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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:34:29 -0700
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10428 ***
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
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+
+Die Aufgeregten
+
+Politisches Drama in fünf Aufzügen
+
+Johann Wolfgang von Goethe
+
+
+
+
+
+
+Personen
+
+Die Gräfin.
+Friederike, ihre Tochter.
+Karl, ihr Söhnchen.
+Der Baron, ein Vetter.
+Der Hofrat.
+Breme von Bremenfeld, Chirurgus.
+Karoline, Bremens Tochter.
+Luise, Bremens Nichte.
+Der Magister, Hofmeister des jungen Grafen.
+Der Amtmann.
+Jakob, junger Landmann und Jäger.
+Martin,
+Albert,
+Peter, Landleute.
+Georg, Bedienter der Gräfin.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+(Ein gemeines Wohnzimmer, an der Wand zwei Bilder, eines bürgerlichen
+Mannes und seiner Frau, in der Tracht, wie sie vor fünfzig oder
+sechzig Jahren zu sein pflegte. Nacht.)
+
+Luise, an einem Tisch, worauf ein Licht steht, strickend. Karoline,
+in einem Großvatersessel gegenüber, schlafend.
+
+Luise (einen eben vollendeten gestrickten Strumpf in die Höhe haltend).
+Wieder ein Strumpf! Nun wollt' ich, der Onkel käme nach Hause; denn
+ich habe nicht Lust, einen andern anzufangen. (Sie steht auf und geht
+ans Fenster.) Er bleibt heut' ungewöhnlich lange weg, sonst kommt er
+doch gegen elf Uhr, und es ist jetzt schon Mitternacht. (Sie tritt
+wieder an den Tisch.) Was die französische Revolution Gutes oder Böses
+stiftet, kann ich nicht beurteilen; so viel weiß ich, dass sie mir
+diesen Winter einige Paar Strümpfe mehr einbringt. Die Stunden, die
+ich jetzt wachen und warten muss, bis Herr Breme nach Hause kommt,
+hätt' ich verschlafen, wie ich sie jetzt verstricke, und er
+verplaudert sie, wie er sie sonst verschlief.
+
+Karoline (im Schlaf redend).
+Nein, nein! Mein Vater!
+
+Luise (sich dem Sessel nähernd).
+Was gibt's, liebe Muhme?--Sie antwortet nicht!--Was nur dem guten
+Mädchen sein mag! Sie ist still und unruhig; des Nachts schläft sie
+nicht, und jetzt, da sie vor Müdigkeit eingeschlafen ist, spricht sie
+im Traum. Sollte meine Vermutung gegründet sein? Sollte der Baron in
+diesen wenigen Tagen einen solchen Eindruck auf die gemacht haben, so
+schnell und so stark? (Hervortretend.) Wunderst du dich, Luise, und
+hast du nicht selbst erfahren, wie die Liebe wirkt, wie schnell und
+wie stark!
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Vorigen. Georg.
+
+Georg (heftig und ängstlich).
+Liebes Mamsellchen, geben Sie mir geschwinde, geschwinde--
+
+Luise.
+Was denn, Georg?
+
+Georg.
+Geben Sie mir die Flasche.
+
+Luise.
+Was für eine Flasche?
+
+Georg.
+Ihr Herr Onkel sagte, Sie sollen mir die Flasche geschwinde geben; sie
+steht in der Kammer, oben auf dem Brett rechter Hand.
+
+Luise.
+Da stehen viele Flaschen; was soll denn drinn sein?
+
+Georg.
+Spiritus.
+
+Luise.
+Es gib allerlei Spiritus; hat er sich nicht deutlicher erklärt? Wozu
+soll's denn?
+
+Georg.
+Er sagt' es wohl, ich war aber so erschrocken. Ach, der junge Herr--
+
+Karoline (die aus dem Schlaf auffährt).
+Was gibt's?--Der Baron?
+
+Luise.
+Der junge Graf?
+
+Georg.
+Leider, der junge Graf!
+
+Karoline.
+Was ist ihm begegnet?
+
+Georg.
+Geben Sie mir den Spiritus.
+
+Luise.
+Sage nur, was dem jungen Grafen begegnet ist, so weiß ich wohl, was
+der Onkel für eine Flasche braucht.
+
+Georg.
+Ach, das gute Kind! Was wird die Frau Gräfin sagen, wenn sie morgen
+kommt! Wie wird sie uns ausschelten!
+
+Karoline.
+So red' Er doch!
+
+Georg.
+Er ist gefallen, mit dem Kopf vor eine Tischecke, das Gesicht ist ganz
+in Blut; wer weiß, ob nicht gar das Auge gelitten hat.
+
+Luise (indem sie einen Wachsstock anzündet und in die Kammer geht).
+Nun weiß ich, was sie brauchen.
+
+Karoline.
+So spät! Wie ging das zu?
+
+Georg.
+Liebes Mamsellchen, ich dachte lange, es würde nichts Gutes werden.
+Da sitzt Ihr Vater und der Hofmeister alle Abend beim alten Pfarrer
+und lesen die Zeitungen und Monatsschriften, und so disputieren sie
+und können nicht fertig werden, und das arme Kind muss dabei sitzen;
+da druckt sich's denn in eine Ecke, wenn's spät wird, und schläft ein,
+und wenn sie aufbrechen, da taumelt das Kind schlaftrunken mit, und
+heute--nun sehen Sie--da schlägt's eben zwölfe--heute bleiben sie über
+alle Gebühr aus, und ich sitze zu Hause und habe Licht brennen, und
+dabei stehen die andern Lichter für den Hofmeister und den jungen
+Herrn, und Ihr Vater und der Magister bleiben vor der Schlossbrücke
+stehen und können noch nicht fertig werden--
+
+Luise (kommt mit einem Glase zurück).
+
+Georg (fährt fort).
+Und das Kind kommt in den Saal getappt und ruft mich, und ich fahre
+auf und will die Lichter anzünden, wie ich immer tue, und wie ich
+schlaftrunken bin, lösche ich das Licht aus. Indessen tappt das Kind
+die Treppe hinauf, und auf dem Vorsaal stehen die Stühle und Tische,
+die wir morgen früh in die Zimmer verteilen wollen; das Kind weiß es
+nicht, geht geradezu, stößt sich, fällt, wir hören es schreien, ich
+mache Lärm, ich mache Licht, und wie wir hinaufkommen, liegt's da und
+weiß kaum von sich selbst. Das ganze Gesicht ist blutig. Wenn es ein
+Auge verloren hat, wenn es gefährlich wird, geh' ich morgen früh auf
+und davon, eh' die Frau Gräfin ankommt; mag's verantworten, wer will!
+
+Luise (die indessen einige Bündelchen Leinwand aus der Schublade
+genommen, gibt ihm die Flasche).
+Hier! Geschwind! Trage das hinüber und nimm die Läppchen dazu, ich
+komme gleich selbst. Der Himmel verhüte, dass es so übel sei!
+Geschwind, Georg, geschwind! (Georg ab.) Halte warmes Wasser bereit,
+wenn der Onkel nach Hause kommt und Kaffee verlangt. Ich will
+geschwind hinüber. Es wäre entsetzlich, wenn wir unsere gute Gräfin
+so empfangen müssten. Wie empfahl sie nicht dem Magister, wie empfahl
+sie nicht mir das Kind bei ihrer Abreise! Leider hab' ich sehen
+müssen, dass es die Zeit über sehr versäumt worden ist. Dass man doch
+gewöhnlich seine nächste Pflicht versäumt! (Ab.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Karoline. Hernach der Baron.
+
+Karoline (nachdem sie einige Mal nachdenkend auf und ab gegangen).
+Er verlässt mich keinen Augenblick, auch im Traum selbst war er mir
+gegenwärtig. O, wenn ich glauben könnte, dass sein Herz, seine
+Absichten so redlich sind, als seine Blicke, sein Betragen reizend und
+einnehmend ist! Ach, und die Art, mit der er alles zu sagen weiß, wie
+edel er sich ausdrückt! Man sage, was man will, welche Vorzüge gibt
+einem Menschen von edler Geburt eine standesmäßige Erziehung! Ach,
+dass ich doch seinesgleichen wäre!
+
+Der Baron (an der Türe).
+Sind Sie allein, beste Karoline?
+
+Karoline.
+Herr Baron, wo kommen Sie her? Entfernen Sie sich! Wenn mein Vater
+käme! Es ist nicht schön, mich so zu überfallen.
+
+Baron.
+Die Liebe, die mich hieher führt, wird auch mein Fürsprecher bei Ihnen
+sein, angebetete Karoline. (Er will sie umarmen.)
+
+Karoline.
+Zurück, Herr Baron! Sie sind sehr verwegen. Wo kommen Sie her?
+
+Baron.
+Ein Geschrei weckt mich, ich springe herunter und finde, dass mein
+Neffe sich eine Brausche gefallen hat. Ich finde Ihren Vater um das
+Kind beschäftigt, nun kommt auch Ihre Muhme, ich sehe, dass es keine
+Gefahr hat, es fällt mir ein: Karoline ist allein--und was kann mir
+bei jeder Gelegenheit anders einfallen als Karoline? Die Augenblicke
+sind kostbar, schönes, angenehmes Kind! Gestehen Sie mir, sagen Sie
+mir, dass Sie mich lieben. (Will sie umarmen.)
+
+Karoline.
+Noch einmal, Herr Baron! Lassen Sie mich, und verlassen Sie dieses
+Haus!
+
+Baron.
+Sie haben versprochen, mich so bald als möglich zu sehen, und wollen
+mich nun entfernen?
+
+Karoline.
+Ich habe versprochen, morgen früh mit Sonnenaufgang in dem Garten zu
+sein, mit Ihnen spazieren zu gehen, mich Ihrer Gesellschaft zu freuen.
+Hieher hab' ich Sie nicht eingeladen.
+
+Baron.
+Aber die Gelegenheit--
+
+Karoline.
+Hab' ich nicht gemacht.
+
+Baron.
+Aber ich benutze sie; können Sie mir es verdenken?
+
+Karoline.
+Ich weiß nicht, was ich von Ihnen denken soll.
+
+Baron.
+Auch Sie--lassen Sie es mich frei gestehen--auch Sie erkenne ich nicht.
+
+
+Karoline.
+Und worin bin ich mir denn so unähnlich?
+
+Baron.
+Können Sie noch fragen?
+
+Karoline.
+Ich muss wohl, ich begreife Sie nicht.
+
+Baron.
+Ich soll reden?
+
+Karoline.
+Wenn ich Sie verstehen soll.
+
+Baron.
+Nun gut. Haben Sie nicht seit den drei Tagen, die ich Sie kenne, jede
+Gelegenheit gesucht, mich zu sehen, und zu sprechen?
+
+Karoline.
+Ich leugne es nicht.
+
+Baron.
+Haben Sie mir nicht, sooft ich Sie ansah, mit Blicken geantwortet?
+Und mit was für Blicken!
+
+Karoline (verlegen).
+Ich kann meine eignen Blicke nicht sehen.
+
+Baron.
+Aber fühlen, was sie bedeuten.--Haben Sie mir, wenn ich Ihnen im Tanze
+die Hand drückte, die Hand nicht wieder gedrückt?
+
+Karoline.
+Ich erinnere mich's nicht.
+
+Baron.
+Sie haben ein kurzes Gedächtnis, Karoline. Als wir unter der Linde
+drehten, und ich Sie zärtlich an mich schloss, damals stieß mich
+Karoline nicht zurück.
+
+Karoline.
+Herr Baron, Sie haben sich falsch ausgelegt, was ein gutherziges,
+unerfahrnes Mädchen--
+
+Baron.
+Liebst du mich?
+
+Karoline.
+Noch einmal, verlassen Sie mich! Morgen frühe--
+
+Baron.
+Werde ich ausschlafen.
+
+Karoline.
+Ich werde Ihnen sagen--
+
+Baron.
+Ich werde nichts hören.
+
+Karoline.
+So verlassen Sie mich.
+
+Baron (sich entfernend).
+O, es ist mir leid, dass ich gekommen bin.
+
+Karoline (allein, nach einer Bewegung, als wenn sie ihn aufhalten
+wollte).
+Er geht, ich muss ihn fortschicken, ich darf ihn nicht halten. Ich
+liebe ihn und muss ihn verscheuchen. Ich war unvorsichtig und bin
+unglücklich. Weg sind meine Hoffnungen auf den schönen Morgen, weg
+die goldnen Träume, die ich zu nähren wagte. O, wie wenig Zeit
+braucht es, unser ganzes Schicksal umzukehren!
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Karoline. Breme.
+
+Karoline.
+Lieber Vater, wie geht's? Was macht der junge Graf?
+
+Breme.
+Es ist eine starke Kontusion; doch ich hoffe, die Läsion soll nicht
+gefährlich sein. Ich werde eine vortreffliche Kur machen, und der
+Herr Graf wird sich künftig, sooft er sich im Spiegel besieht, bei der
+Schmarre mit Achtung seines geschickten Chirurgi, seines Breme von
+Bremenfeld erinnern.
+
+Karoline.
+Die arme Gräfin! Wenn sie nur nicht schon morgen käme.
+
+Breme.
+Desto besser! Und wenn sie den übeln Zustand des Patienten mit Augen
+sieht, wird sie, wenn die Kur vollbracht ist, desto mehr Ehrfurcht für
+meine Kunst empfinden. Standespersonen müssen auch wissen, dass sie
+und ihre Kinder Menschen sind; man kann sie nicht genug empfinden
+machen, wie verehrungswürdig ein Mann ist, der ihnen in ihren Nöten
+beisteht, denen sie wie alle Kinder Adams unterworfen sind, besonders
+ein Chirurgus. Ich sage dir, mein Kind, ein Chirurgus ist der
+verehrungswürdigste Mann auf dem ganzen Erdboden. Der Theolog befreit
+dich von der Sünde, die er selbst erfunden hat; der Jurist gewinnt dir
+deinen Prozess und bringt deinen Gegner, der gleiches Recht hat, an
+den Bettelstab; der Medikus kuriert dir eine Krankheit weg, die andere
+herbei, und du kannst nie recht wissen, ob er dir genutzt oder
+geschadet hat: Der Chirurgus aber befreit dich von einem reellen Übel,
+das du dir selbst zugezogen hast, oder das dir zufällig und
+unverschuldet über den Hals kommt; er nutzt dir, schadet keinem
+Menschen, und du kannst dich unwidersprechlich überzeugen, dass seine
+Kur gelungen ist.
+
+Karoline.
+Freilich auch, wenn sie nicht gelungen ist.
+
+Breme.
+Das lehrt dich den Pfuscher vom Meister unterscheiden. Freue dich,
+meine Tochter, dass du einen solchen Meister zum Vater hast: Für ein
+wohl denkendes Kind ist nichts ergötzlicher, als sich seiner Eltern
+und Großeltern zu freuen.
+
+Karoline (sie nachahmend).
+Das tu' ich, mein Vater.
+
+Breme (sie nachahmend).
+Das tust du, mein Töchterchen, mit einem betrübten Gesichtchen und
+weinerlichen Tone.--Das soll doch wohl keine Freude vorstellen?
+
+Karoline.
+Ach, mein Vater!
+
+Breme.
+Was hast du, mein Kind?
+
+Karoline.
+Ich muss es Ihnen gleich sagen.
+
+Breme.
+Was hast du?
+
+Karoline.
+Sie wissen, der Baron hat diese Tage her sehr freundlich, sehr
+zärtlich mit mir getan; ich sagt' es Ihnen gleich und fragte Sie um
+Rat.
+
+Breme.
+Du bist ein vortreffliches Mädchen! Wert, als eine Prinzessin, eine
+Königin aufzutreten.
+
+Karoline.
+Sie rieten mir, auf meiner Hut zu sein, auf mich wohl Acht zu haben,
+aber auch auf ihn; mir nichts zu vergeben, aber auch ein Glück, wenn
+es mich aufsuchen sollte, nicht von mir zu stoßen. Ich habe mich
+gegen ihn betragen, dass ich mir keine Vorwürfe zu machen habe; aber
+er--
+
+Breme.
+Rede, mein Kind, rede!
+
+Karoline.
+O, es ist abscheulich. Wie frech, wie verwegen!--
+
+Breme.
+Wie? (Nach einer Pause.) Sage mir nichts, meine Tochter, du kennst
+mich, ich bin eines hitzigen Temperaments, ein alter Soldat; ich würde
+mich nicht fassen können, ich würde einen tollen Streich machen.
+
+Karoline.
+Sie können es hören, mein Vater, ohne zu zürnen; ich darf es sagen,
+ohne rot zu werden. Er hat meine Freundlichkeit übel ausgelegt, er
+hat sich in Ihrer Abwesenheit, nachdem Luise auf das Schloss geeilt
+war, hier ins Haus geschlichen. Er war verwegen, aber ich wies ihn
+zurechte. Ich trieb ihn fort, und ich darf wohl sagen: Seit diesem
+Augenblick haben sich meine Gesinnungen gegen ihn geändert. Er schien
+mir liebenswürdig, als er gut war, als ich glauben konnte, dass er es
+gut mit mir meine; jetzt kommt er mir vor: Schlimmer als jeder andere.
+Ich werde Ihnen alles, wie bisher, erzählen, alles gestehen und mich
+Ihrem Rat ganz allein überlassen.
+
+Breme.
+Welch ein Mädchen! Welch ein vortreffliches Mädchen! O, ich
+beneidenswerter Vater! Wartet nur, Herr Baron, wartet nur! Die Hunde
+werden von der Kette loskommen und den Füchsen den Weg zum
+Taubenschlag verrennen. Ich will nicht Breme heißen, nicht den Namen
+Bremenfeld verdienen, wenn in kurzem nicht alles anders werden soll.
+
+Karoline.
+Erzürnt Euch nicht, mein Vater!
+
+Breme.
+Du gibst mir ein neues Leben, meine Tochter; ja, fahre fort, deinen
+Stand durch deine Tugend zu zieren, gleiche in allem deiner
+vortrefflichen Urgroßmutter, der seligen Burgemeisterin von Bremenfeld.
+Diese würdige Frau war durch Sittsamkeit die Ehre ihres Geschlechts
+und durch Verstand die Stütze ihres Gemahls. Betrachte dieses Bild
+jeden Tag, jede Stunde, ahme sie nach und werde verehrungswürdig wie
+sie! (Karoline sieht das Bild an und lacht.) Was lachst du, meine
+Tochter?
+
+Karoline.
+Ich will meiner Urgroßmutter gern in allem Guten folgen, wenn ich mich
+nur nicht anziehen soll wie sie. Ha, ha, ha! Sehn Sie nur, so oft ich
+das Bild ansehe, muss ich lachen, ob ich es gleich alle Tage vor Augen
+habe, ha, ha, ha! Sehn Sie nur das Häubchen, dass wie
+Fledermausflügel vom Kopf los steht.
+
+Breme.
+Nun, nun! Zu ihrer Zeit lachte niemand darüber, und wer weiß, wer
+über euch künftig lacht, wenn er euch gemalt sieht; denn ihr seid sehr
+selten angezogen und aufgeputzt, dass ich sagen möchte, ob du gleich
+meine hübsche Tochter bist: Sie gefällt mir! Gleiche dieser
+vortrefflichen Frau an Tugenden und kleide dich mit besserm Geschmack,
+so hab' ich nichts dagegen, vorausgesetzt, dass, wie sie sagen, der
+gute Geschmack nicht teurer ist als der schlechte. Übrigens dächt'
+ich, du gingst zu Bette; denn es ist spät.
+
+Karoline.
+Wollen Sie nicht noch Kaffee trinken? Das Wasser siedet, er ist
+gleich gemacht.
+
+Breme.
+Setze nur alles zurechte, schütte den gemahlenen Kaffee in die Kanne,
+das heiße Wasser will ich selbst darüber gießen.
+
+Karoline.
+Gute Nacht, mein Vater! (Geht ab.)
+
+Breme.
+Schlaf wohl, mein Kind.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Breme allein.
+
+Dass auch das Unglück just diese Nacht geschehen musste! Ich hatte
+alles klüglich eingerichtet, meine Einteilung der Zeit als ein echter
+Praktikus gemacht. Bis gegen Mitternacht hatten wir zusammen
+geschwatzt, da war alles ruhig; nachher wollte ich meine Tasse Kaffee
+trinken, meine bestellten Freunde sollten kommen zu der
+geheimnisvollen Überlegung. Nun hat's der Henker! Alles ist in
+Unruhe. Sie wachen im Schloss, dem Kinde Umschläge aufzulegen. Wer
+weiß, wo sich der Baron herumdrückt, um meiner Tochter aufzupassen.
+Beim Amtmann seh' ich Licht, bei dem verwünschten Kerl, den ich am
+meisten scheue. Wenn wir entdeckt werden, so kann der größte,
+schönste, erhabenste Gedanke, der auf mein ganzes Vaterland Einfluss
+haben soll, in der Geburt erstickt werden. (Er geht ans Fenster.) Ich
+höre jemand kommen; die Würfel sind geworfen, wir müssen nun die
+Steine setzen; ein alter Soldat darf sich vor nichts fürchten. Bin
+ich denn nicht bei dem großen unüberwindlichen Fritz in die Schule
+gegangen?
+
+
+
+Sechster Auftritt
+Breme. Martin.
+
+Breme.
+Seid Ihr's, Gevatter Martin?
+
+Martin.
+Ja, lieber Gevatter Breme, das bin ich. Ich habe mich ganz stille
+aufgemacht, wie die Glocke zwölfe schlug, und bin hergekommen; aber
+ich habe noch Lärm gehört und hin und wider gehen, und da bin ich im
+Garten einige Mal auf und ab geschlichen, bis alles ruhig war. Sagt
+mir nur, was Ihr wollt, Gevatter Breme, dass wir so spät bei Euch
+zusammenkommen, in der Nacht; könnten wir's denn nicht bei Tage
+abmachen?
+
+Breme.
+Ihr sollt alles erfahren, nur müsst Ihr Geduld haben, bis die andern
+alle beisammen sind.
+
+Martin.
+Wer soll denn noch alles kommen?
+
+Breme.
+Alle unsere guten Freunde, alle vernünftigen Leute. Außer Euch, der
+Ihr Schulze von dem Ort hier seid, kommt noch Peter, der Schulze von
+Rosenhahn, und Albert, der Schulze von Wiesengruben; ich hoffe, auch
+Jakob wird kommen, der das hübsche Freigut besitzt. Dann sind recht
+ordentliche und vernünftige Leute beisammen, die schon was ausmachen
+können.
+
+Martin.
+Gevatter Breme, Ihr seid ein wunderlicher Mann; es ist Euch alles eins,
+Nacht und Tag, Tag und Nacht, Sommer und Winter.
+
+Breme.
+Ja, wenn das auch nicht so wäre, könnte nichts Rechts werden. Wachen
+oder Schlafen, das ist mir auch ganz gleich. Es war nach der Schlacht
+bei Leuthen, wo unsere Lazarette sich in schlechtem Zustande befanden
+und sich wahrhaftig noch in schlechterem Zustande befunden hätten,
+wäre Breme nicht damals ein junger rüstiger Bursche gewesen. Da lagen
+viele Blessierte, viele Kranke, und alle Feldscherer waren alt und
+verdrossen, aber Breme ein junger tüchtiger Kerl, Tag und Nacht parat.
+Ich sag' Euch, Gevatter, dass ich acht Nächte nacheinander weg
+gewacht und am Tage nicht geschlafen habe. Das merkte sich aber auch
+der alte Fritz, der alles wusste, was er wissen wollte. Höre Er,
+Breme, sagte er einmal, als er in eigner Person das Lazarett
+visitierte, höre Er, Breme, man sagt, dass Er an der Schlaflosigkeit
+krank liege.--Ich merkte, wo das hinaus wollte; denn die andern
+stunden alle dabei; ich fasste mich und sagte: Ihro Majestät, das ist
+eine Krankheit, wie ich sie allen Ihren Dienern wünsche, und da sie
+keine Mattigkeit zurücklässt, und ich den Tag auch noch brauchbar bin,
+so hoffe ich, dass Seine Majestät deswegen keine Ungnade auf mich
+werfen werden.
+
+Martin.
+Ei, ei! Wie nahm denn das der König auf?
+
+Breme.
+Er sah ganz ernsthaft aus, aber ich sah ihm wohl an, dass es ihm wohl
+gefiel. Breme, sagte er, womit vertreibt Er sich denn die Zeit?
+Da fasst' ich mir wieder ein Herz und sagte: Ich denke an das, was
+Ihro Majestät getan haben und noch tun werden, und da könnt' ich
+Methusalems Jahre erreichen und immer fort wachen und könnt's doch
+nicht ausdenken. Da tat er, als hört' er's nicht, und ging vorbei.
+Nun war's wohl acht Jahre darnach, da fasst' er mich bei der Revue
+wieder ins Auge. Wacht Er noch immer, Breme? reif er. Ihro
+Majestät, versetzt' ich, lassen einem ja im Frieden so wenig Ruh
+als im Kriege. Sie tun immer so große Sachen, dass sich ein
+gescheiter Kerl daran zuschanden denkt.
+
+Martin.
+So habt Ihr mit dem König gesprochen, Gevatter? Durfte man so mit ihm
+reden?
+
+Breme.
+Freilich durfte man so und noch ganz anders; denn er wusste alles
+besser. Es war ihm einer wie der andere, und der Bauer lag ihm am
+mehrsten am Herzen. Ich weiß wohl, sagte er zu seinen Ministern,
+wenn sie ihm das und jenes einreden wollten, die Reichen haben viele
+Advokaten, aber die Dürftigen haben nur einen, und das bin ich.
+
+Martin.
+Wenn ich ihn doch nur auch gesehen hätte!
+
+Breme.
+Stille, ich höre was! Es werden unsere Freunde sein. Sieh da! Peter
+und Albert.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+Peter. Albert. Die Vorigen.
+
+Breme.
+Willkommen!--Ist Jakob nicht bei euch?
+
+Peter.
+Wir haben uns bei den drei Linden bestellt; aber er blieb uns zu lang
+aus, nun sind wir allein da.
+
+Albert.
+Was habt Ihr uns Neues zu sagen, Meister Breme? Ist was von Wetzlar
+gekommen, geht der Prozess vorwärts?
+
+Breme.
+Eben weil nichts gekommen ist, und weil, wenn was gekommen wäre, es
+auch nicht viel heißen würde, so wollt' ich euch eben einmal meine
+Gedanken sagen: Denn ihr wisst wohl, ich nehme mich der Sachen aller,
+aber nicht öffentlich, an, bis jetzt nicht öffentlich; denn ich darf's
+mit der gnädigen Herrschaft nicht ganz verderben.
+
+Peter.
+Ja, wir verdürben's auch nicht gern mit ihr, wenn sie's nur halbweg
+leidlich machte.
+
+Breme.
+Ich wollte euch sagen--wenn nur Jakob da wäre, dass wir alle zusammen
+wären, und dass ich nichts wiederholen müsste, und wir einig würden.
+
+Albert.
+Jakob? Es ist fast besser, dass er nicht dabei ist. Ich traue ihm
+nicht recht; er hat das Freigütchen, und wenn er auch wegen der Zinsen
+mit uns gleiches Interesse hat, so geht ihn doch die Straße nichts an,
+und er hat sich im ganzen Prozess gar zu lässig bewiesen.
+
+Breme.
+Nun, so lasst's gut sein. Setzt euch und hört mich an. (Sie setzen
+sich.)
+
+Martin.
+Ich bin recht neugierig, zu hören.
+
+Breme.
+Ihr wisst, dass die Gemeinden schon vierzig Jahre lang mit der
+Herrschaft einen Prozess führen, der auf langen Umwegen endlich nach
+Wetzlar gelangt ist und von dort den Weg nicht zurückfinden kann. Der
+Gutsherr verlangt Fronen und andere Dienste, die ihr verweigert, und
+mit Recht verweigert; denn es ist ein Rezess geschlossen worden mit
+dem Großvater unsers jungen Grafen--Gott erhalt' ihn!--Der sich diese
+Nacht eine erschreckliche Brausche gefallen hat.
+
+Martin.
+Eine Brausche?
+
+Peter.
+Gerade diese Nacht?
+
+Albert.
+Wie ist das zugegangen?
+
+Martin.
+Das arme liebe Kind!
+
+Breme.
+Das will ich euch nachher erzählen. Nun hört mich weiter an. Nach
+diesem geschlossenen Rezess überließen die Gemeinden an die Herrschaft
+ein paar Fleckchen Holz, einige Wiesen, einige Triften und sonst noch
+Kleinigkeiten, die euch von keiner Bedeutung waren und der Herrschaft
+viel nutzten; denn man sieht, der alte Graf war ein kluger Herr, aber
+auch ein guter Herr. Leben und leben lassen, war sein Spruch. Er
+erließ den Gemeinden dagegen einige zu entbehrende Fronen und--
+
+Albert.
+Und das sind die, die wir noch immer leisten müssen.
+
+Breme.
+Und machte ihnen einige Konvenienzen--
+
+Martin.
+Die wir noch nicht genießen.
+
+Breme.
+Richtig, weil der Graf starb, die Herrschaft sich in Besitz dessen
+setzte, was ihr zugestanden war, der Krieg einfiel, und die Untertanen
+noch mehr tun mussten, als sie vorher getan hatten.
+
+Peter.
+Es ist akkurat so; so hab' ich's mehr als einmal aus des Advokaten
+Munde gehört.
+
+Breme.
+Und ich weiß es besser als der Advokat, denn ich sehe weiter. Der
+Sohn des Grafen, der verstorbene gnädige Herr, wurde eben um die Zeit
+volljährig. Das war, bei Gott! Ein wilder böser Teufel, der wollte
+nichts herausgeben und misshandelte euch ganz erbärmlich. Er war im
+Besitz, der Rezess war fort und nirgends zu finden.
+
+Albert.
+Wäre nicht noch die Abschrift da, die unser verstorbener Pfarrer
+gemacht hat, wir wüssten kaum etwas davon.
+
+Breme.
+Diese Abschrift ist euer Glück und euer Unglück. Diese Abschrift gilt
+alles vor jedem billigen Menschen, vor Gericht gilt sie nichts.
+Hättet ihr diese Abschrift nicht, so wäret ihr ungewiss in dieser
+Sache. Hätte man diese Abschrift der Herrschaft nicht vorgelegt, so
+wüsste man nicht, wie ungerecht sie denkt.
+
+Martin.
+Da müsst Ihr auch wieder billig sein. Die Gräfin leugnet nicht, dass
+vieles für uns spricht; nur weigert sie sich, den Vergleich einzugehen,
+weil sie, in Vormundschaft ihres Sohnes, sich nicht getraut, so etwas
+abzuschließen.
+
+Albert.
+In Vormundschaft ihres Sohnes! Hat sie nicht den neuen Schlossflügel
+bauen lassen, den er vielleicht sein Lebtage nicht bewohnt; denn er
+ist nicht gern in dieser Gegend.
+
+Peter.
+Und besonders, da er nun eine Brausche gefallen hat.
+
+Albert.
+Hat sie nicht den großen Garten und die Wasserfälle anlegen lassen,
+worüber ein paar Mühlen haben müssen weggekauft werden? Das getraut
+sie sich alles in Vormundschaft zu tun, aber das Rechte, das Billige,
+das getraut sie sich nicht.
+
+Breme.
+Albert, du bist ein wackerer Mann; so hör' ich gern reden, und ich
+gestehe wohl, wenn ich von unserer gnädigen Gräfin manches Gute
+genieße und deshalb mich für ihren untertänigen Diener bekenne, so
+möcht' ich doch auch darin meinen König nachahmen und euer Sachwalter
+sein.
+
+Peter.
+Das wäre recht schön. Macht nur, dass unser Prozess bald aus wird!
+
+Breme.
+Das kann ich nicht, das müsst ihr.
+
+Peter.
+Wie wäre denn das anzugreifen?
+
+Breme.
+Ihr guten Leute wisst nicht, dass alles in der Welt vorwärts geht,
+dass heute möglich ist, was vor zehn Jahren nicht möglich war. Ihr
+wisst nicht, was jetzt alles unternommen, was alles ausgeführt wird.
+
+Martin.
+O ja, wir wissen, dass in Frankreich jetzt wunderliches Zeug geschieht.
+
+Peter.
+Wunderliches und Abscheuliches!
+
+Albert.
+Wunderliches und Gutes.
+
+Breme.
+So recht, Albert, man muss das Beste wählen! Da sag' ich nun: Was
+man in Güte nicht haben kann, soll man mit Gewalt nehmen.
+
+Martin.
+Sollte das gerade das beste sein?
+
+Albert.
+Ohne Zweifel.
+
+Peter.
+Ich dächte nicht.
+
+Breme.
+Ich muss euch sagen, Kinder: Jetzt oder niemals!
+
+Albert.
+Da dürft Ihr uns in Wiesengruben nicht viel vorschwatzen; dazu sind
+wir fix und fertig. Unsere Leute wollten längst rebellern; ich habe
+nur immer abgewehrt, weil mir Herr Breme immer sagte, es sei noch
+nicht Zeit, und das ist ein gescheiter Mann, auf den ich Vertrauen
+habe.
+
+Breme.
+Gratias, Gevatter, und ich sage euch: Jetzt ist es Zeit.
+
+Albert.
+Ich glaub's auch.
+
+Peter.
+Nehmt mir's nicht übel, das kann ich nicht einsehen; denn, wenn's gut
+Aderlassen ist, gut Purgieren, gut Schröpfen, das steht im Kalender,
+und darnach weiß ich mich zu richten; aber wenn's just gut Rebellern
+sei, das, glaub' ich, ist viel schwerer zu sagen.
+
+Breme.
+Das muss unsereiner verstehen.
+
+Albert.
+Freilich versteht Ihr's.
+
+Peter.
+Aber sagt mir nur, woher's eigentlich kommt, dass Ihr's besser
+versteht als andere gescheite Leute?
+
+Breme (gravitätisch).
+Erstlich, mein Freund, weil schon vom Großvater an meine Familie die
+größten politischen Einsichten erwiesen. Hier dieses Bildnis zeigt
+euch meinen Großvater Hermann Breme von Bremenfeld, der, wegen großer
+und vorzüglicher verdienste zum Bürgermeister seiner Vaterstadt
+erhoben, ihr die größten und wichtigsten Dienste geleistet hat. Dort
+schwebt sein Andenken noch in Ehren und Segen, wenngleich boshafte,
+pasquillantische Schauspieldichter seine großen Talente und gewisse
+Eigenheiten, die er an sich haben mochte, nicht sehr glimpflich
+behandelten. Seine tiefe Einsicht in die ganze politische und
+militärische Lage von Europa wird ihm selbst von seinen Feinden nicht
+abgesprochen.
+
+Peter.
+Es war ein hübscher Mann, er sieht recht wohlgenährt aus.
+
+Breme.
+Freilich genoss er ruhigere Tage als sein Enkel.
+
+Martin.
+Habt Ihr nicht auch das Bildnis Eures Vaters?
+
+Breme.
+Leider, nein! Doch muss ich euch sagen: Die Natur, indem sie meinen
+Vater Jost Breme von Bremenfeld hervorbrachte, hielt ihre Kräfte
+zusammen, um euren Freund mit solchen Gaben auszurüsten, durch die er
+euch nützlich zu werden wünscht. Doch behüte der Himmel, dass ich
+mich über meine Vorfahren erheben sollte; es wird uns jetzt viel
+leichter gemacht, und wir können mit geringern natürlichen Vorzügen
+eine große Rolle spielen.
+
+Martin.
+Nicht zu bescheiden, Gevatter!
+
+Breme.
+Es ist lautre Wahrheit. Sind nicht jetzt der Zeitungen, der
+Monatsschriften, der fliegenden Blätter so viel, aus denen wir uns
+unterrichten, an denen wir unsern Verstand üben können! Hätte mein
+seliger Großvater nur den tausendsten Teil dieser Hilfsmittel gehabt,
+er wäre ein ganz anderer Mann geworden. Doch, Kinder, was rede ich
+von mir! Die Zeit vergeht, und ich fürchte, der Tag bricht an. Der
+Hahn macht uns aufmerksam, dass wir uns kurz fassen sollen. Habt ihr
+Mut?
+
+Albert.
+An mir und den Meinigen soll's nicht fehlen.
+
+Peter.
+Unter den Meinigen findet sich wohl einer, der sich an die Spitze
+stellt; ich verbitte mir den Auftrag.
+
+Martin.
+Seit den paar letzten Predigten, die der Magister hielt, weil der alte
+Pfarrer so krank liegt, ist das ganze große Dorf hier in Bewegung.
+
+Breme.
+Gut! So kann was werden. Ich habe ausgerechnet, dass wir über
+sechshundert Mann stellen können. Wollt ihr, so ist in der nächsten
+Nacht alles getan.
+
+Martin.
+In der nächsten Nacht?
+
+Breme.
+Es soll nicht wieder Mitternacht werden, und ihr sollt wieder haben
+alles, was euch gebührt, und mehr dazu.
+
+Peter.
+So geschwind? Wie wäre das möglich?
+
+Albert.
+Geschwind oder gar nicht.
+
+Breme.
+Die Gräfin kommt heute an, sie darf sich kaum besinnen. Rückt nur bei
+einbrechender Nacht vor das Schloss und fordert eure Rechte, fordert
+eine neue Ausfertigung des alten Reverses, macht euch noch einige
+kleine Bedingungen, die ich euch schon angeben will, lasst sie
+unterschreiben, lasst sie schwören, und so ist alles getan.
+
+Peter.
+Vor einer solchen Gewalttätigkeit zittern mir Arm' und Beine.
+
+Albert.
+Narr! Wer Gewalt braucht, darf nicht zittern.
+
+Martin.
+Wie leicht können sie uns aber ein Regiment Dragoner über den Hals
+ziehen. So arg dürfen wir's doch nicht machen. Das Militär, der
+Fürst, die Regierung würden uns schön zusammenarbeiten.
+
+Breme.
+Gerade umgekehrt. Das ist's eben, worauf ich fuße. Der Fürst ist
+unterrichtet, wie sehr das Volk bedruckt sei. Er hat sich über die
+Unbilligkeit des Adels, über die Langweiligkeit der Prozesse, über die
+Schikane der Gerichtshalter und Advokaten oft genug deutlich und stark
+erklärt, so dass man voraussetzen kann: Er wird nicht zurück, wenn man
+sich Recht verschafft, da er es selbst zu tun gehindert ist.
+
+Peter.
+Sollte das gewiss sein?
+
+Albert.
+Es wird im ganzen Lande davon gesprochen.
+
+Peter.
+Da wäre noch allenfalls was zu wagen.
+
+Breme.
+Wie ihr zu Werke gehen müsst, wie vor allen Dingen der abscheuliche
+Gerichtshalter beiseite muss, und auf wen noch mehr genau zu sehen ist,
+das sollt ihr alles noch vor Abend erfahren. Bereitet eure Sachen
+vor, regt eure Leute an und seid mir um Sechse beim Herrenbrunnen.
+Dass Jakob nicht kommt, macht ihn verdächtig; ja, es ist besser, dass
+er nicht gekommen ist. Gebt auf ihn acht, dass er uns wenigstens
+nicht schade; an dem Vorteil, den wir uns erwerben, wird er schon
+teilnehmen wollen. Es wird Tag; lebt wohl und bedenkt nur, dass, was
+geschehen soll, schon geschehen ist. Die Gräfin kommt eben erst von
+Paris zurück, wo sie das alles gesehn und gehört hat, was wir mit so
+vieler Verwunderung lesen; vielleicht bringt sie schon selbst mildere
+Gesinnungen mit, wenn sie gelernt hat, was Menschen, die zu sehr
+gedruckt werden, endlich für ihre Rechte tun können und müssen.
+
+Martin.
+Lebt wohl, Gevatter, lebt wohl! Punkt Sechse bin ich am Herrenbrunnen.
+
+
+Albert.
+Ihr seid ein tüchtiger Mann! Lebt wohl.
+
+Peter.
+Ich will Euch recht loben, wenn's gut abläuft.
+
+Martin.
+Wir wissen nicht, wie wir's Euch danken sollen.
+
+Breme (mit Würde).
+Ihr habt Gelegenheit genug, mich zu verbinden. Das kleine Kapital zum
+Exempel von zweihundert Talern, das ich der Kirche schuldig bin,
+erlasst ihr mir ja wohl.
+
+Martin.
+Das soll uns nicht reuen.
+
+Albert.
+Unsere Gemeine ist wohlhabend und wird auch gern was für Euch tun.
+
+Breme.
+Das wird sich finden. Das schöne Fleck, das Gemeindegut war und das
+der Gerichtshalter zum Garten einzäunen und umarbeiten lassen, das
+nehmt ihr wieder in Besitz und überlasst mir's.
+
+Albert.
+Das wollen wir nicht ansehen, das ist schon verschmerzt.
+
+Peter.
+Wir wollen auch nicht zurückbleiben.
+
+Breme.
+Ihr habt selbst einen hübschen Sohn und schönes Gut; dem könnt' ich
+meine Tochter geben. Ich bin nicht stolz, glaubt mir, ich bin nicht
+stolz. Ich will Euch gern meinen Schwäher heißen.
+
+Peter.
+Das Mamsellchen ist hübsch genug; nur ist sie schon zu vornehm erzogen.
+
+
+Breme.
+Nicht vornehm, aber gescheit. Sie wird sich in jeden Stand zu finden
+wissen. Doch darüber lässt sich noch vieles reden. Lebt jetzt wohl,
+meine Freunde, lebt wohl!
+
+Alle.
+So lebt denn wohl!
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+(Vorzimmer der Gräfin. Sowohl im Fond als an den Seiten hängen adlige
+Familienbilder in mannigfaltigen geistlichen und weltlichen Kostümen.)
+
+Der Amtmann tritt herein, und indem er sich umsieht, ob niemand da ist,
+kommt Luise von der andern Seite.
+
+Amtmann.
+Guten Morgen, Demoiselle! Sind Ihro Exzellenz zu sprechen? Kann ich
+meine untertänigste Devotion zu Füßen legen?
+
+Luise.
+Verziehen Sie einigen Augenblick, Herr Amtmann. Die Frau Gräfin wird
+gleich herauskommen. Die Beschwerlichkeiten der Reise und das
+Schrecken bei der Ankunft haben einige Ruhe nötig gemacht.
+
+Amtmann.
+Ich bedaure von ganzem Herzen! Nach einer so langen Abwesenheit, nach
+einer so beschwerlichen Reise ihren einzig geliebten Sohn in einem so
+schrecklichen Zustande zu finden! Ich muss gestehen, es schaudert
+mich, wenn ich nur daran denke. Ihro Exzellenz waren wohl sehr
+alteriert?
+
+Luise.
+Sie können sich leicht vorstellen, was eine zärtliche sorgsame Mutter
+empfinden musste, als sie ausstieg, ins Haus trat und da die
+Verwirrung fand, nach ihrem Sohne fragte und aus ihrem Stocken und
+Stottern leicht schließen konnte, dass ihm ein Unglück begegnet sei.
+
+Amtmann.
+Ich bedaure von Herzen. Was finden Sie an?
+
+Luise.
+Wir mussten nur geschwind alles erzählen, damit sie nicht etwas
+Schlimmeres besorgte; wir mussten sie zu dem Kinde führen, das mit
+verbundenem Kopf und blutigen Kleidern dalag. Wir hatten nur für
+Umschläge gesorgt und ihn nicht ausziehen können.
+
+Amtmann.
+Es muss ein schrecklicher Anblick gewesen sein.
+
+Luise.
+Sie blickte hin, tat einen lauten Schrei und fiel mir ohnmächtig in
+die Arme. Sie war untröstlich, als sie wieder zu sich kam, und wir
+hatten alle Mühe, sie zu überführen, dass das Kind sich nur eine
+starke Beule gefallen, dass es aus der Nase blutet, und dass keine
+Gefahr sei.
+
+Amtmann.
+Ich möchte' es mit dem Hofmeister nicht teilen, der das gute Kind so
+vernachlässigt.
+
+Luise.
+Ich wunderte mich über die Gelassenheit der Gräfin, besonders da er
+den Vorfall leichter behandelte, als es ihm in dem Augenblick geziemte.
+
+
+Amtmann.
+Sie ist gar zu gnädig, gar zu nachsichtig.
+
+Luise.
+Aber sie kennt ihre Leute und merkt sich alles. Sie weiß, wer ihr
+redlich und treu dient; sie weiß, wer nur dem Schein nach ihr
+untertäniger Knecht ist. Sie kennt die Nachlässigen so gut als die
+Falschen, die Unklugen sowohl als die Bösartigen.
+
+Amtmann.
+Sie sagen nicht zu viel; es ist eine vortreffliche Dame, aber
+ebendeswegen! Der Hofmeister verdiente doch, dass sie ihn geradezu
+wegschickte.
+
+Luise.
+In allem, was das Schicksal des Menschen betrifft, geht sie langsam zu
+Werke, wie es einem Großen geziemt. Es ist nichts schrecklicher als
+Macht und Übereilung.
+
+Amtmann.
+Aber Macht und Schwäche sind auch ein trauriges Paar.
+
+Luise.
+Sie werden der gnädigen Gräfin nicht nachsagen, dass sie schwach sei.
+
+Amtmann.
+Behüte Gott, dass ein solcher Gedanke einem alten treuen Diener
+einfallen sollte! Aber es ist denn doch erlaubt, zum Vorteil seiner
+gnädigen Herrschaft zu wünschen, dass man manchmal mit mehr Strenge
+gegen Leute zu Werke gehe, die mit Strenge behandelt sein wollen.
+
+Luise.
+Die Frau Gräfin! (Luise tritt ab.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Gräfin im Negligé. Der Amtmann.
+
+Amtmann.
+Euer Exzellenz haben zwar auf eine angenehme Weise, doch unvermutet
+Ihre Dienerschaft überrascht, und wir bedauern nur, dass Dieselben bei
+Ihrer Ankunft durch einen so traurigen Anblick erschreckt worden. Wir
+hatten alle Anstalten zu Dero Empfang gemacht: Das Tannenreisig zu
+einer Ehrenpforte liegt wirklich schon im Hofe; die sämtlichen
+Gemeinden wollten reihenweise an dem Wege stehen und Hochdieselben mit
+einem lauten Vivat empfangen, und jeder freute sich schon, bei einer
+so feierlichen Gelegenheit seinen Festtagsrock anzuziehen und sich und
+seine Kinder zu putzen.
+
+Gräfin.
+Es ist mir lieb, dass die guten Leute sich nicht zu beiden Seiten des
+Wegs gestellt haben; ich hätte ihnen unmöglich ein freundlich Gesicht
+machen können und Ihnen am wenigsten, Herr Amtmann!
+
+Amtmann.
+Wie so? Wodurch haben wir Euer Exzellenz Ungnade verdient?
+
+Gräfin.
+Ich kann nicht leugnen, ich war sehr verdrießlich, als ich gestern auf
+den abscheulichen Weg kam, der gerade da anfängt, wo meine Besitzungen
+angehen. Die große Reise hab' ich fast auf lauter guten Wegen
+vollbracht, und eben, da ich wieder in das Meinige zurückkomme, find'
+ich sie nicht nur schlechter wie vorm Jahr, sondern so abscheulich,
+dass sie alle Übel einer schlechten Chaussee verbinden. Bald tief
+ausgefahren Löcher, in die der Wagen umzustürzen droht, aus denen die
+Pferde mit aller Gewalt ihn kaum herausreißen, bald Steine ohne
+Ordnung übereinander geworfen, dass man eine Viertelstunde lang selbst
+in dem bequemsten Wagen aufs unerträglichste zusammengeschüttelt wird.
+Es sollte mich wundern, wenn nichts daran beschädigt wäre.
+
+Amtmann.
+Euer Exzellenz werden mich nicht ungehört verdammen; nur mein eifriges
+Bestreben, von Euer Exzellenz Gerechtsamen nicht das mindeste zu
+vergeben, ist Ursache an diesem üblen Zustande des Wegs.
+
+Gräfin.
+Ich verstehe.--
+
+Amtmann.
+Sie erlauben, Ihrer tiefen Einsicht nur anheim zu stellen, wie wenig
+es mir hätte ziemen wollen, den widerspenstigen Bauern auch nur ein
+Haarbreit nachzugeben. Sie sind schuldig, die Wege zu bessern, und da
+Euer Exzellenz Chaussee befehlen, sind sie auch schuldig, die Chaussee
+zu machen.
+
+Gräfin.
+Einige Gemeinden waren ja willig.
+
+Amtmann.
+Das ist eben das Unglück. Sie fuhren die Steine an; als aber die
+übrigen, widerspenstigen sich weigerten und auch jene widerspenstig
+machten, blieben die Steine liegen und wurden nach und nach, teils aus
+Notwendigkeit, teils aus Mutwillen, in die Gleise geworfen, und da ist
+nun der Weg freilich ein bisschen holprig geworden.
+
+Gräfin.
+Sie nennen das ein wenig holprig?
+
+Amtmann.
+Verzeihen Euer Exzellenz, wenn ich sogar sage, dass ich diesen Weg
+öfters mit vieler Zufriedenheit zurücklege. Es ist ein vortreffliches
+Mittel gegen die Hypochondrie, sich dergestalt zusammenschütteln zu
+lassen.
+
+Gräfin.
+Das, gesteh' ich, ist eine eigne Kurmethode.
+
+Amtmann.
+Und freilich, da nun eben wegen dieses Streites, welcher vor dem
+Kaiserlichen Reichskammergericht auf das eifrigste betrieben wird,
+seit einem Jahr an keine Wegebesserung zu denken gewesen, und überdies
+die Holzfuhren stark gehen, in diesen letzten Tagen auch anhaltendes
+Regenwetter eingefallen, so möchte denn freilich jemanden, der gute
+Chausseen gewohnt ist, unsere Straße gewissermaßen impraktikable
+vorkommen.
+
+Gräfin.
+Gewissermaßen? Ich dächte ganz und gar.
+
+Amtmann.
+Euer Exzellenz beleiben zu scherzen. Man kommt doch noch immer fort--
+
+Gräfin.
+Wenn man nicht liegen bleibt. Und doch hab' ich an der Meile sechs
+Stunden zugebracht.
+
+Amtmann.
+Ich, vor einigen Tagen, noch länger. Zweimal wurd' ich glücklich
+herausgewunden, das dritte Mal brach ein Rad, und ich musste mich noch
+nur so hereinschleppen lassen. Aber bei allen diesen Unfällen war ich
+getrost und gutes Muts; denn ich bedachte, dass Euer Exzellenz und
+Ihres Herrn Sohnes Gerechtsame salviert sind. Aufrichtig gestanden,
+ich wollte auf solchen Wegen lieber von hier nach Paris fahren, als
+nur einen Fingerbreit nachgeben, wenn die Rechte und Befugnisse meiner
+gnädigen Herrschaft bestritten werden. Ich wollte daher, Euer
+Exzellenz dächten auch so, und Sie würden gewiss diesen Weg nicht mit
+so viel Unzufriedenheit zurückgelegt haben.
+
+Gräfin.
+Ich muss sagen, darin bin ich anderer Meinung, und gehörten diese
+Besitztümer mir eigen, müsste ich mich nicht bloß als Verwalterin
+ansehen, so würde ich über manche Bedenklichkeit hinausgehen, ich
+würde mein Herz hören, das mir Billigkeit gebietet, und meinen
+Verstand, der mich einen wahren Vorteil von einem scheinbaren
+unterscheiden lehrt. Ich würde großmütig sein, wie es dem gar wohl
+ansteht, der Macht hat. Ich würde mich hüten, unter dem Scheine des
+Rechts auf Forderungen zu beharren, die ich durchzusetzen kaum
+wünschen müsste, und die, indem ich Widerstand finde, mir auf
+lebenslang den völligen Genuss eines Besitzes rauben, den ich auf
+billige Weise verbessern könnte. Ein leidlicher Vergleich und der
+unmittelbare Gebrauch sind besser als eine wohl gegründete Rechtssache,
+die mir Verdruss macht, und von der ich nicht einmal den Vorteil für
+meine Nachkommen einsehe.
+
+Amtmann.
+Euer Exzellenz erlauben, dass ich darin der entgegen gesetzten Meinung
+sein darf. Ein Prozess ist eine so reizende Sache, dass, wenn ich
+reich wäre, ich eher einige kaufen würde, um nicht ganz ohne dieses
+Vergnügen zu leben. (Amtmann tritt ab.)
+
+Gräfin.
+Es scheint, dass er seine Lust an unsern Besitztümern büßen will.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Gräfin. Magister.
+
+Magister.
+Darf ich fragen, gnädige Gräfin, wie sie sich befinden?
+
+Gräfin.
+Wie Sie denken können, nach der Alteration, die mich bei meinem
+Eintritt überfiel.
+
+Magister.
+Es tat mir herzlich Leid; doch, hoff' ich, soll es von keinen Folgen
+sein. Überhaupt aber kann Ihnen schwerlich der Aufenthalt hier so
+bald angenehm werden, wenn Sie ihn mit dem vergleichen, den Sie vor
+kurzem genossen haben.
+
+Gräfin.
+Es hat auch große Reize, wieder zu Hause bei den Seinigen zu wohnen.
+
+Magister.
+Wie oftmals hab' ich Sie um das Glück beneidet, gegenwärtig zu sein,
+als die größten Handlungen geschahen, die je die Welt gesehen hat,
+Zeuge zu sein des seligen Taumels, der eine große Nation in dem
+Augenblick ergriff, als sie sich zum ersten Mal frei und von den
+Ketten entbunden fühlte, die sie so lange getragen hatte, dass diese
+schwere fremde Last gleichsam ein Glied ihres elenden, kranken Körpers
+geworden.
+
+Gräfin.
+Ich habe wunderbare Begebenheiten gesehen, aber wenig Erfreuliches.
+
+Magister.
+Wenngleich nicht für die Sinne, doch für den Geist. Wer aus großen
+Absichten fehl greift, handelt immer lobenswürdiger, als wer dasjenige
+tut, was nur kleinen Absichten gemäß ist. Man kann auf dem rechten
+Wege irren und auf dem falschen recht gehen-- --
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Die Vorigen. Luise.
+
+(Durch die Ankunft dieses vorzüglichen Frauenzimmers wird die
+Lebhaftigkeit des Gesprächs erst gemildert und sodann die Unterredung
+von dem Gegenstande gänzlich abgelenkt. Der Magister, der nun weiter
+kein Interesse findet, entfernt sich, und das Gespräch unter den
+beiden Frauenzimmern setzt sich fort, wie folgt.)
+
+Gräfin.
+Was macht mein Sohn? Ich war eben im Begriff, zu ihm zu gehen.
+
+Luise.
+Er schläft recht ruhig, und ich hoffe, er wird bald wieder
+herumspringen und in kurzer Zeit keine Spur der Beschädigung mehr
+übrig sein.
+
+Gräfin.
+Das Wetter ist gar zu übel, sonst ging' ich in den Garten. Ich bin
+recht neugierig, zu sehen, wie alles gewachsen ist, und wie der
+Wasserfall, wie die Brücke und die Felsenkluft sich jetzt ausnehmen.
+
+Luise.
+Es ist alles vortrefflich gewachsen; die Wildnisse, die Sie angelegt
+haben, scheinen natürlich zu sein; sie bezaubern jeden, der sie zum
+ersten Mal sieht, und auch mir geben sie noch immer in einer stillen
+Stunde einen angenehmen Aufenthalt. Doch muss ich gestehen, dass ich
+in der Baumschule unter den fruchtbaren bäumen lieber bin. Der
+Gedanke des Nutzens führt mich aus mir selbst heraus und gibt mir eine
+Fröhlichkeit, die ich sonst nicht empfinde. Ich kann säen, pfropfen,
+okulieren; und wenngleich mein Auge keine malerische Wirkung empfindet,
+so ist mir doch der Gedanke von Früchten höchst reizend, die einmal
+und wohl bald jemanden erquicken werden.
+
+Gräfin.
+Ich schätze Ihre guten häuslichen Gesinnungen.
+
+Luise.
+Die einzigen, die sich für den Stand schicken, der ans Notwendige zu
+denken hat, dem wenig Willkür erlaubt ist.
+
+Gräfin.
+Haben Sie den Antrag überlegt, den ich Ihnen in meinem letzten Briefe
+tat? Können Sie sich entschließen, meiner Tochter Ihre Zeit zu widmen,
+als Freundin, als Gesellschafterin mit ihr zu leben?
+
+Luise.
+Ich habe kein Bedenken, gnädige Gräfin.
+
+Gräfin.
+Ich hatte viel Bedenken, Ihnen den Antrag zu tun. Die wilde und
+unbändige Gemütsart meiner Tochter macht ihren Umgang unangenehm und
+oft sehr verdrießlich. So leicht mein Sohn zu behandeln ist, so
+schwer ist es meine Tochter.
+
+Luise.
+Dagegen ist ihr edles Herz, ihre Art, zu handeln, aller Achtung wert.
+Sie ist heftig, aber bald zu besänftigen, unbillig, aber gerecht,
+stolz, aber menschlich.
+
+Gräfin.
+Hierin ist sie ihrem Vater--
+
+Luise.
+Äußerst ähnlich. Auf eine sehr sonderbare Weise scheint die Natur in
+der Tochter den rauen Vater, in dem Sohne die zärtliche Mutter wieder
+hervorgebracht zu haben.
+
+Gräfin.
+Versuchen Sie, Luise, dieses wilde, aber edle, Feuer zu dämpfen. Sie
+besitzen alle Tugenden, die ihr fehlen. In Ihrer Nähe, durch Ihr
+Beispiel wird sie gereizt werden, sich nach einem Muster zu bilden,
+das so liebenswürdig ist.
+
+Luise.
+Sie beschämen mich, gnädige Gräfin. Ich kenne an mir keine Tugend als
+die, dass ich mich bisher in mein Schicksal zu finden wusste, und
+selbst diese hat kein Verdienst mehr, seitdem Sie, gnädige Gräfin, so
+viel getan haben, um es zu erleichtern. Sie tun jetzt noch mehr, da
+Sie mich näher an sich heranziehen. Nach dem Tode meines Vaters und
+dem Umsturz meiner Familie habe ich vieles entbehren lernen, nur nicht
+gesitteten und verständigen Umgang.
+
+Gräfin.
+Bei Ihrem Onkel müssen Sie von dieser Seite viel ausstehen.
+
+Luise.
+Es ist ein guter Mann; aber seine Einbildung macht ihn oft höchst
+albern, besonders seit der letzten Zeit, da jeder ein Recht zu haben
+glaubt, nicht nur über die großen Welthändel zu reden, sondern auch
+darin mitzuwirken.
+
+Gräfin.
+Es geht ihm wie sehr vielen.
+
+Luise.
+Ich habe manchmal meine Bemerkungen im stillen darüber gemacht. Wer
+die Menschen nicht kennte, würde sie jetzt leicht kennen lernen. So
+viele nehmen sich der Sache der Freiheit, der allgemeinen Gleichheit
+an, nur um für sich eine Ausnahme zu machen, nur um zu wirken, es sei,
+auf welche Art es wolle.
+
+Gräfin.
+Sie hätten nichts mehr erfahren können, und wenn Sie mit mir in Paris
+gewesen wären.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Friederike. Der Baron. Die Vorigen.
+
+Friederike.
+Hier, liebe Mutter, ein Hase und zwei Feldhühner! Ich habe die drei
+Stücke geschossen, der Vetter hat immer gepudelt.
+
+Gräfin.
+Du siehst wild aus, Friederike; wie du durchnässt bist!
+
+Friederike (das Wasser vom Hute abschwingend).
+Der erste glückliche Morgen, den ich seit langer Zeit gehabt habe.
+
+Baron.
+Sie jagt mich nun schon vier Stunden im Felde herum.
+
+Friederike.
+Es war eine rechte Lust. Gleich nach Tische wollen wir wieder hinaus.
+
+
+Gräfin.
+Wenn du's so heftig treibst, wirst du es blad überdrüssig werden.
+
+Friedericke.
+Geben Sie mir das Zeugnis, liebe Mama! Wie oft hab' ich mich aus
+Paris wieder nach unsern Revieren gesehnt. Die Opern, die Schauspiele,
+die Gesellschaften, die Gastereien, die Spaziergänge, was ist das
+alles gegen einen einzigen vergnügten Tag auf der Jagd, unter freiem
+Himmel, auf unsern Bergen, wo wir eingeboren und eingewohnt sind.--Wir
+müssen ehesten tags hetzen, Vetter.
+
+Baron.
+Sie werden noch warten müssen, die Frucht ist noch nicht aus dem Felde.
+
+
+Friederike.
+Was will das viel schaden? Es ist fast von gar keiner Bedeutung.
+Sobald es ein bisschen auftrocknet, wollen wir hetzen.
+
+Gräfin.
+Geh, zieh dich um! Ich vermute, dass wir zu Tische noch einen Gast
+haben, der sich nur kreuz Zeit bei uns aufhalten kann.
+
+Baron.
+Wird der Hofrat kommen?
+
+Gräfin.
+Er versprach mir, heute wenigstens auf ein Stündchen einzusprechen.
+Er geht auf Kommission.
+
+Baron.
+Es sind einige Unruhen im Lande.
+
+Gräfin.
+Es wird nichts zu bedeuten haben, wenn man sich nur vernünftig gegen
+die Menschen beträgt und ihnen ihren wahren Vorteil zeigt.
+
+Friederike.
+Unruhen? Wer will Unruhen anfangen?
+
+Baron.
+Missvergnügte Bauern, die von ihren Herrschaften gedruckt werden, und
+die leicht Anführer finden.
+
+Friederike.
+Die muss man auf den Kopf schießen. (Sie macht Bewegungen mit der
+Flinte.) Sehen Sie, gnädige Mama, wie mir der Magister die Flinte
+verwahrlost hat! Ich wollte sie doch mitnehmen, und da Sie es nicht
+erlaubten, wollte ich sie dem Jäger aufzuheben geben. Da bat mich der
+Graurock so inständig, sie ihm zu lassen: Sie sei so leicht, sagt' er,
+so bequem, er wolle sie so gut halten, er wolle so oft auf die Jagd
+gehen. Ich ward ihm wirklich gut, weil er so oft auf die Jagd gehen
+wollte, und nun, sehen Sie, find' ich sie heute in der Gesindestube
+hinterm Ofen. Wie das aussieht! Sie wird in meinem Leben nicht
+wieder rein.
+
+Baron.
+Er hatte die Zeit her mehr zu tun; er arbeitet mit an der allgemeinen
+Gleichheit, und da hält er wahrscheinlich die Hasen auch mit für
+seinesgleichen und scheut sich, ihnen was zuleide zu tun.
+
+Gräfin.
+Zieht euch an, Kinder, damit wir nicht zu warten brauchen. Sobald der
+Hofrat kommt, wollen wir essen. (Ab.)
+
+Friederike (ihre Flinte besehend).
+Ich habe die französische Revolution schon so oft verwünscht, und
+jetzt tu' ich's doppelt und dreifach. Wie kann mir nun der Schaden
+ersetzt werden, dass meine Flinte rostig ist?
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+(Saal im Schlosse.)
+
+Gräfin. Hofrat.
+
+Gräfin.
+Ich geb' es Ihnen recht aufs Gewissen, teurer Freund. Denken Sie nach,
+wie wir diesem unangenehmen Prozesse ein Ende machen. Ihre große
+Kenntnis der Gesetze, Ihr Verstand und Ihre Menschlichkeit helfen
+gewiss ein Mittel finden, wie wir aus dieser widerlichen Sache
+scheiden können. Ich habe es sonst leichter genommen, wenn man
+unrecht hatte und im Besitz war: Je nun, dacht' ich, es geht ja
+wohl so hin, und wer hat, ist am besten dran. Seitdem ich aber
+bemerkt habe, wie sich Unbilligkeit von Geschlecht zu Geschlecht so
+leicht aufhäuft, wie großmütige Handlungen meistenteils nur persönlich
+sind, und der Eigennutz allein gleichsam erblich wird; seitdem ich mit
+Augen gesehen habe, dass die menschliche Natur auf einen unglaublichen
+Grad gedrückt und erniedrigt, aber nicht unterdrückt und vernichtet
+werden kann: So habe ich mir fest vorgenommen, jede einzelne Handlung,
+die mir unbillig scheint, selbst streng zu vermeiden und unter den
+Meinigen, in Gesellschaft, bei Hofe, in der Stadt über solche
+Handlungen meine Meinung laut zu sagen. Zu keiner Ungerechtigkeit
+will ich mehr schweigen, keine Kleinheit unter einem großen Scheine
+ertragen, und wenn ich auch unter dem verhassten Namen einer
+Demokratin verschrien werden sollte.
+
+Hofrat.
+Es ist schön, gnädige Gräfin, und ich freue mich, Sie wieder zu finden,
+wie ich Abschied von Ihnen genommen, und noch ausgebildeter. Sie
+waren eine Schülerin der großen Männer, die uns durch ihre Schriften
+in Freiheit gesetzt haben, und nun finde ich in Ihnen einen Zögling
+der großen Begebenheiten, die uns einen lebendigen Begriff geben von
+allem, was der wohl denkende Staatsbürger wünschen und verabscheuen
+muss. Es ziemt Ihnen, Ihrem eigenen Stande Widerpart zu halten. Ein
+jeder kann nur seinen eignen Stand beurteilen und tadeln. Aller Tadel
+heraufwärts oder hinabwärts ist mit Nebenbegriffen und Kleinigkeiten
+vermischt, man kann nur durch seinesgleichen gerichtet werden. Aber
+ebendeswegen, weil ich ein Bürger bin, der es zu bleiben denkt, der
+das große Gewicht des höheren Standes im Staate anerkennt und zu
+schätzen Ursache hat, bin ich auch unversöhnlich gegen die kleinlichen
+neidischen Neckereien, gegen den blinden Hass, der nur aus eigner
+Selbstigkeit erzeugt wird, prätentios Prätentionen bekämpft, sich über
+Formalitäten formalisiert und, ohne selbst Realität zu haben, da nur
+Schein sieht, wo er Glück und Folge sehen könnte. Wahrlich! Wenn
+alle Vorzüge gelten sollen, Gesundheit, Schönheit, Jugend, Reichtum,
+Verstand, Talente, Klima, warum soll der Vorzug nicht auch irgendeine
+Art von Gültigkeit haben, dass ich von einer Reihe tapferer, bekannter,
+ehrenvoller Väter entsprungen bin! Das will ich sagen da, wo ich
+eine Stimme habe, und wenn man mir auch den verhassten Namen eines
+Aristokraten zueignete.
+
+(Hier findet sich eine Lücke, welche wir durch Erzählung ausfüllen.
+Der trockne Ernst dieser Szene wird dadurch gemildert, dass der Hofrat
+seine Neigung zu Luisen bekennt, indem er sich bereit zeigt, ihr seine
+Hand zu geben. Ihre frühern Verhältnisse, vor dem Umsturz, den
+Luisens Familie erlitt, kommen zur Sprache, sowie die stillen
+Bemühungen des vorzüglichen Mannes, sich und zugleich Luisen eine
+Existenz zu verschaffen.
+
+Eine Szene zwischen der Gräfin, Luisen und dem Hofrat gibt Gelegenheit,
+drei schöne Charaktere näher kennen zu lernen und uns für das, was
+wir in den nächsten Auftritten erdulden sollen, vorläufig einigermaßen
+zu entschädigen. Denn nun versammelt sich um den Teetisch, wo Luise
+einschenkt, nach und nach das ganze Personal des Stücks, so dass
+zuletzt auch die Bauern eingeführt werden. Da man sich nun nicht
+enthalten kann, von Politik zu sprechen, so tut der Baron, welcher
+Leichtsinn, Frevel und Spott nicht verbergen kann, den Vorschlag,
+sogleich eine Nationalversammlung vorzustellen. Der Hofrat wird zum
+Präsidenten erwählt, und die Charaktere der Mitspielenden, wie man sie
+schon kennt, entwickeln sich freier und heftiger. Die Gräfin, das
+Söhnchen mit verbundenem Kopfe neben sich, stellt die Fürstin vor,
+deren Ansehen geschmälert werden soll und die aus eigenen liberalen
+Gesinnungen nachzugeben geneigt ist. Der Hofrat, verständig und
+gemäßigt, sucht ein Gleichgewicht zu erhalten, ein Bemühen, das jeden
+Augenblick schwieriger wird. Der Baron spielt die Rolle des Edelmanns,
+der von seinem Stande abfällt und zum Volke übergeht. Durch seine
+schelmische Verstellung werden die andern gelockt, ihr Innerstes
+hervorzukehren. Auch Herzensangelegenheiten mischen sich mit ins
+spiel. Der Baron verfehlt nicht, Karolinen die schmeichelhaftesten
+Sachen zu sagen, die sie zu ihren schönsten Gunsten auslegen kann. An
+der Heftigkeit, womit Jakob die Gerechtsame des gräflichen Hauses
+verteidigt, lässt sich eine stille, unbewusste Neigung zu der jungen
+Gräfin nicht verkennen. Luise sieht in allem diesen nur die
+Erschütterung des häuslichen Glücks, dem sie sich so nahe glaubt, und
+wenn die Bauern mitunter schwerfällig werden, so erheitert Bremenfeld
+die Szene durch seinen Dünkel, durch Geschichtchen und guten Humor.
+Der Magister, wie wir ihn schon kennen, überschreitet vollkommen die
+Grenze, und da der Baron immerfort hetzt, läuft es endlich auf
+Persönlichkeiten hinaus, und als nun vollends die Brausche des
+Erbgrafen als unbedeutend, ja lächerlich behandelt wird, so bricht die
+Gräfin los, und die Sache kommt so weit, dass dem Magister
+aufgekündigt wird. Der Baron verschlimmert das Übel, und er bedient
+sich, da der Lärm immer stärker wird, der Gelegenheit, mehr in
+Karolinen zu dringen und sie zu einer heimlichen Zusammenkunft für die
+Nacht zu bereden. Bei allem diesen zeigt sich die junge Gräfin
+entschieden heftig, parteiisch auf ihren Stand, hartnäckig auf ihren
+besitz, welche Härte jedoch durch ein unbefangenes, rein natürliches
+und im tiefsten Grunde rechtliches weibliches Wesen bis zur
+Leibenswürdigkeit gemildert wird. Und so lässt sich einsehen, dass
+der Akt ziemlich tumultuarisch und, insofern es der bedenkliche
+Gegenstand erlaubt, für das Gefühl nicht ganz unerträglich geendigt
+wird. Vielleicht bedauert man, dass der Verfasser die Schwierigkeiten
+einer solchen Szene nicht zur rechten Zeit zu überwinden bemüht war.)
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+(Bremens Wohnung.)
+
+Breme. Martin. Albert.
+
+Breme.
+Sind eure Leute alle an ihren Posten? Habt ihr sie wohl unterrichtet?
+Sind sie gutes Muts?
+
+Martin.
+Sobald Ihr mit der Glocke stürmt, werden sie alle da sein.
+
+Breme.
+So ist's recht! Wenn im Schlosse die Lichter alle aus sind, wenn es
+Mitternacht ist, soll es gleich angehen. Unser Glück ist's, dass der
+Hofrat fortgeht. Ich fürchte sehr, er möchte bleiben und uns den
+ganzen Spaß verderben.
+
+Albert.
+Ich fürchte so noch immer, es geht nicht gut ab. Es ist mir schon zum
+voraus bange, die Glocke zu hören.
+
+Breme.
+Seid nur ruhig. Habt ihr nicht heute selbst gehört, wie übel es jetzt
+mit den vornehmen Leuten steht? Habt ihr gehört, was wir der Gräfin
+alles unters Gesicht gesagt haben?
+
+Martin.
+Es war ja aber nur zum Spaß.
+
+Albert.
+Es war schon zum Spaße grob genug.
+
+Breme.
+Habt ihr gehört, wie ich eure Sache zu verfechten weiß? Wenn's Ernst
+gilt, will ich so vor den Kaiser treten. Und was sagt ihr zum Herrn
+Magister, hat sich der nicht auch wacker gehalten?
+
+Albert.
+Sie haben's Euch aber auch brav abgegeben. Ich dachte zuletzt, es
+würde Schläge setzen; und unsere gnädige Kontess--war's doch, als wenn
+ihr seliger Herr Vater leibhaftig dastünde.
+
+Breme.
+Lasst mir das gnädige weg, es wird sich bald nichts mehr zu gnädigen
+haben. Seht, hier hab' ich die Briefe schon fertig, die schick' ich
+in die benachbarten Gerichtsdörfer. Sobald's hier losgeht, sollen die
+auch stürmen und rebellieren und auch ihre Nachbarn auffordern.
+
+Martin.
+Das kann was werden.
+
+Breme.
+Freilich! Und alsdann Ehre, dem Ehre gebührt! Euch, meine leiben
+Kinder. Ihr werdet als die Befreier des Landes angesehn.
+
+Martin.
+Ihr, Herr Breme, werdet das größte Lob davontragen.
+
+Breme.
+Nein, das gehört sich nicht; es muss jetzt alles gemein sein.
+
+Martin.
+Indessen habt Ihr's doch angefangen.
+
+Breme.
+Gebt mir die Hände, brave Männer! So standen einst die drei großen
+Schweizer, Wilhelm Tell, Walther Staubbach, Fürst von Uri, die standen
+auf dem Grütliberg beisammen und schwuren den Tyrannen ew'gen Hass und
+ihren mitgenossen ewige Freiheit. Wie oft hat man diese wackern
+Helden gemalt und in Kupfer gestochen! Auch uns wird diese Ehre
+widerfahren. In dieser Positur werden wir auf die Nachwelt kommen.
+
+Martin.
+Wie Ihr Euch das alles so denken könnt.
+
+Albert.
+Ich fürchte nur, dass wir im Karrn eine böse Figur machen können.
+Horcht! Es klingelt jemand. Mir zittert das Herz im Leibe, wenn sich
+nur was bewegt.
+
+Breme.
+Schämt Euch! Ich will aufziehen. Es wird der Magister sein; ich habe
+ihn herüber bestellt. Die Gräfin hat ihm den Dienst aufgesagt; die
+Kontess hat ihn sehr beleidigt. Wir werden ihn leicht in unsere
+Partei ziehen. Wenn wir einen Geistlichen unter uns haben, sind wir
+unserer Sache desto gewisser.
+
+Martin.
+Einen Geistlichen und Gelehrten.
+
+Breme.
+Was die Gelehrsamkeit betrifft, geb' ich ihm nichts nach, und
+besonders hat er weit weniger politische Lektüre als ich. Alle die
+Chroniken, die ich von meinem seligen Großvater geerbt habe, waren in
+meiner Jugend schon durchgelesen, und das Theatrum Europaeum kenn' ich
+in- und auswendig. Wer recht versteht, was geschehen ist, der weiß
+auch, was geschieht und geschehen wird. Es ist immer einerlei; es
+passiert in der Welt nichts Neues. Der Magister kommt. Halt! Wir
+müssen ihn feierlich empfangen. Er muss Respekt vor uns kriegen. Wir
+stellen jetzt die Repräsentanten der ganzen Nation gleichsam in Nuce
+vor. Setzt euch.
+
+(Er setzt drei Stühle auf die eine Seite des Theaters, auf die andere
+einen Stuhl. Die beiden Schulzen setzen sich, und wie der Magister
+herein tritt, setzt sich Breme geschwind in ihre Mitte und nimmt ein
+gravitätisches Wesen an.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Vorigen. Der Magister.
+
+Magister.
+Guten Morgen, Herr Breme. Was gibt's Neues? Sie wollen mir etwas
+Wichtiges vertrauen, sagten Sie.
+
+Breme.
+Etwas sehr Wichtiges, gewiss! Setzen Sie sich. (Magister will den
+einzelnen Stuhl nehmen und zu ihnen rücken.) Nein, bleiben Sie dort,
+sitzen Sie dort nieder! Wir wissen noch nicht, ob Sie an unserer
+Seite nieder sitzen wollen.
+
+Magister.
+Eine wunderbare Vorbereitung.
+
+Breme.
+Sie sind ein Mann, ein freigeborner, ein freidenkender, ein
+geistlicher, ein ehrwürdiger Mann. Sie sind ehrwürdig, weil Sie
+geistlich sind, und noch ehrwürdiger, weil Sie frei sind. Sie sind
+frei, weil Sie edel sind, und sind schätzbar, weil Sie frei sind. Und
+nun! Was haben wir erleben müssen! Wir sahen Sie verachtet, wir
+sahen Sie beleidigt; aber wir haben zugleich Ihren edlen Zorn gesehen,
+einen edlen Zorn, aber ohne Wirkung. Glauben Sie, dass wir Ihre
+Freunde sind, so glauben Sie auch, dass sich unser Herz im Busen
+umkehrt, wenn wir Sie verkehrt behandelt sehen. Ein edler Mann und
+verhöhnt; ein freier Mann und bedroht; ein geistlicher Mann und
+verachtet; ein treuer Diener und verstoßen! Zwar verhöhnt von Leuten,
+die selbst Hohn verdienen; verachtet von Menschen, die keiner Achtung
+wert sind; verstoßen von Undankbaren, deren Wohltaten man nicht
+genießen möchte; bedroht von einem Kinde, von einem Mädchen--das
+scheint freilich nicht viel zu bedeuten; aber wenn Ihr bedenkt, dass
+dieses Mädchen kein Mädchen, sondern ein eingefleischter Satan ist,
+dass man sie Legion nennen sollte--denn es sind viele tausend
+aristokratische Geister in sie gefahren--so seht Ihr deutlich, was uns
+von allen Aristokraten bevorsteht, Ihr seht es, und wenn Ihr klug seid,
+so nehmt Ihr Eure Maßregeln.
+
+Magister.
+Wozu soll diese sonderbare Rede? Wohin wird Euch der seltsame Eingang
+führen? Sagt Ihr das, um meinen Zorn gegen diese verdammte Brut noch
+mehr zu erhitzen, um meine aufs äußerste getriebene Empfindlichkeit
+noch mehr zu reizen? Schweigt stille! Wahrhaftig, ich wüsste nicht,
+wozu mein gekränktes Herz jetzt nicht alles fähig wäre. Was! Nach so
+vielen Diensten, nach so vielen Aufopferungen mir so zu begegnen, mich
+vor die Türe zu setzen! Und warum? Wegen einer elenden Beule, wegen
+einer gequetschten Nase, mit der so viele hundert Kinder auf und davon
+springen. Aber es kommt eben recht, eben recht! Sie wissen nicht,
+die Großen, wen sie in uns beleidigen, die wir Zungen, die wir Federn
+haben.
+
+Breme.
+Dieser edle Zorn ergötzt mich, und so frage ich Euch denn im Namen
+aller edlen, frei gebornen, der Freiheit werten Menschen, ob Ihr diese
+Zunge, diese Feder von nun an dem Dienste der Freiheit völlig widmen
+wollt?
+
+Magister.
+O ja, ich will, ich werde!
+
+Breme.
+Dass Ihr keine Gelegenheit versäumen wollt, zu dem edlen Zwecke
+mitzuwirken, nach dem jetzt die ganze Menschheit emporstrebt?
+
+Magister.
+Ich gebe Euch mein Wort.
+
+Breme.
+So gebt mir Eure Hand, mir und diesen Männern.
+
+Magister.
+Einem jedem; aber was haben diese armen Leute, die wie Sklaven
+behandelt werden, mit der Freiheit zu tun?
+
+Breme.
+Sie sind nur noch eine Spanne davon, nur so breit, als die Schwelle
+des Gefängnisses ist, an dessen eröffneter Türe sie stehen.
+
+Magister.
+Wie?
+
+Breme.
+Euer Ehrenwort, dass Ihr schweigen werdet!
+
+Magister.
+Ich gebe es.
+
+Breme.
+Der Augenblick ist nahe, die Gemeinden sind versammelt, in einer
+Stunde sind sie hier. Wir überfallen das Schloss, nötigen die Gräfin
+zur Unterschrift des Rezesses und zu einer eidlichen Versicherung,
+dass künftighin alle drückenden Lasten aufgehoben sein sollen.
+
+Magister.
+Ich erstaune!
+
+Breme.
+Da habe ich nur noch ein Bedenken wegen des Eids. Die vornehmen Leute
+glauben nichts mehr. Sie wird einen Eid schwören und sich davon
+entbinden lassen. Man wird ihr beweisen, dass ein gezwungener Eid
+nichts gelte.
+
+Magister.
+Dafür will ich Rat schaffen. Diese Menschen, die sich über alles
+wegsetzen, ihresgleichen behandeln wie das Vieh, ohne Liebe, ohne
+Mitleid, ohne Furcht frech in den Tag hinein leben, solange sie mit
+Menschen zu tun haben, die sie nicht schätzen, solange sie von einem
+Gott sprechen, den sie nicht erkennen: Dieses übermütige Geschlecht
+kann sich doch von dem geheimen Schauer nicht losmachen, der alle
+lebendigen Kräfte der Natur durchschwebt, kann die Verbindung sich
+nicht leugnen, in der Worte und Wirkung, Tat und Folge ewig
+miteinander bleiben. Lasst sie einen feierlichen Eid tun.
+
+Martin.
+Sie soll in der Kirche schwören.
+
+Breme.
+Nein, unter freiem Himmel.
+
+Magister.
+Das ist nichts. Diese feierlichen Szenen rühren nur die
+Einbildungskraft. Ich will es euch anders lehren. Umgebt sie, lasst
+sie in eurer Mitte die Hand auf ihres Sohnes Haupt legen, bei diesem
+geliebten Haupte ihr Versprechen beteuern und alles Übel, was einen
+Menschen betreffen kann, auf diese kleine Gefäß herab rufen, wenn sie
+unter irgendeinem Vorwande ihr Versprechen zurücknähme oder zugäbe,
+dass es vereitelt würde.
+
+Breme.
+Herrlich!
+
+Martin.
+Schrecklich!
+
+Albert.
+Entsetzlich!
+
+Magister.
+Glaubt mir, sie ist auf ewig gebunden.
+
+Breme.
+Ihr sollt zu ihr in den Kreis treten und ihr das Gewissen schärfen.
+
+Magister.
+An allem, was ihr tun wollt, nehm' ich Anteil; nur sagt mir, wie wird
+man es in der Residenz ansehen? Wenn sie euch Dragoner schicken, so
+seid ihr alle gleich verloren.
+
+Martin.
+Da weiß Herr Breme schon Rat.
+
+Albert.
+Ja, was das für ein Kopf ist!
+
+Magister.
+Klärt mich auf.
+
+Breme.
+Ja, ja, das ist's nun eben, was man hinter Hermann Breme dem Zweiten
+nicht sucht. Er hat Konnexionen, Verbindungen da, wo man glaubt, er
+habe nur Kunden. So viel kann ich euch nur sagen, und es wissen's
+diese Leute, dass der Fürst selbst eine Revolution wünscht.
+
+Magister.
+Der Fürst?
+
+Breme.
+Er hat die Gesinnungen Friedrichs und Josephs, der beiden Monarchen,
+welche alle wahre Demokraten als ihre Heiligen anbeten sollten. Er
+ist erzürnt, zu sehen, wie der Bürger- und Bauernstand unterm Druck
+des Adels seufzt, und leider kann er selbst nicht wirken, da er von
+lauter Aristokraten umgeben ist. Haben wir uns nur aber erst
+legitimiert, dann setzt er sich an unsere Spitze, und seine Truppen
+sind zu unsern Diensten, und Breme und alle brave Männer sind an
+seiner Seite.
+
+Magister.
+Wie habt Ihr das alles erforscht und getan und habt Euch nichts merken
+lassen?
+
+Breme.
+Man muss im stillen viel tun, um die Welt zu überraschen. (Er geht
+ans Fenster.) Wenn nur erst der Hofrat fort wäre, dann solltet ihr
+Wunder sehen.
+
+Martin (auf Bremen deutend).
+Nicht wahr, das ist ein Mann!
+
+Albert.
+Er kann einem recht Herz machen.
+
+Breme.
+Und, lieber Magister, die Verdienste, die Ihr Euch diese Nacht erwerbt,
+dürfen nicht unbelohnt bleiben. Wir arbeiten heute fürs ganze
+Vaterland. Von unserm Dorfe wird die Sonne der Freiheit aufgehen.
+Wer hätte das gedacht!
+
+Magister.
+Befürchtet Ihr keinen Widerstand?
+
+Breme.
+Dafür ist schon gesorgt. Der Amtmann und die Gerichtsdiener werden
+gleich gefangen genommen. Der Hofrat geht weg, die paar Bedienten
+wollen nichts sagen, und der Baron ist nur der einzige Mann im
+Schlosse; den locke ich durch meine Tochter herüber ins Haus und
+sperre ihn ein, bis alles vorbei ist.
+
+Martin.
+Wohl ausgedacht.
+
+Magister.
+Ich verwundere mich über Eure Klugheit.
+
+Breme.
+Nu, nu! Wenn es Gelegenheit gibt, sie zu zeigen, sollt Ihr noch mehr
+sehen, besonders was die auswärtigen Angelegenheiten betrifft. Glaubt
+mir, es geht nichts über einen guten Chirurgus, besonders wenn er
+dabei ein geschickter Barbier ist. Das unverständige Volk spricht
+viel von Bartkratzern und bedenkt nicht, wie viel dazu gehört,
+jemanden zu barbieren, eben dass es nicht kratze. Glaubt mir nur, es
+wird zu nichts mehr Politik erfordert, als den Leuten den Bart zu
+putzen, ihnen diese garstigen barbarischen Exkremente der Natur, diese
+Barthaare, womit sie das männliche Kinn täglich verunreinigt, hinweg
+zu nehmen und den Mann dadurch an Gestalt und Sitten einer
+glattwangigen Frau, einem zarten liebenswürdigen Jüngling ähnlich zu
+machen. Komme ich dereinst dazu, mein Leben und Meinungen aufzusetzen,
+so soll man über die Theorie der Barbierkunst erstaunen, aus der ich
+zugleich alle Lebens- und Klugheitsregeln herleiten will.
+
+Magister.
+Ihr seid ein originaler Kopf!
+
+Breme.
+Ja, ja, das weiß ich wohl, und deswegen habe ich auch den Leuten
+verziehen, wenn sie mich oft nicht begreifen konnten, und wenn sie,
+albern genug, glaubten mich zum Besten zu haben. Aber ich will ihnen
+zeigen, dass, wer einen rechten Seifenschaum zu schlagen weiß, wer mit
+Leichtigkeit, Bequemlichkeit und Gewandtheit der Finger einzuseifen,
+den sprödesten Bart zahm zu machen versteht; wer da weiß, dass ein
+frisch abgezognes Messer ebenso gut rauft als ein stumpfes, wer mit
+dem Strich oder wider den Strich die Haare wegnimmt, als wären sie gar
+nicht dagewesen; wer dem warmen Wasser zum Abwaschen die gehörige
+Temperatur verleiht und selbst das Abtrocknen mit Gefälligkeit
+verrichtet und in seinem ganzen Benehmen etwas Zierliches darstellt--
+das ist kein gemeiner Mensch, sondern er muss alle Eigenschaften
+besitzen, die einem Minister Ehre machen.
+
+Albert.
+Ja, ja, es ist ein Unterschied zwischen Barbier und Barbier.
+
+Martin.
+Und Herr Breme besonders, das ist dir eine ordentliche Lust.
+
+Breme.
+Nu, nu, es wird sich zeigen. Es ist bei der ganzen Kunst nichts
+Unbedeutendes. Die Art, den Schersack aus- und einzukramen, die Art,
+die Gerätschaften zu halten, ihn unterm Arm zu tragen--ihr sollt
+Wunder hören und sehen. Nun wird's aber Zeit, dass ich meine Tochter
+vorkriege. Ihr Leute, geht an eure Posten! Herr Magister, halten Sie
+sich in der Nähe.
+
+Magister.
+Ich gehe in den Gasthof, wohin ich gleich meine Sachen habe bringen
+lassen, als man mir im Schlosse übel begegnete.
+
+Breme.
+Wenn Sie stürmen hören, so soll's Ihnen frei stehen, sich zu uns zu
+schlagen oder abzuwarten, ob es uns glückt, woran ich gar nicht
+zweifele.
+
+Magister.
+Ich werde nicht fehlen.
+
+Breme.
+So lebt denn wohl und gebt aufs Zeichen Acht!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Breme allein.
+
+Wie würde mein sel'ger Großvater sich freuen, wenn er sehen könnte,
+wie gut ich mich in das neue Handwerk schicke. Glaubt doch der
+Magister schon, dass ich große Konnexionen bei Hofe habe. Da sieht
+man, was es tut, wenn man sich Kredit zu machen weiß. Nun muss
+Karoline kommen. Sie hat das Kind so lange gewartet, ihre Schwester
+wird sie ablösen. Da ist sie.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Breme. Karoline.
+
+Breme.
+Wie befindet sich der junge Graf?
+
+Karoline.
+Recht leidlich. Ich habe ihm Märchen erzählt, bis er eingeschlafen
+ist.
+
+Breme.
+Was gibt's sonst im Schlosse?
+
+Karoline.
+Nichts Merkwürdiges.
+
+Breme.
+Der Hofrat ist noch nicht weg?
+
+Karoline.
+Er scheint Anstalt zu machen. Sie binden eben den Mantelsack auf.
+
+Breme.
+Hast du den Baron nicht gesehen?
+
+Karoline.
+Nein, mein Vater.
+
+Breme.
+Er hat dir heute in der Nationalversammlung allerlei in die Ohren
+geraunt?
+
+Karoline.
+Ja, mein Vater.
+
+Breme.
+Das eben nicht die ganze Nation, sondern meine Tochter Karoline
+betraf?
+
+Karoline.
+Freilich, mein Vater.
+
+Breme.
+Du hast dich doch klug gegen ihn zu benehmen gewusst?
+
+Karoline.
+O gewiss.
+
+Breme.
+Er hat wohl wieder stark in dich gedrungen?
+
+Karoline.
+Wie Sie denken können.
+
+Breme.
+Und du hast ihn abgewiesen?
+
+Karoline.
+Wie sich's ziemt.
+
+Breme.
+Wie ich es von meiner trefflichen Tochter erwarten darf, die ich aber
+auch mit Ehre und Glück überhäuft und für ihre Tugend reichlich
+belohnt sehen werde.
+
+Karoline.
+Wenn Sie nur nicht vergebens hoffen.
+
+Breme.
+Nein, meine Tochter, ich bin eben im Begriff, einen großen Anschlag
+auszuführen, wozu ich deine Hilfe brauche.
+
+Karoline.
+Was meinen Sie, mein Vater?
+
+Breme.
+Es ist dieser verwegenen Menschenrasse der Untergang gedroht.
+
+Karoline.
+Was sagen Sie?
+
+Breme.
+Setze dich nieder und schreib.
+
+Karoline.
+Was?
+
+Breme.
+Ein Billett an den Baron, dass er kommen soll.
+
+Karoline.
+Aber wozu?
+
+Breme.
+Das will ich dir schon sagen. Es soll ihm kein Leids widerfahren, ich
+sperre ihn nur ein.
+
+Karoline.
+O Himmel!
+
+Breme.
+Was gibt's?
+
+Karoline.
+Soll ich mich einer solchen Verräterei schuldig machen?
+
+Breme.
+Nur geschwind.
+
+Karoline.
+Wer soll es denn hinüberbringen?
+
+Breme.
+Dafür lass mich sorgen.
+
+Karoline.
+Ich kann nicht.
+
+Breme.
+Zuerst eine Kriegslist. (Er zündet eine Blendlaterne an und löscht
+das Licht aus.) Geschwind, nun schreib, ich will dir leuchten.
+
+Karoline (für sich).
+Wie soll das werden? Der Baron wird sehen, dass das Licht ausgelöscht
+ist; er wird auf das Zeichen kommen.
+
+Breme (zwingt sie zum Sitzen).
+Schreib! "Luise bleibt im Schlosse, mein Vater schläft. Ich lösche
+das Licht aus, kommen Sie!"
+
+Karoline (widerstrebend).
+Ich schreibe nicht.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Die Vorigen. Der Baron am Fenster.
+
+Baron.
+Karoline!
+
+Breme.
+Was ist das? (Er schiebt die Blendlaterne zu und hält Karoline fest,
+die aufstehen will.)
+
+Baron (wie oben).
+Karoline! Sind Sie nicht hier? (Er steigt herein.) Stille! Wo bin
+ich? Dass ich nicht fehlgehe. Gleich dem Fenster gegenüber ist des
+Vaters Schlafzimmer, und hier rechts an der Wand die Türe in der
+Mädchen Kammer. (Er tappt an der Seite hin und trifft die Tür.) Hier
+ist sie, nur angelehnt. O, wie gut sich der blinde Kupido im Dunkeln
+zu finden weiß! (Er geht hinein.)
+
+Breme.
+In die Falle! (Er schiebt die Blendlaterne auf, eilt nach der
+Kammertüre und stößt den Riegel vor.) So recht, und das Vorlegeschloss
+ist auch schon in Bereitschaft. (Er legt ein Schloss vor.) Und du,
+Nichtswürdige! So verrätst du mich?
+
+Karoline.
+Mein Vater!
+
+Breme.
+So heuchelst du mir Vertrauen vor?
+
+Baron (inwendig).
+Karoline! Was heißt das?
+
+Karoline.
+Ich bin das unglücklichste Mädchen unter der Sonne.
+
+Breme (laut an der Türe).
+Das heißt: Dass Sie hier schlafen werden, aber allein.
+
+Baron (inwendig).
+Nichtswürdiger! Machen Sie auf, Herr Breme, der Spaß wird Ihnen teuer
+zu stehen kommen.
+
+Breme (laut).
+Es ist mehr als Spaß, es ist bitterer Ernst.
+
+Karoline (an der Türe).
+Ich bin unschuldig an dem Verrat!
+
+Breme.
+Unschuldig? Verrat?
+
+Karoline (an der Türe kniend).
+O, wenn du sehen könntest, mein Geliebter, wie ich hier vor dieser
+Schwelle liege, wie ich untröstlich meine Hände ringe, wie ich meinen
+grausamen Vater bitte!--Machen Sie auf, mein Vater!--Er hört nicht, er
+sieht mich nicht an.--O, mein Geliebter, habe mich nicht im Verdacht,
+ich bin unschuldig!
+
+Breme.
+Du unschuldig? Niederträchtige feile Dirne! Schande deines Vaters!
+Ewiger schändender Flecken in dem Ehrenkleid, das er eben in diesem
+Augenblicke angezogen hat. Steh auf, hör' auf zu weinen, dass ich
+dich nicht an den Haaren von der Schwelle wegziehe, die du, ohne zu
+erröten, nicht wieder betreten solltest. Wie! In dem Augenblick, da
+Breme sich den größten Männern des Erdbodens gleichsetzt, erniedrigt
+sich seine Tochter so sehr!
+
+Karoline.
+Verstoßt mich nicht, verwerft mich nicht, mein Vater! Er tat mir die
+heiligsten Versprechungen.
+
+Breme.
+Rede mir nicht davon, ich bin außer mir. Was! Ein Mädchen, das sich
+wie eine Prinzessin, wie eine Königin aufführen sollte, vergisst sich
+so ganz und gar? Ich halte mich kaum, dass ich dich nicht mit Fäusten
+schlage, nicht mit Füßen trete. Hier hinein! (Er stößt sie in sein
+Schlafzimmer.) Dies französische Schloss wird dich wohl verwahren.
+Von welcher Wut fühl' ich mich hingerissen! Das wäre die rechte
+Stimmung, um die Glocke zu ziehen.--Doch nein, fasse dich, Breme!--
+Bedenke, dass die größten Menschen in ihrer Familie manchen Verdruss
+gehabt haben. Schäme dich nicht einer frechen Tochter und bedenke,
+dass Kaiser Augustus in ebendem Augenblick mit Verstand und Macht die
+Welt regierte, da er über die Vergehungen seiner Julie bittere Tränen
+vergoss. Schäme dich nicht, zu weinen, dass eine solche Tochter dich
+hintergangen hat; aber bedenke auch zugleich, dass der Endzweck
+erreicht ist, dass der Widersacher eingesperrt verzweifelt, und dass
+deiner Unternehmung ein glückliches Ende bevorsteht.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+(Saal im Schlosse, erleuchtet.)
+
+Friederike mit einer gezogenen Büchse. Jakob mit einer Flinte.
+
+Friederike.
+So ist's recht, Jakob, du bist ein braver Bursche. Wenn du mir die
+Flinte zurecht bringst, dass mir der Schulfuchs nicht gleich einfällt,
+wenn ich sie ansehe, sollst du ein gut Trinkgeld haben.
+
+Jakob.
+Ich nehme sie mit, gnädige Gräfin, und will mein Bestes tun. Ein
+Trinkgeld braucht's nicht, ich bin Ihr Diener für ewig.
+
+Friederike.
+Du willst in der Nacht noch fort? Es ist dunkle und regnicht; bleibe
+noch beim Jäger.
+
+Jakob.
+Ich weiß nicht, wie mir ist; es treibt mich etwas fort. Ich habe eine
+Art von Ahnung.
+
+Friederike.
+Du siehst doch sonst nicht Gespenster.
+
+Jakob.
+Es ist auch nicht Ahnung, es ist Vermutung. Mehrere Bauern sind beim
+Chirurgus in der Nacht zusammengekommen; sie hatten mich auch
+eingeladen, ich ging aber nicht hin; ich will keine Händel mit der
+gräflichen Familie. Und jetzt wollt' ich doch, ich wäre hingegangen,
+damit ich wüsste, was sie vorhaben.
+
+Friederike.
+Nun was wird's sein? Es ist die alte Prozessgeschichte.
+
+Jakob.
+Nein, nein, es ist mehr! Lassen Sie mir meine Grille; es ist für Sie,
+es ist für die Ihrigen, dass ich besorgt bin. (Ab.)
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+Friederike, nachher die Gräfin und der Hofrat.
+
+Friederike.
+Die Büchse ist noch, wie ich sie verlassen habe; die hat mir der Jäger
+recht gut versorgt. Ja, das ist auch ein Jäger, und über die geht
+nichts. Ich will sie gleich laden und morgen früh bei guter Tageszeit
+einen Hirsch schießen. (Sie beschäftigt sich an einem Tische, worauf
+ein Armleuchter steht, mit Pulverhorn, Lademaß, Pflaster, Kugel,
+Hammer und lädt die Büchse ganz langsam und methodisch.)
+
+Gräfin.
+Da hast du schon wieder das Pulverhorn beim Licht; wie leicht kann
+eine Schnuppe herunterfallen. Sei doch vernünftig, du kannst dich
+unglücklich machen!
+
+Friedericke.
+Lassen Sie mich, liebe Mutter, ich bin schon vorsichtig. Wer sich vor
+dem Pulver fürchtet, muss nicht mit Pulver umgehen.
+
+Gräfin.
+Sagen Sie mir, lieber Hofrat, ich habe es recht auf dem Herzen:
+Könnten wir nicht einen Schritt tun, wenigstens bis Sie zurückkommen?
+
+Hofrat.
+Ich verehre in Ihnen diese Heftigkeit, das Gute zu wirken und nicht
+einen Augenblick zu zaudern.
+
+Gräfin.
+Was ich einmal für Echt erkenne, möchte' ich auch gleich getan sehn.
+Das Leben ist so kurz, und das Gute wirkt so langsam.
+
+Hofrat.
+Wie meinen Sie denn?
+
+Gräfin.
+Sie sind moralisch überzeugt, dass der Amtmann in dem Kriege das
+Dokument beiseite gebracht hat--
+
+Friederike (heftig).
+Sind Sie's?
+
+Hofrat.
+Nach allen Anzeigen kann ich wohl sagen, es ist mehr als Vermutung.
+
+Gräfin.
+Sie glauben, dass er es noch zu irgendeiner Absicht verwahre?
+
+Friederike (wie oben).
+Glauben Sie?
+
+Hofrat.
+Bei der Verworrenheit seiner Rechnungen, bei der Unordnung des
+Archives, bei der ganzen Art, wie er diesen Rechtshandel benutzt hat,
+kann ich vermuten, dass er sich einen Rückzug vorbehält, dass er
+vielleicht, wenn man ihn von dieser Seite drängt, sich auf die andere
+zu retten und das Dokument dem Gegenteile für eine ansehnliche Summe
+zu verhandeln denkt.
+
+Gräfin.
+Wie wär' es, man suchte ihn durch Gewinst zu locken? Er wünscht,
+seinen Neffen substituiert zu haben; wie wär' es, wir versprächen
+diesem jungen Menschen eine Belohnung, wenn er zur Probe das Archiv in
+Ordnung brächte, besonders eine ansehnliche, wenn er das Dokument
+ausfindig machte? Man gäbe ihm Hoffnung zur Substitution. Sprechen
+Sie ihn noch, ehe Sie fortgehen; indes, bis Sie wiederkommen, richtet
+sich's ein.
+
+Hofrat.
+Es ist zu spät, der Mann ist gewiss schon zu Bette.
+
+Gräfin.
+Glauben Sie das nicht. So alt er ist, passt er Ihnen auf, bis Sie in
+den Wagen steigen. Er macht Ihnen noch in völliger Kleidung seinen
+Scharrfuss und versäumt gewiss nicht, sich Ihnen zu empfehlen. Lassen
+wir ihn rufen.
+
+Friederike.
+Lassen Sie ihn rufen, man muss doch sehen, wie er sich gebärdet.
+
+Hofrat.
+Ich bin's zufrieden.
+
+Friederike (klingelt und sagt zum Bedienten, der hereinkommt).
+Der Amtmann möchte doch noch einen Augenblick herüberkommen!
+
+Gräfin.
+Die Augenblicke sind kostbar. Wollen Sie nicht indes noch einen Blick
+auf die Papiere werfen, die sich auf diese Sache beziehen? (Zusammen
+ab.)
+
+
+
+Achter Auftritt
+Friederike allein, nachher der Amtmann.
+
+Friederike.
+Das will mir nicht gefallen. Sie sind überzeugt, dass er ein Schelm
+ist, und wollen ihm nicht zu Leibe. Sie sind überzeugt, dass er sie
+betrogen, ihnen geschadet hat, und wollen ihn belohnen. Das taugt nun
+ganz und gar nichts. Es wäre besser, dass man ein Exempel statuierte.
+--Da kommt er eben recht.
+
+Amtmann.
+Ich höre, dass des Herrn Hofrats Wohlgeboren noch vor ihrer Abreise
+mir etwas zu sagen haben. Ich komme, dessen Befehle zu vernehmen.
+
+Friederike (indem sie die Büchse nimmt).
+Verziehen Sie einen Augenblick, er wird gleich wieder hier sein. (Sie
+schüttet Pulver auf die Pfanne.)
+
+Amtmann.
+Was machen Sie da, gnädige Gräfin?
+
+Friederike.
+Ich habe die Büchse auf morgen früh geladen, da soll ein alter Hirsch
+fallen.
+
+Amtmann.
+Ei, ei! Schon heute geladen und Pulver auf die Pfanne, das ist
+verwegen! Wie leicht kann da ein Unglück geschehen.
+
+Friederike.
+Ei was! Ich bin gern fix und fertig. (Sie hebt das Gewehr auf und
+hält es, gleichsam zufällig, gegen ihn.)
+
+Amtmann.
+Ei, gnädige Gräfin, kein geladen Gewehr jemals auf einen Menschen
+halten! Da kann der Böse sein Spiel haben.
+
+Friederike (in de vorigen Stellung).
+Hören Sie, Herr Amtmann, ich muss Ihnen ein Wort im Vertrauen sagen:
+--Das Sie ein erzinfamer Spitzbube sind.
+
+Amtmann.
+Welche Ausdrücke, meine Gnädige!--Tun Sie die Büchse weg.
+
+Friedericke.
+Rühre dich nicht vom Platz, verdammter Kerl! Siehst du, ich spanne,
+siehst du, ich lege an! Du hast ein Dokument gestohlen--
+
+Amtmann.
+Ein Dokument? Ich weiß von keinem Dokumente.
+
+Friederike.
+Siehst du, ich steche, es geht alles in der Ordnung, und wenn du nicht
+auf der Stelle das Dokument herausgibst oder mir anzeigst, wo es sich
+befindet, oder was mit ihm vorgefallen, so rühr' ich diese kleine
+Nadel, und du bist auf der Stelle mausetot.
+
+Amtmann.
+Um Gottes willen!
+
+Friederike.
+Wo ist das Dokument?
+
+Amtmann.
+Ich weiß nicht--Tun Sie die Büchse weg--Sie könnten aus Versehen--
+
+Friederike (wie oben).
+Aus Versehen oder mit Willen bist du tot. Rede, wo ist das Dokument?
+
+Amtmann.
+Es ist--verschlossen.
+
+
+
+Neunter Auftritt
+Gräfin. Hofrat. Die Vorigen.
+
+Gräfin.
+Was gibt's hier?
+
+Hofrat.
+Was machen Sie?
+
+Friederike (immer zum Amtmann).
+Rühren Sie sich nicht, oder Sie sind des Todes! Wo verschlossen?
+
+Amtmann.
+In meinem Pulte.
+
+Friederike.
+Und in dem Pulte! Wo?
+
+Amtmann.
+Zwischen einem Doppelboden.
+
+Friederike.
+Wo ist der Schlüssel?
+
+Amtmann.
+In meiner Tasche.
+
+Friedericke.
+Und wie geht der doppelte Boden auf?
+
+Amtmann.
+Durch einen Druck an der rechten Seite.
+
+Friederike.
+Heraus den Schlüssel!
+
+Amtmann.
+Hier ist er.
+
+Friederike.
+Hingeworfen!
+
+Amtmann (wirft ihn auf die Erde).
+
+Friederike.
+Und die Stube?
+
+Amtmann.
+Ist offen.
+
+Friederike.
+Wer ist drinnen?
+
+Amtmann.
+Meine Magd und mein Schreiber.
+
+Friederike.
+Sie haben alles gehört, Herr Hofrat. Ich habe Ihnen ein umständliches
+Gespräch erspart. Nehmen Sie den Schlüssel, und holen Sie das
+Dokument. Bringen Sie es nicht zurück, so hat er gelogen, und ich
+schieße ihn darum tot.
+
+Hofrat.
+Lassen Sie ihn mitgehen; bedenken Sie, was Sie tun.
+
+Friederike.
+Ich weiß, was ich tue. Machen Sie mich nicht wild, und gehen Sie.
+(Hofrat ab.)
+
+Gräfin.
+Meine Tochter, du erschreckst mich. Tu das Gewehr weg!
+
+Friederike.
+Gewiss nicht eher, als bis ich das Dokument sehe.
+
+Gräfin.
+Hörst du nicht? Deine Mutter befiehlt's.
+
+Friederike.
+Und wenn mein Vater aus dem Grabe aufstünde, ich gehorchte nicht.
+
+Gräfin.
+Wenn es losginge!
+
+Friederike.
+Welch Unglück wäre das?
+
+Amtmann.
+Es würde Sie gereuen.
+
+Friederike.
+Gewiss nicht. Erinnerst du dich noch, Nichtswürdiger, als ich vorm
+Jahr im Zorn nach dem Jägerburschen schoss, der meinen Hund prügelte,
+erinnerst du dich noch, da ich ausgescholten wurde, und alle Menschen
+den glücklichen Zufall priesen, der mich hatte fehlen lassen, da warst
+du's allein, der hämisch lächelte und sagte: Was wär' es denn
+gewesen? Ein Kind aus einem vornehmen Hause! Das wäre mit Geld
+abzutun. Ich bin noch immer ein Kind, ich bin noch immer aus einem
+vornehmen Hause; so müsste das auch wohl mit Geld abzutun sein.
+
+Hofrat (kommt zurück).
+Hier ist das Dokument.
+
+Friederike.
+Ist es? (Sie bringt das Gewehr in Ruh.)
+
+Gräfin.
+Ist's möglich?
+
+Amtmann.
+O, ich Unglücklicher!
+
+Friederike.
+Geh! Elender! Dass deine Gegenwart meine Freude nicht vergälle!
+
+Hofrat.
+Es ist das Original.
+
+Friederike.
+Geben Sie mir's. Morgen will ich's den Gemeinden selbst zeigen und
+sagen, dass ich's ihnen erobert habe.
+
+Gräfin (sie umarmend).
+Meine Tochter.
+
+Friederike.
+Wenn mir der Spaß nur die Lust an der Jagd nicht verdirbt. Solch ein
+Wildpret schieß' ich nie wieder!
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug
+(Nacht, trüber Mondschein.)
+
+Das Theater stellt einen teil des Parks vor, der früher beschrieben
+worden. Raue steile Felsenbänke, auf denen ein verfallenes Schloss.
+Natur und Mauerwerk ineinander verschränkt. Die Ruine, sowie die
+Felsen mit Bäumen und Büschen bewachsen. Eine dunkle Kluft deutet auf
+Höhlen, wo nicht gar unterirdische Gänge.
+
+Frederike, Fackel tragend, die Büchse unterm Arm, Pistolen im Gürtel,
+tritt aus der Höhle, umherspürend. Ihr folgt die Gräfin, den Sohn an
+der Hand. Auch Luise. Sodann der Bediente, mit Kästchen beschwert.
+Man erfährt, dass von hier ein unterirdischer Gang zu den Gewölben des
+Schlosses reicht, dass man die Schlosspforten gegen die andringenden
+Bauern verriegelt, dass die Gräfin verlangt habe, man solle ihnen aus
+dem Fenster das Dokument ankündigen und zeigen und so alles beilegen.
+Friederike jedoch sei nicht zu bewegen gewesen, sich in irgendeine
+Kapitulation einzulassen, noch sich einer Gewalt, selbst nach eigenen
+Absichten, zu fügen. Sie habe vielmehr die Ihrigen zur Flucht
+genötigt, um auf diesem geheimen Wege ins Freie zu gelangen und den
+benachbarten Sitz eines Anverwandten zu erreichen. Eben will man sich
+auf den Weg machen, als man oben in der Ruine Licht sieht, ein
+Geräusch hört. Man zieht sich in die Höhle zurück.
+
+Herunter kommen Jakob, der Hofrat und eine Partei Bauern. Jakob hatte
+sie unterwegs angetroffen und sie zugunsten der Herrschaft zu bereden
+gesucht. Der Wagen des wegfahrenden Hofrats war unter sie gekommen.
+Dieser würdige Mann verbindet sich mit Jakob und kann das
+Hauptargument, dass der Originalrezess gefunden sei, allen übrigen
+Beweggründen hinzufügen. Die aufgeregte Schar wird beruhigt, ja sie
+entschließt sich, den Damen zu Hilfe zu kommen.
+
+Friederike, die gelauscht hat, nun von allem unterrichtet, tritt unter
+sie, dem Hofrat und dem jungen Landmann sehr willkommen, auch den
+übrigen durch die Vorzeigung des Dokuments höchst erwünscht.
+
+Eine früher ausgesendete Patrouille dieses Trupps kommt zurück und
+meldet, dass ein Teil der Aufgeregten vom Schlosse her im Anmarsche
+sei. Alles verbirgt sich, teils in die Höhle, teils in Felsen und
+Gemäuer.
+
+Breme mit einer Anzahl bewaffneter Bauern tritt auf, schilt auf den
+Magister, dass er außen geblieben, und erklärt die Ursache, warum er
+einen teil der Mannschaft in den Gewölben des Schlosses gelassen und
+mit dem andern sich hieher verfügt. Er weiß das Geheimnis des
+unterirdischen Ganges und ist überzeugt, dass die Familie sich darein
+versteckt, und dies gibt die Gewissheit, ihrer habhaft zu werden. Sie
+zünden Fackeln an und sind im Begriff, in die Höhle zu treten.
+Friederike, Jakob, der Hofrat erscheine in dem Augenblicke, bewaffnet,
+sowie die übrige Menge.
+
+Breme sucht der Sache eine Wendung durch Beispiele aus der alten
+Geschichte zu geben und tut sich auf seine Einfälle viel zugute, da
+man sie gelten lässt, und als nun das Dokument auch hier seine Wirkung
+nicht verfehlt, so schließt das Stück zu allgemeiner Zufriedenheit.
+Die vier Personen, deren Gegenwart einen unangenehmen Eindruck machen
+könnte: Karoline, der Baron, der Magister und der Amtmann, kommen
+nicht mehr zum Vorschein.
+
+
+Ende dieses Projekt Guetnberg Etextes Die Aufgeregten, von Johann
+Wolfgang von Goethe.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10428 ***
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+++ b/LICENSE.txt
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #10428 (https://www.gutenberg.org/ebooks/10428)
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+++ b/old/10428-8.txt
@@ -0,0 +1,3022 @@
+The Project Gutenberg eBook, Die Aufgeregten, by Johann Wolfgang von Goethe
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+
+
+
+Title: Die Aufgeregten
+
+Author: Johann Wolfgang von Goethe
+
+Release Date: December 9, 2003 [eBook #10428]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AUFGEREGTEN***
+
+
+E-text prepared by Andrew Sly
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
+
+
+
+
+Die Aufgeregten
+
+Politisches Drama in fünf Aufzügen
+
+Johann Wolfgang von Goethe
+
+
+
+
+
+
+Personen
+
+Die Gräfin.
+Friederike, ihre Tochter.
+Karl, ihr Söhnchen.
+Der Baron, ein Vetter.
+Der Hofrat.
+Breme von Bremenfeld, Chirurgus.
+Karoline, Bremens Tochter.
+Luise, Bremens Nichte.
+Der Magister, Hofmeister des jungen Grafen.
+Der Amtmann.
+Jakob, junger Landmann und Jäger.
+Martin,
+Albert,
+Peter, Landleute.
+Georg, Bedienter der Gräfin.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+(Ein gemeines Wohnzimmer, an der Wand zwei Bilder, eines bürgerlichen
+Mannes und seiner Frau, in der Tracht, wie sie vor fünfzig oder
+sechzig Jahren zu sein pflegte. Nacht.)
+
+Luise, an einem Tisch, worauf ein Licht steht, strickend. Karoline,
+in einem Großvatersessel gegenüber, schlafend.
+
+Luise (einen eben vollendeten gestrickten Strumpf in die Höhe haltend).
+Wieder ein Strumpf! Nun wollt' ich, der Onkel käme nach Hause; denn
+ich habe nicht Lust, einen andern anzufangen. (Sie steht auf und geht
+ans Fenster.) Er bleibt heut' ungewöhnlich lange weg, sonst kommt er
+doch gegen elf Uhr, und es ist jetzt schon Mitternacht. (Sie tritt
+wieder an den Tisch.) Was die französische Revolution Gutes oder Böses
+stiftet, kann ich nicht beurteilen; so viel weiß ich, dass sie mir
+diesen Winter einige Paar Strümpfe mehr einbringt. Die Stunden, die
+ich jetzt wachen und warten muss, bis Herr Breme nach Hause kommt,
+hätt' ich verschlafen, wie ich sie jetzt verstricke, und er
+verplaudert sie, wie er sie sonst verschlief.
+
+Karoline (im Schlaf redend).
+Nein, nein! Mein Vater!
+
+Luise (sich dem Sessel nähernd).
+Was gibt's, liebe Muhme?--Sie antwortet nicht!--Was nur dem guten
+Mädchen sein mag! Sie ist still und unruhig; des Nachts schläft sie
+nicht, und jetzt, da sie vor Müdigkeit eingeschlafen ist, spricht sie
+im Traum. Sollte meine Vermutung gegründet sein? Sollte der Baron in
+diesen wenigen Tagen einen solchen Eindruck auf die gemacht haben, so
+schnell und so stark? (Hervortretend.) Wunderst du dich, Luise, und
+hast du nicht selbst erfahren, wie die Liebe wirkt, wie schnell und
+wie stark!
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Vorigen. Georg.
+
+Georg (heftig und ängstlich).
+Liebes Mamsellchen, geben Sie mir geschwinde, geschwinde--
+
+Luise.
+Was denn, Georg?
+
+Georg.
+Geben Sie mir die Flasche.
+
+Luise.
+Was für eine Flasche?
+
+Georg.
+Ihr Herr Onkel sagte, Sie sollen mir die Flasche geschwinde geben; sie
+steht in der Kammer, oben auf dem Brett rechter Hand.
+
+Luise.
+Da stehen viele Flaschen; was soll denn drinn sein?
+
+Georg.
+Spiritus.
+
+Luise.
+Es gib allerlei Spiritus; hat er sich nicht deutlicher erklärt? Wozu
+soll's denn?
+
+Georg.
+Er sagt' es wohl, ich war aber so erschrocken. Ach, der junge Herr--
+
+Karoline (die aus dem Schlaf auffährt).
+Was gibt's?--Der Baron?
+
+Luise.
+Der junge Graf?
+
+Georg.
+Leider, der junge Graf!
+
+Karoline.
+Was ist ihm begegnet?
+
+Georg.
+Geben Sie mir den Spiritus.
+
+Luise.
+Sage nur, was dem jungen Grafen begegnet ist, so weiß ich wohl, was
+der Onkel für eine Flasche braucht.
+
+Georg.
+Ach, das gute Kind! Was wird die Frau Gräfin sagen, wenn sie morgen
+kommt! Wie wird sie uns ausschelten!
+
+Karoline.
+So red' Er doch!
+
+Georg.
+Er ist gefallen, mit dem Kopf vor eine Tischecke, das Gesicht ist ganz
+in Blut; wer weiß, ob nicht gar das Auge gelitten hat.
+
+Luise (indem sie einen Wachsstock anzündet und in die Kammer geht).
+Nun weiß ich, was sie brauchen.
+
+Karoline.
+So spät! Wie ging das zu?
+
+Georg.
+Liebes Mamsellchen, ich dachte lange, es würde nichts Gutes werden.
+Da sitzt Ihr Vater und der Hofmeister alle Abend beim alten Pfarrer
+und lesen die Zeitungen und Monatsschriften, und so disputieren sie
+und können nicht fertig werden, und das arme Kind muss dabei sitzen;
+da druckt sich's denn in eine Ecke, wenn's spät wird, und schläft ein,
+und wenn sie aufbrechen, da taumelt das Kind schlaftrunken mit, und
+heute--nun sehen Sie--da schlägt's eben zwölfe--heute bleiben sie über
+alle Gebühr aus, und ich sitze zu Hause und habe Licht brennen, und
+dabei stehen die andern Lichter für den Hofmeister und den jungen
+Herrn, und Ihr Vater und der Magister bleiben vor der Schlossbrücke
+stehen und können noch nicht fertig werden--
+
+Luise (kommt mit einem Glase zurück).
+
+Georg (fährt fort).
+Und das Kind kommt in den Saal getappt und ruft mich, und ich fahre
+auf und will die Lichter anzünden, wie ich immer tue, und wie ich
+schlaftrunken bin, lösche ich das Licht aus. Indessen tappt das Kind
+die Treppe hinauf, und auf dem Vorsaal stehen die Stühle und Tische,
+die wir morgen früh in die Zimmer verteilen wollen; das Kind weiß es
+nicht, geht geradezu, stößt sich, fällt, wir hören es schreien, ich
+mache Lärm, ich mache Licht, und wie wir hinaufkommen, liegt's da und
+weiß kaum von sich selbst. Das ganze Gesicht ist blutig. Wenn es ein
+Auge verloren hat, wenn es gefährlich wird, geh' ich morgen früh auf
+und davon, eh' die Frau Gräfin ankommt; mag's verantworten, wer will!
+
+Luise (die indessen einige Bündelchen Leinwand aus der Schublade
+genommen, gibt ihm die Flasche).
+Hier! Geschwind! Trage das hinüber und nimm die Läppchen dazu, ich
+komme gleich selbst. Der Himmel verhüte, dass es so übel sei!
+Geschwind, Georg, geschwind! (Georg ab.) Halte warmes Wasser bereit,
+wenn der Onkel nach Hause kommt und Kaffee verlangt. Ich will
+geschwind hinüber. Es wäre entsetzlich, wenn wir unsere gute Gräfin
+so empfangen müssten. Wie empfahl sie nicht dem Magister, wie empfahl
+sie nicht mir das Kind bei ihrer Abreise! Leider hab' ich sehen
+müssen, dass es die Zeit über sehr versäumt worden ist. Dass man doch
+gewöhnlich seine nächste Pflicht versäumt! (Ab.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Karoline. Hernach der Baron.
+
+Karoline (nachdem sie einige Mal nachdenkend auf und ab gegangen).
+Er verlässt mich keinen Augenblick, auch im Traum selbst war er mir
+gegenwärtig. O, wenn ich glauben könnte, dass sein Herz, seine
+Absichten so redlich sind, als seine Blicke, sein Betragen reizend und
+einnehmend ist! Ach, und die Art, mit der er alles zu sagen weiß, wie
+edel er sich ausdrückt! Man sage, was man will, welche Vorzüge gibt
+einem Menschen von edler Geburt eine standesmäßige Erziehung! Ach,
+dass ich doch seinesgleichen wäre!
+
+Der Baron (an der Türe).
+Sind Sie allein, beste Karoline?
+
+Karoline.
+Herr Baron, wo kommen Sie her? Entfernen Sie sich! Wenn mein Vater
+käme! Es ist nicht schön, mich so zu überfallen.
+
+Baron.
+Die Liebe, die mich hieher führt, wird auch mein Fürsprecher bei Ihnen
+sein, angebetete Karoline. (Er will sie umarmen.)
+
+Karoline.
+Zurück, Herr Baron! Sie sind sehr verwegen. Wo kommen Sie her?
+
+Baron.
+Ein Geschrei weckt mich, ich springe herunter und finde, dass mein
+Neffe sich eine Brausche gefallen hat. Ich finde Ihren Vater um das
+Kind beschäftigt, nun kommt auch Ihre Muhme, ich sehe, dass es keine
+Gefahr hat, es fällt mir ein: Karoline ist allein--und was kann mir
+bei jeder Gelegenheit anders einfallen als Karoline? Die Augenblicke
+sind kostbar, schönes, angenehmes Kind! Gestehen Sie mir, sagen Sie
+mir, dass Sie mich lieben. (Will sie umarmen.)
+
+Karoline.
+Noch einmal, Herr Baron! Lassen Sie mich, und verlassen Sie dieses
+Haus!
+
+Baron.
+Sie haben versprochen, mich so bald als möglich zu sehen, und wollen
+mich nun entfernen?
+
+Karoline.
+Ich habe versprochen, morgen früh mit Sonnenaufgang in dem Garten zu
+sein, mit Ihnen spazieren zu gehen, mich Ihrer Gesellschaft zu freuen.
+Hieher hab' ich Sie nicht eingeladen.
+
+Baron.
+Aber die Gelegenheit--
+
+Karoline.
+Hab' ich nicht gemacht.
+
+Baron.
+Aber ich benutze sie; können Sie mir es verdenken?
+
+Karoline.
+Ich weiß nicht, was ich von Ihnen denken soll.
+
+Baron.
+Auch Sie--lassen Sie es mich frei gestehen--auch Sie erkenne ich nicht.
+
+
+Karoline.
+Und worin bin ich mir denn so unähnlich?
+
+Baron.
+Können Sie noch fragen?
+
+Karoline.
+Ich muss wohl, ich begreife Sie nicht.
+
+Baron.
+Ich soll reden?
+
+Karoline.
+Wenn ich Sie verstehen soll.
+
+Baron.
+Nun gut. Haben Sie nicht seit den drei Tagen, die ich Sie kenne, jede
+Gelegenheit gesucht, mich zu sehen, und zu sprechen?
+
+Karoline.
+Ich leugne es nicht.
+
+Baron.
+Haben Sie mir nicht, sooft ich Sie ansah, mit Blicken geantwortet?
+Und mit was für Blicken!
+
+Karoline (verlegen).
+Ich kann meine eignen Blicke nicht sehen.
+
+Baron.
+Aber fühlen, was sie bedeuten.--Haben Sie mir, wenn ich Ihnen im Tanze
+die Hand drückte, die Hand nicht wieder gedrückt?
+
+Karoline.
+Ich erinnere mich's nicht.
+
+Baron.
+Sie haben ein kurzes Gedächtnis, Karoline. Als wir unter der Linde
+drehten, und ich Sie zärtlich an mich schloss, damals stieß mich
+Karoline nicht zurück.
+
+Karoline.
+Herr Baron, Sie haben sich falsch ausgelegt, was ein gutherziges,
+unerfahrnes Mädchen--
+
+Baron.
+Liebst du mich?
+
+Karoline.
+Noch einmal, verlassen Sie mich! Morgen frühe--
+
+Baron.
+Werde ich ausschlafen.
+
+Karoline.
+Ich werde Ihnen sagen--
+
+Baron.
+Ich werde nichts hören.
+
+Karoline.
+So verlassen Sie mich.
+
+Baron (sich entfernend).
+O, es ist mir leid, dass ich gekommen bin.
+
+Karoline (allein, nach einer Bewegung, als wenn sie ihn aufhalten
+wollte).
+Er geht, ich muss ihn fortschicken, ich darf ihn nicht halten. Ich
+liebe ihn und muss ihn verscheuchen. Ich war unvorsichtig und bin
+unglücklich. Weg sind meine Hoffnungen auf den schönen Morgen, weg
+die goldnen Träume, die ich zu nähren wagte. O, wie wenig Zeit
+braucht es, unser ganzes Schicksal umzukehren!
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Karoline. Breme.
+
+Karoline.
+Lieber Vater, wie geht's? Was macht der junge Graf?
+
+Breme.
+Es ist eine starke Kontusion; doch ich hoffe, die Läsion soll nicht
+gefährlich sein. Ich werde eine vortreffliche Kur machen, und der
+Herr Graf wird sich künftig, sooft er sich im Spiegel besieht, bei der
+Schmarre mit Achtung seines geschickten Chirurgi, seines Breme von
+Bremenfeld erinnern.
+
+Karoline.
+Die arme Gräfin! Wenn sie nur nicht schon morgen käme.
+
+Breme.
+Desto besser! Und wenn sie den übeln Zustand des Patienten mit Augen
+sieht, wird sie, wenn die Kur vollbracht ist, desto mehr Ehrfurcht für
+meine Kunst empfinden. Standespersonen müssen auch wissen, dass sie
+und ihre Kinder Menschen sind; man kann sie nicht genug empfinden
+machen, wie verehrungswürdig ein Mann ist, der ihnen in ihren Nöten
+beisteht, denen sie wie alle Kinder Adams unterworfen sind, besonders
+ein Chirurgus. Ich sage dir, mein Kind, ein Chirurgus ist der
+verehrungswürdigste Mann auf dem ganzen Erdboden. Der Theolog befreit
+dich von der Sünde, die er selbst erfunden hat; der Jurist gewinnt dir
+deinen Prozess und bringt deinen Gegner, der gleiches Recht hat, an
+den Bettelstab; der Medikus kuriert dir eine Krankheit weg, die andere
+herbei, und du kannst nie recht wissen, ob er dir genutzt oder
+geschadet hat: Der Chirurgus aber befreit dich von einem reellen Übel,
+das du dir selbst zugezogen hast, oder das dir zufällig und
+unverschuldet über den Hals kommt; er nutzt dir, schadet keinem
+Menschen, und du kannst dich unwidersprechlich überzeugen, dass seine
+Kur gelungen ist.
+
+Karoline.
+Freilich auch, wenn sie nicht gelungen ist.
+
+Breme.
+Das lehrt dich den Pfuscher vom Meister unterscheiden. Freue dich,
+meine Tochter, dass du einen solchen Meister zum Vater hast: Für ein
+wohl denkendes Kind ist nichts ergötzlicher, als sich seiner Eltern
+und Großeltern zu freuen.
+
+Karoline (sie nachahmend).
+Das tu' ich, mein Vater.
+
+Breme (sie nachahmend).
+Das tust du, mein Töchterchen, mit einem betrübten Gesichtchen und
+weinerlichen Tone.--Das soll doch wohl keine Freude vorstellen?
+
+Karoline.
+Ach, mein Vater!
+
+Breme.
+Was hast du, mein Kind?
+
+Karoline.
+Ich muss es Ihnen gleich sagen.
+
+Breme.
+Was hast du?
+
+Karoline.
+Sie wissen, der Baron hat diese Tage her sehr freundlich, sehr
+zärtlich mit mir getan; ich sagt' es Ihnen gleich und fragte Sie um
+Rat.
+
+Breme.
+Du bist ein vortreffliches Mädchen! Wert, als eine Prinzessin, eine
+Königin aufzutreten.
+
+Karoline.
+Sie rieten mir, auf meiner Hut zu sein, auf mich wohl Acht zu haben,
+aber auch auf ihn; mir nichts zu vergeben, aber auch ein Glück, wenn
+es mich aufsuchen sollte, nicht von mir zu stoßen. Ich habe mich
+gegen ihn betragen, dass ich mir keine Vorwürfe zu machen habe; aber
+er--
+
+Breme.
+Rede, mein Kind, rede!
+
+Karoline.
+O, es ist abscheulich. Wie frech, wie verwegen!--
+
+Breme.
+Wie? (Nach einer Pause.) Sage mir nichts, meine Tochter, du kennst
+mich, ich bin eines hitzigen Temperaments, ein alter Soldat; ich würde
+mich nicht fassen können, ich würde einen tollen Streich machen.
+
+Karoline.
+Sie können es hören, mein Vater, ohne zu zürnen; ich darf es sagen,
+ohne rot zu werden. Er hat meine Freundlichkeit übel ausgelegt, er
+hat sich in Ihrer Abwesenheit, nachdem Luise auf das Schloss geeilt
+war, hier ins Haus geschlichen. Er war verwegen, aber ich wies ihn
+zurechte. Ich trieb ihn fort, und ich darf wohl sagen: Seit diesem
+Augenblick haben sich meine Gesinnungen gegen ihn geändert. Er schien
+mir liebenswürdig, als er gut war, als ich glauben konnte, dass er es
+gut mit mir meine; jetzt kommt er mir vor: Schlimmer als jeder andere.
+Ich werde Ihnen alles, wie bisher, erzählen, alles gestehen und mich
+Ihrem Rat ganz allein überlassen.
+
+Breme.
+Welch ein Mädchen! Welch ein vortreffliches Mädchen! O, ich
+beneidenswerter Vater! Wartet nur, Herr Baron, wartet nur! Die Hunde
+werden von der Kette loskommen und den Füchsen den Weg zum
+Taubenschlag verrennen. Ich will nicht Breme heißen, nicht den Namen
+Bremenfeld verdienen, wenn in kurzem nicht alles anders werden soll.
+
+Karoline.
+Erzürnt Euch nicht, mein Vater!
+
+Breme.
+Du gibst mir ein neues Leben, meine Tochter; ja, fahre fort, deinen
+Stand durch deine Tugend zu zieren, gleiche in allem deiner
+vortrefflichen Urgroßmutter, der seligen Burgemeisterin von Bremenfeld.
+Diese würdige Frau war durch Sittsamkeit die Ehre ihres Geschlechts
+und durch Verstand die Stütze ihres Gemahls. Betrachte dieses Bild
+jeden Tag, jede Stunde, ahme sie nach und werde verehrungswürdig wie
+sie! (Karoline sieht das Bild an und lacht.) Was lachst du, meine
+Tochter?
+
+Karoline.
+Ich will meiner Urgroßmutter gern in allem Guten folgen, wenn ich mich
+nur nicht anziehen soll wie sie. Ha, ha, ha! Sehn Sie nur, so oft ich
+das Bild ansehe, muss ich lachen, ob ich es gleich alle Tage vor Augen
+habe, ha, ha, ha! Sehn Sie nur das Häubchen, dass wie
+Fledermausflügel vom Kopf los steht.
+
+Breme.
+Nun, nun! Zu ihrer Zeit lachte niemand darüber, und wer weiß, wer
+über euch künftig lacht, wenn er euch gemalt sieht; denn ihr seid sehr
+selten angezogen und aufgeputzt, dass ich sagen möchte, ob du gleich
+meine hübsche Tochter bist: Sie gefällt mir! Gleiche dieser
+vortrefflichen Frau an Tugenden und kleide dich mit besserm Geschmack,
+so hab' ich nichts dagegen, vorausgesetzt, dass, wie sie sagen, der
+gute Geschmack nicht teurer ist als der schlechte. Übrigens dächt'
+ich, du gingst zu Bette; denn es ist spät.
+
+Karoline.
+Wollen Sie nicht noch Kaffee trinken? Das Wasser siedet, er ist
+gleich gemacht.
+
+Breme.
+Setze nur alles zurechte, schütte den gemahlenen Kaffee in die Kanne,
+das heiße Wasser will ich selbst darüber gießen.
+
+Karoline.
+Gute Nacht, mein Vater! (Geht ab.)
+
+Breme.
+Schlaf wohl, mein Kind.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Breme allein.
+
+Dass auch das Unglück just diese Nacht geschehen musste! Ich hatte
+alles klüglich eingerichtet, meine Einteilung der Zeit als ein echter
+Praktikus gemacht. Bis gegen Mitternacht hatten wir zusammen
+geschwatzt, da war alles ruhig; nachher wollte ich meine Tasse Kaffee
+trinken, meine bestellten Freunde sollten kommen zu der
+geheimnisvollen Überlegung. Nun hat's der Henker! Alles ist in
+Unruhe. Sie wachen im Schloss, dem Kinde Umschläge aufzulegen. Wer
+weiß, wo sich der Baron herumdrückt, um meiner Tochter aufzupassen.
+Beim Amtmann seh' ich Licht, bei dem verwünschten Kerl, den ich am
+meisten scheue. Wenn wir entdeckt werden, so kann der größte,
+schönste, erhabenste Gedanke, der auf mein ganzes Vaterland Einfluss
+haben soll, in der Geburt erstickt werden. (Er geht ans Fenster.) Ich
+höre jemand kommen; die Würfel sind geworfen, wir müssen nun die
+Steine setzen; ein alter Soldat darf sich vor nichts fürchten. Bin
+ich denn nicht bei dem großen unüberwindlichen Fritz in die Schule
+gegangen?
+
+
+
+Sechster Auftritt
+Breme. Martin.
+
+Breme.
+Seid Ihr's, Gevatter Martin?
+
+Martin.
+Ja, lieber Gevatter Breme, das bin ich. Ich habe mich ganz stille
+aufgemacht, wie die Glocke zwölfe schlug, und bin hergekommen; aber
+ich habe noch Lärm gehört und hin und wider gehen, und da bin ich im
+Garten einige Mal auf und ab geschlichen, bis alles ruhig war. Sagt
+mir nur, was Ihr wollt, Gevatter Breme, dass wir so spät bei Euch
+zusammenkommen, in der Nacht; könnten wir's denn nicht bei Tage
+abmachen?
+
+Breme.
+Ihr sollt alles erfahren, nur müsst Ihr Geduld haben, bis die andern
+alle beisammen sind.
+
+Martin.
+Wer soll denn noch alles kommen?
+
+Breme.
+Alle unsere guten Freunde, alle vernünftigen Leute. Außer Euch, der
+Ihr Schulze von dem Ort hier seid, kommt noch Peter, der Schulze von
+Rosenhahn, und Albert, der Schulze von Wiesengruben; ich hoffe, auch
+Jakob wird kommen, der das hübsche Freigut besitzt. Dann sind recht
+ordentliche und vernünftige Leute beisammen, die schon was ausmachen
+können.
+
+Martin.
+Gevatter Breme, Ihr seid ein wunderlicher Mann; es ist Euch alles eins,
+Nacht und Tag, Tag und Nacht, Sommer und Winter.
+
+Breme.
+Ja, wenn das auch nicht so wäre, könnte nichts Rechts werden. Wachen
+oder Schlafen, das ist mir auch ganz gleich. Es war nach der Schlacht
+bei Leuthen, wo unsere Lazarette sich in schlechtem Zustande befanden
+und sich wahrhaftig noch in schlechterem Zustande befunden hätten,
+wäre Breme nicht damals ein junger rüstiger Bursche gewesen. Da lagen
+viele Blessierte, viele Kranke, und alle Feldscherer waren alt und
+verdrossen, aber Breme ein junger tüchtiger Kerl, Tag und Nacht parat.
+Ich sag' Euch, Gevatter, dass ich acht Nächte nacheinander weg
+gewacht und am Tage nicht geschlafen habe. Das merkte sich aber auch
+der alte Fritz, der alles wusste, was er wissen wollte. Höre Er,
+Breme, sagte er einmal, als er in eigner Person das Lazarett
+visitierte, höre Er, Breme, man sagt, dass Er an der Schlaflosigkeit
+krank liege.--Ich merkte, wo das hinaus wollte; denn die andern
+stunden alle dabei; ich fasste mich und sagte: Ihro Majestät, das ist
+eine Krankheit, wie ich sie allen Ihren Dienern wünsche, und da sie
+keine Mattigkeit zurücklässt, und ich den Tag auch noch brauchbar bin,
+so hoffe ich, dass Seine Majestät deswegen keine Ungnade auf mich
+werfen werden.
+
+Martin.
+Ei, ei! Wie nahm denn das der König auf?
+
+Breme.
+Er sah ganz ernsthaft aus, aber ich sah ihm wohl an, dass es ihm wohl
+gefiel. Breme, sagte er, womit vertreibt Er sich denn die Zeit?
+Da fasst' ich mir wieder ein Herz und sagte: Ich denke an das, was
+Ihro Majestät getan haben und noch tun werden, und da könnt' ich
+Methusalems Jahre erreichen und immer fort wachen und könnt's doch
+nicht ausdenken. Da tat er, als hört' er's nicht, und ging vorbei.
+Nun war's wohl acht Jahre darnach, da fasst' er mich bei der Revue
+wieder ins Auge. Wacht Er noch immer, Breme? reif er. Ihro
+Majestät, versetzt' ich, lassen einem ja im Frieden so wenig Ruh
+als im Kriege. Sie tun immer so große Sachen, dass sich ein
+gescheiter Kerl daran zuschanden denkt.
+
+Martin.
+So habt Ihr mit dem König gesprochen, Gevatter? Durfte man so mit ihm
+reden?
+
+Breme.
+Freilich durfte man so und noch ganz anders; denn er wusste alles
+besser. Es war ihm einer wie der andere, und der Bauer lag ihm am
+mehrsten am Herzen. Ich weiß wohl, sagte er zu seinen Ministern,
+wenn sie ihm das und jenes einreden wollten, die Reichen haben viele
+Advokaten, aber die Dürftigen haben nur einen, und das bin ich.
+
+Martin.
+Wenn ich ihn doch nur auch gesehen hätte!
+
+Breme.
+Stille, ich höre was! Es werden unsere Freunde sein. Sieh da! Peter
+und Albert.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+Peter. Albert. Die Vorigen.
+
+Breme.
+Willkommen!--Ist Jakob nicht bei euch?
+
+Peter.
+Wir haben uns bei den drei Linden bestellt; aber er blieb uns zu lang
+aus, nun sind wir allein da.
+
+Albert.
+Was habt Ihr uns Neues zu sagen, Meister Breme? Ist was von Wetzlar
+gekommen, geht der Prozess vorwärts?
+
+Breme.
+Eben weil nichts gekommen ist, und weil, wenn was gekommen wäre, es
+auch nicht viel heißen würde, so wollt' ich euch eben einmal meine
+Gedanken sagen: Denn ihr wisst wohl, ich nehme mich der Sachen aller,
+aber nicht öffentlich, an, bis jetzt nicht öffentlich; denn ich darf's
+mit der gnädigen Herrschaft nicht ganz verderben.
+
+Peter.
+Ja, wir verdürben's auch nicht gern mit ihr, wenn sie's nur halbweg
+leidlich machte.
+
+Breme.
+Ich wollte euch sagen--wenn nur Jakob da wäre, dass wir alle zusammen
+wären, und dass ich nichts wiederholen müsste, und wir einig würden.
+
+Albert.
+Jakob? Es ist fast besser, dass er nicht dabei ist. Ich traue ihm
+nicht recht; er hat das Freigütchen, und wenn er auch wegen der Zinsen
+mit uns gleiches Interesse hat, so geht ihn doch die Straße nichts an,
+und er hat sich im ganzen Prozess gar zu lässig bewiesen.
+
+Breme.
+Nun, so lasst's gut sein. Setzt euch und hört mich an. (Sie setzen
+sich.)
+
+Martin.
+Ich bin recht neugierig, zu hören.
+
+Breme.
+Ihr wisst, dass die Gemeinden schon vierzig Jahre lang mit der
+Herrschaft einen Prozess führen, der auf langen Umwegen endlich nach
+Wetzlar gelangt ist und von dort den Weg nicht zurückfinden kann. Der
+Gutsherr verlangt Fronen und andere Dienste, die ihr verweigert, und
+mit Recht verweigert; denn es ist ein Rezess geschlossen worden mit
+dem Großvater unsers jungen Grafen--Gott erhalt' ihn!--Der sich diese
+Nacht eine erschreckliche Brausche gefallen hat.
+
+Martin.
+Eine Brausche?
+
+Peter.
+Gerade diese Nacht?
+
+Albert.
+Wie ist das zugegangen?
+
+Martin.
+Das arme liebe Kind!
+
+Breme.
+Das will ich euch nachher erzählen. Nun hört mich weiter an. Nach
+diesem geschlossenen Rezess überließen die Gemeinden an die Herrschaft
+ein paar Fleckchen Holz, einige Wiesen, einige Triften und sonst noch
+Kleinigkeiten, die euch von keiner Bedeutung waren und der Herrschaft
+viel nutzten; denn man sieht, der alte Graf war ein kluger Herr, aber
+auch ein guter Herr. Leben und leben lassen, war sein Spruch. Er
+erließ den Gemeinden dagegen einige zu entbehrende Fronen und--
+
+Albert.
+Und das sind die, die wir noch immer leisten müssen.
+
+Breme.
+Und machte ihnen einige Konvenienzen--
+
+Martin.
+Die wir noch nicht genießen.
+
+Breme.
+Richtig, weil der Graf starb, die Herrschaft sich in Besitz dessen
+setzte, was ihr zugestanden war, der Krieg einfiel, und die Untertanen
+noch mehr tun mussten, als sie vorher getan hatten.
+
+Peter.
+Es ist akkurat so; so hab' ich's mehr als einmal aus des Advokaten
+Munde gehört.
+
+Breme.
+Und ich weiß es besser als der Advokat, denn ich sehe weiter. Der
+Sohn des Grafen, der verstorbene gnädige Herr, wurde eben um die Zeit
+volljährig. Das war, bei Gott! Ein wilder böser Teufel, der wollte
+nichts herausgeben und misshandelte euch ganz erbärmlich. Er war im
+Besitz, der Rezess war fort und nirgends zu finden.
+
+Albert.
+Wäre nicht noch die Abschrift da, die unser verstorbener Pfarrer
+gemacht hat, wir wüssten kaum etwas davon.
+
+Breme.
+Diese Abschrift ist euer Glück und euer Unglück. Diese Abschrift gilt
+alles vor jedem billigen Menschen, vor Gericht gilt sie nichts.
+Hättet ihr diese Abschrift nicht, so wäret ihr ungewiss in dieser
+Sache. Hätte man diese Abschrift der Herrschaft nicht vorgelegt, so
+wüsste man nicht, wie ungerecht sie denkt.
+
+Martin.
+Da müsst Ihr auch wieder billig sein. Die Gräfin leugnet nicht, dass
+vieles für uns spricht; nur weigert sie sich, den Vergleich einzugehen,
+weil sie, in Vormundschaft ihres Sohnes, sich nicht getraut, so etwas
+abzuschließen.
+
+Albert.
+In Vormundschaft ihres Sohnes! Hat sie nicht den neuen Schlossflügel
+bauen lassen, den er vielleicht sein Lebtage nicht bewohnt; denn er
+ist nicht gern in dieser Gegend.
+
+Peter.
+Und besonders, da er nun eine Brausche gefallen hat.
+
+Albert.
+Hat sie nicht den großen Garten und die Wasserfälle anlegen lassen,
+worüber ein paar Mühlen haben müssen weggekauft werden? Das getraut
+sie sich alles in Vormundschaft zu tun, aber das Rechte, das Billige,
+das getraut sie sich nicht.
+
+Breme.
+Albert, du bist ein wackerer Mann; so hör' ich gern reden, und ich
+gestehe wohl, wenn ich von unserer gnädigen Gräfin manches Gute
+genieße und deshalb mich für ihren untertänigen Diener bekenne, so
+möcht' ich doch auch darin meinen König nachahmen und euer Sachwalter
+sein.
+
+Peter.
+Das wäre recht schön. Macht nur, dass unser Prozess bald aus wird!
+
+Breme.
+Das kann ich nicht, das müsst ihr.
+
+Peter.
+Wie wäre denn das anzugreifen?
+
+Breme.
+Ihr guten Leute wisst nicht, dass alles in der Welt vorwärts geht,
+dass heute möglich ist, was vor zehn Jahren nicht möglich war. Ihr
+wisst nicht, was jetzt alles unternommen, was alles ausgeführt wird.
+
+Martin.
+O ja, wir wissen, dass in Frankreich jetzt wunderliches Zeug geschieht.
+
+Peter.
+Wunderliches und Abscheuliches!
+
+Albert.
+Wunderliches und Gutes.
+
+Breme.
+So recht, Albert, man muss das Beste wählen! Da sag' ich nun: Was
+man in Güte nicht haben kann, soll man mit Gewalt nehmen.
+
+Martin.
+Sollte das gerade das beste sein?
+
+Albert.
+Ohne Zweifel.
+
+Peter.
+Ich dächte nicht.
+
+Breme.
+Ich muss euch sagen, Kinder: Jetzt oder niemals!
+
+Albert.
+Da dürft Ihr uns in Wiesengruben nicht viel vorschwatzen; dazu sind
+wir fix und fertig. Unsere Leute wollten längst rebellern; ich habe
+nur immer abgewehrt, weil mir Herr Breme immer sagte, es sei noch
+nicht Zeit, und das ist ein gescheiter Mann, auf den ich Vertrauen
+habe.
+
+Breme.
+Gratias, Gevatter, und ich sage euch: Jetzt ist es Zeit.
+
+Albert.
+Ich glaub's auch.
+
+Peter.
+Nehmt mir's nicht übel, das kann ich nicht einsehen; denn, wenn's gut
+Aderlassen ist, gut Purgieren, gut Schröpfen, das steht im Kalender,
+und darnach weiß ich mich zu richten; aber wenn's just gut Rebellern
+sei, das, glaub' ich, ist viel schwerer zu sagen.
+
+Breme.
+Das muss unsereiner verstehen.
+
+Albert.
+Freilich versteht Ihr's.
+
+Peter.
+Aber sagt mir nur, woher's eigentlich kommt, dass Ihr's besser
+versteht als andere gescheite Leute?
+
+Breme (gravitätisch).
+Erstlich, mein Freund, weil schon vom Großvater an meine Familie die
+größten politischen Einsichten erwiesen. Hier dieses Bildnis zeigt
+euch meinen Großvater Hermann Breme von Bremenfeld, der, wegen großer
+und vorzüglicher verdienste zum Bürgermeister seiner Vaterstadt
+erhoben, ihr die größten und wichtigsten Dienste geleistet hat. Dort
+schwebt sein Andenken noch in Ehren und Segen, wenngleich boshafte,
+pasquillantische Schauspieldichter seine großen Talente und gewisse
+Eigenheiten, die er an sich haben mochte, nicht sehr glimpflich
+behandelten. Seine tiefe Einsicht in die ganze politische und
+militärische Lage von Europa wird ihm selbst von seinen Feinden nicht
+abgesprochen.
+
+Peter.
+Es war ein hübscher Mann, er sieht recht wohlgenährt aus.
+
+Breme.
+Freilich genoss er ruhigere Tage als sein Enkel.
+
+Martin.
+Habt Ihr nicht auch das Bildnis Eures Vaters?
+
+Breme.
+Leider, nein! Doch muss ich euch sagen: Die Natur, indem sie meinen
+Vater Jost Breme von Bremenfeld hervorbrachte, hielt ihre Kräfte
+zusammen, um euren Freund mit solchen Gaben auszurüsten, durch die er
+euch nützlich zu werden wünscht. Doch behüte der Himmel, dass ich
+mich über meine Vorfahren erheben sollte; es wird uns jetzt viel
+leichter gemacht, und wir können mit geringern natürlichen Vorzügen
+eine große Rolle spielen.
+
+Martin.
+Nicht zu bescheiden, Gevatter!
+
+Breme.
+Es ist lautre Wahrheit. Sind nicht jetzt der Zeitungen, der
+Monatsschriften, der fliegenden Blätter so viel, aus denen wir uns
+unterrichten, an denen wir unsern Verstand üben können! Hätte mein
+seliger Großvater nur den tausendsten Teil dieser Hilfsmittel gehabt,
+er wäre ein ganz anderer Mann geworden. Doch, Kinder, was rede ich
+von mir! Die Zeit vergeht, und ich fürchte, der Tag bricht an. Der
+Hahn macht uns aufmerksam, dass wir uns kurz fassen sollen. Habt ihr
+Mut?
+
+Albert.
+An mir und den Meinigen soll's nicht fehlen.
+
+Peter.
+Unter den Meinigen findet sich wohl einer, der sich an die Spitze
+stellt; ich verbitte mir den Auftrag.
+
+Martin.
+Seit den paar letzten Predigten, die der Magister hielt, weil der alte
+Pfarrer so krank liegt, ist das ganze große Dorf hier in Bewegung.
+
+Breme.
+Gut! So kann was werden. Ich habe ausgerechnet, dass wir über
+sechshundert Mann stellen können. Wollt ihr, so ist in der nächsten
+Nacht alles getan.
+
+Martin.
+In der nächsten Nacht?
+
+Breme.
+Es soll nicht wieder Mitternacht werden, und ihr sollt wieder haben
+alles, was euch gebührt, und mehr dazu.
+
+Peter.
+So geschwind? Wie wäre das möglich?
+
+Albert.
+Geschwind oder gar nicht.
+
+Breme.
+Die Gräfin kommt heute an, sie darf sich kaum besinnen. Rückt nur bei
+einbrechender Nacht vor das Schloss und fordert eure Rechte, fordert
+eine neue Ausfertigung des alten Reverses, macht euch noch einige
+kleine Bedingungen, die ich euch schon angeben will, lasst sie
+unterschreiben, lasst sie schwören, und so ist alles getan.
+
+Peter.
+Vor einer solchen Gewalttätigkeit zittern mir Arm' und Beine.
+
+Albert.
+Narr! Wer Gewalt braucht, darf nicht zittern.
+
+Martin.
+Wie leicht können sie uns aber ein Regiment Dragoner über den Hals
+ziehen. So arg dürfen wir's doch nicht machen. Das Militär, der
+Fürst, die Regierung würden uns schön zusammenarbeiten.
+
+Breme.
+Gerade umgekehrt. Das ist's eben, worauf ich fuße. Der Fürst ist
+unterrichtet, wie sehr das Volk bedruckt sei. Er hat sich über die
+Unbilligkeit des Adels, über die Langweiligkeit der Prozesse, über die
+Schikane der Gerichtshalter und Advokaten oft genug deutlich und stark
+erklärt, so dass man voraussetzen kann: Er wird nicht zurück, wenn man
+sich Recht verschafft, da er es selbst zu tun gehindert ist.
+
+Peter.
+Sollte das gewiss sein?
+
+Albert.
+Es wird im ganzen Lande davon gesprochen.
+
+Peter.
+Da wäre noch allenfalls was zu wagen.
+
+Breme.
+Wie ihr zu Werke gehen müsst, wie vor allen Dingen der abscheuliche
+Gerichtshalter beiseite muss, und auf wen noch mehr genau zu sehen ist,
+das sollt ihr alles noch vor Abend erfahren. Bereitet eure Sachen
+vor, regt eure Leute an und seid mir um Sechse beim Herrenbrunnen.
+Dass Jakob nicht kommt, macht ihn verdächtig; ja, es ist besser, dass
+er nicht gekommen ist. Gebt auf ihn acht, dass er uns wenigstens
+nicht schade; an dem Vorteil, den wir uns erwerben, wird er schon
+teilnehmen wollen. Es wird Tag; lebt wohl und bedenkt nur, dass, was
+geschehen soll, schon geschehen ist. Die Gräfin kommt eben erst von
+Paris zurück, wo sie das alles gesehn und gehört hat, was wir mit so
+vieler Verwunderung lesen; vielleicht bringt sie schon selbst mildere
+Gesinnungen mit, wenn sie gelernt hat, was Menschen, die zu sehr
+gedruckt werden, endlich für ihre Rechte tun können und müssen.
+
+Martin.
+Lebt wohl, Gevatter, lebt wohl! Punkt Sechse bin ich am Herrenbrunnen.
+
+
+Albert.
+Ihr seid ein tüchtiger Mann! Lebt wohl.
+
+Peter.
+Ich will Euch recht loben, wenn's gut abläuft.
+
+Martin.
+Wir wissen nicht, wie wir's Euch danken sollen.
+
+Breme (mit Würde).
+Ihr habt Gelegenheit genug, mich zu verbinden. Das kleine Kapital zum
+Exempel von zweihundert Talern, das ich der Kirche schuldig bin,
+erlasst ihr mir ja wohl.
+
+Martin.
+Das soll uns nicht reuen.
+
+Albert.
+Unsere Gemeine ist wohlhabend und wird auch gern was für Euch tun.
+
+Breme.
+Das wird sich finden. Das schöne Fleck, das Gemeindegut war und das
+der Gerichtshalter zum Garten einzäunen und umarbeiten lassen, das
+nehmt ihr wieder in Besitz und überlasst mir's.
+
+Albert.
+Das wollen wir nicht ansehen, das ist schon verschmerzt.
+
+Peter.
+Wir wollen auch nicht zurückbleiben.
+
+Breme.
+Ihr habt selbst einen hübschen Sohn und schönes Gut; dem könnt' ich
+meine Tochter geben. Ich bin nicht stolz, glaubt mir, ich bin nicht
+stolz. Ich will Euch gern meinen Schwäher heißen.
+
+Peter.
+Das Mamsellchen ist hübsch genug; nur ist sie schon zu vornehm erzogen.
+
+
+Breme.
+Nicht vornehm, aber gescheit. Sie wird sich in jeden Stand zu finden
+wissen. Doch darüber lässt sich noch vieles reden. Lebt jetzt wohl,
+meine Freunde, lebt wohl!
+
+Alle.
+So lebt denn wohl!
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+(Vorzimmer der Gräfin. Sowohl im Fond als an den Seiten hängen adlige
+Familienbilder in mannigfaltigen geistlichen und weltlichen Kostümen.)
+
+Der Amtmann tritt herein, und indem er sich umsieht, ob niemand da ist,
+kommt Luise von der andern Seite.
+
+Amtmann.
+Guten Morgen, Demoiselle! Sind Ihro Exzellenz zu sprechen? Kann ich
+meine untertänigste Devotion zu Füßen legen?
+
+Luise.
+Verziehen Sie einigen Augenblick, Herr Amtmann. Die Frau Gräfin wird
+gleich herauskommen. Die Beschwerlichkeiten der Reise und das
+Schrecken bei der Ankunft haben einige Ruhe nötig gemacht.
+
+Amtmann.
+Ich bedaure von ganzem Herzen! Nach einer so langen Abwesenheit, nach
+einer so beschwerlichen Reise ihren einzig geliebten Sohn in einem so
+schrecklichen Zustande zu finden! Ich muss gestehen, es schaudert
+mich, wenn ich nur daran denke. Ihro Exzellenz waren wohl sehr
+alteriert?
+
+Luise.
+Sie können sich leicht vorstellen, was eine zärtliche sorgsame Mutter
+empfinden musste, als sie ausstieg, ins Haus trat und da die
+Verwirrung fand, nach ihrem Sohne fragte und aus ihrem Stocken und
+Stottern leicht schließen konnte, dass ihm ein Unglück begegnet sei.
+
+Amtmann.
+Ich bedaure von Herzen. Was finden Sie an?
+
+Luise.
+Wir mussten nur geschwind alles erzählen, damit sie nicht etwas
+Schlimmeres besorgte; wir mussten sie zu dem Kinde führen, das mit
+verbundenem Kopf und blutigen Kleidern dalag. Wir hatten nur für
+Umschläge gesorgt und ihn nicht ausziehen können.
+
+Amtmann.
+Es muss ein schrecklicher Anblick gewesen sein.
+
+Luise.
+Sie blickte hin, tat einen lauten Schrei und fiel mir ohnmächtig in
+die Arme. Sie war untröstlich, als sie wieder zu sich kam, und wir
+hatten alle Mühe, sie zu überführen, dass das Kind sich nur eine
+starke Beule gefallen, dass es aus der Nase blutet, und dass keine
+Gefahr sei.
+
+Amtmann.
+Ich möchte' es mit dem Hofmeister nicht teilen, der das gute Kind so
+vernachlässigt.
+
+Luise.
+Ich wunderte mich über die Gelassenheit der Gräfin, besonders da er
+den Vorfall leichter behandelte, als es ihm in dem Augenblick geziemte.
+
+
+Amtmann.
+Sie ist gar zu gnädig, gar zu nachsichtig.
+
+Luise.
+Aber sie kennt ihre Leute und merkt sich alles. Sie weiß, wer ihr
+redlich und treu dient; sie weiß, wer nur dem Schein nach ihr
+untertäniger Knecht ist. Sie kennt die Nachlässigen so gut als die
+Falschen, die Unklugen sowohl als die Bösartigen.
+
+Amtmann.
+Sie sagen nicht zu viel; es ist eine vortreffliche Dame, aber
+ebendeswegen! Der Hofmeister verdiente doch, dass sie ihn geradezu
+wegschickte.
+
+Luise.
+In allem, was das Schicksal des Menschen betrifft, geht sie langsam zu
+Werke, wie es einem Großen geziemt. Es ist nichts schrecklicher als
+Macht und Übereilung.
+
+Amtmann.
+Aber Macht und Schwäche sind auch ein trauriges Paar.
+
+Luise.
+Sie werden der gnädigen Gräfin nicht nachsagen, dass sie schwach sei.
+
+Amtmann.
+Behüte Gott, dass ein solcher Gedanke einem alten treuen Diener
+einfallen sollte! Aber es ist denn doch erlaubt, zum Vorteil seiner
+gnädigen Herrschaft zu wünschen, dass man manchmal mit mehr Strenge
+gegen Leute zu Werke gehe, die mit Strenge behandelt sein wollen.
+
+Luise.
+Die Frau Gräfin! (Luise tritt ab.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Gräfin im Negligé. Der Amtmann.
+
+Amtmann.
+Euer Exzellenz haben zwar auf eine angenehme Weise, doch unvermutet
+Ihre Dienerschaft überrascht, und wir bedauern nur, dass Dieselben bei
+Ihrer Ankunft durch einen so traurigen Anblick erschreckt worden. Wir
+hatten alle Anstalten zu Dero Empfang gemacht: Das Tannenreisig zu
+einer Ehrenpforte liegt wirklich schon im Hofe; die sämtlichen
+Gemeinden wollten reihenweise an dem Wege stehen und Hochdieselben mit
+einem lauten Vivat empfangen, und jeder freute sich schon, bei einer
+so feierlichen Gelegenheit seinen Festtagsrock anzuziehen und sich und
+seine Kinder zu putzen.
+
+Gräfin.
+Es ist mir lieb, dass die guten Leute sich nicht zu beiden Seiten des
+Wegs gestellt haben; ich hätte ihnen unmöglich ein freundlich Gesicht
+machen können und Ihnen am wenigsten, Herr Amtmann!
+
+Amtmann.
+Wie so? Wodurch haben wir Euer Exzellenz Ungnade verdient?
+
+Gräfin.
+Ich kann nicht leugnen, ich war sehr verdrießlich, als ich gestern auf
+den abscheulichen Weg kam, der gerade da anfängt, wo meine Besitzungen
+angehen. Die große Reise hab' ich fast auf lauter guten Wegen
+vollbracht, und eben, da ich wieder in das Meinige zurückkomme, find'
+ich sie nicht nur schlechter wie vorm Jahr, sondern so abscheulich,
+dass sie alle Übel einer schlechten Chaussee verbinden. Bald tief
+ausgefahren Löcher, in die der Wagen umzustürzen droht, aus denen die
+Pferde mit aller Gewalt ihn kaum herausreißen, bald Steine ohne
+Ordnung übereinander geworfen, dass man eine Viertelstunde lang selbst
+in dem bequemsten Wagen aufs unerträglichste zusammengeschüttelt wird.
+Es sollte mich wundern, wenn nichts daran beschädigt wäre.
+
+Amtmann.
+Euer Exzellenz werden mich nicht ungehört verdammen; nur mein eifriges
+Bestreben, von Euer Exzellenz Gerechtsamen nicht das mindeste zu
+vergeben, ist Ursache an diesem üblen Zustande des Wegs.
+
+Gräfin.
+Ich verstehe.--
+
+Amtmann.
+Sie erlauben, Ihrer tiefen Einsicht nur anheim zu stellen, wie wenig
+es mir hätte ziemen wollen, den widerspenstigen Bauern auch nur ein
+Haarbreit nachzugeben. Sie sind schuldig, die Wege zu bessern, und da
+Euer Exzellenz Chaussee befehlen, sind sie auch schuldig, die Chaussee
+zu machen.
+
+Gräfin.
+Einige Gemeinden waren ja willig.
+
+Amtmann.
+Das ist eben das Unglück. Sie fuhren die Steine an; als aber die
+übrigen, widerspenstigen sich weigerten und auch jene widerspenstig
+machten, blieben die Steine liegen und wurden nach und nach, teils aus
+Notwendigkeit, teils aus Mutwillen, in die Gleise geworfen, und da ist
+nun der Weg freilich ein bisschen holprig geworden.
+
+Gräfin.
+Sie nennen das ein wenig holprig?
+
+Amtmann.
+Verzeihen Euer Exzellenz, wenn ich sogar sage, dass ich diesen Weg
+öfters mit vieler Zufriedenheit zurücklege. Es ist ein vortreffliches
+Mittel gegen die Hypochondrie, sich dergestalt zusammenschütteln zu
+lassen.
+
+Gräfin.
+Das, gesteh' ich, ist eine eigne Kurmethode.
+
+Amtmann.
+Und freilich, da nun eben wegen dieses Streites, welcher vor dem
+Kaiserlichen Reichskammergericht auf das eifrigste betrieben wird,
+seit einem Jahr an keine Wegebesserung zu denken gewesen, und überdies
+die Holzfuhren stark gehen, in diesen letzten Tagen auch anhaltendes
+Regenwetter eingefallen, so möchte denn freilich jemanden, der gute
+Chausseen gewohnt ist, unsere Straße gewissermaßen impraktikable
+vorkommen.
+
+Gräfin.
+Gewissermaßen? Ich dächte ganz und gar.
+
+Amtmann.
+Euer Exzellenz beleiben zu scherzen. Man kommt doch noch immer fort--
+
+Gräfin.
+Wenn man nicht liegen bleibt. Und doch hab' ich an der Meile sechs
+Stunden zugebracht.
+
+Amtmann.
+Ich, vor einigen Tagen, noch länger. Zweimal wurd' ich glücklich
+herausgewunden, das dritte Mal brach ein Rad, und ich musste mich noch
+nur so hereinschleppen lassen. Aber bei allen diesen Unfällen war ich
+getrost und gutes Muts; denn ich bedachte, dass Euer Exzellenz und
+Ihres Herrn Sohnes Gerechtsame salviert sind. Aufrichtig gestanden,
+ich wollte auf solchen Wegen lieber von hier nach Paris fahren, als
+nur einen Fingerbreit nachgeben, wenn die Rechte und Befugnisse meiner
+gnädigen Herrschaft bestritten werden. Ich wollte daher, Euer
+Exzellenz dächten auch so, und Sie würden gewiss diesen Weg nicht mit
+so viel Unzufriedenheit zurückgelegt haben.
+
+Gräfin.
+Ich muss sagen, darin bin ich anderer Meinung, und gehörten diese
+Besitztümer mir eigen, müsste ich mich nicht bloß als Verwalterin
+ansehen, so würde ich über manche Bedenklichkeit hinausgehen, ich
+würde mein Herz hören, das mir Billigkeit gebietet, und meinen
+Verstand, der mich einen wahren Vorteil von einem scheinbaren
+unterscheiden lehrt. Ich würde großmütig sein, wie es dem gar wohl
+ansteht, der Macht hat. Ich würde mich hüten, unter dem Scheine des
+Rechts auf Forderungen zu beharren, die ich durchzusetzen kaum
+wünschen müsste, und die, indem ich Widerstand finde, mir auf
+lebenslang den völligen Genuss eines Besitzes rauben, den ich auf
+billige Weise verbessern könnte. Ein leidlicher Vergleich und der
+unmittelbare Gebrauch sind besser als eine wohl gegründete Rechtssache,
+die mir Verdruss macht, und von der ich nicht einmal den Vorteil für
+meine Nachkommen einsehe.
+
+Amtmann.
+Euer Exzellenz erlauben, dass ich darin der entgegen gesetzten Meinung
+sein darf. Ein Prozess ist eine so reizende Sache, dass, wenn ich
+reich wäre, ich eher einige kaufen würde, um nicht ganz ohne dieses
+Vergnügen zu leben. (Amtmann tritt ab.)
+
+Gräfin.
+Es scheint, dass er seine Lust an unsern Besitztümern büßen will.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Gräfin. Magister.
+
+Magister.
+Darf ich fragen, gnädige Gräfin, wie sie sich befinden?
+
+Gräfin.
+Wie Sie denken können, nach der Alteration, die mich bei meinem
+Eintritt überfiel.
+
+Magister.
+Es tat mir herzlich Leid; doch, hoff' ich, soll es von keinen Folgen
+sein. Überhaupt aber kann Ihnen schwerlich der Aufenthalt hier so
+bald angenehm werden, wenn Sie ihn mit dem vergleichen, den Sie vor
+kurzem genossen haben.
+
+Gräfin.
+Es hat auch große Reize, wieder zu Hause bei den Seinigen zu wohnen.
+
+Magister.
+Wie oftmals hab' ich Sie um das Glück beneidet, gegenwärtig zu sein,
+als die größten Handlungen geschahen, die je die Welt gesehen hat,
+Zeuge zu sein des seligen Taumels, der eine große Nation in dem
+Augenblick ergriff, als sie sich zum ersten Mal frei und von den
+Ketten entbunden fühlte, die sie so lange getragen hatte, dass diese
+schwere fremde Last gleichsam ein Glied ihres elenden, kranken Körpers
+geworden.
+
+Gräfin.
+Ich habe wunderbare Begebenheiten gesehen, aber wenig Erfreuliches.
+
+Magister.
+Wenngleich nicht für die Sinne, doch für den Geist. Wer aus großen
+Absichten fehl greift, handelt immer lobenswürdiger, als wer dasjenige
+tut, was nur kleinen Absichten gemäß ist. Man kann auf dem rechten
+Wege irren und auf dem falschen recht gehen-- --
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Die Vorigen. Luise.
+
+(Durch die Ankunft dieses vorzüglichen Frauenzimmers wird die
+Lebhaftigkeit des Gesprächs erst gemildert und sodann die Unterredung
+von dem Gegenstande gänzlich abgelenkt. Der Magister, der nun weiter
+kein Interesse findet, entfernt sich, und das Gespräch unter den
+beiden Frauenzimmern setzt sich fort, wie folgt.)
+
+Gräfin.
+Was macht mein Sohn? Ich war eben im Begriff, zu ihm zu gehen.
+
+Luise.
+Er schläft recht ruhig, und ich hoffe, er wird bald wieder
+herumspringen und in kurzer Zeit keine Spur der Beschädigung mehr
+übrig sein.
+
+Gräfin.
+Das Wetter ist gar zu übel, sonst ging' ich in den Garten. Ich bin
+recht neugierig, zu sehen, wie alles gewachsen ist, und wie der
+Wasserfall, wie die Brücke und die Felsenkluft sich jetzt ausnehmen.
+
+Luise.
+Es ist alles vortrefflich gewachsen; die Wildnisse, die Sie angelegt
+haben, scheinen natürlich zu sein; sie bezaubern jeden, der sie zum
+ersten Mal sieht, und auch mir geben sie noch immer in einer stillen
+Stunde einen angenehmen Aufenthalt. Doch muss ich gestehen, dass ich
+in der Baumschule unter den fruchtbaren bäumen lieber bin. Der
+Gedanke des Nutzens führt mich aus mir selbst heraus und gibt mir eine
+Fröhlichkeit, die ich sonst nicht empfinde. Ich kann säen, pfropfen,
+okulieren; und wenngleich mein Auge keine malerische Wirkung empfindet,
+so ist mir doch der Gedanke von Früchten höchst reizend, die einmal
+und wohl bald jemanden erquicken werden.
+
+Gräfin.
+Ich schätze Ihre guten häuslichen Gesinnungen.
+
+Luise.
+Die einzigen, die sich für den Stand schicken, der ans Notwendige zu
+denken hat, dem wenig Willkür erlaubt ist.
+
+Gräfin.
+Haben Sie den Antrag überlegt, den ich Ihnen in meinem letzten Briefe
+tat? Können Sie sich entschließen, meiner Tochter Ihre Zeit zu widmen,
+als Freundin, als Gesellschafterin mit ihr zu leben?
+
+Luise.
+Ich habe kein Bedenken, gnädige Gräfin.
+
+Gräfin.
+Ich hatte viel Bedenken, Ihnen den Antrag zu tun. Die wilde und
+unbändige Gemütsart meiner Tochter macht ihren Umgang unangenehm und
+oft sehr verdrießlich. So leicht mein Sohn zu behandeln ist, so
+schwer ist es meine Tochter.
+
+Luise.
+Dagegen ist ihr edles Herz, ihre Art, zu handeln, aller Achtung wert.
+Sie ist heftig, aber bald zu besänftigen, unbillig, aber gerecht,
+stolz, aber menschlich.
+
+Gräfin.
+Hierin ist sie ihrem Vater--
+
+Luise.
+Äußerst ähnlich. Auf eine sehr sonderbare Weise scheint die Natur in
+der Tochter den rauen Vater, in dem Sohne die zärtliche Mutter wieder
+hervorgebracht zu haben.
+
+Gräfin.
+Versuchen Sie, Luise, dieses wilde, aber edle, Feuer zu dämpfen. Sie
+besitzen alle Tugenden, die ihr fehlen. In Ihrer Nähe, durch Ihr
+Beispiel wird sie gereizt werden, sich nach einem Muster zu bilden,
+das so liebenswürdig ist.
+
+Luise.
+Sie beschämen mich, gnädige Gräfin. Ich kenne an mir keine Tugend als
+die, dass ich mich bisher in mein Schicksal zu finden wusste, und
+selbst diese hat kein Verdienst mehr, seitdem Sie, gnädige Gräfin, so
+viel getan haben, um es zu erleichtern. Sie tun jetzt noch mehr, da
+Sie mich näher an sich heranziehen. Nach dem Tode meines Vaters und
+dem Umsturz meiner Familie habe ich vieles entbehren lernen, nur nicht
+gesitteten und verständigen Umgang.
+
+Gräfin.
+Bei Ihrem Onkel müssen Sie von dieser Seite viel ausstehen.
+
+Luise.
+Es ist ein guter Mann; aber seine Einbildung macht ihn oft höchst
+albern, besonders seit der letzten Zeit, da jeder ein Recht zu haben
+glaubt, nicht nur über die großen Welthändel zu reden, sondern auch
+darin mitzuwirken.
+
+Gräfin.
+Es geht ihm wie sehr vielen.
+
+Luise.
+Ich habe manchmal meine Bemerkungen im stillen darüber gemacht. Wer
+die Menschen nicht kennte, würde sie jetzt leicht kennen lernen. So
+viele nehmen sich der Sache der Freiheit, der allgemeinen Gleichheit
+an, nur um für sich eine Ausnahme zu machen, nur um zu wirken, es sei,
+auf welche Art es wolle.
+
+Gräfin.
+Sie hätten nichts mehr erfahren können, und wenn Sie mit mir in Paris
+gewesen wären.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Friederike. Der Baron. Die Vorigen.
+
+Friederike.
+Hier, liebe Mutter, ein Hase und zwei Feldhühner! Ich habe die drei
+Stücke geschossen, der Vetter hat immer gepudelt.
+
+Gräfin.
+Du siehst wild aus, Friederike; wie du durchnässt bist!
+
+Friederike (das Wasser vom Hute abschwingend).
+Der erste glückliche Morgen, den ich seit langer Zeit gehabt habe.
+
+Baron.
+Sie jagt mich nun schon vier Stunden im Felde herum.
+
+Friederike.
+Es war eine rechte Lust. Gleich nach Tische wollen wir wieder hinaus.
+
+
+Gräfin.
+Wenn du's so heftig treibst, wirst du es blad überdrüssig werden.
+
+Friedericke.
+Geben Sie mir das Zeugnis, liebe Mama! Wie oft hab' ich mich aus
+Paris wieder nach unsern Revieren gesehnt. Die Opern, die Schauspiele,
+die Gesellschaften, die Gastereien, die Spaziergänge, was ist das
+alles gegen einen einzigen vergnügten Tag auf der Jagd, unter freiem
+Himmel, auf unsern Bergen, wo wir eingeboren und eingewohnt sind.--Wir
+müssen ehesten tags hetzen, Vetter.
+
+Baron.
+Sie werden noch warten müssen, die Frucht ist noch nicht aus dem Felde.
+
+
+Friederike.
+Was will das viel schaden? Es ist fast von gar keiner Bedeutung.
+Sobald es ein bisschen auftrocknet, wollen wir hetzen.
+
+Gräfin.
+Geh, zieh dich um! Ich vermute, dass wir zu Tische noch einen Gast
+haben, der sich nur kreuz Zeit bei uns aufhalten kann.
+
+Baron.
+Wird der Hofrat kommen?
+
+Gräfin.
+Er versprach mir, heute wenigstens auf ein Stündchen einzusprechen.
+Er geht auf Kommission.
+
+Baron.
+Es sind einige Unruhen im Lande.
+
+Gräfin.
+Es wird nichts zu bedeuten haben, wenn man sich nur vernünftig gegen
+die Menschen beträgt und ihnen ihren wahren Vorteil zeigt.
+
+Friederike.
+Unruhen? Wer will Unruhen anfangen?
+
+Baron.
+Missvergnügte Bauern, die von ihren Herrschaften gedruckt werden, und
+die leicht Anführer finden.
+
+Friederike.
+Die muss man auf den Kopf schießen. (Sie macht Bewegungen mit der
+Flinte.) Sehen Sie, gnädige Mama, wie mir der Magister die Flinte
+verwahrlost hat! Ich wollte sie doch mitnehmen, und da Sie es nicht
+erlaubten, wollte ich sie dem Jäger aufzuheben geben. Da bat mich der
+Graurock so inständig, sie ihm zu lassen: Sie sei so leicht, sagt' er,
+so bequem, er wolle sie so gut halten, er wolle so oft auf die Jagd
+gehen. Ich ward ihm wirklich gut, weil er so oft auf die Jagd gehen
+wollte, und nun, sehen Sie, find' ich sie heute in der Gesindestube
+hinterm Ofen. Wie das aussieht! Sie wird in meinem Leben nicht
+wieder rein.
+
+Baron.
+Er hatte die Zeit her mehr zu tun; er arbeitet mit an der allgemeinen
+Gleichheit, und da hält er wahrscheinlich die Hasen auch mit für
+seinesgleichen und scheut sich, ihnen was zuleide zu tun.
+
+Gräfin.
+Zieht euch an, Kinder, damit wir nicht zu warten brauchen. Sobald der
+Hofrat kommt, wollen wir essen. (Ab.)
+
+Friederike (ihre Flinte besehend).
+Ich habe die französische Revolution schon so oft verwünscht, und
+jetzt tu' ich's doppelt und dreifach. Wie kann mir nun der Schaden
+ersetzt werden, dass meine Flinte rostig ist?
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+(Saal im Schlosse.)
+
+Gräfin. Hofrat.
+
+Gräfin.
+Ich geb' es Ihnen recht aufs Gewissen, teurer Freund. Denken Sie nach,
+wie wir diesem unangenehmen Prozesse ein Ende machen. Ihre große
+Kenntnis der Gesetze, Ihr Verstand und Ihre Menschlichkeit helfen
+gewiss ein Mittel finden, wie wir aus dieser widerlichen Sache
+scheiden können. Ich habe es sonst leichter genommen, wenn man
+unrecht hatte und im Besitz war: Je nun, dacht' ich, es geht ja
+wohl so hin, und wer hat, ist am besten dran. Seitdem ich aber
+bemerkt habe, wie sich Unbilligkeit von Geschlecht zu Geschlecht so
+leicht aufhäuft, wie großmütige Handlungen meistenteils nur persönlich
+sind, und der Eigennutz allein gleichsam erblich wird; seitdem ich mit
+Augen gesehen habe, dass die menschliche Natur auf einen unglaublichen
+Grad gedrückt und erniedrigt, aber nicht unterdrückt und vernichtet
+werden kann: So habe ich mir fest vorgenommen, jede einzelne Handlung,
+die mir unbillig scheint, selbst streng zu vermeiden und unter den
+Meinigen, in Gesellschaft, bei Hofe, in der Stadt über solche
+Handlungen meine Meinung laut zu sagen. Zu keiner Ungerechtigkeit
+will ich mehr schweigen, keine Kleinheit unter einem großen Scheine
+ertragen, und wenn ich auch unter dem verhassten Namen einer
+Demokratin verschrien werden sollte.
+
+Hofrat.
+Es ist schön, gnädige Gräfin, und ich freue mich, Sie wieder zu finden,
+wie ich Abschied von Ihnen genommen, und noch ausgebildeter. Sie
+waren eine Schülerin der großen Männer, die uns durch ihre Schriften
+in Freiheit gesetzt haben, und nun finde ich in Ihnen einen Zögling
+der großen Begebenheiten, die uns einen lebendigen Begriff geben von
+allem, was der wohl denkende Staatsbürger wünschen und verabscheuen
+muss. Es ziemt Ihnen, Ihrem eigenen Stande Widerpart zu halten. Ein
+jeder kann nur seinen eignen Stand beurteilen und tadeln. Aller Tadel
+heraufwärts oder hinabwärts ist mit Nebenbegriffen und Kleinigkeiten
+vermischt, man kann nur durch seinesgleichen gerichtet werden. Aber
+ebendeswegen, weil ich ein Bürger bin, der es zu bleiben denkt, der
+das große Gewicht des höheren Standes im Staate anerkennt und zu
+schätzen Ursache hat, bin ich auch unversöhnlich gegen die kleinlichen
+neidischen Neckereien, gegen den blinden Hass, der nur aus eigner
+Selbstigkeit erzeugt wird, prätentios Prätentionen bekämpft, sich über
+Formalitäten formalisiert und, ohne selbst Realität zu haben, da nur
+Schein sieht, wo er Glück und Folge sehen könnte. Wahrlich! Wenn
+alle Vorzüge gelten sollen, Gesundheit, Schönheit, Jugend, Reichtum,
+Verstand, Talente, Klima, warum soll der Vorzug nicht auch irgendeine
+Art von Gültigkeit haben, dass ich von einer Reihe tapferer, bekannter,
+ehrenvoller Väter entsprungen bin! Das will ich sagen da, wo ich
+eine Stimme habe, und wenn man mir auch den verhassten Namen eines
+Aristokraten zueignete.
+
+(Hier findet sich eine Lücke, welche wir durch Erzählung ausfüllen.
+Der trockne Ernst dieser Szene wird dadurch gemildert, dass der Hofrat
+seine Neigung zu Luisen bekennt, indem er sich bereit zeigt, ihr seine
+Hand zu geben. Ihre frühern Verhältnisse, vor dem Umsturz, den
+Luisens Familie erlitt, kommen zur Sprache, sowie die stillen
+Bemühungen des vorzüglichen Mannes, sich und zugleich Luisen eine
+Existenz zu verschaffen.
+
+Eine Szene zwischen der Gräfin, Luisen und dem Hofrat gibt Gelegenheit,
+drei schöne Charaktere näher kennen zu lernen und uns für das, was
+wir in den nächsten Auftritten erdulden sollen, vorläufig einigermaßen
+zu entschädigen. Denn nun versammelt sich um den Teetisch, wo Luise
+einschenkt, nach und nach das ganze Personal des Stücks, so dass
+zuletzt auch die Bauern eingeführt werden. Da man sich nun nicht
+enthalten kann, von Politik zu sprechen, so tut der Baron, welcher
+Leichtsinn, Frevel und Spott nicht verbergen kann, den Vorschlag,
+sogleich eine Nationalversammlung vorzustellen. Der Hofrat wird zum
+Präsidenten erwählt, und die Charaktere der Mitspielenden, wie man sie
+schon kennt, entwickeln sich freier und heftiger. Die Gräfin, das
+Söhnchen mit verbundenem Kopfe neben sich, stellt die Fürstin vor,
+deren Ansehen geschmälert werden soll und die aus eigenen liberalen
+Gesinnungen nachzugeben geneigt ist. Der Hofrat, verständig und
+gemäßigt, sucht ein Gleichgewicht zu erhalten, ein Bemühen, das jeden
+Augenblick schwieriger wird. Der Baron spielt die Rolle des Edelmanns,
+der von seinem Stande abfällt und zum Volke übergeht. Durch seine
+schelmische Verstellung werden die andern gelockt, ihr Innerstes
+hervorzukehren. Auch Herzensangelegenheiten mischen sich mit ins
+spiel. Der Baron verfehlt nicht, Karolinen die schmeichelhaftesten
+Sachen zu sagen, die sie zu ihren schönsten Gunsten auslegen kann. An
+der Heftigkeit, womit Jakob die Gerechtsame des gräflichen Hauses
+verteidigt, lässt sich eine stille, unbewusste Neigung zu der jungen
+Gräfin nicht verkennen. Luise sieht in allem diesen nur die
+Erschütterung des häuslichen Glücks, dem sie sich so nahe glaubt, und
+wenn die Bauern mitunter schwerfällig werden, so erheitert Bremenfeld
+die Szene durch seinen Dünkel, durch Geschichtchen und guten Humor.
+Der Magister, wie wir ihn schon kennen, überschreitet vollkommen die
+Grenze, und da der Baron immerfort hetzt, läuft es endlich auf
+Persönlichkeiten hinaus, und als nun vollends die Brausche des
+Erbgrafen als unbedeutend, ja lächerlich behandelt wird, so bricht die
+Gräfin los, und die Sache kommt so weit, dass dem Magister
+aufgekündigt wird. Der Baron verschlimmert das Übel, und er bedient
+sich, da der Lärm immer stärker wird, der Gelegenheit, mehr in
+Karolinen zu dringen und sie zu einer heimlichen Zusammenkunft für die
+Nacht zu bereden. Bei allem diesen zeigt sich die junge Gräfin
+entschieden heftig, parteiisch auf ihren Stand, hartnäckig auf ihren
+besitz, welche Härte jedoch durch ein unbefangenes, rein natürliches
+und im tiefsten Grunde rechtliches weibliches Wesen bis zur
+Leibenswürdigkeit gemildert wird. Und so lässt sich einsehen, dass
+der Akt ziemlich tumultuarisch und, insofern es der bedenkliche
+Gegenstand erlaubt, für das Gefühl nicht ganz unerträglich geendigt
+wird. Vielleicht bedauert man, dass der Verfasser die Schwierigkeiten
+einer solchen Szene nicht zur rechten Zeit zu überwinden bemüht war.)
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+(Bremens Wohnung.)
+
+Breme. Martin. Albert.
+
+Breme.
+Sind eure Leute alle an ihren Posten? Habt ihr sie wohl unterrichtet?
+Sind sie gutes Muts?
+
+Martin.
+Sobald Ihr mit der Glocke stürmt, werden sie alle da sein.
+
+Breme.
+So ist's recht! Wenn im Schlosse die Lichter alle aus sind, wenn es
+Mitternacht ist, soll es gleich angehen. Unser Glück ist's, dass der
+Hofrat fortgeht. Ich fürchte sehr, er möchte bleiben und uns den
+ganzen Spaß verderben.
+
+Albert.
+Ich fürchte so noch immer, es geht nicht gut ab. Es ist mir schon zum
+voraus bange, die Glocke zu hören.
+
+Breme.
+Seid nur ruhig. Habt ihr nicht heute selbst gehört, wie übel es jetzt
+mit den vornehmen Leuten steht? Habt ihr gehört, was wir der Gräfin
+alles unters Gesicht gesagt haben?
+
+Martin.
+Es war ja aber nur zum Spaß.
+
+Albert.
+Es war schon zum Spaße grob genug.
+
+Breme.
+Habt ihr gehört, wie ich eure Sache zu verfechten weiß? Wenn's Ernst
+gilt, will ich so vor den Kaiser treten. Und was sagt ihr zum Herrn
+Magister, hat sich der nicht auch wacker gehalten?
+
+Albert.
+Sie haben's Euch aber auch brav abgegeben. Ich dachte zuletzt, es
+würde Schläge setzen; und unsere gnädige Kontess--war's doch, als wenn
+ihr seliger Herr Vater leibhaftig dastünde.
+
+Breme.
+Lasst mir das gnädige weg, es wird sich bald nichts mehr zu gnädigen
+haben. Seht, hier hab' ich die Briefe schon fertig, die schick' ich
+in die benachbarten Gerichtsdörfer. Sobald's hier losgeht, sollen die
+auch stürmen und rebellieren und auch ihre Nachbarn auffordern.
+
+Martin.
+Das kann was werden.
+
+Breme.
+Freilich! Und alsdann Ehre, dem Ehre gebührt! Euch, meine leiben
+Kinder. Ihr werdet als die Befreier des Landes angesehn.
+
+Martin.
+Ihr, Herr Breme, werdet das größte Lob davontragen.
+
+Breme.
+Nein, das gehört sich nicht; es muss jetzt alles gemein sein.
+
+Martin.
+Indessen habt Ihr's doch angefangen.
+
+Breme.
+Gebt mir die Hände, brave Männer! So standen einst die drei großen
+Schweizer, Wilhelm Tell, Walther Staubbach, Fürst von Uri, die standen
+auf dem Grütliberg beisammen und schwuren den Tyrannen ew'gen Hass und
+ihren mitgenossen ewige Freiheit. Wie oft hat man diese wackern
+Helden gemalt und in Kupfer gestochen! Auch uns wird diese Ehre
+widerfahren. In dieser Positur werden wir auf die Nachwelt kommen.
+
+Martin.
+Wie Ihr Euch das alles so denken könnt.
+
+Albert.
+Ich fürchte nur, dass wir im Karrn eine böse Figur machen können.
+Horcht! Es klingelt jemand. Mir zittert das Herz im Leibe, wenn sich
+nur was bewegt.
+
+Breme.
+Schämt Euch! Ich will aufziehen. Es wird der Magister sein; ich habe
+ihn herüber bestellt. Die Gräfin hat ihm den Dienst aufgesagt; die
+Kontess hat ihn sehr beleidigt. Wir werden ihn leicht in unsere
+Partei ziehen. Wenn wir einen Geistlichen unter uns haben, sind wir
+unserer Sache desto gewisser.
+
+Martin.
+Einen Geistlichen und Gelehrten.
+
+Breme.
+Was die Gelehrsamkeit betrifft, geb' ich ihm nichts nach, und
+besonders hat er weit weniger politische Lektüre als ich. Alle die
+Chroniken, die ich von meinem seligen Großvater geerbt habe, waren in
+meiner Jugend schon durchgelesen, und das Theatrum Europaeum kenn' ich
+in- und auswendig. Wer recht versteht, was geschehen ist, der weiß
+auch, was geschieht und geschehen wird. Es ist immer einerlei; es
+passiert in der Welt nichts Neues. Der Magister kommt. Halt! Wir
+müssen ihn feierlich empfangen. Er muss Respekt vor uns kriegen. Wir
+stellen jetzt die Repräsentanten der ganzen Nation gleichsam in Nuce
+vor. Setzt euch.
+
+(Er setzt drei Stühle auf die eine Seite des Theaters, auf die andere
+einen Stuhl. Die beiden Schulzen setzen sich, und wie der Magister
+herein tritt, setzt sich Breme geschwind in ihre Mitte und nimmt ein
+gravitätisches Wesen an.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Vorigen. Der Magister.
+
+Magister.
+Guten Morgen, Herr Breme. Was gibt's Neues? Sie wollen mir etwas
+Wichtiges vertrauen, sagten Sie.
+
+Breme.
+Etwas sehr Wichtiges, gewiss! Setzen Sie sich. (Magister will den
+einzelnen Stuhl nehmen und zu ihnen rücken.) Nein, bleiben Sie dort,
+sitzen Sie dort nieder! Wir wissen noch nicht, ob Sie an unserer
+Seite nieder sitzen wollen.
+
+Magister.
+Eine wunderbare Vorbereitung.
+
+Breme.
+Sie sind ein Mann, ein freigeborner, ein freidenkender, ein
+geistlicher, ein ehrwürdiger Mann. Sie sind ehrwürdig, weil Sie
+geistlich sind, und noch ehrwürdiger, weil Sie frei sind. Sie sind
+frei, weil Sie edel sind, und sind schätzbar, weil Sie frei sind. Und
+nun! Was haben wir erleben müssen! Wir sahen Sie verachtet, wir
+sahen Sie beleidigt; aber wir haben zugleich Ihren edlen Zorn gesehen,
+einen edlen Zorn, aber ohne Wirkung. Glauben Sie, dass wir Ihre
+Freunde sind, so glauben Sie auch, dass sich unser Herz im Busen
+umkehrt, wenn wir Sie verkehrt behandelt sehen. Ein edler Mann und
+verhöhnt; ein freier Mann und bedroht; ein geistlicher Mann und
+verachtet; ein treuer Diener und verstoßen! Zwar verhöhnt von Leuten,
+die selbst Hohn verdienen; verachtet von Menschen, die keiner Achtung
+wert sind; verstoßen von Undankbaren, deren Wohltaten man nicht
+genießen möchte; bedroht von einem Kinde, von einem Mädchen--das
+scheint freilich nicht viel zu bedeuten; aber wenn Ihr bedenkt, dass
+dieses Mädchen kein Mädchen, sondern ein eingefleischter Satan ist,
+dass man sie Legion nennen sollte--denn es sind viele tausend
+aristokratische Geister in sie gefahren--so seht Ihr deutlich, was uns
+von allen Aristokraten bevorsteht, Ihr seht es, und wenn Ihr klug seid,
+so nehmt Ihr Eure Maßregeln.
+
+Magister.
+Wozu soll diese sonderbare Rede? Wohin wird Euch der seltsame Eingang
+führen? Sagt Ihr das, um meinen Zorn gegen diese verdammte Brut noch
+mehr zu erhitzen, um meine aufs äußerste getriebene Empfindlichkeit
+noch mehr zu reizen? Schweigt stille! Wahrhaftig, ich wüsste nicht,
+wozu mein gekränktes Herz jetzt nicht alles fähig wäre. Was! Nach so
+vielen Diensten, nach so vielen Aufopferungen mir so zu begegnen, mich
+vor die Türe zu setzen! Und warum? Wegen einer elenden Beule, wegen
+einer gequetschten Nase, mit der so viele hundert Kinder auf und davon
+springen. Aber es kommt eben recht, eben recht! Sie wissen nicht,
+die Großen, wen sie in uns beleidigen, die wir Zungen, die wir Federn
+haben.
+
+Breme.
+Dieser edle Zorn ergötzt mich, und so frage ich Euch denn im Namen
+aller edlen, frei gebornen, der Freiheit werten Menschen, ob Ihr diese
+Zunge, diese Feder von nun an dem Dienste der Freiheit völlig widmen
+wollt?
+
+Magister.
+O ja, ich will, ich werde!
+
+Breme.
+Dass Ihr keine Gelegenheit versäumen wollt, zu dem edlen Zwecke
+mitzuwirken, nach dem jetzt die ganze Menschheit emporstrebt?
+
+Magister.
+Ich gebe Euch mein Wort.
+
+Breme.
+So gebt mir Eure Hand, mir und diesen Männern.
+
+Magister.
+Einem jedem; aber was haben diese armen Leute, die wie Sklaven
+behandelt werden, mit der Freiheit zu tun?
+
+Breme.
+Sie sind nur noch eine Spanne davon, nur so breit, als die Schwelle
+des Gefängnisses ist, an dessen eröffneter Türe sie stehen.
+
+Magister.
+Wie?
+
+Breme.
+Euer Ehrenwort, dass Ihr schweigen werdet!
+
+Magister.
+Ich gebe es.
+
+Breme.
+Der Augenblick ist nahe, die Gemeinden sind versammelt, in einer
+Stunde sind sie hier. Wir überfallen das Schloss, nötigen die Gräfin
+zur Unterschrift des Rezesses und zu einer eidlichen Versicherung,
+dass künftighin alle drückenden Lasten aufgehoben sein sollen.
+
+Magister.
+Ich erstaune!
+
+Breme.
+Da habe ich nur noch ein Bedenken wegen des Eids. Die vornehmen Leute
+glauben nichts mehr. Sie wird einen Eid schwören und sich davon
+entbinden lassen. Man wird ihr beweisen, dass ein gezwungener Eid
+nichts gelte.
+
+Magister.
+Dafür will ich Rat schaffen. Diese Menschen, die sich über alles
+wegsetzen, ihresgleichen behandeln wie das Vieh, ohne Liebe, ohne
+Mitleid, ohne Furcht frech in den Tag hinein leben, solange sie mit
+Menschen zu tun haben, die sie nicht schätzen, solange sie von einem
+Gott sprechen, den sie nicht erkennen: Dieses übermütige Geschlecht
+kann sich doch von dem geheimen Schauer nicht losmachen, der alle
+lebendigen Kräfte der Natur durchschwebt, kann die Verbindung sich
+nicht leugnen, in der Worte und Wirkung, Tat und Folge ewig
+miteinander bleiben. Lasst sie einen feierlichen Eid tun.
+
+Martin.
+Sie soll in der Kirche schwören.
+
+Breme.
+Nein, unter freiem Himmel.
+
+Magister.
+Das ist nichts. Diese feierlichen Szenen rühren nur die
+Einbildungskraft. Ich will es euch anders lehren. Umgebt sie, lasst
+sie in eurer Mitte die Hand auf ihres Sohnes Haupt legen, bei diesem
+geliebten Haupte ihr Versprechen beteuern und alles Übel, was einen
+Menschen betreffen kann, auf diese kleine Gefäß herab rufen, wenn sie
+unter irgendeinem Vorwande ihr Versprechen zurücknähme oder zugäbe,
+dass es vereitelt würde.
+
+Breme.
+Herrlich!
+
+Martin.
+Schrecklich!
+
+Albert.
+Entsetzlich!
+
+Magister.
+Glaubt mir, sie ist auf ewig gebunden.
+
+Breme.
+Ihr sollt zu ihr in den Kreis treten und ihr das Gewissen schärfen.
+
+Magister.
+An allem, was ihr tun wollt, nehm' ich Anteil; nur sagt mir, wie wird
+man es in der Residenz ansehen? Wenn sie euch Dragoner schicken, so
+seid ihr alle gleich verloren.
+
+Martin.
+Da weiß Herr Breme schon Rat.
+
+Albert.
+Ja, was das für ein Kopf ist!
+
+Magister.
+Klärt mich auf.
+
+Breme.
+Ja, ja, das ist's nun eben, was man hinter Hermann Breme dem Zweiten
+nicht sucht. Er hat Konnexionen, Verbindungen da, wo man glaubt, er
+habe nur Kunden. So viel kann ich euch nur sagen, und es wissen's
+diese Leute, dass der Fürst selbst eine Revolution wünscht.
+
+Magister.
+Der Fürst?
+
+Breme.
+Er hat die Gesinnungen Friedrichs und Josephs, der beiden Monarchen,
+welche alle wahre Demokraten als ihre Heiligen anbeten sollten. Er
+ist erzürnt, zu sehen, wie der Bürger- und Bauernstand unterm Druck
+des Adels seufzt, und leider kann er selbst nicht wirken, da er von
+lauter Aristokraten umgeben ist. Haben wir uns nur aber erst
+legitimiert, dann setzt er sich an unsere Spitze, und seine Truppen
+sind zu unsern Diensten, und Breme und alle brave Männer sind an
+seiner Seite.
+
+Magister.
+Wie habt Ihr das alles erforscht und getan und habt Euch nichts merken
+lassen?
+
+Breme.
+Man muss im stillen viel tun, um die Welt zu überraschen. (Er geht
+ans Fenster.) Wenn nur erst der Hofrat fort wäre, dann solltet ihr
+Wunder sehen.
+
+Martin (auf Bremen deutend).
+Nicht wahr, das ist ein Mann!
+
+Albert.
+Er kann einem recht Herz machen.
+
+Breme.
+Und, lieber Magister, die Verdienste, die Ihr Euch diese Nacht erwerbt,
+dürfen nicht unbelohnt bleiben. Wir arbeiten heute fürs ganze
+Vaterland. Von unserm Dorfe wird die Sonne der Freiheit aufgehen.
+Wer hätte das gedacht!
+
+Magister.
+Befürchtet Ihr keinen Widerstand?
+
+Breme.
+Dafür ist schon gesorgt. Der Amtmann und die Gerichtsdiener werden
+gleich gefangen genommen. Der Hofrat geht weg, die paar Bedienten
+wollen nichts sagen, und der Baron ist nur der einzige Mann im
+Schlosse; den locke ich durch meine Tochter herüber ins Haus und
+sperre ihn ein, bis alles vorbei ist.
+
+Martin.
+Wohl ausgedacht.
+
+Magister.
+Ich verwundere mich über Eure Klugheit.
+
+Breme.
+Nu, nu! Wenn es Gelegenheit gibt, sie zu zeigen, sollt Ihr noch mehr
+sehen, besonders was die auswärtigen Angelegenheiten betrifft. Glaubt
+mir, es geht nichts über einen guten Chirurgus, besonders wenn er
+dabei ein geschickter Barbier ist. Das unverständige Volk spricht
+viel von Bartkratzern und bedenkt nicht, wie viel dazu gehört,
+jemanden zu barbieren, eben dass es nicht kratze. Glaubt mir nur, es
+wird zu nichts mehr Politik erfordert, als den Leuten den Bart zu
+putzen, ihnen diese garstigen barbarischen Exkremente der Natur, diese
+Barthaare, womit sie das männliche Kinn täglich verunreinigt, hinweg
+zu nehmen und den Mann dadurch an Gestalt und Sitten einer
+glattwangigen Frau, einem zarten liebenswürdigen Jüngling ähnlich zu
+machen. Komme ich dereinst dazu, mein Leben und Meinungen aufzusetzen,
+so soll man über die Theorie der Barbierkunst erstaunen, aus der ich
+zugleich alle Lebens- und Klugheitsregeln herleiten will.
+
+Magister.
+Ihr seid ein originaler Kopf!
+
+Breme.
+Ja, ja, das weiß ich wohl, und deswegen habe ich auch den Leuten
+verziehen, wenn sie mich oft nicht begreifen konnten, und wenn sie,
+albern genug, glaubten mich zum Besten zu haben. Aber ich will ihnen
+zeigen, dass, wer einen rechten Seifenschaum zu schlagen weiß, wer mit
+Leichtigkeit, Bequemlichkeit und Gewandtheit der Finger einzuseifen,
+den sprödesten Bart zahm zu machen versteht; wer da weiß, dass ein
+frisch abgezognes Messer ebenso gut rauft als ein stumpfes, wer mit
+dem Strich oder wider den Strich die Haare wegnimmt, als wären sie gar
+nicht dagewesen; wer dem warmen Wasser zum Abwaschen die gehörige
+Temperatur verleiht und selbst das Abtrocknen mit Gefälligkeit
+verrichtet und in seinem ganzen Benehmen etwas Zierliches darstellt--
+das ist kein gemeiner Mensch, sondern er muss alle Eigenschaften
+besitzen, die einem Minister Ehre machen.
+
+Albert.
+Ja, ja, es ist ein Unterschied zwischen Barbier und Barbier.
+
+Martin.
+Und Herr Breme besonders, das ist dir eine ordentliche Lust.
+
+Breme.
+Nu, nu, es wird sich zeigen. Es ist bei der ganzen Kunst nichts
+Unbedeutendes. Die Art, den Schersack aus- und einzukramen, die Art,
+die Gerätschaften zu halten, ihn unterm Arm zu tragen--ihr sollt
+Wunder hören und sehen. Nun wird's aber Zeit, dass ich meine Tochter
+vorkriege. Ihr Leute, geht an eure Posten! Herr Magister, halten Sie
+sich in der Nähe.
+
+Magister.
+Ich gehe in den Gasthof, wohin ich gleich meine Sachen habe bringen
+lassen, als man mir im Schlosse übel begegnete.
+
+Breme.
+Wenn Sie stürmen hören, so soll's Ihnen frei stehen, sich zu uns zu
+schlagen oder abzuwarten, ob es uns glückt, woran ich gar nicht
+zweifele.
+
+Magister.
+Ich werde nicht fehlen.
+
+Breme.
+So lebt denn wohl und gebt aufs Zeichen Acht!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Breme allein.
+
+Wie würde mein sel'ger Großvater sich freuen, wenn er sehen könnte,
+wie gut ich mich in das neue Handwerk schicke. Glaubt doch der
+Magister schon, dass ich große Konnexionen bei Hofe habe. Da sieht
+man, was es tut, wenn man sich Kredit zu machen weiß. Nun muss
+Karoline kommen. Sie hat das Kind so lange gewartet, ihre Schwester
+wird sie ablösen. Da ist sie.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Breme. Karoline.
+
+Breme.
+Wie befindet sich der junge Graf?
+
+Karoline.
+Recht leidlich. Ich habe ihm Märchen erzählt, bis er eingeschlafen
+ist.
+
+Breme.
+Was gibt's sonst im Schlosse?
+
+Karoline.
+Nichts Merkwürdiges.
+
+Breme.
+Der Hofrat ist noch nicht weg?
+
+Karoline.
+Er scheint Anstalt zu machen. Sie binden eben den Mantelsack auf.
+
+Breme.
+Hast du den Baron nicht gesehen?
+
+Karoline.
+Nein, mein Vater.
+
+Breme.
+Er hat dir heute in der Nationalversammlung allerlei in die Ohren
+geraunt?
+
+Karoline.
+Ja, mein Vater.
+
+Breme.
+Das eben nicht die ganze Nation, sondern meine Tochter Karoline
+betraf?
+
+Karoline.
+Freilich, mein Vater.
+
+Breme.
+Du hast dich doch klug gegen ihn zu benehmen gewusst?
+
+Karoline.
+O gewiss.
+
+Breme.
+Er hat wohl wieder stark in dich gedrungen?
+
+Karoline.
+Wie Sie denken können.
+
+Breme.
+Und du hast ihn abgewiesen?
+
+Karoline.
+Wie sich's ziemt.
+
+Breme.
+Wie ich es von meiner trefflichen Tochter erwarten darf, die ich aber
+auch mit Ehre und Glück überhäuft und für ihre Tugend reichlich
+belohnt sehen werde.
+
+Karoline.
+Wenn Sie nur nicht vergebens hoffen.
+
+Breme.
+Nein, meine Tochter, ich bin eben im Begriff, einen großen Anschlag
+auszuführen, wozu ich deine Hilfe brauche.
+
+Karoline.
+Was meinen Sie, mein Vater?
+
+Breme.
+Es ist dieser verwegenen Menschenrasse der Untergang gedroht.
+
+Karoline.
+Was sagen Sie?
+
+Breme.
+Setze dich nieder und schreib.
+
+Karoline.
+Was?
+
+Breme.
+Ein Billett an den Baron, dass er kommen soll.
+
+Karoline.
+Aber wozu?
+
+Breme.
+Das will ich dir schon sagen. Es soll ihm kein Leids widerfahren, ich
+sperre ihn nur ein.
+
+Karoline.
+O Himmel!
+
+Breme.
+Was gibt's?
+
+Karoline.
+Soll ich mich einer solchen Verräterei schuldig machen?
+
+Breme.
+Nur geschwind.
+
+Karoline.
+Wer soll es denn hinüberbringen?
+
+Breme.
+Dafür lass mich sorgen.
+
+Karoline.
+Ich kann nicht.
+
+Breme.
+Zuerst eine Kriegslist. (Er zündet eine Blendlaterne an und löscht
+das Licht aus.) Geschwind, nun schreib, ich will dir leuchten.
+
+Karoline (für sich).
+Wie soll das werden? Der Baron wird sehen, dass das Licht ausgelöscht
+ist; er wird auf das Zeichen kommen.
+
+Breme (zwingt sie zum Sitzen).
+Schreib! "Luise bleibt im Schlosse, mein Vater schläft. Ich lösche
+das Licht aus, kommen Sie!"
+
+Karoline (widerstrebend).
+Ich schreibe nicht.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Die Vorigen. Der Baron am Fenster.
+
+Baron.
+Karoline!
+
+Breme.
+Was ist das? (Er schiebt die Blendlaterne zu und hält Karoline fest,
+die aufstehen will.)
+
+Baron (wie oben).
+Karoline! Sind Sie nicht hier? (Er steigt herein.) Stille! Wo bin
+ich? Dass ich nicht fehlgehe. Gleich dem Fenster gegenüber ist des
+Vaters Schlafzimmer, und hier rechts an der Wand die Türe in der
+Mädchen Kammer. (Er tappt an der Seite hin und trifft die Tür.) Hier
+ist sie, nur angelehnt. O, wie gut sich der blinde Kupido im Dunkeln
+zu finden weiß! (Er geht hinein.)
+
+Breme.
+In die Falle! (Er schiebt die Blendlaterne auf, eilt nach der
+Kammertüre und stößt den Riegel vor.) So recht, und das Vorlegeschloss
+ist auch schon in Bereitschaft. (Er legt ein Schloss vor.) Und du,
+Nichtswürdige! So verrätst du mich?
+
+Karoline.
+Mein Vater!
+
+Breme.
+So heuchelst du mir Vertrauen vor?
+
+Baron (inwendig).
+Karoline! Was heißt das?
+
+Karoline.
+Ich bin das unglücklichste Mädchen unter der Sonne.
+
+Breme (laut an der Türe).
+Das heißt: Dass Sie hier schlafen werden, aber allein.
+
+Baron (inwendig).
+Nichtswürdiger! Machen Sie auf, Herr Breme, der Spaß wird Ihnen teuer
+zu stehen kommen.
+
+Breme (laut).
+Es ist mehr als Spaß, es ist bitterer Ernst.
+
+Karoline (an der Türe).
+Ich bin unschuldig an dem Verrat!
+
+Breme.
+Unschuldig? Verrat?
+
+Karoline (an der Türe kniend).
+O, wenn du sehen könntest, mein Geliebter, wie ich hier vor dieser
+Schwelle liege, wie ich untröstlich meine Hände ringe, wie ich meinen
+grausamen Vater bitte!--Machen Sie auf, mein Vater!--Er hört nicht, er
+sieht mich nicht an.--O, mein Geliebter, habe mich nicht im Verdacht,
+ich bin unschuldig!
+
+Breme.
+Du unschuldig? Niederträchtige feile Dirne! Schande deines Vaters!
+Ewiger schändender Flecken in dem Ehrenkleid, das er eben in diesem
+Augenblicke angezogen hat. Steh auf, hör' auf zu weinen, dass ich
+dich nicht an den Haaren von der Schwelle wegziehe, die du, ohne zu
+erröten, nicht wieder betreten solltest. Wie! In dem Augenblick, da
+Breme sich den größten Männern des Erdbodens gleichsetzt, erniedrigt
+sich seine Tochter so sehr!
+
+Karoline.
+Verstoßt mich nicht, verwerft mich nicht, mein Vater! Er tat mir die
+heiligsten Versprechungen.
+
+Breme.
+Rede mir nicht davon, ich bin außer mir. Was! Ein Mädchen, das sich
+wie eine Prinzessin, wie eine Königin aufführen sollte, vergisst sich
+so ganz und gar? Ich halte mich kaum, dass ich dich nicht mit Fäusten
+schlage, nicht mit Füßen trete. Hier hinein! (Er stößt sie in sein
+Schlafzimmer.) Dies französische Schloss wird dich wohl verwahren.
+Von welcher Wut fühl' ich mich hingerissen! Das wäre die rechte
+Stimmung, um die Glocke zu ziehen.--Doch nein, fasse dich, Breme!--
+Bedenke, dass die größten Menschen in ihrer Familie manchen Verdruss
+gehabt haben. Schäme dich nicht einer frechen Tochter und bedenke,
+dass Kaiser Augustus in ebendem Augenblick mit Verstand und Macht die
+Welt regierte, da er über die Vergehungen seiner Julie bittere Tränen
+vergoss. Schäme dich nicht, zu weinen, dass eine solche Tochter dich
+hintergangen hat; aber bedenke auch zugleich, dass der Endzweck
+erreicht ist, dass der Widersacher eingesperrt verzweifelt, und dass
+deiner Unternehmung ein glückliches Ende bevorsteht.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+(Saal im Schlosse, erleuchtet.)
+
+Friederike mit einer gezogenen Büchse. Jakob mit einer Flinte.
+
+Friederike.
+So ist's recht, Jakob, du bist ein braver Bursche. Wenn du mir die
+Flinte zurecht bringst, dass mir der Schulfuchs nicht gleich einfällt,
+wenn ich sie ansehe, sollst du ein gut Trinkgeld haben.
+
+Jakob.
+Ich nehme sie mit, gnädige Gräfin, und will mein Bestes tun. Ein
+Trinkgeld braucht's nicht, ich bin Ihr Diener für ewig.
+
+Friederike.
+Du willst in der Nacht noch fort? Es ist dunkle und regnicht; bleibe
+noch beim Jäger.
+
+Jakob.
+Ich weiß nicht, wie mir ist; es treibt mich etwas fort. Ich habe eine
+Art von Ahnung.
+
+Friederike.
+Du siehst doch sonst nicht Gespenster.
+
+Jakob.
+Es ist auch nicht Ahnung, es ist Vermutung. Mehrere Bauern sind beim
+Chirurgus in der Nacht zusammengekommen; sie hatten mich auch
+eingeladen, ich ging aber nicht hin; ich will keine Händel mit der
+gräflichen Familie. Und jetzt wollt' ich doch, ich wäre hingegangen,
+damit ich wüsste, was sie vorhaben.
+
+Friederike.
+Nun was wird's sein? Es ist die alte Prozessgeschichte.
+
+Jakob.
+Nein, nein, es ist mehr! Lassen Sie mir meine Grille; es ist für Sie,
+es ist für die Ihrigen, dass ich besorgt bin. (Ab.)
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+Friederike, nachher die Gräfin und der Hofrat.
+
+Friederike.
+Die Büchse ist noch, wie ich sie verlassen habe; die hat mir der Jäger
+recht gut versorgt. Ja, das ist auch ein Jäger, und über die geht
+nichts. Ich will sie gleich laden und morgen früh bei guter Tageszeit
+einen Hirsch schießen. (Sie beschäftigt sich an einem Tische, worauf
+ein Armleuchter steht, mit Pulverhorn, Lademaß, Pflaster, Kugel,
+Hammer und lädt die Büchse ganz langsam und methodisch.)
+
+Gräfin.
+Da hast du schon wieder das Pulverhorn beim Licht; wie leicht kann
+eine Schnuppe herunterfallen. Sei doch vernünftig, du kannst dich
+unglücklich machen!
+
+Friedericke.
+Lassen Sie mich, liebe Mutter, ich bin schon vorsichtig. Wer sich vor
+dem Pulver fürchtet, muss nicht mit Pulver umgehen.
+
+Gräfin.
+Sagen Sie mir, lieber Hofrat, ich habe es recht auf dem Herzen:
+Könnten wir nicht einen Schritt tun, wenigstens bis Sie zurückkommen?
+
+Hofrat.
+Ich verehre in Ihnen diese Heftigkeit, das Gute zu wirken und nicht
+einen Augenblick zu zaudern.
+
+Gräfin.
+Was ich einmal für Echt erkenne, möchte' ich auch gleich getan sehn.
+Das Leben ist so kurz, und das Gute wirkt so langsam.
+
+Hofrat.
+Wie meinen Sie denn?
+
+Gräfin.
+Sie sind moralisch überzeugt, dass der Amtmann in dem Kriege das
+Dokument beiseite gebracht hat--
+
+Friederike (heftig).
+Sind Sie's?
+
+Hofrat.
+Nach allen Anzeigen kann ich wohl sagen, es ist mehr als Vermutung.
+
+Gräfin.
+Sie glauben, dass er es noch zu irgendeiner Absicht verwahre?
+
+Friederike (wie oben).
+Glauben Sie?
+
+Hofrat.
+Bei der Verworrenheit seiner Rechnungen, bei der Unordnung des
+Archives, bei der ganzen Art, wie er diesen Rechtshandel benutzt hat,
+kann ich vermuten, dass er sich einen Rückzug vorbehält, dass er
+vielleicht, wenn man ihn von dieser Seite drängt, sich auf die andere
+zu retten und das Dokument dem Gegenteile für eine ansehnliche Summe
+zu verhandeln denkt.
+
+Gräfin.
+Wie wär' es, man suchte ihn durch Gewinst zu locken? Er wünscht,
+seinen Neffen substituiert zu haben; wie wär' es, wir versprächen
+diesem jungen Menschen eine Belohnung, wenn er zur Probe das Archiv in
+Ordnung brächte, besonders eine ansehnliche, wenn er das Dokument
+ausfindig machte? Man gäbe ihm Hoffnung zur Substitution. Sprechen
+Sie ihn noch, ehe Sie fortgehen; indes, bis Sie wiederkommen, richtet
+sich's ein.
+
+Hofrat.
+Es ist zu spät, der Mann ist gewiss schon zu Bette.
+
+Gräfin.
+Glauben Sie das nicht. So alt er ist, passt er Ihnen auf, bis Sie in
+den Wagen steigen. Er macht Ihnen noch in völliger Kleidung seinen
+Scharrfuss und versäumt gewiss nicht, sich Ihnen zu empfehlen. Lassen
+wir ihn rufen.
+
+Friederike.
+Lassen Sie ihn rufen, man muss doch sehen, wie er sich gebärdet.
+
+Hofrat.
+Ich bin's zufrieden.
+
+Friederike (klingelt und sagt zum Bedienten, der hereinkommt).
+Der Amtmann möchte doch noch einen Augenblick herüberkommen!
+
+Gräfin.
+Die Augenblicke sind kostbar. Wollen Sie nicht indes noch einen Blick
+auf die Papiere werfen, die sich auf diese Sache beziehen? (Zusammen
+ab.)
+
+
+
+Achter Auftritt
+Friederike allein, nachher der Amtmann.
+
+Friederike.
+Das will mir nicht gefallen. Sie sind überzeugt, dass er ein Schelm
+ist, und wollen ihm nicht zu Leibe. Sie sind überzeugt, dass er sie
+betrogen, ihnen geschadet hat, und wollen ihn belohnen. Das taugt nun
+ganz und gar nichts. Es wäre besser, dass man ein Exempel statuierte.
+--Da kommt er eben recht.
+
+Amtmann.
+Ich höre, dass des Herrn Hofrats Wohlgeboren noch vor ihrer Abreise
+mir etwas zu sagen haben. Ich komme, dessen Befehle zu vernehmen.
+
+Friederike (indem sie die Büchse nimmt).
+Verziehen Sie einen Augenblick, er wird gleich wieder hier sein. (Sie
+schüttet Pulver auf die Pfanne.)
+
+Amtmann.
+Was machen Sie da, gnädige Gräfin?
+
+Friederike.
+Ich habe die Büchse auf morgen früh geladen, da soll ein alter Hirsch
+fallen.
+
+Amtmann.
+Ei, ei! Schon heute geladen und Pulver auf die Pfanne, das ist
+verwegen! Wie leicht kann da ein Unglück geschehen.
+
+Friederike.
+Ei was! Ich bin gern fix und fertig. (Sie hebt das Gewehr auf und
+hält es, gleichsam zufällig, gegen ihn.)
+
+Amtmann.
+Ei, gnädige Gräfin, kein geladen Gewehr jemals auf einen Menschen
+halten! Da kann der Böse sein Spiel haben.
+
+Friederike (in de vorigen Stellung).
+Hören Sie, Herr Amtmann, ich muss Ihnen ein Wort im Vertrauen sagen:
+--Das Sie ein erzinfamer Spitzbube sind.
+
+Amtmann.
+Welche Ausdrücke, meine Gnädige!--Tun Sie die Büchse weg.
+
+Friedericke.
+Rühre dich nicht vom Platz, verdammter Kerl! Siehst du, ich spanne,
+siehst du, ich lege an! Du hast ein Dokument gestohlen--
+
+Amtmann.
+Ein Dokument? Ich weiß von keinem Dokumente.
+
+Friederike.
+Siehst du, ich steche, es geht alles in der Ordnung, und wenn du nicht
+auf der Stelle das Dokument herausgibst oder mir anzeigst, wo es sich
+befindet, oder was mit ihm vorgefallen, so rühr' ich diese kleine
+Nadel, und du bist auf der Stelle mausetot.
+
+Amtmann.
+Um Gottes willen!
+
+Friederike.
+Wo ist das Dokument?
+
+Amtmann.
+Ich weiß nicht--Tun Sie die Büchse weg--Sie könnten aus Versehen--
+
+Friederike (wie oben).
+Aus Versehen oder mit Willen bist du tot. Rede, wo ist das Dokument?
+
+Amtmann.
+Es ist--verschlossen.
+
+
+
+Neunter Auftritt
+Gräfin. Hofrat. Die Vorigen.
+
+Gräfin.
+Was gibt's hier?
+
+Hofrat.
+Was machen Sie?
+
+Friederike (immer zum Amtmann).
+Rühren Sie sich nicht, oder Sie sind des Todes! Wo verschlossen?
+
+Amtmann.
+In meinem Pulte.
+
+Friederike.
+Und in dem Pulte! Wo?
+
+Amtmann.
+Zwischen einem Doppelboden.
+
+Friederike.
+Wo ist der Schlüssel?
+
+Amtmann.
+In meiner Tasche.
+
+Friedericke.
+Und wie geht der doppelte Boden auf?
+
+Amtmann.
+Durch einen Druck an der rechten Seite.
+
+Friederike.
+Heraus den Schlüssel!
+
+Amtmann.
+Hier ist er.
+
+Friederike.
+Hingeworfen!
+
+Amtmann (wirft ihn auf die Erde).
+
+Friederike.
+Und die Stube?
+
+Amtmann.
+Ist offen.
+
+Friederike.
+Wer ist drinnen?
+
+Amtmann.
+Meine Magd und mein Schreiber.
+
+Friederike.
+Sie haben alles gehört, Herr Hofrat. Ich habe Ihnen ein umständliches
+Gespräch erspart. Nehmen Sie den Schlüssel, und holen Sie das
+Dokument. Bringen Sie es nicht zurück, so hat er gelogen, und ich
+schieße ihn darum tot.
+
+Hofrat.
+Lassen Sie ihn mitgehen; bedenken Sie, was Sie tun.
+
+Friederike.
+Ich weiß, was ich tue. Machen Sie mich nicht wild, und gehen Sie.
+(Hofrat ab.)
+
+Gräfin.
+Meine Tochter, du erschreckst mich. Tu das Gewehr weg!
+
+Friederike.
+Gewiss nicht eher, als bis ich das Dokument sehe.
+
+Gräfin.
+Hörst du nicht? Deine Mutter befiehlt's.
+
+Friederike.
+Und wenn mein Vater aus dem Grabe aufstünde, ich gehorchte nicht.
+
+Gräfin.
+Wenn es losginge!
+
+Friederike.
+Welch Unglück wäre das?
+
+Amtmann.
+Es würde Sie gereuen.
+
+Friederike.
+Gewiss nicht. Erinnerst du dich noch, Nichtswürdiger, als ich vorm
+Jahr im Zorn nach dem Jägerburschen schoss, der meinen Hund prügelte,
+erinnerst du dich noch, da ich ausgescholten wurde, und alle Menschen
+den glücklichen Zufall priesen, der mich hatte fehlen lassen, da warst
+du's allein, der hämisch lächelte und sagte: Was wär' es denn
+gewesen? Ein Kind aus einem vornehmen Hause! Das wäre mit Geld
+abzutun. Ich bin noch immer ein Kind, ich bin noch immer aus einem
+vornehmen Hause; so müsste das auch wohl mit Geld abzutun sein.
+
+Hofrat (kommt zurück).
+Hier ist das Dokument.
+
+Friederike.
+Ist es? (Sie bringt das Gewehr in Ruh.)
+
+Gräfin.
+Ist's möglich?
+
+Amtmann.
+O, ich Unglücklicher!
+
+Friederike.
+Geh! Elender! Dass deine Gegenwart meine Freude nicht vergälle!
+
+Hofrat.
+Es ist das Original.
+
+Friederike.
+Geben Sie mir's. Morgen will ich's den Gemeinden selbst zeigen und
+sagen, dass ich's ihnen erobert habe.
+
+Gräfin (sie umarmend).
+Meine Tochter.
+
+Friederike.
+Wenn mir der Spaß nur die Lust an der Jagd nicht verdirbt. Solch ein
+Wildpret schieß' ich nie wieder!
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug
+(Nacht, trüber Mondschein.)
+
+Das Theater stellt einen teil des Parks vor, der früher beschrieben
+worden. Raue steile Felsenbänke, auf denen ein verfallenes Schloss.
+Natur und Mauerwerk ineinander verschränkt. Die Ruine, sowie die
+Felsen mit Bäumen und Büschen bewachsen. Eine dunkle Kluft deutet auf
+Höhlen, wo nicht gar unterirdische Gänge.
+
+Frederike, Fackel tragend, die Büchse unterm Arm, Pistolen im Gürtel,
+tritt aus der Höhle, umherspürend. Ihr folgt die Gräfin, den Sohn an
+der Hand. Auch Luise. Sodann der Bediente, mit Kästchen beschwert.
+Man erfährt, dass von hier ein unterirdischer Gang zu den Gewölben des
+Schlosses reicht, dass man die Schlosspforten gegen die andringenden
+Bauern verriegelt, dass die Gräfin verlangt habe, man solle ihnen aus
+dem Fenster das Dokument ankündigen und zeigen und so alles beilegen.
+Friederike jedoch sei nicht zu bewegen gewesen, sich in irgendeine
+Kapitulation einzulassen, noch sich einer Gewalt, selbst nach eigenen
+Absichten, zu fügen. Sie habe vielmehr die Ihrigen zur Flucht
+genötigt, um auf diesem geheimen Wege ins Freie zu gelangen und den
+benachbarten Sitz eines Anverwandten zu erreichen. Eben will man sich
+auf den Weg machen, als man oben in der Ruine Licht sieht, ein
+Geräusch hört. Man zieht sich in die Höhle zurück.
+
+Herunter kommen Jakob, der Hofrat und eine Partei Bauern. Jakob hatte
+sie unterwegs angetroffen und sie zugunsten der Herrschaft zu bereden
+gesucht. Der Wagen des wegfahrenden Hofrats war unter sie gekommen.
+Dieser würdige Mann verbindet sich mit Jakob und kann das
+Hauptargument, dass der Originalrezess gefunden sei, allen übrigen
+Beweggründen hinzufügen. Die aufgeregte Schar wird beruhigt, ja sie
+entschließt sich, den Damen zu Hilfe zu kommen.
+
+Friederike, die gelauscht hat, nun von allem unterrichtet, tritt unter
+sie, dem Hofrat und dem jungen Landmann sehr willkommen, auch den
+übrigen durch die Vorzeigung des Dokuments höchst erwünscht.
+
+Eine früher ausgesendete Patrouille dieses Trupps kommt zurück und
+meldet, dass ein Teil der Aufgeregten vom Schlosse her im Anmarsche
+sei. Alles verbirgt sich, teils in die Höhle, teils in Felsen und
+Gemäuer.
+
+Breme mit einer Anzahl bewaffneter Bauern tritt auf, schilt auf den
+Magister, dass er außen geblieben, und erklärt die Ursache, warum er
+einen teil der Mannschaft in den Gewölben des Schlosses gelassen und
+mit dem andern sich hieher verfügt. Er weiß das Geheimnis des
+unterirdischen Ganges und ist überzeugt, dass die Familie sich darein
+versteckt, und dies gibt die Gewissheit, ihrer habhaft zu werden. Sie
+zünden Fackeln an und sind im Begriff, in die Höhle zu treten.
+Friederike, Jakob, der Hofrat erscheine in dem Augenblicke, bewaffnet,
+sowie die übrige Menge.
+
+Breme sucht der Sache eine Wendung durch Beispiele aus der alten
+Geschichte zu geben und tut sich auf seine Einfälle viel zugute, da
+man sie gelten lässt, und als nun das Dokument auch hier seine Wirkung
+nicht verfehlt, so schließt das Stück zu allgemeiner Zufriedenheit.
+Die vier Personen, deren Gegenwart einen unangenehmen Eindruck machen
+könnte: Karoline, der Baron, der Magister und der Amtmann, kommen
+nicht mehr zum Vorschein.
+
+
+Ende dieses Projekt Guetnberg Etextes Die Aufgeregten, von Johann
+Wolfgang von Goethe.
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AUFGEREGTEN***
+
+
+******* This file should be named 10428-8.txt or 10428-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+works. See paragraph 1.E below.
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+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year.
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+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
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+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
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+*** END: FULL LICENSE ***
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+The Project Gutenberg eBook, Die Aufgeregten, by Johann Wolfgang von Goethe
+
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
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+
+
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+Title: Die Aufgeregten
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+Author: Johann Wolfgang von Goethe
+
+Release Date: December 9, 2003 [eBook #10428]
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+Language: German
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+Character set encoding: ASCII
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+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AUFGEREGTEN***
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+E-text prepared by Andrew Sly
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+This Etext is in German.
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+This is the 7-bit version.
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+Die Aufgeregten
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+Politisches Drama in fuenf Aufzuegen
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+Johann Wolfgang von Goethe
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+Personen
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+Die Graefin.
+Friederike, ihre Tochter.
+Karl, ihr Soehnchen.
+Der Baron, ein Vetter.
+Der Hofrat.
+Breme von Bremenfeld, Chirurgus.
+Karoline, Bremens Tochter.
+Luise, Bremens Nichte.
+Der Magister, Hofmeister des jungen Grafen.
+Der Amtmann.
+Jakob, junger Landmann und Jaeger.
+Martin,
+Albert,
+Peter, Landleute.
+Georg, Bedienter der Graefin.
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+Erster Aufzug
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+Erster Auftritt
+(Ein gemeines Wohnzimmer, an der Wand zwei Bilder, eines buergerlichen
+Mannes und seiner Frau, in der Tracht, wie sie vor fuenfzig oder
+sechzig Jahren zu sein pflegte. Nacht.)
+
+Luise, an einem Tisch, worauf ein Licht steht, strickend. Karoline,
+in einem Grossvatersessel gegenueber, schlafend.
+
+Luise (einen eben vollendeten gestrickten Strumpf in die Hoehe haltend).
+Wieder ein Strumpf! Nun wollt' ich, der Onkel kaeme nach Hause; denn
+ich habe nicht Lust, einen andern anzufangen. (Sie steht auf und geht
+ans Fenster.) Er bleibt heut' ungewoehnlich lange weg, sonst kommt er
+doch gegen elf Uhr, und es ist jetzt schon Mitternacht. (Sie tritt
+wieder an den Tisch.) Was die franzoesische Revolution Gutes oder Boeses
+stiftet, kann ich nicht beurteilen; so viel weiss ich, dass sie mir
+diesen Winter einige Paar Struempfe mehr einbringt. Die Stunden, die
+ich jetzt wachen und warten muss, bis Herr Breme nach Hause kommt,
+haett' ich verschlafen, wie ich sie jetzt verstricke, und er
+verplaudert sie, wie er sie sonst verschlief.
+
+Karoline (im Schlaf redend).
+Nein, nein! Mein Vater!
+
+Luise (sich dem Sessel naehernd).
+Was gibt's, liebe Muhme?--Sie antwortet nicht!--Was nur dem guten
+Maedchen sein mag! Sie ist still und unruhig; des Nachts schlaeft sie
+nicht, und jetzt, da sie vor Muedigkeit eingeschlafen ist, spricht sie
+im Traum. Sollte meine Vermutung gegruendet sein? Sollte der Baron in
+diesen wenigen Tagen einen solchen Eindruck auf die gemacht haben, so
+schnell und so stark? (Hervortretend.) Wunderst du dich, Luise, und
+hast du nicht selbst erfahren, wie die Liebe wirkt, wie schnell und
+wie stark!
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Vorigen. Georg.
+
+Georg (heftig und aengstlich).
+Liebes Mamsellchen, geben Sie mir geschwinde, geschwinde--
+
+Luise.
+Was denn, Georg?
+
+Georg.
+Geben Sie mir die Flasche.
+
+Luise.
+Was fuer eine Flasche?
+
+Georg.
+Ihr Herr Onkel sagte, Sie sollen mir die Flasche geschwinde geben; sie
+steht in der Kammer, oben auf dem Brett rechter Hand.
+
+Luise.
+Da stehen viele Flaschen; was soll denn drinn sein?
+
+Georg.
+Spiritus.
+
+Luise.
+Es gib allerlei Spiritus; hat er sich nicht deutlicher erklaert? Wozu
+soll's denn?
+
+Georg.
+Er sagt' es wohl, ich war aber so erschrocken. Ach, der junge Herr--
+
+Karoline (die aus dem Schlaf auffaehrt).
+Was gibt's?--Der Baron?
+
+Luise.
+Der junge Graf?
+
+Georg.
+Leider, der junge Graf!
+
+Karoline.
+Was ist ihm begegnet?
+
+Georg.
+Geben Sie mir den Spiritus.
+
+Luise.
+Sage nur, was dem jungen Grafen begegnet ist, so weiss ich wohl, was
+der Onkel fuer eine Flasche braucht.
+
+Georg.
+Ach, das gute Kind! Was wird die Frau Graefin sagen, wenn sie morgen
+kommt! Wie wird sie uns ausschelten!
+
+Karoline.
+So red' Er doch!
+
+Georg.
+Er ist gefallen, mit dem Kopf vor eine Tischecke, das Gesicht ist ganz
+in Blut; wer weiss, ob nicht gar das Auge gelitten hat.
+
+Luise (indem sie einen Wachsstock anzuendet und in die Kammer geht).
+Nun weiss ich, was sie brauchen.
+
+Karoline.
+So spaet! Wie ging das zu?
+
+Georg.
+Liebes Mamsellchen, ich dachte lange, es wuerde nichts Gutes werden.
+Da sitzt Ihr Vater und der Hofmeister alle Abend beim alten Pfarrer
+und lesen die Zeitungen und Monatsschriften, und so disputieren sie
+und koennen nicht fertig werden, und das arme Kind muss dabei sitzen;
+da druckt sich's denn in eine Ecke, wenn's spaet wird, und schlaeft ein,
+und wenn sie aufbrechen, da taumelt das Kind schlaftrunken mit, und
+heute--nun sehen Sie--da schlaegt's eben zwoelfe--heute bleiben sie ueber
+alle Gebuehr aus, und ich sitze zu Hause und habe Licht brennen, und
+dabei stehen die andern Lichter fuer den Hofmeister und den jungen
+Herrn, und Ihr Vater und der Magister bleiben vor der Schlossbruecke
+stehen und koennen noch nicht fertig werden--
+
+Luise (kommt mit einem Glase zurueck).
+
+Georg (faehrt fort).
+Und das Kind kommt in den Saal getappt und ruft mich, und ich fahre
+auf und will die Lichter anzuenden, wie ich immer tue, und wie ich
+schlaftrunken bin, loesche ich das Licht aus. Indessen tappt das Kind
+die Treppe hinauf, und auf dem Vorsaal stehen die Stuehle und Tische,
+die wir morgen frueh in die Zimmer verteilen wollen; das Kind weiss es
+nicht, geht geradezu, stoesst sich, faellt, wir hoeren es schreien, ich
+mache Laerm, ich mache Licht, und wie wir hinaufkommen, liegt's da und
+weiss kaum von sich selbst. Das ganze Gesicht ist blutig. Wenn es ein
+Auge verloren hat, wenn es gefaehrlich wird, geh' ich morgen frueh auf
+und davon, eh' die Frau Graefin ankommt; mag's verantworten, wer will!
+
+Luise (die indessen einige Buendelchen Leinwand aus der Schublade
+genommen, gibt ihm die Flasche).
+Hier! Geschwind! Trage das hinueber und nimm die Laeppchen dazu, ich
+komme gleich selbst. Der Himmel verhuete, dass es so uebel sei!
+Geschwind, Georg, geschwind! (Georg ab.) Halte warmes Wasser bereit,
+wenn der Onkel nach Hause kommt und Kaffee verlangt. Ich will
+geschwind hinueber. Es waere entsetzlich, wenn wir unsere gute Graefin
+so empfangen muessten. Wie empfahl sie nicht dem Magister, wie empfahl
+sie nicht mir das Kind bei ihrer Abreise! Leider hab' ich sehen
+muessen, dass es die Zeit ueber sehr versaeumt worden ist. Dass man doch
+gewoehnlich seine naechste Pflicht versaeumt! (Ab.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Karoline. Hernach der Baron.
+
+Karoline (nachdem sie einige Mal nachdenkend auf und ab gegangen).
+Er verlaesst mich keinen Augenblick, auch im Traum selbst war er mir
+gegenwaertig. O, wenn ich glauben koennte, dass sein Herz, seine
+Absichten so redlich sind, als seine Blicke, sein Betragen reizend und
+einnehmend ist! Ach, und die Art, mit der er alles zu sagen weiss, wie
+edel er sich ausdrueckt! Man sage, was man will, welche Vorzuege gibt
+einem Menschen von edler Geburt eine standesmaessige Erziehung! Ach,
+dass ich doch seinesgleichen waere!
+
+Der Baron (an der Tuere).
+Sind Sie allein, beste Karoline?
+
+Karoline.
+Herr Baron, wo kommen Sie her? Entfernen Sie sich! Wenn mein Vater
+kaeme! Es ist nicht schoen, mich so zu ueberfallen.
+
+Baron.
+Die Liebe, die mich hieher fuehrt, wird auch mein Fuersprecher bei Ihnen
+sein, angebetete Karoline. (Er will sie umarmen.)
+
+Karoline.
+Zurueck, Herr Baron! Sie sind sehr verwegen. Wo kommen Sie her?
+
+Baron.
+Ein Geschrei weckt mich, ich springe herunter und finde, dass mein
+Neffe sich eine Brausche gefallen hat. Ich finde Ihren Vater um das
+Kind beschaeftigt, nun kommt auch Ihre Muhme, ich sehe, dass es keine
+Gefahr hat, es faellt mir ein: Karoline ist allein--und was kann mir
+bei jeder Gelegenheit anders einfallen als Karoline? Die Augenblicke
+sind kostbar, schoenes, angenehmes Kind! Gestehen Sie mir, sagen Sie
+mir, dass Sie mich lieben. (Will sie umarmen.)
+
+Karoline.
+Noch einmal, Herr Baron! Lassen Sie mich, und verlassen Sie dieses
+Haus!
+
+Baron.
+Sie haben versprochen, mich so bald als moeglich zu sehen, und wollen
+mich nun entfernen?
+
+Karoline.
+Ich habe versprochen, morgen frueh mit Sonnenaufgang in dem Garten zu
+sein, mit Ihnen spazieren zu gehen, mich Ihrer Gesellschaft zu freuen.
+Hieher hab' ich Sie nicht eingeladen.
+
+Baron.
+Aber die Gelegenheit--
+
+Karoline.
+Hab' ich nicht gemacht.
+
+Baron.
+Aber ich benutze sie; koennen Sie mir es verdenken?
+
+Karoline.
+Ich weiss nicht, was ich von Ihnen denken soll.
+
+Baron.
+Auch Sie--lassen Sie es mich frei gestehen--auch Sie erkenne ich nicht.
+
+
+Karoline.
+Und worin bin ich mir denn so unaehnlich?
+
+Baron.
+Koennen Sie noch fragen?
+
+Karoline.
+Ich muss wohl, ich begreife Sie nicht.
+
+Baron.
+Ich soll reden?
+
+Karoline.
+Wenn ich Sie verstehen soll.
+
+Baron.
+Nun gut. Haben Sie nicht seit den drei Tagen, die ich Sie kenne, jede
+Gelegenheit gesucht, mich zu sehen, und zu sprechen?
+
+Karoline.
+Ich leugne es nicht.
+
+Baron.
+Haben Sie mir nicht, sooft ich Sie ansah, mit Blicken geantwortet?
+Und mit was fuer Blicken!
+
+Karoline (verlegen).
+Ich kann meine eignen Blicke nicht sehen.
+
+Baron.
+Aber fuehlen, was sie bedeuten.--Haben Sie mir, wenn ich Ihnen im Tanze
+die Hand drueckte, die Hand nicht wieder gedrueckt?
+
+Karoline.
+Ich erinnere mich's nicht.
+
+Baron.
+Sie haben ein kurzes Gedaechtnis, Karoline. Als wir unter der Linde
+drehten, und ich Sie zaertlich an mich schloss, damals stiess mich
+Karoline nicht zurueck.
+
+Karoline.
+Herr Baron, Sie haben sich falsch ausgelegt, was ein gutherziges,
+unerfahrnes Maedchen--
+
+Baron.
+Liebst du mich?
+
+Karoline.
+Noch einmal, verlassen Sie mich! Morgen fruehe--
+
+Baron.
+Werde ich ausschlafen.
+
+Karoline.
+Ich werde Ihnen sagen--
+
+Baron.
+Ich werde nichts hoeren.
+
+Karoline.
+So verlassen Sie mich.
+
+Baron (sich entfernend).
+O, es ist mir leid, dass ich gekommen bin.
+
+Karoline (allein, nach einer Bewegung, als wenn sie ihn aufhalten
+wollte).
+Er geht, ich muss ihn fortschicken, ich darf ihn nicht halten. Ich
+liebe ihn und muss ihn verscheuchen. Ich war unvorsichtig und bin
+ungluecklich. Weg sind meine Hoffnungen auf den schoenen Morgen, weg
+die goldnen Traeume, die ich zu naehren wagte. O, wie wenig Zeit
+braucht es, unser ganzes Schicksal umzukehren!
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Karoline. Breme.
+
+Karoline.
+Lieber Vater, wie geht's? Was macht der junge Graf?
+
+Breme.
+Es ist eine starke Kontusion; doch ich hoffe, die Laesion soll nicht
+gefaehrlich sein. Ich werde eine vortreffliche Kur machen, und der
+Herr Graf wird sich kuenftig, sooft er sich im Spiegel besieht, bei der
+Schmarre mit Achtung seines geschickten Chirurgi, seines Breme von
+Bremenfeld erinnern.
+
+Karoline.
+Die arme Graefin! Wenn sie nur nicht schon morgen kaeme.
+
+Breme.
+Desto besser! Und wenn sie den uebeln Zustand des Patienten mit Augen
+sieht, wird sie, wenn die Kur vollbracht ist, desto mehr Ehrfurcht fuer
+meine Kunst empfinden. Standespersonen muessen auch wissen, dass sie
+und ihre Kinder Menschen sind; man kann sie nicht genug empfinden
+machen, wie verehrungswuerdig ein Mann ist, der ihnen in ihren Noeten
+beisteht, denen sie wie alle Kinder Adams unterworfen sind, besonders
+ein Chirurgus. Ich sage dir, mein Kind, ein Chirurgus ist der
+verehrungswuerdigste Mann auf dem ganzen Erdboden. Der Theolog befreit
+dich von der Suende, die er selbst erfunden hat; der Jurist gewinnt dir
+deinen Prozess und bringt deinen Gegner, der gleiches Recht hat, an
+den Bettelstab; der Medikus kuriert dir eine Krankheit weg, die andere
+herbei, und du kannst nie recht wissen, ob er dir genutzt oder
+geschadet hat: Der Chirurgus aber befreit dich von einem reellen Uebel,
+das du dir selbst zugezogen hast, oder das dir zufaellig und
+unverschuldet ueber den Hals kommt; er nutzt dir, schadet keinem
+Menschen, und du kannst dich unwidersprechlich ueberzeugen, dass seine
+Kur gelungen ist.
+
+Karoline.
+Freilich auch, wenn sie nicht gelungen ist.
+
+Breme.
+Das lehrt dich den Pfuscher vom Meister unterscheiden. Freue dich,
+meine Tochter, dass du einen solchen Meister zum Vater hast: Fuer ein
+wohl denkendes Kind ist nichts ergoetzlicher, als sich seiner Eltern
+und Grosseltern zu freuen.
+
+Karoline (sie nachahmend).
+Das tu' ich, mein Vater.
+
+Breme (sie nachahmend).
+Das tust du, mein Toechterchen, mit einem betruebten Gesichtchen und
+weinerlichen Tone.--Das soll doch wohl keine Freude vorstellen?
+
+Karoline.
+Ach, mein Vater!
+
+Breme.
+Was hast du, mein Kind?
+
+Karoline.
+Ich muss es Ihnen gleich sagen.
+
+Breme.
+Was hast du?
+
+Karoline.
+Sie wissen, der Baron hat diese Tage her sehr freundlich, sehr
+zaertlich mit mir getan; ich sagt' es Ihnen gleich und fragte Sie um
+Rat.
+
+Breme.
+Du bist ein vortreffliches Maedchen! Wert, als eine Prinzessin, eine
+Koenigin aufzutreten.
+
+Karoline.
+Sie rieten mir, auf meiner Hut zu sein, auf mich wohl Acht zu haben,
+aber auch auf ihn; mir nichts zu vergeben, aber auch ein Glueck, wenn
+es mich aufsuchen sollte, nicht von mir zu stossen. Ich habe mich
+gegen ihn betragen, dass ich mir keine Vorwuerfe zu machen habe; aber
+er--
+
+Breme.
+Rede, mein Kind, rede!
+
+Karoline.
+O, es ist abscheulich. Wie frech, wie verwegen!--
+
+Breme.
+Wie? (Nach einer Pause.) Sage mir nichts, meine Tochter, du kennst
+mich, ich bin eines hitzigen Temperaments, ein alter Soldat; ich wuerde
+mich nicht fassen koennen, ich wuerde einen tollen Streich machen.
+
+Karoline.
+Sie koennen es hoeren, mein Vater, ohne zu zuernen; ich darf es sagen,
+ohne rot zu werden. Er hat meine Freundlichkeit uebel ausgelegt, er
+hat sich in Ihrer Abwesenheit, nachdem Luise auf das Schloss geeilt
+war, hier ins Haus geschlichen. Er war verwegen, aber ich wies ihn
+zurechte. Ich trieb ihn fort, und ich darf wohl sagen: Seit diesem
+Augenblick haben sich meine Gesinnungen gegen ihn geaendert. Er schien
+mir liebenswuerdig, als er gut war, als ich glauben konnte, dass er es
+gut mit mir meine; jetzt kommt er mir vor: Schlimmer als jeder andere.
+Ich werde Ihnen alles, wie bisher, erzaehlen, alles gestehen und mich
+Ihrem Rat ganz allein ueberlassen.
+
+Breme.
+Welch ein Maedchen! Welch ein vortreffliches Maedchen! O, ich
+beneidenswerter Vater! Wartet nur, Herr Baron, wartet nur! Die Hunde
+werden von der Kette loskommen und den Fuechsen den Weg zum
+Taubenschlag verrennen. Ich will nicht Breme heissen, nicht den Namen
+Bremenfeld verdienen, wenn in kurzem nicht alles anders werden soll.
+
+Karoline.
+Erzuernt Euch nicht, mein Vater!
+
+Breme.
+Du gibst mir ein neues Leben, meine Tochter; ja, fahre fort, deinen
+Stand durch deine Tugend zu zieren, gleiche in allem deiner
+vortrefflichen Urgrossmutter, der seligen Burgemeisterin von Bremenfeld.
+Diese wuerdige Frau war durch Sittsamkeit die Ehre ihres Geschlechts
+und durch Verstand die Stuetze ihres Gemahls. Betrachte dieses Bild
+jeden Tag, jede Stunde, ahme sie nach und werde verehrungswuerdig wie
+sie! (Karoline sieht das Bild an und lacht.) Was lachst du, meine
+Tochter?
+
+Karoline.
+Ich will meiner Urgrossmutter gern in allem Guten folgen, wenn ich mich
+nur nicht anziehen soll wie sie. Ha, ha, ha! Sehn Sie nur, so oft ich
+das Bild ansehe, muss ich lachen, ob ich es gleich alle Tage vor Augen
+habe, ha, ha, ha! Sehn Sie nur das Haeubchen, dass wie
+Fledermausfluegel vom Kopf los steht.
+
+Breme.
+Nun, nun! Zu ihrer Zeit lachte niemand darueber, und wer weiss, wer
+ueber euch kuenftig lacht, wenn er euch gemalt sieht; denn ihr seid sehr
+selten angezogen und aufgeputzt, dass ich sagen moechte, ob du gleich
+meine huebsche Tochter bist: Sie gefaellt mir! Gleiche dieser
+vortrefflichen Frau an Tugenden und kleide dich mit besserm Geschmack,
+so hab' ich nichts dagegen, vorausgesetzt, dass, wie sie sagen, der
+gute Geschmack nicht teurer ist als der schlechte. Uebrigens daecht'
+ich, du gingst zu Bette; denn es ist spaet.
+
+Karoline.
+Wollen Sie nicht noch Kaffee trinken? Das Wasser siedet, er ist
+gleich gemacht.
+
+Breme.
+Setze nur alles zurechte, schuette den gemahlenen Kaffee in die Kanne,
+das heisse Wasser will ich selbst darueber giessen.
+
+Karoline.
+Gute Nacht, mein Vater! (Geht ab.)
+
+Breme.
+Schlaf wohl, mein Kind.
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+Breme allein.
+
+Dass auch das Unglueck just diese Nacht geschehen musste! Ich hatte
+alles klueglich eingerichtet, meine Einteilung der Zeit als ein echter
+Praktikus gemacht. Bis gegen Mitternacht hatten wir zusammen
+geschwatzt, da war alles ruhig; nachher wollte ich meine Tasse Kaffee
+trinken, meine bestellten Freunde sollten kommen zu der
+geheimnisvollen Ueberlegung. Nun hat's der Henker! Alles ist in
+Unruhe. Sie wachen im Schloss, dem Kinde Umschlaege aufzulegen. Wer
+weiss, wo sich der Baron herumdrueckt, um meiner Tochter aufzupassen.
+Beim Amtmann seh' ich Licht, bei dem verwuenschten Kerl, den ich am
+meisten scheue. Wenn wir entdeckt werden, so kann der groesste,
+schoenste, erhabenste Gedanke, der auf mein ganzes Vaterland Einfluss
+haben soll, in der Geburt erstickt werden. (Er geht ans Fenster.) Ich
+hoere jemand kommen; die Wuerfel sind geworfen, wir muessen nun die
+Steine setzen; ein alter Soldat darf sich vor nichts fuerchten. Bin
+ich denn nicht bei dem grossen unueberwindlichen Fritz in die Schule
+gegangen?
+
+
+
+Sechster Auftritt
+Breme. Martin.
+
+Breme.
+Seid Ihr's, Gevatter Martin?
+
+Martin.
+Ja, lieber Gevatter Breme, das bin ich. Ich habe mich ganz stille
+aufgemacht, wie die Glocke zwoelfe schlug, und bin hergekommen; aber
+ich habe noch Laerm gehoert und hin und wider gehen, und da bin ich im
+Garten einige Mal auf und ab geschlichen, bis alles ruhig war. Sagt
+mir nur, was Ihr wollt, Gevatter Breme, dass wir so spaet bei Euch
+zusammenkommen, in der Nacht; koennten wir's denn nicht bei Tage
+abmachen?
+
+Breme.
+Ihr sollt alles erfahren, nur muesst Ihr Geduld haben, bis die andern
+alle beisammen sind.
+
+Martin.
+Wer soll denn noch alles kommen?
+
+Breme.
+Alle unsere guten Freunde, alle vernuenftigen Leute. Ausser Euch, der
+Ihr Schulze von dem Ort hier seid, kommt noch Peter, der Schulze von
+Rosenhahn, und Albert, der Schulze von Wiesengruben; ich hoffe, auch
+Jakob wird kommen, der das huebsche Freigut besitzt. Dann sind recht
+ordentliche und vernuenftige Leute beisammen, die schon was ausmachen
+koennen.
+
+Martin.
+Gevatter Breme, Ihr seid ein wunderlicher Mann; es ist Euch alles eins,
+Nacht und Tag, Tag und Nacht, Sommer und Winter.
+
+Breme.
+Ja, wenn das auch nicht so waere, koennte nichts Rechts werden. Wachen
+oder Schlafen, das ist mir auch ganz gleich. Es war nach der Schlacht
+bei Leuthen, wo unsere Lazarette sich in schlechtem Zustande befanden
+und sich wahrhaftig noch in schlechterem Zustande befunden haetten,
+waere Breme nicht damals ein junger ruestiger Bursche gewesen. Da lagen
+viele Blessierte, viele Kranke, und alle Feldscherer waren alt und
+verdrossen, aber Breme ein junger tuechtiger Kerl, Tag und Nacht parat.
+Ich sag' Euch, Gevatter, dass ich acht Naechte nacheinander weg
+gewacht und am Tage nicht geschlafen habe. Das merkte sich aber auch
+der alte Fritz, der alles wusste, was er wissen wollte. Hoere Er,
+Breme, sagte er einmal, als er in eigner Person das Lazarett
+visitierte, hoere Er, Breme, man sagt, dass Er an der Schlaflosigkeit
+krank liege.--Ich merkte, wo das hinaus wollte; denn die andern
+stunden alle dabei; ich fasste mich und sagte: Ihro Majestaet, das ist
+eine Krankheit, wie ich sie allen Ihren Dienern wuensche, und da sie
+keine Mattigkeit zuruecklaesst, und ich den Tag auch noch brauchbar bin,
+so hoffe ich, dass Seine Majestaet deswegen keine Ungnade auf mich
+werfen werden.
+
+Martin.
+Ei, ei! Wie nahm denn das der Koenig auf?
+
+Breme.
+Er sah ganz ernsthaft aus, aber ich sah ihm wohl an, dass es ihm wohl
+gefiel. Breme, sagte er, womit vertreibt Er sich denn die Zeit?
+Da fasst' ich mir wieder ein Herz und sagte: Ich denke an das, was
+Ihro Majestaet getan haben und noch tun werden, und da koennt' ich
+Methusalems Jahre erreichen und immer fort wachen und koennt's doch
+nicht ausdenken. Da tat er, als hoert' er's nicht, und ging vorbei.
+Nun war's wohl acht Jahre darnach, da fasst' er mich bei der Revue
+wieder ins Auge. Wacht Er noch immer, Breme? reif er. Ihro
+Majestaet, versetzt' ich, lassen einem ja im Frieden so wenig Ruh
+als im Kriege. Sie tun immer so grosse Sachen, dass sich ein
+gescheiter Kerl daran zuschanden denkt.
+
+Martin.
+So habt Ihr mit dem Koenig gesprochen, Gevatter? Durfte man so mit ihm
+reden?
+
+Breme.
+Freilich durfte man so und noch ganz anders; denn er wusste alles
+besser. Es war ihm einer wie der andere, und der Bauer lag ihm am
+mehrsten am Herzen. Ich weiss wohl, sagte er zu seinen Ministern,
+wenn sie ihm das und jenes einreden wollten, die Reichen haben viele
+Advokaten, aber die Duerftigen haben nur einen, und das bin ich.
+
+Martin.
+Wenn ich ihn doch nur auch gesehen haette!
+
+Breme.
+Stille, ich hoere was! Es werden unsere Freunde sein. Sieh da! Peter
+und Albert.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+Peter. Albert. Die Vorigen.
+
+Breme.
+Willkommen!--Ist Jakob nicht bei euch?
+
+Peter.
+Wir haben uns bei den drei Linden bestellt; aber er blieb uns zu lang
+aus, nun sind wir allein da.
+
+Albert.
+Was habt Ihr uns Neues zu sagen, Meister Breme? Ist was von Wetzlar
+gekommen, geht der Prozess vorwaerts?
+
+Breme.
+Eben weil nichts gekommen ist, und weil, wenn was gekommen waere, es
+auch nicht viel heissen wuerde, so wollt' ich euch eben einmal meine
+Gedanken sagen: Denn ihr wisst wohl, ich nehme mich der Sachen aller,
+aber nicht oeffentlich, an, bis jetzt nicht oeffentlich; denn ich darf's
+mit der gnaedigen Herrschaft nicht ganz verderben.
+
+Peter.
+Ja, wir verduerben's auch nicht gern mit ihr, wenn sie's nur halbweg
+leidlich machte.
+
+Breme.
+Ich wollte euch sagen--wenn nur Jakob da waere, dass wir alle zusammen
+waeren, und dass ich nichts wiederholen muesste, und wir einig wuerden.
+
+Albert.
+Jakob? Es ist fast besser, dass er nicht dabei ist. Ich traue ihm
+nicht recht; er hat das Freiguetchen, und wenn er auch wegen der Zinsen
+mit uns gleiches Interesse hat, so geht ihn doch die Strasse nichts an,
+und er hat sich im ganzen Prozess gar zu laessig bewiesen.
+
+Breme.
+Nun, so lasst's gut sein. Setzt euch und hoert mich an. (Sie setzen
+sich.)
+
+Martin.
+Ich bin recht neugierig, zu hoeren.
+
+Breme.
+Ihr wisst, dass die Gemeinden schon vierzig Jahre lang mit der
+Herrschaft einen Prozess fuehren, der auf langen Umwegen endlich nach
+Wetzlar gelangt ist und von dort den Weg nicht zurueckfinden kann. Der
+Gutsherr verlangt Fronen und andere Dienste, die ihr verweigert, und
+mit Recht verweigert; denn es ist ein Rezess geschlossen worden mit
+dem Grossvater unsers jungen Grafen--Gott erhalt' ihn!--Der sich diese
+Nacht eine erschreckliche Brausche gefallen hat.
+
+Martin.
+Eine Brausche?
+
+Peter.
+Gerade diese Nacht?
+
+Albert.
+Wie ist das zugegangen?
+
+Martin.
+Das arme liebe Kind!
+
+Breme.
+Das will ich euch nachher erzaehlen. Nun hoert mich weiter an. Nach
+diesem geschlossenen Rezess ueberliessen die Gemeinden an die Herrschaft
+ein paar Fleckchen Holz, einige Wiesen, einige Triften und sonst noch
+Kleinigkeiten, die euch von keiner Bedeutung waren und der Herrschaft
+viel nutzten; denn man sieht, der alte Graf war ein kluger Herr, aber
+auch ein guter Herr. Leben und leben lassen, war sein Spruch. Er
+erliess den Gemeinden dagegen einige zu entbehrende Fronen und--
+
+Albert.
+Und das sind die, die wir noch immer leisten muessen.
+
+Breme.
+Und machte ihnen einige Konvenienzen--
+
+Martin.
+Die wir noch nicht geniessen.
+
+Breme.
+Richtig, weil der Graf starb, die Herrschaft sich in Besitz dessen
+setzte, was ihr zugestanden war, der Krieg einfiel, und die Untertanen
+noch mehr tun mussten, als sie vorher getan hatten.
+
+Peter.
+Es ist akkurat so; so hab' ich's mehr als einmal aus des Advokaten
+Munde gehoert.
+
+Breme.
+Und ich weiss es besser als der Advokat, denn ich sehe weiter. Der
+Sohn des Grafen, der verstorbene gnaedige Herr, wurde eben um die Zeit
+volljaehrig. Das war, bei Gott! Ein wilder boeser Teufel, der wollte
+nichts herausgeben und misshandelte euch ganz erbaermlich. Er war im
+Besitz, der Rezess war fort und nirgends zu finden.
+
+Albert.
+Waere nicht noch die Abschrift da, die unser verstorbener Pfarrer
+gemacht hat, wir wuessten kaum etwas davon.
+
+Breme.
+Diese Abschrift ist euer Glueck und euer Unglueck. Diese Abschrift gilt
+alles vor jedem billigen Menschen, vor Gericht gilt sie nichts.
+Haettet ihr diese Abschrift nicht, so waeret ihr ungewiss in dieser
+Sache. Haette man diese Abschrift der Herrschaft nicht vorgelegt, so
+wuesste man nicht, wie ungerecht sie denkt.
+
+Martin.
+Da muesst Ihr auch wieder billig sein. Die Graefin leugnet nicht, dass
+vieles fuer uns spricht; nur weigert sie sich, den Vergleich einzugehen,
+weil sie, in Vormundschaft ihres Sohnes, sich nicht getraut, so etwas
+abzuschliessen.
+
+Albert.
+In Vormundschaft ihres Sohnes! Hat sie nicht den neuen Schlossfluegel
+bauen lassen, den er vielleicht sein Lebtage nicht bewohnt; denn er
+ist nicht gern in dieser Gegend.
+
+Peter.
+Und besonders, da er nun eine Brausche gefallen hat.
+
+Albert.
+Hat sie nicht den grossen Garten und die Wasserfaelle anlegen lassen,
+worueber ein paar Muehlen haben muessen weggekauft werden? Das getraut
+sie sich alles in Vormundschaft zu tun, aber das Rechte, das Billige,
+das getraut sie sich nicht.
+
+Breme.
+Albert, du bist ein wackerer Mann; so hoer' ich gern reden, und ich
+gestehe wohl, wenn ich von unserer gnaedigen Graefin manches Gute
+geniesse und deshalb mich fuer ihren untertaenigen Diener bekenne, so
+moecht' ich doch auch darin meinen Koenig nachahmen und euer Sachwalter
+sein.
+
+Peter.
+Das waere recht schoen. Macht nur, dass unser Prozess bald aus wird!
+
+Breme.
+Das kann ich nicht, das muesst ihr.
+
+Peter.
+Wie waere denn das anzugreifen?
+
+Breme.
+Ihr guten Leute wisst nicht, dass alles in der Welt vorwaerts geht,
+dass heute moeglich ist, was vor zehn Jahren nicht moeglich war. Ihr
+wisst nicht, was jetzt alles unternommen, was alles ausgefuehrt wird.
+
+Martin.
+O ja, wir wissen, dass in Frankreich jetzt wunderliches Zeug geschieht.
+
+Peter.
+Wunderliches und Abscheuliches!
+
+Albert.
+Wunderliches und Gutes.
+
+Breme.
+So recht, Albert, man muss das Beste waehlen! Da sag' ich nun: Was
+man in Guete nicht haben kann, soll man mit Gewalt nehmen.
+
+Martin.
+Sollte das gerade das beste sein?
+
+Albert.
+Ohne Zweifel.
+
+Peter.
+Ich daechte nicht.
+
+Breme.
+Ich muss euch sagen, Kinder: Jetzt oder niemals!
+
+Albert.
+Da duerft Ihr uns in Wiesengruben nicht viel vorschwatzen; dazu sind
+wir fix und fertig. Unsere Leute wollten laengst rebellern; ich habe
+nur immer abgewehrt, weil mir Herr Breme immer sagte, es sei noch
+nicht Zeit, und das ist ein gescheiter Mann, auf den ich Vertrauen
+habe.
+
+Breme.
+Gratias, Gevatter, und ich sage euch: Jetzt ist es Zeit.
+
+Albert.
+Ich glaub's auch.
+
+Peter.
+Nehmt mir's nicht uebel, das kann ich nicht einsehen; denn, wenn's gut
+Aderlassen ist, gut Purgieren, gut Schroepfen, das steht im Kalender,
+und darnach weiss ich mich zu richten; aber wenn's just gut Rebellern
+sei, das, glaub' ich, ist viel schwerer zu sagen.
+
+Breme.
+Das muss unsereiner verstehen.
+
+Albert.
+Freilich versteht Ihr's.
+
+Peter.
+Aber sagt mir nur, woher's eigentlich kommt, dass Ihr's besser
+versteht als andere gescheite Leute?
+
+Breme (gravitaetisch).
+Erstlich, mein Freund, weil schon vom Grossvater an meine Familie die
+groessten politischen Einsichten erwiesen. Hier dieses Bildnis zeigt
+euch meinen Grossvater Hermann Breme von Bremenfeld, der, wegen grosser
+und vorzueglicher verdienste zum Buergermeister seiner Vaterstadt
+erhoben, ihr die groessten und wichtigsten Dienste geleistet hat. Dort
+schwebt sein Andenken noch in Ehren und Segen, wenngleich boshafte,
+pasquillantische Schauspieldichter seine grossen Talente und gewisse
+Eigenheiten, die er an sich haben mochte, nicht sehr glimpflich
+behandelten. Seine tiefe Einsicht in die ganze politische und
+militaerische Lage von Europa wird ihm selbst von seinen Feinden nicht
+abgesprochen.
+
+Peter.
+Es war ein huebscher Mann, er sieht recht wohlgenaehrt aus.
+
+Breme.
+Freilich genoss er ruhigere Tage als sein Enkel.
+
+Martin.
+Habt Ihr nicht auch das Bildnis Eures Vaters?
+
+Breme.
+Leider, nein! Doch muss ich euch sagen: Die Natur, indem sie meinen
+Vater Jost Breme von Bremenfeld hervorbrachte, hielt ihre Kraefte
+zusammen, um euren Freund mit solchen Gaben auszuruesten, durch die er
+euch nuetzlich zu werden wuenscht. Doch behuete der Himmel, dass ich
+mich ueber meine Vorfahren erheben sollte; es wird uns jetzt viel
+leichter gemacht, und wir koennen mit geringern natuerlichen Vorzuegen
+eine grosse Rolle spielen.
+
+Martin.
+Nicht zu bescheiden, Gevatter!
+
+Breme.
+Es ist lautre Wahrheit. Sind nicht jetzt der Zeitungen, der
+Monatsschriften, der fliegenden Blaetter so viel, aus denen wir uns
+unterrichten, an denen wir unsern Verstand ueben koennen! Haette mein
+seliger Grossvater nur den tausendsten Teil dieser Hilfsmittel gehabt,
+er waere ein ganz anderer Mann geworden. Doch, Kinder, was rede ich
+von mir! Die Zeit vergeht, und ich fuerchte, der Tag bricht an. Der
+Hahn macht uns aufmerksam, dass wir uns kurz fassen sollen. Habt ihr
+Mut?
+
+Albert.
+An mir und den Meinigen soll's nicht fehlen.
+
+Peter.
+Unter den Meinigen findet sich wohl einer, der sich an die Spitze
+stellt; ich verbitte mir den Auftrag.
+
+Martin.
+Seit den paar letzten Predigten, die der Magister hielt, weil der alte
+Pfarrer so krank liegt, ist das ganze grosse Dorf hier in Bewegung.
+
+Breme.
+Gut! So kann was werden. Ich habe ausgerechnet, dass wir ueber
+sechshundert Mann stellen koennen. Wollt ihr, so ist in der naechsten
+Nacht alles getan.
+
+Martin.
+In der naechsten Nacht?
+
+Breme.
+Es soll nicht wieder Mitternacht werden, und ihr sollt wieder haben
+alles, was euch gebuehrt, und mehr dazu.
+
+Peter.
+So geschwind? Wie waere das moeglich?
+
+Albert.
+Geschwind oder gar nicht.
+
+Breme.
+Die Graefin kommt heute an, sie darf sich kaum besinnen. Rueckt nur bei
+einbrechender Nacht vor das Schloss und fordert eure Rechte, fordert
+eine neue Ausfertigung des alten Reverses, macht euch noch einige
+kleine Bedingungen, die ich euch schon angeben will, lasst sie
+unterschreiben, lasst sie schwoeren, und so ist alles getan.
+
+Peter.
+Vor einer solchen Gewalttaetigkeit zittern mir Arm' und Beine.
+
+Albert.
+Narr! Wer Gewalt braucht, darf nicht zittern.
+
+Martin.
+Wie leicht koennen sie uns aber ein Regiment Dragoner ueber den Hals
+ziehen. So arg duerfen wir's doch nicht machen. Das Militaer, der
+Fuerst, die Regierung wuerden uns schoen zusammenarbeiten.
+
+Breme.
+Gerade umgekehrt. Das ist's eben, worauf ich fusse. Der Fuerst ist
+unterrichtet, wie sehr das Volk bedruckt sei. Er hat sich ueber die
+Unbilligkeit des Adels, ueber die Langweiligkeit der Prozesse, ueber die
+Schikane der Gerichtshalter und Advokaten oft genug deutlich und stark
+erklaert, so dass man voraussetzen kann: Er wird nicht zurueck, wenn man
+sich Recht verschafft, da er es selbst zu tun gehindert ist.
+
+Peter.
+Sollte das gewiss sein?
+
+Albert.
+Es wird im ganzen Lande davon gesprochen.
+
+Peter.
+Da waere noch allenfalls was zu wagen.
+
+Breme.
+Wie ihr zu Werke gehen muesst, wie vor allen Dingen der abscheuliche
+Gerichtshalter beiseite muss, und auf wen noch mehr genau zu sehen ist,
+das sollt ihr alles noch vor Abend erfahren. Bereitet eure Sachen
+vor, regt eure Leute an und seid mir um Sechse beim Herrenbrunnen.
+Dass Jakob nicht kommt, macht ihn verdaechtig; ja, es ist besser, dass
+er nicht gekommen ist. Gebt auf ihn acht, dass er uns wenigstens
+nicht schade; an dem Vorteil, den wir uns erwerben, wird er schon
+teilnehmen wollen. Es wird Tag; lebt wohl und bedenkt nur, dass, was
+geschehen soll, schon geschehen ist. Die Graefin kommt eben erst von
+Paris zurueck, wo sie das alles gesehn und gehoert hat, was wir mit so
+vieler Verwunderung lesen; vielleicht bringt sie schon selbst mildere
+Gesinnungen mit, wenn sie gelernt hat, was Menschen, die zu sehr
+gedruckt werden, endlich fuer ihre Rechte tun koennen und muessen.
+
+Martin.
+Lebt wohl, Gevatter, lebt wohl! Punkt Sechse bin ich am Herrenbrunnen.
+
+
+Albert.
+Ihr seid ein tuechtiger Mann! Lebt wohl.
+
+Peter.
+Ich will Euch recht loben, wenn's gut ablaeuft.
+
+Martin.
+Wir wissen nicht, wie wir's Euch danken sollen.
+
+Breme (mit Wuerde).
+Ihr habt Gelegenheit genug, mich zu verbinden. Das kleine Kapital zum
+Exempel von zweihundert Talern, das ich der Kirche schuldig bin,
+erlasst ihr mir ja wohl.
+
+Martin.
+Das soll uns nicht reuen.
+
+Albert.
+Unsere Gemeine ist wohlhabend und wird auch gern was fuer Euch tun.
+
+Breme.
+Das wird sich finden. Das schoene Fleck, das Gemeindegut war und das
+der Gerichtshalter zum Garten einzaeunen und umarbeiten lassen, das
+nehmt ihr wieder in Besitz und ueberlasst mir's.
+
+Albert.
+Das wollen wir nicht ansehen, das ist schon verschmerzt.
+
+Peter.
+Wir wollen auch nicht zurueckbleiben.
+
+Breme.
+Ihr habt selbst einen huebschen Sohn und schoenes Gut; dem koennt' ich
+meine Tochter geben. Ich bin nicht stolz, glaubt mir, ich bin nicht
+stolz. Ich will Euch gern meinen Schwaeher heissen.
+
+Peter.
+Das Mamsellchen ist huebsch genug; nur ist sie schon zu vornehm erzogen.
+
+
+Breme.
+Nicht vornehm, aber gescheit. Sie wird sich in jeden Stand zu finden
+wissen. Doch darueber laesst sich noch vieles reden. Lebt jetzt wohl,
+meine Freunde, lebt wohl!
+
+Alle.
+So lebt denn wohl!
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+(Vorzimmer der Graefin. Sowohl im Fond als an den Seiten haengen adlige
+Familienbilder in mannigfaltigen geistlichen und weltlichen Kostuemen.)
+
+Der Amtmann tritt herein, und indem er sich umsieht, ob niemand da ist,
+kommt Luise von der andern Seite.
+
+Amtmann.
+Guten Morgen, Demoiselle! Sind Ihro Exzellenz zu sprechen? Kann ich
+meine untertaenigste Devotion zu Fuessen legen?
+
+Luise.
+Verziehen Sie einigen Augenblick, Herr Amtmann. Die Frau Graefin wird
+gleich herauskommen. Die Beschwerlichkeiten der Reise und das
+Schrecken bei der Ankunft haben einige Ruhe noetig gemacht.
+
+Amtmann.
+Ich bedaure von ganzem Herzen! Nach einer so langen Abwesenheit, nach
+einer so beschwerlichen Reise ihren einzig geliebten Sohn in einem so
+schrecklichen Zustande zu finden! Ich muss gestehen, es schaudert
+mich, wenn ich nur daran denke. Ihro Exzellenz waren wohl sehr
+alteriert?
+
+Luise.
+Sie koennen sich leicht vorstellen, was eine zaertliche sorgsame Mutter
+empfinden musste, als sie ausstieg, ins Haus trat und da die
+Verwirrung fand, nach ihrem Sohne fragte und aus ihrem Stocken und
+Stottern leicht schliessen konnte, dass ihm ein Unglueck begegnet sei.
+
+Amtmann.
+Ich bedaure von Herzen. Was finden Sie an?
+
+Luise.
+Wir mussten nur geschwind alles erzaehlen, damit sie nicht etwas
+Schlimmeres besorgte; wir mussten sie zu dem Kinde fuehren, das mit
+verbundenem Kopf und blutigen Kleidern dalag. Wir hatten nur fuer
+Umschlaege gesorgt und ihn nicht ausziehen koennen.
+
+Amtmann.
+Es muss ein schrecklicher Anblick gewesen sein.
+
+Luise.
+Sie blickte hin, tat einen lauten Schrei und fiel mir ohnmaechtig in
+die Arme. Sie war untroestlich, als sie wieder zu sich kam, und wir
+hatten alle Muehe, sie zu ueberfuehren, dass das Kind sich nur eine
+starke Beule gefallen, dass es aus der Nase blutet, und dass keine
+Gefahr sei.
+
+Amtmann.
+Ich moechte' es mit dem Hofmeister nicht teilen, der das gute Kind so
+vernachlaessigt.
+
+Luise.
+Ich wunderte mich ueber die Gelassenheit der Graefin, besonders da er
+den Vorfall leichter behandelte, als es ihm in dem Augenblick geziemte.
+
+
+Amtmann.
+Sie ist gar zu gnaedig, gar zu nachsichtig.
+
+Luise.
+Aber sie kennt ihre Leute und merkt sich alles. Sie weiss, wer ihr
+redlich und treu dient; sie weiss, wer nur dem Schein nach ihr
+untertaeniger Knecht ist. Sie kennt die Nachlaessigen so gut als die
+Falschen, die Unklugen sowohl als die Boesartigen.
+
+Amtmann.
+Sie sagen nicht zu viel; es ist eine vortreffliche Dame, aber
+ebendeswegen! Der Hofmeister verdiente doch, dass sie ihn geradezu
+wegschickte.
+
+Luise.
+In allem, was das Schicksal des Menschen betrifft, geht sie langsam zu
+Werke, wie es einem Grossen geziemt. Es ist nichts schrecklicher als
+Macht und Uebereilung.
+
+Amtmann.
+Aber Macht und Schwaeche sind auch ein trauriges Paar.
+
+Luise.
+Sie werden der gnaedigen Graefin nicht nachsagen, dass sie schwach sei.
+
+Amtmann.
+Behuete Gott, dass ein solcher Gedanke einem alten treuen Diener
+einfallen sollte! Aber es ist denn doch erlaubt, zum Vorteil seiner
+gnaedigen Herrschaft zu wuenschen, dass man manchmal mit mehr Strenge
+gegen Leute zu Werke gehe, die mit Strenge behandelt sein wollen.
+
+Luise.
+Die Frau Graefin! (Luise tritt ab.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Graefin im Neglige. Der Amtmann.
+
+Amtmann.
+Euer Exzellenz haben zwar auf eine angenehme Weise, doch unvermutet
+Ihre Dienerschaft ueberrascht, und wir bedauern nur, dass Dieselben bei
+Ihrer Ankunft durch einen so traurigen Anblick erschreckt worden. Wir
+hatten alle Anstalten zu Dero Empfang gemacht: Das Tannenreisig zu
+einer Ehrenpforte liegt wirklich schon im Hofe; die saemtlichen
+Gemeinden wollten reihenweise an dem Wege stehen und Hochdieselben mit
+einem lauten Vivat empfangen, und jeder freute sich schon, bei einer
+so feierlichen Gelegenheit seinen Festtagsrock anzuziehen und sich und
+seine Kinder zu putzen.
+
+Graefin.
+Es ist mir lieb, dass die guten Leute sich nicht zu beiden Seiten des
+Wegs gestellt haben; ich haette ihnen unmoeglich ein freundlich Gesicht
+machen koennen und Ihnen am wenigsten, Herr Amtmann!
+
+Amtmann.
+Wie so? Wodurch haben wir Euer Exzellenz Ungnade verdient?
+
+Graefin.
+Ich kann nicht leugnen, ich war sehr verdriesslich, als ich gestern auf
+den abscheulichen Weg kam, der gerade da anfaengt, wo meine Besitzungen
+angehen. Die grosse Reise hab' ich fast auf lauter guten Wegen
+vollbracht, und eben, da ich wieder in das Meinige zurueckkomme, find'
+ich sie nicht nur schlechter wie vorm Jahr, sondern so abscheulich,
+dass sie alle Uebel einer schlechten Chaussee verbinden. Bald tief
+ausgefahren Loecher, in die der Wagen umzustuerzen droht, aus denen die
+Pferde mit aller Gewalt ihn kaum herausreissen, bald Steine ohne
+Ordnung uebereinander geworfen, dass man eine Viertelstunde lang selbst
+in dem bequemsten Wagen aufs unertraeglichste zusammengeschuettelt wird.
+Es sollte mich wundern, wenn nichts daran beschaedigt waere.
+
+Amtmann.
+Euer Exzellenz werden mich nicht ungehoert verdammen; nur mein eifriges
+Bestreben, von Euer Exzellenz Gerechtsamen nicht das mindeste zu
+vergeben, ist Ursache an diesem ueblen Zustande des Wegs.
+
+Graefin.
+Ich verstehe.--
+
+Amtmann.
+Sie erlauben, Ihrer tiefen Einsicht nur anheim zu stellen, wie wenig
+es mir haette ziemen wollen, den widerspenstigen Bauern auch nur ein
+Haarbreit nachzugeben. Sie sind schuldig, die Wege zu bessern, und da
+Euer Exzellenz Chaussee befehlen, sind sie auch schuldig, die Chaussee
+zu machen.
+
+Graefin.
+Einige Gemeinden waren ja willig.
+
+Amtmann.
+Das ist eben das Unglueck. Sie fuhren die Steine an; als aber die
+uebrigen, widerspenstigen sich weigerten und auch jene widerspenstig
+machten, blieben die Steine liegen und wurden nach und nach, teils aus
+Notwendigkeit, teils aus Mutwillen, in die Gleise geworfen, und da ist
+nun der Weg freilich ein bisschen holprig geworden.
+
+Graefin.
+Sie nennen das ein wenig holprig?
+
+Amtmann.
+Verzeihen Euer Exzellenz, wenn ich sogar sage, dass ich diesen Weg
+oefters mit vieler Zufriedenheit zuruecklege. Es ist ein vortreffliches
+Mittel gegen die Hypochondrie, sich dergestalt zusammenschuetteln zu
+lassen.
+
+Graefin.
+Das, gesteh' ich, ist eine eigne Kurmethode.
+
+Amtmann.
+Und freilich, da nun eben wegen dieses Streites, welcher vor dem
+Kaiserlichen Reichskammergericht auf das eifrigste betrieben wird,
+seit einem Jahr an keine Wegebesserung zu denken gewesen, und ueberdies
+die Holzfuhren stark gehen, in diesen letzten Tagen auch anhaltendes
+Regenwetter eingefallen, so moechte denn freilich jemanden, der gute
+Chausseen gewohnt ist, unsere Strasse gewissermassen impraktikable
+vorkommen.
+
+Graefin.
+Gewissermassen? Ich daechte ganz und gar.
+
+Amtmann.
+Euer Exzellenz beleiben zu scherzen. Man kommt doch noch immer fort--
+
+Graefin.
+Wenn man nicht liegen bleibt. Und doch hab' ich an der Meile sechs
+Stunden zugebracht.
+
+Amtmann.
+Ich, vor einigen Tagen, noch laenger. Zweimal wurd' ich gluecklich
+herausgewunden, das dritte Mal brach ein Rad, und ich musste mich noch
+nur so hereinschleppen lassen. Aber bei allen diesen Unfaellen war ich
+getrost und gutes Muts; denn ich bedachte, dass Euer Exzellenz und
+Ihres Herrn Sohnes Gerechtsame salviert sind. Aufrichtig gestanden,
+ich wollte auf solchen Wegen lieber von hier nach Paris fahren, als
+nur einen Fingerbreit nachgeben, wenn die Rechte und Befugnisse meiner
+gnaedigen Herrschaft bestritten werden. Ich wollte daher, Euer
+Exzellenz daechten auch so, und Sie wuerden gewiss diesen Weg nicht mit
+so viel Unzufriedenheit zurueckgelegt haben.
+
+Graefin.
+Ich muss sagen, darin bin ich anderer Meinung, und gehoerten diese
+Besitztuemer mir eigen, muesste ich mich nicht bloss als Verwalterin
+ansehen, so wuerde ich ueber manche Bedenklichkeit hinausgehen, ich
+wuerde mein Herz hoeren, das mir Billigkeit gebietet, und meinen
+Verstand, der mich einen wahren Vorteil von einem scheinbaren
+unterscheiden lehrt. Ich wuerde grossmuetig sein, wie es dem gar wohl
+ansteht, der Macht hat. Ich wuerde mich hueten, unter dem Scheine des
+Rechts auf Forderungen zu beharren, die ich durchzusetzen kaum
+wuenschen muesste, und die, indem ich Widerstand finde, mir auf
+lebenslang den voelligen Genuss eines Besitzes rauben, den ich auf
+billige Weise verbessern koennte. Ein leidlicher Vergleich und der
+unmittelbare Gebrauch sind besser als eine wohl gegruendete Rechtssache,
+die mir Verdruss macht, und von der ich nicht einmal den Vorteil fuer
+meine Nachkommen einsehe.
+
+Amtmann.
+Euer Exzellenz erlauben, dass ich darin der entgegen gesetzten Meinung
+sein darf. Ein Prozess ist eine so reizende Sache, dass, wenn ich
+reich waere, ich eher einige kaufen wuerde, um nicht ganz ohne dieses
+Vergnuegen zu leben. (Amtmann tritt ab.)
+
+Graefin.
+Es scheint, dass er seine Lust an unsern Besitztuemern buessen will.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Graefin. Magister.
+
+Magister.
+Darf ich fragen, gnaedige Graefin, wie sie sich befinden?
+
+Graefin.
+Wie Sie denken koennen, nach der Alteration, die mich bei meinem
+Eintritt ueberfiel.
+
+Magister.
+Es tat mir herzlich Leid; doch, hoff' ich, soll es von keinen Folgen
+sein. Ueberhaupt aber kann Ihnen schwerlich der Aufenthalt hier so
+bald angenehm werden, wenn Sie ihn mit dem vergleichen, den Sie vor
+kurzem genossen haben.
+
+Graefin.
+Es hat auch grosse Reize, wieder zu Hause bei den Seinigen zu wohnen.
+
+Magister.
+Wie oftmals hab' ich Sie um das Glueck beneidet, gegenwaertig zu sein,
+als die groessten Handlungen geschahen, die je die Welt gesehen hat,
+Zeuge zu sein des seligen Taumels, der eine grosse Nation in dem
+Augenblick ergriff, als sie sich zum ersten Mal frei und von den
+Ketten entbunden fuehlte, die sie so lange getragen hatte, dass diese
+schwere fremde Last gleichsam ein Glied ihres elenden, kranken Koerpers
+geworden.
+
+Graefin.
+Ich habe wunderbare Begebenheiten gesehen, aber wenig Erfreuliches.
+
+Magister.
+Wenngleich nicht fuer die Sinne, doch fuer den Geist. Wer aus grossen
+Absichten fehl greift, handelt immer lobenswuerdiger, als wer dasjenige
+tut, was nur kleinen Absichten gemaess ist. Man kann auf dem rechten
+Wege irren und auf dem falschen recht gehen-- --
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Die Vorigen. Luise.
+
+(Durch die Ankunft dieses vorzueglichen Frauenzimmers wird die
+Lebhaftigkeit des Gespraechs erst gemildert und sodann die Unterredung
+von dem Gegenstande gaenzlich abgelenkt. Der Magister, der nun weiter
+kein Interesse findet, entfernt sich, und das Gespraech unter den
+beiden Frauenzimmern setzt sich fort, wie folgt.)
+
+Graefin.
+Was macht mein Sohn? Ich war eben im Begriff, zu ihm zu gehen.
+
+Luise.
+Er schlaeft recht ruhig, und ich hoffe, er wird bald wieder
+herumspringen und in kurzer Zeit keine Spur der Beschaedigung mehr
+uebrig sein.
+
+Graefin.
+Das Wetter ist gar zu uebel, sonst ging' ich in den Garten. Ich bin
+recht neugierig, zu sehen, wie alles gewachsen ist, und wie der
+Wasserfall, wie die Bruecke und die Felsenkluft sich jetzt ausnehmen.
+
+Luise.
+Es ist alles vortrefflich gewachsen; die Wildnisse, die Sie angelegt
+haben, scheinen natuerlich zu sein; sie bezaubern jeden, der sie zum
+ersten Mal sieht, und auch mir geben sie noch immer in einer stillen
+Stunde einen angenehmen Aufenthalt. Doch muss ich gestehen, dass ich
+in der Baumschule unter den fruchtbaren baeumen lieber bin. Der
+Gedanke des Nutzens fuehrt mich aus mir selbst heraus und gibt mir eine
+Froehlichkeit, die ich sonst nicht empfinde. Ich kann saeen, pfropfen,
+okulieren; und wenngleich mein Auge keine malerische Wirkung empfindet,
+so ist mir doch der Gedanke von Fruechten hoechst reizend, die einmal
+und wohl bald jemanden erquicken werden.
+
+Graefin.
+Ich schaetze Ihre guten haeuslichen Gesinnungen.
+
+Luise.
+Die einzigen, die sich fuer den Stand schicken, der ans Notwendige zu
+denken hat, dem wenig Willkuer erlaubt ist.
+
+Graefin.
+Haben Sie den Antrag ueberlegt, den ich Ihnen in meinem letzten Briefe
+tat? Koennen Sie sich entschliessen, meiner Tochter Ihre Zeit zu widmen,
+als Freundin, als Gesellschafterin mit ihr zu leben?
+
+Luise.
+Ich habe kein Bedenken, gnaedige Graefin.
+
+Graefin.
+Ich hatte viel Bedenken, Ihnen den Antrag zu tun. Die wilde und
+unbaendige Gemuetsart meiner Tochter macht ihren Umgang unangenehm und
+oft sehr verdriesslich. So leicht mein Sohn zu behandeln ist, so
+schwer ist es meine Tochter.
+
+Luise.
+Dagegen ist ihr edles Herz, ihre Art, zu handeln, aller Achtung wert.
+Sie ist heftig, aber bald zu besaenftigen, unbillig, aber gerecht,
+stolz, aber menschlich.
+
+Graefin.
+Hierin ist sie ihrem Vater--
+
+Luise.
+Aeusserst aehnlich. Auf eine sehr sonderbare Weise scheint die Natur in
+der Tochter den rauen Vater, in dem Sohne die zaertliche Mutter wieder
+hervorgebracht zu haben.
+
+Graefin.
+Versuchen Sie, Luise, dieses wilde, aber edle, Feuer zu daempfen. Sie
+besitzen alle Tugenden, die ihr fehlen. In Ihrer Naehe, durch Ihr
+Beispiel wird sie gereizt werden, sich nach einem Muster zu bilden,
+das so liebenswuerdig ist.
+
+Luise.
+Sie beschaemen mich, gnaedige Graefin. Ich kenne an mir keine Tugend als
+die, dass ich mich bisher in mein Schicksal zu finden wusste, und
+selbst diese hat kein Verdienst mehr, seitdem Sie, gnaedige Graefin, so
+viel getan haben, um es zu erleichtern. Sie tun jetzt noch mehr, da
+Sie mich naeher an sich heranziehen. Nach dem Tode meines Vaters und
+dem Umsturz meiner Familie habe ich vieles entbehren lernen, nur nicht
+gesitteten und verstaendigen Umgang.
+
+Graefin.
+Bei Ihrem Onkel muessen Sie von dieser Seite viel ausstehen.
+
+Luise.
+Es ist ein guter Mann; aber seine Einbildung macht ihn oft hoechst
+albern, besonders seit der letzten Zeit, da jeder ein Recht zu haben
+glaubt, nicht nur ueber die grossen Welthaendel zu reden, sondern auch
+darin mitzuwirken.
+
+Graefin.
+Es geht ihm wie sehr vielen.
+
+Luise.
+Ich habe manchmal meine Bemerkungen im stillen darueber gemacht. Wer
+die Menschen nicht kennte, wuerde sie jetzt leicht kennen lernen. So
+viele nehmen sich der Sache der Freiheit, der allgemeinen Gleichheit
+an, nur um fuer sich eine Ausnahme zu machen, nur um zu wirken, es sei,
+auf welche Art es wolle.
+
+Graefin.
+Sie haetten nichts mehr erfahren koennen, und wenn Sie mit mir in Paris
+gewesen waeren.
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+Friederike. Der Baron. Die Vorigen.
+
+Friederike.
+Hier, liebe Mutter, ein Hase und zwei Feldhuehner! Ich habe die drei
+Stuecke geschossen, der Vetter hat immer gepudelt.
+
+Graefin.
+Du siehst wild aus, Friederike; wie du durchnaesst bist!
+
+Friederike (das Wasser vom Hute abschwingend).
+Der erste glueckliche Morgen, den ich seit langer Zeit gehabt habe.
+
+Baron.
+Sie jagt mich nun schon vier Stunden im Felde herum.
+
+Friederike.
+Es war eine rechte Lust. Gleich nach Tische wollen wir wieder hinaus.
+
+
+Graefin.
+Wenn du's so heftig treibst, wirst du es blad ueberdruessig werden.
+
+Friedericke.
+Geben Sie mir das Zeugnis, liebe Mama! Wie oft hab' ich mich aus
+Paris wieder nach unsern Revieren gesehnt. Die Opern, die Schauspiele,
+die Gesellschaften, die Gastereien, die Spaziergaenge, was ist das
+alles gegen einen einzigen vergnuegten Tag auf der Jagd, unter freiem
+Himmel, auf unsern Bergen, wo wir eingeboren und eingewohnt sind.--Wir
+muessen ehesten tags hetzen, Vetter.
+
+Baron.
+Sie werden noch warten muessen, die Frucht ist noch nicht aus dem Felde.
+
+
+Friederike.
+Was will das viel schaden? Es ist fast von gar keiner Bedeutung.
+Sobald es ein bisschen auftrocknet, wollen wir hetzen.
+
+Graefin.
+Geh, zieh dich um! Ich vermute, dass wir zu Tische noch einen Gast
+haben, der sich nur kreuz Zeit bei uns aufhalten kann.
+
+Baron.
+Wird der Hofrat kommen?
+
+Graefin.
+Er versprach mir, heute wenigstens auf ein Stuendchen einzusprechen.
+Er geht auf Kommission.
+
+Baron.
+Es sind einige Unruhen im Lande.
+
+Graefin.
+Es wird nichts zu bedeuten haben, wenn man sich nur vernuenftig gegen
+die Menschen betraegt und ihnen ihren wahren Vorteil zeigt.
+
+Friederike.
+Unruhen? Wer will Unruhen anfangen?
+
+Baron.
+Missvergnuegte Bauern, die von ihren Herrschaften gedruckt werden, und
+die leicht Anfuehrer finden.
+
+Friederike.
+Die muss man auf den Kopf schiessen. (Sie macht Bewegungen mit der
+Flinte.) Sehen Sie, gnaedige Mama, wie mir der Magister die Flinte
+verwahrlost hat! Ich wollte sie doch mitnehmen, und da Sie es nicht
+erlaubten, wollte ich sie dem Jaeger aufzuheben geben. Da bat mich der
+Graurock so instaendig, sie ihm zu lassen: Sie sei so leicht, sagt' er,
+so bequem, er wolle sie so gut halten, er wolle so oft auf die Jagd
+gehen. Ich ward ihm wirklich gut, weil er so oft auf die Jagd gehen
+wollte, und nun, sehen Sie, find' ich sie heute in der Gesindestube
+hinterm Ofen. Wie das aussieht! Sie wird in meinem Leben nicht
+wieder rein.
+
+Baron.
+Er hatte die Zeit her mehr zu tun; er arbeitet mit an der allgemeinen
+Gleichheit, und da haelt er wahrscheinlich die Hasen auch mit fuer
+seinesgleichen und scheut sich, ihnen was zuleide zu tun.
+
+Graefin.
+Zieht euch an, Kinder, damit wir nicht zu warten brauchen. Sobald der
+Hofrat kommt, wollen wir essen. (Ab.)
+
+Friederike (ihre Flinte besehend).
+Ich habe die franzoesische Revolution schon so oft verwuenscht, und
+jetzt tu' ich's doppelt und dreifach. Wie kann mir nun der Schaden
+ersetzt werden, dass meine Flinte rostig ist?
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+(Saal im Schlosse.)
+
+Graefin. Hofrat.
+
+Graefin.
+Ich geb' es Ihnen recht aufs Gewissen, teurer Freund. Denken Sie nach,
+wie wir diesem unangenehmen Prozesse ein Ende machen. Ihre grosse
+Kenntnis der Gesetze, Ihr Verstand und Ihre Menschlichkeit helfen
+gewiss ein Mittel finden, wie wir aus dieser widerlichen Sache
+scheiden koennen. Ich habe es sonst leichter genommen, wenn man
+unrecht hatte und im Besitz war: Je nun, dacht' ich, es geht ja
+wohl so hin, und wer hat, ist am besten dran. Seitdem ich aber
+bemerkt habe, wie sich Unbilligkeit von Geschlecht zu Geschlecht so
+leicht aufhaeuft, wie grossmuetige Handlungen meistenteils nur persoenlich
+sind, und der Eigennutz allein gleichsam erblich wird; seitdem ich mit
+Augen gesehen habe, dass die menschliche Natur auf einen unglaublichen
+Grad gedrueckt und erniedrigt, aber nicht unterdrueckt und vernichtet
+werden kann: So habe ich mir fest vorgenommen, jede einzelne Handlung,
+die mir unbillig scheint, selbst streng zu vermeiden und unter den
+Meinigen, in Gesellschaft, bei Hofe, in der Stadt ueber solche
+Handlungen meine Meinung laut zu sagen. Zu keiner Ungerechtigkeit
+will ich mehr schweigen, keine Kleinheit unter einem grossen Scheine
+ertragen, und wenn ich auch unter dem verhassten Namen einer
+Demokratin verschrien werden sollte.
+
+Hofrat.
+Es ist schoen, gnaedige Graefin, und ich freue mich, Sie wieder zu finden,
+wie ich Abschied von Ihnen genommen, und noch ausgebildeter. Sie
+waren eine Schuelerin der grossen Maenner, die uns durch ihre Schriften
+in Freiheit gesetzt haben, und nun finde ich in Ihnen einen Zoegling
+der grossen Begebenheiten, die uns einen lebendigen Begriff geben von
+allem, was der wohl denkende Staatsbuerger wuenschen und verabscheuen
+muss. Es ziemt Ihnen, Ihrem eigenen Stande Widerpart zu halten. Ein
+jeder kann nur seinen eignen Stand beurteilen und tadeln. Aller Tadel
+heraufwaerts oder hinabwaerts ist mit Nebenbegriffen und Kleinigkeiten
+vermischt, man kann nur durch seinesgleichen gerichtet werden. Aber
+ebendeswegen, weil ich ein Buerger bin, der es zu bleiben denkt, der
+das grosse Gewicht des hoeheren Standes im Staate anerkennt und zu
+schaetzen Ursache hat, bin ich auch unversoehnlich gegen die kleinlichen
+neidischen Neckereien, gegen den blinden Hass, der nur aus eigner
+Selbstigkeit erzeugt wird, praetentios Praetentionen bekaempft, sich ueber
+Formalitaeten formalisiert und, ohne selbst Realitaet zu haben, da nur
+Schein sieht, wo er Glueck und Folge sehen koennte. Wahrlich! Wenn
+alle Vorzuege gelten sollen, Gesundheit, Schoenheit, Jugend, Reichtum,
+Verstand, Talente, Klima, warum soll der Vorzug nicht auch irgendeine
+Art von Gueltigkeit haben, dass ich von einer Reihe tapferer, bekannter,
+ehrenvoller Vaeter entsprungen bin! Das will ich sagen da, wo ich
+eine Stimme habe, und wenn man mir auch den verhassten Namen eines
+Aristokraten zueignete.
+
+(Hier findet sich eine Luecke, welche wir durch Erzaehlung ausfuellen.
+Der trockne Ernst dieser Szene wird dadurch gemildert, dass der Hofrat
+seine Neigung zu Luisen bekennt, indem er sich bereit zeigt, ihr seine
+Hand zu geben. Ihre fruehern Verhaeltnisse, vor dem Umsturz, den
+Luisens Familie erlitt, kommen zur Sprache, sowie die stillen
+Bemuehungen des vorzueglichen Mannes, sich und zugleich Luisen eine
+Existenz zu verschaffen.
+
+Eine Szene zwischen der Graefin, Luisen und dem Hofrat gibt Gelegenheit,
+drei schoene Charaktere naeher kennen zu lernen und uns fuer das, was
+wir in den naechsten Auftritten erdulden sollen, vorlaeufig einigermassen
+zu entschaedigen. Denn nun versammelt sich um den Teetisch, wo Luise
+einschenkt, nach und nach das ganze Personal des Stuecks, so dass
+zuletzt auch die Bauern eingefuehrt werden. Da man sich nun nicht
+enthalten kann, von Politik zu sprechen, so tut der Baron, welcher
+Leichtsinn, Frevel und Spott nicht verbergen kann, den Vorschlag,
+sogleich eine Nationalversammlung vorzustellen. Der Hofrat wird zum
+Praesidenten erwaehlt, und die Charaktere der Mitspielenden, wie man sie
+schon kennt, entwickeln sich freier und heftiger. Die Graefin, das
+Soehnchen mit verbundenem Kopfe neben sich, stellt die Fuerstin vor,
+deren Ansehen geschmaelert werden soll und die aus eigenen liberalen
+Gesinnungen nachzugeben geneigt ist. Der Hofrat, verstaendig und
+gemaessigt, sucht ein Gleichgewicht zu erhalten, ein Bemuehen, das jeden
+Augenblick schwieriger wird. Der Baron spielt die Rolle des Edelmanns,
+der von seinem Stande abfaellt und zum Volke uebergeht. Durch seine
+schelmische Verstellung werden die andern gelockt, ihr Innerstes
+hervorzukehren. Auch Herzensangelegenheiten mischen sich mit ins
+spiel. Der Baron verfehlt nicht, Karolinen die schmeichelhaftesten
+Sachen zu sagen, die sie zu ihren schoensten Gunsten auslegen kann. An
+der Heftigkeit, womit Jakob die Gerechtsame des graeflichen Hauses
+verteidigt, laesst sich eine stille, unbewusste Neigung zu der jungen
+Graefin nicht verkennen. Luise sieht in allem diesen nur die
+Erschuetterung des haeuslichen Gluecks, dem sie sich so nahe glaubt, und
+wenn die Bauern mitunter schwerfaellig werden, so erheitert Bremenfeld
+die Szene durch seinen Duenkel, durch Geschichtchen und guten Humor.
+Der Magister, wie wir ihn schon kennen, ueberschreitet vollkommen die
+Grenze, und da der Baron immerfort hetzt, laeuft es endlich auf
+Persoenlichkeiten hinaus, und als nun vollends die Brausche des
+Erbgrafen als unbedeutend, ja laecherlich behandelt wird, so bricht die
+Graefin los, und die Sache kommt so weit, dass dem Magister
+aufgekuendigt wird. Der Baron verschlimmert das Uebel, und er bedient
+sich, da der Laerm immer staerker wird, der Gelegenheit, mehr in
+Karolinen zu dringen und sie zu einer heimlichen Zusammenkunft fuer die
+Nacht zu bereden. Bei allem diesen zeigt sich die junge Graefin
+entschieden heftig, parteiisch auf ihren Stand, hartnaeckig auf ihren
+besitz, welche Haerte jedoch durch ein unbefangenes, rein natuerliches
+und im tiefsten Grunde rechtliches weibliches Wesen bis zur
+Leibenswuerdigkeit gemildert wird. Und so laesst sich einsehen, dass
+der Akt ziemlich tumultuarisch und, insofern es der bedenkliche
+Gegenstand erlaubt, fuer das Gefuehl nicht ganz unertraeglich geendigt
+wird. Vielleicht bedauert man, dass der Verfasser die Schwierigkeiten
+einer solchen Szene nicht zur rechten Zeit zu ueberwinden bemueht war.)
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+(Bremens Wohnung.)
+
+Breme. Martin. Albert.
+
+Breme.
+Sind eure Leute alle an ihren Posten? Habt ihr sie wohl unterrichtet?
+Sind sie gutes Muts?
+
+Martin.
+Sobald Ihr mit der Glocke stuermt, werden sie alle da sein.
+
+Breme.
+So ist's recht! Wenn im Schlosse die Lichter alle aus sind, wenn es
+Mitternacht ist, soll es gleich angehen. Unser Glueck ist's, dass der
+Hofrat fortgeht. Ich fuerchte sehr, er moechte bleiben und uns den
+ganzen Spass verderben.
+
+Albert.
+Ich fuerchte so noch immer, es geht nicht gut ab. Es ist mir schon zum
+voraus bange, die Glocke zu hoeren.
+
+Breme.
+Seid nur ruhig. Habt ihr nicht heute selbst gehoert, wie uebel es jetzt
+mit den vornehmen Leuten steht? Habt ihr gehoert, was wir der Graefin
+alles unters Gesicht gesagt haben?
+
+Martin.
+Es war ja aber nur zum Spass.
+
+Albert.
+Es war schon zum Spasse grob genug.
+
+Breme.
+Habt ihr gehoert, wie ich eure Sache zu verfechten weiss? Wenn's Ernst
+gilt, will ich so vor den Kaiser treten. Und was sagt ihr zum Herrn
+Magister, hat sich der nicht auch wacker gehalten?
+
+Albert.
+Sie haben's Euch aber auch brav abgegeben. Ich dachte zuletzt, es
+wuerde Schlaege setzen; und unsere gnaedige Kontess--war's doch, als wenn
+ihr seliger Herr Vater leibhaftig dastuende.
+
+Breme.
+Lasst mir das gnaedige weg, es wird sich bald nichts mehr zu gnaedigen
+haben. Seht, hier hab' ich die Briefe schon fertig, die schick' ich
+in die benachbarten Gerichtsdoerfer. Sobald's hier losgeht, sollen die
+auch stuermen und rebellieren und auch ihre Nachbarn auffordern.
+
+Martin.
+Das kann was werden.
+
+Breme.
+Freilich! Und alsdann Ehre, dem Ehre gebuehrt! Euch, meine leiben
+Kinder. Ihr werdet als die Befreier des Landes angesehn.
+
+Martin.
+Ihr, Herr Breme, werdet das groesste Lob davontragen.
+
+Breme.
+Nein, das gehoert sich nicht; es muss jetzt alles gemein sein.
+
+Martin.
+Indessen habt Ihr's doch angefangen.
+
+Breme.
+Gebt mir die Haende, brave Maenner! So standen einst die drei grossen
+Schweizer, Wilhelm Tell, Walther Staubbach, Fuerst von Uri, die standen
+auf dem Gruetliberg beisammen und schwuren den Tyrannen ew'gen Hass und
+ihren mitgenossen ewige Freiheit. Wie oft hat man diese wackern
+Helden gemalt und in Kupfer gestochen! Auch uns wird diese Ehre
+widerfahren. In dieser Positur werden wir auf die Nachwelt kommen.
+
+Martin.
+Wie Ihr Euch das alles so denken koennt.
+
+Albert.
+Ich fuerchte nur, dass wir im Karrn eine boese Figur machen koennen.
+Horcht! Es klingelt jemand. Mir zittert das Herz im Leibe, wenn sich
+nur was bewegt.
+
+Breme.
+Schaemt Euch! Ich will aufziehen. Es wird der Magister sein; ich habe
+ihn herueber bestellt. Die Graefin hat ihm den Dienst aufgesagt; die
+Kontess hat ihn sehr beleidigt. Wir werden ihn leicht in unsere
+Partei ziehen. Wenn wir einen Geistlichen unter uns haben, sind wir
+unserer Sache desto gewisser.
+
+Martin.
+Einen Geistlichen und Gelehrten.
+
+Breme.
+Was die Gelehrsamkeit betrifft, geb' ich ihm nichts nach, und
+besonders hat er weit weniger politische Lektuere als ich. Alle die
+Chroniken, die ich von meinem seligen Grossvater geerbt habe, waren in
+meiner Jugend schon durchgelesen, und das Theatrum Europaeum kenn' ich
+in- und auswendig. Wer recht versteht, was geschehen ist, der weiss
+auch, was geschieht und geschehen wird. Es ist immer einerlei; es
+passiert in der Welt nichts Neues. Der Magister kommt. Halt! Wir
+muessen ihn feierlich empfangen. Er muss Respekt vor uns kriegen. Wir
+stellen jetzt die Repraesentanten der ganzen Nation gleichsam in Nuce
+vor. Setzt euch.
+
+(Er setzt drei Stuehle auf die eine Seite des Theaters, auf die andere
+einen Stuhl. Die beiden Schulzen setzen sich, und wie der Magister
+herein tritt, setzt sich Breme geschwind in ihre Mitte und nimmt ein
+gravitaetisches Wesen an.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Vorigen. Der Magister.
+
+Magister.
+Guten Morgen, Herr Breme. Was gibt's Neues? Sie wollen mir etwas
+Wichtiges vertrauen, sagten Sie.
+
+Breme.
+Etwas sehr Wichtiges, gewiss! Setzen Sie sich. (Magister will den
+einzelnen Stuhl nehmen und zu ihnen ruecken.) Nein, bleiben Sie dort,
+sitzen Sie dort nieder! Wir wissen noch nicht, ob Sie an unserer
+Seite nieder sitzen wollen.
+
+Magister.
+Eine wunderbare Vorbereitung.
+
+Breme.
+Sie sind ein Mann, ein freigeborner, ein freidenkender, ein
+geistlicher, ein ehrwuerdiger Mann. Sie sind ehrwuerdig, weil Sie
+geistlich sind, und noch ehrwuerdiger, weil Sie frei sind. Sie sind
+frei, weil Sie edel sind, und sind schaetzbar, weil Sie frei sind. Und
+nun! Was haben wir erleben muessen! Wir sahen Sie verachtet, wir
+sahen Sie beleidigt; aber wir haben zugleich Ihren edlen Zorn gesehen,
+einen edlen Zorn, aber ohne Wirkung. Glauben Sie, dass wir Ihre
+Freunde sind, so glauben Sie auch, dass sich unser Herz im Busen
+umkehrt, wenn wir Sie verkehrt behandelt sehen. Ein edler Mann und
+verhoehnt; ein freier Mann und bedroht; ein geistlicher Mann und
+verachtet; ein treuer Diener und verstossen! Zwar verhoehnt von Leuten,
+die selbst Hohn verdienen; verachtet von Menschen, die keiner Achtung
+wert sind; verstossen von Undankbaren, deren Wohltaten man nicht
+geniessen moechte; bedroht von einem Kinde, von einem Maedchen--das
+scheint freilich nicht viel zu bedeuten; aber wenn Ihr bedenkt, dass
+dieses Maedchen kein Maedchen, sondern ein eingefleischter Satan ist,
+dass man sie Legion nennen sollte--denn es sind viele tausend
+aristokratische Geister in sie gefahren--so seht Ihr deutlich, was uns
+von allen Aristokraten bevorsteht, Ihr seht es, und wenn Ihr klug seid,
+so nehmt Ihr Eure Massregeln.
+
+Magister.
+Wozu soll diese sonderbare Rede? Wohin wird Euch der seltsame Eingang
+fuehren? Sagt Ihr das, um meinen Zorn gegen diese verdammte Brut noch
+mehr zu erhitzen, um meine aufs aeusserste getriebene Empfindlichkeit
+noch mehr zu reizen? Schweigt stille! Wahrhaftig, ich wuesste nicht,
+wozu mein gekraenktes Herz jetzt nicht alles faehig waere. Was! Nach so
+vielen Diensten, nach so vielen Aufopferungen mir so zu begegnen, mich
+vor die Tuere zu setzen! Und warum? Wegen einer elenden Beule, wegen
+einer gequetschten Nase, mit der so viele hundert Kinder auf und davon
+springen. Aber es kommt eben recht, eben recht! Sie wissen nicht,
+die Grossen, wen sie in uns beleidigen, die wir Zungen, die wir Federn
+haben.
+
+Breme.
+Dieser edle Zorn ergoetzt mich, und so frage ich Euch denn im Namen
+aller edlen, frei gebornen, der Freiheit werten Menschen, ob Ihr diese
+Zunge, diese Feder von nun an dem Dienste der Freiheit voellig widmen
+wollt?
+
+Magister.
+O ja, ich will, ich werde!
+
+Breme.
+Dass Ihr keine Gelegenheit versaeumen wollt, zu dem edlen Zwecke
+mitzuwirken, nach dem jetzt die ganze Menschheit emporstrebt?
+
+Magister.
+Ich gebe Euch mein Wort.
+
+Breme.
+So gebt mir Eure Hand, mir und diesen Maennern.
+
+Magister.
+Einem jedem; aber was haben diese armen Leute, die wie Sklaven
+behandelt werden, mit der Freiheit zu tun?
+
+Breme.
+Sie sind nur noch eine Spanne davon, nur so breit, als die Schwelle
+des Gefaengnisses ist, an dessen eroeffneter Tuere sie stehen.
+
+Magister.
+Wie?
+
+Breme.
+Euer Ehrenwort, dass Ihr schweigen werdet!
+
+Magister.
+Ich gebe es.
+
+Breme.
+Der Augenblick ist nahe, die Gemeinden sind versammelt, in einer
+Stunde sind sie hier. Wir ueberfallen das Schloss, noetigen die Graefin
+zur Unterschrift des Rezesses und zu einer eidlichen Versicherung,
+dass kuenftighin alle drueckenden Lasten aufgehoben sein sollen.
+
+Magister.
+Ich erstaune!
+
+Breme.
+Da habe ich nur noch ein Bedenken wegen des Eids. Die vornehmen Leute
+glauben nichts mehr. Sie wird einen Eid schwoeren und sich davon
+entbinden lassen. Man wird ihr beweisen, dass ein gezwungener Eid
+nichts gelte.
+
+Magister.
+Dafuer will ich Rat schaffen. Diese Menschen, die sich ueber alles
+wegsetzen, ihresgleichen behandeln wie das Vieh, ohne Liebe, ohne
+Mitleid, ohne Furcht frech in den Tag hinein leben, solange sie mit
+Menschen zu tun haben, die sie nicht schaetzen, solange sie von einem
+Gott sprechen, den sie nicht erkennen: Dieses uebermuetige Geschlecht
+kann sich doch von dem geheimen Schauer nicht losmachen, der alle
+lebendigen Kraefte der Natur durchschwebt, kann die Verbindung sich
+nicht leugnen, in der Worte und Wirkung, Tat und Folge ewig
+miteinander bleiben. Lasst sie einen feierlichen Eid tun.
+
+Martin.
+Sie soll in der Kirche schwoeren.
+
+Breme.
+Nein, unter freiem Himmel.
+
+Magister.
+Das ist nichts. Diese feierlichen Szenen ruehren nur die
+Einbildungskraft. Ich will es euch anders lehren. Umgebt sie, lasst
+sie in eurer Mitte die Hand auf ihres Sohnes Haupt legen, bei diesem
+geliebten Haupte ihr Versprechen beteuern und alles Uebel, was einen
+Menschen betreffen kann, auf diese kleine Gefaess herab rufen, wenn sie
+unter irgendeinem Vorwande ihr Versprechen zuruecknaehme oder zugaebe,
+dass es vereitelt wuerde.
+
+Breme.
+Herrlich!
+
+Martin.
+Schrecklich!
+
+Albert.
+Entsetzlich!
+
+Magister.
+Glaubt mir, sie ist auf ewig gebunden.
+
+Breme.
+Ihr sollt zu ihr in den Kreis treten und ihr das Gewissen schaerfen.
+
+Magister.
+An allem, was ihr tun wollt, nehm' ich Anteil; nur sagt mir, wie wird
+man es in der Residenz ansehen? Wenn sie euch Dragoner schicken, so
+seid ihr alle gleich verloren.
+
+Martin.
+Da weiss Herr Breme schon Rat.
+
+Albert.
+Ja, was das fuer ein Kopf ist!
+
+Magister.
+Klaert mich auf.
+
+Breme.
+Ja, ja, das ist's nun eben, was man hinter Hermann Breme dem Zweiten
+nicht sucht. Er hat Konnexionen, Verbindungen da, wo man glaubt, er
+habe nur Kunden. So viel kann ich euch nur sagen, und es wissen's
+diese Leute, dass der Fuerst selbst eine Revolution wuenscht.
+
+Magister.
+Der Fuerst?
+
+Breme.
+Er hat die Gesinnungen Friedrichs und Josephs, der beiden Monarchen,
+welche alle wahre Demokraten als ihre Heiligen anbeten sollten. Er
+ist erzuernt, zu sehen, wie der Buerger- und Bauernstand unterm Druck
+des Adels seufzt, und leider kann er selbst nicht wirken, da er von
+lauter Aristokraten umgeben ist. Haben wir uns nur aber erst
+legitimiert, dann setzt er sich an unsere Spitze, und seine Truppen
+sind zu unsern Diensten, und Breme und alle brave Maenner sind an
+seiner Seite.
+
+Magister.
+Wie habt Ihr das alles erforscht und getan und habt Euch nichts merken
+lassen?
+
+Breme.
+Man muss im stillen viel tun, um die Welt zu ueberraschen. (Er geht
+ans Fenster.) Wenn nur erst der Hofrat fort waere, dann solltet ihr
+Wunder sehen.
+
+Martin (auf Bremen deutend).
+Nicht wahr, das ist ein Mann!
+
+Albert.
+Er kann einem recht Herz machen.
+
+Breme.
+Und, lieber Magister, die Verdienste, die Ihr Euch diese Nacht erwerbt,
+duerfen nicht unbelohnt bleiben. Wir arbeiten heute fuers ganze
+Vaterland. Von unserm Dorfe wird die Sonne der Freiheit aufgehen.
+Wer haette das gedacht!
+
+Magister.
+Befuerchtet Ihr keinen Widerstand?
+
+Breme.
+Dafuer ist schon gesorgt. Der Amtmann und die Gerichtsdiener werden
+gleich gefangen genommen. Der Hofrat geht weg, die paar Bedienten
+wollen nichts sagen, und der Baron ist nur der einzige Mann im
+Schlosse; den locke ich durch meine Tochter herueber ins Haus und
+sperre ihn ein, bis alles vorbei ist.
+
+Martin.
+Wohl ausgedacht.
+
+Magister.
+Ich verwundere mich ueber Eure Klugheit.
+
+Breme.
+Nu, nu! Wenn es Gelegenheit gibt, sie zu zeigen, sollt Ihr noch mehr
+sehen, besonders was die auswaertigen Angelegenheiten betrifft. Glaubt
+mir, es geht nichts ueber einen guten Chirurgus, besonders wenn er
+dabei ein geschickter Barbier ist. Das unverstaendige Volk spricht
+viel von Bartkratzern und bedenkt nicht, wie viel dazu gehoert,
+jemanden zu barbieren, eben dass es nicht kratze. Glaubt mir nur, es
+wird zu nichts mehr Politik erfordert, als den Leuten den Bart zu
+putzen, ihnen diese garstigen barbarischen Exkremente der Natur, diese
+Barthaare, womit sie das maennliche Kinn taeglich verunreinigt, hinweg
+zu nehmen und den Mann dadurch an Gestalt und Sitten einer
+glattwangigen Frau, einem zarten liebenswuerdigen Juengling aehnlich zu
+machen. Komme ich dereinst dazu, mein Leben und Meinungen aufzusetzen,
+so soll man ueber die Theorie der Barbierkunst erstaunen, aus der ich
+zugleich alle Lebens- und Klugheitsregeln herleiten will.
+
+Magister.
+Ihr seid ein originaler Kopf!
+
+Breme.
+Ja, ja, das weiss ich wohl, und deswegen habe ich auch den Leuten
+verziehen, wenn sie mich oft nicht begreifen konnten, und wenn sie,
+albern genug, glaubten mich zum Besten zu haben. Aber ich will ihnen
+zeigen, dass, wer einen rechten Seifenschaum zu schlagen weiss, wer mit
+Leichtigkeit, Bequemlichkeit und Gewandtheit der Finger einzuseifen,
+den sproedesten Bart zahm zu machen versteht; wer da weiss, dass ein
+frisch abgezognes Messer ebenso gut rauft als ein stumpfes, wer mit
+dem Strich oder wider den Strich die Haare wegnimmt, als waeren sie gar
+nicht dagewesen; wer dem warmen Wasser zum Abwaschen die gehoerige
+Temperatur verleiht und selbst das Abtrocknen mit Gefaelligkeit
+verrichtet und in seinem ganzen Benehmen etwas Zierliches darstellt--
+das ist kein gemeiner Mensch, sondern er muss alle Eigenschaften
+besitzen, die einem Minister Ehre machen.
+
+Albert.
+Ja, ja, es ist ein Unterschied zwischen Barbier und Barbier.
+
+Martin.
+Und Herr Breme besonders, das ist dir eine ordentliche Lust.
+
+Breme.
+Nu, nu, es wird sich zeigen. Es ist bei der ganzen Kunst nichts
+Unbedeutendes. Die Art, den Schersack aus- und einzukramen, die Art,
+die Geraetschaften zu halten, ihn unterm Arm zu tragen--ihr sollt
+Wunder hoeren und sehen. Nun wird's aber Zeit, dass ich meine Tochter
+vorkriege. Ihr Leute, geht an eure Posten! Herr Magister, halten Sie
+sich in der Naehe.
+
+Magister.
+Ich gehe in den Gasthof, wohin ich gleich meine Sachen habe bringen
+lassen, als man mir im Schlosse uebel begegnete.
+
+Breme.
+Wenn Sie stuermen hoeren, so soll's Ihnen frei stehen, sich zu uns zu
+schlagen oder abzuwarten, ob es uns glueckt, woran ich gar nicht
+zweifele.
+
+Magister.
+Ich werde nicht fehlen.
+
+Breme.
+So lebt denn wohl und gebt aufs Zeichen Acht!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Breme allein.
+
+Wie wuerde mein sel'ger Grossvater sich freuen, wenn er sehen koennte,
+wie gut ich mich in das neue Handwerk schicke. Glaubt doch der
+Magister schon, dass ich grosse Konnexionen bei Hofe habe. Da sieht
+man, was es tut, wenn man sich Kredit zu machen weiss. Nun muss
+Karoline kommen. Sie hat das Kind so lange gewartet, ihre Schwester
+wird sie abloesen. Da ist sie.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Breme. Karoline.
+
+Breme.
+Wie befindet sich der junge Graf?
+
+Karoline.
+Recht leidlich. Ich habe ihm Maerchen erzaehlt, bis er eingeschlafen
+ist.
+
+Breme.
+Was gibt's sonst im Schlosse?
+
+Karoline.
+Nichts Merkwuerdiges.
+
+Breme.
+Der Hofrat ist noch nicht weg?
+
+Karoline.
+Er scheint Anstalt zu machen. Sie binden eben den Mantelsack auf.
+
+Breme.
+Hast du den Baron nicht gesehen?
+
+Karoline.
+Nein, mein Vater.
+
+Breme.
+Er hat dir heute in der Nationalversammlung allerlei in die Ohren
+geraunt?
+
+Karoline.
+Ja, mein Vater.
+
+Breme.
+Das eben nicht die ganze Nation, sondern meine Tochter Karoline
+betraf?
+
+Karoline.
+Freilich, mein Vater.
+
+Breme.
+Du hast dich doch klug gegen ihn zu benehmen gewusst?
+
+Karoline.
+O gewiss.
+
+Breme.
+Er hat wohl wieder stark in dich gedrungen?
+
+Karoline.
+Wie Sie denken koennen.
+
+Breme.
+Und du hast ihn abgewiesen?
+
+Karoline.
+Wie sich's ziemt.
+
+Breme.
+Wie ich es von meiner trefflichen Tochter erwarten darf, die ich aber
+auch mit Ehre und Glueck ueberhaeuft und fuer ihre Tugend reichlich
+belohnt sehen werde.
+
+Karoline.
+Wenn Sie nur nicht vergebens hoffen.
+
+Breme.
+Nein, meine Tochter, ich bin eben im Begriff, einen grossen Anschlag
+auszufuehren, wozu ich deine Hilfe brauche.
+
+Karoline.
+Was meinen Sie, mein Vater?
+
+Breme.
+Es ist dieser verwegenen Menschenrasse der Untergang gedroht.
+
+Karoline.
+Was sagen Sie?
+
+Breme.
+Setze dich nieder und schreib.
+
+Karoline.
+Was?
+
+Breme.
+Ein Billett an den Baron, dass er kommen soll.
+
+Karoline.
+Aber wozu?
+
+Breme.
+Das will ich dir schon sagen. Es soll ihm kein Leids widerfahren, ich
+sperre ihn nur ein.
+
+Karoline.
+O Himmel!
+
+Breme.
+Was gibt's?
+
+Karoline.
+Soll ich mich einer solchen Verraeterei schuldig machen?
+
+Breme.
+Nur geschwind.
+
+Karoline.
+Wer soll es denn hinueberbringen?
+
+Breme.
+Dafuer lass mich sorgen.
+
+Karoline.
+Ich kann nicht.
+
+Breme.
+Zuerst eine Kriegslist. (Er zuendet eine Blendlaterne an und loescht
+das Licht aus.) Geschwind, nun schreib, ich will dir leuchten.
+
+Karoline (fuer sich).
+Wie soll das werden? Der Baron wird sehen, dass das Licht ausgeloescht
+ist; er wird auf das Zeichen kommen.
+
+Breme (zwingt sie zum Sitzen).
+Schreib! "Luise bleibt im Schlosse, mein Vater schlaeft. Ich loesche
+das Licht aus, kommen Sie!"
+
+Karoline (widerstrebend).
+Ich schreibe nicht.
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+Die Vorigen. Der Baron am Fenster.
+
+Baron.
+Karoline!
+
+Breme.
+Was ist das? (Er schiebt die Blendlaterne zu und haelt Karoline fest,
+die aufstehen will.)
+
+Baron (wie oben).
+Karoline! Sind Sie nicht hier? (Er steigt herein.) Stille! Wo bin
+ich? Dass ich nicht fehlgehe. Gleich dem Fenster gegenueber ist des
+Vaters Schlafzimmer, und hier rechts an der Wand die Tuere in der
+Maedchen Kammer. (Er tappt an der Seite hin und trifft die Tuer.) Hier
+ist sie, nur angelehnt. O, wie gut sich der blinde Kupido im Dunkeln
+zu finden weiss! (Er geht hinein.)
+
+Breme.
+In die Falle! (Er schiebt die Blendlaterne auf, eilt nach der
+Kammertuere und stoesst den Riegel vor.) So recht, und das Vorlegeschloss
+ist auch schon in Bereitschaft. (Er legt ein Schloss vor.) Und du,
+Nichtswuerdige! So verraetst du mich?
+
+Karoline.
+Mein Vater!
+
+Breme.
+So heuchelst du mir Vertrauen vor?
+
+Baron (inwendig).
+Karoline! Was heisst das?
+
+Karoline.
+Ich bin das ungluecklichste Maedchen unter der Sonne.
+
+Breme (laut an der Tuere).
+Das heisst: Dass Sie hier schlafen werden, aber allein.
+
+Baron (inwendig).
+Nichtswuerdiger! Machen Sie auf, Herr Breme, der Spass wird Ihnen teuer
+zu stehen kommen.
+
+Breme (laut).
+Es ist mehr als Spass, es ist bitterer Ernst.
+
+Karoline (an der Tuere).
+Ich bin unschuldig an dem Verrat!
+
+Breme.
+Unschuldig? Verrat?
+
+Karoline (an der Tuere kniend).
+O, wenn du sehen koenntest, mein Geliebter, wie ich hier vor dieser
+Schwelle liege, wie ich untroestlich meine Haende ringe, wie ich meinen
+grausamen Vater bitte!--Machen Sie auf, mein Vater!--Er hoert nicht, er
+sieht mich nicht an.--O, mein Geliebter, habe mich nicht im Verdacht,
+ich bin unschuldig!
+
+Breme.
+Du unschuldig? Niedertraechtige feile Dirne! Schande deines Vaters!
+Ewiger schaendender Flecken in dem Ehrenkleid, das er eben in diesem
+Augenblicke angezogen hat. Steh auf, hoer' auf zu weinen, dass ich
+dich nicht an den Haaren von der Schwelle wegziehe, die du, ohne zu
+erroeten, nicht wieder betreten solltest. Wie! In dem Augenblick, da
+Breme sich den groessten Maennern des Erdbodens gleichsetzt, erniedrigt
+sich seine Tochter so sehr!
+
+Karoline.
+Verstosst mich nicht, verwerft mich nicht, mein Vater! Er tat mir die
+heiligsten Versprechungen.
+
+Breme.
+Rede mir nicht davon, ich bin ausser mir. Was! Ein Maedchen, das sich
+wie eine Prinzessin, wie eine Koenigin auffuehren sollte, vergisst sich
+so ganz und gar? Ich halte mich kaum, dass ich dich nicht mit Faeusten
+schlage, nicht mit Fuessen trete. Hier hinein! (Er stoesst sie in sein
+Schlafzimmer.) Dies franzoesische Schloss wird dich wohl verwahren.
+Von welcher Wut fuehl' ich mich hingerissen! Das waere die rechte
+Stimmung, um die Glocke zu ziehen.--Doch nein, fasse dich, Breme!--
+Bedenke, dass die groessten Menschen in ihrer Familie manchen Verdruss
+gehabt haben. Schaeme dich nicht einer frechen Tochter und bedenke,
+dass Kaiser Augustus in ebendem Augenblick mit Verstand und Macht die
+Welt regierte, da er ueber die Vergehungen seiner Julie bittere Traenen
+vergoss. Schaeme dich nicht, zu weinen, dass eine solche Tochter dich
+hintergangen hat; aber bedenke auch zugleich, dass der Endzweck
+erreicht ist, dass der Widersacher eingesperrt verzweifelt, und dass
+deiner Unternehmung ein glueckliches Ende bevorsteht.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+(Saal im Schlosse, erleuchtet.)
+
+Friederike mit einer gezogenen Buechse. Jakob mit einer Flinte.
+
+Friederike.
+So ist's recht, Jakob, du bist ein braver Bursche. Wenn du mir die
+Flinte zurecht bringst, dass mir der Schulfuchs nicht gleich einfaellt,
+wenn ich sie ansehe, sollst du ein gut Trinkgeld haben.
+
+Jakob.
+Ich nehme sie mit, gnaedige Graefin, und will mein Bestes tun. Ein
+Trinkgeld braucht's nicht, ich bin Ihr Diener fuer ewig.
+
+Friederike.
+Du willst in der Nacht noch fort? Es ist dunkle und regnicht; bleibe
+noch beim Jaeger.
+
+Jakob.
+Ich weiss nicht, wie mir ist; es treibt mich etwas fort. Ich habe eine
+Art von Ahnung.
+
+Friederike.
+Du siehst doch sonst nicht Gespenster.
+
+Jakob.
+Es ist auch nicht Ahnung, es ist Vermutung. Mehrere Bauern sind beim
+Chirurgus in der Nacht zusammengekommen; sie hatten mich auch
+eingeladen, ich ging aber nicht hin; ich will keine Haendel mit der
+graeflichen Familie. Und jetzt wollt' ich doch, ich waere hingegangen,
+damit ich wuesste, was sie vorhaben.
+
+Friederike.
+Nun was wird's sein? Es ist die alte Prozessgeschichte.
+
+Jakob.
+Nein, nein, es ist mehr! Lassen Sie mir meine Grille; es ist fuer Sie,
+es ist fuer die Ihrigen, dass ich besorgt bin. (Ab.)
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+Friederike, nachher die Graefin und der Hofrat.
+
+Friederike.
+Die Buechse ist noch, wie ich sie verlassen habe; die hat mir der Jaeger
+recht gut versorgt. Ja, das ist auch ein Jaeger, und ueber die geht
+nichts. Ich will sie gleich laden und morgen frueh bei guter Tageszeit
+einen Hirsch schiessen. (Sie beschaeftigt sich an einem Tische, worauf
+ein Armleuchter steht, mit Pulverhorn, Lademass, Pflaster, Kugel,
+Hammer und laedt die Buechse ganz langsam und methodisch.)
+
+Graefin.
+Da hast du schon wieder das Pulverhorn beim Licht; wie leicht kann
+eine Schnuppe herunterfallen. Sei doch vernuenftig, du kannst dich
+ungluecklich machen!
+
+Friedericke.
+Lassen Sie mich, liebe Mutter, ich bin schon vorsichtig. Wer sich vor
+dem Pulver fuerchtet, muss nicht mit Pulver umgehen.
+
+Graefin.
+Sagen Sie mir, lieber Hofrat, ich habe es recht auf dem Herzen:
+Koennten wir nicht einen Schritt tun, wenigstens bis Sie zurueckkommen?
+
+Hofrat.
+Ich verehre in Ihnen diese Heftigkeit, das Gute zu wirken und nicht
+einen Augenblick zu zaudern.
+
+Graefin.
+Was ich einmal fuer Echt erkenne, moechte' ich auch gleich getan sehn.
+Das Leben ist so kurz, und das Gute wirkt so langsam.
+
+Hofrat.
+Wie meinen Sie denn?
+
+Graefin.
+Sie sind moralisch ueberzeugt, dass der Amtmann in dem Kriege das
+Dokument beiseite gebracht hat--
+
+Friederike (heftig).
+Sind Sie's?
+
+Hofrat.
+Nach allen Anzeigen kann ich wohl sagen, es ist mehr als Vermutung.
+
+Graefin.
+Sie glauben, dass er es noch zu irgendeiner Absicht verwahre?
+
+Friederike (wie oben).
+Glauben Sie?
+
+Hofrat.
+Bei der Verworrenheit seiner Rechnungen, bei der Unordnung des
+Archives, bei der ganzen Art, wie er diesen Rechtshandel benutzt hat,
+kann ich vermuten, dass er sich einen Rueckzug vorbehaelt, dass er
+vielleicht, wenn man ihn von dieser Seite draengt, sich auf die andere
+zu retten und das Dokument dem Gegenteile fuer eine ansehnliche Summe
+zu verhandeln denkt.
+
+Graefin.
+Wie waer' es, man suchte ihn durch Gewinst zu locken? Er wuenscht,
+seinen Neffen substituiert zu haben; wie waer' es, wir verspraechen
+diesem jungen Menschen eine Belohnung, wenn er zur Probe das Archiv in
+Ordnung braechte, besonders eine ansehnliche, wenn er das Dokument
+ausfindig machte? Man gaebe ihm Hoffnung zur Substitution. Sprechen
+Sie ihn noch, ehe Sie fortgehen; indes, bis Sie wiederkommen, richtet
+sich's ein.
+
+Hofrat.
+Es ist zu spaet, der Mann ist gewiss schon zu Bette.
+
+Graefin.
+Glauben Sie das nicht. So alt er ist, passt er Ihnen auf, bis Sie in
+den Wagen steigen. Er macht Ihnen noch in voelliger Kleidung seinen
+Scharrfuss und versaeumt gewiss nicht, sich Ihnen zu empfehlen. Lassen
+wir ihn rufen.
+
+Friederike.
+Lassen Sie ihn rufen, man muss doch sehen, wie er sich gebaerdet.
+
+Hofrat.
+Ich bin's zufrieden.
+
+Friederike (klingelt und sagt zum Bedienten, der hereinkommt).
+Der Amtmann moechte doch noch einen Augenblick herueberkommen!
+
+Graefin.
+Die Augenblicke sind kostbar. Wollen Sie nicht indes noch einen Blick
+auf die Papiere werfen, die sich auf diese Sache beziehen? (Zusammen
+ab.)
+
+
+
+Achter Auftritt
+Friederike allein, nachher der Amtmann.
+
+Friederike.
+Das will mir nicht gefallen. Sie sind ueberzeugt, dass er ein Schelm
+ist, und wollen ihm nicht zu Leibe. Sie sind ueberzeugt, dass er sie
+betrogen, ihnen geschadet hat, und wollen ihn belohnen. Das taugt nun
+ganz und gar nichts. Es waere besser, dass man ein Exempel statuierte.
+--Da kommt er eben recht.
+
+Amtmann.
+Ich hoere, dass des Herrn Hofrats Wohlgeboren noch vor ihrer Abreise
+mir etwas zu sagen haben. Ich komme, dessen Befehle zu vernehmen.
+
+Friederike (indem sie die Buechse nimmt).
+Verziehen Sie einen Augenblick, er wird gleich wieder hier sein. (Sie
+schuettet Pulver auf die Pfanne.)
+
+Amtmann.
+Was machen Sie da, gnaedige Graefin?
+
+Friederike.
+Ich habe die Buechse auf morgen frueh geladen, da soll ein alter Hirsch
+fallen.
+
+Amtmann.
+Ei, ei! Schon heute geladen und Pulver auf die Pfanne, das ist
+verwegen! Wie leicht kann da ein Unglueck geschehen.
+
+Friederike.
+Ei was! Ich bin gern fix und fertig. (Sie hebt das Gewehr auf und
+haelt es, gleichsam zufaellig, gegen ihn.)
+
+Amtmann.
+Ei, gnaedige Graefin, kein geladen Gewehr jemals auf einen Menschen
+halten! Da kann der Boese sein Spiel haben.
+
+Friederike (in de vorigen Stellung).
+Hoeren Sie, Herr Amtmann, ich muss Ihnen ein Wort im Vertrauen sagen:
+--Das Sie ein erzinfamer Spitzbube sind.
+
+Amtmann.
+Welche Ausdruecke, meine Gnaedige!--Tun Sie die Buechse weg.
+
+Friedericke.
+Ruehre dich nicht vom Platz, verdammter Kerl! Siehst du, ich spanne,
+siehst du, ich lege an! Du hast ein Dokument gestohlen--
+
+Amtmann.
+Ein Dokument? Ich weiss von keinem Dokumente.
+
+Friederike.
+Siehst du, ich steche, es geht alles in der Ordnung, und wenn du nicht
+auf der Stelle das Dokument herausgibst oder mir anzeigst, wo es sich
+befindet, oder was mit ihm vorgefallen, so ruehr' ich diese kleine
+Nadel, und du bist auf der Stelle mausetot.
+
+Amtmann.
+Um Gottes willen!
+
+Friederike.
+Wo ist das Dokument?
+
+Amtmann.
+Ich weiss nicht--Tun Sie die Buechse weg--Sie koennten aus Versehen--
+
+Friederike (wie oben).
+Aus Versehen oder mit Willen bist du tot. Rede, wo ist das Dokument?
+
+Amtmann.
+Es ist--verschlossen.
+
+
+
+Neunter Auftritt
+Graefin. Hofrat. Die Vorigen.
+
+Graefin.
+Was gibt's hier?
+
+Hofrat.
+Was machen Sie?
+
+Friederike (immer zum Amtmann).
+Ruehren Sie sich nicht, oder Sie sind des Todes! Wo verschlossen?
+
+Amtmann.
+In meinem Pulte.
+
+Friederike.
+Und in dem Pulte! Wo?
+
+Amtmann.
+Zwischen einem Doppelboden.
+
+Friederike.
+Wo ist der Schluessel?
+
+Amtmann.
+In meiner Tasche.
+
+Friedericke.
+Und wie geht der doppelte Boden auf?
+
+Amtmann.
+Durch einen Druck an der rechten Seite.
+
+Friederike.
+Heraus den Schluessel!
+
+Amtmann.
+Hier ist er.
+
+Friederike.
+Hingeworfen!
+
+Amtmann (wirft ihn auf die Erde).
+
+Friederike.
+Und die Stube?
+
+Amtmann.
+Ist offen.
+
+Friederike.
+Wer ist drinnen?
+
+Amtmann.
+Meine Magd und mein Schreiber.
+
+Friederike.
+Sie haben alles gehoert, Herr Hofrat. Ich habe Ihnen ein umstaendliches
+Gespraech erspart. Nehmen Sie den Schluessel, und holen Sie das
+Dokument. Bringen Sie es nicht zurueck, so hat er gelogen, und ich
+schiesse ihn darum tot.
+
+Hofrat.
+Lassen Sie ihn mitgehen; bedenken Sie, was Sie tun.
+
+Friederike.
+Ich weiss, was ich tue. Machen Sie mich nicht wild, und gehen Sie.
+(Hofrat ab.)
+
+Graefin.
+Meine Tochter, du erschreckst mich. Tu das Gewehr weg!
+
+Friederike.
+Gewiss nicht eher, als bis ich das Dokument sehe.
+
+Graefin.
+Hoerst du nicht? Deine Mutter befiehlt's.
+
+Friederike.
+Und wenn mein Vater aus dem Grabe aufstuende, ich gehorchte nicht.
+
+Graefin.
+Wenn es losginge!
+
+Friederike.
+Welch Unglueck waere das?
+
+Amtmann.
+Es wuerde Sie gereuen.
+
+Friederike.
+Gewiss nicht. Erinnerst du dich noch, Nichtswuerdiger, als ich vorm
+Jahr im Zorn nach dem Jaegerburschen schoss, der meinen Hund pruegelte,
+erinnerst du dich noch, da ich ausgescholten wurde, und alle Menschen
+den gluecklichen Zufall priesen, der mich hatte fehlen lassen, da warst
+du's allein, der haemisch laechelte und sagte: Was waer' es denn
+gewesen? Ein Kind aus einem vornehmen Hause! Das waere mit Geld
+abzutun. Ich bin noch immer ein Kind, ich bin noch immer aus einem
+vornehmen Hause; so muesste das auch wohl mit Geld abzutun sein.
+
+Hofrat (kommt zurueck).
+Hier ist das Dokument.
+
+Friederike.
+Ist es? (Sie bringt das Gewehr in Ruh.)
+
+Graefin.
+Ist's moeglich?
+
+Amtmann.
+O, ich Ungluecklicher!
+
+Friederike.
+Geh! Elender! Dass deine Gegenwart meine Freude nicht vergaelle!
+
+Hofrat.
+Es ist das Original.
+
+Friederike.
+Geben Sie mir's. Morgen will ich's den Gemeinden selbst zeigen und
+sagen, dass ich's ihnen erobert habe.
+
+Graefin (sie umarmend).
+Meine Tochter.
+
+Friederike.
+Wenn mir der Spass nur die Lust an der Jagd nicht verdirbt. Solch ein
+Wildpret schiess' ich nie wieder!
+
+
+
+
+Fuenfter Aufzug
+(Nacht, trueber Mondschein.)
+
+Das Theater stellt einen teil des Parks vor, der frueher beschrieben
+worden. Raue steile Felsenbaenke, auf denen ein verfallenes Schloss.
+Natur und Mauerwerk ineinander verschraenkt. Die Ruine, sowie die
+Felsen mit Baeumen und Bueschen bewachsen. Eine dunkle Kluft deutet auf
+Hoehlen, wo nicht gar unterirdische Gaenge.
+
+Frederike, Fackel tragend, die Buechse unterm Arm, Pistolen im Guertel,
+tritt aus der Hoehle, umherspuerend. Ihr folgt die Graefin, den Sohn an
+der Hand. Auch Luise. Sodann der Bediente, mit Kaestchen beschwert.
+Man erfaehrt, dass von hier ein unterirdischer Gang zu den Gewoelben des
+Schlosses reicht, dass man die Schlosspforten gegen die andringenden
+Bauern verriegelt, dass die Graefin verlangt habe, man solle ihnen aus
+dem Fenster das Dokument ankuendigen und zeigen und so alles beilegen.
+Friederike jedoch sei nicht zu bewegen gewesen, sich in irgendeine
+Kapitulation einzulassen, noch sich einer Gewalt, selbst nach eigenen
+Absichten, zu fuegen. Sie habe vielmehr die Ihrigen zur Flucht
+genoetigt, um auf diesem geheimen Wege ins Freie zu gelangen und den
+benachbarten Sitz eines Anverwandten zu erreichen. Eben will man sich
+auf den Weg machen, als man oben in der Ruine Licht sieht, ein
+Geraeusch hoert. Man zieht sich in die Hoehle zurueck.
+
+Herunter kommen Jakob, der Hofrat und eine Partei Bauern. Jakob hatte
+sie unterwegs angetroffen und sie zugunsten der Herrschaft zu bereden
+gesucht. Der Wagen des wegfahrenden Hofrats war unter sie gekommen.
+Dieser wuerdige Mann verbindet sich mit Jakob und kann das
+Hauptargument, dass der Originalrezess gefunden sei, allen uebrigen
+Beweggruenden hinzufuegen. Die aufgeregte Schar wird beruhigt, ja sie
+entschliesst sich, den Damen zu Hilfe zu kommen.
+
+Friederike, die gelauscht hat, nun von allem unterrichtet, tritt unter
+sie, dem Hofrat und dem jungen Landmann sehr willkommen, auch den
+uebrigen durch die Vorzeigung des Dokuments hoechst erwuenscht.
+
+Eine frueher ausgesendete Patrouille dieses Trupps kommt zurueck und
+meldet, dass ein Teil der Aufgeregten vom Schlosse her im Anmarsche
+sei. Alles verbirgt sich, teils in die Hoehle, teils in Felsen und
+Gemaeuer.
+
+Breme mit einer Anzahl bewaffneter Bauern tritt auf, schilt auf den
+Magister, dass er aussen geblieben, und erklaert die Ursache, warum er
+einen teil der Mannschaft in den Gewoelben des Schlosses gelassen und
+mit dem andern sich hieher verfuegt. Er weiss das Geheimnis des
+unterirdischen Ganges und ist ueberzeugt, dass die Familie sich darein
+versteckt, und dies gibt die Gewissheit, ihrer habhaft zu werden. Sie
+zuenden Fackeln an und sind im Begriff, in die Hoehle zu treten.
+Friederike, Jakob, der Hofrat erscheine in dem Augenblicke, bewaffnet,
+sowie die uebrige Menge.
+
+Breme sucht der Sache eine Wendung durch Beispiele aus der alten
+Geschichte zu geben und tut sich auf seine Einfaelle viel zugute, da
+man sie gelten laesst, und als nun das Dokument auch hier seine Wirkung
+nicht verfehlt, so schliesst das Stueck zu allgemeiner Zufriedenheit.
+Die vier Personen, deren Gegenwart einen unangenehmen Eindruck machen
+koennte: Karoline, der Baron, der Magister und der Amtmann, kommen
+nicht mehr zum Vorschein.
+
+
+Ende dieses Projekt Guetnberg Etextes Die Aufgeregten, von Johann
+Wolfgang von Goethe.
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE AUFGEREGTEN***
+
+
+******* This file should be named 10428.txt or 10428.zip *******
+
+
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
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+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
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+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
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+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+with these requirements. We do not solicit donations in locations
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+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
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+
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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