt der Ernst!" Mary erschrak bei diesen Worten; denn
+das hatte ihr die ganze Zeit auf dem Herzen gelegen.
+
+"Du verlierst uns beide, armes Kind! Und Dein Vermögen auch!" Mary war
+es nicht lieb, daß sie das Vermögen erwähnte. Frau Dawes fühlte das und
+sagte: "Du verstehst mich nicht, armes Kind! Es ist nicht Deine Schuld,
+es ist unsere. Wir haben Dir zu viel Willen gelassen. Aber Du warst auch
+so häßlich, wenn wir es nicht taten."
+
+Mary blickte erschrocken auf: "Ich häßlich?"--Frau Dawes: "Ich habe es
+Deinem Vater gesagt, Kind, ich habe es ihm oft gesagt. Aber er war so
+herzensgut, er beschönigte immer alles."
+
+Jörgen kam mit dem Doktor herein. "Wenn irgend etwas hinzutritt, kann es
+vorbei sein, gnädiges Fräulein."--"Bleibt er gelähmt?" fragte Frau
+Dawes.--Der Doktor wich der Frage aus; er sagte nur: "Jetzt ist vor
+allem Ruhe nötig." Es wurde still nach dieser Erklärung.
+
+"Gnädiges Fräulein dürfen nicht bei dem Kranken wachen, lieber zwei
+Pflegerinnen." Mary antwortete nicht. Frau Dawes fing wieder zu weinen
+an: "Ja, jetzt kommen andere Tage."--
+
+Der Doktor ging, begleitet von Jörgen Thiis. Als Jörgen zurückkam,
+fragte er leise: "Soll ich auch fort,--oder kann ich irgendwie
+nützen?"----"O nein, verlassen Sie uns nicht!" jammerte Frau Dawes.
+Jörgen blickte Mary an, die nichts sagte; sie schaute auch nicht auf.
+Sie weinte leise vor sich hin.
+
+"Sie wissen, gnädiges Fräulein," sagte Jörgen Thiis ehrerbietig, "daß
+ich keinem Menschen lieber zu Diensten sein möchte."--"Das wissen wir,
+lieber Freund, das wissen wir", schluchzte Frau Dawes.
+
+Mary hatte den Kopf erhoben; aber bei Frau Dawes' Worten schwieg sie.
+
+Als Mary nachher aus Frau Dawes' Stube kam, öffnete Jörgen eben die Tür
+seines Zimmers, das Marys gerade gegenüber lag. Er blieb in der weit
+geöffneten Tür stehen, so daß sie den gepackten Koffer hinter ihm sehen
+konnte. Sie stand still: "Sie wollen fort?"--"Ja", antwortete er.--"Hier
+wird es jetzt still." Er wartete auf mehr; aber mehr kam nicht. "Jetzt
+beginnt die Jagdsaison. Ich hatte Ihren Vater fragen wollen, ob ich in
+seinen Wäldern jagen dürfe."--"Wenn Ihnen meine Erlaubnis genügt, steht
+dem nichts im Wege."--"Tausend Dank, gnädiges Fräulein! Ja, da darf ich
+doch auch mal hierherkommen?" Er verneigte sich tief und nahm ihre Hand.
+
+Dann ging er zu Frau Dawes hinein, um ihr Adieu zu sagen. Da blieb er
+mindestens zehn Minuten. Er kam gerade wieder heraus, als Mary zu ihrem
+Vater hinüberging.
+
+Als sie über ihren Vater gebeugt stand, regte er sich und schlug die
+Augen auf. Sie kniete hin: "Vater!" Er schien nachzudenken und versuchte
+zu sprechen; es gelang ihm aber nicht. Sie sagte eilig: "Wir wissen
+es,--alles, Vater. Aber hab' deswegen keine Sorge! Uns wird es trotzdem
+an nichts fehlen." Seine Augen bewiesen, daß er verstanden hatte, wenn
+auch langsam. Er wollte die Hand erheben, merkte aber, daß er es nicht
+konnte. Er blickte sie schmerzlich erstaunt an; sie beugte sich über
+ihn, küßte ihn und weinte.
+
+Aber es wurde unglaublich schnell besser. War es Marys Gegenwart und ihr
+stetes Mühen um ihn, was ihm half? Die Krankenpflegerin behauptete es.
+
+Jetzt kam eine Zeit, in der sie unermüdlich war in ihrer Sorge um die
+beiden Kranken; zugleich aber trat sie die Verwaltung von Haus und Hof
+an. Sie übernahm die Buchführung und die Oberaufsicht. Sie fühlte sich
+wohl dabei, denn sie hatte Talent, Ordnung zu schaffen und zu
+dirigieren. Frau Dawes war sehr erstaunt darüber.
+
+Keine Sorge um die Zukunft, keine Sehnsucht nach alledem, was hinter
+ihr lag. Sie sagte allen, die sie bedauerten, es sei freilich hart, daß
+die beiden Alten krank seien; aber sonst gehe es ihr so gut, wie sie es
+sich nur wünschen könnte.
+
+ * * * * *
+
+An einem ungewöhnlich warmen Tage Anfang August hatte sie von morgens an
+sehr viel zu tun gehabt. Sie hatte Sehnsucht, sich ins Wasser zu
+stürzen, sowie sie Zeit hatte.
+
+Zwischen fünf und sechs liefen sie hinunter, die kleine Nanna und sie.
+Zuerst waren sie beide zusammen im Badehause; der kleinen Nanna machte
+es solche Freude, wenn sie mit Marys schönem Haar zu tun hatte; heute
+durfte sie es auflösen. Dann lief sie den Hügel hinauf bis an den großen
+Stein, um von dort aus nach beiden Seiten Wache zu halten. Mary mochte
+nichts anhaben, sondern wollte nach Herzenslust plätschern und
+schwimmen. Sie nahm den Weg nach der Insel. Von dort aus konnte sie
+selbst zu beiden Seiten die Einfahrt und die Wege übersehen. Alles
+still, keine Gefahr. Also wieder zurück.
+
+Die See umschmeichelte sie und trug sie, die Sonne spielte auf ihren
+Armen, die das Wasser teilten; das Land vor ihr lag herbstsatt da mit
+seinem fetten Heu; Seevögel schwebten in der Bucht, andere kreischten
+über ihr. "Und mir graute so vor dem Alleinsein--"
+
+Als sie ans Ufer kam, mochte sie nicht heraus; sie legte sich auf den
+Rücken und ruhte sich aus. Dann ein paar Stöße und wieder eine
+Ruhepause. Der Strand war so einladend; sie legte sich in die Sonne. Den
+Kopf halb auf einem Stein, das Haar herabfließend. O, wie schön das war!
+Aber irgend etwas mahnte sie, aufzusehen. Sie hatte keine Lust dazu.
+Aber sie mußte doch wohl einmal dahin sehen, wo das Mädchen saß. Ach,
+was kümmerte sie das! Nanna hielt ja Wache. Aber soviel wurde doch
+dadurch bewirkt, daß das Wohlbehagen ihr verloren ging; sie machte ein
+Ende. Als sie aufstand, um auf die Badehaustreppe zuzugehen, gewahrte
+sie hinter dem großen Stein--Jörgen Thiis im Jagdanzug mit dem Gewehr
+über der Schulter! Das kleine Mädchen stand aufrecht auf dem Stein, ohne
+sich zu rühren; sie starrte ihn an, als sei sie festgenagelt.
+
+Eine heiße Blutwelle durchflutete Mary--Zorn und Abscheu. War er
+schamlos? Oder hatte er den Verstand verloren? Äußerlich tat sie, als
+habe sie nichts gesehen,--warf sich kopfüber in die See und schwamm auf
+die Treppe zu, hielt sich ruhig daran fest,--und verschwand.
+
+Aber ihr Atem ging heftig; ihr war so heiß, daß sie vergaß, sich
+abzutrocknen, sich anzuziehen. Sie geriet in immer größere Hitze,
+schließlich kochte sie vor Rachsucht und Wut. Der galante Jörgen Thiis
+wagte sie zu beleidigen, wie sie noch nie im Leben beleidigt worden war.
+
+Sie schlug sich solange mit diesem sinnlosen, unehrenhaften Überfall
+herum, bis sie mitten in Vorstellungen war, die sie weit fortführten.
+Sie stand wieder vor der kraftvollen Gestalt des Athleten, sie fühlte
+wieder Alices wissende Augen auf sich ruhen. Sie zitterte,--als sie
+einen Schrei des Kindes da oben hörte. In ihrer Erregung war sie nahe
+daran, auch zu schreien. Was konnte da nur los sein? Auf die Seite ging
+kein Fenster hinaus. Aus der Tür zu sehen, wagte sie nicht, denn sie
+hatte nichts an. Nie hatte sie sich so mit dem Anziehen beeilt, aber
+gerade deshalb ging ihr alles verkehrt, und es zog sich in die Länge.
+Sie mochte nicht halbangekleidet vor Jörgen Thiis hintreten.
+
+Als sie eben soweit war, daß sie daran denken konnte, die Tür
+aufzumachen, hörte sie auf der Landungsbrücke das Tripp-Trapp der
+kleinen Nanna. Mary riß die Tür auf, die Kleine kam hereingestürzt und
+warf sich ihr gleich in den Schoß. Da versteckte sie den Kopf und weinte
+und schluchzte, daß sie kein Wort herausbringen konnte.
+
+Mary gelang es, sie zu beruhigen, besonders als sie ihr versprach, sie
+dürfe jetzt ihr Haar kämmen. Da erzählte sie, der Herr Leutnant habe
+hinter dem Stein gestanden, bis sie es bemerkt habe. Sie habe gesessen
+und gesungen und habe ihn gar nicht kommen hören. Er habe ihr gedroht.
+Ach, und sie habe solche Angst gehabt, denn er habe so böse ausgesehen!
+Ach, so böse habe er ausgesehen! Kaum sei Mary ins Haus gegangen, da sei
+er hinuntergestürmt, direkt auf das Haus zu!
+
+"Jörgen Thiis?"
+
+"Dann schrie ich aus Leibeskräften! Da stand er still. Aber dann drehte
+er sich um und kam auf mich zu. Ich hinunter vom Stein und hinein in den
+Wald----" Sie konnte nicht weitersprechen. Sie verbarg wieder den Kopf
+in Marys Schoß und weinte.
+
+Das wurde ja immer schlimmer! Marys Verstand konnte es anfangs kaum
+fassen.
+
+Nach und nach aber ging ihr ein Licht auf--er mochte ein anderer sein.
+Er trug eine rasende Leidenschaft in sich. Er hatte den Mut starker
+Rücksichtslosigkeit. Wenn er nun gekommen war, um...?
+
+Stolz und stark, wie sie sich kannte, hätte das für ihn die Verbannung
+auf immer bedeutet--nichts anderes.
+
+Aber auf dem Heimwege ließ sie Nanna vorausgehen. Aus dem einfachen
+Grunde, weil sie kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnte,--so
+stürmten die Gedanken auf sie ein.
+
+Wie konnte ein Mann sich tagtäglich so beherrschen--einer so gewaltigen
+Begierde gegenüber? Eine lange, lange Anhäufung mußte vorauf gegangen
+sein; sonst hätte er nicht einem so unerhörten Überfall auf sich
+selbst--und auf sie--unterliegen können!
+
+In diesen ganzen Jahren war er also von Begierde entflammt gewesen?
+Seine Huldigungen, seine Ehrerbietigkeit, seine steten Bemühungen um
+sie--war das alles Rauch aus dem unterirdischen Krater? Der eines
+schönen Tages lohende Steine und glühende Asche ausspeit!
+
+Also Jörgen Thiis war gefährlich? Er wurde nicht kleiner dadurch; er
+stieg! Der Zwang, den er sich auferlegt hatte--ihr zu Ehren, war
+löblich! Wenn die Versuchung eines Tages den rebellischen Kräften das
+Tor öffnete--konnte sie ihm deswegen eigentlich böse sein?
+
+Den ganzen übrigen Tag, ja noch als sie sich auszog, dachte sie darüber
+nach. Am ändern Tage faßte sie den Entschluß, jetzt müsse es ein Ende
+haben. Es wurde etwas in ihr aufgewühlt, das sie schon einmal
+zurückgedämmt hatte; das Tempo durfte nicht unterbrochen werden, in dem
+sie sich ihr Leben einzurichten wünschte. Deshalb nahm sie ihre Arbeit
+energischer als je wieder auf, ja sie machte sich noch mehr zu schaffen.
+Sie sah nämlich die Bücher ihres Vaters und die losen Aufzeichnungen
+durch (deren es reichlich viele gab!), sie wollte Klarheit haben, wie
+die Dinge im ganzen standen. Er hatte doch auch hier Vermögen, und er
+konnte unmöglich alles verbraucht haben, was er aus Amerika bekommen
+hatte. Aber sie fand das Gesuchte nicht. Den Vater durfte sie nicht
+damit behelligen, und Frau Dawes wußte nicht Bescheid.
+
+Aber so eifrig sie bei der Sache war,--etwas vom gestrigen Tage schlich
+sich hinein. Jörgen hatte natürlich baden wollen, nach dem Bade
+heraufkommen und sie begrüßen. Nach dem, was vorgefallen war, kam er
+nicht. Kam er überhaupt wieder? Ohne besonders aufgefordert zu sein? Er
+hatte sich ja einstweilen zur Genüge verrannt. Sie hörte an den
+folgenden Tagen in der Umgegend schießen. Manche sagten auch, es werde
+in größerer Entfernung geschossen. Aber er kam am zweiten Tage nicht,
+kam am dritten nicht und am vierten auch nicht. Ihr gefiel das.
+
+Weil ihre Gedanken so oft auf den Höhen und im Walde waren, stieg sie
+eines Tages kurz vor dem Mittagessen hinauf. In der letzten Hälfte des
+August ist der Wetterumschlag im südlichen Norwegen häufig sehr kraß. Es
+war jetzt kalt; sie empfand es als eine Erfrischung, im Nordwind, der
+sie umspielte, bergan zu steigen. Sie stieg etwas unterhalb der Häuser
+hinauf, da ging es leichter. Sie kletterte rasch, sie war daran gewöhnt
+und sehnte sich, höher hinaufzukommen, im Winde zu stehen und über das
+aufgerührte Meer hinzuschauen. Schon von der ersten Anhöhe aus genoß sie
+den Blick auf die Halden, wo die Leute das Heu zum Trocknen
+ausbreiteten, über die Bucht, die Inseln, das Meer, das heute ganz
+schwarz war und viele Segler und etliche Dampfer trug. Doch über ihr
+machten die Krähen einen schauderhaften Lärm; da saß man sicher zu
+Gericht. Sie sah eine und die andere durch die Luft schießen und weiter
+gegen Norden zwischen den Hügeln verschwinden. Der Spektakel wurde immer
+schlimmer, je höher sie kam. Da beeilte sie sich; vielleicht konnte sie
+den Verbrecher retten. Ganz aufgeregt war sie, so daß es ihr kalt über
+den Rücken lief. Sie meinte, wenn sie um den nächsten Vorsprung herum
+sei, müsse sie sie sehen können. Statt dessen sah sie, als sie den Kopf
+hinübersteckte, ein gut Stück von ihr etwas weiter nördlich einen Mann
+auf dem Bauch liegen, direkt über den Häusern. Das war Jörgen Thiis!
+Zuerst duckte sie sich; aber dann stieg ein fröhliches Rachegefühl in
+ihr auf, und in diesem Gefühl eilte sie schnell entschlossen hinan. Er
+gewahrte sie und sprang verwirrt und beschämt in die Höhe, riß die Mütze
+herunter, setzte sie wieder auf und wußte nicht, wo er hinsehen oder
+sich hinwenden sollte. Sie kam langsam näher und weidete sich an ihm.
+Schon von weitem rief sie: "Auf die Art also gehen Sie auf
+Jagd?--Vielleicht wollen Sie unsere Hühner schießen?" Als sie näher kam:
+"Sie haben keinen Hund bei sich? Ach nein, unsere Hühner können Sie ja
+auch ohne Hund schießen. Oder haben Sie etwa überhaupt keinen Hund?"
+
+"Doch,--aber heute bin ich nicht zum Jagen hergekommen. Ich habe genug."
+
+Diese einfachen, sanftmütigen Worte, bei denen er sie nicht anzusehen
+wagte, warfen ihre Gefühle über den Haufen. Sie wollte ihn nicht quälen.
+Sie hatte genug von der Tyrannei des Onkels gehört.
+
+Die Krähen rasten schlimmer als bisher. "Hören Sie nur! Da wird Gericht
+gehalten! Daß Sie dem armen Sünder nicht zu Hilfe kommen!"--"Da haben
+Sie wahrhaftig recht!" sagte er, froh, daß er loskam. Er bückte sich
+nach seinem Gewehr und lief davon. Sie hinterdrein. Erst eine kleine
+Anhöhe hinan, dann den Weg entlang. Um zwei alte Bäume herum tobten die
+grauen Richter; es waren ihrer Hunderte. Aber kaum erblickten sie einen
+Mann mit einer Flinte, als sie krächzend nach allen Seiten
+auseinanderstoben. Ihre Aufgabe war beendet.
+
+Und richtig: zwischen den beiden großen Bäumen lag zerzaust und blutig
+eine ungewöhnlich große Krähe in den letzten Zuckungen. Jörgen wollte
+sie aufheben. "Nein, fassen Sie sie nicht an!" rief Mary und wandte sich
+ab. Sie ging gleich wieder bis an den Abhang. Sie hörte ihn nicht
+nachkommen und blieb stehen: "Sie kommen doch mit und essen bei uns?" Er
+kam. Dann gingen sie schweigend bis an die Stelle, wo er gelegen hatte.
+Er fragte hastig: "Wie geht es bei Ihnen zu Hause?"--Sie lächelte: "O
+danke, den Umstanden nach recht gut."
+
+Aus dem Schornstein wirbelte der Rauch in die Höhe. Vornehm wirken die
+Dachziegel mit ihrer blauen Glasur auf den Hausern. Die großen Gärten zu
+beiden Seiten mit den sandbestreuten Wegen lagen da, als hätten die
+Hauser gestreifte Schwingen ausgebreitet. Das Ganze so lebensvoll, als
+werde es sich im nächsten Augenblick in die Lüfte heben. "Haben Sie
+lange hier gelegen?" fragte sie unbarmherzig; sie hielt es ja für eine
+Art Belagerung. Er antwortete nicht. Sie begann den Abstieg; hier war es
+ziemlich abschussig. "Soll ich Ihnen helfen?"--"O danke, ich bin
+häufiger hier gegangen als Sie."
+
+Es wurde eine stille Mahlzeit. Jörgen aß immer sehr langsam, aber nie so
+langsam wie heute. Mary war mit jedem Gericht schnell fertig und saß und
+sah ihn an. Sagte dies und das und bekam höflich Antwort. Seine Augen,
+die sonst gleich Wogen über sie hinspülten, die sie in sich aufsaugen
+wollten ... heute hoben sie sich kaum vom Teller. Plötzlich hörte er
+auf. "Ist Ihnen nicht wohl?"--"Doch, danke; aber ich bin satt."--
+
+Wenige Minuten später kam er aus Anders Krogs Zimmer heraus. Mary war
+kurz vorher von Frau Dawes gekommen und hatte gerade ihr Zimmer
+geöffnet. Jörgen Thiis sagte: "Ich finde, gnädiges Fräulein, Ihrem Vater
+geht es viel besser."--"Ja, er kann schon dies und das sagen und den Arm
+etwas bewegen."--Jörgen hörte das augenscheinlich nicht. "Ist dies Ihr
+Zimmer?--Ich habe es noch nie gesehen." Sie trat beiseite; er schaute
+und schaute. "Wollen Sie nicht eintreten?"--"Darf ich?"--"Bitte sehr!"
+Er ging bis an die Schwelle und überschritt sie langsam; Mary folgte
+ihm. Er stand still und atmete schwer; sie war neben ihm. War denn das
+Zimmer mit Spitzen überzogen? Er konnte sich gar nicht zurechtfinden.
+Das Bett, die Möbel, weiß mit blau, oder blau mit weiß, die Amoretten an
+der Decke, die Bilder, darunter eins von ihrer schönen Mutter, mit
+Blumen geschmückt. Und der Duft ... nicht allein von den Blumen, nein,
+von ihr selbst und all ihrer Habe. Sie stand in ihrem blauen Kleid,--es
+war das mit den kurzen Ärmeln,--neben ihm. In diesem reinen Duft, in
+diesem Farbenzauber schämte er sich. Er schämte sich so, daß er am
+liebsten aus dem Zimmer gestürzt wäre. Er konnte nicht Herr seiner
+Stimmung werden; in seiner Brust begann es zu arbeiten und zu
+schluchzen; ein Zittern überkam ihn. Ihm war, als müsse er in Tränen
+ausbrechen. Da schimmerte es von zwei weißen Armen, und er hörte etwas
+Leises, das auch blau und weiß und weiß und blau war. Die Tür wurde
+hinter ihm geschlossen, wohl um ihn zu verbergen. Da schimmerten wieder
+die weißen Arme und er hörte deutlich: "Aber Jörgen!--Aber Jörgen!" Er
+fühlte eine Hand auf seinem Arm und setzte sich hin. Sie hatte wirklich
+"Jörgen" gesagt, zweimal "Jörgen." Jetzt strich sie ihm das Haar aus
+der Stirn. So weich, so blütenzart. Es löste sich etwas in ihm; alles
+Wunde und Harte schmolz unter ihrer Hand und zerrann. In einem
+unsäglichen Gefühl von Wärme. Die sich da über ihn beugte, war
+eigentlich die erste, die ihm beistand, seit er kein Kind mehr war. Er
+hatte sich so verlassen gefühlt. Solches Vertrauen zu ihm lag in dem
+Händedruck. So unverdient. Das tat gut! Oh wie gut das tat! Ihm träumte,
+er sei auch gut, sei in der Gewalt guter Mächte. Das Weiße und Blaue
+wölbe ein Zelt über ihm. Unter diesem Zelt nähmen diese großen, guten
+Augen seine Seele in sich auf. Er sagte als Entschuldigung ganz leise:
+"Ich konnte es nicht länger aushalten." Was er nicht länger aushalten
+konnte, verstand sie; sie prallte zurück.
+
+"Mary", flüsterte er. Ohne es zu wollen, dachte er laut. Das erschreckte
+ihn und erschreckte sie. Sie wich weiter zurück von ihm, ihre Augen
+wurden unklar; es versagte da etwas. Das sah er,--und ehe sie es ahnte,
+ehe er selbst es wußte, war er bei ihr. Er umschlang sie und preßte sie
+an sich. Er wurde wild, als er ihren Körper an seinem fühlte, und küßte
+sie, küßte sie, wo er gerade hintraf. Sie bog aus, bald nach der einer
+Seite, bald nach der ändern. Da bedeckte er ihren Hals mit Küssen. Sie
+fühlte, jetzt galt es. Einen Arm hatte sie nur frei; aber damit stieß
+sie ihn von sich. Gleichzeitig bog sie sich so weit nach hinten, daß sie
+fast gefallen wäre. Dadurch kam er über sie, das zündete, und er wollte
+es sich zu Nutzen machen. Aber er mußte seinen rechten Arm lösen, um sie
+umschlingen zu können. Gerade dadurch bekam sie ihren linken Arm frei,
+stemmte ihn mit aller Macht ihm gegen die Brust, daß sie sich nach der
+Seite wenden konnte, und stand aufrecht. Ihre Augen trafen sich. Sie
+waren wild, die Flammen in ihnen prallten gegeneinander. Keiner sprach
+ein Wort. Ihre Atemzüge gingen kurz und scharf.
+
+"Mary!" ertönte ein Schrei draußen auf dem Gange. Das war Frau Dawes!
+Frau Dawes, die das Bett nicht mehr verlassen konnte,--stand auf dem
+Flur! "Mary!" noch einmal so verzweifelt, als sei sie einer Ohnmacht
+nahe. Die beiden hinaus: Frau Dawes lehnte in ihrem Nachtgewand vor
+ihrer offnen Tür an der Wand. Sie war am Umsinken, als Jörgen Thiis
+herzugestürzt kam und sie unter den Arm faßte. Die Treppe herauf kam ein
+Mädchen nach dem andern, auch die kleine Nanna. Jörgen stand und hielt
+Frau Dawes, bis sie sie mit vereinten Kräften aufhoben und hineintrugen.
+Es war furchtbar schwer. Soviel sie hoben und schleppten, sie bekamen
+sie knapp über die Schwelle ins Zimmer hinein. Dann langsam weiter; aber
+jetzt kam noch das Allerschwerste: den Oberkörper ins Bett hineinheben;
+denn das wollte ihnen nicht gelingen. Immer wenn der Oberkörper auf dem
+Bettrand war, wollten die Beine nicht mit; dann glitt sie wieder
+hinunter; sie selbst half nicht ein bißchen, sie stöhnte nur. Ehe Jörgen
+richtig zufassen konnte, lag sie in ihrer ganzen Größe abermals am
+Boden. Als sie den Oberkörper wieder einmal hochgehoben hatten, aber
+nicht weit genug, daß er durch seine eigene Schwere liegen geblieben
+wäre, waren sie ganz verzweifelt; sie wußten nicht, was sie machen
+sollten. Das kleine Mädchen lachte laut auf und lief weg; Jörgen sandte
+ihr einen wütenden Blick nach. Das war selbst für Mary zuviel. Vor drei
+Minuten noch hatte sie wie eine Verzweifelte gekämpft,--und nun überkam
+sie eine so unbegreifliche Lachlust, daß auch sie hinauslaufen mußte. Da
+stand sie mit dem Taschentuch vorm Munde und krümmte sich vor Lachen,
+als die Pflegerin aus dem Zimmer ihres Vaters herauskam; er wollte
+wissen, was los sei. Mary ging hinein. Sie konnte es ihm vor Lachen kaum
+auseinandersetzen, wie nämlich Frau Dawes dalag und was für
+Anstrengungen Jörgen und die Mädchen machten. Ihren Vater quälte die
+Frage, was Frau Dawes wohl auf dem Flur gewollt habe. Da verstummte
+Marys Lachen. Ein Mädchen kam aus Frau Dawes' Zimmer und berichtete,
+jetzt liege die gnädige Frau im Bett. Sie möchte das gnädige Fräulein
+sprechen.
+
+Im Zimmer stand Jörgen am Fußende des Bettes; Frau Dawes lag und
+stöhnte und weinte und rief nach Mary. Kaum ließ Mary sich in der Tür
+blicken, da fing sie an: "Was war mit Dir, Kind? Mich überkam eine
+schreckliche Angst,--was war los?" Mary ging zu ihr hin, ohne Jörgen
+anzusehen. Sie kniete neben ihrer alten Freundin hin und legte den Arm
+um ihren Hals: "Ach, Tante Eva!" sagte sie und schmiegte den Kopf an
+ihre Brust. Nach einer Weile fing sie zu weinen an.--"Was ist denn? Was
+ist denn? Was macht Dich so unglücklich?" jammerte Frau Dawes und strich
+ihr immer und immer wieder mit der Hand über das herrliche Haar.
+Schließlich blickte Mary auf; Jörgen Thiis war fort. Aber sie schwieg.
+"Nie habe ich solch ein Gefühl gehabt," fing Frau Dawes wieder an, "wenn
+nicht etwas Entsetzliches bevorstand!" Mary schwieg. "War es etwas mit
+Jörgen Thiis?" Mary sah sie an.--"O Gott, das habe ich mir
+gedacht!--Aber bedenke, Kind, er hat Dich geliebt, seit er Dich zum
+erstenmal gesehen hat, und nie eine andere. Das ist schwer, siehst
+Du.--Und kein einziges Mal hat er Dir gegenüber etwas wie eine Andeutung
+gemacht,--oder doch?"--Mary schüttelte den Kopf. "Das ist viel. Das
+zeugt von Charakter. Zu Diensten ist er Dir gewesen und verehrt hat er
+Dich,--ja, sei nicht zu streng! Erst jetzt, da Du arm bist, wagter
+----ja, was war denn eigentlich los?"--Mary zögerte eine Weile; dann sagte
+sie: "Erst war es, als werde ihm schlecht. Aber dann wurde er plötzlich
+toll."--"Ach, ich könnte Dir auch etwas erzählen ... Ja, ja, ja!" Sie
+versank in Gedanken. Dann murmelte sie: "Wenn einer jahrelang so
+herumgeht..."--"Wir wollen nicht darüber reden!" unterbrach Mary sie und
+stand auf.--"Nein, das ist ..."--"Nichts mehr davon!" wiederholte Mary.
+Sie trat ans Fenster. Da hörte sie Frau Dawes hinter sich: "Er hat mit
+mir gesprochen, mußt Du wissen. Ob er jetzt seinen Antrag machen dürfe.
+Er könne sich nichts Schöneres denken. Einspringen, wenn wir nicht
+weiterkönnen. Aber er findet, Du bist zu unnahbar." Mary machte
+unwillkürlich eine Bewegung. Frau Dawes bemerkte es: "Sei jetzt nicht zu
+streng, Mary! Weißt Du, Kind, Dein Vater und ich, wir finden beide ..."
+--"Nicht, Tante!" Mary drehte sich rasch nach ihr um--nicht gerade
+unwillig, aber doch so, daß das Gespräch nicht weitergehen konnte.
+
+Mary blieb in der Stube. Sie wollte nicht Gefahr laufen, mit Jörgen
+Thiis zusammenzutreffen. Als Mary Frau Dawes einmal eine Handreichung
+leistete, sagte diese: "Du weißt, Kind, er beerbt Onkel Klaus?" Als Mary
+nicht antwortete, wagte sie fortzufahren: "Jörgen glaubt, Onkel Klaus
+wird ihm helfen, wenn er sich verheiratet." Mary ging das zu einem Ohr
+hinein, zum andern hinaus.
+
+Als die Bahn frei war, suchte Mary ihr eigenes Zimmer auf. Sie
+durchdachte die ganze Szene noch einmal und glühte vor Aufregung, aber
+sie war verwundert, daß sie eigentlich nicht erzürnt war. Es war ja doch
+ganz entsetzlich.
+
+Und gerade als sie dachte: "Was jetzt weiter?" klopfte es leise an die
+Tür. Sie wurde sehr böse, sie wäre am liebsten aufgesprungen und hätte
+die Tür verschlossen. Aber nach einer Weile sagte sie: "Herein!" Die Tür
+öffnete sich und schloß sich, ohne daß sie aufsah; sie saß in ihrem
+großen Stuhl. Leise und demütig kam er heran und ließ sich aufs Knie
+nieder, indem er das Gesicht in ihre Hände legte. Daran war nichts
+Abstoßendes. Er war tief bewegt. Sie blickte hinunter auf seinen
+hübschen Kopf mit dem weichen Haar. Sie verweilte bei seinen langen
+Künstlerfingern. Etwas Feines wirkte an ihm versöhnend. Aber diese
+Sentimentalität! "Soll ich abreisen?" war das einzige, was er sagte. Sie
+zögerte eine Weile, dann sagte sie: "Ja." Ganz leise. Er ließ die Arme
+sinken, griff nach ihrer rechten Hand und drückte seine Lippen darauf,
+lange, aber ehrerbietig. Stand auf und ging.
+
+Bei dem Kuß, so ehrerbietig er war, durchrieselte ihren Körper ein
+aufregendes Gefühl. Wie sie es vorhin gehabt hatte, als er sie küßte
+und küßte, daß sie einer Ohnmacht nahe war. Sie blieb verwundert sitzen.
+Noch lange, nachdem er fort war. Sie dachte wieder ihren Kampf bis ins
+kleinste durch und zitterte. "Warum bin ich nicht böse auf ihn?"
+
+Da klopfte es wieder. Das Mädchen der Frau Dawes fragte an, ob sie nicht
+herüberkommen wolle. "Du hast ihn abreisen lassen, Kind?" Frau Dawes war
+mehr als betrübt. Vor Eifer richtete sie sich auf und stützte sich auf
+den einen Arm. Ihre Mütze saß schief auf dem kurzen grauen Haar, der
+fette Hals war röter als gewöhnlich, als sei es ihr zu warm. "Warum hast
+Du ihn abreisen lassen?" wiederholte sie. "Er wollte doch."--"Wie kannst
+Du das sagen, Kind? Er war doch bei mir und jammerte. Er wollte für sein
+Leben gern hier bleiben! Du hast keinen Begriff davon. Du hast ihn ja
+immer bloß zurückgestoßen. Und gefoltert." Sie legte sich ganz
+verzweifelt wieder zurück. Das Wort "gefoltert" machte flüchtig einen
+komischen Eindruck; aber Mary hatte selbst die Empfindung, sie hätte mit
+ihm sprechen sollen, ehe sie ihn gehen ließ. Denn gehen mußte er.
+
+Es kamen recht schwere Tage. Anders Krogs Befinden verschlechterte sich
+bei einem Witterungsumschlag. Dazu kamen Verdauungsbeschwerden. Es fiel
+ihm schwerer, sich verständlich zu machen. Mary war viel bei ihm; dann
+folgte er ihr mit den Augen, daß es ihr fast Angst machte.
+
+Frau Dawes schickte ihm kleine Zettel. Von ihrer Schreiberei ließ sie
+sogar im Bett nicht. Immer wenn solch ein Zettel kam, blickte er Mary
+lange an. Da erriet sie, wovon die Zettel handelten.
+
+Eines Tages sagte Frau Dawes zu ihr: "Du überschätzt Dich, wenn Du
+meinst, Du kannst hier allein mit uns leben."--"Wie meinst Du
+das?"--"Daß Du im Frühling des gesellschaftlichen Lebens noch so müde
+sein magst,--wenn der Herbst kommt, lockt es doch. Du bist zu sehr daran
+gewöhnt."--
+
+Mary antwortete diesmal nicht; aber einige Tage später--es war lange
+naßkaltes Wetter gewesen, und sie hatte nicht draußen sein können--sagte
+sie zu Frau Dawes: "Du kannst recht haben, das Leben, das wir all diese
+Jahre hindurch geführt haben, hat tiefe Wurzeln in mir geschlagen."--"O
+ja, tiefere als Du selbst ahnst, mein Kind!"--"Aber was soll ich denn
+tun? Von hier fort kann ich doch nicht? Ich will es auch
+nicht."--"Nein.--Aber Du könntest Dir etwas Abwechslung verschaffen."
+--"Wie denn?"--"Du verstehst mich recht gut, Kind! Wenn Du
+verheiratet wärst, würde er zeitweise hier mit Dir leben und Du
+zeitweise mit ihm da, wo er hin muß."--"Eine wunderliche Ehe!"--"Ich
+glaube nicht, daß Du ihm sonst näherkommen kannst."--"Wem
+näherkommen?"--"Dem, was das Leben von Dir verlangt. Und dem, woran Du
+gewöhnt bist."
+
+Mary fühlte, das, was Frau Dawes da sagte, sei auch des Vaters Wunsch.
+Daß es ihr Schicksal sei, was ihm die größte Sorge mache. Daß ihm eine
+Ehe mit Jörgen unter Onkel Klaus' Obhut eine große Beruhigung sei. Es
+lag wie ein Druck auf ihr, daß sie bis auf diesen Tag wenig Rücksicht
+auf die Wünsche des Vaters genommen hatte.
+
+Diese ganze Zeit, all diese Erwägungen erschienen ihr wie das Rezitativ
+einer Oper, das zwei Handlungen miteinander verbindet.
+
+Wenn sie jetzt, wo es herbstete, über die Bucht hinschaute, fühlte sie
+sich wie eine Gefangene. Stand sie oben auf der Höhe und sah mit den
+schaumsprühenden Wogen den rauhen Herbst daherkommen, dann hatte sie das
+Gefühl, er wolle sie für den Winter einkerkern. Dann brauste es in ihr
+auf; sie war an anderes gewöhnt.
+
+Auch in ihrem Blut brauste es. Sie hatte ihre Ruhe verloren. In der
+Erinnerung erschien ihr Jörgen nicht abstoßend. Die Atmosphäre, die ihn
+umgab, schien ihr sogar sympathisch.
+
+Daß ein Schlaganfall den Vater aufs Krankenlager geworfen hatte, und
+daß Jörgen gerade anwesend war, und daß er dem Vater willkommen
+war,--knüpfte das kein Band? War das nicht wie Schicksal?
+
+An Jörgens Seite in Stockholm[1] aufzutreten und später weiter in die
+Welt gesandt zu werden,--einen naturgemäßeren Abschluß ihres
+Wanderlebens, eine vielseitigere Verwendung dessen, was sie dabei
+gelernt hatte, konnte man sich schwer vorstellen.
+
+Onkel Klaus mußte helfen. Gründlich helfen. Sie war sich ihrer Macht
+über Onkel Klaus bewußt.--
+
+"Kurz und gut, liebe Tante Eva," sagte sie eines Tages, als sie neben
+ihr am Bett saß und mit ihr plauderte: "Du kannst an Jörgen schreiben."
+
+[Footnote 1: Schweden und Norwegen hatten damals ein gemeinsames
+Ministerium des Auswärtigen.]
+
+ * * * * *
+
+Mary stand selbst auf der Brücke, als das Boot anlegte. Es war am
+Sonnabend nachmittag, und wer irgend konnte, floh aus der Stadt, um die
+letzten Herbsttage im Freien zu genießen. Es war ein schöner Tag. Im
+südlichen Norwegen hat man solche Tage oft bis tief in den September
+hinein. Mary war in Blau und hatte einen blauen Sonnenschirm, mit dem
+sie Jörgen und ein paar Freundinnen winkte, die neben ihm standen. Alle
+Leute an Bord kamen nach der Landungsseite herüber, um zuzusehen.
+
+Sowie Jörgen neben ihr stand, fühlte er, daß er vorsichtig sein müsse.
+Er erriet, daß sie ihn nur deshalb hier unten in Empfang nahm, damit ihr
+Zusammentreffen nicht intim ausfallen könne.
+
+Auf dem Wege nach oben sprachen sie über die Schwalben, die sich jetzt
+zum Aufbruch rüsteten, über den Verwalter, der kürzlich einen mächtigen
+Adler geschossen hatte, über das Schreibbrett, das für Frau Dawes
+konstruiert worden war, über die gute Grummeternte, über die Obst-und
+die Futterpreise.--Drinnen im Flur lief sie ihm mit einem kurzen
+"Verzeihung!" weg. Sie flog die Treppe hinauf. Der Bursche, der Jörgens
+Koffer brachte, trat hinter ihnen in die Tür; Jörgen und er standen da
+und wußten nicht wohin. Da hörten sie Marys Stimme von oben: "Bitte
+hierher!" Sie gingen hinauf. Sie öffnete das Fremdenzimmer, das neben
+ihrem eigenen lag, und ließ den Burschen den Koffer dahinein setzen. Zu
+Jörgen sagte sie: "Wollen wir nicht jetzt zu Vater hineingehen?"--Sie
+ging voran. Die Pflegerin war nicht da. Vermutlich um die
+fortzuschicken, war sie vorhin nach oben gelaufen.
+
+In den Augen des Kranken leuchtete es auf, als er hinter ihr in der
+offenen Tür Jörgen bemerkte. Kaum war die Tür geschlossen, als Mary auf
+ihren Vater zuging, sich über ihn beugte und sagte: "Jörgen und ich
+haben uns verlobt, Vater."
+
+Alle Güte und alles Glück, das sich in einem Angesicht vereinen kann,
+strahlte aus den Mienen des Vaters. Lächelnd wandte sie sich zu Jörgen,
+der blaß und verwirrt dastand und nahe daran war, auf Mary zuzustürzen
+und sie zu umarmen. Aber er fühlte, sie wollte wohl seine Überraschung,
+seine Dankbarkeit und seine Anbetung, aber keine Zeremonien. Das tat
+seinem Glück keinen Abbruch. Er begegnete ihren lächelnden Augen mit der
+vollsten, innigsten Freude. Er drückte die Hand, die Anders Krog ihm
+geben konnte, er blickte ihm in die tränennassen Augen und seine eigenen
+füllten sich mit Tränen. Aber gesprochen wurde kein Wort, bis Mary
+sagte: "Jetzt gehen wir zu Tante Eva!"
+
+In einem Gefühl des Sieges ging sie voran. Bewundernd folgte er ihr.
+Sein Herz war voll, nicht zum wenigsten von Begeisterung über den
+Großmut, mit der sie ihm verziehen hatte. Er dachte: draußen auf dem
+Flur wird sie sich umdrehen, und dann ... Aber sie ging direkt auf Frau
+Dawes' Tür zu und klopfte an.
+
+Als Frau Dawes Jörgen gewahrte, schlug sie die fetten Hände zusammen,
+zerrte an ihrer Mütze und wollte sich aufrichten,--aber es gelang ihr
+vor lauter Rührung nicht. Sie sank wieder zurück, weinte glückselig vor
+sich hin und streckte die Arme aus; Jörgen warf sich hinein, aber zum
+Kusse kam es nicht.
+
+Sobald ein vernünftiges Wort gesprochen werden konnte, sagte Mary:
+"Findest Du nicht auch, Tante Eva, morgen müssen wir beide zu Onkel
+Klaus?"--"Das einzig Richtige, Kind! Das einzig Richtige. Worauf braucht
+Ihr zu warten?"--Jörgen strahlte. Mary zog sich zurück, damit die beiden
+in aller Vertraulichkeit miteinander sprechen könnten.
+
+Als sie wieder zusammenkamen, merkte er, daß die Parole hieß: "Ansehen,
+aber nicht anfassen!" Das fiel ihm schwer; aber er gab zu, daß einer,
+der so vermessen gewesen war, im Zaum gehalten werden mußte. Sie wollte
+selbst über sich verfügen.
+
+In ihrem Triumphgefühl war sie schöner als je. Es erschien ihm wie eine
+Gnade, daß sie "Du" zu ihm sagte. Das war auch alles, wozu sie sich
+herabließ. Er wartete und wartete; aber sie gab nicht mehr. Den ganzen
+Tag nicht. Da nahm er seine Zuflucht zum Klavier und jammerte ganz
+fürchterlich darauf: Mary machte die Türen auf, damit Frau Dawes etwas
+hören könne. "Der arme Junge!" sagte Frau Dawes.
+
+Am ändern Tage kam sie erst kurz vor der Abfahrt des Dampfers nach
+unten, mit dem sie zu Onkel Klaus wollten. "Heute bist Du richtig la
+grande dame",--Jörgen musterte sie bewundernd; sie stand in ihrer
+elegantesten Pariser Besuchstoilette vor ihm. "Du willst Onkel Klaus
+wohl imponieren?"--"Das auch. Aber es ist doch heute Sonntag.--Sag'
+mal," sie wurde plötzlich ernst, "weiß Onkel Klaus von Vaters
+Unglück?"--"Von seiner Krankheit?"--"Nein, von der Ursache der
+Krankheit?"--"Das weiß ich nicht. Ich komme von Hause.--Ich habe nichts
+gesagt. Nicht mal zu Hause."--Das gefiel ihr. Deshalb wurde auch der
+Gang zum Dampfer hinunter und nachher die Fahrt gemütlich und fröhlich.
+Sie sprachen leise von der Hochzeit, von dem Urlaub für den ersten Monat
+nachher, von dem Leben in Stockholm, von ihrer Reise dahin, von seinem
+Weihnachtsbesuch zu Hause, von einem kleinen Abstecher nach Kristiania
+jetzt gleich--kurz, an ihrem Himmel waren keine Wolken.
+
+Onkel Klaus trafen sie in seiner Rauchhöhle, wo sie ihn mehr ahnten, als
+daß sie ihn sahen. Er war selber ganz erschrocken, als Mary in ihrer
+ganzen Herrlichkeit vor ihm stand. Er eilte ihnen in den großen steifen
+Salon voran. Noch ehe sie saßen, sagte Jörgen: "Ja, Onkel, heute kommen
+wir, um Dir zu erzählen--" er kam nicht weiter; denn Onkel Klaus sah an
+ihren Gesichtern, was für eine strahlende Neuigkeit sie brachten. "Ich
+gratuliere, ich gratuliere!" Der große Mann streckte jedem eine Hand
+hin: "Ja, das sagen alle," triumphierte er, "Ihr beide seid das
+schmuckste Paar, das je in der Stadt war. Denn", fügte er hinzu, "wir
+andern haben Euch ja lange verlobt!" Kaum hatten sie sich gesetzt, als
+sich sein Gesicht verfinsterte. Er sah Mary mitleidig an: "Dein Vater,
+armes Kind!"--"Vater geht es jetzt besser", antwortete sie
+ausweichend.--Onkel Klaus blickte sie forschend an: "Er kann ja wohl
+nicht mehr ..." er hielt inne, er konnte es wirklich nicht über sich
+gewinnen, das auszusprechen, auch Mary nicht. Sie saßen also eine Weile
+schweigend da.
+
+Als das Gespräch wieder in Fluß kam, redeten sie über die ungewöhnlich
+schlechten Zeiten. Es mache den Eindruck, als wollten die kein Ende
+nehmen. Die Aktien hätten keinen Wert, die Schiffahrt liege darnieder,
+keine neuen Unternehmungen, das Geld arbeite nicht. Während sie hierüber
+sprachen, blickte Onkel Klaus Jörgen mehrmals an, als wolle er nach
+etwas fragen, wenn er erst fort sei: Sie bemerkte es und gab Jörgen
+einen Wink, er stand auf und entschuldigte sich: er habe sich mit
+einigen Kameraden in der Stadt verabredet. Es war zwischen Mary und ihm
+ausgemacht, daß sie allein mit Onkel Klaus reden solle. Aber was mochte
+Onkel Klaus mit ihr zu besprechen haben? Sie war gespannt.
+
+Jörgen war kaum aus der Tür, da sagte Onkel Klaus mit bekümmerter
+Miene: "Armes Kind, ist es wahr, daß Dein Vater in Amerika große
+Verluste gehabt hat?"--"Er hat alles verloren", antwortete sie. Blaß und
+entsetzt fuhr der große Mann in die Höhe: "Er hat alles verloren?"--Er
+starrte sie mit weit offnem Mund an, wurde dunkelrot und rief: "Ja,
+Gottsdonnerwetter, da kann ich verstehen, daß man den Schlag
+bekommt."--Er begann im Zimmer auf und ab zu rennen, als sei außer ihm
+niemand da. Die weiten Hosen schlotterten ihm um die Beine, mit den
+langen Armen fuchtelte er in der Luft herum. "Er ist doch schon immer so
+ein leichtgläubiger Tropf gewesen! Ein richtiger Dussel! Wenn man sich
+vorstellt, einer hat ein so großes Vermögen im Geschäft eines ändern
+stecken, und er kümmert sich dann nicht weiter drum! Das ist doch eine
+verdammte--" er hielt jäh inne und fragte in höchstem Erstaunen: "Auf
+was wollt Ihr denn heiraten--?"
+
+Mary war tief verletzt, noch ehe diese Frage kam. In ihrer Gegenwart
+sich so zu benehmen, vor ihren Ohren so etwas von ihrem Vater zu sagen!
+Trotzdem antwortete sie mit ihrem reizendsten Lächeln und voll
+Schelmerei: "Auf Dich, Onkel Klaus!"
+
+Seine Verblüffung war nicht zu beschreiben. Sie versuchte sie zu
+dämpfen, ehe sie zum Ausbruch kam, sie bedauerte ihn scherzend--und zwar
+auf englisch--was für ein armer Mann er sei. Aber das prallte ab wie
+Vogelgezwitscher an einem Bären. "Das sieht dem Jörgen, diesem Satan,
+ähnlich," brach er schließlich hervor, "gleich auf mich zu
+spekulieren!"--Er rannte wieder durch die Stube, schneller als bisher:
+"Haha! das konnte ich mir ja denken! Wenn was in die Quere kommt, muß
+ich herhalten! In diesen Zeiten, wo ich kaum mein Essen verdiene! Solche
+Unverschämtheit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!"
+Er sah sie nicht, er sah überhaupt nichts. Dieser reiche Mensch hatte
+seinen Launen, seiner Wut, seiner Unverschämtheit immer freien Lauf
+gelassen. "Schockschwerenot, Jörgen verdiente, daß ich ihm auch das
+entzöge, was er jetzt bekommt. Immer will er mehr haben! Und nun sollte
+ich--ha, ha! Ja, das ist ein Prachtbengel!"--
+
+Mary saß totenblaß da. Sie war nie bisher gedemütigt worden; nie bisher
+hatte ein Mensch sie anders als eine Bevorzugte behandelt.
+
+Aber den Kopf verlor sie nicht. "Ich führe jetzt Vaters Bücher," sagte
+sie kühl; "daraus habe ich ersehen, daß auch Ihr Geschäfte zusammen
+gemacht habt."--"Oh ja," sagte er, ohne stehen zu bleiben und ohne sie
+anzusehen: "Oh ja--mit ein paar Hunderttausend. Aber wenn Du die Bücher
+führst, weißt Du wohl auch, daß sie in diesen Zeiten fast nichts
+einbringen."--"Das ist nun wohl übertrieben", antwortete sie. "Ja, was
+willst Du mit den Papieren?" fragte er und blieb stehen. Aus einer
+plötzlichen Eingebung heraus rief er: "Hat Jörgen Dich beauftragt, sie
+zu verkaufen?"--"Jörgen hat mich zu nichts beauftragt", sagte sie und
+stand auf.
+
+Wie sie blaß und groß und stattlich vor ihm stand und ihn mutig ansah,
+war er der Unterlegene. Er starrte sie nur an. Sie sagte: "Ich bedaure,
+daß ich nicht eher gewußt habe; was für ein Mensch Du bist." Alle
+Überlegenheit fiel von ihm ab,--er stand dumm und schwerfällig da. Er
+war nicht imstande zu antworten, ja nicht einmal sich zu rühren. Er ließ
+sie gehen. Und das wollte er gerade am wenigsten.
+
+Durch das Fenster sah er ihr nach, sah sie nach dem Markt hinuntergehen.
+Wie schön und stolz sie war, wie ein Bild.
+
+Als Jörgen bald darauf kam, um Mary abzuholen oder vielmehr mit ihr
+zusammen zu Tisch dazubleiben,--denn er war überzeugt, sie würden zum
+Essen eingeladen werden--bekam er nicht allein dieselbe Lektion, die sie
+bekommen hatte, sondern eine viel saftigere, weil Onkel Klaus jetzt
+außerordentlich unzufrieden mit sich selbst war. Dafür mußte Jörgen
+büßen. "Warum, zum Donnerwetter, bist Du nicht selbst gekommen? Du
+warst wohl zu feig dazu?--Und dann hast Du sie veranlassen wollen,
+Aktien zu verkaufen, die jetzt gar keinen Wert haben! Ein verflucht
+leichtsinniger Kerl bist Du doch immer gewesen."--Onkel Klaus hatte
+unrecht; aber Jörgen kannte ihn, er wußte, daß man ihm jetzt nicht
+widersprechen durfte. Er machte sich auf allen vieren davon und kam zu
+Mary, erbarmungswürdiger als damals, wo sie ihn oben auf dem Hügel
+getroffen hatte, wie er in das verlorene Paradies hinunterschaute. Sie
+selbst hatte geweint vor Ärger und Enttäuschung; aber sie hatte
+Sprungfedern in sich; jetzt kam der Umschlag. Ihr Sturz aus ihrer
+Siegesstimmung herab, die sie noch vor einer halben Stunde gehabt hatte,
+war so jäh, daß die ganze Geschichte, wenn man Jörgens jämmerlichen
+Zustand dazunahm, lächerlich wurde. Sie lachte so ausgelassen, so
+köstlich befreit, daß sogar Jörgen geheilt wurde. Nach Verlauf einer
+Viertelstunde gingen die beiden jungen Menschen über die Straße, um sich
+ein leckeres Mittagessen mit Champagner zu bestellen. Während das
+hergerichtet würde, wollten sie einen Spaziergang machen. Aber kaum
+standen sie draußen in der köstlich frischen Luft, da mußte Jörgen
+wieder hinauf und nach Krogskog telephonieren, sie würden heimkommen und
+dort zu Mittag essen. Es würde ungefähr zwei Stunden dauern auf der
+neuen Landstraße; das sollte ein herrlicher Spaziergang werden!
+
+Sie schritten tüchtig aus; der klare Herbsttag mit seiner frischen Brise
+war kühl,--so rechtes Wetter zum Wandern.
+
+Der Weg an der See entlang durchschnitt die Landzungen; sie freuten sich
+über den steten Wechsel von Strand und Bergeshöhe, von Bergeshöhe und
+Strand. Das Meer tiefblau, bis weit hinten voller Segel und Rauchsäulen.
+Heut war Sonntag, daher waren auch viele Lustjachten draußen; sie
+krochen durch die Meerengen und wagten sich auf die offene See hinaus.
+
+Bei ihrem schnellen Tempo waren die beiden bald aus der eigentlichen
+Stadt heraus. Da lag ein hübsches kleines Haus in einem Garten. "Wem
+gehört das?" fragte Mary. Es sah so einladend aus. "Fräulein Röy, der
+Ärztin", antwortete Jörgen eifrig. "Ich habe über all dem Ärger und der
+Enttäuschung doch vergessen, Dir zu erzählen, daß ich Franz Röy in der
+Stadt getroffen habe!" Ohne es zu wissen, blieb Mary stehen. Ohne es zu
+wollen, wurde sie rot. "Franz Röy?" fragte sie und blickte starr vor
+sich hin. Dann ging sie weiter, noch bevor sie eine Antwort bekommen
+hatte. "Er soll hier die Hafenarbeiten leiten. Du weißt, Irgens ist
+tot."--"Der Ingenieur? Der ist tot?"--"Und jetzt heißt es, Hauptmann Röy
+wird das übernehmen."--"Ist das eine Arbeit für einen Mann wie
+ihn?"--"So fragt gewiß mancher.--Alle fragen, was er hier will?" lachte
+Jörgen. Mary sah ihn an und er Mary. Dann ging er näher an sie heran:
+"Aber jetzt kommt er zu spät." Er hatte als Antwort einen
+verständnisvollen Blick erwartet, in dem vielleicht ein bißchen Glück
+lag. Aber sie ging weiter, ohne ihn anzusehen, auch ohne etwas zu sagen.
+
+Da trat eine lange Pause ein. Sie gingen schnell. Der Herbstwind wehte
+erfrischend. Da wandte sie sich zu ihm, um ihm eine Freude zu machen.
+"Weißt Du, Jörgen, daß Vater bei Onkel Klaus zweihunderttausend Kronen
+stehen hat?"--"Zweihundertfünfzigtausend", antwortete Jörgen. Sie war
+sehr erstaunt,--einmal darüber, daß Jörgen Bescheid wußte, dann über die
+fünfzigtausend Kronen. "Onkel Klaus sprach von zweihunderttausend."
+--"Ja, die Dein Vater in seine Unternehmungen und in das
+Schiff hineingesteckt hat. Aber kurz bevor Dein Vater krank wurde,
+hat er Onkel fünfzigtausend Kronen geschickt, die frei geworden
+waren."--"Woher weißt Du das?"--"Onkel hat es mir gesagt."--"Ich habe
+nichts darüber gefunden."--"Nein, Dein Vater hat sich mit dem Verbuchen
+wohl nicht beeilt; das war seine Art so. Außerdem--," hier stockte
+Jörgen, "kennst Du alle Geschäfte Deines Vaters?" Sie wollte darauf
+nicht eingehen; die Frage kam ihr nicht unerwartet. Aber wie konnte
+Jörgen--? Vielleicht durch Frau Dawes. Jedenfalls freute sie sich. Sie
+war stehen geblieben, sie wollte etwas sagen. Aber der Wind hob ihr die
+Röcke hoch, löste ihr eine Haarsträhne und riß ihr den Schal ab.
+"Herrgott, wie entzückend Du aussiehst!" rief er.--"Aber dann steht ja
+nichts im Wege, Jörgen?"--"Wir können heiraten, meinst Du?"--"Ja", und
+damit ging's weiter.--"Nein, Liebste, jetzt bringen die Aktien nahezu
+nichts ein."--"Ja, was tut das? Wir müssen drauflosgehen, Jörgen!" Sie
+strahlte vor Gesundheit und Mut. "Ohne Onkels Zustimmung?" fragte er
+verzagt.--Sie stand wieder still: "Würde er Dich enterben?"--Ohne direkt
+zu antworten, sagte er schwermütig: "Wenn Du wüßtest, Mary, was ich mit
+Onkel ausgestanden habe. Vom ersten Tag an, da er mich zu sich nahm. Wie
+er mich geplagt hat. Wie er mir aufgepaßt hat. Bis auf diesen Tag bin
+ich wie ein ungezogener Schuljunge von ihm behandelt worden. Seine
+schlechte Laune hat er stets an mir ausgelassen." Auf seinem Gesicht
+zeigte sich eine solche Mischung von Verbitterung und Unglück, daß Mary
+unwillkürlich rief: "Armer Jörgen,--jetzt fange ich an zu verstehen!"
+Sie gingen weiter. Sie dachte daran, daß seine Fähigkeit, sich zu
+beherrschen in einer harten Schule erworben sei; da hatte er auch
+gelernt, sich zu verstellen. Seine Zähigkeit mußte sie bewundern; was
+hatte er nicht alles durchgesetzt! Und allein seine Musik! Die war wohl
+sein Trost gewesen. Jetzt verstand sie seine ungewöhnliche Höflichkeit.
+Jetzt verstand sie seine Sentimentalität. Sie verstand, wodurch er so
+streng und pedantisch geworden war und so hart gegen seine Untergebenen.
+
+Sie sah ein, daß auch sie vielleicht schuld gewesen, wenn es ihm
+schlecht gegangen war. Seine lange, schweigende Liebe zu ihr hatte ihm
+nur eine Last mehr aufgebürdet; denn sie hatte ihm kein aufmunterndes
+Wort gegönnt; im Gegenteil! Was Wunder, daß er schließlich wie verhext
+war? "Armer Jörgen", sagte sie noch einmal und faßte seine Hand. Das
+erste Liebeszeichen, das sie ihm je gewährt hatte. Sie mußte es gleich
+wieder zurücknehmen, weil sie die Röcke festhalten mußte, denn um die
+Landzunge pfiff ein scharfer Wind, und ein Segelboot schnitt gerade
+unter ihnen durch das Wasser. Vom Boote aus wurde heraufgewinkt, und sie
+winkten hinunter. Welch ein herrlicher Tag, wie schimmernd blau der
+Fjord mit den roten Wimpeln überall.
+
+Als sie zur Bucht hinunterkamen, fragte sie: "Glaubst Du wirklich, er
+würde Dich enterben, wenn wir uns verheiraten?"--"Wir haben nichts,
+woraufhin wir heiraten können, Du Liebe!"--"Wir können doch diese
+Papiere verkaufen", sagte sie mutig. "Ja, wenn wir so vorgehen, um uns
+heiraten zu können, daß wir sie jetzt verkaufen, wo sie so niedrig
+stehen, ja, dann enterbt er mich sicher."--Aber sie wollte die Hoffnung
+nicht aufgeben: "Und unser Wald?"--"Der muß erst jahrelang stehen."--
+
+Wie gut Jörgen Bescheid wußte! Wie genau er alles überlegt hatte!
+
+Sie kamen auf die Strandstraße, die auf die letzte Landzunge bei
+Krogskog zuführte. Da stand ein alter wunderlicher Finnenhund. Mary war
+gut Freund mit ihm. Er kläffte ja immer ein bißchen, wenn jemand in
+seine Nähe kam; vielleicht konnte er nicht gut sehen; aber er wedelte
+gleich mit dem Schwanz, wenn er einen Bekannten witterte. Heute war er
+wie toll.
+
+"Herrjeh," rief Mary, "ist er etwa auf Dich so wütend?" Jörgen
+antwortete nicht, sondern bückte sich nach einem kleinen Stein. Als der
+Hund das sah, rannte er, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, hinter
+einen Reisighaufen am Wege. Von dort setzte er dann das Konzert fort.
+"Laß ihn doch!" sagte Mary, als sie sah, daß Jörgen die Schußlinie
+berechnete. "Es wäre doch spaßig, wenn er sich genau auf die Stelle
+zurückzöge, auf die ich ziele," sagte er, "dann bekommt er den Stein
+nämlich gerade auf den Rücken." Dabei tat er, als werfe er; der Hund
+setzte davon,--da warf er erst, und der Hund bekam den Stein genau auf
+den Rücken. Er heulte auf. "Siehst Du!" sagte Jörgen triumphierend. "Es
+gibt nicht viele, die so sicher treffen, kann ich Dir sagen."--"Kannst
+Du ebenso gut schießen?"--"Ob ich es kann! Wirklich, Mary, alles, womit
+ich mich befasse--viel ist es ja nicht,--das tue ich gründlich." Das
+mußte sie zugeben. Das rasende Gebell des Hundes in der Ferne bestätigte
+es auch.
+
+Auf dem Richtsteig zum Hause hinauf sagte er: "Meinst Du, wir sagen Frau
+Dawes oder Deinem Vater etwas?"--"Von Onkel Klaus?"--"Ja. Es würde sie
+nur betrüben. Können wir nicht sagen, er habe gemeint, wir sollten bis
+zum Frühjahr warten?"--Sie blieb stehen. Sie war nicht für so etwas.
+Aber Jörgen blieb dabei. "Ich kenne Onkel Klaus besser als Du. Ihm wird
+es bald leid. Freilich wird er nicht nachgeben, aber er wird selbst mit
+einem anderen Vorschlag kommen, ungefähr mit so etwas, wie ich jetzt
+meine:--er möchte, wir warteten bis zum Frühjahr."
+
+Mary war sich längst darüber klar, wie gut Jörgen unterrichtet sei; sie
+mußte deshalb auch zugeben, daß er so etwas besser verstand als sie.
+Aber an Schleichwege war sie nicht gewöhnt. "Laß mich nur machen," sagte
+er, "dann erspare ich den alten Leuten eine Enttäuschung."
+
+"Aber was soll ich denn sagen?" fragte Mary.--"Die Wahrheit, daß Onkel
+sich sehr über unsere Verlobung gefreut hat, und daß die Zeiten jetzt so
+schlecht seien, daß wir warten müßten. Das verhält sich doch tatsächlich
+so."
+
+Damit war Mary einverstanden. Besonders weil es sie freute, daß Jörgen
+auf die Schonung der beiden Alten bedacht war. Er bekam dafür einen
+aufrichtigen Dank--und wieder ihre Hand. Die behielt er in seiner bis an
+die Treppe, ja noch die Treppe hinauf. Er dachte, das ist ein Pfand für
+einen Kuß im Vorzimmer. Aber dann nehme ich mir zehn!
+
+Er machte die Tür auf und ließ Mary vorangehen. "Schönen Dank für den
+Spaziergang, Jörgen", sagte sie, indem sie an ihm vorbeiging und ihm
+fröhlich zunickte,--lief zur Treppe und nach oben. Er hörte sie in ihr
+Zimmer gehen.--
+
+Wie schonend Jörgen auch seine Worte wählte, als er von dem Resultat
+berichtete,--es war eine schwere Enttäuschung für die alten Leute.
+Sowohl Krog wie vor allem Frau Dawes fanden es unerklärlich; die
+letztere sogar grausam. So sollte Mary den langen Winter über hier
+allein bleiben und Jörgen in Stockholm. Sie konnten sich vielleicht zu
+Weihnachten ein paar Tage sehen, aber sonst nicht. Seltsamerweise übte
+die Enttäuschung der beiden Alten einen Rückschlag auf Jörgen aus. Er
+saß wie ein flügellahmer Vogel da. Er sprach nicht, er antwortete Frau
+Dawes kaum, er spielte auch nicht; aber er bereitete seine Abreise für
+den nächsten Morgen vor. Er wollte direkt nach Stockholm; seine Zeit war
+um.
+
+Nur Mary war guter Dinge. Es war, als gehe sie die ganze Geschichte
+nichts an. Ihr hatte der Tag nichts Schlimmes gebracht; so schien es.
+Das Triumphgefühl, das in ihr war, seit sie vor ihrem Vater die
+Verlobung zu proklamieren geruht hatte, war nicht allein ungeschwächt,
+es war stärker als je. Sie ging über die Flure und durch die Stuben und
+summte vor sich hin; sie hatte tausenderlei zu tun, als sei sie es, die
+eine lange, wichtige Reise vorhatte. Beim Abendessen trieb sie soviel
+Unsinn, daß Jörgen das unsichere Gefühl hatte, sie mache sich über ihn
+lustig. Er sagte ihr schließlich gerade heraus, er verstehe sie nicht.
+Ihm scheine, sie solle ihn lieber bedauern. Sie bleibe doch wenigstens
+hier in ihrem entzückenden Heim und in ihrer schönen Sorge für ihre
+beiden Lieben; er aber--? Jetzt habe er einen Haß auf das, was vor ihm
+liege, weil es ihn von ihr fernhalte. Es tue ihm leid, daß er sich vom
+Dienst habe beurlauben lassen. Er verabscheue Stockholm. Er wisse, wie
+zurückgesetzt ein junger Mann dort sei, der nicht zur höheren "société"
+gehöre und obendrein Norweger sei. Er war unglücklich und machte seinem
+Kummer Luft.
+
+"Du hast doch bei Deiner Konfirmation so gut Bescheid gewußt, Jörgen,
+hast Du vergessen, daß Jakob volle sieben Jahre um Rahel dienen
+mußte?"--"Habe ich etwa nicht lange genug um Dich gedient, Mary?"--"Weil
+Du gar so früh damit anfingst, sind es so viele Jahre geworden. Es ist
+eine schlechte Angewohnheit von Dir--zu früh anzufangen!"--"War es denn
+möglich, Dich zu sehen, ohne ...? Du tust Dir selbst unrecht."--"Du
+hattest doch andere Ziele, Jörgen, als mich zu erringen?"--"Die hatte
+Jakob auch, der Geldjäger! Und er hatte noch den offenbaren Vorteil, daß
+er Rahel inzwischen sehen konnte, so oft er wollte."--"Na,--einer, der
+Jahre lang gewartet hat, Jörgen--" "--der kann auch noch ein halbes Jahr
+Iänger warten? Ja, Du hast gut reden, die nie auf etwas gewartet hat.
+Nicht auf das geringste!"--Sie schwieg. "Daß Du mich obendrein noch
+necken willst, Mary!--Der (auch wenn er bei Dir ist) auf so schmale Kost
+gesetzt ist!"--"Du beklagst Dich, Jörgen?"--"Ja, wahrhaftig."--"Du hast
+allzu früh angefangen, mußt Du bedenken." Sie lachte. Er wurde verlegen,
+sagte aber nach einer Weile: "Du weißt eben nicht, was warten
+heißt!"--"Ich weiß jedenfalls, daß einer, der auf schmale Kost gesetzt
+ist, sich leichter daran gewöhnen kann." Sie lachte wieder. Er war
+gekränkt und unsicher zugleich. Eine, die ihn wirklich lieb hatte, hätte
+sich kaum so benommen--am Abend vor einer mehrmonatlichen Trennung. Und
+bei so kläglichen Aussichten für die Ehe, wie sie sie hatten.
+
+Sie saßen eine Weile bei ihrem Vater und sehr lange bei Frau Dawes.
+Jörgen war still und sagte überhaupt nichts. Mary aber war vergnügt.
+Frau Dawes blickte die beiden verwundert an. Sie wandte sich zu Jörgen:
+"Armer Junge, Du mußt zu Weihnachten herkommen!" Mary antwortete statt
+seiner: "Tante Eva, um Weihnachten ist es in Stockholm gerade am
+lustigsten."
+
+Plötzlich stand Mary auf und wünschte sehr unerwartet "Gute Nacht", erst
+Jörgen, dann Frau Dawes. "Ich bin müde von unserer Tour und ich will
+morgen früh aufstehen, um Jörgen zu begleiten."
+
+Jörgen fühlte, dieser unerwartete Aufbruch war ein wohlüberlegter
+Streich. Sie wollte dem entgehen, ihm draußen auf dem Flur gute Nacht zu
+sagen. Er schwur ihr Rache. Er verstand sich darauf.
+
+Frau Dawes wollte wissen, ob zwischen ihnen etwas vorgefallen sei. Das
+bestritt er. Sie glaubte ihm nicht; er mußte allen Ernstes wiederholen,
+er wisse von nichts. Aber seine Verstimmung verbergen, das konnte er
+nicht. Er brachte es nicht einmal über sich, dazubleiben, und ließ sie
+allein. Auf dem Flur war es gegen die Gewohnheit völlig dunkel. Er
+tastete sich nach seiner Tür. Erst als er drinnen Licht angezündet hatte
+und unwillkürlich auf ein Lebenszeichen aus ihrem Zimmer lauschte, fiel
+ihm ein, daß sein Schloß geölt worden war. Heute morgen hatte es
+geknarrt. Ganz unbedeutend, aber geknarrt hatte es. Nie war er in einem
+Hause gewesen, wo wie hier die kleinste Kleinigkeit, die in Unordnung
+war, sofort repariert worden wäre. Trotzdem Sonntag war. Er konnte sich
+kein größeres Glück vorstellen, als später, wenn erst alles in Ordnung
+war, hierher zurückzukehren, hier auszuruhen, und hier solange und
+solcherart zu leben, wie sein tiefstes Bedürfnis nach Lebensgenuß es ihm
+vor Augen stellte.
+
+Also galt es auszuhalten. Sich jetzt in ihre Launen zu finden wie früher
+in des Onkels Launen. Bis seine Zeit kam!--
+
+--Er war beim Ausziehen, als lautlos die Tür geöffnet wurde und Mary in
+ihrem Nachtgewand hereintrat. Blendend schön. Sie schloß die Tür hinter
+sich und trat an die Lampe. "Du sollst nicht länger warten, Jörgen!" Sie
+löschte die Lampe aus.--
+
+ * * * * *
+
+Allein
+
+
+Am nächsten Morgen verschlief sie die Zeit. Sie wurde durch Gesang und
+Klavierspiel aufgeweckt. Im Halbschlummer erst und dann deutlich hörte
+sie durch einen Strom herandrängender Erinnerungen Jörgens Stimme. Er
+sang am Klavier bei offenem Fenster in den frühen Morgen hinein. Sein
+heller, jubelnder Tenor trug Festesklänge zu ihr hinauf.
+
+Schnell, ganz schnell war sie aus dem Bett und in den Kleidern; sonst
+kam sie zu spät, um ihn zum Schiff hinunterzubegleiten. Bei dem raschen
+Hantieren wurde sie ganz wach, und mächtiger stürmten ihre Gedanken ihm
+und seiner berauschten Seligkeit entgegen. Seinen tiefinnigen, Seele und
+Sinne durchströmenden Dank und seine Lobeshymnen wollte sie in der Nähe
+genießen! Hoch emporgehoben und im Triumph herumgetragen werden wie die
+Herrscherin seines Lebens. Aus freier Souveränität hatte sie ihm des
+Lebens höchsten Preis geschenkt. Jetzt war er belohnt für seine lange
+Qual! Vorurteilslos und ohne zu feilschen. Sie kannte ihn jetzt doch;
+sie wußte bis ins kleinste, wie er aussehen, wie er sich benehmen würde,
+wenn er sie hineinführte in sein Glück. Deshalb schwoll ihre Brust dem
+Wiedersehen entgegen. Feiern sollte man sie und ihr danken!
+
+Durch das kleine holländische Kabinett kam sie in ihrem blauen
+Morgenkleide und legte die Hand auf den Türgriff des großen Musikzimmers
+nach der See hinaus, mußte aber stehen bleiben, um Atem zu schöpfen, so
+gespannt war sie. Dabei genoß sie seinen Triumph da drinnen. So
+hingerissen war er von seiner eigenen Musik, daß sie ihm ganz nahe kam,
+ehe er sie bemerkte. Er blickte strahlend auf und erhob sich langsam und
+still wie zu einem Fest. Er wollte die Stimmung nicht zerstören; er
+breitete die Arme ihr entgegen, zog sie an sich, küßte sie ehrbar aufs
+Haar und streichelte ihr langsam und sorglich die Wange, die freilag; er
+wollte zudecken und verbergen, ihr mit männlicher Güte über die Scham
+weghelfen, die sie naturgemäß empfinden mußte. Er war ganz zart und
+beruhigend.--
+
+"Wir müssen jetzt wohl schnell essen", flüsterte er freundlich zu ihr
+hinunter, küßte noch einmal ihr schönes Haar und atmete seinen Duft.
+Dann faßte er sie sanft, aber gleichsam führend, um die Taille. An der
+Tür fragte er leise: "Du hast wohl gut geschlafen, daß Du so spät
+kommst?" Er öffnete mit der freien Hand väterlich die Tür und blickte
+sie mitfühlend an, als er keine Antwort bekam. Sie war sehr blaß und
+ganz verwirrt. "Mein süßes Mädchen", flüsterte er tröstend.
+
+Bei Tisch war des Rücksichtnehmens kein Ende, besonders da sie nichts
+essen konnte. Aber die Zeit war knapp; er mußte für sich selbst sorgen,
+so daß nicht viel darüber gesprochen wurde. Mary sagte kein einziges
+Wort. Aber sie fand, er hantiere mit Messer und Gabel auf eine ganz
+neue, herrische Art. Verwandt der Art, wie er zu ihr sprach und wie er
+sie ansah. Er wollte ihr offenbar Mut einflößen. Nach dem, was gestern
+geschehen war. Sie hätte den Teller mit allem, was darauf war, nehmen
+und ihm ins Gesicht schleudern mögen!
+
+Sein Triumphgesang hatte ihm selber gegolten, die Siegeshymne seinem
+eigenen Verdienst!
+
+Bei allen Mahlzeiten stand eine Karaffe mit Wein auf dem Tisch. Er trank
+langsam ein ganzes, großes Glas, wischte sich den Mund und stand mit
+einem würdevollen "Entschuldige!" auf.--Dann in der Tür: "Ich muß
+nachsehen, ob der Knecht meinen Koffer geholt hat."
+
+Einen Augenblick nachher war er wieder da. "Die Zeit ist knapp"; er
+schloß die Tür hinter sich und ging hastig auf Mary zu, die jetzt am
+Fenster stand. Er zog sie diesmal rasch an sich und wollte sie
+Küssen...
+
+"Nicht mehr dergleichen!" sagte sie mit ihrer ganzen alten Souveränität
+und wandte sich ab. Sie ging stolz hinaus ins Vorzimmer, zog sich eine
+Jacke an, wobei ihr das herzueilende Mädchen half, wählte einen Hut,
+sah nach dem Wetter und nahm dann einen Sonnenschirm. Das Mädchen
+öffnete ihr die Haustür, Mary ging rasch hinaus, er hinterher, in seinem
+tiefsten Empfinden verletzt. Er war sich keiner Schuld bewußt.
+
+Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Aber es kochte so in
+ihr, daß sie ihren Sonnenschirm fast zerbrochen hätte, als sie ihn
+schließlich aufspannen wollte. Er sah es.
+
+"Du," sagte sie, und es klang, als habe sie eine ganz andere Stimme
+bekommen, "ich halte nicht viel vom Briefschreiben. Ich kann auch keine
+Briefe schreiben."--"Ich soll Dir also nicht schreiben--?!" Er hatte
+auch eine andere Stimme bekommen. Sie antwortete nicht, und sie sah ihn
+auch nicht an. "Wenn aber irgend etwas passiert--?" sagte er.--"Nun ja,
+dann--! Aber dann hast Du ja Frau Dawes."
+
+Als sei es damit noch nicht genug, fügte sie hinzu: "Du bist wohl
+übrigens auch kein Held im Briefschreiben. Also ist nicht viel dabei
+verloren."
+
+Er hätte sie schlagen mögen.
+
+Zum Überfluß mußte nun auch noch der alte, wunderliche Finnenhund da an
+der Brücke sein mit einem von seinen Leuten. Kaum wurde er Jörgen
+gewahr, da fing das Konzert an. Es nützte alles nichts, soviel seine
+Herren auch ihm pfiffen und ihn riefen.
+
+Alle wandten sich nach den Ankömmlingen um. Jörgen hatte sich sofort
+nach einem kleinen Stein gebückt, und Mary hatte ihn leise gebeten, es
+nicht zu tun. Der Dampfer legte gerade an, die allgemeine
+Aufmerksamkeit, auch die des Hundes, wurde von ihnen abgelenkt, und auf
+diesen Augenblick hatte Jörgen gewartet, um ihm den Stein direkt auf den
+Leib zu werfen, daß er laut aufheulte. Unmittelbar darauf wandte er sich
+zu Mary und zog den Hut mit seinem verbindlichsten Lächeln und mit
+tausend Dank für die genossene Gastfreundschaft.
+
+Sie mußte anstandshalber warten, bis der Dampfer abfuhr; ja, sie mußte
+ein paarmal mit dem Sonnenschirm winken. Lächelnd und triumphierend
+grüßte Jörgen mit mächtigem Hutschwenken vom Dampfer herüber.
+
+Wütend war sie! Aber er kaum weniger.
+
+ * * * * *
+
+"Er, der sich vor mir in den Staub hätte werfen müssen und den untersten
+Saum meines Kleides küssen!" Das war ihre Empfindung.
+
+Schon gestern abend war das Gefühl von etwas Unfeinem in ihr
+aufgedämmert. Er wollte sie nicht wieder loslassen. Sie mußte eine List
+anwenden und ihre Tür verriegeln. Aber sie hatte sich das als eine
+krankhafte Folge seiner langen Sehnsucht ausgelegt, die zur Besessenheit
+geworden war.
+
+Jetzt war kein Zweifel möglich! Nur ein "Bewanderter" konnte es in
+dieser Weise auffassen. Sie war betrogen. Das Allerschönste in ihr, das
+von ihren feinsten Instinkten geschirmt und großgezogen worden, war
+hineingelockt in einen widerwärtigen Irrtum.
+
+Sie rang den ganzen Tag damit. Verraten und geschändet nannte sie sich.
+Zuerst wälzte sie alle Schuld von sich. Dann nahm sie alles auf sich und
+verdammte sich als unbrauchbar für das Leben. Sie greife doch nur fehl,
+sie verrate sich selbst. Einen Augenblick sagte sie: Mir ist Gewalt
+angetan, obwohl ich mich freiwillig hingegeben habe! Im andern
+Augenblick sagte sie: Das greift gewiß viel weiter zurück, und ich finde
+mich nicht heraus.
+
+Welch ein Segen, daß ihr Zimmer unberührt und rein geblieben war. Das
+nebenan wollte sie nie wieder betreten, nie mehr sehen.
+
+Ihm wollte sie nicht gehören.
+
+Aber würde er denn schweigen? Darüber war sie beruhigt. Auf dem Gebiet
+lagen seine Schwächen nicht, sonst hätte sie wohl irgend etwas erfahren.
+Aber daß ein einziger Mensch existieren sollte, der--! Sie weinte vor
+ohnmächtigem Zorn. Das würde ihren Lebensmut zerstören. Das würde wie
+ein Alp auf ihr liegen. Gerade wenn sie sich am höchsten fühlte.
+
+Sehen wollte sie ihn! Ihm sagen, wofür sie ihn gehalten habe,--und wer
+er sei. Zu wem sie habe hineingehen wollen,--und zu wem sie
+hineingekommen sei. Er sollte nicht triumphieren können. Aber dazu mußte
+sie sein Leben kennen. Wen konnte sie fragen, wer kannte sich darin
+aus?----
+
+Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war sie sich klarer. Einmal
+darüber, wie sie sich volle Gewißheit über Jörgen verschaffen konnte;
+das mußte gelegentlich geschehen, so daß keiner etwas merkte. Ebenso war
+sie sich klar, daß der Bruch mit ihm und die Begegnung, die den Bruch
+vorbereitete, hingehalten werden mußte--vor allem um der beiden Alten
+willen. Das zweite und viel wichtigere war: ihr eigenes Leben wieder
+aufzubauen, aus dieser schwülen Luft herauszukommen, die sie ins
+Verderben geführt hatte. Da gab es nur einen Weg: ihre Arbeit
+aufzunehmen, sich brauchbar dafür zu machen und aus den Resultaten neuen
+Mut zu schöpfen.
+
+Arbeit und Pflichttreue! Sie stützte sich auf die Ellbogen, als wolle
+sie die Aufrichtung in ihrem Innern versinnbildlichen, und stand im
+nächsten Augenblick auf den Füßen, um sich fertig zu machen.--
+
+Die fünfzigtausend Kronen, die ihr Vater also neulich Onkel Klaus
+gegeben, und die sie in den Büchern nicht gefunden hatte,--deuteten die
+nicht darauf hin, daß ihr Vater noch einen Fonds in Amerika hatte--außer
+dem brüderlichen Geschäft? Daß die Zinsen, die er nicht aufgebraucht
+hatte, dort in Aktien angelegt waren? Da kürzlich 50 000 Kronen frei und
+hierhergeschickt waren?
+
+Seit Jörgen ihr vorgestern von den 50 000 Kronen erzählt hatte, hatten
+die ihr in all den ändern Geschichten keine Ruhe mehr gelassen. Sie
+mußte die amerikanische Korrespondenz des Vaters prüfen; darin würde es
+stehen. Aber sie fand keine solche Korrespondenz,--bis sie eine Truhe
+öffnete, die unten in dem Bücherregal stand, zu dem der Schlüssel in
+seinem Portemonnaie lag. Sie kannte die Truhe von ihren Reisen her; aber
+sie hatte nie gewußt, was sie enthielt. Hier fand sich die ganze
+amerikanische Korrespondenz; hier fanden sich auch die Belege. Es machte
+den Eindruck, als habe er schon zu Lebzeiten ihrer Mutter ihr Vermögen
+und alles, was damit zusammenhing, besonders verwaltet. Dann mußte aber
+ein recht beträchtlicher Rest geblieben sein, selbst wenn der
+Hauptbestand, eine Million Dollar, verloren war. Sie war wie im Fieber.
+Ihr Vater mußte den Brief so verstanden haben, als sei sein ganzer
+Besitz in Amerika verloren gegangen. So hatte sie es aufgefaßt, und die
+andern gleichfalls.
+
+Den Kopf voll dieser Dinge, begab sie sich zum Vater. Sie setzte ihm
+alles umständlich auseinander und sagte, sie wolle gleich nach Amerika,
+um Klarheit zu schaffen. Er erschrak. Aber bald sah er die Notwendigkeit
+ein und fügte sich.
+
+Frau Dawes war nicht so leichtgläubig. Sie vermutete, es müsse etwas
+geschehen sein, wovon Mary sich ablenken wolle. Aber in Marys Wesen und
+in ihrem Bericht über ihre Entdeckung war etwas Heftiges, etwas, das
+keinen Widerspruch duldete. Frau Dawes beschränkte sich daher auf einige
+schüchterne Einwendungen: es gebe auf dem Meer um diese Jahreszeit so
+viele Stürme.
+
+Drei Tage später war Mary mit einem englisch sprechenden Mädchen auf dem
+Wege nach Amerika. Sie werde, sagte sie, schon jemand finden, der ihr
+wertvolle Hilfe leisten würde. Sie kenne so viele.
+
+Alles ging nach Wunsch. In weniger als anderthalb Monaten war sie wieder
+daheim. Es war hohe Zeit gewesen, daß sie hinüberkam. Denn es sollte
+gerade darüber prozessiert werden, ob Anders Krog mit seinem ganzen
+Besitz der Kompagnon seines Bruders gewesen sei, während er es doch nur
+mit der Summe war, die im Geschäft steckte.
+
+Das konnte sie beweisen.
+
+Dieser Erfolg machte ihr Mut. Warum nicht weiter gehen? Hier hatte sie
+Kapital zur Verfügung, und sie hatte große Lust, etwas zu beginnen. Auch
+einen Holzhandel. Konnte sie das nicht so gut lernen wie jeder andere?
+Die doppelte Buchführung? War die so schwer? Sie fing gleich an.
+
+Anders Krog schien aufzuleben, seit sie wieder daheim war. Die
+Gewißheit, daß das Vermögen, das außerhalb der Konkursmasse des Bruders
+stand, gerettet war, war für ihn eine große Freude. Marys Zukunft lag
+ihm so sehr am Herzen.
+
+Dagegen nahm Frau Dawes sichtlich ab. Es war, als habe dieses tätige,
+rastlose Menschenkind seine Kräfte aufgebraucht. Selbst nach Jörgen
+fragte sie nicht; ihre Korrespondenz hatte sie aufgegeben.
+
+Mary leitete den Gutsbetrieb zusammen mit dem Prokuristen und verwaltete
+das Vermögen gemeinsam mit einem Geschäftsmanne. Nebenbei nahm sie
+Unterricht und lernte. Zweimal wöchentlich war sie in der Stadt.
+
+So ging es in den November hinein. Da bekam Anders Krog einen Brief aus
+Kristiania von einem nahen Verwandten, einem reichen Manne, dessen
+einzige Tochter sich soeben verlobt hatte. Er bat, Marit möge doch zu
+den Festlichkeiten hinkommen; es sollten in den beiden großen Familien
+deren mehrere stattfinden.
+
+Mary war selbst erstaunt, wie große Lust sie plötzlich bekam. Der alte
+Adam war nicht tot. Sie trällerte auf den Fluren und in den Stuben vor
+sich hin, während sie ihre Reisevorbereitungen traf; sie sehnte sich
+nach einer neuen Umgebung--und nach neuen Huldigungen. Sie suchte
+Genugtuung darin! Das mußte sie sich selbst zugeben.
+
+Sie war kaum einige Tage dort, als Anders Krog einen Brief bekam, in dem
+Marys Lob in den höchsten Tönen gesungen wurde. Nicht das Brautpaar, sie
+sei der Mittelpunkt aller Bälle gewesen; nicht das Brautpaar, sie werde
+bevorzugt und gefeiert--in erster Linie von dem Brautpaar selbst. Ihre
+einzigartige Schönheit, ihr vornehmes Wesen, ihre Kenntnisse und ihr
+Taktgefühl würden sie ihnen allen unvergeßlich machen. Sie möchten sie
+so gern noch eine Zeitlang dabehalten.
+
+Anders Krog schickte den Brief zu Frau Dawes hinein mit der Bitte, ihn
+bald zurückzugeben; er wolle ihn noch oft lesen,--
+
+Am Tage darauf war Mary wieder daheim. Sie trat des Morgens still bei
+ihrem Vater in die Tür, und er erschrak, als er sie sah. Sie sei krank
+geworden, sagte sie, und das sah man auch deutlich genug. Sie war nicht
+nur blaß, sie war grau, mit übernächtigen Augen und matter Stimme. Sie
+gab ihrem Vater einen langen, zärtlichen Kuß, wollte aber den Brief, den
+er bekommen hatte, gar nicht sehen und nicht von ihrem Aufenthalt in
+Kristiania reden. Jetzt erst auf ein paar Minuten zu Frau Dawes, dann zu
+Bett und ausruhen.
+
+Sie blieb kaum eine halbe Minute bei Frau Dawes, die sie in großer
+Besorgnis zurückließ.
+
+Mary schlief den ganzen Tag, aß zu Abend eine Kleinigkeit und schlief
+wieder die ganze Nacht.
+
+Als sie aufstand, sah sie aus wie immer, war frisch und wach. Der
+Prokurist, der Gärtner und die Haushälterin kamen zu ihr und legten
+Rechenschaft ab, und sie machte einen Rundgang durch das Haus. Dann kam
+sie lächelnd nach oben zu ihrem Vater, der sehr glücklich war, als er
+sie wieder so vor sich sah.
+
+Sie kam, um ihm zu sagen, daß jetzt einer baldigen Heirat nichts mehr im
+Wege stehe. Jetzt hätten sie ja Vermögen. Der Vater brachte unter großen
+Schwierigkeiten heraus, das habe er auch schon gedacht. Seine Augen und
+die eine Hand sagten das übrige; daß er nämlich nichts lieber sehe.
+
+Aber als sie dasselbe zu Frau Dawes sagte und hinzufügte, sie habe
+eigentlich Lust, gleich nach Stockholm zu fahren, um diesen Vorschlag zu
+machen (Jörgens Name wurde nicht genannt), da gewann Frau Dawes die alte
+Geistesschärfe wieder, richtete sich im Bett auf und fing laut zu
+weinen an. Nun verlor Mary den Mut, warf sich über das Bett und
+flüsterte: "So ist es, Tante Eva!" Sie weinte die verzweifeltsten Tränen
+ihres Lebens. Aber als Frau Dawes' Kummer dadurch immer größer wurde,
+hob Mary den Kopf: "Liebe Tante, Vater kann uns ja hören!"--Sie dämpften
+ihre Stimmen ein wenig; Frau Dawes aber versicherte unter Tränen, dies
+sei ja ihre eigene Geschichte! Erst als ihr Verlobter sie soweit gehabt
+habe, sei ihr klar geworden, was für ein erbärmlicher Kerl er war; "aber
+da mußten wir uns eben heiraten. Da siehst Du, Kind, wie wir Frauen
+sind; wir werden nie klug."--
+
+"Oh daß Ihr diesen Menschen in mein Leben hineinziehen mußtet!" jammerte
+Mary. "Ich fühlte es instinktmäßig, daß ich ihn mir fernhalten müsse;
+aber Ihr schlugt alle Bedenken zu Boden." Nach einer Weile: "Nein, so
+mußt Du das nicht auffassen, Tante Eva; ich mache Euch keine Vorwürfe.
+Was nützt jetzt auch alles Jammern? Hier bleibt nur eins: sich mit
+geschlossenen Augen hineinstürzen."
+
+Darin stimmte ihr Frau Dawes völlig bei. "Dann machst Du es wie ich:
+wenn die Ehre gerettet ist, läßt Du Dich von ihm scheiden."--"Nein, das
+tue ich nicht. Dann haben wir etwas, das uns aneinander bindet.--O Gott,
+o Gott!" sie jammerte, klammerte sich an ihre alte Freundin und
+erstickte ihren Verzweiflungsschrei in den Kissen. Frau Dawes saß
+hilflos da und stützte sie. "Das verstehe ich nicht", sagte sie. Da hob
+Mary rasch den Kopf: "Das verstehst Du nicht? Gerade um mich zu binden,
+hat er es getan. Er kannte mich." Wieder warf sie sich verzagt und
+verzweifelt über das Bett. Zwischen den Ausbrüchen oder vielmehr als
+einen Teil dieser Ausbrüche hörte man die Worte: "Es gibt keinen Ausweg!
+Es gibt keinen Ausweg!"
+
+Frau Dawes hatte nicht die Kraft und nicht den Mut, bei soviel Leid nach
+Worten zu suchen.
+
+Es mußte sich austoben. Bis die Empörung sich abkühlte. Frau Dawes
+merkte, wie allmählich etwas anderes sich emporarbeitete. Mary hob den
+Kopf, ihre verweinten Augen waren voll Haß: "Ich dachte, ich hätte mich
+einem Gentleman hingegeben. Aber ich geriet an einen Spekulanten." Damit
+stand sie langsam auf. "Willst Du ihm das sagen, Kind?"--"Mit keinem
+Wort! Nichts, absolut nichts dergleichen. Ich will sagen, wir müssen
+heiraten."
+
+ * * * * *
+
+Drei Tage darauf wurde Jörgen Thiis im Ministerium des Auswärtigen ein
+Brief überbracht. Er war von Mary. "Ich bin im Grand Hôtel und erwarte
+Dich Punkt zwei Uhr draußen auf dem Trottoir."
+
+Er wußte sofort, was das zu bedeuten hatte. Er brach eilig auf, denn die
+Uhr war dreiviertel zwei. Erst auf der Treppe fiel ihm auf, daß er sie
+"draußen auf dem Trottoir" treffen solle.
+
+Sie wollte nicht mit ihm in ihrem Zimmer allein sein.
+
+Das änderte seinen Plan. Er ging nach seiner Wohnung und erlöste einen
+kleinen schwarzen Pudel aus seiner Gefangenschaft, ein wertvolles Tier,
+das er dressierte; denn es war ein rechter Tolpatsch.
+
+Auf der Straße war richtiges Tauwetter, so daß der Hund gleich Weisung
+bekam, auf dem Trottoir zu bleiben, wo es sauber war. Nach ein paar
+lustigen Seitensprüngen hatte es Erfolg; der Hund hatte Angst vor
+Jörgens dünnem Stock.
+
+Schon von weitem sah er Marys schlanke Gestalt. Sie stand mit dem Rücken
+nach ihm, gegen das Schloß gewandt. Kein Passant weiter, kein Mensch
+sonst vor dem Hôtel. Sein Herz klopfte heftig; allzuviel Mut hatte er
+nicht.
+
+Sie wurde ihn gewahr, als der Hund auf sie zulief wie auf einen guten
+alten Freund, Sie hatte Hunde sehr gern; einzig das Wanderleben hatte
+sie abgehalten, sich einen anzuschaffen. Und dieser war so sauber, so
+hübsch und so appetitlich, so ganz nach ihrem Geschmack, daß sie sich
+unwillkürlich zu ihm hinunterbeugte; im gleichen Augenblick sah sie
+Jörgen. Sie richtete sich sofort in die Höhe: "Ist das Dein Hund?"
+fragte sie, als hätten sie sich vor einer halben Stunde hier auf der
+Straße getrennt. "Ja", antwortete er, indem er ehrerbietig den Hut zog.
+Da bückte sie sich wieder zu dem Hunde hinunter und streichelte ihn.
+"Nein, wie bist Du niedlich! Du reizender Kerl! Nicht anspringen!"
+--"Nicht anspringen!" klang es verstärkt von Jörgen her. Sie
+richtete sich wieder in die Höhe. "Wohin gehen wir?" sagte sie, "ich bin
+noch nie hier gewesen."--"Wir können ja geradeaus gehen und dann um die
+Ecke, dann kommen wir an das John Ericson-Denkmal."--"Ja, das möchte ich
+gern sehen." Sie setzten sich in Bewegung.
+
+"Wirst Du herkommen?" rief Jörgen dem Hunde zu und hob den Stock. Jörgen
+fühlte sich verletzt, daß sie ihm nicht einmal die Hand gegeben hatte.
+Wehleidig kam der Hund an; aber bald war er wieder vergnügt, denn Mary
+sprach mit ihm und streichelte ihn.
+
+"Ich habe einen kleinen Abstecher nach Amerika gemacht", sagte
+sie.--"Ja, das hab' ich gehört."--
+
+"Die fünfzigtausend Kronen, von denen Du sprachst, fand ich nicht in den
+Büchern, und ich dachte mir, es müsse noch eine Abrechnung da sein, die
+das Vermögen in Amerika betraf. Und so war es auch. Folglich wurde es
+nötig, hinzureisen, um zu retten, was noch zu retten war. Die Hauptsumme
+war verloren."
+
+"Wie verlief die Sache?"--"Ich habe das mitgebracht, was von den Zinsen
+in all den Jahren nicht aufgebraucht war."
+
+--"Das Geld war gut angelegt?"--"Ich glaube besser, als es in Europa
+möglich gewesen wäre."--
+
+Hier gab es ein kleines Intermezzo. Der Hund war vom Trottoir
+heruntergelaufen und bekam ein paar Hiebe. Das empörte Mary. "Herrgott,
+der Hund weiß das doch nicht."--"Oh, er weiß es recht gut. Aber er hat
+nicht gehorchen gelernt."
+
+Sie gingen ziemlich schnell weiter. "Warum erzählst Du mir das?" fragte
+Jörgen. "Weil wir jetzt heiraten können."--"Ja, wieviel ist es
+denn?"--"Zweihunderttausend."--"Dollar?"--"Nein, Kronen. Und dann noch
+die Fünfzigtausend."--"Das ist nicht genug."--"Zusammen mit dem, was
+wir sonst noch haben?"--"Dies 'sonst' bringt augenblicklich nahezu
+nichts ein. Das weißt Du doch."
+
+Mary begann sich elend zu fühlen. Er merkte es ihrer Stimme an, als sie
+sagte:
+
+"Wir haben doch den Wald in Reserve."--"Der frühestens in drei Jahren
+abgeholzt werden kann? Vielleicht erst in vier, fünf? Es kommt auf das
+Wachstum an."--Mary sah ein, daß, er recht hatte; warum hatte sie dies
+erwähnt?
+
+"Aber zehn, zwölftausend Kronen jährlich ...?"--"In unserer Stellung
+will das nicht viel sagen."
+
+Wieder ein Intermezzo. Hier war kein Trottoir, sondern ein großer,
+freier Platz mit rechtem Morast. Sie hatten beide den Hund vergessen.
+Ein dicker, schmutziger Schifferhund, auch ein Pudel, war auf Landurlaub
+mit ein paar Matrosen, die die Straße entlangschlenderten. Diesem
+willkommenen Kameraden hatte Jörgens Hund sich angeschlossen. Er wurde
+mit Not und Mühe zurückgerufen, schmutzig, wie er schon war. Als Mary
+auch rief, kam er freudig und glückselig an, bekam aber einen Schlag mit
+der Peitsche und winselte.--"Es ist doch merkwürdig," sagte Mary, "daß
+Du mit so einem netten Hund nicht Frieden halten kannst!" Sie dachte an
+den alten Finnenhund bei ihren Nachbarsleuten daheim, gegen den er auch
+so häßlich gewesen war. Jörgen antwortete nicht. Der Hund aber lief
+demütig hinterher, und als Jörgen sich davon überzeugt hatte, sagte er:
+"Weiß Onkel Klaus etwas von dem Vermögen?"--"Ich glaube, außer uns weiß
+kein Mensch etwas davon.--Warum fragst Du?"--"Es ist richtiger, mit
+Onkel Klaus zu reden."--Sie blieb verwundert stehen: "Mit Onkel Klaus?"
+Jörgen stand auch still. Jetzt sahen sie sich an. "Wir kommen weiter
+damit", sagte Jörgen. "Bei Onkel Klaus?" sie sah ihn starr an. Sie
+verstand ihn nicht. "Für die Ehre der Familie tut er viel", sagte Jörgen
+mit einem raschen Seitenblick, indem er weiterging. Sie war kreidebleich
+geworden, folgte ihm aber. "Müssen wir uns Onkel Klaus anvertrauen?"
+flüsterte sie hinter ihm. Weiter konnte die Demütigung nicht gehen. "Wir
+tun es!" antwortete er aufmunternd und beinahe fröhlich; "jetzt sagt er
+nicht nein." Hatte er das mit in Berechnung gezogen?
+
+Er kam näher an sie heran: "Sieh mal, wenn Onkel Klaus nichts von dem
+Vermögen weiß, bekommen wir mehr!"
+
+Er hatte es gut durchdacht! So widerlich ihr das war, es imponierte ihr
+doch. Jörgen war gewiß bedeutender, als sie geglaubt hatte. Wenn er erst
+all seine Fähigkeiten entfaltet hatte, würde er noch andere als sie
+überraschen.
+
+Sie zog sich zusammen wie ein Blatt bei übermäßiger Hitze. "Willst Du
+die Sache mit Onkel Klaus selbst in Ordnung bringen?"--"Ich reise
+natürlich sofort mit Dir nach Hause. Du hättest nicht zu kommen
+brauchen; eine Mitteilung hätte genügt."
+
+Sie ging mit gesenktem Kopf neben ihm her und zitterte am ganzen Leibe.
+Seine Überlegenheit ängstigte und lahmte sie; seine Erwägungen
+verursachten ihr Übelkeit. Es war, wie schon einmal, daß sie einen Fuß
+nicht vor den andern setzen konnte; sie konnte nicht weiter.
+
+Da hörte sie Jörgen rufen: "Komm her, kleiner Satan!" Wieder der Hund.
+Dieser schmutzige Lümmel von Kamerad hatte ihn abermals vom Weg der
+Pflicht fortgelockt. Jörgens Stimme hatte so etwas Eigentümliches, wenn
+sie befahl: sie war gedämpft und scharf zugleich.
+
+Der Hund kannte sie und ließ es dabei bewenden, zweifelnd aufzublicken.
+Da er aber mit einem glücklichen Leichtsinn begabt war, warf er sich
+plötzlich lustig auf seinen Kameraden und nahm das Spiel wieder auf,
+als sei nichts geschehen.
+
+Mary stand und zog eine Lehre daraus. Es war gerade an dem John
+Ericson-Denkmal, wo dies geschah. Sie blickte zu dem Kunstwerk auf; sie
+schaute in John Ericsons große, gute, nachdenkliche Augen, bis ihre
+eigenen sich mit Tränen füllten. Sie war so unglücklich.
+
+Währenddessen plagte sich Jörgen mit dem Hunde. Sein Erziehungsprinzip
+war, daß der Hund nie im Streit mit seinem Herrn seinen Willen bekam.
+"Komm her, Du kleiner Rumtreiber", sagte er schmeichelnd. Der Hund war
+ganz verdutzt. Er hielt mitten im Spielen inne. "Na, so komm doch,
+Freundchen!" Er sprang mit ein paar lustigen Sätzen auf ihn zu, er
+dachte an gute, gemütliche Stunden; vielleicht war dies so eine? Aber
+woran es nun lag,--ihm stiegen Zweifel auf, er warf sich herum und
+wälzte sich bald wieder mit seinem schmutzigen Freunde auf der Straße.
+
+Die Vorübergehenden standen still; sie hatten ihren Spaß an dem
+Ungehorsam des Hundes. Das reizte Jörgen. Mary fühlte es, und sie wollte
+dem Hunde helfen; sie stand hinter Jörgen und sagte leise auf
+französisch: "Es ist nicht recht, ihn erst zu locken und dann zu
+schlagen." Aber da wurde Jörgen noch eigensinniger. "Davon verstehst Du
+nichts", antwortete er auch auf französisch und lockte den Hund wieder.
+
+Mit der unüberlegten Leichtgläubigkeit, die freundlichen kleinen Hunden
+eigen ist, hielt der Hund im Spiel inne und sah nach ihm hin. Den Stock
+hinter sich, kam Jörgen auf ihn zu und lockte ihn. Er war wütend über
+das Lachen der andern, versteckte seine Wut aber hinter sanften Worten.
+"Komm doch, Freundchen!"
+
+"Trau' ihm nicht!" rief ein englischer Matrose; aber es war zu spät.
+Jörgen hatte ihn schon an dem einen langen Ohr gepackt. Der Hund heulte
+auf, Jörgen mußte ihn gekniffen haben. Mary rief auf französisch:
+"Schlag ihn nicht!" Aber Jörgen schlug ihn trotzdem. Nicht sehr hart,
+aber der Hund heulte fürchterlich; er hatte solche Angst. Jörgen schlug
+ihn wieder; auch jetzt nicht hart, mehr um die ganze Gesellschaft zu
+ärgern. Der Hund schrie so gottsjämmerlich, daß Mary nicht hinsehen
+konnte. Sie blickte hinauf in John Ericsons gute, große Augen und sagte:
+"Mit diesen Schlag hast Du mich von Dir getrennt, Jörgen!"
+
+Im Nu ließ er den Hund los und richtete sich auf. Er sah ihre flammenden
+Augen, das weiße Gesicht und die schlanke, stolz aufgerichtete Gestalt.
+Über ihr John Ericsons Haupt.
+
+Nur einen Augenblick. Dann hatte sie sich umgedreht und schritt in
+leichtem, frohem Tempo davon--der Hund hinterher.
+
+Die Leute lachten, die englischen Matrosen mit herausforderndem
+Spott,--Jörgen ging hinterher.
+
+Aber als sie merkte, daß der Hund ihr folgte und nicht ihm, und als
+seine Augen die ihren suchten, um zu erfahren, was sie jetzt wolle, da
+schlug ihre ganze Angst in ausgelassene Fröhlichkeit um. Das war so ihre
+Art. Sie klatschte in die Hände und lief, und der Hund sprang kläffend
+um sie herum.
+
+Der Bann war gebrochen, die Schande getilgt,--nun ade Jörgen und alles,
+was drum und dran ist!
+
+"Nicht wahr, Du kleiner Befreier?" Der bellte.
+
+Sie sah sich nach Jörgen um. Er getraute sich anstandshalber nicht so
+schnell zu gehen.
+
+"Aber wir beide getrauen uns, nicht wahr?" Sie klatschte wieder in die
+Hände und lief, und der Hund lief bellend mit.
+
+Dann schlug sie ein langsameres Tempo an; sie spielte mit ihm und
+plauderte mit ihm; Jörgen war ja so weit zurück. "Eigentlich müßtest Du
+'Liberator' heißen, aber der Name ist zu lang für so einen kleinen,
+schwarzen Hanswurst. Du sollst John heißen,--ja, das sollst Du! Du
+sollst nach dem heißen, der mich angeblickt hat, daß ich Mut bekam!"
+Wieder lief sie weiter und der Hund mit. "Du folgst mir und nicht ihm!
+Das ist recht, das ist gut! Das hat der auch getan, nach dem Du heißt.
+Er folgte den Sklavenpeitschen nicht; er hielt zu denen, die Freiheit
+brachten!" Jetzt bogen sie um die Ecke, Jörgen war nicht zu sehen.
+
+--Als er nachher ins Hotel kam, ließ sie sich verleugnen; und doch hatte
+er sie hineingehen sehen. Er sagte, sie habe seinen Hund. Ja, davon
+wisse man nichts.
+
+Er mußte gehen. Er hatte sie wie auch den Hund verloren.
+
+Oben auf ihrem Zimmer aber fragte Mary den Hund: "Willst Du mir gehören?
+Willst Du bei mir bleiben, Du kleiner, schwarzer John?" Sie klatschte in
+die Hände, damit er sein fröhliches Ja bellen solle. Damit war die
+Eigentumsfrage entschieden. Sie bekam einen Brief von Jörgen, vermutlich
+über diesen Punkt; den verbrannte sie ungelesen.
+
+Sie nahm an, sie werde ihn auf dem Bahnhof treffen, wenn der Zug nach
+Norwegen abfuhr, und dann werde er sein Recht fordern. Sie kam mutig
+angefahren, ihren frischgewaschenen, gekämmten und parfümierten Hund
+neben sich. Jörgen war nicht da.
+
+ * * * * *
+
+Sie schlief die ganze Nacht, den Hund auf ihrer Reisedecke.
+
+Aber mit dem Morgen kamen die Gedanken. Nun war sie allein. Hatte allein
+die Verantwortung.
+
+Bis jetzt hatte sie sich ja selbst mit aller Gewalt in den einzigen
+engen Ausweg hineingehetzt: sich sofort mit Jörgen zu verheiraten, auf
+einer Reise ins Ausland dem Kinde das Leben zu geben--und dann bis ins
+Unendliche auszuhalten.
+
+Aber sich mit einem Menschen zu verheiraten, den sie verabscheute, nur
+um sich ein Feigenblatt zu leihen,--wie unverständlich ihr das jetzt
+geworden war! Sie hatte es versucht, weil man in ihrer Umgebung so
+dachte, und weil sie in einer Sonderstellung war; die duldete keinen
+Fleck auf dem Festgewande.
+
+Aber jetzt sagte sie "pfui, pfui!" ganz laut. Und als der Hund sofort
+aufblickte, fügte sie hinzu: "Dies war meine 'Hundereise', will ich Dir
+sagen! Der Abschluß meiner 'Hundegeschichte'!"
+
+Aber was nun?
+
+Sie wußte, was man noch tun konnte. Aber dann mußte man zwei Mitwisser
+haben, Jörgen und noch einen. Das war zuviel. Dann konnte sie nicht
+stolz und frei dahinschreiten,--und das mußte sie können.
+
+Ja, was nun?
+
+Solange die "Hundereise", die "Hundegeschichte" ihr wie ein Befehl
+erschienen war, wie etwas um ihrer Ehre willen unumgänglich Notwendiges,
+hatte sie an die letzte, an die allerletzte Zufluchtsstätte nicht im
+Ernst gedacht.
+
+Jetzt war es ernst.
+
+Sie sah traurig in die treuherzigen Augen des Hundes, als suche sie auch
+hier einen Ausweg. Sie begegnete der unverfälschtesten Lebenslust und
+Anhänglichkeit. Sie schmiegte ihren Kopf in sein Fell und weinte. Sie
+war noch so jung,--sie hatte keine Lust zu sterben.
+
+Zum erstenmal weinte sie über sich selbst; sie tat sich leid. Sie konnte
+nicht begreifen, womit sie dies verdient habe. Auch konnte sie sich
+nicht klar werden, wie es gekommen war.
+
+Der Hund merkte, daß sie nicht froh sei. Er leckte ihr die Hände und
+guckte ihr in die Augen. Er winselte, weil er hochwollte und sie
+trösten.
+
+Da nahm sie ihn auf und beugte sich über ihn, was er als Spiel auffaßte.
+Er schnappte nach ihren Händen. Darauf ging sie ein. Die fröhlichste
+Kinderei begann zwischen den beiden und wollte gar kein Ende nehmen,
+weil er nicht genug bekommen konnte; immer wenn sie aufhörte, fing er
+wieder an.
+
+Da begann sie mit ihm zu plaudern: "Kleiner, schwarzer John, Du kommst
+mir wie ein Neger vor. Du erinnerst mich daran, daß Dein Name die Neger
+befreit hat. Befreit von der Sklaverei. Du hast mich davor bewahrt, in
+die Sklaverei zu kommen.
+
+"Aber es ist eine schlechte Befreiung, weißt Du, wenn ich nicht mit Dir
+weiter leben darf. Findest Du das nicht auch?" Und dann weinte sie
+wieder.----Mit dichtverschleiertem Gesicht fuhr sie durch die Stadt von
+einem Bahnhof zum andern, den Hund neben sich auf dem Sitz. Sie sah
+keinen Bekannten. Aber wenn die wüßten--?
+
+Oh, diese gerichtete und getötete Krähe, die Jörgen aufheben wollte, und
+vor der sie weglief,--sie wußte gar nicht, daß sie die so genau gesehen
+hatte! Den zerfetzten Hals, den zerhackten Bauch, die leeren
+Augenhöhlen,--das rote Fleisch grinste sie an, sie kam während dieser
+ganzen schrecklichen Fahrt nicht davon los.
+
+Hier draußen war's Winter. Sie hatte seit vielen Jahren keinen Winter
+mehr gesehen. Die absterbende, hinwelkende Natur hatte sie gesehen, aber
+nicht die Umwandlungskraft des Winters, die die Verödung mit dem
+allerweißesten Weiß zudeckt und in Wald und Feld willkürlich
+Veränderungen schafft. Der Fjord war noch nicht zugefroren; er rauschte
+schwarzgrau von allen Seiten heran, herausfordernd, hart, wie ein
+Ungeheuer, das nach Kampf dürstet.
+
+Die Fahrt durch die Stadt hatte ihre Phantasie aufgerührt, die jetzt in
+die Gewalt der Naturkräfte geriet. Ihre Ohnmacht wurde ihr umso tiefer
+fühlbar. Konnte _sie_ den Kampf aufnehmen? Konnte sie ans Ziel kommen,
+bis die Zeit der Umwandlung da war? Sie mußte sich vorher ins Wasser
+stürzen.
+
+Wie sie mit diesen Gedanken spielte,--sah sie ihres Vaters Gesicht vor
+sich. Wie konnte sie leben, ohne ihm zu sagen, was bevorstand? Nie, nie
+konnte sie ihm das sagen. Sie konnte ihm nicht einmal sagen, daß es mit
+Jörgen aus sei. Er würde das nicht ertragen können.
+
+Wenn sie statt zu reden--verschwände?! Du ewiger Himmel; das würde ihn
+auf der Stelle töten.
+
+Auf der ganzen Fahrt keine Angst mehr vor den andern und nicht ein
+bißchen Angst vor sich selber, einzig und allein vor ihm.--
+
+--So ermattet, so voller Seelenangst kam sie heim, daß sie zu weinen
+anfing, als sie das Haus erblickte. Einen so schweren Gang waren wohl
+nicht viele gegangen. Selbst die Freudensprünge des Hundes, als er
+festen Boden unter sich hatte, konnten sie nicht ablenken. Sie ging nach
+oben, um sich zu waschen und umzukleiden, und bat, man möge ihren Vater
+und Frau Dawes benachrichtigen, daß sie wieder da sei. Das kleine
+Mädchen war mit in ihrem Zimmer und half ihr; es war Mary nicht
+angenehm, daß Nanna in jedem freien Augenblick mit dem Hunde spielte;
+aber sie sagte nichts.
+
+Sie sah sehr angegriffen aus. Daß sie geweint hatte, war deutlich zu
+sehen.
+
+Aber das war vielleicht ganz gut. Dann merkte er doch gleich, daß es
+nicht gut stehe. Wenn er es nur überstände! Sie mußte ihm dann schnell
+auseinandersetzen, daß die Reise lang und beschwerlich gewesen sei, und
+daß Jörgen das Vermögen in ihrer Stellung nicht ausreichend finde, um
+sich daraufhin zu verheiraten. Sie müßten auf Onkel Klaus warten.
+
+Wenn sie weinen mußte, und das mußte sie sicher, so müde und verzagt,
+wie sie jetzt war, so war das eine Vorbereitung für das nächste Mal.
+Wenn er es nur überstände.
+
+Aber was sollte sie anders tun? Wenn sie nicht sofort kam, ahnte er
+Unheil und ängstigte sich, und das konnte er auch nicht vertragen.
+
+Sie zitterte, als sie vor der Tür stand. Nicht bloß aus Angst vor ihm,
+nein, auch weil sie nicht vor ihm niedersinken und ihm alles sagen und
+sich bei ihm ausweinen durfte. Wie schrecklich das alles war.--
+
+Aber das Leben ist manchmal barmherzig.
+
+Er war nicht von ihrer Ankunft benachrichtigt worden, weil er schlief.
+Die Pflegerin stand draußen auf dem Flur, um Mary Bescheid zu sagen,
+wenn sie komme. Warum sie nicht anklopfte und es ihr durch die Tür
+zurief? Weil das nun einmal so ihre Art war. Als Mary jetzt herauskam,
+stand aber die Pflegerin nicht auf dem Flur, sondern auf der Treppe. Das
+Mädchen brachte nämlich das Mittagessen für den Kranken; das holte die
+Pflegerin sonst immer selbst, und geniert, daß sie es heute nicht hatte
+tun können, wollte sie ihr doch wenigstens entgegengehen und es ihr auf
+der Treppe abnehmen.
+
+Gerade in diesem Augenblick öffnete Mary die Tür zu ihres Vaters Zimmer.
+Sie blieb auf der Schwelle stehen, weil die Pflegerin jetzt auf sie
+zukam und flüsterte: "Er schläft, gnädiges Fräulein!"
+
+Der Hund aber kümmerte sich nicht darum. Der war schon drin, hatte die
+Pfoten auf den Bettrand gelegt und das Gesicht war dicht vor dem Antlitz
+des Kranken, der gerade aufwachte. Aufwachte, wo diese schwarze Fratze
+ihm in die Augen starrte. Sie öffneten sich weit und schweiften voll
+Entsetzen durch das Zimmer, wo sie Marys Blick begegneten. Sie stand
+bleich und wie gelähmt vor Schreck in der Tür. Er wandte den Kopf nach
+ihr hin, seine Augen blieben an ihr hängen, es kam ein Seherblick in
+sie. Dann sank der Kopf zurück.
+
+"Er stirbt!" schrie die Pflegerin hinter ihr auf. Sie setzte das Tablett
+hin und eilte zu ihm.
+
+Mary konnte es zuerst nicht glauben; aber als sie es begriff, warf sie
+sich mit einem herzzerreißenden Schrei über ihn. Der fand im Zimmer
+nebenan bei Frau Dawes einen Widerhall. Als sie dorthin eilten, lag sie
+ohne Bewußtsein. Sie kam nachher so weit zu sich, daß sie die Zunge
+bewegen konnte. Sie stammelte allerhand in einem krausen Englisch, das
+keiner verstand;--der Arzt aber sagte, es sei mit ihr gewiß auch bald
+aus. Der Vater war tot.
+
+Mary klammerte sich an ihren Verstand, als halte sie ihn in ihren
+Händen. Jetzt galt es, jetzt galt es; nur nicht nachgeben. Nicht
+schreien, nicht denken. Denn sie hatte ihn ja nicht getötet! Es hieß:
+fassen und begreifen, was die andern sagten, und dem Vorschlag
+beistimmen, daß ihres Vaters Schwester geholt werden solle. Es galt,
+ihrem eigenen Jammer nicht freien Lauf zu lassen, als sie die Trauer der
+Tante sah. Es galt, es galt! "Hilf mir, hilf mir," schrie sie, "daß ich
+nicht wahnsinnig werde!" Und zum Doktor sagte sie: "Ich habe ihn nicht
+getötet,--oder doch?"
+
+Er schickte sie zu Bett, machte ihr kalte Umschläge und verließ sie
+nicht. Auch er versicherte, es gelte!
+
+Erst als die kleine Nanna am andern Morgen früh mit dem Hunde zu ihr kam
+und der bei ihr im Bett liegen wollte, konnte sie weinen.
+
+Im Lauf des Tages wurde es besser; denn durch das Telephon strömte eine
+so gewaltige Menge von Telegrammen ins Haus, und es war eine so
+herzliche, oft tiefbewegte Teilnahme in ihnen ausgedrückt, daß ihre
+Trauer davor schmolz. Dieses Mitgefühl, diese Bewunderung für ihren
+Vater und der innige Wunsch, sie zu trösten und zu stärken, halfen ihr.
+Durch die unvorsichtige Abschrift einer dieser telephonischen Depeschen
+erfuhr sie, daß auch Frau Dawes tot war. Man hatte sich nicht getraut,
+es ihr zu sagen. Aber die große allgemeine Teilnahme half ihr auch
+darüber hinweg. Jetzt erst verstand sie die Teilnahme ganz. Alle außer
+ihr hatten gewußt, daß sie die beiden verloren hatte, und daß sie nun
+ganz allein stand.
+
+Am meisten erschütterte sie ein Telegramm aus Paris, das folgenden
+Wortlaut hatte: "Meine geliebte Mary! Wenn Dich in Deinem großen Schmerz
+das Bewußtsein trösten kann, daß Du bei mir ausruhen kannst, so bestimme
+über mich; ich will mit Dir reisen, ich will zu Dir kommen, ganz wie Du
+wünschst! Treulich Deine Alice."
+
+Sie ahnte, wer Alice benachrichtigt hatte.
+
+Auch Jörgen telegraphierte: "Wenn ich Dir im geringsten nützlich sein
+oder Dich trösten kann, so komme ich sofort. Ich bin zerschmettert und
+verzweifelt."
+
+Die gleiche rührende und ehrenvolle Teilnahme zeigte sich auch beim
+Begräbnis, das drei Tage später stattfand. Man hatte es um Marys willen
+möglichst früh angesetzt.
+
+Es kamen Blumensendungen ohne Ende, vor allem aber ein Kranz von Alice.
+Frische norwegische Blumen.
+
+Er wurde zu Mary hinaufgebracht, sie wollte ihn sehen. Das ganze Haus
+war von Blumenduft erfüllt, mitten im Winter; der Hauch der Liebe
+breitete sich über die Schlummernden.
+
+Sie war nicht unten; sie mochte die Särge und die Blumen und die
+Vorbereitungen nicht sehen. Unten in den Zimmern wurden denen, die
+weither kamen, Erfrischungen gereicht.
+
+Aber es erschienen viel mehr Menschen, als das Haus fassen konnte, und
+unten an der Kapelle war ein noch größerer Andrang.
+
+Der Pfarrer fragte, ob er zu dem gnädigen Fräulein hinaufkommen dürfe.
+Sie ließ ihm danken, sagte aber nein.
+
+Gleich darauf fragte die kleine Nanna, ob "Onkel Klaus" sie begrüßen
+dürfe. Er hatte ein rührendes Telegramm geschickt und angefragt, ob er
+ihr irgendwie behilflich sein könne. Außerdem war der Kranz von ihm so
+großartig,--wie die Dienstboten versicherten--daß man auch den nach oben
+gebracht hatte, damit sie sich ihn ansehen solle.
+
+Sie sagte ja. Und herein kam der große Mann im schwarzen Anzug,
+schnaufend, als falle ihm das Atmen schwer. Kaum war er im Zimmer und
+sah Mary wie eine Elfenbeinstatue mit dem schwarzen Kleid neben ihrem
+Bett stehen, da setzte er sich auf den nächsten Stuhl und brach in
+Tränen aus. Es klang, als wenn in einer großen Uhr die Feder springt und
+das ganze losschnarrt. Es war das Weinen eines Mannes, der seit seiner
+Kindheit nicht mehr geweint hatte. Ein Weinen, das sich über sich selbst
+entsetzte. Er sah nicht auf.
+
+Aber er hatte etwas auf dem Herzen, das merkte sie. Es war, als wolle er
+ein paarmal einen Anlauf nehmen, aber dann packte ihn das Weinen noch
+schlimmer. Da winkte er mit der Hand ab. Das galt nicht ihr, das galt
+ihm selbst; er konnte nicht. Er stand auf und ging. Die Tür machte er
+nicht hinter sich zu. Sie hörte ihn schluchzen den Flur entlang und die
+Treppe hinunter. Vermutlich brach er jetzt sofort auf.
+
+Mary war ergriffen. Sie wußte, ihr Vater war sein bester, vielleicht
+sein einziger Freund gewesen. Aber sie ahnte, daß das Weinen nicht nur
+ihrem Vater galt; es lag auch unmittelbare Teilnahme darin und Reue.
+Sonst wäre er unten am Sarge geblieben.
+
+Die schöne Glocke der Kapelle begann zu läuten. Der Hund, der den ganzen
+Tag bei ihr im Zimmer hatte bleiben müssen und sehr unruhig gewesen war,
+stürzte jetzt ans Fenster, das auf die See hinausging, und legte die
+Pfoten aufs Fensterbrett, um hinauszusehen. Mary trat zu ihm.
+
+Im selben Augenblick fuhr Onkel Klaus fort. Unten in den Zimmern aber
+wurde ein Choral angestimmt, das Trauergefolge kam. Die beiden Särge
+wurden von Bauern der Umgegend getragen. Als der erste herauskam, sank
+Mary in die Knie und weinte, als solle das Herz ihr brechen. Weiter sah
+sie nichts.
+
+Sie lag auf dem Bett, das Glockengeläute schnitt ihr ins Herz; sie hatte
+das Gefühl, es müsse Furchen durch die Seele ziehen. Ihre Sinne
+verwirrten sich immer mehr; sie war überzeugt, ihr Vater habe, als sie
+in der Tür stand, in sie hineingesehen, und daran sei er gestorben. Frau
+Dawes war ihm wie immer gefolgt. Er war die einzige, große Liebe ihres
+Lebens gewesen. Jetzt waren sie beide bei ihr. Auch ihre Mutter in einem
+weißen, schleppenden Kleide. "Du frierst, Kind!" Sie nahm sie in die
+Arme, denn Mary war wieder ein kleines Kind und ganz unschuldig. Darüber
+schlief sie ein.
+
+Aber als sie aufwachte und draußen und drinnen keinen Laut hörte,--das
+Haus war leer ... da faltete sie die Hände und sagte halblaut: "Es war
+das beste für uns drei. Das Schicksal war barmherzig mit uns."
+
+Sie sah sich nach dem Hund um; sie brauchte Teilnahme. Aber irgendeiner
+mußte ihn hinausgelassen haben, während sie schlief.
+
+Das genügte, um wieder in Tränen auszubrechen. Perle auf Perle aus der
+unerschöpflichen Schmerzensquelle rann ihr über Wangen und Hände, wie
+sie so dalag und den schweren Kopf stützte.
+
+"Jetzt kann ich anfangen, wieder an mich selbst zu denken. Jetzt bin ich
+allein."
+
+ * * * * *
+
+Entscheidung
+
+
+Am nächsten Tage ging sie zu den Gräbern hinunter. Ihr Schmerz wurde
+durch einen kleinen Zwischenfall abgelenkt.
+
+Es war Sonnabend und morgen war einer der wenigen Sonntage des Jahres,
+da in der Kapelle Gottesdienst stattfand. Zu solchen Tagen pflegten wohl
+die Gräber geschmückt zu werden. Da das rechte Nachbargehöft früher zu
+Krogskog gehört hatte, hatten die Leute hier ihren Begräbnisplatz. Die
+Frau war hingekommen, um ein frisches Grab zu schmücken, und der alte
+Wolfshund hatte sie begleitet. Natürlich flog Marys kleiner Pudel
+treuherzig auf ihn zu, und zu Marys und der Frau Erstaunen nahm der alte
+Hund nach einer umständlichen und vorsichtigen Beriechung den kleinen
+Narren in seine Freundschaft auf. Er, der sonst keine jungen Hunde
+leiden mochte, verliebte sich in ihn. Er litt, daß er ihn an den Ohren
+zerrte und ihn in die Beine biß, ja, er legte sich vor ihm nieder und
+spielte den Überwundenen. Mary machte das solche Freude, daß sie die
+Frau ein Stück begleitete, um dem Spiel zuzusehen. Und sie wurde dafür
+belohnt; denn sie hörte warme Lobesworte über ihren Vater und einen
+Widerhall all dessen, was in diesen Tagen in der Umgegend gesprochen
+worden war und den Grund zu seinem Nachruhm legte.
+
+Als sie mit dem Hunde, der jetzt sehr aufgekratzt war, wieder nach Hause
+ging, dachte sie: werde ich wohl Mutter ähnlich? Ist irgend etwas in
+mir, das bisher keinen Platz gehabt hat? Etwas Idyllisches?
+
+Es warteten ihrer an diesem Tage zwei Dinge.
+
+Das eine war ein Brief von Onkel Klaus, er nannte sie "Hochverehrtes,
+liebes Patenkind, Fräulein Mary Krog."
+
+Daß er ihr Pate war, hatte sie nicht geahnt. Das hatte ihr Vater ihr nie
+gesagt; wahrscheinlich wußte er es gar nicht.
+
+Onkel Klaus schrieb:
+
+"Es gibt Gefühle, die zu stark für Worte sind, zumal für geschriebene.
+Ich bin kein Held der Feder; ich nehme mir nur die Freiheit, Dir
+schriftlich mitzuteilen,--weil ich es mündlich nicht konnte,--daß ich an
+demselben Tage, da mein unvergeßlicher Freund, Dein Vater, starb, und
+Frau Dawes, Deine edle Pflegemutter, gleichfalls starb, und Du allein
+zurückbliebst, Dich, mein liebes Patenkind, zu meiner Erbin eingesetzt
+habe.
+
+Mein Vermögen ist bei weitem nicht so groß, wie allgemein angenommen
+wird; ich habe auch in der letzten Zeit viel Pech gehabt. Aber es ist
+schließlich doch genug für uns beide, wenn Du Deinen Teil verwaltest und
+nicht Jörgen. Ich gehe nämlich davon aus, daß Ihr jetzt heiratet.
+
+Seit vielen Jahren habe ich Frau Dawes' Testament bei mir liegen, wie
+ich auch ihr Geld in Verwaltung gehabt habe. Gestern habe ich das
+Testament geöffnet. Sie hat Dir alles vermacht, was sie besitzt. Es sind
+wohl an sechzigtausend Kronen. Aber es ist mit diesem Gelde ebenso
+bestellt wie mit dem Gelde Deines Vaters: es trägt zurzeit so gut wie
+keine Zinsen.
+
+Dein Pate Klaus Krog."
+
+Mary antwortete sofort:
+
+"Mein lieber Pate!
+
+Dein Brief hat mich tief gerührt. Ich danke Dir von ganzem Herzen.
+
+Aber Dein großes Geschenk darf ich nicht annehmen.
+
+Jörgen ist doch Dein Pflegesohn, und ich möchte ihm in keiner Weise im
+Wege stehen.
+
+Du darfst mir das nicht übelnehmen. Ich kann unmöglich anders handeln.
+
+Über Frau Dawes' Testament werde ich später meine Bestimmungen treffen
+und sie Dir dann mitteilen.
+
+Deine dankbare
+
+Mary Krog."
+
+Als sie den Brief fertig hatte, hörte sie einen Wagen vorfahren. Gleich
+darauf wurde ihr eine Visitenkarte überbracht; darauf stand: Margrete
+Röy, cand. med.
+
+Es dauerte eine Weile, bis sie hereinkam; sie hatte ihren Reisemantel
+abgenommen; es war ein kalter Tag. Das erhöhte Marys Spannung
+beträchtlich, so daß sie, als die hohe, kräftige Frauengestalt mit den
+guten Augen in der Tür stand, blaß wurde und zitterte. Sie merkte, was
+das auf die guten Augen für einen Eindruck machte, die jetzt ihr ganzes
+Mitgefühl über sie hinströmten. Als kennten sie beide sich seit vielen
+Jahren, ging Mary ihr entgegen, legte den Kopf an ihre Schulter und
+weinte. Margrete Röy zog das unglückliche Mädchen warm an ihre Brust.
+
+Sie setzten sich. Sie wollte sich erkundigen, wann Mary ins Ausland
+gehe. Mary war sehr erstaunt: "Habe ich darüber mit jemandem
+gesprochen?"--Margrete Röy erklärte ihr, sie habe es von der Pflegerin
+erfahren. "Ach," antwortete Mary, "was ich in dem Zustand gesagt habe,
+weiß ich nicht mehr. Ich habe jedenfalls nachher nicht wieder daran
+gedacht."
+
+"Also Sie wollen nicht fort?" Mary bedachte sich eine Weile. "Ich kann
+es wirklich noch nicht sagen. Soweit bin ich noch nicht wieder zu mir
+selbst gekommen." Margrete Röy wurde verlegen. Das sah Mary, oder
+richtiger, sie fühlte es. "Wollen Sie etwa auch ins Ausland?" fragte
+sie. "Ja. Ich wollte hören, ob ich Ihnen irgendwie dienlich sein kann,
+dann wollte ich meine Reise nach Ihrer einrichten."--"Wohin reisen Sie
+denn?"--"Ich reise im Interesse meines Studiums und fange mit Paris an.
+Die Pflegerin sagte mir, dahin wollten Sie auch", fügte sie hinzu. Sie
+war ganz schüchtern geworden. Sie hatte Mary helfen wollen und kam sich
+nun aufdringlich vor. "Ich weiß, Sie meinen es gut", antwortete Mary.
+"Es kann ja sein, daß ich von Paris gesprochen habe. Ich erinnere mich
+nicht. In Wirklichkeit habe ich noch nichts beschlossen."--"Ja, dann
+müssen Sie schon verzeihen. Dann beruht alles auf einem Mißverständnis."
+Fräulein Röy stand auf.
+
+Mary hatte das Gefühl, sie müsse sie zurückhalten; aber sie hatte nicht
+die Kraft. Erst an der Tür vertrat sie Fräulein Röy den Weg. "Ich möchte
+in den nächsten Tagen einmal mit Ihnen sprechen, Fräulein Röy." Sie
+sagte es sehr leise und blickte nicht auf. "Heute fühle ich mich nicht
+kräftig genug", fügte sie hinzu.--"Das sehe ich. Das habe ich auch
+angenommen. Deshalb habe ich Ihnen etwas mitgebracht, wovon Sie
+vielleicht Gebrauch machen können. Es ist das beste Kräftigungsmittel,
+das ich kenne."
+
+Nein, wie sympathisch ihr ganzes Wesen Mary berührte. Sie dankte ihr
+herzlich.
+
+"Wenn ich etwas gesunder bin, komme ich also."--"Sie sollen mir
+willkommen sein."--"Ja," sagte Mary errötend, "es ist Ihnen doch nicht
+unangenehm, zu mir zu kommen?"--"In Ihr Haus am Markt?" fragte Margrete
+Röy; sie wurde auch rot.--"In unser Haus am Markt, ja. Aber ich kann
+wohl gar nicht mehr 'unser' sagen?" Ihr kamen wieder die Tränen. "Wenn
+Sie mich nur verständigen, komme ich hin."
+
+Acht Tage später kam sie.
+
+In einem wütenden Novembersturm, wie man ihn schlimmer in jener Gegend
+nie erlebt hatte. Das Wasser war noch nicht zugefroren, so daß Dampfer
+verkehren konnten. Aber nur mit Not und Mühe. Und bei der Stadt mußten
+sie Halt machen.
+
+Margrete Röy war höchlichst erstaunt, als sie an diesem Tage die
+Nachricht erhielt, sie möge in das Krogsche Haus am Markt kommen.
+
+Sie kam in ein warmes behagliches Haus hinein und war doch gewohnt, es
+ausgestorben mit heruntergelassenen Vorhängen zu sehen. Sie wurde eine
+breite, altmodische Treppe hinaufgeführt; es war die ganze Stilart der
+alten Stadthäuser zu Beginn des vorigen Jahrhunderts.
+
+Mary saß in einem roten Boudoir, das seit den Lebzeiten ihrer Mutter
+unverändert geblieben war. Sie saß auf dem Sofa unter einem großen
+Porträt der Mutter. Als sie aufstand in ihrem schwarzen Kleide, bleich
+und mit müden Augen unter dem roten Haar, da erschien sie Margrete Röy
+wie die Verkörperung des Schmerzes, die schönste, die man sich
+vorstellen konnte. Es lag eine Feiertagsruhe auf ihrem Wesen. Sie sprach
+so leise, wie der Sturm draußen es irgend gestattete.
+
+"Ich fühle, Sie ehren das Leid eines anderen Menschen. Ich bin auch
+überzeugt, daß Sie verschwiegen sind."--"Das bin ich."--Es dauerte eine
+Weile, bis Mary sagte: "Was für ein Mensch ist Jörgen Thiis?"--"Was für
+ein Mensch er ist?"
+
+"Aus verschiedenen Gründen nehme ich an, daß Sie mir das sagen
+können."--"Da muß ich aber erst fragen: sind Sie nicht mit Jörgen Thiis
+verlobt?"--"Nein."--"Man hat es gesagt."--Mary schwieg.--"Ja, sind Sie
+denn auch nicht mit ihm verlobt gewesen?"--"Doch."--Da sagte Margrete
+rasch und freudig: "Aber Sie haben die Verlobung aufgehoben?"--Mary
+nickte.--"Das wird manchem eine Freude bereiten; Jörgen Thiis ist Ihrer
+nicht würdig." Das schien Mary nicht in Erstaunen zu setzen. "Sie wissen
+etwas?" fragte sie.--"Ein Frauenarzt, liebes Fräulein, weiß mehr, als er
+erzählen kann."--"Aber ich glaube doch, er hat mich geliebt", sagte
+Mary, um sich zu entschuldigen.--"Das haben wir alle gemerkt",
+antwortete Margrete. "Er liebte Sie sicher mehr als je eine zuvor." Und
+sie fügte hinzu: "Das war nicht zu verwundern ... Aber in Kristiania
+habe ich ein junges, süßes Mädel gekannt, die damals seine Einzige war!
+Sie war ganz aus dem Häuschen, und da sie sich nicht heiraten konnten,
+gab sie sich ihm hin."--"Was tat sie?" Mary schrak auf; hatte sie recht
+gehört? Es stürmte draußen so sehr, daß man einander schwer verstehen
+konnte. Margrete wiederholte deutlich und mit Betonung: "Sie war ein
+warmherziges Ding und glaubte, sie sei wirklich seine Einzige."--"Sie
+konnten sich nicht heiraten?"--"Sie konnten sich nicht heiraten. Da gab
+sie sich ihm hin."
+
+Mary fuhr in die Höhe, blieb aber stehen. Sie hatte etwas sagen wollen,
+hielt aber inne.
+
+"Erschrecken Sie nicht so, Fräulein Krog, das ist nichts Seltenes." Bei
+dieser Auslegung war es Mary, als sinke sie in eine tiefere Klasse
+herab. Sie setzte sich langsam wieder hin. "Sie haben gewiß in solchen
+Dingen gar keine Lebenserfahrung, Fräulein Krog."--Mary schüttelte den
+Kopf.--"Dann wundert es mich, daß Sie beizeiten von Jörgen Thiis
+losgekommen sind; der hat Routine."--Mary antwortete nicht. "Wir nahmen
+an, Sie würden noch vor dem Herbst heiraten. Besonders als Ihr Vater und
+Frau Dawes krank wurden."--"Das wollten wir auch, aber es stellte sich
+als unmöglich heraus."
+
+Margrete konnte nicht ergründen, was hinter dieser rätselhaften Antwort
+steckte. Aber sie sagte mit forschenden Augen: "Da wuchs wohl seine
+Begierde ganz bedeutend?"--Es bebte in Mary, aber sie zwang es nieder.
+"Sie scheinen ihn zu kennen?"--Margrete bedachte sich eine Weile: "Ja,"
+sagte sie, "ich bin ja älter als Sie,--auch älter als er. Aber--zu
+meiner Schande sei's gesagt,--in Kristiania vergaffte ich mich auch in
+ihn. Das merkte er--und versuchte sein Heil." Sie lachte.
+
+Mary wurde bleich, sie erhob sich und trat ans Fenster. Draußen
+peitschten Sturm und Regen mit wachsender Gewalt gegen die Scheiben; sie
+mußten jetzt ganz laut sprechen. Mary stand eine Weile und blickte in
+das Unwetter hinaus, kam dann zurück und stellte sich aufgeregt und
+unruhig vor Margrete hin.
+
+"Wollen Sie mir versprechen: niemals einem Menschen zu sagen, worüber
+wir heute geredet haben?--Unter keinen Umständen?"--Margrete sah sie
+verwundert an: "Ich soll niemandem erzählen, daß Sie mich nach Jörgen
+Thiis gefragt haben?"--"Ich wünsche absolut, daß keiner es
+erfährt."--"Auf wen geht das?"--Mary sah sie an: "Auf wen das geht?" Sie
+verstand die Frage nicht. Margrete aber stand auf: "Ein Mensch kam
+eigens in diese Stadt, um Ihnen zu sagen, daß Jörgen Thiis Ihrer nicht
+würdig sei. Er kam zu spät. Aber mir scheint, er verdient zu erfahren,
+daß Sie jetzt selbst dahintergekommen sind, was für ein Mensch Jörgen
+Thiis ist."--Mary antwortete eifrig: "Dem sagen Sie's! Dem können Sie es
+sagen.--So ist er deshalb gekommen?" fügte sie langsam hinzu. "Es ist
+mir lieb, daß Sie mir das gesagt haben! Mein zweites Anliegen war
+nämlich ... (sie hielt einen Augenblick inne); das zweite, was ich Ihnen
+zu sagen hatte, war ... Sie sollen Ihren Bruder grüßen. Von mir."--"Das
+will ich tun. Und ich danke Ihnen dafür! Sie wissen, was Sie meinem
+Bruder sind." Marys Augen wichen ihr aus. Sie kämpfte eine Weile mit
+sich. "Ich bin eine von den Unglücklichen," sagte sie, "die ihr eigenes
+Leben nicht ins Lot bringen können,--nicht das, was geschehen ist. Ich
+kann den Faden nicht finden. Aber mir ist, als wenn Ihr Bruder Anteil
+daran habe."--Sie wollte wohl noch mehr sagen, vermochte es aber nicht.
+Sie trat statt dessen wieder ans Fenster und blieb da stehen. Das
+Unwetter draußen drang mit tausendstimmiger Wut ins Zimmer. Es schrie
+förmlich nach ihr. "Herrgott, was für ein Wetter", sagte Margrete mit
+lauter Stimme. "Ich freue mich, in das Wetter hinauszukommen", sagte
+Mary, indem sie sich mit leuchtenden Augen umwandte. "Sie wollen in
+diesem Wetter hinaus?" rief Margrete. "Ich will nach Hause gehen!"
+antwortete Mary. "Noch obendrein gehen?!" Mary kam heran und stellte
+sich vor sie hin, als wolle sie etwas Gewaltiges, Ungestümes sagen. Sie
+hielt freilich inne; aber das Unausgesprochene stürmte empor in ihre
+Augen, in ihr Gesicht, in ihre Brust, daß sie die Arme in die Luft
+reckte und mit einem lauten Aufstöhnen auf das Sofa ihrer Mutter
+niedersank. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.
+
+Da kniete Margrete vor ihr hin. Mary ließ sich umarmen und wie ein
+müdes krankes Kind an ihre Brust ziehen. Auch das Weinen brach rührend
+und hilflos wie das Weinen eines Kindes aus ihr hervor; ihr Kopf sank
+auf die Schulter der Freundin.
+
+Nur einen Augenblick. Dann richtete sie sich mit einem Ruck empor. Denn
+Margrete hatte ihr zugeflüstert: "Ihnen fehlt etwas. Sagen Sie es mir!"
+
+Kein Wort als Antwort. Da wagte Margrete nichts mehr zu sagen. Sie stand
+auf; sie fühlte, hier war nichts mehr für sie zu tun.
+
+Mary tat auch nichts, um sie zurückzuhalten. Sie war auch aufgestanden,
+und so sagten die beiden sich Lebewohl.
+
+Aber als Margrete an der Tür stand, konnte sie doch nicht umhin, noch
+einmal zu fragen: "Wollen Sie wirklich hinaus--?" Mary nickte, als wolle
+sie sagen: "Genug davon! Das ist meine Sache."
+
+Da ging Margrete.
+
+ * * * * *
+
+Die Laternen brannten schon, als Mary vor ihrem Hause stand. Sie konnte
+sich bei den Windstößen nur mühsam aufrechthalten, die sich von
+Südwesten her zwischen den Häusern durchpreßten. Sie hatte einen
+wetterfesten Mantel um mit einer Kapuze und hohe, gut schließende,
+wasserdichte Stiefel. Sie ging so rasch sie konnte. Eine einzige
+Vorstellung war von dem Gespräch mit Margrete Röy in ihr
+zurückgeblieben. Aber die jagte sie vorwärts, die peitschte ihr mit dem
+Regen zusammen in den Rücken:--Margretes entsetzte Augen und ihr
+bleiches Gesicht, als sie gesagt hatte: "Ihnen fehlt etwas? Sagen Sie's
+mir!" Himmlischer Vater, sie wußte es! So würden alle sie ansehen, wenn
+sie es erfuhren! So tief hatte sie die Leute enttäuscht und gekränkt in
+ihrem Glauben an sie. Ihr war's, als seien sie alle hinter ihr her, als
+fliehe sie vor ihnen. Vor dem Krähenschwarm! Sie stürmte dahin und war
+außerhalb der Stadt, ehe sie selbst es merkte. Hier draußen, wo keine
+Laternen mehr standen, war es stockfinster; sie mußte eine Weile
+stillstehen, bis sie den Weg sehen konnte. Aber dann ging's erst recht
+vorwärts! Sie hatte den Orkan halb von hinten, halb von der Seite.
+
+Das war der Richterspruch, der sie aus Land und Reich verjagte! Der sie
+noch weitertrieb! Ihr war's von der ersten Stunde an, da ihr Klarheit
+wurde über ihre Lage, gewesen, als habe sie ein Paket geschenkt
+bekommen, das sie bis jetzt nicht aufgemacht hatte. Sie hatte die ganze
+Zeit über geahnt, was darin war; aber eigentlich hatte sie es erst
+gestern aufgemacht. In dem Paket war ein großer schwarzer Schleier, in
+den sie sich und ihre Schande einhüllen konnte, der Schleier des Todes.
+Aber auch der Schleier wurde ihr nur bedingungsweise geschenkt. Unter
+einer Bedingung, die sie von Kind auf kannte. Damals war ihr die
+Geschichte einer Großtante erzählt worden, die es hatte verheimlichen
+wollen, daß sie während der Abwesenheit des Mannes schwanger geworden
+und deshalb heimlich Abend für Abend mit bloßen Füßen auf dem eiskalten
+Fußboden umhergelaufen war. Sie hatte den natürlichen Tod sterben
+wollen, der die Folge davon sein mußte. Dann wüßte keiner, daß sie sich
+das Leben genommen habe, und das Warum kam nicht heraus.
+
+Aber irgendeiner hatte sie Nacht für Nacht so auf und ab gehen hören;
+daher kam es doch heraus.
+
+Das wollte sie jetzt besser machen!
+
+Die Schwäche, die vor Margrete so unerwartet über sie gekommen, war
+völlig geschwunden. Jetzt hatte sie Kraft zu ihrem Vorhaben.
+
+Als solle ihr Mut sofort auf die Probe gestellt werden, tauchte neben
+ihr etwas Schattenhaftes auf. Es trat ungeahnt aus dem Dunkel hervor und
+so beängstigend nahe, daß sie zu laufen anfing. Das Entsetzen, als sie
+durch das Toben der Elemente zu hören meinte, es komme hinter ihr
+hergelaufen! Da fand sie ihre Fassung wieder und blieb stehen. Da blieb
+das hinter ihr auch stehen. Sie ging weiter; da ging das Schattenhafte
+auch weiter. Nein, dachte sie: wenn ich nicht den Mut habe, dieser
+Sache auf den Grund zu gehen, so habe ich auch den Mut nicht zu dem
+ändern. Damit drehte sie sich um und ging direkt auf das Ungeheuer zu,
+das sie verfolgte: es wieherte gutmütig,--es war ein junges Pferd. Es
+war gesattelt und suchte in seiner Verlassenheit den Menschen. Sie
+streichelte es und sprach mit ihm. Es war doch ein Gruß des Lebens, ein
+Verlassener, der eine Verzweifelte tröstete. Aber als es weiter mitging,
+lieferte sie es auf dem nächsten Bauernhof ab. Sie mußte allein sein.
+Die Leute waren höchlichst erstaunt. Daß jemand in dem Wetter draußen
+war, und noch dazu eine Frau! Sie floh hastig aus der Helle wieder ins
+Dunkel hinaus.
+
+Das kleine Ereignis hatte sie gestärkt; sie wußte jetzt, daß sie Mut
+hatte. Und rasch schritt sie vorwärts.
+
+Sie mußte jetzt über den ersten Hügel, den der Weg durchquerte. Ob es
+wirklich so war, oder ob es ihr nur so schien: der Sturm nahm beständig
+zu. Er mußte doch bald seinen Höhepunkt erreicht haben. Aber für sie lag
+all ihr eigener Jammer und ihre Schande darin. Gerade das gab ihr Kraft.
+Nicht vor dem Tode hatte sie Furcht,--nur vor dem Leben.
+
+Im Weiterschreiten durchdachte sie alles noch einmal. Sie wollte ihr
+Kind nicht verraten, nicht sich selbst retten, indem sie das Kind töten
+ließ. Es nicht zu fremden Leuten geben und dann verleugnen. Nicht leben
+ohne Selbstachtung.
+
+Wenn ein Bewerber käme--und sicher kämen jetzt genau so viele wie
+früher!--sollte sie es ihm dann gestehen? Oder schamlos verschweigen? Es
+gab nur eins, was sie mit Ehren tun konnte: mit ihrem Kinde zusammen
+untergehen. Zu nichts anderem fühlte sie sich fähig. Aber das mußte so
+geschehen, daß keiner etwas merke. Sie mußte an einer Krankheit sterben;
+also hieß es, sich diese Todeskrankheit zuzuziehen.
+
+Das war sie sich selber schuldig. Denn sie war sich heute genau so
+sicher wie an jenem Abend, als sie zu Jörgen hineinging, daß sie nicht
+deswegen unglücklich zu werden verdiene.
+
+Es war ein ungeheurer Irrtum, ja;--aber daran war sie unschuldig. Es war
+gewiß auch stark mit Naturtrieb verquickt gewesen,--trotzdem war es eine
+Handlung, deren sie sich nicht schämte. Sie war es sich selber schuldig,
+mit dem unverkürzten Mitgefühl aller zu sterben, die sie je gekannt
+hatte. Sie war das auch denen die in ihr die erste von allen gesehen
+hatten. Sie hatte nicht illoyal den Glauben dieser Menschen an sich aufs
+Spiel gesetzt.
+
+Jetzt war sie vorn auf der Landzunge, und der fürchterliche Kampf, der
+hier begann, wurde unversehens zu einem Kampf um dies eine. Es war, als
+wollten alle Mächte der Welt ihr die Selbstachtung entreißen und sie
+verdammen. Hier war offnes Meer und meilenweit her rollten die Wogen in
+wachsender Empörung heran. Wenn sie dann am Felsen anprallten, sprühten
+sie meterhoch auf. Die allerhöchsten kamen mit den letzten, schneidenden
+Spritzern bis zu ihr hinauf. "Da hast Du's! Da hast Du's!" Und der
+Sturm, der gegen die zerrissene Felsenkante anraste, wollte sie durch
+die Macht des Luftdrucks herunterreißen. Obschon der Regenmantel die
+Kleider gut zusammenhielt, war's doch, als wolle der Sturm sie ihr vom
+Leibe herunterziehen: "Steh nackt in Deiner Schande, in Deiner Schande!"
+
+Aber das rasende Schäumen der Wogen schüchterte sie nicht ein, sich
+schuldig zu fühlen, auch der Sturm konnte sie nicht bis an die
+Eisenstange treiben und vielleicht gar hinüber. Sie bückte sich, ja sie
+mußte bei den schlimmsten Stößen stillstehen; aber dann ging's wieder
+weiter, und sie hielt ihren Weg ein. "Ich gebe meinen Ehrenkranz nicht
+her,--ich will mit ihm sterben! Deshalb sollt _ihr_ mich nicht haben!"
+
+Sie gelangte glücklich um die Spitze herum und auf die andere Seite und
+von dort in die Ebene zwischen diesem Hügel und dem nächsten. Hier war
+einmal ein Bergrutsch den Hang hinunter gegangen und unten lag das
+Geröll, über das jetzt der Weg führte. In diesem verwitternden Geröll
+stand ganz allein dicht am Wege eine einzige schwanke Birke. An die
+Birke dachte sie, als sie gerade an die Stelle kam; bei solchem Sturm
+mußte sie doch gebrochen sein? Nein, sie stand. Mary blieb daneben
+stehen und holte tief Atem. Die Birke beugte sich, daß Mary jeden
+Augenblick dachte: jetzt bricht sie; aber sie schnellte elastisch wieder
+in die Höhe. Sie selbst konnte sich nicht lange an dieser Stelle halten,
+so entsetzlich scharf pfiff der Orkan gerade hier um die Ecke; die junge
+Birke aber, die so hoch emporragte und eine so üppige Krone hatte und
+selbst so zart und schwach war, die stand stolz da, ganz aus eigener
+Kraft; an ihr prallte alles ab.
+
+Sie wollte den Gedanken ausspinnen, als sie weiterging und in die Ebene
+einbog. Aber gerade hier bekam der Sturm die Macht, ihr den Regen ins
+Gesicht zu peitschen; jeder Tropfen war wie eine scharfe Nadel. Ach
+nein, dachte sie, solch Gefühl wäre es, wenn ich versuchte, dem Sturm zu
+trotzen, der meiner harrt.
+
+Die Lichter auf den Höfen, das einzige, was sie sah, verkündeten
+Frieden. Aber sie wußte, was der Friede ihr bringen werde.
+
+Sie schritt auf dem Wege an der Bucht entlang weiter; aber sie wurde
+allmählich müde. Sie merkte es daran, daß die Bilder überhand nahmen;
+die Wirklichkeit verschwand hinter Bildern. Alte Vorstellungen aus
+Büchern. Als sie auf die zweite Landzunge zustrebte, war das Meer, das
+hier wieder offen vor ihr lag, gar kein Meer, sondern lauter
+Seeungeheuer, die mit aufgesperrtem Rachen vor Begierde brüllten,
+hunderte und aber hunderte. Und die rasenden Raubtiere in der Luft mit
+den grausigen Schwingen hatten denen da unten versprochen, Mary ihnen
+zuzuwerfen. Sie hielt sich mit ihrer letzten Kraft an der Felswand fest;
+aber jetzt kam ein Graben, sie fiel hinein und durchnäßte ganz. Es sind
+also noch mehr Feinde da, dachte sie und krabbelte wieder heraus.
+Glücklicherweise war die Landzunge schmal; bald war sie an der Biegung
+nach der nächsten breiten Ebene. Dann kam nur noch ein Berg. Nicht um
+das Leben zu retten, wollte sie nicht hinausgeschleudert werden, nur um
+die Ehre zu retten. Fand man sie in der See oder war sie ganz
+verschwunden, so würden alle sagen, sie habe den Tod gesucht--und dann
+auch nach dem Grunde forschen.
+
+Jetzt aber hörte sie durch die Dunkelheit den alten Finnenhund bellen.
+Ganz nahebei. Sie war schneller gegangen, als sie gedacht hatte, sie war
+ja schon beim Nachbargehöft, Jetzt sah sie auch die Lichter.
+
+Schon der Gedanke, einem Wesen zu begegnen, das an ihr hing, bewegte
+sie. Sie liebte das Leben. Sie glaubte selbst nicht mehr, daß sie so
+untauglich zum Leben sei. Als diese wohlbekannte Stimme aus dem Dunkel
+nach ihr rief, war ihr zumut, wie einem Schiffbrüchigen, der am Ufer
+Menschen sieht.
+
+Als sie über das Gehöft ging, verließ der Hund seinen Posten und kam
+kläffend, schweifwedelnd und triefend heran, um sich seine Begrüßung zu
+holen. Sie strich ihm dreimal zum Abschied über den Kopf und eilte
+weiter. Kurz darauf hörte sie ihn wieder bellen, aber anders, viel
+heftiger. Sie mußte unwillkürlich an Jörgen denken. Wie überhaupt auf
+dieser ganzen letzten Wegstrecke, die sonst nur ihrem Vater geweiht
+gewesen war. Wie hundertmal war sie hier von klein auf mit ihrem Vater
+gegangen und geradelt. Jetzt war auch das von Jörgen verschandelt. Sie
+konnte hier nicht mehr ohne ihn gehen. Keinen Schritt in ihrem Leben
+mehr ohne ihn.
+
+Sie blickte unwillkürlich nach oben, aber Himmel war nicht zu sehen.
+
+Ganz erschöpft rüstete sie sich, den letzten Hügelrücken zu
+überschreiten. Sie passierte ihn gedankenlos, ohne das Gefühl, daß es
+das letztemal war; aber auch ohne Bangen.
+
+Das, worauf sie jetzt geradenwegs zuging, stand so fest in ihren
+Gedanken wie der Weg unter ihren Füßen. Der führte über die Feldmark
+von Krogskog auf die Landungsbrücke. Es war so finster, daß ihre Augen,
+die sich jetzt doch an die Dunkelheit gewöhnt hatten, die weißen Mauern
+der Kapelle erst dicht an der Landungsbrücke wahrnahmen. Ihre Gedanken
+schweiften hinüber zu den Gräbern auf dem Kirchhof; aber gleich kamen
+sie zurück, um sich zu sammeln für das Ziel ihrer Wanderung. Ohne Zögern
+setzte sie den Fuß auf die Brücke und ging hinunter. Hier dräute kein
+Orkan, hier peitschte ihr kein Regen ins Gesicht; die beiden waren zu
+freundlich gesinnten Mächten geworden, sowie sie den Boden von Krogskog
+betreten hatte. Die Höhen und die Inseln boten hier Schutz. Unter andern
+Umständen hätte sie eine Erleichterung gefühlt, und vielleicht den
+Frieden in dem heimischen Hafen empfunden,--jetzt war jeder Gedanke
+abgestumpft. Ganz mechanisch eilte sie weiter. Mechanisch machte sie ein
+paar Knöpfe ihres Regenmantels auf, um den Schlüssel herauszuholen;
+mechanisch steckte sie ihn ins Schloß und öffnete die Badehaustür. Erst
+als sie drinnen stand in der Stockfinsternis, kam sie zum Bewußtsein und
+erschrak. Der Südwestwind, der hier noch übrig geblieben war, schlug die
+Tür zu, da schauderte sie zusammen. Es war, als sei sie nicht allein.
+
+Sie mußte sich jetzt ausziehen und die Treppe hinuntersteigen, um
+eiskalt zu werden. Eis-eiskalt! Dann sich wieder anziehen und nach Hause
+gehen zum Fieber und zu den andern Dingen, die hinterher kamen. Hätte
+das Fieber die erwartete Wirkung nicht, dann hatte sie etwas, was
+nachhalf. Sie hatte es bei Frau Dawes in einem Fach gefunden. Dann träfe
+das Fieber die Schuld.
+
+Aber nun, da sie mit dem Ausziehen anfangen wollte, war's, als krampfe
+sich alles in ihr zusammen, und eine Gänsehaut überlief sie. Vor dem
+Wasser, vor dem eiskalten Wasser, in das sie hineinmußte, hatte sie
+Angst. Huh, hier dicht bei war gewiß schon Eis. Sie mußte mit den
+nackten Füßen das Eis betreten! Sie wollte doch auf jeden Fall die
+Strümpfe anbehalten; die konnte sie nachher trocknen, damit keiner
+Verdacht schöpfe. Aber das eis-eiskalte Wasser ... wenn sie einen
+Herzkrampf bekäme? Nein, sie wollte sich bewegen, wollte schwimmen. Aber
+wenn sie sich am Eise schnitt, wenn sie wieder herauswollte? Sie mußte
+auch die Unterkleider anbehalten. Aber würden die bis zum nächsten
+Morgen trocknen? O doch, wenn sie sie an den Ofen hing. Sie mußte
+zuriegeln, damit alles in Ordnung war, wenn das Mädchen hereinkam. Wenn
+sie dann nur noch bei Bewußtsein war! Sie war nie krank gewesen; sie
+wußte nicht Bescheid damit.
+
+Als sie in diese langen Überlegungen verfiel, hatte sie den Regenmantel
+aufgeknöpft. Nun, da sie die Kapuze abnehmen mußte, geschah das
+Unerwartete, daß sie ganz unwillkürlich statt dessen mit dem Kleide
+anfing und es oben am Halse aufknöpfte, wo das Medaillon ihrer Mutter
+hing. Da zitterten ihr die Hände, und auch ihren Körper überlief ein
+Beben. Sie hatte nicht an das Medaillon gedacht; nein, viele Jahre
+nicht, auch jetzt dachte sie nicht daran; daher rührte das Zittern
+nicht. Aber das Medaillon kam sozusagen bei dem Zittern nach oben. Sie
+mußte es jetzt doch abnehmen. Wenn sie es nur nicht vergäße! Nein, sie
+wollte es gleich in die Tasche stecken.
+
+--So!--
+
+Da kam ein neues Grauen. Ganz deutlich hörte sie feste Schritte auf der
+Landungsbrücke, die näher und näher kamen. Das Zittern hörte auf;
+instinktiv knöpfte sie erst das Kleid am Halse wieder zu, dann ganz,
+ganz schnell auch den Mantel. Wer hatte hier etwas zu tun? Im Badehause
+keinesfalls.
+
+Doch just hierher kam es! Ein fester Griff, die Tür flog auf, eine
+mächtige Gestalt im Wettermantel stand im Rahmen; der Kopf mit der
+Kapuze ragte über die Türöffnung weg. Eine elektrische Taschenlaterne
+leuchtete ihr gerade ins Gesicht, sie stieß einen heftigen Schrei
+aus,--es war Franz Röy.
+
+Da überkam sie eine Ohnmacht, daß sie dem Umsinken nahe war; aber sie
+wurde umschlungen und hinausgetragen, alles in einem Nu. Sie hörte die
+Tür ins Schloß schnappen; sie wurde auf den Arm genommen und
+fortgetragen. Kein einziges Wort konnte sie sagen; auch er sagte nichts.
+
+Aber am Ende der Landungsbrücke kam sie wieder zu sich; das merkte er.
+Bald hörte er denn auch: "Das ist Gewalt!" Keine Antwort. Gleich darauf
+ein heftiger Versuch, sich loszumachen, und wieder klang's nur lauter
+und lebhafter: "Das ist Gewalt!"--Keine Antwort. Er schlang nur den
+andern Arm zärtlich um sie. Sie fragte heftig: "Wie kommt es, daß Sie
+hier sind?"--Da antwortete er: "Meine Schwester!"
+
+Die Stimme, diese Stimme legte sich zärtlich um sie. Aber sie wehrte
+sich dagegen: "Wenn Ihre Schwester es gut mit mir meint und Sie auch,
+dann lassen Sie mich los!" Er ging weiter: "Lassen Sie mich los, sag'
+ich! Das ist unwürdig!" Sie riß sich so heftig von ihm los, daß er sie
+anders fassen mußte, aber auf seinem Arm blieb sie. Mit tränenerstickter
+Stimme sagte sie: "Ich lass' es mir von keinem Menschen gefallen, daß er
+über mich bestimmt." Da antwortete er: "Sie mögen sich losreißen, soviel
+Sie wollen,--ich trage Sie nach Hause. Wollen Sie mir nicht gehorchen,
+so lasse ich Sie überwachen!" Die Worte legten sich wie ein eiserner
+Reifen um sie; sie wurde ganz still: "Sie lassen mich bewachen?"--"Das
+tu' ich; denn Sie sind Ihrer selbst nicht mächtig."
+
+Etwas Törichteres hatte sie in ihrem ganzen Leben nicht gehört. Aber sie
+wollte mit ihm nicht darüber disputieren. Sie antwortete nur: "Und Sie
+meinen, das habe einen Zweck?"--"Das meine ich. Wenn Sie sehen, wir
+wollen alles für Sie tun, was in unserer Macht steht, dann geben Sie
+nach, denn sie haben ein so gutes Herz." Sie schwieg eine Weile, dann
+sagte sie: "Ich kann keine Hilfe von einem Menschen annehmen, der nicht
+die rechte Achtung vor mir hat,"--sie fing zu weinen an.
+
+Da blieb Franz Röy stehen und blickte, so gut er konnte, unter seiner
+Kapuze zu ihr auf. "Ich nicht die rechte Achtung vor Ihnen?! Meinen Sie,
+dann trüge ich Sie? Für mich sind Sie das Feinste, das Schönste, was ich
+kenne. Darum trage ich Sie. Sie mögen getan haben, was Sie wollen--ich
+weiß, Sie haben es aus dem vornehmsten Gefühl heraus getan; anders
+können Sie nicht handeln! Sind Sie betrogen, haben Sie sich furchtbar
+geirrt,--so liebe ich Sie nur noch mehr--jetzt ist es gesagt!--dann sind
+Sie doch ja auch unglücklich, meine ich! Dann kann ich Ihnen vielleicht
+doch irgendetwas sein. Das wäre das schönste, was mir geschehen kann.
+Ich will Sie verlassen, wenn Sie es absolut wünschen. Ich will mit Ihnen
+zum Altar gehen, wenn Sie soviel Zutrauen zu mir haben. Ich will den
+Schuft totschlagen, wenn Ihnen damit gedient ist. Ich will alles tun,
+was Sie wollen, wenn Sie nur glücklich dadurch werden. Denn das ist für
+mich das schönste."
+
+Er hielt inne, fing aber wieder an:
+
+"Ich habe nicht geglaubt, daß ein Mensch soviel Qual ertragen kann, wie
+ich empfunden habe, als ich heute abend hinter Ihnen herging. Hier
+stürzt sie sich hinunter, dachte ich. Dann muß ich mich auch
+hinunterstürzen. Bei diesem Unwetter bedeutet das sicher für uns beide
+den Tod; aber das hilft nichts. Das war's auch nicht, was mich peinigte.
+Nein, nur daß Sie so unglücklich, so verzweifelt waren. Daß Sie sich für
+unwürdig des Lebens halten konnten. Sie, die um keinen Preis der Welt je
+etwas Unwürdiges tun konnte. Nie, niemals bin ich einem Menschen
+begegnet, dessen ich mir in dieser Beziehung sicherer war. Und doch
+konnte ich Ihnen das nicht sagen. Und durfte Ihnen nicht helfen. Ich
+kannte Sie,--ich getraute mich nicht in Ihre Nähe.
+
+"Aber nun habe ich Sie doch gerettet. Denn Sie können nicht sterben
+wollen, jetzt, nachdem Sie mich angehört haben. Oder doch?" Er hatte sie
+schluchzen hören; er hatte gefühlt, wie sie ihre Arme um seinen Hals
+schlang, daß sie seine Worte fast erstickte. Jetzt ließ er sie langsam
+zu Boden gleiten. Aber der Arm, den sie ihm um den Hals gelegt hatte,
+löste sich nicht. Als sie auf der Erde stand, legte sie auch den andern
+Arm um seinen Hals und barg leise schluchzend ihr Gesicht an seiner
+Brust; ihr Herz schlug an seinem den Takt dazu, den raschen Takt der
+Freude.--
+
+--Oben auf dem Hof hatten sie telephonisch Nachricht bekommen, das
+gnädige Fräulein sei unterwegs in dem schlimmsten Wetter, das je
+dagewesen sei. Aus dem Stadthause wurde immer und immer wieder
+angefragt, ob sie noch nicht da sei.
+
+Das kleine Mädchen war schon mehrmals mit dem Hunde draußen auf der
+Treppe gewesen, ohne daß der Hund gebellt hätte. Diesmal aber bellte
+er,--mehr noch, er setzte im Galopp davon.
+
+Im Hause war man in der denkbar größten Aufregung. Keiner fand etwas
+Sonderbares darin, daß Unglück und Verzweiflung sie in Wetter und Sturm
+hinausgetrieben hatten. Sie bedurfte dessen! Sie sehnte sich danach, ihr
+Leben aufs Spiel zu setzen; sie legte keinen Wert mehr darauf. Als jetzt
+das kleine Mädchen hereingestürmt kam: "Sie ist da! Sie ist da!" weinten
+sie alle vor Freude. Sie hatten schon längst warme Zimmer und warmes
+Essen bereit. Nun legten sie noch ein Gedeck auf, denn Nanna kam wieder
+hereingestürmt und berichtete, sie sei nicht allein; die Kleine hatte
+einen Mann reden hören. Da sei gewiß Jörgen Thiis endlich gekommen!
+meinten sie. "Nein, es war nicht seine Stimme. Es war doch eine richtige
+Männerstimme!"
+
+Die Freude des Hundes, als er sie sah, kannte keine Grenzen. Er
+winselte, er kläffte, er sprang ihr direkt ins Gesicht und wollte gar
+nicht aufhören. Als Franz Röy mit ihm sprach, begrüßte er ihn wie einen
+alten Bekannten, wandte sich aber gleich wieder Mary zu. Das kleine
+zottige Wesen sprühte förmlich Feuer. Es verkörperte die Freude der
+Heimat, sie gesund wiederzusehen. Ein Grüßen der Toten und der Lebenden.
+Das war ihre Empfindung. Sie dachte, vielleicht sei er auch ein
+Vorspiel zu ihrer eigenen wiedererwachenden Freude, wenn sie einmal das
+ausgestandene Grauen ganz los werden konnte.
+
+Als sie mit dem Hunde hineinkam, der wie toll vor Freude war, da standen
+die sämtlichen drei Mädchen da, und die Kleine hinter ihnen. Sie hielten
+in ihrem Freudenausbruch inne, als sie den riesigen Menschen hinter ihr
+heraufkommen sahen; denn in seinem Wettermantel hatte Franz Röy etwas
+Übernatürliches. Aber nur einen Augenblick, dann riefen sie: "Nein, daß
+gnädiges Fräulein bei solchem Wetter draußen sind! Wie haben wir uns
+geängstigt. Die Verwalterin im Stadthause verständigte uns! Im Dorf ist
+Feuer. Alle Mannsleute sind da. Wir hätten sonst Hilfe geschickt. Gott
+sei Dank, daß Sie wieder da sind!"
+
+Mary verbarg ihre Rührung, indem sie schnell nach oben ging. Sie kam in
+ihr warmes Zimmer, wo die Lampe schon angezündet war.
+
+"Ist all diese Liebe und Fürsorge neu? Oder habe ich sie früher nur
+nicht beachtet?"
+
+Der Hund winselte solange vor der Tür, bis sie ihn einließ. Seine
+Dankbarkeit war so aufdringlich, daß sie sich nur mit Mühe umziehen
+konnte. Besonders schwierig wurde es, als sie die Strümpfe wechselte.
+
+Schließlich machte sie sich das Haar zurecht, da fiel ihr das Medaillon
+ihrer Mutter ein; sie holte es wieder hervor und band es um den Hals.
+Sie schaute es an--zum erstenmal nach langen Jahren--und drückte und
+küßte es. Darauf steckte sie ein Licht an und ging damit über den Flur
+in ihres Vaters Zimmer. Sie setzte das Licht hin, beugte sich über sein
+Bett und drückte einen Kuß auf sein Kopfkissen. Dann wieder hinaus; aber
+vor der Tür des Fremdenzimmers stand sie still. "Hier soll er schlafen,
+damit es morgen wieder geöffnet werden kann. Dann ist alles Häßliche
+weg!" Zu dem Mädchen, das gerade nach oben kam, sagte sie, das
+Fremdenzimmer müsse geheizt werden. Das sei schon geschehen, antwortete
+das Mädchen. "Darf ich Fräuleins Lampe hineinstellen?" Sie bekam sie.
+Mary stand und sah ihr nach. Waren sie wirklich immer so gewesen?
+
+Das Mädchen blieb im Zimmer, um alles zurecht zu machen. Sie selbst ging
+auf die Treppe zu. Da blieb sie wieder stehen. Der Hund, der schon unten
+gewesen war, kam winselnd wieder herauf. Er wollte sie nicht wieder
+verlieren. Sie streichelte ihn voll Dankbarkeit; das war gewissermaßen
+eine kleine Abzahlung auf das große Dankgefühl, das sie jetzt ganz
+erfüllte. "Morgen--heute bin ich zu müde--morgen sage ich Franz Röy
+alles. Alles, was mir geschehen ist. Alles! Dann finde ich mich
+vielleicht selbst auch heraus." Mit diesem stolzen Vorsatz ging sie die
+Treppe hinunter, stand aber still, ehe sie unten angelangt war.
+"Seltsam! Ganz seltsam! Mir ist, als könnte ich es der ganzen Welt
+sagen."
+
+Der Hund stand vor der Tür zu dem holländischen Zimmer; da witterte er
+Franz Röy.
+
+Sie ging und machte die Tür auf. Aber kaum stand sie selbst auf der
+Schwelle, da rief Franz Röy, als sei es ihm schwer gefallen, solange zu
+schweigen: "Gott im Himmel, ist das hier schön!" Als er den Hund neben
+ihr sah, fügte er hinzu: "Und wie lieb man Sie hier haben muß!" Sein
+Gesicht leuchtete.
+
+"In Uniform?" fragte sie.--"Ja, ich bin nämlich direkt von einer großen
+Hochzeit fortgeholt worden!" Er lachte.
+
+Das brachte sie auf einen Gedanken. Während der Hund an ihrem Kleide riß
+und zerrte, blickte sie fröhlich zu Franz Röy auf: "Hier auf Krogskog
+hat früher schon einmal ein General vom Geniekorps gelebt."--
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Mary, Erzaehlung, by Bjornstjerne Bjornson
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10507 ***
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #10507 (https://www.gutenberg.org/ebooks/10507)
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+The Project Gutenberg EBook of Mary, Erzaehlung, by Bjornstjerne Bjornson
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Mary, Erzaehlung
+
+Author: Bjornstjerne Bjornson
+
+Release Date: December 20, 2003 [EBook #10507]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO Latin-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MARY, ERZAEHLUNG ***
+
+
+
+
+Produced by Juliet Sutherland, Brett Koonce and PG Distributed
+Proofreaders
+
+
+
+
+
+
+
+MARY, ERZÄHLUNG
+
+von
+
+BJORNSTJERNE BJORNSON
+
+ * * * * *
+
+Das Gut und die Familie
+
+
+Die Küstenlinie des südlichen Norwegen ist häufig unterbrochen. Daran
+sind die Berge und die Flüsse schuld. Das Gebirge läuft in Hügel und
+Landzungen aus, denen oft Inseln vorgelagert sind; die Ströme haben
+Täler gegraben und münden in Buchten.
+
+In solch einer Bucht, dem "Kroken", lag das Gehöft. Ursprünglich hieß
+der Hof Krokskog, woraus die dänischen Beamten in ihren Protokollen
+"Krogskov" machten; jetzt heißt er Krogskog. Die Besitzer nannten sich
+einstmals Kroken; Anders oder Hans Kroken, das waren die Hauptnamen.
+Später nannten sie sich Krogh, der General vom Geniekorps sogar von
+Krogh. Jetzt heißen sie recht und schlecht Krog.
+
+Alle Leute, die auf den kleinen Dampfern von oder nach der nahen Stadt
+hier vorbeikamen und an der Landungsbrücke unterhalb der Kapelle
+anlegten, wußten davon zu erzählen, wie behaglich und traulich geborgen
+Krogskog doch daläge.
+
+Die Berge am Horizont nahmen sich großartig aus; hier vorn aber waren
+sie niedriger. Zwischen zwei vorspringenden, bewaldeten, langgestreckten
+Hügelrücken lag der Hof. So dicht drängten sich die Häuser an die Anhöhe
+zur Rechten, daß es den Dampferpassagieren vorkam, als könne man vom
+Dach des Hauses auf den Hügel hinüberspringen; der Westwind fand hier
+keinen Einlaß; wie beim Versteckspiel konnte man zu ihm sagen: "Ein Haus
+weiter!" Das gleiche konnte man auch zum Nord- und Ostwind sagen. Einzig
+der Sturm von Süden her kam zu Gast, aber auch nur in aller
+Bescheidenheit. Die Inseln, eine große und zwei kleine, hielten ihn auf
+und stutzten ihn zurecht, bis sie ihn weiterziehen ließen. Die hohen
+Bäume vor dem Hause wiegten nur gerade rhythmisch ihre höchsten Wipfel;
+die Haltung verloren sie nicht.
+
+Diese stille Bucht hatte den besten Badestrand der ganzen Gegend.
+Besonders die Jugend kam im Sommer an den Samstagabenden oder Sonntags
+aus der Stadt, um im Wasser auf dem sandigen Grunde herumzutollen oder
+nach der Großen Insel hin und zurück zu schwimmen. Von Krogskog aus
+gesehen, lag der Badestrand zur Linken, da, wo der Fluß mündete, wo die
+Landungsbrücke war, und wo, ein wenig höher und dem Hügel näher, auch
+die Kapelle sich befand, umgeben von den Krogschen Familiengräbern. Von
+da bis hinauf zu den Häusern rechts war es ein gutes Stück. Hier oben
+war kaum je der Lärm der Badenden und Spielenden zu hören. Anders Krog
+aber kam gern selbst hinunter, um ihnen zuzusehen, wenn sie auf der
+Sandbank oder im Walde draußen auf der Landspitze Feuer angezündet
+hatten. Er kam vermutlich, um ein Auge aufs Feuer zu haben. Aber davon
+hörte und merkte niemand etwas. Er war bekannt als "der höflichste Mann
+der Stadt", oder "der erste Gentleman der Stadt." Seine großen,
+eigentümlich leuchtenden Augen glitten wie ein freundlicher Willkommgruß
+über alle Gesichter; die wenigen Worte, die er sprach, enthielten nichts
+als gute Wünsche. Er selbst stieg den Hügel weiter hinan auf seinem
+gewohnten, langsamen Rundgang. Seine hohe, leicht vornübergebeugte
+Gestalt war oben im Wald zu sehen, und so lange blieb es still. Aber was
+hatten sie hier sonst für einen Spaß. Meist waren es Arbeiter und
+Handwerker aus der Stadt, Turnvereine, Gesangvereine, Kinder. Sie
+scharten sich bei der Landungsbrücke und bei der Kapelle; da zogen sie
+sich aus.
+
+Die Strandstraße führte unmittelbar daran vorbei. Aber im Sommer fuhr
+selten jemand dort entlang; da fuhr man lieber mit den kleinen Dampfern
+oder in Booten. Wenn die Badenden oben auf dem Hügel einen Posten
+aufstellten, waren sie sicher, daß keiner sie überrasche.
+
+Oben auf dem Hof selbst war es still, immer still. Die schönste
+Vorderfront des Hauptgebäudes sah nicht einmal auf die Bucht hinaus,
+sondern aufs Feld. Das Haus bestand aus zwei hohen Stockwerken mit
+abgestumpften Dachecken. Ein langes, breites Haus.
+
+Die Grundmauer vorn war ziemlich hoch; eine bequeme Treppe führte
+hinauf. Das ganze Gebäude war weißgestrichen, die Grundmauer aber und
+die Fenster schwarz. Die Nebenhäuser lagen näher dem Hügel zu; vom
+Dampfer aus waren sie nicht zu sehen. Zu beiden Seiten des Hauptgebäudes
+große Gärten. Der Garten nach der See zu stand voller Obstbäume, der
+links vom Hause war ausschließlich Blumen- und Küchengarten.
+
+Zwischen den Höhen lag ein länglicher Streifen flachen Wiesenlandes. Es
+war vorzüglich bestellt. Die großen holländischen Kühe hatten es gut
+hier.
+
+Die Geschichte des Gutes und der Familie hatte der Wald vorausbestimmt.
+Der Wald war groß und üppig und war glücklicherweise frühzeitig unter
+holländische Pflege und Sparsamkeit geraten, damals als holländische
+Kuffs die Waldbesitzer in Norwegen aufsuchten. Hier bekamen sie ihre
+Holzladung und versorgten die Norweger dafür mit ihrer Kultur und deren
+Erzeugnissen. Krogskog hatte besonderes Glück dabei; denn vor nun
+dreihundert Jahren geschah es, daß der Besitzer eines Kuffs, der in der
+Bucht lag und lud, sich in des Bauern blondhaarige Tochter verliebte.
+Das Ende vom Liede war, daß er die ganze Herrlichkeit kaufte. Ein
+wundervoll gemaltes Bild von ihm und ihr hängt noch in der guten Stube,
+der Eckstube nach der Bucht hinaus. Das Porträt zeigt einen langen,
+hageren Mann mit ungewöhnlich leuchtenden Augen. Er war dunkelhaarig und
+ein wenig krummnackig. Der Stamm muß kräftig gewesen sein, denn so sehen
+die Krogs noch heutigentags aus. Der erste holländische Besitzer hieß
+nicht Krog; er wohnte auch nicht hier; aber der Sohn, der den Hof
+übernahm, war nach seinem Großvater mütterlicherseits Anders Krog
+getauft, und er nannte seinen Sohn nach seinem eigenen Vater Hans.
+Fortan wechselten die beiden Namen miteinander ab. Wenn noch mehr Söhne
+da waren, hieß einer Klas und einer Jürges, woraus im Lauf der Zeit
+Klaus und Jürgen wurde. Die Mischehen mit den holländischen Verwandten
+setzten sich nämlich fort, so daß die Familie zu gleichen Teilen
+holländisch und norwegisch war; der Haushalt wurde lange Zeit ganz
+holländisch geführt.
+
+Aber es war, als wenn sich die Rassen trotzdem nicht vermischten.
+Wahrscheinlich weil das holländische Element nicht rein holländisch
+war,--in diesem Falle hätte es sich leichter mit dem norwegischen
+Element verschmolzen,--sondern mit spanischem Blut durchsetzt war. Das
+schwarze Haar, die leuchtenden Augen, der hagere Körper vererbten sich
+von Glied zu Glied bei den Männern; das blonde Element aber und die
+kräftig gebaute Gestalt blieb den Frauen eigen; in ihnen floß
+norwegisches Blut, vermengt mit holländischem. Selten sah man ein andres
+Zugeständnis der männlichen Linie an die weibliche oder umgekehrt, als
+daß helles und dunkles Haar sich in rotem fanden, oder daß die
+leuchtenden Augen auch einmal auf ein Frauenantlitz übergingen.
+
+Es war eine Eigentümlichkeit der Familie, daß in allen Ehen mehr Mädchen
+als Knaben geboren wurden. Die Krogs waren schöne Menschen und
+durchgehend wohlhabend; infolgedessen war die Familie weitverbreitet und
+angesehen. Man sagte ihnen nach, sie hielten ihre Leute und ihre Habe
+gut zusammen.
+
+Ihnen allen gemeinsam war ein weises Maßhalten. In Norwegen ist es ja
+allgemein, daß ein Vermögen nicht durch drei Generationen besteht. Wird
+es nicht in der zweiten vergeudet, dann sicherlich in der dritten. Hier
+hielt es sich. Für den Hauptsitz der Familie waren die Wälder heute eine
+ebensolche Quelle des Reichtums wie vor dreihundert Jahren.
+
+Erblich in der Familie war der Hang zum Wandern. In der Bibliothek des
+Hofes waren mehr Reisebeschreibungen als Werke aus anderen Gebieten, und
+es wurden ihrer beständig mehr. Schon die Kinder hatten am Reisen
+Interesse, d.h. sie machten Pläne nach Büchern, Bildern und Karten. Sie
+spielten reisen auf den Tischen. Sie wanderten von der einen Stadt, die
+aus farbigen Papierhäusern aufgebaut war, zu den andern gleicher Art.
+Sie schoben Schiffe hin und her, die auch aus buntem Papier waren und
+die Bohnen, Kaffee, Salz und Hölzer führten. Draußen auf der Bucht
+ruderten, segelten und schwammen sie von der Landungsbrücke zu den
+Inseln hinüber. Von Europa nach Amerika, von Japan nach Ceylon. Oder sie
+zogen über die Hügelrücken, d.h. über die Kordilleren zu den
+allerdenkwürdigsten Indianerstädten.
+
+Kaum waren sie erwachsen, so ging es auf die Wanderschaft; es fing
+meistens mit einer Reise zu den holländischen Verwandten an. So kam vor
+vielleicht zweihundert Jahren ein Mann dahin, der freilich sofort mit
+einem holländischen Ostindienfahrer weiterreiste, aber nach Amsterdam
+zurückkehrte in dem Wunsch, Baumeister und Ingenieur zu werden, was
+damals zusammengehörte. Er zeichnete sich aus und wurde später als
+Lehrer in seinem Fach nach Kopenhagen berufen. Da ging er zum Heer über
+und wurde schließlich General im Geniekorps. Durch Erbschaft und Arbeit
+hatte er sich ein Vermögen erworben, nahm den Abschied und siedelte sich
+in Krogskog an, das er einem kinderlosen Bruder abkaufte. Er nannte sich
+Hans von Krogh. Er baute das jetzige Hauptgebäude aus Stein, eine wenig
+gebräuchliche Bauart in einer norwegischen Waldgemeinde. Der alte
+Ingenieur wollte seinen Spaß haben. Obwohl er nicht verheiratet war,
+baute er es geräumig "für die Kommenden." Alle Häuser des Gehöfts baute
+er um; er grub und pflanzte; er ließ einen Gärtner aus Holland kommen,
+den alten Siemens, von dessen strengem Wesen und heißem Streben nach
+Reinlichkeit und Ordnung noch heute berichtet wird. Für ihn baute der
+General das Treibhaus und die Gärtnerwohnung.
+
+Der General wurde sehr alt. Nach ihm geschah nichts Besonderes, bis der
+Jüngere von zwei Brüdern nach Amerika ging und sich dicht am Michigansee
+ansiedelte, wo damals noch Neuland war. Das wurde als ein großes
+Ereignis angesehen. Er hieß Anders Krog, und es ging ihm gut da drüben.
+Nur wunderte man sich, daß er sich nicht verheiratete. Er wollte einen
+seiner Neffen zu sich nehmen, um ihm seinen Besitz zu überlassen. So kam
+es, daß der ältere Bruder des jetzigen Eigentümers von dannen zog. Er
+hieß Hans.
+
+Aber siehe da, ein jung norwegisch Mädchen, auch eine Verwandte, kam
+genau zur selben Zeit hin, und in sie verliebte sich der alternde Onkel.
+Er bot seinem Neffen an, ihm die Kosten der Rückreise zu erstatten. Dem
+jungen Mann aber erschien das unwürdig. Er blieb und fing ein eigenes
+Geschäft an, und zwar einen Holzhandel, denn darauf verstand er sich.
+Das Geschäft ging außerordentlich gut. Als er nach dem Tode seines
+Vaters nach Hause sollte und den Hof übernehmen, wollte er nicht. Der
+jüngere Bruder Anders war inzwischen Kaufmann geworden; er betrieb das
+größte Kolonialwarengeschäft der Stadt. Jetzt mußte er auch den Hof
+übernehmen.
+
+Ein eigentlicher Geschäftsmann war der junge Anders Krog nicht. Aber
+seine Gewissenhaftigkeit ohnegleichen und sein rücksichtsvolles Wesen
+bewirkten, daß bald alle bei ihm kauften. Ein andrer hätte reich dabei
+werden müssen; aber das wurde er nicht. Als er Krogskog übernahm, war
+sowohl das Geschäft in der Stadt wie vor allem auch der Hof erheblich
+verschuldet. Keins von beiden hatte er billig bekommen. Reisen hatte er
+freilich auch müssen, aber es waren jedes Jahr nur vier Wochen gewesen,
+einmal nach England, ein andermal nach Frankreich usw. Sein größter
+Wunsch war allerdings, einmal bis nach Amerika zu kommen, aber dazu
+hatte er denn doch nicht den Mut. Er begnügte sich damit, von dem neuen
+Wunderlande zu lesen; Lesen war seine größte Freude; nach ihr kam das
+Hantieren im Garten. Das verstand er besser als der Gärtner.
+
+Dieser stille Mann mit den leuchtenden Augen war schüchtern wie ein
+Mädchen von vierzehn Jahren. An jedem Werktag morgen suchte er sich
+einen einsamen Platz--d.h. wenn so einer da war--auf dem kleinen
+Dampfer, der ihn nach der Stadt brachte, solange die Bucht nicht
+zugefroren war. Beim Aussteigen war er voll Rücksicht gegen die andern;
+ehrerbietig grüßend eilte er an ihnen vorbei, wenn er an Land gekommen
+war,--und war dann in seinem Hause am Markt zu finden bis zum Abend, wo
+er auf die gleiche Weise heimkehrte. Das heißt: wenn er nicht radelte.
+Im Winter fuhr er mit dem Wagen oder übernachtete in der Stadt, wo er in
+seinem eigenen Hause zwei bescheidene Mansardenstuben bewohnte.
+
+Er hatte das Zeug zu dem besten Ehemann, den man sich in der Stadt
+vorstellen konnte. Aber seine unüberwindliche Bescheidenheit machte jede
+Annäherung unmöglich,--bis die rechte kam. Da war er aber schon über
+vierzig Jahr. Es ging ihm wie seinem Namensvetter, dem Onkel am
+Michigansee, daß ein junges Mädchen aus seiner eigenen Familie erschien
+und ihn eroberte. Und das war ausgerechnet das einzige Kind dieses
+Onkels.
+
+Er stand eines Sonntag morgens in Hemdsärmeln in seinem Küchen- und
+Blumengarten an der Nordseite des Hauses, als ein junges Mädchen mit
+einem großen Strohhut die beiden unbehandschuhten Hände auf das weiße
+Staket legte und zwischen den großen Knaufen des Gitters
+hindurchschaute.
+
+Anders Krog, der vor einem Blumenbeet kauerte, hörte ein schelmisches
+"Guten Tag" und fuhr in die Höhe. Seine Augen nahmen das Mädel wie eine
+Offenbarung in sich auf. Sprachlos und unbeweglich stand er mit seinen
+erdigen Händen da und starrte sie an.
+
+Sie lachte und sagte: "Wer bin ich?" Da kam ihm die Besinnung zurück.
+"Sie sind--Sie sind sicher--", er kam nicht weiter, aber sein Lächeln
+hieß sie willkommen. "Wer bin ich?"--"Marit Krog aus Michigan." Er hatte
+von seiner Schwester, die jenseits des linken Hügelrückens wohnte,
+gehört, Marit Krog sei unterwegs. Aber er hatte nicht geahnt, daß sie
+schon da war.--"Und Sie sind der Bruder meines Vaters", antwortete sie
+in etwas englischem Tonfall. "Wie Ihr beide Euch ähnlich seid!--Nein,
+wie Ihr Euch ähnlich seid!"--Sie stand und starrte ihn an. "Darf ich
+nicht hineinkommen?"--"Ja, selbstverständlich,--aber erst--erst muß ich
+doch--", er blickte auf seine Hände und auf die Hemdsärmel.--"Ich kann
+ja ins Haus gehen?" sagte sie unternehmungslustig. "Das können
+Sie,--selbstverständlich! Gehen Sie bitte durch die Haupttür hinein. Ich
+werde das Mädchen schicken",--und er begab sich eilig nach der Küche.
+
+Sie lief vorn vor das Gebäude und die Treppe hinauf. Sie mußte einen
+ungeheuer großen Schlüssel, der wie der ganze Eisenbeschlag ein altes
+Kunstwerk war, umdrehen, um in das Vorzimmer zu gelangen, das sehr viel
+Licht hatte. In ihr steckte ein Stück von einem Maler, sie hatte Augen
+für so etwas. Sie sah sofort, daß all diese großen und kleinen Schränke
+wunderschöne holländische Arbeit waren, und daß das Zimmer größer war,
+als es den Anschein hatte; denn die Möbel nahmen viel Platz ein. Eine
+schöne altertümliche Treppe mit Schnitzwerk führte zu ihrer Rechten in
+das zweite Stockwerk hinauf. Geradeüber mußte der Eingang in die Küche
+sein; sie dachte es sich und sie roch es auch. Das bestätigte sich ihr,
+als das Mädchen herauskam. Durch die offne Tür sah sie in eine Küche
+hinein, deren Fußboden mit Marmorfliesen belegt war; die Wände waren mit
+blaubemalten Kacheln bekleidet, und auf dem Gesims, das die Wand in zwei
+Hälften teilte, stand blankgeputztes Kupfergeschirr in allen Größen.
+Eine holländische Küche.
+
+Hier im Vorzimmer stand sie auf Teppichen so dick, wie sie noch nie
+welche betreten hatte. Ebenso schwer waren die Teppiche auf der Treppe,
+die von Messingstangen gehalten wurden, wie sie dicker nie welche
+gesehen hatte. Hier gehen die Menschen auf Kissen, dachte sie, und ihr
+kam gleich das Bild in den Sinn, das Haus sei ein ungeheures Bett.
+Später nannte sie es immer "das Bett." "Wollen wir jetzt nach Hause ins
+Bett?" sagte sie dann lachend. Zu beiden Seiten sah sie Türen und malte
+sich die Zimmer dahinter aus. Links von ihr, d. h. an der rechten Seite
+des Hauses, komme erst ein kleineres Zimmer nach vorn und dahinter, nach
+der Bucht hinaus, ein großer Raum über die ganze Breite des Hauses. Und
+das traf zu. Zur Rechten stellte sie sich das Haus der Länge nach in
+zwei Zimmer geteilt vor. Auch das stimmte. Es war nicht weiter
+verwunderlich, denn ihres Vaters Haus am Michigansee war nach diesem Bau
+eingerichtet. Oben dachte sie sich einen breiten Gang quer durch das
+Haus und kleinere Zimmer zu beiden Seiten des Flurs. Waren aber hier
+unten schon unglaublich dicke Teppiche, so waren sie da oben womöglich
+noch dicker, richtige Kissen. Dies Haus ließ kein Geräusch aufkommen.
+Hier lebten stille Menschen.
+
+Das Mädchen hatte die Tür an der Seite geöffnet, die zur See hinausging.
+Marit trat ein und sah sich alle Malereien und Schnurrpfeifereien im
+Zimmer an; es war allerdings überladen, aber jedes einzelne Stück war
+sorgfältig ausgesucht, zum Teil mit intimem Geschmack; das sah sie
+sofort. Hier waren unter anderem Gemälde, die einen hohen Wert haben
+mußten. Was sie aber besonders beschäftigte, war der Gedanke, daß sie
+erst jetzt ihren alten Vater verstand, obwohl sie von klein an mit ihm
+zusammengelebt hatte, ganz allein mit ihm; ihre Mutter hatte sie früh
+verloren. Aus so viel Feinem und Kostbarem war er zusammengesetzt. Ein
+bißchen bunt durcheinander und daher unbeachtet. War's nicht, als komme
+er jetzt und stelle sich neben sie und lächele sein diskretes, warmes
+Lächeln, weil er sich verstanden wußte?
+
+Da kam er ja! Durch die offne Tür sah sie ihn die Treppe
+herunterkommen. Jünger zwar, aber das tat nichts, die Augen waren nur
+noch schöner und inniger,--er kam daher mit demselben Gang, denselben
+Armbewegungen, genau so vornübergebeugt und behutsam sich nähernd. Und
+wie er sie jetzt ansah und mit ihr sprach und sie willkommen hieß ...
+mit den gleichen abgetönten Worten, da ahnte sie in alldem die tiefe
+Achtung vor dem Individuellen, die in ihren Augen ihren Vater vor allen
+auszeichnete, die sie kannte. Der Vater hatte dünneres Haar, sein
+Gesicht war runzlig, der Mund hatte nicht mehr alle Zähne, die Haut war
+verschrumpft ... Gerade diese Erinnerung füllte ihre Augen mit Tränen.
+Sie blickte empor in seine jüngeren Augen, hörte seine frischere Stimme,
+fühlte den Druck seiner wärmeren Hand. Sie konnte nicht dafür, sie
+schlang beide Arme um Anders Krogs Hals, schmiegte sich an seine Brust
+und weinte.
+
+Nun, damit war es entschieden. Er stand für nichts mehr.
+
+Nach einer Weile saßen sie beide zusammen in dem Boot, mit dem sie
+gekommen war. Sie ruderte um die Landspitze herum. Teils um seiner
+selbst willen, teils auch wegen der Badenden, die zusahen, hatte er ein
+paar schüchterne Versuche gemacht, ihr das Ruder abzunehmen. Aber seit
+dem Augenblick, da sie beide Arme um seinen Hals legte, hatte er sich
+seiner Macht begeben. Er wußte im voraus, daß er so tun mußte, wie dies
+reiche rote Haar es wünschte. Er saß und sah in ihr sommersprossiges
+Gesicht und auf die sommersprossigen Hände, auf ihre prächtige Gestalt
+und ihren frischen Mund. Er sah über dem Halskragen die feinste weiße
+Haut; es war etwas in den Augen, das genau dazu paßte. Er wurde nicht
+fertig, bis sie am Ziel waren. Auch auf dem Wege zum Hof der Schwester
+wurde er nicht fertig, weder mit ihrer weichen Stimme, noch mit ihrem
+Gang, noch mit ihren Füßen, noch mit ihrer Kleidung, noch mit den Zähnen
+und dem Lächeln und am allerwenigsten mit dem, was sie da
+holterdipolter erzählte,--es war etwas Verwirrendes in allem.
+
+Am nächsten Morgen fuhr er nicht in die Stadt. Sowie der Dampfer, auf
+dem er hätte sein müssen, um die Landspitze herum war, kam ihr weißes
+Boot. Sie hatte eine Magd bei sich, die Wache halten sollte, denn jetzt
+wollte auch sie baden.
+
+Als sie fertig war, kam sie herauf. Sie wollte bis Mittag bleiben.
+Nachher gingen sie zusammen über den Hügelsattel zurück, das Boot hatten
+sie nach Hause geschickt.
+
+Am andern Tage fuhr sie mit ihm in die Stadt. Tags darauf mußte auch die
+Tante mit, aber diesmal wollte sie mit dem Wagen fahren. Und so jeden
+Tag etwas Neues. Die beiden Geschwister lebten nur für sie. Sie nahm es
+hin, als müsse es so sein.
+
+Als sie drei Wochen so mit ihnen gelebt hatte, kam ein Kabeltelegramm
+vom Bruder Hans mit der Nachricht, Onkel Anders sei plötzlich gestorben;
+Marit solle vorbereitet werden.
+
+Dies war der schwerste Gang, den Anders Krog je gegangen war,--über den
+Hügelrücken zur Schwester, mit diesem Telegramm in der Tasche. Gerade
+als er das trauliche gelbe Haus, umgeben von Wirtschaftshäusern und
+Bäumen, drunten in der Ebene vor sich liegen sah, hörte er die
+Essensglocke vergnüglich in den heiteren, sonnigen Tag hinaustönen. Da
+wartete der gedeckte Tisch. Er setzte sich hin; er hatte das Gefühl, als
+könne er nicht weiter. Er mußte ja hinunter und den frohen Tag morden.
+
+Als er endlich auf den Hof gelangte, ging er zusammen mit einigen
+Arbeitern, die von weither zum Mittagessen kamen, zur Hintertür hinein.
+
+Hier traf er die Schwester, die ihn ins Hinterzimmer hineinnötigte.
+Ebenso wie er erschrak sie und wurde traurig; aber sie war eine mutigere
+Natur und übernahm es, Marit, die nicht zu Hause war, aber jeden
+Augenblick kommen mußte, die Mitteilung zu machen.
+
+Vom Hinterzimmer aus hörte Anders Krog dann nachher einen Ruf und einen
+Aufschrei, den er nie wieder vergaß. Er sprang bei diesem Schmerzenslaut
+auf, konnte sich aber nicht überwinden, das Zimmer zu verlassen; ein
+wehes Schluchzen von drinnen hielt ihn fest. Es wurde stärker und
+stärker, unterbrochen von kurzen Ausrufen. Die gleiche unmittelbare
+Kraft in ihrem Schmerz wie in ihrer Freude. Es jagte ihn in der Stube
+umher, bis die Schwester die Tür öffnete: "Sie möchte Dich sehen."
+
+Da mußte er hinein; mit Aufbietung all seiner Willenskraft zwang er sich
+dazu. Sie lag auf dem Sofa; aber er ließ sich kaum sehen, als sie sich
+aufrichtete und die Arme ausstreckte: "Komm, komm! Jetzt bist Du mein
+Vater."--Er eilte hin und beugte sich über sie; sie legte den Arm um
+seinen Hals und drückte ihn fest an sich; er mußte hinknien.
+
+"Du darfst mich nie mehr verlassen! Nie, nie!" "Nie!" entgegnete er
+feierlich. Sie drückte ihn fest an sich, ihre Brust wogte an seiner, ihr
+Gesicht lag feucht und glühend an seinem. "Du darfst mich nie
+verlassen!"--"Nie!" wiederholte er aus tiefstem Herzen und schlang die
+Arme um sie.
+
+Sie legte sich wie getröstet wieder hin und hielt seine Hand; sie wurde
+ruhiger. Wenn die Anfälle kamen und er sich mit zärtlichen Worten über
+sie beugte, wirkte es besänftigend.
+
+Er wagte nicht nach Hause zu gehen; er blieb die Nacht über da. Sie
+konnte nicht schlafen, und er mußte bei ihr sitzen bleiben.
+
+Erst am nächsten Tage hatte sie sich klar gemacht, was nun geschehen
+solle. Sie wollte hinreisen, und er sollte mit. Das kam ihm höchst
+unerwartet. Aber weder er noch seine Schwester wagten, ihr zu
+widersprechen. Da gelang es der Schwester, sie auf andre Gedanken zu
+bringen. Sie sagte: "Ihr solltet Euch erst verheiraten." Marit sah sie
+an und sagte: "Ja, das ist richtig. Das sollten wir wahrhaftig tun!" Und
+nun beschäftigte sie das so stark, daß es sie von ihrem Schmerz
+ablenkte. Anders war nicht gefragt worden; aber das war auch nicht
+nötig.
+
+Dann kam der erste Brief von Hans. Er hatte alles mit dem Begräbnis des
+Onkels geordnet und erzählte, in welcher Weise. Er erbot sich, das
+Geschäft und den Besitz des Onkels zu übernehmen.
+
+Anders hatte zu seinem Bruder unbegrenztes Vertrauen; er nahm das
+Angebot an, und damit wurde die Reise überflüssig. Sobald Hans einen
+Überblick über den ganzen Nachlaß hatte, setzte er die Kaufsumme fest
+und fragte bei dem Bruder an, ob er sich mit diesem Betrage an Hansens
+Geschäft beteiligen wolle. Der Betrag, der in Bankguthaben und Aktien
+bestand, wurde sofort ausgezahlt. Schon diese Summe war groß genug, um
+nicht allein Anders schuldenfrei zu machen, sondern um auch Marit zu
+gestatten, nach Herzenslust herumzuwirtschaften und zu reformieren. Er
+wünschte, sie solle das ganze Erbe für sich behalten, aber darüber
+lachte sie. Er wurde also Kompagnon seines Bruders und war für
+norwegische Verhältnisse fortan ein recht wohlhabender Mann.
+
+In ihrer Ehe ging nach einigen Monaten eine Veränderung mit Marit vor.
+Sie gab sich wunderlichen Einfällen hin; die Grenzen zwischen Traum und
+Wirklichkeit verwischten sich. Dabei wollte sie alles umgestalten, was
+unter ihrer Aufsicht stand, sowohl in ihrem Heim hier draußen, wie in
+dem Stadthause. Aus diesem Hause mußten die Mieter hinaus. Sie wollte es
+für sich allein haben.
+
+Seine Zeit war ausgefüllt von all ihren Einfällen, besonders aber von
+ihr selbst. Seine Dankbarkeit fand nur kärgliche Worte, aber sie lag in
+seinen Augen, in seiner Höflichkeit, die an Umfang noch zugenommen
+hatte; vor allem aber lag sie in seiner sorglichen Achtsamkeit. Er hatte
+Angst, das wieder zu verlieren, was so unerwartet gekommen war; oder
+daß irgend etwas Schaden nehmen könne. Seiner bescheidenen Natur schien
+das Glück unverdient.
+
+Sie schmiegte sich auch immer enger an ihn. Sie hatte eine Formel
+gefunden, die sie häufig wiederholte: "Du bist mein Vater--und mehr!"
+Und eine andere: "Du hast die herrlichsten Augen von der Welt, und die
+gehören mir." Mit der Zeit gab sie manches von dem auf, womit sie sich
+beschäftigte; statt dessen wollte sie ihm vorlesen. Von klein auf hatte
+sie ihrem Vater vorgelesen; das sollte wieder aufgenommen werden. Sie
+las ihm englisch-amerikanische Bücher vor, besonders Verse. Sie hatte
+die klangvolle Vortragsweise, in der englische Verse gesprochen werden
+müssen, und machte sie wahr durch ihre eigene glaubwürdige Art. Sie
+hatte eine weiche Stimme, die die Worte behutsam und still wie aus der
+Erinnerung heraus anfaßte.
+
+Als die Zeit fortschritt, mußten sie beide täglich zusammen ins
+Treibhaus. Die Blumen darin waren ihr Vorboten dessen, was in ihr wuchs;
+sie wollte jeden Tag nach ihnen sehen. "Ob sie wohl darüber reden?"
+
+Und dann eines Tages, als das erste Anzeichen da war, daß der Winter
+hier von der Küste weichen wollte, und sie gemeinsam oben am sonnigen
+Hang das erste Grün gepflückt hatten, da merkte sie, daß sie schwach
+wurde; jetzt kam ihre große Stunde. Ohne sonderliche Schmerzen vorher,
+ihre Hand in seiner, gebar sie eine Tochter. Die gerade hatte sie sich
+gewünscht. Aber es war ihr nicht bestimmt, das Kind aufzuziehen; denn
+drei Tage später war sie tot.
+
+ * * * * *
+
+Die neue Marit
+
+
+Der Arzt befürchtete lange, Krog würde auch sterben. Rein an
+Überanstrengung. In seiner langen Einsamkeit war er nicht daran gewöhnt
+gewesen, sich so hinzugeben oder so unendlich viel zu empfangen, wie ihm
+das Zusammenleben mit ihr gebracht hatte. Erst ihr Tod offenbarte, wie
+schwach er geworden war, wie wenig Widerstandskraft er noch hatte. Der
+schwache Rest brauchte Monate, um sich so weit zu erholen, daß er die
+Nähe anderer Menschen ertrug. Man erzählte ihm, das Kind sei zu seiner
+Schwester gebracht. Sie fragten ihn, ob er es sehen möchte. Fast
+unwillig wandte er sich ab. Das erste, was er ernstlich erwog, als er
+sich kräftiger fühlte, war, sich von dem Geschäft zu befreien. Er beriet
+sich darüber mit "Onkel Klaus", einem Verwandten, einem wunderlichen
+alten Junggesellen, der allgemein so genannt wurde. Durch seine
+Vermittlung wurde das Geschäft veräußert. Nicht aber das Haus, in dem es
+sich befand,--das sollte in allen Teilen zur Erinnerung an sie
+unverändert bleiben.
+
+Anders Krogs erster Gang war zur Kapelle und zum Grabe, und das griff
+ihn so an, daß er wieder krank wurde. Sobald er sich erholt hatte, gab
+er seine Absicht kund, auf Reisen zu gehen und fortzubleiben. Seine
+Schwester kam erschrocken zu ihm herüber; das sei doch wohl nicht wahr?
+"Du willst uns und das Kind doch nicht verlassen?"--"Ja, ich kann es in
+meinen eigenen Stuben nicht aushalten", antwortete er und brach in
+Tränen aus.--Aber er müsse doch auf jeden Fall das Kind erst
+sehen?--"Nein, nein! Das am allerwenigsten."
+
+Er reiste ab, ohne es gesehen zu haben.
+
+Aber natürlicherweise war es das Kind, das ihn wieder nach Hause zog.
+Als es drei Jahr alt war, wurde es photographiert,--und diese
+Photographie ... solch einer Ähnlichkeit mit der Mutter, solchem
+kindlichen Liebreiz konnte er nicht widerstehen. Von Konstantinopel aus,
+wo er sich gerade aufhielt, schrieb er: "Jetzt habe ich bald drei Jahre
+gebraucht, um das, was ich in einem erlebt habe, noch einmal zu
+durchleben. Ich kann nicht sagen, daß ich es mir schon ganz zu eigen
+gemacht habe. Namentlich wird viel Neues hinzukommen, wenn ich die
+Stätten wiedersehe, wo wir zusammen waren. Aber soweit bin ich durch das
+tiefere Hineinleben dieser Jahre doch gekommen, daß ich diese Stätten
+nicht mehr scheue; im Gegenteil, ich sehne mich jetzt nach ihnen."
+
+Die Begegnung mit der neuen Marit wurde ein Fest für ihn. Nicht sofort;
+denn zuerst hatte sie natürlich Angst vor dem fremden Mann mit den
+großen Augen. Aber es erhöhte seine Freude, wie sie vorsichtig, nach und
+nach ihm näher kam. Als sie schließlich auf seinen Knien saß mit den
+beiden neuen Puppen, einem Türken und einer Türkin, und ihm diese in die
+Nase steckte, damit er niesen sollte, weil die Tante das auch getan
+hatte, da sagte er mit Tränen in den Augen: "Ich habe nur eine Begegnung
+erlebt, die noch herrlicher war."
+
+Sie siedelte also mit dem Kindermädchen in sein Haus über. Ihr erster
+gemeinschaftlicher Gang war zum Grabe der Mutter, auf das sie Blumen
+legen sollte. Das tat sie auch; aber sie wollte sie wiederhaben. Nichts
+half, was sie auch versuchten. Das Mädchen pflückte ihr schließlich
+andere; aber die wollte sie nicht; sie wollte ihre eignen. Sie mußten
+ihr also die Blumen lassen und die neuen aufs Grab legen. Er dachte:
+"Das ist nicht die Mutter."
+
+Der Versuch wurde wiederholt. Jeden Tag sollte das Grab der Mutter mit
+Blumen geschmückt werden, und von ihr. Er teilte die Blumen in zwei
+Teile; die eine Hälfte trug er, die andere sie. Er wünschte, sie solle
+ihre hinlegen und seine wieder mit nach Hause nehmen. Aber es gelang
+nicht. Ja, schlimmer als das; denn als sie den Kirchhof verließen,
+bestand sie darauf, er sollte seine Blumen auch wieder mit nach Hause
+nehmen. Und er mußte nachgeben. Am nächsten Tage versuchte er etwas
+anderes. Sie trug ihre Blumen zu der Mutter Grab, er aber gab ihr
+Zuckerwerk, damit sie die Blumen liegen lassen sollte. Wirklich, sie gab
+die Blumen gegen das Zuckerwerk ab, das sie in den Mund steckte. Aber
+als sie gingen, wollte sie die Blumen auch noch haben. Das verstimmte
+ihn.
+
+Dann kam er auf den Einfall, die Mutter fröre, Marit müsse sie
+zudecken. Da meinte sie, Mutter solle doch heraufkommen, in ihr eigenes
+Bett. Er hatte ihr nämlich gesagt, das leere Bett neben seinem sei
+Mutters, und sie fragte beständig, ob Mutter nicht bald komme. Sie könne
+nicht kommen, sagte er; sie liege da draußen und fröre. Das führte
+schließlich zum Ziel. Sie breitete selbst die Blumen über die Grabstätte
+und ließ sie liegen. Auf dem Heimweg wiederholte sie mehrmals: "Jetzt
+friert Mutter nicht mehr."
+
+Er überlegte, was sie unter Mutter verstehen mochte. Er wünschte, sie
+solle die Bilder ihrer Mutter kennen, übte aber vorher ihren Sinn an
+Bildern von Tieren und Gegenständen. Dann ging er zu Bildern von seiner
+Schwester und von sich selbst und von Personen über, die sie kannte. Als
+sie damit ziemlich vertraut war, kam das erste Bild der Mutter an die
+Reihe. Es machte keine Schwierigkeiten; sie durfte noch mehrere sehen
+und lernte sie schnell von anderen unterscheiden. Nach Tisch, als sie
+schlafen ging, wollte sie Mutter im Arm haben. Er verstand sie erst
+nicht, und sie wurde ungeduldig. Da brachte er ihr das erste Bild der
+Mutter; sie nahm es gleich in den Arm, deckte es zu und schlief ein.
+Aber erst als sie mit vier Jahren einmal in der Küche eine Mutter sich
+um ihr krankes Kind mühen sah, überzeugte er sich, daß sie wußte, was
+eine Mutter sei; denn sie sagte: "Warum kommt meine Mutter nicht und
+zieht mich an und aus?"
+
+Mit der Zeit wurden Vater und Tochter sehr gute Freunde. Noch mehr
+Freude aber machte es ihm, als sie groß genug war, daß er ihr von Mutter
+erzählen konnte. Von Mutter, die übers Meer herüber zu Vater gekommen
+sei und Maritchen mitgebracht habe. Wo Vater und Mutter zusammengegangen
+waren, gingen sie nun beide; jeden Spazierweg. Er ruderte sie, wie
+Mutter ihn gerudert hatte; sie fuhren zusammen zur Stadt, wie sie beide
+getan hatten. Dort saß Marit auf den Stühlen, die Mutter gekauft, und
+auf denen sie gesessen hatte. Bei Tisch hatte sie Mutters Platz, bei
+den Blumen im Treibhaus und im Garten war sie die Mutter, und sie half,
+wie Mutter es getan hatte. Ein gar kluges, schönes Kind! Mit dem roten
+Haar und der schimmernd weißen Haut der Mutter, mit ihren großen Augen
+und denselben fein geschwungenen Brauen. Vermutlich würde sie auch ihre
+gebogene Nase bekommen. Die Hände mit den langen Fingern hatte sie nicht
+von der Mutter, auch die Gestalt nicht. Der Übergang vom Kopf zum Nacken
+mit der sanften Neigung stammte eher vom Vater. Die Schultern hatten
+nicht die schöne geschwungene Linie wie der Mutter Schultern, sondern
+waren mehr abfallend, und die Arme flossen sanfter daraus hervor. Es
+trieb ihn jeden Abend nach oben, zuzusehen, wenn sie ausgezogen wurde.
+Die Verschmelzung des männlichen und des weiblichen Typus der Krogs, die
+bisher so selten gewesen, die aber schon teilweise von der Mutter
+repräsentiert worden war, gab es hier in der Vollendung. Marit schoß
+hoch auf, ihre Augen waren groß und der Kopf fein geformt.
+
+Er konnte sie nicht dazu bewegen, mit Kindern umzugehen; das langweilte
+sie. Sie gingen nicht schnell genug auf ihre Ideen ein, die freilich
+recht eigentümlich waren. Die Felder hier waren doch ein Zirkus; der
+Vater hatte ihr von Buffalo Bill erzählt. Indianer sprengten durch die
+Arena, sie selbst an der Spitze auf einem weißen Pferde. Die Hügel waren
+die Logen, die voll Menschen waren. Das konnten die anderen Kinder nicht
+sehen. Auch das Reisenspielen auf dem Tisch, das ihr Vater sie gelehrt
+hatte, verstanden sie nicht.
+
+Als Siebenjährige nötigte sie ihren Vater, ihr ein Rad zu kaufen und sie
+fahren zu lehren; er selbst fuhr ausgezeichnet. Das war aber doch der
+Tropfen, der den Becher zum Überlaufen brachte und ihn bestimmte, sich
+nach Unterstützung umzusehen.
+
+Er hatte in Paris eine entfernte Verwandte kennen gelernt, eine Frau
+Dawes; sie war in England verheiratet gewesen; als aber ihr einziges
+Kind starb, hatte sie sich scheiden lassen und lebte in Paris als
+Pensionsinhaberin. In dieser Pension hatte er sie täglich bewundert. Er
+war kaum je einem klügeren Menschen begegnet. Er fragte bei ihr an, ob
+sie zu ihm kommen, seinem Hause vorstehen und sein Kind erziehen wolle.
+Sie sagte ohne Zögern telegraphisch zu, und in weniger als einem Monat
+hatte sie alles verkauft, war abgereist und hatte sich in ihren neuen
+Wirkungskreis begeben. Ein Hüftleiden, das sie schon lange plagte, hatte
+sich verschlimmert, so daß ihr das Gehen schwer fiel. Aber von ihrem
+Rollstuhl aus, den sie mitgebracht hatte, und den ihre behäbige Person
+vollständig ausfüllte, leitete sie das ganze Haus, ihn selbst
+inbegriffen. Er war ganz erschrocken über ihre Tüchtigkeit. Sie kam
+selten aus ihrem Stuhl heraus, aber trotzdem wußte sie alles, was
+geschah. Wände hemmten ihren Blick nicht, eine Entfernung gab es nicht
+für sie. Größtenteils ließ sich das aus der Schärfe ihrer Sinne
+erklären, aus ihrer Fähigkeit, Worte und Zeichen zu deuten, in Mienen
+und Augen zu lesen, zu riechen und zu hören, Schlüsse zu ziehen aus dem,
+was sie wußte,--und siebentens und letztens daraus, daß sie zu fragen
+verstand. Aber einiges war auch nicht zu erklären. Drohte einem, den sie
+lieb hatte, eine Gefahr, so fühlte sie das, wo sie auch war. Sie schrie
+auf--in solchen Augenblicken sprach sie immer englisch--und war auf den
+Beinen und Feuer und Flamme. So zum Beispiel an dem denkwürdigen Tage,
+da Marit mit ihrem Rad in den Fluß gefallen war und durch Männer vom
+Dampfer aus aufgefischt wurde; denn unten an der Landungsbrücke, wohin
+sie gewollt hatte, war das Unglück geschehen. Da stießen sie und Frau
+Dawes aufeinander, die eine triefend von Nässe und heulend, die andere
+triefend von Schweiß und auch heulend.
+
+Frau Dawes machte täglich ihre Runde durch das Haus und, wenn es nötig
+war, auch um das Haus herum. Weiter kam sie selten. Auf diesem Rundgang
+sah sie alles, auch das, was erst später geschah, versicherten die
+Mägde.
+
+Sie hatte etwas Schwimmendes an sich. Sie schwamm beständig in Papier.
+Ihre Korrespondenz, die, wie Anders Krog behauptete, alle Personen
+umfaßte, die sie einmal in Pension gehabt hatte, setzte sie
+ununterbrochen fort. In allen Sprachen und über alle Dinge; denn ihre
+zweite Hauptbeschäftigung war: das, was sie las--und sie las bis tief in
+die Nacht hinein--in ihre Korrespondenz hineinzubringen. Sie drehte sich
+nach dem Tisch mit dem Schreibpult um, sie wandte sich fort vom Tisch,
+um zu lesen. An der Stuhllehne war eine Lesepultmechanik angebracht,
+worauf das Buch lag; in der Hand hielt sie es selten. Sie zog Memoiren
+jeder andern Lektüre vor, und davon plauderte sie nachher in ihren
+Briefen. In zweiter Reihe kamen Kunstzeitschriften und Reiseliteratur.
+Sie hatte ein kleines Vermögen und kaufte sich alles, was ihr gefiel.
+
+Das Kind unterrichtete sie nebenbei. In der Wohnstube an dem großen
+Tisch saßen sie, "Tante Eva" in ihrem Thronsessel, die Kleine ihr
+gegenüber. Immer aber, wenn es nötig war, mußte Marit an Tante Evas Pult
+kommen. Der Unterricht ging so leicht vonstatten, daß die Kleine oft
+vergaß, daß es Schule war. Ja, selbst der Vater, der seine Bibliothek
+dicht daneben hatte, vergaß es oft, wenn er hereinkam und das Gespräch
+oder die Erzählung mit anhörte.
+
+War der Unterricht leicht, so waren andre Dinge sehr schwierig und
+führten zu Kämpfen. Das ganze Verhalten des Kindes wollte sie ändern,
+und da war ihr der Vater im Wege. Aber er wurde natürlich geschlagen,
+und noch ehe er ahnte, was Frau Dawes beabsichtigte. Marit sollte
+gehorchen lernen, sie sollte einen Begriff von bestimmter
+Zeiteinteilung, von Ordnung, von Höflichkeit, von Takt bekommen. Sie
+sollte jeden Tag Klavier üben, sie sollte bei Tisch hübsch gerade
+sitzen und sich die Hände unzählige Male am Tage waschen; sie sollte
+immer sagen, wohin sie gehe. Und nichts von all dem wollte sie.
+Eigentlich auch der Vater nicht.
+
+Frau Dawes hatte einen einzigen festen Punkt, von dem sie ausgehen
+konnte. Das war der unerschütterliche Glaube des Kindes an die
+Vollkommenheit seiner Mutter. Frau Dawes wußte sie davon zu überzeugen,
+daß die Mutter nie später als um acht Uhr schlafen gegangen sei. Sie
+habe immer vorher ihre Kleider ordentlich auf einen Stuhl gelegt und
+ihre Schuhe vor die Tür gestellt.
+
+Von dem, was die Mutter getan und bis zur Vollkommenheit getan hatte,
+ging sie zu dem über, was die Mutter getan hätte, wenn sie an Marits
+Stelle gewesen wäre; und vor allem, was sie _nicht_ getan hätte, wenn
+sie Marit wäre. Das war schwieriger. So als Frau Dawes versicherte, die
+Mutter sei immer nur so weit geradelt, wie man sie sehen konnte. "Woher
+weißt Du das?" fragte Marit.--"Ich weiß es daher, daß Dein Vater und
+Deine Mutter nie voneinander getrennt waren."--"Das ist wahr, Marit",
+fiel der Vater ein, froh, daß er auch einmal zu dem ja sagen konnte, was
+Frau Dawes einfiel; denn das meiste war doch durchaus nicht wahr.
+
+Je weiter der Unterricht fortschritt, desto mehr Freude machte es Frau
+Dawes selbst, und desto größeren Einfluß gewann sie auf das Kind. Sie
+machte es sich zur Aufgabe, das Traumleben Marits auszuroden, das ein
+Erbteil der Mutter war und in üppiger Blüte stand, solange der Vater
+zuhörte und seinen Spaß daran hatte.
+
+Einmal im Frühjahr kam Marit schnell herein und erzählte ihrem Vater, in
+dem alten Baum zwischen den Gräbern der Mutter und der Großmutter sei
+ein kleines Nest und in dem Nest seien ganz, ganz kleine Eier. "Das ist
+ein Gruß von Mutter, nicht?" Er nickte und ging mit ihr, um es zu
+besehen. Als sie aber näher kamen, flog der Vogel auf und piepte
+jämmerlich. "Mutter sagt, wir sollen nicht näher heran?" fragte sie
+ihren Vater.--Er bejahte es. "Dann würden wir Mutter stören?" fragte sie
+weiter. Er nickte.----Sie gingen seelenvergnügt wieder nach Hause und
+sprachen den ganzen Weg von Mutter. Als Marit Frau Dawes hiervon
+erzählte, sagte sie: "Das sagt Dein Vater nur, um Dich nicht zu
+betrüben, Kind. Könnte Deine Mutter Dir eine Botschaft senden, so käme
+sie selbst."--Die Revolution, die diese wenigen grausamen Worte
+anrichteten, war nicht abzusehen. Sie veränderten auch das Verhältnis
+zum Vater.----
+
+Die Schule ging ihren regelrechten Gang, die Erziehung auch, bis Marit
+nahezu dreizehn Jahr alt war, lang und dünn und großäugig mit üppigem,
+rotem Haar und weißer, zarter Haut ohne Sommersprossen, was Frau Dawes'
+besonderer Stolz war.
+
+Da kam der Vater eines Tages aus der Bibliothek herein und unterbrach
+den Unterricht. Das war in den ganzen Jahren nicht ein einzigesmal
+geschehen. Marit bekam frei; Frau Dawes ging mit dem Vater in die
+Bibliothek. "Bitte lesen Sie diesen Brief!"--
+
+Sie las und erfuhr,--wovon sie nicht die leiseste Ahnung gehabt
+hatte,--daß der Mann, der vor ihr stand und ihr Gesicht während des
+Lesens beobachtete, ein Millionär war, kein Kronen-, nein, ein
+Dollarmillionär. Er hatte seit dem Tode des Onkels nach der ersten
+vorläufigen Ausbezahlung der Bankguthaben und Aktien als Kompagnon des
+Bruders nichts wieder abgehoben,--und dies war das Resultat.
+
+"Ich gratuliere Ihnen", sagte Frau Dawes und faßte seine rechte Hand mit
+ihren beiden. Ihr standen die Tränen in den Augen. "Ich verstehe Sie,
+lieber Krog; Sie wünschen, daß wir jetzt auf Reisen gehen?" Er sah sie
+mit seinen leuchtenden Augen lachend an. "Haben Sie etwas dagegen, Frau
+Dawes?"--"Durchaus nicht, wenn wir die nötige Bedienung mitnehmen; ich
+bin ja einmal so schlecht zu Fuß."--"Das sollen Sie haben, und überall
+halten wir uns einen Wagen. Der Unterricht kann fortgesetzt werden,
+nicht wahr?"--"Ob er kann! Nur um so besser!" Sie lachte und weinte
+zugleich, und sie sagte selbst, so glücklich sei sie noch nie gewesen.
+
+Vierzehn Tage später hatten die drei mit einem Diener und einem Mädchen
+Krogskog verlassen.
+
+ * * * * *
+
+Der Thronwechsel
+
+
+So gingen zweieinhalb Jahre hin, in denen der Vater einige Male in
+Norwegen war, aber die anderen nicht. Dann dachten sie ernstlich daran,
+einen Sommer in Krogskog zu verbringen. Aus diesem Grunde standen sie
+alle drei in einem Konfektionsgeschäft in Wien. Frau Dawes und Marit
+sollten neue Kleider haben, besonders Marit, die aus ihren
+herausgewachsen war. Es war in den ersten Tagen des Mai, und es handelte
+sich um Sommerkleider.
+
+"Dein Vater und ich, wir finden beide, Du mußt jetzt lange Kleider
+haben. Du bist schon so groß." Marit blickte zu ihrem Vater hin, aber
+die Stoffe, die vor ihnen ausgebreitet lagen, hielten seinen Blick fest.
+Frau Dawes sprach statt seiner. "Dein Vater hat oft gesagt, wenn Du mit
+ihm gehst, sehen die Herren Dir so nach den Beinen."--Der Vater wurde
+unruhig; selbst das Fräulein hinter dem Ladentisch merkte, daß ein
+Gewitter in der Luft lag. Sie verstand die Sprache nicht, aber sie sah
+die drei Gesichter. Schließlich hörte der Vater Marit mit einer fremden,
+aber freundlichen Stimme antworten: "Soll ich jetzt lange Kleider haben,
+weil Mutter, als sie in meinem Alter war, auch welche trug?"--Frau Dawes
+sah erschrocken Anders Krog an; er aber wandte sich ab. Dann wieder
+Marit: "Tante Eva, Du warst doch natürlich mit Mutter zusammen, als sie
+damals lange Kleider bekam? Oder Vater vielleicht?"
+
+Dann wurde nicht mehr von langen Kleidern gesprochen. Es wurde
+überhaupt nicht mehr gesprochen. Sie gingen fort.
+
+Weiter geschah nichts. Es ergab sich von selbst, daß sie am nächsten
+Tage, statt zum Unterricht zu kommen, mit dem Vater ausfuhr, um die
+Sache mit den Kleidern zu ordnen. Des weiteren, daß sie sich von dort in
+die Museen begaben. Sie setzten diese täglichen Ausfahrten bis zur
+Abreise fort. Mit dem Unterricht war es vorbei. Als sei nichts
+vorgefallen, gingen sie jeden Abend zu Dreien ins Konzert oder in die
+Oper oder ins Schauspiel. Sie wollten die Zeit, die ihnen noch blieb,
+ausnutzen.
+
+In den ersten Tagen des Juni waren sie in Kopenhagen. Hier erwartete sie
+ein Brief von Onkel Klaus. Jörgen Thiis, sein Pflegesohn, sei Leutnant
+geworden; Klaus wolle draußen in seinem Landhause einen Frühlingsball
+geben, aber er warte damit, bis sie heimkämen. Wann sie kämen?
+
+Darauf freute sich Marit sehr. Den schönen, schlanken Jörgen kannte sie.
+Er war der Sohn des Bezirksamtmanns, seine Mutter war Klaus Krogs
+Schwester.
+
+Also mußte jetzt ein Ballkleid komponiert werden; die Erwägungen waren
+sehr kurz, keiner sagte vorläufig ein Wort. Das Spannende der Sache, ob
+dieses Kleid wohl lang sein werde, verschloß jeder in seiner Brust. Als
+der große Augenblick des Maßnehmens kam, fragte die Dame, die es tat:
+"Das gnädige Fräulein soll doch ein langes Kleid haben?" Marit sah zu
+Frau Dawes hin, die rot wurde. Was aber schlimmer war: die Dame selbst
+wurde auch rot. Sie nahm eilig nach dem kurzen Kleide Maß, das Marit
+anhatte.
+
+Am zwanzigsten Juni fand also der Ball statt. Ein schwüler Tag ohne
+Sonne. Die Gäste standen im Garten vor dem großen Landhause, als das
+Boot anlegte, mit dem Marit und ihr Vater kamen; sie waren die letzten.
+Sie stieg allein aus. Der alte Klaus stapfte lang und dürr und mit
+ungeheuer weiten Beinkleidern zu ihr hinunter, ohne Hut mit blanker
+Glatze und feuchtglänzendem Gesicht. Er hielt sie durch eine
+Handbewegung zurück, während er zu Anders Krog im Boot hinuntersah:
+"Willst Du nicht heraufkommen?"--"Nein, nein! Tausend Dank!" Das Boot
+stieß ab. Jetzt erst sah er Marit an, die Frau Dawes in ihrem langen
+Brief als die größte Schönheit beschrieben hatte, die sie je gesehen. Er
+starrte sie an, verbeugte sich und kam näher; er roch nach Tabak und
+schmunzelte mit seinem großen, weit offnen, unappetitlichen Munde. Bot
+ihr dann seinen Arm. Sie aber in ihrem langen ärmellosen Mantel tat, als
+bemerkte sie es nicht. Er stutzte, folgte ihr aber zu den andern. Und
+dann sagte er: "Hier bringe ich die Ballkönigin." Das verletzte sie und
+verletzte alle, so daß der Anfang nicht vielversprechend war. Jörgen,
+der Held des Abends, drängte sich vor, um sich zu erbieten, ihr Hut und
+Mantel abzunehmen. Sie aber grüßte obenhin und ging weiter. Es lag Stil
+darin. Unter den Zurückbleibenden entstand sofort ein Geflüster. Die
+Art, wie sie vorüberging, ihr Gesicht, ihre Haltung, ihr Gang, die
+blendend schöne Haut, die leuchtenden Augen, die Wölbung darüber, die
+feingeformte Nase ... das war alles aus einem Guß und alles vollendet.
+Jörgen Thiis war hin. Er selbst war ein großer, schlanker Mensch vom
+Krogschen Typ; nur die Augen waren ganz anders. Jetzt hingen sie wie
+festgenagelt an der Tür, hinter der sie verschwunden war. Er wartete auf
+der Treppe.
+
+Und wie sie wieder heraus und auf ihn zukam, um an seinem Arm zu den
+andern hinunter zu gehen,--in einem kurzen Kleide aus lichtem,
+wasserblauem Krepp mit durchbrochnen seidenen Strümpfen von derselben
+Farbe und in Silberbrokatschuhen mit antiken Schnallen, war sie ein
+Bild. Die Bewunderung war einstimmig. Es wurde von nichts anderem
+gesprochen, bis man zu Tisch ging. Auch da hörte es noch nicht auf; es
+gab Gesprächsstoff für die ganze Stadt. Daß ein so klassisch
+geschnittenes Gesicht mit so leuchtenden Augen in dem weißen, weißen
+Teint obendrein noch in einem Glorienschein von rotem Haar stand! Das
+Ganze war harmonisch zu der hohen Gestalt mit den leicht abfallenden
+Schultern und einer Büste, die noch nicht voll entfaltet, aber von einer
+Freiheit und Unabhängigkeit war, als könne sie losgelöst werden. Die
+Arme, die Handgelenke, die Hüftbildung, die Füße ... es wurde beinahe
+komisch; denn einige junge Herren stellten mit dem größten Eifer die
+Behauptung auf, die Knöchel seien das Allerschönste. Sie hätten nicht
+ihresgleichen. So dünn,--und mit dieser schwellenden Rundung nach
+oben--? Nein, nirgends!
+
+Jörgen Thiis vergaß das Reden, ja sogar eine Zeitlang das Essen, das ihm
+sonst doch das Schönste auf der Welt war. Er ging wie ein Schlafwandler
+mit ihr. Wenn man sie sah, war er an ihrer Seite oder hinter ihr her.
+
+Wegen des Balles hatten sich ihr Vater und Frau Dawes nach dem Hause in
+der Stadt begeben. Sie wurden beim Morgengrauen geweckt von lautem
+Schwatzen und Lachen vor dem Hause und schließlich gar männlichen und
+weiblichen Hurrarufen; die Ballgäste hatten Marit nach Hause begleitet.
+
+Am ändern Tage bekamen die Alten Besuch von Verwandten und Freunden. Die
+älteren Leute, die auf dem Ball gewesen waren, erklärten Marit für die
+Schönste, die sie seit Menschengedenken gesehen hätten. Der alte Klaus
+war abends um neun noch in die Stadt gerudert und zu einigen Freunden
+gepilgert, bloß weil sie kommen und sehen sollten.
+
+Am Nachmittag präsentierte sich Jörgen in Uniform und mit neuen
+Handschuhen. Er wollte sich erlauben, nach dem Befinden des gnädigen
+Fräuleins zu fragen. Das gnädige Fräulein habe noch nichts von sich
+hören lassen.
+
+Als sie schließlich kam, war sie von etwas ganz andrem erfüllt als von
+dem gestrigen Tage. Das merkte Frau Dawes sofort. Auch erzählte die
+Ballkönigin nicht das geringste von dem Balle. Sie beschränkte sich
+darauf, zu fragen, ob sie aufgeweckt worden seien. Dann aß sie. Als sie
+fertig war und wieder hereinkam, erzählte ihr Vater, Jörgen sei
+dagewesen, um zu fragen, wie es ihr gehe. Marit lächelte. Frau Dawes:
+"Findest Du Jörgen nicht nett?"--"Doch."--"Worüber lächelst Du
+denn?"--"Er hat so viel gegessen."--Jetzt fiel der Vater lachend ein:
+"Das macht sein Vater, der Amtmann, auch so! Und regelmäßig sucht er
+sich die besten Stücke aus."--"Freilich."
+
+Frau Dawes saß und wartete auf das, was jetzt kommen würde; denn es kam
+etwas. Marit ging hinaus; nach einer Weile erschien sie mit Hut und
+Sonnenschirm wieder. "Willst Du ausgehen?" fragte Frau Dawes. Marit
+stand da und zog sich die Handschuhe an. "Ich gehe aus und bestelle mir
+Visitenkarten."--"Hast Du keine Visitenkarten?"--"Doch; aber die alten
+gefallen mir nicht mehr."--"Warum nicht?" fragte Frau Dawes sehr
+verwundert; "Du hast sie doch damals in Italien so hübsch
+gefunden?"--"Ja;--aber der Name gefällt mir nicht mehr, meine
+ich."--"Der Name?" Beide blickten auf. Marit: "Es ist gerade, als wenn
+er gar nicht mehr zu mir gehört,--meine ich."--"Marit gefällt Dir
+nicht?" fragte Frau Dawes. Der Vater warf leise hin: "Es war der Name
+Deiner Mutter." Sie antwortete nicht gleich; sie fühlte die entsetzten
+Augen des Vaters.--"Wie möchtest Du denn heißen, Kind?" Das war wieder
+Frau Dawes, die sprach. "Mary."--"Mary?"--"Ja. Das paßt besser,--meine
+ich." Die stumme Verwunderung der andern bedrückte sie augenscheinlich.
+Sie sagte: "Wir wollen ja jetzt doch nach Amerika. Da sagt man
+Mary."--"Aber Du bist Marit getauft", sagte ihr Vater schließlich
+zaghaft.--"Was schadet das?"--Frau Dawes: "Es steht in Deinem
+Taufschein, Kind; es ist Dein Name."--"Ja, in den Urkunden steht es
+vielleicht, aber nicht in mir." Die beiden andern starrten sie an.
+
+"Es tut Deinem Vater weh, Kind."--"Vater kann mich ja ruhig weiter Marit
+nennen."--Frau Dawes blickte sie traurig an, sagte aber nichts weiter.
+Marit war mit ihren Handschuhen fertig. "In Amerika werde ich Mary
+genannt. Das weiß ich. Hier habe ich eine Probekarte. Es macht sich doch
+gut?" Sie holte eine ganz kleine Karte aus der Tasche. Frau Dawes besah
+sie und reichte sie Anders Krog hin. Mit feiner Schrift stand auf feinem
+Papier: "Mary Krog."
+
+Der Vater schaute lange, schaute immer wieder auf die Karte. Legte sie
+dann auf den Tisch, nahm seine Zeitung und tat, als lese er.
+
+"Es tut mir leid, Vater, daß Du es so auffaßt."--Anders Krog wiederholte
+leise, ohne von der Zeitung aufzusehen: "Marit ist der Name Deiner
+Mutter."--"Ich habe Mutters Namen auch lieb.--Er paßt aber nicht für
+mich."
+
+Damit ging sie leise hinaus. Frau Dawes, die am Fenster saß, blickte ihr
+die Straße entlang nach. Anders Krog legte die Zeitung hin; er konnte
+nicht lesen. Frau Dawes versuchte, ihn zu trösten. "Es ist was Wahres
+dran", sagte sie. "Marit paßt nicht mehr für sie."
+
+"Der Name ihrer Mutter", wiederholte Anders Krog, und die Tränen liefen
+ihm über das Gesicht.
+
+ * * * * *
+
+Drei Jahre später
+
+
+Drei Jahre später fuhr Mary nach langem Regen an einem schönen
+Frühlingstage mit einer Verwandten, Alice Clerq, in Paris die Avenue du
+Bois de Boulogne hinunter auf das vergoldete Parktor zu. Sie hatten sich
+in Amerika kennen gelernt und sich hier in Paris im vorigen Jahre
+wiedergetroffen. Alice Clerq wohnte jetzt mit ihrem Vater in Paris. Der
+alte Clerq war früher der bedeutendste Kunsthändler von New York gewesen
+und hatte eine Norwegerin aus der Familie Krog geheiratet. Nach dem Tode
+seiner Frau verkaufte er sein riesiges Geschäft. Die Tochter war mit der
+Kunst aufgewachsen und hatte eine gründliche Ausbildung darin genossen.
+Sie hatte die Museen der ganzen Welt gesehen, hatte ihren Vater sogar
+bis nach Japan geschleppt. Ihr Hôtel in den Champs Elysées war voll von
+Kunstgegenständen. Dort hatte sie auch ihr Atelier; sie war nämlich
+Bildhauerin. Alice war nicht mehr jung, eine kräftige, rundliche Person,
+gutmütig und lustig.
+
+Dies Jahr kam Anders Krog mit seiner Begleitung aus Spanien. Die beiden
+Freundinnen sprachen gerade über ein Bild Marys, das aus Spanien an
+Alice geschickt war und nach Norwegen weiter wanderte. Alice behauptete,
+der Künstler habe es offenbar auf eine Ähnlichkeit mit Donatellos
+"Heiliger Cäcilie" abgesehen. Durch die Stellung des Kopfes, die Form
+der Augen, die Linie des Halses und den halb geöffneten Mund. Aber so
+interessant dieser Versuch sein möge, für die Ähnlichkeit sei er von
+Schaden. Zum Beispiel sei es ein Verlust für das Bild, daß die Augen
+nicht zu sehen seien; die habe sie ja niedergeschlagen wie bei
+Donatello. Mary lachte. Gerade um diese Ähnlichkeit herauszubekommen,
+habe sie ihm gesessen.
+
+Nun erzählte Alice von einem norwegischen Genieoffizier, den sie kennen
+gelernt habe, als sie mit seiner Mutter im Sommer in Norwegen gewesen
+sei. Er habe das Bild bei ihr gesehen und sich ganz in dieses Porträt
+verliebt.--"So", sagte Mary wie abwesend.--"Es ist kein gewöhnlicher
+Mensch, kannst Du glauben, und auch kein gewöhnliches Verliebtsein."
+--"Nanu?"--"Ich bereite Dich vor. Er kommt natürlich bei mir mit Dir
+zusammen."--"Ist das nötig?"--"Sehr. Denn sonst muß ich es ausbaden."
+--"Ist er denn gefährlich?" Alice lachte: "Mir wenigstens."--"Sieh
+einer an! Ja, das ist etwas anderes."--"Jetzt verstehst Du mich falsch.
+Warte, bis Du ihn siehst."--"Ist er so schön?"--Alice lachte: "Nein,
+er ist geradezu häßlich!--Na, warte nur ab."--Sie fuhren weiter, das
+Gedränge wurde größer; es war einer der Haupttage.--"Wie heißt er?"
+--"Franz Röy."--"Röy? So heißt unsere Ärztin auch. Fräulein Röy."
+--"Ja, das ist seine Schwester; er spricht oft von ihr."--"Sie hat
+eine herrliche Figur."--Da richtete Alice sich auf: "Und er? Wenn ich
+mit ihm über die Straße gehe, drehen die Leute sich um, weil sie ihn
+noch einmal sehen wollen. Ein richtiger Riese! Aber keiner von den
+fettgepolsterten. Nein, sehr groß und geschmeidig." --"Also gut
+trainiert?"--"Riesig. Auf nichts ist er so stolz wie auf seine Kraft,
+und nichts zeigt er so gern!"--"Ist er denn dumm?"--"Dumm? Franz Röy?"
+--Sie lehnte sich wieder zurück, und Mary fragte nicht weiter.
+
+Sie kamen spät draußen an; endlose Wagenreihen zogen an ihnen vorbei
+heimwärts aus dem Bois. Die drei breiten Fahrwege der Avenue waren
+gedrängt voll. Je näher sie dem eisernen Tor kamen, wo die Wege
+zusammenliefen, desto dichter wurden die Wagenreihen. Diese
+Zurschaustellung von hellen und bunten Frühjahrstoiletten an dem ersten
+sonnigen Tage nach dem Regen war ein einzigartiges Schauspiel. Zwischen
+den neubelaubten Bäumen wirkten die Wagen wie gefüllte Blumenkörbe im
+Grün, einer hinter dem andern, einer neben dem andern, ohne Anfang und
+ohne Ende.
+
+Am Tor kamen sie in die Nähe der wogenden Menge von Fußgängern. Aber
+kaum waren sie mitten drin, als sich von rechts nach links hinüber eine
+unruhige Bewegung fortpflanzte. Dort rechts mußten die Leute etwas
+sehen, was von hier aus nicht zu sehen war. Einige schrien und zeigten
+nach den Seen hinüber, die Wagen fuhren auf Kommando zur Seite oder in
+die Querwege hinein, die Bewegung wuchs, bald war sie allgemein.
+Schutzleute und Parkwächter rannten hin und her, die Wagen stauten sich
+so dicht, daß keiner mehr vom Fleck kam. Ein breiter Mittelgang war bald
+weit hinunter frei. Alle spähten und fragten,--da kam es! Ein paar
+durchgegangene Pferde mit einem großen Wagen. Auf dem Bock sah man den
+Kutscher und den Groom. Es mußte sich ein Kampf abgespielt haben, so daß
+man Zeit bekam, den Weg frei zu machen, oder die Pferde mußten in sehr
+großer Entfernung scheu geworden sein. Hier, diesseits des Tores, waren
+alle Gefährte aus dem Mittelweg verschwunden; Alices Wagen stand beinahe
+zu äußerst am linken Fußweg. Hinter sich hörten sie Geschrei; vermutlich
+wurde die ganze Avenue freigemacht. Aber niemand blickt dahin, alles
+sieht nach vorn. Ein stattliches Gespann kommt in rasender Fahrt auf sie
+zu. Von Neugier getrieben, wogen zu beiden Seiten die Massen vor und
+zurück. Ängstliche Menschen draußen vor dem Tor riefen: "Schließt das
+Tor!"--Ein rasender Protest, ein tausendstimmiger Hohn von drinnen
+antwortete ihnen. Alle Wageninsassen hatten sich erhoben, manche standen
+auf den Sitzen. Auch Alice und Mary. Es machte den Eindruck, als werde
+die Fahrt toller, je näher die Tiere kamen. Kutscher und Groom rissen
+aus Leibeskräften an den Zügeln; aber das stachelte die Tiere nur an.
+Ein Mann im Zylinder beugte den Oberkörper aus dem Wagen, vermutlich um
+festzustellen, wo er sich den Hals brechen werde. Ein paar Hunde liefen
+mit eifrigem Protest hinterher, hier oben lockten sie noch mehrere
+andere auf die Bahn hinaus, die sich aber nicht weit vorwagten. Die zwei
+oder drei, die es taten, prallten gegeneinander, daß einer sich
+überstürzte und überfahren wurde, der Wagen machte einen Satz, der Hund
+heulte auf,--seine Kameraden hielten eine Weile inne.
+
+Da löst sich ein Mann aus den Massen am eisernen Portal und tritt mitten
+auf den Weg. Man schrie, man schwang Stöcke und Regenschirme und drohte
+ihm. Ein paar Schutzleute wagten sich einige Schritte hinter ihm her und
+winkten und riefen; das gleiche tat diesseits ein Parkwächter, lief aber
+in Todesangst wieder zurück. Statt auf die Rufe und Drohungen zu achten,
+nahm der Mann die Pferde aufs Korn, trat nach links, dann nach rechts,
+dann wieder nach links ... offenbar um sich ihnen entgegenzuwerfen.
+
+Sowie die Menge das erfaßt hatte, wurde sie still, ja, es wurde so
+still, daß man die Vögel in den Bäumen singen hören konnte, hören auch
+das ferne, dumpfe Getöse der nimmer stillen Riesenstadt, das vom Winde
+herübergetragen wurde. Es gab dem Vogelgezwitscher einen einförmigen
+Unterton. Merkwürdig, daß die Pferde genau so gespannt dastanden wie die
+Menschen; sie rührten keinen Fuß. Nur die Hunde waren wieder in
+Bewegung.
+
+Nun hatte der wilde Zug den Mann mitten auf der Straße erreicht. Er
+drehte sich pfeilschnell nach derselben Seite wie die Pferde, lief neben
+ihnen her und warf sich dann dem nächsten in die Flanke ...
+
+"Das ist er!" rief Alice mit leichenblassem Gesicht und packte Mary so
+krampfhaft, daß sie beide ins Stolpern kamen. Schrill und wild
+kreischten weibliche Stimmen auf. Ein dumpfes Gebrüll von Männerstimmen
+folgte. Jetzt hing er an dem einen Pferde. Alice schloß die Augen, Mary
+wandte sich ab. Lief er mit oder wurde er geschleift? Sie anhalten
+konnte er nicht.
+
+Wieder einige Sekunden lang eine fürchterliche Stille, nur die Hunde und
+die Hufe der Pferde hörte man. Dann ein kurzer Aufschrei und dann
+tausende, und dann Jubel, wilder, endloser Jubel. Wehende Taschentücher,
+Hüte und Sonnenschirme. Die Menge strömte zu beiden Seiten wie eine
+Sturmflut wieder in die Avenue hinein. Hier oben war die Straße in einem
+Augenblick gedrängt voll. Die rasenden Tiere standen schaumbedeckt und
+zitternd dicht bei Alices Wagen. Sie sah einen grauen Engländer, einen
+schlanken alten Herrn mit weißem Bart und im Zylinder, und sie sah eine
+junge schlanke Dame an seinem Arm hängen und hörte den Alten sagen:
+"Well done, young man!"
+
+Ein schallendes Gelächter folgte. Und jetzt erst sah sie ihn, dem die
+Worte gegolten hatten, wie er die Pferde bei den Nüstern gepackt hatte,
+ohne Hut, mit aufgerissener Weste und blutenden Händen, jetzt aber das
+schweißbedeckte, aufgeregte Gesicht lustig dem Engländer zuwandte.
+Gerade im selben Augenblick gewahrte er Alice. Sie stand ja noch immer
+auf dem Sitz ihres Wagens. Ohne Zögern ließ er Pferde und Wagen mitsamt
+dem Engländer stehen und bahnte sich den Weg zu ihr: "Verehrteste,
+bringen Sie mich fort aus diesem Wirrwarr!" sagte er laut in seiner
+breiten ostländischen Mundart. Ehe sie antworten, ja noch ehe sie vom
+Sitz herunterkommen, geschweige ehe der Groom sich vom Bock
+herabschwingen konnte, hatte er die Wagentür geöffnet und war bei ihnen
+im Wagen. Er half erst Alice von der Bank herunter, dann ihrer Freundin.
+Darauf sagte er auf französisch zum Kutscher: "Fahren Sie mich nach
+Hause, so schnell Sie loskommen können. Sie wissen die Adresse
+wohl."--"Ja, Herr Hauptmann", antwortete der Kutscher mit ehrerbietigem
+Gruß und bewundernden Blicken. Als Franz Röy sich hinsetzen wollte,
+verzog er das Gesicht und rief, indem er sich an den Fuß faßte: "Au,
+Donnerwetter, das Ekel hat mich getreten. Jetzt merke ich es erst." In
+diesem Augenblick begegnete er Marys großen, verwunderten Augen; er
+hatte sie bisher nicht angesehen, nicht einmal, als er ihr vom Sitz
+heruntergeholfen hatte. Die Veränderung in seinem Gesichtsausdruck war
+so gewaltig und so überwältigend komisch, daß die beiden Damen in lautes
+Lachen ausbrachen. Er faßte mit der blutigen Hand an seinen Hut--und
+merkte, daß er keinen aufhatte. Da lachte er auch.
+
+Der Kutscher hatte inzwischen den Wagen ein paar Meter vorwärts
+bugsiert, nun versuchte er zu wenden.
+
+"Ja, ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wer das ist?" lachte Alice.
+"Nein!" sagte er und starrte Mary an, daß sie rot wurde.
+
+"Aber, mein Gott, wie konnten Sie das wagen!"--Alices Stimme
+war's.--"Ach, das ist nicht so gefährlich, wie es aussieht", antwortete
+er, ohne ein Auge von Mary zu wenden. "Es ist bloß ein Kniff. Ich habe
+es schon vorher zweimal gemacht." Er sprach nur zu Mary. "Diesmal sah
+ich gleich, daß bloß das eine Pferd den Verstand verloren hatte; das
+andere wurde nur mitgerissen. Ja, da nahm ich mir also das tolle vor.
+Pfui Teufel, wie sehe ich aus!" Jetzt erst entdeckte er, daß seine
+Weste zerrissen, daß seine Uhr weg war, und daß seine blutende Hand ihn
+beschmutzte. Mary bot ihm ihr Taschentuch an. Er blickte auf das feine,
+gestickte Gewebe und dann auf sie: "Nein, gnädiges Fräulein, das wäre,
+als wollte man Baumrinde mit Seide flicken."
+
+Gleich draußen vor dem Tor an der rechten Seite wohnte er, also war es
+keine Entfernung. Mit herzlichem Dank, ohne die blutige Hand
+darzubieten, stieg er aus.
+
+Als er schlank und riesig über den Fußweg von dannen hinkte und der
+Wagen wendete, sagte Alice leise auf englisch: "Wer so ein Modell haben
+könnte, Mary!"--Mary sah sie verwundert an: "Ja, läßt sich denn das
+nicht machen?"--Alice gab Mary den Blick noch verwunderter zurück:
+"Nackt meine ich." Mary machte beinahe einen Luftsprung, beugte sich
+dann nach vorn und sah Alice gerade ins Gesicht. Alice begegnete ihren
+Augen mit einem schelmischen Lachen.
+
+Mary lehnte sich zurück und starrte vor sich hin.
+
+ * * * * *
+
+Franz Röy mußte sich wegen seines Fußes einige Tage Schonung auferlegen.
+Als er sich wieder bei Alice meldete, wurde verabredetermaßen Mary
+benachrichtigt. Aber es überkam sie eine solche Unruhe, daß sie sich
+nicht hinzugehen getraute. Beim nächsten Mal trieb die Neugier, oder was
+es sonst war, sie hin. Aber sie kam sehr spät, und kaum stand sie ihm
+gegenüber, da wünschte sie, sie wäre nie gekommen. Er hatte etwas so
+Intensives, daß die vornehme Dame es als Aufdringlichkeit, ja fast als
+Beleidigung empfand. Ihr Wesen war in Aufruhr, sie folgte ihm mit den
+Augen, mit den Ohren; die Gedanken sausten in ihr und das Blut auch. Es
+muß doch mal vorübergehen, dachte sie. Aber das war nicht der Fall.
+Alices Verzauberung oder richtiger ihre Verliebtheit erhöhte das
+Schwindelgefühl. War er eigentlich so häßlich? Diese breite, steile
+Stirn, diese kleinen, sprühenden Augen, der zusammengekniffene Mund, das
+vorspringende Kinn, das hatte alles in allem etwas ungewöhnlich
+Kraftvolles, aber es wurde spaßhaft, weil er beinahe gar keine Nase
+hatte. Spaßhaft war auch das meiste, was er sagte. So immer aufgelegt
+und lustig, daß um ihn her beständig Heiterkeit war, so unerschöpflich
+voller Einfälle. Seine Manieren hatten nichts Gewaltsames; er war im
+Gegenteil die Höflichkeit selbst; er war aufmerksam, zuweilen sogar
+galant. Es lag nur an dem Überwältigenden in ihm. Seine Sprache und
+seine Augen allein waren wie ein Gewitter. Aber auch seine Gestalt tat
+das ihre, diese kraftvolle Hand, dieser massige Fuß, der fast nur Spann
+war, diese Schultern, der Nacken, der Brustkasten, das alles sprach mit,
+wirkte erdrückend, demonstrierte. Man kam keinen Augenblick davon los.
+Und seine Rede floß unaufhaltsam.
+
+Mary kannte nur die Unterhaltungsform der internationalen Gesellschaft.
+Eine leichte Konversation über Wind und Wetter, über die
+Tagesereignisse, über Literatur und Kunst, über Zufälligkeiten auf
+Reisen und beim Aufenthalt, das ganze immer mit anderthalb Ellen
+Abstand. Er dagegen war ganz individuell und nahebei. Dabei fühlte sie,
+daß sie selbst auf ihn wirkte wie Wein. Er wurde immer berauschter und
+immer übermütiger. Das regte auf und machte unruhig. Sobald sie
+anstandshalber fort konnte, verschwand sie, benommen, verwirrt und
+eigentlich in einer wilden Flucht. Sie gab sich selbst das feierliche
+Versprechen, nie wiederzukommen.
+
+Erst später am Tage ging sie zu ihrem Vater und zu Frau Dawes hinein.
+Sie erwähnte kein Wort von ihrer Begegnung. Das hatte sie das vorige Mal
+auch nicht getan. Frau Dawes sagte, sie solle sich einmal die Karte
+ansehen, die auf dem Tisch liege.--"Jörgen Thiis? Ist denn der
+hier?"--"Er ist den ganzen Winter hier gewesen. Jetzt hat er erst
+erfahren, daß wir angekommen sind."--"Er bat um Grüße an Dich", warf der
+Vater ein, der wie gewöhnlich saß und las.
+
+Es war wirklich eine Erholung, an Jörgen Thiis zu denken. Im vorigen
+Winter war sie verschiedentlich mit ihm hier in Paris zusammengewesen.
+Bei mehreren Gelegenheiten war er ihr Kavalier, so zum Beispiel bei den
+offiziellen Bällen im Elysée und im Hôtel de Ville. Ein Kavalier, mit
+dem sie in allen Stücken Ehre einlegte. Hübsch, elegant, zuvorkommend.
+Der Vater erzählte, Jörgen wolle zur Diplomatie übergehen. "Dazu gehört
+doch wohl Kapital?" sagte Mary. "Er wird Onkel Klaus beerben",
+antwortete Frau Dawes. "Weißt Du das bestimmt?"--"Bestimmt nicht."--"Ist
+es denn wahr, daß Onkel Klaus in letzter Zeit mehrfach Verluste gehabt
+hat?" Frau Dawes schwieg. Der Vater antwortete: "Das kann schon
+sein."--"Ja, unterstützt er ihn denn?" Keiner antwortete. "Dann kann ich
+nicht finden, daß Jörgens Aussichten so glänzend sind", sagte sie
+abschließend.--
+
+Franz Röy war im Auftrage der Regierung in Paris und war infolgedessen
+oft abwesend. Das war gerade jetzt der Fall, so daß Mary sich sicher
+fühlte. Aber als sie eines Morgens früh zu Alice kam,--sie wollten
+zusammen in die Stadt,--saß er da! Er sprang auf und eilte ihr entgegen.
+Seine Augen überschütteten sie mit Bewunderung und Freude, er nahm ihre
+Hand in seine beiden Hände. Etwas strahlend Glücklicheres hatte sie nie
+gesehen. Mary fühlte, wie sie rot wurde. Alice lachte, was die Sache
+noch schlimmer machte. Aber seine Redseligkeit, die heute selbst für
+seine Verhältnisse außergewöhnlich war, half ihnen darüber weg. Jetzt
+stürzte er sich in eine kolossale Fabrik hinein, von der er direkt
+herkam, und riß sie mit. Die halbnackten Männer mit ihren Haken an dem
+Strom des siedenden, rotglühenden, wallenden Eisenerzes,--die Gewalt der
+Maschinen und die Menschen dazwischen wie vorsichtige Ameisen in einem
+Wald von Riesen. Er versuchte ihnen das auch in den Einzelheiten zu
+erklären. Es gelang völlig; aber es dauerte lange und hielt vor, bis die
+beiden Freundinnen fort mußten.
+
+Als sie im Wagen saßen, war Alice äußerst aufgeräumt. Es war nämlich
+ganz klar, heute hatte er einen starken Eindruck gemacht.--
+
+Am Tage darauf verließ Mary mit einem amerikanischen Ehepaar Paris im
+Automobil. Sie blieb mehrere Tage fort. Aber es war ihr erstes, als sie
+wieder zurückkam, Alice aufzusuchen. Wahrhaftig: Franz Röy war da. Er
+und Alice sprangen in lebhafter Freude auf, Alice kam ihr entgegen und
+umarmte und küßte sie: "Du Ausreißer, Du Ausreißer!" rief sie. Daß Franz
+Röys Augen funkelten, ist zu wenig gesagt; sie schossen förmlich Salut.
+Von dem Augenblick an, da sie ihn begrüßte, stand sein Mund nicht mehr
+still. Er benahm sich so töricht verliebt, daß es Alice ganz angst
+wurde. Glücklicherweise mußte er ein Ende machen; er hatte eine
+Konferenz. Mary war nachher wieder ganz aufgerührt; die See wollte sich
+nicht legen. Alice sah es und wollte sie beruhigen mit eifrigen,
+ängstlichen Versuchen, ihn ihr zu erklären. Aber das verwirrte nur noch
+mehr; Mary ging.
+
+Am Nachmittag, als sie zu den andern ins Zimmer trat--sie hatte ein
+wenig geruht, es hatte ihr notgetan--hörte sie Klavierspiel. Sie wußte
+sofort, daß es Jörgen Thiis war, der den beiden Alten Gesellschaft
+leistete. Er war wirklich ein Künstler, und er hatte eine Vorliebe für
+den Flügel, den sie hatten. Den wollten sie mit nach Norwegen nehmen.
+Sie ging gleich zu ihm hin und dankte ihm, daß er so aufmerksam gegen
+ihren Vater und Tante Eva sei; leider müßten die beiden so oft allein
+bleiben. Er antwortete, es sei ihm eine unendliche Freude, daß sie seine
+Musik schätzten, und das Klavier sei zu verlockend, in der Tat ersten
+Ranges. Die Unterhaltung bei Tisch und nachher zeigte Mary, wie die drei
+zusammenstimmten; sie war entbehrlich.
+
+Sie war wirklich dankbar dafür, so daß es ein gemütlicher Abend wurde.
+Es wurde viel von der Heimat gesprochen, nach der die beiden Alten
+Sehnsucht hatten.
+
+Kaum war er fort, so sagte Frau Dawes: "Was ist Jörgen doch für ein
+gemütlicher, gebildeter Mensch, liebes Kind!"--Der Vater blickte Mary an
+und lächelte. "Worüber lachst Du, Vater?"--"Über nichts", er lachte
+noch mehr. "Du möchtest wissen, wie er bei mir angeschrieben ist?"--"Ja,
+wirkt er auf Dich?" Frau Dawes war ganz Ohr. "A--ach."--"Das kommt ja so
+gedehnt heraus?"--"N--n--nein."--"Nun also?"--"Im Grunde gefällt er mir
+gut."--"Doch es ist ein Aber dabei--?" Jetzt lächelte sie. "Ich mag
+nicht, daß seine Augen sich förmlich an mir festsaugen." Der Vater
+lachte: "Genau wie beim Essen, nicht?"--"Ja freilich!"--"Ein Lebemann,
+siehst Du, wie sein Vater."--"Aber genau wie sein Vater hat er auch
+viele gute Eigenschaften", warf Frau Dawes ein. "Das hat er", sagte
+Anders Krog ernsthaft. Mary antwortete nicht. Sie sagte Gutnacht und bot
+ihm die Stirn zum Kuß.----
+
+Ein paar Tage später, ganz früh am Morgen, suchte Mary Alice in ihrem
+Atelier des Hinterhauses auf. Anders Krog hatte irgendwo altes
+chinesisches Porzellan gesehen, auf das er Lust bekommen hatte; aber
+Alices guter Rat war hierzu von größter Wichtigkeit. Mary war überzeugt,
+sie allein zu treffen, in der Regel freilich mit irgendeinem Modell.
+
+Sie ging direkt hinein, ohne mit dem Pförtner zu sprechen. Alice öffnete
+ihr selbst. Sie hatte ihren Atelierkittel an, und ihre Hände waren
+schmutzig, sie konnte sie Mary nicht geben. "Hast Du ein Modell da?"
+flüsterte sie. "Ich wollte gerade anfangen," antwortete Alice leise mit
+einem seltsamen Lächeln, "das Modell wartet im Zimmer nebenan. Aber komm
+nur!" Als Mary hinter dem Vorhang hervortrat, erkannte sie den Grund,
+warum das Modell im Zimmer nebenan wartete; Franz Röy saß in diesem
+Zimmer. So früh am Morgen und tief in Gedanken. Er bemerkte nicht
+einmal, daß sie hereinkamen. Es war das erstemal, daß Mary ihn ernst
+sah. Das stand der männlichen Gestalt und seinem kraftvollen Gesicht
+ungleich besser als jene ausgelassene Lustigkeit. "Sehen Sie, wer da
+kommt!" sagte Alice. Er sprang auf.----
+
+Die Unterhaltung heute war sehr ernst. Er war in gedrückter Stimmung.
+Mary konnte unschwer erraten, daß die anderen von ihr gesprochen hatten.
+
+Sie waren deshalb alle drei etwas befangen. Bis Alice ein Thema aus der
+Morgenzeitung aufgriff. Zwei Morde aus Eifersucht, von denen der eine
+geradezu entsetzlich war, hatten sie alle erschüttert, besonders Franz
+Röy. Er behauptete, die Auffassung von der Ehe stamme bei den
+romanischen Völkern aus einer Zeit, da die Frau Eigentum des Mannes war
+und Untreue folglich mit dem Tode bestraft wurde. Durch das Christentum
+sei freilich später der Mann auch Eigentum der Frau geworden. Hierüber
+entstand eine lebhafte Diskussion. Mary stimmte ihm darin bei, daß
+keiner der Eheleute dem ändern gehöre. Sie seien freie Individuen und
+könnten über sich selbst bestimmen. In der Ehe wie vor der Ehe. Nur die
+Liebe sei entscheidend. Höre die Liebe auf, weil der eine Teil oder auch
+beide durch die Entwicklung anders geworden seien, als sie bei
+Begründung der Ehe waren, oder treffe einer von ihnen einen Menschen,
+der seine Seele und seine Gedanken gefangen nehme und seinem Leben eine
+andere Richtung gebe, dann müsse der Verlassene resignieren. Nicht
+verdammen oder töten. Aber ihre Meinung und Franz Röys Ansicht gingen
+auseinander, als sie erwogen, was zwei Eheleute von Rechts wegen
+scheiden dürfe. Namentlich als sie darauf kamen, was davon zurückhalten
+müsse. Sie war hier viel bedenklicher als er. Er schlug scherzend vor,
+sie solle doch sagen: "Eheleute haben volle Freiheit, sich scheiden zu
+lassen; aber sie dürfen keinen Gebrauch davon machen." Sie schlug vor,
+er solle sagen: "Eheleute müssen in der Regel geschieden werden; haben
+sie keinen wirklichen Grund, müssen sie sich einen pumpen."
+
+Sie kamen in diesem Gespräch tiefer als bis zu den Worten. Es bezauberte
+ihn wie eine neue Art von Schönheit an ihr, wie souverän sie war. Das
+gab ihrer Erscheinung einen neuen Glanz. Es war keine Herrschsucht
+darin. Es war nur eine Schutzwehr, aber die höchste. Ihr ganzes Wesen
+war darin konzentriert. Ein "Rühr' mich nicht an!" in Augen, Stimme und
+Haltung. Vielleicht, wenn es sein mußte, bereit zur Märtyrerglorie. Sie
+wurde viel größer. Aber auch hilfloser. Gerade solche Wesen stehen zu
+hoch und stolpern beim ersten Schritt. Dann pflegen sie furchtbar zu
+fallen.
+
+Er starrte sie an und vergaß zu antworten, vergaß, wo er war. Ihm war,
+als rufe ihm einer zu: "Gib acht auf sie!" In seine Liebe zog mit
+gebieterischem Kommando die Ritterlichkeit ein.
+
+Sie sah, wie er sich dem Gespräch fernhielt; aber das hinderte sie
+nicht; das Thema war ihr zu lieb. Als er wieder bei der Sache war, hörte
+er, wie sie ihr Innerstes enthüllte, zweifellos ohne es zu ahnen. Sie
+sprach aus, was sie gedacht hatte, seit sie sich so etwas hatte klar
+machen können. Es war ihr so natürlich, wie das Kleid zu heben, wenn es
+schmutzig war, oder draußen im Meer zu schwimmen, wenn der Fuß keinen
+festen Boden mehr fand. Die Individualität muß frei werden, muß wachsen,
+darf nicht gebeugt und nicht befleckt werden; das war das Erste und das
+Letzte.
+
+Aber gleichzeitig fühlte sie sich seltsam zu dem Menschen hingezogen,
+der sie zu bewegen vermochte, das auszusprechen. Sie hatte es so lange
+nicht mehr getan. Sie wußte nicht, daß die Persönlichkeit, die unsere
+Gedanken erlöst, selbstverständlich Macht über uns hat. Sie fühlte nur,
+daß sie sprechen mußte--und sich mit sich selbst beschäftigen. Eine
+wundersüße Empfindung, die sie zum erstenmal hatte.
+
+Folglich wurde das Thema ausgesponnen. In Worten, die immer weiter und
+weiter in sie selbst hineinschlüpften und schließlich sich in einer
+Stille von Blicken und Atemzügen verloren. Alice war zu ihrem Modell
+hineingegangen. Sie waren befangen, als sie merkten, daß sie allein
+waren. Sie verstummten, und ihre Blicke wichen sich aus.
+
+Nach flüchtigem Verweilen bald auf dem einen, bald dem anderen der
+vielen Kunstgegenstände, richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf einen
+Faun ohne Arme, der sie angrinste. Sie sprachen über dieses Stück alter
+Kunst, nur um nicht zu schweigen. Wo der gefunden sein mochte? Aus
+welcher Zeit er stamme? Er sei gewiß sehr teuer gewesen. Sie sprachen in
+gedämpften Worten mit liebkosender Stimme, und die Augen glitten umher.
+Sie standen auch nicht auf ganz sicheren Füßen. Sie fühlten sich
+leichter, wie wenn sie sich in höheren Luftschichten befänden. Dabei die
+Empfindung, daß alles, was sie dachten, offen daliege, und daß sie
+selbst durchsichtig seien.
+
+Jetzt kam Alice wieder. Sie blickte sie mit Augen an, die die beiden
+aufweckten. "Sind Sie jetzt mit der Ehe fertig?" fragte sie; denn sie
+hatten ja über die Ehe gesprochen, als sie hinausgegangen war.
+
+--Mary fiel ein, sie habe etwas zu besorgen, und ihr Wagen warte. Franz
+Röy erinnerte sich auch seiner Obliegenheiten. So gingen sie zusammen
+fort, durch den Hofraum, durch das Vestibül und die Tür auf den Wagen
+zu. Aber sie fanden den Ton von vorhin nicht wieder, und sprachen
+deshalb nicht.
+
+Den Hut in der Hand, öffnete er ihr den Schlag. Sie stieg ein, ohne
+aufzublicken. Als sie sich hingesetzt hatte und ihm zunicken wollte,
+harrten ihrer die heißesten Augen, in die sie je geblickt hatte. Voll
+Leidenschaft und voll Ehrerbietung.
+
+Zwei Stunden darauf war er wieder bei Alice. Länger hatte er mit seinen
+himmelstürmenden Hoffnungen nicht allein sein können.
+
+Wo er in der Zwischenzeit gewesen sei? In der Stadt, um sich einen Abguß
+von Donatellos Heiliger Cäcilia zu kaufen. Er müsse vergleichen. Aber
+Alice könne sich im voraus denken, daß Donatellos Cäcilia kläglich
+durchgefallen sei.
+
+Jetzt bekam Alice ernstlich Angst: "Lieber Freund, Sie werden sich noch
+alles verderben. Das liegt in Ihrer Natur." Er sagte stolz: "Ich habe
+mir noch nie im Ernst ein Ziel gesteckt, das ich nicht erreicht
+hätte."--"Das glaube ich gern. Sie können arbeiten, Sie können
+Hindernisse überwinden, Sie können auch warten."--"Das kann ich!"--"Aber
+Sie können sich nicht beherrschen, Sie können nicht abwarten, daß sie zu
+Ihnen kommt."--"Was soll das heißen, Alice?"--Es tat ihm weh. "Es soll
+Sie daran erinnern, lieber Freund, daß Sie Mary nicht kennen. Sie kennen
+die Welt nicht, in der sie lebt. Sie sind ein Waldbär."--"Kann sein, daß
+ich ein Waldbär bin. Dagegen sage ich nichts. Aber wenn sie nun Freude
+an einem Waldbären hat? Man kann sich in solchen Dingen nicht täuschen."
+Er wollte sich seine festliche Stimmung nicht trüben lassen. Darum kam
+er bittend auf sie zu; er wollte sie sogar umarmen; er hatte es sehr mit
+dem Umarmen.
+
+"Nein, seien Sie artig, Franz! Übrigens stören Sie mich schon zum
+zweitenmal."--"Sie sollen auch gestört werden, Sie sollen nicht die da
+drin in Ihrem Gefängnis modellieren. Liebe Alice, Sie mein einziger
+Freund, Sie sollen mir mein Glück modellieren!"--"Ja, was kann ich
+weiter für Sie tun, als ich getan habe?"--"Sie können mir den Zutritt zu
+ihrem Hause verschaffen." Alice überlegte. "Das ist nicht so
+leicht."--"O,--Sie werden schon etwas ausfindig machen. Sie müssen, Sie
+müssen es!" Er redete und bettelte und umarmte sie solange, bis sie
+nachgab und es ihm versprach.
+
+Ob sie es nun falsch anstellte,--jedenfalls ging es schief. "Wenn ich
+meinen Vater bitte, einen jungen Herrn zu empfangen, der ihm nicht
+vorgestellt ist, muß er es falsch auffassen", sagte Mary. Alice gab das
+ohne weiteres zu. Sie war wütend auf sich selbst, daß sie daran nicht
+gedacht hatte. Anstatt mit Mary zu überlegen, ob sich die Sache nicht
+anders machen lasse, gab sie es ganz auf. Sie war noch ärgerlich, als
+sie Franz Röy das Ergebnis mitteilte; sie habe das Gefühl, sagte sie,
+Mary wünsche keinen Vermittler. Sie schärfte ihm wieder ein, vorsichtig
+zu sein.
+
+Franz Röy war ganz unglücklich. Alice versuchte auch nicht, ihn zu
+trösten.
+
+Tags darauf kam er wieder. "Ich kann's nicht aufgeben", sagte er. "Ich
+kann auch an nichts anderes denken."
+
+Solange saß er und so oft wiederholte er dieselbe Litanei in allen
+Tonarten, und so unglücklich war er, daß er der gutmütigen Alice leid
+tat. "Hören Sie," sagte sie, "ich werde Sie zusammen einladen. Dann
+kommt vielleicht die Einladung zu Krogs von selbst."--Er sprang auf.
+"Das ist eine herrliche Idee. Tun Sie das, Liebste!"--"Ich kann es nicht
+gleich tun. Anders Krog ist unwohl. Wir müssen warten." Er starrte sie
+enttäuscht an. "Aber können Sie uns beide nicht mal wieder
+zusammenbringen?"--"Ja, das kann ich."--"So tun Sie es,--sobald wie
+möglich! Sie Liebste, Beste, sobald wie möglich!"
+
+Das gelang. Mary war gleich zu einem Wiedersehen bereit.
+
+Sie trafen sich bei Alice, um zusammen in die Ausstellung in den
+Champs-Elysées zu fahren.
+
+Zusammen vor Kunstwerken zu stehen, ist wie ein Gespräch ohne Worte. Die
+wenigen Worte; die gesprochen werden, rufen hundert andere wach. Aber
+die werden nicht ausgesprochen. Der eine fühlt durch den andern, oder
+glaubt es zu tun. Sie begegnen sich in einem Bilde, um in einem anderen
+wieder getrennt zu werden. Dabei lernen sie sich in einer Stunde besser
+kennen als sonst in Wochen. Alice führte sie von Bild zu Bild; aber sie
+selbst war mit sich beschäftigt,--je länger, je vollständiger. Sie sah
+alles mit Künstleraugen an. Die beiden andern, die mit den Bildern
+anfingen, gingen immer mehr dazu über, durch die Bilder einander zu
+erforschen. Es wurde ein Flüsterspiel mit schnellen Blicken, knappen
+Worten und leicht andeutenden Fingern. Die aber, die sich auf heimlichen
+Wegen zueinander hintasten, haben zugleich eine unermeßliche Freude
+daran. Und lassen diese Freude auch wohl ahnen. Ein Spiel wie bei
+Vögeln, die unter dem Wasser schwimmen und weit hinten emportauchen,--um
+dann wieder zueinander hinzustreben. Das Glück der Stunde wurde erhöht
+durch die vielen Augen, die auf ihnen ruhten.
+
+Unten bei den Skulpturen führte Alice sie ganz nach vorn in den
+Mittelbau. Sie blieb vor einem leeren Sockel stehen und wandte sich an
+den Aufseher. "Ist der Athlet noch nicht in Ordnung?"--"Nein, gnädiges
+Fräulein, leider nicht", antwortete er. "Dann ist es wohl noch einmal
+schief gegangen?"--"Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein." Alice erklärte
+Mary, die Statue eines Athleten sei bei der Aufstellung zerbrochen. "Ein
+Athlet?" fragte Franz Röy, der etwas abseits stand und jetzt eilig
+herzukam. Die beiden andern lächelten. "Ein Athlet? Sprachen Sie nicht
+von einem Athleten?"--"Ja", sagten sie und lachten. "Ist dabei etwas zu
+lachen?" fragte er. "Ich habe einen Vetter, der ist Athlet." Nun lachten
+die beiden Damen erst recht. Franz Röy war höchlichst erstaunt. "Ich
+kann Ihnen versichern, er ist der prächtigste Mensch, den ich kenne. Und
+so erstaunlich tüchtig. Das liegt in unserer Familie. Als Knabe war ich
+zwei Sommer bei ihm im Zirkus." Die andern lachten. "Worüber zum Teufel
+lachen Sie? Ich habe in meinem Leben keine herrlicheren Tage erlebt als
+im Zirkus." Die beiden Damen eilten unter Lachen in wilder Flucht dem
+Ausgang zu. Er mußte ihnen folgen; aber er war beleidigt. "Ich begreife
+nicht, worüber Sie lachen", sagte er, als sie alle im Wagen saßen,
+lachte aber mit.
+
+Das kleine Mißverständnis hatte die Folge, daß sie alle in der besten
+Stimmung waren, als sie vor Marys Wohnung hielten.
+
+Alice und Franz Röy fuhren ohne sie weiter. Er wandte sich überglücklich
+zu Alice und fragte, ob er heute nicht ein braver Junge gewesen sei? Ob
+er sich nicht im Zaum gehalten habe? Ob seine "Affäre" nicht brillant
+stände? Er ließ sich nicht Zeit, auf ihre Antwort zu hören, er lachte
+und schwatzte und wollte sie schließlich nach oben begleiten. Hiervon
+wollte Alice aber nichts wissen. Da verlangte er als Belohnung, wenn er
+es sein lasse, daß Alice sie beide auf eine Spazierfahrt ins Bois de
+Boulogne mitnehmen solle, nach Schloß Bagatelle hinaus. Die Fahrt müsse
+morgens um neun Uhr gemacht werden. Da dufte der Wald am stärksten, da
+sei der Gesang der Vögel am schönsten und da seien sie noch allein. Sie
+versprach es ihm.
+
+Am nächsten Freitag holte Alice Mary kurz vor neun Uhr morgens ab, dann
+fuhren sie weiter zu Franz Röy.
+
+Schon von weitem sah Alice ihn auf dem Fußweg auf und ab wandern. Aus
+Gang und Haltung ahnte ihr Böses. Mary konnte ihn nicht sehen, bis sie
+hielten. Da aber warf all die Glut seines Gesichts eine Flamme auf
+ihres. Er schwang sich auf den Wagen wie auf ein erobertes Schiff. Alice
+suchte eilig seine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, um es nicht
+gleich zu einem Ausbruch kommen zu lassen. "Was für ein herrlicher
+Morgen," sagte sie, "gerade weil er nicht ganz sonnenklar ist. Nichts
+ist schöner als ein gedämpfter Ton über einer so farbenfrohen Landschaft
+wie der, durch die wir jetzt kommen." Aber er hörte nicht, er faßte
+nichts außer Mary. Der weiße Schleier, der von ihrem roten Haar
+zurückgeschlagen war, der halbgeöffnete, frische Mund brachte ihn um den
+Verstand. Alice meinte, der Wald dufte viel stärker, seit die
+japanischen Baumarten herangewachsen seien. Immer, wenn diese Bäume
+berauschende Wellen in den hergebrachten europäischen Waldduft
+hineingössen, sei's, als flögen fremde Vögel mit fremdartigem Schrei
+zwischen den Bäumen auf. Sofort behauptete Franz Röy energisch, die
+heimischen Vögel des Waldes hätten davon einen anderen Gesang bekommen.
+So wunderbar schön, wie sie diesen Morgen sängen, meinte er, hätten sie
+noch nie gesungen.
+
+Alices Angst vor einer Explosion stieg. Sie wollte ihn ablenken, indem
+sie ihn auf die Farbenkontraste von Wald und Wiese und Fernsicht
+aufmerksam machte. Gerade der Weg nach Bagatelle hinaus ist so reich
+daran. Aber Franz Röy saß rückwärts und mußte sich jedesmal erst
+umdrehen, bis er sehen konnte, was Alice ihm zeigen wollte. Das machte
+ihn ungeduldig, um so mehr als Mary und er jedesmal in ihrem Gespräch
+unterbrochen wurden. "Wollen wir nicht lieber aussteigen und ein Stück
+gehen?" fragte er. Aber davor hatte Alice die meiste Angst; auf was für
+Gedanken konnte er da nicht kommen?!
+
+"Sehen Sie sich doch um!" rief sie ihm zu. "Ist es nicht, als wenn die
+Farben hier Chöre singen?"--"Wo?" fragte er gereizt.--"Herrgott, sehen
+Sie doch bloß das verschiedene Grün in demselben Wald! Sehen Sie doch
+nur! Und daneben wieder das Grün der Wiese!"--"Mir liegt nichts daran,
+das zu sehen! Nicht ein Deut!" Er drehte sich wieder zu den Damen um und
+lachte. "Wäre es nicht doch besser, auszusteigen?" bestürmte er sie
+wieder. "Es ist doch was anderes, im Walde herumzulaufen, als ihn
+anzusehen. Ebenso mit dem Rasen."--"Das Betreten des Rasens ist
+verboten!"--"Zum Donnerwetter, so gehen wir eben auf der Landstraße und
+besehen uns alles. Das ist viel schöner, als in dem engen Wagen zu
+sitzen!" Mary stimmte ihm zu.
+
+"Zum Spazierengehen habe ich Sie aber nicht hier herausgefahren. Wir
+wollten den Anblick des historischen Schlosses Bagatelle genießen und
+den Wald, in dem es liegt. So was gibt es nicht wieder. Und dann wollten
+wir doch soweit wie möglich hinaus. Daraus wird aber nichts, wenn wir
+gehen."
+
+Dieser Appell hielt sie eine Weile im Schach. Die Besitzerin des Wagens
+mußte doch den Ausschlag geben. Aber Mary war mittlerweile auch
+übermütig geworden. Ihre Augen, die gewöhnlich etwas Nachdenkliches
+hatten, leuchteten vor Lebenslust. Heute lachte sie über seine vielen
+drolligen Einfälle; sie lachte über das Geringfügigste. Sie wollte in
+einemfort Blumen haben, wenn sie welche sah. Jedesmal mußte angehalten
+werden, um Blumen und Laub zu pflücken. Sie packte den Wagen voll, so
+daß Alice schließlich protestierte. Da warf sie alles miteinander hinaus
+und verlangte energisch, selbst auch hinauszukönnen.
+
+Sie hielten und stiegen aus.
+
+Sie waren jetzt weit über Bagatelle hinaus und ließen den Wagen
+umkehren. Er solle langsam ein Stück zurückfahren, sie kämen nach.
+
+Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, als Franz Röy anfing, Rad zu
+schlagen, d.h. er warf sich seitlings auf den Händen herum, um wieder
+auf die Füße zu fallen, dann wieder auf die Hände und so weiter,
+schneller und immer schneller. Dann drehte er um und kam auf dieselbe
+Weise zurück. "Das ist eins von meinen Zirkuskunststücken", sagte er
+strahlend. "Jetzt kommt ein anderes!" Er warf sich in der Luft herum und
+kam wieder auf die Füße genau an derselben Stelle, wo er hochgesprungen
+war. Dann noch einmal. "Sehen Sie? Genau wo ich hochgesprungen bin!" Er
+triumphierte und machte es noch zwei-, noch drei-, vier-, fünfmal vor.
+
+Sie bewunderten ihn. Es war auch bewundernswert, wie der große, starke
+Mann das mit einer Leichtigkeit ausführte, daß es wirklich schön aussah.
+Angefeuert durch ihr Lob fing er an, sich mit solcher Geschwindigkeit
+herumzuwirbeln, daß den andern beim bloßen Zusehen schlecht wurde. Schön
+war es auch nicht. Sie wandten sich ab und schrien. Das machte ihm
+furchtbaren Spaß. Ärgerlich rief Alice: "Sie sind wahrhaftig wie ein
+Schuljunge von siebzehn Jahren!"--"Wie alt sind Sie eigentlich?" fragte
+Mary. "Über dreißig." Da lachten sie aus vollem Halse.
+
+Das hätten sie nicht tun sollen. Dafür mußte er sie strafen. Ehe Alice
+es ahnen konnte, faßte er sie um die Taille und tanzte mit ihr im
+rasendsten Galopp die Chaussee hinunter, daß der Staub aufwirbelte. Die
+schwerfällige Alice wehrte sich aus Leibeskräften und schrie. Aber es
+half nichts; es machte ihm nur Spaß. Ihr Hut fiel zu Boden, ihr Schal
+flog hin, Mary lief hinterher und nahm beides auf, aber sie krümmte sich
+vor Lachen. Denn diese plumpen, völlig nutzlosen Widerstandsversuche
+waren nicht mitanzusehen. Schließlich machte er Kehrt, und sie kamen in
+dem gleichen rasenden Trab wieder zurück und machten bei Mary Halt.
+Alices Gesicht ganz verstört, schweißtriefend und rot. Ihre kurzatmige
+Wut, die keine Worte fand, ließ Mary kreischen vor Lachen. Franz sang
+ihr: "Hopsa--sa! hop--sa--sa!" vor, bis sie sprechen und ihn tüchtig
+ausschelten konnte. Da lachte er.
+
+"Und Sie?" wandte Mary sich jetzt an Franz Röy, "hat es Sie gar nicht
+angestrengt?"--"Nicht sonderlich. Ich könnte gleich mit Ihnen dieselbe
+Tour machen!" Mary erschrak. Sie hatte Alice gerade den Hut gegeben und
+stand nun da mit dem Schal und ihrem eigenen Hut, den sie abgenommen
+hatte, in der Hand, warf aber mit einem Aufschrei die beiden Gegenstände
+hin und sauste nach der entgegengesetzten Seite davon, dahin, wo der
+Wagen hielt.
+
+Keinen Augenblick war es Franz Röy in den Sinn gekommen, seine Drohung
+auszuführen. Es war nur Scherz gewesen. Aber als er sie laufen sah, und
+zwar mit einer Geschwindigkeit, die er weder ihr noch überhaupt einer
+Dame zugetraut hätte, war das für sein Offiziersherz wie eine
+Herausforderung. Alice merkte es und sagte schnell: "Tun Sie's nicht!"
+Die Worte stellten sich ihm so eindringlich in den Weg, daß er zweifelnd
+stehen blieb. Mary aber dahinten auf der Straße in dem weißen Kleide und
+dem roten Haar darüber, mit einem so geschwinden und leichten Tanz der
+Füße, daß allein dieser Rhythmus schon lockte, ja, das raubte ihm die
+Besinnung, das schleuderte ihn in die Bahn, eh' er selbst es wußte.
+Gerade als Alice zum zweitenmal und ganz verzweifelt rief: "Tun Sie's
+nicht!"
+
+Der helle Streifen da vorn über dem Straßenstaub fiel wie Sonne in seine
+Augen und in seine Phantasie. Er blendete ihn. Er lief ganz bewußtlos
+weiter. Er lief, als rufe da vorn immerzu jemand: "Fang mich! Fang
+mich!" Er lief, als gelte es des Lebens höchsten Preis, sie einzuholen.
+
+Sie hatte einen bedeutenden Vorsprung. Gerade das spornte seine ganze
+Kraft bis zum äußersten an. Ein Wettlauf ums Glück mit einer, die
+gefangen werden möchte. Siedend heiß brauste ihm das Blut in den Ohren,
+die Begierde wallte auf. Die stürmische Sehnsucht all dieser Tage und
+Nächte trieb vorwärts zum Sieg. Wollte endlich einmal reden. Oder
+richtiger,--da bedurfte es keines Redens; er würde sie in seinen Armen
+haben!
+
+Jetzt wandte sie den Kopf,--sah ihn, stieß einen Schrei aus, raffte das
+Kleid zusammen,--jetzt setzte sie die Füße wahrhaftig noch schneller! Er
+war wie toll. Er hielt ihren Schrei für einen Lockruf. Er sah sie nach
+vorn winken und glaubte, das solle bezeichnen, wo sie stehen bleiben
+wolle und frei sein. Es hieß also sie einzuholen, bis sie dahin kam.
+Auch er gab sich den letzten Sporn, und der brachte ihn im Nu dicht in
+ihre Nähe. Er meinte, ihren Duft zu spüren, bald mußte er ihren Atem
+hören. Er war so erregt, daß er gar nicht wußte, er berühre sie, bis sie
+sich umsah. Sie ließ sofort das Kleid los und nach ein paar Sätzen stand
+sie still. Sein Arm legte sich um ihre Taille, er glühte und zog sie
+leidenschaftlich an sich,--da hörte er ein sehr bitteres: "Lassen Sie
+mich los!" Die Atemnot machte es so eigen scharf. Er war ganz entsetzt,
+dachte aber, er müsse sie stützen, bis sie wieder zu Atem gekommen sei,
+und deshalb hielt er sie fest. Da, mit der gleichen schneidenden Schärfe
+der Atemnot: "Sie sind kein Kavalier!" Er ließ sie los.
+
+Man hörte Huf schlag, der Wagen kam rasch heran. Die beiden auf dem Bock
+mußten den Vorgang mitangesehen haben; ihnen hatte sie gewinkt. In
+seiner blinden Hetze hatte er nur sie gesehen.
+
+Jetzt ging sie auf den Wagen zu; sie hielt sich das Taschentuch vors
+Gesicht; sie weinte. Der Diener sprang vom Bock und öffnete ihr den
+Schlag.
+
+Er ließ sie stehen, trostlos, wie gelähmt in seinem Denken. Da kam
+Alice. Sie hatte ihren Schal und Marys Hut in der Hand und ging direkt
+auf den Wagen zu, ohne ihn zu beachten. Als er zu ihr hin wollte, winkte
+sie ihm ab.
+
+ * * * * *
+
+Am dritten Tage nach diesem Ereignis ließ er sich bei Alice melden. Sie
+sei nicht zu Hause. Am Tage darauf bekam er denselben Bescheid. Dann
+mußte er auf einige Tage verreisen. Aber sowie er zurückkam, meldete er
+sich wieder. Sie sei eben fortgegangen, antwortete der Diener. Da schob
+er ohne weiteres den Diener beiseite und ging hinein.
+
+Alice war ganz in Anspruch genommen von einer Reihe von
+Kunstgegenständen, die auf Tischen und Stühlen lagen oder standen. "Aber
+Alice?" sagte er leise und schmerzlich. Sie war erschrocken; doch er
+gewahrte im gleichen Augenblick ihren Vater hinter ihr. Da tat er, als
+habe er nichts gesagt, und trat näher.
+
+Die Kunstgegenstände wurden beiseite gestellt; Franz Röy half dabei. Der
+Vater verließ das Zimmer. "Aber Alice?" wiederholte Franz Röy nun
+vorwurfsvoll. "Sie wollen mir doch wohl nicht Ihr Haus verschließen? Und
+gerade, wo ich so unglücklich bin?" Sie antwortete nicht. "Wir sind doch
+immer so gute Kameraden gewesen und haben uns so gut vertragen!" Sie
+stand abgewandt und gab keine Antwort. "Selbst wenn ich mich dumm
+benommen habe, kennen wir beide uns doch zu gut, als daß es uns trennen
+könnte?"--"Es muß doch Grenzen geben", hörte er sie sagen.--Er bedachte
+sich eine Weile: "Grenzen? Grenzen? Aber hören Sie mal, Alice, zwischen
+uns ist doch nichts."--Ehe er weiterreden konnte, warf sie schnell ein:
+"Es geht doch nicht an, sich im Beisein anderer so zu benehmen!" Sie war
+feuerrot.--"Ja, was meinen Sie--?" Er verstand sie nicht. Sie wandte
+sich ab: "Mich im Beisein anderer so zu behandeln ..." ergänzte sie.
+"Was muß Mary denken?"--Jetzt erst ging ihm ein Licht auf, daß er sich
+auch gegen sie, gegen Alice nicht richtig benommen habe; er hatte die
+ganze Zeit nur an Mary gedacht. Jetzt schämte er sich. Schämte sich ganz
+entsetzlich und ging auf sie zu. "Ich bitte Sie um Verzeihung, Alice,
+ich war so froh, daß ich nichts überlegt habe. Erst jetzt kommt mir das
+zum Bewußtsein. Verzeihen Sie mir armem Sünder! Nein, sehen Sie mich
+an!" Sie wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen waren unglücklich und
+standen voll Tränen; sie begegneten den seinen, die auch unglücklich,
+aber flehend waren. Da dauerte es nicht lange, bis ihre und seine eins
+waren. Er streckte die Arme aus, umarmte sie und wollte sie küssen; aber
+das durfte er nicht. "Alice, liebe, süße Alice, Sie wollen mir doch
+wieder helfen?"--"Es hat keinen Zweck. Sie zerstören alles."--"Ich will
+fortan jedes bißchen tun, was Sie wünschen."--"Das haben Sie früher auch
+schon versprochen."--"Aber jetzt habe ich zugelernt. Jetzt halte ich es.
+Auf Ehre!"--"Man kann sich nicht auf Ihre Versprechungen verlassen. Denn
+Sie haben eben kein Verständnis."--"Kein Verständnis?"--"Nein, Sie ahnen
+ja nicht, wie sie ist!"--"Ich gebe zu, daß ich mich getäuscht haben muß;
+denn noch in diesem Augenblick ist mir nicht klar, worüber sie so böse
+wurde."--"Das kann ich mir denken."--"Ja, denn als sie alles hinwarf und
+fortlief, glaubte ich tatsächlich, sie tue es, damit ich
+hinterherlaufe."--"Hörten Sie denn nicht, daß ich zweimal rief: 'Tun
+Sie's nicht!'"--"Ja; aber ich verstand auch das nicht."--Alice setzte
+sich entmutigt hin. Sie sagte nichts mehr; es half ja doch nichts. Er
+nahm ihr gegenüber Platz: "Erklären Sie mir's, Alice! Haben Sie nicht
+gesehen, wie sie lachte, als ich mit Ihnen davontanzte?"--"Haben Sie
+noch nicht begriffen, was für ein kolossaler Abstand zwischen ihr und
+uns andern ist?"--"Mary Krog ist nicht anspruchsvoll und nicht
+übermütig. Nicht im geringsten."--"Nein, das ist sie nicht. Sie
+verstehen mich schon wieder falsch. Während wir andern gewöhnliche
+Sterbliche sind, die ruhig mal derb angefaßt werden können, lebt sie in
+einer Ferne, der bis jetzt niemand auch nur um einen halben Meter
+nähergekommen ist. Nicht aus Stolz oder aus Einbildung."--"Nein,
+nein!"--"So ist sie eben. Wäre sie nicht so, dann wäre sie längst
+gekapert und verheiratet. Sie werden doch nicht glauben, daß es ihr an
+Bewerbern gefehlt hat?"--"Nein, das laßt sich denken."--"Fragen Sie
+Frau Dawes! Sie führt in ihren tausend Briefen Buch darüber. Sie
+schreibt jetzt von nichts anderem."
+
+"Aber wie ist das zu verstehen, liebe Alice?"--"Das ist ganz leicht zu
+verstehen. Sie ist freundlich und umgänglich und gefällig, was sie
+wollen. Aber sie lebt in einem Elfenlande, das niemand betreten darf.
+Darüber wacht sie mit der unverbrüchlichsten Sorgfalt und dem feinsten
+Takt!"--"Also unberührbar?"--"Absolut! Daß Sie das noch nicht einmal
+gemerkt haben!"--"Ich hatte es gemerkt,--aber ich vergaß es."
+
+Franz Röy saß da, als lausche er in die Ferne. Er hörte wieder diesen
+hellen Angstruf, der durch die Luft zitterte, als er ihr näher kam; er
+sah das aufgeregte Winken nach dem Wagen, er fühlte ihren zitternden
+Körper, er vernahm den Zornesausbruch, der mit aller Kraft, die sie noch
+hatte, herausgeschleudert wurde; er sah sie weinend fortgehen. Mit
+einemmal begriff er! Was für ein dummer, brutaler Verbrecher er doch
+war!
+
+Er blieb sitzen, stumm und tief unglücklich.
+
+Aber es lag nicht in seiner Natur, sich zu ergeben. Bald erhellte sich
+sein Gesicht. "Schließlich war es doch nur ein Spiel, liebe
+Alice."--"Für sie war es mehr. Daran zweifeln Sie doch auch wohl nicht
+mehr?"--"Ihr ist schon öfter nachgestellt worden, meinen Sie?"--"Auf
+alle mögliche Weise!"--"Darum ging die Phantasie mit ihr
+durch?"--"Natürlich. Das sahen Sie doch?"--Er schwieg. "Aber hören Sie
+mal, lieber Franz,--war es für Sie nicht auch mehr als ein Spiel? War es
+nicht das Entscheidende?"
+
+Er ließ beschämt den Kopf sinken. Dann ging er ein paarmal auf und ab
+und kam zu ihr zurück. "Sie ist souverän. Sie will nicht erobert sein.
+Ich hätte stehen bleiben sollen--?"--"Sie hätten ihr überhaupt nicht
+folgen sollen. Und sie wäre jetzt Ihr eigen gewesen." Er setzte sich wie
+mit einer schweren Last auf den Schultern wieder hin.
+
+"Hat sie etwas gesagt?" fragte Alice mit forschendem Blick.--Er hätte
+lieber geschwiegen, aber die Frage wurde wiederholt. "Sie sagte, ich sei
+kein Kavalier."
+
+Alice fand das sehr schlimm. Darauf fragte er, ob Mary zu ihr etwas
+gesagt habe. Im Wagen? "Kein Wort. Aber ich habe geredet. Ich schalt auf
+Sie. Tüchtig."--"Sie hat auch später nicht mehr davon gesprochen?"
+--Alice schüttelte den Kopf. "Ihr Name ist aus dem Wörterbuch
+gestrichen, mein Freund."----
+
+ * * * * *
+
+Einige Tage später bekam er einen Rohrpostbrief, der ihn in aller Eile
+davon unterrichtete, sie seien vormittags elf Uhr wieder in der
+Ausstellung der Champs Elysées. Als er das Billet bekam, war die Uhr
+schon elf.
+
+Mary war zu Alice gekommen mit der Bitte, sie zu begleiten. Sie solle
+ihr Urteil über eine holländische Küstenlandschaft abgeben, die ihr
+Vater kaufen wolle. Der Preis erscheine ihnen allen recht hoch,
+möglicherweise könne Alice günstigere Bedingungen erzielen. Marys Wagen
+hielt unten. Alice ließ sie allein, schrieb eilig an Franz Röy und
+machte sich dann fertig, was gegen ihre Gewohnheit heute sehr lange Zeit
+in Anspruch nahm. Sie kamen in die Ausstellung, suchten das Bild auf und
+gingen ins Bureau, wo sie warten mußten, machten dann ihr Angebot, gaben
+ihre Adresse auf und begaben sich wieder ins Parterre; denn sie wollten
+den Athleten suchen. Jetzt stand er da in seiner ganzen männlichen
+Kraft. Alice trat zuerst davor hin und rief: "O Gott, das ist ja--"
+hielt aber inne und wandte sich von Mary ab. Sie besah die Statue von
+allen Seiten, immer und immer wieder, ohne ein Wort zu sagen. Gerade
+das, was an Franz Röy auffiel, daß seine Kraft nicht äußerlich in
+Muskelkissen sichtbar war, sondern als Spannkraft in dem
+wohlgeformtesten, geschmeidigen Körper lag, fand sich hier wieder. Das
+war Franz Röys Haltung und seine Kopfstellung, seine breite, schräg
+ansteigende Stirn, seine Hand, sein kurzer, kräftiger Fuß,--alles war
+hier! Die Statue wirkte wie ein Schlachtgesang. Zum erstenmal fand sie
+ein Wort dafür, wie Franz Röy wirkte. Dies hier riß sie mit wie der
+Rhythmus eines Marsches. Genau das, was sie oft empfunden hatte, wenn
+sie Franz Röy gehen sah. War diese Ähnlichkeit ein sonderbarer Zufall,
+oder hatte wirklich Franz Röy ... ihr wurde heiß, und sie mußte ein
+Stück von der Statue fort--zu einer andern hin.
+
+Mary hatte sich die Zeit über hinter Alice gehalten, die sie ganz
+vergessen hatte. Nun, da Alice allein stand, stieg unwillkürlich die
+Frage in ihr auf: begreift Mary, was sie sieht?
+
+Alice wartete eine Weile, ehe sie zu beobachten anfing. Mary stand jetzt
+lange unbeweglich vor der Statue mit dem Rücken nach Alice. Alice wurde
+neugierig. Sie ging auf einem Umwege zwischen andern Skulpturen hindurch
+nach drüben, setzte ihr Pincenez auf und sah hin. Marys Augen waren
+halbgeschlossen, ihre Brust wogte. Sie ging langsam im Kreise um die
+Statue herum, trat etwas zurück, kam wieder näher und blieb halb
+seitlich davor stehen.
+
+Da sah sie sich nach Alice um und erblickte sie, wie das Pincenez gerade
+auf sie gerichtet war; Alice hielt es sogar noch fest, um deutlicher zu
+sehen. Man konnte sich nicht täuschen: Alices Gesicht war ein einziges
+Schelmenlachen.
+
+Es gibt Dinge, von denen keine Frau will, daß eine andere sie versteht:
+Marys Blut geriet in Wallung; geärgert und gekränkt, empfand sie Alices
+Blick wie eine "insulte"--das Wort wurde französisch gedacht. Sie drehte
+schnell dem Athleten den Rücken und ging nach dem Ausgang zu. Aber sie
+blieb hier und da stehen, um sich den Anschein zu geben, als betrachte
+sie andere Kunstwerke. In Wirklichkeit, um ihrer Erregung Herr zu
+werden. Endlich hatte sie den Ausgang erreicht. Sie blickte sich nicht
+um, ob Alice nachkomme; sie ging in die Vorhalle hinaus und von da
+weiter.
+
+Aber gerade, als sie draußen stand, kam Franz Röy dahergestürmt. So
+eilig, als sei er hinbestellt und habe sich verspätet. Franz Röy riß den
+Hut vom Kopf, bekam aber kein Nicken als Antwort, nur ein paar kühle
+Augen. "Aber nein, jetzt müssen Sie auch nicht mehr böse sein!" sagte er
+gutmütig und knabenhaft in seinem breitesten Ostländisch. Sie taute auf,
+ja, sie konnte nicht anders, sie lächelte sogar und war tatsächlich nahe
+daran, seine ausgestreckte Hand zu fassen,--als sie sah, wie seine Augen
+blitzschnell an ihr vorbeiglitten und mit einem ganz, ganz kleinen
+Triumph wieder zurückkehrten. Da wandte auch sie den Kopf und begegnete
+Alices Augen. In ihnen lag eine ganze Welt von Schelmerei und Freude.
+Eine abgekartete Sache also! Da ging eine Verwandlung mit Mary vor. Wie
+von der höchsten Kirchturmspitze blickte sie auf die beiden
+hinunter--und ließ sie stehen. Ihr Wagen hielt in einiger Entfernung;
+sie winkte, und er kam in großem Bogen heran. Ihr Vater hatte auf seinem
+Wagen keinen Diener; sie machte sich selbst den Schlag auf, ehe Franz
+Röy hinzuspringen konnte. Sie stieg ein, als sei kein Mensch da. Von
+ihrem Sitz aus sah sie sich nach Alice um,--an Franz Röy vorbei. Die
+korpulente Alice kam langsam herangewatschelt. Schon von weitem war zu
+sehen, daß sie einen harten Kampf mit unterdrücktem Lachen zu bestehen
+hatte. Und als sie herangekommen war und Mary vornehm dasitzen sah, den
+Kopf nach der andern Seite gewandt, während auf dieser Seite Franz Röy,
+der Riese, wie ein verdonnerter Rekrut stand, da konnte sie sich nicht
+länger halten, sie brach in ein Gelächter aus, das ihre ganze behäbige
+Person von Grund auf erschütterte. Sie lachte, daß ihr die Tränen über
+die Backen liefen. Sie lachte so, daß sie nur mit Not und Mühe und nicht
+ohne Hilfe das Trittbrett fand und sich hinaufzog. Sie sank laut lachend
+neben Mary auf den Sitz, daß der Wagen wackelte. Sie hielt das
+Taschentuch vors Gesicht und prustete hinein. Sie sah Marys purpurrotes
+Beleidigtsein und Franz Röys blasses Entsetzen, sie lachte nur immer
+mehr. Sogar der Kutscher mußte mitlachen; er wußte den Teufel warum. So
+fuhren sie ab.
+
+Wieder eine mißglückte Expedition nach den kühnsten Hoffnungen! Es
+dauerte lange, bis Alice etwas sagen konnte. Natürlich fing sie damit
+an, Franz Röy zu bedauern. "Du bist zu streng gegen ihn, Mary. Gott, wie
+unglücklich er aussah!" Und wieder überkam sie das Lachen. Mary aber,
+die die ganze Zeit über dagesessen und nur auf eine Gelegenheit gewartet
+hatte, brach jetzt los: "Was geht mich Dein Protégé an?" Und als sei das
+nicht genug, beugte sie sich vor und sah in Alices lustige Augen hinein.
+"Du verwechselst uns beide wohl. Du bist selbst in ihn verliebt. Meinst
+Du, ich habe das nicht lange gesehen? Ihr müßt ja selbst am besten
+wissen, in was für einem Verhältnis Ihr zueinander steht. Mich geht es
+nichts an. Aber das 'Sie', an dem Ihr festhaltet,--ist doch wohl nur ein
+Deckmantel?"
+
+Alices Lachen erstarb. Sie wurde blaß, so blaß, daß Mary erschrak. Mary
+wollte die Augen wieder abwenden, konnte es aber nicht. Alices Augen
+hielten sie während des schmerzlichen Überganges fest, bis sie
+erloschen. Da sank Alices Kopf mit einem langen, schweren Seufzer
+hintenüber. Wie das Stöhnen eines verwundeten Tieres.
+
+Mary saß daneben, erschrocken über den eigenen Schuß.
+
+Aber es war geschehen.
+
+Unerwartet und hastig hob Alice den Kopf und ließ den Kutscher halten.
+"Ich muß in dies Hôtel." Der Wagen hielt, sie öffnete die Tür, stieg aus
+und schloß sie hinter sich. Mit einem langen Blick auf Mary sagte sie:
+"Good bye!"--"Good bye!" war die leise Antwort.
+
+Beide fühlten, es war für immer.
+
+Mary fuhr weiter. Sowie sie zu Hause war, ging sie geradenwegs in den
+Salon; sie wollte ihrem Vater etwas sagen. Schon draußen vor der Tür
+hörte sie Klavierspiel und wußte, daß Jörgen Thiis da war. Aber das
+hielt sie nicht zurück. In Hut und Sommermantel stand sie plötzlich
+unerwartet im Zimmer. Jörgen Thiis sprang vom Klavier auf und ging ihr
+entgegen, seine Augen waren voll Bewunderung; sie glühte nämlich vor
+Erregung. Aber etwas Stolzes und Abweisendes in all dem Funkeln
+bewirkte, daß er es aufgab, sich ihr zu nähern. Da bekamen seine Augen
+das Saugende, Gierige, das sie so tief verabscheute. Mit leichtem Gruß
+ging sie an ihm vorbei auf den Vater zu. Er saß wie gewöhnlich in einem
+großen Stuhl mit einem Buch auf den Knien. "Du Vater, was meinst Du,
+wollen wir jetzt nach Hause reisen?"
+
+Alle Gesichter hellten sich auf. Frau Dawes rief: "Denk nur, Jörgen
+Thiis hat gerade gefragt, wann wir reisen; dann will er mit."--Mary
+wandte sich nicht zu Jörgen Thiis, sondern fuhr fort: "Ich glaube, das
+Schiff fährt morgen von le Havre ab."--"Ja, ganz recht," antwortete ihr
+Vater, "aber bis dahin werden wir wohl nicht fertig?"--"Doch, das werden
+wir," sagte Frau Dawes, "wir haben ja den ganzen Nachmittag."--"Ich will
+mit Vergnügen helfen", sagte Jörgen Thiis. Dafür bekam er einen
+freundlichen Blick von Mary, ehe sie über den Preis Bericht erstattete,
+den Alice für die holländische Küstenlandschaft, die ihr Vater haben
+wollte, angesetzt hatte. Dann ging sie hinaus, um ihre eigenen Sachen
+einzupacken.
+
+Sie trafen sich alle vier um halb acht im Hotel beim Diner. Mary fand
+sich, etwas abgespannt, auch ein; Jörgen Thiis ging ihr entgegen und
+sagte: "Gnädiges Fräulein haben doch diesmal Franz Röy kennen
+gelernt?"--Der Vater und Frau Dawes waren ganz Aufmerksamkeit; sie
+verrieten dadurch, daß Jörgen soeben mit ihnen darüber gesprochen haben
+mußte. Immer wenn sie die Bekanntschaft eines Herrn machte, bekamen
+nämlich die beiden Angst. Mary wurde rot; sie fühlte es, und daher
+vertiefte sich das Rot noch. Die beiden starrten sie an. "Ich habe ihn
+bei Miß Clerq gesehen", antwortete Mary. "Miß Clerqs Mutter und sie sind
+mehrere Sommer in Norwegen gewesen und dort mit Franz Röys Familie
+zusammengetroffen; sie sind aus einer Stadt. Soll ich noch weitere
+Aufklärungen geben?" Jörgen Thiis erschrak. Die andern starrten sie an.
+Er sagte eilig: "Ich habe gerade zu Ihrem Vater und zu Frau Dawes
+gesagt, daß unter uns jüngeren Offizieren Franz Röy als der beste gilt,
+den wir überhaupt haben. Ich habe es also nicht böse gemeint."--"Das
+habe ich auch nicht von Ihnen gedacht. Aber wenn ich selbst von dieser
+Bekanntschaft hier nicht gesprochen habe, darf es auch von keinem
+Fremden zugetragen werden, finde ich."--Ganz erschrocken sagte Jörgen
+Thiis, daß ... daß ... daß er keine andere Absicht dabei gehabt habe
+als, als, als ... "Das weiß ich", schnitt sie ihm das Wort ab.
+
+Dann gingen sie zusammen hinunter. Bei Tisch--sie hatten einen für sich
+allein--nahm Jörgen Thiis das Thema natürlich wieder auf. Das könne
+nicht so abgetan werden. Die Offiziere, sagte er, bedauerten, daß Franz
+Röy zum Geniekorps übergegangen sei. Er sei ein hervorragender Stratege.
+Ihre Übungen, sowohl die theoretischen wie die praktischen, hätten ihm
+Gelegenheit gegeben, sich auszuzeichnen. Jörgen führte Beispiele an, die
+sie aber nicht verstanden. Da wartete er mit Anekdoten über Franz Röy
+auf. Aus dem Leben mit den Kameraden, aus seinem Beruf. Die sollten
+beweisen, wie beliebt und wie schneidig er sei; Mary aber fand, sie
+bewiesen eher, wie jungenhaft er sei. Jörgen trat also den Rückzug an:
+er habe es nur erzählen hören; Franz Röy sei ja älter als er. "Wie
+finden Sie ihn denn?" fragte er plötzlich sehr unschuldig. Mary zögerte,
+die ändern blickten auf. "Er redet so sehr viel."--Jörgen lachte. "Ja,
+was soll er machen? Er hat soviel Kraft."--"Muß die sich an uns andern
+auslassen?" Darüber lachten sie alle, und damit war die Spannung gelöst,
+in der bis jetzt alle befangen waren. Krog und Frau Dawes fühlten sich
+sicher vor Franz Röy. Auch Jörgen Thiis.
+
+Sie kamen um halb neun wieder nach oben. Mary entschuldigte sich,--sie
+sei müde. Von ihrem Zimmer aus hörte sie Jörgen Thiis spielen. Sie lag
+und weinte.
+
+ * * * * *
+
+Der nächste Abend auf dem weiten, stillen Meer. Es dämmerte leise der
+Sommernacht entgegen; zwei Rauchsäulen in der Ferne,--sonst nichts. Ein
+ununterbrochenes helles Grau oben und unten. Mary lehnte sich an die
+Reeling. Kein Mensch weiter war zu sehen; das Stampfen der Maschine war
+der einzige Laut.
+
+Sie war eben unten beim Konzert gewesen, war aber vor den andern nach
+oben gegangen. Ein Gefühl unsäglicher Einsamkeit trieb sie hinauf zu
+diesem inhaltlosen Ausblick. Überall Wolken als Grenze.
+
+Nichts als Wolken; nicht einmal ein Widerschein der untergegangenen
+Sonne.
+
+Was war ihr selbst von dem Glanz der Welt geblieben, aus der sie kam?
+War nicht in ihr und um sie herum die gleiche Leere? Das Wanderleben war
+jetzt vorbei; weder ihr Vater noch Frau Dawes konnten oder wollten es
+fortsetzen; das wußte sie. In der Bucht, wo sie wohnten, war kein
+Nachbar, an dem ihr lag. In der Stadt eine halbe Stunde davon kein
+Mensch, an dem sie hing. Sie hatte sich keine Zeit dazu gelassen. Sie
+war nirgends heimisch. Ihr Leben war keins, das aus der Scholle
+herauswächst und mit allem verknüpft ist, was daran hängt. Wo sie
+hinkam, schien die Unterhaltung zu stocken, damit ein anderes Thema, das
+ihr angepaßt war, aufgenommen werden konnte. Die Globetrotter, die mit
+ihr durch die Welt zogen, sprachen von Reiseerlebnissen, von Museen und
+Musik an den Orten, die sie zusammen aufgesucht hatten. Manchmal auch
+über Probleme, die mit ihnen schwammen, wohin sie auch fuhren. Aber kein
+einziges darunter, das ihr nahe ging. Die Redensarten, auf die es ankam,
+konnte sie auswendig. Es war eigentlich eine Art Sprachübung oder ein
+zweckloses, müßiges Geschwätz.
+
+Die Huldigungen, die ihr dargebracht wurden, und die bisweilen in einen
+Kultus ausarteten, fingen schon an, als sie noch ein Kind war und es für
+Spiel ansah. Später war es ihr so zur Gewohnheit geworden wie die Touren
+eines Kontres. Ein einzelner Zwischenfall, der die ganze Familie in
+Aufregung gebracht hatte, ein paar Fälle, die weh getan hatten, waren
+längst vergessen; das ganze war jetzt Alltäglichkeit ohne Ernst. Sie
+stand einsam und mit leeren Händen da.
+
+Es ging ein Zucken durch ihren Körper, als ihr Franz Röys riesige
+Gestalt vor Augen trat. So deutlich, so scharf in allen Einzelheiten,
+daß ihr war, als könne sie sich nicht vom Fleck rühren.
+
+Er war nicht wie die anderen. Hatte das sie in Aufregung gebracht?
+
+Bei dem bloßen Gedanken an ihn zitterte sie. Ohne daß sie es wollte,
+stand Alice neben ihm in ihrer üppigen Lüsternheit, mit frivolen Augen
+... In was für einem Verhältnis standen die beiden? Es wurde ihr dunkel
+vor den Augen, es stach, es kochte in ihr. So stand sie und weinte.
+
+Sie hörte ein dumpfes Brausen von etwas Gewaltigem. Sie wandte sich nach
+der Richtung. Ein Ozeansteamer kam ihnen entgegen, so unvermutet und so
+ungeheuer groß, daß sie den Atem anhielt. Er wuchs aus dem Meer heraus
+ohne Warnungssignal. Er schoß in rasender Fahrt auf sie zu, wurde größer
+und immer größer, ein Feuerberg von großen und kleinen Lichtern. Unter
+schäumendem Brausen kam er und zog er vorbei. Nur einen Augenblick, und
+er war ein Bild in der Ferne.
+
+Wie das sie ergriff!
+
+Dies vorüberrauschende Leben, das von Erdteil zu Erdteil eilt, voll
+Arbeit und Gedanken in ewigem, fruchtbarem Austausch.
+
+Während sie hier in einer kleinen Tonne umherschwamm, die von den Wellen
+des Weltkolosses geschaukelt wurde, daß man sich festhalten mußte.
+
+Sie stand wieder allein in der großen Wüste. Wie verraten. Es war doch
+wie ein Verrat, wenn alles, was sie in drei Erdteilen gesehen und gehört
+hatte an Volksleben und Festen, kirchlichen wie nationalen, an
+Kunstwerken und an Musik,--gewissermaßen zurückblieb, wo sie es gesehen
+und gehört hatte, während sie einsam in einer unheimlichen,
+bewegungslosen Einöde stand.
+
+ * * * * *
+
+Daheim
+
+
+Es kam erstaunlich anders.
+
+Schon als sie an Land stieg, sah sie bei Jung und Alt die
+ungeheucheltste Freude über das Wiedersehen. Alle Gesichter strahlten.
+Ebenso auf dem Wege zum Marktplatz; jeder freute sich; jeder grüßte.
+Während sie keinen Gedanken für diese Leute gehabt hatte, hatten sie
+ihrer gedacht. Vom Haus am Markt wollten sie später am Tage mit dem
+Küstendampfer nach Krogskog weiterfahren. In der Zwischenzeit bekamen
+sie Besuch von ihren Verwandten. Die mußten ihnen doch sagen, wie froh
+sie seien, sie endlich wiederzusehen. Sie mußten auch von der Freude
+berichten, die das spanische Bild Marys hervorgerufen hatte, erst hier,
+dann in der Hauptstadt und jetzt auf einer Rundreise durch das Land mit
+anderen Bildern. Man schreibe,--ja, sie habe doch gelesen, was man
+schreibe?--Nein, sie habe überhaupt keine Zeitungen gelesen, nur hier
+und da ein Blatt, das an ihrem jeweiligen Aufenthaltsort erschienen sei.
+"Liest Du denn keine hiesigen Zeitungen?"--"Doch, wenn Vater sie mir
+zeigt." Ob ihr denn ihr Vater nichts davon erzählt habe, und Frau Dawes
+auch nicht?--"Nein."--"Ja, nun sei sie in ganz Norwegen bekannt. Dies
+sei doch das dritte Bild von ihr; oder gar das vierte? Und dies sei das
+schönste. Die illustrierten Zeitschriften hätten es gebracht. Ein
+englisches Kunstjournal, "The Studio", habe es auch reproduziert. Ob sie
+das nicht wisse?"--"Nein."--Die Jugend sei ganz stolz auf sie. Darum
+hätten sie mit ihrem Frühlingsfest bis zu ihrer Heimkehr gewartet. "Da
+soll Staat mit Dir gemacht werden."--"Mit mir?"--"Wir wollen nach
+Marielyst, der Dampfer von hier und einer aus der Nachbarstadt, wir
+treffen uns dort. Jörgen Thiis hat von Paris aus den ganzen Plan
+entworfen."--"Jörgen Thiis?"--"Ja, hat er nichts davon gesagt?"--"Nein."
+
+Kaum war sie allein, so ging sie zu ihrem Vater ins Zimmer, der im
+Begriff war, einige Kunstgegenstände auszupacken, die er gekauft hatte,
+und die hier aufgestellt werden sollten. "Vater, hast Du die Bilder von
+mir ausstellen lassen?" Er lächelte und sagte unschuldig: "Ja,
+allerdings habe ich das getan, liebes Kind. Und viele haben ihre Freude
+daran gehabt. Man hat mich übrigens darum gebeten. Man hat mich jedesmal
+darum gebeten." Er sagte es so nett. Daß er ihr nichts davon gesagt
+hatte und auch Frau Dawes und gleichzeitig wohl auch Jörgen Thiis es
+verboten hatte, fand sie reizend. Sie tat etwas, was sie sonst sehr
+selten tat, sie ging hin und gab ihm einen Kuß.
+
+Also das war es, worüber ihr Vater so eifrig mit Frau Dawes und Jörgen
+Thiis getuschelt und geflüstert hatte? Deshalb waren die Zeitungen aus
+der Heimat ihr vorenthalten worden. Alles war verabredet,--sogar der
+Vorschlag, gerade jetzt nach Hause zu reisen! Sie hatte Jörgen Thiis
+beinahe lieb.
+
+Als sie nach Krogskog abfuhren, hatte sich eine Menge Jugend auf der
+Brücke eingefunden. Sie riefen: "Auf Wiedersehen am Sonntag!"
+
+Sie fand die Landschaft hinreißend schön. Die kleine halbe Stunde bis
+Krogskog war wie ein Begrüßen guter alter Bekannter, ein fortwährendes
+Begrüßen. Jetzt war auch die partielle Verlegung der Strandstraße an der
+Küste entlang fertig. Es war wirklich lustig, wie sie sich um die
+Landzungen herumschlängelte und oft in die Felsen hineinschnitt. Über
+Krogskog führte der Weg wie früher durch die Ebene von einer Landspitze
+zur andern, dicht an der Landungsbrücke vorbei und dicht unter der
+Kapelle mit dem Kirchhof.
+
+Nein, wie behaglich Krogskog dalag: Sie hatte behalten, wie einsam es
+lag; aber sie hatte vergessen, wie reizvoll es war! Diese stille, blanke
+Bucht mit den Seevögeln! Das Gekräusel da hinten, wo der Fluß mündete,
+die große Ebene hoch oben zwischen den Hügeln, und die Höhen so
+grünbewachsen. Waren die Bäume vor dem Wohnhause wirklich nicht höher?
+Wie gut sich das langgestreckte Haus machte mit den schwarzen Fenstern
+und der schwarzen Grundmauer. Aus dem einen Schornstein stieg dichter
+Rauch auf; er wirbelte ein lustiges Willkommen in die Luft. Sie sprang
+vor den andern an Land und lief hinüber. Ein Mädchen von neun, zehn
+Jahren kam heruntergerannt, blieb, als sie Mary gewahrte, stehen, machte
+Kehrt und rannte all was sie konnte zurück. Mary aber holte sie vor der
+Treppe ein. "Jetzt hab' ich Dich!" sie drehte sie zu sich herum: "Wie
+heißt Du?" Es war ein hellhaariges, lachendes Ding, das nicht
+antwortete. Auf der Treppe standen die Mädchen und eine von ihnen sagte,
+sie heiße Nanna und sei hier Laufmädchen. "Dann sollst Du mein Mädchen
+sein!" sagte Mary und nahm sie die Treppe mit hinauf. Sie nickte jeder
+einzelnen zu, merkte aber, wie enttäuscht sie waren, als sie eilig
+weiterging, ohne mit ihnen zu sprechen. Sie sehnte sich danach, den Fuß
+auf die dicken Teppiche zu setzen, die seltsame Beleuchtung im Vorzimmer
+um sich zu fühlen, die großen, kostbaren Schränke und alle Malereien und
+Raritäten aus der holländischen Zeit wiederzusehen. Sie sehnte sich mehr
+noch danach, hinauf in ihr eigenes Gemach zu kommen. Diese Lautlosigkeit
+auf der Treppe und nachher auf dem langen, dämmerigen Gang--die hatte
+nie ein solches Flüsterspiel mit ihr getrieben wie heute. Etwas Weiches,
+Halbverstecktes, Vertrautes und Nahes zugleich. Das redete noch zu ihr,
+als sie vor der Tür zu ihrem Zimmer stand, es hielt sie so fest, daß es
+eine Weile dauerte, bis sie die Tür öffnete.
+
+Ah, der Raum lag in vollem Sonnenlicht, es kam von dem Fenster an der
+Längswand, das auf die andern Häuser und auf die Anhöhe hinausging.
+Blasseres Licht vom Fenster gerade gegenüber, das auf den Obstgarten und
+drunten auf die Bucht sah. Die blinkte durch die Bäume. Über den Bäumen
+sah man die Inseln und das hellgraue Meer. Vom Hügel aber, der im
+schönsten Blüten- und Laubschmuck stand, zog Frühlingsduft herein. Das
+Zimmer selbst in seiner weißen Reinheit lag da wie ein Schoß, der all
+dies aufnahm. Hier drinnen scharte sich alles ehrerbietig um das Bett,
+das mitten in der Stube stand. Es war nicht nur wie für eine Prinzessin;
+es war die Prinzessin selber; alles andere neigte sich davor.
+
+ * * * * *
+
+Der Ausflug nach Marielyst war in jeder Beziehung wohlgelungen. Aber an
+dem Tage kam zwischen Mary und Jörgen eine Verstimmung auf.
+
+Das ging so zu. Jörgen Thiis kam mit einer großen, starken Dame an
+Bord--ihre breite Stirn, die warmen Augen, die kleine Nase und das
+vorspringende Kinn trieben ein leichtes Rot in Marys Wangen, das sie zu
+verbergen suchte, indem sie sich erhob und fragte: "Sie sind doch die
+Schwester des Hauptmanns im Geniekorps Franz Röy?"--"Ja", antwortete
+Jörgen Thiis; "wir haben der Sicherheit halber einen Arzt mitgenommen."
+---Mary: "Das freut mich sehr; ich habe natürlich durch Ihren Bruder von
+Ihnen gehört. Er hat Sie sehr lieb."--"Das tun wir überhaupt alle",
+versicherte Jörgen Thiis und entfernte sich.
+
+Fräulein Röy selbst hatte nichts gesagt, aber ihre forschenden Augen
+überströmten Mary mit Bewunderung. Jetzt setzte sie sich neben sie.
+"Bleiben Sie lange daheim?"--"Das weiß ich nicht. Vielleicht reisen wir
+überhaupt nicht mehr; mein Vater ist zu schwach."--Fräulein Röys kluge
+Augen notierten das förmlich. Sie sagte eine ganze Weile nichts mehr.
+Mary aber dachte bei sich: wie taktvoll, daß sie nicht von ihrem Bruder
+anfängt.
+
+Die beiden gingen während des Ausflugs einander nicht von der Seite. Sie
+standen auch zusammen, als nachher im Freien Erfrischungen gereicht und
+Reden gehalten wurden. Die Festfreude stieg Jörgen Thiis zu Kopf. Man
+kam zu ihm und stieß mit ihm an, und er wurde sentimental und redete.
+Auf das Ideal, das ewige Ideal. Glücklich der Mann, dem es schon in
+seiner Jugend begegne! Er trage es in seiner Brust wie einen
+wegweisenden, unauslöschbaren Scheinwerfer auf dem Pfade des Lebens!--Er
+trank das Glas bis zum Grunde aus und schleuderte es bleich und bewegt
+zu Boden.
+
+Dieser fürchterliche Ernst kam den fröhlichen Menschen so unerwartet,
+daß sie lachen mußten. Alle miteinander!
+
+Fräulein Röy sagte zu Mary: "Sie sind doch viel mit Leutnant Thiis
+zusammen gewesen?"--"Diesen Winter und im vorigen auch", antwortete Mary
+leichthin und aß ihr Eis.
+
+Ein junges Mädchen stand daneben. "Es ist eine merkwürdige Sache mit
+Jörgen Thiis", sagte sie. "Zu uns ist er so nett; aber gegen die
+Soldaten soll er so schlecht sein." Erstaunt wandte Mary sich zu ihr um.
+"Wieso schlecht?"--"Er soll sie so quälen, soll so furchtbar streng sein
+und so ganz sonderbar, und um das kleinste strafen." Mary richtete ihre
+allergrößten Augen auf Margrete Röy. "Ja, das ist Tatsache", antwortete
+die leichthin; sie aß auch ihr Eis.
+
+Als gegen Abend der Tanz zu Ende war und sie zum Schiff hinunterzogen,
+Mary an Jörgens Arm, da sagte sie zu ihm: "Ist es wahr, daß die
+Mannschaften Ihres Kommandos über Sie klagen?"--"Das kann schon sein,
+gnädiges Fräulein." Er lachte.--"Ist das zum Lachen?"--"Ja, zum Weinen
+jedenfalls nicht, gnädiges Fräulein", er war so recht vergnügt, er hätte
+sie am liebsten in den Arm genommen und wäre mit ihr nach der
+Landungsstelle hinunter getanzt; das taten viele andere auch. Aber Mary
+weigerte sich. "Mir hat es weh getan, das zu hören", sagte sie. Da
+merkte er, daß es ihr Ernst war. "Ich will Ihnen sagen, gnädiges
+Fräulein, der Norweger weiß im großen und ganzen nicht, was Gehorsam und
+Disziplin sind. In der kurzen Zeit, da wir ihn unter unserm Kommando
+haben, müssen wir es ihm beibringen."--"Auf welche Weise?"--"Mit
+Kleinigkeiten natürlich."--"Indem Sie ihn mit Kleinigkeiten
+quälen?"--"Ja. Ganz recht."--"Mit Dingen, deren Notwendigkeit er nicht
+einsieht?"--"Ja gewiß. Er soll sich das Räsonnieren abgewöhnen. Er soll
+gehorchen. Und das, was er tut, soll er korrekt tun. Absolut korrekt."
+
+Mary antwortete nicht. Aber als jetzt ein Paar an ihre Seite kam, sprach
+sie mit denen und setzte das fort, bis sie die Landungsbrücke erreicht
+hatten.
+
+Auf dem Schiff sah sie, daß Jörgen Thiis verstimmt war. Als sie von Bord
+gingen, stand er nicht an der Landungsbrücke. Ohne jede Verabredung
+begleitete die ganze Gesellschaft sie heim nach dem Haus am Markt. Sie
+sangen und lärmten vor der Tür, bis sie auf den Altan heraustrat und
+Blumen über sie streute,--die mitgebrachten und alle, die sie irgend
+fand. Sie gingen lachend und geräuschvoll auseinander. Aber als sie von
+dannen zogen, suchte sie unter ihnen nach Jörgen; er war nicht da. Das
+tat ihr leid; sie hatte ihm einen der schönsten Tage ihres Lebens
+schlecht gelohnt. Alle waren so reizend zu ihr gewesen.
+
+Größere und kleinere gesellschaftliche Zusammenkünfte lösten jetzt
+einander ab; aber Jörgen Thiis war verschwunden. Zuerst war er eine
+Zeitlang daheim bei seinen Eltern gewesen, jetzt war er in Kristiania.
+Mary hatte nie weiter an Jörgen Thiis gedacht; aber nun, da er sich
+fernhielt, besann sie sich darauf, wieviel von jenen schönen Begegnungen
+mit ihren Altersgenossen auf sein Konto kam. Der wunderliche Toast, den
+er auf die "Treue gegen das Ideal" ausgebracht hatte, ... als er sprach,
+da hatte sie nur gedacht: wie sentimental Jörgen Thiis doch sein kann!
+Jetzt dachte sie: vielleicht galt das mir? Sie war an solche
+Übertreibungen gewöhnt, und sie machte sich absolut nichts aus Jörgen
+Thiis. Aber wenn sie überlegte, wie rasend verliebt er schon bei ihrem
+ersten Zusammentreffen gewesen war, und daß er in all diesen Jahren
+genau so geblieben war, wann und wo sie sich auch begegneten, da wurde
+das doch ein wenig mehr. Die gierigen, verzehrenden Augen bekamen
+dadurch beinahe etwas Rührendes. Daß er es nicht ertrug, mit ihr
+zusammen zu sein, wenn sie das geringste gegen ihn hatte, bewies ja
+auch, wie gern er sie hatte. Daß er nichts sagte, sondern einfach
+fortblieb, gefiel ihr.
+
+Da kam eines Tages Mille Falke, die hübsche, sanfte Frau des
+lungenkranken Oberlehrers, zu ihr heraus. Sie habe einen Brief von
+Jörgen Thiis bekommen. Eine Gesellschaft von zehn Personen in Kristiania
+habe eine Fahrt nach dem Nordkap geplant. Sie hätten schon vor zwei
+Monaten die Plätze bestellt,--und jetzt sei etwas dazwischen gekommen.
+Man habe Jörgen Thiis gefragt, ob er nicht die Billets übernehmen und
+zehn Personen heranholen könne, um mit ihnen diese herrliche Fahrt zu
+machen. Unten in den Kleinstädten lebe man in besserer Kameradschaft, da
+sei es leichter, eine solche Gesellschaft zusammenzubringen. Jörgen
+Thiis habe sich bereit erklärt,--wenn Mary Krog dabei sein wolle; er
+wisse, dann bekomme man die andern schon zusammen.
+
+Frau Falke setzte Mary das in ihrer Schmeichelkatzenart auseinander, der
+nur wenige widerstehen konnten. Mary hatte freilich nicht die geringste
+Lust, in der Sommerhitze auf dem Deck eines Dampfers zu sitzen und alles
+abzubrechen, was hier unternommen wurde; es war gar zu nett. Aber sie
+wollte Jörgen Thiis nicht gern noch einmal kränken. Sie sprach mit ihrem
+Vater und mit Frau Dawes: sie hörte noch einmal Frau Falke an--und
+willigte ein.
+
+In der ersten Hälfte des Juli versammelte sich die Gesellschaft eines
+Nachts an Bord eines Küstendampfers, der sie nach Bergen bringen sollte.
+Von dort wollte man die Reise antreten. Es waren sechs Damen und vier
+Herren. Eine der Damen war die würdige Vorsteherin der Schule, die
+Mutter des einen Herrn und die ehemalige Lehrerin von drei der Damen.
+Sie war das moralische Zentrum. Dann war ein jungverheiratetes Paar da,
+das die ganze Reise über geneckt wurde. Es lohnte sich; denn beide waren
+sehr lebhaft und gaben es reichlich zurück. Ein junger Kaufmann schnitt
+zwei Damen die Kur--behauptete man wenigstens--ohne sich klar zu werden,
+welche er am liebsten mochte. Das zu entscheiden, half ihm die ganze
+übrige Gesellschaft; die beiden Damen am eifrigsten. Ein junger
+Philologe wurde gleich in der ersten Nacht auf dem Küstendampfer "der
+Verlassene" getauft. Mit Ausnahme der alten Dame machten alle anderen
+einen furchtbaren Radau, und keiner tat ein Auge zu. Er allein konnte
+nicht tanzen und auch nicht singen und auch nicht die Kur schneiden. Er
+konnte nicht mal vertragen, wenn man ihm den Hof machte, dann wurde er
+nämlich verlegen. Die Folge war, daß alle, auch Mary, "dem Verlassenen"
+den Hof machten, bloß um sich an seinem jämmerlichen Zustand zu weiden.
+Der Urheber dieser Scherze war immer Jörgen Thiis; er neckte so
+leidenschaftlich gern. Seine Erfindungsgabe in dieser Beziehung konnte
+man nicht immer frei von Bosheit nennen.
+
+Im Anfang ging er frei aus. Aber nach und nach wagte sich sogar "der
+Verlassene" an ihn heran. Über seinen Appetit, seine Herrschsucht und
+besonders über seine untertänige Dienerrolle Mary gegenüber wurde
+allgemein gestichelt. Mary hatte die wachsamen Augen der Krogs für
+Übertreibungen, so daß sie mitlachte, auch wenn es über die
+Untertänigkeit gegen sie herging. Er ließ sich nicht im geringsten
+stören. Er aß genau soviel, war genau so pedantisch als Führer der
+Gesellschaft und blieb unerschütterlich Marys erfinderischer, unablässig
+hilfsbereiter Diener.
+
+Das Schiff war voll Passagiere; darunter viele Ausländer. Aber die
+fröhliche Gesellschaft von Jörgen Thiis wurde der Mittelpunkt. Die Natur
+machte so häufig Anspruch auf die Bewunderung der Reisenden, daß nicht
+allzu große Reibungen vorkamen. Es war, als werde etwas Gewaltiges
+vorgetragen. Ein Wunder löste das andere ab. Dazu kam der lange Tag. Die
+Nächte wurden immer kürzer; schließlich gab es überhaupt keine Nacht
+mehr. Sie fuhren in lauter Licht hinein, und das berauschte. Sie wurden
+nicht müde. Sie tranken, sie tanzten und sangen; schließlich waren sie
+alle auf denselben Ton gestimmt. Es wurden Vorschläge gemacht, die sonst
+unmöglich gewesen wären; in die Wildheit der Landschaft, in den Rausch
+von Licht paßten sie hinein. Als Mary eines Tages bei starkem Sturm
+ihren Hut verloren hatte, sprangen zwei Herren ihm nach. Der eine war
+natürlich Jörgen Thiis. Die Gemüter waren hoch über den Alltag hinaus
+gespannt. Wenn einer oder der andere müde wurde, schlief er Tage und
+Nächte durch. Aber die meisten hielten aus, jedenfalls solange es
+vorwärts ging. Unter ihnen Mary.
+
+Jörgen Thiis hatte es durch seine ehrerbietige Energie dahin gebracht,
+daß alle Leute Mary mehr oder weniger genau so behandelten wie er
+selbst. Es kam auch nicht die geringste Störung vor, was besonders ihrer
+eigenen formvollendeten Art und ihrer aufmerksamen Rücksichtnahme zu
+danken war.
+
+Als sie von Bord gingen und wieder den Küstendampfer bestiegen, forderte
+sie aus dem Gefühl aufrichtiger Dankbarkeit Jörgen Thiis auf, mit ihr
+nach Krogskog zu kommen. "Ich kann nicht so plötzlich Schluß machen",
+sagte sie.
+
+Und er blieb mehrere Tage dort. Alles fand er schön und behaglich. Der
+Kunstsinn, der ihm eigen war, ging mehr aufs kleine; er schwärmte z.B.
+für ethnographische Schnurrpfeifereien, und deren gab es hier eine
+Menge. Die Zimmer und ihre Einrichtung waren so ganz nach seinem
+Geschmack. Frau Dawes, der gegenüber er frei heraus redete, vertraute er
+sich an; dies Behagliche, Gedämpfte stimme ihn erotisch, sagte er. Er
+phantasierte viele Stunden lang auf dem Klavier; und immer in dieser
+Richtung.
+
+Mary behandelte er unter vier Augen mit der gleichen Ehrerbietung wie in
+Gegenwart anderer. Seit sie ihn kannte, hatte sie nicht ein einziges
+Wort von ihm gehört, das als Einleitung zu einer Werbung aufgefaßt
+werden konnte; ja nicht einmal ein Wort, das eine Einleitung zur
+Einleitung hätte darstellen können. Und das gefiel ihr.
+
+Sie streiften zusammen durch Wald und Feld; sie ruderten zusammen zum
+Besuch bei Verwandten. Er hatte den Schlüssel zu ihrem Badehaus. Er ging
+hin, wenn noch keiner auf war, oft nach ihren Spaziergängen noch einmal.
+
+Mary selbst war umgänglicher geworden. Er sagte es einmal. "Ja,"
+antwortete sie, "die jungen Menschen hier leben mehr wie ein
+Geschwisterkreis zusammen und sind daher anders, freier und frischer.
+Das hat mich angesteckt."
+
+Eines Morgens mußte er zur Stadt und Mary begleitete ihn. Sie wollte
+Onkel Klaus, seinen Pflegevater, besuchen. Sie hatte ihn, seit sie
+heimgekommen war, noch nicht gesehen.
+
+Er saß in einer Rauchwolke wie eine Spinne in ihrem grauen Netz. Er
+sprang auf, als er Mary eintreten sah, war beschämt und führte sie in
+die gute Stube. Jörgen hatte Mary darauf vorbereitet, daß er schwerlich
+guter Laune sei; er habe wieder kleine Verluste gehabt. Sie saßen auch
+kaum in der kahlen, steifen guten Stube, als er anfing, über die
+schlechten Zeiten zu klagen. Wie seine Art war, machte er den Rücken
+krumm und spreizte die Beine auseinander, um die Ellbogen auf die Knie
+stützen und die langen Finger gegeneinander stemmen zu können.--"Ja, Sie
+haben es gut; Sie amüsieren sich bloß!" Vielleicht wollte er das wieder
+gutmachen. Er sagte: "Ich habe nie ein schöneres Paar gesehen!"
+
+Jörgen lachte, wurde aber rot bis an die Schläfen. Mary saß unbeweglich;
+es berührte sie nicht.
+
+Jörgen begleitete sie zurück nach dem Krogschen Haus am Markt, das dicht
+daneben lag. Er sagte unterwegs kein Wort und verabschiedete sich
+flüchtig. Später kam Nachricht von ihm, er müsse bis zum Abend in der
+Stadt bleiben; dann fahre er mit seinem Rade nach Krogskog hinaus. Das
+war gegen die Verabredung; aber sie fuhr heim.
+
+Auf der Dampferfahrt nach Hause nahm sie den Gedanken auf: Jörgen Thiis
+und sie ein Paar? Nein! Das war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Er
+war ein schöner eleganter Kerl, ein tadelloser Kavalier, ein wirklicher
+Künstler auf dem Klavier. Über seinen hellen Kopf und seinen Takt war
+nur eine Meinung. Selbst das, was sie früher so abgestoßen hatte, seine
+Genußsucht, die in Blick und Mienen auftauchen und ihnen dies
+Verzehrende geben konnte, von dem sie sich abwandte ... vielleicht war
+von dieser Grundlage aus das andere kultiviert worden? Das Gefühl für
+das Vollkommene in Kunst, Disziplin und Sprache? Aber doch blieb da
+etwas Unaufgeklärtes. Es war ihr gleichgültig, was es war; denn sie warf
+all diese Betrachtungen über Bord. Es ging sie nichts an.
+
+Sie hatte eine Bauernfrau gesehen, die in ihrer Jugend bei ihnen gedient
+hatte; zu der setzte sie sich. Die Frau freute sich: "Na, wie geht es
+Ihrem Vater? Jetzt bin ich so alt geworden; aber ich sage, soviele ich
+kennen gelernt habe,--einen netteren Mann als Ihren Vater habe ich nie
+getroffen. Er ist und bleibt der Beste."
+
+Das kam so unerwartet und so warm heraus, daß es Mary rührte. Die Frau
+erzählte dann eine Geschichte nach der anderen von der Güte ihres Vaters
+und von seinem rücksichtsvollen Wesen. Sie hatte solange zu erzählen,
+bis sie da waren. Zuerst dachte Mary, etwas Schöneres sei ihr lange
+nicht widerfahren. Aber dann wurde ihr bange. Sie hatte fast vergessen,
+wie sehr sie selbst ihn liebte, hatte sich abgewöhnt, ihm das zu zeigen.
+Warum? Warum war sie von soviel anderem in Anspruch genommen und nicht
+von ihm, der der Liebste und Beste von allen war?
+
+Sie lief eilig nach dem Hause hinauf. Obwohl der Vater kränklich war,
+war sie in letzter Zeit fast nie bei ihm gewesen.
+
+Als sie näher kam, sah sie Jörgens Rad an der Treppe stehen und hörte
+ihn spielen. Aber sie eilte vorbei zu ihrem Vater hinein, der in seinem
+Arbeitszimmer am Pult saß und schrieb. Sie schlang die Arme um ihn und
+küßte ihn, blickte ihm in die guten Augen und küßte ihn noch einmal. Mit
+ihrem scharfen Sinn für Komik lachte sie, als sie sein Erstaunen sah.
+"Ja, sieh mich nur an, denn ich tue es gar so selten. Aber es ist
+trotzdem wahr, daß ich Dich grenzenlos lieb habe." Wieder küßte sie ihn.
+"Mein liebes Kind!" sagte er und lächelte mitten in dem Überfall vor
+sich hin. Er war glücklich, das merkte sie. Allmählich kam in seine
+Augen das eigentümliche Leuchten, das keiner wieder vergessen konnte.
+Sie dachte bei sich: dies tue ich fortan jeden einzigen Tag.
+
+Jörgen und sie hatten eine Radtour in die Umgegend verabredet. Am
+nächsten Tage waren sie unterwegs. Der Verwandte, zu dem sie kamen, ein
+Kompagniechef, freute sich sehr über den Besuch. Sie mußten zwei, drei
+Tage dableiben. Die junge Welt aus der Nachbarschaft wurde dazu geladen
+und es kam eine Partie auf die Alm zustande,--wieder für Mary etwas
+Neues. "Ich kenne alle Länder, nur mein Vaterland nicht." Im nächsten
+Jahr wollte sie aber eine Reise durch Norwegen machen; dazu brauchte sie
+keine besondere Reisebegleitung. Mit dieser Aussicht wurde es eine
+königliche Heimfahrt.
+
+Gerade als Jörgen und sie ihre Räder an die Balustrade anlehnten, kam
+die kleine Nanna aus der Tür gelaufen und eilig die Treppe herunter. Sie
+weinte, bemerkte aber die Ankommenden nicht; sie wollte nach der andern
+Seite. Als Mary rief: "Was ist los?" blieb sie stehen und schluchzte:
+"Oh, kommen Sie, kommen Sie, ich sollte jemand holen!" Ebenso schnell
+wieder die Treppe hinauf, um zu verkünden, daß sie jetzt kämen. Jörgen
+hinterdrein, dann Mary. Es ging durch das Vorzimmer, die Treppe hinauf,
+den Gang entlang bis zur letzten Tür rechts. Da drinnen lag Anders Krog
+auf dem Fußboden, und neben ihm kniete schluchzend Frau Dawes. Er hatte
+einen Schlaganfall bekommen. Jörgen hob ihn auf, trug ihn auf sein Bett
+und legte ihn zurecht. Mary aber stürzte wieder hinunter ans Telephon
+wegen des Doktors.
+
+Der Doktor war nicht zu Hause; sie suchte ihn überall. Dazwischen schrie
+in ihr die Verzweiflung, daß sie nicht bei ihm gewesen war, als dies
+geschah. Sie hatte sich doch gerade das Versprechen gegeben, jeden Tag
+lieb zu ihm zu sein,--und hatte ihn doch verlassen! Ja, noch heute hatte
+sie sich auf den nächsten Sommer gefreut, wo sie ohne ihn im Lande herum
+reisen wollte. Was war aus ihr geworden? Was war los mit ihr?
+
+Sobald sie den Doktor gefunden hatte, eilte sie zum Vater zurück. Da war
+er ausgezogen, und Jörgen war fort. Frau Dawes aber saß am Kopfende des
+Bettes auf einem Stuhl mit einem Brief in der Hand, grenzenlos
+unglücklich. Kaum gewahrte sie Mary, so reichte sie ihr den Brief, ohne
+die Blicke von dem Kranken zu wenden.
+
+Der Brief war aus Amerika von einem Mary unbekannten Mann, der ihnen
+mitteilte, daß Bruder Hans ihr und sein Vermögen verloren habe. Er
+selbst sei schwachsinnig, sei es sicher schon lange gewesen.
+
+Mary war es bekannt, daß es in der männlichen Linie der Familie Krog
+nichts Außergewöhnliches war, wenn alte Leute geistesschwach wurden.
+Aber sie war erschrocken, daß ihr Vater keine Kontrolle geübt hatte!
+Auch das war ein bedenkliches Zeichen.
+
+Ihr Vater mußte mit diesem Brief auf dem Wege zu Frau Dawes gewesen
+sein, als ihn der Schlag gerührt hatte. Die Tür war nämlich geöffnet,
+und er lag dicht daneben.
+
+Mary las den Brief zweimal und wandte sich an Frau Dawes, die saß und
+weinte. "Ja, ja, Tante Eva,--das muß getragen werden."--"Getragen
+werden? Getragen werden? Was meinst Du? Das Geld? Das lumpige Geld! Aber
+Dein Vater! Dieser herrliche Mensch, mein bester Freund!" Sie blickte
+unverwandt auf seine geschlossenen Augen und weinte unaufhörlich,
+während sie ihm die zärtlichsten Namen gab, die höchsten Lobesworte,
+aber auf englisch. In der fremden Sprache fielen die Worte wie aus einer
+fernen Zeit über ihn; Mary lag auf den Knien daneben und las sie auf.
+Sie brachten von jedem Tage in dem Zusammenleben der beiden Alten die
+Entbehrungen, den Dank,--einen Niederschlag dessen, was sie an guten
+Worten, an freundlichen Blicken, an Gaben und Nachsicht empfangen hatte.
+Es kam so reich und so warm heraus mit der freudigen Kraft des guten
+Gewissens; denn Frau Dawes hatte versucht, ihm alles zu sein, so weit es
+in ihren Kräften stand. So goldene Worte jetzt über Marys Haupt ihm zu
+Ehren ausgeschüttet wurden, sie selbst machten sie arm. Denn sie war ihm
+so wenig gewesen. Oh, wie sie es bereute, wie verzweifelt sie war.
+
+Jörgen Thiis erschien draußen auf dem Gange, gerade als sie aufstand.
+Sie bückte sich nach dem Brief und wollte ihm das Papier geben, als Frau
+Dawes, die ihn auch gewahrte, ihn bat, sie in ihr Zimmer zu führen; sie
+müsse auch zu Bett. "Gott weiß, wann ich wieder aufstehe! Wenn es mit
+ihm zu Ende ist, ist es mit mir auch vorbei."
+
+Jörgen eilte herzu, nahm die schwere Masse aus dem Stuhl auf und segelte
+langsam mit ihr ab; er klingelte nach einem Mädchen, das sie dann zu
+Bett brachte; er selbst ging zu Mary zurück. Sie stand unbeweglich da
+mit dem Brief in der Hand, den sie ihm jetzt hinreichte.
+
+Er las ihn aufmerksam und wurde bleich. Ja, er war eine Weile wie
+betäubt; Mary trat ein paar Schritte näher an ihn heran; aber er merkte
+es nicht. "Das hat den Schlaganfall verursacht", sagte sie.
+
+"Natürlich", flüsterte er, ohne sie anzusehen. Gleich darauf ging er.
+
+Mary stand wieder neben ihrem Vater. Sein schönes, feines Gesicht rief
+nach ihr; sie warf sich wieder über ihn und schluchzte. Denn ihm, den
+sie am liebsten hatte, war sie am wenigsten gewesen. Vielleicht nur,
+weil er selbst nie an sich gedacht hatte?
+
+Sie verließ ihn nicht, bis der Doktor kam und mit ihm die Pflegerin. Da
+ging sie zu Frau Dawes hinein.
+
+Frau Dawes war verzweifelt und elend. Mary wollte sie trösten, aber sie
+unterbrach sie heftig: "Ich habe es zu gut gehabt. Ich bin mir zu sicher
+gewesen. Jetzt kommt der Ernst!" Mary erschrak bei diesen Worten; denn
+das hatte ihr die ganze Zeit auf dem Herzen gelegen.
+
+"Du verlierst uns beide, armes Kind! Und Dein Vermögen auch!" Mary war
+es nicht lieb, daß sie das Vermögen erwähnte. Frau Dawes fühlte das und
+sagte: "Du verstehst mich nicht, armes Kind! Es ist nicht Deine Schuld,
+es ist unsere. Wir haben Dir zu viel Willen gelassen. Aber Du warst auch
+so häßlich, wenn wir es nicht taten."
+
+Mary blickte erschrocken auf: "Ich häßlich?"--Frau Dawes: "Ich habe es
+Deinem Vater gesagt, Kind, ich habe es ihm oft gesagt. Aber er war so
+herzensgut, er beschönigte immer alles."
+
+Jörgen kam mit dem Doktor herein. "Wenn irgend etwas hinzutritt, kann es
+vorbei sein, gnädiges Fräulein."--"Bleibt er gelähmt?" fragte Frau
+Dawes.--Der Doktor wich der Frage aus; er sagte nur: "Jetzt ist vor
+allem Ruhe nötig." Es wurde still nach dieser Erklärung.
+
+"Gnädiges Fräulein dürfen nicht bei dem Kranken wachen, lieber zwei
+Pflegerinnen." Mary antwortete nicht. Frau Dawes fing wieder zu weinen
+an: "Ja, jetzt kommen andere Tage."--
+
+Der Doktor ging, begleitet von Jörgen Thiis. Als Jörgen zurückkam,
+fragte er leise: "Soll ich auch fort,--oder kann ich irgendwie
+nützen?"----"O nein, verlassen Sie uns nicht!" jammerte Frau Dawes.
+Jörgen blickte Mary an, die nichts sagte; sie schaute auch nicht auf.
+Sie weinte leise vor sich hin.
+
+"Sie wissen, gnädiges Fräulein," sagte Jörgen Thiis ehrerbietig, "daß
+ich keinem Menschen lieber zu Diensten sein möchte."--"Das wissen wir,
+lieber Freund, das wissen wir", schluchzte Frau Dawes.
+
+Mary hatte den Kopf erhoben; aber bei Frau Dawes' Worten schwieg sie.
+
+Als Mary nachher aus Frau Dawes' Stube kam, öffnete Jörgen eben die Tür
+seines Zimmers, das Marys gerade gegenüber lag. Er blieb in der weit
+geöffneten Tür stehen, so daß sie den gepackten Koffer hinter ihm sehen
+konnte. Sie stand still: "Sie wollen fort?"--"Ja", antwortete er.--"Hier
+wird es jetzt still." Er wartete auf mehr; aber mehr kam nicht. "Jetzt
+beginnt die Jagdsaison. Ich hatte Ihren Vater fragen wollen, ob ich in
+seinen Wäldern jagen dürfe."--"Wenn Ihnen meine Erlaubnis genügt, steht
+dem nichts im Wege."--"Tausend Dank, gnädiges Fräulein! Ja, da darf ich
+doch auch mal hierherkommen?" Er verneigte sich tief und nahm ihre Hand.
+
+Dann ging er zu Frau Dawes hinein, um ihr Adieu zu sagen. Da blieb er
+mindestens zehn Minuten. Er kam gerade wieder heraus, als Mary zu ihrem
+Vater hinüberging.
+
+Als sie über ihren Vater gebeugt stand, regte er sich und schlug die
+Augen auf. Sie kniete hin: "Vater!" Er schien nachzudenken und versuchte
+zu sprechen; es gelang ihm aber nicht. Sie sagte eilig: "Wir wissen
+es,--alles, Vater. Aber hab' deswegen keine Sorge! Uns wird es trotzdem
+an nichts fehlen." Seine Augen bewiesen, daß er verstanden hatte, wenn
+auch langsam. Er wollte die Hand erheben, merkte aber, daß er es nicht
+konnte. Er blickte sie schmerzlich erstaunt an; sie beugte sich über
+ihn, küßte ihn und weinte.
+
+Aber es wurde unglaublich schnell besser. War es Marys Gegenwart und ihr
+stetes Mühen um ihn, was ihm half? Die Krankenpflegerin behauptete es.
+
+Jetzt kam eine Zeit, in der sie unermüdlich war in ihrer Sorge um die
+beiden Kranken; zugleich aber trat sie die Verwaltung von Haus und Hof
+an. Sie übernahm die Buchführung und die Oberaufsicht. Sie fühlte sich
+wohl dabei, denn sie hatte Talent, Ordnung zu schaffen und zu
+dirigieren. Frau Dawes war sehr erstaunt darüber.
+
+Keine Sorge um die Zukunft, keine Sehnsucht nach alledem, was hinter
+ihr lag. Sie sagte allen, die sie bedauerten, es sei freilich hart, daß
+die beiden Alten krank seien; aber sonst gehe es ihr so gut, wie sie es
+sich nur wünschen könnte.
+
+ * * * * *
+
+An einem ungewöhnlich warmen Tage Anfang August hatte sie von morgens an
+sehr viel zu tun gehabt. Sie hatte Sehnsucht, sich ins Wasser zu
+stürzen, sowie sie Zeit hatte.
+
+Zwischen fünf und sechs liefen sie hinunter, die kleine Nanna und sie.
+Zuerst waren sie beide zusammen im Badehause; der kleinen Nanna machte
+es solche Freude, wenn sie mit Marys schönem Haar zu tun hatte; heute
+durfte sie es auflösen. Dann lief sie den Hügel hinauf bis an den großen
+Stein, um von dort aus nach beiden Seiten Wache zu halten. Mary mochte
+nichts anhaben, sondern wollte nach Herzenslust plätschern und
+schwimmen. Sie nahm den Weg nach der Insel. Von dort aus konnte sie
+selbst zu beiden Seiten die Einfahrt und die Wege übersehen. Alles
+still, keine Gefahr. Also wieder zurück.
+
+Die See umschmeichelte sie und trug sie, die Sonne spielte auf ihren
+Armen, die das Wasser teilten; das Land vor ihr lag herbstsatt da mit
+seinem fetten Heu; Seevögel schwebten in der Bucht, andere kreischten
+über ihr. "Und mir graute so vor dem Alleinsein--"
+
+Als sie ans Ufer kam, mochte sie nicht heraus; sie legte sich auf den
+Rücken und ruhte sich aus. Dann ein paar Stöße und wieder eine
+Ruhepause. Der Strand war so einladend; sie legte sich in die Sonne. Den
+Kopf halb auf einem Stein, das Haar herabfließend. O, wie schön das war!
+Aber irgend etwas mahnte sie, aufzusehen. Sie hatte keine Lust dazu.
+Aber sie mußte doch wohl einmal dahin sehen, wo das Mädchen saß. Ach,
+was kümmerte sie das! Nanna hielt ja Wache. Aber soviel wurde doch
+dadurch bewirkt, daß das Wohlbehagen ihr verloren ging; sie machte ein
+Ende. Als sie aufstand, um auf die Badehaustreppe zuzugehen, gewahrte
+sie hinter dem großen Stein--Jörgen Thiis im Jagdanzug mit dem Gewehr
+über der Schulter! Das kleine Mädchen stand aufrecht auf dem Stein, ohne
+sich zu rühren; sie starrte ihn an, als sei sie festgenagelt.
+
+Eine heiße Blutwelle durchflutete Mary--Zorn und Abscheu. War er
+schamlos? Oder hatte er den Verstand verloren? Äußerlich tat sie, als
+habe sie nichts gesehen,--warf sich kopfüber in die See und schwamm auf
+die Treppe zu, hielt sich ruhig daran fest,--und verschwand.
+
+Aber ihr Atem ging heftig; ihr war so heiß, daß sie vergaß, sich
+abzutrocknen, sich anzuziehen. Sie geriet in immer größere Hitze,
+schließlich kochte sie vor Rachsucht und Wut. Der galante Jörgen Thiis
+wagte sie zu beleidigen, wie sie noch nie im Leben beleidigt worden war.
+
+Sie schlug sich solange mit diesem sinnlosen, unehrenhaften Überfall
+herum, bis sie mitten in Vorstellungen war, die sie weit fortführten.
+Sie stand wieder vor der kraftvollen Gestalt des Athleten, sie fühlte
+wieder Alices wissende Augen auf sich ruhen. Sie zitterte,--als sie
+einen Schrei des Kindes da oben hörte. In ihrer Erregung war sie nahe
+daran, auch zu schreien. Was konnte da nur los sein? Auf die Seite ging
+kein Fenster hinaus. Aus der Tür zu sehen, wagte sie nicht, denn sie
+hatte nichts an. Nie hatte sie sich so mit dem Anziehen beeilt, aber
+gerade deshalb ging ihr alles verkehrt, und es zog sich in die Länge.
+Sie mochte nicht halbangekleidet vor Jörgen Thiis hintreten.
+
+Als sie eben soweit war, daß sie daran denken konnte, die Tür
+aufzumachen, hörte sie auf der Landungsbrücke das Tripp-Trapp der
+kleinen Nanna. Mary riß die Tür auf, die Kleine kam hereingestürzt und
+warf sich ihr gleich in den Schoß. Da versteckte sie den Kopf und weinte
+und schluchzte, daß sie kein Wort herausbringen konnte.
+
+Mary gelang es, sie zu beruhigen, besonders als sie ihr versprach, sie
+dürfe jetzt ihr Haar kämmen. Da erzählte sie, der Herr Leutnant habe
+hinter dem Stein gestanden, bis sie es bemerkt habe. Sie habe gesessen
+und gesungen und habe ihn gar nicht kommen hören. Er habe ihr gedroht.
+Ach, und sie habe solche Angst gehabt, denn er habe so böse ausgesehen!
+Ach, so böse habe er ausgesehen! Kaum sei Mary ins Haus gegangen, da sei
+er hinuntergestürmt, direkt auf das Haus zu!
+
+"Jörgen Thiis?"
+
+"Dann schrie ich aus Leibeskräften! Da stand er still. Aber dann drehte
+er sich um und kam auf mich zu. Ich hinunter vom Stein und hinein in den
+Wald----" Sie konnte nicht weitersprechen. Sie verbarg wieder den Kopf
+in Marys Schoß und weinte.
+
+Das wurde ja immer schlimmer! Marys Verstand konnte es anfangs kaum
+fassen.
+
+Nach und nach aber ging ihr ein Licht auf--er mochte ein anderer sein.
+Er trug eine rasende Leidenschaft in sich. Er hatte den Mut starker
+Rücksichtslosigkeit. Wenn er nun gekommen war, um...?
+
+Stolz und stark, wie sie sich kannte, hätte das für ihn die Verbannung
+auf immer bedeutet--nichts anderes.
+
+Aber auf dem Heimwege ließ sie Nanna vorausgehen. Aus dem einfachen
+Grunde, weil sie kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnte,--so
+stürmten die Gedanken auf sie ein.
+
+Wie konnte ein Mann sich tagtäglich so beherrschen--einer so gewaltigen
+Begierde gegenüber? Eine lange, lange Anhäufung mußte vorauf gegangen
+sein; sonst hätte er nicht einem so unerhörten Überfall auf sich
+selbst--und auf sie--unterliegen können!
+
+In diesen ganzen Jahren war er also von Begierde entflammt gewesen?
+Seine Huldigungen, seine Ehrerbietigkeit, seine steten Bemühungen um
+sie--war das alles Rauch aus dem unterirdischen Krater? Der eines
+schönen Tages lohende Steine und glühende Asche ausspeit!
+
+Also Jörgen Thiis war gefährlich? Er wurde nicht kleiner dadurch; er
+stieg! Der Zwang, den er sich auferlegt hatte--ihr zu Ehren, war
+löblich! Wenn die Versuchung eines Tages den rebellischen Kräften das
+Tor öffnete--konnte sie ihm deswegen eigentlich böse sein?
+
+Den ganzen übrigen Tag, ja noch als sie sich auszog, dachte sie darüber
+nach. Am ändern Tage faßte sie den Entschluß, jetzt müsse es ein Ende
+haben. Es wurde etwas in ihr aufgewühlt, das sie schon einmal
+zurückgedämmt hatte; das Tempo durfte nicht unterbrochen werden, in dem
+sie sich ihr Leben einzurichten wünschte. Deshalb nahm sie ihre Arbeit
+energischer als je wieder auf, ja sie machte sich noch mehr zu schaffen.
+Sie sah nämlich die Bücher ihres Vaters und die losen Aufzeichnungen
+durch (deren es reichlich viele gab!), sie wollte Klarheit haben, wie
+die Dinge im ganzen standen. Er hatte doch auch hier Vermögen, und er
+konnte unmöglich alles verbraucht haben, was er aus Amerika bekommen
+hatte. Aber sie fand das Gesuchte nicht. Den Vater durfte sie nicht
+damit behelligen, und Frau Dawes wußte nicht Bescheid.
+
+Aber so eifrig sie bei der Sache war,--etwas vom gestrigen Tage schlich
+sich hinein. Jörgen hatte natürlich baden wollen, nach dem Bade
+heraufkommen und sie begrüßen. Nach dem, was vorgefallen war, kam er
+nicht. Kam er überhaupt wieder? Ohne besonders aufgefordert zu sein? Er
+hatte sich ja einstweilen zur Genüge verrannt. Sie hörte an den
+folgenden Tagen in der Umgegend schießen. Manche sagten auch, es werde
+in größerer Entfernung geschossen. Aber er kam am zweiten Tage nicht,
+kam am dritten nicht und am vierten auch nicht. Ihr gefiel das.
+
+Weil ihre Gedanken so oft auf den Höhen und im Walde waren, stieg sie
+eines Tages kurz vor dem Mittagessen hinauf. In der letzten Hälfte des
+August ist der Wetterumschlag im südlichen Norwegen häufig sehr kraß. Es
+war jetzt kalt; sie empfand es als eine Erfrischung, im Nordwind, der
+sie umspielte, bergan zu steigen. Sie stieg etwas unterhalb der Häuser
+hinauf, da ging es leichter. Sie kletterte rasch, sie war daran gewöhnt
+und sehnte sich, höher hinaufzukommen, im Winde zu stehen und über das
+aufgerührte Meer hinzuschauen. Schon von der ersten Anhöhe aus genoß sie
+den Blick auf die Halden, wo die Leute das Heu zum Trocknen
+ausbreiteten, über die Bucht, die Inseln, das Meer, das heute ganz
+schwarz war und viele Segler und etliche Dampfer trug. Doch über ihr
+machten die Krähen einen schauderhaften Lärm; da saß man sicher zu
+Gericht. Sie sah eine und die andere durch die Luft schießen und weiter
+gegen Norden zwischen den Hügeln verschwinden. Der Spektakel wurde immer
+schlimmer, je höher sie kam. Da beeilte sie sich; vielleicht konnte sie
+den Verbrecher retten. Ganz aufgeregt war sie, so daß es ihr kalt über
+den Rücken lief. Sie meinte, wenn sie um den nächsten Vorsprung herum
+sei, müsse sie sie sehen können. Statt dessen sah sie, als sie den Kopf
+hinübersteckte, ein gut Stück von ihr etwas weiter nördlich einen Mann
+auf dem Bauch liegen, direkt über den Häusern. Das war Jörgen Thiis!
+Zuerst duckte sie sich; aber dann stieg ein fröhliches Rachegefühl in
+ihr auf, und in diesem Gefühl eilte sie schnell entschlossen hinan. Er
+gewahrte sie und sprang verwirrt und beschämt in die Höhe, riß die Mütze
+herunter, setzte sie wieder auf und wußte nicht, wo er hinsehen oder
+sich hinwenden sollte. Sie kam langsam näher und weidete sich an ihm.
+Schon von weitem rief sie: "Auf die Art also gehen Sie auf
+Jagd?--Vielleicht wollen Sie unsere Hühner schießen?" Als sie näher kam:
+"Sie haben keinen Hund bei sich? Ach nein, unsere Hühner können Sie ja
+auch ohne Hund schießen. Oder haben Sie etwa überhaupt keinen Hund?"
+
+"Doch,--aber heute bin ich nicht zum Jagen hergekommen. Ich habe genug."
+
+Diese einfachen, sanftmütigen Worte, bei denen er sie nicht anzusehen
+wagte, warfen ihre Gefühle über den Haufen. Sie wollte ihn nicht quälen.
+Sie hatte genug von der Tyrannei des Onkels gehört.
+
+Die Krähen rasten schlimmer als bisher. "Hören Sie nur! Da wird Gericht
+gehalten! Daß Sie dem armen Sünder nicht zu Hilfe kommen!"--"Da haben
+Sie wahrhaftig recht!" sagte er, froh, daß er loskam. Er bückte sich
+nach seinem Gewehr und lief davon. Sie hinterdrein. Erst eine kleine
+Anhöhe hinan, dann den Weg entlang. Um zwei alte Bäume herum tobten die
+grauen Richter; es waren ihrer Hunderte. Aber kaum erblickten sie einen
+Mann mit einer Flinte, als sie krächzend nach allen Seiten
+auseinanderstoben. Ihre Aufgabe war beendet.
+
+Und richtig: zwischen den beiden großen Bäumen lag zerzaust und blutig
+eine ungewöhnlich große Krähe in den letzten Zuckungen. Jörgen wollte
+sie aufheben. "Nein, fassen Sie sie nicht an!" rief Mary und wandte sich
+ab. Sie ging gleich wieder bis an den Abhang. Sie hörte ihn nicht
+nachkommen und blieb stehen: "Sie kommen doch mit und essen bei uns?" Er
+kam. Dann gingen sie schweigend bis an die Stelle, wo er gelegen hatte.
+Er fragte hastig: "Wie geht es bei Ihnen zu Hause?"--Sie lächelte: "O
+danke, den Umstanden nach recht gut."
+
+Aus dem Schornstein wirbelte der Rauch in die Höhe. Vornehm wirken die
+Dachziegel mit ihrer blauen Glasur auf den Hausern. Die großen Gärten zu
+beiden Seiten mit den sandbestreuten Wegen lagen da, als hätten die
+Hauser gestreifte Schwingen ausgebreitet. Das Ganze so lebensvoll, als
+werde es sich im nächsten Augenblick in die Lüfte heben. "Haben Sie
+lange hier gelegen?" fragte sie unbarmherzig; sie hielt es ja für eine
+Art Belagerung. Er antwortete nicht. Sie begann den Abstieg; hier war es
+ziemlich abschussig. "Soll ich Ihnen helfen?"--"O danke, ich bin
+häufiger hier gegangen als Sie."
+
+Es wurde eine stille Mahlzeit. Jörgen aß immer sehr langsam, aber nie so
+langsam wie heute. Mary war mit jedem Gericht schnell fertig und saß und
+sah ihn an. Sagte dies und das und bekam höflich Antwort. Seine Augen,
+die sonst gleich Wogen über sie hinspülten, die sie in sich aufsaugen
+wollten ... heute hoben sie sich kaum vom Teller. Plötzlich hörte er
+auf. "Ist Ihnen nicht wohl?"--"Doch, danke; aber ich bin satt."--
+
+Wenige Minuten später kam er aus Anders Krogs Zimmer heraus. Mary war
+kurz vorher von Frau Dawes gekommen und hatte gerade ihr Zimmer
+geöffnet. Jörgen Thiis sagte: "Ich finde, gnädiges Fräulein, Ihrem Vater
+geht es viel besser."--"Ja, er kann schon dies und das sagen und den Arm
+etwas bewegen."--Jörgen hörte das augenscheinlich nicht. "Ist dies Ihr
+Zimmer?--Ich habe es noch nie gesehen." Sie trat beiseite; er schaute
+und schaute. "Wollen Sie nicht eintreten?"--"Darf ich?"--"Bitte sehr!"
+Er ging bis an die Schwelle und überschritt sie langsam; Mary folgte
+ihm. Er stand still und atmete schwer; sie war neben ihm. War denn das
+Zimmer mit Spitzen überzogen? Er konnte sich gar nicht zurechtfinden.
+Das Bett, die Möbel, weiß mit blau, oder blau mit weiß, die Amoretten an
+der Decke, die Bilder, darunter eins von ihrer schönen Mutter, mit
+Blumen geschmückt. Und der Duft ... nicht allein von den Blumen, nein,
+von ihr selbst und all ihrer Habe. Sie stand in ihrem blauen Kleid,--es
+war das mit den kurzen Ärmeln,--neben ihm. In diesem reinen Duft, in
+diesem Farbenzauber schämte er sich. Er schämte sich so, daß er am
+liebsten aus dem Zimmer gestürzt wäre. Er konnte nicht Herr seiner
+Stimmung werden; in seiner Brust begann es zu arbeiten und zu
+schluchzen; ein Zittern überkam ihn. Ihm war, als müsse er in Tränen
+ausbrechen. Da schimmerte es von zwei weißen Armen, und er hörte etwas
+Leises, das auch blau und weiß und weiß und blau war. Die Tür wurde
+hinter ihm geschlossen, wohl um ihn zu verbergen. Da schimmerten wieder
+die weißen Arme und er hörte deutlich: "Aber Jörgen!--Aber Jörgen!" Er
+fühlte eine Hand auf seinem Arm und setzte sich hin. Sie hatte wirklich
+"Jörgen" gesagt, zweimal "Jörgen." Jetzt strich sie ihm das Haar aus
+der Stirn. So weich, so blütenzart. Es löste sich etwas in ihm; alles
+Wunde und Harte schmolz unter ihrer Hand und zerrann. In einem
+unsäglichen Gefühl von Wärme. Die sich da über ihn beugte, war
+eigentlich die erste, die ihm beistand, seit er kein Kind mehr war. Er
+hatte sich so verlassen gefühlt. Solches Vertrauen zu ihm lag in dem
+Händedruck. So unverdient. Das tat gut! Oh wie gut das tat! Ihm träumte,
+er sei auch gut, sei in der Gewalt guter Mächte. Das Weiße und Blaue
+wölbe ein Zelt über ihm. Unter diesem Zelt nähmen diese großen, guten
+Augen seine Seele in sich auf. Er sagte als Entschuldigung ganz leise:
+"Ich konnte es nicht länger aushalten." Was er nicht länger aushalten
+konnte, verstand sie; sie prallte zurück.
+
+"Mary", flüsterte er. Ohne es zu wollen, dachte er laut. Das erschreckte
+ihn und erschreckte sie. Sie wich weiter zurück von ihm, ihre Augen
+wurden unklar; es versagte da etwas. Das sah er,--und ehe sie es ahnte,
+ehe er selbst es wußte, war er bei ihr. Er umschlang sie und preßte sie
+an sich. Er wurde wild, als er ihren Körper an seinem fühlte, und küßte
+sie, küßte sie, wo er gerade hintraf. Sie bog aus, bald nach der einer
+Seite, bald nach der ändern. Da bedeckte er ihren Hals mit Küssen. Sie
+fühlte, jetzt galt es. Einen Arm hatte sie nur frei; aber damit stieß
+sie ihn von sich. Gleichzeitig bog sie sich so weit nach hinten, daß sie
+fast gefallen wäre. Dadurch kam er über sie, das zündete, und er wollte
+es sich zu Nutzen machen. Aber er mußte seinen rechten Arm lösen, um sie
+umschlingen zu können. Gerade dadurch bekam sie ihren linken Arm frei,
+stemmte ihn mit aller Macht ihm gegen die Brust, daß sie sich nach der
+Seite wenden konnte, und stand aufrecht. Ihre Augen trafen sich. Sie
+waren wild, die Flammen in ihnen prallten gegeneinander. Keiner sprach
+ein Wort. Ihre Atemzüge gingen kurz und scharf.
+
+"Mary!" ertönte ein Schrei draußen auf dem Gange. Das war Frau Dawes!
+Frau Dawes, die das Bett nicht mehr verlassen konnte,--stand auf dem
+Flur! "Mary!" noch einmal so verzweifelt, als sei sie einer Ohnmacht
+nahe. Die beiden hinaus: Frau Dawes lehnte in ihrem Nachtgewand vor
+ihrer offnen Tür an der Wand. Sie war am Umsinken, als Jörgen Thiis
+herzugestürzt kam und sie unter den Arm faßte. Die Treppe herauf kam ein
+Mädchen nach dem andern, auch die kleine Nanna. Jörgen stand und hielt
+Frau Dawes, bis sie sie mit vereinten Kräften aufhoben und hineintrugen.
+Es war furchtbar schwer. Soviel sie hoben und schleppten, sie bekamen
+sie knapp über die Schwelle ins Zimmer hinein. Dann langsam weiter; aber
+jetzt kam noch das Allerschwerste: den Oberkörper ins Bett hineinheben;
+denn das wollte ihnen nicht gelingen. Immer wenn der Oberkörper auf dem
+Bettrand war, wollten die Beine nicht mit; dann glitt sie wieder
+hinunter; sie selbst half nicht ein bißchen, sie stöhnte nur. Ehe Jörgen
+richtig zufassen konnte, lag sie in ihrer ganzen Größe abermals am
+Boden. Als sie den Oberkörper wieder einmal hochgehoben hatten, aber
+nicht weit genug, daß er durch seine eigene Schwere liegen geblieben
+wäre, waren sie ganz verzweifelt; sie wußten nicht, was sie machen
+sollten. Das kleine Mädchen lachte laut auf und lief weg; Jörgen sandte
+ihr einen wütenden Blick nach. Das war selbst für Mary zuviel. Vor drei
+Minuten noch hatte sie wie eine Verzweifelte gekämpft,--und nun überkam
+sie eine so unbegreifliche Lachlust, daß auch sie hinauslaufen mußte. Da
+stand sie mit dem Taschentuch vorm Munde und krümmte sich vor Lachen,
+als die Pflegerin aus dem Zimmer ihres Vaters herauskam; er wollte
+wissen, was los sei. Mary ging hinein. Sie konnte es ihm vor Lachen kaum
+auseinandersetzen, wie nämlich Frau Dawes dalag und was für
+Anstrengungen Jörgen und die Mädchen machten. Ihren Vater quälte die
+Frage, was Frau Dawes wohl auf dem Flur gewollt habe. Da verstummte
+Marys Lachen. Ein Mädchen kam aus Frau Dawes' Zimmer und berichtete,
+jetzt liege die gnädige Frau im Bett. Sie möchte das gnädige Fräulein
+sprechen.
+
+Im Zimmer stand Jörgen am Fußende des Bettes; Frau Dawes lag und
+stöhnte und weinte und rief nach Mary. Kaum ließ Mary sich in der Tür
+blicken, da fing sie an: "Was war mit Dir, Kind? Mich überkam eine
+schreckliche Angst,--was war los?" Mary ging zu ihr hin, ohne Jörgen
+anzusehen. Sie kniete neben ihrer alten Freundin hin und legte den Arm
+um ihren Hals: "Ach, Tante Eva!" sagte sie und schmiegte den Kopf an
+ihre Brust. Nach einer Weile fing sie zu weinen an.--"Was ist denn? Was
+ist denn? Was macht Dich so unglücklich?" jammerte Frau Dawes und strich
+ihr immer und immer wieder mit der Hand über das herrliche Haar.
+Schließlich blickte Mary auf; Jörgen Thiis war fort. Aber sie schwieg.
+"Nie habe ich solch ein Gefühl gehabt," fing Frau Dawes wieder an, "wenn
+nicht etwas Entsetzliches bevorstand!" Mary schwieg. "War es etwas mit
+Jörgen Thiis?" Mary sah sie an.--"O Gott, das habe ich mir
+gedacht!--Aber bedenke, Kind, er hat Dich geliebt, seit er Dich zum
+erstenmal gesehen hat, und nie eine andere. Das ist schwer, siehst
+Du.--Und kein einziges Mal hat er Dir gegenüber etwas wie eine Andeutung
+gemacht,--oder doch?"--Mary schüttelte den Kopf. "Das ist viel. Das
+zeugt von Charakter. Zu Diensten ist er Dir gewesen und verehrt hat er
+Dich,--ja, sei nicht zu streng! Erst jetzt, da Du arm bist, wagter
+----ja, was war denn eigentlich los?"--Mary zögerte eine Weile; dann sagte
+sie: "Erst war es, als werde ihm schlecht. Aber dann wurde er plötzlich
+toll."--"Ach, ich könnte Dir auch etwas erzählen ... Ja, ja, ja!" Sie
+versank in Gedanken. Dann murmelte sie: "Wenn einer jahrelang so
+herumgeht..."--"Wir wollen nicht darüber reden!" unterbrach Mary sie und
+stand auf.--"Nein, das ist ..."--"Nichts mehr davon!" wiederholte Mary.
+Sie trat ans Fenster. Da hörte sie Frau Dawes hinter sich: "Er hat mit
+mir gesprochen, mußt Du wissen. Ob er jetzt seinen Antrag machen dürfe.
+Er könne sich nichts Schöneres denken. Einspringen, wenn wir nicht
+weiterkönnen. Aber er findet, Du bist zu unnahbar." Mary machte
+unwillkürlich eine Bewegung. Frau Dawes bemerkte es: "Sei jetzt nicht zu
+streng, Mary! Weißt Du, Kind, Dein Vater und ich, wir finden beide ..."
+--"Nicht, Tante!" Mary drehte sich rasch nach ihr um--nicht gerade
+unwillig, aber doch so, daß das Gespräch nicht weitergehen konnte.
+
+Mary blieb in der Stube. Sie wollte nicht Gefahr laufen, mit Jörgen
+Thiis zusammenzutreffen. Als Mary Frau Dawes einmal eine Handreichung
+leistete, sagte diese: "Du weißt, Kind, er beerbt Onkel Klaus?" Als Mary
+nicht antwortete, wagte sie fortzufahren: "Jörgen glaubt, Onkel Klaus
+wird ihm helfen, wenn er sich verheiratet." Mary ging das zu einem Ohr
+hinein, zum andern hinaus.
+
+Als die Bahn frei war, suchte Mary ihr eigenes Zimmer auf. Sie
+durchdachte die ganze Szene noch einmal und glühte vor Aufregung, aber
+sie war verwundert, daß sie eigentlich nicht erzürnt war. Es war ja doch
+ganz entsetzlich.
+
+Und gerade als sie dachte: "Was jetzt weiter?" klopfte es leise an die
+Tür. Sie wurde sehr böse, sie wäre am liebsten aufgesprungen und hätte
+die Tür verschlossen. Aber nach einer Weile sagte sie: "Herein!" Die Tür
+öffnete sich und schloß sich, ohne daß sie aufsah; sie saß in ihrem
+großen Stuhl. Leise und demütig kam er heran und ließ sich aufs Knie
+nieder, indem er das Gesicht in ihre Hände legte. Daran war nichts
+Abstoßendes. Er war tief bewegt. Sie blickte hinunter auf seinen
+hübschen Kopf mit dem weichen Haar. Sie verweilte bei seinen langen
+Künstlerfingern. Etwas Feines wirkte an ihm versöhnend. Aber diese
+Sentimentalität! "Soll ich abreisen?" war das einzige, was er sagte. Sie
+zögerte eine Weile, dann sagte sie: "Ja." Ganz leise. Er ließ die Arme
+sinken, griff nach ihrer rechten Hand und drückte seine Lippen darauf,
+lange, aber ehrerbietig. Stand auf und ging.
+
+Bei dem Kuß, so ehrerbietig er war, durchrieselte ihren Körper ein
+aufregendes Gefühl. Wie sie es vorhin gehabt hatte, als er sie küßte
+und küßte, daß sie einer Ohnmacht nahe war. Sie blieb verwundert sitzen.
+Noch lange, nachdem er fort war. Sie dachte wieder ihren Kampf bis ins
+kleinste durch und zitterte. "Warum bin ich nicht böse auf ihn?"
+
+Da klopfte es wieder. Das Mädchen der Frau Dawes fragte an, ob sie nicht
+herüberkommen wolle. "Du hast ihn abreisen lassen, Kind?" Frau Dawes war
+mehr als betrübt. Vor Eifer richtete sie sich auf und stützte sich auf
+den einen Arm. Ihre Mütze saß schief auf dem kurzen grauen Haar, der
+fette Hals war röter als gewöhnlich, als sei es ihr zu warm. "Warum hast
+Du ihn abreisen lassen?" wiederholte sie. "Er wollte doch."--"Wie kannst
+Du das sagen, Kind? Er war doch bei mir und jammerte. Er wollte für sein
+Leben gern hier bleiben! Du hast keinen Begriff davon. Du hast ihn ja
+immer bloß zurückgestoßen. Und gefoltert." Sie legte sich ganz
+verzweifelt wieder zurück. Das Wort "gefoltert" machte flüchtig einen
+komischen Eindruck; aber Mary hatte selbst die Empfindung, sie hätte mit
+ihm sprechen sollen, ehe sie ihn gehen ließ. Denn gehen mußte er.
+
+Es kamen recht schwere Tage. Anders Krogs Befinden verschlechterte sich
+bei einem Witterungsumschlag. Dazu kamen Verdauungsbeschwerden. Es fiel
+ihm schwerer, sich verständlich zu machen. Mary war viel bei ihm; dann
+folgte er ihr mit den Augen, daß es ihr fast Angst machte.
+
+Frau Dawes schickte ihm kleine Zettel. Von ihrer Schreiberei ließ sie
+sogar im Bett nicht. Immer wenn solch ein Zettel kam, blickte er Mary
+lange an. Da erriet sie, wovon die Zettel handelten.
+
+Eines Tages sagte Frau Dawes zu ihr: "Du überschätzt Dich, wenn Du
+meinst, Du kannst hier allein mit uns leben."--"Wie meinst Du
+das?"--"Daß Du im Frühling des gesellschaftlichen Lebens noch so müde
+sein magst,--wenn der Herbst kommt, lockt es doch. Du bist zu sehr daran
+gewöhnt."--
+
+Mary antwortete diesmal nicht; aber einige Tage später--es war lange
+naßkaltes Wetter gewesen, und sie hatte nicht draußen sein können--sagte
+sie zu Frau Dawes: "Du kannst recht haben, das Leben, das wir all diese
+Jahre hindurch geführt haben, hat tiefe Wurzeln in mir geschlagen."--"O
+ja, tiefere als Du selbst ahnst, mein Kind!"--"Aber was soll ich denn
+tun? Von hier fort kann ich doch nicht? Ich will es auch
+nicht."--"Nein.--Aber Du könntest Dir etwas Abwechslung verschaffen."
+--"Wie denn?"--"Du verstehst mich recht gut, Kind! Wenn Du
+verheiratet wärst, würde er zeitweise hier mit Dir leben und Du
+zeitweise mit ihm da, wo er hin muß."--"Eine wunderliche Ehe!"--"Ich
+glaube nicht, daß Du ihm sonst näherkommen kannst."--"Wem
+näherkommen?"--"Dem, was das Leben von Dir verlangt. Und dem, woran Du
+gewöhnt bist."
+
+Mary fühlte, das, was Frau Dawes da sagte, sei auch des Vaters Wunsch.
+Daß es ihr Schicksal sei, was ihm die größte Sorge mache. Daß ihm eine
+Ehe mit Jörgen unter Onkel Klaus' Obhut eine große Beruhigung sei. Es
+lag wie ein Druck auf ihr, daß sie bis auf diesen Tag wenig Rücksicht
+auf die Wünsche des Vaters genommen hatte.
+
+Diese ganze Zeit, all diese Erwägungen erschienen ihr wie das Rezitativ
+einer Oper, das zwei Handlungen miteinander verbindet.
+
+Wenn sie jetzt, wo es herbstete, über die Bucht hinschaute, fühlte sie
+sich wie eine Gefangene. Stand sie oben auf der Höhe und sah mit den
+schaumsprühenden Wogen den rauhen Herbst daherkommen, dann hatte sie das
+Gefühl, er wolle sie für den Winter einkerkern. Dann brauste es in ihr
+auf; sie war an anderes gewöhnt.
+
+Auch in ihrem Blut brauste es. Sie hatte ihre Ruhe verloren. In der
+Erinnerung erschien ihr Jörgen nicht abstoßend. Die Atmosphäre, die ihn
+umgab, schien ihr sogar sympathisch.
+
+Daß ein Schlaganfall den Vater aufs Krankenlager geworfen hatte, und
+daß Jörgen gerade anwesend war, und daß er dem Vater willkommen
+war,--knüpfte das kein Band? War das nicht wie Schicksal?
+
+An Jörgens Seite in Stockholm[1] aufzutreten und später weiter in die
+Welt gesandt zu werden,--einen naturgemäßeren Abschluß ihres
+Wanderlebens, eine vielseitigere Verwendung dessen, was sie dabei
+gelernt hatte, konnte man sich schwer vorstellen.
+
+Onkel Klaus mußte helfen. Gründlich helfen. Sie war sich ihrer Macht
+über Onkel Klaus bewußt.--
+
+"Kurz und gut, liebe Tante Eva," sagte sie eines Tages, als sie neben
+ihr am Bett saß und mit ihr plauderte: "Du kannst an Jörgen schreiben."
+
+[Footnote 1: Schweden und Norwegen hatten damals ein gemeinsames
+Ministerium des Auswärtigen.]
+
+ * * * * *
+
+Mary stand selbst auf der Brücke, als das Boot anlegte. Es war am
+Sonnabend nachmittag, und wer irgend konnte, floh aus der Stadt, um die
+letzten Herbsttage im Freien zu genießen. Es war ein schöner Tag. Im
+südlichen Norwegen hat man solche Tage oft bis tief in den September
+hinein. Mary war in Blau und hatte einen blauen Sonnenschirm, mit dem
+sie Jörgen und ein paar Freundinnen winkte, die neben ihm standen. Alle
+Leute an Bord kamen nach der Landungsseite herüber, um zuzusehen.
+
+Sowie Jörgen neben ihr stand, fühlte er, daß er vorsichtig sein müsse.
+Er erriet, daß sie ihn nur deshalb hier unten in Empfang nahm, damit ihr
+Zusammentreffen nicht intim ausfallen könne.
+
+Auf dem Wege nach oben sprachen sie über die Schwalben, die sich jetzt
+zum Aufbruch rüsteten, über den Verwalter, der kürzlich einen mächtigen
+Adler geschossen hatte, über das Schreibbrett, das für Frau Dawes
+konstruiert worden war, über die gute Grummeternte, über die Obst-und
+die Futterpreise.--Drinnen im Flur lief sie ihm mit einem kurzen
+"Verzeihung!" weg. Sie flog die Treppe hinauf. Der Bursche, der Jörgens
+Koffer brachte, trat hinter ihnen in die Tür; Jörgen und er standen da
+und wußten nicht wohin. Da hörten sie Marys Stimme von oben: "Bitte
+hierher!" Sie gingen hinauf. Sie öffnete das Fremdenzimmer, das neben
+ihrem eigenen lag, und ließ den Burschen den Koffer dahinein setzen. Zu
+Jörgen sagte sie: "Wollen wir nicht jetzt zu Vater hineingehen?"--Sie
+ging voran. Die Pflegerin war nicht da. Vermutlich um die
+fortzuschicken, war sie vorhin nach oben gelaufen.
+
+In den Augen des Kranken leuchtete es auf, als er hinter ihr in der
+offenen Tür Jörgen bemerkte. Kaum war die Tür geschlossen, als Mary auf
+ihren Vater zuging, sich über ihn beugte und sagte: "Jörgen und ich
+haben uns verlobt, Vater."
+
+Alle Güte und alles Glück, das sich in einem Angesicht vereinen kann,
+strahlte aus den Mienen des Vaters. Lächelnd wandte sie sich zu Jörgen,
+der blaß und verwirrt dastand und nahe daran war, auf Mary zuzustürzen
+und sie zu umarmen. Aber er fühlte, sie wollte wohl seine Überraschung,
+seine Dankbarkeit und seine Anbetung, aber keine Zeremonien. Das tat
+seinem Glück keinen Abbruch. Er begegnete ihren lächelnden Augen mit der
+vollsten, innigsten Freude. Er drückte die Hand, die Anders Krog ihm
+geben konnte, er blickte ihm in die tränennassen Augen und seine eigenen
+füllten sich mit Tränen. Aber gesprochen wurde kein Wort, bis Mary
+sagte: "Jetzt gehen wir zu Tante Eva!"
+
+In einem Gefühl des Sieges ging sie voran. Bewundernd folgte er ihr.
+Sein Herz war voll, nicht zum wenigsten von Begeisterung über den
+Großmut, mit der sie ihm verziehen hatte. Er dachte: draußen auf dem
+Flur wird sie sich umdrehen, und dann ... Aber sie ging direkt auf Frau
+Dawes' Tür zu und klopfte an.
+
+Als Frau Dawes Jörgen gewahrte, schlug sie die fetten Hände zusammen,
+zerrte an ihrer Mütze und wollte sich aufrichten,--aber es gelang ihr
+vor lauter Rührung nicht. Sie sank wieder zurück, weinte glückselig vor
+sich hin und streckte die Arme aus; Jörgen warf sich hinein, aber zum
+Kusse kam es nicht.
+
+Sobald ein vernünftiges Wort gesprochen werden konnte, sagte Mary:
+"Findest Du nicht auch, Tante Eva, morgen müssen wir beide zu Onkel
+Klaus?"--"Das einzig Richtige, Kind! Das einzig Richtige. Worauf braucht
+Ihr zu warten?"--Jörgen strahlte. Mary zog sich zurück, damit die beiden
+in aller Vertraulichkeit miteinander sprechen könnten.
+
+Als sie wieder zusammenkamen, merkte er, daß die Parole hieß: "Ansehen,
+aber nicht anfassen!" Das fiel ihm schwer; aber er gab zu, daß einer,
+der so vermessen gewesen war, im Zaum gehalten werden mußte. Sie wollte
+selbst über sich verfügen.
+
+In ihrem Triumphgefühl war sie schöner als je. Es erschien ihm wie eine
+Gnade, daß sie "Du" zu ihm sagte. Das war auch alles, wozu sie sich
+herabließ. Er wartete und wartete; aber sie gab nicht mehr. Den ganzen
+Tag nicht. Da nahm er seine Zuflucht zum Klavier und jammerte ganz
+fürchterlich darauf: Mary machte die Türen auf, damit Frau Dawes etwas
+hören könne. "Der arme Junge!" sagte Frau Dawes.
+
+Am ändern Tage kam sie erst kurz vor der Abfahrt des Dampfers nach
+unten, mit dem sie zu Onkel Klaus wollten. "Heute bist Du richtig la
+grande dame",--Jörgen musterte sie bewundernd; sie stand in ihrer
+elegantesten Pariser Besuchstoilette vor ihm. "Du willst Onkel Klaus
+wohl imponieren?"--"Das auch. Aber es ist doch heute Sonntag.--Sag'
+mal," sie wurde plötzlich ernst, "weiß Onkel Klaus von Vaters
+Unglück?"--"Von seiner Krankheit?"--"Nein, von der Ursache der
+Krankheit?"--"Das weiß ich nicht. Ich komme von Hause.--Ich habe nichts
+gesagt. Nicht mal zu Hause."--Das gefiel ihr. Deshalb wurde auch der
+Gang zum Dampfer hinunter und nachher die Fahrt gemütlich und fröhlich.
+Sie sprachen leise von der Hochzeit, von dem Urlaub für den ersten Monat
+nachher, von dem Leben in Stockholm, von ihrer Reise dahin, von seinem
+Weihnachtsbesuch zu Hause, von einem kleinen Abstecher nach Kristiania
+jetzt gleich--kurz, an ihrem Himmel waren keine Wolken.
+
+Onkel Klaus trafen sie in seiner Rauchhöhle, wo sie ihn mehr ahnten, als
+daß sie ihn sahen. Er war selber ganz erschrocken, als Mary in ihrer
+ganzen Herrlichkeit vor ihm stand. Er eilte ihnen in den großen steifen
+Salon voran. Noch ehe sie saßen, sagte Jörgen: "Ja, Onkel, heute kommen
+wir, um Dir zu erzählen--" er kam nicht weiter; denn Onkel Klaus sah an
+ihren Gesichtern, was für eine strahlende Neuigkeit sie brachten. "Ich
+gratuliere, ich gratuliere!" Der große Mann streckte jedem eine Hand
+hin: "Ja, das sagen alle," triumphierte er, "Ihr beide seid das
+schmuckste Paar, das je in der Stadt war. Denn", fügte er hinzu, "wir
+andern haben Euch ja lange verlobt!" Kaum hatten sie sich gesetzt, als
+sich sein Gesicht verfinsterte. Er sah Mary mitleidig an: "Dein Vater,
+armes Kind!"--"Vater geht es jetzt besser", antwortete sie
+ausweichend.--Onkel Klaus blickte sie forschend an: "Er kann ja wohl
+nicht mehr ..." er hielt inne, er konnte es wirklich nicht über sich
+gewinnen, das auszusprechen, auch Mary nicht. Sie saßen also eine Weile
+schweigend da.
+
+Als das Gespräch wieder in Fluß kam, redeten sie über die ungewöhnlich
+schlechten Zeiten. Es mache den Eindruck, als wollten die kein Ende
+nehmen. Die Aktien hätten keinen Wert, die Schiffahrt liege darnieder,
+keine neuen Unternehmungen, das Geld arbeite nicht. Während sie hierüber
+sprachen, blickte Onkel Klaus Jörgen mehrmals an, als wolle er nach
+etwas fragen, wenn er erst fort sei: Sie bemerkte es und gab Jörgen
+einen Wink, er stand auf und entschuldigte sich: er habe sich mit
+einigen Kameraden in der Stadt verabredet. Es war zwischen Mary und ihm
+ausgemacht, daß sie allein mit Onkel Klaus reden solle. Aber was mochte
+Onkel Klaus mit ihr zu besprechen haben? Sie war gespannt.
+
+Jörgen war kaum aus der Tür, da sagte Onkel Klaus mit bekümmerter
+Miene: "Armes Kind, ist es wahr, daß Dein Vater in Amerika große
+Verluste gehabt hat?"--"Er hat alles verloren", antwortete sie. Blaß und
+entsetzt fuhr der große Mann in die Höhe: "Er hat alles verloren?"--Er
+starrte sie mit weit offnem Mund an, wurde dunkelrot und rief: "Ja,
+Gottsdonnerwetter, da kann ich verstehen, daß man den Schlag
+bekommt."--Er begann im Zimmer auf und ab zu rennen, als sei außer ihm
+niemand da. Die weiten Hosen schlotterten ihm um die Beine, mit den
+langen Armen fuchtelte er in der Luft herum. "Er ist doch schon immer so
+ein leichtgläubiger Tropf gewesen! Ein richtiger Dussel! Wenn man sich
+vorstellt, einer hat ein so großes Vermögen im Geschäft eines ändern
+stecken, und er kümmert sich dann nicht weiter drum! Das ist doch eine
+verdammte--" er hielt jäh inne und fragte in höchstem Erstaunen: "Auf
+was wollt Ihr denn heiraten--?"
+
+Mary war tief verletzt, noch ehe diese Frage kam. In ihrer Gegenwart
+sich so zu benehmen, vor ihren Ohren so etwas von ihrem Vater zu sagen!
+Trotzdem antwortete sie mit ihrem reizendsten Lächeln und voll
+Schelmerei: "Auf Dich, Onkel Klaus!"
+
+Seine Verblüffung war nicht zu beschreiben. Sie versuchte sie zu
+dämpfen, ehe sie zum Ausbruch kam, sie bedauerte ihn scherzend--und zwar
+auf englisch--was für ein armer Mann er sei. Aber das prallte ab wie
+Vogelgezwitscher an einem Bären. "Das sieht dem Jörgen, diesem Satan,
+ähnlich," brach er schließlich hervor, "gleich auf mich zu
+spekulieren!"--Er rannte wieder durch die Stube, schneller als bisher:
+"Haha! das konnte ich mir ja denken! Wenn was in die Quere kommt, muß
+ich herhalten! In diesen Zeiten, wo ich kaum mein Essen verdiene! Solche
+Unverschämtheit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!"
+Er sah sie nicht, er sah überhaupt nichts. Dieser reiche Mensch hatte
+seinen Launen, seiner Wut, seiner Unverschämtheit immer freien Lauf
+gelassen. "Schockschwerenot, Jörgen verdiente, daß ich ihm auch das
+entzöge, was er jetzt bekommt. Immer will er mehr haben! Und nun sollte
+ich--ha, ha! Ja, das ist ein Prachtbengel!"--
+
+Mary saß totenblaß da. Sie war nie bisher gedemütigt worden; nie bisher
+hatte ein Mensch sie anders als eine Bevorzugte behandelt.
+
+Aber den Kopf verlor sie nicht. "Ich führe jetzt Vaters Bücher," sagte
+sie kühl; "daraus habe ich ersehen, daß auch Ihr Geschäfte zusammen
+gemacht habt."--"Oh ja," sagte er, ohne stehen zu bleiben und ohne sie
+anzusehen: "Oh ja--mit ein paar Hunderttausend. Aber wenn Du die Bücher
+führst, weißt Du wohl auch, daß sie in diesen Zeiten fast nichts
+einbringen."--"Das ist nun wohl übertrieben", antwortete sie. "Ja, was
+willst Du mit den Papieren?" fragte er und blieb stehen. Aus einer
+plötzlichen Eingebung heraus rief er: "Hat Jörgen Dich beauftragt, sie
+zu verkaufen?"--"Jörgen hat mich zu nichts beauftragt", sagte sie und
+stand auf.
+
+Wie sie blaß und groß und stattlich vor ihm stand und ihn mutig ansah,
+war er der Unterlegene. Er starrte sie nur an. Sie sagte: "Ich bedaure,
+daß ich nicht eher gewußt habe; was für ein Mensch Du bist." Alle
+Überlegenheit fiel von ihm ab,--er stand dumm und schwerfällig da. Er
+war nicht imstande zu antworten, ja nicht einmal sich zu rühren. Er ließ
+sie gehen. Und das wollte er gerade am wenigsten.
+
+Durch das Fenster sah er ihr nach, sah sie nach dem Markt hinuntergehen.
+Wie schön und stolz sie war, wie ein Bild.
+
+Als Jörgen bald darauf kam, um Mary abzuholen oder vielmehr mit ihr
+zusammen zu Tisch dazubleiben,--denn er war überzeugt, sie würden zum
+Essen eingeladen werden--bekam er nicht allein dieselbe Lektion, die sie
+bekommen hatte, sondern eine viel saftigere, weil Onkel Klaus jetzt
+außerordentlich unzufrieden mit sich selbst war. Dafür mußte Jörgen
+büßen. "Warum, zum Donnerwetter, bist Du nicht selbst gekommen? Du
+warst wohl zu feig dazu?--Und dann hast Du sie veranlassen wollen,
+Aktien zu verkaufen, die jetzt gar keinen Wert haben! Ein verflucht
+leichtsinniger Kerl bist Du doch immer gewesen."--Onkel Klaus hatte
+unrecht; aber Jörgen kannte ihn, er wußte, daß man ihm jetzt nicht
+widersprechen durfte. Er machte sich auf allen vieren davon und kam zu
+Mary, erbarmungswürdiger als damals, wo sie ihn oben auf dem Hügel
+getroffen hatte, wie er in das verlorene Paradies hinunterschaute. Sie
+selbst hatte geweint vor Ärger und Enttäuschung; aber sie hatte
+Sprungfedern in sich; jetzt kam der Umschlag. Ihr Sturz aus ihrer
+Siegesstimmung herab, die sie noch vor einer halben Stunde gehabt hatte,
+war so jäh, daß die ganze Geschichte, wenn man Jörgens jämmerlichen
+Zustand dazunahm, lächerlich wurde. Sie lachte so ausgelassen, so
+köstlich befreit, daß sogar Jörgen geheilt wurde. Nach Verlauf einer
+Viertelstunde gingen die beiden jungen Menschen über die Straße, um sich
+ein leckeres Mittagessen mit Champagner zu bestellen. Während das
+hergerichtet würde, wollten sie einen Spaziergang machen. Aber kaum
+standen sie draußen in der köstlich frischen Luft, da mußte Jörgen
+wieder hinauf und nach Krogskog telephonieren, sie würden heimkommen und
+dort zu Mittag essen. Es würde ungefähr zwei Stunden dauern auf der
+neuen Landstraße; das sollte ein herrlicher Spaziergang werden!
+
+Sie schritten tüchtig aus; der klare Herbsttag mit seiner frischen Brise
+war kühl,--so rechtes Wetter zum Wandern.
+
+Der Weg an der See entlang durchschnitt die Landzungen; sie freuten sich
+über den steten Wechsel von Strand und Bergeshöhe, von Bergeshöhe und
+Strand. Das Meer tiefblau, bis weit hinten voller Segel und Rauchsäulen.
+Heut war Sonntag, daher waren auch viele Lustjachten draußen; sie
+krochen durch die Meerengen und wagten sich auf die offene See hinaus.
+
+Bei ihrem schnellen Tempo waren die beiden bald aus der eigentlichen
+Stadt heraus. Da lag ein hübsches kleines Haus in einem Garten. "Wem
+gehört das?" fragte Mary. Es sah so einladend aus. "Fräulein Röy, der
+Ärztin", antwortete Jörgen eifrig. "Ich habe über all dem Ärger und der
+Enttäuschung doch vergessen, Dir zu erzählen, daß ich Franz Röy in der
+Stadt getroffen habe!" Ohne es zu wissen, blieb Mary stehen. Ohne es zu
+wollen, wurde sie rot. "Franz Röy?" fragte sie und blickte starr vor
+sich hin. Dann ging sie weiter, noch bevor sie eine Antwort bekommen
+hatte. "Er soll hier die Hafenarbeiten leiten. Du weißt, Irgens ist
+tot."--"Der Ingenieur? Der ist tot?"--"Und jetzt heißt es, Hauptmann Röy
+wird das übernehmen."--"Ist das eine Arbeit für einen Mann wie
+ihn?"--"So fragt gewiß mancher.--Alle fragen, was er hier will?" lachte
+Jörgen. Mary sah ihn an und er Mary. Dann ging er näher an sie heran:
+"Aber jetzt kommt er zu spät." Er hatte als Antwort einen
+verständnisvollen Blick erwartet, in dem vielleicht ein bißchen Glück
+lag. Aber sie ging weiter, ohne ihn anzusehen, auch ohne etwas zu sagen.
+
+Da trat eine lange Pause ein. Sie gingen schnell. Der Herbstwind wehte
+erfrischend. Da wandte sie sich zu ihm, um ihm eine Freude zu machen.
+"Weißt Du, Jörgen, daß Vater bei Onkel Klaus zweihunderttausend Kronen
+stehen hat?"--"Zweihundertfünfzigtausend", antwortete Jörgen. Sie war
+sehr erstaunt,--einmal darüber, daß Jörgen Bescheid wußte, dann über die
+fünfzigtausend Kronen. "Onkel Klaus sprach von zweihunderttausend."
+--"Ja, die Dein Vater in seine Unternehmungen und in das
+Schiff hineingesteckt hat. Aber kurz bevor Dein Vater krank wurde,
+hat er Onkel fünfzigtausend Kronen geschickt, die frei geworden
+waren."--"Woher weißt Du das?"--"Onkel hat es mir gesagt."--"Ich habe
+nichts darüber gefunden."--"Nein, Dein Vater hat sich mit dem Verbuchen
+wohl nicht beeilt; das war seine Art so. Außerdem--," hier stockte
+Jörgen, "kennst Du alle Geschäfte Deines Vaters?" Sie wollte darauf
+nicht eingehen; die Frage kam ihr nicht unerwartet. Aber wie konnte
+Jörgen--? Vielleicht durch Frau Dawes. Jedenfalls freute sie sich. Sie
+war stehen geblieben, sie wollte etwas sagen. Aber der Wind hob ihr die
+Röcke hoch, löste ihr eine Haarsträhne und riß ihr den Schal ab.
+"Herrgott, wie entzückend Du aussiehst!" rief er.--"Aber dann steht ja
+nichts im Wege, Jörgen?"--"Wir können heiraten, meinst Du?"--"Ja", und
+damit ging's weiter.--"Nein, Liebste, jetzt bringen die Aktien nahezu
+nichts ein."--"Ja, was tut das? Wir müssen drauflosgehen, Jörgen!" Sie
+strahlte vor Gesundheit und Mut. "Ohne Onkels Zustimmung?" fragte er
+verzagt.--Sie stand wieder still: "Würde er Dich enterben?"--Ohne direkt
+zu antworten, sagte er schwermütig: "Wenn Du wüßtest, Mary, was ich mit
+Onkel ausgestanden habe. Vom ersten Tag an, da er mich zu sich nahm. Wie
+er mich geplagt hat. Wie er mir aufgepaßt hat. Bis auf diesen Tag bin
+ich wie ein ungezogener Schuljunge von ihm behandelt worden. Seine
+schlechte Laune hat er stets an mir ausgelassen." Auf seinem Gesicht
+zeigte sich eine solche Mischung von Verbitterung und Unglück, daß Mary
+unwillkürlich rief: "Armer Jörgen,--jetzt fange ich an zu verstehen!"
+Sie gingen weiter. Sie dachte daran, daß seine Fähigkeit, sich zu
+beherrschen in einer harten Schule erworben sei; da hatte er auch
+gelernt, sich zu verstellen. Seine Zähigkeit mußte sie bewundern; was
+hatte er nicht alles durchgesetzt! Und allein seine Musik! Die war wohl
+sein Trost gewesen. Jetzt verstand sie seine ungewöhnliche Höflichkeit.
+Jetzt verstand sie seine Sentimentalität. Sie verstand, wodurch er so
+streng und pedantisch geworden war und so hart gegen seine Untergebenen.
+
+Sie sah ein, daß auch sie vielleicht schuld gewesen, wenn es ihm
+schlecht gegangen war. Seine lange, schweigende Liebe zu ihr hatte ihm
+nur eine Last mehr aufgebürdet; denn sie hatte ihm kein aufmunterndes
+Wort gegönnt; im Gegenteil! Was Wunder, daß er schließlich wie verhext
+war? "Armer Jörgen", sagte sie noch einmal und faßte seine Hand. Das
+erste Liebeszeichen, das sie ihm je gewährt hatte. Sie mußte es gleich
+wieder zurücknehmen, weil sie die Röcke festhalten mußte, denn um die
+Landzunge pfiff ein scharfer Wind, und ein Segelboot schnitt gerade
+unter ihnen durch das Wasser. Vom Boote aus wurde heraufgewinkt, und sie
+winkten hinunter. Welch ein herrlicher Tag, wie schimmernd blau der
+Fjord mit den roten Wimpeln überall.
+
+Als sie zur Bucht hinunterkamen, fragte sie: "Glaubst Du wirklich, er
+würde Dich enterben, wenn wir uns verheiraten?"--"Wir haben nichts,
+woraufhin wir heiraten können, Du Liebe!"--"Wir können doch diese
+Papiere verkaufen", sagte sie mutig. "Ja, wenn wir so vorgehen, um uns
+heiraten zu können, daß wir sie jetzt verkaufen, wo sie so niedrig
+stehen, ja, dann enterbt er mich sicher."--Aber sie wollte die Hoffnung
+nicht aufgeben: "Und unser Wald?"--"Der muß erst jahrelang stehen."--
+
+Wie gut Jörgen Bescheid wußte! Wie genau er alles überlegt hatte!
+
+Sie kamen auf die Strandstraße, die auf die letzte Landzunge bei
+Krogskog zuführte. Da stand ein alter wunderlicher Finnenhund. Mary war
+gut Freund mit ihm. Er kläffte ja immer ein bißchen, wenn jemand in
+seine Nähe kam; vielleicht konnte er nicht gut sehen; aber er wedelte
+gleich mit dem Schwanz, wenn er einen Bekannten witterte. Heute war er
+wie toll.
+
+"Herrjeh," rief Mary, "ist er etwa auf Dich so wütend?" Jörgen
+antwortete nicht, sondern bückte sich nach einem kleinen Stein. Als der
+Hund das sah, rannte er, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, hinter
+einen Reisighaufen am Wege. Von dort setzte er dann das Konzert fort.
+"Laß ihn doch!" sagte Mary, als sie sah, daß Jörgen die Schußlinie
+berechnete. "Es wäre doch spaßig, wenn er sich genau auf die Stelle
+zurückzöge, auf die ich ziele," sagte er, "dann bekommt er den Stein
+nämlich gerade auf den Rücken." Dabei tat er, als werfe er; der Hund
+setzte davon,--da warf er erst, und der Hund bekam den Stein genau auf
+den Rücken. Er heulte auf. "Siehst Du!" sagte Jörgen triumphierend. "Es
+gibt nicht viele, die so sicher treffen, kann ich Dir sagen."--"Kannst
+Du ebenso gut schießen?"--"Ob ich es kann! Wirklich, Mary, alles, womit
+ich mich befasse--viel ist es ja nicht,--das tue ich gründlich." Das
+mußte sie zugeben. Das rasende Gebell des Hundes in der Ferne bestätigte
+es auch.
+
+Auf dem Richtsteig zum Hause hinauf sagte er: "Meinst Du, wir sagen Frau
+Dawes oder Deinem Vater etwas?"--"Von Onkel Klaus?"--"Ja. Es würde sie
+nur betrüben. Können wir nicht sagen, er habe gemeint, wir sollten bis
+zum Frühjahr warten?"--Sie blieb stehen. Sie war nicht für so etwas.
+Aber Jörgen blieb dabei. "Ich kenne Onkel Klaus besser als Du. Ihm wird
+es bald leid. Freilich wird er nicht nachgeben, aber er wird selbst mit
+einem anderen Vorschlag kommen, ungefähr mit so etwas, wie ich jetzt
+meine:--er möchte, wir warteten bis zum Frühjahr."
+
+Mary war sich längst darüber klar, wie gut Jörgen unterrichtet sei; sie
+mußte deshalb auch zugeben, daß er so etwas besser verstand als sie.
+Aber an Schleichwege war sie nicht gewöhnt. "Laß mich nur machen," sagte
+er, "dann erspare ich den alten Leuten eine Enttäuschung."
+
+"Aber was soll ich denn sagen?" fragte Mary.--"Die Wahrheit, daß Onkel
+sich sehr über unsere Verlobung gefreut hat, und daß die Zeiten jetzt so
+schlecht seien, daß wir warten müßten. Das verhält sich doch tatsächlich
+so."
+
+Damit war Mary einverstanden. Besonders weil es sie freute, daß Jörgen
+auf die Schonung der beiden Alten bedacht war. Er bekam dafür einen
+aufrichtigen Dank--und wieder ihre Hand. Die behielt er in seiner bis an
+die Treppe, ja noch die Treppe hinauf. Er dachte, das ist ein Pfand für
+einen Kuß im Vorzimmer. Aber dann nehme ich mir zehn!
+
+Er machte die Tür auf und ließ Mary vorangehen. "Schönen Dank für den
+Spaziergang, Jörgen", sagte sie, indem sie an ihm vorbeiging und ihm
+fröhlich zunickte,--lief zur Treppe und nach oben. Er hörte sie in ihr
+Zimmer gehen.--
+
+Wie schonend Jörgen auch seine Worte wählte, als er von dem Resultat
+berichtete,--es war eine schwere Enttäuschung für die alten Leute.
+Sowohl Krog wie vor allem Frau Dawes fanden es unerklärlich; die
+letztere sogar grausam. So sollte Mary den langen Winter über hier
+allein bleiben und Jörgen in Stockholm. Sie konnten sich vielleicht zu
+Weihnachten ein paar Tage sehen, aber sonst nicht. Seltsamerweise übte
+die Enttäuschung der beiden Alten einen Rückschlag auf Jörgen aus. Er
+saß wie ein flügellahmer Vogel da. Er sprach nicht, er antwortete Frau
+Dawes kaum, er spielte auch nicht; aber er bereitete seine Abreise für
+den nächsten Morgen vor. Er wollte direkt nach Stockholm; seine Zeit war
+um.
+
+Nur Mary war guter Dinge. Es war, als gehe sie die ganze Geschichte
+nichts an. Ihr hatte der Tag nichts Schlimmes gebracht; so schien es.
+Das Triumphgefühl, das in ihr war, seit sie vor ihrem Vater die
+Verlobung zu proklamieren geruht hatte, war nicht allein ungeschwächt,
+es war stärker als je. Sie ging über die Flure und durch die Stuben und
+summte vor sich hin; sie hatte tausenderlei zu tun, als sei sie es, die
+eine lange, wichtige Reise vorhatte. Beim Abendessen trieb sie soviel
+Unsinn, daß Jörgen das unsichere Gefühl hatte, sie mache sich über ihn
+lustig. Er sagte ihr schließlich gerade heraus, er verstehe sie nicht.
+Ihm scheine, sie solle ihn lieber bedauern. Sie bleibe doch wenigstens
+hier in ihrem entzückenden Heim und in ihrer schönen Sorge für ihre
+beiden Lieben; er aber--? Jetzt habe er einen Haß auf das, was vor ihm
+liege, weil es ihn von ihr fernhalte. Es tue ihm leid, daß er sich vom
+Dienst habe beurlauben lassen. Er verabscheue Stockholm. Er wisse, wie
+zurückgesetzt ein junger Mann dort sei, der nicht zur höheren "société"
+gehöre und obendrein Norweger sei. Er war unglücklich und machte seinem
+Kummer Luft.
+
+"Du hast doch bei Deiner Konfirmation so gut Bescheid gewußt, Jörgen,
+hast Du vergessen, daß Jakob volle sieben Jahre um Rahel dienen
+mußte?"--"Habe ich etwa nicht lange genug um Dich gedient, Mary?"--"Weil
+Du gar so früh damit anfingst, sind es so viele Jahre geworden. Es ist
+eine schlechte Angewohnheit von Dir--zu früh anzufangen!"--"War es denn
+möglich, Dich zu sehen, ohne ...? Du tust Dir selbst unrecht."--"Du
+hattest doch andere Ziele, Jörgen, als mich zu erringen?"--"Die hatte
+Jakob auch, der Geldjäger! Und er hatte noch den offenbaren Vorteil, daß
+er Rahel inzwischen sehen konnte, so oft er wollte."--"Na,--einer, der
+Jahre lang gewartet hat, Jörgen--" "--der kann auch noch ein halbes Jahr
+Iänger warten? Ja, Du hast gut reden, die nie auf etwas gewartet hat.
+Nicht auf das geringste!"--Sie schwieg. "Daß Du mich obendrein noch
+necken willst, Mary!--Der (auch wenn er bei Dir ist) auf so schmale Kost
+gesetzt ist!"--"Du beklagst Dich, Jörgen?"--"Ja, wahrhaftig."--"Du hast
+allzu früh angefangen, mußt Du bedenken." Sie lachte. Er wurde verlegen,
+sagte aber nach einer Weile: "Du weißt eben nicht, was warten
+heißt!"--"Ich weiß jedenfalls, daß einer, der auf schmale Kost gesetzt
+ist, sich leichter daran gewöhnen kann." Sie lachte wieder. Er war
+gekränkt und unsicher zugleich. Eine, die ihn wirklich lieb hatte, hätte
+sich kaum so benommen--am Abend vor einer mehrmonatlichen Trennung. Und
+bei so kläglichen Aussichten für die Ehe, wie sie sie hatten.
+
+Sie saßen eine Weile bei ihrem Vater und sehr lange bei Frau Dawes.
+Jörgen war still und sagte überhaupt nichts. Mary aber war vergnügt.
+Frau Dawes blickte die beiden verwundert an. Sie wandte sich zu Jörgen:
+"Armer Junge, Du mußt zu Weihnachten herkommen!" Mary antwortete statt
+seiner: "Tante Eva, um Weihnachten ist es in Stockholm gerade am
+lustigsten."
+
+Plötzlich stand Mary auf und wünschte sehr unerwartet "Gute Nacht", erst
+Jörgen, dann Frau Dawes. "Ich bin müde von unserer Tour und ich will
+morgen früh aufstehen, um Jörgen zu begleiten."
+
+Jörgen fühlte, dieser unerwartete Aufbruch war ein wohlüberlegter
+Streich. Sie wollte dem entgehen, ihm draußen auf dem Flur gute Nacht zu
+sagen. Er schwur ihr Rache. Er verstand sich darauf.
+
+Frau Dawes wollte wissen, ob zwischen ihnen etwas vorgefallen sei. Das
+bestritt er. Sie glaubte ihm nicht; er mußte allen Ernstes wiederholen,
+er wisse von nichts. Aber seine Verstimmung verbergen, das konnte er
+nicht. Er brachte es nicht einmal über sich, dazubleiben, und ließ sie
+allein. Auf dem Flur war es gegen die Gewohnheit völlig dunkel. Er
+tastete sich nach seiner Tür. Erst als er drinnen Licht angezündet hatte
+und unwillkürlich auf ein Lebenszeichen aus ihrem Zimmer lauschte, fiel
+ihm ein, daß sein Schloß geölt worden war. Heute morgen hatte es
+geknarrt. Ganz unbedeutend, aber geknarrt hatte es. Nie war er in einem
+Hause gewesen, wo wie hier die kleinste Kleinigkeit, die in Unordnung
+war, sofort repariert worden wäre. Trotzdem Sonntag war. Er konnte sich
+kein größeres Glück vorstellen, als später, wenn erst alles in Ordnung
+war, hierher zurückzukehren, hier auszuruhen, und hier solange und
+solcherart zu leben, wie sein tiefstes Bedürfnis nach Lebensgenuß es ihm
+vor Augen stellte.
+
+Also galt es auszuhalten. Sich jetzt in ihre Launen zu finden wie früher
+in des Onkels Launen. Bis seine Zeit kam!--
+
+--Er war beim Ausziehen, als lautlos die Tür geöffnet wurde und Mary in
+ihrem Nachtgewand hereintrat. Blendend schön. Sie schloß die Tür hinter
+sich und trat an die Lampe. "Du sollst nicht länger warten, Jörgen!" Sie
+löschte die Lampe aus.--
+
+ * * * * *
+
+Allein
+
+
+Am nächsten Morgen verschlief sie die Zeit. Sie wurde durch Gesang und
+Klavierspiel aufgeweckt. Im Halbschlummer erst und dann deutlich hörte
+sie durch einen Strom herandrängender Erinnerungen Jörgens Stimme. Er
+sang am Klavier bei offenem Fenster in den frühen Morgen hinein. Sein
+heller, jubelnder Tenor trug Festesklänge zu ihr hinauf.
+
+Schnell, ganz schnell war sie aus dem Bett und in den Kleidern; sonst
+kam sie zu spät, um ihn zum Schiff hinunterzubegleiten. Bei dem raschen
+Hantieren wurde sie ganz wach, und mächtiger stürmten ihre Gedanken ihm
+und seiner berauschten Seligkeit entgegen. Seinen tiefinnigen, Seele und
+Sinne durchströmenden Dank und seine Lobeshymnen wollte sie in der Nähe
+genießen! Hoch emporgehoben und im Triumph herumgetragen werden wie die
+Herrscherin seines Lebens. Aus freier Souveränität hatte sie ihm des
+Lebens höchsten Preis geschenkt. Jetzt war er belohnt für seine lange
+Qual! Vorurteilslos und ohne zu feilschen. Sie kannte ihn jetzt doch;
+sie wußte bis ins kleinste, wie er aussehen, wie er sich benehmen würde,
+wenn er sie hineinführte in sein Glück. Deshalb schwoll ihre Brust dem
+Wiedersehen entgegen. Feiern sollte man sie und ihr danken!
+
+Durch das kleine holländische Kabinett kam sie in ihrem blauen
+Morgenkleide und legte die Hand auf den Türgriff des großen Musikzimmers
+nach der See hinaus, mußte aber stehen bleiben, um Atem zu schöpfen, so
+gespannt war sie. Dabei genoß sie seinen Triumph da drinnen. So
+hingerissen war er von seiner eigenen Musik, daß sie ihm ganz nahe kam,
+ehe er sie bemerkte. Er blickte strahlend auf und erhob sich langsam und
+still wie zu einem Fest. Er wollte die Stimmung nicht zerstören; er
+breitete die Arme ihr entgegen, zog sie an sich, küßte sie ehrbar aufs
+Haar und streichelte ihr langsam und sorglich die Wange, die freilag; er
+wollte zudecken und verbergen, ihr mit männlicher Güte über die Scham
+weghelfen, die sie naturgemäß empfinden mußte. Er war ganz zart und
+beruhigend.--
+
+"Wir müssen jetzt wohl schnell essen", flüsterte er freundlich zu ihr
+hinunter, küßte noch einmal ihr schönes Haar und atmete seinen Duft.
+Dann faßte er sie sanft, aber gleichsam führend, um die Taille. An der
+Tür fragte er leise: "Du hast wohl gut geschlafen, daß Du so spät
+kommst?" Er öffnete mit der freien Hand väterlich die Tür und blickte
+sie mitfühlend an, als er keine Antwort bekam. Sie war sehr blaß und
+ganz verwirrt. "Mein süßes Mädchen", flüsterte er tröstend.
+
+Bei Tisch war des Rücksichtnehmens kein Ende, besonders da sie nichts
+essen konnte. Aber die Zeit war knapp; er mußte für sich selbst sorgen,
+so daß nicht viel darüber gesprochen wurde. Mary sagte kein einziges
+Wort. Aber sie fand, er hantiere mit Messer und Gabel auf eine ganz
+neue, herrische Art. Verwandt der Art, wie er zu ihr sprach und wie er
+sie ansah. Er wollte ihr offenbar Mut einflößen. Nach dem, was gestern
+geschehen war. Sie hätte den Teller mit allem, was darauf war, nehmen
+und ihm ins Gesicht schleudern mögen!
+
+Sein Triumphgesang hatte ihm selber gegolten, die Siegeshymne seinem
+eigenen Verdienst!
+
+Bei allen Mahlzeiten stand eine Karaffe mit Wein auf dem Tisch. Er trank
+langsam ein ganzes, großes Glas, wischte sich den Mund und stand mit
+einem würdevollen "Entschuldige!" auf.--Dann in der Tür: "Ich muß
+nachsehen, ob der Knecht meinen Koffer geholt hat."
+
+Einen Augenblick nachher war er wieder da. "Die Zeit ist knapp"; er
+schloß die Tür hinter sich und ging hastig auf Mary zu, die jetzt am
+Fenster stand. Er zog sie diesmal rasch an sich und wollte sie
+Küssen...
+
+"Nicht mehr dergleichen!" sagte sie mit ihrer ganzen alten Souveränität
+und wandte sich ab. Sie ging stolz hinaus ins Vorzimmer, zog sich eine
+Jacke an, wobei ihr das herzueilende Mädchen half, wählte einen Hut,
+sah nach dem Wetter und nahm dann einen Sonnenschirm. Das Mädchen
+öffnete ihr die Haustür, Mary ging rasch hinaus, er hinterher, in seinem
+tiefsten Empfinden verletzt. Er war sich keiner Schuld bewußt.
+
+Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Aber es kochte so in
+ihr, daß sie ihren Sonnenschirm fast zerbrochen hätte, als sie ihn
+schließlich aufspannen wollte. Er sah es.
+
+"Du," sagte sie, und es klang, als habe sie eine ganz andere Stimme
+bekommen, "ich halte nicht viel vom Briefschreiben. Ich kann auch keine
+Briefe schreiben."--"Ich soll Dir also nicht schreiben--?!" Er hatte
+auch eine andere Stimme bekommen. Sie antwortete nicht, und sie sah ihn
+auch nicht an. "Wenn aber irgend etwas passiert--?" sagte er.--"Nun ja,
+dann--! Aber dann hast Du ja Frau Dawes."
+
+Als sei es damit noch nicht genug, fügte sie hinzu: "Du bist wohl
+übrigens auch kein Held im Briefschreiben. Also ist nicht viel dabei
+verloren."
+
+Er hätte sie schlagen mögen.
+
+Zum Überfluß mußte nun auch noch der alte, wunderliche Finnenhund da an
+der Brücke sein mit einem von seinen Leuten. Kaum wurde er Jörgen
+gewahr, da fing das Konzert an. Es nützte alles nichts, soviel seine
+Herren auch ihm pfiffen und ihn riefen.
+
+Alle wandten sich nach den Ankömmlingen um. Jörgen hatte sich sofort
+nach einem kleinen Stein gebückt, und Mary hatte ihn leise gebeten, es
+nicht zu tun. Der Dampfer legte gerade an, die allgemeine
+Aufmerksamkeit, auch die des Hundes, wurde von ihnen abgelenkt, und auf
+diesen Augenblick hatte Jörgen gewartet, um ihm den Stein direkt auf den
+Leib zu werfen, daß er laut aufheulte. Unmittelbar darauf wandte er sich
+zu Mary und zog den Hut mit seinem verbindlichsten Lächeln und mit
+tausend Dank für die genossene Gastfreundschaft.
+
+Sie mußte anstandshalber warten, bis der Dampfer abfuhr; ja, sie mußte
+ein paarmal mit dem Sonnenschirm winken. Lächelnd und triumphierend
+grüßte Jörgen mit mächtigem Hutschwenken vom Dampfer herüber.
+
+Wütend war sie! Aber er kaum weniger.
+
+ * * * * *
+
+"Er, der sich vor mir in den Staub hätte werfen müssen und den untersten
+Saum meines Kleides küssen!" Das war ihre Empfindung.
+
+Schon gestern abend war das Gefühl von etwas Unfeinem in ihr
+aufgedämmert. Er wollte sie nicht wieder loslassen. Sie mußte eine List
+anwenden und ihre Tür verriegeln. Aber sie hatte sich das als eine
+krankhafte Folge seiner langen Sehnsucht ausgelegt, die zur Besessenheit
+geworden war.
+
+Jetzt war kein Zweifel möglich! Nur ein "Bewanderter" konnte es in
+dieser Weise auffassen. Sie war betrogen. Das Allerschönste in ihr, das
+von ihren feinsten Instinkten geschirmt und großgezogen worden, war
+hineingelockt in einen widerwärtigen Irrtum.
+
+Sie rang den ganzen Tag damit. Verraten und geschändet nannte sie sich.
+Zuerst wälzte sie alle Schuld von sich. Dann nahm sie alles auf sich und
+verdammte sich als unbrauchbar für das Leben. Sie greife doch nur fehl,
+sie verrate sich selbst. Einen Augenblick sagte sie: Mir ist Gewalt
+angetan, obwohl ich mich freiwillig hingegeben habe! Im andern
+Augenblick sagte sie: Das greift gewiß viel weiter zurück, und ich finde
+mich nicht heraus.
+
+Welch ein Segen, daß ihr Zimmer unberührt und rein geblieben war. Das
+nebenan wollte sie nie wieder betreten, nie mehr sehen.
+
+Ihm wollte sie nicht gehören.
+
+Aber würde er denn schweigen? Darüber war sie beruhigt. Auf dem Gebiet
+lagen seine Schwächen nicht, sonst hätte sie wohl irgend etwas erfahren.
+Aber daß ein einziger Mensch existieren sollte, der--! Sie weinte vor
+ohnmächtigem Zorn. Das würde ihren Lebensmut zerstören. Das würde wie
+ein Alp auf ihr liegen. Gerade wenn sie sich am höchsten fühlte.
+
+Sehen wollte sie ihn! Ihm sagen, wofür sie ihn gehalten habe,--und wer
+er sei. Zu wem sie habe hineingehen wollen,--und zu wem sie
+hineingekommen sei. Er sollte nicht triumphieren können. Aber dazu mußte
+sie sein Leben kennen. Wen konnte sie fragen, wer kannte sich darin
+aus?----
+
+Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war sie sich klarer. Einmal
+darüber, wie sie sich volle Gewißheit über Jörgen verschaffen konnte;
+das mußte gelegentlich geschehen, so daß keiner etwas merkte. Ebenso war
+sie sich klar, daß der Bruch mit ihm und die Begegnung, die den Bruch
+vorbereitete, hingehalten werden mußte--vor allem um der beiden Alten
+willen. Das zweite und viel wichtigere war: ihr eigenes Leben wieder
+aufzubauen, aus dieser schwülen Luft herauszukommen, die sie ins
+Verderben geführt hatte. Da gab es nur einen Weg: ihre Arbeit
+aufzunehmen, sich brauchbar dafür zu machen und aus den Resultaten neuen
+Mut zu schöpfen.
+
+Arbeit und Pflichttreue! Sie stützte sich auf die Ellbogen, als wolle
+sie die Aufrichtung in ihrem Innern versinnbildlichen, und stand im
+nächsten Augenblick auf den Füßen, um sich fertig zu machen.--
+
+Die fünfzigtausend Kronen, die ihr Vater also neulich Onkel Klaus
+gegeben, und die sie in den Büchern nicht gefunden hatte,--deuteten die
+nicht darauf hin, daß ihr Vater noch einen Fonds in Amerika hatte--außer
+dem brüderlichen Geschäft? Daß die Zinsen, die er nicht aufgebraucht
+hatte, dort in Aktien angelegt waren? Da kürzlich 50 000 Kronen frei und
+hierhergeschickt waren?
+
+Seit Jörgen ihr vorgestern von den 50 000 Kronen erzählt hatte, hatten
+die ihr in all den ändern Geschichten keine Ruhe mehr gelassen. Sie
+mußte die amerikanische Korrespondenz des Vaters prüfen; darin würde es
+stehen. Aber sie fand keine solche Korrespondenz,--bis sie eine Truhe
+öffnete, die unten in dem Bücherregal stand, zu dem der Schlüssel in
+seinem Portemonnaie lag. Sie kannte die Truhe von ihren Reisen her; aber
+sie hatte nie gewußt, was sie enthielt. Hier fand sich die ganze
+amerikanische Korrespondenz; hier fanden sich auch die Belege. Es machte
+den Eindruck, als habe er schon zu Lebzeiten ihrer Mutter ihr Vermögen
+und alles, was damit zusammenhing, besonders verwaltet. Dann mußte aber
+ein recht beträchtlicher Rest geblieben sein, selbst wenn der
+Hauptbestand, eine Million Dollar, verloren war. Sie war wie im Fieber.
+Ihr Vater mußte den Brief so verstanden haben, als sei sein ganzer
+Besitz in Amerika verloren gegangen. So hatte sie es aufgefaßt, und die
+andern gleichfalls.
+
+Den Kopf voll dieser Dinge, begab sie sich zum Vater. Sie setzte ihm
+alles umständlich auseinander und sagte, sie wolle gleich nach Amerika,
+um Klarheit zu schaffen. Er erschrak. Aber bald sah er die Notwendigkeit
+ein und fügte sich.
+
+Frau Dawes war nicht so leichtgläubig. Sie vermutete, es müsse etwas
+geschehen sein, wovon Mary sich ablenken wolle. Aber in Marys Wesen und
+in ihrem Bericht über ihre Entdeckung war etwas Heftiges, etwas, das
+keinen Widerspruch duldete. Frau Dawes beschränkte sich daher auf einige
+schüchterne Einwendungen: es gebe auf dem Meer um diese Jahreszeit so
+viele Stürme.
+
+Drei Tage später war Mary mit einem englisch sprechenden Mädchen auf dem
+Wege nach Amerika. Sie werde, sagte sie, schon jemand finden, der ihr
+wertvolle Hilfe leisten würde. Sie kenne so viele.
+
+Alles ging nach Wunsch. In weniger als anderthalb Monaten war sie wieder
+daheim. Es war hohe Zeit gewesen, daß sie hinüberkam. Denn es sollte
+gerade darüber prozessiert werden, ob Anders Krog mit seinem ganzen
+Besitz der Kompagnon seines Bruders gewesen sei, während er es doch nur
+mit der Summe war, die im Geschäft steckte.
+
+Das konnte sie beweisen.
+
+Dieser Erfolg machte ihr Mut. Warum nicht weiter gehen? Hier hatte sie
+Kapital zur Verfügung, und sie hatte große Lust, etwas zu beginnen. Auch
+einen Holzhandel. Konnte sie das nicht so gut lernen wie jeder andere?
+Die doppelte Buchführung? War die so schwer? Sie fing gleich an.
+
+Anders Krog schien aufzuleben, seit sie wieder daheim war. Die
+Gewißheit, daß das Vermögen, das außerhalb der Konkursmasse des Bruders
+stand, gerettet war, war für ihn eine große Freude. Marys Zukunft lag
+ihm so sehr am Herzen.
+
+Dagegen nahm Frau Dawes sichtlich ab. Es war, als habe dieses tätige,
+rastlose Menschenkind seine Kräfte aufgebraucht. Selbst nach Jörgen
+fragte sie nicht; ihre Korrespondenz hatte sie aufgegeben.
+
+Mary leitete den Gutsbetrieb zusammen mit dem Prokuristen und verwaltete
+das Vermögen gemeinsam mit einem Geschäftsmanne. Nebenbei nahm sie
+Unterricht und lernte. Zweimal wöchentlich war sie in der Stadt.
+
+So ging es in den November hinein. Da bekam Anders Krog einen Brief aus
+Kristiania von einem nahen Verwandten, einem reichen Manne, dessen
+einzige Tochter sich soeben verlobt hatte. Er bat, Marit möge doch zu
+den Festlichkeiten hinkommen; es sollten in den beiden großen Familien
+deren mehrere stattfinden.
+
+Mary war selbst erstaunt, wie große Lust sie plötzlich bekam. Der alte
+Adam war nicht tot. Sie trällerte auf den Fluren und in den Stuben vor
+sich hin, während sie ihre Reisevorbereitungen traf; sie sehnte sich
+nach einer neuen Umgebung--und nach neuen Huldigungen. Sie suchte
+Genugtuung darin! Das mußte sie sich selbst zugeben.
+
+Sie war kaum einige Tage dort, als Anders Krog einen Brief bekam, in dem
+Marys Lob in den höchsten Tönen gesungen wurde. Nicht das Brautpaar, sie
+sei der Mittelpunkt aller Bälle gewesen; nicht das Brautpaar, sie werde
+bevorzugt und gefeiert--in erster Linie von dem Brautpaar selbst. Ihre
+einzigartige Schönheit, ihr vornehmes Wesen, ihre Kenntnisse und ihr
+Taktgefühl würden sie ihnen allen unvergeßlich machen. Sie möchten sie
+so gern noch eine Zeitlang dabehalten.
+
+Anders Krog schickte den Brief zu Frau Dawes hinein mit der Bitte, ihn
+bald zurückzugeben; er wolle ihn noch oft lesen,--
+
+Am Tage darauf war Mary wieder daheim. Sie trat des Morgens still bei
+ihrem Vater in die Tür, und er erschrak, als er sie sah. Sie sei krank
+geworden, sagte sie, und das sah man auch deutlich genug. Sie war nicht
+nur blaß, sie war grau, mit übernächtigen Augen und matter Stimme. Sie
+gab ihrem Vater einen langen, zärtlichen Kuß, wollte aber den Brief, den
+er bekommen hatte, gar nicht sehen und nicht von ihrem Aufenthalt in
+Kristiania reden. Jetzt erst auf ein paar Minuten zu Frau Dawes, dann zu
+Bett und ausruhen.
+
+Sie blieb kaum eine halbe Minute bei Frau Dawes, die sie in großer
+Besorgnis zurückließ.
+
+Mary schlief den ganzen Tag, aß zu Abend eine Kleinigkeit und schlief
+wieder die ganze Nacht.
+
+Als sie aufstand, sah sie aus wie immer, war frisch und wach. Der
+Prokurist, der Gärtner und die Haushälterin kamen zu ihr und legten
+Rechenschaft ab, und sie machte einen Rundgang durch das Haus. Dann kam
+sie lächelnd nach oben zu ihrem Vater, der sehr glücklich war, als er
+sie wieder so vor sich sah.
+
+Sie kam, um ihm zu sagen, daß jetzt einer baldigen Heirat nichts mehr im
+Wege stehe. Jetzt hätten sie ja Vermögen. Der Vater brachte unter großen
+Schwierigkeiten heraus, das habe er auch schon gedacht. Seine Augen und
+die eine Hand sagten das übrige; daß er nämlich nichts lieber sehe.
+
+Aber als sie dasselbe zu Frau Dawes sagte und hinzufügte, sie habe
+eigentlich Lust, gleich nach Stockholm zu fahren, um diesen Vorschlag zu
+machen (Jörgens Name wurde nicht genannt), da gewann Frau Dawes die alte
+Geistesschärfe wieder, richtete sich im Bett auf und fing laut zu
+weinen an. Nun verlor Mary den Mut, warf sich über das Bett und
+flüsterte: "So ist es, Tante Eva!" Sie weinte die verzweifeltsten Tränen
+ihres Lebens. Aber als Frau Dawes' Kummer dadurch immer größer wurde,
+hob Mary den Kopf: "Liebe Tante, Vater kann uns ja hören!"--Sie dämpften
+ihre Stimmen ein wenig; Frau Dawes aber versicherte unter Tränen, dies
+sei ja ihre eigene Geschichte! Erst als ihr Verlobter sie soweit gehabt
+habe, sei ihr klar geworden, was für ein erbärmlicher Kerl er war; "aber
+da mußten wir uns eben heiraten. Da siehst Du, Kind, wie wir Frauen
+sind; wir werden nie klug."--
+
+"Oh daß Ihr diesen Menschen in mein Leben hineinziehen mußtet!" jammerte
+Mary. "Ich fühlte es instinktmäßig, daß ich ihn mir fernhalten müsse;
+aber Ihr schlugt alle Bedenken zu Boden." Nach einer Weile: "Nein, so
+mußt Du das nicht auffassen, Tante Eva; ich mache Euch keine Vorwürfe.
+Was nützt jetzt auch alles Jammern? Hier bleibt nur eins: sich mit
+geschlossenen Augen hineinstürzen."
+
+Darin stimmte ihr Frau Dawes völlig bei. "Dann machst Du es wie ich:
+wenn die Ehre gerettet ist, läßt Du Dich von ihm scheiden."--"Nein, das
+tue ich nicht. Dann haben wir etwas, das uns aneinander bindet.--O Gott,
+o Gott!" sie jammerte, klammerte sich an ihre alte Freundin und
+erstickte ihren Verzweiflungsschrei in den Kissen. Frau Dawes saß
+hilflos da und stützte sie. "Das verstehe ich nicht", sagte sie. Da hob
+Mary rasch den Kopf: "Das verstehst Du nicht? Gerade um mich zu binden,
+hat er es getan. Er kannte mich." Wieder warf sie sich verzagt und
+verzweifelt über das Bett. Zwischen den Ausbrüchen oder vielmehr als
+einen Teil dieser Ausbrüche hörte man die Worte: "Es gibt keinen Ausweg!
+Es gibt keinen Ausweg!"
+
+Frau Dawes hatte nicht die Kraft und nicht den Mut, bei soviel Leid nach
+Worten zu suchen.
+
+Es mußte sich austoben. Bis die Empörung sich abkühlte. Frau Dawes
+merkte, wie allmählich etwas anderes sich emporarbeitete. Mary hob den
+Kopf, ihre verweinten Augen waren voll Haß: "Ich dachte, ich hätte mich
+einem Gentleman hingegeben. Aber ich geriet an einen Spekulanten." Damit
+stand sie langsam auf. "Willst Du ihm das sagen, Kind?"--"Mit keinem
+Wort! Nichts, absolut nichts dergleichen. Ich will sagen, wir müssen
+heiraten."
+
+ * * * * *
+
+Drei Tage darauf wurde Jörgen Thiis im Ministerium des Auswärtigen ein
+Brief überbracht. Er war von Mary. "Ich bin im Grand Hôtel und erwarte
+Dich Punkt zwei Uhr draußen auf dem Trottoir."
+
+Er wußte sofort, was das zu bedeuten hatte. Er brach eilig auf, denn die
+Uhr war dreiviertel zwei. Erst auf der Treppe fiel ihm auf, daß er sie
+"draußen auf dem Trottoir" treffen solle.
+
+Sie wollte nicht mit ihm in ihrem Zimmer allein sein.
+
+Das änderte seinen Plan. Er ging nach seiner Wohnung und erlöste einen
+kleinen schwarzen Pudel aus seiner Gefangenschaft, ein wertvolles Tier,
+das er dressierte; denn es war ein rechter Tolpatsch.
+
+Auf der Straße war richtiges Tauwetter, so daß der Hund gleich Weisung
+bekam, auf dem Trottoir zu bleiben, wo es sauber war. Nach ein paar
+lustigen Seitensprüngen hatte es Erfolg; der Hund hatte Angst vor
+Jörgens dünnem Stock.
+
+Schon von weitem sah er Marys schlanke Gestalt. Sie stand mit dem Rücken
+nach ihm, gegen das Schloß gewandt. Kein Passant weiter, kein Mensch
+sonst vor dem Hôtel. Sein Herz klopfte heftig; allzuviel Mut hatte er
+nicht.
+
+Sie wurde ihn gewahr, als der Hund auf sie zulief wie auf einen guten
+alten Freund, Sie hatte Hunde sehr gern; einzig das Wanderleben hatte
+sie abgehalten, sich einen anzuschaffen. Und dieser war so sauber, so
+hübsch und so appetitlich, so ganz nach ihrem Geschmack, daß sie sich
+unwillkürlich zu ihm hinunterbeugte; im gleichen Augenblick sah sie
+Jörgen. Sie richtete sich sofort in die Höhe: "Ist das Dein Hund?"
+fragte sie, als hätten sie sich vor einer halben Stunde hier auf der
+Straße getrennt. "Ja", antwortete er, indem er ehrerbietig den Hut zog.
+Da bückte sie sich wieder zu dem Hunde hinunter und streichelte ihn.
+"Nein, wie bist Du niedlich! Du reizender Kerl! Nicht anspringen!"
+--"Nicht anspringen!" klang es verstärkt von Jörgen her. Sie
+richtete sich wieder in die Höhe. "Wohin gehen wir?" sagte sie, "ich bin
+noch nie hier gewesen."--"Wir können ja geradeaus gehen und dann um die
+Ecke, dann kommen wir an das John Ericson-Denkmal."--"Ja, das möchte ich
+gern sehen." Sie setzten sich in Bewegung.
+
+"Wirst Du herkommen?" rief Jörgen dem Hunde zu und hob den Stock. Jörgen
+fühlte sich verletzt, daß sie ihm nicht einmal die Hand gegeben hatte.
+Wehleidig kam der Hund an; aber bald war er wieder vergnügt, denn Mary
+sprach mit ihm und streichelte ihn.
+
+"Ich habe einen kleinen Abstecher nach Amerika gemacht", sagte
+sie.--"Ja, das hab' ich gehört."--
+
+"Die fünfzigtausend Kronen, von denen Du sprachst, fand ich nicht in den
+Büchern, und ich dachte mir, es müsse noch eine Abrechnung da sein, die
+das Vermögen in Amerika betraf. Und so war es auch. Folglich wurde es
+nötig, hinzureisen, um zu retten, was noch zu retten war. Die Hauptsumme
+war verloren."
+
+"Wie verlief die Sache?"--"Ich habe das mitgebracht, was von den Zinsen
+in all den Jahren nicht aufgebraucht war."
+
+--"Das Geld war gut angelegt?"--"Ich glaube besser, als es in Europa
+möglich gewesen wäre."--
+
+Hier gab es ein kleines Intermezzo. Der Hund war vom Trottoir
+heruntergelaufen und bekam ein paar Hiebe. Das empörte Mary. "Herrgott,
+der Hund weiß das doch nicht."--"Oh, er weiß es recht gut. Aber er hat
+nicht gehorchen gelernt."
+
+Sie gingen ziemlich schnell weiter. "Warum erzählst Du mir das?" fragte
+Jörgen. "Weil wir jetzt heiraten können."--"Ja, wieviel ist es
+denn?"--"Zweihunderttausend."--"Dollar?"--"Nein, Kronen. Und dann noch
+die Fünfzigtausend."--"Das ist nicht genug."--"Zusammen mit dem, was
+wir sonst noch haben?"--"Dies 'sonst' bringt augenblicklich nahezu
+nichts ein. Das weißt Du doch."
+
+Mary begann sich elend zu fühlen. Er merkte es ihrer Stimme an, als sie
+sagte:
+
+"Wir haben doch den Wald in Reserve."--"Der frühestens in drei Jahren
+abgeholzt werden kann? Vielleicht erst in vier, fünf? Es kommt auf das
+Wachstum an."--Mary sah ein, daß, er recht hatte; warum hatte sie dies
+erwähnt?
+
+"Aber zehn, zwölftausend Kronen jährlich ...?"--"In unserer Stellung
+will das nicht viel sagen."
+
+Wieder ein Intermezzo. Hier war kein Trottoir, sondern ein großer,
+freier Platz mit rechtem Morast. Sie hatten beide den Hund vergessen.
+Ein dicker, schmutziger Schifferhund, auch ein Pudel, war auf Landurlaub
+mit ein paar Matrosen, die die Straße entlangschlenderten. Diesem
+willkommenen Kameraden hatte Jörgens Hund sich angeschlossen. Er wurde
+mit Not und Mühe zurückgerufen, schmutzig, wie er schon war. Als Mary
+auch rief, kam er freudig und glückselig an, bekam aber einen Schlag mit
+der Peitsche und winselte.--"Es ist doch merkwürdig," sagte Mary, "daß
+Du mit so einem netten Hund nicht Frieden halten kannst!" Sie dachte an
+den alten Finnenhund bei ihren Nachbarsleuten daheim, gegen den er auch
+so häßlich gewesen war. Jörgen antwortete nicht. Der Hund aber lief
+demütig hinterher, und als Jörgen sich davon überzeugt hatte, sagte er:
+"Weiß Onkel Klaus etwas von dem Vermögen?"--"Ich glaube, außer uns weiß
+kein Mensch etwas davon.--Warum fragst Du?"--"Es ist richtiger, mit
+Onkel Klaus zu reden."--Sie blieb verwundert stehen: "Mit Onkel Klaus?"
+Jörgen stand auch still. Jetzt sahen sie sich an. "Wir kommen weiter
+damit", sagte Jörgen. "Bei Onkel Klaus?" sie sah ihn starr an. Sie
+verstand ihn nicht. "Für die Ehre der Familie tut er viel", sagte Jörgen
+mit einem raschen Seitenblick, indem er weiterging. Sie war kreidebleich
+geworden, folgte ihm aber. "Müssen wir uns Onkel Klaus anvertrauen?"
+flüsterte sie hinter ihm. Weiter konnte die Demütigung nicht gehen. "Wir
+tun es!" antwortete er aufmunternd und beinahe fröhlich; "jetzt sagt er
+nicht nein." Hatte er das mit in Berechnung gezogen?
+
+Er kam näher an sie heran: "Sieh mal, wenn Onkel Klaus nichts von dem
+Vermögen weiß, bekommen wir mehr!"
+
+Er hatte es gut durchdacht! So widerlich ihr das war, es imponierte ihr
+doch. Jörgen war gewiß bedeutender, als sie geglaubt hatte. Wenn er erst
+all seine Fähigkeiten entfaltet hatte, würde er noch andere als sie
+überraschen.
+
+Sie zog sich zusammen wie ein Blatt bei übermäßiger Hitze. "Willst Du
+die Sache mit Onkel Klaus selbst in Ordnung bringen?"--"Ich reise
+natürlich sofort mit Dir nach Hause. Du hättest nicht zu kommen
+brauchen; eine Mitteilung hätte genügt."
+
+Sie ging mit gesenktem Kopf neben ihm her und zitterte am ganzen Leibe.
+Seine Überlegenheit ängstigte und lahmte sie; seine Erwägungen
+verursachten ihr Übelkeit. Es war, wie schon einmal, daß sie einen Fuß
+nicht vor den andern setzen konnte; sie konnte nicht weiter.
+
+Da hörte sie Jörgen rufen: "Komm her, kleiner Satan!" Wieder der Hund.
+Dieser schmutzige Lümmel von Kamerad hatte ihn abermals vom Weg der
+Pflicht fortgelockt. Jörgens Stimme hatte so etwas Eigentümliches, wenn
+sie befahl: sie war gedämpft und scharf zugleich.
+
+Der Hund kannte sie und ließ es dabei bewenden, zweifelnd aufzublicken.
+Da er aber mit einem glücklichen Leichtsinn begabt war, warf er sich
+plötzlich lustig auf seinen Kameraden und nahm das Spiel wieder auf,
+als sei nichts geschehen.
+
+Mary stand und zog eine Lehre daraus. Es war gerade an dem John
+Ericson-Denkmal, wo dies geschah. Sie blickte zu dem Kunstwerk auf; sie
+schaute in John Ericsons große, gute, nachdenkliche Augen, bis ihre
+eigenen sich mit Tränen füllten. Sie war so unglücklich.
+
+Währenddessen plagte sich Jörgen mit dem Hunde. Sein Erziehungsprinzip
+war, daß der Hund nie im Streit mit seinem Herrn seinen Willen bekam.
+"Komm her, Du kleiner Rumtreiber", sagte er schmeichelnd. Der Hund war
+ganz verdutzt. Er hielt mitten im Spielen inne. "Na, so komm doch,
+Freundchen!" Er sprang mit ein paar lustigen Sätzen auf ihn zu, er
+dachte an gute, gemütliche Stunden; vielleicht war dies so eine? Aber
+woran es nun lag,--ihm stiegen Zweifel auf, er warf sich herum und
+wälzte sich bald wieder mit seinem schmutzigen Freunde auf der Straße.
+
+Die Vorübergehenden standen still; sie hatten ihren Spaß an dem
+Ungehorsam des Hundes. Das reizte Jörgen. Mary fühlte es, und sie wollte
+dem Hunde helfen; sie stand hinter Jörgen und sagte leise auf
+französisch: "Es ist nicht recht, ihn erst zu locken und dann zu
+schlagen." Aber da wurde Jörgen noch eigensinniger. "Davon verstehst Du
+nichts", antwortete er auch auf französisch und lockte den Hund wieder.
+
+Mit der unüberlegten Leichtgläubigkeit, die freundlichen kleinen Hunden
+eigen ist, hielt der Hund im Spiel inne und sah nach ihm hin. Den Stock
+hinter sich, kam Jörgen auf ihn zu und lockte ihn. Er war wütend über
+das Lachen der andern, versteckte seine Wut aber hinter sanften Worten.
+"Komm doch, Freundchen!"
+
+"Trau' ihm nicht!" rief ein englischer Matrose; aber es war zu spät.
+Jörgen hatte ihn schon an dem einen langen Ohr gepackt. Der Hund heulte
+auf, Jörgen mußte ihn gekniffen haben. Mary rief auf französisch:
+"Schlag ihn nicht!" Aber Jörgen schlug ihn trotzdem. Nicht sehr hart,
+aber der Hund heulte fürchterlich; er hatte solche Angst. Jörgen schlug
+ihn wieder; auch jetzt nicht hart, mehr um die ganze Gesellschaft zu
+ärgern. Der Hund schrie so gottsjämmerlich, daß Mary nicht hinsehen
+konnte. Sie blickte hinauf in John Ericsons gute, große Augen und sagte:
+"Mit diesen Schlag hast Du mich von Dir getrennt, Jörgen!"
+
+Im Nu ließ er den Hund los und richtete sich auf. Er sah ihre flammenden
+Augen, das weiße Gesicht und die schlanke, stolz aufgerichtete Gestalt.
+Über ihr John Ericsons Haupt.
+
+Nur einen Augenblick. Dann hatte sie sich umgedreht und schritt in
+leichtem, frohem Tempo davon--der Hund hinterher.
+
+Die Leute lachten, die englischen Matrosen mit herausforderndem
+Spott,--Jörgen ging hinterher.
+
+Aber als sie merkte, daß der Hund ihr folgte und nicht ihm, und als
+seine Augen die ihren suchten, um zu erfahren, was sie jetzt wolle, da
+schlug ihre ganze Angst in ausgelassene Fröhlichkeit um. Das war so ihre
+Art. Sie klatschte in die Hände und lief, und der Hund sprang kläffend
+um sie herum.
+
+Der Bann war gebrochen, die Schande getilgt,--nun ade Jörgen und alles,
+was drum und dran ist!
+
+"Nicht wahr, Du kleiner Befreier?" Der bellte.
+
+Sie sah sich nach Jörgen um. Er getraute sich anstandshalber nicht so
+schnell zu gehen.
+
+"Aber wir beide getrauen uns, nicht wahr?" Sie klatschte wieder in die
+Hände und lief, und der Hund lief bellend mit.
+
+Dann schlug sie ein langsameres Tempo an; sie spielte mit ihm und
+plauderte mit ihm; Jörgen war ja so weit zurück. "Eigentlich müßtest Du
+'Liberator' heißen, aber der Name ist zu lang für so einen kleinen,
+schwarzen Hanswurst. Du sollst John heißen,--ja, das sollst Du! Du
+sollst nach dem heißen, der mich angeblickt hat, daß ich Mut bekam!"
+Wieder lief sie weiter und der Hund mit. "Du folgst mir und nicht ihm!
+Das ist recht, das ist gut! Das hat der auch getan, nach dem Du heißt.
+Er folgte den Sklavenpeitschen nicht; er hielt zu denen, die Freiheit
+brachten!" Jetzt bogen sie um die Ecke, Jörgen war nicht zu sehen.
+
+--Als er nachher ins Hotel kam, ließ sie sich verleugnen; und doch hatte
+er sie hineingehen sehen. Er sagte, sie habe seinen Hund. Ja, davon
+wisse man nichts.
+
+Er mußte gehen. Er hatte sie wie auch den Hund verloren.
+
+Oben auf ihrem Zimmer aber fragte Mary den Hund: "Willst Du mir gehören?
+Willst Du bei mir bleiben, Du kleiner, schwarzer John?" Sie klatschte in
+die Hände, damit er sein fröhliches Ja bellen solle. Damit war die
+Eigentumsfrage entschieden. Sie bekam einen Brief von Jörgen, vermutlich
+über diesen Punkt; den verbrannte sie ungelesen.
+
+Sie nahm an, sie werde ihn auf dem Bahnhof treffen, wenn der Zug nach
+Norwegen abfuhr, und dann werde er sein Recht fordern. Sie kam mutig
+angefahren, ihren frischgewaschenen, gekämmten und parfümierten Hund
+neben sich. Jörgen war nicht da.
+
+ * * * * *
+
+Sie schlief die ganze Nacht, den Hund auf ihrer Reisedecke.
+
+Aber mit dem Morgen kamen die Gedanken. Nun war sie allein. Hatte allein
+die Verantwortung.
+
+Bis jetzt hatte sie sich ja selbst mit aller Gewalt in den einzigen
+engen Ausweg hineingehetzt: sich sofort mit Jörgen zu verheiraten, auf
+einer Reise ins Ausland dem Kinde das Leben zu geben--und dann bis ins
+Unendliche auszuhalten.
+
+Aber sich mit einem Menschen zu verheiraten, den sie verabscheute, nur
+um sich ein Feigenblatt zu leihen,--wie unverständlich ihr das jetzt
+geworden war! Sie hatte es versucht, weil man in ihrer Umgebung so
+dachte, und weil sie in einer Sonderstellung war; die duldete keinen
+Fleck auf dem Festgewande.
+
+Aber jetzt sagte sie "pfui, pfui!" ganz laut. Und als der Hund sofort
+aufblickte, fügte sie hinzu: "Dies war meine 'Hundereise', will ich Dir
+sagen! Der Abschluß meiner 'Hundegeschichte'!"
+
+Aber was nun?
+
+Sie wußte, was man noch tun konnte. Aber dann mußte man zwei Mitwisser
+haben, Jörgen und noch einen. Das war zuviel. Dann konnte sie nicht
+stolz und frei dahinschreiten,--und das mußte sie können.
+
+Ja, was nun?
+
+Solange die "Hundereise", die "Hundegeschichte" ihr wie ein Befehl
+erschienen war, wie etwas um ihrer Ehre willen unumgänglich Notwendiges,
+hatte sie an die letzte, an die allerletzte Zufluchtsstätte nicht im
+Ernst gedacht.
+
+Jetzt war es ernst.
+
+Sie sah traurig in die treuherzigen Augen des Hundes, als suche sie auch
+hier einen Ausweg. Sie begegnete der unverfälschtesten Lebenslust und
+Anhänglichkeit. Sie schmiegte ihren Kopf in sein Fell und weinte. Sie
+war noch so jung,--sie hatte keine Lust zu sterben.
+
+Zum erstenmal weinte sie über sich selbst; sie tat sich leid. Sie konnte
+nicht begreifen, womit sie dies verdient habe. Auch konnte sie sich
+nicht klar werden, wie es gekommen war.
+
+Der Hund merkte, daß sie nicht froh sei. Er leckte ihr die Hände und
+guckte ihr in die Augen. Er winselte, weil er hochwollte und sie
+trösten.
+
+Da nahm sie ihn auf und beugte sich über ihn, was er als Spiel auffaßte.
+Er schnappte nach ihren Händen. Darauf ging sie ein. Die fröhlichste
+Kinderei begann zwischen den beiden und wollte gar kein Ende nehmen,
+weil er nicht genug bekommen konnte; immer wenn sie aufhörte, fing er
+wieder an.
+
+Da begann sie mit ihm zu plaudern: "Kleiner, schwarzer John, Du kommst
+mir wie ein Neger vor. Du erinnerst mich daran, daß Dein Name die Neger
+befreit hat. Befreit von der Sklaverei. Du hast mich davor bewahrt, in
+die Sklaverei zu kommen.
+
+"Aber es ist eine schlechte Befreiung, weißt Du, wenn ich nicht mit Dir
+weiter leben darf. Findest Du das nicht auch?" Und dann weinte sie
+wieder.----Mit dichtverschleiertem Gesicht fuhr sie durch die Stadt von
+einem Bahnhof zum andern, den Hund neben sich auf dem Sitz. Sie sah
+keinen Bekannten. Aber wenn die wüßten--?
+
+Oh, diese gerichtete und getötete Krähe, die Jörgen aufheben wollte, und
+vor der sie weglief,--sie wußte gar nicht, daß sie die so genau gesehen
+hatte! Den zerfetzten Hals, den zerhackten Bauch, die leeren
+Augenhöhlen,--das rote Fleisch grinste sie an, sie kam während dieser
+ganzen schrecklichen Fahrt nicht davon los.
+
+Hier draußen war's Winter. Sie hatte seit vielen Jahren keinen Winter
+mehr gesehen. Die absterbende, hinwelkende Natur hatte sie gesehen, aber
+nicht die Umwandlungskraft des Winters, die die Verödung mit dem
+allerweißesten Weiß zudeckt und in Wald und Feld willkürlich
+Veränderungen schafft. Der Fjord war noch nicht zugefroren; er rauschte
+schwarzgrau von allen Seiten heran, herausfordernd, hart, wie ein
+Ungeheuer, das nach Kampf dürstet.
+
+Die Fahrt durch die Stadt hatte ihre Phantasie aufgerührt, die jetzt in
+die Gewalt der Naturkräfte geriet. Ihre Ohnmacht wurde ihr umso tiefer
+fühlbar. Konnte _sie_ den Kampf aufnehmen? Konnte sie ans Ziel kommen,
+bis die Zeit der Umwandlung da war? Sie mußte sich vorher ins Wasser
+stürzen.
+
+Wie sie mit diesen Gedanken spielte,--sah sie ihres Vaters Gesicht vor
+sich. Wie konnte sie leben, ohne ihm zu sagen, was bevorstand? Nie, nie
+konnte sie ihm das sagen. Sie konnte ihm nicht einmal sagen, daß es mit
+Jörgen aus sei. Er würde das nicht ertragen können.
+
+Wenn sie statt zu reden--verschwände?! Du ewiger Himmel; das würde ihn
+auf der Stelle töten.
+
+Auf der ganzen Fahrt keine Angst mehr vor den andern und nicht ein
+bißchen Angst vor sich selber, einzig und allein vor ihm.--
+
+--So ermattet, so voller Seelenangst kam sie heim, daß sie zu weinen
+anfing, als sie das Haus erblickte. Einen so schweren Gang waren wohl
+nicht viele gegangen. Selbst die Freudensprünge des Hundes, als er
+festen Boden unter sich hatte, konnten sie nicht ablenken. Sie ging nach
+oben, um sich zu waschen und umzukleiden, und bat, man möge ihren Vater
+und Frau Dawes benachrichtigen, daß sie wieder da sei. Das kleine
+Mädchen war mit in ihrem Zimmer und half ihr; es war Mary nicht
+angenehm, daß Nanna in jedem freien Augenblick mit dem Hunde spielte;
+aber sie sagte nichts.
+
+Sie sah sehr angegriffen aus. Daß sie geweint hatte, war deutlich zu
+sehen.
+
+Aber das war vielleicht ganz gut. Dann merkte er doch gleich, daß es
+nicht gut stehe. Wenn er es nur überstände! Sie mußte ihm dann schnell
+auseinandersetzen, daß die Reise lang und beschwerlich gewesen sei, und
+daß Jörgen das Vermögen in ihrer Stellung nicht ausreichend finde, um
+sich daraufhin zu verheiraten. Sie müßten auf Onkel Klaus warten.
+
+Wenn sie weinen mußte, und das mußte sie sicher, so müde und verzagt,
+wie sie jetzt war, so war das eine Vorbereitung für das nächste Mal.
+Wenn er es nur überstände.
+
+Aber was sollte sie anders tun? Wenn sie nicht sofort kam, ahnte er
+Unheil und ängstigte sich, und das konnte er auch nicht vertragen.
+
+Sie zitterte, als sie vor der Tür stand. Nicht bloß aus Angst vor ihm,
+nein, auch weil sie nicht vor ihm niedersinken und ihm alles sagen und
+sich bei ihm ausweinen durfte. Wie schrecklich das alles war.--
+
+Aber das Leben ist manchmal barmherzig.
+
+Er war nicht von ihrer Ankunft benachrichtigt worden, weil er schlief.
+Die Pflegerin stand draußen auf dem Flur, um Mary Bescheid zu sagen,
+wenn sie komme. Warum sie nicht anklopfte und es ihr durch die Tür
+zurief? Weil das nun einmal so ihre Art war. Als Mary jetzt herauskam,
+stand aber die Pflegerin nicht auf dem Flur, sondern auf der Treppe. Das
+Mädchen brachte nämlich das Mittagessen für den Kranken; das holte die
+Pflegerin sonst immer selbst, und geniert, daß sie es heute nicht hatte
+tun können, wollte sie ihr doch wenigstens entgegengehen und es ihr auf
+der Treppe abnehmen.
+
+Gerade in diesem Augenblick öffnete Mary die Tür zu ihres Vaters Zimmer.
+Sie blieb auf der Schwelle stehen, weil die Pflegerin jetzt auf sie
+zukam und flüsterte: "Er schläft, gnädiges Fräulein!"
+
+Der Hund aber kümmerte sich nicht darum. Der war schon drin, hatte die
+Pfoten auf den Bettrand gelegt und das Gesicht war dicht vor dem Antlitz
+des Kranken, der gerade aufwachte. Aufwachte, wo diese schwarze Fratze
+ihm in die Augen starrte. Sie öffneten sich weit und schweiften voll
+Entsetzen durch das Zimmer, wo sie Marys Blick begegneten. Sie stand
+bleich und wie gelähmt vor Schreck in der Tür. Er wandte den Kopf nach
+ihr hin, seine Augen blieben an ihr hängen, es kam ein Seherblick in
+sie. Dann sank der Kopf zurück.
+
+"Er stirbt!" schrie die Pflegerin hinter ihr auf. Sie setzte das Tablett
+hin und eilte zu ihm.
+
+Mary konnte es zuerst nicht glauben; aber als sie es begriff, warf sie
+sich mit einem herzzerreißenden Schrei über ihn. Der fand im Zimmer
+nebenan bei Frau Dawes einen Widerhall. Als sie dorthin eilten, lag sie
+ohne Bewußtsein. Sie kam nachher so weit zu sich, daß sie die Zunge
+bewegen konnte. Sie stammelte allerhand in einem krausen Englisch, das
+keiner verstand;--der Arzt aber sagte, es sei mit ihr gewiß auch bald
+aus. Der Vater war tot.
+
+Mary klammerte sich an ihren Verstand, als halte sie ihn in ihren
+Händen. Jetzt galt es, jetzt galt es; nur nicht nachgeben. Nicht
+schreien, nicht denken. Denn sie hatte ihn ja nicht getötet! Es hieß:
+fassen und begreifen, was die andern sagten, und dem Vorschlag
+beistimmen, daß ihres Vaters Schwester geholt werden solle. Es galt,
+ihrem eigenen Jammer nicht freien Lauf zu lassen, als sie die Trauer der
+Tante sah. Es galt, es galt! "Hilf mir, hilf mir," schrie sie, "daß ich
+nicht wahnsinnig werde!" Und zum Doktor sagte sie: "Ich habe ihn nicht
+getötet,--oder doch?"
+
+Er schickte sie zu Bett, machte ihr kalte Umschläge und verließ sie
+nicht. Auch er versicherte, es gelte!
+
+Erst als die kleine Nanna am andern Morgen früh mit dem Hunde zu ihr kam
+und der bei ihr im Bett liegen wollte, konnte sie weinen.
+
+Im Lauf des Tages wurde es besser; denn durch das Telephon strömte eine
+so gewaltige Menge von Telegrammen ins Haus, und es war eine so
+herzliche, oft tiefbewegte Teilnahme in ihnen ausgedrückt, daß ihre
+Trauer davor schmolz. Dieses Mitgefühl, diese Bewunderung für ihren
+Vater und der innige Wunsch, sie zu trösten und zu stärken, halfen ihr.
+Durch die unvorsichtige Abschrift einer dieser telephonischen Depeschen
+erfuhr sie, daß auch Frau Dawes tot war. Man hatte sich nicht getraut,
+es ihr zu sagen. Aber die große allgemeine Teilnahme half ihr auch
+darüber hinweg. Jetzt erst verstand sie die Teilnahme ganz. Alle außer
+ihr hatten gewußt, daß sie die beiden verloren hatte, und daß sie nun
+ganz allein stand.
+
+Am meisten erschütterte sie ein Telegramm aus Paris, das folgenden
+Wortlaut hatte: "Meine geliebte Mary! Wenn Dich in Deinem großen Schmerz
+das Bewußtsein trösten kann, daß Du bei mir ausruhen kannst, so bestimme
+über mich; ich will mit Dir reisen, ich will zu Dir kommen, ganz wie Du
+wünschst! Treulich Deine Alice."
+
+Sie ahnte, wer Alice benachrichtigt hatte.
+
+Auch Jörgen telegraphierte: "Wenn ich Dir im geringsten nützlich sein
+oder Dich trösten kann, so komme ich sofort. Ich bin zerschmettert und
+verzweifelt."
+
+Die gleiche rührende und ehrenvolle Teilnahme zeigte sich auch beim
+Begräbnis, das drei Tage später stattfand. Man hatte es um Marys willen
+möglichst früh angesetzt.
+
+Es kamen Blumensendungen ohne Ende, vor allem aber ein Kranz von Alice.
+Frische norwegische Blumen.
+
+Er wurde zu Mary hinaufgebracht, sie wollte ihn sehen. Das ganze Haus
+war von Blumenduft erfüllt, mitten im Winter; der Hauch der Liebe
+breitete sich über die Schlummernden.
+
+Sie war nicht unten; sie mochte die Särge und die Blumen und die
+Vorbereitungen nicht sehen. Unten in den Zimmern wurden denen, die
+weither kamen, Erfrischungen gereicht.
+
+Aber es erschienen viel mehr Menschen, als das Haus fassen konnte, und
+unten an der Kapelle war ein noch größerer Andrang.
+
+Der Pfarrer fragte, ob er zu dem gnädigen Fräulein hinaufkommen dürfe.
+Sie ließ ihm danken, sagte aber nein.
+
+Gleich darauf fragte die kleine Nanna, ob "Onkel Klaus" sie begrüßen
+dürfe. Er hatte ein rührendes Telegramm geschickt und angefragt, ob er
+ihr irgendwie behilflich sein könne. Außerdem war der Kranz von ihm so
+großartig,--wie die Dienstboten versicherten--daß man auch den nach oben
+gebracht hatte, damit sie sich ihn ansehen solle.
+
+Sie sagte ja. Und herein kam der große Mann im schwarzen Anzug,
+schnaufend, als falle ihm das Atmen schwer. Kaum war er im Zimmer und
+sah Mary wie eine Elfenbeinstatue mit dem schwarzen Kleid neben ihrem
+Bett stehen, da setzte er sich auf den nächsten Stuhl und brach in
+Tränen aus. Es klang, als wenn in einer großen Uhr die Feder springt und
+das ganze losschnarrt. Es war das Weinen eines Mannes, der seit seiner
+Kindheit nicht mehr geweint hatte. Ein Weinen, das sich über sich selbst
+entsetzte. Er sah nicht auf.
+
+Aber er hatte etwas auf dem Herzen, das merkte sie. Es war, als wolle er
+ein paarmal einen Anlauf nehmen, aber dann packte ihn das Weinen noch
+schlimmer. Da winkte er mit der Hand ab. Das galt nicht ihr, das galt
+ihm selbst; er konnte nicht. Er stand auf und ging. Die Tür machte er
+nicht hinter sich zu. Sie hörte ihn schluchzen den Flur entlang und die
+Treppe hinunter. Vermutlich brach er jetzt sofort auf.
+
+Mary war ergriffen. Sie wußte, ihr Vater war sein bester, vielleicht
+sein einziger Freund gewesen. Aber sie ahnte, daß das Weinen nicht nur
+ihrem Vater galt; es lag auch unmittelbare Teilnahme darin und Reue.
+Sonst wäre er unten am Sarge geblieben.
+
+Die schöne Glocke der Kapelle begann zu läuten. Der Hund, der den ganzen
+Tag bei ihr im Zimmer hatte bleiben müssen und sehr unruhig gewesen war,
+stürzte jetzt ans Fenster, das auf die See hinausging, und legte die
+Pfoten aufs Fensterbrett, um hinauszusehen. Mary trat zu ihm.
+
+Im selben Augenblick fuhr Onkel Klaus fort. Unten in den Zimmern aber
+wurde ein Choral angestimmt, das Trauergefolge kam. Die beiden Särge
+wurden von Bauern der Umgegend getragen. Als der erste herauskam, sank
+Mary in die Knie und weinte, als solle das Herz ihr brechen. Weiter sah
+sie nichts.
+
+Sie lag auf dem Bett, das Glockengeläute schnitt ihr ins Herz; sie hatte
+das Gefühl, es müsse Furchen durch die Seele ziehen. Ihre Sinne
+verwirrten sich immer mehr; sie war überzeugt, ihr Vater habe, als sie
+in der Tür stand, in sie hineingesehen, und daran sei er gestorben. Frau
+Dawes war ihm wie immer gefolgt. Er war die einzige, große Liebe ihres
+Lebens gewesen. Jetzt waren sie beide bei ihr. Auch ihre Mutter in einem
+weißen, schleppenden Kleide. "Du frierst, Kind!" Sie nahm sie in die
+Arme, denn Mary war wieder ein kleines Kind und ganz unschuldig. Darüber
+schlief sie ein.
+
+Aber als sie aufwachte und draußen und drinnen keinen Laut hörte,--das
+Haus war leer ... da faltete sie die Hände und sagte halblaut: "Es war
+das beste für uns drei. Das Schicksal war barmherzig mit uns."
+
+Sie sah sich nach dem Hund um; sie brauchte Teilnahme. Aber irgendeiner
+mußte ihn hinausgelassen haben, während sie schlief.
+
+Das genügte, um wieder in Tränen auszubrechen. Perle auf Perle aus der
+unerschöpflichen Schmerzensquelle rann ihr über Wangen und Hände, wie
+sie so dalag und den schweren Kopf stützte.
+
+"Jetzt kann ich anfangen, wieder an mich selbst zu denken. Jetzt bin ich
+allein."
+
+ * * * * *
+
+Entscheidung
+
+
+Am nächsten Tage ging sie zu den Gräbern hinunter. Ihr Schmerz wurde
+durch einen kleinen Zwischenfall abgelenkt.
+
+Es war Sonnabend und morgen war einer der wenigen Sonntage des Jahres,
+da in der Kapelle Gottesdienst stattfand. Zu solchen Tagen pflegten wohl
+die Gräber geschmückt zu werden. Da das rechte Nachbargehöft früher zu
+Krogskog gehört hatte, hatten die Leute hier ihren Begräbnisplatz. Die
+Frau war hingekommen, um ein frisches Grab zu schmücken, und der alte
+Wolfshund hatte sie begleitet. Natürlich flog Marys kleiner Pudel
+treuherzig auf ihn zu, und zu Marys und der Frau Erstaunen nahm der alte
+Hund nach einer umständlichen und vorsichtigen Beriechung den kleinen
+Narren in seine Freundschaft auf. Er, der sonst keine jungen Hunde
+leiden mochte, verliebte sich in ihn. Er litt, daß er ihn an den Ohren
+zerrte und ihn in die Beine biß, ja, er legte sich vor ihm nieder und
+spielte den Überwundenen. Mary machte das solche Freude, daß sie die
+Frau ein Stück begleitete, um dem Spiel zuzusehen. Und sie wurde dafür
+belohnt; denn sie hörte warme Lobesworte über ihren Vater und einen
+Widerhall all dessen, was in diesen Tagen in der Umgegend gesprochen
+worden war und den Grund zu seinem Nachruhm legte.
+
+Als sie mit dem Hunde, der jetzt sehr aufgekratzt war, wieder nach Hause
+ging, dachte sie: werde ich wohl Mutter ähnlich? Ist irgend etwas in
+mir, das bisher keinen Platz gehabt hat? Etwas Idyllisches?
+
+Es warteten ihrer an diesem Tage zwei Dinge.
+
+Das eine war ein Brief von Onkel Klaus, er nannte sie "Hochverehrtes,
+liebes Patenkind, Fräulein Mary Krog."
+
+Daß er ihr Pate war, hatte sie nicht geahnt. Das hatte ihr Vater ihr nie
+gesagt; wahrscheinlich wußte er es gar nicht.
+
+Onkel Klaus schrieb:
+
+"Es gibt Gefühle, die zu stark für Worte sind, zumal für geschriebene.
+Ich bin kein Held der Feder; ich nehme mir nur die Freiheit, Dir
+schriftlich mitzuteilen,--weil ich es mündlich nicht konnte,--daß ich an
+demselben Tage, da mein unvergeßlicher Freund, Dein Vater, starb, und
+Frau Dawes, Deine edle Pflegemutter, gleichfalls starb, und Du allein
+zurückbliebst, Dich, mein liebes Patenkind, zu meiner Erbin eingesetzt
+habe.
+
+Mein Vermögen ist bei weitem nicht so groß, wie allgemein angenommen
+wird; ich habe auch in der letzten Zeit viel Pech gehabt. Aber es ist
+schließlich doch genug für uns beide, wenn Du Deinen Teil verwaltest und
+nicht Jörgen. Ich gehe nämlich davon aus, daß Ihr jetzt heiratet.
+
+Seit vielen Jahren habe ich Frau Dawes' Testament bei mir liegen, wie
+ich auch ihr Geld in Verwaltung gehabt habe. Gestern habe ich das
+Testament geöffnet. Sie hat Dir alles vermacht, was sie besitzt. Es sind
+wohl an sechzigtausend Kronen. Aber es ist mit diesem Gelde ebenso
+bestellt wie mit dem Gelde Deines Vaters: es trägt zurzeit so gut wie
+keine Zinsen.
+
+Dein Pate Klaus Krog."
+
+Mary antwortete sofort:
+
+"Mein lieber Pate!
+
+Dein Brief hat mich tief gerührt. Ich danke Dir von ganzem Herzen.
+
+Aber Dein großes Geschenk darf ich nicht annehmen.
+
+Jörgen ist doch Dein Pflegesohn, und ich möchte ihm in keiner Weise im
+Wege stehen.
+
+Du darfst mir das nicht übelnehmen. Ich kann unmöglich anders handeln.
+
+Über Frau Dawes' Testament werde ich später meine Bestimmungen treffen
+und sie Dir dann mitteilen.
+
+Deine dankbare
+
+Mary Krog."
+
+Als sie den Brief fertig hatte, hörte sie einen Wagen vorfahren. Gleich
+darauf wurde ihr eine Visitenkarte überbracht; darauf stand: Margrete
+Röy, cand. med.
+
+Es dauerte eine Weile, bis sie hereinkam; sie hatte ihren Reisemantel
+abgenommen; es war ein kalter Tag. Das erhöhte Marys Spannung
+beträchtlich, so daß sie, als die hohe, kräftige Frauengestalt mit den
+guten Augen in der Tür stand, blaß wurde und zitterte. Sie merkte, was
+das auf die guten Augen für einen Eindruck machte, die jetzt ihr ganzes
+Mitgefühl über sie hinströmten. Als kennten sie beide sich seit vielen
+Jahren, ging Mary ihr entgegen, legte den Kopf an ihre Schulter und
+weinte. Margrete Röy zog das unglückliche Mädchen warm an ihre Brust.
+
+Sie setzten sich. Sie wollte sich erkundigen, wann Mary ins Ausland
+gehe. Mary war sehr erstaunt: "Habe ich darüber mit jemandem
+gesprochen?"--Margrete Röy erklärte ihr, sie habe es von der Pflegerin
+erfahren. "Ach," antwortete Mary, "was ich in dem Zustand gesagt habe,
+weiß ich nicht mehr. Ich habe jedenfalls nachher nicht wieder daran
+gedacht."
+
+"Also Sie wollen nicht fort?" Mary bedachte sich eine Weile. "Ich kann
+es wirklich noch nicht sagen. Soweit bin ich noch nicht wieder zu mir
+selbst gekommen." Margrete Röy wurde verlegen. Das sah Mary, oder
+richtiger, sie fühlte es. "Wollen Sie etwa auch ins Ausland?" fragte
+sie. "Ja. Ich wollte hören, ob ich Ihnen irgendwie dienlich sein kann,
+dann wollte ich meine Reise nach Ihrer einrichten."--"Wohin reisen Sie
+denn?"--"Ich reise im Interesse meines Studiums und fange mit Paris an.
+Die Pflegerin sagte mir, dahin wollten Sie auch", fügte sie hinzu. Sie
+war ganz schüchtern geworden. Sie hatte Mary helfen wollen und kam sich
+nun aufdringlich vor. "Ich weiß, Sie meinen es gut", antwortete Mary.
+"Es kann ja sein, daß ich von Paris gesprochen habe. Ich erinnere mich
+nicht. In Wirklichkeit habe ich noch nichts beschlossen."--"Ja, dann
+müssen Sie schon verzeihen. Dann beruht alles auf einem Mißverständnis."
+Fräulein Röy stand auf.
+
+Mary hatte das Gefühl, sie müsse sie zurückhalten; aber sie hatte nicht
+die Kraft. Erst an der Tür vertrat sie Fräulein Röy den Weg. "Ich möchte
+in den nächsten Tagen einmal mit Ihnen sprechen, Fräulein Röy." Sie
+sagte es sehr leise und blickte nicht auf. "Heute fühle ich mich nicht
+kräftig genug", fügte sie hinzu.--"Das sehe ich. Das habe ich auch
+angenommen. Deshalb habe ich Ihnen etwas mitgebracht, wovon Sie
+vielleicht Gebrauch machen können. Es ist das beste Kräftigungsmittel,
+das ich kenne."
+
+Nein, wie sympathisch ihr ganzes Wesen Mary berührte. Sie dankte ihr
+herzlich.
+
+"Wenn ich etwas gesunder bin, komme ich also."--"Sie sollen mir
+willkommen sein."--"Ja," sagte Mary errötend, "es ist Ihnen doch nicht
+unangenehm, zu mir zu kommen?"--"In Ihr Haus am Markt?" fragte Margrete
+Röy; sie wurde auch rot.--"In unser Haus am Markt, ja. Aber ich kann
+wohl gar nicht mehr 'unser' sagen?" Ihr kamen wieder die Tränen. "Wenn
+Sie mich nur verständigen, komme ich hin."
+
+Acht Tage später kam sie.
+
+In einem wütenden Novembersturm, wie man ihn schlimmer in jener Gegend
+nie erlebt hatte. Das Wasser war noch nicht zugefroren, so daß Dampfer
+verkehren konnten. Aber nur mit Not und Mühe. Und bei der Stadt mußten
+sie Halt machen.
+
+Margrete Röy war höchlichst erstaunt, als sie an diesem Tage die
+Nachricht erhielt, sie möge in das Krogsche Haus am Markt kommen.
+
+Sie kam in ein warmes behagliches Haus hinein und war doch gewohnt, es
+ausgestorben mit heruntergelassenen Vorhängen zu sehen. Sie wurde eine
+breite, altmodische Treppe hinaufgeführt; es war die ganze Stilart der
+alten Stadthäuser zu Beginn des vorigen Jahrhunderts.
+
+Mary saß in einem roten Boudoir, das seit den Lebzeiten ihrer Mutter
+unverändert geblieben war. Sie saß auf dem Sofa unter einem großen
+Porträt der Mutter. Als sie aufstand in ihrem schwarzen Kleide, bleich
+und mit müden Augen unter dem roten Haar, da erschien sie Margrete Röy
+wie die Verkörperung des Schmerzes, die schönste, die man sich
+vorstellen konnte. Es lag eine Feiertagsruhe auf ihrem Wesen. Sie sprach
+so leise, wie der Sturm draußen es irgend gestattete.
+
+"Ich fühle, Sie ehren das Leid eines anderen Menschen. Ich bin auch
+überzeugt, daß Sie verschwiegen sind."--"Das bin ich."--Es dauerte eine
+Weile, bis Mary sagte: "Was für ein Mensch ist Jörgen Thiis?"--"Was für
+ein Mensch er ist?"
+
+"Aus verschiedenen Gründen nehme ich an, daß Sie mir das sagen
+können."--"Da muß ich aber erst fragen: sind Sie nicht mit Jörgen Thiis
+verlobt?"--"Nein."--"Man hat es gesagt."--Mary schwieg.--"Ja, sind Sie
+denn auch nicht mit ihm verlobt gewesen?"--"Doch."--Da sagte Margrete
+rasch und freudig: "Aber Sie haben die Verlobung aufgehoben?"--Mary
+nickte.--"Das wird manchem eine Freude bereiten; Jörgen Thiis ist Ihrer
+nicht würdig." Das schien Mary nicht in Erstaunen zu setzen. "Sie wissen
+etwas?" fragte sie.--"Ein Frauenarzt, liebes Fräulein, weiß mehr, als er
+erzählen kann."--"Aber ich glaube doch, er hat mich geliebt", sagte
+Mary, um sich zu entschuldigen.--"Das haben wir alle gemerkt",
+antwortete Margrete. "Er liebte Sie sicher mehr als je eine zuvor." Und
+sie fügte hinzu: "Das war nicht zu verwundern ... Aber in Kristiania
+habe ich ein junges, süßes Mädel gekannt, die damals seine Einzige war!
+Sie war ganz aus dem Häuschen, und da sie sich nicht heiraten konnten,
+gab sie sich ihm hin."--"Was tat sie?" Mary schrak auf; hatte sie recht
+gehört? Es stürmte draußen so sehr, daß man einander schwer verstehen
+konnte. Margrete wiederholte deutlich und mit Betonung: "Sie war ein
+warmherziges Ding und glaubte, sie sei wirklich seine Einzige."--"Sie
+konnten sich nicht heiraten?"--"Sie konnten sich nicht heiraten. Da gab
+sie sich ihm hin."
+
+Mary fuhr in die Höhe, blieb aber stehen. Sie hatte etwas sagen wollen,
+hielt aber inne.
+
+"Erschrecken Sie nicht so, Fräulein Krog, das ist nichts Seltenes." Bei
+dieser Auslegung war es Mary, als sinke sie in eine tiefere Klasse
+herab. Sie setzte sich langsam wieder hin. "Sie haben gewiß in solchen
+Dingen gar keine Lebenserfahrung, Fräulein Krog."--Mary schüttelte den
+Kopf.--"Dann wundert es mich, daß Sie beizeiten von Jörgen Thiis
+losgekommen sind; der hat Routine."--Mary antwortete nicht. "Wir nahmen
+an, Sie würden noch vor dem Herbst heiraten. Besonders als Ihr Vater und
+Frau Dawes krank wurden."--"Das wollten wir auch, aber es stellte sich
+als unmöglich heraus."
+
+Margrete konnte nicht ergründen, was hinter dieser rätselhaften Antwort
+steckte. Aber sie sagte mit forschenden Augen: "Da wuchs wohl seine
+Begierde ganz bedeutend?"--Es bebte in Mary, aber sie zwang es nieder.
+"Sie scheinen ihn zu kennen?"--Margrete bedachte sich eine Weile: "Ja,"
+sagte sie, "ich bin ja älter als Sie,--auch älter als er. Aber--zu
+meiner Schande sei's gesagt,--in Kristiania vergaffte ich mich auch in
+ihn. Das merkte er--und versuchte sein Heil." Sie lachte.
+
+Mary wurde bleich, sie erhob sich und trat ans Fenster. Draußen
+peitschten Sturm und Regen mit wachsender Gewalt gegen die Scheiben; sie
+mußten jetzt ganz laut sprechen. Mary stand eine Weile und blickte in
+das Unwetter hinaus, kam dann zurück und stellte sich aufgeregt und
+unruhig vor Margrete hin.
+
+"Wollen Sie mir versprechen: niemals einem Menschen zu sagen, worüber
+wir heute geredet haben?--Unter keinen Umständen?"--Margrete sah sie
+verwundert an: "Ich soll niemandem erzählen, daß Sie mich nach Jörgen
+Thiis gefragt haben?"--"Ich wünsche absolut, daß keiner es
+erfährt."--"Auf wen geht das?"--Mary sah sie an: "Auf wen das geht?" Sie
+verstand die Frage nicht. Margrete aber stand auf: "Ein Mensch kam
+eigens in diese Stadt, um Ihnen zu sagen, daß Jörgen Thiis Ihrer nicht
+würdig sei. Er kam zu spät. Aber mir scheint, er verdient zu erfahren,
+daß Sie jetzt selbst dahintergekommen sind, was für ein Mensch Jörgen
+Thiis ist."--Mary antwortete eifrig: "Dem sagen Sie's! Dem können Sie es
+sagen.--So ist er deshalb gekommen?" fügte sie langsam hinzu. "Es ist
+mir lieb, daß Sie mir das gesagt haben! Mein zweites Anliegen war
+nämlich ... (sie hielt einen Augenblick inne); das zweite, was ich Ihnen
+zu sagen hatte, war ... Sie sollen Ihren Bruder grüßen. Von mir."--"Das
+will ich tun. Und ich danke Ihnen dafür! Sie wissen, was Sie meinem
+Bruder sind." Marys Augen wichen ihr aus. Sie kämpfte eine Weile mit
+sich. "Ich bin eine von den Unglücklichen," sagte sie, "die ihr eigenes
+Leben nicht ins Lot bringen können,--nicht das, was geschehen ist. Ich
+kann den Faden nicht finden. Aber mir ist, als wenn Ihr Bruder Anteil
+daran habe."--Sie wollte wohl noch mehr sagen, vermochte es aber nicht.
+Sie trat statt dessen wieder ans Fenster und blieb da stehen. Das
+Unwetter draußen drang mit tausendstimmiger Wut ins Zimmer. Es schrie
+förmlich nach ihr. "Herrgott, was für ein Wetter", sagte Margrete mit
+lauter Stimme. "Ich freue mich, in das Wetter hinauszukommen", sagte
+Mary, indem sie sich mit leuchtenden Augen umwandte. "Sie wollen in
+diesem Wetter hinaus?" rief Margrete. "Ich will nach Hause gehen!"
+antwortete Mary. "Noch obendrein gehen?!" Mary kam heran und stellte
+sich vor sie hin, als wolle sie etwas Gewaltiges, Ungestümes sagen. Sie
+hielt freilich inne; aber das Unausgesprochene stürmte empor in ihre
+Augen, in ihr Gesicht, in ihre Brust, daß sie die Arme in die Luft
+reckte und mit einem lauten Aufstöhnen auf das Sofa ihrer Mutter
+niedersank. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.
+
+Da kniete Margrete vor ihr hin. Mary ließ sich umarmen und wie ein
+müdes krankes Kind an ihre Brust ziehen. Auch das Weinen brach rührend
+und hilflos wie das Weinen eines Kindes aus ihr hervor; ihr Kopf sank
+auf die Schulter der Freundin.
+
+Nur einen Augenblick. Dann richtete sie sich mit einem Ruck empor. Denn
+Margrete hatte ihr zugeflüstert: "Ihnen fehlt etwas. Sagen Sie es mir!"
+
+Kein Wort als Antwort. Da wagte Margrete nichts mehr zu sagen. Sie stand
+auf; sie fühlte, hier war nichts mehr für sie zu tun.
+
+Mary tat auch nichts, um sie zurückzuhalten. Sie war auch aufgestanden,
+und so sagten die beiden sich Lebewohl.
+
+Aber als Margrete an der Tür stand, konnte sie doch nicht umhin, noch
+einmal zu fragen: "Wollen Sie wirklich hinaus--?" Mary nickte, als wolle
+sie sagen: "Genug davon! Das ist meine Sache."
+
+Da ging Margrete.
+
+ * * * * *
+
+Die Laternen brannten schon, als Mary vor ihrem Hause stand. Sie konnte
+sich bei den Windstößen nur mühsam aufrechthalten, die sich von
+Südwesten her zwischen den Häusern durchpreßten. Sie hatte einen
+wetterfesten Mantel um mit einer Kapuze und hohe, gut schließende,
+wasserdichte Stiefel. Sie ging so rasch sie konnte. Eine einzige
+Vorstellung war von dem Gespräch mit Margrete Röy in ihr
+zurückgeblieben. Aber die jagte sie vorwärts, die peitschte ihr mit dem
+Regen zusammen in den Rücken:--Margretes entsetzte Augen und ihr
+bleiches Gesicht, als sie gesagt hatte: "Ihnen fehlt etwas? Sagen Sie's
+mir!" Himmlischer Vater, sie wußte es! So würden alle sie ansehen, wenn
+sie es erfuhren! So tief hatte sie die Leute enttäuscht und gekränkt in
+ihrem Glauben an sie. Ihr war's, als seien sie alle hinter ihr her, als
+fliehe sie vor ihnen. Vor dem Krähenschwarm! Sie stürmte dahin und war
+außerhalb der Stadt, ehe sie selbst es merkte. Hier draußen, wo keine
+Laternen mehr standen, war es stockfinster; sie mußte eine Weile
+stillstehen, bis sie den Weg sehen konnte. Aber dann ging's erst recht
+vorwärts! Sie hatte den Orkan halb von hinten, halb von der Seite.
+
+Das war der Richterspruch, der sie aus Land und Reich verjagte! Der sie
+noch weitertrieb! Ihr war's von der ersten Stunde an, da ihr Klarheit
+wurde über ihre Lage, gewesen, als habe sie ein Paket geschenkt
+bekommen, das sie bis jetzt nicht aufgemacht hatte. Sie hatte die ganze
+Zeit über geahnt, was darin war; aber eigentlich hatte sie es erst
+gestern aufgemacht. In dem Paket war ein großer schwarzer Schleier, in
+den sie sich und ihre Schande einhüllen konnte, der Schleier des Todes.
+Aber auch der Schleier wurde ihr nur bedingungsweise geschenkt. Unter
+einer Bedingung, die sie von Kind auf kannte. Damals war ihr die
+Geschichte einer Großtante erzählt worden, die es hatte verheimlichen
+wollen, daß sie während der Abwesenheit des Mannes schwanger geworden
+und deshalb heimlich Abend für Abend mit bloßen Füßen auf dem eiskalten
+Fußboden umhergelaufen war. Sie hatte den natürlichen Tod sterben
+wollen, der die Folge davon sein mußte. Dann wüßte keiner, daß sie sich
+das Leben genommen habe, und das Warum kam nicht heraus.
+
+Aber irgendeiner hatte sie Nacht für Nacht so auf und ab gehen hören;
+daher kam es doch heraus.
+
+Das wollte sie jetzt besser machen!
+
+Die Schwäche, die vor Margrete so unerwartet über sie gekommen, war
+völlig geschwunden. Jetzt hatte sie Kraft zu ihrem Vorhaben.
+
+Als solle ihr Mut sofort auf die Probe gestellt werden, tauchte neben
+ihr etwas Schattenhaftes auf. Es trat ungeahnt aus dem Dunkel hervor und
+so beängstigend nahe, daß sie zu laufen anfing. Das Entsetzen, als sie
+durch das Toben der Elemente zu hören meinte, es komme hinter ihr
+hergelaufen! Da fand sie ihre Fassung wieder und blieb stehen. Da blieb
+das hinter ihr auch stehen. Sie ging weiter; da ging das Schattenhafte
+auch weiter. Nein, dachte sie: wenn ich nicht den Mut habe, dieser
+Sache auf den Grund zu gehen, so habe ich auch den Mut nicht zu dem
+ändern. Damit drehte sie sich um und ging direkt auf das Ungeheuer zu,
+das sie verfolgte: es wieherte gutmütig,--es war ein junges Pferd. Es
+war gesattelt und suchte in seiner Verlassenheit den Menschen. Sie
+streichelte es und sprach mit ihm. Es war doch ein Gruß des Lebens, ein
+Verlassener, der eine Verzweifelte tröstete. Aber als es weiter mitging,
+lieferte sie es auf dem nächsten Bauernhof ab. Sie mußte allein sein.
+Die Leute waren höchlichst erstaunt. Daß jemand in dem Wetter draußen
+war, und noch dazu eine Frau! Sie floh hastig aus der Helle wieder ins
+Dunkel hinaus.
+
+Das kleine Ereignis hatte sie gestärkt; sie wußte jetzt, daß sie Mut
+hatte. Und rasch schritt sie vorwärts.
+
+Sie mußte jetzt über den ersten Hügel, den der Weg durchquerte. Ob es
+wirklich so war, oder ob es ihr nur so schien: der Sturm nahm beständig
+zu. Er mußte doch bald seinen Höhepunkt erreicht haben. Aber für sie lag
+all ihr eigener Jammer und ihre Schande darin. Gerade das gab ihr Kraft.
+Nicht vor dem Tode hatte sie Furcht,--nur vor dem Leben.
+
+Im Weiterschreiten durchdachte sie alles noch einmal. Sie wollte ihr
+Kind nicht verraten, nicht sich selbst retten, indem sie das Kind töten
+ließ. Es nicht zu fremden Leuten geben und dann verleugnen. Nicht leben
+ohne Selbstachtung.
+
+Wenn ein Bewerber käme--und sicher kämen jetzt genau so viele wie
+früher!--sollte sie es ihm dann gestehen? Oder schamlos verschweigen? Es
+gab nur eins, was sie mit Ehren tun konnte: mit ihrem Kinde zusammen
+untergehen. Zu nichts anderem fühlte sie sich fähig. Aber das mußte so
+geschehen, daß keiner etwas merke. Sie mußte an einer Krankheit sterben;
+also hieß es, sich diese Todeskrankheit zuzuziehen.
+
+Das war sie sich selber schuldig. Denn sie war sich heute genau so
+sicher wie an jenem Abend, als sie zu Jörgen hineinging, daß sie nicht
+deswegen unglücklich zu werden verdiene.
+
+Es war ein ungeheurer Irrtum, ja;--aber daran war sie unschuldig. Es war
+gewiß auch stark mit Naturtrieb verquickt gewesen,--trotzdem war es eine
+Handlung, deren sie sich nicht schämte. Sie war es sich selber schuldig,
+mit dem unverkürzten Mitgefühl aller zu sterben, die sie je gekannt
+hatte. Sie war das auch denen die in ihr die erste von allen gesehen
+hatten. Sie hatte nicht illoyal den Glauben dieser Menschen an sich aufs
+Spiel gesetzt.
+
+Jetzt war sie vorn auf der Landzunge, und der fürchterliche Kampf, der
+hier begann, wurde unversehens zu einem Kampf um dies eine. Es war, als
+wollten alle Mächte der Welt ihr die Selbstachtung entreißen und sie
+verdammen. Hier war offnes Meer und meilenweit her rollten die Wogen in
+wachsender Empörung heran. Wenn sie dann am Felsen anprallten, sprühten
+sie meterhoch auf. Die allerhöchsten kamen mit den letzten, schneidenden
+Spritzern bis zu ihr hinauf. "Da hast Du's! Da hast Du's!" Und der
+Sturm, der gegen die zerrissene Felsenkante anraste, wollte sie durch
+die Macht des Luftdrucks herunterreißen. Obschon der Regenmantel die
+Kleider gut zusammenhielt, war's doch, als wolle der Sturm sie ihr vom
+Leibe herunterziehen: "Steh nackt in Deiner Schande, in Deiner Schande!"
+
+Aber das rasende Schäumen der Wogen schüchterte sie nicht ein, sich
+schuldig zu fühlen, auch der Sturm konnte sie nicht bis an die
+Eisenstange treiben und vielleicht gar hinüber. Sie bückte sich, ja sie
+mußte bei den schlimmsten Stößen stillstehen; aber dann ging's wieder
+weiter, und sie hielt ihren Weg ein. "Ich gebe meinen Ehrenkranz nicht
+her,--ich will mit ihm sterben! Deshalb sollt _ihr_ mich nicht haben!"
+
+Sie gelangte glücklich um die Spitze herum und auf die andere Seite und
+von dort in die Ebene zwischen diesem Hügel und dem nächsten. Hier war
+einmal ein Bergrutsch den Hang hinunter gegangen und unten lag das
+Geröll, über das jetzt der Weg führte. In diesem verwitternden Geröll
+stand ganz allein dicht am Wege eine einzige schwanke Birke. An die
+Birke dachte sie, als sie gerade an die Stelle kam; bei solchem Sturm
+mußte sie doch gebrochen sein? Nein, sie stand. Mary blieb daneben
+stehen und holte tief Atem. Die Birke beugte sich, daß Mary jeden
+Augenblick dachte: jetzt bricht sie; aber sie schnellte elastisch wieder
+in die Höhe. Sie selbst konnte sich nicht lange an dieser Stelle halten,
+so entsetzlich scharf pfiff der Orkan gerade hier um die Ecke; die junge
+Birke aber, die so hoch emporragte und eine so üppige Krone hatte und
+selbst so zart und schwach war, die stand stolz da, ganz aus eigener
+Kraft; an ihr prallte alles ab.
+
+Sie wollte den Gedanken ausspinnen, als sie weiterging und in die Ebene
+einbog. Aber gerade hier bekam der Sturm die Macht, ihr den Regen ins
+Gesicht zu peitschen; jeder Tropfen war wie eine scharfe Nadel. Ach
+nein, dachte sie, solch Gefühl wäre es, wenn ich versuchte, dem Sturm zu
+trotzen, der meiner harrt.
+
+Die Lichter auf den Höfen, das einzige, was sie sah, verkündeten
+Frieden. Aber sie wußte, was der Friede ihr bringen werde.
+
+Sie schritt auf dem Wege an der Bucht entlang weiter; aber sie wurde
+allmählich müde. Sie merkte es daran, daß die Bilder überhand nahmen;
+die Wirklichkeit verschwand hinter Bildern. Alte Vorstellungen aus
+Büchern. Als sie auf die zweite Landzunge zustrebte, war das Meer, das
+hier wieder offen vor ihr lag, gar kein Meer, sondern lauter
+Seeungeheuer, die mit aufgesperrtem Rachen vor Begierde brüllten,
+hunderte und aber hunderte. Und die rasenden Raubtiere in der Luft mit
+den grausigen Schwingen hatten denen da unten versprochen, Mary ihnen
+zuzuwerfen. Sie hielt sich mit ihrer letzten Kraft an der Felswand fest;
+aber jetzt kam ein Graben, sie fiel hinein und durchnäßte ganz. Es sind
+also noch mehr Feinde da, dachte sie und krabbelte wieder heraus.
+Glücklicherweise war die Landzunge schmal; bald war sie an der Biegung
+nach der nächsten breiten Ebene. Dann kam nur noch ein Berg. Nicht um
+das Leben zu retten, wollte sie nicht hinausgeschleudert werden, nur um
+die Ehre zu retten. Fand man sie in der See oder war sie ganz
+verschwunden, so würden alle sagen, sie habe den Tod gesucht--und dann
+auch nach dem Grunde forschen.
+
+Jetzt aber hörte sie durch die Dunkelheit den alten Finnenhund bellen.
+Ganz nahebei. Sie war schneller gegangen, als sie gedacht hatte, sie war
+ja schon beim Nachbargehöft, Jetzt sah sie auch die Lichter.
+
+Schon der Gedanke, einem Wesen zu begegnen, das an ihr hing, bewegte
+sie. Sie liebte das Leben. Sie glaubte selbst nicht mehr, daß sie so
+untauglich zum Leben sei. Als diese wohlbekannte Stimme aus dem Dunkel
+nach ihr rief, war ihr zumut, wie einem Schiffbrüchigen, der am Ufer
+Menschen sieht.
+
+Als sie über das Gehöft ging, verließ der Hund seinen Posten und kam
+kläffend, schweifwedelnd und triefend heran, um sich seine Begrüßung zu
+holen. Sie strich ihm dreimal zum Abschied über den Kopf und eilte
+weiter. Kurz darauf hörte sie ihn wieder bellen, aber anders, viel
+heftiger. Sie mußte unwillkürlich an Jörgen denken. Wie überhaupt auf
+dieser ganzen letzten Wegstrecke, die sonst nur ihrem Vater geweiht
+gewesen war. Wie hundertmal war sie hier von klein auf mit ihrem Vater
+gegangen und geradelt. Jetzt war auch das von Jörgen verschandelt. Sie
+konnte hier nicht mehr ohne ihn gehen. Keinen Schritt in ihrem Leben
+mehr ohne ihn.
+
+Sie blickte unwillkürlich nach oben, aber Himmel war nicht zu sehen.
+
+Ganz erschöpft rüstete sie sich, den letzten Hügelrücken zu
+überschreiten. Sie passierte ihn gedankenlos, ohne das Gefühl, daß es
+das letztemal war; aber auch ohne Bangen.
+
+Das, worauf sie jetzt geradenwegs zuging, stand so fest in ihren
+Gedanken wie der Weg unter ihren Füßen. Der führte über die Feldmark
+von Krogskog auf die Landungsbrücke. Es war so finster, daß ihre Augen,
+die sich jetzt doch an die Dunkelheit gewöhnt hatten, die weißen Mauern
+der Kapelle erst dicht an der Landungsbrücke wahrnahmen. Ihre Gedanken
+schweiften hinüber zu den Gräbern auf dem Kirchhof; aber gleich kamen
+sie zurück, um sich zu sammeln für das Ziel ihrer Wanderung. Ohne Zögern
+setzte sie den Fuß auf die Brücke und ging hinunter. Hier dräute kein
+Orkan, hier peitschte ihr kein Regen ins Gesicht; die beiden waren zu
+freundlich gesinnten Mächten geworden, sowie sie den Boden von Krogskog
+betreten hatte. Die Höhen und die Inseln boten hier Schutz. Unter andern
+Umständen hätte sie eine Erleichterung gefühlt, und vielleicht den
+Frieden in dem heimischen Hafen empfunden,--jetzt war jeder Gedanke
+abgestumpft. Ganz mechanisch eilte sie weiter. Mechanisch machte sie ein
+paar Knöpfe ihres Regenmantels auf, um den Schlüssel herauszuholen;
+mechanisch steckte sie ihn ins Schloß und öffnete die Badehaustür. Erst
+als sie drinnen stand in der Stockfinsternis, kam sie zum Bewußtsein und
+erschrak. Der Südwestwind, der hier noch übrig geblieben war, schlug die
+Tür zu, da schauderte sie zusammen. Es war, als sei sie nicht allein.
+
+Sie mußte sich jetzt ausziehen und die Treppe hinuntersteigen, um
+eiskalt zu werden. Eis-eiskalt! Dann sich wieder anziehen und nach Hause
+gehen zum Fieber und zu den andern Dingen, die hinterher kamen. Hätte
+das Fieber die erwartete Wirkung nicht, dann hatte sie etwas, was
+nachhalf. Sie hatte es bei Frau Dawes in einem Fach gefunden. Dann träfe
+das Fieber die Schuld.
+
+Aber nun, da sie mit dem Ausziehen anfangen wollte, war's, als krampfe
+sich alles in ihr zusammen, und eine Gänsehaut überlief sie. Vor dem
+Wasser, vor dem eiskalten Wasser, in das sie hineinmußte, hatte sie
+Angst. Huh, hier dicht bei war gewiß schon Eis. Sie mußte mit den
+nackten Füßen das Eis betreten! Sie wollte doch auf jeden Fall die
+Strümpfe anbehalten; die konnte sie nachher trocknen, damit keiner
+Verdacht schöpfe. Aber das eis-eiskalte Wasser ... wenn sie einen
+Herzkrampf bekäme? Nein, sie wollte sich bewegen, wollte schwimmen. Aber
+wenn sie sich am Eise schnitt, wenn sie wieder herauswollte? Sie mußte
+auch die Unterkleider anbehalten. Aber würden die bis zum nächsten
+Morgen trocknen? O doch, wenn sie sie an den Ofen hing. Sie mußte
+zuriegeln, damit alles in Ordnung war, wenn das Mädchen hereinkam. Wenn
+sie dann nur noch bei Bewußtsein war! Sie war nie krank gewesen; sie
+wußte nicht Bescheid damit.
+
+Als sie in diese langen Überlegungen verfiel, hatte sie den Regenmantel
+aufgeknöpft. Nun, da sie die Kapuze abnehmen mußte, geschah das
+Unerwartete, daß sie ganz unwillkürlich statt dessen mit dem Kleide
+anfing und es oben am Halse aufknöpfte, wo das Medaillon ihrer Mutter
+hing. Da zitterten ihr die Hände, und auch ihren Körper überlief ein
+Beben. Sie hatte nicht an das Medaillon gedacht; nein, viele Jahre
+nicht, auch jetzt dachte sie nicht daran; daher rührte das Zittern
+nicht. Aber das Medaillon kam sozusagen bei dem Zittern nach oben. Sie
+mußte es jetzt doch abnehmen. Wenn sie es nur nicht vergäße! Nein, sie
+wollte es gleich in die Tasche stecken.
+
+--So!--
+
+Da kam ein neues Grauen. Ganz deutlich hörte sie feste Schritte auf der
+Landungsbrücke, die näher und näher kamen. Das Zittern hörte auf;
+instinktiv knöpfte sie erst das Kleid am Halse wieder zu, dann ganz,
+ganz schnell auch den Mantel. Wer hatte hier etwas zu tun? Im Badehause
+keinesfalls.
+
+Doch just hierher kam es! Ein fester Griff, die Tür flog auf, eine
+mächtige Gestalt im Wettermantel stand im Rahmen; der Kopf mit der
+Kapuze ragte über die Türöffnung weg. Eine elektrische Taschenlaterne
+leuchtete ihr gerade ins Gesicht, sie stieß einen heftigen Schrei
+aus,--es war Franz Röy.
+
+Da überkam sie eine Ohnmacht, daß sie dem Umsinken nahe war; aber sie
+wurde umschlungen und hinausgetragen, alles in einem Nu. Sie hörte die
+Tür ins Schloß schnappen; sie wurde auf den Arm genommen und
+fortgetragen. Kein einziges Wort konnte sie sagen; auch er sagte nichts.
+
+Aber am Ende der Landungsbrücke kam sie wieder zu sich; das merkte er.
+Bald hörte er denn auch: "Das ist Gewalt!" Keine Antwort. Gleich darauf
+ein heftiger Versuch, sich loszumachen, und wieder klang's nur lauter
+und lebhafter: "Das ist Gewalt!"--Keine Antwort. Er schlang nur den
+andern Arm zärtlich um sie. Sie fragte heftig: "Wie kommt es, daß Sie
+hier sind?"--Da antwortete er: "Meine Schwester!"
+
+Die Stimme, diese Stimme legte sich zärtlich um sie. Aber sie wehrte
+sich dagegen: "Wenn Ihre Schwester es gut mit mir meint und Sie auch,
+dann lassen Sie mich los!" Er ging weiter: "Lassen Sie mich los, sag'
+ich! Das ist unwürdig!" Sie riß sich so heftig von ihm los, daß er sie
+anders fassen mußte, aber auf seinem Arm blieb sie. Mit tränenerstickter
+Stimme sagte sie: "Ich lass' es mir von keinem Menschen gefallen, daß er
+über mich bestimmt." Da antwortete er: "Sie mögen sich losreißen, soviel
+Sie wollen,--ich trage Sie nach Hause. Wollen Sie mir nicht gehorchen,
+so lasse ich Sie überwachen!" Die Worte legten sich wie ein eiserner
+Reifen um sie; sie wurde ganz still: "Sie lassen mich bewachen?"--"Das
+tu' ich; denn Sie sind Ihrer selbst nicht mächtig."
+
+Etwas Törichteres hatte sie in ihrem ganzen Leben nicht gehört. Aber sie
+wollte mit ihm nicht darüber disputieren. Sie antwortete nur: "Und Sie
+meinen, das habe einen Zweck?"--"Das meine ich. Wenn Sie sehen, wir
+wollen alles für Sie tun, was in unserer Macht steht, dann geben Sie
+nach, denn sie haben ein so gutes Herz." Sie schwieg eine Weile, dann
+sagte sie: "Ich kann keine Hilfe von einem Menschen annehmen, der nicht
+die rechte Achtung vor mir hat,"--sie fing zu weinen an.
+
+Da blieb Franz Röy stehen und blickte, so gut er konnte, unter seiner
+Kapuze zu ihr auf. "Ich nicht die rechte Achtung vor Ihnen?! Meinen Sie,
+dann trüge ich Sie? Für mich sind Sie das Feinste, das Schönste, was ich
+kenne. Darum trage ich Sie. Sie mögen getan haben, was Sie wollen--ich
+weiß, Sie haben es aus dem vornehmsten Gefühl heraus getan; anders
+können Sie nicht handeln! Sind Sie betrogen, haben Sie sich furchtbar
+geirrt,--so liebe ich Sie nur noch mehr--jetzt ist es gesagt!--dann sind
+Sie doch ja auch unglücklich, meine ich! Dann kann ich Ihnen vielleicht
+doch irgendetwas sein. Das wäre das schönste, was mir geschehen kann.
+Ich will Sie verlassen, wenn Sie es absolut wünschen. Ich will mit Ihnen
+zum Altar gehen, wenn Sie soviel Zutrauen zu mir haben. Ich will den
+Schuft totschlagen, wenn Ihnen damit gedient ist. Ich will alles tun,
+was Sie wollen, wenn Sie nur glücklich dadurch werden. Denn das ist für
+mich das schönste."
+
+Er hielt inne, fing aber wieder an:
+
+"Ich habe nicht geglaubt, daß ein Mensch soviel Qual ertragen kann, wie
+ich empfunden habe, als ich heute abend hinter Ihnen herging. Hier
+stürzt sie sich hinunter, dachte ich. Dann muß ich mich auch
+hinunterstürzen. Bei diesem Unwetter bedeutet das sicher für uns beide
+den Tod; aber das hilft nichts. Das war's auch nicht, was mich peinigte.
+Nein, nur daß Sie so unglücklich, so verzweifelt waren. Daß Sie sich für
+unwürdig des Lebens halten konnten. Sie, die um keinen Preis der Welt je
+etwas Unwürdiges tun konnte. Nie, niemals bin ich einem Menschen
+begegnet, dessen ich mir in dieser Beziehung sicherer war. Und doch
+konnte ich Ihnen das nicht sagen. Und durfte Ihnen nicht helfen. Ich
+kannte Sie,--ich getraute mich nicht in Ihre Nähe.
+
+"Aber nun habe ich Sie doch gerettet. Denn Sie können nicht sterben
+wollen, jetzt, nachdem Sie mich angehört haben. Oder doch?" Er hatte sie
+schluchzen hören; er hatte gefühlt, wie sie ihre Arme um seinen Hals
+schlang, daß sie seine Worte fast erstickte. Jetzt ließ er sie langsam
+zu Boden gleiten. Aber der Arm, den sie ihm um den Hals gelegt hatte,
+löste sich nicht. Als sie auf der Erde stand, legte sie auch den andern
+Arm um seinen Hals und barg leise schluchzend ihr Gesicht an seiner
+Brust; ihr Herz schlug an seinem den Takt dazu, den raschen Takt der
+Freude.--
+
+--Oben auf dem Hof hatten sie telephonisch Nachricht bekommen, das
+gnädige Fräulein sei unterwegs in dem schlimmsten Wetter, das je
+dagewesen sei. Aus dem Stadthause wurde immer und immer wieder
+angefragt, ob sie noch nicht da sei.
+
+Das kleine Mädchen war schon mehrmals mit dem Hunde draußen auf der
+Treppe gewesen, ohne daß der Hund gebellt hätte. Diesmal aber bellte
+er,--mehr noch, er setzte im Galopp davon.
+
+Im Hause war man in der denkbar größten Aufregung. Keiner fand etwas
+Sonderbares darin, daß Unglück und Verzweiflung sie in Wetter und Sturm
+hinausgetrieben hatten. Sie bedurfte dessen! Sie sehnte sich danach, ihr
+Leben aufs Spiel zu setzen; sie legte keinen Wert mehr darauf. Als jetzt
+das kleine Mädchen hereingestürmt kam: "Sie ist da! Sie ist da!" weinten
+sie alle vor Freude. Sie hatten schon längst warme Zimmer und warmes
+Essen bereit. Nun legten sie noch ein Gedeck auf, denn Nanna kam wieder
+hereingestürmt und berichtete, sie sei nicht allein; die Kleine hatte
+einen Mann reden hören. Da sei gewiß Jörgen Thiis endlich gekommen!
+meinten sie. "Nein, es war nicht seine Stimme. Es war doch eine richtige
+Männerstimme!"
+
+Die Freude des Hundes, als er sie sah, kannte keine Grenzen. Er
+winselte, er kläffte, er sprang ihr direkt ins Gesicht und wollte gar
+nicht aufhören. Als Franz Röy mit ihm sprach, begrüßte er ihn wie einen
+alten Bekannten, wandte sich aber gleich wieder Mary zu. Das kleine
+zottige Wesen sprühte förmlich Feuer. Es verkörperte die Freude der
+Heimat, sie gesund wiederzusehen. Ein Grüßen der Toten und der Lebenden.
+Das war ihre Empfindung. Sie dachte, vielleicht sei er auch ein
+Vorspiel zu ihrer eigenen wiedererwachenden Freude, wenn sie einmal das
+ausgestandene Grauen ganz los werden konnte.
+
+Als sie mit dem Hunde hineinkam, der wie toll vor Freude war, da standen
+die sämtlichen drei Mädchen da, und die Kleine hinter ihnen. Sie hielten
+in ihrem Freudenausbruch inne, als sie den riesigen Menschen hinter ihr
+heraufkommen sahen; denn in seinem Wettermantel hatte Franz Röy etwas
+Übernatürliches. Aber nur einen Augenblick, dann riefen sie: "Nein, daß
+gnädiges Fräulein bei solchem Wetter draußen sind! Wie haben wir uns
+geängstigt. Die Verwalterin im Stadthause verständigte uns! Im Dorf ist
+Feuer. Alle Mannsleute sind da. Wir hätten sonst Hilfe geschickt. Gott
+sei Dank, daß Sie wieder da sind!"
+
+Mary verbarg ihre Rührung, indem sie schnell nach oben ging. Sie kam in
+ihr warmes Zimmer, wo die Lampe schon angezündet war.
+
+"Ist all diese Liebe und Fürsorge neu? Oder habe ich sie früher nur
+nicht beachtet?"
+
+Der Hund winselte solange vor der Tür, bis sie ihn einließ. Seine
+Dankbarkeit war so aufdringlich, daß sie sich nur mit Mühe umziehen
+konnte. Besonders schwierig wurde es, als sie die Strümpfe wechselte.
+
+Schließlich machte sie sich das Haar zurecht, da fiel ihr das Medaillon
+ihrer Mutter ein; sie holte es wieder hervor und band es um den Hals.
+Sie schaute es an--zum erstenmal nach langen Jahren--und drückte und
+küßte es. Darauf steckte sie ein Licht an und ging damit über den Flur
+in ihres Vaters Zimmer. Sie setzte das Licht hin, beugte sich über sein
+Bett und drückte einen Kuß auf sein Kopfkissen. Dann wieder hinaus; aber
+vor der Tür des Fremdenzimmers stand sie still. "Hier soll er schlafen,
+damit es morgen wieder geöffnet werden kann. Dann ist alles Häßliche
+weg!" Zu dem Mädchen, das gerade nach oben kam, sagte sie, das
+Fremdenzimmer müsse geheizt werden. Das sei schon geschehen, antwortete
+das Mädchen. "Darf ich Fräuleins Lampe hineinstellen?" Sie bekam sie.
+Mary stand und sah ihr nach. Waren sie wirklich immer so gewesen?
+
+Das Mädchen blieb im Zimmer, um alles zurecht zu machen. Sie selbst ging
+auf die Treppe zu. Da blieb sie wieder stehen. Der Hund, der schon unten
+gewesen war, kam winselnd wieder herauf. Er wollte sie nicht wieder
+verlieren. Sie streichelte ihn voll Dankbarkeit; das war gewissermaßen
+eine kleine Abzahlung auf das große Dankgefühl, das sie jetzt ganz
+erfüllte. "Morgen--heute bin ich zu müde--morgen sage ich Franz Röy
+alles. Alles, was mir geschehen ist. Alles! Dann finde ich mich
+vielleicht selbst auch heraus." Mit diesem stolzen Vorsatz ging sie die
+Treppe hinunter, stand aber still, ehe sie unten angelangt war.
+"Seltsam! Ganz seltsam! Mir ist, als könnte ich es der ganzen Welt
+sagen."
+
+Der Hund stand vor der Tür zu dem holländischen Zimmer; da witterte er
+Franz Röy.
+
+Sie ging und machte die Tür auf. Aber kaum stand sie selbst auf der
+Schwelle, da rief Franz Röy, als sei es ihm schwer gefallen, solange zu
+schweigen: "Gott im Himmel, ist das hier schön!" Als er den Hund neben
+ihr sah, fügte er hinzu: "Und wie lieb man Sie hier haben muß!" Sein
+Gesicht leuchtete.
+
+"In Uniform?" fragte sie.--"Ja, ich bin nämlich direkt von einer großen
+Hochzeit fortgeholt worden!" Er lachte.
+
+Das brachte sie auf einen Gedanken. Während der Hund an ihrem Kleide riß
+und zerrte, blickte sie fröhlich zu Franz Röy auf: "Hier auf Krogskog
+hat früher schon einmal ein General vom Geniekorps gelebt."--
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Mary, Erzaehlung, by Bjornstjerne Bjornson
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MARY, ERZAEHLUNG ***
+
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+will be renamed.
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+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
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+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
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+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
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+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+ https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+ https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
+
+
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index 0000000..b183b58
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new file mode 100644
index 0000000..8747cc4
--- /dev/null
+++ b/old/10507.txt
@@ -0,0 +1,5320 @@
+The Project Gutenberg EBook of Mary, Erzaehlung, by Bjornstjerne Bjornson
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Mary, Erzaehlung
+
+Author: Bjornstjerne Bjornson
+
+Release Date: December 20, 2003 [EBook #10507]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO Latin-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MARY, ERZAEHLUNG ***
+
+
+
+
+Produced by Juliet Sutherland, Brett Koonce and PG Distributed
+Proofreaders
+
+
+
+
+
+
+
+MARY, ERZAeHLUNG
+
+von
+
+BJORNSTJERNE BJORNSON
+
+ * * * * *
+
+Das Gut und die Familie
+
+
+Die Kuestenlinie des suedlichen Norwegen ist haeufig unterbrochen. Daran
+sind die Berge und die Fluesse schuld. Das Gebirge laeuft in Huegel und
+Landzungen aus, denen oft Inseln vorgelagert sind; die Stroeme haben
+Taeler gegraben und muenden in Buchten.
+
+In solch einer Bucht, dem "Kroken", lag das Gehoeft. Urspruenglich hiess
+der Hof Krokskog, woraus die daenischen Beamten in ihren Protokollen
+"Krogskov" machten; jetzt heisst er Krogskog. Die Besitzer nannten sich
+einstmals Kroken; Anders oder Hans Kroken, das waren die Hauptnamen.
+Spaeter nannten sie sich Krogh, der General vom Geniekorps sogar von
+Krogh. Jetzt heissen sie recht und schlecht Krog.
+
+Alle Leute, die auf den kleinen Dampfern von oder nach der nahen Stadt
+hier vorbeikamen und an der Landungsbruecke unterhalb der Kapelle
+anlegten, wussten davon zu erzaehlen, wie behaglich und traulich geborgen
+Krogskog doch dalaege.
+
+Die Berge am Horizont nahmen sich grossartig aus; hier vorn aber waren
+sie niedriger. Zwischen zwei vorspringenden, bewaldeten, langgestreckten
+Huegelruecken lag der Hof. So dicht draengten sich die Haeuser an die Anhoehe
+zur Rechten, dass es den Dampferpassagieren vorkam, als koenne man vom
+Dach des Hauses auf den Huegel hinueberspringen; der Westwind fand hier
+keinen Einlass; wie beim Versteckspiel konnte man zu ihm sagen: "Ein Haus
+weiter!" Das gleiche konnte man auch zum Nord- und Ostwind sagen. Einzig
+der Sturm von Sueden her kam zu Gast, aber auch nur in aller
+Bescheidenheit. Die Inseln, eine grosse und zwei kleine, hielten ihn auf
+und stutzten ihn zurecht, bis sie ihn weiterziehen liessen. Die hohen
+Baeume vor dem Hause wiegten nur gerade rhythmisch ihre hoechsten Wipfel;
+die Haltung verloren sie nicht.
+
+Diese stille Bucht hatte den besten Badestrand der ganzen Gegend.
+Besonders die Jugend kam im Sommer an den Samstagabenden oder Sonntags
+aus der Stadt, um im Wasser auf dem sandigen Grunde herumzutollen oder
+nach der Grossen Insel hin und zurueck zu schwimmen. Von Krogskog aus
+gesehen, lag der Badestrand zur Linken, da, wo der Fluss muendete, wo die
+Landungsbruecke war, und wo, ein wenig hoeher und dem Huegel naeher, auch
+die Kapelle sich befand, umgeben von den Krogschen Familiengraebern. Von
+da bis hinauf zu den Haeusern rechts war es ein gutes Stueck. Hier oben
+war kaum je der Laerm der Badenden und Spielenden zu hoeren. Anders Krog
+aber kam gern selbst hinunter, um ihnen zuzusehen, wenn sie auf der
+Sandbank oder im Walde draussen auf der Landspitze Feuer angezuendet
+hatten. Er kam vermutlich, um ein Auge aufs Feuer zu haben. Aber davon
+hoerte und merkte niemand etwas. Er war bekannt als "der hoeflichste Mann
+der Stadt", oder "der erste Gentleman der Stadt." Seine grossen,
+eigentuemlich leuchtenden Augen glitten wie ein freundlicher Willkommgruss
+ueber alle Gesichter; die wenigen Worte, die er sprach, enthielten nichts
+als gute Wuensche. Er selbst stieg den Huegel weiter hinan auf seinem
+gewohnten, langsamen Rundgang. Seine hohe, leicht vornuebergebeugte
+Gestalt war oben im Wald zu sehen, und so lange blieb es still. Aber was
+hatten sie hier sonst fuer einen Spass. Meist waren es Arbeiter und
+Handwerker aus der Stadt, Turnvereine, Gesangvereine, Kinder. Sie
+scharten sich bei der Landungsbruecke und bei der Kapelle; da zogen sie
+sich aus.
+
+Die Strandstrasse fuehrte unmittelbar daran vorbei. Aber im Sommer fuhr
+selten jemand dort entlang; da fuhr man lieber mit den kleinen Dampfern
+oder in Booten. Wenn die Badenden oben auf dem Huegel einen Posten
+aufstellten, waren sie sicher, dass keiner sie ueberrasche.
+
+Oben auf dem Hof selbst war es still, immer still. Die schoenste
+Vorderfront des Hauptgebaeudes sah nicht einmal auf die Bucht hinaus,
+sondern aufs Feld. Das Haus bestand aus zwei hohen Stockwerken mit
+abgestumpften Dachecken. Ein langes, breites Haus.
+
+Die Grundmauer vorn war ziemlich hoch; eine bequeme Treppe fuehrte
+hinauf. Das ganze Gebaeude war weissgestrichen, die Grundmauer aber und
+die Fenster schwarz. Die Nebenhaeuser lagen naeher dem Huegel zu; vom
+Dampfer aus waren sie nicht zu sehen. Zu beiden Seiten des Hauptgebaeudes
+grosse Gaerten. Der Garten nach der See zu stand voller Obstbaeume, der
+links vom Hause war ausschliesslich Blumen- und Kuechengarten.
+
+Zwischen den Hoehen lag ein laenglicher Streifen flachen Wiesenlandes. Es
+war vorzueglich bestellt. Die grossen hollaendischen Kuehe hatten es gut
+hier.
+
+Die Geschichte des Gutes und der Familie hatte der Wald vorausbestimmt.
+Der Wald war gross und ueppig und war gluecklicherweise fruehzeitig unter
+hollaendische Pflege und Sparsamkeit geraten, damals als hollaendische
+Kuffs die Waldbesitzer in Norwegen aufsuchten. Hier bekamen sie ihre
+Holzladung und versorgten die Norweger dafuer mit ihrer Kultur und deren
+Erzeugnissen. Krogskog hatte besonderes Glueck dabei; denn vor nun
+dreihundert Jahren geschah es, dass der Besitzer eines Kuffs, der in der
+Bucht lag und lud, sich in des Bauern blondhaarige Tochter verliebte.
+Das Ende vom Liede war, dass er die ganze Herrlichkeit kaufte. Ein
+wundervoll gemaltes Bild von ihm und ihr haengt noch in der guten Stube,
+der Eckstube nach der Bucht hinaus. Das Portraet zeigt einen langen,
+hageren Mann mit ungewoehnlich leuchtenden Augen. Er war dunkelhaarig und
+ein wenig krummnackig. Der Stamm muss kraeftig gewesen sein, denn so sehen
+die Krogs noch heutigentags aus. Der erste hollaendische Besitzer hiess
+nicht Krog; er wohnte auch nicht hier; aber der Sohn, der den Hof
+uebernahm, war nach seinem Grossvater muetterlicherseits Anders Krog
+getauft, und er nannte seinen Sohn nach seinem eigenen Vater Hans.
+Fortan wechselten die beiden Namen miteinander ab. Wenn noch mehr Soehne
+da waren, hiess einer Klas und einer Juerges, woraus im Lauf der Zeit
+Klaus und Juergen wurde. Die Mischehen mit den hollaendischen Verwandten
+setzten sich naemlich fort, so dass die Familie zu gleichen Teilen
+hollaendisch und norwegisch war; der Haushalt wurde lange Zeit ganz
+hollaendisch gefuehrt.
+
+Aber es war, als wenn sich die Rassen trotzdem nicht vermischten.
+Wahrscheinlich weil das hollaendische Element nicht rein hollaendisch
+war,--in diesem Falle haette es sich leichter mit dem norwegischen
+Element verschmolzen,--sondern mit spanischem Blut durchsetzt war. Das
+schwarze Haar, die leuchtenden Augen, der hagere Koerper vererbten sich
+von Glied zu Glied bei den Maennern; das blonde Element aber und die
+kraeftig gebaute Gestalt blieb den Frauen eigen; in ihnen floss
+norwegisches Blut, vermengt mit hollaendischem. Selten sah man ein andres
+Zugestaendnis der maennlichen Linie an die weibliche oder umgekehrt, als
+dass helles und dunkles Haar sich in rotem fanden, oder dass die
+leuchtenden Augen auch einmal auf ein Frauenantlitz uebergingen.
+
+Es war eine Eigentuemlichkeit der Familie, dass in allen Ehen mehr Maedchen
+als Knaben geboren wurden. Die Krogs waren schoene Menschen und
+durchgehend wohlhabend; infolgedessen war die Familie weitverbreitet und
+angesehen. Man sagte ihnen nach, sie hielten ihre Leute und ihre Habe
+gut zusammen.
+
+Ihnen allen gemeinsam war ein weises Masshalten. In Norwegen ist es ja
+allgemein, dass ein Vermoegen nicht durch drei Generationen besteht. Wird
+es nicht in der zweiten vergeudet, dann sicherlich in der dritten. Hier
+hielt es sich. Fuer den Hauptsitz der Familie waren die Waelder heute eine
+ebensolche Quelle des Reichtums wie vor dreihundert Jahren.
+
+Erblich in der Familie war der Hang zum Wandern. In der Bibliothek des
+Hofes waren mehr Reisebeschreibungen als Werke aus anderen Gebieten, und
+es wurden ihrer bestaendig mehr. Schon die Kinder hatten am Reisen
+Interesse, d.h. sie machten Plaene nach Buechern, Bildern und Karten. Sie
+spielten reisen auf den Tischen. Sie wanderten von der einen Stadt, die
+aus farbigen Papierhaeusern aufgebaut war, zu den andern gleicher Art.
+Sie schoben Schiffe hin und her, die auch aus buntem Papier waren und
+die Bohnen, Kaffee, Salz und Hoelzer fuehrten. Draussen auf der Bucht
+ruderten, segelten und schwammen sie von der Landungsbruecke zu den
+Inseln hinueber. Von Europa nach Amerika, von Japan nach Ceylon. Oder sie
+zogen ueber die Huegelruecken, d.h. ueber die Kordilleren zu den
+allerdenkwuerdigsten Indianerstaedten.
+
+Kaum waren sie erwachsen, so ging es auf die Wanderschaft; es fing
+meistens mit einer Reise zu den hollaendischen Verwandten an. So kam vor
+vielleicht zweihundert Jahren ein Mann dahin, der freilich sofort mit
+einem hollaendischen Ostindienfahrer weiterreiste, aber nach Amsterdam
+zurueckkehrte in dem Wunsch, Baumeister und Ingenieur zu werden, was
+damals zusammengehoerte. Er zeichnete sich aus und wurde spaeter als
+Lehrer in seinem Fach nach Kopenhagen berufen. Da ging er zum Heer ueber
+und wurde schliesslich General im Geniekorps. Durch Erbschaft und Arbeit
+hatte er sich ein Vermoegen erworben, nahm den Abschied und siedelte sich
+in Krogskog an, das er einem kinderlosen Bruder abkaufte. Er nannte sich
+Hans von Krogh. Er baute das jetzige Hauptgebaeude aus Stein, eine wenig
+gebraeuchliche Bauart in einer norwegischen Waldgemeinde. Der alte
+Ingenieur wollte seinen Spass haben. Obwohl er nicht verheiratet war,
+baute er es geraeumig "fuer die Kommenden." Alle Haeuser des Gehoefts baute
+er um; er grub und pflanzte; er liess einen Gaertner aus Holland kommen,
+den alten Siemens, von dessen strengem Wesen und heissem Streben nach
+Reinlichkeit und Ordnung noch heute berichtet wird. Fuer ihn baute der
+General das Treibhaus und die Gaertnerwohnung.
+
+Der General wurde sehr alt. Nach ihm geschah nichts Besonderes, bis der
+Juengere von zwei Bruedern nach Amerika ging und sich dicht am Michigansee
+ansiedelte, wo damals noch Neuland war. Das wurde als ein grosses
+Ereignis angesehen. Er hiess Anders Krog, und es ging ihm gut da drueben.
+Nur wunderte man sich, dass er sich nicht verheiratete. Er wollte einen
+seiner Neffen zu sich nehmen, um ihm seinen Besitz zu ueberlassen. So kam
+es, dass der aeltere Bruder des jetzigen Eigentuemers von dannen zog. Er
+hiess Hans.
+
+Aber siehe da, ein jung norwegisch Maedchen, auch eine Verwandte, kam
+genau zur selben Zeit hin, und in sie verliebte sich der alternde Onkel.
+Er bot seinem Neffen an, ihm die Kosten der Rueckreise zu erstatten. Dem
+jungen Mann aber erschien das unwuerdig. Er blieb und fing ein eigenes
+Geschaeft an, und zwar einen Holzhandel, denn darauf verstand er sich.
+Das Geschaeft ging ausserordentlich gut. Als er nach dem Tode seines
+Vaters nach Hause sollte und den Hof uebernehmen, wollte er nicht. Der
+juengere Bruder Anders war inzwischen Kaufmann geworden; er betrieb das
+groesste Kolonialwarengeschaeft der Stadt. Jetzt musste er auch den Hof
+uebernehmen.
+
+Ein eigentlicher Geschaeftsmann war der junge Anders Krog nicht. Aber
+seine Gewissenhaftigkeit ohnegleichen und sein ruecksichtsvolles Wesen
+bewirkten, dass bald alle bei ihm kauften. Ein andrer haette reich dabei
+werden muessen; aber das wurde er nicht. Als er Krogskog uebernahm, war
+sowohl das Geschaeft in der Stadt wie vor allem auch der Hof erheblich
+verschuldet. Keins von beiden hatte er billig bekommen. Reisen hatte er
+freilich auch muessen, aber es waren jedes Jahr nur vier Wochen gewesen,
+einmal nach England, ein andermal nach Frankreich usw. Sein groesster
+Wunsch war allerdings, einmal bis nach Amerika zu kommen, aber dazu
+hatte er denn doch nicht den Mut. Er begnuegte sich damit, von dem neuen
+Wunderlande zu lesen; Lesen war seine groesste Freude; nach ihr kam das
+Hantieren im Garten. Das verstand er besser als der Gaertner.
+
+Dieser stille Mann mit den leuchtenden Augen war schuechtern wie ein
+Maedchen von vierzehn Jahren. An jedem Werktag morgen suchte er sich
+einen einsamen Platz--d.h. wenn so einer da war--auf dem kleinen
+Dampfer, der ihn nach der Stadt brachte, solange die Bucht nicht
+zugefroren war. Beim Aussteigen war er voll Ruecksicht gegen die andern;
+ehrerbietig gruessend eilte er an ihnen vorbei, wenn er an Land gekommen
+war,--und war dann in seinem Hause am Markt zu finden bis zum Abend, wo
+er auf die gleiche Weise heimkehrte. Das heisst: wenn er nicht radelte.
+Im Winter fuhr er mit dem Wagen oder uebernachtete in der Stadt, wo er in
+seinem eigenen Hause zwei bescheidene Mansardenstuben bewohnte.
+
+Er hatte das Zeug zu dem besten Ehemann, den man sich in der Stadt
+vorstellen konnte. Aber seine unueberwindliche Bescheidenheit machte jede
+Annaeherung unmoeglich,--bis die rechte kam. Da war er aber schon ueber
+vierzig Jahr. Es ging ihm wie seinem Namensvetter, dem Onkel am
+Michigansee, dass ein junges Maedchen aus seiner eigenen Familie erschien
+und ihn eroberte. Und das war ausgerechnet das einzige Kind dieses
+Onkels.
+
+Er stand eines Sonntag morgens in Hemdsaermeln in seinem Kuechen- und
+Blumengarten an der Nordseite des Hauses, als ein junges Maedchen mit
+einem grossen Strohhut die beiden unbehandschuhten Haende auf das weisse
+Staket legte und zwischen den grossen Knaufen des Gitters
+hindurchschaute.
+
+Anders Krog, der vor einem Blumenbeet kauerte, hoerte ein schelmisches
+"Guten Tag" und fuhr in die Hoehe. Seine Augen nahmen das Maedel wie eine
+Offenbarung in sich auf. Sprachlos und unbeweglich stand er mit seinen
+erdigen Haenden da und starrte sie an.
+
+Sie lachte und sagte: "Wer bin ich?" Da kam ihm die Besinnung zurueck.
+"Sie sind--Sie sind sicher--", er kam nicht weiter, aber sein Laecheln
+hiess sie willkommen. "Wer bin ich?"--"Marit Krog aus Michigan." Er hatte
+von seiner Schwester, die jenseits des linken Huegelrueckens wohnte,
+gehoert, Marit Krog sei unterwegs. Aber er hatte nicht geahnt, dass sie
+schon da war.--"Und Sie sind der Bruder meines Vaters", antwortete sie
+in etwas englischem Tonfall. "Wie Ihr beide Euch aehnlich seid!--Nein,
+wie Ihr Euch aehnlich seid!"--Sie stand und starrte ihn an. "Darf ich
+nicht hineinkommen?"--"Ja, selbstverstaendlich,--aber erst--erst muss ich
+doch--", er blickte auf seine Haende und auf die Hemdsaermel.--"Ich kann
+ja ins Haus gehen?" sagte sie unternehmungslustig. "Das koennen
+Sie,--selbstverstaendlich! Gehen Sie bitte durch die Haupttuer hinein. Ich
+werde das Maedchen schicken",--und er begab sich eilig nach der Kueche.
+
+Sie lief vorn vor das Gebaeude und die Treppe hinauf. Sie musste einen
+ungeheuer grossen Schluessel, der wie der ganze Eisenbeschlag ein altes
+Kunstwerk war, umdrehen, um in das Vorzimmer zu gelangen, das sehr viel
+Licht hatte. In ihr steckte ein Stueck von einem Maler, sie hatte Augen
+fuer so etwas. Sie sah sofort, dass all diese grossen und kleinen Schraenke
+wunderschoene hollaendische Arbeit waren, und dass das Zimmer groesser war,
+als es den Anschein hatte; denn die Moebel nahmen viel Platz ein. Eine
+schoene altertuemliche Treppe mit Schnitzwerk fuehrte zu ihrer Rechten in
+das zweite Stockwerk hinauf. Geradeueber musste der Eingang in die Kueche
+sein; sie dachte es sich und sie roch es auch. Das bestaetigte sich ihr,
+als das Maedchen herauskam. Durch die offne Tuer sah sie in eine Kueche
+hinein, deren Fussboden mit Marmorfliesen belegt war; die Waende waren mit
+blaubemalten Kacheln bekleidet, und auf dem Gesims, das die Wand in zwei
+Haelften teilte, stand blankgeputztes Kupfergeschirr in allen Groessen.
+Eine hollaendische Kueche.
+
+Hier im Vorzimmer stand sie auf Teppichen so dick, wie sie noch nie
+welche betreten hatte. Ebenso schwer waren die Teppiche auf der Treppe,
+die von Messingstangen gehalten wurden, wie sie dicker nie welche
+gesehen hatte. Hier gehen die Menschen auf Kissen, dachte sie, und ihr
+kam gleich das Bild in den Sinn, das Haus sei ein ungeheures Bett.
+Spaeter nannte sie es immer "das Bett." "Wollen wir jetzt nach Hause ins
+Bett?" sagte sie dann lachend. Zu beiden Seiten sah sie Tueren und malte
+sich die Zimmer dahinter aus. Links von ihr, d. h. an der rechten Seite
+des Hauses, komme erst ein kleineres Zimmer nach vorn und dahinter, nach
+der Bucht hinaus, ein grosser Raum ueber die ganze Breite des Hauses. Und
+das traf zu. Zur Rechten stellte sie sich das Haus der Laenge nach in
+zwei Zimmer geteilt vor. Auch das stimmte. Es war nicht weiter
+verwunderlich, denn ihres Vaters Haus am Michigansee war nach diesem Bau
+eingerichtet. Oben dachte sie sich einen breiten Gang quer durch das
+Haus und kleinere Zimmer zu beiden Seiten des Flurs. Waren aber hier
+unten schon unglaublich dicke Teppiche, so waren sie da oben womoeglich
+noch dicker, richtige Kissen. Dies Haus liess kein Geraeusch aufkommen.
+Hier lebten stille Menschen.
+
+Das Maedchen hatte die Tuer an der Seite geoeffnet, die zur See hinausging.
+Marit trat ein und sah sich alle Malereien und Schnurrpfeifereien im
+Zimmer an; es war allerdings ueberladen, aber jedes einzelne Stueck war
+sorgfaeltig ausgesucht, zum Teil mit intimem Geschmack; das sah sie
+sofort. Hier waren unter anderem Gemaelde, die einen hohen Wert haben
+mussten. Was sie aber besonders beschaeftigte, war der Gedanke, dass sie
+erst jetzt ihren alten Vater verstand, obwohl sie von klein an mit ihm
+zusammengelebt hatte, ganz allein mit ihm; ihre Mutter hatte sie frueh
+verloren. Aus so viel Feinem und Kostbarem war er zusammengesetzt. Ein
+bisschen bunt durcheinander und daher unbeachtet. War's nicht, als komme
+er jetzt und stelle sich neben sie und laechele sein diskretes, warmes
+Laecheln, weil er sich verstanden wusste?
+
+Da kam er ja! Durch die offne Tuer sah sie ihn die Treppe
+herunterkommen. Juenger zwar, aber das tat nichts, die Augen waren nur
+noch schoener und inniger,--er kam daher mit demselben Gang, denselben
+Armbewegungen, genau so vornuebergebeugt und behutsam sich naehernd. Und
+wie er sie jetzt ansah und mit ihr sprach und sie willkommen hiess ...
+mit den gleichen abgetoenten Worten, da ahnte sie in alldem die tiefe
+Achtung vor dem Individuellen, die in ihren Augen ihren Vater vor allen
+auszeichnete, die sie kannte. Der Vater hatte duenneres Haar, sein
+Gesicht war runzlig, der Mund hatte nicht mehr alle Zaehne, die Haut war
+verschrumpft ... Gerade diese Erinnerung fuellte ihre Augen mit Traenen.
+Sie blickte empor in seine juengeren Augen, hoerte seine frischere Stimme,
+fuehlte den Druck seiner waermeren Hand. Sie konnte nicht dafuer, sie
+schlang beide Arme um Anders Krogs Hals, schmiegte sich an seine Brust
+und weinte.
+
+Nun, damit war es entschieden. Er stand fuer nichts mehr.
+
+Nach einer Weile sassen sie beide zusammen in dem Boot, mit dem sie
+gekommen war. Sie ruderte um die Landspitze herum. Teils um seiner
+selbst willen, teils auch wegen der Badenden, die zusahen, hatte er ein
+paar schuechterne Versuche gemacht, ihr das Ruder abzunehmen. Aber seit
+dem Augenblick, da sie beide Arme um seinen Hals legte, hatte er sich
+seiner Macht begeben. Er wusste im voraus, dass er so tun musste, wie dies
+reiche rote Haar es wuenschte. Er sass und sah in ihr sommersprossiges
+Gesicht und auf die sommersprossigen Haende, auf ihre praechtige Gestalt
+und ihren frischen Mund. Er sah ueber dem Halskragen die feinste weisse
+Haut; es war etwas in den Augen, das genau dazu passte. Er wurde nicht
+fertig, bis sie am Ziel waren. Auch auf dem Wege zum Hof der Schwester
+wurde er nicht fertig, weder mit ihrer weichen Stimme, noch mit ihrem
+Gang, noch mit ihren Fuessen, noch mit ihrer Kleidung, noch mit den Zaehnen
+und dem Laecheln und am allerwenigsten mit dem, was sie da
+holterdipolter erzaehlte,--es war etwas Verwirrendes in allem.
+
+Am naechsten Morgen fuhr er nicht in die Stadt. Sowie der Dampfer, auf
+dem er haette sein muessen, um die Landspitze herum war, kam ihr weisses
+Boot. Sie hatte eine Magd bei sich, die Wache halten sollte, denn jetzt
+wollte auch sie baden.
+
+Als sie fertig war, kam sie herauf. Sie wollte bis Mittag bleiben.
+Nachher gingen sie zusammen ueber den Huegelsattel zurueck, das Boot hatten
+sie nach Hause geschickt.
+
+Am andern Tage fuhr sie mit ihm in die Stadt. Tags darauf musste auch die
+Tante mit, aber diesmal wollte sie mit dem Wagen fahren. Und so jeden
+Tag etwas Neues. Die beiden Geschwister lebten nur fuer sie. Sie nahm es
+hin, als muesse es so sein.
+
+Als sie drei Wochen so mit ihnen gelebt hatte, kam ein Kabeltelegramm
+vom Bruder Hans mit der Nachricht, Onkel Anders sei ploetzlich gestorben;
+Marit solle vorbereitet werden.
+
+Dies war der schwerste Gang, den Anders Krog je gegangen war,--ueber den
+Huegelruecken zur Schwester, mit diesem Telegramm in der Tasche. Gerade
+als er das trauliche gelbe Haus, umgeben von Wirtschaftshaeusern und
+Baeumen, drunten in der Ebene vor sich liegen sah, hoerte er die
+Essensglocke vergnueglich in den heiteren, sonnigen Tag hinaustoenen. Da
+wartete der gedeckte Tisch. Er setzte sich hin; er hatte das Gefuehl, als
+koenne er nicht weiter. Er musste ja hinunter und den frohen Tag morden.
+
+Als er endlich auf den Hof gelangte, ging er zusammen mit einigen
+Arbeitern, die von weither zum Mittagessen kamen, zur Hintertuer hinein.
+
+Hier traf er die Schwester, die ihn ins Hinterzimmer hineinnoetigte.
+Ebenso wie er erschrak sie und wurde traurig; aber sie war eine mutigere
+Natur und uebernahm es, Marit, die nicht zu Hause war, aber jeden
+Augenblick kommen musste, die Mitteilung zu machen.
+
+Vom Hinterzimmer aus hoerte Anders Krog dann nachher einen Ruf und einen
+Aufschrei, den er nie wieder vergass. Er sprang bei diesem Schmerzenslaut
+auf, konnte sich aber nicht ueberwinden, das Zimmer zu verlassen; ein
+wehes Schluchzen von drinnen hielt ihn fest. Es wurde staerker und
+staerker, unterbrochen von kurzen Ausrufen. Die gleiche unmittelbare
+Kraft in ihrem Schmerz wie in ihrer Freude. Es jagte ihn in der Stube
+umher, bis die Schwester die Tuer oeffnete: "Sie moechte Dich sehen."
+
+Da musste er hinein; mit Aufbietung all seiner Willenskraft zwang er sich
+dazu. Sie lag auf dem Sofa; aber er liess sich kaum sehen, als sie sich
+aufrichtete und die Arme ausstreckte: "Komm, komm! Jetzt bist Du mein
+Vater."--Er eilte hin und beugte sich ueber sie; sie legte den Arm um
+seinen Hals und drueckte ihn fest an sich; er musste hinknien.
+
+"Du darfst mich nie mehr verlassen! Nie, nie!" "Nie!" entgegnete er
+feierlich. Sie drueckte ihn fest an sich, ihre Brust wogte an seiner, ihr
+Gesicht lag feucht und gluehend an seinem. "Du darfst mich nie
+verlassen!"--"Nie!" wiederholte er aus tiefstem Herzen und schlang die
+Arme um sie.
+
+Sie legte sich wie getroestet wieder hin und hielt seine Hand; sie wurde
+ruhiger. Wenn die Anfaelle kamen und er sich mit zaertlichen Worten ueber
+sie beugte, wirkte es besaenftigend.
+
+Er wagte nicht nach Hause zu gehen; er blieb die Nacht ueber da. Sie
+konnte nicht schlafen, und er musste bei ihr sitzen bleiben.
+
+Erst am naechsten Tage hatte sie sich klar gemacht, was nun geschehen
+solle. Sie wollte hinreisen, und er sollte mit. Das kam ihm hoechst
+unerwartet. Aber weder er noch seine Schwester wagten, ihr zu
+widersprechen. Da gelang es der Schwester, sie auf andre Gedanken zu
+bringen. Sie sagte: "Ihr solltet Euch erst verheiraten." Marit sah sie
+an und sagte: "Ja, das ist richtig. Das sollten wir wahrhaftig tun!" Und
+nun beschaeftigte sie das so stark, dass es sie von ihrem Schmerz
+ablenkte. Anders war nicht gefragt worden; aber das war auch nicht
+noetig.
+
+Dann kam der erste Brief von Hans. Er hatte alles mit dem Begraebnis des
+Onkels geordnet und erzaehlte, in welcher Weise. Er erbot sich, das
+Geschaeft und den Besitz des Onkels zu uebernehmen.
+
+Anders hatte zu seinem Bruder unbegrenztes Vertrauen; er nahm das
+Angebot an, und damit wurde die Reise ueberfluessig. Sobald Hans einen
+Ueberblick ueber den ganzen Nachlass hatte, setzte er die Kaufsumme fest
+und fragte bei dem Bruder an, ob er sich mit diesem Betrage an Hansens
+Geschaeft beteiligen wolle. Der Betrag, der in Bankguthaben und Aktien
+bestand, wurde sofort ausgezahlt. Schon diese Summe war gross genug, um
+nicht allein Anders schuldenfrei zu machen, sondern um auch Marit zu
+gestatten, nach Herzenslust herumzuwirtschaften und zu reformieren. Er
+wuenschte, sie solle das ganze Erbe fuer sich behalten, aber darueber
+lachte sie. Er wurde also Kompagnon seines Bruders und war fuer
+norwegische Verhaeltnisse fortan ein recht wohlhabender Mann.
+
+In ihrer Ehe ging nach einigen Monaten eine Veraenderung mit Marit vor.
+Sie gab sich wunderlichen Einfaellen hin; die Grenzen zwischen Traum und
+Wirklichkeit verwischten sich. Dabei wollte sie alles umgestalten, was
+unter ihrer Aufsicht stand, sowohl in ihrem Heim hier draussen, wie in
+dem Stadthause. Aus diesem Hause mussten die Mieter hinaus. Sie wollte es
+fuer sich allein haben.
+
+Seine Zeit war ausgefuellt von all ihren Einfaellen, besonders aber von
+ihr selbst. Seine Dankbarkeit fand nur kaergliche Worte, aber sie lag in
+seinen Augen, in seiner Hoeflichkeit, die an Umfang noch zugenommen
+hatte; vor allem aber lag sie in seiner sorglichen Achtsamkeit. Er hatte
+Angst, das wieder zu verlieren, was so unerwartet gekommen war; oder
+dass irgend etwas Schaden nehmen koenne. Seiner bescheidenen Natur schien
+das Glueck unverdient.
+
+Sie schmiegte sich auch immer enger an ihn. Sie hatte eine Formel
+gefunden, die sie haeufig wiederholte: "Du bist mein Vater--und mehr!"
+Und eine andere: "Du hast die herrlichsten Augen von der Welt, und die
+gehoeren mir." Mit der Zeit gab sie manches von dem auf, womit sie sich
+beschaeftigte; statt dessen wollte sie ihm vorlesen. Von klein auf hatte
+sie ihrem Vater vorgelesen; das sollte wieder aufgenommen werden. Sie
+las ihm englisch-amerikanische Buecher vor, besonders Verse. Sie hatte
+die klangvolle Vortragsweise, in der englische Verse gesprochen werden
+muessen, und machte sie wahr durch ihre eigene glaubwuerdige Art. Sie
+hatte eine weiche Stimme, die die Worte behutsam und still wie aus der
+Erinnerung heraus anfasste.
+
+Als die Zeit fortschritt, mussten sie beide taeglich zusammen ins
+Treibhaus. Die Blumen darin waren ihr Vorboten dessen, was in ihr wuchs;
+sie wollte jeden Tag nach ihnen sehen. "Ob sie wohl darueber reden?"
+
+Und dann eines Tages, als das erste Anzeichen da war, dass der Winter
+hier von der Kueste weichen wollte, und sie gemeinsam oben am sonnigen
+Hang das erste Gruen gepflueckt hatten, da merkte sie, dass sie schwach
+wurde; jetzt kam ihre grosse Stunde. Ohne sonderliche Schmerzen vorher,
+ihre Hand in seiner, gebar sie eine Tochter. Die gerade hatte sie sich
+gewuenscht. Aber es war ihr nicht bestimmt, das Kind aufzuziehen; denn
+drei Tage spaeter war sie tot.
+
+ * * * * *
+
+Die neue Marit
+
+
+Der Arzt befuerchtete lange, Krog wuerde auch sterben. Rein an
+Ueberanstrengung. In seiner langen Einsamkeit war er nicht daran gewoehnt
+gewesen, sich so hinzugeben oder so unendlich viel zu empfangen, wie ihm
+das Zusammenleben mit ihr gebracht hatte. Erst ihr Tod offenbarte, wie
+schwach er geworden war, wie wenig Widerstandskraft er noch hatte. Der
+schwache Rest brauchte Monate, um sich so weit zu erholen, dass er die
+Naehe anderer Menschen ertrug. Man erzaehlte ihm, das Kind sei zu seiner
+Schwester gebracht. Sie fragten ihn, ob er es sehen moechte. Fast
+unwillig wandte er sich ab. Das erste, was er ernstlich erwog, als er
+sich kraeftiger fuehlte, war, sich von dem Geschaeft zu befreien. Er beriet
+sich darueber mit "Onkel Klaus", einem Verwandten, einem wunderlichen
+alten Junggesellen, der allgemein so genannt wurde. Durch seine
+Vermittlung wurde das Geschaeft veraeussert. Nicht aber das Haus, in dem es
+sich befand,--das sollte in allen Teilen zur Erinnerung an sie
+unveraendert bleiben.
+
+Anders Krogs erster Gang war zur Kapelle und zum Grabe, und das griff
+ihn so an, dass er wieder krank wurde. Sobald er sich erholt hatte, gab
+er seine Absicht kund, auf Reisen zu gehen und fortzubleiben. Seine
+Schwester kam erschrocken zu ihm herueber; das sei doch wohl nicht wahr?
+"Du willst uns und das Kind doch nicht verlassen?"--"Ja, ich kann es in
+meinen eigenen Stuben nicht aushalten", antwortete er und brach in
+Traenen aus.--Aber er muesse doch auf jeden Fall das Kind erst
+sehen?--"Nein, nein! Das am allerwenigsten."
+
+Er reiste ab, ohne es gesehen zu haben.
+
+Aber natuerlicherweise war es das Kind, das ihn wieder nach Hause zog.
+Als es drei Jahr alt war, wurde es photographiert,--und diese
+Photographie ... solch einer Aehnlichkeit mit der Mutter, solchem
+kindlichen Liebreiz konnte er nicht widerstehen. Von Konstantinopel aus,
+wo er sich gerade aufhielt, schrieb er: "Jetzt habe ich bald drei Jahre
+gebraucht, um das, was ich in einem erlebt habe, noch einmal zu
+durchleben. Ich kann nicht sagen, dass ich es mir schon ganz zu eigen
+gemacht habe. Namentlich wird viel Neues hinzukommen, wenn ich die
+Staetten wiedersehe, wo wir zusammen waren. Aber soweit bin ich durch das
+tiefere Hineinleben dieser Jahre doch gekommen, dass ich diese Staetten
+nicht mehr scheue; im Gegenteil, ich sehne mich jetzt nach ihnen."
+
+Die Begegnung mit der neuen Marit wurde ein Fest fuer ihn. Nicht sofort;
+denn zuerst hatte sie natuerlich Angst vor dem fremden Mann mit den
+grossen Augen. Aber es erhoehte seine Freude, wie sie vorsichtig, nach und
+nach ihm naeher kam. Als sie schliesslich auf seinen Knien sass mit den
+beiden neuen Puppen, einem Tuerken und einer Tuerkin, und ihm diese in die
+Nase steckte, damit er niesen sollte, weil die Tante das auch getan
+hatte, da sagte er mit Traenen in den Augen: "Ich habe nur eine Begegnung
+erlebt, die noch herrlicher war."
+
+Sie siedelte also mit dem Kindermaedchen in sein Haus ueber. Ihr erster
+gemeinschaftlicher Gang war zum Grabe der Mutter, auf das sie Blumen
+legen sollte. Das tat sie auch; aber sie wollte sie wiederhaben. Nichts
+half, was sie auch versuchten. Das Maedchen pflueckte ihr schliesslich
+andere; aber die wollte sie nicht; sie wollte ihre eignen. Sie mussten
+ihr also die Blumen lassen und die neuen aufs Grab legen. Er dachte:
+"Das ist nicht die Mutter."
+
+Der Versuch wurde wiederholt. Jeden Tag sollte das Grab der Mutter mit
+Blumen geschmueckt werden, und von ihr. Er teilte die Blumen in zwei
+Teile; die eine Haelfte trug er, die andere sie. Er wuenschte, sie solle
+ihre hinlegen und seine wieder mit nach Hause nehmen. Aber es gelang
+nicht. Ja, schlimmer als das; denn als sie den Kirchhof verliessen,
+bestand sie darauf, er sollte seine Blumen auch wieder mit nach Hause
+nehmen. Und er musste nachgeben. Am naechsten Tage versuchte er etwas
+anderes. Sie trug ihre Blumen zu der Mutter Grab, er aber gab ihr
+Zuckerwerk, damit sie die Blumen liegen lassen sollte. Wirklich, sie gab
+die Blumen gegen das Zuckerwerk ab, das sie in den Mund steckte. Aber
+als sie gingen, wollte sie die Blumen auch noch haben. Das verstimmte
+ihn.
+
+Dann kam er auf den Einfall, die Mutter froere, Marit muesse sie
+zudecken. Da meinte sie, Mutter solle doch heraufkommen, in ihr eigenes
+Bett. Er hatte ihr naemlich gesagt, das leere Bett neben seinem sei
+Mutters, und sie fragte bestaendig, ob Mutter nicht bald komme. Sie koenne
+nicht kommen, sagte er; sie liege da draussen und froere. Das fuehrte
+schliesslich zum Ziel. Sie breitete selbst die Blumen ueber die Grabstaette
+und liess sie liegen. Auf dem Heimweg wiederholte sie mehrmals: "Jetzt
+friert Mutter nicht mehr."
+
+Er ueberlegte, was sie unter Mutter verstehen mochte. Er wuenschte, sie
+solle die Bilder ihrer Mutter kennen, uebte aber vorher ihren Sinn an
+Bildern von Tieren und Gegenstaenden. Dann ging er zu Bildern von seiner
+Schwester und von sich selbst und von Personen ueber, die sie kannte. Als
+sie damit ziemlich vertraut war, kam das erste Bild der Mutter an die
+Reihe. Es machte keine Schwierigkeiten; sie durfte noch mehrere sehen
+und lernte sie schnell von anderen unterscheiden. Nach Tisch, als sie
+schlafen ging, wollte sie Mutter im Arm haben. Er verstand sie erst
+nicht, und sie wurde ungeduldig. Da brachte er ihr das erste Bild der
+Mutter; sie nahm es gleich in den Arm, deckte es zu und schlief ein.
+Aber erst als sie mit vier Jahren einmal in der Kueche eine Mutter sich
+um ihr krankes Kind muehen sah, ueberzeugte er sich, dass sie wusste, was
+eine Mutter sei; denn sie sagte: "Warum kommt meine Mutter nicht und
+zieht mich an und aus?"
+
+Mit der Zeit wurden Vater und Tochter sehr gute Freunde. Noch mehr
+Freude aber machte es ihm, als sie gross genug war, dass er ihr von Mutter
+erzaehlen konnte. Von Mutter, die uebers Meer herueber zu Vater gekommen
+sei und Maritchen mitgebracht habe. Wo Vater und Mutter zusammengegangen
+waren, gingen sie nun beide; jeden Spazierweg. Er ruderte sie, wie
+Mutter ihn gerudert hatte; sie fuhren zusammen zur Stadt, wie sie beide
+getan hatten. Dort sass Marit auf den Stuehlen, die Mutter gekauft, und
+auf denen sie gesessen hatte. Bei Tisch hatte sie Mutters Platz, bei
+den Blumen im Treibhaus und im Garten war sie die Mutter, und sie half,
+wie Mutter es getan hatte. Ein gar kluges, schoenes Kind! Mit dem roten
+Haar und der schimmernd weissen Haut der Mutter, mit ihren grossen Augen
+und denselben fein geschwungenen Brauen. Vermutlich wuerde sie auch ihre
+gebogene Nase bekommen. Die Haende mit den langen Fingern hatte sie nicht
+von der Mutter, auch die Gestalt nicht. Der Uebergang vom Kopf zum Nacken
+mit der sanften Neigung stammte eher vom Vater. Die Schultern hatten
+nicht die schoene geschwungene Linie wie der Mutter Schultern, sondern
+waren mehr abfallend, und die Arme flossen sanfter daraus hervor. Es
+trieb ihn jeden Abend nach oben, zuzusehen, wenn sie ausgezogen wurde.
+Die Verschmelzung des maennlichen und des weiblichen Typus der Krogs, die
+bisher so selten gewesen, die aber schon teilweise von der Mutter
+repraesentiert worden war, gab es hier in der Vollendung. Marit schoss
+hoch auf, ihre Augen waren gross und der Kopf fein geformt.
+
+Er konnte sie nicht dazu bewegen, mit Kindern umzugehen; das langweilte
+sie. Sie gingen nicht schnell genug auf ihre Ideen ein, die freilich
+recht eigentuemlich waren. Die Felder hier waren doch ein Zirkus; der
+Vater hatte ihr von Buffalo Bill erzaehlt. Indianer sprengten durch die
+Arena, sie selbst an der Spitze auf einem weissen Pferde. Die Huegel waren
+die Logen, die voll Menschen waren. Das konnten die anderen Kinder nicht
+sehen. Auch das Reisenspielen auf dem Tisch, das ihr Vater sie gelehrt
+hatte, verstanden sie nicht.
+
+Als Siebenjaehrige noetigte sie ihren Vater, ihr ein Rad zu kaufen und sie
+fahren zu lehren; er selbst fuhr ausgezeichnet. Das war aber doch der
+Tropfen, der den Becher zum Ueberlaufen brachte und ihn bestimmte, sich
+nach Unterstuetzung umzusehen.
+
+Er hatte in Paris eine entfernte Verwandte kennen gelernt, eine Frau
+Dawes; sie war in England verheiratet gewesen; als aber ihr einziges
+Kind starb, hatte sie sich scheiden lassen und lebte in Paris als
+Pensionsinhaberin. In dieser Pension hatte er sie taeglich bewundert. Er
+war kaum je einem kluegeren Menschen begegnet. Er fragte bei ihr an, ob
+sie zu ihm kommen, seinem Hause vorstehen und sein Kind erziehen wolle.
+Sie sagte ohne Zoegern telegraphisch zu, und in weniger als einem Monat
+hatte sie alles verkauft, war abgereist und hatte sich in ihren neuen
+Wirkungskreis begeben. Ein Hueftleiden, das sie schon lange plagte, hatte
+sich verschlimmert, so dass ihr das Gehen schwer fiel. Aber von ihrem
+Rollstuhl aus, den sie mitgebracht hatte, und den ihre behaebige Person
+vollstaendig ausfuellte, leitete sie das ganze Haus, ihn selbst
+inbegriffen. Er war ganz erschrocken ueber ihre Tuechtigkeit. Sie kam
+selten aus ihrem Stuhl heraus, aber trotzdem wusste sie alles, was
+geschah. Waende hemmten ihren Blick nicht, eine Entfernung gab es nicht
+fuer sie. Groesstenteils liess sich das aus der Schaerfe ihrer Sinne
+erklaeren, aus ihrer Faehigkeit, Worte und Zeichen zu deuten, in Mienen
+und Augen zu lesen, zu riechen und zu hoeren, Schluesse zu ziehen aus dem,
+was sie wusste,--und siebentens und letztens daraus, dass sie zu fragen
+verstand. Aber einiges war auch nicht zu erklaeren. Drohte einem, den sie
+lieb hatte, eine Gefahr, so fuehlte sie das, wo sie auch war. Sie schrie
+auf--in solchen Augenblicken sprach sie immer englisch--und war auf den
+Beinen und Feuer und Flamme. So zum Beispiel an dem denkwuerdigen Tage,
+da Marit mit ihrem Rad in den Fluss gefallen war und durch Maenner vom
+Dampfer aus aufgefischt wurde; denn unten an der Landungsbruecke, wohin
+sie gewollt hatte, war das Unglueck geschehen. Da stiessen sie und Frau
+Dawes aufeinander, die eine triefend von Naesse und heulend, die andere
+triefend von Schweiss und auch heulend.
+
+Frau Dawes machte taeglich ihre Runde durch das Haus und, wenn es noetig
+war, auch um das Haus herum. Weiter kam sie selten. Auf diesem Rundgang
+sah sie alles, auch das, was erst spaeter geschah, versicherten die
+Maegde.
+
+Sie hatte etwas Schwimmendes an sich. Sie schwamm bestaendig in Papier.
+Ihre Korrespondenz, die, wie Anders Krog behauptete, alle Personen
+umfasste, die sie einmal in Pension gehabt hatte, setzte sie
+ununterbrochen fort. In allen Sprachen und ueber alle Dinge; denn ihre
+zweite Hauptbeschaeftigung war: das, was sie las--und sie las bis tief in
+die Nacht hinein--in ihre Korrespondenz hineinzubringen. Sie drehte sich
+nach dem Tisch mit dem Schreibpult um, sie wandte sich fort vom Tisch,
+um zu lesen. An der Stuhllehne war eine Lesepultmechanik angebracht,
+worauf das Buch lag; in der Hand hielt sie es selten. Sie zog Memoiren
+jeder andern Lektuere vor, und davon plauderte sie nachher in ihren
+Briefen. In zweiter Reihe kamen Kunstzeitschriften und Reiseliteratur.
+Sie hatte ein kleines Vermoegen und kaufte sich alles, was ihr gefiel.
+
+Das Kind unterrichtete sie nebenbei. In der Wohnstube an dem grossen
+Tisch sassen sie, "Tante Eva" in ihrem Thronsessel, die Kleine ihr
+gegenueber. Immer aber, wenn es noetig war, musste Marit an Tante Evas Pult
+kommen. Der Unterricht ging so leicht vonstatten, dass die Kleine oft
+vergass, dass es Schule war. Ja, selbst der Vater, der seine Bibliothek
+dicht daneben hatte, vergass es oft, wenn er hereinkam und das Gespraech
+oder die Erzaehlung mit anhoerte.
+
+War der Unterricht leicht, so waren andre Dinge sehr schwierig und
+fuehrten zu Kaempfen. Das ganze Verhalten des Kindes wollte sie aendern,
+und da war ihr der Vater im Wege. Aber er wurde natuerlich geschlagen,
+und noch ehe er ahnte, was Frau Dawes beabsichtigte. Marit sollte
+gehorchen lernen, sie sollte einen Begriff von bestimmter
+Zeiteinteilung, von Ordnung, von Hoeflichkeit, von Takt bekommen. Sie
+sollte jeden Tag Klavier ueben, sie sollte bei Tisch huebsch gerade
+sitzen und sich die Haende unzaehlige Male am Tage waschen; sie sollte
+immer sagen, wohin sie gehe. Und nichts von all dem wollte sie.
+Eigentlich auch der Vater nicht.
+
+Frau Dawes hatte einen einzigen festen Punkt, von dem sie ausgehen
+konnte. Das war der unerschuetterliche Glaube des Kindes an die
+Vollkommenheit seiner Mutter. Frau Dawes wusste sie davon zu ueberzeugen,
+dass die Mutter nie spaeter als um acht Uhr schlafen gegangen sei. Sie
+habe immer vorher ihre Kleider ordentlich auf einen Stuhl gelegt und
+ihre Schuhe vor die Tuer gestellt.
+
+Von dem, was die Mutter getan und bis zur Vollkommenheit getan hatte,
+ging sie zu dem ueber, was die Mutter getan haette, wenn sie an Marits
+Stelle gewesen waere; und vor allem, was sie _nicht_ getan haette, wenn
+sie Marit waere. Das war schwieriger. So als Frau Dawes versicherte, die
+Mutter sei immer nur so weit geradelt, wie man sie sehen konnte. "Woher
+weisst Du das?" fragte Marit.--"Ich weiss es daher, dass Dein Vater und
+Deine Mutter nie voneinander getrennt waren."--"Das ist wahr, Marit",
+fiel der Vater ein, froh, dass er auch einmal zu dem ja sagen konnte, was
+Frau Dawes einfiel; denn das meiste war doch durchaus nicht wahr.
+
+Je weiter der Unterricht fortschritt, desto mehr Freude machte es Frau
+Dawes selbst, und desto groesseren Einfluss gewann sie auf das Kind. Sie
+machte es sich zur Aufgabe, das Traumleben Marits auszuroden, das ein
+Erbteil der Mutter war und in ueppiger Bluete stand, solange der Vater
+zuhoerte und seinen Spass daran hatte.
+
+Einmal im Fruehjahr kam Marit schnell herein und erzaehlte ihrem Vater, in
+dem alten Baum zwischen den Graebern der Mutter und der Grossmutter sei
+ein kleines Nest und in dem Nest seien ganz, ganz kleine Eier. "Das ist
+ein Gruss von Mutter, nicht?" Er nickte und ging mit ihr, um es zu
+besehen. Als sie aber naeher kamen, flog der Vogel auf und piepte
+jaemmerlich. "Mutter sagt, wir sollen nicht naeher heran?" fragte sie
+ihren Vater.--Er bejahte es. "Dann wuerden wir Mutter stoeren?" fragte sie
+weiter. Er nickte.----Sie gingen seelenvergnuegt wieder nach Hause und
+sprachen den ganzen Weg von Mutter. Als Marit Frau Dawes hiervon
+erzaehlte, sagte sie: "Das sagt Dein Vater nur, um Dich nicht zu
+betrueben, Kind. Koennte Deine Mutter Dir eine Botschaft senden, so kaeme
+sie selbst."--Die Revolution, die diese wenigen grausamen Worte
+anrichteten, war nicht abzusehen. Sie veraenderten auch das Verhaeltnis
+zum Vater.----
+
+Die Schule ging ihren regelrechten Gang, die Erziehung auch, bis Marit
+nahezu dreizehn Jahr alt war, lang und duenn und grossaeugig mit ueppigem,
+rotem Haar und weisser, zarter Haut ohne Sommersprossen, was Frau Dawes'
+besonderer Stolz war.
+
+Da kam der Vater eines Tages aus der Bibliothek herein und unterbrach
+den Unterricht. Das war in den ganzen Jahren nicht ein einzigesmal
+geschehen. Marit bekam frei; Frau Dawes ging mit dem Vater in die
+Bibliothek. "Bitte lesen Sie diesen Brief!"--
+
+Sie las und erfuhr,--wovon sie nicht die leiseste Ahnung gehabt
+hatte,--dass der Mann, der vor ihr stand und ihr Gesicht waehrend des
+Lesens beobachtete, ein Millionaer war, kein Kronen-, nein, ein
+Dollarmillionaer. Er hatte seit dem Tode des Onkels nach der ersten
+vorlaeufigen Ausbezahlung der Bankguthaben und Aktien als Kompagnon des
+Bruders nichts wieder abgehoben,--und dies war das Resultat.
+
+"Ich gratuliere Ihnen", sagte Frau Dawes und fasste seine rechte Hand mit
+ihren beiden. Ihr standen die Traenen in den Augen. "Ich verstehe Sie,
+lieber Krog; Sie wuenschen, dass wir jetzt auf Reisen gehen?" Er sah sie
+mit seinen leuchtenden Augen lachend an. "Haben Sie etwas dagegen, Frau
+Dawes?"--"Durchaus nicht, wenn wir die noetige Bedienung mitnehmen; ich
+bin ja einmal so schlecht zu Fuss."--"Das sollen Sie haben, und ueberall
+halten wir uns einen Wagen. Der Unterricht kann fortgesetzt werden,
+nicht wahr?"--"Ob er kann! Nur um so besser!" Sie lachte und weinte
+zugleich, und sie sagte selbst, so gluecklich sei sie noch nie gewesen.
+
+Vierzehn Tage spaeter hatten die drei mit einem Diener und einem Maedchen
+Krogskog verlassen.
+
+ * * * * *
+
+Der Thronwechsel
+
+
+So gingen zweieinhalb Jahre hin, in denen der Vater einige Male in
+Norwegen war, aber die anderen nicht. Dann dachten sie ernstlich daran,
+einen Sommer in Krogskog zu verbringen. Aus diesem Grunde standen sie
+alle drei in einem Konfektionsgeschaeft in Wien. Frau Dawes und Marit
+sollten neue Kleider haben, besonders Marit, die aus ihren
+herausgewachsen war. Es war in den ersten Tagen des Mai, und es handelte
+sich um Sommerkleider.
+
+"Dein Vater und ich, wir finden beide, Du musst jetzt lange Kleider
+haben. Du bist schon so gross." Marit blickte zu ihrem Vater hin, aber
+die Stoffe, die vor ihnen ausgebreitet lagen, hielten seinen Blick fest.
+Frau Dawes sprach statt seiner. "Dein Vater hat oft gesagt, wenn Du mit
+ihm gehst, sehen die Herren Dir so nach den Beinen."--Der Vater wurde
+unruhig; selbst das Fraeulein hinter dem Ladentisch merkte, dass ein
+Gewitter in der Luft lag. Sie verstand die Sprache nicht, aber sie sah
+die drei Gesichter. Schliesslich hoerte der Vater Marit mit einer fremden,
+aber freundlichen Stimme antworten: "Soll ich jetzt lange Kleider haben,
+weil Mutter, als sie in meinem Alter war, auch welche trug?"--Frau Dawes
+sah erschrocken Anders Krog an; er aber wandte sich ab. Dann wieder
+Marit: "Tante Eva, Du warst doch natuerlich mit Mutter zusammen, als sie
+damals lange Kleider bekam? Oder Vater vielleicht?"
+
+Dann wurde nicht mehr von langen Kleidern gesprochen. Es wurde
+ueberhaupt nicht mehr gesprochen. Sie gingen fort.
+
+Weiter geschah nichts. Es ergab sich von selbst, dass sie am naechsten
+Tage, statt zum Unterricht zu kommen, mit dem Vater ausfuhr, um die
+Sache mit den Kleidern zu ordnen. Des weiteren, dass sie sich von dort in
+die Museen begaben. Sie setzten diese taeglichen Ausfahrten bis zur
+Abreise fort. Mit dem Unterricht war es vorbei. Als sei nichts
+vorgefallen, gingen sie jeden Abend zu Dreien ins Konzert oder in die
+Oper oder ins Schauspiel. Sie wollten die Zeit, die ihnen noch blieb,
+ausnutzen.
+
+In den ersten Tagen des Juni waren sie in Kopenhagen. Hier erwartete sie
+ein Brief von Onkel Klaus. Joergen Thiis, sein Pflegesohn, sei Leutnant
+geworden; Klaus wolle draussen in seinem Landhause einen Fruehlingsball
+geben, aber er warte damit, bis sie heimkaemen. Wann sie kaemen?
+
+Darauf freute sich Marit sehr. Den schoenen, schlanken Joergen kannte sie.
+Er war der Sohn des Bezirksamtmanns, seine Mutter war Klaus Krogs
+Schwester.
+
+Also musste jetzt ein Ballkleid komponiert werden; die Erwaegungen waren
+sehr kurz, keiner sagte vorlaeufig ein Wort. Das Spannende der Sache, ob
+dieses Kleid wohl lang sein werde, verschloss jeder in seiner Brust. Als
+der grosse Augenblick des Massnehmens kam, fragte die Dame, die es tat:
+"Das gnaedige Fraeulein soll doch ein langes Kleid haben?" Marit sah zu
+Frau Dawes hin, die rot wurde. Was aber schlimmer war: die Dame selbst
+wurde auch rot. Sie nahm eilig nach dem kurzen Kleide Mass, das Marit
+anhatte.
+
+Am zwanzigsten Juni fand also der Ball statt. Ein schwueler Tag ohne
+Sonne. Die Gaeste standen im Garten vor dem grossen Landhause, als das
+Boot anlegte, mit dem Marit und ihr Vater kamen; sie waren die letzten.
+Sie stieg allein aus. Der alte Klaus stapfte lang und duerr und mit
+ungeheuer weiten Beinkleidern zu ihr hinunter, ohne Hut mit blanker
+Glatze und feuchtglaenzendem Gesicht. Er hielt sie durch eine
+Handbewegung zurueck, waehrend er zu Anders Krog im Boot hinuntersah:
+"Willst Du nicht heraufkommen?"--"Nein, nein! Tausend Dank!" Das Boot
+stiess ab. Jetzt erst sah er Marit an, die Frau Dawes in ihrem langen
+Brief als die groesste Schoenheit beschrieben hatte, die sie je gesehen. Er
+starrte sie an, verbeugte sich und kam naeher; er roch nach Tabak und
+schmunzelte mit seinem grossen, weit offnen, unappetitlichen Munde. Bot
+ihr dann seinen Arm. Sie aber in ihrem langen aermellosen Mantel tat, als
+bemerkte sie es nicht. Er stutzte, folgte ihr aber zu den andern. Und
+dann sagte er: "Hier bringe ich die Ballkoenigin." Das verletzte sie und
+verletzte alle, so dass der Anfang nicht vielversprechend war. Joergen,
+der Held des Abends, draengte sich vor, um sich zu erbieten, ihr Hut und
+Mantel abzunehmen. Sie aber gruesste obenhin und ging weiter. Es lag Stil
+darin. Unter den Zurueckbleibenden entstand sofort ein Gefluester. Die
+Art, wie sie vorueberging, ihr Gesicht, ihre Haltung, ihr Gang, die
+blendend schoene Haut, die leuchtenden Augen, die Woelbung darueber, die
+feingeformte Nase ... das war alles aus einem Guss und alles vollendet.
+Joergen Thiis war hin. Er selbst war ein grosser, schlanker Mensch vom
+Krogschen Typ; nur die Augen waren ganz anders. Jetzt hingen sie wie
+festgenagelt an der Tuer, hinter der sie verschwunden war. Er wartete auf
+der Treppe.
+
+Und wie sie wieder heraus und auf ihn zukam, um an seinem Arm zu den
+andern hinunter zu gehen,--in einem kurzen Kleide aus lichtem,
+wasserblauem Krepp mit durchbrochnen seidenen Struempfen von derselben
+Farbe und in Silberbrokatschuhen mit antiken Schnallen, war sie ein
+Bild. Die Bewunderung war einstimmig. Es wurde von nichts anderem
+gesprochen, bis man zu Tisch ging. Auch da hoerte es noch nicht auf; es
+gab Gespraechsstoff fuer die ganze Stadt. Dass ein so klassisch
+geschnittenes Gesicht mit so leuchtenden Augen in dem weissen, weissen
+Teint obendrein noch in einem Glorienschein von rotem Haar stand! Das
+Ganze war harmonisch zu der hohen Gestalt mit den leicht abfallenden
+Schultern und einer Bueste, die noch nicht voll entfaltet, aber von einer
+Freiheit und Unabhaengigkeit war, als koenne sie losgeloest werden. Die
+Arme, die Handgelenke, die Hueftbildung, die Fuesse ... es wurde beinahe
+komisch; denn einige junge Herren stellten mit dem groessten Eifer die
+Behauptung auf, die Knoechel seien das Allerschoenste. Sie haetten nicht
+ihresgleichen. So duenn,--und mit dieser schwellenden Rundung nach
+oben--? Nein, nirgends!
+
+Joergen Thiis vergass das Reden, ja sogar eine Zeitlang das Essen, das ihm
+sonst doch das Schoenste auf der Welt war. Er ging wie ein Schlafwandler
+mit ihr. Wenn man sie sah, war er an ihrer Seite oder hinter ihr her.
+
+Wegen des Balles hatten sich ihr Vater und Frau Dawes nach dem Hause in
+der Stadt begeben. Sie wurden beim Morgengrauen geweckt von lautem
+Schwatzen und Lachen vor dem Hause und schliesslich gar maennlichen und
+weiblichen Hurrarufen; die Ballgaeste hatten Marit nach Hause begleitet.
+
+Am aendern Tage bekamen die Alten Besuch von Verwandten und Freunden. Die
+aelteren Leute, die auf dem Ball gewesen waren, erklaerten Marit fuer die
+Schoenste, die sie seit Menschengedenken gesehen haetten. Der alte Klaus
+war abends um neun noch in die Stadt gerudert und zu einigen Freunden
+gepilgert, bloss weil sie kommen und sehen sollten.
+
+Am Nachmittag praesentierte sich Joergen in Uniform und mit neuen
+Handschuhen. Er wollte sich erlauben, nach dem Befinden des gnaedigen
+Fraeuleins zu fragen. Das gnaedige Fraeulein habe noch nichts von sich
+hoeren lassen.
+
+Als sie schliesslich kam, war sie von etwas ganz andrem erfuellt als von
+dem gestrigen Tage. Das merkte Frau Dawes sofort. Auch erzaehlte die
+Ballkoenigin nicht das geringste von dem Balle. Sie beschraenkte sich
+darauf, zu fragen, ob sie aufgeweckt worden seien. Dann ass sie. Als sie
+fertig war und wieder hereinkam, erzaehlte ihr Vater, Joergen sei
+dagewesen, um zu fragen, wie es ihr gehe. Marit laechelte. Frau Dawes:
+"Findest Du Joergen nicht nett?"--"Doch."--"Worueber laechelst Du
+denn?"--"Er hat so viel gegessen."--Jetzt fiel der Vater lachend ein:
+"Das macht sein Vater, der Amtmann, auch so! Und regelmaessig sucht er
+sich die besten Stuecke aus."--"Freilich."
+
+Frau Dawes sass und wartete auf das, was jetzt kommen wuerde; denn es kam
+etwas. Marit ging hinaus; nach einer Weile erschien sie mit Hut und
+Sonnenschirm wieder. "Willst Du ausgehen?" fragte Frau Dawes. Marit
+stand da und zog sich die Handschuhe an. "Ich gehe aus und bestelle mir
+Visitenkarten."--"Hast Du keine Visitenkarten?"--"Doch; aber die alten
+gefallen mir nicht mehr."--"Warum nicht?" fragte Frau Dawes sehr
+verwundert; "Du hast sie doch damals in Italien so huebsch
+gefunden?"--"Ja;--aber der Name gefaellt mir nicht mehr, meine
+ich."--"Der Name?" Beide blickten auf. Marit: "Es ist gerade, als wenn
+er gar nicht mehr zu mir gehoert,--meine ich."--"Marit gefaellt Dir
+nicht?" fragte Frau Dawes. Der Vater warf leise hin: "Es war der Name
+Deiner Mutter." Sie antwortete nicht gleich; sie fuehlte die entsetzten
+Augen des Vaters.--"Wie moechtest Du denn heissen, Kind?" Das war wieder
+Frau Dawes, die sprach. "Mary."--"Mary?"--"Ja. Das passt besser,--meine
+ich." Die stumme Verwunderung der andern bedrueckte sie augenscheinlich.
+Sie sagte: "Wir wollen ja jetzt doch nach Amerika. Da sagt man
+Mary."--"Aber Du bist Marit getauft", sagte ihr Vater schliesslich
+zaghaft.--"Was schadet das?"--Frau Dawes: "Es steht in Deinem
+Taufschein, Kind; es ist Dein Name."--"Ja, in den Urkunden steht es
+vielleicht, aber nicht in mir." Die beiden andern starrten sie an.
+
+"Es tut Deinem Vater weh, Kind."--"Vater kann mich ja ruhig weiter Marit
+nennen."--Frau Dawes blickte sie traurig an, sagte aber nichts weiter.
+Marit war mit ihren Handschuhen fertig. "In Amerika werde ich Mary
+genannt. Das weiss ich. Hier habe ich eine Probekarte. Es macht sich doch
+gut?" Sie holte eine ganz kleine Karte aus der Tasche. Frau Dawes besah
+sie und reichte sie Anders Krog hin. Mit feiner Schrift stand auf feinem
+Papier: "Mary Krog."
+
+Der Vater schaute lange, schaute immer wieder auf die Karte. Legte sie
+dann auf den Tisch, nahm seine Zeitung und tat, als lese er.
+
+"Es tut mir leid, Vater, dass Du es so auffasst."--Anders Krog wiederholte
+leise, ohne von der Zeitung aufzusehen: "Marit ist der Name Deiner
+Mutter."--"Ich habe Mutters Namen auch lieb.--Er passt aber nicht fuer
+mich."
+
+Damit ging sie leise hinaus. Frau Dawes, die am Fenster sass, blickte ihr
+die Strasse entlang nach. Anders Krog legte die Zeitung hin; er konnte
+nicht lesen. Frau Dawes versuchte, ihn zu troesten. "Es ist was Wahres
+dran", sagte sie. "Marit passt nicht mehr fuer sie."
+
+"Der Name ihrer Mutter", wiederholte Anders Krog, und die Traenen liefen
+ihm ueber das Gesicht.
+
+ * * * * *
+
+Drei Jahre spaeter
+
+
+Drei Jahre spaeter fuhr Mary nach langem Regen an einem schoenen
+Fruehlingstage mit einer Verwandten, Alice Clerq, in Paris die Avenue du
+Bois de Boulogne hinunter auf das vergoldete Parktor zu. Sie hatten sich
+in Amerika kennen gelernt und sich hier in Paris im vorigen Jahre
+wiedergetroffen. Alice Clerq wohnte jetzt mit ihrem Vater in Paris. Der
+alte Clerq war frueher der bedeutendste Kunsthaendler von New York gewesen
+und hatte eine Norwegerin aus der Familie Krog geheiratet. Nach dem Tode
+seiner Frau verkaufte er sein riesiges Geschaeft. Die Tochter war mit der
+Kunst aufgewachsen und hatte eine gruendliche Ausbildung darin genossen.
+Sie hatte die Museen der ganzen Welt gesehen, hatte ihren Vater sogar
+bis nach Japan geschleppt. Ihr Hotel in den Champs Elysees war voll von
+Kunstgegenstaenden. Dort hatte sie auch ihr Atelier; sie war naemlich
+Bildhauerin. Alice war nicht mehr jung, eine kraeftige, rundliche Person,
+gutmuetig und lustig.
+
+Dies Jahr kam Anders Krog mit seiner Begleitung aus Spanien. Die beiden
+Freundinnen sprachen gerade ueber ein Bild Marys, das aus Spanien an
+Alice geschickt war und nach Norwegen weiter wanderte. Alice behauptete,
+der Kuenstler habe es offenbar auf eine Aehnlichkeit mit Donatellos
+"Heiliger Caecilie" abgesehen. Durch die Stellung des Kopfes, die Form
+der Augen, die Linie des Halses und den halb geoeffneten Mund. Aber so
+interessant dieser Versuch sein moege, fuer die Aehnlichkeit sei er von
+Schaden. Zum Beispiel sei es ein Verlust fuer das Bild, dass die Augen
+nicht zu sehen seien; die habe sie ja niedergeschlagen wie bei
+Donatello. Mary lachte. Gerade um diese Aehnlichkeit herauszubekommen,
+habe sie ihm gesessen.
+
+Nun erzaehlte Alice von einem norwegischen Genieoffizier, den sie kennen
+gelernt habe, als sie mit seiner Mutter im Sommer in Norwegen gewesen
+sei. Er habe das Bild bei ihr gesehen und sich ganz in dieses Portraet
+verliebt.--"So", sagte Mary wie abwesend.--"Es ist kein gewoehnlicher
+Mensch, kannst Du glauben, und auch kein gewoehnliches Verliebtsein."
+--"Nanu?"--"Ich bereite Dich vor. Er kommt natuerlich bei mir mit Dir
+zusammen."--"Ist das noetig?"--"Sehr. Denn sonst muss ich es ausbaden."
+--"Ist er denn gefaehrlich?" Alice lachte: "Mir wenigstens."--"Sieh
+einer an! Ja, das ist etwas anderes."--"Jetzt verstehst Du mich falsch.
+Warte, bis Du ihn siehst."--"Ist er so schoen?"--Alice lachte: "Nein,
+er ist geradezu haesslich!--Na, warte nur ab."--Sie fuhren weiter, das
+Gedraenge wurde groesser; es war einer der Haupttage.--"Wie heisst er?"
+--"Franz Roey."--"Roey? So heisst unsere Aerztin auch. Fraeulein Roey."
+--"Ja, das ist seine Schwester; er spricht oft von ihr."--"Sie hat
+eine herrliche Figur."--Da richtete Alice sich auf: "Und er? Wenn ich
+mit ihm ueber die Strasse gehe, drehen die Leute sich um, weil sie ihn
+noch einmal sehen wollen. Ein richtiger Riese! Aber keiner von den
+fettgepolsterten. Nein, sehr gross und geschmeidig." --"Also gut
+trainiert?"--"Riesig. Auf nichts ist er so stolz wie auf seine Kraft,
+und nichts zeigt er so gern!"--"Ist er denn dumm?"--"Dumm? Franz Roey?"
+--Sie lehnte sich wieder zurueck, und Mary fragte nicht weiter.
+
+Sie kamen spaet draussen an; endlose Wagenreihen zogen an ihnen vorbei
+heimwaerts aus dem Bois. Die drei breiten Fahrwege der Avenue waren
+gedraengt voll. Je naeher sie dem eisernen Tor kamen, wo die Wege
+zusammenliefen, desto dichter wurden die Wagenreihen. Diese
+Zurschaustellung von hellen und bunten Fruehjahrstoiletten an dem ersten
+sonnigen Tage nach dem Regen war ein einzigartiges Schauspiel. Zwischen
+den neubelaubten Baeumen wirkten die Wagen wie gefuellte Blumenkoerbe im
+Gruen, einer hinter dem andern, einer neben dem andern, ohne Anfang und
+ohne Ende.
+
+Am Tor kamen sie in die Naehe der wogenden Menge von Fussgaengern. Aber
+kaum waren sie mitten drin, als sich von rechts nach links hinueber eine
+unruhige Bewegung fortpflanzte. Dort rechts mussten die Leute etwas
+sehen, was von hier aus nicht zu sehen war. Einige schrien und zeigten
+nach den Seen hinueber, die Wagen fuhren auf Kommando zur Seite oder in
+die Querwege hinein, die Bewegung wuchs, bald war sie allgemein.
+Schutzleute und Parkwaechter rannten hin und her, die Wagen stauten sich
+so dicht, dass keiner mehr vom Fleck kam. Ein breiter Mittelgang war bald
+weit hinunter frei. Alle spaehten und fragten,--da kam es! Ein paar
+durchgegangene Pferde mit einem grossen Wagen. Auf dem Bock sah man den
+Kutscher und den Groom. Es musste sich ein Kampf abgespielt haben, so dass
+man Zeit bekam, den Weg frei zu machen, oder die Pferde mussten in sehr
+grosser Entfernung scheu geworden sein. Hier, diesseits des Tores, waren
+alle Gefaehrte aus dem Mittelweg verschwunden; Alices Wagen stand beinahe
+zu aeusserst am linken Fussweg. Hinter sich hoerten sie Geschrei; vermutlich
+wurde die ganze Avenue freigemacht. Aber niemand blickt dahin, alles
+sieht nach vorn. Ein stattliches Gespann kommt in rasender Fahrt auf sie
+zu. Von Neugier getrieben, wogen zu beiden Seiten die Massen vor und
+zurueck. Aengstliche Menschen draussen vor dem Tor riefen: "Schliesst das
+Tor!"--Ein rasender Protest, ein tausendstimmiger Hohn von drinnen
+antwortete ihnen. Alle Wageninsassen hatten sich erhoben, manche standen
+auf den Sitzen. Auch Alice und Mary. Es machte den Eindruck, als werde
+die Fahrt toller, je naeher die Tiere kamen. Kutscher und Groom rissen
+aus Leibeskraeften an den Zuegeln; aber das stachelte die Tiere nur an.
+Ein Mann im Zylinder beugte den Oberkoerper aus dem Wagen, vermutlich um
+festzustellen, wo er sich den Hals brechen werde. Ein paar Hunde liefen
+mit eifrigem Protest hinterher, hier oben lockten sie noch mehrere
+andere auf die Bahn hinaus, die sich aber nicht weit vorwagten. Die zwei
+oder drei, die es taten, prallten gegeneinander, dass einer sich
+ueberstuerzte und ueberfahren wurde, der Wagen machte einen Satz, der Hund
+heulte auf,--seine Kameraden hielten eine Weile inne.
+
+Da loest sich ein Mann aus den Massen am eisernen Portal und tritt mitten
+auf den Weg. Man schrie, man schwang Stoecke und Regenschirme und drohte
+ihm. Ein paar Schutzleute wagten sich einige Schritte hinter ihm her und
+winkten und riefen; das gleiche tat diesseits ein Parkwaechter, lief aber
+in Todesangst wieder zurueck. Statt auf die Rufe und Drohungen zu achten,
+nahm der Mann die Pferde aufs Korn, trat nach links, dann nach rechts,
+dann wieder nach links ... offenbar um sich ihnen entgegenzuwerfen.
+
+Sowie die Menge das erfasst hatte, wurde sie still, ja, es wurde so
+still, dass man die Voegel in den Baeumen singen hoeren konnte, hoeren auch
+das ferne, dumpfe Getoese der nimmer stillen Riesenstadt, das vom Winde
+heruebergetragen wurde. Es gab dem Vogelgezwitscher einen einfoermigen
+Unterton. Merkwuerdig, dass die Pferde genau so gespannt dastanden wie die
+Menschen; sie ruehrten keinen Fuss. Nur die Hunde waren wieder in
+Bewegung.
+
+Nun hatte der wilde Zug den Mann mitten auf der Strasse erreicht. Er
+drehte sich pfeilschnell nach derselben Seite wie die Pferde, lief neben
+ihnen her und warf sich dann dem naechsten in die Flanke ...
+
+"Das ist er!" rief Alice mit leichenblassem Gesicht und packte Mary so
+krampfhaft, dass sie beide ins Stolpern kamen. Schrill und wild
+kreischten weibliche Stimmen auf. Ein dumpfes Gebruell von Maennerstimmen
+folgte. Jetzt hing er an dem einen Pferde. Alice schloss die Augen, Mary
+wandte sich ab. Lief er mit oder wurde er geschleift? Sie anhalten
+konnte er nicht.
+
+Wieder einige Sekunden lang eine fuerchterliche Stille, nur die Hunde und
+die Hufe der Pferde hoerte man. Dann ein kurzer Aufschrei und dann
+tausende, und dann Jubel, wilder, endloser Jubel. Wehende Taschentuecher,
+Huete und Sonnenschirme. Die Menge stroemte zu beiden Seiten wie eine
+Sturmflut wieder in die Avenue hinein. Hier oben war die Strasse in einem
+Augenblick gedraengt voll. Die rasenden Tiere standen schaumbedeckt und
+zitternd dicht bei Alices Wagen. Sie sah einen grauen Englaender, einen
+schlanken alten Herrn mit weissem Bart und im Zylinder, und sie sah eine
+junge schlanke Dame an seinem Arm haengen und hoerte den Alten sagen:
+"Well done, young man!"
+
+Ein schallendes Gelaechter folgte. Und jetzt erst sah sie ihn, dem die
+Worte gegolten hatten, wie er die Pferde bei den Nuestern gepackt hatte,
+ohne Hut, mit aufgerissener Weste und blutenden Haenden, jetzt aber das
+schweissbedeckte, aufgeregte Gesicht lustig dem Englaender zuwandte.
+Gerade im selben Augenblick gewahrte er Alice. Sie stand ja noch immer
+auf dem Sitz ihres Wagens. Ohne Zoegern liess er Pferde und Wagen mitsamt
+dem Englaender stehen und bahnte sich den Weg zu ihr: "Verehrteste,
+bringen Sie mich fort aus diesem Wirrwarr!" sagte er laut in seiner
+breiten ostlaendischen Mundart. Ehe sie antworten, ja noch ehe sie vom
+Sitz herunterkommen, geschweige ehe der Groom sich vom Bock
+herabschwingen konnte, hatte er die Wagentuer geoeffnet und war bei ihnen
+im Wagen. Er half erst Alice von der Bank herunter, dann ihrer Freundin.
+Darauf sagte er auf franzoesisch zum Kutscher: "Fahren Sie mich nach
+Hause, so schnell Sie loskommen koennen. Sie wissen die Adresse
+wohl."--"Ja, Herr Hauptmann", antwortete der Kutscher mit ehrerbietigem
+Gruss und bewundernden Blicken. Als Franz Roey sich hinsetzen wollte,
+verzog er das Gesicht und rief, indem er sich an den Fuss fasste: "Au,
+Donnerwetter, das Ekel hat mich getreten. Jetzt merke ich es erst." In
+diesem Augenblick begegnete er Marys grossen, verwunderten Augen; er
+hatte sie bisher nicht angesehen, nicht einmal, als er ihr vom Sitz
+heruntergeholfen hatte. Die Veraenderung in seinem Gesichtsausdruck war
+so gewaltig und so ueberwaeltigend komisch, dass die beiden Damen in lautes
+Lachen ausbrachen. Er fasste mit der blutigen Hand an seinen Hut--und
+merkte, dass er keinen aufhatte. Da lachte er auch.
+
+Der Kutscher hatte inzwischen den Wagen ein paar Meter vorwaerts
+bugsiert, nun versuchte er zu wenden.
+
+"Ja, ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wer das ist?" lachte Alice.
+"Nein!" sagte er und starrte Mary an, dass sie rot wurde.
+
+"Aber, mein Gott, wie konnten Sie das wagen!"--Alices Stimme
+war's.--"Ach, das ist nicht so gefaehrlich, wie es aussieht", antwortete
+er, ohne ein Auge von Mary zu wenden. "Es ist bloss ein Kniff. Ich habe
+es schon vorher zweimal gemacht." Er sprach nur zu Mary. "Diesmal sah
+ich gleich, dass bloss das eine Pferd den Verstand verloren hatte; das
+andere wurde nur mitgerissen. Ja, da nahm ich mir also das tolle vor.
+Pfui Teufel, wie sehe ich aus!" Jetzt erst entdeckte er, dass seine
+Weste zerrissen, dass seine Uhr weg war, und dass seine blutende Hand ihn
+beschmutzte. Mary bot ihm ihr Taschentuch an. Er blickte auf das feine,
+gestickte Gewebe und dann auf sie: "Nein, gnaediges Fraeulein, das waere,
+als wollte man Baumrinde mit Seide flicken."
+
+Gleich draussen vor dem Tor an der rechten Seite wohnte er, also war es
+keine Entfernung. Mit herzlichem Dank, ohne die blutige Hand
+darzubieten, stieg er aus.
+
+Als er schlank und riesig ueber den Fussweg von dannen hinkte und der
+Wagen wendete, sagte Alice leise auf englisch: "Wer so ein Modell haben
+koennte, Mary!"--Mary sah sie verwundert an: "Ja, laesst sich denn das
+nicht machen?"--Alice gab Mary den Blick noch verwunderter zurueck:
+"Nackt meine ich." Mary machte beinahe einen Luftsprung, beugte sich
+dann nach vorn und sah Alice gerade ins Gesicht. Alice begegnete ihren
+Augen mit einem schelmischen Lachen.
+
+Mary lehnte sich zurueck und starrte vor sich hin.
+
+ * * * * *
+
+Franz Roey musste sich wegen seines Fusses einige Tage Schonung auferlegen.
+Als er sich wieder bei Alice meldete, wurde verabredetermassen Mary
+benachrichtigt. Aber es ueberkam sie eine solche Unruhe, dass sie sich
+nicht hinzugehen getraute. Beim naechsten Mal trieb die Neugier, oder was
+es sonst war, sie hin. Aber sie kam sehr spaet, und kaum stand sie ihm
+gegenueber, da wuenschte sie, sie waere nie gekommen. Er hatte etwas so
+Intensives, dass die vornehme Dame es als Aufdringlichkeit, ja fast als
+Beleidigung empfand. Ihr Wesen war in Aufruhr, sie folgte ihm mit den
+Augen, mit den Ohren; die Gedanken sausten in ihr und das Blut auch. Es
+muss doch mal voruebergehen, dachte sie. Aber das war nicht der Fall.
+Alices Verzauberung oder richtiger ihre Verliebtheit erhoehte das
+Schwindelgefuehl. War er eigentlich so haesslich? Diese breite, steile
+Stirn, diese kleinen, spruehenden Augen, der zusammengekniffene Mund, das
+vorspringende Kinn, das hatte alles in allem etwas ungewoehnlich
+Kraftvolles, aber es wurde spasshaft, weil er beinahe gar keine Nase
+hatte. Spasshaft war auch das meiste, was er sagte. So immer aufgelegt
+und lustig, dass um ihn her bestaendig Heiterkeit war, so unerschoepflich
+voller Einfaelle. Seine Manieren hatten nichts Gewaltsames; er war im
+Gegenteil die Hoeflichkeit selbst; er war aufmerksam, zuweilen sogar
+galant. Es lag nur an dem Ueberwaeltigenden in ihm. Seine Sprache und
+seine Augen allein waren wie ein Gewitter. Aber auch seine Gestalt tat
+das ihre, diese kraftvolle Hand, dieser massige Fuss, der fast nur Spann
+war, diese Schultern, der Nacken, der Brustkasten, das alles sprach mit,
+wirkte erdrueckend, demonstrierte. Man kam keinen Augenblick davon los.
+Und seine Rede floss unaufhaltsam.
+
+Mary kannte nur die Unterhaltungsform der internationalen Gesellschaft.
+Eine leichte Konversation ueber Wind und Wetter, ueber die
+Tagesereignisse, ueber Literatur und Kunst, ueber Zufaelligkeiten auf
+Reisen und beim Aufenthalt, das ganze immer mit anderthalb Ellen
+Abstand. Er dagegen war ganz individuell und nahebei. Dabei fuehlte sie,
+dass sie selbst auf ihn wirkte wie Wein. Er wurde immer berauschter und
+immer uebermuetiger. Das regte auf und machte unruhig. Sobald sie
+anstandshalber fort konnte, verschwand sie, benommen, verwirrt und
+eigentlich in einer wilden Flucht. Sie gab sich selbst das feierliche
+Versprechen, nie wiederzukommen.
+
+Erst spaeter am Tage ging sie zu ihrem Vater und zu Frau Dawes hinein.
+Sie erwaehnte kein Wort von ihrer Begegnung. Das hatte sie das vorige Mal
+auch nicht getan. Frau Dawes sagte, sie solle sich einmal die Karte
+ansehen, die auf dem Tisch liege.--"Joergen Thiis? Ist denn der
+hier?"--"Er ist den ganzen Winter hier gewesen. Jetzt hat er erst
+erfahren, dass wir angekommen sind."--"Er bat um Gruesse an Dich", warf der
+Vater ein, der wie gewoehnlich sass und las.
+
+Es war wirklich eine Erholung, an Joergen Thiis zu denken. Im vorigen
+Winter war sie verschiedentlich mit ihm hier in Paris zusammengewesen.
+Bei mehreren Gelegenheiten war er ihr Kavalier, so zum Beispiel bei den
+offiziellen Baellen im Elysee und im Hotel de Ville. Ein Kavalier, mit
+dem sie in allen Stuecken Ehre einlegte. Huebsch, elegant, zuvorkommend.
+Der Vater erzaehlte, Joergen wolle zur Diplomatie uebergehen. "Dazu gehoert
+doch wohl Kapital?" sagte Mary. "Er wird Onkel Klaus beerben",
+antwortete Frau Dawes. "Weisst Du das bestimmt?"--"Bestimmt nicht."--"Ist
+es denn wahr, dass Onkel Klaus in letzter Zeit mehrfach Verluste gehabt
+hat?" Frau Dawes schwieg. Der Vater antwortete: "Das kann schon
+sein."--"Ja, unterstuetzt er ihn denn?" Keiner antwortete. "Dann kann ich
+nicht finden, dass Joergens Aussichten so glaenzend sind", sagte sie
+abschliessend.--
+
+Franz Roey war im Auftrage der Regierung in Paris und war infolgedessen
+oft abwesend. Das war gerade jetzt der Fall, so dass Mary sich sicher
+fuehlte. Aber als sie eines Morgens frueh zu Alice kam,--sie wollten
+zusammen in die Stadt,--sass er da! Er sprang auf und eilte ihr entgegen.
+Seine Augen ueberschuetteten sie mit Bewunderung und Freude, er nahm ihre
+Hand in seine beiden Haende. Etwas strahlend Gluecklicheres hatte sie nie
+gesehen. Mary fuehlte, wie sie rot wurde. Alice lachte, was die Sache
+noch schlimmer machte. Aber seine Redseligkeit, die heute selbst fuer
+seine Verhaeltnisse aussergewoehnlich war, half ihnen darueber weg. Jetzt
+stuerzte er sich in eine kolossale Fabrik hinein, von der er direkt
+herkam, und riss sie mit. Die halbnackten Maenner mit ihren Haken an dem
+Strom des siedenden, rotgluehenden, wallenden Eisenerzes,--die Gewalt der
+Maschinen und die Menschen dazwischen wie vorsichtige Ameisen in einem
+Wald von Riesen. Er versuchte ihnen das auch in den Einzelheiten zu
+erklaeren. Es gelang voellig; aber es dauerte lange und hielt vor, bis die
+beiden Freundinnen fort mussten.
+
+Als sie im Wagen sassen, war Alice aeusserst aufgeraeumt. Es war naemlich
+ganz klar, heute hatte er einen starken Eindruck gemacht.--
+
+Am Tage darauf verliess Mary mit einem amerikanischen Ehepaar Paris im
+Automobil. Sie blieb mehrere Tage fort. Aber es war ihr erstes, als sie
+wieder zurueckkam, Alice aufzusuchen. Wahrhaftig: Franz Roey war da. Er
+und Alice sprangen in lebhafter Freude auf, Alice kam ihr entgegen und
+umarmte und kuesste sie: "Du Ausreisser, Du Ausreisser!" rief sie. Dass Franz
+Roeys Augen funkelten, ist zu wenig gesagt; sie schossen foermlich Salut.
+Von dem Augenblick an, da sie ihn begruesste, stand sein Mund nicht mehr
+still. Er benahm sich so toericht verliebt, dass es Alice ganz angst
+wurde. Gluecklicherweise musste er ein Ende machen; er hatte eine
+Konferenz. Mary war nachher wieder ganz aufgeruehrt; die See wollte sich
+nicht legen. Alice sah es und wollte sie beruhigen mit eifrigen,
+aengstlichen Versuchen, ihn ihr zu erklaeren. Aber das verwirrte nur noch
+mehr; Mary ging.
+
+Am Nachmittag, als sie zu den andern ins Zimmer trat--sie hatte ein
+wenig geruht, es hatte ihr notgetan--hoerte sie Klavierspiel. Sie wusste
+sofort, dass es Joergen Thiis war, der den beiden Alten Gesellschaft
+leistete. Er war wirklich ein Kuenstler, und er hatte eine Vorliebe fuer
+den Fluegel, den sie hatten. Den wollten sie mit nach Norwegen nehmen.
+Sie ging gleich zu ihm hin und dankte ihm, dass er so aufmerksam gegen
+ihren Vater und Tante Eva sei; leider muessten die beiden so oft allein
+bleiben. Er antwortete, es sei ihm eine unendliche Freude, dass sie seine
+Musik schaetzten, und das Klavier sei zu verlockend, in der Tat ersten
+Ranges. Die Unterhaltung bei Tisch und nachher zeigte Mary, wie die drei
+zusammenstimmten; sie war entbehrlich.
+
+Sie war wirklich dankbar dafuer, so dass es ein gemuetlicher Abend wurde.
+Es wurde viel von der Heimat gesprochen, nach der die beiden Alten
+Sehnsucht hatten.
+
+Kaum war er fort, so sagte Frau Dawes: "Was ist Joergen doch fuer ein
+gemuetlicher, gebildeter Mensch, liebes Kind!"--Der Vater blickte Mary an
+und laechelte. "Worueber lachst Du, Vater?"--"Ueber nichts", er lachte
+noch mehr. "Du moechtest wissen, wie er bei mir angeschrieben ist?"--"Ja,
+wirkt er auf Dich?" Frau Dawes war ganz Ohr. "A--ach."--"Das kommt ja so
+gedehnt heraus?"--"N--n--nein."--"Nun also?"--"Im Grunde gefaellt er mir
+gut."--"Doch es ist ein Aber dabei--?" Jetzt laechelte sie. "Ich mag
+nicht, dass seine Augen sich foermlich an mir festsaugen." Der Vater
+lachte: "Genau wie beim Essen, nicht?"--"Ja freilich!"--"Ein Lebemann,
+siehst Du, wie sein Vater."--"Aber genau wie sein Vater hat er auch
+viele gute Eigenschaften", warf Frau Dawes ein. "Das hat er", sagte
+Anders Krog ernsthaft. Mary antwortete nicht. Sie sagte Gutnacht und bot
+ihm die Stirn zum Kuss.----
+
+Ein paar Tage spaeter, ganz frueh am Morgen, suchte Mary Alice in ihrem
+Atelier des Hinterhauses auf. Anders Krog hatte irgendwo altes
+chinesisches Porzellan gesehen, auf das er Lust bekommen hatte; aber
+Alices guter Rat war hierzu von groesster Wichtigkeit. Mary war ueberzeugt,
+sie allein zu treffen, in der Regel freilich mit irgendeinem Modell.
+
+Sie ging direkt hinein, ohne mit dem Pfoertner zu sprechen. Alice oeffnete
+ihr selbst. Sie hatte ihren Atelierkittel an, und ihre Haende waren
+schmutzig, sie konnte sie Mary nicht geben. "Hast Du ein Modell da?"
+fluesterte sie. "Ich wollte gerade anfangen," antwortete Alice leise mit
+einem seltsamen Laecheln, "das Modell wartet im Zimmer nebenan. Aber komm
+nur!" Als Mary hinter dem Vorhang hervortrat, erkannte sie den Grund,
+warum das Modell im Zimmer nebenan wartete; Franz Roey sass in diesem
+Zimmer. So frueh am Morgen und tief in Gedanken. Er bemerkte nicht
+einmal, dass sie hereinkamen. Es war das erstemal, dass Mary ihn ernst
+sah. Das stand der maennlichen Gestalt und seinem kraftvollen Gesicht
+ungleich besser als jene ausgelassene Lustigkeit. "Sehen Sie, wer da
+kommt!" sagte Alice. Er sprang auf.----
+
+Die Unterhaltung heute war sehr ernst. Er war in gedrueckter Stimmung.
+Mary konnte unschwer erraten, dass die anderen von ihr gesprochen hatten.
+
+Sie waren deshalb alle drei etwas befangen. Bis Alice ein Thema aus der
+Morgenzeitung aufgriff. Zwei Morde aus Eifersucht, von denen der eine
+geradezu entsetzlich war, hatten sie alle erschuettert, besonders Franz
+Roey. Er behauptete, die Auffassung von der Ehe stamme bei den
+romanischen Voelkern aus einer Zeit, da die Frau Eigentum des Mannes war
+und Untreue folglich mit dem Tode bestraft wurde. Durch das Christentum
+sei freilich spaeter der Mann auch Eigentum der Frau geworden. Hierueber
+entstand eine lebhafte Diskussion. Mary stimmte ihm darin bei, dass
+keiner der Eheleute dem aendern gehoere. Sie seien freie Individuen und
+koennten ueber sich selbst bestimmen. In der Ehe wie vor der Ehe. Nur die
+Liebe sei entscheidend. Hoere die Liebe auf, weil der eine Teil oder auch
+beide durch die Entwicklung anders geworden seien, als sie bei
+Begruendung der Ehe waren, oder treffe einer von ihnen einen Menschen,
+der seine Seele und seine Gedanken gefangen nehme und seinem Leben eine
+andere Richtung gebe, dann muesse der Verlassene resignieren. Nicht
+verdammen oder toeten. Aber ihre Meinung und Franz Roeys Ansicht gingen
+auseinander, als sie erwogen, was zwei Eheleute von Rechts wegen
+scheiden duerfe. Namentlich als sie darauf kamen, was davon zurueckhalten
+muesse. Sie war hier viel bedenklicher als er. Er schlug scherzend vor,
+sie solle doch sagen: "Eheleute haben volle Freiheit, sich scheiden zu
+lassen; aber sie duerfen keinen Gebrauch davon machen." Sie schlug vor,
+er solle sagen: "Eheleute muessen in der Regel geschieden werden; haben
+sie keinen wirklichen Grund, muessen sie sich einen pumpen."
+
+Sie kamen in diesem Gespraech tiefer als bis zu den Worten. Es bezauberte
+ihn wie eine neue Art von Schoenheit an ihr, wie souveraen sie war. Das
+gab ihrer Erscheinung einen neuen Glanz. Es war keine Herrschsucht
+darin. Es war nur eine Schutzwehr, aber die hoechste. Ihr ganzes Wesen
+war darin konzentriert. Ein "Ruehr' mich nicht an!" in Augen, Stimme und
+Haltung. Vielleicht, wenn es sein musste, bereit zur Maertyrerglorie. Sie
+wurde viel groesser. Aber auch hilfloser. Gerade solche Wesen stehen zu
+hoch und stolpern beim ersten Schritt. Dann pflegen sie furchtbar zu
+fallen.
+
+Er starrte sie an und vergass zu antworten, vergass, wo er war. Ihm war,
+als rufe ihm einer zu: "Gib acht auf sie!" In seine Liebe zog mit
+gebieterischem Kommando die Ritterlichkeit ein.
+
+Sie sah, wie er sich dem Gespraech fernhielt; aber das hinderte sie
+nicht; das Thema war ihr zu lieb. Als er wieder bei der Sache war, hoerte
+er, wie sie ihr Innerstes enthuellte, zweifellos ohne es zu ahnen. Sie
+sprach aus, was sie gedacht hatte, seit sie sich so etwas hatte klar
+machen koennen. Es war ihr so natuerlich, wie das Kleid zu heben, wenn es
+schmutzig war, oder draussen im Meer zu schwimmen, wenn der Fuss keinen
+festen Boden mehr fand. Die Individualitaet muss frei werden, muss wachsen,
+darf nicht gebeugt und nicht befleckt werden; das war das Erste und das
+Letzte.
+
+Aber gleichzeitig fuehlte sie sich seltsam zu dem Menschen hingezogen,
+der sie zu bewegen vermochte, das auszusprechen. Sie hatte es so lange
+nicht mehr getan. Sie wusste nicht, dass die Persoenlichkeit, die unsere
+Gedanken erloest, selbstverstaendlich Macht ueber uns hat. Sie fuehlte nur,
+dass sie sprechen musste--und sich mit sich selbst beschaeftigen. Eine
+wundersuesse Empfindung, die sie zum erstenmal hatte.
+
+Folglich wurde das Thema ausgesponnen. In Worten, die immer weiter und
+weiter in sie selbst hineinschluepften und schliesslich sich in einer
+Stille von Blicken und Atemzuegen verloren. Alice war zu ihrem Modell
+hineingegangen. Sie waren befangen, als sie merkten, dass sie allein
+waren. Sie verstummten, und ihre Blicke wichen sich aus.
+
+Nach fluechtigem Verweilen bald auf dem einen, bald dem anderen der
+vielen Kunstgegenstaende, richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf einen
+Faun ohne Arme, der sie angrinste. Sie sprachen ueber dieses Stueck alter
+Kunst, nur um nicht zu schweigen. Wo der gefunden sein mochte? Aus
+welcher Zeit er stamme? Er sei gewiss sehr teuer gewesen. Sie sprachen in
+gedaempften Worten mit liebkosender Stimme, und die Augen glitten umher.
+Sie standen auch nicht auf ganz sicheren Fuessen. Sie fuehlten sich
+leichter, wie wenn sie sich in hoeheren Luftschichten befaenden. Dabei die
+Empfindung, dass alles, was sie dachten, offen daliege, und dass sie
+selbst durchsichtig seien.
+
+Jetzt kam Alice wieder. Sie blickte sie mit Augen an, die die beiden
+aufweckten. "Sind Sie jetzt mit der Ehe fertig?" fragte sie; denn sie
+hatten ja ueber die Ehe gesprochen, als sie hinausgegangen war.
+
+--Mary fiel ein, sie habe etwas zu besorgen, und ihr Wagen warte. Franz
+Roey erinnerte sich auch seiner Obliegenheiten. So gingen sie zusammen
+fort, durch den Hofraum, durch das Vestibuel und die Tuer auf den Wagen
+zu. Aber sie fanden den Ton von vorhin nicht wieder, und sprachen
+deshalb nicht.
+
+Den Hut in der Hand, oeffnete er ihr den Schlag. Sie stieg ein, ohne
+aufzublicken. Als sie sich hingesetzt hatte und ihm zunicken wollte,
+harrten ihrer die heissesten Augen, in die sie je geblickt hatte. Voll
+Leidenschaft und voll Ehrerbietung.
+
+Zwei Stunden darauf war er wieder bei Alice. Laenger hatte er mit seinen
+himmelstuermenden Hoffnungen nicht allein sein koennen.
+
+Wo er in der Zwischenzeit gewesen sei? In der Stadt, um sich einen Abguss
+von Donatellos Heiliger Caecilia zu kaufen. Er muesse vergleichen. Aber
+Alice koenne sich im voraus denken, dass Donatellos Caecilia klaeglich
+durchgefallen sei.
+
+Jetzt bekam Alice ernstlich Angst: "Lieber Freund, Sie werden sich noch
+alles verderben. Das liegt in Ihrer Natur." Er sagte stolz: "Ich habe
+mir noch nie im Ernst ein Ziel gesteckt, das ich nicht erreicht
+haette."--"Das glaube ich gern. Sie koennen arbeiten, Sie koennen
+Hindernisse ueberwinden, Sie koennen auch warten."--"Das kann ich!"--"Aber
+Sie koennen sich nicht beherrschen, Sie koennen nicht abwarten, dass sie zu
+Ihnen kommt."--"Was soll das heissen, Alice?"--Es tat ihm weh. "Es soll
+Sie daran erinnern, lieber Freund, dass Sie Mary nicht kennen. Sie kennen
+die Welt nicht, in der sie lebt. Sie sind ein Waldbaer."--"Kann sein, dass
+ich ein Waldbaer bin. Dagegen sage ich nichts. Aber wenn sie nun Freude
+an einem Waldbaeren hat? Man kann sich in solchen Dingen nicht taeuschen."
+Er wollte sich seine festliche Stimmung nicht trueben lassen. Darum kam
+er bittend auf sie zu; er wollte sie sogar umarmen; er hatte es sehr mit
+dem Umarmen.
+
+"Nein, seien Sie artig, Franz! Uebrigens stoeren Sie mich schon zum
+zweitenmal."--"Sie sollen auch gestoert werden, Sie sollen nicht die da
+drin in Ihrem Gefaengnis modellieren. Liebe Alice, Sie mein einziger
+Freund, Sie sollen mir mein Glueck modellieren!"--"Ja, was kann ich
+weiter fuer Sie tun, als ich getan habe?"--"Sie koennen mir den Zutritt zu
+ihrem Hause verschaffen." Alice ueberlegte. "Das ist nicht so
+leicht."--"O,--Sie werden schon etwas ausfindig machen. Sie muessen, Sie
+muessen es!" Er redete und bettelte und umarmte sie solange, bis sie
+nachgab und es ihm versprach.
+
+Ob sie es nun falsch anstellte,--jedenfalls ging es schief. "Wenn ich
+meinen Vater bitte, einen jungen Herrn zu empfangen, der ihm nicht
+vorgestellt ist, muss er es falsch auffassen", sagte Mary. Alice gab das
+ohne weiteres zu. Sie war wuetend auf sich selbst, dass sie daran nicht
+gedacht hatte. Anstatt mit Mary zu ueberlegen, ob sich die Sache nicht
+anders machen lasse, gab sie es ganz auf. Sie war noch aergerlich, als
+sie Franz Roey das Ergebnis mitteilte; sie habe das Gefuehl, sagte sie,
+Mary wuensche keinen Vermittler. Sie schaerfte ihm wieder ein, vorsichtig
+zu sein.
+
+Franz Roey war ganz ungluecklich. Alice versuchte auch nicht, ihn zu
+troesten.
+
+Tags darauf kam er wieder. "Ich kann's nicht aufgeben", sagte er. "Ich
+kann auch an nichts anderes denken."
+
+Solange sass er und so oft wiederholte er dieselbe Litanei in allen
+Tonarten, und so ungluecklich war er, dass er der gutmuetigen Alice leid
+tat. "Hoeren Sie," sagte sie, "ich werde Sie zusammen einladen. Dann
+kommt vielleicht die Einladung zu Krogs von selbst."--Er sprang auf.
+"Das ist eine herrliche Idee. Tun Sie das, Liebste!"--"Ich kann es nicht
+gleich tun. Anders Krog ist unwohl. Wir muessen warten." Er starrte sie
+enttaeuscht an. "Aber koennen Sie uns beide nicht mal wieder
+zusammenbringen?"--"Ja, das kann ich."--"So tun Sie es,--sobald wie
+moeglich! Sie Liebste, Beste, sobald wie moeglich!"
+
+Das gelang. Mary war gleich zu einem Wiedersehen bereit.
+
+Sie trafen sich bei Alice, um zusammen in die Ausstellung in den
+Champs-Elysees zu fahren.
+
+Zusammen vor Kunstwerken zu stehen, ist wie ein Gespraech ohne Worte. Die
+wenigen Worte; die gesprochen werden, rufen hundert andere wach. Aber
+die werden nicht ausgesprochen. Der eine fuehlt durch den andern, oder
+glaubt es zu tun. Sie begegnen sich in einem Bilde, um in einem anderen
+wieder getrennt zu werden. Dabei lernen sie sich in einer Stunde besser
+kennen als sonst in Wochen. Alice fuehrte sie von Bild zu Bild; aber sie
+selbst war mit sich beschaeftigt,--je laenger, je vollstaendiger. Sie sah
+alles mit Kuenstleraugen an. Die beiden andern, die mit den Bildern
+anfingen, gingen immer mehr dazu ueber, durch die Bilder einander zu
+erforschen. Es wurde ein Fluesterspiel mit schnellen Blicken, knappen
+Worten und leicht andeutenden Fingern. Die aber, die sich auf heimlichen
+Wegen zueinander hintasten, haben zugleich eine unermessliche Freude
+daran. Und lassen diese Freude auch wohl ahnen. Ein Spiel wie bei
+Voegeln, die unter dem Wasser schwimmen und weit hinten emportauchen,--um
+dann wieder zueinander hinzustreben. Das Glueck der Stunde wurde erhoeht
+durch die vielen Augen, die auf ihnen ruhten.
+
+Unten bei den Skulpturen fuehrte Alice sie ganz nach vorn in den
+Mittelbau. Sie blieb vor einem leeren Sockel stehen und wandte sich an
+den Aufseher. "Ist der Athlet noch nicht in Ordnung?"--"Nein, gnaediges
+Fraeulein, leider nicht", antwortete er. "Dann ist es wohl noch einmal
+schief gegangen?"--"Ich weiss nicht, gnaediges Fraeulein." Alice erklaerte
+Mary, die Statue eines Athleten sei bei der Aufstellung zerbrochen. "Ein
+Athlet?" fragte Franz Roey, der etwas abseits stand und jetzt eilig
+herzukam. Die beiden andern laechelten. "Ein Athlet? Sprachen Sie nicht
+von einem Athleten?"--"Ja", sagten sie und lachten. "Ist dabei etwas zu
+lachen?" fragte er. "Ich habe einen Vetter, der ist Athlet." Nun lachten
+die beiden Damen erst recht. Franz Roey war hoechlichst erstaunt. "Ich
+kann Ihnen versichern, er ist der praechtigste Mensch, den ich kenne. Und
+so erstaunlich tuechtig. Das liegt in unserer Familie. Als Knabe war ich
+zwei Sommer bei ihm im Zirkus." Die andern lachten. "Worueber zum Teufel
+lachen Sie? Ich habe in meinem Leben keine herrlicheren Tage erlebt als
+im Zirkus." Die beiden Damen eilten unter Lachen in wilder Flucht dem
+Ausgang zu. Er musste ihnen folgen; aber er war beleidigt. "Ich begreife
+nicht, worueber Sie lachen", sagte er, als sie alle im Wagen sassen,
+lachte aber mit.
+
+Das kleine Missverstaendnis hatte die Folge, dass sie alle in der besten
+Stimmung waren, als sie vor Marys Wohnung hielten.
+
+Alice und Franz Roey fuhren ohne sie weiter. Er wandte sich uebergluecklich
+zu Alice und fragte, ob er heute nicht ein braver Junge gewesen sei? Ob
+er sich nicht im Zaum gehalten habe? Ob seine "Affaere" nicht brillant
+staende? Er liess sich nicht Zeit, auf ihre Antwort zu hoeren, er lachte
+und schwatzte und wollte sie schliesslich nach oben begleiten. Hiervon
+wollte Alice aber nichts wissen. Da verlangte er als Belohnung, wenn er
+es sein lasse, dass Alice sie beide auf eine Spazierfahrt ins Bois de
+Boulogne mitnehmen solle, nach Schloss Bagatelle hinaus. Die Fahrt muesse
+morgens um neun Uhr gemacht werden. Da dufte der Wald am staerksten, da
+sei der Gesang der Voegel am schoensten und da seien sie noch allein. Sie
+versprach es ihm.
+
+Am naechsten Freitag holte Alice Mary kurz vor neun Uhr morgens ab, dann
+fuhren sie weiter zu Franz Roey.
+
+Schon von weitem sah Alice ihn auf dem Fussweg auf und ab wandern. Aus
+Gang und Haltung ahnte ihr Boeses. Mary konnte ihn nicht sehen, bis sie
+hielten. Da aber warf all die Glut seines Gesichts eine Flamme auf
+ihres. Er schwang sich auf den Wagen wie auf ein erobertes Schiff. Alice
+suchte eilig seine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, um es nicht
+gleich zu einem Ausbruch kommen zu lassen. "Was fuer ein herrlicher
+Morgen," sagte sie, "gerade weil er nicht ganz sonnenklar ist. Nichts
+ist schoener als ein gedaempfter Ton ueber einer so farbenfrohen Landschaft
+wie der, durch die wir jetzt kommen." Aber er hoerte nicht, er fasste
+nichts ausser Mary. Der weisse Schleier, der von ihrem roten Haar
+zurueckgeschlagen war, der halbgeoeffnete, frische Mund brachte ihn um den
+Verstand. Alice meinte, der Wald dufte viel staerker, seit die
+japanischen Baumarten herangewachsen seien. Immer, wenn diese Baeume
+berauschende Wellen in den hergebrachten europaeischen Waldduft
+hineingoessen, sei's, als floegen fremde Voegel mit fremdartigem Schrei
+zwischen den Baeumen auf. Sofort behauptete Franz Roey energisch, die
+heimischen Voegel des Waldes haetten davon einen anderen Gesang bekommen.
+So wunderbar schoen, wie sie diesen Morgen saengen, meinte er, haetten sie
+noch nie gesungen.
+
+Alices Angst vor einer Explosion stieg. Sie wollte ihn ablenken, indem
+sie ihn auf die Farbenkontraste von Wald und Wiese und Fernsicht
+aufmerksam machte. Gerade der Weg nach Bagatelle hinaus ist so reich
+daran. Aber Franz Roey sass rueckwaerts und musste sich jedesmal erst
+umdrehen, bis er sehen konnte, was Alice ihm zeigen wollte. Das machte
+ihn ungeduldig, um so mehr als Mary und er jedesmal in ihrem Gespraech
+unterbrochen wurden. "Wollen wir nicht lieber aussteigen und ein Stueck
+gehen?" fragte er. Aber davor hatte Alice die meiste Angst; auf was fuer
+Gedanken konnte er da nicht kommen?!
+
+"Sehen Sie sich doch um!" rief sie ihm zu. "Ist es nicht, als wenn die
+Farben hier Choere singen?"--"Wo?" fragte er gereizt.--"Herrgott, sehen
+Sie doch bloss das verschiedene Gruen in demselben Wald! Sehen Sie doch
+nur! Und daneben wieder das Gruen der Wiese!"--"Mir liegt nichts daran,
+das zu sehen! Nicht ein Deut!" Er drehte sich wieder zu den Damen um und
+lachte. "Waere es nicht doch besser, auszusteigen?" bestuermte er sie
+wieder. "Es ist doch was anderes, im Walde herumzulaufen, als ihn
+anzusehen. Ebenso mit dem Rasen."--"Das Betreten des Rasens ist
+verboten!"--"Zum Donnerwetter, so gehen wir eben auf der Landstrasse und
+besehen uns alles. Das ist viel schoener, als in dem engen Wagen zu
+sitzen!" Mary stimmte ihm zu.
+
+"Zum Spazierengehen habe ich Sie aber nicht hier herausgefahren. Wir
+wollten den Anblick des historischen Schlosses Bagatelle geniessen und
+den Wald, in dem es liegt. So was gibt es nicht wieder. Und dann wollten
+wir doch soweit wie moeglich hinaus. Daraus wird aber nichts, wenn wir
+gehen."
+
+Dieser Appell hielt sie eine Weile im Schach. Die Besitzerin des Wagens
+musste doch den Ausschlag geben. Aber Mary war mittlerweile auch
+uebermuetig geworden. Ihre Augen, die gewoehnlich etwas Nachdenkliches
+hatten, leuchteten vor Lebenslust. Heute lachte sie ueber seine vielen
+drolligen Einfaelle; sie lachte ueber das Geringfuegigste. Sie wollte in
+einemfort Blumen haben, wenn sie welche sah. Jedesmal musste angehalten
+werden, um Blumen und Laub zu pfluecken. Sie packte den Wagen voll, so
+dass Alice schliesslich protestierte. Da warf sie alles miteinander hinaus
+und verlangte energisch, selbst auch hinauszukoennen.
+
+Sie hielten und stiegen aus.
+
+Sie waren jetzt weit ueber Bagatelle hinaus und liessen den Wagen
+umkehren. Er solle langsam ein Stueck zurueckfahren, sie kaemen nach.
+
+Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, als Franz Roey anfing, Rad zu
+schlagen, d.h. er warf sich seitlings auf den Haenden herum, um wieder
+auf die Fuesse zu fallen, dann wieder auf die Haende und so weiter,
+schneller und immer schneller. Dann drehte er um und kam auf dieselbe
+Weise zurueck. "Das ist eins von meinen Zirkuskunststuecken", sagte er
+strahlend. "Jetzt kommt ein anderes!" Er warf sich in der Luft herum und
+kam wieder auf die Fuesse genau an derselben Stelle, wo er hochgesprungen
+war. Dann noch einmal. "Sehen Sie? Genau wo ich hochgesprungen bin!" Er
+triumphierte und machte es noch zwei-, noch drei-, vier-, fuenfmal vor.
+
+Sie bewunderten ihn. Es war auch bewundernswert, wie der grosse, starke
+Mann das mit einer Leichtigkeit ausfuehrte, dass es wirklich schoen aussah.
+Angefeuert durch ihr Lob fing er an, sich mit solcher Geschwindigkeit
+herumzuwirbeln, dass den andern beim blossen Zusehen schlecht wurde. Schoen
+war es auch nicht. Sie wandten sich ab und schrien. Das machte ihm
+furchtbaren Spass. Aergerlich rief Alice: "Sie sind wahrhaftig wie ein
+Schuljunge von siebzehn Jahren!"--"Wie alt sind Sie eigentlich?" fragte
+Mary. "Ueber dreissig." Da lachten sie aus vollem Halse.
+
+Das haetten sie nicht tun sollen. Dafuer musste er sie strafen. Ehe Alice
+es ahnen konnte, fasste er sie um die Taille und tanzte mit ihr im
+rasendsten Galopp die Chaussee hinunter, dass der Staub aufwirbelte. Die
+schwerfaellige Alice wehrte sich aus Leibeskraeften und schrie. Aber es
+half nichts; es machte ihm nur Spass. Ihr Hut fiel zu Boden, ihr Schal
+flog hin, Mary lief hinterher und nahm beides auf, aber sie kruemmte sich
+vor Lachen. Denn diese plumpen, voellig nutzlosen Widerstandsversuche
+waren nicht mitanzusehen. Schliesslich machte er Kehrt, und sie kamen in
+dem gleichen rasenden Trab wieder zurueck und machten bei Mary Halt.
+Alices Gesicht ganz verstoert, schweisstriefend und rot. Ihre kurzatmige
+Wut, die keine Worte fand, liess Mary kreischen vor Lachen. Franz sang
+ihr: "Hopsa--sa! hop--sa--sa!" vor, bis sie sprechen und ihn tuechtig
+ausschelten konnte. Da lachte er.
+
+"Und Sie?" wandte Mary sich jetzt an Franz Roey, "hat es Sie gar nicht
+angestrengt?"--"Nicht sonderlich. Ich koennte gleich mit Ihnen dieselbe
+Tour machen!" Mary erschrak. Sie hatte Alice gerade den Hut gegeben und
+stand nun da mit dem Schal und ihrem eigenen Hut, den sie abgenommen
+hatte, in der Hand, warf aber mit einem Aufschrei die beiden Gegenstaende
+hin und sauste nach der entgegengesetzten Seite davon, dahin, wo der
+Wagen hielt.
+
+Keinen Augenblick war es Franz Roey in den Sinn gekommen, seine Drohung
+auszufuehren. Es war nur Scherz gewesen. Aber als er sie laufen sah, und
+zwar mit einer Geschwindigkeit, die er weder ihr noch ueberhaupt einer
+Dame zugetraut haette, war das fuer sein Offiziersherz wie eine
+Herausforderung. Alice merkte es und sagte schnell: "Tun Sie's nicht!"
+Die Worte stellten sich ihm so eindringlich in den Weg, dass er zweifelnd
+stehen blieb. Mary aber dahinten auf der Strasse in dem weissen Kleide und
+dem roten Haar darueber, mit einem so geschwinden und leichten Tanz der
+Fuesse, dass allein dieser Rhythmus schon lockte, ja, das raubte ihm die
+Besinnung, das schleuderte ihn in die Bahn, eh' er selbst es wusste.
+Gerade als Alice zum zweitenmal und ganz verzweifelt rief: "Tun Sie's
+nicht!"
+
+Der helle Streifen da vorn ueber dem Strassenstaub fiel wie Sonne in seine
+Augen und in seine Phantasie. Er blendete ihn. Er lief ganz bewusstlos
+weiter. Er lief, als rufe da vorn immerzu jemand: "Fang mich! Fang
+mich!" Er lief, als gelte es des Lebens hoechsten Preis, sie einzuholen.
+
+Sie hatte einen bedeutenden Vorsprung. Gerade das spornte seine ganze
+Kraft bis zum aeussersten an. Ein Wettlauf ums Glueck mit einer, die
+gefangen werden moechte. Siedend heiss brauste ihm das Blut in den Ohren,
+die Begierde wallte auf. Die stuermische Sehnsucht all dieser Tage und
+Naechte trieb vorwaerts zum Sieg. Wollte endlich einmal reden. Oder
+richtiger,--da bedurfte es keines Redens; er wuerde sie in seinen Armen
+haben!
+
+Jetzt wandte sie den Kopf,--sah ihn, stiess einen Schrei aus, raffte das
+Kleid zusammen,--jetzt setzte sie die Fuesse wahrhaftig noch schneller! Er
+war wie toll. Er hielt ihren Schrei fuer einen Lockruf. Er sah sie nach
+vorn winken und glaubte, das solle bezeichnen, wo sie stehen bleiben
+wolle und frei sein. Es hiess also sie einzuholen, bis sie dahin kam.
+Auch er gab sich den letzten Sporn, und der brachte ihn im Nu dicht in
+ihre Naehe. Er meinte, ihren Duft zu spueren, bald musste er ihren Atem
+hoeren. Er war so erregt, dass er gar nicht wusste, er beruehre sie, bis sie
+sich umsah. Sie liess sofort das Kleid los und nach ein paar Saetzen stand
+sie still. Sein Arm legte sich um ihre Taille, er gluehte und zog sie
+leidenschaftlich an sich,--da hoerte er ein sehr bitteres: "Lassen Sie
+mich los!" Die Atemnot machte es so eigen scharf. Er war ganz entsetzt,
+dachte aber, er muesse sie stuetzen, bis sie wieder zu Atem gekommen sei,
+und deshalb hielt er sie fest. Da, mit der gleichen schneidenden Schaerfe
+der Atemnot: "Sie sind kein Kavalier!" Er liess sie los.
+
+Man hoerte Huf schlag, der Wagen kam rasch heran. Die beiden auf dem Bock
+mussten den Vorgang mitangesehen haben; ihnen hatte sie gewinkt. In
+seiner blinden Hetze hatte er nur sie gesehen.
+
+Jetzt ging sie auf den Wagen zu; sie hielt sich das Taschentuch vors
+Gesicht; sie weinte. Der Diener sprang vom Bock und oeffnete ihr den
+Schlag.
+
+Er liess sie stehen, trostlos, wie gelaehmt in seinem Denken. Da kam
+Alice. Sie hatte ihren Schal und Marys Hut in der Hand und ging direkt
+auf den Wagen zu, ohne ihn zu beachten. Als er zu ihr hin wollte, winkte
+sie ihm ab.
+
+ * * * * *
+
+Am dritten Tage nach diesem Ereignis liess er sich bei Alice melden. Sie
+sei nicht zu Hause. Am Tage darauf bekam er denselben Bescheid. Dann
+musste er auf einige Tage verreisen. Aber sowie er zurueckkam, meldete er
+sich wieder. Sie sei eben fortgegangen, antwortete der Diener. Da schob
+er ohne weiteres den Diener beiseite und ging hinein.
+
+Alice war ganz in Anspruch genommen von einer Reihe von
+Kunstgegenstaenden, die auf Tischen und Stuehlen lagen oder standen. "Aber
+Alice?" sagte er leise und schmerzlich. Sie war erschrocken; doch er
+gewahrte im gleichen Augenblick ihren Vater hinter ihr. Da tat er, als
+habe er nichts gesagt, und trat naeher.
+
+Die Kunstgegenstaende wurden beiseite gestellt; Franz Roey half dabei. Der
+Vater verliess das Zimmer. "Aber Alice?" wiederholte Franz Roey nun
+vorwurfsvoll. "Sie wollen mir doch wohl nicht Ihr Haus verschliessen? Und
+gerade, wo ich so ungluecklich bin?" Sie antwortete nicht. "Wir sind doch
+immer so gute Kameraden gewesen und haben uns so gut vertragen!" Sie
+stand abgewandt und gab keine Antwort. "Selbst wenn ich mich dumm
+benommen habe, kennen wir beide uns doch zu gut, als dass es uns trennen
+koennte?"--"Es muss doch Grenzen geben", hoerte er sie sagen.--Er bedachte
+sich eine Weile: "Grenzen? Grenzen? Aber hoeren Sie mal, Alice, zwischen
+uns ist doch nichts."--Ehe er weiterreden konnte, warf sie schnell ein:
+"Es geht doch nicht an, sich im Beisein anderer so zu benehmen!" Sie war
+feuerrot.--"Ja, was meinen Sie--?" Er verstand sie nicht. Sie wandte
+sich ab: "Mich im Beisein anderer so zu behandeln ..." ergaenzte sie.
+"Was muss Mary denken?"--Jetzt erst ging ihm ein Licht auf, dass er sich
+auch gegen sie, gegen Alice nicht richtig benommen habe; er hatte die
+ganze Zeit nur an Mary gedacht. Jetzt schaemte er sich. Schaemte sich ganz
+entsetzlich und ging auf sie zu. "Ich bitte Sie um Verzeihung, Alice,
+ich war so froh, dass ich nichts ueberlegt habe. Erst jetzt kommt mir das
+zum Bewusstsein. Verzeihen Sie mir armem Suender! Nein, sehen Sie mich
+an!" Sie wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen waren ungluecklich und
+standen voll Traenen; sie begegneten den seinen, die auch ungluecklich,
+aber flehend waren. Da dauerte es nicht lange, bis ihre und seine eins
+waren. Er streckte die Arme aus, umarmte sie und wollte sie kuessen; aber
+das durfte er nicht. "Alice, liebe, suesse Alice, Sie wollen mir doch
+wieder helfen?"--"Es hat keinen Zweck. Sie zerstoeren alles."--"Ich will
+fortan jedes bisschen tun, was Sie wuenschen."--"Das haben Sie frueher auch
+schon versprochen."--"Aber jetzt habe ich zugelernt. Jetzt halte ich es.
+Auf Ehre!"--"Man kann sich nicht auf Ihre Versprechungen verlassen. Denn
+Sie haben eben kein Verstaendnis."--"Kein Verstaendnis?"--"Nein, Sie ahnen
+ja nicht, wie sie ist!"--"Ich gebe zu, dass ich mich getaeuscht haben muss;
+denn noch in diesem Augenblick ist mir nicht klar, worueber sie so boese
+wurde."--"Das kann ich mir denken."--"Ja, denn als sie alles hinwarf und
+fortlief, glaubte ich tatsaechlich, sie tue es, damit ich
+hinterherlaufe."--"Hoerten Sie denn nicht, dass ich zweimal rief: 'Tun
+Sie's nicht!'"--"Ja; aber ich verstand auch das nicht."--Alice setzte
+sich entmutigt hin. Sie sagte nichts mehr; es half ja doch nichts. Er
+nahm ihr gegenueber Platz: "Erklaeren Sie mir's, Alice! Haben Sie nicht
+gesehen, wie sie lachte, als ich mit Ihnen davontanzte?"--"Haben Sie
+noch nicht begriffen, was fuer ein kolossaler Abstand zwischen ihr und
+uns andern ist?"--"Mary Krog ist nicht anspruchsvoll und nicht
+uebermuetig. Nicht im geringsten."--"Nein, das ist sie nicht. Sie
+verstehen mich schon wieder falsch. Waehrend wir andern gewoehnliche
+Sterbliche sind, die ruhig mal derb angefasst werden koennen, lebt sie in
+einer Ferne, der bis jetzt niemand auch nur um einen halben Meter
+naehergekommen ist. Nicht aus Stolz oder aus Einbildung."--"Nein,
+nein!"--"So ist sie eben. Waere sie nicht so, dann waere sie laengst
+gekapert und verheiratet. Sie werden doch nicht glauben, dass es ihr an
+Bewerbern gefehlt hat?"--"Nein, das lasst sich denken."--"Fragen Sie
+Frau Dawes! Sie fuehrt in ihren tausend Briefen Buch darueber. Sie
+schreibt jetzt von nichts anderem."
+
+"Aber wie ist das zu verstehen, liebe Alice?"--"Das ist ganz leicht zu
+verstehen. Sie ist freundlich und umgaenglich und gefaellig, was sie
+wollen. Aber sie lebt in einem Elfenlande, das niemand betreten darf.
+Darueber wacht sie mit der unverbruechlichsten Sorgfalt und dem feinsten
+Takt!"--"Also unberuehrbar?"--"Absolut! Dass Sie das noch nicht einmal
+gemerkt haben!"--"Ich hatte es gemerkt,--aber ich vergass es."
+
+Franz Roey sass da, als lausche er in die Ferne. Er hoerte wieder diesen
+hellen Angstruf, der durch die Luft zitterte, als er ihr naeher kam; er
+sah das aufgeregte Winken nach dem Wagen, er fuehlte ihren zitternden
+Koerper, er vernahm den Zornesausbruch, der mit aller Kraft, die sie noch
+hatte, herausgeschleudert wurde; er sah sie weinend fortgehen. Mit
+einemmal begriff er! Was fuer ein dummer, brutaler Verbrecher er doch
+war!
+
+Er blieb sitzen, stumm und tief ungluecklich.
+
+Aber es lag nicht in seiner Natur, sich zu ergeben. Bald erhellte sich
+sein Gesicht. "Schliesslich war es doch nur ein Spiel, liebe
+Alice."--"Fuer sie war es mehr. Daran zweifeln Sie doch auch wohl nicht
+mehr?"--"Ihr ist schon oefter nachgestellt worden, meinen Sie?"--"Auf
+alle moegliche Weise!"--"Darum ging die Phantasie mit ihr
+durch?"--"Natuerlich. Das sahen Sie doch?"--Er schwieg. "Aber hoeren Sie
+mal, lieber Franz,--war es fuer Sie nicht auch mehr als ein Spiel? War es
+nicht das Entscheidende?"
+
+Er liess beschaemt den Kopf sinken. Dann ging er ein paarmal auf und ab
+und kam zu ihr zurueck. "Sie ist souveraen. Sie will nicht erobert sein.
+Ich haette stehen bleiben sollen--?"--"Sie haetten ihr ueberhaupt nicht
+folgen sollen. Und sie waere jetzt Ihr eigen gewesen." Er setzte sich wie
+mit einer schweren Last auf den Schultern wieder hin.
+
+"Hat sie etwas gesagt?" fragte Alice mit forschendem Blick.--Er haette
+lieber geschwiegen, aber die Frage wurde wiederholt. "Sie sagte, ich sei
+kein Kavalier."
+
+Alice fand das sehr schlimm. Darauf fragte er, ob Mary zu ihr etwas
+gesagt habe. Im Wagen? "Kein Wort. Aber ich habe geredet. Ich schalt auf
+Sie. Tuechtig."--"Sie hat auch spaeter nicht mehr davon gesprochen?"
+--Alice schuettelte den Kopf. "Ihr Name ist aus dem Woerterbuch
+gestrichen, mein Freund."----
+
+ * * * * *
+
+Einige Tage spaeter bekam er einen Rohrpostbrief, der ihn in aller Eile
+davon unterrichtete, sie seien vormittags elf Uhr wieder in der
+Ausstellung der Champs Elysees. Als er das Billet bekam, war die Uhr
+schon elf.
+
+Mary war zu Alice gekommen mit der Bitte, sie zu begleiten. Sie solle
+ihr Urteil ueber eine hollaendische Kuestenlandschaft abgeben, die ihr
+Vater kaufen wolle. Der Preis erscheine ihnen allen recht hoch,
+moeglicherweise koenne Alice guenstigere Bedingungen erzielen. Marys Wagen
+hielt unten. Alice liess sie allein, schrieb eilig an Franz Roey und
+machte sich dann fertig, was gegen ihre Gewohnheit heute sehr lange Zeit
+in Anspruch nahm. Sie kamen in die Ausstellung, suchten das Bild auf und
+gingen ins Bureau, wo sie warten mussten, machten dann ihr Angebot, gaben
+ihre Adresse auf und begaben sich wieder ins Parterre; denn sie wollten
+den Athleten suchen. Jetzt stand er da in seiner ganzen maennlichen
+Kraft. Alice trat zuerst davor hin und rief: "O Gott, das ist ja--"
+hielt aber inne und wandte sich von Mary ab. Sie besah die Statue von
+allen Seiten, immer und immer wieder, ohne ein Wort zu sagen. Gerade
+das, was an Franz Roey auffiel, dass seine Kraft nicht aeusserlich in
+Muskelkissen sichtbar war, sondern als Spannkraft in dem
+wohlgeformtesten, geschmeidigen Koerper lag, fand sich hier wieder. Das
+war Franz Roeys Haltung und seine Kopfstellung, seine breite, schraeg
+ansteigende Stirn, seine Hand, sein kurzer, kraeftiger Fuss,--alles war
+hier! Die Statue wirkte wie ein Schlachtgesang. Zum erstenmal fand sie
+ein Wort dafuer, wie Franz Roey wirkte. Dies hier riss sie mit wie der
+Rhythmus eines Marsches. Genau das, was sie oft empfunden hatte, wenn
+sie Franz Roey gehen sah. War diese Aehnlichkeit ein sonderbarer Zufall,
+oder hatte wirklich Franz Roey ... ihr wurde heiss, und sie musste ein
+Stueck von der Statue fort--zu einer andern hin.
+
+Mary hatte sich die Zeit ueber hinter Alice gehalten, die sie ganz
+vergessen hatte. Nun, da Alice allein stand, stieg unwillkuerlich die
+Frage in ihr auf: begreift Mary, was sie sieht?
+
+Alice wartete eine Weile, ehe sie zu beobachten anfing. Mary stand jetzt
+lange unbeweglich vor der Statue mit dem Ruecken nach Alice. Alice wurde
+neugierig. Sie ging auf einem Umwege zwischen andern Skulpturen hindurch
+nach drueben, setzte ihr Pincenez auf und sah hin. Marys Augen waren
+halbgeschlossen, ihre Brust wogte. Sie ging langsam im Kreise um die
+Statue herum, trat etwas zurueck, kam wieder naeher und blieb halb
+seitlich davor stehen.
+
+Da sah sie sich nach Alice um und erblickte sie, wie das Pincenez gerade
+auf sie gerichtet war; Alice hielt es sogar noch fest, um deutlicher zu
+sehen. Man konnte sich nicht taeuschen: Alices Gesicht war ein einziges
+Schelmenlachen.
+
+Es gibt Dinge, von denen keine Frau will, dass eine andere sie versteht:
+Marys Blut geriet in Wallung; geaergert und gekraenkt, empfand sie Alices
+Blick wie eine "insulte"--das Wort wurde franzoesisch gedacht. Sie drehte
+schnell dem Athleten den Ruecken und ging nach dem Ausgang zu. Aber sie
+blieb hier und da stehen, um sich den Anschein zu geben, als betrachte
+sie andere Kunstwerke. In Wirklichkeit, um ihrer Erregung Herr zu
+werden. Endlich hatte sie den Ausgang erreicht. Sie blickte sich nicht
+um, ob Alice nachkomme; sie ging in die Vorhalle hinaus und von da
+weiter.
+
+Aber gerade, als sie draussen stand, kam Franz Roey dahergestuermt. So
+eilig, als sei er hinbestellt und habe sich verspaetet. Franz Roey riss den
+Hut vom Kopf, bekam aber kein Nicken als Antwort, nur ein paar kuehle
+Augen. "Aber nein, jetzt muessen Sie auch nicht mehr boese sein!" sagte er
+gutmuetig und knabenhaft in seinem breitesten Ostlaendisch. Sie taute auf,
+ja, sie konnte nicht anders, sie laechelte sogar und war tatsaechlich nahe
+daran, seine ausgestreckte Hand zu fassen,--als sie sah, wie seine Augen
+blitzschnell an ihr vorbeiglitten und mit einem ganz, ganz kleinen
+Triumph wieder zurueckkehrten. Da wandte auch sie den Kopf und begegnete
+Alices Augen. In ihnen lag eine ganze Welt von Schelmerei und Freude.
+Eine abgekartete Sache also! Da ging eine Verwandlung mit Mary vor. Wie
+von der hoechsten Kirchturmspitze blickte sie auf die beiden
+hinunter--und liess sie stehen. Ihr Wagen hielt in einiger Entfernung;
+sie winkte, und er kam in grossem Bogen heran. Ihr Vater hatte auf seinem
+Wagen keinen Diener; sie machte sich selbst den Schlag auf, ehe Franz
+Roey hinzuspringen konnte. Sie stieg ein, als sei kein Mensch da. Von
+ihrem Sitz aus sah sie sich nach Alice um,--an Franz Roey vorbei. Die
+korpulente Alice kam langsam herangewatschelt. Schon von weitem war zu
+sehen, dass sie einen harten Kampf mit unterdruecktem Lachen zu bestehen
+hatte. Und als sie herangekommen war und Mary vornehm dasitzen sah, den
+Kopf nach der andern Seite gewandt, waehrend auf dieser Seite Franz Roey,
+der Riese, wie ein verdonnerter Rekrut stand, da konnte sie sich nicht
+laenger halten, sie brach in ein Gelaechter aus, das ihre ganze behaebige
+Person von Grund auf erschuetterte. Sie lachte, dass ihr die Traenen ueber
+die Backen liefen. Sie lachte so, dass sie nur mit Not und Muehe und nicht
+ohne Hilfe das Trittbrett fand und sich hinaufzog. Sie sank laut lachend
+neben Mary auf den Sitz, dass der Wagen wackelte. Sie hielt das
+Taschentuch vors Gesicht und prustete hinein. Sie sah Marys purpurrotes
+Beleidigtsein und Franz Roeys blasses Entsetzen, sie lachte nur immer
+mehr. Sogar der Kutscher musste mitlachen; er wusste den Teufel warum. So
+fuhren sie ab.
+
+Wieder eine missglueckte Expedition nach den kuehnsten Hoffnungen! Es
+dauerte lange, bis Alice etwas sagen konnte. Natuerlich fing sie damit
+an, Franz Roey zu bedauern. "Du bist zu streng gegen ihn, Mary. Gott, wie
+ungluecklich er aussah!" Und wieder ueberkam sie das Lachen. Mary aber,
+die die ganze Zeit ueber dagesessen und nur auf eine Gelegenheit gewartet
+hatte, brach jetzt los: "Was geht mich Dein Protege an?" Und als sei das
+nicht genug, beugte sie sich vor und sah in Alices lustige Augen hinein.
+"Du verwechselst uns beide wohl. Du bist selbst in ihn verliebt. Meinst
+Du, ich habe das nicht lange gesehen? Ihr muesst ja selbst am besten
+wissen, in was fuer einem Verhaeltnis Ihr zueinander steht. Mich geht es
+nichts an. Aber das 'Sie', an dem Ihr festhaltet,--ist doch wohl nur ein
+Deckmantel?"
+
+Alices Lachen erstarb. Sie wurde blass, so blass, dass Mary erschrak. Mary
+wollte die Augen wieder abwenden, konnte es aber nicht. Alices Augen
+hielten sie waehrend des schmerzlichen Ueberganges fest, bis sie
+erloschen. Da sank Alices Kopf mit einem langen, schweren Seufzer
+hintenueber. Wie das Stoehnen eines verwundeten Tieres.
+
+Mary sass daneben, erschrocken ueber den eigenen Schuss.
+
+Aber es war geschehen.
+
+Unerwartet und hastig hob Alice den Kopf und liess den Kutscher halten.
+"Ich muss in dies Hotel." Der Wagen hielt, sie oeffnete die Tuer, stieg aus
+und schloss sie hinter sich. Mit einem langen Blick auf Mary sagte sie:
+"Good bye!"--"Good bye!" war die leise Antwort.
+
+Beide fuehlten, es war fuer immer.
+
+Mary fuhr weiter. Sowie sie zu Hause war, ging sie geradenwegs in den
+Salon; sie wollte ihrem Vater etwas sagen. Schon draussen vor der Tuer
+hoerte sie Klavierspiel und wusste, dass Joergen Thiis da war. Aber das
+hielt sie nicht zurueck. In Hut und Sommermantel stand sie ploetzlich
+unerwartet im Zimmer. Joergen Thiis sprang vom Klavier auf und ging ihr
+entgegen, seine Augen waren voll Bewunderung; sie gluehte naemlich vor
+Erregung. Aber etwas Stolzes und Abweisendes in all dem Funkeln
+bewirkte, dass er es aufgab, sich ihr zu naehern. Da bekamen seine Augen
+das Saugende, Gierige, das sie so tief verabscheute. Mit leichtem Gruss
+ging sie an ihm vorbei auf den Vater zu. Er sass wie gewoehnlich in einem
+grossen Stuhl mit einem Buch auf den Knien. "Du Vater, was meinst Du,
+wollen wir jetzt nach Hause reisen?"
+
+Alle Gesichter hellten sich auf. Frau Dawes rief: "Denk nur, Joergen
+Thiis hat gerade gefragt, wann wir reisen; dann will er mit."--Mary
+wandte sich nicht zu Joergen Thiis, sondern fuhr fort: "Ich glaube, das
+Schiff faehrt morgen von le Havre ab."--"Ja, ganz recht," antwortete ihr
+Vater, "aber bis dahin werden wir wohl nicht fertig?"--"Doch, das werden
+wir," sagte Frau Dawes, "wir haben ja den ganzen Nachmittag."--"Ich will
+mit Vergnuegen helfen", sagte Joergen Thiis. Dafuer bekam er einen
+freundlichen Blick von Mary, ehe sie ueber den Preis Bericht erstattete,
+den Alice fuer die hollaendische Kuestenlandschaft, die ihr Vater haben
+wollte, angesetzt hatte. Dann ging sie hinaus, um ihre eigenen Sachen
+einzupacken.
+
+Sie trafen sich alle vier um halb acht im Hotel beim Diner. Mary fand
+sich, etwas abgespannt, auch ein; Joergen Thiis ging ihr entgegen und
+sagte: "Gnaediges Fraeulein haben doch diesmal Franz Roey kennen
+gelernt?"--Der Vater und Frau Dawes waren ganz Aufmerksamkeit; sie
+verrieten dadurch, dass Joergen soeben mit ihnen darueber gesprochen haben
+musste. Immer wenn sie die Bekanntschaft eines Herrn machte, bekamen
+naemlich die beiden Angst. Mary wurde rot; sie fuehlte es, und daher
+vertiefte sich das Rot noch. Die beiden starrten sie an. "Ich habe ihn
+bei Miss Clerq gesehen", antwortete Mary. "Miss Clerqs Mutter und sie sind
+mehrere Sommer in Norwegen gewesen und dort mit Franz Roeys Familie
+zusammengetroffen; sie sind aus einer Stadt. Soll ich noch weitere
+Aufklaerungen geben?" Joergen Thiis erschrak. Die andern starrten sie an.
+Er sagte eilig: "Ich habe gerade zu Ihrem Vater und zu Frau Dawes
+gesagt, dass unter uns juengeren Offizieren Franz Roey als der beste gilt,
+den wir ueberhaupt haben. Ich habe es also nicht boese gemeint."--"Das
+habe ich auch nicht von Ihnen gedacht. Aber wenn ich selbst von dieser
+Bekanntschaft hier nicht gesprochen habe, darf es auch von keinem
+Fremden zugetragen werden, finde ich."--Ganz erschrocken sagte Joergen
+Thiis, dass ... dass ... dass er keine andere Absicht dabei gehabt habe
+als, als, als ... "Das weiss ich", schnitt sie ihm das Wort ab.
+
+Dann gingen sie zusammen hinunter. Bei Tisch--sie hatten einen fuer sich
+allein--nahm Joergen Thiis das Thema natuerlich wieder auf. Das koenne
+nicht so abgetan werden. Die Offiziere, sagte er, bedauerten, dass Franz
+Roey zum Geniekorps uebergegangen sei. Er sei ein hervorragender Stratege.
+Ihre Uebungen, sowohl die theoretischen wie die praktischen, haetten ihm
+Gelegenheit gegeben, sich auszuzeichnen. Joergen fuehrte Beispiele an, die
+sie aber nicht verstanden. Da wartete er mit Anekdoten ueber Franz Roey
+auf. Aus dem Leben mit den Kameraden, aus seinem Beruf. Die sollten
+beweisen, wie beliebt und wie schneidig er sei; Mary aber fand, sie
+bewiesen eher, wie jungenhaft er sei. Joergen trat also den Rueckzug an:
+er habe es nur erzaehlen hoeren; Franz Roey sei ja aelter als er. "Wie
+finden Sie ihn denn?" fragte er ploetzlich sehr unschuldig. Mary zoegerte,
+die aendern blickten auf. "Er redet so sehr viel."--Joergen lachte. "Ja,
+was soll er machen? Er hat soviel Kraft."--"Muss die sich an uns andern
+auslassen?" Darueber lachten sie alle, und damit war die Spannung geloest,
+in der bis jetzt alle befangen waren. Krog und Frau Dawes fuehlten sich
+sicher vor Franz Roey. Auch Joergen Thiis.
+
+Sie kamen um halb neun wieder nach oben. Mary entschuldigte sich,--sie
+sei muede. Von ihrem Zimmer aus hoerte sie Joergen Thiis spielen. Sie lag
+und weinte.
+
+ * * * * *
+
+Der naechste Abend auf dem weiten, stillen Meer. Es daemmerte leise der
+Sommernacht entgegen; zwei Rauchsaeulen in der Ferne,--sonst nichts. Ein
+ununterbrochenes helles Grau oben und unten. Mary lehnte sich an die
+Reeling. Kein Mensch weiter war zu sehen; das Stampfen der Maschine war
+der einzige Laut.
+
+Sie war eben unten beim Konzert gewesen, war aber vor den andern nach
+oben gegangen. Ein Gefuehl unsaeglicher Einsamkeit trieb sie hinauf zu
+diesem inhaltlosen Ausblick. Ueberall Wolken als Grenze.
+
+Nichts als Wolken; nicht einmal ein Widerschein der untergegangenen
+Sonne.
+
+Was war ihr selbst von dem Glanz der Welt geblieben, aus der sie kam?
+War nicht in ihr und um sie herum die gleiche Leere? Das Wanderleben war
+jetzt vorbei; weder ihr Vater noch Frau Dawes konnten oder wollten es
+fortsetzen; das wusste sie. In der Bucht, wo sie wohnten, war kein
+Nachbar, an dem ihr lag. In der Stadt eine halbe Stunde davon kein
+Mensch, an dem sie hing. Sie hatte sich keine Zeit dazu gelassen. Sie
+war nirgends heimisch. Ihr Leben war keins, das aus der Scholle
+herauswaechst und mit allem verknuepft ist, was daran haengt. Wo sie
+hinkam, schien die Unterhaltung zu stocken, damit ein anderes Thema, das
+ihr angepasst war, aufgenommen werden konnte. Die Globetrotter, die mit
+ihr durch die Welt zogen, sprachen von Reiseerlebnissen, von Museen und
+Musik an den Orten, die sie zusammen aufgesucht hatten. Manchmal auch
+ueber Probleme, die mit ihnen schwammen, wohin sie auch fuhren. Aber kein
+einziges darunter, das ihr nahe ging. Die Redensarten, auf die es ankam,
+konnte sie auswendig. Es war eigentlich eine Art Sprachuebung oder ein
+zweckloses, muessiges Geschwaetz.
+
+Die Huldigungen, die ihr dargebracht wurden, und die bisweilen in einen
+Kultus ausarteten, fingen schon an, als sie noch ein Kind war und es fuer
+Spiel ansah. Spaeter war es ihr so zur Gewohnheit geworden wie die Touren
+eines Kontres. Ein einzelner Zwischenfall, der die ganze Familie in
+Aufregung gebracht hatte, ein paar Faelle, die weh getan hatten, waren
+laengst vergessen; das ganze war jetzt Alltaeglichkeit ohne Ernst. Sie
+stand einsam und mit leeren Haenden da.
+
+Es ging ein Zucken durch ihren Koerper, als ihr Franz Roeys riesige
+Gestalt vor Augen trat. So deutlich, so scharf in allen Einzelheiten,
+dass ihr war, als koenne sie sich nicht vom Fleck ruehren.
+
+Er war nicht wie die anderen. Hatte das sie in Aufregung gebracht?
+
+Bei dem blossen Gedanken an ihn zitterte sie. Ohne dass sie es wollte,
+stand Alice neben ihm in ihrer ueppigen Luesternheit, mit frivolen Augen
+... In was fuer einem Verhaeltnis standen die beiden? Es wurde ihr dunkel
+vor den Augen, es stach, es kochte in ihr. So stand sie und weinte.
+
+Sie hoerte ein dumpfes Brausen von etwas Gewaltigem. Sie wandte sich nach
+der Richtung. Ein Ozeansteamer kam ihnen entgegen, so unvermutet und so
+ungeheuer gross, dass sie den Atem anhielt. Er wuchs aus dem Meer heraus
+ohne Warnungssignal. Er schoss in rasender Fahrt auf sie zu, wurde groesser
+und immer groesser, ein Feuerberg von grossen und kleinen Lichtern. Unter
+schaeumendem Brausen kam er und zog er vorbei. Nur einen Augenblick, und
+er war ein Bild in der Ferne.
+
+Wie das sie ergriff!
+
+Dies vorueberrauschende Leben, das von Erdteil zu Erdteil eilt, voll
+Arbeit und Gedanken in ewigem, fruchtbarem Austausch.
+
+Waehrend sie hier in einer kleinen Tonne umherschwamm, die von den Wellen
+des Weltkolosses geschaukelt wurde, dass man sich festhalten musste.
+
+Sie stand wieder allein in der grossen Wueste. Wie verraten. Es war doch
+wie ein Verrat, wenn alles, was sie in drei Erdteilen gesehen und gehoert
+hatte an Volksleben und Festen, kirchlichen wie nationalen, an
+Kunstwerken und an Musik,--gewissermassen zurueckblieb, wo sie es gesehen
+und gehoert hatte, waehrend sie einsam in einer unheimlichen,
+bewegungslosen Einoede stand.
+
+ * * * * *
+
+Daheim
+
+
+Es kam erstaunlich anders.
+
+Schon als sie an Land stieg, sah sie bei Jung und Alt die
+ungeheucheltste Freude ueber das Wiedersehen. Alle Gesichter strahlten.
+Ebenso auf dem Wege zum Marktplatz; jeder freute sich; jeder gruesste.
+Waehrend sie keinen Gedanken fuer diese Leute gehabt hatte, hatten sie
+ihrer gedacht. Vom Haus am Markt wollten sie spaeter am Tage mit dem
+Kuestendampfer nach Krogskog weiterfahren. In der Zwischenzeit bekamen
+sie Besuch von ihren Verwandten. Die mussten ihnen doch sagen, wie froh
+sie seien, sie endlich wiederzusehen. Sie mussten auch von der Freude
+berichten, die das spanische Bild Marys hervorgerufen hatte, erst hier,
+dann in der Hauptstadt und jetzt auf einer Rundreise durch das Land mit
+anderen Bildern. Man schreibe,--ja, sie habe doch gelesen, was man
+schreibe?--Nein, sie habe ueberhaupt keine Zeitungen gelesen, nur hier
+und da ein Blatt, das an ihrem jeweiligen Aufenthaltsort erschienen sei.
+"Liest Du denn keine hiesigen Zeitungen?"--"Doch, wenn Vater sie mir
+zeigt." Ob ihr denn ihr Vater nichts davon erzaehlt habe, und Frau Dawes
+auch nicht?--"Nein."--"Ja, nun sei sie in ganz Norwegen bekannt. Dies
+sei doch das dritte Bild von ihr; oder gar das vierte? Und dies sei das
+schoenste. Die illustrierten Zeitschriften haetten es gebracht. Ein
+englisches Kunstjournal, "The Studio", habe es auch reproduziert. Ob sie
+das nicht wisse?"--"Nein."--Die Jugend sei ganz stolz auf sie. Darum
+haetten sie mit ihrem Fruehlingsfest bis zu ihrer Heimkehr gewartet. "Da
+soll Staat mit Dir gemacht werden."--"Mit mir?"--"Wir wollen nach
+Marielyst, der Dampfer von hier und einer aus der Nachbarstadt, wir
+treffen uns dort. Joergen Thiis hat von Paris aus den ganzen Plan
+entworfen."--"Joergen Thiis?"--"Ja, hat er nichts davon gesagt?"--"Nein."
+
+Kaum war sie allein, so ging sie zu ihrem Vater ins Zimmer, der im
+Begriff war, einige Kunstgegenstaende auszupacken, die er gekauft hatte,
+und die hier aufgestellt werden sollten. "Vater, hast Du die Bilder von
+mir ausstellen lassen?" Er laechelte und sagte unschuldig: "Ja,
+allerdings habe ich das getan, liebes Kind. Und viele haben ihre Freude
+daran gehabt. Man hat mich uebrigens darum gebeten. Man hat mich jedesmal
+darum gebeten." Er sagte es so nett. Dass er ihr nichts davon gesagt
+hatte und auch Frau Dawes und gleichzeitig wohl auch Joergen Thiis es
+verboten hatte, fand sie reizend. Sie tat etwas, was sie sonst sehr
+selten tat, sie ging hin und gab ihm einen Kuss.
+
+Also das war es, worueber ihr Vater so eifrig mit Frau Dawes und Joergen
+Thiis getuschelt und gefluestert hatte? Deshalb waren die Zeitungen aus
+der Heimat ihr vorenthalten worden. Alles war verabredet,--sogar der
+Vorschlag, gerade jetzt nach Hause zu reisen! Sie hatte Joergen Thiis
+beinahe lieb.
+
+Als sie nach Krogskog abfuhren, hatte sich eine Menge Jugend auf der
+Bruecke eingefunden. Sie riefen: "Auf Wiedersehen am Sonntag!"
+
+Sie fand die Landschaft hinreissend schoen. Die kleine halbe Stunde bis
+Krogskog war wie ein Begruessen guter alter Bekannter, ein fortwaehrendes
+Begruessen. Jetzt war auch die partielle Verlegung der Strandstrasse an der
+Kueste entlang fertig. Es war wirklich lustig, wie sie sich um die
+Landzungen herumschlaengelte und oft in die Felsen hineinschnitt. Ueber
+Krogskog fuehrte der Weg wie frueher durch die Ebene von einer Landspitze
+zur andern, dicht an der Landungsbruecke vorbei und dicht unter der
+Kapelle mit dem Kirchhof.
+
+Nein, wie behaglich Krogskog dalag: Sie hatte behalten, wie einsam es
+lag; aber sie hatte vergessen, wie reizvoll es war! Diese stille, blanke
+Bucht mit den Seevoegeln! Das Gekraeusel da hinten, wo der Fluss muendete,
+die grosse Ebene hoch oben zwischen den Huegeln, und die Hoehen so
+gruenbewachsen. Waren die Baeume vor dem Wohnhause wirklich nicht hoeher?
+Wie gut sich das langgestreckte Haus machte mit den schwarzen Fenstern
+und der schwarzen Grundmauer. Aus dem einen Schornstein stieg dichter
+Rauch auf; er wirbelte ein lustiges Willkommen in die Luft. Sie sprang
+vor den andern an Land und lief hinueber. Ein Maedchen von neun, zehn
+Jahren kam heruntergerannt, blieb, als sie Mary gewahrte, stehen, machte
+Kehrt und rannte all was sie konnte zurueck. Mary aber holte sie vor der
+Treppe ein. "Jetzt hab' ich Dich!" sie drehte sie zu sich herum: "Wie
+heisst Du?" Es war ein hellhaariges, lachendes Ding, das nicht
+antwortete. Auf der Treppe standen die Maedchen und eine von ihnen sagte,
+sie heisse Nanna und sei hier Laufmaedchen. "Dann sollst Du mein Maedchen
+sein!" sagte Mary und nahm sie die Treppe mit hinauf. Sie nickte jeder
+einzelnen zu, merkte aber, wie enttaeuscht sie waren, als sie eilig
+weiterging, ohne mit ihnen zu sprechen. Sie sehnte sich danach, den Fuss
+auf die dicken Teppiche zu setzen, die seltsame Beleuchtung im Vorzimmer
+um sich zu fuehlen, die grossen, kostbaren Schraenke und alle Malereien und
+Raritaeten aus der hollaendischen Zeit wiederzusehen. Sie sehnte sich mehr
+noch danach, hinauf in ihr eigenes Gemach zu kommen. Diese Lautlosigkeit
+auf der Treppe und nachher auf dem langen, daemmerigen Gang--die hatte
+nie ein solches Fluesterspiel mit ihr getrieben wie heute. Etwas Weiches,
+Halbverstecktes, Vertrautes und Nahes zugleich. Das redete noch zu ihr,
+als sie vor der Tuer zu ihrem Zimmer stand, es hielt sie so fest, dass es
+eine Weile dauerte, bis sie die Tuer oeffnete.
+
+Ah, der Raum lag in vollem Sonnenlicht, es kam von dem Fenster an der
+Laengswand, das auf die andern Haeuser und auf die Anhoehe hinausging.
+Blasseres Licht vom Fenster gerade gegenueber, das auf den Obstgarten und
+drunten auf die Bucht sah. Die blinkte durch die Baeume. Ueber den Baeumen
+sah man die Inseln und das hellgraue Meer. Vom Huegel aber, der im
+schoensten Blueten- und Laubschmuck stand, zog Fruehlingsduft herein. Das
+Zimmer selbst in seiner weissen Reinheit lag da wie ein Schoss, der all
+dies aufnahm. Hier drinnen scharte sich alles ehrerbietig um das Bett,
+das mitten in der Stube stand. Es war nicht nur wie fuer eine Prinzessin;
+es war die Prinzessin selber; alles andere neigte sich davor.
+
+ * * * * *
+
+Der Ausflug nach Marielyst war in jeder Beziehung wohlgelungen. Aber an
+dem Tage kam zwischen Mary und Joergen eine Verstimmung auf.
+
+Das ging so zu. Joergen Thiis kam mit einer grossen, starken Dame an
+Bord--ihre breite Stirn, die warmen Augen, die kleine Nase und das
+vorspringende Kinn trieben ein leichtes Rot in Marys Wangen, das sie zu
+verbergen suchte, indem sie sich erhob und fragte: "Sie sind doch die
+Schwester des Hauptmanns im Geniekorps Franz Roey?"--"Ja", antwortete
+Joergen Thiis; "wir haben der Sicherheit halber einen Arzt mitgenommen."
+---Mary: "Das freut mich sehr; ich habe natuerlich durch Ihren Bruder von
+Ihnen gehoert. Er hat Sie sehr lieb."--"Das tun wir ueberhaupt alle",
+versicherte Joergen Thiis und entfernte sich.
+
+Fraeulein Roey selbst hatte nichts gesagt, aber ihre forschenden Augen
+ueberstroemten Mary mit Bewunderung. Jetzt setzte sie sich neben sie.
+"Bleiben Sie lange daheim?"--"Das weiss ich nicht. Vielleicht reisen wir
+ueberhaupt nicht mehr; mein Vater ist zu schwach."--Fraeulein Roeys kluge
+Augen notierten das foermlich. Sie sagte eine ganze Weile nichts mehr.
+Mary aber dachte bei sich: wie taktvoll, dass sie nicht von ihrem Bruder
+anfaengt.
+
+Die beiden gingen waehrend des Ausflugs einander nicht von der Seite. Sie
+standen auch zusammen, als nachher im Freien Erfrischungen gereicht und
+Reden gehalten wurden. Die Festfreude stieg Joergen Thiis zu Kopf. Man
+kam zu ihm und stiess mit ihm an, und er wurde sentimental und redete.
+Auf das Ideal, das ewige Ideal. Gluecklich der Mann, dem es schon in
+seiner Jugend begegne! Er trage es in seiner Brust wie einen
+wegweisenden, unausloeschbaren Scheinwerfer auf dem Pfade des Lebens!--Er
+trank das Glas bis zum Grunde aus und schleuderte es bleich und bewegt
+zu Boden.
+
+Dieser fuerchterliche Ernst kam den froehlichen Menschen so unerwartet,
+dass sie lachen mussten. Alle miteinander!
+
+Fraeulein Roey sagte zu Mary: "Sie sind doch viel mit Leutnant Thiis
+zusammen gewesen?"--"Diesen Winter und im vorigen auch", antwortete Mary
+leichthin und ass ihr Eis.
+
+Ein junges Maedchen stand daneben. "Es ist eine merkwuerdige Sache mit
+Joergen Thiis", sagte sie. "Zu uns ist er so nett; aber gegen die
+Soldaten soll er so schlecht sein." Erstaunt wandte Mary sich zu ihr um.
+"Wieso schlecht?"--"Er soll sie so quaelen, soll so furchtbar streng sein
+und so ganz sonderbar, und um das kleinste strafen." Mary richtete ihre
+allergroessten Augen auf Margrete Roey. "Ja, das ist Tatsache", antwortete
+die leichthin; sie ass auch ihr Eis.
+
+Als gegen Abend der Tanz zu Ende war und sie zum Schiff hinunterzogen,
+Mary an Joergens Arm, da sagte sie zu ihm: "Ist es wahr, dass die
+Mannschaften Ihres Kommandos ueber Sie klagen?"--"Das kann schon sein,
+gnaediges Fraeulein." Er lachte.--"Ist das zum Lachen?"--"Ja, zum Weinen
+jedenfalls nicht, gnaediges Fraeulein", er war so recht vergnuegt, er haette
+sie am liebsten in den Arm genommen und waere mit ihr nach der
+Landungsstelle hinunter getanzt; das taten viele andere auch. Aber Mary
+weigerte sich. "Mir hat es weh getan, das zu hoeren", sagte sie. Da
+merkte er, dass es ihr Ernst war. "Ich will Ihnen sagen, gnaediges
+Fraeulein, der Norweger weiss im grossen und ganzen nicht, was Gehorsam und
+Disziplin sind. In der kurzen Zeit, da wir ihn unter unserm Kommando
+haben, muessen wir es ihm beibringen."--"Auf welche Weise?"--"Mit
+Kleinigkeiten natuerlich."--"Indem Sie ihn mit Kleinigkeiten
+quaelen?"--"Ja. Ganz recht."--"Mit Dingen, deren Notwendigkeit er nicht
+einsieht?"--"Ja gewiss. Er soll sich das Raesonnieren abgewoehnen. Er soll
+gehorchen. Und das, was er tut, soll er korrekt tun. Absolut korrekt."
+
+Mary antwortete nicht. Aber als jetzt ein Paar an ihre Seite kam, sprach
+sie mit denen und setzte das fort, bis sie die Landungsbruecke erreicht
+hatten.
+
+Auf dem Schiff sah sie, dass Joergen Thiis verstimmt war. Als sie von Bord
+gingen, stand er nicht an der Landungsbruecke. Ohne jede Verabredung
+begleitete die ganze Gesellschaft sie heim nach dem Haus am Markt. Sie
+sangen und laermten vor der Tuer, bis sie auf den Altan heraustrat und
+Blumen ueber sie streute,--die mitgebrachten und alle, die sie irgend
+fand. Sie gingen lachend und geraeuschvoll auseinander. Aber als sie von
+dannen zogen, suchte sie unter ihnen nach Joergen; er war nicht da. Das
+tat ihr leid; sie hatte ihm einen der schoensten Tage ihres Lebens
+schlecht gelohnt. Alle waren so reizend zu ihr gewesen.
+
+Groessere und kleinere gesellschaftliche Zusammenkuenfte loesten jetzt
+einander ab; aber Joergen Thiis war verschwunden. Zuerst war er eine
+Zeitlang daheim bei seinen Eltern gewesen, jetzt war er in Kristiania.
+Mary hatte nie weiter an Joergen Thiis gedacht; aber nun, da er sich
+fernhielt, besann sie sich darauf, wieviel von jenen schoenen Begegnungen
+mit ihren Altersgenossen auf sein Konto kam. Der wunderliche Toast, den
+er auf die "Treue gegen das Ideal" ausgebracht hatte, ... als er sprach,
+da hatte sie nur gedacht: wie sentimental Joergen Thiis doch sein kann!
+Jetzt dachte sie: vielleicht galt das mir? Sie war an solche
+Uebertreibungen gewoehnt, und sie machte sich absolut nichts aus Joergen
+Thiis. Aber wenn sie ueberlegte, wie rasend verliebt er schon bei ihrem
+ersten Zusammentreffen gewesen war, und dass er in all diesen Jahren
+genau so geblieben war, wann und wo sie sich auch begegneten, da wurde
+das doch ein wenig mehr. Die gierigen, verzehrenden Augen bekamen
+dadurch beinahe etwas Ruehrendes. Dass er es nicht ertrug, mit ihr
+zusammen zu sein, wenn sie das geringste gegen ihn hatte, bewies ja
+auch, wie gern er sie hatte. Dass er nichts sagte, sondern einfach
+fortblieb, gefiel ihr.
+
+Da kam eines Tages Mille Falke, die huebsche, sanfte Frau des
+lungenkranken Oberlehrers, zu ihr heraus. Sie habe einen Brief von
+Joergen Thiis bekommen. Eine Gesellschaft von zehn Personen in Kristiania
+habe eine Fahrt nach dem Nordkap geplant. Sie haetten schon vor zwei
+Monaten die Plaetze bestellt,--und jetzt sei etwas dazwischen gekommen.
+Man habe Joergen Thiis gefragt, ob er nicht die Billets uebernehmen und
+zehn Personen heranholen koenne, um mit ihnen diese herrliche Fahrt zu
+machen. Unten in den Kleinstaedten lebe man in besserer Kameradschaft, da
+sei es leichter, eine solche Gesellschaft zusammenzubringen. Joergen
+Thiis habe sich bereit erklaert,--wenn Mary Krog dabei sein wolle; er
+wisse, dann bekomme man die andern schon zusammen.
+
+Frau Falke setzte Mary das in ihrer Schmeichelkatzenart auseinander, der
+nur wenige widerstehen konnten. Mary hatte freilich nicht die geringste
+Lust, in der Sommerhitze auf dem Deck eines Dampfers zu sitzen und alles
+abzubrechen, was hier unternommen wurde; es war gar zu nett. Aber sie
+wollte Joergen Thiis nicht gern noch einmal kraenken. Sie sprach mit ihrem
+Vater und mit Frau Dawes: sie hoerte noch einmal Frau Falke an--und
+willigte ein.
+
+In der ersten Haelfte des Juli versammelte sich die Gesellschaft eines
+Nachts an Bord eines Kuestendampfers, der sie nach Bergen bringen sollte.
+Von dort wollte man die Reise antreten. Es waren sechs Damen und vier
+Herren. Eine der Damen war die wuerdige Vorsteherin der Schule, die
+Mutter des einen Herrn und die ehemalige Lehrerin von drei der Damen.
+Sie war das moralische Zentrum. Dann war ein jungverheiratetes Paar da,
+das die ganze Reise ueber geneckt wurde. Es lohnte sich; denn beide waren
+sehr lebhaft und gaben es reichlich zurueck. Ein junger Kaufmann schnitt
+zwei Damen die Kur--behauptete man wenigstens--ohne sich klar zu werden,
+welche er am liebsten mochte. Das zu entscheiden, half ihm die ganze
+uebrige Gesellschaft; die beiden Damen am eifrigsten. Ein junger
+Philologe wurde gleich in der ersten Nacht auf dem Kuestendampfer "der
+Verlassene" getauft. Mit Ausnahme der alten Dame machten alle anderen
+einen furchtbaren Radau, und keiner tat ein Auge zu. Er allein konnte
+nicht tanzen und auch nicht singen und auch nicht die Kur schneiden. Er
+konnte nicht mal vertragen, wenn man ihm den Hof machte, dann wurde er
+naemlich verlegen. Die Folge war, dass alle, auch Mary, "dem Verlassenen"
+den Hof machten, bloss um sich an seinem jaemmerlichen Zustand zu weiden.
+Der Urheber dieser Scherze war immer Joergen Thiis; er neckte so
+leidenschaftlich gern. Seine Erfindungsgabe in dieser Beziehung konnte
+man nicht immer frei von Bosheit nennen.
+
+Im Anfang ging er frei aus. Aber nach und nach wagte sich sogar "der
+Verlassene" an ihn heran. Ueber seinen Appetit, seine Herrschsucht und
+besonders ueber seine untertaenige Dienerrolle Mary gegenueber wurde
+allgemein gestichelt. Mary hatte die wachsamen Augen der Krogs fuer
+Uebertreibungen, so dass sie mitlachte, auch wenn es ueber die
+Untertaenigkeit gegen sie herging. Er liess sich nicht im geringsten
+stoeren. Er ass genau soviel, war genau so pedantisch als Fuehrer der
+Gesellschaft und blieb unerschuetterlich Marys erfinderischer, unablaessig
+hilfsbereiter Diener.
+
+Das Schiff war voll Passagiere; darunter viele Auslaender. Aber die
+froehliche Gesellschaft von Joergen Thiis wurde der Mittelpunkt. Die Natur
+machte so haeufig Anspruch auf die Bewunderung der Reisenden, dass nicht
+allzu grosse Reibungen vorkamen. Es war, als werde etwas Gewaltiges
+vorgetragen. Ein Wunder loeste das andere ab. Dazu kam der lange Tag. Die
+Naechte wurden immer kuerzer; schliesslich gab es ueberhaupt keine Nacht
+mehr. Sie fuhren in lauter Licht hinein, und das berauschte. Sie wurden
+nicht muede. Sie tranken, sie tanzten und sangen; schliesslich waren sie
+alle auf denselben Ton gestimmt. Es wurden Vorschlaege gemacht, die sonst
+unmoeglich gewesen waeren; in die Wildheit der Landschaft, in den Rausch
+von Licht passten sie hinein. Als Mary eines Tages bei starkem Sturm
+ihren Hut verloren hatte, sprangen zwei Herren ihm nach. Der eine war
+natuerlich Joergen Thiis. Die Gemueter waren hoch ueber den Alltag hinaus
+gespannt. Wenn einer oder der andere muede wurde, schlief er Tage und
+Naechte durch. Aber die meisten hielten aus, jedenfalls solange es
+vorwaerts ging. Unter ihnen Mary.
+
+Joergen Thiis hatte es durch seine ehrerbietige Energie dahin gebracht,
+dass alle Leute Mary mehr oder weniger genau so behandelten wie er
+selbst. Es kam auch nicht die geringste Stoerung vor, was besonders ihrer
+eigenen formvollendeten Art und ihrer aufmerksamen Ruecksichtnahme zu
+danken war.
+
+Als sie von Bord gingen und wieder den Kuestendampfer bestiegen, forderte
+sie aus dem Gefuehl aufrichtiger Dankbarkeit Joergen Thiis auf, mit ihr
+nach Krogskog zu kommen. "Ich kann nicht so ploetzlich Schluss machen",
+sagte sie.
+
+Und er blieb mehrere Tage dort. Alles fand er schoen und behaglich. Der
+Kunstsinn, der ihm eigen war, ging mehr aufs kleine; er schwaermte z.B.
+fuer ethnographische Schnurrpfeifereien, und deren gab es hier eine
+Menge. Die Zimmer und ihre Einrichtung waren so ganz nach seinem
+Geschmack. Frau Dawes, der gegenueber er frei heraus redete, vertraute er
+sich an; dies Behagliche, Gedaempfte stimme ihn erotisch, sagte er. Er
+phantasierte viele Stunden lang auf dem Klavier; und immer in dieser
+Richtung.
+
+Mary behandelte er unter vier Augen mit der gleichen Ehrerbietung wie in
+Gegenwart anderer. Seit sie ihn kannte, hatte sie nicht ein einziges
+Wort von ihm gehoert, das als Einleitung zu einer Werbung aufgefasst
+werden konnte; ja nicht einmal ein Wort, das eine Einleitung zur
+Einleitung haette darstellen koennen. Und das gefiel ihr.
+
+Sie streiften zusammen durch Wald und Feld; sie ruderten zusammen zum
+Besuch bei Verwandten. Er hatte den Schluessel zu ihrem Badehaus. Er ging
+hin, wenn noch keiner auf war, oft nach ihren Spaziergaengen noch einmal.
+
+Mary selbst war umgaenglicher geworden. Er sagte es einmal. "Ja,"
+antwortete sie, "die jungen Menschen hier leben mehr wie ein
+Geschwisterkreis zusammen und sind daher anders, freier und frischer.
+Das hat mich angesteckt."
+
+Eines Morgens musste er zur Stadt und Mary begleitete ihn. Sie wollte
+Onkel Klaus, seinen Pflegevater, besuchen. Sie hatte ihn, seit sie
+heimgekommen war, noch nicht gesehen.
+
+Er sass in einer Rauchwolke wie eine Spinne in ihrem grauen Netz. Er
+sprang auf, als er Mary eintreten sah, war beschaemt und fuehrte sie in
+die gute Stube. Joergen hatte Mary darauf vorbereitet, dass er schwerlich
+guter Laune sei; er habe wieder kleine Verluste gehabt. Sie sassen auch
+kaum in der kahlen, steifen guten Stube, als er anfing, ueber die
+schlechten Zeiten zu klagen. Wie seine Art war, machte er den Ruecken
+krumm und spreizte die Beine auseinander, um die Ellbogen auf die Knie
+stuetzen und die langen Finger gegeneinander stemmen zu koennen.--"Ja, Sie
+haben es gut; Sie amuesieren sich bloss!" Vielleicht wollte er das wieder
+gutmachen. Er sagte: "Ich habe nie ein schoeneres Paar gesehen!"
+
+Joergen lachte, wurde aber rot bis an die Schlaefen. Mary sass unbeweglich;
+es beruehrte sie nicht.
+
+Joergen begleitete sie zurueck nach dem Krogschen Haus am Markt, das dicht
+daneben lag. Er sagte unterwegs kein Wort und verabschiedete sich
+fluechtig. Spaeter kam Nachricht von ihm, er muesse bis zum Abend in der
+Stadt bleiben; dann fahre er mit seinem Rade nach Krogskog hinaus. Das
+war gegen die Verabredung; aber sie fuhr heim.
+
+Auf der Dampferfahrt nach Hause nahm sie den Gedanken auf: Joergen Thiis
+und sie ein Paar? Nein! Das war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Er
+war ein schoener eleganter Kerl, ein tadelloser Kavalier, ein wirklicher
+Kuenstler auf dem Klavier. Ueber seinen hellen Kopf und seinen Takt war
+nur eine Meinung. Selbst das, was sie frueher so abgestossen hatte, seine
+Genusssucht, die in Blick und Mienen auftauchen und ihnen dies
+Verzehrende geben konnte, von dem sie sich abwandte ... vielleicht war
+von dieser Grundlage aus das andere kultiviert worden? Das Gefuehl fuer
+das Vollkommene in Kunst, Disziplin und Sprache? Aber doch blieb da
+etwas Unaufgeklaertes. Es war ihr gleichgueltig, was es war; denn sie warf
+all diese Betrachtungen ueber Bord. Es ging sie nichts an.
+
+Sie hatte eine Bauernfrau gesehen, die in ihrer Jugend bei ihnen gedient
+hatte; zu der setzte sie sich. Die Frau freute sich: "Na, wie geht es
+Ihrem Vater? Jetzt bin ich so alt geworden; aber ich sage, soviele ich
+kennen gelernt habe,--einen netteren Mann als Ihren Vater habe ich nie
+getroffen. Er ist und bleibt der Beste."
+
+Das kam so unerwartet und so warm heraus, dass es Mary ruehrte. Die Frau
+erzaehlte dann eine Geschichte nach der anderen von der Guete ihres Vaters
+und von seinem ruecksichtsvollen Wesen. Sie hatte solange zu erzaehlen,
+bis sie da waren. Zuerst dachte Mary, etwas Schoeneres sei ihr lange
+nicht widerfahren. Aber dann wurde ihr bange. Sie hatte fast vergessen,
+wie sehr sie selbst ihn liebte, hatte sich abgewoehnt, ihm das zu zeigen.
+Warum? Warum war sie von soviel anderem in Anspruch genommen und nicht
+von ihm, der der Liebste und Beste von allen war?
+
+Sie lief eilig nach dem Hause hinauf. Obwohl der Vater kraenklich war,
+war sie in letzter Zeit fast nie bei ihm gewesen.
+
+Als sie naeher kam, sah sie Joergens Rad an der Treppe stehen und hoerte
+ihn spielen. Aber sie eilte vorbei zu ihrem Vater hinein, der in seinem
+Arbeitszimmer am Pult sass und schrieb. Sie schlang die Arme um ihn und
+kuesste ihn, blickte ihm in die guten Augen und kuesste ihn noch einmal. Mit
+ihrem scharfen Sinn fuer Komik lachte sie, als sie sein Erstaunen sah.
+"Ja, sieh mich nur an, denn ich tue es gar so selten. Aber es ist
+trotzdem wahr, dass ich Dich grenzenlos lieb habe." Wieder kuesste sie ihn.
+"Mein liebes Kind!" sagte er und laechelte mitten in dem Ueberfall vor
+sich hin. Er war gluecklich, das merkte sie. Allmaehlich kam in seine
+Augen das eigentuemliche Leuchten, das keiner wieder vergessen konnte.
+Sie dachte bei sich: dies tue ich fortan jeden einzigen Tag.
+
+Joergen und sie hatten eine Radtour in die Umgegend verabredet. Am
+naechsten Tage waren sie unterwegs. Der Verwandte, zu dem sie kamen, ein
+Kompagniechef, freute sich sehr ueber den Besuch. Sie mussten zwei, drei
+Tage dableiben. Die junge Welt aus der Nachbarschaft wurde dazu geladen
+und es kam eine Partie auf die Alm zustande,--wieder fuer Mary etwas
+Neues. "Ich kenne alle Laender, nur mein Vaterland nicht." Im naechsten
+Jahr wollte sie aber eine Reise durch Norwegen machen; dazu brauchte sie
+keine besondere Reisebegleitung. Mit dieser Aussicht wurde es eine
+koenigliche Heimfahrt.
+
+Gerade als Joergen und sie ihre Raeder an die Balustrade anlehnten, kam
+die kleine Nanna aus der Tuer gelaufen und eilig die Treppe herunter. Sie
+weinte, bemerkte aber die Ankommenden nicht; sie wollte nach der andern
+Seite. Als Mary rief: "Was ist los?" blieb sie stehen und schluchzte:
+"Oh, kommen Sie, kommen Sie, ich sollte jemand holen!" Ebenso schnell
+wieder die Treppe hinauf, um zu verkuenden, dass sie jetzt kaemen. Joergen
+hinterdrein, dann Mary. Es ging durch das Vorzimmer, die Treppe hinauf,
+den Gang entlang bis zur letzten Tuer rechts. Da drinnen lag Anders Krog
+auf dem Fussboden, und neben ihm kniete schluchzend Frau Dawes. Er hatte
+einen Schlaganfall bekommen. Joergen hob ihn auf, trug ihn auf sein Bett
+und legte ihn zurecht. Mary aber stuerzte wieder hinunter ans Telephon
+wegen des Doktors.
+
+Der Doktor war nicht zu Hause; sie suchte ihn ueberall. Dazwischen schrie
+in ihr die Verzweiflung, dass sie nicht bei ihm gewesen war, als dies
+geschah. Sie hatte sich doch gerade das Versprechen gegeben, jeden Tag
+lieb zu ihm zu sein,--und hatte ihn doch verlassen! Ja, noch heute hatte
+sie sich auf den naechsten Sommer gefreut, wo sie ohne ihn im Lande herum
+reisen wollte. Was war aus ihr geworden? Was war los mit ihr?
+
+Sobald sie den Doktor gefunden hatte, eilte sie zum Vater zurueck. Da war
+er ausgezogen, und Joergen war fort. Frau Dawes aber sass am Kopfende des
+Bettes auf einem Stuhl mit einem Brief in der Hand, grenzenlos
+ungluecklich. Kaum gewahrte sie Mary, so reichte sie ihr den Brief, ohne
+die Blicke von dem Kranken zu wenden.
+
+Der Brief war aus Amerika von einem Mary unbekannten Mann, der ihnen
+mitteilte, dass Bruder Hans ihr und sein Vermoegen verloren habe. Er
+selbst sei schwachsinnig, sei es sicher schon lange gewesen.
+
+Mary war es bekannt, dass es in der maennlichen Linie der Familie Krog
+nichts Aussergewoehnliches war, wenn alte Leute geistesschwach wurden.
+Aber sie war erschrocken, dass ihr Vater keine Kontrolle geuebt hatte!
+Auch das war ein bedenkliches Zeichen.
+
+Ihr Vater musste mit diesem Brief auf dem Wege zu Frau Dawes gewesen
+sein, als ihn der Schlag geruehrt hatte. Die Tuer war naemlich geoeffnet,
+und er lag dicht daneben.
+
+Mary las den Brief zweimal und wandte sich an Frau Dawes, die sass und
+weinte. "Ja, ja, Tante Eva,--das muss getragen werden."--"Getragen
+werden? Getragen werden? Was meinst Du? Das Geld? Das lumpige Geld! Aber
+Dein Vater! Dieser herrliche Mensch, mein bester Freund!" Sie blickte
+unverwandt auf seine geschlossenen Augen und weinte unaufhoerlich,
+waehrend sie ihm die zaertlichsten Namen gab, die hoechsten Lobesworte,
+aber auf englisch. In der fremden Sprache fielen die Worte wie aus einer
+fernen Zeit ueber ihn; Mary lag auf den Knien daneben und las sie auf.
+Sie brachten von jedem Tage in dem Zusammenleben der beiden Alten die
+Entbehrungen, den Dank,--einen Niederschlag dessen, was sie an guten
+Worten, an freundlichen Blicken, an Gaben und Nachsicht empfangen hatte.
+Es kam so reich und so warm heraus mit der freudigen Kraft des guten
+Gewissens; denn Frau Dawes hatte versucht, ihm alles zu sein, so weit es
+in ihren Kraeften stand. So goldene Worte jetzt ueber Marys Haupt ihm zu
+Ehren ausgeschuettet wurden, sie selbst machten sie arm. Denn sie war ihm
+so wenig gewesen. Oh, wie sie es bereute, wie verzweifelt sie war.
+
+Joergen Thiis erschien draussen auf dem Gange, gerade als sie aufstand.
+Sie bueckte sich nach dem Brief und wollte ihm das Papier geben, als Frau
+Dawes, die ihn auch gewahrte, ihn bat, sie in ihr Zimmer zu fuehren; sie
+muesse auch zu Bett. "Gott weiss, wann ich wieder aufstehe! Wenn es mit
+ihm zu Ende ist, ist es mit mir auch vorbei."
+
+Joergen eilte herzu, nahm die schwere Masse aus dem Stuhl auf und segelte
+langsam mit ihr ab; er klingelte nach einem Maedchen, das sie dann zu
+Bett brachte; er selbst ging zu Mary zurueck. Sie stand unbeweglich da
+mit dem Brief in der Hand, den sie ihm jetzt hinreichte.
+
+Er las ihn aufmerksam und wurde bleich. Ja, er war eine Weile wie
+betaeubt; Mary trat ein paar Schritte naeher an ihn heran; aber er merkte
+es nicht. "Das hat den Schlaganfall verursacht", sagte sie.
+
+"Natuerlich", fluesterte er, ohne sie anzusehen. Gleich darauf ging er.
+
+Mary stand wieder neben ihrem Vater. Sein schoenes, feines Gesicht rief
+nach ihr; sie warf sich wieder ueber ihn und schluchzte. Denn ihm, den
+sie am liebsten hatte, war sie am wenigsten gewesen. Vielleicht nur,
+weil er selbst nie an sich gedacht hatte?
+
+Sie verliess ihn nicht, bis der Doktor kam und mit ihm die Pflegerin. Da
+ging sie zu Frau Dawes hinein.
+
+Frau Dawes war verzweifelt und elend. Mary wollte sie troesten, aber sie
+unterbrach sie heftig: "Ich habe es zu gut gehabt. Ich bin mir zu sicher
+gewesen. Jetzt kommt der Ernst!" Mary erschrak bei diesen Worten; denn
+das hatte ihr die ganze Zeit auf dem Herzen gelegen.
+
+"Du verlierst uns beide, armes Kind! Und Dein Vermoegen auch!" Mary war
+es nicht lieb, dass sie das Vermoegen erwaehnte. Frau Dawes fuehlte das und
+sagte: "Du verstehst mich nicht, armes Kind! Es ist nicht Deine Schuld,
+es ist unsere. Wir haben Dir zu viel Willen gelassen. Aber Du warst auch
+so haesslich, wenn wir es nicht taten."
+
+Mary blickte erschrocken auf: "Ich haesslich?"--Frau Dawes: "Ich habe es
+Deinem Vater gesagt, Kind, ich habe es ihm oft gesagt. Aber er war so
+herzensgut, er beschoenigte immer alles."
+
+Joergen kam mit dem Doktor herein. "Wenn irgend etwas hinzutritt, kann es
+vorbei sein, gnaediges Fraeulein."--"Bleibt er gelaehmt?" fragte Frau
+Dawes.--Der Doktor wich der Frage aus; er sagte nur: "Jetzt ist vor
+allem Ruhe noetig." Es wurde still nach dieser Erklaerung.
+
+"Gnaediges Fraeulein duerfen nicht bei dem Kranken wachen, lieber zwei
+Pflegerinnen." Mary antwortete nicht. Frau Dawes fing wieder zu weinen
+an: "Ja, jetzt kommen andere Tage."--
+
+Der Doktor ging, begleitet von Joergen Thiis. Als Joergen zurueckkam,
+fragte er leise: "Soll ich auch fort,--oder kann ich irgendwie
+nuetzen?"----"O nein, verlassen Sie uns nicht!" jammerte Frau Dawes.
+Joergen blickte Mary an, die nichts sagte; sie schaute auch nicht auf.
+Sie weinte leise vor sich hin.
+
+"Sie wissen, gnaediges Fraeulein," sagte Joergen Thiis ehrerbietig, "dass
+ich keinem Menschen lieber zu Diensten sein moechte."--"Das wissen wir,
+lieber Freund, das wissen wir", schluchzte Frau Dawes.
+
+Mary hatte den Kopf erhoben; aber bei Frau Dawes' Worten schwieg sie.
+
+Als Mary nachher aus Frau Dawes' Stube kam, oeffnete Joergen eben die Tuer
+seines Zimmers, das Marys gerade gegenueber lag. Er blieb in der weit
+geoeffneten Tuer stehen, so dass sie den gepackten Koffer hinter ihm sehen
+konnte. Sie stand still: "Sie wollen fort?"--"Ja", antwortete er.--"Hier
+wird es jetzt still." Er wartete auf mehr; aber mehr kam nicht. "Jetzt
+beginnt die Jagdsaison. Ich hatte Ihren Vater fragen wollen, ob ich in
+seinen Waeldern jagen duerfe."--"Wenn Ihnen meine Erlaubnis genuegt, steht
+dem nichts im Wege."--"Tausend Dank, gnaediges Fraeulein! Ja, da darf ich
+doch auch mal hierherkommen?" Er verneigte sich tief und nahm ihre Hand.
+
+Dann ging er zu Frau Dawes hinein, um ihr Adieu zu sagen. Da blieb er
+mindestens zehn Minuten. Er kam gerade wieder heraus, als Mary zu ihrem
+Vater hinueberging.
+
+Als sie ueber ihren Vater gebeugt stand, regte er sich und schlug die
+Augen auf. Sie kniete hin: "Vater!" Er schien nachzudenken und versuchte
+zu sprechen; es gelang ihm aber nicht. Sie sagte eilig: "Wir wissen
+es,--alles, Vater. Aber hab' deswegen keine Sorge! Uns wird es trotzdem
+an nichts fehlen." Seine Augen bewiesen, dass er verstanden hatte, wenn
+auch langsam. Er wollte die Hand erheben, merkte aber, dass er es nicht
+konnte. Er blickte sie schmerzlich erstaunt an; sie beugte sich ueber
+ihn, kuesste ihn und weinte.
+
+Aber es wurde unglaublich schnell besser. War es Marys Gegenwart und ihr
+stetes Muehen um ihn, was ihm half? Die Krankenpflegerin behauptete es.
+
+Jetzt kam eine Zeit, in der sie unermuedlich war in ihrer Sorge um die
+beiden Kranken; zugleich aber trat sie die Verwaltung von Haus und Hof
+an. Sie uebernahm die Buchfuehrung und die Oberaufsicht. Sie fuehlte sich
+wohl dabei, denn sie hatte Talent, Ordnung zu schaffen und zu
+dirigieren. Frau Dawes war sehr erstaunt darueber.
+
+Keine Sorge um die Zukunft, keine Sehnsucht nach alledem, was hinter
+ihr lag. Sie sagte allen, die sie bedauerten, es sei freilich hart, dass
+die beiden Alten krank seien; aber sonst gehe es ihr so gut, wie sie es
+sich nur wuenschen koennte.
+
+ * * * * *
+
+An einem ungewoehnlich warmen Tage Anfang August hatte sie von morgens an
+sehr viel zu tun gehabt. Sie hatte Sehnsucht, sich ins Wasser zu
+stuerzen, sowie sie Zeit hatte.
+
+Zwischen fuenf und sechs liefen sie hinunter, die kleine Nanna und sie.
+Zuerst waren sie beide zusammen im Badehause; der kleinen Nanna machte
+es solche Freude, wenn sie mit Marys schoenem Haar zu tun hatte; heute
+durfte sie es aufloesen. Dann lief sie den Huegel hinauf bis an den grossen
+Stein, um von dort aus nach beiden Seiten Wache zu halten. Mary mochte
+nichts anhaben, sondern wollte nach Herzenslust plaetschern und
+schwimmen. Sie nahm den Weg nach der Insel. Von dort aus konnte sie
+selbst zu beiden Seiten die Einfahrt und die Wege uebersehen. Alles
+still, keine Gefahr. Also wieder zurueck.
+
+Die See umschmeichelte sie und trug sie, die Sonne spielte auf ihren
+Armen, die das Wasser teilten; das Land vor ihr lag herbstsatt da mit
+seinem fetten Heu; Seevoegel schwebten in der Bucht, andere kreischten
+ueber ihr. "Und mir graute so vor dem Alleinsein--"
+
+Als sie ans Ufer kam, mochte sie nicht heraus; sie legte sich auf den
+Ruecken und ruhte sich aus. Dann ein paar Stoesse und wieder eine
+Ruhepause. Der Strand war so einladend; sie legte sich in die Sonne. Den
+Kopf halb auf einem Stein, das Haar herabfliessend. O, wie schoen das war!
+Aber irgend etwas mahnte sie, aufzusehen. Sie hatte keine Lust dazu.
+Aber sie musste doch wohl einmal dahin sehen, wo das Maedchen sass. Ach,
+was kuemmerte sie das! Nanna hielt ja Wache. Aber soviel wurde doch
+dadurch bewirkt, dass das Wohlbehagen ihr verloren ging; sie machte ein
+Ende. Als sie aufstand, um auf die Badehaustreppe zuzugehen, gewahrte
+sie hinter dem grossen Stein--Joergen Thiis im Jagdanzug mit dem Gewehr
+ueber der Schulter! Das kleine Maedchen stand aufrecht auf dem Stein, ohne
+sich zu ruehren; sie starrte ihn an, als sei sie festgenagelt.
+
+Eine heisse Blutwelle durchflutete Mary--Zorn und Abscheu. War er
+schamlos? Oder hatte er den Verstand verloren? Aeusserlich tat sie, als
+habe sie nichts gesehen,--warf sich kopfueber in die See und schwamm auf
+die Treppe zu, hielt sich ruhig daran fest,--und verschwand.
+
+Aber ihr Atem ging heftig; ihr war so heiss, dass sie vergass, sich
+abzutrocknen, sich anzuziehen. Sie geriet in immer groessere Hitze,
+schliesslich kochte sie vor Rachsucht und Wut. Der galante Joergen Thiis
+wagte sie zu beleidigen, wie sie noch nie im Leben beleidigt worden war.
+
+Sie schlug sich solange mit diesem sinnlosen, unehrenhaften Ueberfall
+herum, bis sie mitten in Vorstellungen war, die sie weit fortfuehrten.
+Sie stand wieder vor der kraftvollen Gestalt des Athleten, sie fuehlte
+wieder Alices wissende Augen auf sich ruhen. Sie zitterte,--als sie
+einen Schrei des Kindes da oben hoerte. In ihrer Erregung war sie nahe
+daran, auch zu schreien. Was konnte da nur los sein? Auf die Seite ging
+kein Fenster hinaus. Aus der Tuer zu sehen, wagte sie nicht, denn sie
+hatte nichts an. Nie hatte sie sich so mit dem Anziehen beeilt, aber
+gerade deshalb ging ihr alles verkehrt, und es zog sich in die Laenge.
+Sie mochte nicht halbangekleidet vor Joergen Thiis hintreten.
+
+Als sie eben soweit war, dass sie daran denken konnte, die Tuer
+aufzumachen, hoerte sie auf der Landungsbruecke das Tripp-Trapp der
+kleinen Nanna. Mary riss die Tuer auf, die Kleine kam hereingestuerzt und
+warf sich ihr gleich in den Schoss. Da versteckte sie den Kopf und weinte
+und schluchzte, dass sie kein Wort herausbringen konnte.
+
+Mary gelang es, sie zu beruhigen, besonders als sie ihr versprach, sie
+duerfe jetzt ihr Haar kaemmen. Da erzaehlte sie, der Herr Leutnant habe
+hinter dem Stein gestanden, bis sie es bemerkt habe. Sie habe gesessen
+und gesungen und habe ihn gar nicht kommen hoeren. Er habe ihr gedroht.
+Ach, und sie habe solche Angst gehabt, denn er habe so boese ausgesehen!
+Ach, so boese habe er ausgesehen! Kaum sei Mary ins Haus gegangen, da sei
+er hinuntergestuermt, direkt auf das Haus zu!
+
+"Joergen Thiis?"
+
+"Dann schrie ich aus Leibeskraeften! Da stand er still. Aber dann drehte
+er sich um und kam auf mich zu. Ich hinunter vom Stein und hinein in den
+Wald----" Sie konnte nicht weitersprechen. Sie verbarg wieder den Kopf
+in Marys Schoss und weinte.
+
+Das wurde ja immer schlimmer! Marys Verstand konnte es anfangs kaum
+fassen.
+
+Nach und nach aber ging ihr ein Licht auf--er mochte ein anderer sein.
+Er trug eine rasende Leidenschaft in sich. Er hatte den Mut starker
+Ruecksichtslosigkeit. Wenn er nun gekommen war, um...?
+
+Stolz und stark, wie sie sich kannte, haette das fuer ihn die Verbannung
+auf immer bedeutet--nichts anderes.
+
+Aber auf dem Heimwege liess sie Nanna vorausgehen. Aus dem einfachen
+Grunde, weil sie kaum einen Fuss vor den anderen setzen konnte,--so
+stuermten die Gedanken auf sie ein.
+
+Wie konnte ein Mann sich tagtaeglich so beherrschen--einer so gewaltigen
+Begierde gegenueber? Eine lange, lange Anhaeufung musste vorauf gegangen
+sein; sonst haette er nicht einem so unerhoerten Ueberfall auf sich
+selbst--und auf sie--unterliegen koennen!
+
+In diesen ganzen Jahren war er also von Begierde entflammt gewesen?
+Seine Huldigungen, seine Ehrerbietigkeit, seine steten Bemuehungen um
+sie--war das alles Rauch aus dem unterirdischen Krater? Der eines
+schoenen Tages lohende Steine und gluehende Asche ausspeit!
+
+Also Joergen Thiis war gefaehrlich? Er wurde nicht kleiner dadurch; er
+stieg! Der Zwang, den er sich auferlegt hatte--ihr zu Ehren, war
+loeblich! Wenn die Versuchung eines Tages den rebellischen Kraeften das
+Tor oeffnete--konnte sie ihm deswegen eigentlich boese sein?
+
+Den ganzen uebrigen Tag, ja noch als sie sich auszog, dachte sie darueber
+nach. Am aendern Tage fasste sie den Entschluss, jetzt muesse es ein Ende
+haben. Es wurde etwas in ihr aufgewuehlt, das sie schon einmal
+zurueckgedaemmt hatte; das Tempo durfte nicht unterbrochen werden, in dem
+sie sich ihr Leben einzurichten wuenschte. Deshalb nahm sie ihre Arbeit
+energischer als je wieder auf, ja sie machte sich noch mehr zu schaffen.
+Sie sah naemlich die Buecher ihres Vaters und die losen Aufzeichnungen
+durch (deren es reichlich viele gab!), sie wollte Klarheit haben, wie
+die Dinge im ganzen standen. Er hatte doch auch hier Vermoegen, und er
+konnte unmoeglich alles verbraucht haben, was er aus Amerika bekommen
+hatte. Aber sie fand das Gesuchte nicht. Den Vater durfte sie nicht
+damit behelligen, und Frau Dawes wusste nicht Bescheid.
+
+Aber so eifrig sie bei der Sache war,--etwas vom gestrigen Tage schlich
+sich hinein. Joergen hatte natuerlich baden wollen, nach dem Bade
+heraufkommen und sie begruessen. Nach dem, was vorgefallen war, kam er
+nicht. Kam er ueberhaupt wieder? Ohne besonders aufgefordert zu sein? Er
+hatte sich ja einstweilen zur Genuege verrannt. Sie hoerte an den
+folgenden Tagen in der Umgegend schiessen. Manche sagten auch, es werde
+in groesserer Entfernung geschossen. Aber er kam am zweiten Tage nicht,
+kam am dritten nicht und am vierten auch nicht. Ihr gefiel das.
+
+Weil ihre Gedanken so oft auf den Hoehen und im Walde waren, stieg sie
+eines Tages kurz vor dem Mittagessen hinauf. In der letzten Haelfte des
+August ist der Wetterumschlag im suedlichen Norwegen haeufig sehr krass. Es
+war jetzt kalt; sie empfand es als eine Erfrischung, im Nordwind, der
+sie umspielte, bergan zu steigen. Sie stieg etwas unterhalb der Haeuser
+hinauf, da ging es leichter. Sie kletterte rasch, sie war daran gewoehnt
+und sehnte sich, hoeher hinaufzukommen, im Winde zu stehen und ueber das
+aufgeruehrte Meer hinzuschauen. Schon von der ersten Anhoehe aus genoss sie
+den Blick auf die Halden, wo die Leute das Heu zum Trocknen
+ausbreiteten, ueber die Bucht, die Inseln, das Meer, das heute ganz
+schwarz war und viele Segler und etliche Dampfer trug. Doch ueber ihr
+machten die Kraehen einen schauderhaften Laerm; da sass man sicher zu
+Gericht. Sie sah eine und die andere durch die Luft schiessen und weiter
+gegen Norden zwischen den Huegeln verschwinden. Der Spektakel wurde immer
+schlimmer, je hoeher sie kam. Da beeilte sie sich; vielleicht konnte sie
+den Verbrecher retten. Ganz aufgeregt war sie, so dass es ihr kalt ueber
+den Ruecken lief. Sie meinte, wenn sie um den naechsten Vorsprung herum
+sei, muesse sie sie sehen koennen. Statt dessen sah sie, als sie den Kopf
+hinuebersteckte, ein gut Stueck von ihr etwas weiter noerdlich einen Mann
+auf dem Bauch liegen, direkt ueber den Haeusern. Das war Joergen Thiis!
+Zuerst duckte sie sich; aber dann stieg ein froehliches Rachegefuehl in
+ihr auf, und in diesem Gefuehl eilte sie schnell entschlossen hinan. Er
+gewahrte sie und sprang verwirrt und beschaemt in die Hoehe, riss die Muetze
+herunter, setzte sie wieder auf und wusste nicht, wo er hinsehen oder
+sich hinwenden sollte. Sie kam langsam naeher und weidete sich an ihm.
+Schon von weitem rief sie: "Auf die Art also gehen Sie auf
+Jagd?--Vielleicht wollen Sie unsere Huehner schiessen?" Als sie naeher kam:
+"Sie haben keinen Hund bei sich? Ach nein, unsere Huehner koennen Sie ja
+auch ohne Hund schiessen. Oder haben Sie etwa ueberhaupt keinen Hund?"
+
+"Doch,--aber heute bin ich nicht zum Jagen hergekommen. Ich habe genug."
+
+Diese einfachen, sanftmuetigen Worte, bei denen er sie nicht anzusehen
+wagte, warfen ihre Gefuehle ueber den Haufen. Sie wollte ihn nicht quaelen.
+Sie hatte genug von der Tyrannei des Onkels gehoert.
+
+Die Kraehen rasten schlimmer als bisher. "Hoeren Sie nur! Da wird Gericht
+gehalten! Dass Sie dem armen Suender nicht zu Hilfe kommen!"--"Da haben
+Sie wahrhaftig recht!" sagte er, froh, dass er loskam. Er bueckte sich
+nach seinem Gewehr und lief davon. Sie hinterdrein. Erst eine kleine
+Anhoehe hinan, dann den Weg entlang. Um zwei alte Baeume herum tobten die
+grauen Richter; es waren ihrer Hunderte. Aber kaum erblickten sie einen
+Mann mit einer Flinte, als sie kraechzend nach allen Seiten
+auseinanderstoben. Ihre Aufgabe war beendet.
+
+Und richtig: zwischen den beiden grossen Baeumen lag zerzaust und blutig
+eine ungewoehnlich grosse Kraehe in den letzten Zuckungen. Joergen wollte
+sie aufheben. "Nein, fassen Sie sie nicht an!" rief Mary und wandte sich
+ab. Sie ging gleich wieder bis an den Abhang. Sie hoerte ihn nicht
+nachkommen und blieb stehen: "Sie kommen doch mit und essen bei uns?" Er
+kam. Dann gingen sie schweigend bis an die Stelle, wo er gelegen hatte.
+Er fragte hastig: "Wie geht es bei Ihnen zu Hause?"--Sie laechelte: "O
+danke, den Umstanden nach recht gut."
+
+Aus dem Schornstein wirbelte der Rauch in die Hoehe. Vornehm wirken die
+Dachziegel mit ihrer blauen Glasur auf den Hausern. Die grossen Gaerten zu
+beiden Seiten mit den sandbestreuten Wegen lagen da, als haetten die
+Hauser gestreifte Schwingen ausgebreitet. Das Ganze so lebensvoll, als
+werde es sich im naechsten Augenblick in die Luefte heben. "Haben Sie
+lange hier gelegen?" fragte sie unbarmherzig; sie hielt es ja fuer eine
+Art Belagerung. Er antwortete nicht. Sie begann den Abstieg; hier war es
+ziemlich abschussig. "Soll ich Ihnen helfen?"--"O danke, ich bin
+haeufiger hier gegangen als Sie."
+
+Es wurde eine stille Mahlzeit. Joergen ass immer sehr langsam, aber nie so
+langsam wie heute. Mary war mit jedem Gericht schnell fertig und sass und
+sah ihn an. Sagte dies und das und bekam hoeflich Antwort. Seine Augen,
+die sonst gleich Wogen ueber sie hinspuelten, die sie in sich aufsaugen
+wollten ... heute hoben sie sich kaum vom Teller. Ploetzlich hoerte er
+auf. "Ist Ihnen nicht wohl?"--"Doch, danke; aber ich bin satt."--
+
+Wenige Minuten spaeter kam er aus Anders Krogs Zimmer heraus. Mary war
+kurz vorher von Frau Dawes gekommen und hatte gerade ihr Zimmer
+geoeffnet. Joergen Thiis sagte: "Ich finde, gnaediges Fraeulein, Ihrem Vater
+geht es viel besser."--"Ja, er kann schon dies und das sagen und den Arm
+etwas bewegen."--Joergen hoerte das augenscheinlich nicht. "Ist dies Ihr
+Zimmer?--Ich habe es noch nie gesehen." Sie trat beiseite; er schaute
+und schaute. "Wollen Sie nicht eintreten?"--"Darf ich?"--"Bitte sehr!"
+Er ging bis an die Schwelle und ueberschritt sie langsam; Mary folgte
+ihm. Er stand still und atmete schwer; sie war neben ihm. War denn das
+Zimmer mit Spitzen ueberzogen? Er konnte sich gar nicht zurechtfinden.
+Das Bett, die Moebel, weiss mit blau, oder blau mit weiss, die Amoretten an
+der Decke, die Bilder, darunter eins von ihrer schoenen Mutter, mit
+Blumen geschmueckt. Und der Duft ... nicht allein von den Blumen, nein,
+von ihr selbst und all ihrer Habe. Sie stand in ihrem blauen Kleid,--es
+war das mit den kurzen Aermeln,--neben ihm. In diesem reinen Duft, in
+diesem Farbenzauber schaemte er sich. Er schaemte sich so, dass er am
+liebsten aus dem Zimmer gestuerzt waere. Er konnte nicht Herr seiner
+Stimmung werden; in seiner Brust begann es zu arbeiten und zu
+schluchzen; ein Zittern ueberkam ihn. Ihm war, als muesse er in Traenen
+ausbrechen. Da schimmerte es von zwei weissen Armen, und er hoerte etwas
+Leises, das auch blau und weiss und weiss und blau war. Die Tuer wurde
+hinter ihm geschlossen, wohl um ihn zu verbergen. Da schimmerten wieder
+die weissen Arme und er hoerte deutlich: "Aber Joergen!--Aber Joergen!" Er
+fuehlte eine Hand auf seinem Arm und setzte sich hin. Sie hatte wirklich
+"Joergen" gesagt, zweimal "Joergen." Jetzt strich sie ihm das Haar aus
+der Stirn. So weich, so bluetenzart. Es loeste sich etwas in ihm; alles
+Wunde und Harte schmolz unter ihrer Hand und zerrann. In einem
+unsaeglichen Gefuehl von Waerme. Die sich da ueber ihn beugte, war
+eigentlich die erste, die ihm beistand, seit er kein Kind mehr war. Er
+hatte sich so verlassen gefuehlt. Solches Vertrauen zu ihm lag in dem
+Haendedruck. So unverdient. Das tat gut! Oh wie gut das tat! Ihm traeumte,
+er sei auch gut, sei in der Gewalt guter Maechte. Das Weisse und Blaue
+woelbe ein Zelt ueber ihm. Unter diesem Zelt naehmen diese grossen, guten
+Augen seine Seele in sich auf. Er sagte als Entschuldigung ganz leise:
+"Ich konnte es nicht laenger aushalten." Was er nicht laenger aushalten
+konnte, verstand sie; sie prallte zurueck.
+
+"Mary", fluesterte er. Ohne es zu wollen, dachte er laut. Das erschreckte
+ihn und erschreckte sie. Sie wich weiter zurueck von ihm, ihre Augen
+wurden unklar; es versagte da etwas. Das sah er,--und ehe sie es ahnte,
+ehe er selbst es wusste, war er bei ihr. Er umschlang sie und presste sie
+an sich. Er wurde wild, als er ihren Koerper an seinem fuehlte, und kuesste
+sie, kuesste sie, wo er gerade hintraf. Sie bog aus, bald nach der einer
+Seite, bald nach der aendern. Da bedeckte er ihren Hals mit Kuessen. Sie
+fuehlte, jetzt galt es. Einen Arm hatte sie nur frei; aber damit stiess
+sie ihn von sich. Gleichzeitig bog sie sich so weit nach hinten, dass sie
+fast gefallen waere. Dadurch kam er ueber sie, das zuendete, und er wollte
+es sich zu Nutzen machen. Aber er musste seinen rechten Arm loesen, um sie
+umschlingen zu koennen. Gerade dadurch bekam sie ihren linken Arm frei,
+stemmte ihn mit aller Macht ihm gegen die Brust, dass sie sich nach der
+Seite wenden konnte, und stand aufrecht. Ihre Augen trafen sich. Sie
+waren wild, die Flammen in ihnen prallten gegeneinander. Keiner sprach
+ein Wort. Ihre Atemzuege gingen kurz und scharf.
+
+"Mary!" ertoente ein Schrei draussen auf dem Gange. Das war Frau Dawes!
+Frau Dawes, die das Bett nicht mehr verlassen konnte,--stand auf dem
+Flur! "Mary!" noch einmal so verzweifelt, als sei sie einer Ohnmacht
+nahe. Die beiden hinaus: Frau Dawes lehnte in ihrem Nachtgewand vor
+ihrer offnen Tuer an der Wand. Sie war am Umsinken, als Joergen Thiis
+herzugestuerzt kam und sie unter den Arm fasste. Die Treppe herauf kam ein
+Maedchen nach dem andern, auch die kleine Nanna. Joergen stand und hielt
+Frau Dawes, bis sie sie mit vereinten Kraeften aufhoben und hineintrugen.
+Es war furchtbar schwer. Soviel sie hoben und schleppten, sie bekamen
+sie knapp ueber die Schwelle ins Zimmer hinein. Dann langsam weiter; aber
+jetzt kam noch das Allerschwerste: den Oberkoerper ins Bett hineinheben;
+denn das wollte ihnen nicht gelingen. Immer wenn der Oberkoerper auf dem
+Bettrand war, wollten die Beine nicht mit; dann glitt sie wieder
+hinunter; sie selbst half nicht ein bisschen, sie stoehnte nur. Ehe Joergen
+richtig zufassen konnte, lag sie in ihrer ganzen Groesse abermals am
+Boden. Als sie den Oberkoerper wieder einmal hochgehoben hatten, aber
+nicht weit genug, dass er durch seine eigene Schwere liegen geblieben
+waere, waren sie ganz verzweifelt; sie wussten nicht, was sie machen
+sollten. Das kleine Maedchen lachte laut auf und lief weg; Joergen sandte
+ihr einen wuetenden Blick nach. Das war selbst fuer Mary zuviel. Vor drei
+Minuten noch hatte sie wie eine Verzweifelte gekaempft,--und nun ueberkam
+sie eine so unbegreifliche Lachlust, dass auch sie hinauslaufen musste. Da
+stand sie mit dem Taschentuch vorm Munde und kruemmte sich vor Lachen,
+als die Pflegerin aus dem Zimmer ihres Vaters herauskam; er wollte
+wissen, was los sei. Mary ging hinein. Sie konnte es ihm vor Lachen kaum
+auseinandersetzen, wie naemlich Frau Dawes dalag und was fuer
+Anstrengungen Joergen und die Maedchen machten. Ihren Vater quaelte die
+Frage, was Frau Dawes wohl auf dem Flur gewollt habe. Da verstummte
+Marys Lachen. Ein Maedchen kam aus Frau Dawes' Zimmer und berichtete,
+jetzt liege die gnaedige Frau im Bett. Sie moechte das gnaedige Fraeulein
+sprechen.
+
+Im Zimmer stand Joergen am Fussende des Bettes; Frau Dawes lag und
+stoehnte und weinte und rief nach Mary. Kaum liess Mary sich in der Tuer
+blicken, da fing sie an: "Was war mit Dir, Kind? Mich ueberkam eine
+schreckliche Angst,--was war los?" Mary ging zu ihr hin, ohne Joergen
+anzusehen. Sie kniete neben ihrer alten Freundin hin und legte den Arm
+um ihren Hals: "Ach, Tante Eva!" sagte sie und schmiegte den Kopf an
+ihre Brust. Nach einer Weile fing sie zu weinen an.--"Was ist denn? Was
+ist denn? Was macht Dich so ungluecklich?" jammerte Frau Dawes und strich
+ihr immer und immer wieder mit der Hand ueber das herrliche Haar.
+Schliesslich blickte Mary auf; Joergen Thiis war fort. Aber sie schwieg.
+"Nie habe ich solch ein Gefuehl gehabt," fing Frau Dawes wieder an, "wenn
+nicht etwas Entsetzliches bevorstand!" Mary schwieg. "War es etwas mit
+Joergen Thiis?" Mary sah sie an.--"O Gott, das habe ich mir
+gedacht!--Aber bedenke, Kind, er hat Dich geliebt, seit er Dich zum
+erstenmal gesehen hat, und nie eine andere. Das ist schwer, siehst
+Du.--Und kein einziges Mal hat er Dir gegenueber etwas wie eine Andeutung
+gemacht,--oder doch?"--Mary schuettelte den Kopf. "Das ist viel. Das
+zeugt von Charakter. Zu Diensten ist er Dir gewesen und verehrt hat er
+Dich,--ja, sei nicht zu streng! Erst jetzt, da Du arm bist, wagter
+----ja, was war denn eigentlich los?"--Mary zoegerte eine Weile; dann sagte
+sie: "Erst war es, als werde ihm schlecht. Aber dann wurde er ploetzlich
+toll."--"Ach, ich koennte Dir auch etwas erzaehlen ... Ja, ja, ja!" Sie
+versank in Gedanken. Dann murmelte sie: "Wenn einer jahrelang so
+herumgeht..."--"Wir wollen nicht darueber reden!" unterbrach Mary sie und
+stand auf.--"Nein, das ist ..."--"Nichts mehr davon!" wiederholte Mary.
+Sie trat ans Fenster. Da hoerte sie Frau Dawes hinter sich: "Er hat mit
+mir gesprochen, musst Du wissen. Ob er jetzt seinen Antrag machen duerfe.
+Er koenne sich nichts Schoeneres denken. Einspringen, wenn wir nicht
+weiterkoennen. Aber er findet, Du bist zu unnahbar." Mary machte
+unwillkuerlich eine Bewegung. Frau Dawes bemerkte es: "Sei jetzt nicht zu
+streng, Mary! Weisst Du, Kind, Dein Vater und ich, wir finden beide ..."
+--"Nicht, Tante!" Mary drehte sich rasch nach ihr um--nicht gerade
+unwillig, aber doch so, dass das Gespraech nicht weitergehen konnte.
+
+Mary blieb in der Stube. Sie wollte nicht Gefahr laufen, mit Joergen
+Thiis zusammenzutreffen. Als Mary Frau Dawes einmal eine Handreichung
+leistete, sagte diese: "Du weisst, Kind, er beerbt Onkel Klaus?" Als Mary
+nicht antwortete, wagte sie fortzufahren: "Joergen glaubt, Onkel Klaus
+wird ihm helfen, wenn er sich verheiratet." Mary ging das zu einem Ohr
+hinein, zum andern hinaus.
+
+Als die Bahn frei war, suchte Mary ihr eigenes Zimmer auf. Sie
+durchdachte die ganze Szene noch einmal und gluehte vor Aufregung, aber
+sie war verwundert, dass sie eigentlich nicht erzuernt war. Es war ja doch
+ganz entsetzlich.
+
+Und gerade als sie dachte: "Was jetzt weiter?" klopfte es leise an die
+Tuer. Sie wurde sehr boese, sie waere am liebsten aufgesprungen und haette
+die Tuer verschlossen. Aber nach einer Weile sagte sie: "Herein!" Die Tuer
+oeffnete sich und schloss sich, ohne dass sie aufsah; sie sass in ihrem
+grossen Stuhl. Leise und demuetig kam er heran und liess sich aufs Knie
+nieder, indem er das Gesicht in ihre Haende legte. Daran war nichts
+Abstossendes. Er war tief bewegt. Sie blickte hinunter auf seinen
+huebschen Kopf mit dem weichen Haar. Sie verweilte bei seinen langen
+Kuenstlerfingern. Etwas Feines wirkte an ihm versoehnend. Aber diese
+Sentimentalitaet! "Soll ich abreisen?" war das einzige, was er sagte. Sie
+zoegerte eine Weile, dann sagte sie: "Ja." Ganz leise. Er liess die Arme
+sinken, griff nach ihrer rechten Hand und drueckte seine Lippen darauf,
+lange, aber ehrerbietig. Stand auf und ging.
+
+Bei dem Kuss, so ehrerbietig er war, durchrieselte ihren Koerper ein
+aufregendes Gefuehl. Wie sie es vorhin gehabt hatte, als er sie kuesste
+und kuesste, dass sie einer Ohnmacht nahe war. Sie blieb verwundert sitzen.
+Noch lange, nachdem er fort war. Sie dachte wieder ihren Kampf bis ins
+kleinste durch und zitterte. "Warum bin ich nicht boese auf ihn?"
+
+Da klopfte es wieder. Das Maedchen der Frau Dawes fragte an, ob sie nicht
+herueberkommen wolle. "Du hast ihn abreisen lassen, Kind?" Frau Dawes war
+mehr als betruebt. Vor Eifer richtete sie sich auf und stuetzte sich auf
+den einen Arm. Ihre Muetze sass schief auf dem kurzen grauen Haar, der
+fette Hals war roeter als gewoehnlich, als sei es ihr zu warm. "Warum hast
+Du ihn abreisen lassen?" wiederholte sie. "Er wollte doch."--"Wie kannst
+Du das sagen, Kind? Er war doch bei mir und jammerte. Er wollte fuer sein
+Leben gern hier bleiben! Du hast keinen Begriff davon. Du hast ihn ja
+immer bloss zurueckgestossen. Und gefoltert." Sie legte sich ganz
+verzweifelt wieder zurueck. Das Wort "gefoltert" machte fluechtig einen
+komischen Eindruck; aber Mary hatte selbst die Empfindung, sie haette mit
+ihm sprechen sollen, ehe sie ihn gehen liess. Denn gehen musste er.
+
+Es kamen recht schwere Tage. Anders Krogs Befinden verschlechterte sich
+bei einem Witterungsumschlag. Dazu kamen Verdauungsbeschwerden. Es fiel
+ihm schwerer, sich verstaendlich zu machen. Mary war viel bei ihm; dann
+folgte er ihr mit den Augen, dass es ihr fast Angst machte.
+
+Frau Dawes schickte ihm kleine Zettel. Von ihrer Schreiberei liess sie
+sogar im Bett nicht. Immer wenn solch ein Zettel kam, blickte er Mary
+lange an. Da erriet sie, wovon die Zettel handelten.
+
+Eines Tages sagte Frau Dawes zu ihr: "Du ueberschaetzt Dich, wenn Du
+meinst, Du kannst hier allein mit uns leben."--"Wie meinst Du
+das?"--"Dass Du im Fruehling des gesellschaftlichen Lebens noch so muede
+sein magst,--wenn der Herbst kommt, lockt es doch. Du bist zu sehr daran
+gewoehnt."--
+
+Mary antwortete diesmal nicht; aber einige Tage spaeter--es war lange
+nasskaltes Wetter gewesen, und sie hatte nicht draussen sein koennen--sagte
+sie zu Frau Dawes: "Du kannst recht haben, das Leben, das wir all diese
+Jahre hindurch gefuehrt haben, hat tiefe Wurzeln in mir geschlagen."--"O
+ja, tiefere als Du selbst ahnst, mein Kind!"--"Aber was soll ich denn
+tun? Von hier fort kann ich doch nicht? Ich will es auch
+nicht."--"Nein.--Aber Du koenntest Dir etwas Abwechslung verschaffen."
+--"Wie denn?"--"Du verstehst mich recht gut, Kind! Wenn Du
+verheiratet waerst, wuerde er zeitweise hier mit Dir leben und Du
+zeitweise mit ihm da, wo er hin muss."--"Eine wunderliche Ehe!"--"Ich
+glaube nicht, dass Du ihm sonst naeherkommen kannst."--"Wem
+naeherkommen?"--"Dem, was das Leben von Dir verlangt. Und dem, woran Du
+gewoehnt bist."
+
+Mary fuehlte, das, was Frau Dawes da sagte, sei auch des Vaters Wunsch.
+Dass es ihr Schicksal sei, was ihm die groesste Sorge mache. Dass ihm eine
+Ehe mit Joergen unter Onkel Klaus' Obhut eine grosse Beruhigung sei. Es
+lag wie ein Druck auf ihr, dass sie bis auf diesen Tag wenig Ruecksicht
+auf die Wuensche des Vaters genommen hatte.
+
+Diese ganze Zeit, all diese Erwaegungen erschienen ihr wie das Rezitativ
+einer Oper, das zwei Handlungen miteinander verbindet.
+
+Wenn sie jetzt, wo es herbstete, ueber die Bucht hinschaute, fuehlte sie
+sich wie eine Gefangene. Stand sie oben auf der Hoehe und sah mit den
+schaumspruehenden Wogen den rauhen Herbst daherkommen, dann hatte sie das
+Gefuehl, er wolle sie fuer den Winter einkerkern. Dann brauste es in ihr
+auf; sie war an anderes gewoehnt.
+
+Auch in ihrem Blut brauste es. Sie hatte ihre Ruhe verloren. In der
+Erinnerung erschien ihr Joergen nicht abstossend. Die Atmosphaere, die ihn
+umgab, schien ihr sogar sympathisch.
+
+Dass ein Schlaganfall den Vater aufs Krankenlager geworfen hatte, und
+dass Joergen gerade anwesend war, und dass er dem Vater willkommen
+war,--knuepfte das kein Band? War das nicht wie Schicksal?
+
+An Joergens Seite in Stockholm[1] aufzutreten und spaeter weiter in die
+Welt gesandt zu werden,--einen naturgemaesseren Abschluss ihres
+Wanderlebens, eine vielseitigere Verwendung dessen, was sie dabei
+gelernt hatte, konnte man sich schwer vorstellen.
+
+Onkel Klaus musste helfen. Gruendlich helfen. Sie war sich ihrer Macht
+ueber Onkel Klaus bewusst.--
+
+"Kurz und gut, liebe Tante Eva," sagte sie eines Tages, als sie neben
+ihr am Bett sass und mit ihr plauderte: "Du kannst an Joergen schreiben."
+
+[Footnote 1: Schweden und Norwegen hatten damals ein gemeinsames
+Ministerium des Auswaertigen.]
+
+ * * * * *
+
+Mary stand selbst auf der Bruecke, als das Boot anlegte. Es war am
+Sonnabend nachmittag, und wer irgend konnte, floh aus der Stadt, um die
+letzten Herbsttage im Freien zu geniessen. Es war ein schoener Tag. Im
+suedlichen Norwegen hat man solche Tage oft bis tief in den September
+hinein. Mary war in Blau und hatte einen blauen Sonnenschirm, mit dem
+sie Joergen und ein paar Freundinnen winkte, die neben ihm standen. Alle
+Leute an Bord kamen nach der Landungsseite herueber, um zuzusehen.
+
+Sowie Joergen neben ihr stand, fuehlte er, dass er vorsichtig sein muesse.
+Er erriet, dass sie ihn nur deshalb hier unten in Empfang nahm, damit ihr
+Zusammentreffen nicht intim ausfallen koenne.
+
+Auf dem Wege nach oben sprachen sie ueber die Schwalben, die sich jetzt
+zum Aufbruch ruesteten, ueber den Verwalter, der kuerzlich einen maechtigen
+Adler geschossen hatte, ueber das Schreibbrett, das fuer Frau Dawes
+konstruiert worden war, ueber die gute Grummeternte, ueber die Obst-und
+die Futterpreise.--Drinnen im Flur lief sie ihm mit einem kurzen
+"Verzeihung!" weg. Sie flog die Treppe hinauf. Der Bursche, der Joergens
+Koffer brachte, trat hinter ihnen in die Tuer; Joergen und er standen da
+und wussten nicht wohin. Da hoerten sie Marys Stimme von oben: "Bitte
+hierher!" Sie gingen hinauf. Sie oeffnete das Fremdenzimmer, das neben
+ihrem eigenen lag, und liess den Burschen den Koffer dahinein setzen. Zu
+Joergen sagte sie: "Wollen wir nicht jetzt zu Vater hineingehen?"--Sie
+ging voran. Die Pflegerin war nicht da. Vermutlich um die
+fortzuschicken, war sie vorhin nach oben gelaufen.
+
+In den Augen des Kranken leuchtete es auf, als er hinter ihr in der
+offenen Tuer Joergen bemerkte. Kaum war die Tuer geschlossen, als Mary auf
+ihren Vater zuging, sich ueber ihn beugte und sagte: "Joergen und ich
+haben uns verlobt, Vater."
+
+Alle Guete und alles Glueck, das sich in einem Angesicht vereinen kann,
+strahlte aus den Mienen des Vaters. Laechelnd wandte sie sich zu Joergen,
+der blass und verwirrt dastand und nahe daran war, auf Mary zuzustuerzen
+und sie zu umarmen. Aber er fuehlte, sie wollte wohl seine Ueberraschung,
+seine Dankbarkeit und seine Anbetung, aber keine Zeremonien. Das tat
+seinem Glueck keinen Abbruch. Er begegnete ihren laechelnden Augen mit der
+vollsten, innigsten Freude. Er drueckte die Hand, die Anders Krog ihm
+geben konnte, er blickte ihm in die traenennassen Augen und seine eigenen
+fuellten sich mit Traenen. Aber gesprochen wurde kein Wort, bis Mary
+sagte: "Jetzt gehen wir zu Tante Eva!"
+
+In einem Gefuehl des Sieges ging sie voran. Bewundernd folgte er ihr.
+Sein Herz war voll, nicht zum wenigsten von Begeisterung ueber den
+Grossmut, mit der sie ihm verziehen hatte. Er dachte: draussen auf dem
+Flur wird sie sich umdrehen, und dann ... Aber sie ging direkt auf Frau
+Dawes' Tuer zu und klopfte an.
+
+Als Frau Dawes Joergen gewahrte, schlug sie die fetten Haende zusammen,
+zerrte an ihrer Muetze und wollte sich aufrichten,--aber es gelang ihr
+vor lauter Ruehrung nicht. Sie sank wieder zurueck, weinte glueckselig vor
+sich hin und streckte die Arme aus; Joergen warf sich hinein, aber zum
+Kusse kam es nicht.
+
+Sobald ein vernuenftiges Wort gesprochen werden konnte, sagte Mary:
+"Findest Du nicht auch, Tante Eva, morgen muessen wir beide zu Onkel
+Klaus?"--"Das einzig Richtige, Kind! Das einzig Richtige. Worauf braucht
+Ihr zu warten?"--Joergen strahlte. Mary zog sich zurueck, damit die beiden
+in aller Vertraulichkeit miteinander sprechen koennten.
+
+Als sie wieder zusammenkamen, merkte er, dass die Parole hiess: "Ansehen,
+aber nicht anfassen!" Das fiel ihm schwer; aber er gab zu, dass einer,
+der so vermessen gewesen war, im Zaum gehalten werden musste. Sie wollte
+selbst ueber sich verfuegen.
+
+In ihrem Triumphgefuehl war sie schoener als je. Es erschien ihm wie eine
+Gnade, dass sie "Du" zu ihm sagte. Das war auch alles, wozu sie sich
+herabliess. Er wartete und wartete; aber sie gab nicht mehr. Den ganzen
+Tag nicht. Da nahm er seine Zuflucht zum Klavier und jammerte ganz
+fuerchterlich darauf: Mary machte die Tueren auf, damit Frau Dawes etwas
+hoeren koenne. "Der arme Junge!" sagte Frau Dawes.
+
+Am aendern Tage kam sie erst kurz vor der Abfahrt des Dampfers nach
+unten, mit dem sie zu Onkel Klaus wollten. "Heute bist Du richtig la
+grande dame",--Joergen musterte sie bewundernd; sie stand in ihrer
+elegantesten Pariser Besuchstoilette vor ihm. "Du willst Onkel Klaus
+wohl imponieren?"--"Das auch. Aber es ist doch heute Sonntag.--Sag'
+mal," sie wurde ploetzlich ernst, "weiss Onkel Klaus von Vaters
+Unglueck?"--"Von seiner Krankheit?"--"Nein, von der Ursache der
+Krankheit?"--"Das weiss ich nicht. Ich komme von Hause.--Ich habe nichts
+gesagt. Nicht mal zu Hause."--Das gefiel ihr. Deshalb wurde auch der
+Gang zum Dampfer hinunter und nachher die Fahrt gemuetlich und froehlich.
+Sie sprachen leise von der Hochzeit, von dem Urlaub fuer den ersten Monat
+nachher, von dem Leben in Stockholm, von ihrer Reise dahin, von seinem
+Weihnachtsbesuch zu Hause, von einem kleinen Abstecher nach Kristiania
+jetzt gleich--kurz, an ihrem Himmel waren keine Wolken.
+
+Onkel Klaus trafen sie in seiner Rauchhoehle, wo sie ihn mehr ahnten, als
+dass sie ihn sahen. Er war selber ganz erschrocken, als Mary in ihrer
+ganzen Herrlichkeit vor ihm stand. Er eilte ihnen in den grossen steifen
+Salon voran. Noch ehe sie sassen, sagte Joergen: "Ja, Onkel, heute kommen
+wir, um Dir zu erzaehlen--" er kam nicht weiter; denn Onkel Klaus sah an
+ihren Gesichtern, was fuer eine strahlende Neuigkeit sie brachten. "Ich
+gratuliere, ich gratuliere!" Der grosse Mann streckte jedem eine Hand
+hin: "Ja, das sagen alle," triumphierte er, "Ihr beide seid das
+schmuckste Paar, das je in der Stadt war. Denn", fuegte er hinzu, "wir
+andern haben Euch ja lange verlobt!" Kaum hatten sie sich gesetzt, als
+sich sein Gesicht verfinsterte. Er sah Mary mitleidig an: "Dein Vater,
+armes Kind!"--"Vater geht es jetzt besser", antwortete sie
+ausweichend.--Onkel Klaus blickte sie forschend an: "Er kann ja wohl
+nicht mehr ..." er hielt inne, er konnte es wirklich nicht ueber sich
+gewinnen, das auszusprechen, auch Mary nicht. Sie sassen also eine Weile
+schweigend da.
+
+Als das Gespraech wieder in Fluss kam, redeten sie ueber die ungewoehnlich
+schlechten Zeiten. Es mache den Eindruck, als wollten die kein Ende
+nehmen. Die Aktien haetten keinen Wert, die Schiffahrt liege darnieder,
+keine neuen Unternehmungen, das Geld arbeite nicht. Waehrend sie hierueber
+sprachen, blickte Onkel Klaus Joergen mehrmals an, als wolle er nach
+etwas fragen, wenn er erst fort sei: Sie bemerkte es und gab Joergen
+einen Wink, er stand auf und entschuldigte sich: er habe sich mit
+einigen Kameraden in der Stadt verabredet. Es war zwischen Mary und ihm
+ausgemacht, dass sie allein mit Onkel Klaus reden solle. Aber was mochte
+Onkel Klaus mit ihr zu besprechen haben? Sie war gespannt.
+
+Joergen war kaum aus der Tuer, da sagte Onkel Klaus mit bekuemmerter
+Miene: "Armes Kind, ist es wahr, dass Dein Vater in Amerika grosse
+Verluste gehabt hat?"--"Er hat alles verloren", antwortete sie. Blass und
+entsetzt fuhr der grosse Mann in die Hoehe: "Er hat alles verloren?"--Er
+starrte sie mit weit offnem Mund an, wurde dunkelrot und rief: "Ja,
+Gottsdonnerwetter, da kann ich verstehen, dass man den Schlag
+bekommt."--Er begann im Zimmer auf und ab zu rennen, als sei ausser ihm
+niemand da. Die weiten Hosen schlotterten ihm um die Beine, mit den
+langen Armen fuchtelte er in der Luft herum. "Er ist doch schon immer so
+ein leichtglaeubiger Tropf gewesen! Ein richtiger Dussel! Wenn man sich
+vorstellt, einer hat ein so grosses Vermoegen im Geschaeft eines aendern
+stecken, und er kuemmert sich dann nicht weiter drum! Das ist doch eine
+verdammte--" er hielt jaeh inne und fragte in hoechstem Erstaunen: "Auf
+was wollt Ihr denn heiraten--?"
+
+Mary war tief verletzt, noch ehe diese Frage kam. In ihrer Gegenwart
+sich so zu benehmen, vor ihren Ohren so etwas von ihrem Vater zu sagen!
+Trotzdem antwortete sie mit ihrem reizendsten Laecheln und voll
+Schelmerei: "Auf Dich, Onkel Klaus!"
+
+Seine Verblueffung war nicht zu beschreiben. Sie versuchte sie zu
+daempfen, ehe sie zum Ausbruch kam, sie bedauerte ihn scherzend--und zwar
+auf englisch--was fuer ein armer Mann er sei. Aber das prallte ab wie
+Vogelgezwitscher an einem Baeren. "Das sieht dem Joergen, diesem Satan,
+aehnlich," brach er schliesslich hervor, "gleich auf mich zu
+spekulieren!"--Er rannte wieder durch die Stube, schneller als bisher:
+"Haha! das konnte ich mir ja denken! Wenn was in die Quere kommt, muss
+ich herhalten! In diesen Zeiten, wo ich kaum mein Essen verdiene! Solche
+Unverschaemtheit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!"
+Er sah sie nicht, er sah ueberhaupt nichts. Dieser reiche Mensch hatte
+seinen Launen, seiner Wut, seiner Unverschaemtheit immer freien Lauf
+gelassen. "Schockschwerenot, Joergen verdiente, dass ich ihm auch das
+entzoege, was er jetzt bekommt. Immer will er mehr haben! Und nun sollte
+ich--ha, ha! Ja, das ist ein Prachtbengel!"--
+
+Mary sass totenblass da. Sie war nie bisher gedemuetigt worden; nie bisher
+hatte ein Mensch sie anders als eine Bevorzugte behandelt.
+
+Aber den Kopf verlor sie nicht. "Ich fuehre jetzt Vaters Buecher," sagte
+sie kuehl; "daraus habe ich ersehen, dass auch Ihr Geschaefte zusammen
+gemacht habt."--"Oh ja," sagte er, ohne stehen zu bleiben und ohne sie
+anzusehen: "Oh ja--mit ein paar Hunderttausend. Aber wenn Du die Buecher
+fuehrst, weisst Du wohl auch, dass sie in diesen Zeiten fast nichts
+einbringen."--"Das ist nun wohl uebertrieben", antwortete sie. "Ja, was
+willst Du mit den Papieren?" fragte er und blieb stehen. Aus einer
+ploetzlichen Eingebung heraus rief er: "Hat Joergen Dich beauftragt, sie
+zu verkaufen?"--"Joergen hat mich zu nichts beauftragt", sagte sie und
+stand auf.
+
+Wie sie blass und gross und stattlich vor ihm stand und ihn mutig ansah,
+war er der Unterlegene. Er starrte sie nur an. Sie sagte: "Ich bedaure,
+dass ich nicht eher gewusst habe; was fuer ein Mensch Du bist." Alle
+Ueberlegenheit fiel von ihm ab,--er stand dumm und schwerfaellig da. Er
+war nicht imstande zu antworten, ja nicht einmal sich zu ruehren. Er liess
+sie gehen. Und das wollte er gerade am wenigsten.
+
+Durch das Fenster sah er ihr nach, sah sie nach dem Markt hinuntergehen.
+Wie schoen und stolz sie war, wie ein Bild.
+
+Als Joergen bald darauf kam, um Mary abzuholen oder vielmehr mit ihr
+zusammen zu Tisch dazubleiben,--denn er war ueberzeugt, sie wuerden zum
+Essen eingeladen werden--bekam er nicht allein dieselbe Lektion, die sie
+bekommen hatte, sondern eine viel saftigere, weil Onkel Klaus jetzt
+ausserordentlich unzufrieden mit sich selbst war. Dafuer musste Joergen
+buessen. "Warum, zum Donnerwetter, bist Du nicht selbst gekommen? Du
+warst wohl zu feig dazu?--Und dann hast Du sie veranlassen wollen,
+Aktien zu verkaufen, die jetzt gar keinen Wert haben! Ein verflucht
+leichtsinniger Kerl bist Du doch immer gewesen."--Onkel Klaus hatte
+unrecht; aber Joergen kannte ihn, er wusste, dass man ihm jetzt nicht
+widersprechen durfte. Er machte sich auf allen vieren davon und kam zu
+Mary, erbarmungswuerdiger als damals, wo sie ihn oben auf dem Huegel
+getroffen hatte, wie er in das verlorene Paradies hinunterschaute. Sie
+selbst hatte geweint vor Aerger und Enttaeuschung; aber sie hatte
+Sprungfedern in sich; jetzt kam der Umschlag. Ihr Sturz aus ihrer
+Siegesstimmung herab, die sie noch vor einer halben Stunde gehabt hatte,
+war so jaeh, dass die ganze Geschichte, wenn man Joergens jaemmerlichen
+Zustand dazunahm, laecherlich wurde. Sie lachte so ausgelassen, so
+koestlich befreit, dass sogar Joergen geheilt wurde. Nach Verlauf einer
+Viertelstunde gingen die beiden jungen Menschen ueber die Strasse, um sich
+ein leckeres Mittagessen mit Champagner zu bestellen. Waehrend das
+hergerichtet wuerde, wollten sie einen Spaziergang machen. Aber kaum
+standen sie draussen in der koestlich frischen Luft, da musste Joergen
+wieder hinauf und nach Krogskog telephonieren, sie wuerden heimkommen und
+dort zu Mittag essen. Es wuerde ungefaehr zwei Stunden dauern auf der
+neuen Landstrasse; das sollte ein herrlicher Spaziergang werden!
+
+Sie schritten tuechtig aus; der klare Herbsttag mit seiner frischen Brise
+war kuehl,--so rechtes Wetter zum Wandern.
+
+Der Weg an der See entlang durchschnitt die Landzungen; sie freuten sich
+ueber den steten Wechsel von Strand und Bergeshoehe, von Bergeshoehe und
+Strand. Das Meer tiefblau, bis weit hinten voller Segel und Rauchsaeulen.
+Heut war Sonntag, daher waren auch viele Lustjachten draussen; sie
+krochen durch die Meerengen und wagten sich auf die offene See hinaus.
+
+Bei ihrem schnellen Tempo waren die beiden bald aus der eigentlichen
+Stadt heraus. Da lag ein huebsches kleines Haus in einem Garten. "Wem
+gehoert das?" fragte Mary. Es sah so einladend aus. "Fraeulein Roey, der
+Aerztin", antwortete Joergen eifrig. "Ich habe ueber all dem Aerger und der
+Enttaeuschung doch vergessen, Dir zu erzaehlen, dass ich Franz Roey in der
+Stadt getroffen habe!" Ohne es zu wissen, blieb Mary stehen. Ohne es zu
+wollen, wurde sie rot. "Franz Roey?" fragte sie und blickte starr vor
+sich hin. Dann ging sie weiter, noch bevor sie eine Antwort bekommen
+hatte. "Er soll hier die Hafenarbeiten leiten. Du weisst, Irgens ist
+tot."--"Der Ingenieur? Der ist tot?"--"Und jetzt heisst es, Hauptmann Roey
+wird das uebernehmen."--"Ist das eine Arbeit fuer einen Mann wie
+ihn?"--"So fragt gewiss mancher.--Alle fragen, was er hier will?" lachte
+Joergen. Mary sah ihn an und er Mary. Dann ging er naeher an sie heran:
+"Aber jetzt kommt er zu spaet." Er hatte als Antwort einen
+verstaendnisvollen Blick erwartet, in dem vielleicht ein bisschen Glueck
+lag. Aber sie ging weiter, ohne ihn anzusehen, auch ohne etwas zu sagen.
+
+Da trat eine lange Pause ein. Sie gingen schnell. Der Herbstwind wehte
+erfrischend. Da wandte sie sich zu ihm, um ihm eine Freude zu machen.
+"Weisst Du, Joergen, dass Vater bei Onkel Klaus zweihunderttausend Kronen
+stehen hat?"--"Zweihundertfuenfzigtausend", antwortete Joergen. Sie war
+sehr erstaunt,--einmal darueber, dass Joergen Bescheid wusste, dann ueber die
+fuenfzigtausend Kronen. "Onkel Klaus sprach von zweihunderttausend."
+--"Ja, die Dein Vater in seine Unternehmungen und in das
+Schiff hineingesteckt hat. Aber kurz bevor Dein Vater krank wurde,
+hat er Onkel fuenfzigtausend Kronen geschickt, die frei geworden
+waren."--"Woher weisst Du das?"--"Onkel hat es mir gesagt."--"Ich habe
+nichts darueber gefunden."--"Nein, Dein Vater hat sich mit dem Verbuchen
+wohl nicht beeilt; das war seine Art so. Ausserdem--," hier stockte
+Joergen, "kennst Du alle Geschaefte Deines Vaters?" Sie wollte darauf
+nicht eingehen; die Frage kam ihr nicht unerwartet. Aber wie konnte
+Joergen--? Vielleicht durch Frau Dawes. Jedenfalls freute sie sich. Sie
+war stehen geblieben, sie wollte etwas sagen. Aber der Wind hob ihr die
+Roecke hoch, loeste ihr eine Haarstraehne und riss ihr den Schal ab.
+"Herrgott, wie entzueckend Du aussiehst!" rief er.--"Aber dann steht ja
+nichts im Wege, Joergen?"--"Wir koennen heiraten, meinst Du?"--"Ja", und
+damit ging's weiter.--"Nein, Liebste, jetzt bringen die Aktien nahezu
+nichts ein."--"Ja, was tut das? Wir muessen drauflosgehen, Joergen!" Sie
+strahlte vor Gesundheit und Mut. "Ohne Onkels Zustimmung?" fragte er
+verzagt.--Sie stand wieder still: "Wuerde er Dich enterben?"--Ohne direkt
+zu antworten, sagte er schwermuetig: "Wenn Du wuesstest, Mary, was ich mit
+Onkel ausgestanden habe. Vom ersten Tag an, da er mich zu sich nahm. Wie
+er mich geplagt hat. Wie er mir aufgepasst hat. Bis auf diesen Tag bin
+ich wie ein ungezogener Schuljunge von ihm behandelt worden. Seine
+schlechte Laune hat er stets an mir ausgelassen." Auf seinem Gesicht
+zeigte sich eine solche Mischung von Verbitterung und Unglueck, dass Mary
+unwillkuerlich rief: "Armer Joergen,--jetzt fange ich an zu verstehen!"
+Sie gingen weiter. Sie dachte daran, dass seine Faehigkeit, sich zu
+beherrschen in einer harten Schule erworben sei; da hatte er auch
+gelernt, sich zu verstellen. Seine Zaehigkeit musste sie bewundern; was
+hatte er nicht alles durchgesetzt! Und allein seine Musik! Die war wohl
+sein Trost gewesen. Jetzt verstand sie seine ungewoehnliche Hoeflichkeit.
+Jetzt verstand sie seine Sentimentalitaet. Sie verstand, wodurch er so
+streng und pedantisch geworden war und so hart gegen seine Untergebenen.
+
+Sie sah ein, dass auch sie vielleicht schuld gewesen, wenn es ihm
+schlecht gegangen war. Seine lange, schweigende Liebe zu ihr hatte ihm
+nur eine Last mehr aufgebuerdet; denn sie hatte ihm kein aufmunterndes
+Wort gegoennt; im Gegenteil! Was Wunder, dass er schliesslich wie verhext
+war? "Armer Joergen", sagte sie noch einmal und fasste seine Hand. Das
+erste Liebeszeichen, das sie ihm je gewaehrt hatte. Sie musste es gleich
+wieder zuruecknehmen, weil sie die Roecke festhalten musste, denn um die
+Landzunge pfiff ein scharfer Wind, und ein Segelboot schnitt gerade
+unter ihnen durch das Wasser. Vom Boote aus wurde heraufgewinkt, und sie
+winkten hinunter. Welch ein herrlicher Tag, wie schimmernd blau der
+Fjord mit den roten Wimpeln ueberall.
+
+Als sie zur Bucht hinunterkamen, fragte sie: "Glaubst Du wirklich, er
+wuerde Dich enterben, wenn wir uns verheiraten?"--"Wir haben nichts,
+woraufhin wir heiraten koennen, Du Liebe!"--"Wir koennen doch diese
+Papiere verkaufen", sagte sie mutig. "Ja, wenn wir so vorgehen, um uns
+heiraten zu koennen, dass wir sie jetzt verkaufen, wo sie so niedrig
+stehen, ja, dann enterbt er mich sicher."--Aber sie wollte die Hoffnung
+nicht aufgeben: "Und unser Wald?"--"Der muss erst jahrelang stehen."--
+
+Wie gut Joergen Bescheid wusste! Wie genau er alles ueberlegt hatte!
+
+Sie kamen auf die Strandstrasse, die auf die letzte Landzunge bei
+Krogskog zufuehrte. Da stand ein alter wunderlicher Finnenhund. Mary war
+gut Freund mit ihm. Er klaeffte ja immer ein bisschen, wenn jemand in
+seine Naehe kam; vielleicht konnte er nicht gut sehen; aber er wedelte
+gleich mit dem Schwanz, wenn er einen Bekannten witterte. Heute war er
+wie toll.
+
+"Herrjeh," rief Mary, "ist er etwa auf Dich so wuetend?" Joergen
+antwortete nicht, sondern bueckte sich nach einem kleinen Stein. Als der
+Hund das sah, rannte er, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, hinter
+einen Reisighaufen am Wege. Von dort setzte er dann das Konzert fort.
+"Lass ihn doch!" sagte Mary, als sie sah, dass Joergen die Schusslinie
+berechnete. "Es waere doch spassig, wenn er sich genau auf die Stelle
+zurueckzoege, auf die ich ziele," sagte er, "dann bekommt er den Stein
+naemlich gerade auf den Ruecken." Dabei tat er, als werfe er; der Hund
+setzte davon,--da warf er erst, und der Hund bekam den Stein genau auf
+den Ruecken. Er heulte auf. "Siehst Du!" sagte Joergen triumphierend. "Es
+gibt nicht viele, die so sicher treffen, kann ich Dir sagen."--"Kannst
+Du ebenso gut schiessen?"--"Ob ich es kann! Wirklich, Mary, alles, womit
+ich mich befasse--viel ist es ja nicht,--das tue ich gruendlich." Das
+musste sie zugeben. Das rasende Gebell des Hundes in der Ferne bestaetigte
+es auch.
+
+Auf dem Richtsteig zum Hause hinauf sagte er: "Meinst Du, wir sagen Frau
+Dawes oder Deinem Vater etwas?"--"Von Onkel Klaus?"--"Ja. Es wuerde sie
+nur betrueben. Koennen wir nicht sagen, er habe gemeint, wir sollten bis
+zum Fruehjahr warten?"--Sie blieb stehen. Sie war nicht fuer so etwas.
+Aber Joergen blieb dabei. "Ich kenne Onkel Klaus besser als Du. Ihm wird
+es bald leid. Freilich wird er nicht nachgeben, aber er wird selbst mit
+einem anderen Vorschlag kommen, ungefaehr mit so etwas, wie ich jetzt
+meine:--er moechte, wir warteten bis zum Fruehjahr."
+
+Mary war sich laengst darueber klar, wie gut Joergen unterrichtet sei; sie
+musste deshalb auch zugeben, dass er so etwas besser verstand als sie.
+Aber an Schleichwege war sie nicht gewoehnt. "Lass mich nur machen," sagte
+er, "dann erspare ich den alten Leuten eine Enttaeuschung."
+
+"Aber was soll ich denn sagen?" fragte Mary.--"Die Wahrheit, dass Onkel
+sich sehr ueber unsere Verlobung gefreut hat, und dass die Zeiten jetzt so
+schlecht seien, dass wir warten muessten. Das verhaelt sich doch tatsaechlich
+so."
+
+Damit war Mary einverstanden. Besonders weil es sie freute, dass Joergen
+auf die Schonung der beiden Alten bedacht war. Er bekam dafuer einen
+aufrichtigen Dank--und wieder ihre Hand. Die behielt er in seiner bis an
+die Treppe, ja noch die Treppe hinauf. Er dachte, das ist ein Pfand fuer
+einen Kuss im Vorzimmer. Aber dann nehme ich mir zehn!
+
+Er machte die Tuer auf und liess Mary vorangehen. "Schoenen Dank fuer den
+Spaziergang, Joergen", sagte sie, indem sie an ihm vorbeiging und ihm
+froehlich zunickte,--lief zur Treppe und nach oben. Er hoerte sie in ihr
+Zimmer gehen.--
+
+Wie schonend Joergen auch seine Worte waehlte, als er von dem Resultat
+berichtete,--es war eine schwere Enttaeuschung fuer die alten Leute.
+Sowohl Krog wie vor allem Frau Dawes fanden es unerklaerlich; die
+letztere sogar grausam. So sollte Mary den langen Winter ueber hier
+allein bleiben und Joergen in Stockholm. Sie konnten sich vielleicht zu
+Weihnachten ein paar Tage sehen, aber sonst nicht. Seltsamerweise uebte
+die Enttaeuschung der beiden Alten einen Rueckschlag auf Joergen aus. Er
+sass wie ein fluegellahmer Vogel da. Er sprach nicht, er antwortete Frau
+Dawes kaum, er spielte auch nicht; aber er bereitete seine Abreise fuer
+den naechsten Morgen vor. Er wollte direkt nach Stockholm; seine Zeit war
+um.
+
+Nur Mary war guter Dinge. Es war, als gehe sie die ganze Geschichte
+nichts an. Ihr hatte der Tag nichts Schlimmes gebracht; so schien es.
+Das Triumphgefuehl, das in ihr war, seit sie vor ihrem Vater die
+Verlobung zu proklamieren geruht hatte, war nicht allein ungeschwaecht,
+es war staerker als je. Sie ging ueber die Flure und durch die Stuben und
+summte vor sich hin; sie hatte tausenderlei zu tun, als sei sie es, die
+eine lange, wichtige Reise vorhatte. Beim Abendessen trieb sie soviel
+Unsinn, dass Joergen das unsichere Gefuehl hatte, sie mache sich ueber ihn
+lustig. Er sagte ihr schliesslich gerade heraus, er verstehe sie nicht.
+Ihm scheine, sie solle ihn lieber bedauern. Sie bleibe doch wenigstens
+hier in ihrem entzueckenden Heim und in ihrer schoenen Sorge fuer ihre
+beiden Lieben; er aber--? Jetzt habe er einen Hass auf das, was vor ihm
+liege, weil es ihn von ihr fernhalte. Es tue ihm leid, dass er sich vom
+Dienst habe beurlauben lassen. Er verabscheue Stockholm. Er wisse, wie
+zurueckgesetzt ein junger Mann dort sei, der nicht zur hoeheren "societe"
+gehoere und obendrein Norweger sei. Er war ungluecklich und machte seinem
+Kummer Luft.
+
+"Du hast doch bei Deiner Konfirmation so gut Bescheid gewusst, Joergen,
+hast Du vergessen, dass Jakob volle sieben Jahre um Rahel dienen
+musste?"--"Habe ich etwa nicht lange genug um Dich gedient, Mary?"--"Weil
+Du gar so frueh damit anfingst, sind es so viele Jahre geworden. Es ist
+eine schlechte Angewohnheit von Dir--zu frueh anzufangen!"--"War es denn
+moeglich, Dich zu sehen, ohne ...? Du tust Dir selbst unrecht."--"Du
+hattest doch andere Ziele, Joergen, als mich zu erringen?"--"Die hatte
+Jakob auch, der Geldjaeger! Und er hatte noch den offenbaren Vorteil, dass
+er Rahel inzwischen sehen konnte, so oft er wollte."--"Na,--einer, der
+Jahre lang gewartet hat, Joergen--" "--der kann auch noch ein halbes Jahr
+Iaenger warten? Ja, Du hast gut reden, die nie auf etwas gewartet hat.
+Nicht auf das geringste!"--Sie schwieg. "Dass Du mich obendrein noch
+necken willst, Mary!--Der (auch wenn er bei Dir ist) auf so schmale Kost
+gesetzt ist!"--"Du beklagst Dich, Joergen?"--"Ja, wahrhaftig."--"Du hast
+allzu frueh angefangen, musst Du bedenken." Sie lachte. Er wurde verlegen,
+sagte aber nach einer Weile: "Du weisst eben nicht, was warten
+heisst!"--"Ich weiss jedenfalls, dass einer, der auf schmale Kost gesetzt
+ist, sich leichter daran gewoehnen kann." Sie lachte wieder. Er war
+gekraenkt und unsicher zugleich. Eine, die ihn wirklich lieb hatte, haette
+sich kaum so benommen--am Abend vor einer mehrmonatlichen Trennung. Und
+bei so klaeglichen Aussichten fuer die Ehe, wie sie sie hatten.
+
+Sie sassen eine Weile bei ihrem Vater und sehr lange bei Frau Dawes.
+Joergen war still und sagte ueberhaupt nichts. Mary aber war vergnuegt.
+Frau Dawes blickte die beiden verwundert an. Sie wandte sich zu Joergen:
+"Armer Junge, Du musst zu Weihnachten herkommen!" Mary antwortete statt
+seiner: "Tante Eva, um Weihnachten ist es in Stockholm gerade am
+lustigsten."
+
+Ploetzlich stand Mary auf und wuenschte sehr unerwartet "Gute Nacht", erst
+Joergen, dann Frau Dawes. "Ich bin muede von unserer Tour und ich will
+morgen frueh aufstehen, um Joergen zu begleiten."
+
+Joergen fuehlte, dieser unerwartete Aufbruch war ein wohlueberlegter
+Streich. Sie wollte dem entgehen, ihm draussen auf dem Flur gute Nacht zu
+sagen. Er schwur ihr Rache. Er verstand sich darauf.
+
+Frau Dawes wollte wissen, ob zwischen ihnen etwas vorgefallen sei. Das
+bestritt er. Sie glaubte ihm nicht; er musste allen Ernstes wiederholen,
+er wisse von nichts. Aber seine Verstimmung verbergen, das konnte er
+nicht. Er brachte es nicht einmal ueber sich, dazubleiben, und liess sie
+allein. Auf dem Flur war es gegen die Gewohnheit voellig dunkel. Er
+tastete sich nach seiner Tuer. Erst als er drinnen Licht angezuendet hatte
+und unwillkuerlich auf ein Lebenszeichen aus ihrem Zimmer lauschte, fiel
+ihm ein, dass sein Schloss geoelt worden war. Heute morgen hatte es
+geknarrt. Ganz unbedeutend, aber geknarrt hatte es. Nie war er in einem
+Hause gewesen, wo wie hier die kleinste Kleinigkeit, die in Unordnung
+war, sofort repariert worden waere. Trotzdem Sonntag war. Er konnte sich
+kein groesseres Glueck vorstellen, als spaeter, wenn erst alles in Ordnung
+war, hierher zurueckzukehren, hier auszuruhen, und hier solange und
+solcherart zu leben, wie sein tiefstes Beduerfnis nach Lebensgenuss es ihm
+vor Augen stellte.
+
+Also galt es auszuhalten. Sich jetzt in ihre Launen zu finden wie frueher
+in des Onkels Launen. Bis seine Zeit kam!--
+
+--Er war beim Ausziehen, als lautlos die Tuer geoeffnet wurde und Mary in
+ihrem Nachtgewand hereintrat. Blendend schoen. Sie schloss die Tuer hinter
+sich und trat an die Lampe. "Du sollst nicht laenger warten, Joergen!" Sie
+loeschte die Lampe aus.--
+
+ * * * * *
+
+Allein
+
+
+Am naechsten Morgen verschlief sie die Zeit. Sie wurde durch Gesang und
+Klavierspiel aufgeweckt. Im Halbschlummer erst und dann deutlich hoerte
+sie durch einen Strom herandraengender Erinnerungen Joergens Stimme. Er
+sang am Klavier bei offenem Fenster in den fruehen Morgen hinein. Sein
+heller, jubelnder Tenor trug Festesklaenge zu ihr hinauf.
+
+Schnell, ganz schnell war sie aus dem Bett und in den Kleidern; sonst
+kam sie zu spaet, um ihn zum Schiff hinunterzubegleiten. Bei dem raschen
+Hantieren wurde sie ganz wach, und maechtiger stuermten ihre Gedanken ihm
+und seiner berauschten Seligkeit entgegen. Seinen tiefinnigen, Seele und
+Sinne durchstroemenden Dank und seine Lobeshymnen wollte sie in der Naehe
+geniessen! Hoch emporgehoben und im Triumph herumgetragen werden wie die
+Herrscherin seines Lebens. Aus freier Souveraenitaet hatte sie ihm des
+Lebens hoechsten Preis geschenkt. Jetzt war er belohnt fuer seine lange
+Qual! Vorurteilslos und ohne zu feilschen. Sie kannte ihn jetzt doch;
+sie wusste bis ins kleinste, wie er aussehen, wie er sich benehmen wuerde,
+wenn er sie hineinfuehrte in sein Glueck. Deshalb schwoll ihre Brust dem
+Wiedersehen entgegen. Feiern sollte man sie und ihr danken!
+
+Durch das kleine hollaendische Kabinett kam sie in ihrem blauen
+Morgenkleide und legte die Hand auf den Tuergriff des grossen Musikzimmers
+nach der See hinaus, musste aber stehen bleiben, um Atem zu schoepfen, so
+gespannt war sie. Dabei genoss sie seinen Triumph da drinnen. So
+hingerissen war er von seiner eigenen Musik, dass sie ihm ganz nahe kam,
+ehe er sie bemerkte. Er blickte strahlend auf und erhob sich langsam und
+still wie zu einem Fest. Er wollte die Stimmung nicht zerstoeren; er
+breitete die Arme ihr entgegen, zog sie an sich, kuesste sie ehrbar aufs
+Haar und streichelte ihr langsam und sorglich die Wange, die freilag; er
+wollte zudecken und verbergen, ihr mit maennlicher Guete ueber die Scham
+weghelfen, die sie naturgemaess empfinden musste. Er war ganz zart und
+beruhigend.--
+
+"Wir muessen jetzt wohl schnell essen", fluesterte er freundlich zu ihr
+hinunter, kuesste noch einmal ihr schoenes Haar und atmete seinen Duft.
+Dann fasste er sie sanft, aber gleichsam fuehrend, um die Taille. An der
+Tuer fragte er leise: "Du hast wohl gut geschlafen, dass Du so spaet
+kommst?" Er oeffnete mit der freien Hand vaeterlich die Tuer und blickte
+sie mitfuehlend an, als er keine Antwort bekam. Sie war sehr blass und
+ganz verwirrt. "Mein suesses Maedchen", fluesterte er troestend.
+
+Bei Tisch war des Ruecksichtnehmens kein Ende, besonders da sie nichts
+essen konnte. Aber die Zeit war knapp; er musste fuer sich selbst sorgen,
+so dass nicht viel darueber gesprochen wurde. Mary sagte kein einziges
+Wort. Aber sie fand, er hantiere mit Messer und Gabel auf eine ganz
+neue, herrische Art. Verwandt der Art, wie er zu ihr sprach und wie er
+sie ansah. Er wollte ihr offenbar Mut einfloessen. Nach dem, was gestern
+geschehen war. Sie haette den Teller mit allem, was darauf war, nehmen
+und ihm ins Gesicht schleudern moegen!
+
+Sein Triumphgesang hatte ihm selber gegolten, die Siegeshymne seinem
+eigenen Verdienst!
+
+Bei allen Mahlzeiten stand eine Karaffe mit Wein auf dem Tisch. Er trank
+langsam ein ganzes, grosses Glas, wischte sich den Mund und stand mit
+einem wuerdevollen "Entschuldige!" auf.--Dann in der Tuer: "Ich muss
+nachsehen, ob der Knecht meinen Koffer geholt hat."
+
+Einen Augenblick nachher war er wieder da. "Die Zeit ist knapp"; er
+schloss die Tuer hinter sich und ging hastig auf Mary zu, die jetzt am
+Fenster stand. Er zog sie diesmal rasch an sich und wollte sie
+Kuessen...
+
+"Nicht mehr dergleichen!" sagte sie mit ihrer ganzen alten Souveraenitaet
+und wandte sich ab. Sie ging stolz hinaus ins Vorzimmer, zog sich eine
+Jacke an, wobei ihr das herzueilende Maedchen half, waehlte einen Hut,
+sah nach dem Wetter und nahm dann einen Sonnenschirm. Das Maedchen
+oeffnete ihr die Haustuer, Mary ging rasch hinaus, er hinterher, in seinem
+tiefsten Empfinden verletzt. Er war sich keiner Schuld bewusst.
+
+Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Aber es kochte so in
+ihr, dass sie ihren Sonnenschirm fast zerbrochen haette, als sie ihn
+schliesslich aufspannen wollte. Er sah es.
+
+"Du," sagte sie, und es klang, als habe sie eine ganz andere Stimme
+bekommen, "ich halte nicht viel vom Briefschreiben. Ich kann auch keine
+Briefe schreiben."--"Ich soll Dir also nicht schreiben--?!" Er hatte
+auch eine andere Stimme bekommen. Sie antwortete nicht, und sie sah ihn
+auch nicht an. "Wenn aber irgend etwas passiert--?" sagte er.--"Nun ja,
+dann--! Aber dann hast Du ja Frau Dawes."
+
+Als sei es damit noch nicht genug, fuegte sie hinzu: "Du bist wohl
+uebrigens auch kein Held im Briefschreiben. Also ist nicht viel dabei
+verloren."
+
+Er haette sie schlagen moegen.
+
+Zum Ueberfluss musste nun auch noch der alte, wunderliche Finnenhund da an
+der Bruecke sein mit einem von seinen Leuten. Kaum wurde er Joergen
+gewahr, da fing das Konzert an. Es nuetzte alles nichts, soviel seine
+Herren auch ihm pfiffen und ihn riefen.
+
+Alle wandten sich nach den Ankoemmlingen um. Joergen hatte sich sofort
+nach einem kleinen Stein gebueckt, und Mary hatte ihn leise gebeten, es
+nicht zu tun. Der Dampfer legte gerade an, die allgemeine
+Aufmerksamkeit, auch die des Hundes, wurde von ihnen abgelenkt, und auf
+diesen Augenblick hatte Joergen gewartet, um ihm den Stein direkt auf den
+Leib zu werfen, dass er laut aufheulte. Unmittelbar darauf wandte er sich
+zu Mary und zog den Hut mit seinem verbindlichsten Laecheln und mit
+tausend Dank fuer die genossene Gastfreundschaft.
+
+Sie musste anstandshalber warten, bis der Dampfer abfuhr; ja, sie musste
+ein paarmal mit dem Sonnenschirm winken. Laechelnd und triumphierend
+gruesste Joergen mit maechtigem Hutschwenken vom Dampfer herueber.
+
+Wuetend war sie! Aber er kaum weniger.
+
+ * * * * *
+
+"Er, der sich vor mir in den Staub haette werfen muessen und den untersten
+Saum meines Kleides kuessen!" Das war ihre Empfindung.
+
+Schon gestern abend war das Gefuehl von etwas Unfeinem in ihr
+aufgedaemmert. Er wollte sie nicht wieder loslassen. Sie musste eine List
+anwenden und ihre Tuer verriegeln. Aber sie hatte sich das als eine
+krankhafte Folge seiner langen Sehnsucht ausgelegt, die zur Besessenheit
+geworden war.
+
+Jetzt war kein Zweifel moeglich! Nur ein "Bewanderter" konnte es in
+dieser Weise auffassen. Sie war betrogen. Das Allerschoenste in ihr, das
+von ihren feinsten Instinkten geschirmt und grossgezogen worden, war
+hineingelockt in einen widerwaertigen Irrtum.
+
+Sie rang den ganzen Tag damit. Verraten und geschaendet nannte sie sich.
+Zuerst waelzte sie alle Schuld von sich. Dann nahm sie alles auf sich und
+verdammte sich als unbrauchbar fuer das Leben. Sie greife doch nur fehl,
+sie verrate sich selbst. Einen Augenblick sagte sie: Mir ist Gewalt
+angetan, obwohl ich mich freiwillig hingegeben habe! Im andern
+Augenblick sagte sie: Das greift gewiss viel weiter zurueck, und ich finde
+mich nicht heraus.
+
+Welch ein Segen, dass ihr Zimmer unberuehrt und rein geblieben war. Das
+nebenan wollte sie nie wieder betreten, nie mehr sehen.
+
+Ihm wollte sie nicht gehoeren.
+
+Aber wuerde er denn schweigen? Darueber war sie beruhigt. Auf dem Gebiet
+lagen seine Schwaechen nicht, sonst haette sie wohl irgend etwas erfahren.
+Aber dass ein einziger Mensch existieren sollte, der--! Sie weinte vor
+ohnmaechtigem Zorn. Das wuerde ihren Lebensmut zerstoeren. Das wuerde wie
+ein Alp auf ihr liegen. Gerade wenn sie sich am hoechsten fuehlte.
+
+Sehen wollte sie ihn! Ihm sagen, wofuer sie ihn gehalten habe,--und wer
+er sei. Zu wem sie habe hineingehen wollen,--und zu wem sie
+hineingekommen sei. Er sollte nicht triumphieren koennen. Aber dazu musste
+sie sein Leben kennen. Wen konnte sie fragen, wer kannte sich darin
+aus?----
+
+Als sie am naechsten Morgen aufwachte, war sie sich klarer. Einmal
+darueber, wie sie sich volle Gewissheit ueber Joergen verschaffen konnte;
+das musste gelegentlich geschehen, so dass keiner etwas merkte. Ebenso war
+sie sich klar, dass der Bruch mit ihm und die Begegnung, die den Bruch
+vorbereitete, hingehalten werden musste--vor allem um der beiden Alten
+willen. Das zweite und viel wichtigere war: ihr eigenes Leben wieder
+aufzubauen, aus dieser schwuelen Luft herauszukommen, die sie ins
+Verderben gefuehrt hatte. Da gab es nur einen Weg: ihre Arbeit
+aufzunehmen, sich brauchbar dafuer zu machen und aus den Resultaten neuen
+Mut zu schoepfen.
+
+Arbeit und Pflichttreue! Sie stuetzte sich auf die Ellbogen, als wolle
+sie die Aufrichtung in ihrem Innern versinnbildlichen, und stand im
+naechsten Augenblick auf den Fuessen, um sich fertig zu machen.--
+
+Die fuenfzigtausend Kronen, die ihr Vater also neulich Onkel Klaus
+gegeben, und die sie in den Buechern nicht gefunden hatte,--deuteten die
+nicht darauf hin, dass ihr Vater noch einen Fonds in Amerika hatte--ausser
+dem bruederlichen Geschaeft? Dass die Zinsen, die er nicht aufgebraucht
+hatte, dort in Aktien angelegt waren? Da kuerzlich 50 000 Kronen frei und
+hierhergeschickt waren?
+
+Seit Joergen ihr vorgestern von den 50 000 Kronen erzaehlt hatte, hatten
+die ihr in all den aendern Geschichten keine Ruhe mehr gelassen. Sie
+musste die amerikanische Korrespondenz des Vaters pruefen; darin wuerde es
+stehen. Aber sie fand keine solche Korrespondenz,--bis sie eine Truhe
+oeffnete, die unten in dem Buecherregal stand, zu dem der Schluessel in
+seinem Portemonnaie lag. Sie kannte die Truhe von ihren Reisen her; aber
+sie hatte nie gewusst, was sie enthielt. Hier fand sich die ganze
+amerikanische Korrespondenz; hier fanden sich auch die Belege. Es machte
+den Eindruck, als habe er schon zu Lebzeiten ihrer Mutter ihr Vermoegen
+und alles, was damit zusammenhing, besonders verwaltet. Dann musste aber
+ein recht betraechtlicher Rest geblieben sein, selbst wenn der
+Hauptbestand, eine Million Dollar, verloren war. Sie war wie im Fieber.
+Ihr Vater musste den Brief so verstanden haben, als sei sein ganzer
+Besitz in Amerika verloren gegangen. So hatte sie es aufgefasst, und die
+andern gleichfalls.
+
+Den Kopf voll dieser Dinge, begab sie sich zum Vater. Sie setzte ihm
+alles umstaendlich auseinander und sagte, sie wolle gleich nach Amerika,
+um Klarheit zu schaffen. Er erschrak. Aber bald sah er die Notwendigkeit
+ein und fuegte sich.
+
+Frau Dawes war nicht so leichtglaeubig. Sie vermutete, es muesse etwas
+geschehen sein, wovon Mary sich ablenken wolle. Aber in Marys Wesen und
+in ihrem Bericht ueber ihre Entdeckung war etwas Heftiges, etwas, das
+keinen Widerspruch duldete. Frau Dawes beschraenkte sich daher auf einige
+schuechterne Einwendungen: es gebe auf dem Meer um diese Jahreszeit so
+viele Stuerme.
+
+Drei Tage spaeter war Mary mit einem englisch sprechenden Maedchen auf dem
+Wege nach Amerika. Sie werde, sagte sie, schon jemand finden, der ihr
+wertvolle Hilfe leisten wuerde. Sie kenne so viele.
+
+Alles ging nach Wunsch. In weniger als anderthalb Monaten war sie wieder
+daheim. Es war hohe Zeit gewesen, dass sie hinueberkam. Denn es sollte
+gerade darueber prozessiert werden, ob Anders Krog mit seinem ganzen
+Besitz der Kompagnon seines Bruders gewesen sei, waehrend er es doch nur
+mit der Summe war, die im Geschaeft steckte.
+
+Das konnte sie beweisen.
+
+Dieser Erfolg machte ihr Mut. Warum nicht weiter gehen? Hier hatte sie
+Kapital zur Verfuegung, und sie hatte grosse Lust, etwas zu beginnen. Auch
+einen Holzhandel. Konnte sie das nicht so gut lernen wie jeder andere?
+Die doppelte Buchfuehrung? War die so schwer? Sie fing gleich an.
+
+Anders Krog schien aufzuleben, seit sie wieder daheim war. Die
+Gewissheit, dass das Vermoegen, das ausserhalb der Konkursmasse des Bruders
+stand, gerettet war, war fuer ihn eine grosse Freude. Marys Zukunft lag
+ihm so sehr am Herzen.
+
+Dagegen nahm Frau Dawes sichtlich ab. Es war, als habe dieses taetige,
+rastlose Menschenkind seine Kraefte aufgebraucht. Selbst nach Joergen
+fragte sie nicht; ihre Korrespondenz hatte sie aufgegeben.
+
+Mary leitete den Gutsbetrieb zusammen mit dem Prokuristen und verwaltete
+das Vermoegen gemeinsam mit einem Geschaeftsmanne. Nebenbei nahm sie
+Unterricht und lernte. Zweimal woechentlich war sie in der Stadt.
+
+So ging es in den November hinein. Da bekam Anders Krog einen Brief aus
+Kristiania von einem nahen Verwandten, einem reichen Manne, dessen
+einzige Tochter sich soeben verlobt hatte. Er bat, Marit moege doch zu
+den Festlichkeiten hinkommen; es sollten in den beiden grossen Familien
+deren mehrere stattfinden.
+
+Mary war selbst erstaunt, wie grosse Lust sie ploetzlich bekam. Der alte
+Adam war nicht tot. Sie traellerte auf den Fluren und in den Stuben vor
+sich hin, waehrend sie ihre Reisevorbereitungen traf; sie sehnte sich
+nach einer neuen Umgebung--und nach neuen Huldigungen. Sie suchte
+Genugtuung darin! Das musste sie sich selbst zugeben.
+
+Sie war kaum einige Tage dort, als Anders Krog einen Brief bekam, in dem
+Marys Lob in den hoechsten Toenen gesungen wurde. Nicht das Brautpaar, sie
+sei der Mittelpunkt aller Baelle gewesen; nicht das Brautpaar, sie werde
+bevorzugt und gefeiert--in erster Linie von dem Brautpaar selbst. Ihre
+einzigartige Schoenheit, ihr vornehmes Wesen, ihre Kenntnisse und ihr
+Taktgefuehl wuerden sie ihnen allen unvergesslich machen. Sie moechten sie
+so gern noch eine Zeitlang dabehalten.
+
+Anders Krog schickte den Brief zu Frau Dawes hinein mit der Bitte, ihn
+bald zurueckzugeben; er wolle ihn noch oft lesen,--
+
+Am Tage darauf war Mary wieder daheim. Sie trat des Morgens still bei
+ihrem Vater in die Tuer, und er erschrak, als er sie sah. Sie sei krank
+geworden, sagte sie, und das sah man auch deutlich genug. Sie war nicht
+nur blass, sie war grau, mit uebernaechtigen Augen und matter Stimme. Sie
+gab ihrem Vater einen langen, zaertlichen Kuss, wollte aber den Brief, den
+er bekommen hatte, gar nicht sehen und nicht von ihrem Aufenthalt in
+Kristiania reden. Jetzt erst auf ein paar Minuten zu Frau Dawes, dann zu
+Bett und ausruhen.
+
+Sie blieb kaum eine halbe Minute bei Frau Dawes, die sie in grosser
+Besorgnis zurueckliess.
+
+Mary schlief den ganzen Tag, ass zu Abend eine Kleinigkeit und schlief
+wieder die ganze Nacht.
+
+Als sie aufstand, sah sie aus wie immer, war frisch und wach. Der
+Prokurist, der Gaertner und die Haushaelterin kamen zu ihr und legten
+Rechenschaft ab, und sie machte einen Rundgang durch das Haus. Dann kam
+sie laechelnd nach oben zu ihrem Vater, der sehr gluecklich war, als er
+sie wieder so vor sich sah.
+
+Sie kam, um ihm zu sagen, dass jetzt einer baldigen Heirat nichts mehr im
+Wege stehe. Jetzt haetten sie ja Vermoegen. Der Vater brachte unter grossen
+Schwierigkeiten heraus, das habe er auch schon gedacht. Seine Augen und
+die eine Hand sagten das uebrige; dass er naemlich nichts lieber sehe.
+
+Aber als sie dasselbe zu Frau Dawes sagte und hinzufuegte, sie habe
+eigentlich Lust, gleich nach Stockholm zu fahren, um diesen Vorschlag zu
+machen (Joergens Name wurde nicht genannt), da gewann Frau Dawes die alte
+Geistesschaerfe wieder, richtete sich im Bett auf und fing laut zu
+weinen an. Nun verlor Mary den Mut, warf sich ueber das Bett und
+fluesterte: "So ist es, Tante Eva!" Sie weinte die verzweifeltsten Traenen
+ihres Lebens. Aber als Frau Dawes' Kummer dadurch immer groesser wurde,
+hob Mary den Kopf: "Liebe Tante, Vater kann uns ja hoeren!"--Sie daempften
+ihre Stimmen ein wenig; Frau Dawes aber versicherte unter Traenen, dies
+sei ja ihre eigene Geschichte! Erst als ihr Verlobter sie soweit gehabt
+habe, sei ihr klar geworden, was fuer ein erbaermlicher Kerl er war; "aber
+da mussten wir uns eben heiraten. Da siehst Du, Kind, wie wir Frauen
+sind; wir werden nie klug."--
+
+"Oh dass Ihr diesen Menschen in mein Leben hineinziehen musstet!" jammerte
+Mary. "Ich fuehlte es instinktmaessig, dass ich ihn mir fernhalten muesse;
+aber Ihr schlugt alle Bedenken zu Boden." Nach einer Weile: "Nein, so
+musst Du das nicht auffassen, Tante Eva; ich mache Euch keine Vorwuerfe.
+Was nuetzt jetzt auch alles Jammern? Hier bleibt nur eins: sich mit
+geschlossenen Augen hineinstuerzen."
+
+Darin stimmte ihr Frau Dawes voellig bei. "Dann machst Du es wie ich:
+wenn die Ehre gerettet ist, laesst Du Dich von ihm scheiden."--"Nein, das
+tue ich nicht. Dann haben wir etwas, das uns aneinander bindet.--O Gott,
+o Gott!" sie jammerte, klammerte sich an ihre alte Freundin und
+erstickte ihren Verzweiflungsschrei in den Kissen. Frau Dawes sass
+hilflos da und stuetzte sie. "Das verstehe ich nicht", sagte sie. Da hob
+Mary rasch den Kopf: "Das verstehst Du nicht? Gerade um mich zu binden,
+hat er es getan. Er kannte mich." Wieder warf sie sich verzagt und
+verzweifelt ueber das Bett. Zwischen den Ausbruechen oder vielmehr als
+einen Teil dieser Ausbrueche hoerte man die Worte: "Es gibt keinen Ausweg!
+Es gibt keinen Ausweg!"
+
+Frau Dawes hatte nicht die Kraft und nicht den Mut, bei soviel Leid nach
+Worten zu suchen.
+
+Es musste sich austoben. Bis die Empoerung sich abkuehlte. Frau Dawes
+merkte, wie allmaehlich etwas anderes sich emporarbeitete. Mary hob den
+Kopf, ihre verweinten Augen waren voll Hass: "Ich dachte, ich haette mich
+einem Gentleman hingegeben. Aber ich geriet an einen Spekulanten." Damit
+stand sie langsam auf. "Willst Du ihm das sagen, Kind?"--"Mit keinem
+Wort! Nichts, absolut nichts dergleichen. Ich will sagen, wir muessen
+heiraten."
+
+ * * * * *
+
+Drei Tage darauf wurde Joergen Thiis im Ministerium des Auswaertigen ein
+Brief ueberbracht. Er war von Mary. "Ich bin im Grand Hotel und erwarte
+Dich Punkt zwei Uhr draussen auf dem Trottoir."
+
+Er wusste sofort, was das zu bedeuten hatte. Er brach eilig auf, denn die
+Uhr war dreiviertel zwei. Erst auf der Treppe fiel ihm auf, dass er sie
+"draussen auf dem Trottoir" treffen solle.
+
+Sie wollte nicht mit ihm in ihrem Zimmer allein sein.
+
+Das aenderte seinen Plan. Er ging nach seiner Wohnung und erloeste einen
+kleinen schwarzen Pudel aus seiner Gefangenschaft, ein wertvolles Tier,
+das er dressierte; denn es war ein rechter Tolpatsch.
+
+Auf der Strasse war richtiges Tauwetter, so dass der Hund gleich Weisung
+bekam, auf dem Trottoir zu bleiben, wo es sauber war. Nach ein paar
+lustigen Seitenspruengen hatte es Erfolg; der Hund hatte Angst vor
+Joergens duennem Stock.
+
+Schon von weitem sah er Marys schlanke Gestalt. Sie stand mit dem Ruecken
+nach ihm, gegen das Schloss gewandt. Kein Passant weiter, kein Mensch
+sonst vor dem Hotel. Sein Herz klopfte heftig; allzuviel Mut hatte er
+nicht.
+
+Sie wurde ihn gewahr, als der Hund auf sie zulief wie auf einen guten
+alten Freund, Sie hatte Hunde sehr gern; einzig das Wanderleben hatte
+sie abgehalten, sich einen anzuschaffen. Und dieser war so sauber, so
+huebsch und so appetitlich, so ganz nach ihrem Geschmack, dass sie sich
+unwillkuerlich zu ihm hinunterbeugte; im gleichen Augenblick sah sie
+Joergen. Sie richtete sich sofort in die Hoehe: "Ist das Dein Hund?"
+fragte sie, als haetten sie sich vor einer halben Stunde hier auf der
+Strasse getrennt. "Ja", antwortete er, indem er ehrerbietig den Hut zog.
+Da bueckte sie sich wieder zu dem Hunde hinunter und streichelte ihn.
+"Nein, wie bist Du niedlich! Du reizender Kerl! Nicht anspringen!"
+--"Nicht anspringen!" klang es verstaerkt von Joergen her. Sie
+richtete sich wieder in die Hoehe. "Wohin gehen wir?" sagte sie, "ich bin
+noch nie hier gewesen."--"Wir koennen ja geradeaus gehen und dann um die
+Ecke, dann kommen wir an das John Ericson-Denkmal."--"Ja, das moechte ich
+gern sehen." Sie setzten sich in Bewegung.
+
+"Wirst Du herkommen?" rief Joergen dem Hunde zu und hob den Stock. Joergen
+fuehlte sich verletzt, dass sie ihm nicht einmal die Hand gegeben hatte.
+Wehleidig kam der Hund an; aber bald war er wieder vergnuegt, denn Mary
+sprach mit ihm und streichelte ihn.
+
+"Ich habe einen kleinen Abstecher nach Amerika gemacht", sagte
+sie.--"Ja, das hab' ich gehoert."--
+
+"Die fuenfzigtausend Kronen, von denen Du sprachst, fand ich nicht in den
+Buechern, und ich dachte mir, es muesse noch eine Abrechnung da sein, die
+das Vermoegen in Amerika betraf. Und so war es auch. Folglich wurde es
+noetig, hinzureisen, um zu retten, was noch zu retten war. Die Hauptsumme
+war verloren."
+
+"Wie verlief die Sache?"--"Ich habe das mitgebracht, was von den Zinsen
+in all den Jahren nicht aufgebraucht war."
+
+--"Das Geld war gut angelegt?"--"Ich glaube besser, als es in Europa
+moeglich gewesen waere."--
+
+Hier gab es ein kleines Intermezzo. Der Hund war vom Trottoir
+heruntergelaufen und bekam ein paar Hiebe. Das empoerte Mary. "Herrgott,
+der Hund weiss das doch nicht."--"Oh, er weiss es recht gut. Aber er hat
+nicht gehorchen gelernt."
+
+Sie gingen ziemlich schnell weiter. "Warum erzaehlst Du mir das?" fragte
+Joergen. "Weil wir jetzt heiraten koennen."--"Ja, wieviel ist es
+denn?"--"Zweihunderttausend."--"Dollar?"--"Nein, Kronen. Und dann noch
+die Fuenfzigtausend."--"Das ist nicht genug."--"Zusammen mit dem, was
+wir sonst noch haben?"--"Dies 'sonst' bringt augenblicklich nahezu
+nichts ein. Das weisst Du doch."
+
+Mary begann sich elend zu fuehlen. Er merkte es ihrer Stimme an, als sie
+sagte:
+
+"Wir haben doch den Wald in Reserve."--"Der fruehestens in drei Jahren
+abgeholzt werden kann? Vielleicht erst in vier, fuenf? Es kommt auf das
+Wachstum an."--Mary sah ein, dass, er recht hatte; warum hatte sie dies
+erwaehnt?
+
+"Aber zehn, zwoelftausend Kronen jaehrlich ...?"--"In unserer Stellung
+will das nicht viel sagen."
+
+Wieder ein Intermezzo. Hier war kein Trottoir, sondern ein grosser,
+freier Platz mit rechtem Morast. Sie hatten beide den Hund vergessen.
+Ein dicker, schmutziger Schifferhund, auch ein Pudel, war auf Landurlaub
+mit ein paar Matrosen, die die Strasse entlangschlenderten. Diesem
+willkommenen Kameraden hatte Joergens Hund sich angeschlossen. Er wurde
+mit Not und Muehe zurueckgerufen, schmutzig, wie er schon war. Als Mary
+auch rief, kam er freudig und glueckselig an, bekam aber einen Schlag mit
+der Peitsche und winselte.--"Es ist doch merkwuerdig," sagte Mary, "dass
+Du mit so einem netten Hund nicht Frieden halten kannst!" Sie dachte an
+den alten Finnenhund bei ihren Nachbarsleuten daheim, gegen den er auch
+so haesslich gewesen war. Joergen antwortete nicht. Der Hund aber lief
+demuetig hinterher, und als Joergen sich davon ueberzeugt hatte, sagte er:
+"Weiss Onkel Klaus etwas von dem Vermoegen?"--"Ich glaube, ausser uns weiss
+kein Mensch etwas davon.--Warum fragst Du?"--"Es ist richtiger, mit
+Onkel Klaus zu reden."--Sie blieb verwundert stehen: "Mit Onkel Klaus?"
+Joergen stand auch still. Jetzt sahen sie sich an. "Wir kommen weiter
+damit", sagte Joergen. "Bei Onkel Klaus?" sie sah ihn starr an. Sie
+verstand ihn nicht. "Fuer die Ehre der Familie tut er viel", sagte Joergen
+mit einem raschen Seitenblick, indem er weiterging. Sie war kreidebleich
+geworden, folgte ihm aber. "Muessen wir uns Onkel Klaus anvertrauen?"
+fluesterte sie hinter ihm. Weiter konnte die Demuetigung nicht gehen. "Wir
+tun es!" antwortete er aufmunternd und beinahe froehlich; "jetzt sagt er
+nicht nein." Hatte er das mit in Berechnung gezogen?
+
+Er kam naeher an sie heran: "Sieh mal, wenn Onkel Klaus nichts von dem
+Vermoegen weiss, bekommen wir mehr!"
+
+Er hatte es gut durchdacht! So widerlich ihr das war, es imponierte ihr
+doch. Joergen war gewiss bedeutender, als sie geglaubt hatte. Wenn er erst
+all seine Faehigkeiten entfaltet hatte, wuerde er noch andere als sie
+ueberraschen.
+
+Sie zog sich zusammen wie ein Blatt bei uebermaessiger Hitze. "Willst Du
+die Sache mit Onkel Klaus selbst in Ordnung bringen?"--"Ich reise
+natuerlich sofort mit Dir nach Hause. Du haettest nicht zu kommen
+brauchen; eine Mitteilung haette genuegt."
+
+Sie ging mit gesenktem Kopf neben ihm her und zitterte am ganzen Leibe.
+Seine Ueberlegenheit aengstigte und lahmte sie; seine Erwaegungen
+verursachten ihr Uebelkeit. Es war, wie schon einmal, dass sie einen Fuss
+nicht vor den andern setzen konnte; sie konnte nicht weiter.
+
+Da hoerte sie Joergen rufen: "Komm her, kleiner Satan!" Wieder der Hund.
+Dieser schmutzige Luemmel von Kamerad hatte ihn abermals vom Weg der
+Pflicht fortgelockt. Joergens Stimme hatte so etwas Eigentuemliches, wenn
+sie befahl: sie war gedaempft und scharf zugleich.
+
+Der Hund kannte sie und liess es dabei bewenden, zweifelnd aufzublicken.
+Da er aber mit einem gluecklichen Leichtsinn begabt war, warf er sich
+ploetzlich lustig auf seinen Kameraden und nahm das Spiel wieder auf,
+als sei nichts geschehen.
+
+Mary stand und zog eine Lehre daraus. Es war gerade an dem John
+Ericson-Denkmal, wo dies geschah. Sie blickte zu dem Kunstwerk auf; sie
+schaute in John Ericsons grosse, gute, nachdenkliche Augen, bis ihre
+eigenen sich mit Traenen fuellten. Sie war so ungluecklich.
+
+Waehrenddessen plagte sich Joergen mit dem Hunde. Sein Erziehungsprinzip
+war, dass der Hund nie im Streit mit seinem Herrn seinen Willen bekam.
+"Komm her, Du kleiner Rumtreiber", sagte er schmeichelnd. Der Hund war
+ganz verdutzt. Er hielt mitten im Spielen inne. "Na, so komm doch,
+Freundchen!" Er sprang mit ein paar lustigen Saetzen auf ihn zu, er
+dachte an gute, gemuetliche Stunden; vielleicht war dies so eine? Aber
+woran es nun lag,--ihm stiegen Zweifel auf, er warf sich herum und
+waelzte sich bald wieder mit seinem schmutzigen Freunde auf der Strasse.
+
+Die Voruebergehenden standen still; sie hatten ihren Spass an dem
+Ungehorsam des Hundes. Das reizte Joergen. Mary fuehlte es, und sie wollte
+dem Hunde helfen; sie stand hinter Joergen und sagte leise auf
+franzoesisch: "Es ist nicht recht, ihn erst zu locken und dann zu
+schlagen." Aber da wurde Joergen noch eigensinniger. "Davon verstehst Du
+nichts", antwortete er auch auf franzoesisch und lockte den Hund wieder.
+
+Mit der unueberlegten Leichtglaeubigkeit, die freundlichen kleinen Hunden
+eigen ist, hielt der Hund im Spiel inne und sah nach ihm hin. Den Stock
+hinter sich, kam Joergen auf ihn zu und lockte ihn. Er war wuetend ueber
+das Lachen der andern, versteckte seine Wut aber hinter sanften Worten.
+"Komm doch, Freundchen!"
+
+"Trau' ihm nicht!" rief ein englischer Matrose; aber es war zu spaet.
+Joergen hatte ihn schon an dem einen langen Ohr gepackt. Der Hund heulte
+auf, Joergen musste ihn gekniffen haben. Mary rief auf franzoesisch:
+"Schlag ihn nicht!" Aber Joergen schlug ihn trotzdem. Nicht sehr hart,
+aber der Hund heulte fuerchterlich; er hatte solche Angst. Joergen schlug
+ihn wieder; auch jetzt nicht hart, mehr um die ganze Gesellschaft zu
+aergern. Der Hund schrie so gottsjaemmerlich, dass Mary nicht hinsehen
+konnte. Sie blickte hinauf in John Ericsons gute, grosse Augen und sagte:
+"Mit diesen Schlag hast Du mich von Dir getrennt, Joergen!"
+
+Im Nu liess er den Hund los und richtete sich auf. Er sah ihre flammenden
+Augen, das weisse Gesicht und die schlanke, stolz aufgerichtete Gestalt.
+Ueber ihr John Ericsons Haupt.
+
+Nur einen Augenblick. Dann hatte sie sich umgedreht und schritt in
+leichtem, frohem Tempo davon--der Hund hinterher.
+
+Die Leute lachten, die englischen Matrosen mit herausforderndem
+Spott,--Joergen ging hinterher.
+
+Aber als sie merkte, dass der Hund ihr folgte und nicht ihm, und als
+seine Augen die ihren suchten, um zu erfahren, was sie jetzt wolle, da
+schlug ihre ganze Angst in ausgelassene Froehlichkeit um. Das war so ihre
+Art. Sie klatschte in die Haende und lief, und der Hund sprang klaeffend
+um sie herum.
+
+Der Bann war gebrochen, die Schande getilgt,--nun ade Joergen und alles,
+was drum und dran ist!
+
+"Nicht wahr, Du kleiner Befreier?" Der bellte.
+
+Sie sah sich nach Joergen um. Er getraute sich anstandshalber nicht so
+schnell zu gehen.
+
+"Aber wir beide getrauen uns, nicht wahr?" Sie klatschte wieder in die
+Haende und lief, und der Hund lief bellend mit.
+
+Dann schlug sie ein langsameres Tempo an; sie spielte mit ihm und
+plauderte mit ihm; Joergen war ja so weit zurueck. "Eigentlich muesstest Du
+'Liberator' heissen, aber der Name ist zu lang fuer so einen kleinen,
+schwarzen Hanswurst. Du sollst John heissen,--ja, das sollst Du! Du
+sollst nach dem heissen, der mich angeblickt hat, dass ich Mut bekam!"
+Wieder lief sie weiter und der Hund mit. "Du folgst mir und nicht ihm!
+Das ist recht, das ist gut! Das hat der auch getan, nach dem Du heisst.
+Er folgte den Sklavenpeitschen nicht; er hielt zu denen, die Freiheit
+brachten!" Jetzt bogen sie um die Ecke, Joergen war nicht zu sehen.
+
+--Als er nachher ins Hotel kam, liess sie sich verleugnen; und doch hatte
+er sie hineingehen sehen. Er sagte, sie habe seinen Hund. Ja, davon
+wisse man nichts.
+
+Er musste gehen. Er hatte sie wie auch den Hund verloren.
+
+Oben auf ihrem Zimmer aber fragte Mary den Hund: "Willst Du mir gehoeren?
+Willst Du bei mir bleiben, Du kleiner, schwarzer John?" Sie klatschte in
+die Haende, damit er sein froehliches Ja bellen solle. Damit war die
+Eigentumsfrage entschieden. Sie bekam einen Brief von Joergen, vermutlich
+ueber diesen Punkt; den verbrannte sie ungelesen.
+
+Sie nahm an, sie werde ihn auf dem Bahnhof treffen, wenn der Zug nach
+Norwegen abfuhr, und dann werde er sein Recht fordern. Sie kam mutig
+angefahren, ihren frischgewaschenen, gekaemmten und parfuemierten Hund
+neben sich. Joergen war nicht da.
+
+ * * * * *
+
+Sie schlief die ganze Nacht, den Hund auf ihrer Reisedecke.
+
+Aber mit dem Morgen kamen die Gedanken. Nun war sie allein. Hatte allein
+die Verantwortung.
+
+Bis jetzt hatte sie sich ja selbst mit aller Gewalt in den einzigen
+engen Ausweg hineingehetzt: sich sofort mit Joergen zu verheiraten, auf
+einer Reise ins Ausland dem Kinde das Leben zu geben--und dann bis ins
+Unendliche auszuhalten.
+
+Aber sich mit einem Menschen zu verheiraten, den sie verabscheute, nur
+um sich ein Feigenblatt zu leihen,--wie unverstaendlich ihr das jetzt
+geworden war! Sie hatte es versucht, weil man in ihrer Umgebung so
+dachte, und weil sie in einer Sonderstellung war; die duldete keinen
+Fleck auf dem Festgewande.
+
+Aber jetzt sagte sie "pfui, pfui!" ganz laut. Und als der Hund sofort
+aufblickte, fuegte sie hinzu: "Dies war meine 'Hundereise', will ich Dir
+sagen! Der Abschluss meiner 'Hundegeschichte'!"
+
+Aber was nun?
+
+Sie wusste, was man noch tun konnte. Aber dann musste man zwei Mitwisser
+haben, Joergen und noch einen. Das war zuviel. Dann konnte sie nicht
+stolz und frei dahinschreiten,--und das musste sie koennen.
+
+Ja, was nun?
+
+Solange die "Hundereise", die "Hundegeschichte" ihr wie ein Befehl
+erschienen war, wie etwas um ihrer Ehre willen unumgaenglich Notwendiges,
+hatte sie an die letzte, an die allerletzte Zufluchtsstaette nicht im
+Ernst gedacht.
+
+Jetzt war es ernst.
+
+Sie sah traurig in die treuherzigen Augen des Hundes, als suche sie auch
+hier einen Ausweg. Sie begegnete der unverfaelschtesten Lebenslust und
+Anhaenglichkeit. Sie schmiegte ihren Kopf in sein Fell und weinte. Sie
+war noch so jung,--sie hatte keine Lust zu sterben.
+
+Zum erstenmal weinte sie ueber sich selbst; sie tat sich leid. Sie konnte
+nicht begreifen, womit sie dies verdient habe. Auch konnte sie sich
+nicht klar werden, wie es gekommen war.
+
+Der Hund merkte, dass sie nicht froh sei. Er leckte ihr die Haende und
+guckte ihr in die Augen. Er winselte, weil er hochwollte und sie
+troesten.
+
+Da nahm sie ihn auf und beugte sich ueber ihn, was er als Spiel auffasste.
+Er schnappte nach ihren Haenden. Darauf ging sie ein. Die froehlichste
+Kinderei begann zwischen den beiden und wollte gar kein Ende nehmen,
+weil er nicht genug bekommen konnte; immer wenn sie aufhoerte, fing er
+wieder an.
+
+Da begann sie mit ihm zu plaudern: "Kleiner, schwarzer John, Du kommst
+mir wie ein Neger vor. Du erinnerst mich daran, dass Dein Name die Neger
+befreit hat. Befreit von der Sklaverei. Du hast mich davor bewahrt, in
+die Sklaverei zu kommen.
+
+"Aber es ist eine schlechte Befreiung, weisst Du, wenn ich nicht mit Dir
+weiter leben darf. Findest Du das nicht auch?" Und dann weinte sie
+wieder.----Mit dichtverschleiertem Gesicht fuhr sie durch die Stadt von
+einem Bahnhof zum andern, den Hund neben sich auf dem Sitz. Sie sah
+keinen Bekannten. Aber wenn die wuessten--?
+
+Oh, diese gerichtete und getoetete Kraehe, die Joergen aufheben wollte, und
+vor der sie weglief,--sie wusste gar nicht, dass sie die so genau gesehen
+hatte! Den zerfetzten Hals, den zerhackten Bauch, die leeren
+Augenhoehlen,--das rote Fleisch grinste sie an, sie kam waehrend dieser
+ganzen schrecklichen Fahrt nicht davon los.
+
+Hier draussen war's Winter. Sie hatte seit vielen Jahren keinen Winter
+mehr gesehen. Die absterbende, hinwelkende Natur hatte sie gesehen, aber
+nicht die Umwandlungskraft des Winters, die die Veroedung mit dem
+allerweissesten Weiss zudeckt und in Wald und Feld willkuerlich
+Veraenderungen schafft. Der Fjord war noch nicht zugefroren; er rauschte
+schwarzgrau von allen Seiten heran, herausfordernd, hart, wie ein
+Ungeheuer, das nach Kampf duerstet.
+
+Die Fahrt durch die Stadt hatte ihre Phantasie aufgeruehrt, die jetzt in
+die Gewalt der Naturkraefte geriet. Ihre Ohnmacht wurde ihr umso tiefer
+fuehlbar. Konnte _sie_ den Kampf aufnehmen? Konnte sie ans Ziel kommen,
+bis die Zeit der Umwandlung da war? Sie musste sich vorher ins Wasser
+stuerzen.
+
+Wie sie mit diesen Gedanken spielte,--sah sie ihres Vaters Gesicht vor
+sich. Wie konnte sie leben, ohne ihm zu sagen, was bevorstand? Nie, nie
+konnte sie ihm das sagen. Sie konnte ihm nicht einmal sagen, dass es mit
+Joergen aus sei. Er wuerde das nicht ertragen koennen.
+
+Wenn sie statt zu reden--verschwaende?! Du ewiger Himmel; das wuerde ihn
+auf der Stelle toeten.
+
+Auf der ganzen Fahrt keine Angst mehr vor den andern und nicht ein
+bisschen Angst vor sich selber, einzig und allein vor ihm.--
+
+--So ermattet, so voller Seelenangst kam sie heim, dass sie zu weinen
+anfing, als sie das Haus erblickte. Einen so schweren Gang waren wohl
+nicht viele gegangen. Selbst die Freudenspruenge des Hundes, als er
+festen Boden unter sich hatte, konnten sie nicht ablenken. Sie ging nach
+oben, um sich zu waschen und umzukleiden, und bat, man moege ihren Vater
+und Frau Dawes benachrichtigen, dass sie wieder da sei. Das kleine
+Maedchen war mit in ihrem Zimmer und half ihr; es war Mary nicht
+angenehm, dass Nanna in jedem freien Augenblick mit dem Hunde spielte;
+aber sie sagte nichts.
+
+Sie sah sehr angegriffen aus. Dass sie geweint hatte, war deutlich zu
+sehen.
+
+Aber das war vielleicht ganz gut. Dann merkte er doch gleich, dass es
+nicht gut stehe. Wenn er es nur ueberstaende! Sie musste ihm dann schnell
+auseinandersetzen, dass die Reise lang und beschwerlich gewesen sei, und
+dass Joergen das Vermoegen in ihrer Stellung nicht ausreichend finde, um
+sich daraufhin zu verheiraten. Sie muessten auf Onkel Klaus warten.
+
+Wenn sie weinen musste, und das musste sie sicher, so muede und verzagt,
+wie sie jetzt war, so war das eine Vorbereitung fuer das naechste Mal.
+Wenn er es nur ueberstaende.
+
+Aber was sollte sie anders tun? Wenn sie nicht sofort kam, ahnte er
+Unheil und aengstigte sich, und das konnte er auch nicht vertragen.
+
+Sie zitterte, als sie vor der Tuer stand. Nicht bloss aus Angst vor ihm,
+nein, auch weil sie nicht vor ihm niedersinken und ihm alles sagen und
+sich bei ihm ausweinen durfte. Wie schrecklich das alles war.--
+
+Aber das Leben ist manchmal barmherzig.
+
+Er war nicht von ihrer Ankunft benachrichtigt worden, weil er schlief.
+Die Pflegerin stand draussen auf dem Flur, um Mary Bescheid zu sagen,
+wenn sie komme. Warum sie nicht anklopfte und es ihr durch die Tuer
+zurief? Weil das nun einmal so ihre Art war. Als Mary jetzt herauskam,
+stand aber die Pflegerin nicht auf dem Flur, sondern auf der Treppe. Das
+Maedchen brachte naemlich das Mittagessen fuer den Kranken; das holte die
+Pflegerin sonst immer selbst, und geniert, dass sie es heute nicht hatte
+tun koennen, wollte sie ihr doch wenigstens entgegengehen und es ihr auf
+der Treppe abnehmen.
+
+Gerade in diesem Augenblick oeffnete Mary die Tuer zu ihres Vaters Zimmer.
+Sie blieb auf der Schwelle stehen, weil die Pflegerin jetzt auf sie
+zukam und fluesterte: "Er schlaeft, gnaediges Fraeulein!"
+
+Der Hund aber kuemmerte sich nicht darum. Der war schon drin, hatte die
+Pfoten auf den Bettrand gelegt und das Gesicht war dicht vor dem Antlitz
+des Kranken, der gerade aufwachte. Aufwachte, wo diese schwarze Fratze
+ihm in die Augen starrte. Sie oeffneten sich weit und schweiften voll
+Entsetzen durch das Zimmer, wo sie Marys Blick begegneten. Sie stand
+bleich und wie gelaehmt vor Schreck in der Tuer. Er wandte den Kopf nach
+ihr hin, seine Augen blieben an ihr haengen, es kam ein Seherblick in
+sie. Dann sank der Kopf zurueck.
+
+"Er stirbt!" schrie die Pflegerin hinter ihr auf. Sie setzte das Tablett
+hin und eilte zu ihm.
+
+Mary konnte es zuerst nicht glauben; aber als sie es begriff, warf sie
+sich mit einem herzzerreissenden Schrei ueber ihn. Der fand im Zimmer
+nebenan bei Frau Dawes einen Widerhall. Als sie dorthin eilten, lag sie
+ohne Bewusstsein. Sie kam nachher so weit zu sich, dass sie die Zunge
+bewegen konnte. Sie stammelte allerhand in einem krausen Englisch, das
+keiner verstand;--der Arzt aber sagte, es sei mit ihr gewiss auch bald
+aus. Der Vater war tot.
+
+Mary klammerte sich an ihren Verstand, als halte sie ihn in ihren
+Haenden. Jetzt galt es, jetzt galt es; nur nicht nachgeben. Nicht
+schreien, nicht denken. Denn sie hatte ihn ja nicht getoetet! Es hiess:
+fassen und begreifen, was die andern sagten, und dem Vorschlag
+beistimmen, dass ihres Vaters Schwester geholt werden solle. Es galt,
+ihrem eigenen Jammer nicht freien Lauf zu lassen, als sie die Trauer der
+Tante sah. Es galt, es galt! "Hilf mir, hilf mir," schrie sie, "dass ich
+nicht wahnsinnig werde!" Und zum Doktor sagte sie: "Ich habe ihn nicht
+getoetet,--oder doch?"
+
+Er schickte sie zu Bett, machte ihr kalte Umschlaege und verliess sie
+nicht. Auch er versicherte, es gelte!
+
+Erst als die kleine Nanna am andern Morgen frueh mit dem Hunde zu ihr kam
+und der bei ihr im Bett liegen wollte, konnte sie weinen.
+
+Im Lauf des Tages wurde es besser; denn durch das Telephon stroemte eine
+so gewaltige Menge von Telegrammen ins Haus, und es war eine so
+herzliche, oft tiefbewegte Teilnahme in ihnen ausgedrueckt, dass ihre
+Trauer davor schmolz. Dieses Mitgefuehl, diese Bewunderung fuer ihren
+Vater und der innige Wunsch, sie zu troesten und zu staerken, halfen ihr.
+Durch die unvorsichtige Abschrift einer dieser telephonischen Depeschen
+erfuhr sie, dass auch Frau Dawes tot war. Man hatte sich nicht getraut,
+es ihr zu sagen. Aber die grosse allgemeine Teilnahme half ihr auch
+darueber hinweg. Jetzt erst verstand sie die Teilnahme ganz. Alle ausser
+ihr hatten gewusst, dass sie die beiden verloren hatte, und dass sie nun
+ganz allein stand.
+
+Am meisten erschuetterte sie ein Telegramm aus Paris, das folgenden
+Wortlaut hatte: "Meine geliebte Mary! Wenn Dich in Deinem grossen Schmerz
+das Bewusstsein troesten kann, dass Du bei mir ausruhen kannst, so bestimme
+ueber mich; ich will mit Dir reisen, ich will zu Dir kommen, ganz wie Du
+wuenschst! Treulich Deine Alice."
+
+Sie ahnte, wer Alice benachrichtigt hatte.
+
+Auch Joergen telegraphierte: "Wenn ich Dir im geringsten nuetzlich sein
+oder Dich troesten kann, so komme ich sofort. Ich bin zerschmettert und
+verzweifelt."
+
+Die gleiche ruehrende und ehrenvolle Teilnahme zeigte sich auch beim
+Begraebnis, das drei Tage spaeter stattfand. Man hatte es um Marys willen
+moeglichst frueh angesetzt.
+
+Es kamen Blumensendungen ohne Ende, vor allem aber ein Kranz von Alice.
+Frische norwegische Blumen.
+
+Er wurde zu Mary hinaufgebracht, sie wollte ihn sehen. Das ganze Haus
+war von Blumenduft erfuellt, mitten im Winter; der Hauch der Liebe
+breitete sich ueber die Schlummernden.
+
+Sie war nicht unten; sie mochte die Saerge und die Blumen und die
+Vorbereitungen nicht sehen. Unten in den Zimmern wurden denen, die
+weither kamen, Erfrischungen gereicht.
+
+Aber es erschienen viel mehr Menschen, als das Haus fassen konnte, und
+unten an der Kapelle war ein noch groesserer Andrang.
+
+Der Pfarrer fragte, ob er zu dem gnaedigen Fraeulein hinaufkommen duerfe.
+Sie liess ihm danken, sagte aber nein.
+
+Gleich darauf fragte die kleine Nanna, ob "Onkel Klaus" sie begruessen
+duerfe. Er hatte ein ruehrendes Telegramm geschickt und angefragt, ob er
+ihr irgendwie behilflich sein koenne. Ausserdem war der Kranz von ihm so
+grossartig,--wie die Dienstboten versicherten--dass man auch den nach oben
+gebracht hatte, damit sie sich ihn ansehen solle.
+
+Sie sagte ja. Und herein kam der grosse Mann im schwarzen Anzug,
+schnaufend, als falle ihm das Atmen schwer. Kaum war er im Zimmer und
+sah Mary wie eine Elfenbeinstatue mit dem schwarzen Kleid neben ihrem
+Bett stehen, da setzte er sich auf den naechsten Stuhl und brach in
+Traenen aus. Es klang, als wenn in einer grossen Uhr die Feder springt und
+das ganze losschnarrt. Es war das Weinen eines Mannes, der seit seiner
+Kindheit nicht mehr geweint hatte. Ein Weinen, das sich ueber sich selbst
+entsetzte. Er sah nicht auf.
+
+Aber er hatte etwas auf dem Herzen, das merkte sie. Es war, als wolle er
+ein paarmal einen Anlauf nehmen, aber dann packte ihn das Weinen noch
+schlimmer. Da winkte er mit der Hand ab. Das galt nicht ihr, das galt
+ihm selbst; er konnte nicht. Er stand auf und ging. Die Tuer machte er
+nicht hinter sich zu. Sie hoerte ihn schluchzen den Flur entlang und die
+Treppe hinunter. Vermutlich brach er jetzt sofort auf.
+
+Mary war ergriffen. Sie wusste, ihr Vater war sein bester, vielleicht
+sein einziger Freund gewesen. Aber sie ahnte, dass das Weinen nicht nur
+ihrem Vater galt; es lag auch unmittelbare Teilnahme darin und Reue.
+Sonst waere er unten am Sarge geblieben.
+
+Die schoene Glocke der Kapelle begann zu laeuten. Der Hund, der den ganzen
+Tag bei ihr im Zimmer hatte bleiben muessen und sehr unruhig gewesen war,
+stuerzte jetzt ans Fenster, das auf die See hinausging, und legte die
+Pfoten aufs Fensterbrett, um hinauszusehen. Mary trat zu ihm.
+
+Im selben Augenblick fuhr Onkel Klaus fort. Unten in den Zimmern aber
+wurde ein Choral angestimmt, das Trauergefolge kam. Die beiden Saerge
+wurden von Bauern der Umgegend getragen. Als der erste herauskam, sank
+Mary in die Knie und weinte, als solle das Herz ihr brechen. Weiter sah
+sie nichts.
+
+Sie lag auf dem Bett, das Glockengelaeute schnitt ihr ins Herz; sie hatte
+das Gefuehl, es muesse Furchen durch die Seele ziehen. Ihre Sinne
+verwirrten sich immer mehr; sie war ueberzeugt, ihr Vater habe, als sie
+in der Tuer stand, in sie hineingesehen, und daran sei er gestorben. Frau
+Dawes war ihm wie immer gefolgt. Er war die einzige, grosse Liebe ihres
+Lebens gewesen. Jetzt waren sie beide bei ihr. Auch ihre Mutter in einem
+weissen, schleppenden Kleide. "Du frierst, Kind!" Sie nahm sie in die
+Arme, denn Mary war wieder ein kleines Kind und ganz unschuldig. Darueber
+schlief sie ein.
+
+Aber als sie aufwachte und draussen und drinnen keinen Laut hoerte,--das
+Haus war leer ... da faltete sie die Haende und sagte halblaut: "Es war
+das beste fuer uns drei. Das Schicksal war barmherzig mit uns."
+
+Sie sah sich nach dem Hund um; sie brauchte Teilnahme. Aber irgendeiner
+musste ihn hinausgelassen haben, waehrend sie schlief.
+
+Das genuegte, um wieder in Traenen auszubrechen. Perle auf Perle aus der
+unerschoepflichen Schmerzensquelle rann ihr ueber Wangen und Haende, wie
+sie so dalag und den schweren Kopf stuetzte.
+
+"Jetzt kann ich anfangen, wieder an mich selbst zu denken. Jetzt bin ich
+allein."
+
+ * * * * *
+
+Entscheidung
+
+
+Am naechsten Tage ging sie zu den Graebern hinunter. Ihr Schmerz wurde
+durch einen kleinen Zwischenfall abgelenkt.
+
+Es war Sonnabend und morgen war einer der wenigen Sonntage des Jahres,
+da in der Kapelle Gottesdienst stattfand. Zu solchen Tagen pflegten wohl
+die Graeber geschmueckt zu werden. Da das rechte Nachbargehoeft frueher zu
+Krogskog gehoert hatte, hatten die Leute hier ihren Begraebnisplatz. Die
+Frau war hingekommen, um ein frisches Grab zu schmuecken, und der alte
+Wolfshund hatte sie begleitet. Natuerlich flog Marys kleiner Pudel
+treuherzig auf ihn zu, und zu Marys und der Frau Erstaunen nahm der alte
+Hund nach einer umstaendlichen und vorsichtigen Beriechung den kleinen
+Narren in seine Freundschaft auf. Er, der sonst keine jungen Hunde
+leiden mochte, verliebte sich in ihn. Er litt, dass er ihn an den Ohren
+zerrte und ihn in die Beine biss, ja, er legte sich vor ihm nieder und
+spielte den Ueberwundenen. Mary machte das solche Freude, dass sie die
+Frau ein Stueck begleitete, um dem Spiel zuzusehen. Und sie wurde dafuer
+belohnt; denn sie hoerte warme Lobesworte ueber ihren Vater und einen
+Widerhall all dessen, was in diesen Tagen in der Umgegend gesprochen
+worden war und den Grund zu seinem Nachruhm legte.
+
+Als sie mit dem Hunde, der jetzt sehr aufgekratzt war, wieder nach Hause
+ging, dachte sie: werde ich wohl Mutter aehnlich? Ist irgend etwas in
+mir, das bisher keinen Platz gehabt hat? Etwas Idyllisches?
+
+Es warteten ihrer an diesem Tage zwei Dinge.
+
+Das eine war ein Brief von Onkel Klaus, er nannte sie "Hochverehrtes,
+liebes Patenkind, Fraeulein Mary Krog."
+
+Dass er ihr Pate war, hatte sie nicht geahnt. Das hatte ihr Vater ihr nie
+gesagt; wahrscheinlich wusste er es gar nicht.
+
+Onkel Klaus schrieb:
+
+"Es gibt Gefuehle, die zu stark fuer Worte sind, zumal fuer geschriebene.
+Ich bin kein Held der Feder; ich nehme mir nur die Freiheit, Dir
+schriftlich mitzuteilen,--weil ich es muendlich nicht konnte,--dass ich an
+demselben Tage, da mein unvergesslicher Freund, Dein Vater, starb, und
+Frau Dawes, Deine edle Pflegemutter, gleichfalls starb, und Du allein
+zurueckbliebst, Dich, mein liebes Patenkind, zu meiner Erbin eingesetzt
+habe.
+
+Mein Vermoegen ist bei weitem nicht so gross, wie allgemein angenommen
+wird; ich habe auch in der letzten Zeit viel Pech gehabt. Aber es ist
+schliesslich doch genug fuer uns beide, wenn Du Deinen Teil verwaltest und
+nicht Joergen. Ich gehe naemlich davon aus, dass Ihr jetzt heiratet.
+
+Seit vielen Jahren habe ich Frau Dawes' Testament bei mir liegen, wie
+ich auch ihr Geld in Verwaltung gehabt habe. Gestern habe ich das
+Testament geoeffnet. Sie hat Dir alles vermacht, was sie besitzt. Es sind
+wohl an sechzigtausend Kronen. Aber es ist mit diesem Gelde ebenso
+bestellt wie mit dem Gelde Deines Vaters: es traegt zurzeit so gut wie
+keine Zinsen.
+
+Dein Pate Klaus Krog."
+
+Mary antwortete sofort:
+
+"Mein lieber Pate!
+
+Dein Brief hat mich tief geruehrt. Ich danke Dir von ganzem Herzen.
+
+Aber Dein grosses Geschenk darf ich nicht annehmen.
+
+Joergen ist doch Dein Pflegesohn, und ich moechte ihm in keiner Weise im
+Wege stehen.
+
+Du darfst mir das nicht uebelnehmen. Ich kann unmoeglich anders handeln.
+
+Ueber Frau Dawes' Testament werde ich spaeter meine Bestimmungen treffen
+und sie Dir dann mitteilen.
+
+Deine dankbare
+
+Mary Krog."
+
+Als sie den Brief fertig hatte, hoerte sie einen Wagen vorfahren. Gleich
+darauf wurde ihr eine Visitenkarte ueberbracht; darauf stand: Margrete
+Roey, cand. med.
+
+Es dauerte eine Weile, bis sie hereinkam; sie hatte ihren Reisemantel
+abgenommen; es war ein kalter Tag. Das erhoehte Marys Spannung
+betraechtlich, so dass sie, als die hohe, kraeftige Frauengestalt mit den
+guten Augen in der Tuer stand, blass wurde und zitterte. Sie merkte, was
+das auf die guten Augen fuer einen Eindruck machte, die jetzt ihr ganzes
+Mitgefuehl ueber sie hinstroemten. Als kennten sie beide sich seit vielen
+Jahren, ging Mary ihr entgegen, legte den Kopf an ihre Schulter und
+weinte. Margrete Roey zog das unglueckliche Maedchen warm an ihre Brust.
+
+Sie setzten sich. Sie wollte sich erkundigen, wann Mary ins Ausland
+gehe. Mary war sehr erstaunt: "Habe ich darueber mit jemandem
+gesprochen?"--Margrete Roey erklaerte ihr, sie habe es von der Pflegerin
+erfahren. "Ach," antwortete Mary, "was ich in dem Zustand gesagt habe,
+weiss ich nicht mehr. Ich habe jedenfalls nachher nicht wieder daran
+gedacht."
+
+"Also Sie wollen nicht fort?" Mary bedachte sich eine Weile. "Ich kann
+es wirklich noch nicht sagen. Soweit bin ich noch nicht wieder zu mir
+selbst gekommen." Margrete Roey wurde verlegen. Das sah Mary, oder
+richtiger, sie fuehlte es. "Wollen Sie etwa auch ins Ausland?" fragte
+sie. "Ja. Ich wollte hoeren, ob ich Ihnen irgendwie dienlich sein kann,
+dann wollte ich meine Reise nach Ihrer einrichten."--"Wohin reisen Sie
+denn?"--"Ich reise im Interesse meines Studiums und fange mit Paris an.
+Die Pflegerin sagte mir, dahin wollten Sie auch", fuegte sie hinzu. Sie
+war ganz schuechtern geworden. Sie hatte Mary helfen wollen und kam sich
+nun aufdringlich vor. "Ich weiss, Sie meinen es gut", antwortete Mary.
+"Es kann ja sein, dass ich von Paris gesprochen habe. Ich erinnere mich
+nicht. In Wirklichkeit habe ich noch nichts beschlossen."--"Ja, dann
+muessen Sie schon verzeihen. Dann beruht alles auf einem Missverstaendnis."
+Fraeulein Roey stand auf.
+
+Mary hatte das Gefuehl, sie muesse sie zurueckhalten; aber sie hatte nicht
+die Kraft. Erst an der Tuer vertrat sie Fraeulein Roey den Weg. "Ich moechte
+in den naechsten Tagen einmal mit Ihnen sprechen, Fraeulein Roey." Sie
+sagte es sehr leise und blickte nicht auf. "Heute fuehle ich mich nicht
+kraeftig genug", fuegte sie hinzu.--"Das sehe ich. Das habe ich auch
+angenommen. Deshalb habe ich Ihnen etwas mitgebracht, wovon Sie
+vielleicht Gebrauch machen koennen. Es ist das beste Kraeftigungsmittel,
+das ich kenne."
+
+Nein, wie sympathisch ihr ganzes Wesen Mary beruehrte. Sie dankte ihr
+herzlich.
+
+"Wenn ich etwas gesunder bin, komme ich also."--"Sie sollen mir
+willkommen sein."--"Ja," sagte Mary erroetend, "es ist Ihnen doch nicht
+unangenehm, zu mir zu kommen?"--"In Ihr Haus am Markt?" fragte Margrete
+Roey; sie wurde auch rot.--"In unser Haus am Markt, ja. Aber ich kann
+wohl gar nicht mehr 'unser' sagen?" Ihr kamen wieder die Traenen. "Wenn
+Sie mich nur verstaendigen, komme ich hin."
+
+Acht Tage spaeter kam sie.
+
+In einem wuetenden Novembersturm, wie man ihn schlimmer in jener Gegend
+nie erlebt hatte. Das Wasser war noch nicht zugefroren, so dass Dampfer
+verkehren konnten. Aber nur mit Not und Muehe. Und bei der Stadt mussten
+sie Halt machen.
+
+Margrete Roey war hoechlichst erstaunt, als sie an diesem Tage die
+Nachricht erhielt, sie moege in das Krogsche Haus am Markt kommen.
+
+Sie kam in ein warmes behagliches Haus hinein und war doch gewohnt, es
+ausgestorben mit heruntergelassenen Vorhaengen zu sehen. Sie wurde eine
+breite, altmodische Treppe hinaufgefuehrt; es war die ganze Stilart der
+alten Stadthaeuser zu Beginn des vorigen Jahrhunderts.
+
+Mary sass in einem roten Boudoir, das seit den Lebzeiten ihrer Mutter
+unveraendert geblieben war. Sie sass auf dem Sofa unter einem grossen
+Portraet der Mutter. Als sie aufstand in ihrem schwarzen Kleide, bleich
+und mit mueden Augen unter dem roten Haar, da erschien sie Margrete Roey
+wie die Verkoerperung des Schmerzes, die schoenste, die man sich
+vorstellen konnte. Es lag eine Feiertagsruhe auf ihrem Wesen. Sie sprach
+so leise, wie der Sturm draussen es irgend gestattete.
+
+"Ich fuehle, Sie ehren das Leid eines anderen Menschen. Ich bin auch
+ueberzeugt, dass Sie verschwiegen sind."--"Das bin ich."--Es dauerte eine
+Weile, bis Mary sagte: "Was fuer ein Mensch ist Joergen Thiis?"--"Was fuer
+ein Mensch er ist?"
+
+"Aus verschiedenen Gruenden nehme ich an, dass Sie mir das sagen
+koennen."--"Da muss ich aber erst fragen: sind Sie nicht mit Joergen Thiis
+verlobt?"--"Nein."--"Man hat es gesagt."--Mary schwieg.--"Ja, sind Sie
+denn auch nicht mit ihm verlobt gewesen?"--"Doch."--Da sagte Margrete
+rasch und freudig: "Aber Sie haben die Verlobung aufgehoben?"--Mary
+nickte.--"Das wird manchem eine Freude bereiten; Joergen Thiis ist Ihrer
+nicht wuerdig." Das schien Mary nicht in Erstaunen zu setzen. "Sie wissen
+etwas?" fragte sie.--"Ein Frauenarzt, liebes Fraeulein, weiss mehr, als er
+erzaehlen kann."--"Aber ich glaube doch, er hat mich geliebt", sagte
+Mary, um sich zu entschuldigen.--"Das haben wir alle gemerkt",
+antwortete Margrete. "Er liebte Sie sicher mehr als je eine zuvor." Und
+sie fuegte hinzu: "Das war nicht zu verwundern ... Aber in Kristiania
+habe ich ein junges, suesses Maedel gekannt, die damals seine Einzige war!
+Sie war ganz aus dem Haeuschen, und da sie sich nicht heiraten konnten,
+gab sie sich ihm hin."--"Was tat sie?" Mary schrak auf; hatte sie recht
+gehoert? Es stuermte draussen so sehr, dass man einander schwer verstehen
+konnte. Margrete wiederholte deutlich und mit Betonung: "Sie war ein
+warmherziges Ding und glaubte, sie sei wirklich seine Einzige."--"Sie
+konnten sich nicht heiraten?"--"Sie konnten sich nicht heiraten. Da gab
+sie sich ihm hin."
+
+Mary fuhr in die Hoehe, blieb aber stehen. Sie hatte etwas sagen wollen,
+hielt aber inne.
+
+"Erschrecken Sie nicht so, Fraeulein Krog, das ist nichts Seltenes." Bei
+dieser Auslegung war es Mary, als sinke sie in eine tiefere Klasse
+herab. Sie setzte sich langsam wieder hin. "Sie haben gewiss in solchen
+Dingen gar keine Lebenserfahrung, Fraeulein Krog."--Mary schuettelte den
+Kopf.--"Dann wundert es mich, dass Sie beizeiten von Joergen Thiis
+losgekommen sind; der hat Routine."--Mary antwortete nicht. "Wir nahmen
+an, Sie wuerden noch vor dem Herbst heiraten. Besonders als Ihr Vater und
+Frau Dawes krank wurden."--"Das wollten wir auch, aber es stellte sich
+als unmoeglich heraus."
+
+Margrete konnte nicht ergruenden, was hinter dieser raetselhaften Antwort
+steckte. Aber sie sagte mit forschenden Augen: "Da wuchs wohl seine
+Begierde ganz bedeutend?"--Es bebte in Mary, aber sie zwang es nieder.
+"Sie scheinen ihn zu kennen?"--Margrete bedachte sich eine Weile: "Ja,"
+sagte sie, "ich bin ja aelter als Sie,--auch aelter als er. Aber--zu
+meiner Schande sei's gesagt,--in Kristiania vergaffte ich mich auch in
+ihn. Das merkte er--und versuchte sein Heil." Sie lachte.
+
+Mary wurde bleich, sie erhob sich und trat ans Fenster. Draussen
+peitschten Sturm und Regen mit wachsender Gewalt gegen die Scheiben; sie
+mussten jetzt ganz laut sprechen. Mary stand eine Weile und blickte in
+das Unwetter hinaus, kam dann zurueck und stellte sich aufgeregt und
+unruhig vor Margrete hin.
+
+"Wollen Sie mir versprechen: niemals einem Menschen zu sagen, worueber
+wir heute geredet haben?--Unter keinen Umstaenden?"--Margrete sah sie
+verwundert an: "Ich soll niemandem erzaehlen, dass Sie mich nach Joergen
+Thiis gefragt haben?"--"Ich wuensche absolut, dass keiner es
+erfaehrt."--"Auf wen geht das?"--Mary sah sie an: "Auf wen das geht?" Sie
+verstand die Frage nicht. Margrete aber stand auf: "Ein Mensch kam
+eigens in diese Stadt, um Ihnen zu sagen, dass Joergen Thiis Ihrer nicht
+wuerdig sei. Er kam zu spaet. Aber mir scheint, er verdient zu erfahren,
+dass Sie jetzt selbst dahintergekommen sind, was fuer ein Mensch Joergen
+Thiis ist."--Mary antwortete eifrig: "Dem sagen Sie's! Dem koennen Sie es
+sagen.--So ist er deshalb gekommen?" fuegte sie langsam hinzu. "Es ist
+mir lieb, dass Sie mir das gesagt haben! Mein zweites Anliegen war
+naemlich ... (sie hielt einen Augenblick inne); das zweite, was ich Ihnen
+zu sagen hatte, war ... Sie sollen Ihren Bruder gruessen. Von mir."--"Das
+will ich tun. Und ich danke Ihnen dafuer! Sie wissen, was Sie meinem
+Bruder sind." Marys Augen wichen ihr aus. Sie kaempfte eine Weile mit
+sich. "Ich bin eine von den Ungluecklichen," sagte sie, "die ihr eigenes
+Leben nicht ins Lot bringen koennen,--nicht das, was geschehen ist. Ich
+kann den Faden nicht finden. Aber mir ist, als wenn Ihr Bruder Anteil
+daran habe."--Sie wollte wohl noch mehr sagen, vermochte es aber nicht.
+Sie trat statt dessen wieder ans Fenster und blieb da stehen. Das
+Unwetter draussen drang mit tausendstimmiger Wut ins Zimmer. Es schrie
+foermlich nach ihr. "Herrgott, was fuer ein Wetter", sagte Margrete mit
+lauter Stimme. "Ich freue mich, in das Wetter hinauszukommen", sagte
+Mary, indem sie sich mit leuchtenden Augen umwandte. "Sie wollen in
+diesem Wetter hinaus?" rief Margrete. "Ich will nach Hause gehen!"
+antwortete Mary. "Noch obendrein gehen?!" Mary kam heran und stellte
+sich vor sie hin, als wolle sie etwas Gewaltiges, Ungestuemes sagen. Sie
+hielt freilich inne; aber das Unausgesprochene stuermte empor in ihre
+Augen, in ihr Gesicht, in ihre Brust, dass sie die Arme in die Luft
+reckte und mit einem lauten Aufstoehnen auf das Sofa ihrer Mutter
+niedersank. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Haenden.
+
+Da kniete Margrete vor ihr hin. Mary liess sich umarmen und wie ein
+muedes krankes Kind an ihre Brust ziehen. Auch das Weinen brach ruehrend
+und hilflos wie das Weinen eines Kindes aus ihr hervor; ihr Kopf sank
+auf die Schulter der Freundin.
+
+Nur einen Augenblick. Dann richtete sie sich mit einem Ruck empor. Denn
+Margrete hatte ihr zugefluestert: "Ihnen fehlt etwas. Sagen Sie es mir!"
+
+Kein Wort als Antwort. Da wagte Margrete nichts mehr zu sagen. Sie stand
+auf; sie fuehlte, hier war nichts mehr fuer sie zu tun.
+
+Mary tat auch nichts, um sie zurueckzuhalten. Sie war auch aufgestanden,
+und so sagten die beiden sich Lebewohl.
+
+Aber als Margrete an der Tuer stand, konnte sie doch nicht umhin, noch
+einmal zu fragen: "Wollen Sie wirklich hinaus--?" Mary nickte, als wolle
+sie sagen: "Genug davon! Das ist meine Sache."
+
+Da ging Margrete.
+
+ * * * * *
+
+Die Laternen brannten schon, als Mary vor ihrem Hause stand. Sie konnte
+sich bei den Windstoessen nur muehsam aufrechthalten, die sich von
+Suedwesten her zwischen den Haeusern durchpressten. Sie hatte einen
+wetterfesten Mantel um mit einer Kapuze und hohe, gut schliessende,
+wasserdichte Stiefel. Sie ging so rasch sie konnte. Eine einzige
+Vorstellung war von dem Gespraech mit Margrete Roey in ihr
+zurueckgeblieben. Aber die jagte sie vorwaerts, die peitschte ihr mit dem
+Regen zusammen in den Ruecken:--Margretes entsetzte Augen und ihr
+bleiches Gesicht, als sie gesagt hatte: "Ihnen fehlt etwas? Sagen Sie's
+mir!" Himmlischer Vater, sie wusste es! So wuerden alle sie ansehen, wenn
+sie es erfuhren! So tief hatte sie die Leute enttaeuscht und gekraenkt in
+ihrem Glauben an sie. Ihr war's, als seien sie alle hinter ihr her, als
+fliehe sie vor ihnen. Vor dem Kraehenschwarm! Sie stuermte dahin und war
+ausserhalb der Stadt, ehe sie selbst es merkte. Hier draussen, wo keine
+Laternen mehr standen, war es stockfinster; sie musste eine Weile
+stillstehen, bis sie den Weg sehen konnte. Aber dann ging's erst recht
+vorwaerts! Sie hatte den Orkan halb von hinten, halb von der Seite.
+
+Das war der Richterspruch, der sie aus Land und Reich verjagte! Der sie
+noch weitertrieb! Ihr war's von der ersten Stunde an, da ihr Klarheit
+wurde ueber ihre Lage, gewesen, als habe sie ein Paket geschenkt
+bekommen, das sie bis jetzt nicht aufgemacht hatte. Sie hatte die ganze
+Zeit ueber geahnt, was darin war; aber eigentlich hatte sie es erst
+gestern aufgemacht. In dem Paket war ein grosser schwarzer Schleier, in
+den sie sich und ihre Schande einhuellen konnte, der Schleier des Todes.
+Aber auch der Schleier wurde ihr nur bedingungsweise geschenkt. Unter
+einer Bedingung, die sie von Kind auf kannte. Damals war ihr die
+Geschichte einer Grosstante erzaehlt worden, die es hatte verheimlichen
+wollen, dass sie waehrend der Abwesenheit des Mannes schwanger geworden
+und deshalb heimlich Abend fuer Abend mit blossen Fuessen auf dem eiskalten
+Fussboden umhergelaufen war. Sie hatte den natuerlichen Tod sterben
+wollen, der die Folge davon sein musste. Dann wuesste keiner, dass sie sich
+das Leben genommen habe, und das Warum kam nicht heraus.
+
+Aber irgendeiner hatte sie Nacht fuer Nacht so auf und ab gehen hoeren;
+daher kam es doch heraus.
+
+Das wollte sie jetzt besser machen!
+
+Die Schwaeche, die vor Margrete so unerwartet ueber sie gekommen, war
+voellig geschwunden. Jetzt hatte sie Kraft zu ihrem Vorhaben.
+
+Als solle ihr Mut sofort auf die Probe gestellt werden, tauchte neben
+ihr etwas Schattenhaftes auf. Es trat ungeahnt aus dem Dunkel hervor und
+so beaengstigend nahe, dass sie zu laufen anfing. Das Entsetzen, als sie
+durch das Toben der Elemente zu hoeren meinte, es komme hinter ihr
+hergelaufen! Da fand sie ihre Fassung wieder und blieb stehen. Da blieb
+das hinter ihr auch stehen. Sie ging weiter; da ging das Schattenhafte
+auch weiter. Nein, dachte sie: wenn ich nicht den Mut habe, dieser
+Sache auf den Grund zu gehen, so habe ich auch den Mut nicht zu dem
+aendern. Damit drehte sie sich um und ging direkt auf das Ungeheuer zu,
+das sie verfolgte: es wieherte gutmuetig,--es war ein junges Pferd. Es
+war gesattelt und suchte in seiner Verlassenheit den Menschen. Sie
+streichelte es und sprach mit ihm. Es war doch ein Gruss des Lebens, ein
+Verlassener, der eine Verzweifelte troestete. Aber als es weiter mitging,
+lieferte sie es auf dem naechsten Bauernhof ab. Sie musste allein sein.
+Die Leute waren hoechlichst erstaunt. Dass jemand in dem Wetter draussen
+war, und noch dazu eine Frau! Sie floh hastig aus der Helle wieder ins
+Dunkel hinaus.
+
+Das kleine Ereignis hatte sie gestaerkt; sie wusste jetzt, dass sie Mut
+hatte. Und rasch schritt sie vorwaerts.
+
+Sie musste jetzt ueber den ersten Huegel, den der Weg durchquerte. Ob es
+wirklich so war, oder ob es ihr nur so schien: der Sturm nahm bestaendig
+zu. Er musste doch bald seinen Hoehepunkt erreicht haben. Aber fuer sie lag
+all ihr eigener Jammer und ihre Schande darin. Gerade das gab ihr Kraft.
+Nicht vor dem Tode hatte sie Furcht,--nur vor dem Leben.
+
+Im Weiterschreiten durchdachte sie alles noch einmal. Sie wollte ihr
+Kind nicht verraten, nicht sich selbst retten, indem sie das Kind toeten
+liess. Es nicht zu fremden Leuten geben und dann verleugnen. Nicht leben
+ohne Selbstachtung.
+
+Wenn ein Bewerber kaeme--und sicher kaemen jetzt genau so viele wie
+frueher!--sollte sie es ihm dann gestehen? Oder schamlos verschweigen? Es
+gab nur eins, was sie mit Ehren tun konnte: mit ihrem Kinde zusammen
+untergehen. Zu nichts anderem fuehlte sie sich faehig. Aber das musste so
+geschehen, dass keiner etwas merke. Sie musste an einer Krankheit sterben;
+also hiess es, sich diese Todeskrankheit zuzuziehen.
+
+Das war sie sich selber schuldig. Denn sie war sich heute genau so
+sicher wie an jenem Abend, als sie zu Joergen hineinging, dass sie nicht
+deswegen ungluecklich zu werden verdiene.
+
+Es war ein ungeheurer Irrtum, ja;--aber daran war sie unschuldig. Es war
+gewiss auch stark mit Naturtrieb verquickt gewesen,--trotzdem war es eine
+Handlung, deren sie sich nicht schaemte. Sie war es sich selber schuldig,
+mit dem unverkuerzten Mitgefuehl aller zu sterben, die sie je gekannt
+hatte. Sie war das auch denen die in ihr die erste von allen gesehen
+hatten. Sie hatte nicht illoyal den Glauben dieser Menschen an sich aufs
+Spiel gesetzt.
+
+Jetzt war sie vorn auf der Landzunge, und der fuerchterliche Kampf, der
+hier begann, wurde unversehens zu einem Kampf um dies eine. Es war, als
+wollten alle Maechte der Welt ihr die Selbstachtung entreissen und sie
+verdammen. Hier war offnes Meer und meilenweit her rollten die Wogen in
+wachsender Empoerung heran. Wenn sie dann am Felsen anprallten, spruehten
+sie meterhoch auf. Die allerhoechsten kamen mit den letzten, schneidenden
+Spritzern bis zu ihr hinauf. "Da hast Du's! Da hast Du's!" Und der
+Sturm, der gegen die zerrissene Felsenkante anraste, wollte sie durch
+die Macht des Luftdrucks herunterreissen. Obschon der Regenmantel die
+Kleider gut zusammenhielt, war's doch, als wolle der Sturm sie ihr vom
+Leibe herunterziehen: "Steh nackt in Deiner Schande, in Deiner Schande!"
+
+Aber das rasende Schaeumen der Wogen schuechterte sie nicht ein, sich
+schuldig zu fuehlen, auch der Sturm konnte sie nicht bis an die
+Eisenstange treiben und vielleicht gar hinueber. Sie bueckte sich, ja sie
+musste bei den schlimmsten Stoessen stillstehen; aber dann ging's wieder
+weiter, und sie hielt ihren Weg ein. "Ich gebe meinen Ehrenkranz nicht
+her,--ich will mit ihm sterben! Deshalb sollt _ihr_ mich nicht haben!"
+
+Sie gelangte gluecklich um die Spitze herum und auf die andere Seite und
+von dort in die Ebene zwischen diesem Huegel und dem naechsten. Hier war
+einmal ein Bergrutsch den Hang hinunter gegangen und unten lag das
+Geroell, ueber das jetzt der Weg fuehrte. In diesem verwitternden Geroell
+stand ganz allein dicht am Wege eine einzige schwanke Birke. An die
+Birke dachte sie, als sie gerade an die Stelle kam; bei solchem Sturm
+musste sie doch gebrochen sein? Nein, sie stand. Mary blieb daneben
+stehen und holte tief Atem. Die Birke beugte sich, dass Mary jeden
+Augenblick dachte: jetzt bricht sie; aber sie schnellte elastisch wieder
+in die Hoehe. Sie selbst konnte sich nicht lange an dieser Stelle halten,
+so entsetzlich scharf pfiff der Orkan gerade hier um die Ecke; die junge
+Birke aber, die so hoch emporragte und eine so ueppige Krone hatte und
+selbst so zart und schwach war, die stand stolz da, ganz aus eigener
+Kraft; an ihr prallte alles ab.
+
+Sie wollte den Gedanken ausspinnen, als sie weiterging und in die Ebene
+einbog. Aber gerade hier bekam der Sturm die Macht, ihr den Regen ins
+Gesicht zu peitschen; jeder Tropfen war wie eine scharfe Nadel. Ach
+nein, dachte sie, solch Gefuehl waere es, wenn ich versuchte, dem Sturm zu
+trotzen, der meiner harrt.
+
+Die Lichter auf den Hoefen, das einzige, was sie sah, verkuendeten
+Frieden. Aber sie wusste, was der Friede ihr bringen werde.
+
+Sie schritt auf dem Wege an der Bucht entlang weiter; aber sie wurde
+allmaehlich muede. Sie merkte es daran, dass die Bilder ueberhand nahmen;
+die Wirklichkeit verschwand hinter Bildern. Alte Vorstellungen aus
+Buechern. Als sie auf die zweite Landzunge zustrebte, war das Meer, das
+hier wieder offen vor ihr lag, gar kein Meer, sondern lauter
+Seeungeheuer, die mit aufgesperrtem Rachen vor Begierde bruellten,
+hunderte und aber hunderte. Und die rasenden Raubtiere in der Luft mit
+den grausigen Schwingen hatten denen da unten versprochen, Mary ihnen
+zuzuwerfen. Sie hielt sich mit ihrer letzten Kraft an der Felswand fest;
+aber jetzt kam ein Graben, sie fiel hinein und durchnaesste ganz. Es sind
+also noch mehr Feinde da, dachte sie und krabbelte wieder heraus.
+Gluecklicherweise war die Landzunge schmal; bald war sie an der Biegung
+nach der naechsten breiten Ebene. Dann kam nur noch ein Berg. Nicht um
+das Leben zu retten, wollte sie nicht hinausgeschleudert werden, nur um
+die Ehre zu retten. Fand man sie in der See oder war sie ganz
+verschwunden, so wuerden alle sagen, sie habe den Tod gesucht--und dann
+auch nach dem Grunde forschen.
+
+Jetzt aber hoerte sie durch die Dunkelheit den alten Finnenhund bellen.
+Ganz nahebei. Sie war schneller gegangen, als sie gedacht hatte, sie war
+ja schon beim Nachbargehoeft, Jetzt sah sie auch die Lichter.
+
+Schon der Gedanke, einem Wesen zu begegnen, das an ihr hing, bewegte
+sie. Sie liebte das Leben. Sie glaubte selbst nicht mehr, dass sie so
+untauglich zum Leben sei. Als diese wohlbekannte Stimme aus dem Dunkel
+nach ihr rief, war ihr zumut, wie einem Schiffbruechigen, der am Ufer
+Menschen sieht.
+
+Als sie ueber das Gehoeft ging, verliess der Hund seinen Posten und kam
+klaeffend, schweifwedelnd und triefend heran, um sich seine Begruessung zu
+holen. Sie strich ihm dreimal zum Abschied ueber den Kopf und eilte
+weiter. Kurz darauf hoerte sie ihn wieder bellen, aber anders, viel
+heftiger. Sie musste unwillkuerlich an Joergen denken. Wie ueberhaupt auf
+dieser ganzen letzten Wegstrecke, die sonst nur ihrem Vater geweiht
+gewesen war. Wie hundertmal war sie hier von klein auf mit ihrem Vater
+gegangen und geradelt. Jetzt war auch das von Joergen verschandelt. Sie
+konnte hier nicht mehr ohne ihn gehen. Keinen Schritt in ihrem Leben
+mehr ohne ihn.
+
+Sie blickte unwillkuerlich nach oben, aber Himmel war nicht zu sehen.
+
+Ganz erschoepft ruestete sie sich, den letzten Huegelruecken zu
+ueberschreiten. Sie passierte ihn gedankenlos, ohne das Gefuehl, dass es
+das letztemal war; aber auch ohne Bangen.
+
+Das, worauf sie jetzt geradenwegs zuging, stand so fest in ihren
+Gedanken wie der Weg unter ihren Fuessen. Der fuehrte ueber die Feldmark
+von Krogskog auf die Landungsbruecke. Es war so finster, dass ihre Augen,
+die sich jetzt doch an die Dunkelheit gewoehnt hatten, die weissen Mauern
+der Kapelle erst dicht an der Landungsbruecke wahrnahmen. Ihre Gedanken
+schweiften hinueber zu den Graebern auf dem Kirchhof; aber gleich kamen
+sie zurueck, um sich zu sammeln fuer das Ziel ihrer Wanderung. Ohne Zoegern
+setzte sie den Fuss auf die Bruecke und ging hinunter. Hier draeute kein
+Orkan, hier peitschte ihr kein Regen ins Gesicht; die beiden waren zu
+freundlich gesinnten Maechten geworden, sowie sie den Boden von Krogskog
+betreten hatte. Die Hoehen und die Inseln boten hier Schutz. Unter andern
+Umstaenden haette sie eine Erleichterung gefuehlt, und vielleicht den
+Frieden in dem heimischen Hafen empfunden,--jetzt war jeder Gedanke
+abgestumpft. Ganz mechanisch eilte sie weiter. Mechanisch machte sie ein
+paar Knoepfe ihres Regenmantels auf, um den Schluessel herauszuholen;
+mechanisch steckte sie ihn ins Schloss und oeffnete die Badehaustuer. Erst
+als sie drinnen stand in der Stockfinsternis, kam sie zum Bewusstsein und
+erschrak. Der Suedwestwind, der hier noch uebrig geblieben war, schlug die
+Tuer zu, da schauderte sie zusammen. Es war, als sei sie nicht allein.
+
+Sie musste sich jetzt ausziehen und die Treppe hinuntersteigen, um
+eiskalt zu werden. Eis-eiskalt! Dann sich wieder anziehen und nach Hause
+gehen zum Fieber und zu den andern Dingen, die hinterher kamen. Haette
+das Fieber die erwartete Wirkung nicht, dann hatte sie etwas, was
+nachhalf. Sie hatte es bei Frau Dawes in einem Fach gefunden. Dann traefe
+das Fieber die Schuld.
+
+Aber nun, da sie mit dem Ausziehen anfangen wollte, war's, als krampfe
+sich alles in ihr zusammen, und eine Gaensehaut ueberlief sie. Vor dem
+Wasser, vor dem eiskalten Wasser, in das sie hineinmusste, hatte sie
+Angst. Huh, hier dicht bei war gewiss schon Eis. Sie musste mit den
+nackten Fuessen das Eis betreten! Sie wollte doch auf jeden Fall die
+Struempfe anbehalten; die konnte sie nachher trocknen, damit keiner
+Verdacht schoepfe. Aber das eis-eiskalte Wasser ... wenn sie einen
+Herzkrampf bekaeme? Nein, sie wollte sich bewegen, wollte schwimmen. Aber
+wenn sie sich am Eise schnitt, wenn sie wieder herauswollte? Sie musste
+auch die Unterkleider anbehalten. Aber wuerden die bis zum naechsten
+Morgen trocknen? O doch, wenn sie sie an den Ofen hing. Sie musste
+zuriegeln, damit alles in Ordnung war, wenn das Maedchen hereinkam. Wenn
+sie dann nur noch bei Bewusstsein war! Sie war nie krank gewesen; sie
+wusste nicht Bescheid damit.
+
+Als sie in diese langen Ueberlegungen verfiel, hatte sie den Regenmantel
+aufgeknoepft. Nun, da sie die Kapuze abnehmen musste, geschah das
+Unerwartete, dass sie ganz unwillkuerlich statt dessen mit dem Kleide
+anfing und es oben am Halse aufknoepfte, wo das Medaillon ihrer Mutter
+hing. Da zitterten ihr die Haende, und auch ihren Koerper ueberlief ein
+Beben. Sie hatte nicht an das Medaillon gedacht; nein, viele Jahre
+nicht, auch jetzt dachte sie nicht daran; daher ruehrte das Zittern
+nicht. Aber das Medaillon kam sozusagen bei dem Zittern nach oben. Sie
+musste es jetzt doch abnehmen. Wenn sie es nur nicht vergaesse! Nein, sie
+wollte es gleich in die Tasche stecken.
+
+--So!--
+
+Da kam ein neues Grauen. Ganz deutlich hoerte sie feste Schritte auf der
+Landungsbruecke, die naeher und naeher kamen. Das Zittern hoerte auf;
+instinktiv knoepfte sie erst das Kleid am Halse wieder zu, dann ganz,
+ganz schnell auch den Mantel. Wer hatte hier etwas zu tun? Im Badehause
+keinesfalls.
+
+Doch just hierher kam es! Ein fester Griff, die Tuer flog auf, eine
+maechtige Gestalt im Wettermantel stand im Rahmen; der Kopf mit der
+Kapuze ragte ueber die Tueroeffnung weg. Eine elektrische Taschenlaterne
+leuchtete ihr gerade ins Gesicht, sie stiess einen heftigen Schrei
+aus,--es war Franz Roey.
+
+Da ueberkam sie eine Ohnmacht, dass sie dem Umsinken nahe war; aber sie
+wurde umschlungen und hinausgetragen, alles in einem Nu. Sie hoerte die
+Tuer ins Schloss schnappen; sie wurde auf den Arm genommen und
+fortgetragen. Kein einziges Wort konnte sie sagen; auch er sagte nichts.
+
+Aber am Ende der Landungsbruecke kam sie wieder zu sich; das merkte er.
+Bald hoerte er denn auch: "Das ist Gewalt!" Keine Antwort. Gleich darauf
+ein heftiger Versuch, sich loszumachen, und wieder klang's nur lauter
+und lebhafter: "Das ist Gewalt!"--Keine Antwort. Er schlang nur den
+andern Arm zaertlich um sie. Sie fragte heftig: "Wie kommt es, dass Sie
+hier sind?"--Da antwortete er: "Meine Schwester!"
+
+Die Stimme, diese Stimme legte sich zaertlich um sie. Aber sie wehrte
+sich dagegen: "Wenn Ihre Schwester es gut mit mir meint und Sie auch,
+dann lassen Sie mich los!" Er ging weiter: "Lassen Sie mich los, sag'
+ich! Das ist unwuerdig!" Sie riss sich so heftig von ihm los, dass er sie
+anders fassen musste, aber auf seinem Arm blieb sie. Mit traenenerstickter
+Stimme sagte sie: "Ich lass' es mir von keinem Menschen gefallen, dass er
+ueber mich bestimmt." Da antwortete er: "Sie moegen sich losreissen, soviel
+Sie wollen,--ich trage Sie nach Hause. Wollen Sie mir nicht gehorchen,
+so lasse ich Sie ueberwachen!" Die Worte legten sich wie ein eiserner
+Reifen um sie; sie wurde ganz still: "Sie lassen mich bewachen?"--"Das
+tu' ich; denn Sie sind Ihrer selbst nicht maechtig."
+
+Etwas Toerichteres hatte sie in ihrem ganzen Leben nicht gehoert. Aber sie
+wollte mit ihm nicht darueber disputieren. Sie antwortete nur: "Und Sie
+meinen, das habe einen Zweck?"--"Das meine ich. Wenn Sie sehen, wir
+wollen alles fuer Sie tun, was in unserer Macht steht, dann geben Sie
+nach, denn sie haben ein so gutes Herz." Sie schwieg eine Weile, dann
+sagte sie: "Ich kann keine Hilfe von einem Menschen annehmen, der nicht
+die rechte Achtung vor mir hat,"--sie fing zu weinen an.
+
+Da blieb Franz Roey stehen und blickte, so gut er konnte, unter seiner
+Kapuze zu ihr auf. "Ich nicht die rechte Achtung vor Ihnen?! Meinen Sie,
+dann truege ich Sie? Fuer mich sind Sie das Feinste, das Schoenste, was ich
+kenne. Darum trage ich Sie. Sie moegen getan haben, was Sie wollen--ich
+weiss, Sie haben es aus dem vornehmsten Gefuehl heraus getan; anders
+koennen Sie nicht handeln! Sind Sie betrogen, haben Sie sich furchtbar
+geirrt,--so liebe ich Sie nur noch mehr--jetzt ist es gesagt!--dann sind
+Sie doch ja auch ungluecklich, meine ich! Dann kann ich Ihnen vielleicht
+doch irgendetwas sein. Das waere das schoenste, was mir geschehen kann.
+Ich will Sie verlassen, wenn Sie es absolut wuenschen. Ich will mit Ihnen
+zum Altar gehen, wenn Sie soviel Zutrauen zu mir haben. Ich will den
+Schuft totschlagen, wenn Ihnen damit gedient ist. Ich will alles tun,
+was Sie wollen, wenn Sie nur gluecklich dadurch werden. Denn das ist fuer
+mich das schoenste."
+
+Er hielt inne, fing aber wieder an:
+
+"Ich habe nicht geglaubt, dass ein Mensch soviel Qual ertragen kann, wie
+ich empfunden habe, als ich heute abend hinter Ihnen herging. Hier
+stuerzt sie sich hinunter, dachte ich. Dann muss ich mich auch
+hinunterstuerzen. Bei diesem Unwetter bedeutet das sicher fuer uns beide
+den Tod; aber das hilft nichts. Das war's auch nicht, was mich peinigte.
+Nein, nur dass Sie so ungluecklich, so verzweifelt waren. Dass Sie sich fuer
+unwuerdig des Lebens halten konnten. Sie, die um keinen Preis der Welt je
+etwas Unwuerdiges tun konnte. Nie, niemals bin ich einem Menschen
+begegnet, dessen ich mir in dieser Beziehung sicherer war. Und doch
+konnte ich Ihnen das nicht sagen. Und durfte Ihnen nicht helfen. Ich
+kannte Sie,--ich getraute mich nicht in Ihre Naehe.
+
+"Aber nun habe ich Sie doch gerettet. Denn Sie koennen nicht sterben
+wollen, jetzt, nachdem Sie mich angehoert haben. Oder doch?" Er hatte sie
+schluchzen hoeren; er hatte gefuehlt, wie sie ihre Arme um seinen Hals
+schlang, dass sie seine Worte fast erstickte. Jetzt liess er sie langsam
+zu Boden gleiten. Aber der Arm, den sie ihm um den Hals gelegt hatte,
+loeste sich nicht. Als sie auf der Erde stand, legte sie auch den andern
+Arm um seinen Hals und barg leise schluchzend ihr Gesicht an seiner
+Brust; ihr Herz schlug an seinem den Takt dazu, den raschen Takt der
+Freude.--
+
+--Oben auf dem Hof hatten sie telephonisch Nachricht bekommen, das
+gnaedige Fraeulein sei unterwegs in dem schlimmsten Wetter, das je
+dagewesen sei. Aus dem Stadthause wurde immer und immer wieder
+angefragt, ob sie noch nicht da sei.
+
+Das kleine Maedchen war schon mehrmals mit dem Hunde draussen auf der
+Treppe gewesen, ohne dass der Hund gebellt haette. Diesmal aber bellte
+er,--mehr noch, er setzte im Galopp davon.
+
+Im Hause war man in der denkbar groessten Aufregung. Keiner fand etwas
+Sonderbares darin, dass Unglueck und Verzweiflung sie in Wetter und Sturm
+hinausgetrieben hatten. Sie bedurfte dessen! Sie sehnte sich danach, ihr
+Leben aufs Spiel zu setzen; sie legte keinen Wert mehr darauf. Als jetzt
+das kleine Maedchen hereingestuermt kam: "Sie ist da! Sie ist da!" weinten
+sie alle vor Freude. Sie hatten schon laengst warme Zimmer und warmes
+Essen bereit. Nun legten sie noch ein Gedeck auf, denn Nanna kam wieder
+hereingestuermt und berichtete, sie sei nicht allein; die Kleine hatte
+einen Mann reden hoeren. Da sei gewiss Joergen Thiis endlich gekommen!
+meinten sie. "Nein, es war nicht seine Stimme. Es war doch eine richtige
+Maennerstimme!"
+
+Die Freude des Hundes, als er sie sah, kannte keine Grenzen. Er
+winselte, er klaeffte, er sprang ihr direkt ins Gesicht und wollte gar
+nicht aufhoeren. Als Franz Roey mit ihm sprach, begruesste er ihn wie einen
+alten Bekannten, wandte sich aber gleich wieder Mary zu. Das kleine
+zottige Wesen spruehte foermlich Feuer. Es verkoerperte die Freude der
+Heimat, sie gesund wiederzusehen. Ein Gruessen der Toten und der Lebenden.
+Das war ihre Empfindung. Sie dachte, vielleicht sei er auch ein
+Vorspiel zu ihrer eigenen wiedererwachenden Freude, wenn sie einmal das
+ausgestandene Grauen ganz los werden konnte.
+
+Als sie mit dem Hunde hineinkam, der wie toll vor Freude war, da standen
+die saemtlichen drei Maedchen da, und die Kleine hinter ihnen. Sie hielten
+in ihrem Freudenausbruch inne, als sie den riesigen Menschen hinter ihr
+heraufkommen sahen; denn in seinem Wettermantel hatte Franz Roey etwas
+Uebernatuerliches. Aber nur einen Augenblick, dann riefen sie: "Nein, dass
+gnaediges Fraeulein bei solchem Wetter draussen sind! Wie haben wir uns
+geaengstigt. Die Verwalterin im Stadthause verstaendigte uns! Im Dorf ist
+Feuer. Alle Mannsleute sind da. Wir haetten sonst Hilfe geschickt. Gott
+sei Dank, dass Sie wieder da sind!"
+
+Mary verbarg ihre Ruehrung, indem sie schnell nach oben ging. Sie kam in
+ihr warmes Zimmer, wo die Lampe schon angezuendet war.
+
+"Ist all diese Liebe und Fuersorge neu? Oder habe ich sie frueher nur
+nicht beachtet?"
+
+Der Hund winselte solange vor der Tuer, bis sie ihn einliess. Seine
+Dankbarkeit war so aufdringlich, dass sie sich nur mit Muehe umziehen
+konnte. Besonders schwierig wurde es, als sie die Struempfe wechselte.
+
+Schliesslich machte sie sich das Haar zurecht, da fiel ihr das Medaillon
+ihrer Mutter ein; sie holte es wieder hervor und band es um den Hals.
+Sie schaute es an--zum erstenmal nach langen Jahren--und drueckte und
+kuesste es. Darauf steckte sie ein Licht an und ging damit ueber den Flur
+in ihres Vaters Zimmer. Sie setzte das Licht hin, beugte sich ueber sein
+Bett und drueckte einen Kuss auf sein Kopfkissen. Dann wieder hinaus; aber
+vor der Tuer des Fremdenzimmers stand sie still. "Hier soll er schlafen,
+damit es morgen wieder geoeffnet werden kann. Dann ist alles Haessliche
+weg!" Zu dem Maedchen, das gerade nach oben kam, sagte sie, das
+Fremdenzimmer muesse geheizt werden. Das sei schon geschehen, antwortete
+das Maedchen. "Darf ich Fraeuleins Lampe hineinstellen?" Sie bekam sie.
+Mary stand und sah ihr nach. Waren sie wirklich immer so gewesen?
+
+Das Maedchen blieb im Zimmer, um alles zurecht zu machen. Sie selbst ging
+auf die Treppe zu. Da blieb sie wieder stehen. Der Hund, der schon unten
+gewesen war, kam winselnd wieder herauf. Er wollte sie nicht wieder
+verlieren. Sie streichelte ihn voll Dankbarkeit; das war gewissermassen
+eine kleine Abzahlung auf das grosse Dankgefuehl, das sie jetzt ganz
+erfuellte. "Morgen--heute bin ich zu muede--morgen sage ich Franz Roey
+alles. Alles, was mir geschehen ist. Alles! Dann finde ich mich
+vielleicht selbst auch heraus." Mit diesem stolzen Vorsatz ging sie die
+Treppe hinunter, stand aber still, ehe sie unten angelangt war.
+"Seltsam! Ganz seltsam! Mir ist, als koennte ich es der ganzen Welt
+sagen."
+
+Der Hund stand vor der Tuer zu dem hollaendischen Zimmer; da witterte er
+Franz Roey.
+
+Sie ging und machte die Tuer auf. Aber kaum stand sie selbst auf der
+Schwelle, da rief Franz Roey, als sei es ihm schwer gefallen, solange zu
+schweigen: "Gott im Himmel, ist das hier schoen!" Als er den Hund neben
+ihr sah, fuegte er hinzu: "Und wie lieb man Sie hier haben muss!" Sein
+Gesicht leuchtete.
+
+"In Uniform?" fragte sie.--"Ja, ich bin naemlich direkt von einer grossen
+Hochzeit fortgeholt worden!" Er lachte.
+
+Das brachte sie auf einen Gedanken. Waehrend der Hund an ihrem Kleide riss
+und zerrte, blickte sie froehlich zu Franz Roey auf: "Hier auf Krogskog
+hat frueher schon einmal ein General vom Geniekorps gelebt."--
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Mary, Erzaehlung, by Bjornstjerne Bjornson
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MARY, ERZAEHLUNG ***
+
+***** This file should be named 10507.txt or 10507.zip *****
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+Produced by Juliet Sutherland, Brett Koonce and PG Distributed
+Proofreaders
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+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
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+ Chief Executive and Director
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+Literary Archive Foundation
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
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+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+approach us with offers to donate.
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
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+works.
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
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+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
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+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+are filed in directories based on their release date. If you want to
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+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+ https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+ https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
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