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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:34:29 -0700 |
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Nacht.) + +Luise, an einem Tisch, worauf ein Licht steht, strickend. Karoline, +in einem Großvatersessel gegenüber, schlafend. + +Luise (einen eben vollendeten gestrickten Strumpf in die Höhe haltend). +Wieder ein Strumpf! Nun wollt' ich, der Onkel käme nach Hause; denn +ich habe nicht Lust, einen andern anzufangen. (Sie steht auf und geht +ans Fenster.) Er bleibt heut' ungewöhnlich lange weg, sonst kommt er +doch gegen elf Uhr, und es ist jetzt schon Mitternacht. (Sie tritt +wieder an den Tisch.) Was die französische Revolution Gutes oder Böses +stiftet, kann ich nicht beurteilen; so viel weiß ich, dass sie mir +diesen Winter einige Paar Strümpfe mehr einbringt. Die Stunden, die +ich jetzt wachen und warten muss, bis Herr Breme nach Hause kommt, +hätt' ich verschlafen, wie ich sie jetzt verstricke, und er +verplaudert sie, wie er sie sonst verschlief. + +Karoline (im Schlaf redend). +Nein, nein! Mein Vater! + +Luise (sich dem Sessel nähernd). +Was gibt's, liebe Muhme?--Sie antwortet nicht!--Was nur dem guten +Mädchen sein mag! Sie ist still und unruhig; des Nachts schläft sie +nicht, und jetzt, da sie vor Müdigkeit eingeschlafen ist, spricht sie +im Traum. Sollte meine Vermutung gegründet sein? Sollte der Baron in +diesen wenigen Tagen einen solchen Eindruck auf die gemacht haben, so +schnell und so stark? (Hervortretend.) Wunderst du dich, Luise, und +hast du nicht selbst erfahren, wie die Liebe wirkt, wie schnell und +wie stark! + + + +Zweiter Auftritt +Die Vorigen. Georg. + +Georg (heftig und ängstlich). +Liebes Mamsellchen, geben Sie mir geschwinde, geschwinde-- + +Luise. +Was denn, Georg? + +Georg. +Geben Sie mir die Flasche. + +Luise. +Was für eine Flasche? + +Georg. +Ihr Herr Onkel sagte, Sie sollen mir die Flasche geschwinde geben; sie +steht in der Kammer, oben auf dem Brett rechter Hand. + +Luise. +Da stehen viele Flaschen; was soll denn drinn sein? + +Georg. +Spiritus. + +Luise. +Es gib allerlei Spiritus; hat er sich nicht deutlicher erklärt? Wozu +soll's denn? + +Georg. +Er sagt' es wohl, ich war aber so erschrocken. Ach, der junge Herr-- + +Karoline (die aus dem Schlaf auffährt). +Was gibt's?--Der Baron? + +Luise. +Der junge Graf? + +Georg. +Leider, der junge Graf! + +Karoline. +Was ist ihm begegnet? + +Georg. +Geben Sie mir den Spiritus. + +Luise. +Sage nur, was dem jungen Grafen begegnet ist, so weiß ich wohl, was +der Onkel für eine Flasche braucht. + +Georg. +Ach, das gute Kind! Was wird die Frau Gräfin sagen, wenn sie morgen +kommt! Wie wird sie uns ausschelten! + +Karoline. +So red' Er doch! + +Georg. +Er ist gefallen, mit dem Kopf vor eine Tischecke, das Gesicht ist ganz +in Blut; wer weiß, ob nicht gar das Auge gelitten hat. + +Luise (indem sie einen Wachsstock anzündet und in die Kammer geht). +Nun weiß ich, was sie brauchen. + +Karoline. +So spät! Wie ging das zu? + +Georg. +Liebes Mamsellchen, ich dachte lange, es würde nichts Gutes werden. +Da sitzt Ihr Vater und der Hofmeister alle Abend beim alten Pfarrer +und lesen die Zeitungen und Monatsschriften, und so disputieren sie +und können nicht fertig werden, und das arme Kind muss dabei sitzen; +da druckt sich's denn in eine Ecke, wenn's spät wird, und schläft ein, +und wenn sie aufbrechen, da taumelt das Kind schlaftrunken mit, und +heute--nun sehen Sie--da schlägt's eben zwölfe--heute bleiben sie über +alle Gebühr aus, und ich sitze zu Hause und habe Licht brennen, und +dabei stehen die andern Lichter für den Hofmeister und den jungen +Herrn, und Ihr Vater und der Magister bleiben vor der Schlossbrücke +stehen und können noch nicht fertig werden-- + +Luise (kommt mit einem Glase zurück). + +Georg (fährt fort). +Und das Kind kommt in den Saal getappt und ruft mich, und ich fahre +auf und will die Lichter anzünden, wie ich immer tue, und wie ich +schlaftrunken bin, lösche ich das Licht aus. Indessen tappt das Kind +die Treppe hinauf, und auf dem Vorsaal stehen die Stühle und Tische, +die wir morgen früh in die Zimmer verteilen wollen; das Kind weiß es +nicht, geht geradezu, stößt sich, fällt, wir hören es schreien, ich +mache Lärm, ich mache Licht, und wie wir hinaufkommen, liegt's da und +weiß kaum von sich selbst. Das ganze Gesicht ist blutig. Wenn es ein +Auge verloren hat, wenn es gefährlich wird, geh' ich morgen früh auf +und davon, eh' die Frau Gräfin ankommt; mag's verantworten, wer will! + +Luise (die indessen einige Bündelchen Leinwand aus der Schublade +genommen, gibt ihm die Flasche). +Hier! Geschwind! Trage das hinüber und nimm die Läppchen dazu, ich +komme gleich selbst. Der Himmel verhüte, dass es so übel sei! +Geschwind, Georg, geschwind! (Georg ab.) Halte warmes Wasser bereit, +wenn der Onkel nach Hause kommt und Kaffee verlangt. Ich will +geschwind hinüber. Es wäre entsetzlich, wenn wir unsere gute Gräfin +so empfangen müssten. Wie empfahl sie nicht dem Magister, wie empfahl +sie nicht mir das Kind bei ihrer Abreise! Leider hab' ich sehen +müssen, dass es die Zeit über sehr versäumt worden ist. Dass man doch +gewöhnlich seine nächste Pflicht versäumt! (Ab.) + + + +Dritter Auftritt +Karoline. Hernach der Baron. + +Karoline (nachdem sie einige Mal nachdenkend auf und ab gegangen). +Er verlässt mich keinen Augenblick, auch im Traum selbst war er mir +gegenwärtig. O, wenn ich glauben könnte, dass sein Herz, seine +Absichten so redlich sind, als seine Blicke, sein Betragen reizend und +einnehmend ist! Ach, und die Art, mit der er alles zu sagen weiß, wie +edel er sich ausdrückt! Man sage, was man will, welche Vorzüge gibt +einem Menschen von edler Geburt eine standesmäßige Erziehung! Ach, +dass ich doch seinesgleichen wäre! + +Der Baron (an der Türe). +Sind Sie allein, beste Karoline? + +Karoline. +Herr Baron, wo kommen Sie her? Entfernen Sie sich! Wenn mein Vater +käme! Es ist nicht schön, mich so zu überfallen. + +Baron. +Die Liebe, die mich hieher führt, wird auch mein Fürsprecher bei Ihnen +sein, angebetete Karoline. (Er will sie umarmen.) + +Karoline. +Zurück, Herr Baron! Sie sind sehr verwegen. Wo kommen Sie her? + +Baron. +Ein Geschrei weckt mich, ich springe herunter und finde, dass mein +Neffe sich eine Brausche gefallen hat. Ich finde Ihren Vater um das +Kind beschäftigt, nun kommt auch Ihre Muhme, ich sehe, dass es keine +Gefahr hat, es fällt mir ein: Karoline ist allein--und was kann mir +bei jeder Gelegenheit anders einfallen als Karoline? Die Augenblicke +sind kostbar, schönes, angenehmes Kind! Gestehen Sie mir, sagen Sie +mir, dass Sie mich lieben. (Will sie umarmen.) + +Karoline. +Noch einmal, Herr Baron! Lassen Sie mich, und verlassen Sie dieses +Haus! + +Baron. +Sie haben versprochen, mich so bald als möglich zu sehen, und wollen +mich nun entfernen? + +Karoline. +Ich habe versprochen, morgen früh mit Sonnenaufgang in dem Garten zu +sein, mit Ihnen spazieren zu gehen, mich Ihrer Gesellschaft zu freuen. +Hieher hab' ich Sie nicht eingeladen. + +Baron. +Aber die Gelegenheit-- + +Karoline. +Hab' ich nicht gemacht. + +Baron. +Aber ich benutze sie; können Sie mir es verdenken? + +Karoline. +Ich weiß nicht, was ich von Ihnen denken soll. + +Baron. +Auch Sie--lassen Sie es mich frei gestehen--auch Sie erkenne ich nicht. + + +Karoline. +Und worin bin ich mir denn so unähnlich? + +Baron. +Können Sie noch fragen? + +Karoline. +Ich muss wohl, ich begreife Sie nicht. + +Baron. +Ich soll reden? + +Karoline. +Wenn ich Sie verstehen soll. + +Baron. +Nun gut. Haben Sie nicht seit den drei Tagen, die ich Sie kenne, jede +Gelegenheit gesucht, mich zu sehen, und zu sprechen? + +Karoline. +Ich leugne es nicht. + +Baron. +Haben Sie mir nicht, sooft ich Sie ansah, mit Blicken geantwortet? +Und mit was für Blicken! + +Karoline (verlegen). +Ich kann meine eignen Blicke nicht sehen. + +Baron. +Aber fühlen, was sie bedeuten.--Haben Sie mir, wenn ich Ihnen im Tanze +die Hand drückte, die Hand nicht wieder gedrückt? + +Karoline. +Ich erinnere mich's nicht. + +Baron. +Sie haben ein kurzes Gedächtnis, Karoline. Als wir unter der Linde +drehten, und ich Sie zärtlich an mich schloss, damals stieß mich +Karoline nicht zurück. + +Karoline. +Herr Baron, Sie haben sich falsch ausgelegt, was ein gutherziges, +unerfahrnes Mädchen-- + +Baron. +Liebst du mich? + +Karoline. +Noch einmal, verlassen Sie mich! Morgen frühe-- + +Baron. +Werde ich ausschlafen. + +Karoline. +Ich werde Ihnen sagen-- + +Baron. +Ich werde nichts hören. + +Karoline. +So verlassen Sie mich. + +Baron (sich entfernend). +O, es ist mir leid, dass ich gekommen bin. + +Karoline (allein, nach einer Bewegung, als wenn sie ihn aufhalten +wollte). +Er geht, ich muss ihn fortschicken, ich darf ihn nicht halten. Ich +liebe ihn und muss ihn verscheuchen. Ich war unvorsichtig und bin +unglücklich. Weg sind meine Hoffnungen auf den schönen Morgen, weg +die goldnen Träume, die ich zu nähren wagte. O, wie wenig Zeit +braucht es, unser ganzes Schicksal umzukehren! + + + +Vierter Auftritt +Karoline. Breme. + +Karoline. +Lieber Vater, wie geht's? Was macht der junge Graf? + +Breme. +Es ist eine starke Kontusion; doch ich hoffe, die Läsion soll nicht +gefährlich sein. Ich werde eine vortreffliche Kur machen, und der +Herr Graf wird sich künftig, sooft er sich im Spiegel besieht, bei der +Schmarre mit Achtung seines geschickten Chirurgi, seines Breme von +Bremenfeld erinnern. + +Karoline. +Die arme Gräfin! Wenn sie nur nicht schon morgen käme. + +Breme. +Desto besser! Und wenn sie den übeln Zustand des Patienten mit Augen +sieht, wird sie, wenn die Kur vollbracht ist, desto mehr Ehrfurcht für +meine Kunst empfinden. Standespersonen müssen auch wissen, dass sie +und ihre Kinder Menschen sind; man kann sie nicht genug empfinden +machen, wie verehrungswürdig ein Mann ist, der ihnen in ihren Nöten +beisteht, denen sie wie alle Kinder Adams unterworfen sind, besonders +ein Chirurgus. Ich sage dir, mein Kind, ein Chirurgus ist der +verehrungswürdigste Mann auf dem ganzen Erdboden. Der Theolog befreit +dich von der Sünde, die er selbst erfunden hat; der Jurist gewinnt dir +deinen Prozess und bringt deinen Gegner, der gleiches Recht hat, an +den Bettelstab; der Medikus kuriert dir eine Krankheit weg, die andere +herbei, und du kannst nie recht wissen, ob er dir genutzt oder +geschadet hat: Der Chirurgus aber befreit dich von einem reellen Übel, +das du dir selbst zugezogen hast, oder das dir zufällig und +unverschuldet über den Hals kommt; er nutzt dir, schadet keinem +Menschen, und du kannst dich unwidersprechlich überzeugen, dass seine +Kur gelungen ist. + +Karoline. +Freilich auch, wenn sie nicht gelungen ist. + +Breme. +Das lehrt dich den Pfuscher vom Meister unterscheiden. Freue dich, +meine Tochter, dass du einen solchen Meister zum Vater hast: Für ein +wohl denkendes Kind ist nichts ergötzlicher, als sich seiner Eltern +und Großeltern zu freuen. + +Karoline (sie nachahmend). +Das tu' ich, mein Vater. + +Breme (sie nachahmend). +Das tust du, mein Töchterchen, mit einem betrübten Gesichtchen und +weinerlichen Tone.--Das soll doch wohl keine Freude vorstellen? + +Karoline. +Ach, mein Vater! + +Breme. +Was hast du, mein Kind? + +Karoline. +Ich muss es Ihnen gleich sagen. + +Breme. +Was hast du? + +Karoline. +Sie wissen, der Baron hat diese Tage her sehr freundlich, sehr +zärtlich mit mir getan; ich sagt' es Ihnen gleich und fragte Sie um +Rat. + +Breme. +Du bist ein vortreffliches Mädchen! Wert, als eine Prinzessin, eine +Königin aufzutreten. + +Karoline. +Sie rieten mir, auf meiner Hut zu sein, auf mich wohl Acht zu haben, +aber auch auf ihn; mir nichts zu vergeben, aber auch ein Glück, wenn +es mich aufsuchen sollte, nicht von mir zu stoßen. Ich habe mich +gegen ihn betragen, dass ich mir keine Vorwürfe zu machen habe; aber +er-- + +Breme. +Rede, mein Kind, rede! + +Karoline. +O, es ist abscheulich. Wie frech, wie verwegen!-- + +Breme. +Wie? (Nach einer Pause.) Sage mir nichts, meine Tochter, du kennst +mich, ich bin eines hitzigen Temperaments, ein alter Soldat; ich würde +mich nicht fassen können, ich würde einen tollen Streich machen. + +Karoline. +Sie können es hören, mein Vater, ohne zu zürnen; ich darf es sagen, +ohne rot zu werden. Er hat meine Freundlichkeit übel ausgelegt, er +hat sich in Ihrer Abwesenheit, nachdem Luise auf das Schloss geeilt +war, hier ins Haus geschlichen. Er war verwegen, aber ich wies ihn +zurechte. Ich trieb ihn fort, und ich darf wohl sagen: Seit diesem +Augenblick haben sich meine Gesinnungen gegen ihn geändert. Er schien +mir liebenswürdig, als er gut war, als ich glauben konnte, dass er es +gut mit mir meine; jetzt kommt er mir vor: Schlimmer als jeder andere. +Ich werde Ihnen alles, wie bisher, erzählen, alles gestehen und mich +Ihrem Rat ganz allein überlassen. + +Breme. +Welch ein Mädchen! Welch ein vortreffliches Mädchen! O, ich +beneidenswerter Vater! Wartet nur, Herr Baron, wartet nur! Die Hunde +werden von der Kette loskommen und den Füchsen den Weg zum +Taubenschlag verrennen. Ich will nicht Breme heißen, nicht den Namen +Bremenfeld verdienen, wenn in kurzem nicht alles anders werden soll. + +Karoline. +Erzürnt Euch nicht, mein Vater! + +Breme. +Du gibst mir ein neues Leben, meine Tochter; ja, fahre fort, deinen +Stand durch deine Tugend zu zieren, gleiche in allem deiner +vortrefflichen Urgroßmutter, der seligen Burgemeisterin von Bremenfeld. +Diese würdige Frau war durch Sittsamkeit die Ehre ihres Geschlechts +und durch Verstand die Stütze ihres Gemahls. Betrachte dieses Bild +jeden Tag, jede Stunde, ahme sie nach und werde verehrungswürdig wie +sie! (Karoline sieht das Bild an und lacht.) Was lachst du, meine +Tochter? + +Karoline. +Ich will meiner Urgroßmutter gern in allem Guten folgen, wenn ich mich +nur nicht anziehen soll wie sie. Ha, ha, ha! Sehn Sie nur, so oft ich +das Bild ansehe, muss ich lachen, ob ich es gleich alle Tage vor Augen +habe, ha, ha, ha! Sehn Sie nur das Häubchen, dass wie +Fledermausflügel vom Kopf los steht. + +Breme. +Nun, nun! Zu ihrer Zeit lachte niemand darüber, und wer weiß, wer +über euch künftig lacht, wenn er euch gemalt sieht; denn ihr seid sehr +selten angezogen und aufgeputzt, dass ich sagen möchte, ob du gleich +meine hübsche Tochter bist: Sie gefällt mir! Gleiche dieser +vortrefflichen Frau an Tugenden und kleide dich mit besserm Geschmack, +so hab' ich nichts dagegen, vorausgesetzt, dass, wie sie sagen, der +gute Geschmack nicht teurer ist als der schlechte. Übrigens dächt' +ich, du gingst zu Bette; denn es ist spät. + +Karoline. +Wollen Sie nicht noch Kaffee trinken? Das Wasser siedet, er ist +gleich gemacht. + +Breme. +Setze nur alles zurechte, schütte den gemahlenen Kaffee in die Kanne, +das heiße Wasser will ich selbst darüber gießen. + +Karoline. +Gute Nacht, mein Vater! (Geht ab.) + +Breme. +Schlaf wohl, mein Kind. + + + +Fünfter Auftritt +Breme allein. + +Dass auch das Unglück just diese Nacht geschehen musste! Ich hatte +alles klüglich eingerichtet, meine Einteilung der Zeit als ein echter +Praktikus gemacht. Bis gegen Mitternacht hatten wir zusammen +geschwatzt, da war alles ruhig; nachher wollte ich meine Tasse Kaffee +trinken, meine bestellten Freunde sollten kommen zu der +geheimnisvollen Überlegung. Nun hat's der Henker! Alles ist in +Unruhe. Sie wachen im Schloss, dem Kinde Umschläge aufzulegen. Wer +weiß, wo sich der Baron herumdrückt, um meiner Tochter aufzupassen. +Beim Amtmann seh' ich Licht, bei dem verwünschten Kerl, den ich am +meisten scheue. Wenn wir entdeckt werden, so kann der größte, +schönste, erhabenste Gedanke, der auf mein ganzes Vaterland Einfluss +haben soll, in der Geburt erstickt werden. (Er geht ans Fenster.) Ich +höre jemand kommen; die Würfel sind geworfen, wir müssen nun die +Steine setzen; ein alter Soldat darf sich vor nichts fürchten. Bin +ich denn nicht bei dem großen unüberwindlichen Fritz in die Schule +gegangen? + + + +Sechster Auftritt +Breme. Martin. + +Breme. +Seid Ihr's, Gevatter Martin? + +Martin. +Ja, lieber Gevatter Breme, das bin ich. Ich habe mich ganz stille +aufgemacht, wie die Glocke zwölfe schlug, und bin hergekommen; aber +ich habe noch Lärm gehört und hin und wider gehen, und da bin ich im +Garten einige Mal auf und ab geschlichen, bis alles ruhig war. Sagt +mir nur, was Ihr wollt, Gevatter Breme, dass wir so spät bei Euch +zusammenkommen, in der Nacht; könnten wir's denn nicht bei Tage +abmachen? + +Breme. +Ihr sollt alles erfahren, nur müsst Ihr Geduld haben, bis die andern +alle beisammen sind. + +Martin. +Wer soll denn noch alles kommen? + +Breme. +Alle unsere guten Freunde, alle vernünftigen Leute. Außer Euch, der +Ihr Schulze von dem Ort hier seid, kommt noch Peter, der Schulze von +Rosenhahn, und Albert, der Schulze von Wiesengruben; ich hoffe, auch +Jakob wird kommen, der das hübsche Freigut besitzt. Dann sind recht +ordentliche und vernünftige Leute beisammen, die schon was ausmachen +können. + +Martin. +Gevatter Breme, Ihr seid ein wunderlicher Mann; es ist Euch alles eins, +Nacht und Tag, Tag und Nacht, Sommer und Winter. + +Breme. +Ja, wenn das auch nicht so wäre, könnte nichts Rechts werden. Wachen +oder Schlafen, das ist mir auch ganz gleich. Es war nach der Schlacht +bei Leuthen, wo unsere Lazarette sich in schlechtem Zustande befanden +und sich wahrhaftig noch in schlechterem Zustande befunden hätten, +wäre Breme nicht damals ein junger rüstiger Bursche gewesen. Da lagen +viele Blessierte, viele Kranke, und alle Feldscherer waren alt und +verdrossen, aber Breme ein junger tüchtiger Kerl, Tag und Nacht parat. +Ich sag' Euch, Gevatter, dass ich acht Nächte nacheinander weg +gewacht und am Tage nicht geschlafen habe. Das merkte sich aber auch +der alte Fritz, der alles wusste, was er wissen wollte. Höre Er, +Breme, sagte er einmal, als er in eigner Person das Lazarett +visitierte, höre Er, Breme, man sagt, dass Er an der Schlaflosigkeit +krank liege.--Ich merkte, wo das hinaus wollte; denn die andern +stunden alle dabei; ich fasste mich und sagte: Ihro Majestät, das ist +eine Krankheit, wie ich sie allen Ihren Dienern wünsche, und da sie +keine Mattigkeit zurücklässt, und ich den Tag auch noch brauchbar bin, +so hoffe ich, dass Seine Majestät deswegen keine Ungnade auf mich +werfen werden. + +Martin. +Ei, ei! Wie nahm denn das der König auf? + +Breme. +Er sah ganz ernsthaft aus, aber ich sah ihm wohl an, dass es ihm wohl +gefiel. Breme, sagte er, womit vertreibt Er sich denn die Zeit? +Da fasst' ich mir wieder ein Herz und sagte: Ich denke an das, was +Ihro Majestät getan haben und noch tun werden, und da könnt' ich +Methusalems Jahre erreichen und immer fort wachen und könnt's doch +nicht ausdenken. Da tat er, als hört' er's nicht, und ging vorbei. +Nun war's wohl acht Jahre darnach, da fasst' er mich bei der Revue +wieder ins Auge. Wacht Er noch immer, Breme? reif er. Ihro +Majestät, versetzt' ich, lassen einem ja im Frieden so wenig Ruh +als im Kriege. Sie tun immer so große Sachen, dass sich ein +gescheiter Kerl daran zuschanden denkt. + +Martin. +So habt Ihr mit dem König gesprochen, Gevatter? Durfte man so mit ihm +reden? + +Breme. +Freilich durfte man so und noch ganz anders; denn er wusste alles +besser. Es war ihm einer wie der andere, und der Bauer lag ihm am +mehrsten am Herzen. Ich weiß wohl, sagte er zu seinen Ministern, +wenn sie ihm das und jenes einreden wollten, die Reichen haben viele +Advokaten, aber die Dürftigen haben nur einen, und das bin ich. + +Martin. +Wenn ich ihn doch nur auch gesehen hätte! + +Breme. +Stille, ich höre was! Es werden unsere Freunde sein. Sieh da! Peter +und Albert. + + + +Siebenter Auftritt +Peter. Albert. Die Vorigen. + +Breme. +Willkommen!--Ist Jakob nicht bei euch? + +Peter. +Wir haben uns bei den drei Linden bestellt; aber er blieb uns zu lang +aus, nun sind wir allein da. + +Albert. +Was habt Ihr uns Neues zu sagen, Meister Breme? Ist was von Wetzlar +gekommen, geht der Prozess vorwärts? + +Breme. +Eben weil nichts gekommen ist, und weil, wenn was gekommen wäre, es +auch nicht viel heißen würde, so wollt' ich euch eben einmal meine +Gedanken sagen: Denn ihr wisst wohl, ich nehme mich der Sachen aller, +aber nicht öffentlich, an, bis jetzt nicht öffentlich; denn ich darf's +mit der gnädigen Herrschaft nicht ganz verderben. + +Peter. +Ja, wir verdürben's auch nicht gern mit ihr, wenn sie's nur halbweg +leidlich machte. + +Breme. +Ich wollte euch sagen--wenn nur Jakob da wäre, dass wir alle zusammen +wären, und dass ich nichts wiederholen müsste, und wir einig würden. + +Albert. +Jakob? Es ist fast besser, dass er nicht dabei ist. Ich traue ihm +nicht recht; er hat das Freigütchen, und wenn er auch wegen der Zinsen +mit uns gleiches Interesse hat, so geht ihn doch die Straße nichts an, +und er hat sich im ganzen Prozess gar zu lässig bewiesen. + +Breme. +Nun, so lasst's gut sein. Setzt euch und hört mich an. (Sie setzen +sich.) + +Martin. +Ich bin recht neugierig, zu hören. + +Breme. +Ihr wisst, dass die Gemeinden schon vierzig Jahre lang mit der +Herrschaft einen Prozess führen, der auf langen Umwegen endlich nach +Wetzlar gelangt ist und von dort den Weg nicht zurückfinden kann. Der +Gutsherr verlangt Fronen und andere Dienste, die ihr verweigert, und +mit Recht verweigert; denn es ist ein Rezess geschlossen worden mit +dem Großvater unsers jungen Grafen--Gott erhalt' ihn!--Der sich diese +Nacht eine erschreckliche Brausche gefallen hat. + +Martin. +Eine Brausche? + +Peter. +Gerade diese Nacht? + +Albert. +Wie ist das zugegangen? + +Martin. +Das arme liebe Kind! + +Breme. +Das will ich euch nachher erzählen. Nun hört mich weiter an. Nach +diesem geschlossenen Rezess überließen die Gemeinden an die Herrschaft +ein paar Fleckchen Holz, einige Wiesen, einige Triften und sonst noch +Kleinigkeiten, die euch von keiner Bedeutung waren und der Herrschaft +viel nutzten; denn man sieht, der alte Graf war ein kluger Herr, aber +auch ein guter Herr. Leben und leben lassen, war sein Spruch. Er +erließ den Gemeinden dagegen einige zu entbehrende Fronen und-- + +Albert. +Und das sind die, die wir noch immer leisten müssen. + +Breme. +Und machte ihnen einige Konvenienzen-- + +Martin. +Die wir noch nicht genießen. + +Breme. +Richtig, weil der Graf starb, die Herrschaft sich in Besitz dessen +setzte, was ihr zugestanden war, der Krieg einfiel, und die Untertanen +noch mehr tun mussten, als sie vorher getan hatten. + +Peter. +Es ist akkurat so; so hab' ich's mehr als einmal aus des Advokaten +Munde gehört. + +Breme. +Und ich weiß es besser als der Advokat, denn ich sehe weiter. Der +Sohn des Grafen, der verstorbene gnädige Herr, wurde eben um die Zeit +volljährig. Das war, bei Gott! Ein wilder böser Teufel, der wollte +nichts herausgeben und misshandelte euch ganz erbärmlich. Er war im +Besitz, der Rezess war fort und nirgends zu finden. + +Albert. +Wäre nicht noch die Abschrift da, die unser verstorbener Pfarrer +gemacht hat, wir wüssten kaum etwas davon. + +Breme. +Diese Abschrift ist euer Glück und euer Unglück. Diese Abschrift gilt +alles vor jedem billigen Menschen, vor Gericht gilt sie nichts. +Hättet ihr diese Abschrift nicht, so wäret ihr ungewiss in dieser +Sache. Hätte man diese Abschrift der Herrschaft nicht vorgelegt, so +wüsste man nicht, wie ungerecht sie denkt. + +Martin. +Da müsst Ihr auch wieder billig sein. Die Gräfin leugnet nicht, dass +vieles für uns spricht; nur weigert sie sich, den Vergleich einzugehen, +weil sie, in Vormundschaft ihres Sohnes, sich nicht getraut, so etwas +abzuschließen. + +Albert. +In Vormundschaft ihres Sohnes! Hat sie nicht den neuen Schlossflügel +bauen lassen, den er vielleicht sein Lebtage nicht bewohnt; denn er +ist nicht gern in dieser Gegend. + +Peter. +Und besonders, da er nun eine Brausche gefallen hat. + +Albert. +Hat sie nicht den großen Garten und die Wasserfälle anlegen lassen, +worüber ein paar Mühlen haben müssen weggekauft werden? Das getraut +sie sich alles in Vormundschaft zu tun, aber das Rechte, das Billige, +das getraut sie sich nicht. + +Breme. +Albert, du bist ein wackerer Mann; so hör' ich gern reden, und ich +gestehe wohl, wenn ich von unserer gnädigen Gräfin manches Gute +genieße und deshalb mich für ihren untertänigen Diener bekenne, so +möcht' ich doch auch darin meinen König nachahmen und euer Sachwalter +sein. + +Peter. +Das wäre recht schön. Macht nur, dass unser Prozess bald aus wird! + +Breme. +Das kann ich nicht, das müsst ihr. + +Peter. +Wie wäre denn das anzugreifen? + +Breme. +Ihr guten Leute wisst nicht, dass alles in der Welt vorwärts geht, +dass heute möglich ist, was vor zehn Jahren nicht möglich war. Ihr +wisst nicht, was jetzt alles unternommen, was alles ausgeführt wird. + +Martin. +O ja, wir wissen, dass in Frankreich jetzt wunderliches Zeug geschieht. + +Peter. +Wunderliches und Abscheuliches! + +Albert. +Wunderliches und Gutes. + +Breme. +So recht, Albert, man muss das Beste wählen! Da sag' ich nun: Was +man in Güte nicht haben kann, soll man mit Gewalt nehmen. + +Martin. +Sollte das gerade das beste sein? + +Albert. +Ohne Zweifel. + +Peter. +Ich dächte nicht. + +Breme. +Ich muss euch sagen, Kinder: Jetzt oder niemals! + +Albert. +Da dürft Ihr uns in Wiesengruben nicht viel vorschwatzen; dazu sind +wir fix und fertig. Unsere Leute wollten längst rebellern; ich habe +nur immer abgewehrt, weil mir Herr Breme immer sagte, es sei noch +nicht Zeit, und das ist ein gescheiter Mann, auf den ich Vertrauen +habe. + +Breme. +Gratias, Gevatter, und ich sage euch: Jetzt ist es Zeit. + +Albert. +Ich glaub's auch. + +Peter. +Nehmt mir's nicht übel, das kann ich nicht einsehen; denn, wenn's gut +Aderlassen ist, gut Purgieren, gut Schröpfen, das steht im Kalender, +und darnach weiß ich mich zu richten; aber wenn's just gut Rebellern +sei, das, glaub' ich, ist viel schwerer zu sagen. + +Breme. +Das muss unsereiner verstehen. + +Albert. +Freilich versteht Ihr's. + +Peter. +Aber sagt mir nur, woher's eigentlich kommt, dass Ihr's besser +versteht als andere gescheite Leute? + +Breme (gravitätisch). +Erstlich, mein Freund, weil schon vom Großvater an meine Familie die +größten politischen Einsichten erwiesen. Hier dieses Bildnis zeigt +euch meinen Großvater Hermann Breme von Bremenfeld, der, wegen großer +und vorzüglicher verdienste zum Bürgermeister seiner Vaterstadt +erhoben, ihr die größten und wichtigsten Dienste geleistet hat. Dort +schwebt sein Andenken noch in Ehren und Segen, wenngleich boshafte, +pasquillantische Schauspieldichter seine großen Talente und gewisse +Eigenheiten, die er an sich haben mochte, nicht sehr glimpflich +behandelten. Seine tiefe Einsicht in die ganze politische und +militärische Lage von Europa wird ihm selbst von seinen Feinden nicht +abgesprochen. + +Peter. +Es war ein hübscher Mann, er sieht recht wohlgenährt aus. + +Breme. +Freilich genoss er ruhigere Tage als sein Enkel. + +Martin. +Habt Ihr nicht auch das Bildnis Eures Vaters? + +Breme. +Leider, nein! Doch muss ich euch sagen: Die Natur, indem sie meinen +Vater Jost Breme von Bremenfeld hervorbrachte, hielt ihre Kräfte +zusammen, um euren Freund mit solchen Gaben auszurüsten, durch die er +euch nützlich zu werden wünscht. Doch behüte der Himmel, dass ich +mich über meine Vorfahren erheben sollte; es wird uns jetzt viel +leichter gemacht, und wir können mit geringern natürlichen Vorzügen +eine große Rolle spielen. + +Martin. +Nicht zu bescheiden, Gevatter! + +Breme. +Es ist lautre Wahrheit. Sind nicht jetzt der Zeitungen, der +Monatsschriften, der fliegenden Blätter so viel, aus denen wir uns +unterrichten, an denen wir unsern Verstand üben können! Hätte mein +seliger Großvater nur den tausendsten Teil dieser Hilfsmittel gehabt, +er wäre ein ganz anderer Mann geworden. Doch, Kinder, was rede ich +von mir! Die Zeit vergeht, und ich fürchte, der Tag bricht an. Der +Hahn macht uns aufmerksam, dass wir uns kurz fassen sollen. Habt ihr +Mut? + +Albert. +An mir und den Meinigen soll's nicht fehlen. + +Peter. +Unter den Meinigen findet sich wohl einer, der sich an die Spitze +stellt; ich verbitte mir den Auftrag. + +Martin. +Seit den paar letzten Predigten, die der Magister hielt, weil der alte +Pfarrer so krank liegt, ist das ganze große Dorf hier in Bewegung. + +Breme. +Gut! So kann was werden. Ich habe ausgerechnet, dass wir über +sechshundert Mann stellen können. Wollt ihr, so ist in der nächsten +Nacht alles getan. + +Martin. +In der nächsten Nacht? + +Breme. +Es soll nicht wieder Mitternacht werden, und ihr sollt wieder haben +alles, was euch gebührt, und mehr dazu. + +Peter. +So geschwind? Wie wäre das möglich? + +Albert. +Geschwind oder gar nicht. + +Breme. +Die Gräfin kommt heute an, sie darf sich kaum besinnen. Rückt nur bei +einbrechender Nacht vor das Schloss und fordert eure Rechte, fordert +eine neue Ausfertigung des alten Reverses, macht euch noch einige +kleine Bedingungen, die ich euch schon angeben will, lasst sie +unterschreiben, lasst sie schwören, und so ist alles getan. + +Peter. +Vor einer solchen Gewalttätigkeit zittern mir Arm' und Beine. + +Albert. +Narr! Wer Gewalt braucht, darf nicht zittern. + +Martin. +Wie leicht können sie uns aber ein Regiment Dragoner über den Hals +ziehen. So arg dürfen wir's doch nicht machen. Das Militär, der +Fürst, die Regierung würden uns schön zusammenarbeiten. + +Breme. +Gerade umgekehrt. Das ist's eben, worauf ich fuße. Der Fürst ist +unterrichtet, wie sehr das Volk bedruckt sei. Er hat sich über die +Unbilligkeit des Adels, über die Langweiligkeit der Prozesse, über die +Schikane der Gerichtshalter und Advokaten oft genug deutlich und stark +erklärt, so dass man voraussetzen kann: Er wird nicht zurück, wenn man +sich Recht verschafft, da er es selbst zu tun gehindert ist. + +Peter. +Sollte das gewiss sein? + +Albert. +Es wird im ganzen Lande davon gesprochen. + +Peter. +Da wäre noch allenfalls was zu wagen. + +Breme. +Wie ihr zu Werke gehen müsst, wie vor allen Dingen der abscheuliche +Gerichtshalter beiseite muss, und auf wen noch mehr genau zu sehen ist, +das sollt ihr alles noch vor Abend erfahren. Bereitet eure Sachen +vor, regt eure Leute an und seid mir um Sechse beim Herrenbrunnen. +Dass Jakob nicht kommt, macht ihn verdächtig; ja, es ist besser, dass +er nicht gekommen ist. Gebt auf ihn acht, dass er uns wenigstens +nicht schade; an dem Vorteil, den wir uns erwerben, wird er schon +teilnehmen wollen. Es wird Tag; lebt wohl und bedenkt nur, dass, was +geschehen soll, schon geschehen ist. Die Gräfin kommt eben erst von +Paris zurück, wo sie das alles gesehn und gehört hat, was wir mit so +vieler Verwunderung lesen; vielleicht bringt sie schon selbst mildere +Gesinnungen mit, wenn sie gelernt hat, was Menschen, die zu sehr +gedruckt werden, endlich für ihre Rechte tun können und müssen. + +Martin. +Lebt wohl, Gevatter, lebt wohl! Punkt Sechse bin ich am Herrenbrunnen. + + +Albert. +Ihr seid ein tüchtiger Mann! Lebt wohl. + +Peter. +Ich will Euch recht loben, wenn's gut abläuft. + +Martin. +Wir wissen nicht, wie wir's Euch danken sollen. + +Breme (mit Würde). +Ihr habt Gelegenheit genug, mich zu verbinden. Das kleine Kapital zum +Exempel von zweihundert Talern, das ich der Kirche schuldig bin, +erlasst ihr mir ja wohl. + +Martin. +Das soll uns nicht reuen. + +Albert. +Unsere Gemeine ist wohlhabend und wird auch gern was für Euch tun. + +Breme. +Das wird sich finden. Das schöne Fleck, das Gemeindegut war und das +der Gerichtshalter zum Garten einzäunen und umarbeiten lassen, das +nehmt ihr wieder in Besitz und überlasst mir's. + +Albert. +Das wollen wir nicht ansehen, das ist schon verschmerzt. + +Peter. +Wir wollen auch nicht zurückbleiben. + +Breme. +Ihr habt selbst einen hübschen Sohn und schönes Gut; dem könnt' ich +meine Tochter geben. Ich bin nicht stolz, glaubt mir, ich bin nicht +stolz. Ich will Euch gern meinen Schwäher heißen. + +Peter. +Das Mamsellchen ist hübsch genug; nur ist sie schon zu vornehm erzogen. + + +Breme. +Nicht vornehm, aber gescheit. Sie wird sich in jeden Stand zu finden +wissen. Doch darüber lässt sich noch vieles reden. Lebt jetzt wohl, +meine Freunde, lebt wohl! + +Alle. +So lebt denn wohl! + + + + +Zweiter Aufzug + + + +Erster Auftritt +(Vorzimmer der Gräfin. Sowohl im Fond als an den Seiten hängen adlige +Familienbilder in mannigfaltigen geistlichen und weltlichen Kostümen.) + +Der Amtmann tritt herein, und indem er sich umsieht, ob niemand da ist, +kommt Luise von der andern Seite. + +Amtmann. +Guten Morgen, Demoiselle! Sind Ihro Exzellenz zu sprechen? Kann ich +meine untertänigste Devotion zu Füßen legen? + +Luise. +Verziehen Sie einigen Augenblick, Herr Amtmann. Die Frau Gräfin wird +gleich herauskommen. Die Beschwerlichkeiten der Reise und das +Schrecken bei der Ankunft haben einige Ruhe nötig gemacht. + +Amtmann. +Ich bedaure von ganzem Herzen! Nach einer so langen Abwesenheit, nach +einer so beschwerlichen Reise ihren einzig geliebten Sohn in einem so +schrecklichen Zustande zu finden! Ich muss gestehen, es schaudert +mich, wenn ich nur daran denke. Ihro Exzellenz waren wohl sehr +alteriert? + +Luise. +Sie können sich leicht vorstellen, was eine zärtliche sorgsame Mutter +empfinden musste, als sie ausstieg, ins Haus trat und da die +Verwirrung fand, nach ihrem Sohne fragte und aus ihrem Stocken und +Stottern leicht schließen konnte, dass ihm ein Unglück begegnet sei. + +Amtmann. +Ich bedaure von Herzen. Was finden Sie an? + +Luise. +Wir mussten nur geschwind alles erzählen, damit sie nicht etwas +Schlimmeres besorgte; wir mussten sie zu dem Kinde führen, das mit +verbundenem Kopf und blutigen Kleidern dalag. Wir hatten nur für +Umschläge gesorgt und ihn nicht ausziehen können. + +Amtmann. +Es muss ein schrecklicher Anblick gewesen sein. + +Luise. +Sie blickte hin, tat einen lauten Schrei und fiel mir ohnmächtig in +die Arme. Sie war untröstlich, als sie wieder zu sich kam, und wir +hatten alle Mühe, sie zu überführen, dass das Kind sich nur eine +starke Beule gefallen, dass es aus der Nase blutet, und dass keine +Gefahr sei. + +Amtmann. +Ich möchte' es mit dem Hofmeister nicht teilen, der das gute Kind so +vernachlässigt. + +Luise. +Ich wunderte mich über die Gelassenheit der Gräfin, besonders da er +den Vorfall leichter behandelte, als es ihm in dem Augenblick geziemte. + + +Amtmann. +Sie ist gar zu gnädig, gar zu nachsichtig. + +Luise. +Aber sie kennt ihre Leute und merkt sich alles. Sie weiß, wer ihr +redlich und treu dient; sie weiß, wer nur dem Schein nach ihr +untertäniger Knecht ist. Sie kennt die Nachlässigen so gut als die +Falschen, die Unklugen sowohl als die Bösartigen. + +Amtmann. +Sie sagen nicht zu viel; es ist eine vortreffliche Dame, aber +ebendeswegen! Der Hofmeister verdiente doch, dass sie ihn geradezu +wegschickte. + +Luise. +In allem, was das Schicksal des Menschen betrifft, geht sie langsam zu +Werke, wie es einem Großen geziemt. Es ist nichts schrecklicher als +Macht und Übereilung. + +Amtmann. +Aber Macht und Schwäche sind auch ein trauriges Paar. + +Luise. +Sie werden der gnädigen Gräfin nicht nachsagen, dass sie schwach sei. + +Amtmann. +Behüte Gott, dass ein solcher Gedanke einem alten treuen Diener +einfallen sollte! Aber es ist denn doch erlaubt, zum Vorteil seiner +gnädigen Herrschaft zu wünschen, dass man manchmal mit mehr Strenge +gegen Leute zu Werke gehe, die mit Strenge behandelt sein wollen. + +Luise. +Die Frau Gräfin! (Luise tritt ab.) + + + +Zweiter Auftritt +Die Gräfin im Negligé. Der Amtmann. + +Amtmann. +Euer Exzellenz haben zwar auf eine angenehme Weise, doch unvermutet +Ihre Dienerschaft überrascht, und wir bedauern nur, dass Dieselben bei +Ihrer Ankunft durch einen so traurigen Anblick erschreckt worden. Wir +hatten alle Anstalten zu Dero Empfang gemacht: Das Tannenreisig zu +einer Ehrenpforte liegt wirklich schon im Hofe; die sämtlichen +Gemeinden wollten reihenweise an dem Wege stehen und Hochdieselben mit +einem lauten Vivat empfangen, und jeder freute sich schon, bei einer +so feierlichen Gelegenheit seinen Festtagsrock anzuziehen und sich und +seine Kinder zu putzen. + +Gräfin. +Es ist mir lieb, dass die guten Leute sich nicht zu beiden Seiten des +Wegs gestellt haben; ich hätte ihnen unmöglich ein freundlich Gesicht +machen können und Ihnen am wenigsten, Herr Amtmann! + +Amtmann. +Wie so? Wodurch haben wir Euer Exzellenz Ungnade verdient? + +Gräfin. +Ich kann nicht leugnen, ich war sehr verdrießlich, als ich gestern auf +den abscheulichen Weg kam, der gerade da anfängt, wo meine Besitzungen +angehen. Die große Reise hab' ich fast auf lauter guten Wegen +vollbracht, und eben, da ich wieder in das Meinige zurückkomme, find' +ich sie nicht nur schlechter wie vorm Jahr, sondern so abscheulich, +dass sie alle Übel einer schlechten Chaussee verbinden. Bald tief +ausgefahren Löcher, in die der Wagen umzustürzen droht, aus denen die +Pferde mit aller Gewalt ihn kaum herausreißen, bald Steine ohne +Ordnung übereinander geworfen, dass man eine Viertelstunde lang selbst +in dem bequemsten Wagen aufs unerträglichste zusammengeschüttelt wird. +Es sollte mich wundern, wenn nichts daran beschädigt wäre. + +Amtmann. +Euer Exzellenz werden mich nicht ungehört verdammen; nur mein eifriges +Bestreben, von Euer Exzellenz Gerechtsamen nicht das mindeste zu +vergeben, ist Ursache an diesem üblen Zustande des Wegs. + +Gräfin. +Ich verstehe.-- + +Amtmann. +Sie erlauben, Ihrer tiefen Einsicht nur anheim zu stellen, wie wenig +es mir hätte ziemen wollen, den widerspenstigen Bauern auch nur ein +Haarbreit nachzugeben. Sie sind schuldig, die Wege zu bessern, und da +Euer Exzellenz Chaussee befehlen, sind sie auch schuldig, die Chaussee +zu machen. + +Gräfin. +Einige Gemeinden waren ja willig. + +Amtmann. +Das ist eben das Unglück. Sie fuhren die Steine an; als aber die +übrigen, widerspenstigen sich weigerten und auch jene widerspenstig +machten, blieben die Steine liegen und wurden nach und nach, teils aus +Notwendigkeit, teils aus Mutwillen, in die Gleise geworfen, und da ist +nun der Weg freilich ein bisschen holprig geworden. + +Gräfin. +Sie nennen das ein wenig holprig? + +Amtmann. +Verzeihen Euer Exzellenz, wenn ich sogar sage, dass ich diesen Weg +öfters mit vieler Zufriedenheit zurücklege. Es ist ein vortreffliches +Mittel gegen die Hypochondrie, sich dergestalt zusammenschütteln zu +lassen. + +Gräfin. +Das, gesteh' ich, ist eine eigne Kurmethode. + +Amtmann. +Und freilich, da nun eben wegen dieses Streites, welcher vor dem +Kaiserlichen Reichskammergericht auf das eifrigste betrieben wird, +seit einem Jahr an keine Wegebesserung zu denken gewesen, und überdies +die Holzfuhren stark gehen, in diesen letzten Tagen auch anhaltendes +Regenwetter eingefallen, so möchte denn freilich jemanden, der gute +Chausseen gewohnt ist, unsere Straße gewissermaßen impraktikable +vorkommen. + +Gräfin. +Gewissermaßen? Ich dächte ganz und gar. + +Amtmann. +Euer Exzellenz beleiben zu scherzen. Man kommt doch noch immer fort-- + +Gräfin. +Wenn man nicht liegen bleibt. Und doch hab' ich an der Meile sechs +Stunden zugebracht. + +Amtmann. +Ich, vor einigen Tagen, noch länger. Zweimal wurd' ich glücklich +herausgewunden, das dritte Mal brach ein Rad, und ich musste mich noch +nur so hereinschleppen lassen. Aber bei allen diesen Unfällen war ich +getrost und gutes Muts; denn ich bedachte, dass Euer Exzellenz und +Ihres Herrn Sohnes Gerechtsame salviert sind. Aufrichtig gestanden, +ich wollte auf solchen Wegen lieber von hier nach Paris fahren, als +nur einen Fingerbreit nachgeben, wenn die Rechte und Befugnisse meiner +gnädigen Herrschaft bestritten werden. Ich wollte daher, Euer +Exzellenz dächten auch so, und Sie würden gewiss diesen Weg nicht mit +so viel Unzufriedenheit zurückgelegt haben. + +Gräfin. +Ich muss sagen, darin bin ich anderer Meinung, und gehörten diese +Besitztümer mir eigen, müsste ich mich nicht bloß als Verwalterin +ansehen, so würde ich über manche Bedenklichkeit hinausgehen, ich +würde mein Herz hören, das mir Billigkeit gebietet, und meinen +Verstand, der mich einen wahren Vorteil von einem scheinbaren +unterscheiden lehrt. Ich würde großmütig sein, wie es dem gar wohl +ansteht, der Macht hat. Ich würde mich hüten, unter dem Scheine des +Rechts auf Forderungen zu beharren, die ich durchzusetzen kaum +wünschen müsste, und die, indem ich Widerstand finde, mir auf +lebenslang den völligen Genuss eines Besitzes rauben, den ich auf +billige Weise verbessern könnte. Ein leidlicher Vergleich und der +unmittelbare Gebrauch sind besser als eine wohl gegründete Rechtssache, +die mir Verdruss macht, und von der ich nicht einmal den Vorteil für +meine Nachkommen einsehe. + +Amtmann. +Euer Exzellenz erlauben, dass ich darin der entgegen gesetzten Meinung +sein darf. Ein Prozess ist eine so reizende Sache, dass, wenn ich +reich wäre, ich eher einige kaufen würde, um nicht ganz ohne dieses +Vergnügen zu leben. (Amtmann tritt ab.) + +Gräfin. +Es scheint, dass er seine Lust an unsern Besitztümern büßen will. + + + +Dritter Auftritt +Gräfin. Magister. + +Magister. +Darf ich fragen, gnädige Gräfin, wie sie sich befinden? + +Gräfin. +Wie Sie denken können, nach der Alteration, die mich bei meinem +Eintritt überfiel. + +Magister. +Es tat mir herzlich Leid; doch, hoff' ich, soll es von keinen Folgen +sein. Überhaupt aber kann Ihnen schwerlich der Aufenthalt hier so +bald angenehm werden, wenn Sie ihn mit dem vergleichen, den Sie vor +kurzem genossen haben. + +Gräfin. +Es hat auch große Reize, wieder zu Hause bei den Seinigen zu wohnen. + +Magister. +Wie oftmals hab' ich Sie um das Glück beneidet, gegenwärtig zu sein, +als die größten Handlungen geschahen, die je die Welt gesehen hat, +Zeuge zu sein des seligen Taumels, der eine große Nation in dem +Augenblick ergriff, als sie sich zum ersten Mal frei und von den +Ketten entbunden fühlte, die sie so lange getragen hatte, dass diese +schwere fremde Last gleichsam ein Glied ihres elenden, kranken Körpers +geworden. + +Gräfin. +Ich habe wunderbare Begebenheiten gesehen, aber wenig Erfreuliches. + +Magister. +Wenngleich nicht für die Sinne, doch für den Geist. Wer aus großen +Absichten fehl greift, handelt immer lobenswürdiger, als wer dasjenige +tut, was nur kleinen Absichten gemäß ist. Man kann auf dem rechten +Wege irren und auf dem falschen recht gehen-- -- + + + +Vierter Auftritt +Die Vorigen. Luise. + +(Durch die Ankunft dieses vorzüglichen Frauenzimmers wird die +Lebhaftigkeit des Gesprächs erst gemildert und sodann die Unterredung +von dem Gegenstande gänzlich abgelenkt. Der Magister, der nun weiter +kein Interesse findet, entfernt sich, und das Gespräch unter den +beiden Frauenzimmern setzt sich fort, wie folgt.) + +Gräfin. +Was macht mein Sohn? Ich war eben im Begriff, zu ihm zu gehen. + +Luise. +Er schläft recht ruhig, und ich hoffe, er wird bald wieder +herumspringen und in kurzer Zeit keine Spur der Beschädigung mehr +übrig sein. + +Gräfin. +Das Wetter ist gar zu übel, sonst ging' ich in den Garten. Ich bin +recht neugierig, zu sehen, wie alles gewachsen ist, und wie der +Wasserfall, wie die Brücke und die Felsenkluft sich jetzt ausnehmen. + +Luise. +Es ist alles vortrefflich gewachsen; die Wildnisse, die Sie angelegt +haben, scheinen natürlich zu sein; sie bezaubern jeden, der sie zum +ersten Mal sieht, und auch mir geben sie noch immer in einer stillen +Stunde einen angenehmen Aufenthalt. Doch muss ich gestehen, dass ich +in der Baumschule unter den fruchtbaren bäumen lieber bin. Der +Gedanke des Nutzens führt mich aus mir selbst heraus und gibt mir eine +Fröhlichkeit, die ich sonst nicht empfinde. Ich kann säen, pfropfen, +okulieren; und wenngleich mein Auge keine malerische Wirkung empfindet, +so ist mir doch der Gedanke von Früchten höchst reizend, die einmal +und wohl bald jemanden erquicken werden. + +Gräfin. +Ich schätze Ihre guten häuslichen Gesinnungen. + +Luise. +Die einzigen, die sich für den Stand schicken, der ans Notwendige zu +denken hat, dem wenig Willkür erlaubt ist. + +Gräfin. +Haben Sie den Antrag überlegt, den ich Ihnen in meinem letzten Briefe +tat? Können Sie sich entschließen, meiner Tochter Ihre Zeit zu widmen, +als Freundin, als Gesellschafterin mit ihr zu leben? + +Luise. +Ich habe kein Bedenken, gnädige Gräfin. + +Gräfin. +Ich hatte viel Bedenken, Ihnen den Antrag zu tun. Die wilde und +unbändige Gemütsart meiner Tochter macht ihren Umgang unangenehm und +oft sehr verdrießlich. So leicht mein Sohn zu behandeln ist, so +schwer ist es meine Tochter. + +Luise. +Dagegen ist ihr edles Herz, ihre Art, zu handeln, aller Achtung wert. +Sie ist heftig, aber bald zu besänftigen, unbillig, aber gerecht, +stolz, aber menschlich. + +Gräfin. +Hierin ist sie ihrem Vater-- + +Luise. +Äußerst ähnlich. Auf eine sehr sonderbare Weise scheint die Natur in +der Tochter den rauen Vater, in dem Sohne die zärtliche Mutter wieder +hervorgebracht zu haben. + +Gräfin. +Versuchen Sie, Luise, dieses wilde, aber edle, Feuer zu dämpfen. Sie +besitzen alle Tugenden, die ihr fehlen. In Ihrer Nähe, durch Ihr +Beispiel wird sie gereizt werden, sich nach einem Muster zu bilden, +das so liebenswürdig ist. + +Luise. +Sie beschämen mich, gnädige Gräfin. Ich kenne an mir keine Tugend als +die, dass ich mich bisher in mein Schicksal zu finden wusste, und +selbst diese hat kein Verdienst mehr, seitdem Sie, gnädige Gräfin, so +viel getan haben, um es zu erleichtern. Sie tun jetzt noch mehr, da +Sie mich näher an sich heranziehen. Nach dem Tode meines Vaters und +dem Umsturz meiner Familie habe ich vieles entbehren lernen, nur nicht +gesitteten und verständigen Umgang. + +Gräfin. +Bei Ihrem Onkel müssen Sie von dieser Seite viel ausstehen. + +Luise. +Es ist ein guter Mann; aber seine Einbildung macht ihn oft höchst +albern, besonders seit der letzten Zeit, da jeder ein Recht zu haben +glaubt, nicht nur über die großen Welthändel zu reden, sondern auch +darin mitzuwirken. + +Gräfin. +Es geht ihm wie sehr vielen. + +Luise. +Ich habe manchmal meine Bemerkungen im stillen darüber gemacht. Wer +die Menschen nicht kennte, würde sie jetzt leicht kennen lernen. So +viele nehmen sich der Sache der Freiheit, der allgemeinen Gleichheit +an, nur um für sich eine Ausnahme zu machen, nur um zu wirken, es sei, +auf welche Art es wolle. + +Gräfin. +Sie hätten nichts mehr erfahren können, und wenn Sie mit mir in Paris +gewesen wären. + + + +Fünfter Auftritt +Friederike. Der Baron. Die Vorigen. + +Friederike. +Hier, liebe Mutter, ein Hase und zwei Feldhühner! Ich habe die drei +Stücke geschossen, der Vetter hat immer gepudelt. + +Gräfin. +Du siehst wild aus, Friederike; wie du durchnässt bist! + +Friederike (das Wasser vom Hute abschwingend). +Der erste glückliche Morgen, den ich seit langer Zeit gehabt habe. + +Baron. +Sie jagt mich nun schon vier Stunden im Felde herum. + +Friederike. +Es war eine rechte Lust. Gleich nach Tische wollen wir wieder hinaus. + + +Gräfin. +Wenn du's so heftig treibst, wirst du es blad überdrüssig werden. + +Friedericke. +Geben Sie mir das Zeugnis, liebe Mama! Wie oft hab' ich mich aus +Paris wieder nach unsern Revieren gesehnt. Die Opern, die Schauspiele, +die Gesellschaften, die Gastereien, die Spaziergänge, was ist das +alles gegen einen einzigen vergnügten Tag auf der Jagd, unter freiem +Himmel, auf unsern Bergen, wo wir eingeboren und eingewohnt sind.--Wir +müssen ehesten tags hetzen, Vetter. + +Baron. +Sie werden noch warten müssen, die Frucht ist noch nicht aus dem Felde. + + +Friederike. +Was will das viel schaden? Es ist fast von gar keiner Bedeutung. +Sobald es ein bisschen auftrocknet, wollen wir hetzen. + +Gräfin. +Geh, zieh dich um! Ich vermute, dass wir zu Tische noch einen Gast +haben, der sich nur kreuz Zeit bei uns aufhalten kann. + +Baron. +Wird der Hofrat kommen? + +Gräfin. +Er versprach mir, heute wenigstens auf ein Stündchen einzusprechen. +Er geht auf Kommission. + +Baron. +Es sind einige Unruhen im Lande. + +Gräfin. +Es wird nichts zu bedeuten haben, wenn man sich nur vernünftig gegen +die Menschen beträgt und ihnen ihren wahren Vorteil zeigt. + +Friederike. +Unruhen? Wer will Unruhen anfangen? + +Baron. +Missvergnügte Bauern, die von ihren Herrschaften gedruckt werden, und +die leicht Anführer finden. + +Friederike. +Die muss man auf den Kopf schießen. (Sie macht Bewegungen mit der +Flinte.) Sehen Sie, gnädige Mama, wie mir der Magister die Flinte +verwahrlost hat! Ich wollte sie doch mitnehmen, und da Sie es nicht +erlaubten, wollte ich sie dem Jäger aufzuheben geben. Da bat mich der +Graurock so inständig, sie ihm zu lassen: Sie sei so leicht, sagt' er, +so bequem, er wolle sie so gut halten, er wolle so oft auf die Jagd +gehen. Ich ward ihm wirklich gut, weil er so oft auf die Jagd gehen +wollte, und nun, sehen Sie, find' ich sie heute in der Gesindestube +hinterm Ofen. Wie das aussieht! Sie wird in meinem Leben nicht +wieder rein. + +Baron. +Er hatte die Zeit her mehr zu tun; er arbeitet mit an der allgemeinen +Gleichheit, und da hält er wahrscheinlich die Hasen auch mit für +seinesgleichen und scheut sich, ihnen was zuleide zu tun. + +Gräfin. +Zieht euch an, Kinder, damit wir nicht zu warten brauchen. Sobald der +Hofrat kommt, wollen wir essen. (Ab.) + +Friederike (ihre Flinte besehend). +Ich habe die französische Revolution schon so oft verwünscht, und +jetzt tu' ich's doppelt und dreifach. Wie kann mir nun der Schaden +ersetzt werden, dass meine Flinte rostig ist? + + + + +Dritter Aufzug + + + +Erster Auftritt +(Saal im Schlosse.) + +Gräfin. Hofrat. + +Gräfin. +Ich geb' es Ihnen recht aufs Gewissen, teurer Freund. Denken Sie nach, +wie wir diesem unangenehmen Prozesse ein Ende machen. Ihre große +Kenntnis der Gesetze, Ihr Verstand und Ihre Menschlichkeit helfen +gewiss ein Mittel finden, wie wir aus dieser widerlichen Sache +scheiden können. Ich habe es sonst leichter genommen, wenn man +unrecht hatte und im Besitz war: Je nun, dacht' ich, es geht ja +wohl so hin, und wer hat, ist am besten dran. Seitdem ich aber +bemerkt habe, wie sich Unbilligkeit von Geschlecht zu Geschlecht so +leicht aufhäuft, wie großmütige Handlungen meistenteils nur persönlich +sind, und der Eigennutz allein gleichsam erblich wird; seitdem ich mit +Augen gesehen habe, dass die menschliche Natur auf einen unglaublichen +Grad gedrückt und erniedrigt, aber nicht unterdrückt und vernichtet +werden kann: So habe ich mir fest vorgenommen, jede einzelne Handlung, +die mir unbillig scheint, selbst streng zu vermeiden und unter den +Meinigen, in Gesellschaft, bei Hofe, in der Stadt über solche +Handlungen meine Meinung laut zu sagen. Zu keiner Ungerechtigkeit +will ich mehr schweigen, keine Kleinheit unter einem großen Scheine +ertragen, und wenn ich auch unter dem verhassten Namen einer +Demokratin verschrien werden sollte. + +Hofrat. +Es ist schön, gnädige Gräfin, und ich freue mich, Sie wieder zu finden, +wie ich Abschied von Ihnen genommen, und noch ausgebildeter. Sie +waren eine Schülerin der großen Männer, die uns durch ihre Schriften +in Freiheit gesetzt haben, und nun finde ich in Ihnen einen Zögling +der großen Begebenheiten, die uns einen lebendigen Begriff geben von +allem, was der wohl denkende Staatsbürger wünschen und verabscheuen +muss. Es ziemt Ihnen, Ihrem eigenen Stande Widerpart zu halten. Ein +jeder kann nur seinen eignen Stand beurteilen und tadeln. Aller Tadel +heraufwärts oder hinabwärts ist mit Nebenbegriffen und Kleinigkeiten +vermischt, man kann nur durch seinesgleichen gerichtet werden. Aber +ebendeswegen, weil ich ein Bürger bin, der es zu bleiben denkt, der +das große Gewicht des höheren Standes im Staate anerkennt und zu +schätzen Ursache hat, bin ich auch unversöhnlich gegen die kleinlichen +neidischen Neckereien, gegen den blinden Hass, der nur aus eigner +Selbstigkeit erzeugt wird, prätentios Prätentionen bekämpft, sich über +Formalitäten formalisiert und, ohne selbst Realität zu haben, da nur +Schein sieht, wo er Glück und Folge sehen könnte. Wahrlich! Wenn +alle Vorzüge gelten sollen, Gesundheit, Schönheit, Jugend, Reichtum, +Verstand, Talente, Klima, warum soll der Vorzug nicht auch irgendeine +Art von Gültigkeit haben, dass ich von einer Reihe tapferer, bekannter, +ehrenvoller Väter entsprungen bin! Das will ich sagen da, wo ich +eine Stimme habe, und wenn man mir auch den verhassten Namen eines +Aristokraten zueignete. + +(Hier findet sich eine Lücke, welche wir durch Erzählung ausfüllen. +Der trockne Ernst dieser Szene wird dadurch gemildert, dass der Hofrat +seine Neigung zu Luisen bekennt, indem er sich bereit zeigt, ihr seine +Hand zu geben. Ihre frühern Verhältnisse, vor dem Umsturz, den +Luisens Familie erlitt, kommen zur Sprache, sowie die stillen +Bemühungen des vorzüglichen Mannes, sich und zugleich Luisen eine +Existenz zu verschaffen. + +Eine Szene zwischen der Gräfin, Luisen und dem Hofrat gibt Gelegenheit, +drei schöne Charaktere näher kennen zu lernen und uns für das, was +wir in den nächsten Auftritten erdulden sollen, vorläufig einigermaßen +zu entschädigen. Denn nun versammelt sich um den Teetisch, wo Luise +einschenkt, nach und nach das ganze Personal des Stücks, so dass +zuletzt auch die Bauern eingeführt werden. Da man sich nun nicht +enthalten kann, von Politik zu sprechen, so tut der Baron, welcher +Leichtsinn, Frevel und Spott nicht verbergen kann, den Vorschlag, +sogleich eine Nationalversammlung vorzustellen. Der Hofrat wird zum +Präsidenten erwählt, und die Charaktere der Mitspielenden, wie man sie +schon kennt, entwickeln sich freier und heftiger. Die Gräfin, das +Söhnchen mit verbundenem Kopfe neben sich, stellt die Fürstin vor, +deren Ansehen geschmälert werden soll und die aus eigenen liberalen +Gesinnungen nachzugeben geneigt ist. Der Hofrat, verständig und +gemäßigt, sucht ein Gleichgewicht zu erhalten, ein Bemühen, das jeden +Augenblick schwieriger wird. Der Baron spielt die Rolle des Edelmanns, +der von seinem Stande abfällt und zum Volke übergeht. Durch seine +schelmische Verstellung werden die andern gelockt, ihr Innerstes +hervorzukehren. Auch Herzensangelegenheiten mischen sich mit ins +spiel. Der Baron verfehlt nicht, Karolinen die schmeichelhaftesten +Sachen zu sagen, die sie zu ihren schönsten Gunsten auslegen kann. An +der Heftigkeit, womit Jakob die Gerechtsame des gräflichen Hauses +verteidigt, lässt sich eine stille, unbewusste Neigung zu der jungen +Gräfin nicht verkennen. Luise sieht in allem diesen nur die +Erschütterung des häuslichen Glücks, dem sie sich so nahe glaubt, und +wenn die Bauern mitunter schwerfällig werden, so erheitert Bremenfeld +die Szene durch seinen Dünkel, durch Geschichtchen und guten Humor. +Der Magister, wie wir ihn schon kennen, überschreitet vollkommen die +Grenze, und da der Baron immerfort hetzt, läuft es endlich auf +Persönlichkeiten hinaus, und als nun vollends die Brausche des +Erbgrafen als unbedeutend, ja lächerlich behandelt wird, so bricht die +Gräfin los, und die Sache kommt so weit, dass dem Magister +aufgekündigt wird. Der Baron verschlimmert das Übel, und er bedient +sich, da der Lärm immer stärker wird, der Gelegenheit, mehr in +Karolinen zu dringen und sie zu einer heimlichen Zusammenkunft für die +Nacht zu bereden. Bei allem diesen zeigt sich die junge Gräfin +entschieden heftig, parteiisch auf ihren Stand, hartnäckig auf ihren +besitz, welche Härte jedoch durch ein unbefangenes, rein natürliches +und im tiefsten Grunde rechtliches weibliches Wesen bis zur +Leibenswürdigkeit gemildert wird. Und so lässt sich einsehen, dass +der Akt ziemlich tumultuarisch und, insofern es der bedenkliche +Gegenstand erlaubt, für das Gefühl nicht ganz unerträglich geendigt +wird. Vielleicht bedauert man, dass der Verfasser die Schwierigkeiten +einer solchen Szene nicht zur rechten Zeit zu überwinden bemüht war.) + + + + +Vierter Aufzug + + + +Erster Auftritt +(Bremens Wohnung.) + +Breme. Martin. Albert. + +Breme. +Sind eure Leute alle an ihren Posten? Habt ihr sie wohl unterrichtet? +Sind sie gutes Muts? + +Martin. +Sobald Ihr mit der Glocke stürmt, werden sie alle da sein. + +Breme. +So ist's recht! Wenn im Schlosse die Lichter alle aus sind, wenn es +Mitternacht ist, soll es gleich angehen. Unser Glück ist's, dass der +Hofrat fortgeht. Ich fürchte sehr, er möchte bleiben und uns den +ganzen Spaß verderben. + +Albert. +Ich fürchte so noch immer, es geht nicht gut ab. Es ist mir schon zum +voraus bange, die Glocke zu hören. + +Breme. +Seid nur ruhig. Habt ihr nicht heute selbst gehört, wie übel es jetzt +mit den vornehmen Leuten steht? Habt ihr gehört, was wir der Gräfin +alles unters Gesicht gesagt haben? + +Martin. +Es war ja aber nur zum Spaß. + +Albert. +Es war schon zum Spaße grob genug. + +Breme. +Habt ihr gehört, wie ich eure Sache zu verfechten weiß? Wenn's Ernst +gilt, will ich so vor den Kaiser treten. Und was sagt ihr zum Herrn +Magister, hat sich der nicht auch wacker gehalten? + +Albert. +Sie haben's Euch aber auch brav abgegeben. Ich dachte zuletzt, es +würde Schläge setzen; und unsere gnädige Kontess--war's doch, als wenn +ihr seliger Herr Vater leibhaftig dastünde. + +Breme. +Lasst mir das gnädige weg, es wird sich bald nichts mehr zu gnädigen +haben. Seht, hier hab' ich die Briefe schon fertig, die schick' ich +in die benachbarten Gerichtsdörfer. Sobald's hier losgeht, sollen die +auch stürmen und rebellieren und auch ihre Nachbarn auffordern. + +Martin. +Das kann was werden. + +Breme. +Freilich! Und alsdann Ehre, dem Ehre gebührt! Euch, meine leiben +Kinder. Ihr werdet als die Befreier des Landes angesehn. + +Martin. +Ihr, Herr Breme, werdet das größte Lob davontragen. + +Breme. +Nein, das gehört sich nicht; es muss jetzt alles gemein sein. + +Martin. +Indessen habt Ihr's doch angefangen. + +Breme. +Gebt mir die Hände, brave Männer! So standen einst die drei großen +Schweizer, Wilhelm Tell, Walther Staubbach, Fürst von Uri, die standen +auf dem Grütliberg beisammen und schwuren den Tyrannen ew'gen Hass und +ihren mitgenossen ewige Freiheit. Wie oft hat man diese wackern +Helden gemalt und in Kupfer gestochen! Auch uns wird diese Ehre +widerfahren. In dieser Positur werden wir auf die Nachwelt kommen. + +Martin. +Wie Ihr Euch das alles so denken könnt. + +Albert. +Ich fürchte nur, dass wir im Karrn eine böse Figur machen können. +Horcht! Es klingelt jemand. Mir zittert das Herz im Leibe, wenn sich +nur was bewegt. + +Breme. +Schämt Euch! Ich will aufziehen. Es wird der Magister sein; ich habe +ihn herüber bestellt. Die Gräfin hat ihm den Dienst aufgesagt; die +Kontess hat ihn sehr beleidigt. Wir werden ihn leicht in unsere +Partei ziehen. Wenn wir einen Geistlichen unter uns haben, sind wir +unserer Sache desto gewisser. + +Martin. +Einen Geistlichen und Gelehrten. + +Breme. +Was die Gelehrsamkeit betrifft, geb' ich ihm nichts nach, und +besonders hat er weit weniger politische Lektüre als ich. Alle die +Chroniken, die ich von meinem seligen Großvater geerbt habe, waren in +meiner Jugend schon durchgelesen, und das Theatrum Europaeum kenn' ich +in- und auswendig. Wer recht versteht, was geschehen ist, der weiß +auch, was geschieht und geschehen wird. Es ist immer einerlei; es +passiert in der Welt nichts Neues. Der Magister kommt. Halt! Wir +müssen ihn feierlich empfangen. Er muss Respekt vor uns kriegen. Wir +stellen jetzt die Repräsentanten der ganzen Nation gleichsam in Nuce +vor. Setzt euch. + +(Er setzt drei Stühle auf die eine Seite des Theaters, auf die andere +einen Stuhl. Die beiden Schulzen setzen sich, und wie der Magister +herein tritt, setzt sich Breme geschwind in ihre Mitte und nimmt ein +gravitätisches Wesen an.) + + + +Zweiter Auftritt +Die Vorigen. Der Magister. + +Magister. +Guten Morgen, Herr Breme. Was gibt's Neues? Sie wollen mir etwas +Wichtiges vertrauen, sagten Sie. + +Breme. +Etwas sehr Wichtiges, gewiss! Setzen Sie sich. (Magister will den +einzelnen Stuhl nehmen und zu ihnen rücken.) Nein, bleiben Sie dort, +sitzen Sie dort nieder! Wir wissen noch nicht, ob Sie an unserer +Seite nieder sitzen wollen. + +Magister. +Eine wunderbare Vorbereitung. + +Breme. +Sie sind ein Mann, ein freigeborner, ein freidenkender, ein +geistlicher, ein ehrwürdiger Mann. Sie sind ehrwürdig, weil Sie +geistlich sind, und noch ehrwürdiger, weil Sie frei sind. Sie sind +frei, weil Sie edel sind, und sind schätzbar, weil Sie frei sind. Und +nun! Was haben wir erleben müssen! Wir sahen Sie verachtet, wir +sahen Sie beleidigt; aber wir haben zugleich Ihren edlen Zorn gesehen, +einen edlen Zorn, aber ohne Wirkung. Glauben Sie, dass wir Ihre +Freunde sind, so glauben Sie auch, dass sich unser Herz im Busen +umkehrt, wenn wir Sie verkehrt behandelt sehen. Ein edler Mann und +verhöhnt; ein freier Mann und bedroht; ein geistlicher Mann und +verachtet; ein treuer Diener und verstoßen! Zwar verhöhnt von Leuten, +die selbst Hohn verdienen; verachtet von Menschen, die keiner Achtung +wert sind; verstoßen von Undankbaren, deren Wohltaten man nicht +genießen möchte; bedroht von einem Kinde, von einem Mädchen--das +scheint freilich nicht viel zu bedeuten; aber wenn Ihr bedenkt, dass +dieses Mädchen kein Mädchen, sondern ein eingefleischter Satan ist, +dass man sie Legion nennen sollte--denn es sind viele tausend +aristokratische Geister in sie gefahren--so seht Ihr deutlich, was uns +von allen Aristokraten bevorsteht, Ihr seht es, und wenn Ihr klug seid, +so nehmt Ihr Eure Maßregeln. + +Magister. +Wozu soll diese sonderbare Rede? Wohin wird Euch der seltsame Eingang +führen? Sagt Ihr das, um meinen Zorn gegen diese verdammte Brut noch +mehr zu erhitzen, um meine aufs äußerste getriebene Empfindlichkeit +noch mehr zu reizen? Schweigt stille! Wahrhaftig, ich wüsste nicht, +wozu mein gekränktes Herz jetzt nicht alles fähig wäre. Was! Nach so +vielen Diensten, nach so vielen Aufopferungen mir so zu begegnen, mich +vor die Türe zu setzen! Und warum? Wegen einer elenden Beule, wegen +einer gequetschten Nase, mit der so viele hundert Kinder auf und davon +springen. Aber es kommt eben recht, eben recht! Sie wissen nicht, +die Großen, wen sie in uns beleidigen, die wir Zungen, die wir Federn +haben. + +Breme. +Dieser edle Zorn ergötzt mich, und so frage ich Euch denn im Namen +aller edlen, frei gebornen, der Freiheit werten Menschen, ob Ihr diese +Zunge, diese Feder von nun an dem Dienste der Freiheit völlig widmen +wollt? + +Magister. +O ja, ich will, ich werde! + +Breme. +Dass Ihr keine Gelegenheit versäumen wollt, zu dem edlen Zwecke +mitzuwirken, nach dem jetzt die ganze Menschheit emporstrebt? + +Magister. +Ich gebe Euch mein Wort. + +Breme. +So gebt mir Eure Hand, mir und diesen Männern. + +Magister. +Einem jedem; aber was haben diese armen Leute, die wie Sklaven +behandelt werden, mit der Freiheit zu tun? + +Breme. +Sie sind nur noch eine Spanne davon, nur so breit, als die Schwelle +des Gefängnisses ist, an dessen eröffneter Türe sie stehen. + +Magister. +Wie? + +Breme. +Euer Ehrenwort, dass Ihr schweigen werdet! + +Magister. +Ich gebe es. + +Breme. +Der Augenblick ist nahe, die Gemeinden sind versammelt, in einer +Stunde sind sie hier. Wir überfallen das Schloss, nötigen die Gräfin +zur Unterschrift des Rezesses und zu einer eidlichen Versicherung, +dass künftighin alle drückenden Lasten aufgehoben sein sollen. + +Magister. +Ich erstaune! + +Breme. +Da habe ich nur noch ein Bedenken wegen des Eids. Die vornehmen Leute +glauben nichts mehr. Sie wird einen Eid schwören und sich davon +entbinden lassen. Man wird ihr beweisen, dass ein gezwungener Eid +nichts gelte. + +Magister. +Dafür will ich Rat schaffen. Diese Menschen, die sich über alles +wegsetzen, ihresgleichen behandeln wie das Vieh, ohne Liebe, ohne +Mitleid, ohne Furcht frech in den Tag hinein leben, solange sie mit +Menschen zu tun haben, die sie nicht schätzen, solange sie von einem +Gott sprechen, den sie nicht erkennen: Dieses übermütige Geschlecht +kann sich doch von dem geheimen Schauer nicht losmachen, der alle +lebendigen Kräfte der Natur durchschwebt, kann die Verbindung sich +nicht leugnen, in der Worte und Wirkung, Tat und Folge ewig +miteinander bleiben. Lasst sie einen feierlichen Eid tun. + +Martin. +Sie soll in der Kirche schwören. + +Breme. +Nein, unter freiem Himmel. + +Magister. +Das ist nichts. Diese feierlichen Szenen rühren nur die +Einbildungskraft. Ich will es euch anders lehren. Umgebt sie, lasst +sie in eurer Mitte die Hand auf ihres Sohnes Haupt legen, bei diesem +geliebten Haupte ihr Versprechen beteuern und alles Übel, was einen +Menschen betreffen kann, auf diese kleine Gefäß herab rufen, wenn sie +unter irgendeinem Vorwande ihr Versprechen zurücknähme oder zugäbe, +dass es vereitelt würde. + +Breme. +Herrlich! + +Martin. +Schrecklich! + +Albert. +Entsetzlich! + +Magister. +Glaubt mir, sie ist auf ewig gebunden. + +Breme. +Ihr sollt zu ihr in den Kreis treten und ihr das Gewissen schärfen. + +Magister. +An allem, was ihr tun wollt, nehm' ich Anteil; nur sagt mir, wie wird +man es in der Residenz ansehen? Wenn sie euch Dragoner schicken, so +seid ihr alle gleich verloren. + +Martin. +Da weiß Herr Breme schon Rat. + +Albert. +Ja, was das für ein Kopf ist! + +Magister. +Klärt mich auf. + +Breme. +Ja, ja, das ist's nun eben, was man hinter Hermann Breme dem Zweiten +nicht sucht. Er hat Konnexionen, Verbindungen da, wo man glaubt, er +habe nur Kunden. So viel kann ich euch nur sagen, und es wissen's +diese Leute, dass der Fürst selbst eine Revolution wünscht. + +Magister. +Der Fürst? + +Breme. +Er hat die Gesinnungen Friedrichs und Josephs, der beiden Monarchen, +welche alle wahre Demokraten als ihre Heiligen anbeten sollten. Er +ist erzürnt, zu sehen, wie der Bürger- und Bauernstand unterm Druck +des Adels seufzt, und leider kann er selbst nicht wirken, da er von +lauter Aristokraten umgeben ist. Haben wir uns nur aber erst +legitimiert, dann setzt er sich an unsere Spitze, und seine Truppen +sind zu unsern Diensten, und Breme und alle brave Männer sind an +seiner Seite. + +Magister. +Wie habt Ihr das alles erforscht und getan und habt Euch nichts merken +lassen? + +Breme. +Man muss im stillen viel tun, um die Welt zu überraschen. (Er geht +ans Fenster.) Wenn nur erst der Hofrat fort wäre, dann solltet ihr +Wunder sehen. + +Martin (auf Bremen deutend). +Nicht wahr, das ist ein Mann! + +Albert. +Er kann einem recht Herz machen. + +Breme. +Und, lieber Magister, die Verdienste, die Ihr Euch diese Nacht erwerbt, +dürfen nicht unbelohnt bleiben. Wir arbeiten heute fürs ganze +Vaterland. Von unserm Dorfe wird die Sonne der Freiheit aufgehen. +Wer hätte das gedacht! + +Magister. +Befürchtet Ihr keinen Widerstand? + +Breme. +Dafür ist schon gesorgt. Der Amtmann und die Gerichtsdiener werden +gleich gefangen genommen. Der Hofrat geht weg, die paar Bedienten +wollen nichts sagen, und der Baron ist nur der einzige Mann im +Schlosse; den locke ich durch meine Tochter herüber ins Haus und +sperre ihn ein, bis alles vorbei ist. + +Martin. +Wohl ausgedacht. + +Magister. +Ich verwundere mich über Eure Klugheit. + +Breme. +Nu, nu! Wenn es Gelegenheit gibt, sie zu zeigen, sollt Ihr noch mehr +sehen, besonders was die auswärtigen Angelegenheiten betrifft. Glaubt +mir, es geht nichts über einen guten Chirurgus, besonders wenn er +dabei ein geschickter Barbier ist. Das unverständige Volk spricht +viel von Bartkratzern und bedenkt nicht, wie viel dazu gehört, +jemanden zu barbieren, eben dass es nicht kratze. Glaubt mir nur, es +wird zu nichts mehr Politik erfordert, als den Leuten den Bart zu +putzen, ihnen diese garstigen barbarischen Exkremente der Natur, diese +Barthaare, womit sie das männliche Kinn täglich verunreinigt, hinweg +zu nehmen und den Mann dadurch an Gestalt und Sitten einer +glattwangigen Frau, einem zarten liebenswürdigen Jüngling ähnlich zu +machen. Komme ich dereinst dazu, mein Leben und Meinungen aufzusetzen, +so soll man über die Theorie der Barbierkunst erstaunen, aus der ich +zugleich alle Lebens- und Klugheitsregeln herleiten will. + +Magister. +Ihr seid ein originaler Kopf! + +Breme. +Ja, ja, das weiß ich wohl, und deswegen habe ich auch den Leuten +verziehen, wenn sie mich oft nicht begreifen konnten, und wenn sie, +albern genug, glaubten mich zum Besten zu haben. Aber ich will ihnen +zeigen, dass, wer einen rechten Seifenschaum zu schlagen weiß, wer mit +Leichtigkeit, Bequemlichkeit und Gewandtheit der Finger einzuseifen, +den sprödesten Bart zahm zu machen versteht; wer da weiß, dass ein +frisch abgezognes Messer ebenso gut rauft als ein stumpfes, wer mit +dem Strich oder wider den Strich die Haare wegnimmt, als wären sie gar +nicht dagewesen; wer dem warmen Wasser zum Abwaschen die gehörige +Temperatur verleiht und selbst das Abtrocknen mit Gefälligkeit +verrichtet und in seinem ganzen Benehmen etwas Zierliches darstellt-- +das ist kein gemeiner Mensch, sondern er muss alle Eigenschaften +besitzen, die einem Minister Ehre machen. + +Albert. +Ja, ja, es ist ein Unterschied zwischen Barbier und Barbier. + +Martin. +Und Herr Breme besonders, das ist dir eine ordentliche Lust. + +Breme. +Nu, nu, es wird sich zeigen. Es ist bei der ganzen Kunst nichts +Unbedeutendes. Die Art, den Schersack aus- und einzukramen, die Art, +die Gerätschaften zu halten, ihn unterm Arm zu tragen--ihr sollt +Wunder hören und sehen. Nun wird's aber Zeit, dass ich meine Tochter +vorkriege. Ihr Leute, geht an eure Posten! Herr Magister, halten Sie +sich in der Nähe. + +Magister. +Ich gehe in den Gasthof, wohin ich gleich meine Sachen habe bringen +lassen, als man mir im Schlosse übel begegnete. + +Breme. +Wenn Sie stürmen hören, so soll's Ihnen frei stehen, sich zu uns zu +schlagen oder abzuwarten, ob es uns glückt, woran ich gar nicht +zweifele. + +Magister. +Ich werde nicht fehlen. + +Breme. +So lebt denn wohl und gebt aufs Zeichen Acht! + + + +Dritter Auftritt +Breme allein. + +Wie würde mein sel'ger Großvater sich freuen, wenn er sehen könnte, +wie gut ich mich in das neue Handwerk schicke. Glaubt doch der +Magister schon, dass ich große Konnexionen bei Hofe habe. Da sieht +man, was es tut, wenn man sich Kredit zu machen weiß. Nun muss +Karoline kommen. Sie hat das Kind so lange gewartet, ihre Schwester +wird sie ablösen. Da ist sie. + + + +Vierter Auftritt +Breme. Karoline. + +Breme. +Wie befindet sich der junge Graf? + +Karoline. +Recht leidlich. Ich habe ihm Märchen erzählt, bis er eingeschlafen +ist. + +Breme. +Was gibt's sonst im Schlosse? + +Karoline. +Nichts Merkwürdiges. + +Breme. +Der Hofrat ist noch nicht weg? + +Karoline. +Er scheint Anstalt zu machen. Sie binden eben den Mantelsack auf. + +Breme. +Hast du den Baron nicht gesehen? + +Karoline. +Nein, mein Vater. + +Breme. +Er hat dir heute in der Nationalversammlung allerlei in die Ohren +geraunt? + +Karoline. +Ja, mein Vater. + +Breme. +Das eben nicht die ganze Nation, sondern meine Tochter Karoline +betraf? + +Karoline. +Freilich, mein Vater. + +Breme. +Du hast dich doch klug gegen ihn zu benehmen gewusst? + +Karoline. +O gewiss. + +Breme. +Er hat wohl wieder stark in dich gedrungen? + +Karoline. +Wie Sie denken können. + +Breme. +Und du hast ihn abgewiesen? + +Karoline. +Wie sich's ziemt. + +Breme. +Wie ich es von meiner trefflichen Tochter erwarten darf, die ich aber +auch mit Ehre und Glück überhäuft und für ihre Tugend reichlich +belohnt sehen werde. + +Karoline. +Wenn Sie nur nicht vergebens hoffen. + +Breme. +Nein, meine Tochter, ich bin eben im Begriff, einen großen Anschlag +auszuführen, wozu ich deine Hilfe brauche. + +Karoline. +Was meinen Sie, mein Vater? + +Breme. +Es ist dieser verwegenen Menschenrasse der Untergang gedroht. + +Karoline. +Was sagen Sie? + +Breme. +Setze dich nieder und schreib. + +Karoline. +Was? + +Breme. +Ein Billett an den Baron, dass er kommen soll. + +Karoline. +Aber wozu? + +Breme. +Das will ich dir schon sagen. Es soll ihm kein Leids widerfahren, ich +sperre ihn nur ein. + +Karoline. +O Himmel! + +Breme. +Was gibt's? + +Karoline. +Soll ich mich einer solchen Verräterei schuldig machen? + +Breme. +Nur geschwind. + +Karoline. +Wer soll es denn hinüberbringen? + +Breme. +Dafür lass mich sorgen. + +Karoline. +Ich kann nicht. + +Breme. +Zuerst eine Kriegslist. (Er zündet eine Blendlaterne an und löscht +das Licht aus.) Geschwind, nun schreib, ich will dir leuchten. + +Karoline (für sich). +Wie soll das werden? Der Baron wird sehen, dass das Licht ausgelöscht +ist; er wird auf das Zeichen kommen. + +Breme (zwingt sie zum Sitzen). +Schreib! "Luise bleibt im Schlosse, mein Vater schläft. Ich lösche +das Licht aus, kommen Sie!" + +Karoline (widerstrebend). +Ich schreibe nicht. + + + +Fünfter Auftritt +Die Vorigen. Der Baron am Fenster. + +Baron. +Karoline! + +Breme. +Was ist das? (Er schiebt die Blendlaterne zu und hält Karoline fest, +die aufstehen will.) + +Baron (wie oben). +Karoline! Sind Sie nicht hier? (Er steigt herein.) Stille! Wo bin +ich? Dass ich nicht fehlgehe. Gleich dem Fenster gegenüber ist des +Vaters Schlafzimmer, und hier rechts an der Wand die Türe in der +Mädchen Kammer. (Er tappt an der Seite hin und trifft die Tür.) Hier +ist sie, nur angelehnt. O, wie gut sich der blinde Kupido im Dunkeln +zu finden weiß! (Er geht hinein.) + +Breme. +In die Falle! (Er schiebt die Blendlaterne auf, eilt nach der +Kammertüre und stößt den Riegel vor.) So recht, und das Vorlegeschloss +ist auch schon in Bereitschaft. (Er legt ein Schloss vor.) Und du, +Nichtswürdige! So verrätst du mich? + +Karoline. +Mein Vater! + +Breme. +So heuchelst du mir Vertrauen vor? + +Baron (inwendig). +Karoline! Was heißt das? + +Karoline. +Ich bin das unglücklichste Mädchen unter der Sonne. + +Breme (laut an der Türe). +Das heißt: Dass Sie hier schlafen werden, aber allein. + +Baron (inwendig). +Nichtswürdiger! Machen Sie auf, Herr Breme, der Spaß wird Ihnen teuer +zu stehen kommen. + +Breme (laut). +Es ist mehr als Spaß, es ist bitterer Ernst. + +Karoline (an der Türe). +Ich bin unschuldig an dem Verrat! + +Breme. +Unschuldig? Verrat? + +Karoline (an der Türe kniend). +O, wenn du sehen könntest, mein Geliebter, wie ich hier vor dieser +Schwelle liege, wie ich untröstlich meine Hände ringe, wie ich meinen +grausamen Vater bitte!--Machen Sie auf, mein Vater!--Er hört nicht, er +sieht mich nicht an.--O, mein Geliebter, habe mich nicht im Verdacht, +ich bin unschuldig! + +Breme. +Du unschuldig? Niederträchtige feile Dirne! Schande deines Vaters! +Ewiger schändender Flecken in dem Ehrenkleid, das er eben in diesem +Augenblicke angezogen hat. Steh auf, hör' auf zu weinen, dass ich +dich nicht an den Haaren von der Schwelle wegziehe, die du, ohne zu +erröten, nicht wieder betreten solltest. Wie! In dem Augenblick, da +Breme sich den größten Männern des Erdbodens gleichsetzt, erniedrigt +sich seine Tochter so sehr! + +Karoline. +Verstoßt mich nicht, verwerft mich nicht, mein Vater! Er tat mir die +heiligsten Versprechungen. + +Breme. +Rede mir nicht davon, ich bin außer mir. Was! Ein Mädchen, das sich +wie eine Prinzessin, wie eine Königin aufführen sollte, vergisst sich +so ganz und gar? Ich halte mich kaum, dass ich dich nicht mit Fäusten +schlage, nicht mit Füßen trete. Hier hinein! (Er stößt sie in sein +Schlafzimmer.) Dies französische Schloss wird dich wohl verwahren. +Von welcher Wut fühl' ich mich hingerissen! Das wäre die rechte +Stimmung, um die Glocke zu ziehen.--Doch nein, fasse dich, Breme!-- +Bedenke, dass die größten Menschen in ihrer Familie manchen Verdruss +gehabt haben. Schäme dich nicht einer frechen Tochter und bedenke, +dass Kaiser Augustus in ebendem Augenblick mit Verstand und Macht die +Welt regierte, da er über die Vergehungen seiner Julie bittere Tränen +vergoss. Schäme dich nicht, zu weinen, dass eine solche Tochter dich +hintergangen hat; aber bedenke auch zugleich, dass der Endzweck +erreicht ist, dass der Widersacher eingesperrt verzweifelt, und dass +deiner Unternehmung ein glückliches Ende bevorsteht. + + + +Sechster Auftritt +(Saal im Schlosse, erleuchtet.) + +Friederike mit einer gezogenen Büchse. Jakob mit einer Flinte. + +Friederike. +So ist's recht, Jakob, du bist ein braver Bursche. Wenn du mir die +Flinte zurecht bringst, dass mir der Schulfuchs nicht gleich einfällt, +wenn ich sie ansehe, sollst du ein gut Trinkgeld haben. + +Jakob. +Ich nehme sie mit, gnädige Gräfin, und will mein Bestes tun. Ein +Trinkgeld braucht's nicht, ich bin Ihr Diener für ewig. + +Friederike. +Du willst in der Nacht noch fort? Es ist dunkle und regnicht; bleibe +noch beim Jäger. + +Jakob. +Ich weiß nicht, wie mir ist; es treibt mich etwas fort. Ich habe eine +Art von Ahnung. + +Friederike. +Du siehst doch sonst nicht Gespenster. + +Jakob. +Es ist auch nicht Ahnung, es ist Vermutung. Mehrere Bauern sind beim +Chirurgus in der Nacht zusammengekommen; sie hatten mich auch +eingeladen, ich ging aber nicht hin; ich will keine Händel mit der +gräflichen Familie. Und jetzt wollt' ich doch, ich wäre hingegangen, +damit ich wüsste, was sie vorhaben. + +Friederike. +Nun was wird's sein? Es ist die alte Prozessgeschichte. + +Jakob. +Nein, nein, es ist mehr! Lassen Sie mir meine Grille; es ist für Sie, +es ist für die Ihrigen, dass ich besorgt bin. (Ab.) + + + +Siebenter Auftritt +Friederike, nachher die Gräfin und der Hofrat. + +Friederike. +Die Büchse ist noch, wie ich sie verlassen habe; die hat mir der Jäger +recht gut versorgt. Ja, das ist auch ein Jäger, und über die geht +nichts. Ich will sie gleich laden und morgen früh bei guter Tageszeit +einen Hirsch schießen. (Sie beschäftigt sich an einem Tische, worauf +ein Armleuchter steht, mit Pulverhorn, Lademaß, Pflaster, Kugel, +Hammer und lädt die Büchse ganz langsam und methodisch.) + +Gräfin. +Da hast du schon wieder das Pulverhorn beim Licht; wie leicht kann +eine Schnuppe herunterfallen. Sei doch vernünftig, du kannst dich +unglücklich machen! + +Friedericke. +Lassen Sie mich, liebe Mutter, ich bin schon vorsichtig. Wer sich vor +dem Pulver fürchtet, muss nicht mit Pulver umgehen. + +Gräfin. +Sagen Sie mir, lieber Hofrat, ich habe es recht auf dem Herzen: +Könnten wir nicht einen Schritt tun, wenigstens bis Sie zurückkommen? + +Hofrat. +Ich verehre in Ihnen diese Heftigkeit, das Gute zu wirken und nicht +einen Augenblick zu zaudern. + +Gräfin. +Was ich einmal für Echt erkenne, möchte' ich auch gleich getan sehn. +Das Leben ist so kurz, und das Gute wirkt so langsam. + +Hofrat. +Wie meinen Sie denn? + +Gräfin. +Sie sind moralisch überzeugt, dass der Amtmann in dem Kriege das +Dokument beiseite gebracht hat-- + +Friederike (heftig). +Sind Sie's? + +Hofrat. +Nach allen Anzeigen kann ich wohl sagen, es ist mehr als Vermutung. + +Gräfin. +Sie glauben, dass er es noch zu irgendeiner Absicht verwahre? + +Friederike (wie oben). +Glauben Sie? + +Hofrat. +Bei der Verworrenheit seiner Rechnungen, bei der Unordnung des +Archives, bei der ganzen Art, wie er diesen Rechtshandel benutzt hat, +kann ich vermuten, dass er sich einen Rückzug vorbehält, dass er +vielleicht, wenn man ihn von dieser Seite drängt, sich auf die andere +zu retten und das Dokument dem Gegenteile für eine ansehnliche Summe +zu verhandeln denkt. + +Gräfin. +Wie wär' es, man suchte ihn durch Gewinst zu locken? Er wünscht, +seinen Neffen substituiert zu haben; wie wär' es, wir versprächen +diesem jungen Menschen eine Belohnung, wenn er zur Probe das Archiv in +Ordnung brächte, besonders eine ansehnliche, wenn er das Dokument +ausfindig machte? Man gäbe ihm Hoffnung zur Substitution. Sprechen +Sie ihn noch, ehe Sie fortgehen; indes, bis Sie wiederkommen, richtet +sich's ein. + +Hofrat. +Es ist zu spät, der Mann ist gewiss schon zu Bette. + +Gräfin. +Glauben Sie das nicht. So alt er ist, passt er Ihnen auf, bis Sie in +den Wagen steigen. Er macht Ihnen noch in völliger Kleidung seinen +Scharrfuss und versäumt gewiss nicht, sich Ihnen zu empfehlen. Lassen +wir ihn rufen. + +Friederike. +Lassen Sie ihn rufen, man muss doch sehen, wie er sich gebärdet. + +Hofrat. +Ich bin's zufrieden. + +Friederike (klingelt und sagt zum Bedienten, der hereinkommt). +Der Amtmann möchte doch noch einen Augenblick herüberkommen! + +Gräfin. +Die Augenblicke sind kostbar. Wollen Sie nicht indes noch einen Blick +auf die Papiere werfen, die sich auf diese Sache beziehen? (Zusammen +ab.) + + + +Achter Auftritt +Friederike allein, nachher der Amtmann. + +Friederike. +Das will mir nicht gefallen. Sie sind überzeugt, dass er ein Schelm +ist, und wollen ihm nicht zu Leibe. Sie sind überzeugt, dass er sie +betrogen, ihnen geschadet hat, und wollen ihn belohnen. Das taugt nun +ganz und gar nichts. Es wäre besser, dass man ein Exempel statuierte. +--Da kommt er eben recht. + +Amtmann. +Ich höre, dass des Herrn Hofrats Wohlgeboren noch vor ihrer Abreise +mir etwas zu sagen haben. Ich komme, dessen Befehle zu vernehmen. + +Friederike (indem sie die Büchse nimmt). +Verziehen Sie einen Augenblick, er wird gleich wieder hier sein. (Sie +schüttet Pulver auf die Pfanne.) + +Amtmann. +Was machen Sie da, gnädige Gräfin? + +Friederike. +Ich habe die Büchse auf morgen früh geladen, da soll ein alter Hirsch +fallen. + +Amtmann. +Ei, ei! Schon heute geladen und Pulver auf die Pfanne, das ist +verwegen! Wie leicht kann da ein Unglück geschehen. + +Friederike. +Ei was! Ich bin gern fix und fertig. (Sie hebt das Gewehr auf und +hält es, gleichsam zufällig, gegen ihn.) + +Amtmann. +Ei, gnädige Gräfin, kein geladen Gewehr jemals auf einen Menschen +halten! Da kann der Böse sein Spiel haben. + +Friederike (in de vorigen Stellung). +Hören Sie, Herr Amtmann, ich muss Ihnen ein Wort im Vertrauen sagen: +--Das Sie ein erzinfamer Spitzbube sind. + +Amtmann. +Welche Ausdrücke, meine Gnädige!--Tun Sie die Büchse weg. + +Friedericke. +Rühre dich nicht vom Platz, verdammter Kerl! Siehst du, ich spanne, +siehst du, ich lege an! Du hast ein Dokument gestohlen-- + +Amtmann. +Ein Dokument? Ich weiß von keinem Dokumente. + +Friederike. +Siehst du, ich steche, es geht alles in der Ordnung, und wenn du nicht +auf der Stelle das Dokument herausgibst oder mir anzeigst, wo es sich +befindet, oder was mit ihm vorgefallen, so rühr' ich diese kleine +Nadel, und du bist auf der Stelle mausetot. + +Amtmann. +Um Gottes willen! + +Friederike. +Wo ist das Dokument? + +Amtmann. +Ich weiß nicht--Tun Sie die Büchse weg--Sie könnten aus Versehen-- + +Friederike (wie oben). +Aus Versehen oder mit Willen bist du tot. Rede, wo ist das Dokument? + +Amtmann. +Es ist--verschlossen. + + + +Neunter Auftritt +Gräfin. Hofrat. Die Vorigen. + +Gräfin. +Was gibt's hier? + +Hofrat. +Was machen Sie? + +Friederike (immer zum Amtmann). +Rühren Sie sich nicht, oder Sie sind des Todes! Wo verschlossen? + +Amtmann. +In meinem Pulte. + +Friederike. +Und in dem Pulte! Wo? + +Amtmann. +Zwischen einem Doppelboden. + +Friederike. +Wo ist der Schlüssel? + +Amtmann. +In meiner Tasche. + +Friedericke. +Und wie geht der doppelte Boden auf? + +Amtmann. +Durch einen Druck an der rechten Seite. + +Friederike. +Heraus den Schlüssel! + +Amtmann. +Hier ist er. + +Friederike. +Hingeworfen! + +Amtmann (wirft ihn auf die Erde). + +Friederike. +Und die Stube? + +Amtmann. +Ist offen. + +Friederike. +Wer ist drinnen? + +Amtmann. +Meine Magd und mein Schreiber. + +Friederike. +Sie haben alles gehört, Herr Hofrat. Ich habe Ihnen ein umständliches +Gespräch erspart. Nehmen Sie den Schlüssel, und holen Sie das +Dokument. Bringen Sie es nicht zurück, so hat er gelogen, und ich +schieße ihn darum tot. + +Hofrat. +Lassen Sie ihn mitgehen; bedenken Sie, was Sie tun. + +Friederike. +Ich weiß, was ich tue. Machen Sie mich nicht wild, und gehen Sie. +(Hofrat ab.) + +Gräfin. +Meine Tochter, du erschreckst mich. Tu das Gewehr weg! + +Friederike. +Gewiss nicht eher, als bis ich das Dokument sehe. + +Gräfin. +Hörst du nicht? Deine Mutter befiehlt's. + +Friederike. +Und wenn mein Vater aus dem Grabe aufstünde, ich gehorchte nicht. + +Gräfin. +Wenn es losginge! + +Friederike. +Welch Unglück wäre das? + +Amtmann. +Es würde Sie gereuen. + +Friederike. +Gewiss nicht. Erinnerst du dich noch, Nichtswürdiger, als ich vorm +Jahr im Zorn nach dem Jägerburschen schoss, der meinen Hund prügelte, +erinnerst du dich noch, da ich ausgescholten wurde, und alle Menschen +den glücklichen Zufall priesen, der mich hatte fehlen lassen, da warst +du's allein, der hämisch lächelte und sagte: Was wär' es denn +gewesen? Ein Kind aus einem vornehmen Hause! Das wäre mit Geld +abzutun. Ich bin noch immer ein Kind, ich bin noch immer aus einem +vornehmen Hause; so müsste das auch wohl mit Geld abzutun sein. + +Hofrat (kommt zurück). +Hier ist das Dokument. + +Friederike. +Ist es? (Sie bringt das Gewehr in Ruh.) + +Gräfin. +Ist's möglich? + +Amtmann. +O, ich Unglücklicher! + +Friederike. +Geh! Elender! Dass deine Gegenwart meine Freude nicht vergälle! + +Hofrat. +Es ist das Original. + +Friederike. +Geben Sie mir's. Morgen will ich's den Gemeinden selbst zeigen und +sagen, dass ich's ihnen erobert habe. + +Gräfin (sie umarmend). +Meine Tochter. + +Friederike. +Wenn mir der Spaß nur die Lust an der Jagd nicht verdirbt. Solch ein +Wildpret schieß' ich nie wieder! + + + + +Fünfter Aufzug +(Nacht, trüber Mondschein.) + +Das Theater stellt einen teil des Parks vor, der früher beschrieben +worden. Raue steile Felsenbänke, auf denen ein verfallenes Schloss. +Natur und Mauerwerk ineinander verschränkt. Die Ruine, sowie die +Felsen mit Bäumen und Büschen bewachsen. Eine dunkle Kluft deutet auf +Höhlen, wo nicht gar unterirdische Gänge. + +Frederike, Fackel tragend, die Büchse unterm Arm, Pistolen im Gürtel, +tritt aus der Höhle, umherspürend. Ihr folgt die Gräfin, den Sohn an +der Hand. Auch Luise. Sodann der Bediente, mit Kästchen beschwert. +Man erfährt, dass von hier ein unterirdischer Gang zu den Gewölben des +Schlosses reicht, dass man die Schlosspforten gegen die andringenden +Bauern verriegelt, dass die Gräfin verlangt habe, man solle ihnen aus +dem Fenster das Dokument ankündigen und zeigen und so alles beilegen. +Friederike jedoch sei nicht zu bewegen gewesen, sich in irgendeine +Kapitulation einzulassen, noch sich einer Gewalt, selbst nach eigenen +Absichten, zu fügen. Sie habe vielmehr die Ihrigen zur Flucht +genötigt, um auf diesem geheimen Wege ins Freie zu gelangen und den +benachbarten Sitz eines Anverwandten zu erreichen. Eben will man sich +auf den Weg machen, als man oben in der Ruine Licht sieht, ein +Geräusch hört. Man zieht sich in die Höhle zurück. + +Herunter kommen Jakob, der Hofrat und eine Partei Bauern. Jakob hatte +sie unterwegs angetroffen und sie zugunsten der Herrschaft zu bereden +gesucht. Der Wagen des wegfahrenden Hofrats war unter sie gekommen. +Dieser würdige Mann verbindet sich mit Jakob und kann das +Hauptargument, dass der Originalrezess gefunden sei, allen übrigen +Beweggründen hinzufügen. Die aufgeregte Schar wird beruhigt, ja sie +entschließt sich, den Damen zu Hilfe zu kommen. + +Friederike, die gelauscht hat, nun von allem unterrichtet, tritt unter +sie, dem Hofrat und dem jungen Landmann sehr willkommen, auch den +übrigen durch die Vorzeigung des Dokuments höchst erwünscht. + +Eine früher ausgesendete Patrouille dieses Trupps kommt zurück und +meldet, dass ein Teil der Aufgeregten vom Schlosse her im Anmarsche +sei. Alles verbirgt sich, teils in die Höhle, teils in Felsen und +Gemäuer. + +Breme mit einer Anzahl bewaffneter Bauern tritt auf, schilt auf den +Magister, dass er außen geblieben, und erklärt die Ursache, warum er +einen teil der Mannschaft in den Gewölben des Schlosses gelassen und +mit dem andern sich hieher verfügt. Er weiß das Geheimnis des +unterirdischen Ganges und ist überzeugt, dass die Familie sich darein +versteckt, und dies gibt die Gewissheit, ihrer habhaft zu werden. Sie +zünden Fackeln an und sind im Begriff, in die Höhle zu treten. +Friederike, Jakob, der Hofrat erscheine in dem Augenblicke, bewaffnet, +sowie die übrige Menge. + +Breme sucht der Sache eine Wendung durch Beispiele aus der alten +Geschichte zu geben und tut sich auf seine Einfälle viel zugute, da +man sie gelten lässt, und als nun das Dokument auch hier seine Wirkung +nicht verfehlt, so schließt das Stück zu allgemeiner Zufriedenheit. +Die vier Personen, deren Gegenwart einen unangenehmen Eindruck machen +könnte: Karoline, der Baron, der Magister und der Amtmann, kommen +nicht mehr zum Vorschein. + + +Ende dieses Projekt Guetnberg Etextes Die Aufgeregten, von Johann +Wolfgang von Goethe. + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10428 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..814b984 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #10428 (https://www.gutenberg.org/ebooks/10428) diff --git a/old/10428-8.txt b/old/10428-8.txt new file mode 100644 index 0000000..51cd252 --- /dev/null +++ b/old/10428-8.txt @@ -0,0 +1,3022 @@ +The Project Gutenberg eBook, Die Aufgeregten, by Johann Wolfgang von Goethe + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + + + + +Title: Die Aufgeregten + +Author: Johann Wolfgang von Goethe + +Release Date: December 9, 2003 [eBook #10428] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AUFGEREGTEN*** + + +E-text prepared by Andrew Sly + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 8-bit version. + + + + + +Die Aufgeregten + +Politisches Drama in fünf Aufzügen + +Johann Wolfgang von Goethe + + + + + + +Personen + +Die Gräfin. +Friederike, ihre Tochter. +Karl, ihr Söhnchen. +Der Baron, ein Vetter. +Der Hofrat. +Breme von Bremenfeld, Chirurgus. +Karoline, Bremens Tochter. +Luise, Bremens Nichte. +Der Magister, Hofmeister des jungen Grafen. +Der Amtmann. +Jakob, junger Landmann und Jäger. +Martin, +Albert, +Peter, Landleute. +Georg, Bedienter der Gräfin. + + + + +Erster Aufzug + + + +Erster Auftritt +(Ein gemeines Wohnzimmer, an der Wand zwei Bilder, eines bürgerlichen +Mannes und seiner Frau, in der Tracht, wie sie vor fünfzig oder +sechzig Jahren zu sein pflegte. Nacht.) + +Luise, an einem Tisch, worauf ein Licht steht, strickend. Karoline, +in einem Großvatersessel gegenüber, schlafend. + +Luise (einen eben vollendeten gestrickten Strumpf in die Höhe haltend). +Wieder ein Strumpf! Nun wollt' ich, der Onkel käme nach Hause; denn +ich habe nicht Lust, einen andern anzufangen. (Sie steht auf und geht +ans Fenster.) Er bleibt heut' ungewöhnlich lange weg, sonst kommt er +doch gegen elf Uhr, und es ist jetzt schon Mitternacht. (Sie tritt +wieder an den Tisch.) Was die französische Revolution Gutes oder Böses +stiftet, kann ich nicht beurteilen; so viel weiß ich, dass sie mir +diesen Winter einige Paar Strümpfe mehr einbringt. Die Stunden, die +ich jetzt wachen und warten muss, bis Herr Breme nach Hause kommt, +hätt' ich verschlafen, wie ich sie jetzt verstricke, und er +verplaudert sie, wie er sie sonst verschlief. + +Karoline (im Schlaf redend). +Nein, nein! Mein Vater! + +Luise (sich dem Sessel nähernd). +Was gibt's, liebe Muhme?--Sie antwortet nicht!--Was nur dem guten +Mädchen sein mag! Sie ist still und unruhig; des Nachts schläft sie +nicht, und jetzt, da sie vor Müdigkeit eingeschlafen ist, spricht sie +im Traum. Sollte meine Vermutung gegründet sein? Sollte der Baron in +diesen wenigen Tagen einen solchen Eindruck auf die gemacht haben, so +schnell und so stark? (Hervortretend.) Wunderst du dich, Luise, und +hast du nicht selbst erfahren, wie die Liebe wirkt, wie schnell und +wie stark! + + + +Zweiter Auftritt +Die Vorigen. Georg. + +Georg (heftig und ängstlich). +Liebes Mamsellchen, geben Sie mir geschwinde, geschwinde-- + +Luise. +Was denn, Georg? + +Georg. +Geben Sie mir die Flasche. + +Luise. +Was für eine Flasche? + +Georg. +Ihr Herr Onkel sagte, Sie sollen mir die Flasche geschwinde geben; sie +steht in der Kammer, oben auf dem Brett rechter Hand. + +Luise. +Da stehen viele Flaschen; was soll denn drinn sein? + +Georg. +Spiritus. + +Luise. +Es gib allerlei Spiritus; hat er sich nicht deutlicher erklärt? Wozu +soll's denn? + +Georg. +Er sagt' es wohl, ich war aber so erschrocken. Ach, der junge Herr-- + +Karoline (die aus dem Schlaf auffährt). +Was gibt's?--Der Baron? + +Luise. +Der junge Graf? + +Georg. +Leider, der junge Graf! + +Karoline. +Was ist ihm begegnet? + +Georg. +Geben Sie mir den Spiritus. + +Luise. +Sage nur, was dem jungen Grafen begegnet ist, so weiß ich wohl, was +der Onkel für eine Flasche braucht. + +Georg. +Ach, das gute Kind! Was wird die Frau Gräfin sagen, wenn sie morgen +kommt! Wie wird sie uns ausschelten! + +Karoline. +So red' Er doch! + +Georg. +Er ist gefallen, mit dem Kopf vor eine Tischecke, das Gesicht ist ganz +in Blut; wer weiß, ob nicht gar das Auge gelitten hat. + +Luise (indem sie einen Wachsstock anzündet und in die Kammer geht). +Nun weiß ich, was sie brauchen. + +Karoline. +So spät! Wie ging das zu? + +Georg. +Liebes Mamsellchen, ich dachte lange, es würde nichts Gutes werden. +Da sitzt Ihr Vater und der Hofmeister alle Abend beim alten Pfarrer +und lesen die Zeitungen und Monatsschriften, und so disputieren sie +und können nicht fertig werden, und das arme Kind muss dabei sitzen; +da druckt sich's denn in eine Ecke, wenn's spät wird, und schläft ein, +und wenn sie aufbrechen, da taumelt das Kind schlaftrunken mit, und +heute--nun sehen Sie--da schlägt's eben zwölfe--heute bleiben sie über +alle Gebühr aus, und ich sitze zu Hause und habe Licht brennen, und +dabei stehen die andern Lichter für den Hofmeister und den jungen +Herrn, und Ihr Vater und der Magister bleiben vor der Schlossbrücke +stehen und können noch nicht fertig werden-- + +Luise (kommt mit einem Glase zurück). + +Georg (fährt fort). +Und das Kind kommt in den Saal getappt und ruft mich, und ich fahre +auf und will die Lichter anzünden, wie ich immer tue, und wie ich +schlaftrunken bin, lösche ich das Licht aus. Indessen tappt das Kind +die Treppe hinauf, und auf dem Vorsaal stehen die Stühle und Tische, +die wir morgen früh in die Zimmer verteilen wollen; das Kind weiß es +nicht, geht geradezu, stößt sich, fällt, wir hören es schreien, ich +mache Lärm, ich mache Licht, und wie wir hinaufkommen, liegt's da und +weiß kaum von sich selbst. Das ganze Gesicht ist blutig. Wenn es ein +Auge verloren hat, wenn es gefährlich wird, geh' ich morgen früh auf +und davon, eh' die Frau Gräfin ankommt; mag's verantworten, wer will! + +Luise (die indessen einige Bündelchen Leinwand aus der Schublade +genommen, gibt ihm die Flasche). +Hier! Geschwind! Trage das hinüber und nimm die Läppchen dazu, ich +komme gleich selbst. Der Himmel verhüte, dass es so übel sei! +Geschwind, Georg, geschwind! (Georg ab.) Halte warmes Wasser bereit, +wenn der Onkel nach Hause kommt und Kaffee verlangt. Ich will +geschwind hinüber. Es wäre entsetzlich, wenn wir unsere gute Gräfin +so empfangen müssten. Wie empfahl sie nicht dem Magister, wie empfahl +sie nicht mir das Kind bei ihrer Abreise! Leider hab' ich sehen +müssen, dass es die Zeit über sehr versäumt worden ist. Dass man doch +gewöhnlich seine nächste Pflicht versäumt! (Ab.) + + + +Dritter Auftritt +Karoline. Hernach der Baron. + +Karoline (nachdem sie einige Mal nachdenkend auf und ab gegangen). +Er verlässt mich keinen Augenblick, auch im Traum selbst war er mir +gegenwärtig. O, wenn ich glauben könnte, dass sein Herz, seine +Absichten so redlich sind, als seine Blicke, sein Betragen reizend und +einnehmend ist! Ach, und die Art, mit der er alles zu sagen weiß, wie +edel er sich ausdrückt! Man sage, was man will, welche Vorzüge gibt +einem Menschen von edler Geburt eine standesmäßige Erziehung! Ach, +dass ich doch seinesgleichen wäre! + +Der Baron (an der Türe). +Sind Sie allein, beste Karoline? + +Karoline. +Herr Baron, wo kommen Sie her? Entfernen Sie sich! Wenn mein Vater +käme! Es ist nicht schön, mich so zu überfallen. + +Baron. +Die Liebe, die mich hieher führt, wird auch mein Fürsprecher bei Ihnen +sein, angebetete Karoline. (Er will sie umarmen.) + +Karoline. +Zurück, Herr Baron! Sie sind sehr verwegen. Wo kommen Sie her? + +Baron. +Ein Geschrei weckt mich, ich springe herunter und finde, dass mein +Neffe sich eine Brausche gefallen hat. Ich finde Ihren Vater um das +Kind beschäftigt, nun kommt auch Ihre Muhme, ich sehe, dass es keine +Gefahr hat, es fällt mir ein: Karoline ist allein--und was kann mir +bei jeder Gelegenheit anders einfallen als Karoline? Die Augenblicke +sind kostbar, schönes, angenehmes Kind! Gestehen Sie mir, sagen Sie +mir, dass Sie mich lieben. (Will sie umarmen.) + +Karoline. +Noch einmal, Herr Baron! Lassen Sie mich, und verlassen Sie dieses +Haus! + +Baron. +Sie haben versprochen, mich so bald als möglich zu sehen, und wollen +mich nun entfernen? + +Karoline. +Ich habe versprochen, morgen früh mit Sonnenaufgang in dem Garten zu +sein, mit Ihnen spazieren zu gehen, mich Ihrer Gesellschaft zu freuen. +Hieher hab' ich Sie nicht eingeladen. + +Baron. +Aber die Gelegenheit-- + +Karoline. +Hab' ich nicht gemacht. + +Baron. +Aber ich benutze sie; können Sie mir es verdenken? + +Karoline. +Ich weiß nicht, was ich von Ihnen denken soll. + +Baron. +Auch Sie--lassen Sie es mich frei gestehen--auch Sie erkenne ich nicht. + + +Karoline. +Und worin bin ich mir denn so unähnlich? + +Baron. +Können Sie noch fragen? + +Karoline. +Ich muss wohl, ich begreife Sie nicht. + +Baron. +Ich soll reden? + +Karoline. +Wenn ich Sie verstehen soll. + +Baron. +Nun gut. Haben Sie nicht seit den drei Tagen, die ich Sie kenne, jede +Gelegenheit gesucht, mich zu sehen, und zu sprechen? + +Karoline. +Ich leugne es nicht. + +Baron. +Haben Sie mir nicht, sooft ich Sie ansah, mit Blicken geantwortet? +Und mit was für Blicken! + +Karoline (verlegen). +Ich kann meine eignen Blicke nicht sehen. + +Baron. +Aber fühlen, was sie bedeuten.--Haben Sie mir, wenn ich Ihnen im Tanze +die Hand drückte, die Hand nicht wieder gedrückt? + +Karoline. +Ich erinnere mich's nicht. + +Baron. +Sie haben ein kurzes Gedächtnis, Karoline. Als wir unter der Linde +drehten, und ich Sie zärtlich an mich schloss, damals stieß mich +Karoline nicht zurück. + +Karoline. +Herr Baron, Sie haben sich falsch ausgelegt, was ein gutherziges, +unerfahrnes Mädchen-- + +Baron. +Liebst du mich? + +Karoline. +Noch einmal, verlassen Sie mich! Morgen frühe-- + +Baron. +Werde ich ausschlafen. + +Karoline. +Ich werde Ihnen sagen-- + +Baron. +Ich werde nichts hören. + +Karoline. +So verlassen Sie mich. + +Baron (sich entfernend). +O, es ist mir leid, dass ich gekommen bin. + +Karoline (allein, nach einer Bewegung, als wenn sie ihn aufhalten +wollte). +Er geht, ich muss ihn fortschicken, ich darf ihn nicht halten. Ich +liebe ihn und muss ihn verscheuchen. Ich war unvorsichtig und bin +unglücklich. Weg sind meine Hoffnungen auf den schönen Morgen, weg +die goldnen Träume, die ich zu nähren wagte. O, wie wenig Zeit +braucht es, unser ganzes Schicksal umzukehren! + + + +Vierter Auftritt +Karoline. Breme. + +Karoline. +Lieber Vater, wie geht's? Was macht der junge Graf? + +Breme. +Es ist eine starke Kontusion; doch ich hoffe, die Läsion soll nicht +gefährlich sein. Ich werde eine vortreffliche Kur machen, und der +Herr Graf wird sich künftig, sooft er sich im Spiegel besieht, bei der +Schmarre mit Achtung seines geschickten Chirurgi, seines Breme von +Bremenfeld erinnern. + +Karoline. +Die arme Gräfin! Wenn sie nur nicht schon morgen käme. + +Breme. +Desto besser! Und wenn sie den übeln Zustand des Patienten mit Augen +sieht, wird sie, wenn die Kur vollbracht ist, desto mehr Ehrfurcht für +meine Kunst empfinden. Standespersonen müssen auch wissen, dass sie +und ihre Kinder Menschen sind; man kann sie nicht genug empfinden +machen, wie verehrungswürdig ein Mann ist, der ihnen in ihren Nöten +beisteht, denen sie wie alle Kinder Adams unterworfen sind, besonders +ein Chirurgus. Ich sage dir, mein Kind, ein Chirurgus ist der +verehrungswürdigste Mann auf dem ganzen Erdboden. Der Theolog befreit +dich von der Sünde, die er selbst erfunden hat; der Jurist gewinnt dir +deinen Prozess und bringt deinen Gegner, der gleiches Recht hat, an +den Bettelstab; der Medikus kuriert dir eine Krankheit weg, die andere +herbei, und du kannst nie recht wissen, ob er dir genutzt oder +geschadet hat: Der Chirurgus aber befreit dich von einem reellen Übel, +das du dir selbst zugezogen hast, oder das dir zufällig und +unverschuldet über den Hals kommt; er nutzt dir, schadet keinem +Menschen, und du kannst dich unwidersprechlich überzeugen, dass seine +Kur gelungen ist. + +Karoline. +Freilich auch, wenn sie nicht gelungen ist. + +Breme. +Das lehrt dich den Pfuscher vom Meister unterscheiden. Freue dich, +meine Tochter, dass du einen solchen Meister zum Vater hast: Für ein +wohl denkendes Kind ist nichts ergötzlicher, als sich seiner Eltern +und Großeltern zu freuen. + +Karoline (sie nachahmend). +Das tu' ich, mein Vater. + +Breme (sie nachahmend). +Das tust du, mein Töchterchen, mit einem betrübten Gesichtchen und +weinerlichen Tone.--Das soll doch wohl keine Freude vorstellen? + +Karoline. +Ach, mein Vater! + +Breme. +Was hast du, mein Kind? + +Karoline. +Ich muss es Ihnen gleich sagen. + +Breme. +Was hast du? + +Karoline. +Sie wissen, der Baron hat diese Tage her sehr freundlich, sehr +zärtlich mit mir getan; ich sagt' es Ihnen gleich und fragte Sie um +Rat. + +Breme. +Du bist ein vortreffliches Mädchen! Wert, als eine Prinzessin, eine +Königin aufzutreten. + +Karoline. +Sie rieten mir, auf meiner Hut zu sein, auf mich wohl Acht zu haben, +aber auch auf ihn; mir nichts zu vergeben, aber auch ein Glück, wenn +es mich aufsuchen sollte, nicht von mir zu stoßen. Ich habe mich +gegen ihn betragen, dass ich mir keine Vorwürfe zu machen habe; aber +er-- + +Breme. +Rede, mein Kind, rede! + +Karoline. +O, es ist abscheulich. Wie frech, wie verwegen!-- + +Breme. +Wie? (Nach einer Pause.) Sage mir nichts, meine Tochter, du kennst +mich, ich bin eines hitzigen Temperaments, ein alter Soldat; ich würde +mich nicht fassen können, ich würde einen tollen Streich machen. + +Karoline. +Sie können es hören, mein Vater, ohne zu zürnen; ich darf es sagen, +ohne rot zu werden. Er hat meine Freundlichkeit übel ausgelegt, er +hat sich in Ihrer Abwesenheit, nachdem Luise auf das Schloss geeilt +war, hier ins Haus geschlichen. Er war verwegen, aber ich wies ihn +zurechte. Ich trieb ihn fort, und ich darf wohl sagen: Seit diesem +Augenblick haben sich meine Gesinnungen gegen ihn geändert. Er schien +mir liebenswürdig, als er gut war, als ich glauben konnte, dass er es +gut mit mir meine; jetzt kommt er mir vor: Schlimmer als jeder andere. +Ich werde Ihnen alles, wie bisher, erzählen, alles gestehen und mich +Ihrem Rat ganz allein überlassen. + +Breme. +Welch ein Mädchen! Welch ein vortreffliches Mädchen! O, ich +beneidenswerter Vater! Wartet nur, Herr Baron, wartet nur! Die Hunde +werden von der Kette loskommen und den Füchsen den Weg zum +Taubenschlag verrennen. Ich will nicht Breme heißen, nicht den Namen +Bremenfeld verdienen, wenn in kurzem nicht alles anders werden soll. + +Karoline. +Erzürnt Euch nicht, mein Vater! + +Breme. +Du gibst mir ein neues Leben, meine Tochter; ja, fahre fort, deinen +Stand durch deine Tugend zu zieren, gleiche in allem deiner +vortrefflichen Urgroßmutter, der seligen Burgemeisterin von Bremenfeld. +Diese würdige Frau war durch Sittsamkeit die Ehre ihres Geschlechts +und durch Verstand die Stütze ihres Gemahls. Betrachte dieses Bild +jeden Tag, jede Stunde, ahme sie nach und werde verehrungswürdig wie +sie! (Karoline sieht das Bild an und lacht.) Was lachst du, meine +Tochter? + +Karoline. +Ich will meiner Urgroßmutter gern in allem Guten folgen, wenn ich mich +nur nicht anziehen soll wie sie. Ha, ha, ha! Sehn Sie nur, so oft ich +das Bild ansehe, muss ich lachen, ob ich es gleich alle Tage vor Augen +habe, ha, ha, ha! Sehn Sie nur das Häubchen, dass wie +Fledermausflügel vom Kopf los steht. + +Breme. +Nun, nun! Zu ihrer Zeit lachte niemand darüber, und wer weiß, wer +über euch künftig lacht, wenn er euch gemalt sieht; denn ihr seid sehr +selten angezogen und aufgeputzt, dass ich sagen möchte, ob du gleich +meine hübsche Tochter bist: Sie gefällt mir! Gleiche dieser +vortrefflichen Frau an Tugenden und kleide dich mit besserm Geschmack, +so hab' ich nichts dagegen, vorausgesetzt, dass, wie sie sagen, der +gute Geschmack nicht teurer ist als der schlechte. Übrigens dächt' +ich, du gingst zu Bette; denn es ist spät. + +Karoline. +Wollen Sie nicht noch Kaffee trinken? Das Wasser siedet, er ist +gleich gemacht. + +Breme. +Setze nur alles zurechte, schütte den gemahlenen Kaffee in die Kanne, +das heiße Wasser will ich selbst darüber gießen. + +Karoline. +Gute Nacht, mein Vater! (Geht ab.) + +Breme. +Schlaf wohl, mein Kind. + + + +Fünfter Auftritt +Breme allein. + +Dass auch das Unglück just diese Nacht geschehen musste! Ich hatte +alles klüglich eingerichtet, meine Einteilung der Zeit als ein echter +Praktikus gemacht. Bis gegen Mitternacht hatten wir zusammen +geschwatzt, da war alles ruhig; nachher wollte ich meine Tasse Kaffee +trinken, meine bestellten Freunde sollten kommen zu der +geheimnisvollen Überlegung. Nun hat's der Henker! Alles ist in +Unruhe. Sie wachen im Schloss, dem Kinde Umschläge aufzulegen. Wer +weiß, wo sich der Baron herumdrückt, um meiner Tochter aufzupassen. +Beim Amtmann seh' ich Licht, bei dem verwünschten Kerl, den ich am +meisten scheue. Wenn wir entdeckt werden, so kann der größte, +schönste, erhabenste Gedanke, der auf mein ganzes Vaterland Einfluss +haben soll, in der Geburt erstickt werden. (Er geht ans Fenster.) Ich +höre jemand kommen; die Würfel sind geworfen, wir müssen nun die +Steine setzen; ein alter Soldat darf sich vor nichts fürchten. Bin +ich denn nicht bei dem großen unüberwindlichen Fritz in die Schule +gegangen? + + + +Sechster Auftritt +Breme. Martin. + +Breme. +Seid Ihr's, Gevatter Martin? + +Martin. +Ja, lieber Gevatter Breme, das bin ich. Ich habe mich ganz stille +aufgemacht, wie die Glocke zwölfe schlug, und bin hergekommen; aber +ich habe noch Lärm gehört und hin und wider gehen, und da bin ich im +Garten einige Mal auf und ab geschlichen, bis alles ruhig war. Sagt +mir nur, was Ihr wollt, Gevatter Breme, dass wir so spät bei Euch +zusammenkommen, in der Nacht; könnten wir's denn nicht bei Tage +abmachen? + +Breme. +Ihr sollt alles erfahren, nur müsst Ihr Geduld haben, bis die andern +alle beisammen sind. + +Martin. +Wer soll denn noch alles kommen? + +Breme. +Alle unsere guten Freunde, alle vernünftigen Leute. Außer Euch, der +Ihr Schulze von dem Ort hier seid, kommt noch Peter, der Schulze von +Rosenhahn, und Albert, der Schulze von Wiesengruben; ich hoffe, auch +Jakob wird kommen, der das hübsche Freigut besitzt. Dann sind recht +ordentliche und vernünftige Leute beisammen, die schon was ausmachen +können. + +Martin. +Gevatter Breme, Ihr seid ein wunderlicher Mann; es ist Euch alles eins, +Nacht und Tag, Tag und Nacht, Sommer und Winter. + +Breme. +Ja, wenn das auch nicht so wäre, könnte nichts Rechts werden. Wachen +oder Schlafen, das ist mir auch ganz gleich. Es war nach der Schlacht +bei Leuthen, wo unsere Lazarette sich in schlechtem Zustande befanden +und sich wahrhaftig noch in schlechterem Zustande befunden hätten, +wäre Breme nicht damals ein junger rüstiger Bursche gewesen. Da lagen +viele Blessierte, viele Kranke, und alle Feldscherer waren alt und +verdrossen, aber Breme ein junger tüchtiger Kerl, Tag und Nacht parat. +Ich sag' Euch, Gevatter, dass ich acht Nächte nacheinander weg +gewacht und am Tage nicht geschlafen habe. Das merkte sich aber auch +der alte Fritz, der alles wusste, was er wissen wollte. Höre Er, +Breme, sagte er einmal, als er in eigner Person das Lazarett +visitierte, höre Er, Breme, man sagt, dass Er an der Schlaflosigkeit +krank liege.--Ich merkte, wo das hinaus wollte; denn die andern +stunden alle dabei; ich fasste mich und sagte: Ihro Majestät, das ist +eine Krankheit, wie ich sie allen Ihren Dienern wünsche, und da sie +keine Mattigkeit zurücklässt, und ich den Tag auch noch brauchbar bin, +so hoffe ich, dass Seine Majestät deswegen keine Ungnade auf mich +werfen werden. + +Martin. +Ei, ei! Wie nahm denn das der König auf? + +Breme. +Er sah ganz ernsthaft aus, aber ich sah ihm wohl an, dass es ihm wohl +gefiel. Breme, sagte er, womit vertreibt Er sich denn die Zeit? +Da fasst' ich mir wieder ein Herz und sagte: Ich denke an das, was +Ihro Majestät getan haben und noch tun werden, und da könnt' ich +Methusalems Jahre erreichen und immer fort wachen und könnt's doch +nicht ausdenken. Da tat er, als hört' er's nicht, und ging vorbei. +Nun war's wohl acht Jahre darnach, da fasst' er mich bei der Revue +wieder ins Auge. Wacht Er noch immer, Breme? reif er. Ihro +Majestät, versetzt' ich, lassen einem ja im Frieden so wenig Ruh +als im Kriege. Sie tun immer so große Sachen, dass sich ein +gescheiter Kerl daran zuschanden denkt. + +Martin. +So habt Ihr mit dem König gesprochen, Gevatter? Durfte man so mit ihm +reden? + +Breme. +Freilich durfte man so und noch ganz anders; denn er wusste alles +besser. Es war ihm einer wie der andere, und der Bauer lag ihm am +mehrsten am Herzen. Ich weiß wohl, sagte er zu seinen Ministern, +wenn sie ihm das und jenes einreden wollten, die Reichen haben viele +Advokaten, aber die Dürftigen haben nur einen, und das bin ich. + +Martin. +Wenn ich ihn doch nur auch gesehen hätte! + +Breme. +Stille, ich höre was! Es werden unsere Freunde sein. Sieh da! Peter +und Albert. + + + +Siebenter Auftritt +Peter. Albert. Die Vorigen. + +Breme. +Willkommen!--Ist Jakob nicht bei euch? + +Peter. +Wir haben uns bei den drei Linden bestellt; aber er blieb uns zu lang +aus, nun sind wir allein da. + +Albert. +Was habt Ihr uns Neues zu sagen, Meister Breme? Ist was von Wetzlar +gekommen, geht der Prozess vorwärts? + +Breme. +Eben weil nichts gekommen ist, und weil, wenn was gekommen wäre, es +auch nicht viel heißen würde, so wollt' ich euch eben einmal meine +Gedanken sagen: Denn ihr wisst wohl, ich nehme mich der Sachen aller, +aber nicht öffentlich, an, bis jetzt nicht öffentlich; denn ich darf's +mit der gnädigen Herrschaft nicht ganz verderben. + +Peter. +Ja, wir verdürben's auch nicht gern mit ihr, wenn sie's nur halbweg +leidlich machte. + +Breme. +Ich wollte euch sagen--wenn nur Jakob da wäre, dass wir alle zusammen +wären, und dass ich nichts wiederholen müsste, und wir einig würden. + +Albert. +Jakob? Es ist fast besser, dass er nicht dabei ist. Ich traue ihm +nicht recht; er hat das Freigütchen, und wenn er auch wegen der Zinsen +mit uns gleiches Interesse hat, so geht ihn doch die Straße nichts an, +und er hat sich im ganzen Prozess gar zu lässig bewiesen. + +Breme. +Nun, so lasst's gut sein. Setzt euch und hört mich an. (Sie setzen +sich.) + +Martin. +Ich bin recht neugierig, zu hören. + +Breme. +Ihr wisst, dass die Gemeinden schon vierzig Jahre lang mit der +Herrschaft einen Prozess führen, der auf langen Umwegen endlich nach +Wetzlar gelangt ist und von dort den Weg nicht zurückfinden kann. Der +Gutsherr verlangt Fronen und andere Dienste, die ihr verweigert, und +mit Recht verweigert; denn es ist ein Rezess geschlossen worden mit +dem Großvater unsers jungen Grafen--Gott erhalt' ihn!--Der sich diese +Nacht eine erschreckliche Brausche gefallen hat. + +Martin. +Eine Brausche? + +Peter. +Gerade diese Nacht? + +Albert. +Wie ist das zugegangen? + +Martin. +Das arme liebe Kind! + +Breme. +Das will ich euch nachher erzählen. Nun hört mich weiter an. Nach +diesem geschlossenen Rezess überließen die Gemeinden an die Herrschaft +ein paar Fleckchen Holz, einige Wiesen, einige Triften und sonst noch +Kleinigkeiten, die euch von keiner Bedeutung waren und der Herrschaft +viel nutzten; denn man sieht, der alte Graf war ein kluger Herr, aber +auch ein guter Herr. Leben und leben lassen, war sein Spruch. Er +erließ den Gemeinden dagegen einige zu entbehrende Fronen und-- + +Albert. +Und das sind die, die wir noch immer leisten müssen. + +Breme. +Und machte ihnen einige Konvenienzen-- + +Martin. +Die wir noch nicht genießen. + +Breme. +Richtig, weil der Graf starb, die Herrschaft sich in Besitz dessen +setzte, was ihr zugestanden war, der Krieg einfiel, und die Untertanen +noch mehr tun mussten, als sie vorher getan hatten. + +Peter. +Es ist akkurat so; so hab' ich's mehr als einmal aus des Advokaten +Munde gehört. + +Breme. +Und ich weiß es besser als der Advokat, denn ich sehe weiter. Der +Sohn des Grafen, der verstorbene gnädige Herr, wurde eben um die Zeit +volljährig. Das war, bei Gott! Ein wilder böser Teufel, der wollte +nichts herausgeben und misshandelte euch ganz erbärmlich. Er war im +Besitz, der Rezess war fort und nirgends zu finden. + +Albert. +Wäre nicht noch die Abschrift da, die unser verstorbener Pfarrer +gemacht hat, wir wüssten kaum etwas davon. + +Breme. +Diese Abschrift ist euer Glück und euer Unglück. Diese Abschrift gilt +alles vor jedem billigen Menschen, vor Gericht gilt sie nichts. +Hättet ihr diese Abschrift nicht, so wäret ihr ungewiss in dieser +Sache. Hätte man diese Abschrift der Herrschaft nicht vorgelegt, so +wüsste man nicht, wie ungerecht sie denkt. + +Martin. +Da müsst Ihr auch wieder billig sein. Die Gräfin leugnet nicht, dass +vieles für uns spricht; nur weigert sie sich, den Vergleich einzugehen, +weil sie, in Vormundschaft ihres Sohnes, sich nicht getraut, so etwas +abzuschließen. + +Albert. +In Vormundschaft ihres Sohnes! Hat sie nicht den neuen Schlossflügel +bauen lassen, den er vielleicht sein Lebtage nicht bewohnt; denn er +ist nicht gern in dieser Gegend. + +Peter. +Und besonders, da er nun eine Brausche gefallen hat. + +Albert. +Hat sie nicht den großen Garten und die Wasserfälle anlegen lassen, +worüber ein paar Mühlen haben müssen weggekauft werden? Das getraut +sie sich alles in Vormundschaft zu tun, aber das Rechte, das Billige, +das getraut sie sich nicht. + +Breme. +Albert, du bist ein wackerer Mann; so hör' ich gern reden, und ich +gestehe wohl, wenn ich von unserer gnädigen Gräfin manches Gute +genieße und deshalb mich für ihren untertänigen Diener bekenne, so +möcht' ich doch auch darin meinen König nachahmen und euer Sachwalter +sein. + +Peter. +Das wäre recht schön. Macht nur, dass unser Prozess bald aus wird! + +Breme. +Das kann ich nicht, das müsst ihr. + +Peter. +Wie wäre denn das anzugreifen? + +Breme. +Ihr guten Leute wisst nicht, dass alles in der Welt vorwärts geht, +dass heute möglich ist, was vor zehn Jahren nicht möglich war. Ihr +wisst nicht, was jetzt alles unternommen, was alles ausgeführt wird. + +Martin. +O ja, wir wissen, dass in Frankreich jetzt wunderliches Zeug geschieht. + +Peter. +Wunderliches und Abscheuliches! + +Albert. +Wunderliches und Gutes. + +Breme. +So recht, Albert, man muss das Beste wählen! Da sag' ich nun: Was +man in Güte nicht haben kann, soll man mit Gewalt nehmen. + +Martin. +Sollte das gerade das beste sein? + +Albert. +Ohne Zweifel. + +Peter. +Ich dächte nicht. + +Breme. +Ich muss euch sagen, Kinder: Jetzt oder niemals! + +Albert. +Da dürft Ihr uns in Wiesengruben nicht viel vorschwatzen; dazu sind +wir fix und fertig. Unsere Leute wollten längst rebellern; ich habe +nur immer abgewehrt, weil mir Herr Breme immer sagte, es sei noch +nicht Zeit, und das ist ein gescheiter Mann, auf den ich Vertrauen +habe. + +Breme. +Gratias, Gevatter, und ich sage euch: Jetzt ist es Zeit. + +Albert. +Ich glaub's auch. + +Peter. +Nehmt mir's nicht übel, das kann ich nicht einsehen; denn, wenn's gut +Aderlassen ist, gut Purgieren, gut Schröpfen, das steht im Kalender, +und darnach weiß ich mich zu richten; aber wenn's just gut Rebellern +sei, das, glaub' ich, ist viel schwerer zu sagen. + +Breme. +Das muss unsereiner verstehen. + +Albert. +Freilich versteht Ihr's. + +Peter. +Aber sagt mir nur, woher's eigentlich kommt, dass Ihr's besser +versteht als andere gescheite Leute? + +Breme (gravitätisch). +Erstlich, mein Freund, weil schon vom Großvater an meine Familie die +größten politischen Einsichten erwiesen. Hier dieses Bildnis zeigt +euch meinen Großvater Hermann Breme von Bremenfeld, der, wegen großer +und vorzüglicher verdienste zum Bürgermeister seiner Vaterstadt +erhoben, ihr die größten und wichtigsten Dienste geleistet hat. Dort +schwebt sein Andenken noch in Ehren und Segen, wenngleich boshafte, +pasquillantische Schauspieldichter seine großen Talente und gewisse +Eigenheiten, die er an sich haben mochte, nicht sehr glimpflich +behandelten. Seine tiefe Einsicht in die ganze politische und +militärische Lage von Europa wird ihm selbst von seinen Feinden nicht +abgesprochen. + +Peter. +Es war ein hübscher Mann, er sieht recht wohlgenährt aus. + +Breme. +Freilich genoss er ruhigere Tage als sein Enkel. + +Martin. +Habt Ihr nicht auch das Bildnis Eures Vaters? + +Breme. +Leider, nein! Doch muss ich euch sagen: Die Natur, indem sie meinen +Vater Jost Breme von Bremenfeld hervorbrachte, hielt ihre Kräfte +zusammen, um euren Freund mit solchen Gaben auszurüsten, durch die er +euch nützlich zu werden wünscht. Doch behüte der Himmel, dass ich +mich über meine Vorfahren erheben sollte; es wird uns jetzt viel +leichter gemacht, und wir können mit geringern natürlichen Vorzügen +eine große Rolle spielen. + +Martin. +Nicht zu bescheiden, Gevatter! + +Breme. +Es ist lautre Wahrheit. Sind nicht jetzt der Zeitungen, der +Monatsschriften, der fliegenden Blätter so viel, aus denen wir uns +unterrichten, an denen wir unsern Verstand üben können! Hätte mein +seliger Großvater nur den tausendsten Teil dieser Hilfsmittel gehabt, +er wäre ein ganz anderer Mann geworden. Doch, Kinder, was rede ich +von mir! Die Zeit vergeht, und ich fürchte, der Tag bricht an. Der +Hahn macht uns aufmerksam, dass wir uns kurz fassen sollen. Habt ihr +Mut? + +Albert. +An mir und den Meinigen soll's nicht fehlen. + +Peter. +Unter den Meinigen findet sich wohl einer, der sich an die Spitze +stellt; ich verbitte mir den Auftrag. + +Martin. +Seit den paar letzten Predigten, die der Magister hielt, weil der alte +Pfarrer so krank liegt, ist das ganze große Dorf hier in Bewegung. + +Breme. +Gut! So kann was werden. Ich habe ausgerechnet, dass wir über +sechshundert Mann stellen können. Wollt ihr, so ist in der nächsten +Nacht alles getan. + +Martin. +In der nächsten Nacht? + +Breme. +Es soll nicht wieder Mitternacht werden, und ihr sollt wieder haben +alles, was euch gebührt, und mehr dazu. + +Peter. +So geschwind? Wie wäre das möglich? + +Albert. +Geschwind oder gar nicht. + +Breme. +Die Gräfin kommt heute an, sie darf sich kaum besinnen. Rückt nur bei +einbrechender Nacht vor das Schloss und fordert eure Rechte, fordert +eine neue Ausfertigung des alten Reverses, macht euch noch einige +kleine Bedingungen, die ich euch schon angeben will, lasst sie +unterschreiben, lasst sie schwören, und so ist alles getan. + +Peter. +Vor einer solchen Gewalttätigkeit zittern mir Arm' und Beine. + +Albert. +Narr! Wer Gewalt braucht, darf nicht zittern. + +Martin. +Wie leicht können sie uns aber ein Regiment Dragoner über den Hals +ziehen. So arg dürfen wir's doch nicht machen. Das Militär, der +Fürst, die Regierung würden uns schön zusammenarbeiten. + +Breme. +Gerade umgekehrt. Das ist's eben, worauf ich fuße. Der Fürst ist +unterrichtet, wie sehr das Volk bedruckt sei. Er hat sich über die +Unbilligkeit des Adels, über die Langweiligkeit der Prozesse, über die +Schikane der Gerichtshalter und Advokaten oft genug deutlich und stark +erklärt, so dass man voraussetzen kann: Er wird nicht zurück, wenn man +sich Recht verschafft, da er es selbst zu tun gehindert ist. + +Peter. +Sollte das gewiss sein? + +Albert. +Es wird im ganzen Lande davon gesprochen. + +Peter. +Da wäre noch allenfalls was zu wagen. + +Breme. +Wie ihr zu Werke gehen müsst, wie vor allen Dingen der abscheuliche +Gerichtshalter beiseite muss, und auf wen noch mehr genau zu sehen ist, +das sollt ihr alles noch vor Abend erfahren. Bereitet eure Sachen +vor, regt eure Leute an und seid mir um Sechse beim Herrenbrunnen. +Dass Jakob nicht kommt, macht ihn verdächtig; ja, es ist besser, dass +er nicht gekommen ist. Gebt auf ihn acht, dass er uns wenigstens +nicht schade; an dem Vorteil, den wir uns erwerben, wird er schon +teilnehmen wollen. Es wird Tag; lebt wohl und bedenkt nur, dass, was +geschehen soll, schon geschehen ist. Die Gräfin kommt eben erst von +Paris zurück, wo sie das alles gesehn und gehört hat, was wir mit so +vieler Verwunderung lesen; vielleicht bringt sie schon selbst mildere +Gesinnungen mit, wenn sie gelernt hat, was Menschen, die zu sehr +gedruckt werden, endlich für ihre Rechte tun können und müssen. + +Martin. +Lebt wohl, Gevatter, lebt wohl! Punkt Sechse bin ich am Herrenbrunnen. + + +Albert. +Ihr seid ein tüchtiger Mann! Lebt wohl. + +Peter. +Ich will Euch recht loben, wenn's gut abläuft. + +Martin. +Wir wissen nicht, wie wir's Euch danken sollen. + +Breme (mit Würde). +Ihr habt Gelegenheit genug, mich zu verbinden. Das kleine Kapital zum +Exempel von zweihundert Talern, das ich der Kirche schuldig bin, +erlasst ihr mir ja wohl. + +Martin. +Das soll uns nicht reuen. + +Albert. +Unsere Gemeine ist wohlhabend und wird auch gern was für Euch tun. + +Breme. +Das wird sich finden. Das schöne Fleck, das Gemeindegut war und das +der Gerichtshalter zum Garten einzäunen und umarbeiten lassen, das +nehmt ihr wieder in Besitz und überlasst mir's. + +Albert. +Das wollen wir nicht ansehen, das ist schon verschmerzt. + +Peter. +Wir wollen auch nicht zurückbleiben. + +Breme. +Ihr habt selbst einen hübschen Sohn und schönes Gut; dem könnt' ich +meine Tochter geben. Ich bin nicht stolz, glaubt mir, ich bin nicht +stolz. Ich will Euch gern meinen Schwäher heißen. + +Peter. +Das Mamsellchen ist hübsch genug; nur ist sie schon zu vornehm erzogen. + + +Breme. +Nicht vornehm, aber gescheit. Sie wird sich in jeden Stand zu finden +wissen. Doch darüber lässt sich noch vieles reden. Lebt jetzt wohl, +meine Freunde, lebt wohl! + +Alle. +So lebt denn wohl! + + + + +Zweiter Aufzug + + + +Erster Auftritt +(Vorzimmer der Gräfin. Sowohl im Fond als an den Seiten hängen adlige +Familienbilder in mannigfaltigen geistlichen und weltlichen Kostümen.) + +Der Amtmann tritt herein, und indem er sich umsieht, ob niemand da ist, +kommt Luise von der andern Seite. + +Amtmann. +Guten Morgen, Demoiselle! Sind Ihro Exzellenz zu sprechen? Kann ich +meine untertänigste Devotion zu Füßen legen? + +Luise. +Verziehen Sie einigen Augenblick, Herr Amtmann. Die Frau Gräfin wird +gleich herauskommen. Die Beschwerlichkeiten der Reise und das +Schrecken bei der Ankunft haben einige Ruhe nötig gemacht. + +Amtmann. +Ich bedaure von ganzem Herzen! Nach einer so langen Abwesenheit, nach +einer so beschwerlichen Reise ihren einzig geliebten Sohn in einem so +schrecklichen Zustande zu finden! Ich muss gestehen, es schaudert +mich, wenn ich nur daran denke. Ihro Exzellenz waren wohl sehr +alteriert? + +Luise. +Sie können sich leicht vorstellen, was eine zärtliche sorgsame Mutter +empfinden musste, als sie ausstieg, ins Haus trat und da die +Verwirrung fand, nach ihrem Sohne fragte und aus ihrem Stocken und +Stottern leicht schließen konnte, dass ihm ein Unglück begegnet sei. + +Amtmann. +Ich bedaure von Herzen. Was finden Sie an? + +Luise. +Wir mussten nur geschwind alles erzählen, damit sie nicht etwas +Schlimmeres besorgte; wir mussten sie zu dem Kinde führen, das mit +verbundenem Kopf und blutigen Kleidern dalag. Wir hatten nur für +Umschläge gesorgt und ihn nicht ausziehen können. + +Amtmann. +Es muss ein schrecklicher Anblick gewesen sein. + +Luise. +Sie blickte hin, tat einen lauten Schrei und fiel mir ohnmächtig in +die Arme. Sie war untröstlich, als sie wieder zu sich kam, und wir +hatten alle Mühe, sie zu überführen, dass das Kind sich nur eine +starke Beule gefallen, dass es aus der Nase blutet, und dass keine +Gefahr sei. + +Amtmann. +Ich möchte' es mit dem Hofmeister nicht teilen, der das gute Kind so +vernachlässigt. + +Luise. +Ich wunderte mich über die Gelassenheit der Gräfin, besonders da er +den Vorfall leichter behandelte, als es ihm in dem Augenblick geziemte. + + +Amtmann. +Sie ist gar zu gnädig, gar zu nachsichtig. + +Luise. +Aber sie kennt ihre Leute und merkt sich alles. Sie weiß, wer ihr +redlich und treu dient; sie weiß, wer nur dem Schein nach ihr +untertäniger Knecht ist. Sie kennt die Nachlässigen so gut als die +Falschen, die Unklugen sowohl als die Bösartigen. + +Amtmann. +Sie sagen nicht zu viel; es ist eine vortreffliche Dame, aber +ebendeswegen! Der Hofmeister verdiente doch, dass sie ihn geradezu +wegschickte. + +Luise. +In allem, was das Schicksal des Menschen betrifft, geht sie langsam zu +Werke, wie es einem Großen geziemt. Es ist nichts schrecklicher als +Macht und Übereilung. + +Amtmann. +Aber Macht und Schwäche sind auch ein trauriges Paar. + +Luise. +Sie werden der gnädigen Gräfin nicht nachsagen, dass sie schwach sei. + +Amtmann. +Behüte Gott, dass ein solcher Gedanke einem alten treuen Diener +einfallen sollte! Aber es ist denn doch erlaubt, zum Vorteil seiner +gnädigen Herrschaft zu wünschen, dass man manchmal mit mehr Strenge +gegen Leute zu Werke gehe, die mit Strenge behandelt sein wollen. + +Luise. +Die Frau Gräfin! (Luise tritt ab.) + + + +Zweiter Auftritt +Die Gräfin im Negligé. Der Amtmann. + +Amtmann. +Euer Exzellenz haben zwar auf eine angenehme Weise, doch unvermutet +Ihre Dienerschaft überrascht, und wir bedauern nur, dass Dieselben bei +Ihrer Ankunft durch einen so traurigen Anblick erschreckt worden. Wir +hatten alle Anstalten zu Dero Empfang gemacht: Das Tannenreisig zu +einer Ehrenpforte liegt wirklich schon im Hofe; die sämtlichen +Gemeinden wollten reihenweise an dem Wege stehen und Hochdieselben mit +einem lauten Vivat empfangen, und jeder freute sich schon, bei einer +so feierlichen Gelegenheit seinen Festtagsrock anzuziehen und sich und +seine Kinder zu putzen. + +Gräfin. +Es ist mir lieb, dass die guten Leute sich nicht zu beiden Seiten des +Wegs gestellt haben; ich hätte ihnen unmöglich ein freundlich Gesicht +machen können und Ihnen am wenigsten, Herr Amtmann! + +Amtmann. +Wie so? Wodurch haben wir Euer Exzellenz Ungnade verdient? + +Gräfin. +Ich kann nicht leugnen, ich war sehr verdrießlich, als ich gestern auf +den abscheulichen Weg kam, der gerade da anfängt, wo meine Besitzungen +angehen. Die große Reise hab' ich fast auf lauter guten Wegen +vollbracht, und eben, da ich wieder in das Meinige zurückkomme, find' +ich sie nicht nur schlechter wie vorm Jahr, sondern so abscheulich, +dass sie alle Übel einer schlechten Chaussee verbinden. Bald tief +ausgefahren Löcher, in die der Wagen umzustürzen droht, aus denen die +Pferde mit aller Gewalt ihn kaum herausreißen, bald Steine ohne +Ordnung übereinander geworfen, dass man eine Viertelstunde lang selbst +in dem bequemsten Wagen aufs unerträglichste zusammengeschüttelt wird. +Es sollte mich wundern, wenn nichts daran beschädigt wäre. + +Amtmann. +Euer Exzellenz werden mich nicht ungehört verdammen; nur mein eifriges +Bestreben, von Euer Exzellenz Gerechtsamen nicht das mindeste zu +vergeben, ist Ursache an diesem üblen Zustande des Wegs. + +Gräfin. +Ich verstehe.-- + +Amtmann. +Sie erlauben, Ihrer tiefen Einsicht nur anheim zu stellen, wie wenig +es mir hätte ziemen wollen, den widerspenstigen Bauern auch nur ein +Haarbreit nachzugeben. Sie sind schuldig, die Wege zu bessern, und da +Euer Exzellenz Chaussee befehlen, sind sie auch schuldig, die Chaussee +zu machen. + +Gräfin. +Einige Gemeinden waren ja willig. + +Amtmann. +Das ist eben das Unglück. Sie fuhren die Steine an; als aber die +übrigen, widerspenstigen sich weigerten und auch jene widerspenstig +machten, blieben die Steine liegen und wurden nach und nach, teils aus +Notwendigkeit, teils aus Mutwillen, in die Gleise geworfen, und da ist +nun der Weg freilich ein bisschen holprig geworden. + +Gräfin. +Sie nennen das ein wenig holprig? + +Amtmann. +Verzeihen Euer Exzellenz, wenn ich sogar sage, dass ich diesen Weg +öfters mit vieler Zufriedenheit zurücklege. Es ist ein vortreffliches +Mittel gegen die Hypochondrie, sich dergestalt zusammenschütteln zu +lassen. + +Gräfin. +Das, gesteh' ich, ist eine eigne Kurmethode. + +Amtmann. +Und freilich, da nun eben wegen dieses Streites, welcher vor dem +Kaiserlichen Reichskammergericht auf das eifrigste betrieben wird, +seit einem Jahr an keine Wegebesserung zu denken gewesen, und überdies +die Holzfuhren stark gehen, in diesen letzten Tagen auch anhaltendes +Regenwetter eingefallen, so möchte denn freilich jemanden, der gute +Chausseen gewohnt ist, unsere Straße gewissermaßen impraktikable +vorkommen. + +Gräfin. +Gewissermaßen? Ich dächte ganz und gar. + +Amtmann. +Euer Exzellenz beleiben zu scherzen. Man kommt doch noch immer fort-- + +Gräfin. +Wenn man nicht liegen bleibt. Und doch hab' ich an der Meile sechs +Stunden zugebracht. + +Amtmann. +Ich, vor einigen Tagen, noch länger. Zweimal wurd' ich glücklich +herausgewunden, das dritte Mal brach ein Rad, und ich musste mich noch +nur so hereinschleppen lassen. Aber bei allen diesen Unfällen war ich +getrost und gutes Muts; denn ich bedachte, dass Euer Exzellenz und +Ihres Herrn Sohnes Gerechtsame salviert sind. Aufrichtig gestanden, +ich wollte auf solchen Wegen lieber von hier nach Paris fahren, als +nur einen Fingerbreit nachgeben, wenn die Rechte und Befugnisse meiner +gnädigen Herrschaft bestritten werden. Ich wollte daher, Euer +Exzellenz dächten auch so, und Sie würden gewiss diesen Weg nicht mit +so viel Unzufriedenheit zurückgelegt haben. + +Gräfin. +Ich muss sagen, darin bin ich anderer Meinung, und gehörten diese +Besitztümer mir eigen, müsste ich mich nicht bloß als Verwalterin +ansehen, so würde ich über manche Bedenklichkeit hinausgehen, ich +würde mein Herz hören, das mir Billigkeit gebietet, und meinen +Verstand, der mich einen wahren Vorteil von einem scheinbaren +unterscheiden lehrt. Ich würde großmütig sein, wie es dem gar wohl +ansteht, der Macht hat. Ich würde mich hüten, unter dem Scheine des +Rechts auf Forderungen zu beharren, die ich durchzusetzen kaum +wünschen müsste, und die, indem ich Widerstand finde, mir auf +lebenslang den völligen Genuss eines Besitzes rauben, den ich auf +billige Weise verbessern könnte. Ein leidlicher Vergleich und der +unmittelbare Gebrauch sind besser als eine wohl gegründete Rechtssache, +die mir Verdruss macht, und von der ich nicht einmal den Vorteil für +meine Nachkommen einsehe. + +Amtmann. +Euer Exzellenz erlauben, dass ich darin der entgegen gesetzten Meinung +sein darf. Ein Prozess ist eine so reizende Sache, dass, wenn ich +reich wäre, ich eher einige kaufen würde, um nicht ganz ohne dieses +Vergnügen zu leben. (Amtmann tritt ab.) + +Gräfin. +Es scheint, dass er seine Lust an unsern Besitztümern büßen will. + + + +Dritter Auftritt +Gräfin. Magister. + +Magister. +Darf ich fragen, gnädige Gräfin, wie sie sich befinden? + +Gräfin. +Wie Sie denken können, nach der Alteration, die mich bei meinem +Eintritt überfiel. + +Magister. +Es tat mir herzlich Leid; doch, hoff' ich, soll es von keinen Folgen +sein. Überhaupt aber kann Ihnen schwerlich der Aufenthalt hier so +bald angenehm werden, wenn Sie ihn mit dem vergleichen, den Sie vor +kurzem genossen haben. + +Gräfin. +Es hat auch große Reize, wieder zu Hause bei den Seinigen zu wohnen. + +Magister. +Wie oftmals hab' ich Sie um das Glück beneidet, gegenwärtig zu sein, +als die größten Handlungen geschahen, die je die Welt gesehen hat, +Zeuge zu sein des seligen Taumels, der eine große Nation in dem +Augenblick ergriff, als sie sich zum ersten Mal frei und von den +Ketten entbunden fühlte, die sie so lange getragen hatte, dass diese +schwere fremde Last gleichsam ein Glied ihres elenden, kranken Körpers +geworden. + +Gräfin. +Ich habe wunderbare Begebenheiten gesehen, aber wenig Erfreuliches. + +Magister. +Wenngleich nicht für die Sinne, doch für den Geist. Wer aus großen +Absichten fehl greift, handelt immer lobenswürdiger, als wer dasjenige +tut, was nur kleinen Absichten gemäß ist. Man kann auf dem rechten +Wege irren und auf dem falschen recht gehen-- -- + + + +Vierter Auftritt +Die Vorigen. Luise. + +(Durch die Ankunft dieses vorzüglichen Frauenzimmers wird die +Lebhaftigkeit des Gesprächs erst gemildert und sodann die Unterredung +von dem Gegenstande gänzlich abgelenkt. Der Magister, der nun weiter +kein Interesse findet, entfernt sich, und das Gespräch unter den +beiden Frauenzimmern setzt sich fort, wie folgt.) + +Gräfin. +Was macht mein Sohn? Ich war eben im Begriff, zu ihm zu gehen. + +Luise. +Er schläft recht ruhig, und ich hoffe, er wird bald wieder +herumspringen und in kurzer Zeit keine Spur der Beschädigung mehr +übrig sein. + +Gräfin. +Das Wetter ist gar zu übel, sonst ging' ich in den Garten. Ich bin +recht neugierig, zu sehen, wie alles gewachsen ist, und wie der +Wasserfall, wie die Brücke und die Felsenkluft sich jetzt ausnehmen. + +Luise. +Es ist alles vortrefflich gewachsen; die Wildnisse, die Sie angelegt +haben, scheinen natürlich zu sein; sie bezaubern jeden, der sie zum +ersten Mal sieht, und auch mir geben sie noch immer in einer stillen +Stunde einen angenehmen Aufenthalt. Doch muss ich gestehen, dass ich +in der Baumschule unter den fruchtbaren bäumen lieber bin. Der +Gedanke des Nutzens führt mich aus mir selbst heraus und gibt mir eine +Fröhlichkeit, die ich sonst nicht empfinde. Ich kann säen, pfropfen, +okulieren; und wenngleich mein Auge keine malerische Wirkung empfindet, +so ist mir doch der Gedanke von Früchten höchst reizend, die einmal +und wohl bald jemanden erquicken werden. + +Gräfin. +Ich schätze Ihre guten häuslichen Gesinnungen. + +Luise. +Die einzigen, die sich für den Stand schicken, der ans Notwendige zu +denken hat, dem wenig Willkür erlaubt ist. + +Gräfin. +Haben Sie den Antrag überlegt, den ich Ihnen in meinem letzten Briefe +tat? Können Sie sich entschließen, meiner Tochter Ihre Zeit zu widmen, +als Freundin, als Gesellschafterin mit ihr zu leben? + +Luise. +Ich habe kein Bedenken, gnädige Gräfin. + +Gräfin. +Ich hatte viel Bedenken, Ihnen den Antrag zu tun. Die wilde und +unbändige Gemütsart meiner Tochter macht ihren Umgang unangenehm und +oft sehr verdrießlich. So leicht mein Sohn zu behandeln ist, so +schwer ist es meine Tochter. + +Luise. +Dagegen ist ihr edles Herz, ihre Art, zu handeln, aller Achtung wert. +Sie ist heftig, aber bald zu besänftigen, unbillig, aber gerecht, +stolz, aber menschlich. + +Gräfin. +Hierin ist sie ihrem Vater-- + +Luise. +Äußerst ähnlich. Auf eine sehr sonderbare Weise scheint die Natur in +der Tochter den rauen Vater, in dem Sohne die zärtliche Mutter wieder +hervorgebracht zu haben. + +Gräfin. +Versuchen Sie, Luise, dieses wilde, aber edle, Feuer zu dämpfen. Sie +besitzen alle Tugenden, die ihr fehlen. In Ihrer Nähe, durch Ihr +Beispiel wird sie gereizt werden, sich nach einem Muster zu bilden, +das so liebenswürdig ist. + +Luise. +Sie beschämen mich, gnädige Gräfin. Ich kenne an mir keine Tugend als +die, dass ich mich bisher in mein Schicksal zu finden wusste, und +selbst diese hat kein Verdienst mehr, seitdem Sie, gnädige Gräfin, so +viel getan haben, um es zu erleichtern. Sie tun jetzt noch mehr, da +Sie mich näher an sich heranziehen. Nach dem Tode meines Vaters und +dem Umsturz meiner Familie habe ich vieles entbehren lernen, nur nicht +gesitteten und verständigen Umgang. + +Gräfin. +Bei Ihrem Onkel müssen Sie von dieser Seite viel ausstehen. + +Luise. +Es ist ein guter Mann; aber seine Einbildung macht ihn oft höchst +albern, besonders seit der letzten Zeit, da jeder ein Recht zu haben +glaubt, nicht nur über die großen Welthändel zu reden, sondern auch +darin mitzuwirken. + +Gräfin. +Es geht ihm wie sehr vielen. + +Luise. +Ich habe manchmal meine Bemerkungen im stillen darüber gemacht. Wer +die Menschen nicht kennte, würde sie jetzt leicht kennen lernen. So +viele nehmen sich der Sache der Freiheit, der allgemeinen Gleichheit +an, nur um für sich eine Ausnahme zu machen, nur um zu wirken, es sei, +auf welche Art es wolle. + +Gräfin. +Sie hätten nichts mehr erfahren können, und wenn Sie mit mir in Paris +gewesen wären. + + + +Fünfter Auftritt +Friederike. Der Baron. Die Vorigen. + +Friederike. +Hier, liebe Mutter, ein Hase und zwei Feldhühner! Ich habe die drei +Stücke geschossen, der Vetter hat immer gepudelt. + +Gräfin. +Du siehst wild aus, Friederike; wie du durchnässt bist! + +Friederike (das Wasser vom Hute abschwingend). +Der erste glückliche Morgen, den ich seit langer Zeit gehabt habe. + +Baron. +Sie jagt mich nun schon vier Stunden im Felde herum. + +Friederike. +Es war eine rechte Lust. Gleich nach Tische wollen wir wieder hinaus. + + +Gräfin. +Wenn du's so heftig treibst, wirst du es blad überdrüssig werden. + +Friedericke. +Geben Sie mir das Zeugnis, liebe Mama! Wie oft hab' ich mich aus +Paris wieder nach unsern Revieren gesehnt. Die Opern, die Schauspiele, +die Gesellschaften, die Gastereien, die Spaziergänge, was ist das +alles gegen einen einzigen vergnügten Tag auf der Jagd, unter freiem +Himmel, auf unsern Bergen, wo wir eingeboren und eingewohnt sind.--Wir +müssen ehesten tags hetzen, Vetter. + +Baron. +Sie werden noch warten müssen, die Frucht ist noch nicht aus dem Felde. + + +Friederike. +Was will das viel schaden? Es ist fast von gar keiner Bedeutung. +Sobald es ein bisschen auftrocknet, wollen wir hetzen. + +Gräfin. +Geh, zieh dich um! Ich vermute, dass wir zu Tische noch einen Gast +haben, der sich nur kreuz Zeit bei uns aufhalten kann. + +Baron. +Wird der Hofrat kommen? + +Gräfin. +Er versprach mir, heute wenigstens auf ein Stündchen einzusprechen. +Er geht auf Kommission. + +Baron. +Es sind einige Unruhen im Lande. + +Gräfin. +Es wird nichts zu bedeuten haben, wenn man sich nur vernünftig gegen +die Menschen beträgt und ihnen ihren wahren Vorteil zeigt. + +Friederike. +Unruhen? Wer will Unruhen anfangen? + +Baron. +Missvergnügte Bauern, die von ihren Herrschaften gedruckt werden, und +die leicht Anführer finden. + +Friederike. +Die muss man auf den Kopf schießen. (Sie macht Bewegungen mit der +Flinte.) Sehen Sie, gnädige Mama, wie mir der Magister die Flinte +verwahrlost hat! Ich wollte sie doch mitnehmen, und da Sie es nicht +erlaubten, wollte ich sie dem Jäger aufzuheben geben. Da bat mich der +Graurock so inständig, sie ihm zu lassen: Sie sei so leicht, sagt' er, +so bequem, er wolle sie so gut halten, er wolle so oft auf die Jagd +gehen. Ich ward ihm wirklich gut, weil er so oft auf die Jagd gehen +wollte, und nun, sehen Sie, find' ich sie heute in der Gesindestube +hinterm Ofen. Wie das aussieht! Sie wird in meinem Leben nicht +wieder rein. + +Baron. +Er hatte die Zeit her mehr zu tun; er arbeitet mit an der allgemeinen +Gleichheit, und da hält er wahrscheinlich die Hasen auch mit für +seinesgleichen und scheut sich, ihnen was zuleide zu tun. + +Gräfin. +Zieht euch an, Kinder, damit wir nicht zu warten brauchen. Sobald der +Hofrat kommt, wollen wir essen. (Ab.) + +Friederike (ihre Flinte besehend). +Ich habe die französische Revolution schon so oft verwünscht, und +jetzt tu' ich's doppelt und dreifach. Wie kann mir nun der Schaden +ersetzt werden, dass meine Flinte rostig ist? + + + + +Dritter Aufzug + + + +Erster Auftritt +(Saal im Schlosse.) + +Gräfin. Hofrat. + +Gräfin. +Ich geb' es Ihnen recht aufs Gewissen, teurer Freund. Denken Sie nach, +wie wir diesem unangenehmen Prozesse ein Ende machen. Ihre große +Kenntnis der Gesetze, Ihr Verstand und Ihre Menschlichkeit helfen +gewiss ein Mittel finden, wie wir aus dieser widerlichen Sache +scheiden können. Ich habe es sonst leichter genommen, wenn man +unrecht hatte und im Besitz war: Je nun, dacht' ich, es geht ja +wohl so hin, und wer hat, ist am besten dran. Seitdem ich aber +bemerkt habe, wie sich Unbilligkeit von Geschlecht zu Geschlecht so +leicht aufhäuft, wie großmütige Handlungen meistenteils nur persönlich +sind, und der Eigennutz allein gleichsam erblich wird; seitdem ich mit +Augen gesehen habe, dass die menschliche Natur auf einen unglaublichen +Grad gedrückt und erniedrigt, aber nicht unterdrückt und vernichtet +werden kann: So habe ich mir fest vorgenommen, jede einzelne Handlung, +die mir unbillig scheint, selbst streng zu vermeiden und unter den +Meinigen, in Gesellschaft, bei Hofe, in der Stadt über solche +Handlungen meine Meinung laut zu sagen. Zu keiner Ungerechtigkeit +will ich mehr schweigen, keine Kleinheit unter einem großen Scheine +ertragen, und wenn ich auch unter dem verhassten Namen einer +Demokratin verschrien werden sollte. + +Hofrat. +Es ist schön, gnädige Gräfin, und ich freue mich, Sie wieder zu finden, +wie ich Abschied von Ihnen genommen, und noch ausgebildeter. Sie +waren eine Schülerin der großen Männer, die uns durch ihre Schriften +in Freiheit gesetzt haben, und nun finde ich in Ihnen einen Zögling +der großen Begebenheiten, die uns einen lebendigen Begriff geben von +allem, was der wohl denkende Staatsbürger wünschen und verabscheuen +muss. Es ziemt Ihnen, Ihrem eigenen Stande Widerpart zu halten. Ein +jeder kann nur seinen eignen Stand beurteilen und tadeln. Aller Tadel +heraufwärts oder hinabwärts ist mit Nebenbegriffen und Kleinigkeiten +vermischt, man kann nur durch seinesgleichen gerichtet werden. Aber +ebendeswegen, weil ich ein Bürger bin, der es zu bleiben denkt, der +das große Gewicht des höheren Standes im Staate anerkennt und zu +schätzen Ursache hat, bin ich auch unversöhnlich gegen die kleinlichen +neidischen Neckereien, gegen den blinden Hass, der nur aus eigner +Selbstigkeit erzeugt wird, prätentios Prätentionen bekämpft, sich über +Formalitäten formalisiert und, ohne selbst Realität zu haben, da nur +Schein sieht, wo er Glück und Folge sehen könnte. Wahrlich! Wenn +alle Vorzüge gelten sollen, Gesundheit, Schönheit, Jugend, Reichtum, +Verstand, Talente, Klima, warum soll der Vorzug nicht auch irgendeine +Art von Gültigkeit haben, dass ich von einer Reihe tapferer, bekannter, +ehrenvoller Väter entsprungen bin! Das will ich sagen da, wo ich +eine Stimme habe, und wenn man mir auch den verhassten Namen eines +Aristokraten zueignete. + +(Hier findet sich eine Lücke, welche wir durch Erzählung ausfüllen. +Der trockne Ernst dieser Szene wird dadurch gemildert, dass der Hofrat +seine Neigung zu Luisen bekennt, indem er sich bereit zeigt, ihr seine +Hand zu geben. Ihre frühern Verhältnisse, vor dem Umsturz, den +Luisens Familie erlitt, kommen zur Sprache, sowie die stillen +Bemühungen des vorzüglichen Mannes, sich und zugleich Luisen eine +Existenz zu verschaffen. + +Eine Szene zwischen der Gräfin, Luisen und dem Hofrat gibt Gelegenheit, +drei schöne Charaktere näher kennen zu lernen und uns für das, was +wir in den nächsten Auftritten erdulden sollen, vorläufig einigermaßen +zu entschädigen. Denn nun versammelt sich um den Teetisch, wo Luise +einschenkt, nach und nach das ganze Personal des Stücks, so dass +zuletzt auch die Bauern eingeführt werden. Da man sich nun nicht +enthalten kann, von Politik zu sprechen, so tut der Baron, welcher +Leichtsinn, Frevel und Spott nicht verbergen kann, den Vorschlag, +sogleich eine Nationalversammlung vorzustellen. Der Hofrat wird zum +Präsidenten erwählt, und die Charaktere der Mitspielenden, wie man sie +schon kennt, entwickeln sich freier und heftiger. Die Gräfin, das +Söhnchen mit verbundenem Kopfe neben sich, stellt die Fürstin vor, +deren Ansehen geschmälert werden soll und die aus eigenen liberalen +Gesinnungen nachzugeben geneigt ist. Der Hofrat, verständig und +gemäßigt, sucht ein Gleichgewicht zu erhalten, ein Bemühen, das jeden +Augenblick schwieriger wird. Der Baron spielt die Rolle des Edelmanns, +der von seinem Stande abfällt und zum Volke übergeht. Durch seine +schelmische Verstellung werden die andern gelockt, ihr Innerstes +hervorzukehren. Auch Herzensangelegenheiten mischen sich mit ins +spiel. Der Baron verfehlt nicht, Karolinen die schmeichelhaftesten +Sachen zu sagen, die sie zu ihren schönsten Gunsten auslegen kann. An +der Heftigkeit, womit Jakob die Gerechtsame des gräflichen Hauses +verteidigt, lässt sich eine stille, unbewusste Neigung zu der jungen +Gräfin nicht verkennen. Luise sieht in allem diesen nur die +Erschütterung des häuslichen Glücks, dem sie sich so nahe glaubt, und +wenn die Bauern mitunter schwerfällig werden, so erheitert Bremenfeld +die Szene durch seinen Dünkel, durch Geschichtchen und guten Humor. +Der Magister, wie wir ihn schon kennen, überschreitet vollkommen die +Grenze, und da der Baron immerfort hetzt, läuft es endlich auf +Persönlichkeiten hinaus, und als nun vollends die Brausche des +Erbgrafen als unbedeutend, ja lächerlich behandelt wird, so bricht die +Gräfin los, und die Sache kommt so weit, dass dem Magister +aufgekündigt wird. Der Baron verschlimmert das Übel, und er bedient +sich, da der Lärm immer stärker wird, der Gelegenheit, mehr in +Karolinen zu dringen und sie zu einer heimlichen Zusammenkunft für die +Nacht zu bereden. Bei allem diesen zeigt sich die junge Gräfin +entschieden heftig, parteiisch auf ihren Stand, hartnäckig auf ihren +besitz, welche Härte jedoch durch ein unbefangenes, rein natürliches +und im tiefsten Grunde rechtliches weibliches Wesen bis zur +Leibenswürdigkeit gemildert wird. Und so lässt sich einsehen, dass +der Akt ziemlich tumultuarisch und, insofern es der bedenkliche +Gegenstand erlaubt, für das Gefühl nicht ganz unerträglich geendigt +wird. Vielleicht bedauert man, dass der Verfasser die Schwierigkeiten +einer solchen Szene nicht zur rechten Zeit zu überwinden bemüht war.) + + + + +Vierter Aufzug + + + +Erster Auftritt +(Bremens Wohnung.) + +Breme. Martin. Albert. + +Breme. +Sind eure Leute alle an ihren Posten? Habt ihr sie wohl unterrichtet? +Sind sie gutes Muts? + +Martin. +Sobald Ihr mit der Glocke stürmt, werden sie alle da sein. + +Breme. +So ist's recht! Wenn im Schlosse die Lichter alle aus sind, wenn es +Mitternacht ist, soll es gleich angehen. Unser Glück ist's, dass der +Hofrat fortgeht. Ich fürchte sehr, er möchte bleiben und uns den +ganzen Spaß verderben. + +Albert. +Ich fürchte so noch immer, es geht nicht gut ab. Es ist mir schon zum +voraus bange, die Glocke zu hören. + +Breme. +Seid nur ruhig. Habt ihr nicht heute selbst gehört, wie übel es jetzt +mit den vornehmen Leuten steht? Habt ihr gehört, was wir der Gräfin +alles unters Gesicht gesagt haben? + +Martin. +Es war ja aber nur zum Spaß. + +Albert. +Es war schon zum Spaße grob genug. + +Breme. +Habt ihr gehört, wie ich eure Sache zu verfechten weiß? Wenn's Ernst +gilt, will ich so vor den Kaiser treten. Und was sagt ihr zum Herrn +Magister, hat sich der nicht auch wacker gehalten? + +Albert. +Sie haben's Euch aber auch brav abgegeben. Ich dachte zuletzt, es +würde Schläge setzen; und unsere gnädige Kontess--war's doch, als wenn +ihr seliger Herr Vater leibhaftig dastünde. + +Breme. +Lasst mir das gnädige weg, es wird sich bald nichts mehr zu gnädigen +haben. Seht, hier hab' ich die Briefe schon fertig, die schick' ich +in die benachbarten Gerichtsdörfer. Sobald's hier losgeht, sollen die +auch stürmen und rebellieren und auch ihre Nachbarn auffordern. + +Martin. +Das kann was werden. + +Breme. +Freilich! Und alsdann Ehre, dem Ehre gebührt! Euch, meine leiben +Kinder. Ihr werdet als die Befreier des Landes angesehn. + +Martin. +Ihr, Herr Breme, werdet das größte Lob davontragen. + +Breme. +Nein, das gehört sich nicht; es muss jetzt alles gemein sein. + +Martin. +Indessen habt Ihr's doch angefangen. + +Breme. +Gebt mir die Hände, brave Männer! So standen einst die drei großen +Schweizer, Wilhelm Tell, Walther Staubbach, Fürst von Uri, die standen +auf dem Grütliberg beisammen und schwuren den Tyrannen ew'gen Hass und +ihren mitgenossen ewige Freiheit. Wie oft hat man diese wackern +Helden gemalt und in Kupfer gestochen! Auch uns wird diese Ehre +widerfahren. In dieser Positur werden wir auf die Nachwelt kommen. + +Martin. +Wie Ihr Euch das alles so denken könnt. + +Albert. +Ich fürchte nur, dass wir im Karrn eine böse Figur machen können. +Horcht! Es klingelt jemand. Mir zittert das Herz im Leibe, wenn sich +nur was bewegt. + +Breme. +Schämt Euch! Ich will aufziehen. Es wird der Magister sein; ich habe +ihn herüber bestellt. Die Gräfin hat ihm den Dienst aufgesagt; die +Kontess hat ihn sehr beleidigt. Wir werden ihn leicht in unsere +Partei ziehen. Wenn wir einen Geistlichen unter uns haben, sind wir +unserer Sache desto gewisser. + +Martin. +Einen Geistlichen und Gelehrten. + +Breme. +Was die Gelehrsamkeit betrifft, geb' ich ihm nichts nach, und +besonders hat er weit weniger politische Lektüre als ich. Alle die +Chroniken, die ich von meinem seligen Großvater geerbt habe, waren in +meiner Jugend schon durchgelesen, und das Theatrum Europaeum kenn' ich +in- und auswendig. Wer recht versteht, was geschehen ist, der weiß +auch, was geschieht und geschehen wird. Es ist immer einerlei; es +passiert in der Welt nichts Neues. Der Magister kommt. Halt! Wir +müssen ihn feierlich empfangen. Er muss Respekt vor uns kriegen. Wir +stellen jetzt die Repräsentanten der ganzen Nation gleichsam in Nuce +vor. Setzt euch. + +(Er setzt drei Stühle auf die eine Seite des Theaters, auf die andere +einen Stuhl. Die beiden Schulzen setzen sich, und wie der Magister +herein tritt, setzt sich Breme geschwind in ihre Mitte und nimmt ein +gravitätisches Wesen an.) + + + +Zweiter Auftritt +Die Vorigen. Der Magister. + +Magister. +Guten Morgen, Herr Breme. Was gibt's Neues? Sie wollen mir etwas +Wichtiges vertrauen, sagten Sie. + +Breme. +Etwas sehr Wichtiges, gewiss! Setzen Sie sich. (Magister will den +einzelnen Stuhl nehmen und zu ihnen rücken.) Nein, bleiben Sie dort, +sitzen Sie dort nieder! Wir wissen noch nicht, ob Sie an unserer +Seite nieder sitzen wollen. + +Magister. +Eine wunderbare Vorbereitung. + +Breme. +Sie sind ein Mann, ein freigeborner, ein freidenkender, ein +geistlicher, ein ehrwürdiger Mann. Sie sind ehrwürdig, weil Sie +geistlich sind, und noch ehrwürdiger, weil Sie frei sind. Sie sind +frei, weil Sie edel sind, und sind schätzbar, weil Sie frei sind. Und +nun! Was haben wir erleben müssen! Wir sahen Sie verachtet, wir +sahen Sie beleidigt; aber wir haben zugleich Ihren edlen Zorn gesehen, +einen edlen Zorn, aber ohne Wirkung. Glauben Sie, dass wir Ihre +Freunde sind, so glauben Sie auch, dass sich unser Herz im Busen +umkehrt, wenn wir Sie verkehrt behandelt sehen. Ein edler Mann und +verhöhnt; ein freier Mann und bedroht; ein geistlicher Mann und +verachtet; ein treuer Diener und verstoßen! Zwar verhöhnt von Leuten, +die selbst Hohn verdienen; verachtet von Menschen, die keiner Achtung +wert sind; verstoßen von Undankbaren, deren Wohltaten man nicht +genießen möchte; bedroht von einem Kinde, von einem Mädchen--das +scheint freilich nicht viel zu bedeuten; aber wenn Ihr bedenkt, dass +dieses Mädchen kein Mädchen, sondern ein eingefleischter Satan ist, +dass man sie Legion nennen sollte--denn es sind viele tausend +aristokratische Geister in sie gefahren--so seht Ihr deutlich, was uns +von allen Aristokraten bevorsteht, Ihr seht es, und wenn Ihr klug seid, +so nehmt Ihr Eure Maßregeln. + +Magister. +Wozu soll diese sonderbare Rede? Wohin wird Euch der seltsame Eingang +führen? Sagt Ihr das, um meinen Zorn gegen diese verdammte Brut noch +mehr zu erhitzen, um meine aufs äußerste getriebene Empfindlichkeit +noch mehr zu reizen? Schweigt stille! Wahrhaftig, ich wüsste nicht, +wozu mein gekränktes Herz jetzt nicht alles fähig wäre. Was! Nach so +vielen Diensten, nach so vielen Aufopferungen mir so zu begegnen, mich +vor die Türe zu setzen! Und warum? Wegen einer elenden Beule, wegen +einer gequetschten Nase, mit der so viele hundert Kinder auf und davon +springen. Aber es kommt eben recht, eben recht! Sie wissen nicht, +die Großen, wen sie in uns beleidigen, die wir Zungen, die wir Federn +haben. + +Breme. +Dieser edle Zorn ergötzt mich, und so frage ich Euch denn im Namen +aller edlen, frei gebornen, der Freiheit werten Menschen, ob Ihr diese +Zunge, diese Feder von nun an dem Dienste der Freiheit völlig widmen +wollt? + +Magister. +O ja, ich will, ich werde! + +Breme. +Dass Ihr keine Gelegenheit versäumen wollt, zu dem edlen Zwecke +mitzuwirken, nach dem jetzt die ganze Menschheit emporstrebt? + +Magister. +Ich gebe Euch mein Wort. + +Breme. +So gebt mir Eure Hand, mir und diesen Männern. + +Magister. +Einem jedem; aber was haben diese armen Leute, die wie Sklaven +behandelt werden, mit der Freiheit zu tun? + +Breme. +Sie sind nur noch eine Spanne davon, nur so breit, als die Schwelle +des Gefängnisses ist, an dessen eröffneter Türe sie stehen. + +Magister. +Wie? + +Breme. +Euer Ehrenwort, dass Ihr schweigen werdet! + +Magister. +Ich gebe es. + +Breme. +Der Augenblick ist nahe, die Gemeinden sind versammelt, in einer +Stunde sind sie hier. Wir überfallen das Schloss, nötigen die Gräfin +zur Unterschrift des Rezesses und zu einer eidlichen Versicherung, +dass künftighin alle drückenden Lasten aufgehoben sein sollen. + +Magister. +Ich erstaune! + +Breme. +Da habe ich nur noch ein Bedenken wegen des Eids. Die vornehmen Leute +glauben nichts mehr. Sie wird einen Eid schwören und sich davon +entbinden lassen. Man wird ihr beweisen, dass ein gezwungener Eid +nichts gelte. + +Magister. +Dafür will ich Rat schaffen. Diese Menschen, die sich über alles +wegsetzen, ihresgleichen behandeln wie das Vieh, ohne Liebe, ohne +Mitleid, ohne Furcht frech in den Tag hinein leben, solange sie mit +Menschen zu tun haben, die sie nicht schätzen, solange sie von einem +Gott sprechen, den sie nicht erkennen: Dieses übermütige Geschlecht +kann sich doch von dem geheimen Schauer nicht losmachen, der alle +lebendigen Kräfte der Natur durchschwebt, kann die Verbindung sich +nicht leugnen, in der Worte und Wirkung, Tat und Folge ewig +miteinander bleiben. Lasst sie einen feierlichen Eid tun. + +Martin. +Sie soll in der Kirche schwören. + +Breme. +Nein, unter freiem Himmel. + +Magister. +Das ist nichts. Diese feierlichen Szenen rühren nur die +Einbildungskraft. Ich will es euch anders lehren. Umgebt sie, lasst +sie in eurer Mitte die Hand auf ihres Sohnes Haupt legen, bei diesem +geliebten Haupte ihr Versprechen beteuern und alles Übel, was einen +Menschen betreffen kann, auf diese kleine Gefäß herab rufen, wenn sie +unter irgendeinem Vorwande ihr Versprechen zurücknähme oder zugäbe, +dass es vereitelt würde. + +Breme. +Herrlich! + +Martin. +Schrecklich! + +Albert. +Entsetzlich! + +Magister. +Glaubt mir, sie ist auf ewig gebunden. + +Breme. +Ihr sollt zu ihr in den Kreis treten und ihr das Gewissen schärfen. + +Magister. +An allem, was ihr tun wollt, nehm' ich Anteil; nur sagt mir, wie wird +man es in der Residenz ansehen? Wenn sie euch Dragoner schicken, so +seid ihr alle gleich verloren. + +Martin. +Da weiß Herr Breme schon Rat. + +Albert. +Ja, was das für ein Kopf ist! + +Magister. +Klärt mich auf. + +Breme. +Ja, ja, das ist's nun eben, was man hinter Hermann Breme dem Zweiten +nicht sucht. Er hat Konnexionen, Verbindungen da, wo man glaubt, er +habe nur Kunden. So viel kann ich euch nur sagen, und es wissen's +diese Leute, dass der Fürst selbst eine Revolution wünscht. + +Magister. +Der Fürst? + +Breme. +Er hat die Gesinnungen Friedrichs und Josephs, der beiden Monarchen, +welche alle wahre Demokraten als ihre Heiligen anbeten sollten. Er +ist erzürnt, zu sehen, wie der Bürger- und Bauernstand unterm Druck +des Adels seufzt, und leider kann er selbst nicht wirken, da er von +lauter Aristokraten umgeben ist. Haben wir uns nur aber erst +legitimiert, dann setzt er sich an unsere Spitze, und seine Truppen +sind zu unsern Diensten, und Breme und alle brave Männer sind an +seiner Seite. + +Magister. +Wie habt Ihr das alles erforscht und getan und habt Euch nichts merken +lassen? + +Breme. +Man muss im stillen viel tun, um die Welt zu überraschen. (Er geht +ans Fenster.) Wenn nur erst der Hofrat fort wäre, dann solltet ihr +Wunder sehen. + +Martin (auf Bremen deutend). +Nicht wahr, das ist ein Mann! + +Albert. +Er kann einem recht Herz machen. + +Breme. +Und, lieber Magister, die Verdienste, die Ihr Euch diese Nacht erwerbt, +dürfen nicht unbelohnt bleiben. Wir arbeiten heute fürs ganze +Vaterland. Von unserm Dorfe wird die Sonne der Freiheit aufgehen. +Wer hätte das gedacht! + +Magister. +Befürchtet Ihr keinen Widerstand? + +Breme. +Dafür ist schon gesorgt. Der Amtmann und die Gerichtsdiener werden +gleich gefangen genommen. Der Hofrat geht weg, die paar Bedienten +wollen nichts sagen, und der Baron ist nur der einzige Mann im +Schlosse; den locke ich durch meine Tochter herüber ins Haus und +sperre ihn ein, bis alles vorbei ist. + +Martin. +Wohl ausgedacht. + +Magister. +Ich verwundere mich über Eure Klugheit. + +Breme. +Nu, nu! Wenn es Gelegenheit gibt, sie zu zeigen, sollt Ihr noch mehr +sehen, besonders was die auswärtigen Angelegenheiten betrifft. Glaubt +mir, es geht nichts über einen guten Chirurgus, besonders wenn er +dabei ein geschickter Barbier ist. Das unverständige Volk spricht +viel von Bartkratzern und bedenkt nicht, wie viel dazu gehört, +jemanden zu barbieren, eben dass es nicht kratze. Glaubt mir nur, es +wird zu nichts mehr Politik erfordert, als den Leuten den Bart zu +putzen, ihnen diese garstigen barbarischen Exkremente der Natur, diese +Barthaare, womit sie das männliche Kinn täglich verunreinigt, hinweg +zu nehmen und den Mann dadurch an Gestalt und Sitten einer +glattwangigen Frau, einem zarten liebenswürdigen Jüngling ähnlich zu +machen. Komme ich dereinst dazu, mein Leben und Meinungen aufzusetzen, +so soll man über die Theorie der Barbierkunst erstaunen, aus der ich +zugleich alle Lebens- und Klugheitsregeln herleiten will. + +Magister. +Ihr seid ein originaler Kopf! + +Breme. +Ja, ja, das weiß ich wohl, und deswegen habe ich auch den Leuten +verziehen, wenn sie mich oft nicht begreifen konnten, und wenn sie, +albern genug, glaubten mich zum Besten zu haben. Aber ich will ihnen +zeigen, dass, wer einen rechten Seifenschaum zu schlagen weiß, wer mit +Leichtigkeit, Bequemlichkeit und Gewandtheit der Finger einzuseifen, +den sprödesten Bart zahm zu machen versteht; wer da weiß, dass ein +frisch abgezognes Messer ebenso gut rauft als ein stumpfes, wer mit +dem Strich oder wider den Strich die Haare wegnimmt, als wären sie gar +nicht dagewesen; wer dem warmen Wasser zum Abwaschen die gehörige +Temperatur verleiht und selbst das Abtrocknen mit Gefälligkeit +verrichtet und in seinem ganzen Benehmen etwas Zierliches darstellt-- +das ist kein gemeiner Mensch, sondern er muss alle Eigenschaften +besitzen, die einem Minister Ehre machen. + +Albert. +Ja, ja, es ist ein Unterschied zwischen Barbier und Barbier. + +Martin. +Und Herr Breme besonders, das ist dir eine ordentliche Lust. + +Breme. +Nu, nu, es wird sich zeigen. Es ist bei der ganzen Kunst nichts +Unbedeutendes. Die Art, den Schersack aus- und einzukramen, die Art, +die Gerätschaften zu halten, ihn unterm Arm zu tragen--ihr sollt +Wunder hören und sehen. Nun wird's aber Zeit, dass ich meine Tochter +vorkriege. Ihr Leute, geht an eure Posten! Herr Magister, halten Sie +sich in der Nähe. + +Magister. +Ich gehe in den Gasthof, wohin ich gleich meine Sachen habe bringen +lassen, als man mir im Schlosse übel begegnete. + +Breme. +Wenn Sie stürmen hören, so soll's Ihnen frei stehen, sich zu uns zu +schlagen oder abzuwarten, ob es uns glückt, woran ich gar nicht +zweifele. + +Magister. +Ich werde nicht fehlen. + +Breme. +So lebt denn wohl und gebt aufs Zeichen Acht! + + + +Dritter Auftritt +Breme allein. + +Wie würde mein sel'ger Großvater sich freuen, wenn er sehen könnte, +wie gut ich mich in das neue Handwerk schicke. Glaubt doch der +Magister schon, dass ich große Konnexionen bei Hofe habe. Da sieht +man, was es tut, wenn man sich Kredit zu machen weiß. Nun muss +Karoline kommen. Sie hat das Kind so lange gewartet, ihre Schwester +wird sie ablösen. Da ist sie. + + + +Vierter Auftritt +Breme. Karoline. + +Breme. +Wie befindet sich der junge Graf? + +Karoline. +Recht leidlich. Ich habe ihm Märchen erzählt, bis er eingeschlafen +ist. + +Breme. +Was gibt's sonst im Schlosse? + +Karoline. +Nichts Merkwürdiges. + +Breme. +Der Hofrat ist noch nicht weg? + +Karoline. +Er scheint Anstalt zu machen. Sie binden eben den Mantelsack auf. + +Breme. +Hast du den Baron nicht gesehen? + +Karoline. +Nein, mein Vater. + +Breme. +Er hat dir heute in der Nationalversammlung allerlei in die Ohren +geraunt? + +Karoline. +Ja, mein Vater. + +Breme. +Das eben nicht die ganze Nation, sondern meine Tochter Karoline +betraf? + +Karoline. +Freilich, mein Vater. + +Breme. +Du hast dich doch klug gegen ihn zu benehmen gewusst? + +Karoline. +O gewiss. + +Breme. +Er hat wohl wieder stark in dich gedrungen? + +Karoline. +Wie Sie denken können. + +Breme. +Und du hast ihn abgewiesen? + +Karoline. +Wie sich's ziemt. + +Breme. +Wie ich es von meiner trefflichen Tochter erwarten darf, die ich aber +auch mit Ehre und Glück überhäuft und für ihre Tugend reichlich +belohnt sehen werde. + +Karoline. +Wenn Sie nur nicht vergebens hoffen. + +Breme. +Nein, meine Tochter, ich bin eben im Begriff, einen großen Anschlag +auszuführen, wozu ich deine Hilfe brauche. + +Karoline. +Was meinen Sie, mein Vater? + +Breme. +Es ist dieser verwegenen Menschenrasse der Untergang gedroht. + +Karoline. +Was sagen Sie? + +Breme. +Setze dich nieder und schreib. + +Karoline. +Was? + +Breme. +Ein Billett an den Baron, dass er kommen soll. + +Karoline. +Aber wozu? + +Breme. +Das will ich dir schon sagen. Es soll ihm kein Leids widerfahren, ich +sperre ihn nur ein. + +Karoline. +O Himmel! + +Breme. +Was gibt's? + +Karoline. +Soll ich mich einer solchen Verräterei schuldig machen? + +Breme. +Nur geschwind. + +Karoline. +Wer soll es denn hinüberbringen? + +Breme. +Dafür lass mich sorgen. + +Karoline. +Ich kann nicht. + +Breme. +Zuerst eine Kriegslist. (Er zündet eine Blendlaterne an und löscht +das Licht aus.) Geschwind, nun schreib, ich will dir leuchten. + +Karoline (für sich). +Wie soll das werden? Der Baron wird sehen, dass das Licht ausgelöscht +ist; er wird auf das Zeichen kommen. + +Breme (zwingt sie zum Sitzen). +Schreib! "Luise bleibt im Schlosse, mein Vater schläft. Ich lösche +das Licht aus, kommen Sie!" + +Karoline (widerstrebend). +Ich schreibe nicht. + + + +Fünfter Auftritt +Die Vorigen. Der Baron am Fenster. + +Baron. +Karoline! + +Breme. +Was ist das? (Er schiebt die Blendlaterne zu und hält Karoline fest, +die aufstehen will.) + +Baron (wie oben). +Karoline! Sind Sie nicht hier? (Er steigt herein.) Stille! Wo bin +ich? Dass ich nicht fehlgehe. Gleich dem Fenster gegenüber ist des +Vaters Schlafzimmer, und hier rechts an der Wand die Türe in der +Mädchen Kammer. (Er tappt an der Seite hin und trifft die Tür.) Hier +ist sie, nur angelehnt. O, wie gut sich der blinde Kupido im Dunkeln +zu finden weiß! (Er geht hinein.) + +Breme. +In die Falle! (Er schiebt die Blendlaterne auf, eilt nach der +Kammertüre und stößt den Riegel vor.) So recht, und das Vorlegeschloss +ist auch schon in Bereitschaft. (Er legt ein Schloss vor.) Und du, +Nichtswürdige! So verrätst du mich? + +Karoline. +Mein Vater! + +Breme. +So heuchelst du mir Vertrauen vor? + +Baron (inwendig). +Karoline! Was heißt das? + +Karoline. +Ich bin das unglücklichste Mädchen unter der Sonne. + +Breme (laut an der Türe). +Das heißt: Dass Sie hier schlafen werden, aber allein. + +Baron (inwendig). +Nichtswürdiger! Machen Sie auf, Herr Breme, der Spaß wird Ihnen teuer +zu stehen kommen. + +Breme (laut). +Es ist mehr als Spaß, es ist bitterer Ernst. + +Karoline (an der Türe). +Ich bin unschuldig an dem Verrat! + +Breme. +Unschuldig? Verrat? + +Karoline (an der Türe kniend). +O, wenn du sehen könntest, mein Geliebter, wie ich hier vor dieser +Schwelle liege, wie ich untröstlich meine Hände ringe, wie ich meinen +grausamen Vater bitte!--Machen Sie auf, mein Vater!--Er hört nicht, er +sieht mich nicht an.--O, mein Geliebter, habe mich nicht im Verdacht, +ich bin unschuldig! + +Breme. +Du unschuldig? Niederträchtige feile Dirne! Schande deines Vaters! +Ewiger schändender Flecken in dem Ehrenkleid, das er eben in diesem +Augenblicke angezogen hat. Steh auf, hör' auf zu weinen, dass ich +dich nicht an den Haaren von der Schwelle wegziehe, die du, ohne zu +erröten, nicht wieder betreten solltest. Wie! In dem Augenblick, da +Breme sich den größten Männern des Erdbodens gleichsetzt, erniedrigt +sich seine Tochter so sehr! + +Karoline. +Verstoßt mich nicht, verwerft mich nicht, mein Vater! Er tat mir die +heiligsten Versprechungen. + +Breme. +Rede mir nicht davon, ich bin außer mir. Was! Ein Mädchen, das sich +wie eine Prinzessin, wie eine Königin aufführen sollte, vergisst sich +so ganz und gar? Ich halte mich kaum, dass ich dich nicht mit Fäusten +schlage, nicht mit Füßen trete. Hier hinein! (Er stößt sie in sein +Schlafzimmer.) Dies französische Schloss wird dich wohl verwahren. +Von welcher Wut fühl' ich mich hingerissen! Das wäre die rechte +Stimmung, um die Glocke zu ziehen.--Doch nein, fasse dich, Breme!-- +Bedenke, dass die größten Menschen in ihrer Familie manchen Verdruss +gehabt haben. Schäme dich nicht einer frechen Tochter und bedenke, +dass Kaiser Augustus in ebendem Augenblick mit Verstand und Macht die +Welt regierte, da er über die Vergehungen seiner Julie bittere Tränen +vergoss. Schäme dich nicht, zu weinen, dass eine solche Tochter dich +hintergangen hat; aber bedenke auch zugleich, dass der Endzweck +erreicht ist, dass der Widersacher eingesperrt verzweifelt, und dass +deiner Unternehmung ein glückliches Ende bevorsteht. + + + +Sechster Auftritt +(Saal im Schlosse, erleuchtet.) + +Friederike mit einer gezogenen Büchse. Jakob mit einer Flinte. + +Friederike. +So ist's recht, Jakob, du bist ein braver Bursche. Wenn du mir die +Flinte zurecht bringst, dass mir der Schulfuchs nicht gleich einfällt, +wenn ich sie ansehe, sollst du ein gut Trinkgeld haben. + +Jakob. +Ich nehme sie mit, gnädige Gräfin, und will mein Bestes tun. Ein +Trinkgeld braucht's nicht, ich bin Ihr Diener für ewig. + +Friederike. +Du willst in der Nacht noch fort? Es ist dunkle und regnicht; bleibe +noch beim Jäger. + +Jakob. +Ich weiß nicht, wie mir ist; es treibt mich etwas fort. Ich habe eine +Art von Ahnung. + +Friederike. +Du siehst doch sonst nicht Gespenster. + +Jakob. +Es ist auch nicht Ahnung, es ist Vermutung. Mehrere Bauern sind beim +Chirurgus in der Nacht zusammengekommen; sie hatten mich auch +eingeladen, ich ging aber nicht hin; ich will keine Händel mit der +gräflichen Familie. Und jetzt wollt' ich doch, ich wäre hingegangen, +damit ich wüsste, was sie vorhaben. + +Friederike. +Nun was wird's sein? Es ist die alte Prozessgeschichte. + +Jakob. +Nein, nein, es ist mehr! Lassen Sie mir meine Grille; es ist für Sie, +es ist für die Ihrigen, dass ich besorgt bin. (Ab.) + + + +Siebenter Auftritt +Friederike, nachher die Gräfin und der Hofrat. + +Friederike. +Die Büchse ist noch, wie ich sie verlassen habe; die hat mir der Jäger +recht gut versorgt. Ja, das ist auch ein Jäger, und über die geht +nichts. Ich will sie gleich laden und morgen früh bei guter Tageszeit +einen Hirsch schießen. (Sie beschäftigt sich an einem Tische, worauf +ein Armleuchter steht, mit Pulverhorn, Lademaß, Pflaster, Kugel, +Hammer und lädt die Büchse ganz langsam und methodisch.) + +Gräfin. +Da hast du schon wieder das Pulverhorn beim Licht; wie leicht kann +eine Schnuppe herunterfallen. Sei doch vernünftig, du kannst dich +unglücklich machen! + +Friedericke. +Lassen Sie mich, liebe Mutter, ich bin schon vorsichtig. Wer sich vor +dem Pulver fürchtet, muss nicht mit Pulver umgehen. + +Gräfin. +Sagen Sie mir, lieber Hofrat, ich habe es recht auf dem Herzen: +Könnten wir nicht einen Schritt tun, wenigstens bis Sie zurückkommen? + +Hofrat. +Ich verehre in Ihnen diese Heftigkeit, das Gute zu wirken und nicht +einen Augenblick zu zaudern. + +Gräfin. +Was ich einmal für Echt erkenne, möchte' ich auch gleich getan sehn. +Das Leben ist so kurz, und das Gute wirkt so langsam. + +Hofrat. +Wie meinen Sie denn? + +Gräfin. +Sie sind moralisch überzeugt, dass der Amtmann in dem Kriege das +Dokument beiseite gebracht hat-- + +Friederike (heftig). +Sind Sie's? + +Hofrat. +Nach allen Anzeigen kann ich wohl sagen, es ist mehr als Vermutung. + +Gräfin. +Sie glauben, dass er es noch zu irgendeiner Absicht verwahre? + +Friederike (wie oben). +Glauben Sie? + +Hofrat. +Bei der Verworrenheit seiner Rechnungen, bei der Unordnung des +Archives, bei der ganzen Art, wie er diesen Rechtshandel benutzt hat, +kann ich vermuten, dass er sich einen Rückzug vorbehält, dass er +vielleicht, wenn man ihn von dieser Seite drängt, sich auf die andere +zu retten und das Dokument dem Gegenteile für eine ansehnliche Summe +zu verhandeln denkt. + +Gräfin. +Wie wär' es, man suchte ihn durch Gewinst zu locken? Er wünscht, +seinen Neffen substituiert zu haben; wie wär' es, wir versprächen +diesem jungen Menschen eine Belohnung, wenn er zur Probe das Archiv in +Ordnung brächte, besonders eine ansehnliche, wenn er das Dokument +ausfindig machte? Man gäbe ihm Hoffnung zur Substitution. Sprechen +Sie ihn noch, ehe Sie fortgehen; indes, bis Sie wiederkommen, richtet +sich's ein. + +Hofrat. +Es ist zu spät, der Mann ist gewiss schon zu Bette. + +Gräfin. +Glauben Sie das nicht. So alt er ist, passt er Ihnen auf, bis Sie in +den Wagen steigen. Er macht Ihnen noch in völliger Kleidung seinen +Scharrfuss und versäumt gewiss nicht, sich Ihnen zu empfehlen. Lassen +wir ihn rufen. + +Friederike. +Lassen Sie ihn rufen, man muss doch sehen, wie er sich gebärdet. + +Hofrat. +Ich bin's zufrieden. + +Friederike (klingelt und sagt zum Bedienten, der hereinkommt). +Der Amtmann möchte doch noch einen Augenblick herüberkommen! + +Gräfin. +Die Augenblicke sind kostbar. Wollen Sie nicht indes noch einen Blick +auf die Papiere werfen, die sich auf diese Sache beziehen? (Zusammen +ab.) + + + +Achter Auftritt +Friederike allein, nachher der Amtmann. + +Friederike. +Das will mir nicht gefallen. Sie sind überzeugt, dass er ein Schelm +ist, und wollen ihm nicht zu Leibe. Sie sind überzeugt, dass er sie +betrogen, ihnen geschadet hat, und wollen ihn belohnen. Das taugt nun +ganz und gar nichts. Es wäre besser, dass man ein Exempel statuierte. +--Da kommt er eben recht. + +Amtmann. +Ich höre, dass des Herrn Hofrats Wohlgeboren noch vor ihrer Abreise +mir etwas zu sagen haben. Ich komme, dessen Befehle zu vernehmen. + +Friederike (indem sie die Büchse nimmt). +Verziehen Sie einen Augenblick, er wird gleich wieder hier sein. (Sie +schüttet Pulver auf die Pfanne.) + +Amtmann. +Was machen Sie da, gnädige Gräfin? + +Friederike. +Ich habe die Büchse auf morgen früh geladen, da soll ein alter Hirsch +fallen. + +Amtmann. +Ei, ei! Schon heute geladen und Pulver auf die Pfanne, das ist +verwegen! Wie leicht kann da ein Unglück geschehen. + +Friederike. +Ei was! Ich bin gern fix und fertig. (Sie hebt das Gewehr auf und +hält es, gleichsam zufällig, gegen ihn.) + +Amtmann. +Ei, gnädige Gräfin, kein geladen Gewehr jemals auf einen Menschen +halten! Da kann der Böse sein Spiel haben. + +Friederike (in de vorigen Stellung). +Hören Sie, Herr Amtmann, ich muss Ihnen ein Wort im Vertrauen sagen: +--Das Sie ein erzinfamer Spitzbube sind. + +Amtmann. +Welche Ausdrücke, meine Gnädige!--Tun Sie die Büchse weg. + +Friedericke. +Rühre dich nicht vom Platz, verdammter Kerl! Siehst du, ich spanne, +siehst du, ich lege an! Du hast ein Dokument gestohlen-- + +Amtmann. +Ein Dokument? Ich weiß von keinem Dokumente. + +Friederike. +Siehst du, ich steche, es geht alles in der Ordnung, und wenn du nicht +auf der Stelle das Dokument herausgibst oder mir anzeigst, wo es sich +befindet, oder was mit ihm vorgefallen, so rühr' ich diese kleine +Nadel, und du bist auf der Stelle mausetot. + +Amtmann. +Um Gottes willen! + +Friederike. +Wo ist das Dokument? + +Amtmann. +Ich weiß nicht--Tun Sie die Büchse weg--Sie könnten aus Versehen-- + +Friederike (wie oben). +Aus Versehen oder mit Willen bist du tot. Rede, wo ist das Dokument? + +Amtmann. +Es ist--verschlossen. + + + +Neunter Auftritt +Gräfin. Hofrat. Die Vorigen. + +Gräfin. +Was gibt's hier? + +Hofrat. +Was machen Sie? + +Friederike (immer zum Amtmann). +Rühren Sie sich nicht, oder Sie sind des Todes! Wo verschlossen? + +Amtmann. +In meinem Pulte. + +Friederike. +Und in dem Pulte! Wo? + +Amtmann. +Zwischen einem Doppelboden. + +Friederike. +Wo ist der Schlüssel? + +Amtmann. +In meiner Tasche. + +Friedericke. +Und wie geht der doppelte Boden auf? + +Amtmann. +Durch einen Druck an der rechten Seite. + +Friederike. +Heraus den Schlüssel! + +Amtmann. +Hier ist er. + +Friederike. +Hingeworfen! + +Amtmann (wirft ihn auf die Erde). + +Friederike. +Und die Stube? + +Amtmann. +Ist offen. + +Friederike. +Wer ist drinnen? + +Amtmann. +Meine Magd und mein Schreiber. + +Friederike. +Sie haben alles gehört, Herr Hofrat. Ich habe Ihnen ein umständliches +Gespräch erspart. Nehmen Sie den Schlüssel, und holen Sie das +Dokument. Bringen Sie es nicht zurück, so hat er gelogen, und ich +schieße ihn darum tot. + +Hofrat. +Lassen Sie ihn mitgehen; bedenken Sie, was Sie tun. + +Friederike. +Ich weiß, was ich tue. Machen Sie mich nicht wild, und gehen Sie. +(Hofrat ab.) + +Gräfin. +Meine Tochter, du erschreckst mich. Tu das Gewehr weg! + +Friederike. +Gewiss nicht eher, als bis ich das Dokument sehe. + +Gräfin. +Hörst du nicht? Deine Mutter befiehlt's. + +Friederike. +Und wenn mein Vater aus dem Grabe aufstünde, ich gehorchte nicht. + +Gräfin. +Wenn es losginge! + +Friederike. +Welch Unglück wäre das? + +Amtmann. +Es würde Sie gereuen. + +Friederike. +Gewiss nicht. Erinnerst du dich noch, Nichtswürdiger, als ich vorm +Jahr im Zorn nach dem Jägerburschen schoss, der meinen Hund prügelte, +erinnerst du dich noch, da ich ausgescholten wurde, und alle Menschen +den glücklichen Zufall priesen, der mich hatte fehlen lassen, da warst +du's allein, der hämisch lächelte und sagte: Was wär' es denn +gewesen? Ein Kind aus einem vornehmen Hause! Das wäre mit Geld +abzutun. Ich bin noch immer ein Kind, ich bin noch immer aus einem +vornehmen Hause; so müsste das auch wohl mit Geld abzutun sein. + +Hofrat (kommt zurück). +Hier ist das Dokument. + +Friederike. +Ist es? (Sie bringt das Gewehr in Ruh.) + +Gräfin. +Ist's möglich? + +Amtmann. +O, ich Unglücklicher! + +Friederike. +Geh! Elender! Dass deine Gegenwart meine Freude nicht vergälle! + +Hofrat. +Es ist das Original. + +Friederike. +Geben Sie mir's. Morgen will ich's den Gemeinden selbst zeigen und +sagen, dass ich's ihnen erobert habe. + +Gräfin (sie umarmend). +Meine Tochter. + +Friederike. +Wenn mir der Spaß nur die Lust an der Jagd nicht verdirbt. Solch ein +Wildpret schieß' ich nie wieder! + + + + +Fünfter Aufzug +(Nacht, trüber Mondschein.) + +Das Theater stellt einen teil des Parks vor, der früher beschrieben +worden. Raue steile Felsenbänke, auf denen ein verfallenes Schloss. +Natur und Mauerwerk ineinander verschränkt. Die Ruine, sowie die +Felsen mit Bäumen und Büschen bewachsen. Eine dunkle Kluft deutet auf +Höhlen, wo nicht gar unterirdische Gänge. + +Frederike, Fackel tragend, die Büchse unterm Arm, Pistolen im Gürtel, +tritt aus der Höhle, umherspürend. Ihr folgt die Gräfin, den Sohn an +der Hand. Auch Luise. Sodann der Bediente, mit Kästchen beschwert. +Man erfährt, dass von hier ein unterirdischer Gang zu den Gewölben des +Schlosses reicht, dass man die Schlosspforten gegen die andringenden +Bauern verriegelt, dass die Gräfin verlangt habe, man solle ihnen aus +dem Fenster das Dokument ankündigen und zeigen und so alles beilegen. +Friederike jedoch sei nicht zu bewegen gewesen, sich in irgendeine +Kapitulation einzulassen, noch sich einer Gewalt, selbst nach eigenen +Absichten, zu fügen. Sie habe vielmehr die Ihrigen zur Flucht +genötigt, um auf diesem geheimen Wege ins Freie zu gelangen und den +benachbarten Sitz eines Anverwandten zu erreichen. Eben will man sich +auf den Weg machen, als man oben in der Ruine Licht sieht, ein +Geräusch hört. Man zieht sich in die Höhle zurück. + +Herunter kommen Jakob, der Hofrat und eine Partei Bauern. Jakob hatte +sie unterwegs angetroffen und sie zugunsten der Herrschaft zu bereden +gesucht. Der Wagen des wegfahrenden Hofrats war unter sie gekommen. +Dieser würdige Mann verbindet sich mit Jakob und kann das +Hauptargument, dass der Originalrezess gefunden sei, allen übrigen +Beweggründen hinzufügen. Die aufgeregte Schar wird beruhigt, ja sie +entschließt sich, den Damen zu Hilfe zu kommen. + +Friederike, die gelauscht hat, nun von allem unterrichtet, tritt unter +sie, dem Hofrat und dem jungen Landmann sehr willkommen, auch den +übrigen durch die Vorzeigung des Dokuments höchst erwünscht. + +Eine früher ausgesendete Patrouille dieses Trupps kommt zurück und +meldet, dass ein Teil der Aufgeregten vom Schlosse her im Anmarsche +sei. Alles verbirgt sich, teils in die Höhle, teils in Felsen und +Gemäuer. + +Breme mit einer Anzahl bewaffneter Bauern tritt auf, schilt auf den +Magister, dass er außen geblieben, und erklärt die Ursache, warum er +einen teil der Mannschaft in den Gewölben des Schlosses gelassen und +mit dem andern sich hieher verfügt. Er weiß das Geheimnis des +unterirdischen Ganges und ist überzeugt, dass die Familie sich darein +versteckt, und dies gibt die Gewissheit, ihrer habhaft zu werden. Sie +zünden Fackeln an und sind im Begriff, in die Höhle zu treten. +Friederike, Jakob, der Hofrat erscheine in dem Augenblicke, bewaffnet, +sowie die übrige Menge. + +Breme sucht der Sache eine Wendung durch Beispiele aus der alten +Geschichte zu geben und tut sich auf seine Einfälle viel zugute, da +man sie gelten lässt, und als nun das Dokument auch hier seine Wirkung +nicht verfehlt, so schließt das Stück zu allgemeiner Zufriedenheit. +Die vier Personen, deren Gegenwart einen unangenehmen Eindruck machen +könnte: Karoline, der Baron, der Magister und der Amtmann, kommen +nicht mehr zum Vorschein. + + +Ende dieses Projekt Guetnberg Etextes Die Aufgeregten, von Johann +Wolfgang von Goethe. + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AUFGEREGTEN*** + + +******* This file should be named 10428-8.txt or 10428-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/1/0/4/2/10428 + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + + + + +Title: Die Aufgeregten + +Author: Johann Wolfgang von Goethe + +Release Date: December 9, 2003 [eBook #10428] + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AUFGEREGTEN*** + + +E-text prepared by Andrew Sly + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + + + + + +Die Aufgeregten + +Politisches Drama in fuenf Aufzuegen + +Johann Wolfgang von Goethe + + + + + + +Personen + +Die Graefin. +Friederike, ihre Tochter. +Karl, ihr Soehnchen. +Der Baron, ein Vetter. +Der Hofrat. +Breme von Bremenfeld, Chirurgus. +Karoline, Bremens Tochter. +Luise, Bremens Nichte. +Der Magister, Hofmeister des jungen Grafen. +Der Amtmann. +Jakob, junger Landmann und Jaeger. +Martin, +Albert, +Peter, Landleute. +Georg, Bedienter der Graefin. + + + + +Erster Aufzug + + + +Erster Auftritt +(Ein gemeines Wohnzimmer, an der Wand zwei Bilder, eines buergerlichen +Mannes und seiner Frau, in der Tracht, wie sie vor fuenfzig oder +sechzig Jahren zu sein pflegte. Nacht.) + +Luise, an einem Tisch, worauf ein Licht steht, strickend. Karoline, +in einem Grossvatersessel gegenueber, schlafend. + +Luise (einen eben vollendeten gestrickten Strumpf in die Hoehe haltend). +Wieder ein Strumpf! Nun wollt' ich, der Onkel kaeme nach Hause; denn +ich habe nicht Lust, einen andern anzufangen. (Sie steht auf und geht +ans Fenster.) Er bleibt heut' ungewoehnlich lange weg, sonst kommt er +doch gegen elf Uhr, und es ist jetzt schon Mitternacht. (Sie tritt +wieder an den Tisch.) Was die franzoesische Revolution Gutes oder Boeses +stiftet, kann ich nicht beurteilen; so viel weiss ich, dass sie mir +diesen Winter einige Paar Struempfe mehr einbringt. Die Stunden, die +ich jetzt wachen und warten muss, bis Herr Breme nach Hause kommt, +haett' ich verschlafen, wie ich sie jetzt verstricke, und er +verplaudert sie, wie er sie sonst verschlief. + +Karoline (im Schlaf redend). +Nein, nein! Mein Vater! + +Luise (sich dem Sessel naehernd). +Was gibt's, liebe Muhme?--Sie antwortet nicht!--Was nur dem guten +Maedchen sein mag! Sie ist still und unruhig; des Nachts schlaeft sie +nicht, und jetzt, da sie vor Muedigkeit eingeschlafen ist, spricht sie +im Traum. Sollte meine Vermutung gegruendet sein? Sollte der Baron in +diesen wenigen Tagen einen solchen Eindruck auf die gemacht haben, so +schnell und so stark? (Hervortretend.) Wunderst du dich, Luise, und +hast du nicht selbst erfahren, wie die Liebe wirkt, wie schnell und +wie stark! + + + +Zweiter Auftritt +Die Vorigen. Georg. + +Georg (heftig und aengstlich). +Liebes Mamsellchen, geben Sie mir geschwinde, geschwinde-- + +Luise. +Was denn, Georg? + +Georg. +Geben Sie mir die Flasche. + +Luise. +Was fuer eine Flasche? + +Georg. +Ihr Herr Onkel sagte, Sie sollen mir die Flasche geschwinde geben; sie +steht in der Kammer, oben auf dem Brett rechter Hand. + +Luise. +Da stehen viele Flaschen; was soll denn drinn sein? + +Georg. +Spiritus. + +Luise. +Es gib allerlei Spiritus; hat er sich nicht deutlicher erklaert? Wozu +soll's denn? + +Georg. +Er sagt' es wohl, ich war aber so erschrocken. Ach, der junge Herr-- + +Karoline (die aus dem Schlaf auffaehrt). +Was gibt's?--Der Baron? + +Luise. +Der junge Graf? + +Georg. +Leider, der junge Graf! + +Karoline. +Was ist ihm begegnet? + +Georg. +Geben Sie mir den Spiritus. + +Luise. +Sage nur, was dem jungen Grafen begegnet ist, so weiss ich wohl, was +der Onkel fuer eine Flasche braucht. + +Georg. +Ach, das gute Kind! Was wird die Frau Graefin sagen, wenn sie morgen +kommt! Wie wird sie uns ausschelten! + +Karoline. +So red' Er doch! + +Georg. +Er ist gefallen, mit dem Kopf vor eine Tischecke, das Gesicht ist ganz +in Blut; wer weiss, ob nicht gar das Auge gelitten hat. + +Luise (indem sie einen Wachsstock anzuendet und in die Kammer geht). +Nun weiss ich, was sie brauchen. + +Karoline. +So spaet! Wie ging das zu? + +Georg. +Liebes Mamsellchen, ich dachte lange, es wuerde nichts Gutes werden. +Da sitzt Ihr Vater und der Hofmeister alle Abend beim alten Pfarrer +und lesen die Zeitungen und Monatsschriften, und so disputieren sie +und koennen nicht fertig werden, und das arme Kind muss dabei sitzen; +da druckt sich's denn in eine Ecke, wenn's spaet wird, und schlaeft ein, +und wenn sie aufbrechen, da taumelt das Kind schlaftrunken mit, und +heute--nun sehen Sie--da schlaegt's eben zwoelfe--heute bleiben sie ueber +alle Gebuehr aus, und ich sitze zu Hause und habe Licht brennen, und +dabei stehen die andern Lichter fuer den Hofmeister und den jungen +Herrn, und Ihr Vater und der Magister bleiben vor der Schlossbruecke +stehen und koennen noch nicht fertig werden-- + +Luise (kommt mit einem Glase zurueck). + +Georg (faehrt fort). +Und das Kind kommt in den Saal getappt und ruft mich, und ich fahre +auf und will die Lichter anzuenden, wie ich immer tue, und wie ich +schlaftrunken bin, loesche ich das Licht aus. Indessen tappt das Kind +die Treppe hinauf, und auf dem Vorsaal stehen die Stuehle und Tische, +die wir morgen frueh in die Zimmer verteilen wollen; das Kind weiss es +nicht, geht geradezu, stoesst sich, faellt, wir hoeren es schreien, ich +mache Laerm, ich mache Licht, und wie wir hinaufkommen, liegt's da und +weiss kaum von sich selbst. Das ganze Gesicht ist blutig. Wenn es ein +Auge verloren hat, wenn es gefaehrlich wird, geh' ich morgen frueh auf +und davon, eh' die Frau Graefin ankommt; mag's verantworten, wer will! + +Luise (die indessen einige Buendelchen Leinwand aus der Schublade +genommen, gibt ihm die Flasche). +Hier! Geschwind! Trage das hinueber und nimm die Laeppchen dazu, ich +komme gleich selbst. Der Himmel verhuete, dass es so uebel sei! +Geschwind, Georg, geschwind! (Georg ab.) Halte warmes Wasser bereit, +wenn der Onkel nach Hause kommt und Kaffee verlangt. Ich will +geschwind hinueber. Es waere entsetzlich, wenn wir unsere gute Graefin +so empfangen muessten. Wie empfahl sie nicht dem Magister, wie empfahl +sie nicht mir das Kind bei ihrer Abreise! Leider hab' ich sehen +muessen, dass es die Zeit ueber sehr versaeumt worden ist. Dass man doch +gewoehnlich seine naechste Pflicht versaeumt! (Ab.) + + + +Dritter Auftritt +Karoline. Hernach der Baron. + +Karoline (nachdem sie einige Mal nachdenkend auf und ab gegangen). +Er verlaesst mich keinen Augenblick, auch im Traum selbst war er mir +gegenwaertig. O, wenn ich glauben koennte, dass sein Herz, seine +Absichten so redlich sind, als seine Blicke, sein Betragen reizend und +einnehmend ist! Ach, und die Art, mit der er alles zu sagen weiss, wie +edel er sich ausdrueckt! Man sage, was man will, welche Vorzuege gibt +einem Menschen von edler Geburt eine standesmaessige Erziehung! Ach, +dass ich doch seinesgleichen waere! + +Der Baron (an der Tuere). +Sind Sie allein, beste Karoline? + +Karoline. +Herr Baron, wo kommen Sie her? Entfernen Sie sich! Wenn mein Vater +kaeme! Es ist nicht schoen, mich so zu ueberfallen. + +Baron. +Die Liebe, die mich hieher fuehrt, wird auch mein Fuersprecher bei Ihnen +sein, angebetete Karoline. (Er will sie umarmen.) + +Karoline. +Zurueck, Herr Baron! Sie sind sehr verwegen. Wo kommen Sie her? + +Baron. +Ein Geschrei weckt mich, ich springe herunter und finde, dass mein +Neffe sich eine Brausche gefallen hat. Ich finde Ihren Vater um das +Kind beschaeftigt, nun kommt auch Ihre Muhme, ich sehe, dass es keine +Gefahr hat, es faellt mir ein: Karoline ist allein--und was kann mir +bei jeder Gelegenheit anders einfallen als Karoline? Die Augenblicke +sind kostbar, schoenes, angenehmes Kind! Gestehen Sie mir, sagen Sie +mir, dass Sie mich lieben. (Will sie umarmen.) + +Karoline. +Noch einmal, Herr Baron! Lassen Sie mich, und verlassen Sie dieses +Haus! + +Baron. +Sie haben versprochen, mich so bald als moeglich zu sehen, und wollen +mich nun entfernen? + +Karoline. +Ich habe versprochen, morgen frueh mit Sonnenaufgang in dem Garten zu +sein, mit Ihnen spazieren zu gehen, mich Ihrer Gesellschaft zu freuen. +Hieher hab' ich Sie nicht eingeladen. + +Baron. +Aber die Gelegenheit-- + +Karoline. +Hab' ich nicht gemacht. + +Baron. +Aber ich benutze sie; koennen Sie mir es verdenken? + +Karoline. +Ich weiss nicht, was ich von Ihnen denken soll. + +Baron. +Auch Sie--lassen Sie es mich frei gestehen--auch Sie erkenne ich nicht. + + +Karoline. +Und worin bin ich mir denn so unaehnlich? + +Baron. +Koennen Sie noch fragen? + +Karoline. +Ich muss wohl, ich begreife Sie nicht. + +Baron. +Ich soll reden? + +Karoline. +Wenn ich Sie verstehen soll. + +Baron. +Nun gut. Haben Sie nicht seit den drei Tagen, die ich Sie kenne, jede +Gelegenheit gesucht, mich zu sehen, und zu sprechen? + +Karoline. +Ich leugne es nicht. + +Baron. +Haben Sie mir nicht, sooft ich Sie ansah, mit Blicken geantwortet? +Und mit was fuer Blicken! + +Karoline (verlegen). +Ich kann meine eignen Blicke nicht sehen. + +Baron. +Aber fuehlen, was sie bedeuten.--Haben Sie mir, wenn ich Ihnen im Tanze +die Hand drueckte, die Hand nicht wieder gedrueckt? + +Karoline. +Ich erinnere mich's nicht. + +Baron. +Sie haben ein kurzes Gedaechtnis, Karoline. Als wir unter der Linde +drehten, und ich Sie zaertlich an mich schloss, damals stiess mich +Karoline nicht zurueck. + +Karoline. +Herr Baron, Sie haben sich falsch ausgelegt, was ein gutherziges, +unerfahrnes Maedchen-- + +Baron. +Liebst du mich? + +Karoline. +Noch einmal, verlassen Sie mich! Morgen fruehe-- + +Baron. +Werde ich ausschlafen. + +Karoline. +Ich werde Ihnen sagen-- + +Baron. +Ich werde nichts hoeren. + +Karoline. +So verlassen Sie mich. + +Baron (sich entfernend). +O, es ist mir leid, dass ich gekommen bin. + +Karoline (allein, nach einer Bewegung, als wenn sie ihn aufhalten +wollte). +Er geht, ich muss ihn fortschicken, ich darf ihn nicht halten. Ich +liebe ihn und muss ihn verscheuchen. Ich war unvorsichtig und bin +ungluecklich. Weg sind meine Hoffnungen auf den schoenen Morgen, weg +die goldnen Traeume, die ich zu naehren wagte. O, wie wenig Zeit +braucht es, unser ganzes Schicksal umzukehren! + + + +Vierter Auftritt +Karoline. Breme. + +Karoline. +Lieber Vater, wie geht's? Was macht der junge Graf? + +Breme. +Es ist eine starke Kontusion; doch ich hoffe, die Laesion soll nicht +gefaehrlich sein. Ich werde eine vortreffliche Kur machen, und der +Herr Graf wird sich kuenftig, sooft er sich im Spiegel besieht, bei der +Schmarre mit Achtung seines geschickten Chirurgi, seines Breme von +Bremenfeld erinnern. + +Karoline. +Die arme Graefin! Wenn sie nur nicht schon morgen kaeme. + +Breme. +Desto besser! Und wenn sie den uebeln Zustand des Patienten mit Augen +sieht, wird sie, wenn die Kur vollbracht ist, desto mehr Ehrfurcht fuer +meine Kunst empfinden. Standespersonen muessen auch wissen, dass sie +und ihre Kinder Menschen sind; man kann sie nicht genug empfinden +machen, wie verehrungswuerdig ein Mann ist, der ihnen in ihren Noeten +beisteht, denen sie wie alle Kinder Adams unterworfen sind, besonders +ein Chirurgus. Ich sage dir, mein Kind, ein Chirurgus ist der +verehrungswuerdigste Mann auf dem ganzen Erdboden. Der Theolog befreit +dich von der Suende, die er selbst erfunden hat; der Jurist gewinnt dir +deinen Prozess und bringt deinen Gegner, der gleiches Recht hat, an +den Bettelstab; der Medikus kuriert dir eine Krankheit weg, die andere +herbei, und du kannst nie recht wissen, ob er dir genutzt oder +geschadet hat: Der Chirurgus aber befreit dich von einem reellen Uebel, +das du dir selbst zugezogen hast, oder das dir zufaellig und +unverschuldet ueber den Hals kommt; er nutzt dir, schadet keinem +Menschen, und du kannst dich unwidersprechlich ueberzeugen, dass seine +Kur gelungen ist. + +Karoline. +Freilich auch, wenn sie nicht gelungen ist. + +Breme. +Das lehrt dich den Pfuscher vom Meister unterscheiden. Freue dich, +meine Tochter, dass du einen solchen Meister zum Vater hast: Fuer ein +wohl denkendes Kind ist nichts ergoetzlicher, als sich seiner Eltern +und Grosseltern zu freuen. + +Karoline (sie nachahmend). +Das tu' ich, mein Vater. + +Breme (sie nachahmend). +Das tust du, mein Toechterchen, mit einem betruebten Gesichtchen und +weinerlichen Tone.--Das soll doch wohl keine Freude vorstellen? + +Karoline. +Ach, mein Vater! + +Breme. +Was hast du, mein Kind? + +Karoline. +Ich muss es Ihnen gleich sagen. + +Breme. +Was hast du? + +Karoline. +Sie wissen, der Baron hat diese Tage her sehr freundlich, sehr +zaertlich mit mir getan; ich sagt' es Ihnen gleich und fragte Sie um +Rat. + +Breme. +Du bist ein vortreffliches Maedchen! Wert, als eine Prinzessin, eine +Koenigin aufzutreten. + +Karoline. +Sie rieten mir, auf meiner Hut zu sein, auf mich wohl Acht zu haben, +aber auch auf ihn; mir nichts zu vergeben, aber auch ein Glueck, wenn +es mich aufsuchen sollte, nicht von mir zu stossen. Ich habe mich +gegen ihn betragen, dass ich mir keine Vorwuerfe zu machen habe; aber +er-- + +Breme. +Rede, mein Kind, rede! + +Karoline. +O, es ist abscheulich. Wie frech, wie verwegen!-- + +Breme. +Wie? (Nach einer Pause.) Sage mir nichts, meine Tochter, du kennst +mich, ich bin eines hitzigen Temperaments, ein alter Soldat; ich wuerde +mich nicht fassen koennen, ich wuerde einen tollen Streich machen. + +Karoline. +Sie koennen es hoeren, mein Vater, ohne zu zuernen; ich darf es sagen, +ohne rot zu werden. Er hat meine Freundlichkeit uebel ausgelegt, er +hat sich in Ihrer Abwesenheit, nachdem Luise auf das Schloss geeilt +war, hier ins Haus geschlichen. Er war verwegen, aber ich wies ihn +zurechte. Ich trieb ihn fort, und ich darf wohl sagen: Seit diesem +Augenblick haben sich meine Gesinnungen gegen ihn geaendert. Er schien +mir liebenswuerdig, als er gut war, als ich glauben konnte, dass er es +gut mit mir meine; jetzt kommt er mir vor: Schlimmer als jeder andere. +Ich werde Ihnen alles, wie bisher, erzaehlen, alles gestehen und mich +Ihrem Rat ganz allein ueberlassen. + +Breme. +Welch ein Maedchen! Welch ein vortreffliches Maedchen! O, ich +beneidenswerter Vater! Wartet nur, Herr Baron, wartet nur! Die Hunde +werden von der Kette loskommen und den Fuechsen den Weg zum +Taubenschlag verrennen. Ich will nicht Breme heissen, nicht den Namen +Bremenfeld verdienen, wenn in kurzem nicht alles anders werden soll. + +Karoline. +Erzuernt Euch nicht, mein Vater! + +Breme. +Du gibst mir ein neues Leben, meine Tochter; ja, fahre fort, deinen +Stand durch deine Tugend zu zieren, gleiche in allem deiner +vortrefflichen Urgrossmutter, der seligen Burgemeisterin von Bremenfeld. +Diese wuerdige Frau war durch Sittsamkeit die Ehre ihres Geschlechts +und durch Verstand die Stuetze ihres Gemahls. Betrachte dieses Bild +jeden Tag, jede Stunde, ahme sie nach und werde verehrungswuerdig wie +sie! (Karoline sieht das Bild an und lacht.) Was lachst du, meine +Tochter? + +Karoline. +Ich will meiner Urgrossmutter gern in allem Guten folgen, wenn ich mich +nur nicht anziehen soll wie sie. Ha, ha, ha! Sehn Sie nur, so oft ich +das Bild ansehe, muss ich lachen, ob ich es gleich alle Tage vor Augen +habe, ha, ha, ha! Sehn Sie nur das Haeubchen, dass wie +Fledermausfluegel vom Kopf los steht. + +Breme. +Nun, nun! Zu ihrer Zeit lachte niemand darueber, und wer weiss, wer +ueber euch kuenftig lacht, wenn er euch gemalt sieht; denn ihr seid sehr +selten angezogen und aufgeputzt, dass ich sagen moechte, ob du gleich +meine huebsche Tochter bist: Sie gefaellt mir! Gleiche dieser +vortrefflichen Frau an Tugenden und kleide dich mit besserm Geschmack, +so hab' ich nichts dagegen, vorausgesetzt, dass, wie sie sagen, der +gute Geschmack nicht teurer ist als der schlechte. Uebrigens daecht' +ich, du gingst zu Bette; denn es ist spaet. + +Karoline. +Wollen Sie nicht noch Kaffee trinken? Das Wasser siedet, er ist +gleich gemacht. + +Breme. +Setze nur alles zurechte, schuette den gemahlenen Kaffee in die Kanne, +das heisse Wasser will ich selbst darueber giessen. + +Karoline. +Gute Nacht, mein Vater! (Geht ab.) + +Breme. +Schlaf wohl, mein Kind. + + + +Fuenfter Auftritt +Breme allein. + +Dass auch das Unglueck just diese Nacht geschehen musste! Ich hatte +alles klueglich eingerichtet, meine Einteilung der Zeit als ein echter +Praktikus gemacht. Bis gegen Mitternacht hatten wir zusammen +geschwatzt, da war alles ruhig; nachher wollte ich meine Tasse Kaffee +trinken, meine bestellten Freunde sollten kommen zu der +geheimnisvollen Ueberlegung. Nun hat's der Henker! Alles ist in +Unruhe. Sie wachen im Schloss, dem Kinde Umschlaege aufzulegen. Wer +weiss, wo sich der Baron herumdrueckt, um meiner Tochter aufzupassen. +Beim Amtmann seh' ich Licht, bei dem verwuenschten Kerl, den ich am +meisten scheue. Wenn wir entdeckt werden, so kann der groesste, +schoenste, erhabenste Gedanke, der auf mein ganzes Vaterland Einfluss +haben soll, in der Geburt erstickt werden. (Er geht ans Fenster.) Ich +hoere jemand kommen; die Wuerfel sind geworfen, wir muessen nun die +Steine setzen; ein alter Soldat darf sich vor nichts fuerchten. Bin +ich denn nicht bei dem grossen unueberwindlichen Fritz in die Schule +gegangen? + + + +Sechster Auftritt +Breme. Martin. + +Breme. +Seid Ihr's, Gevatter Martin? + +Martin. +Ja, lieber Gevatter Breme, das bin ich. Ich habe mich ganz stille +aufgemacht, wie die Glocke zwoelfe schlug, und bin hergekommen; aber +ich habe noch Laerm gehoert und hin und wider gehen, und da bin ich im +Garten einige Mal auf und ab geschlichen, bis alles ruhig war. Sagt +mir nur, was Ihr wollt, Gevatter Breme, dass wir so spaet bei Euch +zusammenkommen, in der Nacht; koennten wir's denn nicht bei Tage +abmachen? + +Breme. +Ihr sollt alles erfahren, nur muesst Ihr Geduld haben, bis die andern +alle beisammen sind. + +Martin. +Wer soll denn noch alles kommen? + +Breme. +Alle unsere guten Freunde, alle vernuenftigen Leute. Ausser Euch, der +Ihr Schulze von dem Ort hier seid, kommt noch Peter, der Schulze von +Rosenhahn, und Albert, der Schulze von Wiesengruben; ich hoffe, auch +Jakob wird kommen, der das huebsche Freigut besitzt. Dann sind recht +ordentliche und vernuenftige Leute beisammen, die schon was ausmachen +koennen. + +Martin. +Gevatter Breme, Ihr seid ein wunderlicher Mann; es ist Euch alles eins, +Nacht und Tag, Tag und Nacht, Sommer und Winter. + +Breme. +Ja, wenn das auch nicht so waere, koennte nichts Rechts werden. Wachen +oder Schlafen, das ist mir auch ganz gleich. Es war nach der Schlacht +bei Leuthen, wo unsere Lazarette sich in schlechtem Zustande befanden +und sich wahrhaftig noch in schlechterem Zustande befunden haetten, +waere Breme nicht damals ein junger ruestiger Bursche gewesen. Da lagen +viele Blessierte, viele Kranke, und alle Feldscherer waren alt und +verdrossen, aber Breme ein junger tuechtiger Kerl, Tag und Nacht parat. +Ich sag' Euch, Gevatter, dass ich acht Naechte nacheinander weg +gewacht und am Tage nicht geschlafen habe. Das merkte sich aber auch +der alte Fritz, der alles wusste, was er wissen wollte. Hoere Er, +Breme, sagte er einmal, als er in eigner Person das Lazarett +visitierte, hoere Er, Breme, man sagt, dass Er an der Schlaflosigkeit +krank liege.--Ich merkte, wo das hinaus wollte; denn die andern +stunden alle dabei; ich fasste mich und sagte: Ihro Majestaet, das ist +eine Krankheit, wie ich sie allen Ihren Dienern wuensche, und da sie +keine Mattigkeit zuruecklaesst, und ich den Tag auch noch brauchbar bin, +so hoffe ich, dass Seine Majestaet deswegen keine Ungnade auf mich +werfen werden. + +Martin. +Ei, ei! Wie nahm denn das der Koenig auf? + +Breme. +Er sah ganz ernsthaft aus, aber ich sah ihm wohl an, dass es ihm wohl +gefiel. Breme, sagte er, womit vertreibt Er sich denn die Zeit? +Da fasst' ich mir wieder ein Herz und sagte: Ich denke an das, was +Ihro Majestaet getan haben und noch tun werden, und da koennt' ich +Methusalems Jahre erreichen und immer fort wachen und koennt's doch +nicht ausdenken. Da tat er, als hoert' er's nicht, und ging vorbei. +Nun war's wohl acht Jahre darnach, da fasst' er mich bei der Revue +wieder ins Auge. Wacht Er noch immer, Breme? reif er. Ihro +Majestaet, versetzt' ich, lassen einem ja im Frieden so wenig Ruh +als im Kriege. Sie tun immer so grosse Sachen, dass sich ein +gescheiter Kerl daran zuschanden denkt. + +Martin. +So habt Ihr mit dem Koenig gesprochen, Gevatter? Durfte man so mit ihm +reden? + +Breme. +Freilich durfte man so und noch ganz anders; denn er wusste alles +besser. Es war ihm einer wie der andere, und der Bauer lag ihm am +mehrsten am Herzen. Ich weiss wohl, sagte er zu seinen Ministern, +wenn sie ihm das und jenes einreden wollten, die Reichen haben viele +Advokaten, aber die Duerftigen haben nur einen, und das bin ich. + +Martin. +Wenn ich ihn doch nur auch gesehen haette! + +Breme. +Stille, ich hoere was! Es werden unsere Freunde sein. Sieh da! Peter +und Albert. + + + +Siebenter Auftritt +Peter. Albert. Die Vorigen. + +Breme. +Willkommen!--Ist Jakob nicht bei euch? + +Peter. +Wir haben uns bei den drei Linden bestellt; aber er blieb uns zu lang +aus, nun sind wir allein da. + +Albert. +Was habt Ihr uns Neues zu sagen, Meister Breme? Ist was von Wetzlar +gekommen, geht der Prozess vorwaerts? + +Breme. +Eben weil nichts gekommen ist, und weil, wenn was gekommen waere, es +auch nicht viel heissen wuerde, so wollt' ich euch eben einmal meine +Gedanken sagen: Denn ihr wisst wohl, ich nehme mich der Sachen aller, +aber nicht oeffentlich, an, bis jetzt nicht oeffentlich; denn ich darf's +mit der gnaedigen Herrschaft nicht ganz verderben. + +Peter. +Ja, wir verduerben's auch nicht gern mit ihr, wenn sie's nur halbweg +leidlich machte. + +Breme. +Ich wollte euch sagen--wenn nur Jakob da waere, dass wir alle zusammen +waeren, und dass ich nichts wiederholen muesste, und wir einig wuerden. + +Albert. +Jakob? Es ist fast besser, dass er nicht dabei ist. Ich traue ihm +nicht recht; er hat das Freiguetchen, und wenn er auch wegen der Zinsen +mit uns gleiches Interesse hat, so geht ihn doch die Strasse nichts an, +und er hat sich im ganzen Prozess gar zu laessig bewiesen. + +Breme. +Nun, so lasst's gut sein. Setzt euch und hoert mich an. (Sie setzen +sich.) + +Martin. +Ich bin recht neugierig, zu hoeren. + +Breme. +Ihr wisst, dass die Gemeinden schon vierzig Jahre lang mit der +Herrschaft einen Prozess fuehren, der auf langen Umwegen endlich nach +Wetzlar gelangt ist und von dort den Weg nicht zurueckfinden kann. Der +Gutsherr verlangt Fronen und andere Dienste, die ihr verweigert, und +mit Recht verweigert; denn es ist ein Rezess geschlossen worden mit +dem Grossvater unsers jungen Grafen--Gott erhalt' ihn!--Der sich diese +Nacht eine erschreckliche Brausche gefallen hat. + +Martin. +Eine Brausche? + +Peter. +Gerade diese Nacht? + +Albert. +Wie ist das zugegangen? + +Martin. +Das arme liebe Kind! + +Breme. +Das will ich euch nachher erzaehlen. Nun hoert mich weiter an. Nach +diesem geschlossenen Rezess ueberliessen die Gemeinden an die Herrschaft +ein paar Fleckchen Holz, einige Wiesen, einige Triften und sonst noch +Kleinigkeiten, die euch von keiner Bedeutung waren und der Herrschaft +viel nutzten; denn man sieht, der alte Graf war ein kluger Herr, aber +auch ein guter Herr. Leben und leben lassen, war sein Spruch. Er +erliess den Gemeinden dagegen einige zu entbehrende Fronen und-- + +Albert. +Und das sind die, die wir noch immer leisten muessen. + +Breme. +Und machte ihnen einige Konvenienzen-- + +Martin. +Die wir noch nicht geniessen. + +Breme. +Richtig, weil der Graf starb, die Herrschaft sich in Besitz dessen +setzte, was ihr zugestanden war, der Krieg einfiel, und die Untertanen +noch mehr tun mussten, als sie vorher getan hatten. + +Peter. +Es ist akkurat so; so hab' ich's mehr als einmal aus des Advokaten +Munde gehoert. + +Breme. +Und ich weiss es besser als der Advokat, denn ich sehe weiter. Der +Sohn des Grafen, der verstorbene gnaedige Herr, wurde eben um die Zeit +volljaehrig. Das war, bei Gott! Ein wilder boeser Teufel, der wollte +nichts herausgeben und misshandelte euch ganz erbaermlich. Er war im +Besitz, der Rezess war fort und nirgends zu finden. + +Albert. +Waere nicht noch die Abschrift da, die unser verstorbener Pfarrer +gemacht hat, wir wuessten kaum etwas davon. + +Breme. +Diese Abschrift ist euer Glueck und euer Unglueck. Diese Abschrift gilt +alles vor jedem billigen Menschen, vor Gericht gilt sie nichts. +Haettet ihr diese Abschrift nicht, so waeret ihr ungewiss in dieser +Sache. Haette man diese Abschrift der Herrschaft nicht vorgelegt, so +wuesste man nicht, wie ungerecht sie denkt. + +Martin. +Da muesst Ihr auch wieder billig sein. Die Graefin leugnet nicht, dass +vieles fuer uns spricht; nur weigert sie sich, den Vergleich einzugehen, +weil sie, in Vormundschaft ihres Sohnes, sich nicht getraut, so etwas +abzuschliessen. + +Albert. +In Vormundschaft ihres Sohnes! Hat sie nicht den neuen Schlossfluegel +bauen lassen, den er vielleicht sein Lebtage nicht bewohnt; denn er +ist nicht gern in dieser Gegend. + +Peter. +Und besonders, da er nun eine Brausche gefallen hat. + +Albert. +Hat sie nicht den grossen Garten und die Wasserfaelle anlegen lassen, +worueber ein paar Muehlen haben muessen weggekauft werden? Das getraut +sie sich alles in Vormundschaft zu tun, aber das Rechte, das Billige, +das getraut sie sich nicht. + +Breme. +Albert, du bist ein wackerer Mann; so hoer' ich gern reden, und ich +gestehe wohl, wenn ich von unserer gnaedigen Graefin manches Gute +geniesse und deshalb mich fuer ihren untertaenigen Diener bekenne, so +moecht' ich doch auch darin meinen Koenig nachahmen und euer Sachwalter +sein. + +Peter. +Das waere recht schoen. Macht nur, dass unser Prozess bald aus wird! + +Breme. +Das kann ich nicht, das muesst ihr. + +Peter. +Wie waere denn das anzugreifen? + +Breme. +Ihr guten Leute wisst nicht, dass alles in der Welt vorwaerts geht, +dass heute moeglich ist, was vor zehn Jahren nicht moeglich war. Ihr +wisst nicht, was jetzt alles unternommen, was alles ausgefuehrt wird. + +Martin. +O ja, wir wissen, dass in Frankreich jetzt wunderliches Zeug geschieht. + +Peter. +Wunderliches und Abscheuliches! + +Albert. +Wunderliches und Gutes. + +Breme. +So recht, Albert, man muss das Beste waehlen! Da sag' ich nun: Was +man in Guete nicht haben kann, soll man mit Gewalt nehmen. + +Martin. +Sollte das gerade das beste sein? + +Albert. +Ohne Zweifel. + +Peter. +Ich daechte nicht. + +Breme. +Ich muss euch sagen, Kinder: Jetzt oder niemals! + +Albert. +Da duerft Ihr uns in Wiesengruben nicht viel vorschwatzen; dazu sind +wir fix und fertig. Unsere Leute wollten laengst rebellern; ich habe +nur immer abgewehrt, weil mir Herr Breme immer sagte, es sei noch +nicht Zeit, und das ist ein gescheiter Mann, auf den ich Vertrauen +habe. + +Breme. +Gratias, Gevatter, und ich sage euch: Jetzt ist es Zeit. + +Albert. +Ich glaub's auch. + +Peter. +Nehmt mir's nicht uebel, das kann ich nicht einsehen; denn, wenn's gut +Aderlassen ist, gut Purgieren, gut Schroepfen, das steht im Kalender, +und darnach weiss ich mich zu richten; aber wenn's just gut Rebellern +sei, das, glaub' ich, ist viel schwerer zu sagen. + +Breme. +Das muss unsereiner verstehen. + +Albert. +Freilich versteht Ihr's. + +Peter. +Aber sagt mir nur, woher's eigentlich kommt, dass Ihr's besser +versteht als andere gescheite Leute? + +Breme (gravitaetisch). +Erstlich, mein Freund, weil schon vom Grossvater an meine Familie die +groessten politischen Einsichten erwiesen. Hier dieses Bildnis zeigt +euch meinen Grossvater Hermann Breme von Bremenfeld, der, wegen grosser +und vorzueglicher verdienste zum Buergermeister seiner Vaterstadt +erhoben, ihr die groessten und wichtigsten Dienste geleistet hat. Dort +schwebt sein Andenken noch in Ehren und Segen, wenngleich boshafte, +pasquillantische Schauspieldichter seine grossen Talente und gewisse +Eigenheiten, die er an sich haben mochte, nicht sehr glimpflich +behandelten. Seine tiefe Einsicht in die ganze politische und +militaerische Lage von Europa wird ihm selbst von seinen Feinden nicht +abgesprochen. + +Peter. +Es war ein huebscher Mann, er sieht recht wohlgenaehrt aus. + +Breme. +Freilich genoss er ruhigere Tage als sein Enkel. + +Martin. +Habt Ihr nicht auch das Bildnis Eures Vaters? + +Breme. +Leider, nein! Doch muss ich euch sagen: Die Natur, indem sie meinen +Vater Jost Breme von Bremenfeld hervorbrachte, hielt ihre Kraefte +zusammen, um euren Freund mit solchen Gaben auszuruesten, durch die er +euch nuetzlich zu werden wuenscht. Doch behuete der Himmel, dass ich +mich ueber meine Vorfahren erheben sollte; es wird uns jetzt viel +leichter gemacht, und wir koennen mit geringern natuerlichen Vorzuegen +eine grosse Rolle spielen. + +Martin. +Nicht zu bescheiden, Gevatter! + +Breme. +Es ist lautre Wahrheit. Sind nicht jetzt der Zeitungen, der +Monatsschriften, der fliegenden Blaetter so viel, aus denen wir uns +unterrichten, an denen wir unsern Verstand ueben koennen! Haette mein +seliger Grossvater nur den tausendsten Teil dieser Hilfsmittel gehabt, +er waere ein ganz anderer Mann geworden. Doch, Kinder, was rede ich +von mir! Die Zeit vergeht, und ich fuerchte, der Tag bricht an. Der +Hahn macht uns aufmerksam, dass wir uns kurz fassen sollen. Habt ihr +Mut? + +Albert. +An mir und den Meinigen soll's nicht fehlen. + +Peter. +Unter den Meinigen findet sich wohl einer, der sich an die Spitze +stellt; ich verbitte mir den Auftrag. + +Martin. +Seit den paar letzten Predigten, die der Magister hielt, weil der alte +Pfarrer so krank liegt, ist das ganze grosse Dorf hier in Bewegung. + +Breme. +Gut! So kann was werden. Ich habe ausgerechnet, dass wir ueber +sechshundert Mann stellen koennen. Wollt ihr, so ist in der naechsten +Nacht alles getan. + +Martin. +In der naechsten Nacht? + +Breme. +Es soll nicht wieder Mitternacht werden, und ihr sollt wieder haben +alles, was euch gebuehrt, und mehr dazu. + +Peter. +So geschwind? Wie waere das moeglich? + +Albert. +Geschwind oder gar nicht. + +Breme. +Die Graefin kommt heute an, sie darf sich kaum besinnen. Rueckt nur bei +einbrechender Nacht vor das Schloss und fordert eure Rechte, fordert +eine neue Ausfertigung des alten Reverses, macht euch noch einige +kleine Bedingungen, die ich euch schon angeben will, lasst sie +unterschreiben, lasst sie schwoeren, und so ist alles getan. + +Peter. +Vor einer solchen Gewalttaetigkeit zittern mir Arm' und Beine. + +Albert. +Narr! Wer Gewalt braucht, darf nicht zittern. + +Martin. +Wie leicht koennen sie uns aber ein Regiment Dragoner ueber den Hals +ziehen. So arg duerfen wir's doch nicht machen. Das Militaer, der +Fuerst, die Regierung wuerden uns schoen zusammenarbeiten. + +Breme. +Gerade umgekehrt. Das ist's eben, worauf ich fusse. Der Fuerst ist +unterrichtet, wie sehr das Volk bedruckt sei. Er hat sich ueber die +Unbilligkeit des Adels, ueber die Langweiligkeit der Prozesse, ueber die +Schikane der Gerichtshalter und Advokaten oft genug deutlich und stark +erklaert, so dass man voraussetzen kann: Er wird nicht zurueck, wenn man +sich Recht verschafft, da er es selbst zu tun gehindert ist. + +Peter. +Sollte das gewiss sein? + +Albert. +Es wird im ganzen Lande davon gesprochen. + +Peter. +Da waere noch allenfalls was zu wagen. + +Breme. +Wie ihr zu Werke gehen muesst, wie vor allen Dingen der abscheuliche +Gerichtshalter beiseite muss, und auf wen noch mehr genau zu sehen ist, +das sollt ihr alles noch vor Abend erfahren. Bereitet eure Sachen +vor, regt eure Leute an und seid mir um Sechse beim Herrenbrunnen. +Dass Jakob nicht kommt, macht ihn verdaechtig; ja, es ist besser, dass +er nicht gekommen ist. Gebt auf ihn acht, dass er uns wenigstens +nicht schade; an dem Vorteil, den wir uns erwerben, wird er schon +teilnehmen wollen. Es wird Tag; lebt wohl und bedenkt nur, dass, was +geschehen soll, schon geschehen ist. Die Graefin kommt eben erst von +Paris zurueck, wo sie das alles gesehn und gehoert hat, was wir mit so +vieler Verwunderung lesen; vielleicht bringt sie schon selbst mildere +Gesinnungen mit, wenn sie gelernt hat, was Menschen, die zu sehr +gedruckt werden, endlich fuer ihre Rechte tun koennen und muessen. + +Martin. +Lebt wohl, Gevatter, lebt wohl! Punkt Sechse bin ich am Herrenbrunnen. + + +Albert. +Ihr seid ein tuechtiger Mann! Lebt wohl. + +Peter. +Ich will Euch recht loben, wenn's gut ablaeuft. + +Martin. +Wir wissen nicht, wie wir's Euch danken sollen. + +Breme (mit Wuerde). +Ihr habt Gelegenheit genug, mich zu verbinden. Das kleine Kapital zum +Exempel von zweihundert Talern, das ich der Kirche schuldig bin, +erlasst ihr mir ja wohl. + +Martin. +Das soll uns nicht reuen. + +Albert. +Unsere Gemeine ist wohlhabend und wird auch gern was fuer Euch tun. + +Breme. +Das wird sich finden. Das schoene Fleck, das Gemeindegut war und das +der Gerichtshalter zum Garten einzaeunen und umarbeiten lassen, das +nehmt ihr wieder in Besitz und ueberlasst mir's. + +Albert. +Das wollen wir nicht ansehen, das ist schon verschmerzt. + +Peter. +Wir wollen auch nicht zurueckbleiben. + +Breme. +Ihr habt selbst einen huebschen Sohn und schoenes Gut; dem koennt' ich +meine Tochter geben. Ich bin nicht stolz, glaubt mir, ich bin nicht +stolz. Ich will Euch gern meinen Schwaeher heissen. + +Peter. +Das Mamsellchen ist huebsch genug; nur ist sie schon zu vornehm erzogen. + + +Breme. +Nicht vornehm, aber gescheit. Sie wird sich in jeden Stand zu finden +wissen. Doch darueber laesst sich noch vieles reden. Lebt jetzt wohl, +meine Freunde, lebt wohl! + +Alle. +So lebt denn wohl! + + + + +Zweiter Aufzug + + + +Erster Auftritt +(Vorzimmer der Graefin. Sowohl im Fond als an den Seiten haengen adlige +Familienbilder in mannigfaltigen geistlichen und weltlichen Kostuemen.) + +Der Amtmann tritt herein, und indem er sich umsieht, ob niemand da ist, +kommt Luise von der andern Seite. + +Amtmann. +Guten Morgen, Demoiselle! Sind Ihro Exzellenz zu sprechen? Kann ich +meine untertaenigste Devotion zu Fuessen legen? + +Luise. +Verziehen Sie einigen Augenblick, Herr Amtmann. Die Frau Graefin wird +gleich herauskommen. Die Beschwerlichkeiten der Reise und das +Schrecken bei der Ankunft haben einige Ruhe noetig gemacht. + +Amtmann. +Ich bedaure von ganzem Herzen! Nach einer so langen Abwesenheit, nach +einer so beschwerlichen Reise ihren einzig geliebten Sohn in einem so +schrecklichen Zustande zu finden! Ich muss gestehen, es schaudert +mich, wenn ich nur daran denke. Ihro Exzellenz waren wohl sehr +alteriert? + +Luise. +Sie koennen sich leicht vorstellen, was eine zaertliche sorgsame Mutter +empfinden musste, als sie ausstieg, ins Haus trat und da die +Verwirrung fand, nach ihrem Sohne fragte und aus ihrem Stocken und +Stottern leicht schliessen konnte, dass ihm ein Unglueck begegnet sei. + +Amtmann. +Ich bedaure von Herzen. Was finden Sie an? + +Luise. +Wir mussten nur geschwind alles erzaehlen, damit sie nicht etwas +Schlimmeres besorgte; wir mussten sie zu dem Kinde fuehren, das mit +verbundenem Kopf und blutigen Kleidern dalag. Wir hatten nur fuer +Umschlaege gesorgt und ihn nicht ausziehen koennen. + +Amtmann. +Es muss ein schrecklicher Anblick gewesen sein. + +Luise. +Sie blickte hin, tat einen lauten Schrei und fiel mir ohnmaechtig in +die Arme. Sie war untroestlich, als sie wieder zu sich kam, und wir +hatten alle Muehe, sie zu ueberfuehren, dass das Kind sich nur eine +starke Beule gefallen, dass es aus der Nase blutet, und dass keine +Gefahr sei. + +Amtmann. +Ich moechte' es mit dem Hofmeister nicht teilen, der das gute Kind so +vernachlaessigt. + +Luise. +Ich wunderte mich ueber die Gelassenheit der Graefin, besonders da er +den Vorfall leichter behandelte, als es ihm in dem Augenblick geziemte. + + +Amtmann. +Sie ist gar zu gnaedig, gar zu nachsichtig. + +Luise. +Aber sie kennt ihre Leute und merkt sich alles. Sie weiss, wer ihr +redlich und treu dient; sie weiss, wer nur dem Schein nach ihr +untertaeniger Knecht ist. Sie kennt die Nachlaessigen so gut als die +Falschen, die Unklugen sowohl als die Boesartigen. + +Amtmann. +Sie sagen nicht zu viel; es ist eine vortreffliche Dame, aber +ebendeswegen! Der Hofmeister verdiente doch, dass sie ihn geradezu +wegschickte. + +Luise. +In allem, was das Schicksal des Menschen betrifft, geht sie langsam zu +Werke, wie es einem Grossen geziemt. Es ist nichts schrecklicher als +Macht und Uebereilung. + +Amtmann. +Aber Macht und Schwaeche sind auch ein trauriges Paar. + +Luise. +Sie werden der gnaedigen Graefin nicht nachsagen, dass sie schwach sei. + +Amtmann. +Behuete Gott, dass ein solcher Gedanke einem alten treuen Diener +einfallen sollte! Aber es ist denn doch erlaubt, zum Vorteil seiner +gnaedigen Herrschaft zu wuenschen, dass man manchmal mit mehr Strenge +gegen Leute zu Werke gehe, die mit Strenge behandelt sein wollen. + +Luise. +Die Frau Graefin! (Luise tritt ab.) + + + +Zweiter Auftritt +Die Graefin im Neglige. Der Amtmann. + +Amtmann. +Euer Exzellenz haben zwar auf eine angenehme Weise, doch unvermutet +Ihre Dienerschaft ueberrascht, und wir bedauern nur, dass Dieselben bei +Ihrer Ankunft durch einen so traurigen Anblick erschreckt worden. Wir +hatten alle Anstalten zu Dero Empfang gemacht: Das Tannenreisig zu +einer Ehrenpforte liegt wirklich schon im Hofe; die saemtlichen +Gemeinden wollten reihenweise an dem Wege stehen und Hochdieselben mit +einem lauten Vivat empfangen, und jeder freute sich schon, bei einer +so feierlichen Gelegenheit seinen Festtagsrock anzuziehen und sich und +seine Kinder zu putzen. + +Graefin. +Es ist mir lieb, dass die guten Leute sich nicht zu beiden Seiten des +Wegs gestellt haben; ich haette ihnen unmoeglich ein freundlich Gesicht +machen koennen und Ihnen am wenigsten, Herr Amtmann! + +Amtmann. +Wie so? Wodurch haben wir Euer Exzellenz Ungnade verdient? + +Graefin. +Ich kann nicht leugnen, ich war sehr verdriesslich, als ich gestern auf +den abscheulichen Weg kam, der gerade da anfaengt, wo meine Besitzungen +angehen. Die grosse Reise hab' ich fast auf lauter guten Wegen +vollbracht, und eben, da ich wieder in das Meinige zurueckkomme, find' +ich sie nicht nur schlechter wie vorm Jahr, sondern so abscheulich, +dass sie alle Uebel einer schlechten Chaussee verbinden. Bald tief +ausgefahren Loecher, in die der Wagen umzustuerzen droht, aus denen die +Pferde mit aller Gewalt ihn kaum herausreissen, bald Steine ohne +Ordnung uebereinander geworfen, dass man eine Viertelstunde lang selbst +in dem bequemsten Wagen aufs unertraeglichste zusammengeschuettelt wird. +Es sollte mich wundern, wenn nichts daran beschaedigt waere. + +Amtmann. +Euer Exzellenz werden mich nicht ungehoert verdammen; nur mein eifriges +Bestreben, von Euer Exzellenz Gerechtsamen nicht das mindeste zu +vergeben, ist Ursache an diesem ueblen Zustande des Wegs. + +Graefin. +Ich verstehe.-- + +Amtmann. +Sie erlauben, Ihrer tiefen Einsicht nur anheim zu stellen, wie wenig +es mir haette ziemen wollen, den widerspenstigen Bauern auch nur ein +Haarbreit nachzugeben. Sie sind schuldig, die Wege zu bessern, und da +Euer Exzellenz Chaussee befehlen, sind sie auch schuldig, die Chaussee +zu machen. + +Graefin. +Einige Gemeinden waren ja willig. + +Amtmann. +Das ist eben das Unglueck. Sie fuhren die Steine an; als aber die +uebrigen, widerspenstigen sich weigerten und auch jene widerspenstig +machten, blieben die Steine liegen und wurden nach und nach, teils aus +Notwendigkeit, teils aus Mutwillen, in die Gleise geworfen, und da ist +nun der Weg freilich ein bisschen holprig geworden. + +Graefin. +Sie nennen das ein wenig holprig? + +Amtmann. +Verzeihen Euer Exzellenz, wenn ich sogar sage, dass ich diesen Weg +oefters mit vieler Zufriedenheit zuruecklege. Es ist ein vortreffliches +Mittel gegen die Hypochondrie, sich dergestalt zusammenschuetteln zu +lassen. + +Graefin. +Das, gesteh' ich, ist eine eigne Kurmethode. + +Amtmann. +Und freilich, da nun eben wegen dieses Streites, welcher vor dem +Kaiserlichen Reichskammergericht auf das eifrigste betrieben wird, +seit einem Jahr an keine Wegebesserung zu denken gewesen, und ueberdies +die Holzfuhren stark gehen, in diesen letzten Tagen auch anhaltendes +Regenwetter eingefallen, so moechte denn freilich jemanden, der gute +Chausseen gewohnt ist, unsere Strasse gewissermassen impraktikable +vorkommen. + +Graefin. +Gewissermassen? Ich daechte ganz und gar. + +Amtmann. +Euer Exzellenz beleiben zu scherzen. Man kommt doch noch immer fort-- + +Graefin. +Wenn man nicht liegen bleibt. Und doch hab' ich an der Meile sechs +Stunden zugebracht. + +Amtmann. +Ich, vor einigen Tagen, noch laenger. Zweimal wurd' ich gluecklich +herausgewunden, das dritte Mal brach ein Rad, und ich musste mich noch +nur so hereinschleppen lassen. Aber bei allen diesen Unfaellen war ich +getrost und gutes Muts; denn ich bedachte, dass Euer Exzellenz und +Ihres Herrn Sohnes Gerechtsame salviert sind. Aufrichtig gestanden, +ich wollte auf solchen Wegen lieber von hier nach Paris fahren, als +nur einen Fingerbreit nachgeben, wenn die Rechte und Befugnisse meiner +gnaedigen Herrschaft bestritten werden. Ich wollte daher, Euer +Exzellenz daechten auch so, und Sie wuerden gewiss diesen Weg nicht mit +so viel Unzufriedenheit zurueckgelegt haben. + +Graefin. +Ich muss sagen, darin bin ich anderer Meinung, und gehoerten diese +Besitztuemer mir eigen, muesste ich mich nicht bloss als Verwalterin +ansehen, so wuerde ich ueber manche Bedenklichkeit hinausgehen, ich +wuerde mein Herz hoeren, das mir Billigkeit gebietet, und meinen +Verstand, der mich einen wahren Vorteil von einem scheinbaren +unterscheiden lehrt. Ich wuerde grossmuetig sein, wie es dem gar wohl +ansteht, der Macht hat. Ich wuerde mich hueten, unter dem Scheine des +Rechts auf Forderungen zu beharren, die ich durchzusetzen kaum +wuenschen muesste, und die, indem ich Widerstand finde, mir auf +lebenslang den voelligen Genuss eines Besitzes rauben, den ich auf +billige Weise verbessern koennte. Ein leidlicher Vergleich und der +unmittelbare Gebrauch sind besser als eine wohl gegruendete Rechtssache, +die mir Verdruss macht, und von der ich nicht einmal den Vorteil fuer +meine Nachkommen einsehe. + +Amtmann. +Euer Exzellenz erlauben, dass ich darin der entgegen gesetzten Meinung +sein darf. Ein Prozess ist eine so reizende Sache, dass, wenn ich +reich waere, ich eher einige kaufen wuerde, um nicht ganz ohne dieses +Vergnuegen zu leben. (Amtmann tritt ab.) + +Graefin. +Es scheint, dass er seine Lust an unsern Besitztuemern buessen will. + + + +Dritter Auftritt +Graefin. Magister. + +Magister. +Darf ich fragen, gnaedige Graefin, wie sie sich befinden? + +Graefin. +Wie Sie denken koennen, nach der Alteration, die mich bei meinem +Eintritt ueberfiel. + +Magister. +Es tat mir herzlich Leid; doch, hoff' ich, soll es von keinen Folgen +sein. Ueberhaupt aber kann Ihnen schwerlich der Aufenthalt hier so +bald angenehm werden, wenn Sie ihn mit dem vergleichen, den Sie vor +kurzem genossen haben. + +Graefin. +Es hat auch grosse Reize, wieder zu Hause bei den Seinigen zu wohnen. + +Magister. +Wie oftmals hab' ich Sie um das Glueck beneidet, gegenwaertig zu sein, +als die groessten Handlungen geschahen, die je die Welt gesehen hat, +Zeuge zu sein des seligen Taumels, der eine grosse Nation in dem +Augenblick ergriff, als sie sich zum ersten Mal frei und von den +Ketten entbunden fuehlte, die sie so lange getragen hatte, dass diese +schwere fremde Last gleichsam ein Glied ihres elenden, kranken Koerpers +geworden. + +Graefin. +Ich habe wunderbare Begebenheiten gesehen, aber wenig Erfreuliches. + +Magister. +Wenngleich nicht fuer die Sinne, doch fuer den Geist. Wer aus grossen +Absichten fehl greift, handelt immer lobenswuerdiger, als wer dasjenige +tut, was nur kleinen Absichten gemaess ist. Man kann auf dem rechten +Wege irren und auf dem falschen recht gehen-- -- + + + +Vierter Auftritt +Die Vorigen. Luise. + +(Durch die Ankunft dieses vorzueglichen Frauenzimmers wird die +Lebhaftigkeit des Gespraechs erst gemildert und sodann die Unterredung +von dem Gegenstande gaenzlich abgelenkt. Der Magister, der nun weiter +kein Interesse findet, entfernt sich, und das Gespraech unter den +beiden Frauenzimmern setzt sich fort, wie folgt.) + +Graefin. +Was macht mein Sohn? Ich war eben im Begriff, zu ihm zu gehen. + +Luise. +Er schlaeft recht ruhig, und ich hoffe, er wird bald wieder +herumspringen und in kurzer Zeit keine Spur der Beschaedigung mehr +uebrig sein. + +Graefin. +Das Wetter ist gar zu uebel, sonst ging' ich in den Garten. Ich bin +recht neugierig, zu sehen, wie alles gewachsen ist, und wie der +Wasserfall, wie die Bruecke und die Felsenkluft sich jetzt ausnehmen. + +Luise. +Es ist alles vortrefflich gewachsen; die Wildnisse, die Sie angelegt +haben, scheinen natuerlich zu sein; sie bezaubern jeden, der sie zum +ersten Mal sieht, und auch mir geben sie noch immer in einer stillen +Stunde einen angenehmen Aufenthalt. Doch muss ich gestehen, dass ich +in der Baumschule unter den fruchtbaren baeumen lieber bin. Der +Gedanke des Nutzens fuehrt mich aus mir selbst heraus und gibt mir eine +Froehlichkeit, die ich sonst nicht empfinde. Ich kann saeen, pfropfen, +okulieren; und wenngleich mein Auge keine malerische Wirkung empfindet, +so ist mir doch der Gedanke von Fruechten hoechst reizend, die einmal +und wohl bald jemanden erquicken werden. + +Graefin. +Ich schaetze Ihre guten haeuslichen Gesinnungen. + +Luise. +Die einzigen, die sich fuer den Stand schicken, der ans Notwendige zu +denken hat, dem wenig Willkuer erlaubt ist. + +Graefin. +Haben Sie den Antrag ueberlegt, den ich Ihnen in meinem letzten Briefe +tat? Koennen Sie sich entschliessen, meiner Tochter Ihre Zeit zu widmen, +als Freundin, als Gesellschafterin mit ihr zu leben? + +Luise. +Ich habe kein Bedenken, gnaedige Graefin. + +Graefin. +Ich hatte viel Bedenken, Ihnen den Antrag zu tun. Die wilde und +unbaendige Gemuetsart meiner Tochter macht ihren Umgang unangenehm und +oft sehr verdriesslich. So leicht mein Sohn zu behandeln ist, so +schwer ist es meine Tochter. + +Luise. +Dagegen ist ihr edles Herz, ihre Art, zu handeln, aller Achtung wert. +Sie ist heftig, aber bald zu besaenftigen, unbillig, aber gerecht, +stolz, aber menschlich. + +Graefin. +Hierin ist sie ihrem Vater-- + +Luise. +Aeusserst aehnlich. Auf eine sehr sonderbare Weise scheint die Natur in +der Tochter den rauen Vater, in dem Sohne die zaertliche Mutter wieder +hervorgebracht zu haben. + +Graefin. +Versuchen Sie, Luise, dieses wilde, aber edle, Feuer zu daempfen. Sie +besitzen alle Tugenden, die ihr fehlen. In Ihrer Naehe, durch Ihr +Beispiel wird sie gereizt werden, sich nach einem Muster zu bilden, +das so liebenswuerdig ist. + +Luise. +Sie beschaemen mich, gnaedige Graefin. Ich kenne an mir keine Tugend als +die, dass ich mich bisher in mein Schicksal zu finden wusste, und +selbst diese hat kein Verdienst mehr, seitdem Sie, gnaedige Graefin, so +viel getan haben, um es zu erleichtern. Sie tun jetzt noch mehr, da +Sie mich naeher an sich heranziehen. Nach dem Tode meines Vaters und +dem Umsturz meiner Familie habe ich vieles entbehren lernen, nur nicht +gesitteten und verstaendigen Umgang. + +Graefin. +Bei Ihrem Onkel muessen Sie von dieser Seite viel ausstehen. + +Luise. +Es ist ein guter Mann; aber seine Einbildung macht ihn oft hoechst +albern, besonders seit der letzten Zeit, da jeder ein Recht zu haben +glaubt, nicht nur ueber die grossen Welthaendel zu reden, sondern auch +darin mitzuwirken. + +Graefin. +Es geht ihm wie sehr vielen. + +Luise. +Ich habe manchmal meine Bemerkungen im stillen darueber gemacht. Wer +die Menschen nicht kennte, wuerde sie jetzt leicht kennen lernen. So +viele nehmen sich der Sache der Freiheit, der allgemeinen Gleichheit +an, nur um fuer sich eine Ausnahme zu machen, nur um zu wirken, es sei, +auf welche Art es wolle. + +Graefin. +Sie haetten nichts mehr erfahren koennen, und wenn Sie mit mir in Paris +gewesen waeren. + + + +Fuenfter Auftritt +Friederike. Der Baron. Die Vorigen. + +Friederike. +Hier, liebe Mutter, ein Hase und zwei Feldhuehner! Ich habe die drei +Stuecke geschossen, der Vetter hat immer gepudelt. + +Graefin. +Du siehst wild aus, Friederike; wie du durchnaesst bist! + +Friederike (das Wasser vom Hute abschwingend). +Der erste glueckliche Morgen, den ich seit langer Zeit gehabt habe. + +Baron. +Sie jagt mich nun schon vier Stunden im Felde herum. + +Friederike. +Es war eine rechte Lust. Gleich nach Tische wollen wir wieder hinaus. + + +Graefin. +Wenn du's so heftig treibst, wirst du es blad ueberdruessig werden. + +Friedericke. +Geben Sie mir das Zeugnis, liebe Mama! Wie oft hab' ich mich aus +Paris wieder nach unsern Revieren gesehnt. Die Opern, die Schauspiele, +die Gesellschaften, die Gastereien, die Spaziergaenge, was ist das +alles gegen einen einzigen vergnuegten Tag auf der Jagd, unter freiem +Himmel, auf unsern Bergen, wo wir eingeboren und eingewohnt sind.--Wir +muessen ehesten tags hetzen, Vetter. + +Baron. +Sie werden noch warten muessen, die Frucht ist noch nicht aus dem Felde. + + +Friederike. +Was will das viel schaden? Es ist fast von gar keiner Bedeutung. +Sobald es ein bisschen auftrocknet, wollen wir hetzen. + +Graefin. +Geh, zieh dich um! Ich vermute, dass wir zu Tische noch einen Gast +haben, der sich nur kreuz Zeit bei uns aufhalten kann. + +Baron. +Wird der Hofrat kommen? + +Graefin. +Er versprach mir, heute wenigstens auf ein Stuendchen einzusprechen. +Er geht auf Kommission. + +Baron. +Es sind einige Unruhen im Lande. + +Graefin. +Es wird nichts zu bedeuten haben, wenn man sich nur vernuenftig gegen +die Menschen betraegt und ihnen ihren wahren Vorteil zeigt. + +Friederike. +Unruhen? Wer will Unruhen anfangen? + +Baron. +Missvergnuegte Bauern, die von ihren Herrschaften gedruckt werden, und +die leicht Anfuehrer finden. + +Friederike. +Die muss man auf den Kopf schiessen. (Sie macht Bewegungen mit der +Flinte.) Sehen Sie, gnaedige Mama, wie mir der Magister die Flinte +verwahrlost hat! Ich wollte sie doch mitnehmen, und da Sie es nicht +erlaubten, wollte ich sie dem Jaeger aufzuheben geben. Da bat mich der +Graurock so instaendig, sie ihm zu lassen: Sie sei so leicht, sagt' er, +so bequem, er wolle sie so gut halten, er wolle so oft auf die Jagd +gehen. Ich ward ihm wirklich gut, weil er so oft auf die Jagd gehen +wollte, und nun, sehen Sie, find' ich sie heute in der Gesindestube +hinterm Ofen. Wie das aussieht! Sie wird in meinem Leben nicht +wieder rein. + +Baron. +Er hatte die Zeit her mehr zu tun; er arbeitet mit an der allgemeinen +Gleichheit, und da haelt er wahrscheinlich die Hasen auch mit fuer +seinesgleichen und scheut sich, ihnen was zuleide zu tun. + +Graefin. +Zieht euch an, Kinder, damit wir nicht zu warten brauchen. Sobald der +Hofrat kommt, wollen wir essen. (Ab.) + +Friederike (ihre Flinte besehend). +Ich habe die franzoesische Revolution schon so oft verwuenscht, und +jetzt tu' ich's doppelt und dreifach. Wie kann mir nun der Schaden +ersetzt werden, dass meine Flinte rostig ist? + + + + +Dritter Aufzug + + + +Erster Auftritt +(Saal im Schlosse.) + +Graefin. Hofrat. + +Graefin. +Ich geb' es Ihnen recht aufs Gewissen, teurer Freund. Denken Sie nach, +wie wir diesem unangenehmen Prozesse ein Ende machen. Ihre grosse +Kenntnis der Gesetze, Ihr Verstand und Ihre Menschlichkeit helfen +gewiss ein Mittel finden, wie wir aus dieser widerlichen Sache +scheiden koennen. Ich habe es sonst leichter genommen, wenn man +unrecht hatte und im Besitz war: Je nun, dacht' ich, es geht ja +wohl so hin, und wer hat, ist am besten dran. Seitdem ich aber +bemerkt habe, wie sich Unbilligkeit von Geschlecht zu Geschlecht so +leicht aufhaeuft, wie grossmuetige Handlungen meistenteils nur persoenlich +sind, und der Eigennutz allein gleichsam erblich wird; seitdem ich mit +Augen gesehen habe, dass die menschliche Natur auf einen unglaublichen +Grad gedrueckt und erniedrigt, aber nicht unterdrueckt und vernichtet +werden kann: So habe ich mir fest vorgenommen, jede einzelne Handlung, +die mir unbillig scheint, selbst streng zu vermeiden und unter den +Meinigen, in Gesellschaft, bei Hofe, in der Stadt ueber solche +Handlungen meine Meinung laut zu sagen. Zu keiner Ungerechtigkeit +will ich mehr schweigen, keine Kleinheit unter einem grossen Scheine +ertragen, und wenn ich auch unter dem verhassten Namen einer +Demokratin verschrien werden sollte. + +Hofrat. +Es ist schoen, gnaedige Graefin, und ich freue mich, Sie wieder zu finden, +wie ich Abschied von Ihnen genommen, und noch ausgebildeter. Sie +waren eine Schuelerin der grossen Maenner, die uns durch ihre Schriften +in Freiheit gesetzt haben, und nun finde ich in Ihnen einen Zoegling +der grossen Begebenheiten, die uns einen lebendigen Begriff geben von +allem, was der wohl denkende Staatsbuerger wuenschen und verabscheuen +muss. Es ziemt Ihnen, Ihrem eigenen Stande Widerpart zu halten. Ein +jeder kann nur seinen eignen Stand beurteilen und tadeln. Aller Tadel +heraufwaerts oder hinabwaerts ist mit Nebenbegriffen und Kleinigkeiten +vermischt, man kann nur durch seinesgleichen gerichtet werden. Aber +ebendeswegen, weil ich ein Buerger bin, der es zu bleiben denkt, der +das grosse Gewicht des hoeheren Standes im Staate anerkennt und zu +schaetzen Ursache hat, bin ich auch unversoehnlich gegen die kleinlichen +neidischen Neckereien, gegen den blinden Hass, der nur aus eigner +Selbstigkeit erzeugt wird, praetentios Praetentionen bekaempft, sich ueber +Formalitaeten formalisiert und, ohne selbst Realitaet zu haben, da nur +Schein sieht, wo er Glueck und Folge sehen koennte. Wahrlich! Wenn +alle Vorzuege gelten sollen, Gesundheit, Schoenheit, Jugend, Reichtum, +Verstand, Talente, Klima, warum soll der Vorzug nicht auch irgendeine +Art von Gueltigkeit haben, dass ich von einer Reihe tapferer, bekannter, +ehrenvoller Vaeter entsprungen bin! Das will ich sagen da, wo ich +eine Stimme habe, und wenn man mir auch den verhassten Namen eines +Aristokraten zueignete. + +(Hier findet sich eine Luecke, welche wir durch Erzaehlung ausfuellen. +Der trockne Ernst dieser Szene wird dadurch gemildert, dass der Hofrat +seine Neigung zu Luisen bekennt, indem er sich bereit zeigt, ihr seine +Hand zu geben. Ihre fruehern Verhaeltnisse, vor dem Umsturz, den +Luisens Familie erlitt, kommen zur Sprache, sowie die stillen +Bemuehungen des vorzueglichen Mannes, sich und zugleich Luisen eine +Existenz zu verschaffen. + +Eine Szene zwischen der Graefin, Luisen und dem Hofrat gibt Gelegenheit, +drei schoene Charaktere naeher kennen zu lernen und uns fuer das, was +wir in den naechsten Auftritten erdulden sollen, vorlaeufig einigermassen +zu entschaedigen. Denn nun versammelt sich um den Teetisch, wo Luise +einschenkt, nach und nach das ganze Personal des Stuecks, so dass +zuletzt auch die Bauern eingefuehrt werden. Da man sich nun nicht +enthalten kann, von Politik zu sprechen, so tut der Baron, welcher +Leichtsinn, Frevel und Spott nicht verbergen kann, den Vorschlag, +sogleich eine Nationalversammlung vorzustellen. Der Hofrat wird zum +Praesidenten erwaehlt, und die Charaktere der Mitspielenden, wie man sie +schon kennt, entwickeln sich freier und heftiger. Die Graefin, das +Soehnchen mit verbundenem Kopfe neben sich, stellt die Fuerstin vor, +deren Ansehen geschmaelert werden soll und die aus eigenen liberalen +Gesinnungen nachzugeben geneigt ist. Der Hofrat, verstaendig und +gemaessigt, sucht ein Gleichgewicht zu erhalten, ein Bemuehen, das jeden +Augenblick schwieriger wird. Der Baron spielt die Rolle des Edelmanns, +der von seinem Stande abfaellt und zum Volke uebergeht. Durch seine +schelmische Verstellung werden die andern gelockt, ihr Innerstes +hervorzukehren. Auch Herzensangelegenheiten mischen sich mit ins +spiel. Der Baron verfehlt nicht, Karolinen die schmeichelhaftesten +Sachen zu sagen, die sie zu ihren schoensten Gunsten auslegen kann. An +der Heftigkeit, womit Jakob die Gerechtsame des graeflichen Hauses +verteidigt, laesst sich eine stille, unbewusste Neigung zu der jungen +Graefin nicht verkennen. Luise sieht in allem diesen nur die +Erschuetterung des haeuslichen Gluecks, dem sie sich so nahe glaubt, und +wenn die Bauern mitunter schwerfaellig werden, so erheitert Bremenfeld +die Szene durch seinen Duenkel, durch Geschichtchen und guten Humor. +Der Magister, wie wir ihn schon kennen, ueberschreitet vollkommen die +Grenze, und da der Baron immerfort hetzt, laeuft es endlich auf +Persoenlichkeiten hinaus, und als nun vollends die Brausche des +Erbgrafen als unbedeutend, ja laecherlich behandelt wird, so bricht die +Graefin los, und die Sache kommt so weit, dass dem Magister +aufgekuendigt wird. Der Baron verschlimmert das Uebel, und er bedient +sich, da der Laerm immer staerker wird, der Gelegenheit, mehr in +Karolinen zu dringen und sie zu einer heimlichen Zusammenkunft fuer die +Nacht zu bereden. Bei allem diesen zeigt sich die junge Graefin +entschieden heftig, parteiisch auf ihren Stand, hartnaeckig auf ihren +besitz, welche Haerte jedoch durch ein unbefangenes, rein natuerliches +und im tiefsten Grunde rechtliches weibliches Wesen bis zur +Leibenswuerdigkeit gemildert wird. Und so laesst sich einsehen, dass +der Akt ziemlich tumultuarisch und, insofern es der bedenkliche +Gegenstand erlaubt, fuer das Gefuehl nicht ganz unertraeglich geendigt +wird. Vielleicht bedauert man, dass der Verfasser die Schwierigkeiten +einer solchen Szene nicht zur rechten Zeit zu ueberwinden bemueht war.) + + + + +Vierter Aufzug + + + +Erster Auftritt +(Bremens Wohnung.) + +Breme. Martin. Albert. + +Breme. +Sind eure Leute alle an ihren Posten? Habt ihr sie wohl unterrichtet? +Sind sie gutes Muts? + +Martin. +Sobald Ihr mit der Glocke stuermt, werden sie alle da sein. + +Breme. +So ist's recht! Wenn im Schlosse die Lichter alle aus sind, wenn es +Mitternacht ist, soll es gleich angehen. Unser Glueck ist's, dass der +Hofrat fortgeht. Ich fuerchte sehr, er moechte bleiben und uns den +ganzen Spass verderben. + +Albert. +Ich fuerchte so noch immer, es geht nicht gut ab. Es ist mir schon zum +voraus bange, die Glocke zu hoeren. + +Breme. +Seid nur ruhig. Habt ihr nicht heute selbst gehoert, wie uebel es jetzt +mit den vornehmen Leuten steht? Habt ihr gehoert, was wir der Graefin +alles unters Gesicht gesagt haben? + +Martin. +Es war ja aber nur zum Spass. + +Albert. +Es war schon zum Spasse grob genug. + +Breme. +Habt ihr gehoert, wie ich eure Sache zu verfechten weiss? Wenn's Ernst +gilt, will ich so vor den Kaiser treten. Und was sagt ihr zum Herrn +Magister, hat sich der nicht auch wacker gehalten? + +Albert. +Sie haben's Euch aber auch brav abgegeben. Ich dachte zuletzt, es +wuerde Schlaege setzen; und unsere gnaedige Kontess--war's doch, als wenn +ihr seliger Herr Vater leibhaftig dastuende. + +Breme. +Lasst mir das gnaedige weg, es wird sich bald nichts mehr zu gnaedigen +haben. Seht, hier hab' ich die Briefe schon fertig, die schick' ich +in die benachbarten Gerichtsdoerfer. Sobald's hier losgeht, sollen die +auch stuermen und rebellieren und auch ihre Nachbarn auffordern. + +Martin. +Das kann was werden. + +Breme. +Freilich! Und alsdann Ehre, dem Ehre gebuehrt! Euch, meine leiben +Kinder. Ihr werdet als die Befreier des Landes angesehn. + +Martin. +Ihr, Herr Breme, werdet das groesste Lob davontragen. + +Breme. +Nein, das gehoert sich nicht; es muss jetzt alles gemein sein. + +Martin. +Indessen habt Ihr's doch angefangen. + +Breme. +Gebt mir die Haende, brave Maenner! So standen einst die drei grossen +Schweizer, Wilhelm Tell, Walther Staubbach, Fuerst von Uri, die standen +auf dem Gruetliberg beisammen und schwuren den Tyrannen ew'gen Hass und +ihren mitgenossen ewige Freiheit. Wie oft hat man diese wackern +Helden gemalt und in Kupfer gestochen! Auch uns wird diese Ehre +widerfahren. In dieser Positur werden wir auf die Nachwelt kommen. + +Martin. +Wie Ihr Euch das alles so denken koennt. + +Albert. +Ich fuerchte nur, dass wir im Karrn eine boese Figur machen koennen. +Horcht! Es klingelt jemand. Mir zittert das Herz im Leibe, wenn sich +nur was bewegt. + +Breme. +Schaemt Euch! Ich will aufziehen. Es wird der Magister sein; ich habe +ihn herueber bestellt. Die Graefin hat ihm den Dienst aufgesagt; die +Kontess hat ihn sehr beleidigt. Wir werden ihn leicht in unsere +Partei ziehen. Wenn wir einen Geistlichen unter uns haben, sind wir +unserer Sache desto gewisser. + +Martin. +Einen Geistlichen und Gelehrten. + +Breme. +Was die Gelehrsamkeit betrifft, geb' ich ihm nichts nach, und +besonders hat er weit weniger politische Lektuere als ich. Alle die +Chroniken, die ich von meinem seligen Grossvater geerbt habe, waren in +meiner Jugend schon durchgelesen, und das Theatrum Europaeum kenn' ich +in- und auswendig. Wer recht versteht, was geschehen ist, der weiss +auch, was geschieht und geschehen wird. Es ist immer einerlei; es +passiert in der Welt nichts Neues. Der Magister kommt. Halt! Wir +muessen ihn feierlich empfangen. Er muss Respekt vor uns kriegen. Wir +stellen jetzt die Repraesentanten der ganzen Nation gleichsam in Nuce +vor. Setzt euch. + +(Er setzt drei Stuehle auf die eine Seite des Theaters, auf die andere +einen Stuhl. Die beiden Schulzen setzen sich, und wie der Magister +herein tritt, setzt sich Breme geschwind in ihre Mitte und nimmt ein +gravitaetisches Wesen an.) + + + +Zweiter Auftritt +Die Vorigen. Der Magister. + +Magister. +Guten Morgen, Herr Breme. Was gibt's Neues? Sie wollen mir etwas +Wichtiges vertrauen, sagten Sie. + +Breme. +Etwas sehr Wichtiges, gewiss! Setzen Sie sich. (Magister will den +einzelnen Stuhl nehmen und zu ihnen ruecken.) Nein, bleiben Sie dort, +sitzen Sie dort nieder! Wir wissen noch nicht, ob Sie an unserer +Seite nieder sitzen wollen. + +Magister. +Eine wunderbare Vorbereitung. + +Breme. +Sie sind ein Mann, ein freigeborner, ein freidenkender, ein +geistlicher, ein ehrwuerdiger Mann. Sie sind ehrwuerdig, weil Sie +geistlich sind, und noch ehrwuerdiger, weil Sie frei sind. Sie sind +frei, weil Sie edel sind, und sind schaetzbar, weil Sie frei sind. Und +nun! Was haben wir erleben muessen! Wir sahen Sie verachtet, wir +sahen Sie beleidigt; aber wir haben zugleich Ihren edlen Zorn gesehen, +einen edlen Zorn, aber ohne Wirkung. Glauben Sie, dass wir Ihre +Freunde sind, so glauben Sie auch, dass sich unser Herz im Busen +umkehrt, wenn wir Sie verkehrt behandelt sehen. Ein edler Mann und +verhoehnt; ein freier Mann und bedroht; ein geistlicher Mann und +verachtet; ein treuer Diener und verstossen! Zwar verhoehnt von Leuten, +die selbst Hohn verdienen; verachtet von Menschen, die keiner Achtung +wert sind; verstossen von Undankbaren, deren Wohltaten man nicht +geniessen moechte; bedroht von einem Kinde, von einem Maedchen--das +scheint freilich nicht viel zu bedeuten; aber wenn Ihr bedenkt, dass +dieses Maedchen kein Maedchen, sondern ein eingefleischter Satan ist, +dass man sie Legion nennen sollte--denn es sind viele tausend +aristokratische Geister in sie gefahren--so seht Ihr deutlich, was uns +von allen Aristokraten bevorsteht, Ihr seht es, und wenn Ihr klug seid, +so nehmt Ihr Eure Massregeln. + +Magister. +Wozu soll diese sonderbare Rede? Wohin wird Euch der seltsame Eingang +fuehren? Sagt Ihr das, um meinen Zorn gegen diese verdammte Brut noch +mehr zu erhitzen, um meine aufs aeusserste getriebene Empfindlichkeit +noch mehr zu reizen? Schweigt stille! Wahrhaftig, ich wuesste nicht, +wozu mein gekraenktes Herz jetzt nicht alles faehig waere. Was! Nach so +vielen Diensten, nach so vielen Aufopferungen mir so zu begegnen, mich +vor die Tuere zu setzen! Und warum? Wegen einer elenden Beule, wegen +einer gequetschten Nase, mit der so viele hundert Kinder auf und davon +springen. Aber es kommt eben recht, eben recht! Sie wissen nicht, +die Grossen, wen sie in uns beleidigen, die wir Zungen, die wir Federn +haben. + +Breme. +Dieser edle Zorn ergoetzt mich, und so frage ich Euch denn im Namen +aller edlen, frei gebornen, der Freiheit werten Menschen, ob Ihr diese +Zunge, diese Feder von nun an dem Dienste der Freiheit voellig widmen +wollt? + +Magister. +O ja, ich will, ich werde! + +Breme. +Dass Ihr keine Gelegenheit versaeumen wollt, zu dem edlen Zwecke +mitzuwirken, nach dem jetzt die ganze Menschheit emporstrebt? + +Magister. +Ich gebe Euch mein Wort. + +Breme. +So gebt mir Eure Hand, mir und diesen Maennern. + +Magister. +Einem jedem; aber was haben diese armen Leute, die wie Sklaven +behandelt werden, mit der Freiheit zu tun? + +Breme. +Sie sind nur noch eine Spanne davon, nur so breit, als die Schwelle +des Gefaengnisses ist, an dessen eroeffneter Tuere sie stehen. + +Magister. +Wie? + +Breme. +Euer Ehrenwort, dass Ihr schweigen werdet! + +Magister. +Ich gebe es. + +Breme. +Der Augenblick ist nahe, die Gemeinden sind versammelt, in einer +Stunde sind sie hier. Wir ueberfallen das Schloss, noetigen die Graefin +zur Unterschrift des Rezesses und zu einer eidlichen Versicherung, +dass kuenftighin alle drueckenden Lasten aufgehoben sein sollen. + +Magister. +Ich erstaune! + +Breme. +Da habe ich nur noch ein Bedenken wegen des Eids. Die vornehmen Leute +glauben nichts mehr. Sie wird einen Eid schwoeren und sich davon +entbinden lassen. Man wird ihr beweisen, dass ein gezwungener Eid +nichts gelte. + +Magister. +Dafuer will ich Rat schaffen. Diese Menschen, die sich ueber alles +wegsetzen, ihresgleichen behandeln wie das Vieh, ohne Liebe, ohne +Mitleid, ohne Furcht frech in den Tag hinein leben, solange sie mit +Menschen zu tun haben, die sie nicht schaetzen, solange sie von einem +Gott sprechen, den sie nicht erkennen: Dieses uebermuetige Geschlecht +kann sich doch von dem geheimen Schauer nicht losmachen, der alle +lebendigen Kraefte der Natur durchschwebt, kann die Verbindung sich +nicht leugnen, in der Worte und Wirkung, Tat und Folge ewig +miteinander bleiben. Lasst sie einen feierlichen Eid tun. + +Martin. +Sie soll in der Kirche schwoeren. + +Breme. +Nein, unter freiem Himmel. + +Magister. +Das ist nichts. Diese feierlichen Szenen ruehren nur die +Einbildungskraft. Ich will es euch anders lehren. Umgebt sie, lasst +sie in eurer Mitte die Hand auf ihres Sohnes Haupt legen, bei diesem +geliebten Haupte ihr Versprechen beteuern und alles Uebel, was einen +Menschen betreffen kann, auf diese kleine Gefaess herab rufen, wenn sie +unter irgendeinem Vorwande ihr Versprechen zuruecknaehme oder zugaebe, +dass es vereitelt wuerde. + +Breme. +Herrlich! + +Martin. +Schrecklich! + +Albert. +Entsetzlich! + +Magister. +Glaubt mir, sie ist auf ewig gebunden. + +Breme. +Ihr sollt zu ihr in den Kreis treten und ihr das Gewissen schaerfen. + +Magister. +An allem, was ihr tun wollt, nehm' ich Anteil; nur sagt mir, wie wird +man es in der Residenz ansehen? Wenn sie euch Dragoner schicken, so +seid ihr alle gleich verloren. + +Martin. +Da weiss Herr Breme schon Rat. + +Albert. +Ja, was das fuer ein Kopf ist! + +Magister. +Klaert mich auf. + +Breme. +Ja, ja, das ist's nun eben, was man hinter Hermann Breme dem Zweiten +nicht sucht. Er hat Konnexionen, Verbindungen da, wo man glaubt, er +habe nur Kunden. So viel kann ich euch nur sagen, und es wissen's +diese Leute, dass der Fuerst selbst eine Revolution wuenscht. + +Magister. +Der Fuerst? + +Breme. +Er hat die Gesinnungen Friedrichs und Josephs, der beiden Monarchen, +welche alle wahre Demokraten als ihre Heiligen anbeten sollten. Er +ist erzuernt, zu sehen, wie der Buerger- und Bauernstand unterm Druck +des Adels seufzt, und leider kann er selbst nicht wirken, da er von +lauter Aristokraten umgeben ist. Haben wir uns nur aber erst +legitimiert, dann setzt er sich an unsere Spitze, und seine Truppen +sind zu unsern Diensten, und Breme und alle brave Maenner sind an +seiner Seite. + +Magister. +Wie habt Ihr das alles erforscht und getan und habt Euch nichts merken +lassen? + +Breme. +Man muss im stillen viel tun, um die Welt zu ueberraschen. (Er geht +ans Fenster.) Wenn nur erst der Hofrat fort waere, dann solltet ihr +Wunder sehen. + +Martin (auf Bremen deutend). +Nicht wahr, das ist ein Mann! + +Albert. +Er kann einem recht Herz machen. + +Breme. +Und, lieber Magister, die Verdienste, die Ihr Euch diese Nacht erwerbt, +duerfen nicht unbelohnt bleiben. Wir arbeiten heute fuers ganze +Vaterland. Von unserm Dorfe wird die Sonne der Freiheit aufgehen. +Wer haette das gedacht! + +Magister. +Befuerchtet Ihr keinen Widerstand? + +Breme. +Dafuer ist schon gesorgt. Der Amtmann und die Gerichtsdiener werden +gleich gefangen genommen. Der Hofrat geht weg, die paar Bedienten +wollen nichts sagen, und der Baron ist nur der einzige Mann im +Schlosse; den locke ich durch meine Tochter herueber ins Haus und +sperre ihn ein, bis alles vorbei ist. + +Martin. +Wohl ausgedacht. + +Magister. +Ich verwundere mich ueber Eure Klugheit. + +Breme. +Nu, nu! Wenn es Gelegenheit gibt, sie zu zeigen, sollt Ihr noch mehr +sehen, besonders was die auswaertigen Angelegenheiten betrifft. Glaubt +mir, es geht nichts ueber einen guten Chirurgus, besonders wenn er +dabei ein geschickter Barbier ist. Das unverstaendige Volk spricht +viel von Bartkratzern und bedenkt nicht, wie viel dazu gehoert, +jemanden zu barbieren, eben dass es nicht kratze. Glaubt mir nur, es +wird zu nichts mehr Politik erfordert, als den Leuten den Bart zu +putzen, ihnen diese garstigen barbarischen Exkremente der Natur, diese +Barthaare, womit sie das maennliche Kinn taeglich verunreinigt, hinweg +zu nehmen und den Mann dadurch an Gestalt und Sitten einer +glattwangigen Frau, einem zarten liebenswuerdigen Juengling aehnlich zu +machen. Komme ich dereinst dazu, mein Leben und Meinungen aufzusetzen, +so soll man ueber die Theorie der Barbierkunst erstaunen, aus der ich +zugleich alle Lebens- und Klugheitsregeln herleiten will. + +Magister. +Ihr seid ein originaler Kopf! + +Breme. +Ja, ja, das weiss ich wohl, und deswegen habe ich auch den Leuten +verziehen, wenn sie mich oft nicht begreifen konnten, und wenn sie, +albern genug, glaubten mich zum Besten zu haben. Aber ich will ihnen +zeigen, dass, wer einen rechten Seifenschaum zu schlagen weiss, wer mit +Leichtigkeit, Bequemlichkeit und Gewandtheit der Finger einzuseifen, +den sproedesten Bart zahm zu machen versteht; wer da weiss, dass ein +frisch abgezognes Messer ebenso gut rauft als ein stumpfes, wer mit +dem Strich oder wider den Strich die Haare wegnimmt, als waeren sie gar +nicht dagewesen; wer dem warmen Wasser zum Abwaschen die gehoerige +Temperatur verleiht und selbst das Abtrocknen mit Gefaelligkeit +verrichtet und in seinem ganzen Benehmen etwas Zierliches darstellt-- +das ist kein gemeiner Mensch, sondern er muss alle Eigenschaften +besitzen, die einem Minister Ehre machen. + +Albert. +Ja, ja, es ist ein Unterschied zwischen Barbier und Barbier. + +Martin. +Und Herr Breme besonders, das ist dir eine ordentliche Lust. + +Breme. +Nu, nu, es wird sich zeigen. Es ist bei der ganzen Kunst nichts +Unbedeutendes. Die Art, den Schersack aus- und einzukramen, die Art, +die Geraetschaften zu halten, ihn unterm Arm zu tragen--ihr sollt +Wunder hoeren und sehen. Nun wird's aber Zeit, dass ich meine Tochter +vorkriege. Ihr Leute, geht an eure Posten! Herr Magister, halten Sie +sich in der Naehe. + +Magister. +Ich gehe in den Gasthof, wohin ich gleich meine Sachen habe bringen +lassen, als man mir im Schlosse uebel begegnete. + +Breme. +Wenn Sie stuermen hoeren, so soll's Ihnen frei stehen, sich zu uns zu +schlagen oder abzuwarten, ob es uns glueckt, woran ich gar nicht +zweifele. + +Magister. +Ich werde nicht fehlen. + +Breme. +So lebt denn wohl und gebt aufs Zeichen Acht! + + + +Dritter Auftritt +Breme allein. + +Wie wuerde mein sel'ger Grossvater sich freuen, wenn er sehen koennte, +wie gut ich mich in das neue Handwerk schicke. Glaubt doch der +Magister schon, dass ich grosse Konnexionen bei Hofe habe. Da sieht +man, was es tut, wenn man sich Kredit zu machen weiss. Nun muss +Karoline kommen. Sie hat das Kind so lange gewartet, ihre Schwester +wird sie abloesen. Da ist sie. + + + +Vierter Auftritt +Breme. Karoline. + +Breme. +Wie befindet sich der junge Graf? + +Karoline. +Recht leidlich. Ich habe ihm Maerchen erzaehlt, bis er eingeschlafen +ist. + +Breme. +Was gibt's sonst im Schlosse? + +Karoline. +Nichts Merkwuerdiges. + +Breme. +Der Hofrat ist noch nicht weg? + +Karoline. +Er scheint Anstalt zu machen. Sie binden eben den Mantelsack auf. + +Breme. +Hast du den Baron nicht gesehen? + +Karoline. +Nein, mein Vater. + +Breme. +Er hat dir heute in der Nationalversammlung allerlei in die Ohren +geraunt? + +Karoline. +Ja, mein Vater. + +Breme. +Das eben nicht die ganze Nation, sondern meine Tochter Karoline +betraf? + +Karoline. +Freilich, mein Vater. + +Breme. +Du hast dich doch klug gegen ihn zu benehmen gewusst? + +Karoline. +O gewiss. + +Breme. +Er hat wohl wieder stark in dich gedrungen? + +Karoline. +Wie Sie denken koennen. + +Breme. +Und du hast ihn abgewiesen? + +Karoline. +Wie sich's ziemt. + +Breme. +Wie ich es von meiner trefflichen Tochter erwarten darf, die ich aber +auch mit Ehre und Glueck ueberhaeuft und fuer ihre Tugend reichlich +belohnt sehen werde. + +Karoline. +Wenn Sie nur nicht vergebens hoffen. + +Breme. +Nein, meine Tochter, ich bin eben im Begriff, einen grossen Anschlag +auszufuehren, wozu ich deine Hilfe brauche. + +Karoline. +Was meinen Sie, mein Vater? + +Breme. +Es ist dieser verwegenen Menschenrasse der Untergang gedroht. + +Karoline. +Was sagen Sie? + +Breme. +Setze dich nieder und schreib. + +Karoline. +Was? + +Breme. +Ein Billett an den Baron, dass er kommen soll. + +Karoline. +Aber wozu? + +Breme. +Das will ich dir schon sagen. Es soll ihm kein Leids widerfahren, ich +sperre ihn nur ein. + +Karoline. +O Himmel! + +Breme. +Was gibt's? + +Karoline. +Soll ich mich einer solchen Verraeterei schuldig machen? + +Breme. +Nur geschwind. + +Karoline. +Wer soll es denn hinueberbringen? + +Breme. +Dafuer lass mich sorgen. + +Karoline. +Ich kann nicht. + +Breme. +Zuerst eine Kriegslist. (Er zuendet eine Blendlaterne an und loescht +das Licht aus.) Geschwind, nun schreib, ich will dir leuchten. + +Karoline (fuer sich). +Wie soll das werden? Der Baron wird sehen, dass das Licht ausgeloescht +ist; er wird auf das Zeichen kommen. + +Breme (zwingt sie zum Sitzen). +Schreib! "Luise bleibt im Schlosse, mein Vater schlaeft. Ich loesche +das Licht aus, kommen Sie!" + +Karoline (widerstrebend). +Ich schreibe nicht. + + + +Fuenfter Auftritt +Die Vorigen. Der Baron am Fenster. + +Baron. +Karoline! + +Breme. +Was ist das? (Er schiebt die Blendlaterne zu und haelt Karoline fest, +die aufstehen will.) + +Baron (wie oben). +Karoline! Sind Sie nicht hier? (Er steigt herein.) Stille! Wo bin +ich? Dass ich nicht fehlgehe. Gleich dem Fenster gegenueber ist des +Vaters Schlafzimmer, und hier rechts an der Wand die Tuere in der +Maedchen Kammer. (Er tappt an der Seite hin und trifft die Tuer.) Hier +ist sie, nur angelehnt. O, wie gut sich der blinde Kupido im Dunkeln +zu finden weiss! (Er geht hinein.) + +Breme. +In die Falle! (Er schiebt die Blendlaterne auf, eilt nach der +Kammertuere und stoesst den Riegel vor.) So recht, und das Vorlegeschloss +ist auch schon in Bereitschaft. (Er legt ein Schloss vor.) Und du, +Nichtswuerdige! So verraetst du mich? + +Karoline. +Mein Vater! + +Breme. +So heuchelst du mir Vertrauen vor? + +Baron (inwendig). +Karoline! Was heisst das? + +Karoline. +Ich bin das ungluecklichste Maedchen unter der Sonne. + +Breme (laut an der Tuere). +Das heisst: Dass Sie hier schlafen werden, aber allein. + +Baron (inwendig). +Nichtswuerdiger! Machen Sie auf, Herr Breme, der Spass wird Ihnen teuer +zu stehen kommen. + +Breme (laut). +Es ist mehr als Spass, es ist bitterer Ernst. + +Karoline (an der Tuere). +Ich bin unschuldig an dem Verrat! + +Breme. +Unschuldig? Verrat? + +Karoline (an der Tuere kniend). +O, wenn du sehen koenntest, mein Geliebter, wie ich hier vor dieser +Schwelle liege, wie ich untroestlich meine Haende ringe, wie ich meinen +grausamen Vater bitte!--Machen Sie auf, mein Vater!--Er hoert nicht, er +sieht mich nicht an.--O, mein Geliebter, habe mich nicht im Verdacht, +ich bin unschuldig! + +Breme. +Du unschuldig? Niedertraechtige feile Dirne! Schande deines Vaters! +Ewiger schaendender Flecken in dem Ehrenkleid, das er eben in diesem +Augenblicke angezogen hat. Steh auf, hoer' auf zu weinen, dass ich +dich nicht an den Haaren von der Schwelle wegziehe, die du, ohne zu +erroeten, nicht wieder betreten solltest. Wie! In dem Augenblick, da +Breme sich den groessten Maennern des Erdbodens gleichsetzt, erniedrigt +sich seine Tochter so sehr! + +Karoline. +Verstosst mich nicht, verwerft mich nicht, mein Vater! Er tat mir die +heiligsten Versprechungen. + +Breme. +Rede mir nicht davon, ich bin ausser mir. Was! Ein Maedchen, das sich +wie eine Prinzessin, wie eine Koenigin auffuehren sollte, vergisst sich +so ganz und gar? Ich halte mich kaum, dass ich dich nicht mit Faeusten +schlage, nicht mit Fuessen trete. Hier hinein! (Er stoesst sie in sein +Schlafzimmer.) Dies franzoesische Schloss wird dich wohl verwahren. +Von welcher Wut fuehl' ich mich hingerissen! Das waere die rechte +Stimmung, um die Glocke zu ziehen.--Doch nein, fasse dich, Breme!-- +Bedenke, dass die groessten Menschen in ihrer Familie manchen Verdruss +gehabt haben. Schaeme dich nicht einer frechen Tochter und bedenke, +dass Kaiser Augustus in ebendem Augenblick mit Verstand und Macht die +Welt regierte, da er ueber die Vergehungen seiner Julie bittere Traenen +vergoss. Schaeme dich nicht, zu weinen, dass eine solche Tochter dich +hintergangen hat; aber bedenke auch zugleich, dass der Endzweck +erreicht ist, dass der Widersacher eingesperrt verzweifelt, und dass +deiner Unternehmung ein glueckliches Ende bevorsteht. + + + +Sechster Auftritt +(Saal im Schlosse, erleuchtet.) + +Friederike mit einer gezogenen Buechse. Jakob mit einer Flinte. + +Friederike. +So ist's recht, Jakob, du bist ein braver Bursche. Wenn du mir die +Flinte zurecht bringst, dass mir der Schulfuchs nicht gleich einfaellt, +wenn ich sie ansehe, sollst du ein gut Trinkgeld haben. + +Jakob. +Ich nehme sie mit, gnaedige Graefin, und will mein Bestes tun. Ein +Trinkgeld braucht's nicht, ich bin Ihr Diener fuer ewig. + +Friederike. +Du willst in der Nacht noch fort? Es ist dunkle und regnicht; bleibe +noch beim Jaeger. + +Jakob. +Ich weiss nicht, wie mir ist; es treibt mich etwas fort. Ich habe eine +Art von Ahnung. + +Friederike. +Du siehst doch sonst nicht Gespenster. + +Jakob. +Es ist auch nicht Ahnung, es ist Vermutung. Mehrere Bauern sind beim +Chirurgus in der Nacht zusammengekommen; sie hatten mich auch +eingeladen, ich ging aber nicht hin; ich will keine Haendel mit der +graeflichen Familie. Und jetzt wollt' ich doch, ich waere hingegangen, +damit ich wuesste, was sie vorhaben. + +Friederike. +Nun was wird's sein? Es ist die alte Prozessgeschichte. + +Jakob. +Nein, nein, es ist mehr! Lassen Sie mir meine Grille; es ist fuer Sie, +es ist fuer die Ihrigen, dass ich besorgt bin. (Ab.) + + + +Siebenter Auftritt +Friederike, nachher die Graefin und der Hofrat. + +Friederike. +Die Buechse ist noch, wie ich sie verlassen habe; die hat mir der Jaeger +recht gut versorgt. Ja, das ist auch ein Jaeger, und ueber die geht +nichts. Ich will sie gleich laden und morgen frueh bei guter Tageszeit +einen Hirsch schiessen. (Sie beschaeftigt sich an einem Tische, worauf +ein Armleuchter steht, mit Pulverhorn, Lademass, Pflaster, Kugel, +Hammer und laedt die Buechse ganz langsam und methodisch.) + +Graefin. +Da hast du schon wieder das Pulverhorn beim Licht; wie leicht kann +eine Schnuppe herunterfallen. Sei doch vernuenftig, du kannst dich +ungluecklich machen! + +Friedericke. +Lassen Sie mich, liebe Mutter, ich bin schon vorsichtig. Wer sich vor +dem Pulver fuerchtet, muss nicht mit Pulver umgehen. + +Graefin. +Sagen Sie mir, lieber Hofrat, ich habe es recht auf dem Herzen: +Koennten wir nicht einen Schritt tun, wenigstens bis Sie zurueckkommen? + +Hofrat. +Ich verehre in Ihnen diese Heftigkeit, das Gute zu wirken und nicht +einen Augenblick zu zaudern. + +Graefin. +Was ich einmal fuer Echt erkenne, moechte' ich auch gleich getan sehn. +Das Leben ist so kurz, und das Gute wirkt so langsam. + +Hofrat. +Wie meinen Sie denn? + +Graefin. +Sie sind moralisch ueberzeugt, dass der Amtmann in dem Kriege das +Dokument beiseite gebracht hat-- + +Friederike (heftig). +Sind Sie's? + +Hofrat. +Nach allen Anzeigen kann ich wohl sagen, es ist mehr als Vermutung. + +Graefin. +Sie glauben, dass er es noch zu irgendeiner Absicht verwahre? + +Friederike (wie oben). +Glauben Sie? + +Hofrat. +Bei der Verworrenheit seiner Rechnungen, bei der Unordnung des +Archives, bei der ganzen Art, wie er diesen Rechtshandel benutzt hat, +kann ich vermuten, dass er sich einen Rueckzug vorbehaelt, dass er +vielleicht, wenn man ihn von dieser Seite draengt, sich auf die andere +zu retten und das Dokument dem Gegenteile fuer eine ansehnliche Summe +zu verhandeln denkt. + +Graefin. +Wie waer' es, man suchte ihn durch Gewinst zu locken? Er wuenscht, +seinen Neffen substituiert zu haben; wie waer' es, wir verspraechen +diesem jungen Menschen eine Belohnung, wenn er zur Probe das Archiv in +Ordnung braechte, besonders eine ansehnliche, wenn er das Dokument +ausfindig machte? Man gaebe ihm Hoffnung zur Substitution. Sprechen +Sie ihn noch, ehe Sie fortgehen; indes, bis Sie wiederkommen, richtet +sich's ein. + +Hofrat. +Es ist zu spaet, der Mann ist gewiss schon zu Bette. + +Graefin. +Glauben Sie das nicht. So alt er ist, passt er Ihnen auf, bis Sie in +den Wagen steigen. Er macht Ihnen noch in voelliger Kleidung seinen +Scharrfuss und versaeumt gewiss nicht, sich Ihnen zu empfehlen. Lassen +wir ihn rufen. + +Friederike. +Lassen Sie ihn rufen, man muss doch sehen, wie er sich gebaerdet. + +Hofrat. +Ich bin's zufrieden. + +Friederike (klingelt und sagt zum Bedienten, der hereinkommt). +Der Amtmann moechte doch noch einen Augenblick herueberkommen! + +Graefin. +Die Augenblicke sind kostbar. Wollen Sie nicht indes noch einen Blick +auf die Papiere werfen, die sich auf diese Sache beziehen? (Zusammen +ab.) + + + +Achter Auftritt +Friederike allein, nachher der Amtmann. + +Friederike. +Das will mir nicht gefallen. Sie sind ueberzeugt, dass er ein Schelm +ist, und wollen ihm nicht zu Leibe. Sie sind ueberzeugt, dass er sie +betrogen, ihnen geschadet hat, und wollen ihn belohnen. Das taugt nun +ganz und gar nichts. Es waere besser, dass man ein Exempel statuierte. +--Da kommt er eben recht. + +Amtmann. +Ich hoere, dass des Herrn Hofrats Wohlgeboren noch vor ihrer Abreise +mir etwas zu sagen haben. Ich komme, dessen Befehle zu vernehmen. + +Friederike (indem sie die Buechse nimmt). +Verziehen Sie einen Augenblick, er wird gleich wieder hier sein. (Sie +schuettet Pulver auf die Pfanne.) + +Amtmann. +Was machen Sie da, gnaedige Graefin? + +Friederike. +Ich habe die Buechse auf morgen frueh geladen, da soll ein alter Hirsch +fallen. + +Amtmann. +Ei, ei! Schon heute geladen und Pulver auf die Pfanne, das ist +verwegen! Wie leicht kann da ein Unglueck geschehen. + +Friederike. +Ei was! Ich bin gern fix und fertig. (Sie hebt das Gewehr auf und +haelt es, gleichsam zufaellig, gegen ihn.) + +Amtmann. +Ei, gnaedige Graefin, kein geladen Gewehr jemals auf einen Menschen +halten! Da kann der Boese sein Spiel haben. + +Friederike (in de vorigen Stellung). +Hoeren Sie, Herr Amtmann, ich muss Ihnen ein Wort im Vertrauen sagen: +--Das Sie ein erzinfamer Spitzbube sind. + +Amtmann. +Welche Ausdruecke, meine Gnaedige!--Tun Sie die Buechse weg. + +Friedericke. +Ruehre dich nicht vom Platz, verdammter Kerl! Siehst du, ich spanne, +siehst du, ich lege an! Du hast ein Dokument gestohlen-- + +Amtmann. +Ein Dokument? Ich weiss von keinem Dokumente. + +Friederike. +Siehst du, ich steche, es geht alles in der Ordnung, und wenn du nicht +auf der Stelle das Dokument herausgibst oder mir anzeigst, wo es sich +befindet, oder was mit ihm vorgefallen, so ruehr' ich diese kleine +Nadel, und du bist auf der Stelle mausetot. + +Amtmann. +Um Gottes willen! + +Friederike. +Wo ist das Dokument? + +Amtmann. +Ich weiss nicht--Tun Sie die Buechse weg--Sie koennten aus Versehen-- + +Friederike (wie oben). +Aus Versehen oder mit Willen bist du tot. Rede, wo ist das Dokument? + +Amtmann. +Es ist--verschlossen. + + + +Neunter Auftritt +Graefin. Hofrat. Die Vorigen. + +Graefin. +Was gibt's hier? + +Hofrat. +Was machen Sie? + +Friederike (immer zum Amtmann). +Ruehren Sie sich nicht, oder Sie sind des Todes! Wo verschlossen? + +Amtmann. +In meinem Pulte. + +Friederike. +Und in dem Pulte! Wo? + +Amtmann. +Zwischen einem Doppelboden. + +Friederike. +Wo ist der Schluessel? + +Amtmann. +In meiner Tasche. + +Friedericke. +Und wie geht der doppelte Boden auf? + +Amtmann. +Durch einen Druck an der rechten Seite. + +Friederike. +Heraus den Schluessel! + +Amtmann. +Hier ist er. + +Friederike. +Hingeworfen! + +Amtmann (wirft ihn auf die Erde). + +Friederike. +Und die Stube? + +Amtmann. +Ist offen. + +Friederike. +Wer ist drinnen? + +Amtmann. +Meine Magd und mein Schreiber. + +Friederike. +Sie haben alles gehoert, Herr Hofrat. Ich habe Ihnen ein umstaendliches +Gespraech erspart. Nehmen Sie den Schluessel, und holen Sie das +Dokument. Bringen Sie es nicht zurueck, so hat er gelogen, und ich +schiesse ihn darum tot. + +Hofrat. +Lassen Sie ihn mitgehen; bedenken Sie, was Sie tun. + +Friederike. +Ich weiss, was ich tue. Machen Sie mich nicht wild, und gehen Sie. +(Hofrat ab.) + +Graefin. +Meine Tochter, du erschreckst mich. Tu das Gewehr weg! + +Friederike. +Gewiss nicht eher, als bis ich das Dokument sehe. + +Graefin. +Hoerst du nicht? Deine Mutter befiehlt's. + +Friederike. +Und wenn mein Vater aus dem Grabe aufstuende, ich gehorchte nicht. + +Graefin. +Wenn es losginge! + +Friederike. +Welch Unglueck waere das? + +Amtmann. +Es wuerde Sie gereuen. + +Friederike. +Gewiss nicht. Erinnerst du dich noch, Nichtswuerdiger, als ich vorm +Jahr im Zorn nach dem Jaegerburschen schoss, der meinen Hund pruegelte, +erinnerst du dich noch, da ich ausgescholten wurde, und alle Menschen +den gluecklichen Zufall priesen, der mich hatte fehlen lassen, da warst +du's allein, der haemisch laechelte und sagte: Was waer' es denn +gewesen? Ein Kind aus einem vornehmen Hause! Das waere mit Geld +abzutun. Ich bin noch immer ein Kind, ich bin noch immer aus einem +vornehmen Hause; so muesste das auch wohl mit Geld abzutun sein. + +Hofrat (kommt zurueck). +Hier ist das Dokument. + +Friederike. +Ist es? (Sie bringt das Gewehr in Ruh.) + +Graefin. +Ist's moeglich? + +Amtmann. +O, ich Ungluecklicher! + +Friederike. +Geh! Elender! Dass deine Gegenwart meine Freude nicht vergaelle! + +Hofrat. +Es ist das Original. + +Friederike. +Geben Sie mir's. Morgen will ich's den Gemeinden selbst zeigen und +sagen, dass ich's ihnen erobert habe. + +Graefin (sie umarmend). +Meine Tochter. + +Friederike. +Wenn mir der Spass nur die Lust an der Jagd nicht verdirbt. Solch ein +Wildpret schiess' ich nie wieder! + + + + +Fuenfter Aufzug +(Nacht, trueber Mondschein.) + +Das Theater stellt einen teil des Parks vor, der frueher beschrieben +worden. Raue steile Felsenbaenke, auf denen ein verfallenes Schloss. +Natur und Mauerwerk ineinander verschraenkt. Die Ruine, sowie die +Felsen mit Baeumen und Bueschen bewachsen. Eine dunkle Kluft deutet auf +Hoehlen, wo nicht gar unterirdische Gaenge. + +Frederike, Fackel tragend, die Buechse unterm Arm, Pistolen im Guertel, +tritt aus der Hoehle, umherspuerend. Ihr folgt die Graefin, den Sohn an +der Hand. Auch Luise. Sodann der Bediente, mit Kaestchen beschwert. +Man erfaehrt, dass von hier ein unterirdischer Gang zu den Gewoelben des +Schlosses reicht, dass man die Schlosspforten gegen die andringenden +Bauern verriegelt, dass die Graefin verlangt habe, man solle ihnen aus +dem Fenster das Dokument ankuendigen und zeigen und so alles beilegen. +Friederike jedoch sei nicht zu bewegen gewesen, sich in irgendeine +Kapitulation einzulassen, noch sich einer Gewalt, selbst nach eigenen +Absichten, zu fuegen. Sie habe vielmehr die Ihrigen zur Flucht +genoetigt, um auf diesem geheimen Wege ins Freie zu gelangen und den +benachbarten Sitz eines Anverwandten zu erreichen. Eben will man sich +auf den Weg machen, als man oben in der Ruine Licht sieht, ein +Geraeusch hoert. Man zieht sich in die Hoehle zurueck. + +Herunter kommen Jakob, der Hofrat und eine Partei Bauern. Jakob hatte +sie unterwegs angetroffen und sie zugunsten der Herrschaft zu bereden +gesucht. Der Wagen des wegfahrenden Hofrats war unter sie gekommen. +Dieser wuerdige Mann verbindet sich mit Jakob und kann das +Hauptargument, dass der Originalrezess gefunden sei, allen uebrigen +Beweggruenden hinzufuegen. Die aufgeregte Schar wird beruhigt, ja sie +entschliesst sich, den Damen zu Hilfe zu kommen. + +Friederike, die gelauscht hat, nun von allem unterrichtet, tritt unter +sie, dem Hofrat und dem jungen Landmann sehr willkommen, auch den +uebrigen durch die Vorzeigung des Dokuments hoechst erwuenscht. + +Eine frueher ausgesendete Patrouille dieses Trupps kommt zurueck und +meldet, dass ein Teil der Aufgeregten vom Schlosse her im Anmarsche +sei. Alles verbirgt sich, teils in die Hoehle, teils in Felsen und +Gemaeuer. + +Breme mit einer Anzahl bewaffneter Bauern tritt auf, schilt auf den +Magister, dass er aussen geblieben, und erklaert die Ursache, warum er +einen teil der Mannschaft in den Gewoelben des Schlosses gelassen und +mit dem andern sich hieher verfuegt. Er weiss das Geheimnis des +unterirdischen Ganges und ist ueberzeugt, dass die Familie sich darein +versteckt, und dies gibt die Gewissheit, ihrer habhaft zu werden. Sie +zuenden Fackeln an und sind im Begriff, in die Hoehle zu treten. +Friederike, Jakob, der Hofrat erscheine in dem Augenblicke, bewaffnet, +sowie die uebrige Menge. + +Breme sucht der Sache eine Wendung durch Beispiele aus der alten +Geschichte zu geben und tut sich auf seine Einfaelle viel zugute, da +man sie gelten laesst, und als nun das Dokument auch hier seine Wirkung +nicht verfehlt, so schliesst das Stueck zu allgemeiner Zufriedenheit. +Die vier Personen, deren Gegenwart einen unangenehmen Eindruck machen +koennte: Karoline, der Baron, der Magister und der Amtmann, kommen +nicht mehr zum Vorschein. + + +Ende dieses Projekt Guetnberg Etextes Die Aufgeregten, von Johann +Wolfgang von Goethe. + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AUFGEREGTEN*** + + +******* This file should be named 10428.txt or 10428.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/1/0/4/2/10428 + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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