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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:34:28 -0700
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10426 ***
+
+This Etext is in German.
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+This is the 8-bit version.
+
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+
+Die natürliche Tochter
+
+Trauerspiel
+
+Johann Wolfgang von Goethe
+
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+
+
+Personen
+
+König.
+Herzog.
+Graf.
+Eugenie.
+Hofmeisterin.
+Sekretär.
+Weltgeistlicher.
+Gerichtsrat.
+Gouverneur.
+Äbtissin.
+Mönch.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+(Dichter Wald.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+König. Herzog.
+
+König.
+Das flücht'ge Ziel, das Hunde, Ross und Mann,
+Auf seine Fährte bannend, nach sich reißt,
+Der edle Hirsch, hat über Berg und Tal
+So weit uns irr' geführt, dass ich mich selbst,
+Obgleich so landeskundig, hier nicht finde.
+Wo sind wir, Oheim? Herzog, sage mir,
+Zu welchen Hügeln schweiften wir heran?
+
+Herzog.
+Der Bach, der uns umrauscht, mein König, fließt
+Durch deines Dieners Fluren, die er deiner
+Und einer Ahnherrn königlicher Gnade,
+Als erster Lehnsmann deines Reiches, dankt.
+An jenes Felsens andrer Seite liegt
+Am grünen Hang ein artig Haus versteckt,
+Dich zu bewirten keineswegs gebaut;
+Allein bereit, dich huld'gend zu empfangen.
+
+König.
+Lass dieser Bäume hochgewölbtes Dach
+Zum Augenblick des Rastens freundlich schatten.
+Lass dieser Lüfte liebliches Geweb'
+Uns leis umstricken, dass an Sturm und Streben
+Der Jagdlust auch der Ruhe Zeit sich füge.
+
+Herzog.
+Wie du auf einmal völlig abgeschieden
+Hier hinter diesem Bollwerk der Natur,
+Mein König, dich empfindest, fühl' ich mit.
+Hier dränget sich der Unzufriednen Stimme,
+Der Unverschämten offne Hand nicht nach.
+Freiwillig einsam merkest du nicht auf,
+Ob Undankbare schleichend sich entfernen.
+Die ungestüme Welt reicht nicht hierher,
+Die immer fordert, nimmer leisten will.
+
+König.
+Soll ich vergessen, was mich sonst bedrängt,
+So muss kein Wort erinnernd mich berühren.
+Entfernten Weltgetöses Widerhall
+Verklinge nach und nach aus meinem Ohr.
+Ja, lieber Oheim, wende dein Gespräch
+Auf Gegenstände diesem Ort gemäßer.
+Hier sollen Gatten aneinander wandeln,
+Ihr Stufenglück in wohlgeratnen Kindern
+Entzückt betrachten; hier ein Freund dem Freunde,
+Verschlossnen Busen traulich öffnend, nahn.
+Und gabst du nicht erst neulich stille Winke,
+Du hofftest mir in ruh'gen Augenblicken
+Verborgenes Verhältnis zu bekennen,
+Drangvoller Wünsche holden Inbegriff,
+Erfüllung hoffend, heiter zu gestehn?
+
+Herzog.
+Mit größrer Gnade konntest du mich nicht,
+O Herr, beglücken, als indem du mir
+In diesem Augenblick die Zunge lösest.
+Was ich zu sagen habe, könnt' es wohl
+Ein andrer besser hören als mein König,
+Dem unter allen Schätzen seine Kinder
+Am herrlichsten entgegenleuchten, der
+Vollkommner Vaterfreuden Hochgenuss
+Mit seinem Knechte herzlich teilen wird?
+
+König.
+Du sprichst von Vaterfreuden! Hast du je
+Sie denn gefühlt? Verkümmerte dir nicht
+Dein einz'ger Sohn durch rohes, wildes Wesen,
+Verworrenheit, Verschwendung, starren Trutz
+Dein reiches Leben, dein erwünschtes Alter?
+Verändert er auf einmal die Natur?
+
+Herzog.
+Von ihm erwart' ich keine frohen Tage!
+Sein trüber Sinn erzeugt nur Wolken, die,
+Ach, meinen Horizont so oft verfinstern.
+Ein anderes Gestirn, ein andres Licht
+Erheitert mich. Und wie in dunklen Grüften,
+Das Märchen sagt's, Karfunkelsteine leuchten,
+Mit herrlich mildem Schein der öden Nacht
+Geheimnisvolle Schauer hold beleben,
+So ward auch mir ein Wundergut beschert,
+Mir Glücklichem! Das ich mit Sorgfalt, mehr
+Als den Besitz ererbt errungner Güter,
+Als meiner Augen, meines Lebens Licht,
+Mit Freud' und Furcht, mit Lust und Sorge pflege.
+
+König.
+Sprich vom Geheimnis nicht geheimnisvoll.
+
+Herzog.
+Wer spräche vor der Majestät getrost
+Von seinen Fehlern, wenn sie nicht allein
+Den Fehl in Recht und Glück verwandeln könnte.
+
+König.
+Der wonnevoll geheim verwahrte Schatz?
+
+Herzog.
+Ist eine Tochter.
+
+König.
+ Eine Tochter? Wie?
+Und suchte, Fabelgöttern gleich, mein Oheim,
+Zum niedern Kreis verstohlen hingewandt,
+Sich Liebesglück und väterlich Entzücken?
+
+Herzog.
+Das Große wie das Niedre nötigt uns,
+Geheimnisvoll zu handeln und zu wirken.
+Nur allzu hoch stand jene heimlich mir
+Durch wundersam Geschick verbundne Frau,
+Um welche noch dien Hof in Trauer wandelt
+Und meiner Brust geheime Schmerzen teilt.
+
+König.
+Die Fürstin? Die verehrte, nah verwandte,
+Nur erst verstorbne?
+
+Herzog.
+ War die Mutter! Lass,
+O lass mich nur von diesem Kinde reden,
+Das, seiner Eltern wert und immer werter,
+Mit edlem Sinne sich des Lebens freut.
+Begraben sei das übrige mit ihr,
+Der hoch begabten, hoch gesinnten Frauen.
+Ihr Tod eröffnet mir den Mund, ich darf
+vor meinem König meine Tochter nennen,
+Ich darf ihn bitten, sie zu mir herauf,
+Zu sich herauf zu heben, ihr das Recht
+Der fürstlichen Geburt vor seinem Hofe,
+Vor seinem Reiche, vor der ganzen Welt
+Aus seiner Gnadenfülle zu bewähren.
+
+König.
+Vereint in sich die Nichte, die du mir,
+So ganz erwachsen, zuzuführen denkst,
+Des Vaters und der Mutter Tugenden:
+So muss der Hof, das königliche Haus,
+Indem uns ein Gestirn entzogen wird,
+Den Aufgang eines neuen Sterns bewundern.
+
+Herzog.
+O kenne sie, eh' du zu ihrem Vorteil
+Dich ganz entscheidest. Lass ein Vaterwort
+Dich nicht bestechen! Manches hat Natur
+Für sie getan, das ich entzückt betrachte,
+Und alles, was in meinem Kreise webt,
+Hab' ich um ihre Kindheit hergelagert.
+Schon ihren ersten Weg geleiteten
+Ein ausgebildet Weib, ein weiser Mann.
+Mit welcher Leichtigkeit, mit welchem Sinn
+Erfreut sie sich des Gegenwärtigen,
+Indes ihr Phantasie das künft'ge Glück
+Mit schmeichelhaften Dichterfarben malt.
+An ihrem Vater hängt ihr frommes Herz,
+Und wenn ihr Geist den Lehren edler Männer,
+Sich stufenweis entwickelnd, friedlich horcht:
+So mangelt Übung ritterlicher Tugend
+Dem wohl gebauten, festen Körper nicht.
+Du selbst, mein König, hast sie unbekannt
+Im wilden drang der Jagd um dich gesehn.
+Ja, heute noch! Die Amazonentochter,
+Die in den Fluss dem Hirsche sich zuerst
+Auf raschem Pferde flüchtig nachgestürzt.
+
+König.
+Wir sorgten alle für das edle Kind!
+Ich freue mich, sie mir verwandt zu hören.
+
+Herzog.
+Und nicht zum ersten Mal empfand ich heute,
+Wie Stolz und Sorge, Vaterglück und Angst
+Zu übermenschlichem Gefühl sich mischen.
+
+König.
+Gewaltsam und behände riss das Pferd
+Sich und die Reiterin auf jenes Ufer,
+In dicht bewachsner Hügel Dunkelheit.
+Und so verschwand sie mir.
+
+Herzog.
+ Noch einmal hat
+Mein Auge sie gesehen, eh' ich sie
+Im Labyrinth der hast'gen Jagd verlor.
+Wer weiß, welch ferne Gegend sie durchstreift,
+Verdrossnen Muts, am Ziel sich nicht zu finden,
+Wo, ihrem angebeteten Monarchen sich
+In ehrerbietiger Entfernung anzunähern,
+Allein ihr jetzt erlaubt ist, bis er sie
+Als Blüte seines hoch bejahrten Stammes
+Mit königlicher Huld zu grüßen würdigt.
+
+König.
+Welch ein Getümmel seh' ich dort entstehn?
+Welch einen Zulauf nach den Felsenwänden?
+
+(Er winkt nach der Szene.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Vorigen. Graf.
+
+König.
+Warum versammelt sich die Menge dort?
+
+Graf.
+Die kühne Reiterin ist eben jetzt
+Von jener Felsenwand herabgestürzt.
+
+Herzog.
+Gott!
+
+König.
+ Ist sie sehr beschädigt?
+
+Graf.
+ Eilig hat
+Man deinen Wundarzt, Herr, dahin gerufen.
+
+Herzog.
+Was zaudr' ich? Ist sie tot, so bleibt mir nichts,
+Was mich im Leben länger halten kann.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+König. Graf.
+
+König.
+Kennst du den Anlass der Begebenheit?
+
+Graf.
+Vor meinen Augen hat sie sich ereignet.
+Ein starker Trupp von Reitern, welcher sich
+Durch Zufall von der Jagd getrennt gesehn,
+Geführt von dieser Schönen, zeigte sich
+Auf jener Klippen Wald bewachsner Höhe.
+Sie hören, sehen unten in dem Tal
+Den Jagdgebrauch vollendet, sehn den Hirsch
+Als Beute liegen seiner kläffenden
+Verfolger. Schnell zerstreuet sich die Schar,
+Und jeder sucht sich einzeln seinen Pfad,
+Hier oder dort, mehr oder weniger
+Durch einen Umweg. Sie allein besinnt
+Sich keinen Augenblick und nötiget
+Ihr Pferd von Klipp' zu Klippe grad' herein.
+Des Frevels Glück betrachten wir erstaunt;
+Denn ihr gelingt es eine Weile, doch
+Am untern stielen Abhang gehen dem Pferde
+Die letzten, schmalen Klippenstufen aus,
+Es stürzt herunter, sie mit ihm. So viel
+Konnt' ich bemerken, eh' der Menge Drang
+Sie mir verdeckte. Doch ich hörte bald
+Nach deinem Arzte rufen. So erschein' ich nun
+Auf deinen Wink, den Vorfall zu berichten.
+
+König.
+O möge sie ihm bleiben! Fürchterlich
+Ist einer, der nichts zu verlieren hat.
+
+Graf.
+So hat ihm dieser Schrecken das Geheimnis
+Auf einmal abgezwungen, das er sonst
+Mit so viel Klugheit zu verbergen strebte?
+
+König.
+Er hatte schon sich völlig mir vertraut.
+
+Graf.
+Die Lippen öffnet ihm der Fürstin Tod,
+Nun zu bekennen, was für Hof und Stadt
+Ein offenbar Geheimnis lange war.
+Es ist ein eigner, grillenhafter Zug,
+Dass wir durch Schweigen das Geschehene
+Für uns und andre zu vernichten glauben.
+
+König.
+O lass dem Menschen diesen edlen Stolz!
+Gar vieles kann, gar vieles muss geschehn,
+Was man mit Worten nicht bekennen darf.
+
+Graf.
+Man bringt sie, fürcht' ich, ohne Leben her!
+
+König.
+Welch unerwartet schreckliches Ereignis!
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Die Vorigen. Eugenie, auf zusammen geflochtenen Ästen für tot
+herein getragen. Herzog. Wundarzt. Gefolge.
+
+Herzog (zum Wundarzt).
+Wenn deine Kunst nur irgend was vermag,
+Erfahrner Mann, dem unsres Königs Leben,
+Das unschätzbare Gut, vertraut ist, lass
+Ihr helles Auge sich noch einmal öffnen,
+Dass Hoffnung mir in diesem Blick erscheine!
+Dass aus der Tiefe meines Jammers ich
+Nur Augenblicke noch gerettet werde!
+Vermagst du dann nichts weiter, kannst du sie
+Nur wenige Minuten mir erhalten:
+So lasst mich eilen, vor ihr hinzusterben,
+Dass ich im Augenblick des Todes noch
+Getröstet rufe: Meine Tochter lebt!
+
+König.
+Entferne dich, mein Oheim! Dass ich hier
+Die Vaterpflichten treulich übernehme.
+Nichts unversucht lässt dieser wackre Mann.
+Gewissenhaft, als läg' ich selber hier,
+Wird er um deine Tochter sich bemühen.
+
+Herzog.
+Sie regt sich!
+
+König.
+ Ist es wahr?
+
+Graf.
+ Sie regt sich!
+
+Herzog.
+ Starr
+Blickt sie zum Himmel, blickt verirrt umher.
+Sie lebt! Sie lebt!
+
+König (ein wenig zurücktretend).
+ Verdoppelt eure Sorge!
+
+Herzog.
+Sie lebt! Sie lebt! Sie hat dem Tage wieder
+Ihr Aug' eröffnet. Ja! Sie wird nun bald
+Auch ihren Vater, ihre Freunde kennen.
+Nicht so umher, mein liebes Kind, verschwende
+Die Blicke staunend, ungewiss; auf mich,
+Auf deinen Vater wende sie zuerst.
+Erkenne mich, lass meine Stimme dir
+Zuerst das Ohr berühren, da du uns
+Aus jener stummen Nacht zurückekehrst.
+
+Eugenie (die indes nach und nach zu sich gekommen ist und sich
+aufgerichtet hat).
+Was ist aus uns geworden?
+
+Herzog.
+ Kenne mich
+Nur erst!--Erkennst du mich?
+
+Eugenie.
+ Mein Vater!
+
+Herzog.
+ Ja!
+Dein Vater, den mit diesen holden Tönen
+Du aus den Armen der Verzweiflung rettest.
+
+Eugenie.
+Wer bracht' uns unter diese Bäume?
+
+Herzog (dem der Wundarzt ein weißes Tuch gegeben).
+ Bleib
+Gelassen, meine Tochter! Diese Stärkung,
+Nimm sie mit Ruhe, mit Vertrauen an!
+
+Eugenie (Sie nimmt dem Vater das Tuch ab, das er ihr vorgehalten,
+und verbirgt ihr Gesicht darin. Dann steht sie schnell auf, indem
+sie das Tuch vom Gesicht nimmt).
+Da bin ich wieder!--Ja, nun weiß ich alles.
+Dort oben hielt ich, dort vermaß ich mich
+Herab zu reiten, grad' herab. Verzeih!
+Nicht wahr, ich bin gestürzt? Vergibst du mir's?
+Für tot hob man mich auf? Mein guter Vater!
+Und wirst du die Verwegne lieben können,
+Die solche bittre Schmerzen dir gebracht?
+
+Herzog.
+Zu wissen glaubt' ich, welch ein edler Schatz
+In dir, o Tochter, mir beschieden ist;
+Nun steigert mir gefürchteter Verlust
+Des Glücks Empfindung ins Unendliche.
+
+König (der sich bisher im Grunde mit dem Wundarzt und dem Grafen
+unterhalten, zu dem letzten).
+Entferne jedermann! Ich will sie sprechen.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+König. Herzog. Eugenie.
+
+König (näher tretend).
+Hat sich die wackre Reiterin erholt?
+Hast sie sich nicht beschädigt?
+
+Herzog.
+ Nein, mein König!
+Und was noch übrig ist von Schreck und Weh,
+Nimmst du, o Herr, durch deinen milden Blick,
+Durch deiner Worte sanften Ton hinweg.
+
+König.
+Und wem gehört es an, das liebe Kind?
+
+Herzog (nach einer Pause).
+Da du mich fragst, so darf ich dir bekennen;
+Da du gebietest, darf ich sie vor dich
+Als meine Tochter stellen.
+
+König.
+ Deine Tochter?
+So hat für dich das Glück, mein lieber Oheim,
+Unendlich mehr als das Gesetz getan.
+
+Eugenie.
+Wohl muss ich fragen, ob ich wirklich denn
+Aus jener tödlichen Betäubung mich
+Ins Leben wieder aufgerafft? Und ob,
+Was mir begegnet, nicht ein Traumbild sei?
+Mein Vater nennt vor seinem Könige
+Mich seine Tochter. O, so bin ich's auch!
+Der Oheim eines Königes bekennt
+Mich für sein Kind, so bin ich denn die Nichte
+Des großen Königs. O verzeihe mir
+Die Majestät! Wenn aus geheimnisvollem,
+Verborgnem Zustand ich, ans Licht auf einmal
+Hervor gerissen und geblendet, mich,
+Unsicher, schwankend, nicht zu fassen weiß.
+
+(Sie wirft sich vor dem König nieder.)
+
+König.
+Mag diese Stellung die Ergebenheit
+In dein Geschick von Jugend auf bezeichnen,
+Die Demut, deren unbequeme Pflicht
+Du, deiner höheren Geburt bewusst,
+So manches Jahr im Stillen ausgeübt!
+Doch sei auch nun, wenn ich von meinen Füßen
+Zu meinem Herzen dich herauf gehoben,
+
+(Er hebt sie auf und drückt sie sanft an sich.)
+
+Wenn ich des Oheims heil'gen Vaterkuss
+Auf dieser Stirne schönen Raum gedrückt,
+So sei dies auch ein Zeichen, sei ein Siegel,
+Dich, die Verwandte, hab' ich anerkannt
+Und werde bald, was hier geheim geschah,
+Vor meines Hofes Augen wiederholen.
+
+Herzog.
+So große Gabe fordert ungeteilten
+Und unbegrenzten Dank des ganzen Lebens.
+
+Eugenie.
+Von edlen Männern hab' ich viel gelernt,
+Auch manches lehrte mich mein eigen Herz;
+Doch meinen König anzureden, bin
+Ich nicht entfernterweise vorbereitet.
+Doch wenn ich schon das ganz Gehörige
+Dir nicht zu sagen weiß, so möcht' ich doch
+Vor dir, o Herr, nicht ungeschickt verstummen.
+Was fehlte dir? Was wäre dir zu bringen?
+Die Fülle selber, die zu dir sich drängt,
+Fließt nur für andere strömend wieder fort.
+Hier stehen Tausende, dich zu beschützen,
+Hier wirken Tausende nach deinem Wink;
+Und wenn der einzelne dir Herz und Geist
+Und Arm und Leben fröhlich opfern wollte;
+In solcher großen Menge zählt er nicht,
+Er muss vor dir und vor sich selbst verschwinden.
+
+König.
+Wenn dir die Menge, gutes, edles Kind,
+Bedeutend scheinen mag, so tadl' ich's nicht;
+Sie ist bedeutend, mehr noch aber sind's
+Die wenigen, geschaffen, dieser Menge
+Durch Wirken, Bilden, Herrschen vorzustehn.
+Berief hierzu den König die Geburt,
+So sind ihm seine nächsten Anverwandten
+Geborne Räte, die, mit ihm vereint,
+Das Reich beschützen und beglücken sollten.
+O träte doch in diese Regionen,
+Zum Rate dieser hohen Wächter nie
+Vermummte Zwietracht, leise wirkend, ein!
+Dir, edle Nichte, geb' ich einen Vater
+Durch allgewalt'gen königlichen Spruch;
+Erhalte mir nun auch, gewinne mir
+Des nah verwandten Mannes Herz und Stimme!
+Gar viele Widersacher hat ein Fürst,
+O lass ihn jene Seite nicht verstärken!
+
+Herzog.
+Mit welchem Vorwurf kränkest du mein Herz!
+
+Eugenie.
+Wie unverständlich sind mir diese Worte!
+
+König.
+O lerne sie nicht allzu früh verstehn!
+Dir Pforten unsres königlichen Hauses
+Eröffn' ich dir mit eigner Hand; ich führe
+Auf glatten Marmorboden dich hinein.
+Noch staunst du dich, noch staunst du alles an,
+Und in den innern Tiefen ahnest du
+Nur sichre Würde mit Zufriedenheit.
+Du wirst es anders finden! Ja, du bist
+In eine Zeit gekommen, wo dein König
+Dich nicht zum heitren, frohen Feste ruft,
+Wenn er den Tag, der ihm das Leben gab,
+In kurzem feiern wird; doch soll der Tag
+Um deinetwillen mir willkommen sein;
+Dort werd' ich dich im offnen Kreise sehn,
+Und aller Augen werden auf dir haften.
+Die schönste Zierde gab dir die Natur;
+Und dass der Schmuck der Fürstin würdig sei,
+Die Sorge lass dem Vater, lass dem König.
+
+Eugenie.
+Der freud'gen Überraschung lauter Schrei,
+Bedeutender Gebärde dringend Streben,
+Vermöchten sie die Wonne zu bezeugen,
+Die du dem Herzen schaffend aufgeregt?
+Zu deinen Füßen, Herr, lass mich verstummen.
+
+(Sie will knien.)
+
+König (hält sie ab).
+Du sollst nicht knien.
+
+Eugenie.
+Lass, o lass mich hier
+Der völligsten Ergebung Glück genießen.
+Wenn wir in raschen, mutigen Momenten
+Auf unsern Füßen stehen, strack und kühn,
+Als eigner Stütze froh uns selbst vertraun,
+Dann scheint uns Welt und Himmel zu gehören.
+Doch was in Augenblicken der Entzückung
+Die Knie beugt, ist auch ein süß Gefühl.
+Und was wir unserm Vater, König, Gott
+Von Wonnedank, von ungemessner Liebe
+Zum reinsten Opfer bringen möchten, drückt
+In dieser Stellung sich am besten aus.
+
+(Sie fällt vor ihm nieder.)
+
+Herzog (kniet).
+Erneute Huldigung gestatte mir.
+
+Eugenie.
+Zu ewigen Vasallen nimm uns an.
+
+König.
+Erhebt euch denn und stellt euch neben mich,
+Ins Chor der Treuen, die an meiner Seite
+Das Rechte, das Beständige beschützen.
+O diese Zeit hat fürchterliche Zeichen:
+Das Niedre schwillt, das Hohe senkt sich nieder,
+Als könnte jeder nur am Platz des andern
+Befriedigung verworrner Wünsche finden,
+Nur dann sich glücklich fühlen, wenn nichts mehr
+Zu unterscheiden wäre, wenn wir alle,
+Von einem Strom vermischt dahin gerissen,
+Im Ozean uns unbemerkt verlören.
+O lasst uns widerstehen, lasst uns tapfer,
+Was uns und unser Volk erhalten kann,
+Mit doppelt neu vereinter Kraft erhalten!
+Lasst endlich uns den alten Zwist vergessen,
+Der Große gegen Große reizt, von innen
+Das Schiff durchbohrt, das, gegen äußre Wellen
+Geschlossen kämpfend, nur sich halten kann.
+
+Eugenie.
+Welch frisch wohltät'ger Glanz umleuchtet mich
+Und regt mich auf, anstatt mich zu verblenden!
+Wie! Unser König achtet uns so sehr,
+Um zu gestehen, dass er uns bedarf;
+Wir sind ihm nicht Verwandte nur, wir sind
+Durch sein Vertraun zum höchsten Platz erhoben.
+Und wenn die Edlen seines Königreichs
+Um ihn sich drängen, seine Brust zu schützen,
+So fordert er uns auf zu größerem Dienst.
+Die Herzen dem Regenten zu erhalten,
+Ist jedes Wohlgesinnten höchste Pflicht;
+Denn, wo er wankt, wankt das gemeine Wesen,
+Und wenn er fällt, mit ihm stürzt alles hin.
+Die Jugend, sagt man, bilde sich zu viel
+Auf ihre Kraft, auf ihren Willen ein;
+Doch dieser Wille, diese Kraft, auf ewig,
+Was sie vermögen, dir gehört es an.
+
+Herzog.
+Des Kindes Zuversicht, erhabner Fürst,
+Weißt du zu schätzen, weißt du zu verzeihen.
+Und wenn der Vater, der erfahrne Mann,
+Die Gabe dieses Tags, die nächste Hoffnung
+In ihrem ganzen Werte fühlt und wägt,
+So bist du seines vollen Danks gewiss.
+
+König.
+Wir wollen bald einander wieder sehn,
+An jenem Fest, wo sich die treuen Meinen
+Der Stunde freun, die mir das Licht gegeben.
+Dich geb' ich, edles Kind, an diesem Tage
+Der großen Welt, dem Hofe, deinem Vater
+Und mir. Am Throne glänze dein Geschick.
+Doch bis dahin verlang' ich von euch beiden
+Verschwiegenheit. Was unter uns geschehn,
+Erfahre niemand. Missgunst lauert auf,
+Schnell regt sie Wog' auf Woge, Sturm auf Sturm;
+Das Fahrzeug treibt an jähe Klippen hin,
+Wo selbst der Steurer nicht zu retten weiß.
+Geheimnis nur verbürget unsre Taten;
+Ein Vorsatz, mitgeteilt, ist nicht mehr dein;
+Der Zufall spielt mit deinem Willen schon;
+Selbst wer gebieten kann, muss überraschen.
+Ja, mit dem besten Willen leisten wir
+So wenig, weil uns tausend Willen kreuzen.
+O wäre mir zu meinen reinen Wünschen
+Auch volle Kraft auf kurze Zeit gegeben;
+Bis an den letzten Herd im Königreich
+Empfände man des Vaters warme Sorge.
+Begnügte sollten unter niedrem Dach,
+Begnügte sollten im Palaste wohnen.
+Und hätt' ich einmal ihres Glücks genossen,
+Entsagt' ich gern dem Throne, gern der Welt.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+Herzog. Eugenie.
+
+Eugenie.
+O welch ein selig jubelvoller Tag!
+
+Herzog.
+O möcht' ich Tag' auf Tage so erleben!
+
+Eugenie.
+Wie göttlich hat der König uns beglückt.
+
+Herzog.
+Genieße rein so ungehoffte Gaben.
+
+Eugenie.
+Er scheint nicht glücklich, ach! Und ist so gut.
+
+Herzog.
+Die Güte selbst erregt oft Widerstand.
+
+Eugenie.
+Wer ist so hart, sich ihm zu widersetzen?
+
+Herzog.
+Der Heil des Ganzen von der Strenge hofft.
+
+Eugenie.
+Des Königs Milde sollte Milde zeugen.
+
+Herzog.
+Des Königs Milde zeugt Verwegenheit.
+
+Eugenie.
+Wie edel hat ihn die Natur gebildet.
+
+Herzog.
+Doch auf zu hohen Platz hinaufgestellt.
+
+Eugenie.
+Und ihn mit so viel Tugend ausgestattet.
+
+Herzog.
+Zur Häuslichkeit, zum Regimente nicht.
+
+Eugenie.
+Von altem Heldenstamme grünt er auf.
+
+Herzog.
+Die Kraft entgeht vielleicht dem späten Zweige.
+
+Eugenie.
+Die Schwäche zu vertreten, sind wir da.
+
+Herzog.
+Sobald er unsre Stärke nicht verkennt.
+
+Eugenie (nachdenklich).
+Mich leiten seine Reden zum Verdacht.
+
+Herzog.
+Was sinnest du? Enthülle mir dein Herz.
+
+Eugenie (nach einer Pause).
+Auch du bist unter denen, die er fürchtet.
+
+Herzog.
+Er fürchte jene, die zu fürchten sind.
+
+Eugenie.
+Und sollten ihm geheime Feinde drohen?
+
+Herzog.
+Wer die Gefahr verheimlicht, ist ein Feind.
+Wo sind wir hingeraten! Meine Tochter!
+Wie hat der sonderbarste Zufall uns
+Auf einmal weggerissen nach dem Ziel.
+Unvorbereitet red' ich, übereilt
+Verwirr' ich dich, anstatt dich aufzuklären.
+So musste dir der Jugend heitres Glück
+Beim ersten Eintritt in die Welt verschwinden.
+Du konntest nicht in süßer Trunkenheit
+Der blendenden Befriedigung genießen.
+Das Ziel erreichst du; doch des falschen Kranzes
+Verborgne Dornen ritzen deine Hand.
+Geliebtes Kind! So sollt' es nicht geschehn!
+Erst nach und nach, so hofft' ich, würdest du
+Dich aus Beschränkung an die Welt gewöhnen,
+Erst nach und nach den liebsten Hoffnungen
+Entsagen lernen, manchem holden Wunsch.
+Und nun auf einmal, wie der jähe Sturz
+Dir vorbedeutet, bist du in den Kreis
+Der Sorgen, der Gefahr herabgestürzt.
+Misstrauen atmet man in dieser Luft,
+Der Neid verhetzt ein fieberhaftes Blut
+Und übergibt dem Kummer seine Kranken.
+Ach, soll ich nun nicht mehr ins Paradies,
+Das dich umgab, am Abend wieder kehren,
+Zu deiner Unschuld heil'gen Vorgefühl
+Mich von der Welt gedrängter Posse retten!
+Du wirst fortan, mit mir ins Netz verstrickt,
+Gelähmt, verworren, dich und mich betrauern.
+
+Eugenie.
+Nicht so, mein Vater! Konnt' ich schon bisher,
+Untätig, abgesondert, eingeschlossen,
+Ein kindlich Nichts, die reinste Wonne dir,
+Schon in des Daseins Unbedeutenheit
+Erholung, Trost und Lebenslust gewähren:
+Wie soll die Tochter erst, in dein Geschick
+Verflochten, im Gewebe deines Lebens
+Als heitrer bunter Faden künftig glänzen!
+Ich nehme teil an jeder edlen Tat,
+An jeder großen Handlung, die den Vater
+Dem König und dem Reiche werter macht.
+Mein frischer Sinn, die jugendliche Lust,
+Die mich belebt, sie teilen dir sich mit,
+Verscheuchen jene Träume, die der Welt
+Unüberwindlich ungeheure Last
+Auf eine Menschenbrust zerknirschend wälzen.
+Wenn ich dir sonst in trüben Augenblicken
+Ohnmächt'gen guten Willen, arme Liebe,
+Dir leere Tändeleien kindlich bot;
+Nun hoff' ich, eingeweiht in deine Pläne,
+Bekannt mit deinen Wünschen, mir das Recht
+Vollbürt'ger Kindschaft rühmlich zu erwerben.
+
+Herzog.
+Was du bei diesem wicht'gen Schritt verlierst,
+Erscheint dir ohne Wert und ohne Würde;
+Was du erwartest, schätzest du zu sehr.
+
+Eugenie.
+Mit hoch erhabnen, hoch beglückten Männern
+Gewalt'ges Ansehn, würd'gen Einfluss teilen,
+Für edle Seelen reizender Gewinn!
+
+Herzog.
+Gewiss! Vergib, wenn du in dieser Stunde
+Mich schwächer findest, als dem Manne ziemt.
+Wir tauschten sonderbar die Pflichten um:
+Ich soll dich leiten, und du leitest mich.
+
+Eugenie.
+Wohl denn, mein Vater, tritt mit mir herauf
+In diese Regionen, wo mir eben
+Die neue, heitre Sonne sich erhebt!
+In diesen muntren Stunden lächle nur,
+Wenn ich den Inbegriff von meinen Sorgen
+Dir auch eröffne.
+
+Herzog.
+ Sage, was es ist.
+
+Eugenie.
+Der wichtigen Momente gibt's im Leben
+Gar manche, die mit Freude, die mit Trauer
+Des Menschen Herz bestürmen. Wenn der Mann
+Sein Äußeres in solchem Fall vergisst,
+Nachlässig oft sich vor die Menge stellt,
+So wünscht ein Weib noch, jedem zu gefallen,
+Durch ausgesuchte Tracht, vollkommnen Schmuck
+Beneidenswert vor andern zu erscheinen.
+Das hab' ich oft gehört und oft bemerkt,
+Und nun empfind' ich im bedeutendsten
+Momente meines Lebens, dass auch ich
+Der mädchenhaften Schwachheit schuldig bin.
+
+Herzog.
+Was kannst du wünschen, das du nicht erlangst?
+
+Eugenie.
+Du bist geneigt, mir alles zu gewähren,
+Ich weiß es. Doch der große Tag ist nah,
+Zu nah, um alles würdig zu bereiten;
+Und was von Stoffen, Stickerei und Spitzen,
+Was von Juwelen mich umgeben soll,
+Wie kann's geschafft, wie kann's vollendet werden?
+
+Herzog.
+Uns überrascht längst gewünschtes Glück;
+Doch vorbereitet können wir's empfangen.
+Was du bedarfst, ist alles angeschafft,
+Und heute noch, verwahrt im edlen Schrein,
+Erhältst du Gaben, die du nicht erwartet.
+Doch leichte Prüfung leg' ich dir dabei
+Zum Vorbild mancher künftig schweren auf.
+Hier ist der Schlüssel! Den verwahre wohl!
+Bezähme deine Neugier! Öffne nicht,
+Eh' ich dich wieder sehe, jenen Schatz.
+Vertraue niemand, sei es, wer es sei.
+Die Klugheit rät's, der König selbst gebeut's.
+
+Eugenie.
+Dem Mädchen sinnst du harte Prüfung aus;
+Doch will ich sie bestehn, ich schwör' es dir!
+
+Herzog.
+Mein eigner wüster Sohn umlauert ja
+Die stillen Wege, die ich dich geführt.
+Der Güter kleinen Teil, den ich bisher
+Dir schuldig zugewandt, missgönnt er schon.
+Erführ' er, dass du, höher nun empor
+Durch unsres Königs Gunst gehoben, bald
+In manchem Recht ihm gleich dich stellen könntest,
+Wie müsst' er wüten! Würd' er tückisch nicht,
+Den schönen Schritt zu hindern, alles tun?
+
+Eugenie.
+Lass uns im Stillen jenen Tag erharren.
+Und wenn geschehn ist, was mich seine Schwester
+Zu nennen mich berechtigt, soll's an mir,
+Soll's an gefälligem Betragen, guten Worten,
+Nachgiebigkeit und Neigung nicht gebrechen.
+Er ist dein Sohn; und sollt' er nicht nach dir
+Zur Liebe, zur Vernunft gebildet sein?
+
+Herzog.
+Ich traue dir ein jedes Wunder zu,
+Verrichte sie zu meines Hauses Bestem
+Und lebe wohl. Doch ach! Indem ich scheide,
+Befällt mich grausend jäher Furcht Gewalt.
+Hier lagst du tot in meinen Armen! Hier
+Bezwang mich der Verzweiflung Tigerklaue.
+Wer nimmt das Bild vor meinen Augen weg!
+Dich hab' ich tot gesehn! So wirst du mir
+An manchem Tag, in mancher Nacht erscheinen.
+War ich entfernt von dir nicht stets besorgt?
+Nun ist's nicht mehr ein kranker Grillentraum,
+Es ist ein wahres, unauslöschlichs Bild:
+Eugenie, das Leben meines Lebens,
+Bleich, hingesunken, atemlos, entseelt.
+
+Eugenie.
+Erneue nicht, was du entfernen solltest,
+Lass diesen Sturz, lass diese Rettung dir
+Als wertes Pfand erscheinen meines Glücks.
+Lebendig siehst du sie vor deinen Augen
+
+(Indem sie ihn umarmt.)
+
+Und fühlst lebendig sie an deiner Brust.
+So lass mich immer, immer wieder kehren!
+Und vor dem glühnden, liebevollen Leben
+Entweiche des verhassten Todes Bild.
+
+Herzog.
+Kann wohl ein Kind empfinden, wie den Vater
+Die Sorge möglichen Verlustes quält?
+Gesteh' ich's nur! Wie öfters hat mich schon
+Dein überkühner Mut, mit dem du dich,
+Als wie ans Pferd gewachsen, voll Gefühl
+Der doppelten, zentaurischen Gewalt,
+Durch Tal und Berg, durch Fluss und Graben schleuderst,
+Wie sich ein Vogel durch die Lüfte wirft,
+Ach! Öfters mehr geängstigt als entzückt.
+Dass doch gemäßigter dein Trieb fortan
+Der ritterlichen Übung sich erfreue!
+
+Eugenie.
+Dem Ungemessnen beugt sich die Gefahr,
+Beschlichen wird das Mäßige von ihr.
+O fühle jetzt wie damals, da du mich,
+Ein kleines Kind, in ritterliche Weise
+Mit heitrer Kühnheit fröhlich eingeweiht.
+
+Herzog.
+Ich hatte damals unrecht; soll mich nun
+Ein langes Leben sorgenvoll bestrafen?
+Und locket Übung des Gefährlichen
+Nicht die Gefahr an uns heran?
+
+Eugenie.
+ Das Glück,
+Und nicht die Sorge bändigt die Gefahr.
+Leb' wohl, mein Vater, folge deinem König,
+Und sei nun auch um deiner Tochter willen
+Sein redlicher Vasall, sein treuer Freund.
+Leb' wohl!
+
+Herzog.
+ O bleib! Und steh an diesem Platz
+Lebendig, aufrecht, noch einmal, wie du
+Ins Leben wieder aufsprangst, wo mit Wonne
+Du mein zerrissen Herz erfüllend heiltest.
+Unfruchtbar bleibe diese Freude nicht!
+Zum ew'gen Denkmal weih' ich diesen Ort.
+Hier soll ein Tempel aufstehn, der Genesung,
+Der glücklichsten, gewidmet. Rings umher
+Soll deine Hand ein Feenreich erschaffen.
+Den wilden Wald, das struppige Gebüsch
+Soll sanfter Gänge Labyrinth verknüpfen.
+Der steile Fels wird gangbar, dieser Bach,
+In reinen Spiegeln fällt er hier und dort.
+Der überraschte Wandrer fühlt sich hier
+Ins Paradies versetzt. Hier soll kein Schuss,
+Solang ich lebe, fallen, hier kein Vogel
+Von seinem Zweig, kein Wild in seinem Busch
+Geschreckt, verwundet, hingeschmettert werden.
+Hier will ich her, wenn mir der Augen Licht,
+Wenn mir der Füße Kraft zuletzt versagt,
+Auf dich gelehnt, wallfahrten; immer soll
+Des gleichen Danks Empfindung mich beleben.
+Nun aber lebe wohl! Und wie?--Du weinst?
+
+Eugenie.
+O! Wenn mein Vater ängstlich fürchten darf,
+Die Tochter zu verlieren, soll in mir
+Sich keine Sorge regen, ihn vielleicht--
+Wie kann ich's denken, sagen--ihn zu missen?
+Verwaiste Väter sind beklagenswert;
+Allein verwaiste Kinder sind es mehr.
+Und ich, die Ärmste, stünde ganz allein
+Auf dieser weiten, fremden, wilden Welt,
+Müsst' ich von ihm, dem Einzigen, mich trennen.
+
+Herzog.
+Wie du mich stärktest, geb' ich dir's zurück.
+Lass uns getrost, wie immer, vorwärts gehen!
+Das Leben ist des Lebens Pfand; es ruht
+Nur auf sich selbst und muss sich selbst verbürgen.
+Drum lass uns eilige auseinander scheiden!
+Von diesem allzu weichen Lebewohl
+Soll ein erfreulich wieder Sehn uns heilen!
+
+(Sie trennen sich schnell; aus der Entfernung werfen sie sich
+mit ausgebreiteten Armen ein Lebewohl zu und gehen eilig ab.)
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+(Zimmer Eugenies, im gotischen Stil.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Hofmeisterin. Sekretär.
+
+Sekretär.
+Verdien' ich, dass du mich, im Augenblick,
+Da ich erwünschte Nachricht bringe, fliehst?
+Vernimm nur erst, was ich zu sagen habe!
+
+Hofmeisterin.
+Wohin es deutet, fühl' ich nur zu sehr.
+O lass mein Auge vom bekannten Blick,
+Mein Ohr sich von bekannter Stimme wenden!
+Entfliehen lass mich der Gewalt, die, sonst
+Durch Lieb' und Freundschaft wirksam, fürchterlich
+Wie ein Gespenst mir nun zur Seite steht.
+
+Sekretär.
+Wenn ich des Glückes Füllhorn dir auf einmal
+Nach langem Hoffen vor die Füße schütte,
+Wenn sich die Morgenröte jenes Tags,
+Der unsern Bund auf ewig gründen soll,
+Am Horizonte feierlich erhebt,
+So scheinst du nun verlegen, widerwillig
+Den Antrag eines Bräutigams zu fliehn.
+
+Hofmeisterin.
+Du zeigst mir nur die eine Seite dar,
+Sie glänzt und leuchtet, wie im Sonnenschein
+Die Welt erfreulich daliegt; aber hinten
+Droht schwarzer Nächte Graus, ich ahn' ihn schon.
+
+Sekretär.
+So lass uns erst die schöne Seite sehn!
+Verlangst du Wohnung, mitten in der Stadt,
+Geräumig, heiter, trefflich ausgestattet,
+Wie man's für sich, so wie für Gäste wünscht?
+Sie ist bereit, der nächste Winter findet
+Uns festlich dort umgeben, wenn du willst.
+Sehnst du im Frühling dich aufs Land, auch dort
+Ist uns ein Haus, ein Garten uns bestimmt,
+Ein reiches Feld. Und was Erfreuliches
+An Waldung, Busch, an Wiesen, Bach und Seen
+Sich Phantasie zusammendrängen mag,
+Genießen wir, zum Teil als unser eignes,
+Zum Teil als allgemeines Gut. Wobei
+Noch manche Rente gar bequem vergönnt,
+Durch Sparsamkeit ein sichres Glück zu steigern.
+
+Hofmeisterin.
+In trübe Wolken hüllt sich jenes Bild,
+So heiter du es malst, vor meinen Augen.
+Nicht wünschenswert, abscheulich naht sich mir
+Der Gott der Welt im Überfluss heran.
+Was für ein Opfer fordert er? Das Glück
+Des holden Zöglings müsst' ich morden helfen!
+Und was ein solch Verbrechen mir erwarb,
+Ich sollt' es je mit freier Brust genießen?
+Eugenie! Du, deren holdes Wesen
+In meiner Nähe sich von Jugend auf
+Aus reicher Fülle rein entwickeln sollte,
+Kann ich noch unterscheiden, was an dir
+Dein eigen ist, und was du mir verdankst?
+Dich, die ich als mein selbst gebildet Werk
+Im Herzen trage, sollt' ich nun zerstören?
+Von welchem Stoffe seid ihr denn geformt,
+Ihr Grausamen, dass eine solche Tat
+Ihr fordern dürft und zu belohnen glaubt?
+
+Sekretär.
+Gar manchen Schatz bewahrt von Jugend auf
+Ein edles, gutes Herz und bildet ihn
+Nur immer schöner, liebenswürd'ger aus
+Zur holden Gottheit des geheimen Tempels;
+Doch wenn das Mächtige, das uns regiert,
+Ein großes Opfer heischt, wir bringen's doch
+Mit blutendem Gefühl der Not zuletzt.
+Zwei Welten sind es, meine Liebe, die,
+Gewaltsam sich bekämpfend, uns bedrängen,
+
+Hofmeisterin.
+In völlig fremder Welt für mein Gefühl
+Scheinst du zu wandeln, da du deinem Herrn,
+Dem edlen Herzog, solche Jammertage
+Verräterisch bereitest, zur Partei
+Des Sohns dich fügest--Wenn das Waltende
+Verbrechen zu begünst'gen scheinen mag,
+So nennen wir es Zufall; doch der Mensch,
+Der ganz besonnen solche Tat erwählt,
+Er ist ein Rätsel.--Doch--und bin ich nicht
+Mir auch ein Rätsel, dass ich noch an dir
+Mit solcher Neigung hänge, da du mich
+Zum jähen Abgrund hinzureißen strebst?
+Warum o! Schuf dich die Natur von außen
+Gefällig, liebenswert, unwiderstehlich,
+Wenn sie ein kaltes Herz in deinen Busen,
+Ein Glück zerstörendes, zu pflanzen dachte?
+
+Sekretär.
+An meiner Neigung Wärme zweifelst du?
+
+Hofmeisterin.
+Ich würde mich vernichten, wenn ich's könnte.
+Doch ach! Warum, und mit verhasstem Plan,
+Aufs Neue mich bestürmen? Schwurst du nicht,
+In ew'ge Nacht das Schrecknis zu begraben?
+
+Sekretär.
+Ach leider drängt sich's mächtiger hervor.
+Den jungen Fürsten zwingt man zum Entschluss.
+Erst blieb Eugenie so manches Jahr
+Ein unbedeutend unbekanntes Kind.
+Du hast sie selbst von ihren ersten Tagen
+In diesen alten Sälen auferzogen,
+Von wenigen besucht und heimlich nur.
+Doch wie verheimlichte sich Vaterliebe!
+Der Herzog, stolz auf seiner Tochter Wert,
+Lässt nach und nach sie öffentlich erscheinen;
+Sie zeigt sich reitend, fahrend. Jeder fragt
+Und jeder weiß zuletzt, woher sie sei.
+Nun ist die Mutter tot. Der stolzen Frau
+War dieses Kind ein Gräuel, das ihr nur
+Der Neigung Schwäche vorzuwerfen schien.
+Nie hat sie's anerkannt und kaum gesehn.
+Durch ihren Tod fühlt sich der Herzog frei,
+Entwirft geheime Pläne, nähert sich
+Dem Hofe wieder und entsagt zuletzt
+Dem alten Groll, versöhnt sich mit dem König
+Und macht sich's zur Bedingung, dieses Kind
+Als Fürstin seines Stamms erklärt zu sehn.
+
+Hofmeisterin.
+Und gönnt ihr dieser köstlichen Natur
+Vom Fürstenblute nicht das Glück des Rechts?
+
+Sekretär.
+Geliebte, Teure! Sprichst du doch so leicht,
+Durch diese Mauern von der Welt geschieden,
+In klösterlichem sinne von dem Wert
+Der Erdengüter. Blicke nur hinaus!
+Dort wägt man besser solchen edlen Schatz.
+Der Vater neidet ihn dem Sohn, der Sohn
+Berechnet seines Vaters Jahre, Brüder
+Entzweit ein ungewisses Recht auf Tod
+Und Leben. Selbst der Geistliche vergisst,
+Wohin er streben soll, und strebt nach Gold.
+Verdächte man's dem Prinzen, der sich stets
+Als einz'gen Sohn gefühlt, wenn er sich nun
+Die Schwester nicht gefallen lassen will,
+Die, eingedrungen, ihm das Erbteil schmälert?
+Man stelle sich an seinen Platz und richte.
+
+Hofmeisterin.
+Und ist er nicht schon jetzt ein reicher Fürst?
+Und wird er's nicht durch seines Vaters Tod
+Zum Übermaß? Wie wär' ein Teil der Güter
+So köstlich angelegt, wenn er dafür
+Die holde Schwester zu gewinnen wüsste!
+
+Sekretär.
+Willkürlich handeln ist des Reichen Glück!
+Er widerspricht der Fordrung der Natur,
+Der Stimme des Gesetzes, der Vernunft,
+Und spendet an den Zufall seine Gaben.
+Genug besitzen hieße darben. Alles
+Bedürfte man! Unendlicher Verschwendung
+Sind ungemessne Güter wünschenswert.
+Hier denke nicht zu raten, nicht zu mildern;
+Kannst du mit uns nicht wirken, gib uns auf!
+
+Hofmeisterin.
+Und was denn wirken? Lange droht ihr schon
+Von fern dem Glück des liebenswürd'gen Kindes.
+Was habt ihr denn in eurem furchtbarn Rat
+Beschlossen über sie? Verlangt ihr etwa,
+Dass ich mich blind zu eurer Tat geselle?
+
+Sekretär.
+Mitnichten! Hören kannst und sollst du gleich,
+Was zu beginnen, was von dir zu fordern
+Wir selbst genötigt sind. Eugenien
+Sollst du entführen! Sie muss dergestalt
+Auf einmal aus der Welt verschwinden, dass
+Wir sie getrost als tot beweinen können;
+Verborgen muss ihr künftiges Geschick,
+Wie das Geschick der Toten, ewig bleiben.
+
+Hofmeisterin.
+Lebendig weiht ihr sie dem Grabe, mich
+Bestimmt ihr tückisch zur Begleiterin.
+Mich stoßt ihr mit hinab. Ich soll mit ihr,
+Mit der Verratnen die Verräterin,
+Der Toten Schicksal vor dem Tode teilen.
+
+Sekretär.
+Du führst sie hin und kehrest gleich zurück.
+
+Hofmeisterin.
+Soll sie im Kloster ihre Tage schließen?
+
+Sekretär.
+Im Kloster nicht; wir mögen solch ein Pfand
+Der Geistlichkeit nicht anvertrauen, die
+Es leicht als Werkzeug gegen uns gebrauchte.
+
+Hofmeisterin.
+So soll sie nach den Inseln? Sprich es aus.
+
+Sekretär.
+Du wirst's vernehmen! Jetzt beruh'ge dich.
+
+Hofmeisterin.
+Wie kann ich ruhen bei Gefahr und Not,
+Die meinen Liebling, die mich selbst bedräut?
+
+Sekretär.
+Dein Liebling kann auch drüben glücklich sein,
+Und dich erwarten hier Genuss und Wonne.
+
+Hofmeisterin.
+O schmeichelt euch mit solcher Hoffnung nicht.
+Was hilft's, in mich zu stürmen? Zum Verbrechen
+Mich anzulocken, mich zu drängen? Sie,
+Das hohe Kind, wird euren Plan vereiteln.
+Gedenkt nur nicht, sie als geduld'ges Opfer
+Gefahrlos wegzuschleppen. Dieser Geist,
+Der mutvoll sie beseelt, ererbte Kraft
+Begleiten sie, wohin sie geht, zerreißen
+Das falsche Netz, womit ihr sie umgabt.
+
+Sekretär.
+Sie festzuhalten, das gelinge dir!
+Willst du mich überreden, dass ein Kind,
+Bisher im sanften Arm des Glücks gewiegt,
+Im unverhofften Fall Besonnenheit
+Und Kraft, Geschick und Klugheit zeigen werde?
+Gebildet ist ihr Geist, doch nicht zur Tat,
+Und wenn sie richtig fühlt und weise spricht,
+So fehlt noch viel, dass sie gemessen handle.
+Des Unerfahrnen hoher, freier Mut
+Verliert sich leicht in Feigheit und Verzweiflung,
+Wenn sich die Not ihm gegenüberstellt.
+Was wir gesonnen, führe du es aus!
+Klein wird das Übel werden, groß das Glück.
+
+Hofmeisterin.
+So gebt mir Zeit, zu prüfen und zu wählen!
+
+Sekretär.
+Der Augenblick des Handelns drängt uns schon.
+Der Herzog scheint gewiss, dass ihm der König
+Am nächsten Fest die hohe Gunst gewähren
+Und seine Tochter anerkennen wolle;
+Denn Kleider und Juwelen stehn bereit,
+Im prächt'gen Kasten sämtlich eingeschlossen,
+Wozu er selbst die Schlüssel wohl verwahrt
+Und ein Geheimnis zu verwahren glaubt;
+Wir aber wissen's wohl und sind gerüstet;
+Geschehen muss nun schnell das Überlegte.
+Heut Abend hörst du mehr. Nun lebe wohl!
+
+Hofmeisterin.
+Auf düstern Wegen wirkt ihr tückisch fort
+Und wähnet, euren Vorteil klar zu sehen.
+Habt ihr denn jeder Ahnung euch verschlossen,
+Dass über Schuld und Unschuld, Licht verbreitend,
+Ein rettend, rächend Wesen göttlich schwebt?
+
+Sekretär.
+Wer wagt, ein Herrschendes zu leugnen, das
+Sich vorbehält, den Ausgang unsrer Taten
+Nach seinem einz'gen Willen zu bestimmen?
+Doch wer hat sich zu seinem hohen Rat
+Gesellen dürfen? Wer Gesetz und Regel,
+Wonach es ordnend spricht, erkennen mögen?
+Verstand empfingen wir, uns mündig selbst
+Im ird'schen Element zurecht zu finden,
+Und was uns nützt, ist unser höchstes Recht.
+
+Hofmeisterin.
+Und so verleugnet ihr das Göttlichste,
+Wenn euch des Herzens Winke nichts bedeuten.
+Mich ruft es auf, die schreckliche Gefahr
+Vom holden Zögling kräftig abzuwenden,
+Mich gegen dich und gegen Macht und List
+Beherzt zu waffnen. Kein Versprechen soll,
+Kein Drohn mich von der Stelle drängen. Hier,
+Zu ihrem Heil gewidmet, steh' ich fest.
+
+Sekretär.
+O meine Gute! Dies ihr Heil vermagst
+Du ganz allein zu schaffen, die Gefahr
+Von ihr zu wenden, magst du ganz allein,
+Und zwar, indem du uns gehorchst. Ergreife
+Sie schnell, die holde Tochter, führe sie,
+So weit du kannst, hinweg, verbirg sie fern
+Von aller Menschen Anblick, denn--du schauderst,
+Du fühlst, was ich zu sagen habe. Sei's,
+Weil du mich drängest, endlich auch gesagt:
+Sie zu entfernen ist das Mildeste.
+Willst du zu diesem Plan nicht tätig wirken,
+Denkst du, dich ihm geheim zu widersetzen,
+Und wagtest du, was ich dir anvertraut,
+Aus guter Ansicht irgend zu verraten,
+So liegt sie tot in deinen Armen! Was
+Ich selbst beweinen werde, muss geschehn.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Hofmeisterin.
+
+Die kühne Drohung überrascht mich nicht!
+Schon lange seh' ich dieses Feuer glimmen,
+Nun schlägt es blad in lichte Flammen aus.
+Um dich zu retten, muss ich, liebes Kind,
+Dich deinem holden Morgentraum entreißen.
+Nur eine Hoffnung lindert meinen Schmerz;
+Allein sie schwindet, wie ich sie ergreife.
+Eugenie! Wenn du entsagen könntest
+Dem hohen Glück, das unermesslich scheint,
+An dessen Schwelle dir Gefahr und Tod,
+Verbannung als ein Milderes begegnet.
+O dürft' ich dich erleuchten! Dürft' ich dir
+Verborgne Winkel öffnen, wo die Schar
+Verschworener Verfolger tückisch lauscht!
+Ach schweigen soll ich! Leise kann ich nur
+Dich ahnungsvoll ermahnen; wirst du wohl
+Im Taumel deiner Freude mich verstehen?
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin.
+
+Eugenie.
+Sei mir gegrüßt! Du Freundin meines Herzens,
+An Mutter Statt Geliebte, sei gegrüßt!
+
+Hofmeisterin.
+Mit Wonne drück' ich dich an dieses Herz,
+Geliebtes Kind, und freue mich der Freude,
+Die reich aus Lebensfülle dir entquillt.
+Wie heiter glänzt dein Auge! Welch Entzücken
+Umschwebet Mund und Wange! Welches Glück
+Drängt aus bewegtem Busen sich hervor!
+
+Eugenie.
+Ein großes Unheil hatte mich ergriffen,
+Vom Felsen stürzte Ross und Reiterin.
+
+Hofmeistern.
+O Gott!
+
+Eugenie.
+Sei ruhig! Siehst du doch mich wieder,
+Gesund und hoch beglückt, nach diesem Fall.
+
+Hofmeisterin.
+Und wie?
+
+Eugenie.
+Du sollst es hören, wie so schön
+Aus diesem Übel sich das Glück entwickelt.
+
+Hofmeisterin.
+Ach! Aus dem Glück entwickelt oft sich Schmerz.
+
+Eugenie.
+Sprich böser Vorbedeutung Wort nicht aus!
+Und schrecke mich der Sorge nicht entgegen.
+
+Hofmeisterin.
+O möchtest du mir alles gleich vertrauen!
+
+Eugenie.
+Von allen Menschen dir zuerst. Nur jetzt,
+Geliebte, lass mich mir. Ich muss allein
+Ins eigene Gefühl mich finden lernen.
+Du weißt, wie hoch mein Vater sich erfreut,
+Wenn unerwartet ihm ein klein Gedicht
+Entgegenkommt, wie mir's der Muse Gunst
+Bei manchem Anlass willig schenken mag.
+Verlass mich! Eben schwebt mir's heiter vor,
+Ich muss es haschen, sonst entschwindet's mir.
+
+Hofmeisterin.
+Wann soll wie sonst vertrauter Stunden Reihe
+Mit reichlichen Gesprächen uns erquicken?
+Wann öffnen wir, zufriednen Mädchen gleich,
+Die ihren Schmuck einander wiederholt
+Zu zeigen kaum ermüden, unsres Herzens
+Geheimste Fächer, uns bequem und herzlich
+Des wechselseit'gen Reichtums zu erfreuen?
+
+Eugenie.
+Auch jene Stunden werden wieder kehren,
+Von deren stillem Glück man mit Vertrauen,
+Sich des Vertrauns erinnernd, gerne spricht.
+Doch heute lass in voller Einsamkeit
+Mich das Bedürfnis jener Tage finden.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Eugenie, nachher Hofmeisterin außen.
+
+Eugenie (eine Brieftasche hervorziehend).
+Und nun geschwind zum Pergament, zum Griffel!
+Ich hab' es ganz und eilig fass' ich's auf,
+Was ich dem Könige zu jener Feier,
+Bei der ich, neu geboren durch sein Wort,
+Ins Leben trete, herzlich widmen soll.
+
+(Sie rezitiert langsam und schreibt.)
+
+ Welch Wonneleben wird hier ausgespendet!
+ Willst du, o Herr der obern Regionen,
+ Des Neulings Unvermögen nicht verschonen?
+ Ich sinke hin, von Majestät geblendet.
+ Doch bald getrost zu dir hinauf gewendet
+ Erfreut's mich, an dem Fuß der festen Thronen,
+ Ein Sprössling deines Stamms, beglückt zu wohnen,
+ Und all mein frühes Hoffen ist vollendet.
+ So fließe denn der holde Born der Gnaden!
+ Hier will die treue Brust so gern verweilen
+ Und an der Liebe Majestät sich fassen.
+ Mein Ganzes hängt an einem zarten Faden,
+ Mir ist, als müsst' ich unaufhaltsam eilen,
+ Das Leben, das du gabst, für dich zu lassen.
+
+(Das Geschriebene mit Gefälligkeit betrachtend.)
+
+So hast du lange nicht, bewegtes Herz,
+Dich in gemessnen Worten ausgesprochen!
+Wie glücklich, den Gefühlen unsrer Brust
+Für ew'ge Zeit den Stempel aufzudrücken!
+Doch ist es wohl genug? Hier quillt es fort,
+Hier quillt es auf!--Du nahest, großer Tag,
+Der uns den König gab und der nun mich
+Dem Könige, dem Vater, mich mir selbst
+Zu ungemessner Wonne geben soll.
+Dies hohe Fest verherrliche meine Lied!
+Beflügelt drängt sich Phantasie voraus,
+Sie trägt mich vor den Thron und stellt mich vor,
+Sie gibt im Kreise mir--
+
+Hofmeisterin (außen).
+ Eugenie!
+
+Eugenie.
+Was soll das?
+
+Hofmeisterin.
+ Höre mich und öffne gleich!
+
+Eugenie.
+Verhasste Störung! Öffnen kann ich nicht.
+
+Hofmeisterin.
+Vom Vater Botschaft!
+
+Eugenie.
+ Wie? Vom Vater? Gleich!
+Da muss ich öffnen.
+
+Hofmeisterin.
+ Große Gaben scheint
+Er dir zu schicken.
+
+Eugenie.
+ Warte!
+
+Hofmeisterin.
+ Hörst du?
+
+Eugenie.
+ Warte!
+Doch wo verberg' ich dieses Blatt? Zu klar
+Spricht's jene Hoffnung aus, die mich beglückt.
+Hier ist nichts zum Verschließen! Und bei mir
+Ist's nirgend sicher, diese Tasche kaum;
+Denn meine Leute sind nicht alle treu.
+Gar manches hat man schon mir, als ich schlief,
+Durchblättert und entwendet. Das Geheimnis,
+Das größte, das ich je gehegt, wohin,
+Wohin verberg' ich's?
+
+(Indem sie sich der Seitenwand nähert.)
+
+ Wohl! Hier war es ja,
+Wo du, geheimer Wandschrank, meiner Kindheit
+Unschuldige Geheimnisse verbargst!
+Du, den mir kindisch allausspähende,
+Von Neugier und von Müßiggang erzeugte,
+Rastlose Tätigkeit entdecken half,
+Du, jedem ein Geheimnis, öffne dich!
+
+(Sie drückt an einer unbemerkbaren Feder, und eine kleine Türe
+springt auf.)
+
+So wie ich sonst verbotnes Zuckerwerk
+Zu listigem Genuss in dir versteckte,
+Vertrau' ich heute meines Lebens Glück
+Entzückt und sorglich dir auf kurze Zeit.
+
+(Sie legt das Pergament in den Schrank und drückt ihn zu.)
+
+Die Tage schreiten vor, und ahnungsvoller
+Bewegen sich nun Freud' und Schmerz heran.
+
+(Sie öffnet die Türe.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin. Bediente, die einen prächtigen Putzkasten tragen.
+
+Hofmeisterin.
+Wenn ich dich störte, führ' ich gleich mit mir,
+Was mich gewiss entschuld'gen soll, herbei.
+
+Eugenie.
+Von meinem Vater? Dieser prächt'ge Schrein!
+Auf welchen Inhalt deutet solch Gefäß?
+
+(Zu den Bedienten.)
+
+Verweilt!
+
+(Sie reicht ihnen einen Beutel hin.)
+
+Zum Vorschmack eures Botenlohns
+Nehmt diese Kleinigkeit! Das Bessre folgt.
+
+(Bediente gehen.)
+
+Und ohne Brief und ohne Schlüssel! Steht
+Mir solch ein Schatz verborgen, in der Nähe?
+O Neugier! O Verlangen! Ahnest du,
+Was diese Gabe mir bedeuten kann?
+
+Hofmeisterin.
+Ich zweifle nicht, du hast es selbst erraten.
+Auf nächste Hoheit deutet sie gewiss.
+Den Schmuck der Fürstentochter bringt man dir,
+Weil dich der König bald berufen wird.
+
+Eugenie.
+Wie kannst du das vermuten?
+
+Hofmeisterin.
+ Weiß ich's doch!
+Geheimnisse der Großen sind belauscht.
+
+Eugenie.
+Und wenn du's weißt, was soll ich dir's verbergen?
+Soll ich die Neugier, dies Geschenk zu sehn,
+Vor dir umsonst bezähmen!--Hab' ich doch
+Den Schlüssel hier!--Der Vater zwar verbot's.
+Doch was verbot er? Das Geheimnis nicht
+Unzeitig zu entdecken; doch dir ist
+Es schon entdeckt. Du kannst nicht mehr erfahren,
+Als du schon weißt, und schweigst nun, mir zuliebe.
+Was zaudern wir? Komm, lass uns öffnen! Komm,
+Dass uns der Gaben hoher Glanz entzücke.
+
+Hofmeisterin.
+Halt ein! Gedenke des Verbots! Wer weiß,
+Warum der Herzog weislich so befohlen?
+
+Eugenie.
+Mit Sinn befahl er, zum bestimmten Zweck;
+Der ist vereitelt; alles weißt du schon.
+Du liebst mich, bist verschwiegen, zuverlässig.
+Lass uns das Zimmer schließen! Das Geheime
+Lass uns sogleich vertraulich untersuchen.
+
+(Sie schließt die Zimmertüre und eilt gegen den Schrank.)
+
+Hofmeisterin (sie abhaltend).
+Der prächt'gen Stoffe Gold und Farbenglanz,
+Der Perlen Milde, der Juwelen Strahl
+Bleib' im Verborgnen! Ach, sie reizen dich
+Zu jenem Ziel unwiderstehlich auf.
+
+Eugenie.
+Was sie bedeuten, ist das Reizende.
+
+(Sie öffnet den Schrank, an der Türe zeigen sich Spiegel.)
+
+Welch köstliches Gewand entwickelt sich,
+Indem ich's nur berühre, meinem Blick.
+Und diese Spiegel! Fordern sie nicht gleich,
+Das Mädchen und den Schmuck vereint zu schildern?
+
+Hofmeisterin.
+Kreusas tödliches Gewand entfaltet,
+So scheint es mir, sich unter meiner Hand.
+
+Eugenie.
+Wie schwebt ein solcher Trübsinn dir ums Haupt?
+Denk' an beglückter Bräute frohes Fest.
+Komm! Reiche mir die Teile, nach und nach.
+Das Unterkleid! Wie reich und süß durchflimmert
+Sich rein des Silbers und der Farben Blitz.
+
+Hofmeisterin (indem sie Eugenie das Gewand umlegt).
+Verbirgt sich je der Gnade Sonnenblick,
+Sogleich ermattet solch ein Widerglanz.
+
+Eugenie.
+Ein treues Herz verdient sich diesen Blick,
+Und, wenn er weichen wollte, zieht's ihn an.--
+Das Oberkleid, das goldne, schlage drüber,
+Die Schleppe ziehe, weit verbreitet, nach.
+Auch diesem Gold ist, mit Geschmack und Wahl,
+Der Blumen Schmelz metallisch aufgebrämt.
+Und tret' ich so nicht schön umgeben auf?
+
+Hofmeisterin.
+Doch wird von Kennern mehr die Schönheit selbst
+In ihrer eignen Herrlichkeit verehrt.
+
+Eugenie.
+Das einfach Schöne soll der Kenner schätzen;
+Verziertes aber spricht der Menge zu.--
+Nun leihe mir der Perlen sanftes Licht,
+Auch der Juwelen leuchtende Gewalt.
+
+Hofmeisterin.
+Doch deinem Herzen, deinem Geist genügt
+Nur eigner, innrer Wert und nicht der Schein.
+
+Eugenie.
+Der Schein, was ist er, dem das Wesen fehlt?
+Das Wesen, wär' es, wenn es nicht erschiene?
+
+Hofmeisterin.
+Und hast du nicht in diesen Mauern selbst
+Der Jugend ungetrübte Zeit verlebt?
+Am Busen deiner Liebenden, entzückt,
+Verborgner Wonne Seligkeit erfahren?
+
+Eugenie.
+Gefaltet kann die Knospe sich genügen,
+Solange sie des Winters Frost umgibt;
+Nun schwillt vom Frühlingshauche Lebenskraft,
+In Blüten bricht sie auf an Licht und Lüfte.
+
+Hofmeisterin.
+Aus Mäßigkeit entspringt ein reines Glück.
+
+Eugenie.
+Wenn du ein mäßig Ziel dir vorgesteckt.
+
+Hofmeisterin.
+Beschränktheit sucht sich der Genießende.
+
+Eugenie.
+Du überredest die Geschmückte nicht.
+O dass sich dieser Saal erweiterte
+Zum Raum des Glanzes, wo der König thront!
+Dass reicher Teppich unten, oben sich
+Der goldnen Decke Wölbung breitete!
+Dass hier im Kreise vor der Majestät
+Demütig stolz die Großen, angelacht
+Von dieser Sonne, herrlich leuchteten!
+Ich unter diesen Ausgezeichnete!
+O lass mir dieser Wonne Vorgefühl,
+Wenn aller Augen mich zum Ziel erlesen!
+
+Hofmeisterin.
+Zum Ziele der Bewunderung nicht allein,
+Zum Ziel des Neides und des Hasses mehr.
+
+Eugenie.
+Der Nieder steht als Folie des Glücks,
+Der Hasser lehrt uns immer wehrhaft bleiben.
+
+Hofmeisterin.
+Demütigung beschleicht die Stolzen oft.
+
+Eugenie.
+Ich setz' ihr Geistesgegenwart entgegen.
+
+(Zum Schranke gewendet.)
+
+Noch haben wir nicht alles durchgesehn;
+Nicht mich allein bedenk' ich diese Tage,
+Für andre hoff' ich manche Kostbarkeit.
+
+Hofmeistern (ein Kästchen hervor nehmend).
+Hier aufgeschrieben steht es: "Zu Geschenken".
+
+Eugenie.
+So nimm voraus, was dich vergnügen kann,
+Von diesen Uhren, diesen Dosen. Wähle!--
+Nein, überlege noch! Vielleicht verbirgt
+Sich Wünschenswerteres im reichen Schrein.
+
+Hofmeisterin.
+O fände sich ein kräft'ger Talisman,
+Des trüben Bruders Neigung zu gewinnen!
+
+Eugenie.
+Den Widerwillen tilge nach und nach
+Des unbefangnen Herzens reines Wirken.
+
+Hofmeisterin.
+Doch die Partei, die seinen Groll bestärkt,
+Auf ewig steht sie deinem Wunsch entgegen.
+
+Eugenie.
+Wenn sie bisher mein Glück zu hindern suchte,
+Tritt nun Entscheidung unaufhaltsam ein,
+Und ins Geschehne fügt sich jedermann.
+
+Hofmeisterin.
+Das, was du hoffest, noch ist's nicht geschehn.
+
+Eugenie.
+Doch als vollendet kann ich's wohl betrachten.
+
+(Nach dem Schrank gekehrt.)
+
+Was liegt im langen Kästchen, obenan?
+
+Hofmeisterin (die es herausnimmt).
+Die schönsten Bänder, frisch und neu gewählt--
+Zerstreue nicht durch eitlen Flitterwesens
+Neugierige Betrachtung deinen Geist.
+O wär' es möglich, dass du meinem Wort
+Gehör verliehest einen Augenblick!
+Aus stillem Kreise trittst du nun heraus
+In weite Räume, wo dich Sorgendrang,
+Vielfach geknüpfte Netze, Tod vielleicht
+Von meuchelmörderischer Hand erwartet.
+
+Eugenie.
+Du scheinst mir krank! Wie könnte sonst mein Glück
+Dir fürchterlich, als ein Gespenst erscheinen.
+
+(In das Kästchen blickend.)
+
+Was seh' ich? Diese Rolle! Ganz gewiss
+Das Ordensband der ersten Fürstentöchter!
+Auch dieses werd' ich tragen! Nur geschwind!
+Lass sehen, wie es kleidet! Es gehört
+Zum ganzen Prunk; so sei auch das versucht!
+
+(Das Band wird umgelegt.)
+
+Nun sprich vom Tode nur! Sprich von Gefahr!
+Was zieret mehr den Mann, als wenn er sich
+Im Heldenschmuck zu seinem Könige,
+Sich unter seinesgleichen stellen kann?
+Was reizt das Auge mehr als jenes Kleid,
+Das kriegerische lange Reihen zeichnet?
+Und dieses Kleid und seine Farben, sind
+Sie nicht ein Sinnbild ewiger Gefahr?
+Die Schärpe deutet Krieg, womit sich, stolz
+Auf seine Kraft, ein edler Mann umgürtet.
+O meine Liebe! Was bedeutend schmückt,
+Es ist durchaus gefährlich. Lass auch mir
+Das Mutgefühl, was mir begegnen kann,
+So prächtig ausgerüstet, zu erwarten.
+Unwiderruflich, Freundin, bleibt mein Glück.
+
+Hofmeisterin (beiseite).
+Das Schicksal, das dich trifft, unwiderruflich.
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+(Vorzimmer des Herzogs, prächtig, modern.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Sekretär. Weltgeistlicher.
+
+Sekretär.
+Tritt still herein in diese Totenstille!
+Wie ausgestorben findest du das Haus.
+Der Herzog schläft, und alle Diener stehen,
+Von seinem Schmerz durchdrungen, stumm gebeugt.
+Er schläft! Ich segnet' ihn, als ich ihn sah
+Bewusstlos auf dem Pfühle ruhig atmen.
+Das Übermaß der Schmerzen löste sich
+In der Natur balsam'scher Wohltat auf.
+Den Augenblick befürcht' ich, der ihn weckt;
+Euch wird ein jammervoller Mann erscheinen.
+
+Weltgeistlicher.
+Darauf bin ich bereitet, zweifelt nicht.
+
+Sekretär.
+Vor wenig Stunden kam die Nachricht an,
+Eugenie sei tot! Vom Pferd gestürzt!
+An eurem Orte sei sie beigesetzt,
+Als an dem nächsten Platz, wohin man sie
+Aus jenem Felsendickicht bringen können,
+Wo sie verwegen sich den Tod erstürmt.
+
+Weltgeistlicher.
+Und sie indessen ist schon weit entfernt?
+
+Sekretär.
+Mit rascher Eile wird sie weggeführt.
+
+Weltgeistlicher.
+Und wem vertraut ihr solch ein schwer Geschäft?
+
+Sekretär.
+Dem klugen Weibe, das uns angehört.
+
+Weltgeistlicher.
+In welche Gegend habt ihr sie geschickt?
+
+Sekretär.
+Zu dieses Reiches letztem Hafenplatz.
+
+Weltgeistlicher.
+Von dorten soll sie in das fernste Land?
+
+Sekretär.
+Sie führt ein günst'ger Wind sogleich davon.
+
+Weltgeistlicher.
+Und hier auf ewig gelte sie für tot!
+
+Sekretär.
+Auf deiner Fabel Vortrag kommt es an.
+
+Weltgeistlicher.
+Der Irrtum soll im ersten Augenblick
+Auf alle künft'ge Zeit gewaltig wirken.
+An ihrer Gruft, an ihrer Leiche soll
+Die Phantasie erstarren. Tausendfach
+Zerreiß' ich das geliebte Bild und grabe
+Dem Sinne des entsetzten Hörenden
+Mit Feuerzügen dieses Unglück ein.
+Sie ist dahin für alle, sie verschwindet
+Ins Nichts der Asche. Jeder kehret schnell
+Den Blick zum Leben und vergisst im Taumel
+Der treibenden Begierden, dass auch sie
+Im Reihen der Lebendigen geschwebt.
+
+Sekretär.
+Du trittst mit vieler Kühnheit ans Geschäft;
+Besorgst du keine Reue hintennach?
+
+Weltgeistlicher.
+Welch eine Frage tust du? Wir sind fest!
+
+Sekretär.
+Ein innres Unbehagen fügt sich oft
+Auch wider unsern Willen an die Tat.
+
+Weltgeistlicher.
+Was hör' ich? Du bedenklich? Oder willst
+Du mich nur prüfen, ob es euch gelang,
+Mich, euren Schüler, völlig auszubilden?
+
+Sekretär.
+Das Wichtige bedenkt man nie genug.
+
+Weltgeistlicher.
+Bedenke man, eh' noch die Tat beginnt.
+
+Sekretär.
+Auch in der Tat ist Raum für Überlegung.
+
+Weltgeistlicher.
+Für mich ist nichts zu überlegen mehr!
+Da wär' es Zeit gewesen, als ich noch
+Im Paradies beschränkter Freuden weilte,
+Als, von des Gartens engem Hag umschlossen,
+Ich selbst gesäte Bäume selber pfropfte,
+Aus wenig Beeten meinen Tisch versorgte,
+Als noch Zufriedenheit im kleinen Hause
+Gefühl des Reichtums über alles goss,
+Und ich nach meiner Einsicht zur Gemeinde
+Als Freund, als Vater aus dem Herzen sprach,
+Dem Guten fördernd meine Hände reichte,
+Dem Bösen wie dem Übel widerstritt.
+O hätte damals ein wohltät'ger Geist
+Vor meiner Türe dich vorbei gewiesen,
+An der du müde, durstig von der Jagd
+Zu klopfen kamst; mit schmeichlerischem Wesen,
+Mit süßem Wort mich zu bezaubern wusstest.
+Der Gastfreundschaft geweihter, schöner Tag,
+Er war der letzte rein genossnen Friedens.
+
+Sekretär.
+Wir brachten dir so manche Freude zu.
+
+Weltgeistlicher.
+Und dranget mir so manch Bedürfnis auf.
+Nun war ich arm, als ich die Reichen kannte;
+Nun war ich sorgenvoll, denn mir gebrach's;
+Nun hatt' ich Not, ich brauchte fremde Hilfe.
+Ihr wart mir hilfreich, teuer büß' ich das.
+Ihr nahmt mich zum Genossen eures Glücks,
+Mich zum Gesellen eurer Taten auf.
+Zum Sklaven, sollt' ich sagen, dingtet ihr
+Den sonst so freien, jetzt bedrängten Mann.
+Ihr lohnt ihm zwar, doch immer noch versagt
+Ihr ihm den Lohn, den er verlangen darf.
+
+Sekretär.
+Vertraue, dass wir dich in kurzer Zeit
+Mit Gütern, Ehren, Pfründen überhäufen.
+
+Weltgeistlicher.
+Das ist es nicht, was ich erwarten muss.
+
+Sekretär.
+Und welche neue Fordrung bildest du?
+
+Weltgeistlicher.
+Als ein gefühllos Werkzeug braucht ihr mich
+Auch diesmal wieder. Dieses holde Kind
+Verstoßt ihr aus dem Kreise der Lebend'gen;
+Ich soll die Tat beschönen, sie bedecken,
+Und ihr beschließt, begeht sie ohne mich.
+Von nun an fordr' ich, mit im Rat zu sitzen,
+Wo Schreckliches beschlossen wird, wo jeder,
+Auf seinen Sinn, auf seine Kräfte stolz,
+Zum unvermeidlich Ungeheuren stimmt.
+
+Sekretär.
+Dass du auch diesmal dich mit uns verbunden,
+Erwirbt aufs neue dir ein großes Recht.
+Gar manch Geheimnis wirst du blad vernehmen;
+Dahin gedulde dich und sei gefasst.
+
+Weltgeistlicher.
+Ich bin's und bin noch weiter, als ihr denkt;
+In eure Pläne schaut' ich längst hinein.
+Der nur verdient geheimnisvolle Weihe,
+Der ihr durch Ahnung vorzugreifen weiß.
+
+Sekretär.
+Was ahnest du? Was weißt du?
+
+Weltgeistlicher.
+ Lass uns das
+Auf ein Gespräch der Mitternacht versparen.
+O dieses Mädchens trauriges Geschick
+Verschwindet, wie ein Bach im Ozean,
+Wenn ich bedenke, wie verborgen ihr
+Zu mächtiger Parteigewalt euch hebt
+Und an die Stelle der Gebietenden
+Mit frecher List euch einzudrängen hofft.
+Nicht ihr allein; denn andre streben auch,
+Euch widerstrebend, nach demselben Zweck.
+So untergrabt ihr Vaterland und Thron;
+Wer soll sich retten, wenn das Ganze stürzt?
+
+Sekretär.
+Ich höre kommen! Tritt hier an die Seite!
+Ich führe dich zu rechter Zeit herein.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Herzog. Sekretär.
+
+Herzog.
+Unsel'ges Licht! Du rufst mich auf zum Leben,
+Mich zum Bewusstsein dieser Welt zurück
+Und meiner selbst. Wie öde, hohl und leer
+Liegt alles vor mir da, und ausgebrannt,
+Ein großer Schutt, die Stätte meines Glücks.
+
+Sekretär.
+Wenn jeder von den Deinen, die um dich
+In dieser Stunde leiden, einen Teil
+Von deinen Schmerzen übertragen könnte,
+Du fühltest dich erleichtert und gestärkt.
+
+Herzog.
+Der Schmerz um Liebe, wie die Liebe, bleibt
+Unteilbar und unendlich. Fühl' ich doch,
+Welch ungeheures Unglück den betrifft,
+Der seines Tags gewohntes Gut vermisst.
+Warum o! Lasst ihr die bekannten Wände
+Mit Farb' und Gold mir noch entgegen scheinen,
+Die mich an gestern, mich an ehegestern,
+An jenen Zustand meines vollen Glücks
+Mich kalt erinnern. O warum verhüllet
+Ihr nicht Gemach und Saal mit schwarzem Krepp!
+Dass, finster wie mein Innres, auch von außen
+Ein ewig nächt'ger Schatten mich umfange.
+
+Sekretär.
+O möchte doch das Viele, das dir bleibt,
+Nach dem Verlust als etwas dir erscheinen.
+
+Herzog.
+Ein geistverlassner körperlicher Traum!
+Sie war die Seele dieses ganzen Hauses.
+Wie schwebte beim Erwachen sonst das Bild
+Des holden Kindes dringend mir entgegen!
+Hier fand ich oft ein Blatt von ihrer Hand,
+Ein geistreich, herzlich Blatt zum Morgengruß.
+
+Sekretär.
+Wie drückte nicht der Wunsch, dich zu ergötzen,
+Sich dichtrisch oft in frühen Reimen aus.
+
+Herzog.
+Die Hoffnung, sie zu sehen, gab den Stunden
+Des mühevollen Tags den einz'gen Reiz.
+
+Sekretär.
+Wie oft bei Hindernis und Zögrung hat
+Man ungeduldig, wie nach der Geliebten
+Den raschen Jüngling, dich nach ihr gesehn.
+
+Herzog.
+Vergleiche doch die jugendliche Glut,
+Die selbstischen Besitz verzehrend hascht,
+Nicht dem Gefühl des Vaters, der entzückt,
+In heil'gem Anschaun stille hingegeben,
+Sich an Entwicklung wunderbarer Kräfte,
+Sich an der Bildung Riesenschritten freut.
+Der Liebe Sehnsucht fordert Gegenwart;
+Doch Zukunft ist des Vaters Eigentum.
+Dort liegen seiner Hoffnung weite Felder,
+Dort seiner Saaten keimender Genuss.
+
+Sekretär.
+O Jammer! Diese grenzenlose Wonne,
+Dies ewig frische Glück verlorst du nun.
+
+Herzog.
+Verlor ich's? War es doch im Augenblick
+Vor meiner Seele noch im vollen Glanz.
+Ja, ich verlor's! Du rufst's, Unglücklicher,
+Die öde Stunde ruft mir's wieder zu.
+Ja, ich verlor's! So strömt, ihr Klagen, denn!
+Zerstöre, Jammer, diesen festen Bau,
+Den ein zu günstig Alter noch verschont.
+Verhasst sei mir das Bleibende, verhasst,
+Ws mir in seiner Dauer Stolz erscheint;
+Erwünscht, was fließt und schwankt. Ihr Fluten, schwellt,
+Zerreißt die Dämme, wandelt Land in See!
+Eröffne deine Schlünde, wildes Meer!
+Verschlinge Schiff und Mann und Schätze! Weit
+Verbreitet euch, ihr kriegerischen Reihen,
+Und häuft auf blut'gen Fluren Tod auf Tod!
+Entzünde, Strahl des Himmels, dich im Leeren
+Und triff der kühnen Türme sichres Haupt!
+Zertrümmr', entzünde sie und geißle weit
+Im Stadtgedräng' der Flamme Wut umher,
+Dass ich, von allem Jammer rings umfangen,
+Dem Schicksal mich ergebe, das mich traf!
+
+Sekretär.
+Das ungeheuer Unerwartete
+Bedrängt dich fürchterlich, erhabner Mann.
+
+Herzog.
+Wohl unerwartet kam's, nicht ungewarnt.
+In meinen Armen ließ ein guter Geist
+Sie von den Toten wieder auferstehn
+Und zeigte mir gelind, vorübereilend,
+Ein Schreckliches, nun ewig Bleibendes.
+Da sollt' ich strafen die Verwegenheit,
+Dem Übermut mich scheltend widersetzen,
+Verbieten jene Raserei, die, sich
+Unsterblich, unverwundbar wähnend, blind,
+Wetteifern mit dem Vogel, sich durch Wald
+Und Fluss und Sträuche von dem Felsen stürzt.
+
+Sekretär.
+Was oft und glücklich unsre Besten tun,
+Wie sollt' es dir des Unglücks Ahnung bringen?
+
+Herzog.
+Die Ahnung dieser Leiden fühlt' ich wohl,
+Als ich zum letzten Mal--Zum letzten Mal!
+Du sprichst es aus, das fürchterliche Wort,
+Das deinen Weg mit Finsternis umzieht.
+O hätt' ich sie nur einmal noch gesehn!
+Vielleicht war dieses Unglück abzuleiten.
+Ich hätte flehentlich gebeten, sie als Vater
+Zum treulichsten ermahnt, sich mir zu schonen,
+Und von der Wut tollkühner Reiterei
+Um unsres Glückes willen abzustehn.
+Ach, diese Stunde war mir nicht gegönnt.
+Und nun vermiss' ich mein geliebtes Kind!
+Sie ist dahin! Verwegner ward sie nur
+Durch jenen Sturz, dem sie so leicht entrann.
+Und niemand, sie zu warnen, sie zu leiten!
+Entwachsen war sie dieser Frauenzucht.
+In welchen Händen ließ ich solchen Schatz?
+Verzärtelnden, nachgieb'gen Weiberhänden.
+Kein festes Wort, den Willen meines Kinds
+Zu mäßiger Vernünftigkeit zu lenken!
+Zur unbedingten Freiheit ließ man ihr,
+Zu jedem kühnen Wagnis offnes Feld.
+Ich fühlt' es oft und sagt' es mir nicht klar:
+Bei diesem Weibe war sie schlecht verwahrt.
+
+Sekretär.
+O tadle nicht die Unglückselige!
+Vom tiefsten Schmerz begleitet, irrt sie nun,
+Wer weiß, in welche Lande, trostlos hin.
+Sie ist entflohn. Denn wer vermöchte dir
+Ins Angesicht zu sehen, der auch nur
+Den fernsten Vorwurf zu befürchten hätte.
+
+Herzog.
+O lass mich ungerecht auf andre zürnen,
+Dass ich mich nicht verzweifelnd selbst zerreiße!
+Wohl trag' ich selbst die Schuld und trag' sie schwer.
+Denn rief ich nicht mit törigem Beginnen
+Gefahr und Tod auf dieses teure Haupt?
+Sie überall zu sehn als Meisterin,
+Das war mein Stolz! Zu teuer büß' ich ihn.
+Zu Pferde sollte sie, im Wagen sie,
+Die Rosse bändigend, als Heldin glänzen.
+Ins Wasser tauchend, schwimmend schien sie mir
+Den Elementen göttlich zu gebieten.
+So, hieß es, kann sie jeglicher Gefahr
+Dereinst entgehen. Statt sie zu bewahren,
+Gibt Übung zur Gefahr den Tod ihr nun.
+
+Sekretär.
+Des edlen Pflichtgefühles Übung gibt,
+Ach! Unsrer Unvergesslichen den Tod.
+
+Herzog.
+Erkläre dich!
+
+Sekretär.
+ Und weck' ich diesen Schmerz
+Durch Schildrung kindlich edlen Unternehmens?
+Ihr alter, erster, hoch geliebter Freund
+Und Lehrer wohnt, von dieser Stadt entfernt,
+Verschränkt in Trübsinn, Krankheit, Menschenhass.
+Nur sie allein vermocht' ihn zu erheitern;
+Als Leidenschaft empfand sie diese Pflicht;
+Nur allzu oft verlangte sie hinüber,
+Und oft versagte man's. Nun hatte sie's
+Planmäßig angelegt; sie nutzte kühn
+Des Morgenrittes abgemessne Stunden
+Mit ungeheurer Schnelligkeit zum Zweck,
+Den alten, viel geliebten Mann zu sehn.
+Ein einz'ger Reitknecht nur war im Geheimnis,
+Er unterlegt' ihr jedes Mal das Pferd,
+Wie wir vermuten; denn auch er ist fort.
+Der arme Mensch und jene Frau verloren
+Aus Furcht vor dir sich in die weite Welt.
+
+Herzog.
+Die Glücklichen, die noch zu fürchten haben,
+Bei denen sich der Schmerz um ihres Herrn
+Verlornes Heil in leicht verwundene,
+In leicht gehobne Bangigkeit verwandelt!
+Ich habe nichts zu fürchten! Nichts zu hoffen!
+Drum lass mich alles wissen; zeige mir
+Den kleinsten Umstand an! Ich bin gefasst.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Herzog. Sekretär. Weltgeistlicher.
+
+Sekretär.
+Auf diesen Augenblick, verehrter Fürst,
+Hab' ich hier einen Mann zurückgehalten,
+Der, auch gebeugt, vor deinem Blick erscheint.
+Es ist der Geistliche, der aus der Hand
+Des Todes deine Tochter aufgenommen,
+Und sie, da keiner Hilfe Trost sich zeigte,
+Mit liebevoller Sorgfalt beigesetzt.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Herzog. Weltgeistlicher.
+
+Weltgeistlicher.
+Den Wunsch, vor deinem Antlitz zu erscheinen,
+Erhabner Fürst, wie lebhaft hegt' ich ihn!
+Nun wird er mir gewährt im Augenblick,
+Der dich und mich in tiefen Jammer senkt.
+
+Herzog.
+Auch so willkommen, unwillkommner Bote!
+Du hast sie noch gesehn, den letzten Blick,
+Den sehnsuchtsvollen, dir ins Herz gefasst,
+Das letzte Wort bedächtig aufgenommen,
+Dem letzten Seufzer Mitgefühl erwidert.
+O sage: Sprach sie noch? Was sprach sie aus?
+Gedachte sie des Vaters? Bringst du mir
+Von ihrem Mund ein herzlich Lebewohl?
+
+Weltgeistlicher.
+Willkommen scheint ein unwillkommner Bote,
+Solang er schweigt und noch der Hoffnung Raum,
+Der Täuschung Raum in unserm Herzen gibt.
+Der ausgesprochne Jammer ist verhasst.
+
+Herzog.
+Was zauderst du? Was kann ich mehr erfahren?
+Sie ist dahin! Und diesen Augenblick
+Ist über ihrem Sarge Ruh' und Stille.
+Was sie auch litt, es ist für sie vorbei,
+Für mich beginnt es; aber rede nur!
+
+Weltgeistlicher.
+Ein allgemeines Übel ist der Tod.
+So denke dir das Schicksal deiner Toten,
+Und finster wie des Grabes Nacht verstumme
+Der Übergang, der sie hinabgeführt.
+Nicht jeden leitet ein gelinder Gang
+Unmerklich in das stille Reich der Schatten.
+Gewaltsam schmerzlich reißt Zerstörung oft
+Durch Höllenqualen in die Ruhe hin.
+
+Herzog.
+So hat sie viel gelitten?
+
+Weltgeistlicher.
+ Viel, nicht lange.
+
+Herzog.
+Es war ein Augenblick, in dem sie litt,
+Ein Augenblick, wo sie um Hilfe rief.
+Und ich? Wo war ich da? Welch ein Geschäft,
+Welch ein Vergnügen hatte mich gefesselt?
+Verkündigte mir nichts das Schreckliche,
+Das mir das Leben voneinander riss?
+Ich hörte nicht den Schrei, ich fühlte nicht
+Den Unfall, der mich ohne Rettung traf.
+Der Ahnung heil'ges, fernes Mitgefühl
+Ist nur ein Märchen. Sinnlich und verstockt,
+Ins Gegenwärtige verschlossen, fühlt
+Der Mensch das nächste Wohl, das nächste Weh,
+Und Liebe selbst ist in der Ferne taub.
+
+Weltgeistlicher.
+Soviel auch Worte gelten, fühl' ich doch,
+Wie wenig sie zum Troste wirken können.
+
+Herzog.
+Das Wort verwundet leichter, als es heilt.
+Und ewig wiederholend strebt vergebens
+Verlornes Glück der Kummer herzustellen.
+So war denn keine Hilfe, keine Kunst
+Vermögend, sie ins Leben aufzurufen?
+Was hast du, sage mir, begonnen? Was
+Zu ihrem Heil versucht? Du hast gewiss
+Nichts unbedacht gelassen.
+
+Weltgeistlicher.
+ Leider war
+Nichts zu bedenken mehr, als ich sie fand.
+
+Herzog.
+Und soll ich ihres Lebens holde Kraft
+Auf ewig missen! Lass mich meinen schmerz
+Durch meinen Schmerz betrügen, diese Reste
+Verewigen. O komm! Wo liegen sie?
+
+Weltgeistlicher.
+In würdiger Kapelle steht ihr Sarg
+Allein verwahrt. Ich sehe vom Altar
+Durchs Gitter jedes Mal die Stätte, will
+Für sie, solang ich lebe, betend flehen.
+
+Herzog.
+O komm und führe mich dahin! Begleiten
+Soll uns der Ärzte viel erfahrenster.
+Lass uns den schönen Körper der Verwesung
+Entreißen! Lass mit edlen Spezereien
+Das unschätzbare Bild zusammenhalten!
+Ja! Die Atomen alle, die sich einst
+Zur köstlichen Gestalt versammelten,
+Sie sollen nicht ins Element zurück.
+
+Weltgeistlicher.
+Was darf ich sagen? Muss ich dir bekennen!
+Du kannst nicht hin! Ach! Das zerstörte Bild!
+Kein Fremder säh' es ohne Jammer an!
+Und vor die Augen eines Vaters--Nein,
+Verhüt' es Gott! Du darfst sie nicht erblicken.
+
+Herzog.
+Welch neuer Qualenkrampf bedroht mich!
+
+Weltgeistlicher.
+O lass mich schweigen, dass nicht meine Worte
+Auch die Erinnrung der Verlornen schänden!
+Lass mich verhehlen, wie sie durchs Gebüsch,
+Durch Felsen hergeschleift, entstellt und blutig,
+Zerrissen und zerschmettert und zerbrochen,
+Unkenntlich, mir im Arm zur Erde hing.
+Da segnet' ich, von Tränen überfließend,
+Der Stunde Heil, in der ich feierlich
+Dem holden Vaternamen einst entsagt.
+
+Herzog.
+Du bist nicht Vater! Bist der selbstischen
+Verstockten, der Verkehrten einer, die
+Ihr abgeschlossnes Wesen unfruchtbar
+Verzweifeln lässt. Entferne dich! Verhasst
+Erscheinet mir dein Anblick.
+
+Weltgeistlicher.
+ Fühlt' ich's doch!
+Wer kann dem Boten solcher Not verzeihn?
+
+(Will sich entfernen.)
+
+Herzog.
+Vergib und bleib. Ein schön entworfnes Bild,
+Das wunderbar dich selbst zum zweiten Mal
+Vor deinen Augen zu erschaffen strebt,
+Hast du entzückt es jemals angestaunt?
+O hättest du's! Du hättest diese Form,
+Die sich zu meinem Glück, zur Lust der Welt
+In tausendfält'gen Zügen auferbaut,
+Mir grausam nicht zerstümmelt, mir die Wonne
+Der traurigen Erinnrung nicht verkümmert.
+
+Weltgeistlicher.
+Was sollt' ich tun? Dich zu dem Sarge führen,
+Den tausend fremde Tränen schon benetzt,
+Als ich das morsche, schlotternde Gebein
+Zu ruhiger Verwesung eingeweiht?
+
+Herzog.
+Schweig, Unempfindlicher! Du mehrest nur
+Den herben Schmerz, den du zu lindern denkst.
+O! Wehe! Dass die Elemente nun,
+Von keinem Geist der Ordnung mehr beherrscht,
+Im leisen Kampf das Götterbild zerstören.
+Wenn über werdend Wachsendem vorher
+Der Vatersinn mit Wonne brütend schwebte,
+So stockt, so kehrt in Moder nach und nach
+Vor der Verzweiflung Blick die Lust des Lebens.
+
+Weltgeistlicher.
+Was Lust und Licht Zerstörliches erbaut,
+Bewahret lange das verschlossne Grab.
+
+Herzog.
+O weiser Brauch der Alten, das Vollkommne,
+Das ernst und langsam die Natur geknüpft,
+Des Menschenbilds erhabne Würde, gleich
+Wenn sich der Geist, der wirkende, getrennt,
+Durch reiner Flammen Tätigkeit zu lösen!
+Und wenn die Glut mit tausend Gipfeln sich
+Zum Himmel hob und zwischen Dampf und Wolken,
+Des Adlers Fittich deutend sich bewegte,
+Da trocknete die Träne, freier Blick
+Der Hinterlassnen stieg dem neuen Gott
+In des Olymps verklärte Räume nach.
+O sammle mir in köstliches Gefäß
+Der Asche, der Gebeine trüben Rest,
+Dass die vergebens ausgestreckten Arme
+Nur etas fassen, dass ich dieser Brust,
+Die sehnsuchtsvoll sich in das Leere drängt,
+Den schmerzlichsten Besitz entgegendrücke.
+
+Westgeistlicher.
+Die Trauer wird durch Trauern immer herber.
+
+Herzog.
+Durch Trauern wird die Trauer zum Genuss.
+O dass ich doch geschwundner Asche Rest,
+Im kleinen Hause, wandernd, immer weiter,
+Bis zu dem Ort, wo ich zuletzt sie sah,
+Als Büßender mit kurzen Schritten trüge!
+Dort lag sie tot in meinen Armen, dort
+Sah ich, getäuscht, sie in das Leben kehren.
+Ich glaubte, sie zu fassen, sie zu halten,
+Und nun ist sie auf ewig mir entrückt.
+Dort aber will ich meinen Schmerz verew'gen.
+Ein Denkmal der Genesung hab' ich dort
+In meines Traums Entzückungen gelobt--
+Schon führet klug des Gartenmeisters Hand
+Durch Busch und Fels bescheidne Wege her,
+Schon wird der Platz gerundet, wo mein König
+Als Oheim sie an seine Brust geschlossen,
+Und ebenmaß und Ordnung will den Raum
+Verherrlichen, der mich so hoch beglückt.
+Doch jede Hand soll feiern! Halb vollbracht
+Soll dieser Plan wie mein Geschick erstarren!
+Das Denkmal nur, ein Denkmal will ich stiften,
+Von rauen Steinen ordnungslos getürmt,
+Dorthin zu wallen, stille zu verweilen,
+Bis ich vom Leben endlich selbst genese.
+O lasst mich dort, versteint, am Steine ruhn,
+Bis aller Sorgfalt lichtgezogne Spur
+Aus dieser Wüste Trauersitz verschwindet!
+Mag sich umher der freie Platz berasen,
+Mag sich der Zweig dem Zweige wild verflechten,
+Der Birke hangend Haar den Boden schlagen,
+Der junge Busch zum Baume sich erheben,
+Mit Moos der glatte Stamm sich überziehn;
+Ich fühle keine Zeit; denn sie ist hin,
+An deren Wachstum ich die Jahre maß.
+
+Weltgeistlicher.
+Den viel bewegten Reiz der Welt zu meiden,
+Das Einerlei der Einsamkeit zu wählen,
+Wird sich's der Mann erlauben, der sich oft
+Wohltätiger Zerstreuung übergab,
+Wenn Unerträgliches, mit Felsenlast
+Herbei sich wälzend, ihn bedrohend, schlich?
+Hinaus! Mit Flügelschnelle durch das Land,
+Durch fremde Reiche, dass vor deinem Sinn
+Der Erde Bilder heilend sich bewegen.
+
+Herzog.
+Was hab' ich in der Welt zu suchen, wenn
+Ich sie nicht wieder finde, die allein
+Ein Gegenstand für meine Blicke war?
+Soll Fluss und Hügel, Tal und Wald und Fels
+Vorüber meinen Augen gehen und nur
+Mir das Bedürfnis wecken, jenes Bild,
+Das einzige geliebte, zu erhaschen?
+Vom hohen Berg hinab, ins weite Meer,
+Was soll für mich ein Reichtum der Natur,
+Der an Verlust und Armut mich erinnert!
+
+Weltgeistlicher.
+Und neue Güter eignest du dir an!
+
+Herzog.
+Nur durch der Jugend frisches Auge mag
+Das längst Bekannte neubelebt uns rühren,
+Wenn das Erstaunen, das wir längst verschmäht,
+Von Kindes Munde hold uns widerklingt.
+So hofft' ich, ihr des Reichs bebaute Flächen,
+Der Wälder Tiefen, der Gewässer Flut
+Bis an das offne Meer zu zeigen, dort
+Mich ihres trunknen Blicks ins Unbegrenzte
+Mit unbegrenzter Liebe zu erfreun.
+
+Weltgeistlicher.
+Wenn du, erhabner Fürst, des großen Lebens
+Beglückte Tage der Beschauung nicht
+Zu widmen trachtetest, wenn Tätigkeit
+Fürs Wohl Unzähliger am Throne dir
+Zum Vorzug der Geburt den herrlichern
+Des allgemeinen, edlen Wirkens gab,
+So ruf' ich dich im Namen aller auf:
+Ermanne dich! Und lass die trüben Stunden,
+Die deinen Horizont umziehn, für andre,
+Durch Trost und Rat und Hilfe, lass für dich
+Auch diese Stunden so zum Feste werden.
+
+Herzog.
+Wie schal und abgeschmackt ist solch ein Leben,
+Wenn alles Regen, alles Treiben stets
+Zu neuem Regen, neuem Treiben führt
+Und kein geliebter Zweck euch endlich lohnt.
+Den sah ich nur in ihr, und so besaß
+Und so erwarb ich mit Vergnügen, ihr
+Ein kleines Reich anmut'gen Glücks zu schaffen.
+So war ich heiter, aller Menschen Freund,
+Behilflich, wach, zu Rat und Tat bequem.
+Den Vater lieben sie! So sagt' ich mir,
+Dem Vater danken sie's und werden auch
+Die Tochter einst als werte Freundin grüßen.
+
+Weltgeistlicher.
+Zu süßen Sorgen bleibt nun keine Zeit!
+Ganz andre fordern dich, erhabner Mann!
+Darf ich's erwähnen? Ich, der unterste
+Von deinen Dienern? Jeder ernste Blick
+In diesen trüben Tagen ist auf dich,
+Auf deinen Wert, auf deine Kraft gerichtet.
+
+Herzog.
+Der Glückliche nur fühlt sich Wert und Kraft.
+
+Weltgeistlicher.
+So tiefer Schmerzen heiße Qual verbürgt
+Dem Augenblick unendlichen Gehalt,
+Mir aber auch Verzeihung, wenn sich kühn
+Vertraulichkeit von meinen Lippen wagt.
+Wie heftig wilde Gärung unten kocht,
+Wie Schwäche kaum sich oben schwankend hält;
+Nicht jedem wird es klar, dir aber ist's
+Mehr als der Menge, der ich angehöre.
+O zaudre nicht, im nahen Sturmgewitter
+Das falsch gelenkte Steuer zu ergreifen!
+Zum Wohle deines Vaterlands verbanne
+Den eignen Schmerz; sonst werden tausend Väter
+Wie du um ihre Kinder weinen, tausend
+Und aber tausend Kinder ihre Väter
+Vermissen, Angstgeschrei der Mütter grässlich
+An hohler Kerkerwand verklingend hallen.
+O bringe deinen Jammer, deinen Kummer
+Auf dem Altar des allgemeinen Wohls
+Zum Opfer dar, und alle, die zu rettest,
+Gewinnst du dir als Kinder zum Ersatz.
+
+Herzog.
+Aus grauenvollen Winkeln führe nicht
+Mir der Gespenster dichte Schar heran,
+Die meiner Tochter liebliche Gewalt
+Mir zaubrisch oft und leicht hinweggebannt.
+Sie ist dahin, die schmeichlerische Kraft,
+Die meinen Geist in holde Träume sang.
+Nun drängt das Wirkliche mit dichten Massen
+An mich heran und droht, mich zu erdrücken.
+Hinaus, hinaus! Von dieser Welt hinweg!
+Und lügt mir nicht das Kleid, in dem du wandelst,
+So führe mich zur Wohnung der Geduld,
+Ins Kloster führe mich und lass mich dort,
+Im allgemeinen Schweigen, stumm, gebeugt,
+Ein müdes Leben in die Grube senken.
+
+Weltgeistlicher.
+Mir ziemt es kaum, dich an die Welt zu weisen;
+Doch andre Worte sprech' ich kühner aus.
+Nicht in das Grab, nicht übers Grab verschwendet
+Ein edler Mann der Sehnsucht hohen Wert.
+Er kehrt in sich zurück und findet staunend
+In seinem Busen das Verlorene wieder.
+
+Herzog.
+Dass ein Besitz so fest sich hier erhält,
+Wenn das Verlorne fern und ferner flieht,
+Das ist die Qual, die das geschiedene,
+Für ewig losgerissne Glied aufs neue
+Dem Schmerz ergriffnen Körper fügen will.
+Getrenntes Leben, wer vereinigt's wieder?
+Vernichtetes, wer stellt es her?
+
+Weltgeistlicher.
+ Der Geist!
+Des Menschen Geist, dem nichts verloren geht,
+Was er von Wert mit Sicherheit besessen.
+So lebt Eugenie vor dir, sie lebt
+In deinem Sinne, den sie sonst erhub,
+Dem sie das Anschaun herrlicher Natur
+Lebendig aufgeregt; so wirkt sie noch
+Als hohes Vorbild, schützet vor Gemeinem,
+Vor Schlechtem dich, wie's jede Stunde bringt,
+Und ihrer Würde wahrer Glanz verscheuchet
+Den eitlen Schein, der dich bestechen will.
+So fühle dich durch ihre Kraft beseelt!
+Und gib ihr so ein unzerstörlich Leben,
+Das keine Macht entreißen kann, zurück.
+
+Herzog.
+Lass eines dumpfen, dunklen Traumgeflechtes
+Verworrne Todesnetze mich zerreißen!
+Und bleibe mir, du vielgeliebtes Bild,
+Vollkommen, ewig jung und ewig gleich!
+Lass deiner klaren Augen reines Licht
+Mich immerfort umglänzen! Schwebe vor,
+Wohin ich wandle, zeige mir den Weg
+Durch dieser Erde Dornenlabyrinth!
+Du bist kein Traumbild, wie ich dich erblicke;
+Du warst, du bist. Die Gottheit hatte dich
+Vollendet einst gedacht und dargestellt.
+So bist du teilhaft des Unendlichen,
+Des Ewigen, und bist auf ewig mein.
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+(Platz am Hafen. Zur einen Seite ein Palast, auf der andern eine Kirche,
+im Grund eine Reihe Bäume, durch die man nach dem Hafen hinab sieht.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Eugenie, in einen Schleier gehüllt, auf einer Bank im Grunde,
+mit dem Gesicht nach der See. Hofmeisterin, Gerichtsrat im
+Vordergrunde.
+
+Hofmeisterin.
+Drängt unausweichlich ein betrübt Geschäft
+Mich aus dem Mittelpunkt des Reiches, mich
+Aus dem Bezirk der Hauptstadt an die Grenze
+Des festen Lands zu diesem Hafenplatz,
+So folgt mir streng die Sorge, Schritt vor Schritt,
+Und deutet mir bedenklich in die Weite.
+Wie müssen Rat und Anteil eines Manns,
+Der allen edel, zuverlässig gilt,
+Mir als ein Leitstern wonniglich erscheinen!
+Verzeih daher, wenn ich mit diesem Blatt,
+Das mich zu solcher schweren Tat berechtigt,
+Zu dir mich wendend komme, den so lange
+Man im Gericht, wo viel Gerechte wirken,
+Erst pries als Beistand, nun als Richter preist.
+
+Gerichtsrat (der indessen das Blatt nachdenkend angesehen).
+Nicht mein Verdienst, nur mein Bemühen war
+Vielleicht zu preisen. Sonderbar jedoch
+Will es mich dünken, dass du eben diesen,
+Den du gerecht und edel nennen willst,
+In solcher Sache fragen, ihm getrost
+Solch ein Papier vors Auge dringen magst,
+Worauf er nur mit Schauder blicken kann.
+Nicht ist von Recht, noch von Gericht die Rede;
+Hier ist Gewalt! Entsetzliche Gewalt,
+Selbst wenn sie klug, selbst wenn sie weise handelt.
+Anheim gegeben ward ein edles Kind,
+Auf Tod und Leben--sag' ich wohl zu viel?--
+Anheim gegeben deiner Willkür. Jeder,
+Sei er Beamter, Kriegsmann, Bürger, alle
+Sind angewiesen, dich zu schützen, sie
+Nach deines Worts Gesetzen zu behandeln.
+
+(Er gibt das Blatt zurück.)
+
+Hofmeisterin.
+Auch hier beweise dich gerecht und lass
+Nicht dies Papier allein als Kläger sprechen,
+Auch mich, die hart Verklagte, höre nun
+Und meinen offnen Vortrag günstig an.
+Aus edlem Blut entspross die Treffliche;
+Von jeder Gabe, jeder Tugend schenkt'
+Ihr die Natur den allerschönsten Teil,
+Wenn das Gesetz ihr andre Rechte weigert.
+Und nun verbannt! Ich sollte sie dem Kreise
+Der Ihrigen entführen, sie hierher,
+Hinüber nach den Inseln sie geleiten.
+
+Gerichtsrat.
+Gewissem Tod entgegen, der im Qualm
+Erhitzter Dünste schleichend überfällt.
+Dort soll verwelken diese Himmelsblume,
+Die Farbe dieser Wange dort verbleichen!
+Verschwinden die Gestalt, die sich das Auge
+Mit Sehnsucht immer zu erhalten wünscht.
+
+Hofmeisterin.
+Bevor du richtest, höre weiter an!
+Unschuldig ist, bedarf es wohl Beteurung?
+Doch vieler Übel Ursach' dieses Kind.
+Sie als des Haders Apfel warf ein Gott
+Erzürnt ins Mittel zwischen zwei Parteien,
+Die sich, auf ewig nun getrennt, bekämpfen.
+Sie will der eine Teil zum höchsten Glück
+Berechtigt wissen, wenn der andre sie
+Hinabzudrängen strebt. Entschieden beide!--
+Und so umschlang ein heimlich Labyrinth
+Verschmitzten wirkens doppelt ihr Geschick,
+So schwankte List um List im Gleichgewicht,
+Bis ungeduld'ge Leidenschaft zuletzt
+Den Augenblick entschiedenen Gewinns
+Beschleunigte. Da brach von beiden Seiten
+Die Schranke der Verstellung, drang Gewalt,
+Dem Staate selbst gefährlich, drohend los,
+Und nun, sogleich der Schuld'gen Schuld zu hemmen,
+Zu tilgen, trifft ein hoher Götterspruch
+Des Kampfs unschuld'gen Anlass, meinen Zögling,
+Und reißt, verbannend, mich mit ihm dahin.
+
+Gerichtsrat.
+Ich schelte nicht das Werkzeug, rechte kaum
+Mit jenen Mächten, die sich solche Handlung
+Erlauben können. Leider sind auch sie
+Gebunden und gedrängt. Sie wirken selten
+Aus freier Überzeugung. Sorge, Furcht
+Vor größerm Übel nötiget Regenten
+Die nützlich ungerechten Taten ab.
+Vollbringe, was du musst, entferne dich
+Aus meiner Enge rein gezognem Kreis.
+
+Hofmeisterin.
+Den eben such' ich auf! Da dring' ich hin!
+Dort hoff' ich Heil! Du wirst mich nicht verstoßen.
+Den werten Zögling wünscht' ich lange schon
+Vom Glück zu überzeugen, das im Kreise
+Des Bürgerstandes hold genügsam weilt.
+Entsagte sie der nicht gegönnten Höhe,
+Ergäbe sich des biedern Gatten Schutz
+Und wendete von jenen Regionen,
+Wo sie Gefahr, Verbannung, Tod umlauern,
+Ins Häusliche den liebevollen Blick;
+Gelöst wär' alles, meiner strengen Pflicht
+Wär' ich entledigt, könnt' im Vaterland
+Vertrauter Stunden mich verweilend freuen.
+
+Gerichtsrat.
+Ein sonderbar Verhältnis zeigst du mir!
+
+Hofmeisterin.
+Dem klug entschlossnen Manne zeig' ich's an.
+
+Gerichtsrat.
+Du gibst sie frei, wenn sich ein Gatte findet?
+
+Hofmeisterin.
+Und reichlich ausgestattet geb' ich sie.
+
+Gerichtsrat.
+So übereilt, wer dürfte sich entschließen?
+
+Hofmeisterin.
+Nur übereilt bestimmt die Neigung sich.
+
+Gerichtsrat.
+Die Unbekannte wählen wäre Frevel.
+
+Hofmeisterin.
+Dem ersten Blick ist sie gekannt und wert.
+
+Gerichtsrat.
+Der Gattin Feinde drohen auch dem Gatten.
+
+Hofmeisterin.
+Versöhnt ist alles, wenn sie Gattin heißt.
+
+Gerichtsrat.
+Und ihr Geheimnis, wird man's ihm entdecken?
+
+Hofmeisterin.
+Vertrauen wird man dem Vertrauenden.
+
+Gerichtsrat.
+Und wird sie frei solch einen Bund erwählen?
+
+Hofmeisterin.
+Ein großes Übel dränget sie zur Wahl.
+
+Gerichtsrat.
+In solchem Fall zu werben, ist es redlich?
+
+Hofmeisterin.
+Der Rettende fasst an und klügelt nicht.
+
+Gerichtsrat.
+Was forderst du vor allen andern Dingen?
+
+Hofmeisterin.
+Entschließen soll sie sich im Augenblick.
+
+Gerichtsrat.
+Ist euer Schicksal ängstlich so gesteigert?
+
+Hofmeisterin.
+Im Hafen regt sich emsig schon die Fahrt.
+
+Gerichtsrat.
+Hast du ihr früher solchen Bund geraten?
+
+Hofmeisterin.
+Im allgemeinen deutet' ich dahin.
+
+Gerichtsrat.
+Entfernte sie unwillig den Gedanken?
+
+Hofmeisterin.
+Noch war das alte Glück ihr allzu nah.
+
+Gerichtsrat.
+Die schönen Bilder, werden sie entweichen?
+
+Hofmeisterin.
+Das hohe Meer hat sie hinweggeschreckt.
+
+Gerichtsrat.
+Sie fürchtet, sich vom Vaterland zu trennen?
+
+Hofmeisterin.
+Sie fürchtet's, und ich fürcht' es wie den Tod.
+O lass uns, Edler, glücklich Aufgefundner,
+Vergebne Worte nicht bedenklich wechseln!
+Noch lebt in dir, dem Jüngling, jede Tugend,
+Die mächt'gen Glaubens, unbedingter Liebe
+Zu nie genug geschätzter Tat bedarf.
+Gewiss umgibt ein schöner Kreis dich auch
+Von Ähnlichen! Von Gleichen sag' ich nicht!
+O seih dich um in deinem eignen Herzen,
+In deiner Freunde Herzen sieh umher,
+Und findest du ein überfließend Maß
+Von Liebe, von Ergebung, Kraft und Mut,
+So werde dem Verdientesten dies Kleinod
+Mit stillem Segen heimlich übergeben!
+
+Gerichtsrat.
+Ich weiß, ich fühle deinen Zustand, kann
+Und mag nicht mit mir selbst bedächtig erst.
+Wie Klugheit forderte, zu Rate gehen!
+Ich will sie sprechen.
+
+Hofmeisterin (tritt zurück gegen Eugenie).
+
+Gerichtsrat.
+Was geschehen soll,
+Es wird geschehn! In ganz gemeinen Dingen
+Hängt viel von Wahl und Wollen ab; das Höchste,
+Was uns begegnet, kommt wer weiß woher.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Eugenie. Gerichtsrat.
+
+Gerichtsrat.
+Indem du mir, verehrte Schöne, nahst,
+So zweifl' ich fast, ob man mich treu berichtet.
+Du bist unglücklich, sagt man; doch du bringst,
+Wohin du wandelst, Glück und Heil heran.
+
+Eugenie.
+Find' ich den ersten, dem aus tiefer Not
+Ich Blick und Wort entgegen wenden darf,
+So mild und edel, als du mir erscheinst;
+Dies Angstgefühl, ich hoffe, wird sich lösen.
+
+Gerichtsrat.
+Ein viel Erfahrner wäre zu bedauern,
+Wär' ihm das Los gefallen, das dich trifft;
+Wie ruft nicht erst bedrängter Jugend Kummer
+Die Mitgefühle hilfsbedürftig an!
+
+Eugenie.
+So hob ich mich vor kurzem aus der Nacht
+Des Todes an des Tages Licht herauf,
+Ich wusste nicht, wie mir geschehn! Wie hart
+Ein jäher Sturz mich lähmend hingestreckt.
+Da rafft' ich mich empor, erkannte wieder
+Die schöne Welt, ich sah den Arzt bemüht,
+Die Flamme wieder anzufachen, fand
+In meines Vaters liebevollem Blick,
+An seinem Ton mein Leben wieder. Nun
+Zum zweiten Mal, von einem jähern Sturz,
+Erwach' ich! Fremd und schattengleich erscheint
+Mir die Umgebung, mir der Menschen Wandeln,
+Und deine Milde selbst ein Traumgebild.
+
+Gerichtsrat.
+Wenn Fremde sich in unsre Lage fühlen,
+Sind sie wohl näher als die Nächsten, die
+Oft unsern Gram als wohlbekanntes Übel
+Mit lässiger Gewohnheit übersehn.
+Dein Zustand ist gefährlich! Ob er gar
+Unheilbar sei, wer wagt es zu entscheiden!
+
+Eugenie.
+Ich habe nichts zu sagen! Unbekannt
+Sind mir die Mächte, die mein Elend schufen.
+Du hast das Weib gesprochen, jene weiß;
+Ich dulde nur dem Wahnsinn mich entgegen.
+
+Gerichtsrat.
+Was auch der Obermacht gewalt'gen Schluss
+Auf dich herab gerufen, leichte Schuld,
+Ein Irrtum, den der Zufall schädlich leitet;
+Die Achtung bleibt, die Neigung spricht für dich.
+
+Eugenie.
+Des reinen Herzens traulich mir bewusst,
+Sinn' ich der Wirkung kleiner Fehler nach.
+
+Gerichtsrat.
+Auf ebnem Boden straucheln ist ein Scherz,
+Ein Fehltritt stürzt vom Gipfel dich herab.
+
+Eugenie.
+Auf jenen Gipfeln schwebt' ich voll Entzücken,
+Der Freunde Übermaß verwirrte mich.
+Das nahe Glück berührt' ich schon im Geist,
+Ein köstlich Pfand lag schon in meinen Händen.
+Nur wenig Ruhe! Wenige Geduld!
+Und alles war, so darf ich glauben, mein.
+Doch übereilt' ich's, überließ mich rasch
+Zudringlicher Versuchung.--War es das?--
+Ich sah, ich sprach, was mir zu sehn, zu sprechen
+Verboten war. Wird ein so leicht Vergehn
+So hart bestraft? Ein lässlich scheinendes,
+Scherzhafter Probe gleichendes Verbot,
+Verdammt's den Übertreter ohne Schonung?
+O, so ist's wahr, was uns der Völker Sagen
+Unglaublich überliefern! Jenes Apfels
+Leichtsinnig augenblicklicher Genuss
+Hat aller Welt unendlich Weh verschuldet.
+So ward auch mir ein Schlüssel anvertraut!
+Verbotne Schätze wagt' ich aufzuschließen,
+Und aufgeschlossen hab' ich mir das Grab.
+
+Gerichtsrat.
+Des Übels Quelle findest du nicht aus,
+Und aufgefunden fließt sie ewig fort.
+
+Eugenie.
+In kleinen Fehlern such' ich's, gebe mir
+Aus eitlem Wahn die Schuld so großer Leiden.
+Nur höher, höher wende den Verdacht!
+Die beiden, denen ich mein ganzes Glück
+Zu danken hoffte, die erhabnen Männer,
+Zum Scheine reichten sie sich Hand um Hand.
+Der innre Zwist unsicherer Parteien,
+Der nur in düstern Höhlen sich geneckt,
+Er bricht vielleicht ins Freie bald hervor!
+Und was mich erst als Furcht und Sorg' umgeben,
+Entscheidet sich, indem es mich vernichtet,
+Und droht Vernichtung aller Welt umher.
+
+Gerichtsrat.
+Du jammerst mich! Das Schicksal einer Welt
+Verkündest du nach deinem Schmerzgefühl.
+Und schien dir nicht die Erde froh und glücklich,
+Als du, ein heitres Kind, auf Blumen schrittest?
+
+Eugenie.
+Wer hat es reizender als ich gesehn,
+Der Erde Glück mit allen seinen Blüten.
+Ach, alles um mich her, es war so reich,
+So voll und rein, und was der Mensch bedarf,
+Es schien zur Lust, zum Überfluss gegeben.
+Und wem verdankt' ich solch ein Paradies?
+Der Vaterliebe dankt' ich's, die, besorgt
+Ums Kleinste, wie ums Größte, mich verschwendrisch
+Mit Prachtgenüssen zu erdrücken schien
+Und meinen Körper, meinen Geist zugleich,
+Ein solches Wohl zu tragen, bildete.
+Wenn alles weichlich Eitle mich umgab,
+Ein wonniges Behagen mir zu schmeicheln,
+So rief mich ritterlicher Trieb hinaus,
+Zu Ross und Wagen, mit Gefahr zu kämpfen.
+Oft sehnt' ich mich in ferne Weiten hin,
+Nach fremder Lande seltsam neuen Kreisen.
+Dorthin versprach der edle Vater mich,
+Ans Meer versprach er mich zu führen, hoffte
+Sich meines ersten Blicks ins Unbegrenzte
+Mit liebevollem Anteil zu erfreun--
+Da steh' ich nun und schaue weit hinaus,
+Und enger scheint mich's, enger zu umschließen.
+O Gott, wie schränkt sich Welt und Himmel ein,
+Wenn unser Herz in seinen Schranken banget!
+
+Gerichtsrat.
+Unselige! Die mir aus deinen Höhen,
+Ein Meteor, verderblich niederstreifst
+Und meiner Bahn Gesetz berührend störst!
+Auf ewig hast du mir den heitren Blick
+Ins volle Meer getrübt. Wenn Phöbus nun
+Ein feuerwallend Lager sich bereitet,
+Und jedes Auge von Entzücken tränt,
+Da werd' ich weg mich wenden, werde dich
+Und dein Geschick beweinen. Fern am Rande
+Des nachtumgebnen Ozeans erblick' ich
+Mit Not und Jammer deinen Pfad umstrickt!
+Entbehrung alles nötig lang Gewohnten,
+Bedrängnis neuer Übel, ohne Flucht.
+Der Sonne glühendes Geschoss durchdringt
+Ein feuchtes, kaum der Flut entrissnes Land.
+Um Niederungen schwebet, gift'gen Brodens,
+Blaudunst'ger Streifen angeschwollne Pest.
+Im Vortod seh' ich, matt und hingebleicht,
+von Tag zu Tag ein Kummerleben schwanken.
+O die so blühend, heiter vor mir steht,
+Sie soll so früh langsamen Tods verschwinden!
+
+Eugenie.
+Entsetzen rufst du mir hervor! Dorthin?
+Dorthin verstößt man mich! In jenes Land,
+Als Höllenwinkel mir von Kindheit auf
+In grauenvollen Zügen dargestellt.
+Dorthin, wo sich in Sümpfen Schlang' und Tiger
+Durch Rohr und Dorngeflechte tückisch drängen,
+Wo, peinlich quälend, als belebte Wolken
+Um Wandrer sich Insektenscharen ziehn,
+Wo jeder Hauch des Windes, unbequem
+Und schädlich, Stunden raubt und Leben kürzt.
+Zu bitten dacht' ich; flehend siehst du nun
+Die Dringende. Du kannst, du wirst mich retten.
+
+Gerichtsrat.
+Ein mächtig ungeheurer Talisman
+Liegt in den Händen deiner Führerin.
+
+Eugenie.
+Was ist Gesetz und Ordnung? Können sie
+Der Unschuld Kindertage nicht beschützen?
+Wer seid denn ihr, die ihr mit leerem Stolz
+Durchs Recht Gewalt zu bänd'gen euch berühmt?
+
+Gerichtsrat.
+In abgeschlossnen Kreisen lenken wir
+Gesetzlich streng das in der Mittelhöhe
+Des Lebens wiederkehrend Schwebende.
+Was droben sich in ungemessnen Räumen
+Gewaltig seltsam hin und her bewegt,
+Belebt und tötet ohne Rat und Urteil,
+Das wird nach anderm Maß, nach andrer Zahl
+Vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft.
+
+Eugenie.
+Und ist das alles? Hast du weiter nichts
+Zu sagen, zu verkünden?
+
+Gerichtsrat.
+ Nichts!
+
+Eugenie.
+ Ich glaub' es nicht!
+Ich darf's nicht glauben.
+
+Gerichtsrat.
+ Lass, o lass mich fort!
+Soll ich als feig, als unentschlossen gelten?
+Bedauern, jammern? Soll nicht irgendhin
+Mit kühner Hand auf deine Rettung deuten?
+Doch läge nicht in dieser Kühnheit selbst
+Für mich die grässlichste Gefahr, von dir
+Verkannt zu werden? Mit verfehltem Zweck
+Als frevelhaft unwürdig zu erscheinen?
+
+Eugenie.
+Ich lasse dich nicht los, den mir das Glück,
+Mein altes Glück, vertraulich zugesendet.
+Mich hat's von Jugend auf gehegt, gepflegt,
+Und nun im rauen Sturme sendet mir's
+Den edlen Stellvertreter seiner Neigung.
+Sollt' ich nicht sehen, fühlen, dass du teil
+An mir und meinem Schicksal nimmst? Ich stehe
+Nicht ohne Wirkung hier: Du sinnst! Du denkst!--
+Im weiten Kreise rechtlicher Erfahrung
+Schaust du zu meinen Gunsten um dich her.
+Noch bin ich nicht verloren! Ja, du suchst
+Ein Mittel, mich zu retten; hast es wohl
+Schon ausgefunden! Mir bekennt's dein Blick,
+Dein tiefer, ernster, freundlich trüber Blick.
+O kehre dich nicht weg! O sprich es aus,
+Ein hohes Wort, das mich zu heilen töne!
+
+Gerichtsrat.
+So wendet voll Vertrauen zum Arzte sich
+Der tief Erkrankte, fleht um Linderung,
+Fleht um Erhaltung schwer bedrohter Tage;
+Als Gott erscheint ihm der erfahrne Mann.
+Doch ach! Ein bitter, unerträglich Mittel
+Wird nun geboten. Ach! Soll ihm vielleicht
+Der edlen Glieder grausame Verstümmlung,
+Verlust statt Heilung angekündigt werden?
+Gerettet willst du sein! Zu retten bist du,
+Nicht herzustellen. Was du warst, ist hin,
+Und was du sein kannst, magst du's übernehmen?
+
+Eugenie.
+Um Rettung aus des Todes Nachtgewalt,
+Um dieses Lichts erquickenden Genuss,
+Um Sicherheit des Daseins ruft zuerst
+Aus tiefer Not ein Halbverlorner noch.
+Was dann zu heilen sei, was zu erstatten,
+Was zu vermissen, lehre Tag um Tag.
+
+Gerichtsrat.
+Und nächst dem Leben, was erflehst du dir?
+
+Eugenie.
+Des Vaterlandes vielgeliebten Boden!
+
+Gerichtsrat.
+Du forderst viel im einz'gen, großen Wort!
+
+Eugenie.
+Ein einzig Wort enthält mein ganzes Glück.
+
+Gerichtsrat.
+Den Zauberbann, wer wagt's, ihn aufzulösen?
+
+Eugenie.
+Der Tugend Gegenzauber siegt gewiss!
+
+Gerichtsrat.
+Der obern Macht ist schwer zu widerstehen.
+
+Eugenie.
+Allmächtig ist sie nicht, die obre Macht.
+Gewiss! Dir gibt die Kenntnis jener Formen,
+Für Hohe wie für Niedre gleich verbindlich,
+Ein Mittel an. Du lächelst. Ist es möglich!
+Das Mittel ist gefunden! Sprich es aus!
+
+Gerichtsrat.
+Was hilf' es, meine Beste, wenn ich dir
+Von Möglichkeiten spräche! Möglich scheint
+Fast alles unsern Wünschen; unsrer Tat
+Setzt sich von innen wie von außen viel,
+Was sie durchaus unmöglich macht, entgegen.
+Ich kann, ich darf nicht reden, lass mich los!
+
+Eugenie.
+Und wenn du täuschen solltest!--Wäre nur
+Für Augenblicke meiner Phantasie
+Ein zweifelhafter, leichter Flug vergönnt!
+Ein Übel um das andre biete mir!
+Ich bin gerettet, wenn ich wählen kann.
+
+Gerichtsrat.
+Ein Mittel gibt es, dich im Vaterland
+Zurückzuhalten. Friedlich ist's und manchem
+Erschien' es auch erfreulich. Große Gunst
+Hat es vor Gott und Menschen. Heil'ge Kräfte
+Erheben's über alle Willkür. Jedem,
+Der's anerkennt, sich's anzueignen weiß,
+Verschafft es Glück und Ruhe. Vollbestand
+Erwünschter Lebensgüter sind wir ihm,
+So wie der Zukunft höchste Bilder schuldig.
+Als allgemeines Menschengut verordnet's
+Der Himmel selbst und ließ dem Glück, der Kühnheit
+Und stiller Neigung Raum, sich's zu erwerben.
+
+Eugenie.
+Welch Paradies in Rätseln stellst du dar?
+
+Gerichtsrat.
+Der eignen Schöpfung himmlisch Erdenglück.
+
+Eugenie.
+Was hilft mein Sinnen! Ich verwirre mich!
+
+Gerichtsrat.
+Errätst du's nicht, so liegt es fern von dir.
+
+Eugenie.
+Das zeige sich, sobald du ausgesprochen.
+
+Gerichtsrat.
+Ich wage viel! Der Ehstand ist es!
+
+Eugenie.
+ Wie?
+
+Gerichtsrat.
+Gesprochen ist's, nun überlege du.
+
+Eugenie.
+Mich überrascht, mich ängstet solch ein Wort.
+
+Gerichtsrat.
+Ins Auge fasse, was dich überrascht.
+
+Eugenie.
+Mir lag es fern in meiner frohen Zeit,
+Nun kann ich seine Nähe nicht ertragen;
+Die Sorge, die Beklemmung mehrt sich nur.
+Von meines Vaters, meines Königs Hand
+Musst' ich dereinst den Bräutigam erwarten.
+Voreilig schwärmte nicht mein Blick umher,
+Und keine Neigung wuchs in meiner Brust.
+Nun soll ich denken, was ich nie gedacht,
+Und fühlen, was ich sittsam weg gewiesen;
+Soll mir den Gatten wünschen, eh' ein Mann
+Sich liebenswert und meiner wert gezeigt,
+Und jenes Glück, das Hymen uns verspricht,
+Zum Rettungsmittel meiner Not entweihen.
+
+Gerichtsrat.
+Dem wackern Mann vertraut ein Weib getrost,
+Und wär' er fremd, ein zweifelhaft Geschick.
+Der ist nicht fremd, wer teilzunehmen weiß,
+Und schnell verbindet ein Bedrängter sich
+Mit seinem Retter. Was im Lebensgange
+Dem Gatten seine Gattin fesselnd eignet,
+Ein Sicherheitsgefühl, ihr werd' es nie
+An Rat und Trost, an Schutz und Hilfe fehlen,
+Das flößt im Augenblick ein kühner Mann
+Dem Busen des Gefahr umgebnen Weibes
+Durch Wagetat auf ew'ge Zeiten ein.
+
+Eugenie.
+Und mir, wo zeigte sich ein solcher Held?
+
+Gerichtsrat.
+Der Männer Schar ist groß in dieser Stadt.
+
+Eugenie.
+Doch allen bin und bleib' ich unbekannt.
+
+Gerichtsrat.
+Nicht lange bleibt ein solcher Blick verborgen!
+
+Eugenie.
+O täusche nicht ein leicht betrognes Hoffen!
+Wo fände sich ein Gleicher, seine Hand
+Mir, der Erniedrigten, zu reichen? Dürft' ich
+Dem Gleichen selbst ein solches Glück verdanken?
+
+Gerichtsrat.
+Ungleich erscheint im Leben viel, doch bald
+Und unerwartet ist es ausgeglichen.
+In ew'gem Wechsel wiegt ein Wohl das Weh
+Und schnelle Leiden unsre Freuden auf.
+Nichts ist beständig! Manches Missverhältnis
+Löst unbemerkt, indem die Tage rollen,
+Durch Stufenschritte sich in Harmonie.
+Und ach! Den größten Abstand weiß die Liebe,
+Die Erde mit dem Himmel, auszugleichen.
+
+Eugenie.
+In leere Träume denkst du mich zu wiegen.
+
+Gerichtsrat.
+Du bist gerettet, wenn du glauben kannst.
+
+Eugenie.
+So zeige mir des Retters treues Bild.
+
+Gerichtsrat.
+Ich zeig' ihn dir, er bietet seine Hand!
+
+Eugenie.
+Du! Welch ein Leichtsinn überraschte dich?
+
+Gerichtsrat.
+Entschiedne bleibt auf ewig mein Gefühl.
+
+Eugenie.
+Der Augenblick, vermag er solche Wunder?
+
+Gerichtsrat.
+Das Wunder ist des Augenblicks Geschöpf.
+
+Eugenie.
+Und Irrtum auch der Übereilung Sohn.
+
+Gerichtsrat.
+Ein Mann, der dich gesehen, irrt nicht mehr.
+
+Eugenie.
+Erfahrung bleibt des Lebens Meisterin.
+
+Gerichtsrat.
+Verwirren kann sie, doch das Herz entscheidet.
+O lass dir sagen: Wie vor wenig Stunden,
+Ich mit mir selbst zu Rate ging und mich
+So einsam fühlte, meine ganze Lage,
+Vermögen, Stand, Geschäft ins Auge fasste
+Und um mich her nach einer Gattin sann,
+Da regte Phantasie mir manches Bild,
+Die Schätze der Erinnrung sichtend, auf,
+Und wohlgefällig schwebten sie vorüber.
+Zu keiner Wahl bewegte sich mein Herz.
+Doch du erscheinest, ich empfinde nun,
+Was ich bedurfte. Dies ist mein Geschick.
+
+Eugenie.
+Die Fremde, Schlechtumgebne, Missempfohlne,
+Sie könnte frohen, stolzen Trost empfinden,
+Sich so geschätzt, sich so geliebt zu sehn;
+Bedächte sie nicht auch des Freundes Glück,
+Des edlen Manns, der unter allen Menschen
+Vielleicht zuletzt ihr Hilfe bieten mag.
+Betrügst du dich nicht selbst? Und wagst du, dich
+Mit jener Macht, die mich bedroht, zu messen?
+
+Gerichtsrat.
+Mit jener nicht allein!--Dem Ungestüm
+Des rohen Drangs der Menge zu entgehn,
+Hat uns ein Gott den schönsten Port bezeichnet.
+Im Hause, wo der Gatte sicher waltet,
+Da wohnt allein der Friede, den vergebens
+Im Weiten du da draußen suchen magst.
+Unruh'ge Missgunst, grimmige Verleumdung,
+Verhallendes, parteiisches Bestreben,
+Nicht wirken sie auf diesen heil'gen Kreis!
+Vernunft und Liebe hegen jedes Glück,
+Und jeden Unfall mildert ihre Hand.
+Komm! Rette dich zu mir! Ich kenne mich!
+Und weiß, was ich versprechen darf und kann.
+
+Eugenie.
+Bist du in deinem Hause Fürst?
+
+Gerichtsrat.
+ Ich bin's!
+Und jeder ist's, der Gute wie der Böse.
+Reicht eine Macht denn wohl in jenes Haus,
+Wo der Tyrann die holde Gattin kränkt,
+Wenn er nach eignem Sinn verworren handelt,
+Durch Launen, Worte, Taten jede Lust
+Mit Schadenfreude sinnreich untergräbt?
+Wer trocknet ihre Tränen? Welch Gesetz,
+Welch Tribunal erreicht den Schuldigen?
+Er triumphiert, und schweigende Geduld
+Senkt nach und nach, verzweifelnd, sie ins Grab.
+Notwendigkeit, Gesetz, Gewohnheit gaben
+Dem Mann so grobe Rechte; sie vertrauten
+Auf seine Kraft, auf seinen Biedersinn.--
+Nicht Heldenfaust, nicht Heldenstamm, geliebte,
+Verehrte Fremde, weiß ich dir zu bieten;
+Allein des Bürgers hohen Sicherstand.
+Und bist du mein, was kann dich mehr berühren?
+Auf ewig bist du mein, versorgt, beschützt.
+Der König fordre dich von mir zurück;
+Als Gatte kann ich mit dem König rechten.
+
+Eugenie.
+Vergib! Mir schwebt noch allzu lebhaft vor,
+Was ich verscherzte! Du, Großmütiger,
+Bedenkest nur, was mir noch übrig blieb.
+Wie wenig ist es! Dieses Wenige
+Lehrst du mich schätzen, gibst mein eignes Wesen
+Durch dein Gefühl belebend mir zurück.
+Verehrung zoll' ich dir. Wie soll ich's nennen?
+Dankbare, schwesterlich entzückte Neigung!
+Ich fühle mich als dein Geschöpf und kann
+Dir leider, wie du wünschest, nicht gehören.
+
+Gerichtsrat.
+So schnell versagst du dir und mir die Hoffnung?
+
+Eugenie.
+Das Hoffnungslose kündet schnell sich an!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Die Vorigen. Hofmeisterin.
+
+Hofmeisterin.
+Dem günst'gen Wind gehorcht die Flotte schon.
+Die Segel schwellen, alles eilt hinab.
+Die Scheidenden umarmen tränend sich,
+Und von den Schiffen, von dem Strande wehn
+Die weißen Tücher noch den letzten Gruß.
+Bald lichtet unser Schiff die Anker auch!
+Komm! Lass uns gehen! Uns begleitet nicht
+Ein Scheidegruß, wir ziehen unbeweint.
+
+Gerichtsrat.
+Nicht unbeweint, nicht ohne bittern Schmerz
+Zurückgelassner Freunde, die nach euch
+Die Arme rettend strecken. O! Vielleicht
+Erscheint, was ihr im Augenblick verschmäht,
+Euch blad ein sehnsuchtswertes, fernes Bild.
+(Zu Eugenie.) Vor wenigen Minuten nannt' ich dich
+Entzückt willkommen! Soll ein Lebewohl
+Behend auf ewig unsre Trennung siegeln?
+
+Hofmeisterin.
+Der Unterredung Inhalt, ahn' ich ihn?
+
+Gerichtsrat.
+Zum ew'gen Bunde siehst du mich bereit.
+
+Hofmeisterin (zu Eugenie).
+Und wie erkennst du solch ein groß Erbieten?
+
+Eugenie.
+Mit höchst gerührten Herzens reinstem Dank.
+
+Hofmeisterin.
+Und ohne Neigung, diese Hand zu fassen?
+
+Gerichtsrat.
+Zur Hilfe bietet sie sich dringend an.
+
+Eugenie.
+Das Nächste steht oft unergreifbar fern.
+
+Hofmeisterin.
+Ach! Fern von Rettung stehn wir nur zu bald.
+
+Gerichtsrat.
+Und hast du künftig Drohendes bedacht?
+
+Eugenie.
+Sogar das letzte Drohende, den Tod.
+
+Hofmeisterin.
+Ein angebotnes Leben schlägst du aus?
+
+Gerichtsrat.
+Erwünschte Feier froher Bundestage?
+
+Eugenie.
+Ein Fest versäumt' ich, keins erscheint mir wieder.
+
+Hofmeisterin.
+Gewinnen kann, wer viel verloren, schnell.
+
+Gerichtsrat.
+Noch glänzendem ein dauerhaft Geschick.
+
+Eugenie.
+Hinweg die Dauer, wenn der Glanz verlosch.
+
+Hofmeisterin.
+Der Mögliches bedenkt, lässt sich genügen.
+
+Gerichtsrat.
+Und wem genügte nicht an Lieb' und Treue?
+
+Eugenie.
+Den Schmeichelworten widerspricht mein Herz,
+Und widerstrebt euch beiden ungeduldig.
+
+Gerichtsrat.
+Ach, allzu lästig scheint, ich weiß es wohl,
+Uns unwillkommne Hilfe! Sie erregt
+Nur innern Zwiespalt. Danken möchten wir,
+Und sind undankbar, da wir nicht empfangen.
+Drum lasst mich scheiden! Doch des Hafenbürgers
+Gebrauch und Pflicht vorher an euch erfüllen,
+Aufs unfruchtbare Meer von Landesgaben
+Zum Lebewohl Erquickungsvorrat widmen.
+Dann werd' ich stehen, werde starren Blicks
+Geschwollne Segel ferner, immer ferner,
+Und Glück und Hoffnung weichend schwinden sehn.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin.
+
+Eugenie.
+In deiner Hand, ich weiß es, ruht mein Heil,
+Sowie mein Elend. Lass dich überreden!
+Lass dich erweichen! Schiffe mich nicht ein!
+
+Hofmeisterin.
+Du lenkest nun, was uns begegnen soll,
+Du hast zu wählen! Ich gehorche nur
+Der starken Hand, sie stößt mich vor sich hin.
+
+Eugenie.
+Und nennst du Wahl, wenn Unvermeidliches
+Unmöglichem sich gegenüberstellt?
+
+Hofmeisterin.
+Der Bund ist möglich, wie der Bann vermeidlich.
+
+Eugenie.
+Unmöglich ist, was Edle nicht vermögen.
+
+Hofmeisterin.
+Für diesen biedern Mann vermagst du viel.
+
+Eugenie.
+In bessre Lagen führe mich zurück;
+Und sein Erbieten lohn' ich grenzenlos.
+
+Hofmeisterin.
+Ihm lohne gleich, was ihn allein belohnt:
+Zu hohen Stufen heb' ihn deine Hand!
+Wenn Tugend, wenn Verdienst den Tüchtigen
+Nur langsam fördern, wenn er, still entsagend
+Und kaum bemerkt sich andern widmend, strebt,
+So führt ein edles Weib ihn leicht ans Ziel.
+Hinunter soll kein Mann die Blicke wenden;
+Hinauf zur höchsten Frauen kehr' er sich!
+Gelingt es ihm, sie zu erwerben, schnell
+Geebnet zeigt des Lebens Pfad sich ihm.
+
+Eugenie.
+Verwirrender, verfälschter Worte Sinn
+Entwickl' ich wohl aus deinen falschen Reden,
+Das Gegenteil erkenn' ich nur zu klar:
+Der Gatte zieht sein Weib unwiderstehlich
+In seines Kreises abgeschlossne Bahn.
+Dorthin ist sie gebannt, sie kann sich nicht
+Aus eigner Kraft besondre Wege wählen;
+Aus niedrem Zustand führt er sie hervor,
+Aus höhern Sphären lockt er sie hernieder.
+Verschwundne ist die frühere Gestalt,
+Verloschen jede Spur vergangner Tage.
+Was sie gewann, wer will es ihr entreißen?
+Was sie verlor, wer gibt es ihr zurück?
+
+Hofmeisterin.
+So bricht du grausam dir und mir den Stab.
+
+Eugenie.
+Noch forscht mein Blick nach Rettung hoffnungsvoll.
+
+Hofmeisterin.
+Der Liebende verzweifelt; kannst du hoffen?
+
+Eugenie.
+Ein kalter Mann verlieh' uns bessern Rat.
+
+Hofmeisterin.
+Von Rat und Wahl ist keine Rede mehr;
+Du stürzest mich ins Elend, folge mir!
+
+Eugenie.
+O dass ich dich noch einmal freundlich hold
+Vor meinen Augen sähe, wie du stets
+Von früher Zeit herauf mich angeblickt!
+Der Sonne Glanz, die alles Leben regt,
+Des klaren Monds erquicklich leiser Schein
+Begegneten mir holder nicht als du.
+Was konnt' ich wünschen? Vorbereitet war's.
+Was durft' ich fürchten? Abgelehnt war alles!
+Und zog sich ins Verborgne meine Mutter
+Vor ihres Kindes Blicken früh zurück,
+So reichtest du ein überfließend Maß
+Besorgter Mutterliebe mir entgegen.
+Bist du denn ganz verwandelt? Äußerlich
+Erscheinst du mir die Vielgeliebte selber;
+Doch ausgewechselt ist, so scheint's, dein Herz--
+Du bist es noch, die ich um Kleines und Großes
+So oft gebeten, die mir nichts verweigert.
+Gewohnter Ehrfurcht kindliches Gefühl,
+Es lehrt mich nun, das Höchste zu erbitten.
+Und könnt' es mich erniedrigen, dich nun
+An Vaters, Königs, dich an Gottes Statt
+Gebognen Knies um Rettung anzuflehen?
+
+(Sie kniet.)
+
+Hofmeisterin.
+In dieser Lage scheinst du meiner nur
+Verstellt zu spotten. Falschheit rührt mich nicht.
+
+(Hebt Eugenie mit Heftigkeit auf.)
+
+Eugenie.
+So hartes Wort, so widriges Betragen,
+Erfahr' ich das, erleb' ich das von dir?
+Und mit Gewalt verscheuchst du meinen Traum.
+Im klaren Lichte seh' ich mein Geschick!
+Nicht meine Schuld, nicht jener Großen Zwist,
+Des Bruders Tücke hat mich hergestoßen,
+Und, mitverschworen, hältst du mich gebannt.
+
+Hofmeisterin.
+Dein Irrtum schwankt nach allen Seiten hin.
+Was will der Bruder gegen dich beginnen?
+Den bösen Willen hat er, nicht die Macht.
+
+Eugenie.
+Sei's, wie ihm wolle! Noch verschmacht' ich nicht
+In ferner Wüste hoffnungslosen Räumen.
+Ein lebend Volk bewegt sich um mich her,
+Ein liebend Volk, das auch den Vaternamen
+Entzückt aus seines Kindes Mund vernimmt.
+Die fordr' ich auf. Aus roher Menge kündet
+Ein mächt'ger Ruf mir meine Freiheit an.
+
+Hofmeisterin.
+Die rohe Menge hast du nie gekannt,
+Sie starrt und staunt und zaudert, lässt geschehn;
+Und regt sie sich, so endet ohne Glück,
+Was ohne Plan zufällig sie begonnen.
+
+Eugenie.
+Den Glauben wirst du mir mit kaltem Wort
+Nicht, wie mein Glück mit frecher Tag, zerstören.
+Dort unten hoff' ich Leben, aus dem Leben,
+Dort, wo die Masse, tätig strömend, wogt,
+Wo jedes Herz, mit wenigem befriedigt,
+Für holdes Mitleid gern sich öffnen mag.
+Du hältst mich nicht zurück! Ich rufe laut,
+Wie furchtbar mich Gefahr und Not bedrängen,
+Ins wühlende Gemisch mich stürzend, aus.
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug
+(Platz am Hafen.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin.
+
+Eugenie.
+Mit welchen Ketten führst du mich zurück?
+Gehorch! Ich wider Willen diesmal auch!
+Fluchwürdige Gewalt der Stimme, die
+Mich einst so glatt zur Folgsamkeit gewöhnte,
+Die meines ersten bildsamen Gefühls
+Im ganzen Umfang sich bemeisterte!
+Du warst es, der ich dieser Worte Sinn
+Zuerst verdanke, dieser Sprache Kraft
+Und künstliche Verknüpfung; diese Welt
+Hab' ich aus deinem Munde, ja, mein eignes Herz.
+Nun brauchst du diesen Zauber gegen mich,
+Du fesselst mich, du schleppst mich hin und wider,
+Mein Geist verwirrt sich, mein Gefühl ermattet,
+Und zu den Toten sehn' ich mich hinab.
+
+Hofmeisterin.
+O hätte diese Zauberkraft gewirkt,
+Von jenen hohen Plänen abzustehn.
+
+Eugenie.
+Du ahntest solch ungeheures Übel
+Und warntest nicht den allzu sichern Mut?
+
+Hofmeisterin.
+Wohl durft' ich warnen, aber leise nur;
+Die ausgesprochne Silbe trug den Tod.
+
+Eugenie.
+Und hinter deinem Schweigen lag Verbannung!
+Ein Todeswort, willkommner war es mir.
+
+Hofmeisterin.
+Dies Unglück, vorgesehen oder nicht,
+Hat mich und dich in gleiches Netz verschlungen.
+
+Eugenie.
+Was kann ich wissen, welch ein Lohn dir wird,
+Um deinen armen Zögling zu verderben.
+
+Hofmeisterin.
+Er wartet wohl am fremden Strande mein!
+Das Segel schwillt und führt uns beide hin.
+
+Eugenie.
+Noch hat das Schiff in seine Kerker nicht
+Mich aufgenommen. Sollt' ich willig gehen?
+
+Hofmeisterin.
+Und riefst du nicht das Volk zur Hilfe schon?
+Es staunte nur dich an und schwieg und ging.
+
+Eugenie.
+Mit ungeheurer Not im Kampfe, schien
+Ich dem gemeinen Blick des Wahnsinns Beute.
+Doch sollst du mir mit Worten, mit Gewalt
+Den mut'gen Schritt nach Hilfe nicht verkümmern.
+Die Ersten dieser Stadt erheben sich
+Aus ihren Häusern dem Gestadte zu,
+Die Schiffe zu bewundern, die gereiht,
+Uns unerwünscht das hohe Meer gewinnen.
+Schon regt sich am Palast des Gouverneurs
+Die Wache. Jener ist es, der die Stufen,
+Von mehreren begleitet, niedersteigt.
+Ich will ihn sprechen, ihm den Fall erzählen!
+Und ist er wert, an meines Königs Platz
+Den wichtigsten Geschäften vorzustehn,
+So weist er mich nicht unerhört von hinnen.
+
+Hofmeisterin.
+Ich hindre dich an diesem Schritte nicht,
+Doch nennst du keinen Namen, nur die Sache.
+
+Eugenie.
+Den Namen nicht, bis ich vertrauen darf.
+
+Hofmeisterin.
+Es ist ein edler junger Mann und wird,
+Was er vermag, mit Anstand gern gewähren.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Vorigen. Der Gouverneur. Adjutanten.
+
+Eugenie.
+Dir in den Weg zu treten, darf ich's wagen?
+Wirst du der kühnen Fremden auch verzeihn?
+
+Gouverneur (nachdem er sie aufmerksam betrachtet).
+Wer sich wie du dem ersten Blick empfiehlt,
+Der ist gewiss des freundlichsten Empfangs.
+
+Eugenie.
+Nicht froh und freundlich ist es, was ich bringe,
+Entgegen treibt mich dir die höchste Not.
+
+Gouverneur.
+Ist, sie zu heben, möglich, sei mir's Pflicht;
+Ist sie auch nur zu lindern, soll's geschehn.
+
+Eugenie.
+Von hohem Haus entspross die Bittende;
+Doch leider ohne Namen tritt sie auf.
+
+Gouverneur.
+Ein Name wird vergessen; dem Gedächtnis
+Schreibt solch ein Bild sich unauslöschlich ein.
+
+Eugenie.
+Gewalt und List entreißen, führen, drängen
+Mich von des Vaters Brust ans wilde Meer.
+
+Gouverneur.
+Wer durfte sich an diesem Friedensbild
+Mit ungeweihter Feindeshand vergreifen?
+
+Eugenie.
+Ich selbst vermute nur! Mich überrascht
+Aus meinem eignen Hause dieser Schlag.
+Von Eigennutz und bösem Rat geleitet,
+Sann mir ein Bruder dies Verderben aus,
+Und diese hier, die mich erzogen, steht,
+Mir unbegreiflich, meinen Feinden bei.
+
+Hofmeisterin.
+Ihr steh' ich bei und mildre großes Übel,
+Das ich zu heilen leider nicht vermag.
+
+Eugenie.
+Ich soll zu Schiffe steigen, fordert sie!
+Nach jenen Ufern führt sie mich hinüber!
+
+Hofmeisterin.
+Geb' ich auf solchem Weg ihr das Geleit,
+So zeigt es Liebe, Muttersorgfalt an.
+
+Gouverneur.
+Verzeiht, geschätzte Frauen, wenn ein Mann,
+Der, jung an Jahren, manches in der Welt
+Gesehn und überlegt, im Augenblick,
+Da er euch sieht und hört, bedenklich stutzt.
+Vertrauen scheint ihr beide zu verdienen,
+Und ihr misstraut einander beide selbst,
+So scheint es wenigstens. Wie soll ich nun
+Des wunderbaren Knotens Rätselschlinge,
+Die euch umstrickt, zu lösen übernehmen?
+
+Eugenie.
+Wenn du mich hören willst, vertrau' ich mehr.
+
+Hofmeisterin.
+Auch ich vermöchte manches zu erklären.
+
+Gouverneur.
+Dass uns mit Fabeln oft ein Fremder täuscht,
+Muss auch der Wahrheit schaden, wenn wir sie
+In abenteuerlicher Hülle sehn.
+
+Eugenie.
+Misstraust du mir, so bin ich ohne Hilfe.
+
+Gouverneur.
+Und traut' ich auch, ist doch zu helfen schwer.
+
+Eugenie.
+Nur zu den Meinen sende mich zurück.
+
+Gouverneur.
+Verlorne Kinder aufzunehmen, gar
+Entwendete, verstoßne zu beschützen,
+Bringt wenig Dank dem wohl gesinnten Mann.
+Um Gut und Erbe wird sogleich ein Streit,
+Um die Person, ob sie die rechte sei,
+Gehässig aufgeregt, und wenn Verwandte
+Ums Mein und dein gefühllos hadern, trifft
+Den Fremden, der sich eingemischt, der Hass
+Von beiden Teilen, und nicht selten gar,
+Weil ihm der strengere Beweis nicht glückt,
+Steht er zuletzt auch vor Gericht beschämt.
+Verzeih mir also, wenn ich nicht sogleich
+Mit Hoffnung dein Gesuch erwidern kann.
+
+Eugenie.
+Ziemt eine solche Furcht dem edlen Mann,
+Wohin soll sich ein Unterdrückter wenden?
+
+Gouverneur.
+Doch wenigstens entschuldigst du gewiss
+Im Augenblick, wo ein Geschäft mich ruft,
+Wenn ich auf morgen frühe dich hinein
+In meine Wohnung lade, dort genauer
+Das Schicksal zu erfahren, das dich drängt.
+
+Eugenie.
+Mit Freuden werd' ich kommen. Nimm voraus
+Den lauten Dank für meine Rettung an!
+
+Hofmeisterin (die ihm ein Papier überreicht).
+Wenn wir auf deine Ladung nicht erscheinen,
+So ist dies Blatt Entschuldigung genug.
+
+Gouverneur (der es aufmerksam eine Weile angesehn,
+es zurückgebend).
+So kann ich freilich nur beglückte Fahrt,
+Ergebung ins Geschick und Hoffnung wünschen.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin.
+
+Eugenie.
+Ist dies der Talisman, mit dem du mich
+Entführst, gefangen hältst, der alle Guten,
+Die sich zu Hilfe mir bewegen, lähmt?
+Lass mich es ansehn, dieses Todesblatt!
+Mein Elend kenn' ich, nun, so lass mich auch,
+Wer es verhängen konnte, lass mich's wissen.
+
+Hofmeisterin (die das Blatt offen darzeigt).
+Hier! Sieh herein.
+
+Eugenie (sich weg wendend).
+ Entsetzliches Gefühl!
+Und überlebt' ich's, wenn des Vaters Name,
+Des Königs Name mir entgegen blitzte?
+Noch ist die Täuschung möglich, dass verwegen
+Ein Kronbeamter die Gewalt missbraucht
+Und, meinem Bruder frönend, mich verletzt.
+Da bin ich noch zu retten. Eben dies
+Will ich erfahren! Zeige her!
+
+Hofmeisterin (wie oben).
+ Du siehst's!
+
+Eugenie (wie oben).
+Der Mut verlässt mich! Nein, ich wag' es nicht.
+Sei's, wie es will, ich bin verloren, bin
+Aus allem Vorteil dieser Welt gestoßen;
+Entsag' ich denn auf ewig dieser Welt!
+O dies vergönnst du mir! Du willst es ja,
+Die Feinde wollen meinen Tod, sie wollen
+Mich lebend eingescharrt. Vergönne mir,
+Der Kirche mich zu nähern, die begierig
+So manch unschuldig Opfer schon verschlang.
+Hier ist der Tempel; diese Pforte führt
+Zu stillem Jammer, wie zu stillem Glück.
+Lass diesen Schritt mich ins Verborgne tun!
+Was mich daselbst erwartet, sei mein Los.
+
+Hofmeisterin.
+Ich sehe, die Äbtissin steigt, begleitet
+Von zwei der Ihren, zu dem Platz herab;
+Auch sie ist jung, von hohem Haus entsprossen;
+Entdeck' ihr deinen Wunsch, ich hindr' es nicht.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Die Vorigen. Äbtissin. Zwei Nonnen.
+
+Eugenie.
+Betäubt, verworren, mit mir selbst entzweit
+Und mit der Welt, verehrte heil'ge Jungfrau,
+Siehst du mich hier. Die Angst des Augenblicks,
+Die Sorge für die Zukunft treiben mich
+In deine Gegenwart, in der ich Lindrung
+Des ungeheuren Übels hoffen darf.
+
+Äbtissin.
+Wenn Ruhe, wenn Besonnenheit und Friede
+Mit Gott und unserm eigenen Herzen sich
+Mitteilen lässt, so soll es, edle Fremde,
+Nicht fehlen an der Lehre treuem Wort,
+Dir einzuflößen, was der Meinen Glück
+Und meins für heut' sowie auf ewig fördert.
+
+Eugenie.
+Unendlich ist mein Übel, schwerlich möcht'
+Es durch der Worte göttliche Gewalt
+Sogleich zu heilen sein. O nimm mich auf
+Und lass mich weilen, wo du weilst, mich erst
+In Tränen lösen diese Bangigkeit
+Und mein erleichtert Herz dem Troste weihen!
+
+Äbtissin.
+Wohl hab' ich oft im heiligen Bezirk
+Der Erde Tränen sich in göttlich Lächeln
+Verwandeln sehn, in himmlisches Entzücken,
+Doch drängt man sich gewaltsam nicht herein;
+Gar manche Prüfung muss die neue Schwester
+Und ihren ganzen Wert uns erst entwickeln.
+
+Hofmeisterin.
+Entschiedner Wert ist leicht zu kennen, leicht,
+Was du bedingen möchtest, zu erfüllen.
+
+Äbtissin.
+Ich zweifle nicht am Adel der Geburt,
+Nicht am Vermögen, dieses Hauses Rechte,
+Die groß und wichtig sind, dir zu gewinnen.
+Drum lasst mich bald vernehmen, was ihr denkt.
+
+Eugenie.
+Gewähre meine Bitte, nimm mich auf!
+Verbirg mich vor der Welt im tiefsten Winkel.
+Und meine ganze Habe nimm dahin.
+Ich bringe viel und hoffe mehr zu leisten.
+
+Äbtissin.
+Kann uns die Jugend, uns die Schönheit rühren,
+Ein edles Wesen, spricht's an unser Herz,
+So hast du viele Rechte, gutes Kind.
+Geliebte Tochter! Komm an meine Brust!
+
+Eugenie.
+Mit diesem Wort, mit diesem Herzensdruck
+Besänftigst du auf einmal alles Toben
+Der aufgeregten Brust. Die letzte Welle
+Umspielt mich weichend noch. Ich bin im Hafen.
+
+Hofmeisterin (dazwischen tretend).
+Wenn nicht ein grausam Schicksal widerstünde!
+Betrachte dieses Blatt, uns zu beklagen.
+
+(Sie reicht der Äbtissin das Blatt.)
+
+Äbtissin (die gelesen).
+Ich muss dich tadeln, dass du wissentlich
+So manch vergeblich Wort mit angehört.
+Ich beuge vor der höheren Hand mich tief,
+Die hier zu walten scheint.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin.
+
+Eugenie.
+ Wie? Höhre Hand?
+Was meint die Heuchlerin? Versteht sie Gott?
+Der himmlisch Höchste hat gewiss nicht hier
+Mit dieser Freveltat zu tun. Versteht
+Sie unsern König? Wohl! Ich muss es dulden,
+Was dieser über mich verhängt. Allein
+Ich will nicht mehr in Zweifel, zwischen Furcht
+Und Liebe schweben, will nicht weibisch mehr,
+Indem ich untergehe, noch des Herzens
+Und seiner weichlichen Gefühle schonen.
+Es breche, wenn es brechen soll, und nun
+Verlang' ich, dieses Blatt zu sehen, sei
+Von meinem Vater, sei von meinem König
+Das Todesurteil unterzeichnet. Jener
+Gereizten Gottheit, die mich niederschmettert,
+Will ich getrost ins Auge schauend stehn.
+O dass ich vor ihr stünde! Fürchterlich
+Ist der bedrängten Unschuld letzter Blick.
+
+Hofmeisterin.
+Ich hab' es nie verweigert, nimm es hin.
+
+Eugenie (das Papier von außen ansehend).
+Das ist des Menschen wunderbar Geschick,
+Dass bei dem größten Übel noch die Furcht
+Vor feinerem Verlust ihm übrig bleibt.
+Sind wir so reich, ihr Götter, dass ihr uns
+Mit einem Schlag nicht alles rauben könnt?
+Des Lebens Glück entriss mir dieses Blatt,
+Und lässt mich größeren Jammer noch befürchten.
+
+(Sie entfaltet's.)
+
+Wohlan! Getrost, mein Herz, und schaudre nicht,
+Die Neige dieses bittren Kelchs zu schlürfen.
+
+(Blickt hinein.)
+
+Des Königs Hand und Siegel!
+
+Hofmeisterin (die ihr das Blatt abnimmt).
+ Gutes Kind,
+Bedaure mich, indem du dich bejammerst.
+Ich übernahm das traurige Geschäft,
+Der Allgewalt Befehl vollzieh' ich nur,
+Um dir in deinem Elend beizustehn,
+Dich keiner fremden Hand zu überlassen.
+Was meine Seele peinigt, was ich noch
+Von diesem schrecklichen Ereignis kenne,
+Erfährst du künftig. Jetzt verzeihe mir,
+Wenn mich die eiserne Notwendigkeit,
+Uns unverzüglich einzuschiffen, zwingt.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+Eugenie allein, hernach Hofmeisterin im Grunde.
+
+Eugenie.
+So ist mir denn das schönste Königreich,
+Der Hafenplatz, von Tausenden belebt,
+Zur Wüste worden, und ich bin allein.
+Hier sprechen edle Männer nach Gesetzen,
+Und Krieger lauschen auf gemessnes Wort.
+Hier flehen heilig Einsame zum Himmel;
+Beschäftigt strebt die Menge nach Gewinn.
+Und mich verstößt man ohne Recht und Urteil,
+Nicht eine Hand bewaffnet sich für mich,
+Man schließt mir die Asyle, niemand mag
+Zu meinen Gunsten wenig Schritte wagen.
+Verbannung! Ja, des Schreckensworts Gewicht
+Erdrückt mich schon mit allen seinen Lasten.
+Schon fühl' ich mich ein abgestorbnes Glied,
+Der Körper, der gesunde, stößt mich los.
+Dem selbstbewussten Toten gleich' ich, der,
+Ein Zeuge seiner eigenen Bestattung,
+Gelähmt, in halbem Träume, grausend liegt.
+Entsetzliche Notwendigkeit! Doch wie?
+Ist mir nicht eine Wahl verstattet? Kann
+Ich nicht des Mannes Hand ergreifen, der
+Mir, einzig edel, seine Hilfe beut?--
+Und könnt' ich das? Ich könnte die Geburt,
+Die mich so hoch hinaufgerückt, verleugnen!
+Von allem Glanze jener Hoffnung mich
+Auf ewig trennen! Das vermag ich nicht!
+O fasse mich, Gewalt, mit ehrnen Fäusten!
+Geschick, du blindes, reiße mich hinweg!
+Die Wahl ist schwerer als das Übel selbst,
+Die zwischen zweien Übeln schwankend bebt.
+
+(Hofmeisterin, mit Leuten, welche Gepäcke tragen,
+geht schweigend hinten vorbei.)
+
+Sie kommen! Tragen meine Habe fort,
+Das Letzte, was von köstlichem Besitz
+Mir übrig blieb. Wird es mir auch geraubt?
+Man bringt's hinüber, und ich soll ihm nach.
+Ein günst'ger Wind bewegt die Wimpel seewärts,
+Bald werd' ich alle Segel schwellen sehn.
+Die Flotte löset sich vom Hafen ab!
+Und nun das Schiff, das mich Unsel'ge trägt.
+Man kommt! Man fordert mich an Bord. O Gott!
+Ist denn der Himmel ehern über mir?
+Dringt meine Jammerstimme nicht hindurch?
+So sei's! Ich gehe! Doch mich soll das Schiff
+In seines Kerkers Räume nicht verschlingen.
+Das letzte Brett, das mich hinüberführt,
+Soll meiner Freiheit erste Stufe werden.
+Empfangt mich dann, ihr Wellen, fasst mich auf,
+Und, fest umschlingend, senket mich hinab
+In eures tiefen Friedens Grabesschoß.
+Und wenn ich dann vom Unbill dieser Welt
+Nichts mehr zu fürchten habe, spült zuletzt
+Mein bleiches Gebein dem Ufer zu,
+Dass eine fromme Seele mir das Grab
+Auf heim'schem Boden wohlgesinnt bereite.
+
+(Mit einigen Schritten.)
+
+Wohlan denn!
+
+(Hält inne.) Will mein Fuß nicht mehr gehorchen?
+Was fesselt meinen Schritt, was hält mich hier?
+Unsel'ge Liebe zum unwürd'gen Leben!
+Du führest mich zum harten Kampf zurück.
+Verbannung, Tod, Entwürdigung umschließen
+Mich fest und ängsten mich einander zu.
+Und wie ich mich von einem schaudernd wende,
+So grinst das andre mir mit Höllenblick.
+Ist denn kein menschlich, ist kein göttlich Mittel,
+Von tausendfacher Qual mich zu befreien?
+O dass ein einzig ahnungsvolles Wort
+Zufällig aus der Menge mir ertönte!
+O dass ein Friedensvogel mir vorbei
+Mit leisem Fittich leitend sich bewegte!
+Gern will ich hin, wohin das Schicksal ruft;
+Es deute nur! Und ich will gläubig folgen.
+Es winke nur! Ich will dem heil'gen Winke,
+Vertrauend, hoffend, ungesäumt mich fügen.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+Eugenie. Mönch.
+
+Eugenie (die eine Zeitlang vor sich hingesehen, indem
+sie die Augen aufhebt und den Mönch erblickt).
+Ich darf nicht zweifeln, ja! Ich bin gerettet!
+Ja! Dieser ist's, der mich bestimmen soll.
+Gesendet auf mein Flehn, erscheint er mir,
+Der Würdige, Bejahrte, dem das Herz
+Beim ersten Blick vertraut entgegen flieht.
+
+(Ihm entgegen gehend.)
+
+Mein Vater! Lass den ach! Mir nun versagten,
+Verkümmerten, verbotnen Vaternamen
+Auf dich, den edlen Fremden, übertragen.
+Mit wenig Worten höre meine Not.
+Nicht als dem weisen, wohl bedächt'gen Mann,
+Dem Gott begabten Greise leg' ich sie
+Mit schmerzlichem Vertraun dir an die Brust.
+
+Mönch.
+Was dich bedrängt, eröffne freien Mutes.
+Nicht ohne Schickung trifft der Leidende
+Mit dem zusammen, der als höchste Pflicht
+Die Linderung der Leiden üben soll.
+
+Eugenie.
+Ein Rästel statt der Klagen wirst du hören,
+Und ein Orakel fordr' ich, keinen Rat.
+Zu zwei verhassten Zielen liegen mir
+Zwei Wege vor den Füßen, einer dorthin,
+Hierhin der andre; welchen soll ich wählen?
+
+Mönch.
+Du führst mich in Versuchung! Soll ich nur
+Als Los entscheiden?
+
+Eugenie.
+Als ein heilig Los.
+
+Mönch.
+Begreif' ich dich, so hebt aus tiefer Not
+Zu höhern Regionen sich dein Blick.
+Erstorben ist im Herzen eigner Wille,
+Entscheidung hoffst du dir vom Waltenden.
+Ja wohl! Das ewig Wirkende bewegt,
+Uns unbegreiflich, dieses oder jenes
+Als wie von ungefähr zu unserm Wohl,
+Zum Rate, zur Entscheidung, zum Vollbringen,
+Und wie getragen werden wir ans Ziel.
+Dies zu empfinden, ist das höchste Glück,
+Es nicht zu fordern, ist bescheidne Pflicht,
+Es zu erwarten, schöner Trost im Leiden.
+O wär' ich doch gewürdigt, nun für dich,
+Was dir am besten frommte, vorzufühlen!
+Allein die Ahnung schweigt in meiner Brust,
+Und kannst du mehr nicht mir vertraun, so nimm
+Ein fruchtlos Mitleid hin zum Lebewohl.
+
+Eugenie.
+Schiffbrüchig fass' ich noch die letzte Planke!
+Dich halt' ich fest und sage wider Willen
+Zum letzten Mal das hoffnungslose Wort:
+Aus hohem Haus entsprossen, werd' ich nun
+Verstoßen, übers Meer verbannt und könnte
+Mich durch ein Ehebündnis retten, das
+ZU niedren Sphären mich herunterzieht.
+Was sagt nun dir das Herz? Verstummt es noch?
+
+Mönch.
+Es schweige, bis der prüfende Verstand
+Sich als ohnmächtig selbst bekennen muss.
+Du hast nur Allgemeines mir vertraut,
+Ich kann dir nur das Allgemeine raten.
+Bist du zur Wahl genötigt unter zwei
+Verhassten Übeln, fasse sie ins Auge
+Und wähle, was dir noch den meisten Raum
+Zu heil'gem Tun und wirken übrig lässt,
+Was deinen Geist am wenigsten begrenzt,
+Am wenigsten die frommen Taten fesselt.
+
+Eugenie.
+Die Ehe, merk' ich, rätst du mir nicht an.
+
+Mönch.
+Nicht eine solche, wie sie dich bedroht.
+Wie kann der Priester segnen, wenn das Ja
+Der holden Braut nicht aus dem Herzen quillt.
+Er soll nicht Widerwärt'ges aneinander
+Zu immer neu erzeugtem Streite ketten;
+Den Wunsch der Liebe, die zum All das Eine,
+Zum Ewigen das Gegenwärtige,
+Das Flüchtige zum Dauernden erhebt,
+Den zu erfüllen, ist kein göttlich Amt.
+
+Eugenie.
+Ins Elend übers Meer verbannst du mich.
+
+Mönch.
+Zum Troste jener drüben ziehe hin.
+
+Eugenie.
+Wie soll' ich trösten, wenn ich selbst verzweifle?
+
+Mönch.
+Ein reines Herz, wovon dein Blick mir zeugt,
+Ein edler Mut, ein hoher, freier Sinn
+Erhaltne dich und andre, wo du auch
+Auf dieser Erde wandelst. Wenn du nun,
+In frühen Jahren ohne Schuld verbannt,
+Durch heil'ge Fügung fremde Fehler büßest,
+So führst du wie ein überirdisch Wesen,
+Der Unschuld Glück und Wunderkräfte mit.
+So ziehe denn hinüber! Trete frisch
+In jenen Kreis der Traurigen. Erheitre
+Durch dein Erscheinen jene trübe Welt.
+Durch mächt'ges Wort, durch kräft'ge Tat errege
+Der tief gebeugten Herzen eigne Kraft;
+Vereine die Zerstreuten um dich her,
+Verbinde sie einander, alle dir;
+Erschaffe, was du hier verliern sollst,
+Dir Stamm und Vaterland und Fürstentum.
+
+Eugenie.
+Getraust du zu tun, was du gebietest?
+
+Mönch.
+Ich tat's!--Als jungen Mann entführte schon
+Zu wilden Stämmen mich der Geist hinüber.
+Ins rohe Leben bracht' ich milde Sitte,
+Ich brachte Himmelshoffnung in den Tod.
+O hätt' ich nicht, verführt von treuer Neigung,
+Dem Vaterland zu nützen, mich zurück
+Zu dieser Wildnis frechen Städtelebens,
+Zu diesem Wust verfeinerter Verbrechen,
+Zu diesem Pfuhl der Selbstigkeit gewendet!
+Hier fesselt mich des Alters Unvermögen,
+Gewohnheit, Pflichten; ein Geschick vielleicht,
+Das mir die schwerste Prüfung spät bestimmt.
+Du aber, jung, von allen Banden frei,
+Gestoßen in das Weite, dringe vor
+Und rette dich! Was du als Elend fühlst,
+Verwandelt sich in Wohltat! Eile fort!
+
+Eugenie.
+Eröffne klarer! Was befürchtest du?
+
+Mönch.
+Im Dunklen drängt das Künft'ge sich heran,
+Das künftig Nächste selbst erscheinet nicht
+Dem offnen Blick der Sinne, des Verstands.
+Wenn ich beim Sonnenschein durch diese Straßen
+Bewundernd wandle, der Gebäude Pracht,
+Die felsengleich getürmten Massen schaue,
+Der Plätze Kreis, der Kirchen edlen Bau,
+Des Hafens masterfüllten Raum betrachte;
+Das scheint mir alles für die Ewigkeit
+Gegründet und geordnet; diese Menge
+Gewerksam Tätiger, die hin und her
+In diesen Räumen wogt, auch die verspricht,
+Sich unvertilgbar ewig herzustellen.
+Allein wenn dieses große Bild bei Nacht
+In meines Geistes Tiefen sich erneut,
+Da stürmt ein Brausen durch die düstre Luft,
+Der feste Boden wankt, die Türme schwanken,
+Gefugte Steine lösen sich herab,
+Und so zerfällt in ungeformten Schutt
+Die Prachterscheinung. Wenig Lebendes
+Durchklimmt bekümmert neu entstanden Hügel,
+Und jeder Trümmer deutet auf ein Grab.
+Das Element zu bändigen, vermag
+Ein tief gebeugt, vermindert Volk nicht mehr,
+Und rastlos wiederkehrend, füllt die Flut
+Mit Sand und Schlamm des Hafens Becken aus,
+
+Eugenie,
+Die Nacht entwaffnet erst den Menschen, dann
+Bekämpft sie ihn mit nichtigem Gebild.
+
+Mönch.
+Ach! Bald genug steigt über unsern Jammer
+Der Sonne trüb gedämpfter Blick heran.
+Du aber fliehe, die ein guter Geist
+Verbannend segnete. Leb' wohl und eile!
+
+
+
+Achter Auftritt
+Eugenie (allein).
+
+Vom eignen Elend leitet man mich ab,
+Und fremden Jammer prophezeit man mir.
+Doch wär' es fremd, was deinem Vaterland
+Begegnen soll? Dies fällt mit neuer Schwere
+Mir auf die Brust! Zum gegenwärt'gen Übel
+Soll ich der Zukunft Geistesbürden tragen?
+So ist's denn wahr, was in der Kindheit schon
+Mir um das Ohr geklungen, was ich erst
+Erhorcht, erfragt und nun zuletzt sogar
+Aus meines Vaters, meines Königs Mund
+Vernehmen musste! Diesem Reiche droht
+Ein jäher Umsturz. Die zum großen Leben
+Gefugten Elemente wollen sich
+Nicht wechselseitig mehr mit Liebeskraft
+Zu stets erneuter Einigkeit umfangen.
+Sie fliehen sich, und einzeln tritt nun jedes
+Kalt in sich selbst zurück. Wo blieb der Ahnherrn
+Gewalt'ger Geist, der sie zu einem Zweck
+Vereinigte, die feindlich kämpfenden?
+Der diesem großen Volk als Führer sich,
+Als König und als Vater dargestellt?
+Er ist entschwunden! Was uns übrig bleibt,
+Ist ein Gespenst, das mit vergebnem Streben
+Verlorenen Besitz zu greifen wähnt.
+Und solche Sorge nähm' ich mit hinüber?
+Entzöge mich gemeinsamer Gefahr?
+Entflöhe der Gelegenheit, mich kühn
+Der hohen Ahnen würdig zu beweisen,
+Und jeden, der mich ungerecht verletzt,
+In böser Stunde hilfreich zu beschämen?
+Nun bist du, Boden meines Vaterlands,
+Mir erst ein Heiligtum, nun fühl' ich erst
+Den dringenden Beruf, mich anzuklammern.
+Ich lasse dich nicht los, und welches Band
+Mich dir erhalten kann, es ist nun heilig.
+Wo find' ich jenen gut gesinnten Mann,
+Der mir die Hand so traulich angeboten?
+An ihn will ich mich schließen! Im Verborgnen
+Verwahr' er mich, als reinen Talisman.
+Denn, wenn ein Wunder auf der Welt geschieht,
+Geschieht's durch liebevolle, treue Herzen.
+Die Größe der Gefahr betracht' ich nicht,
+Und meine Schwäche darf ich nicht bedenken;
+Das alles wird ein günstiges Geschick
+Zu rechter Zeit auf hohe Zwecke leiten.
+Und wenn mein Vater, mein Monarch mich einst
+Verkannt, verstoßen, mich vergessen, soll
+Erstaunt ihr Blick auf der Erhaltnen ruhn,
+Die das, was sie im Glücke zugesagt,
+Aus tiefem Elend zu erfüllen strebt.
+Er kommt! Ich seh' ihm freundiger entgegen,
+Als ich ihn ließ. Er kommt. Er sucht mich auf!
+Zu scheiden denkt er--bleiben werd' ich ihm.
+
+
+
+Neunter Auftritt
+Eugenie. Gerichtsrat. Ein Knabe mit einem schönen Kästchen.
+
+Gerichtsrat.
+Schon ziehn die Schiffe nacheinander fort,
+Und bald, so fürcht' ich, wirst auch du berufen.
+Empfange noch ein herzlich Lebewohl
+Und eine frische Gabe, die auf langer Fahrt
+Beklommnen Reisenden Erquickung atmet.
+Gedenke mein! O dass du meiner nicht
+Am bösen Tage sehnsuchtsvoll gedenkest!
+
+Eugenie.
+Ich nehme dein Geschenk mit Freuden an,
+Es bürgt mir deine Neigung, deine Sorgfalt;
+Doch send' es eilig in dein Haus zurück!
+Und wenn du denkst, wie du gedacht, empfindest,
+Wie du empfunden, wenn dir meine Freundschaft
+Genügen kann, so folg' ich dir dahin.
+
+Gerichtsrat (nach einer Pause, den Knaben durch einen Wink entfernend).
+Ist's möglich? Hätte sich zu meiner Gunst
+In kurzer Zeit dein Wille so verändert?
+
+Eugenie.
+Er ist verändert! Aber denke nicht,
+Dass Bangigkeit mich dir entgegen treibe.
+Ein edleres Gefühl, lass mich's verbergen!
+Hält mich am Vaterland, an dir zurück.
+Nun sei's gefragt: Vermagst du hohen Muts
+Entsagung der Entsagenden zu weihen?
+Vermagst du zu versprechen, mich als Bruder
+Mit reiner Neigung zu empfangen? Mir,
+Der liebevollen Schwester, Schutz und Rat
+Und stille Lebensfreude zu gewähren?
+
+Gerichtsrat.
+Zu tragen glaub' ich alles, nur das eine,
+Dich zu verlieren, da ich dich gefunden,
+Erscheint mir unerträglich. Dich zu sehen,
+Dir nah zu sein, für dich zu leben, wäre
+Mein einzig höchstes Glück. Und so bedinge
+Dein Herz allein das Bündnis, das wir schließen.
+
+Eugenie.
+Von dir allein gekannt, muss ich fortan,
+Die Welt vermeidend, im Verborgnen leben.
+Besitzest du ein still entferntes Landgut,
+So widm' es mir und sende mich dahin.
+
+Gerichtsrat.
+Ein kleines Gut besitz' ich, wohl gelegen;
+Doch alt und halb verfallen ist das Haus.
+Du kannst jedoch in jener Gegend bald
+Die schönste Wohnung finden, sie ist feil.
+
+Eugenie.
+Nein! In das alt verfallne lass mich ziehn,
+Zu meiner Lager stimmt es, meinem Sinn.
+Und wenn er sich erheitert, find' ich gleich
+Der Tätigkeit bereiten Stoff und Raum.
+Sobald ich mich die deine nenne, lass,
+Von irgend einem alten zuverläss'gen Knecht
+Begleitet, mich in Hoffnung einer künft'gen
+Beglückung Auferstehung mich begraben.
+
+Gerichtsrat.
+Und zum besuch, wann darf ich dort erscheinen?
+
+Eugenie.
+Du wartest meinen Ruf geduldig ab.
+Auch solch ein Tag wird kommen, uns vielleicht
+Mit ernsten Banden enger zu verbinden.
+
+Gerichtsrat.
+Du legest mir zu schwere Prüfung auf.
+
+Eugenie.
+Erfülle deine Pflichten gegen mich;
+Dass ich die meinen kenne, sei gewiss.
+Indem du, mich zu retten, deine Hand
+Mir bietest, wagst du viel. Werd' ich entdeckt,
+Werd' ich's zu früh, so kannst du vieles dulden.
+Ich sage dir das tiefste Schweigen zu;
+Woher ich komme, niemand soll's erfahren,
+Ja, die entfernten Leiben will ich nur
+Im Geist besuchen, keine Zeile soll,
+Kein Bote dort mich nennen, wo vielleicht
+Zu meinem Heil ein Funke glühen möchte.
+
+Gerichtsrat.
+In diesem wicht'gen Fall, was soll ich sagen?
+Uneigennütz'ge Liebe kann der Mund
+Mit Frechheit oft beteuern, wenn im Herzen
+Der Selbstsucht Ungeheuer lauschend grinst.
+Die Tat allein beweist der Liebe Kraft.
+Indem ich dich gewinne, soll ich allem
+Entsagen, deinem Blick sogar! Ich will's.
+Wie du zum ersten Male mir erschienen,
+Erscheinst du bleibend mir, ein Gegenstand
+Der Neigung, der Verehrung. Deinetwillen
+Wünsch' ich zu leben, du gebietest mir.
+Und wenn der Priester sich sein Leben lang
+Der unsichtbaren Gottheit niederbeugt,
+Die im beglückten Augenblick vor ihm
+Als höchstes Musterbild vorüberging,
+So soll von deinem Dienste mich fortan,
+Wie du dich auch verhüllest, nichts zerstreun.
+
+Eugenie.
+Ob ich vertraue, dass dein Äußres nicht,
+Nicht deiner Worte Wohllaut lügen kann;
+Dass ich empfinde, welch ein Mann du bist,
+Gerecht, gefühlvoll, tätig, zuverlässig,
+Davon empfange den Beweis, den höchsten,
+Den eine Frau besonnen geben kann!
+Ich zaudre nicht, ich eile, dir zu folgen!
+Hier meine Hand; wir gehen zum Altar.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10426 ***
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+The Project Gutenberg eBook, Die natuerliche Tochter, by Johann Wolfgang
+von Goethe
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
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+
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+Title: Die natuerliche Tochter
+
+Author: Johann Wolfgang von Goethe
+
+Release Date: December 9, 2003 [eBook #10426]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NATUERLICHE TOCHTER***
+
+
+E-text prepared by Andrew Sly
+
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+This Etext is in German.
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+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
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+Die natürliche Tochter
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+Trauerspiel
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+Johann Wolfgang von Goethe
+
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+Personen
+
+König.
+Herzog.
+Graf.
+Eugenie.
+Hofmeisterin.
+Sekretär.
+Weltgeistlicher.
+Gerichtsrat.
+Gouverneur.
+Äbtissin.
+Mönch.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+(Dichter Wald.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+König. Herzog.
+
+König.
+Das flücht'ge Ziel, das Hunde, Ross und Mann,
+Auf seine Fährte bannend, nach sich reißt,
+Der edle Hirsch, hat über Berg und Tal
+So weit uns irr' geführt, dass ich mich selbst,
+Obgleich so landeskundig, hier nicht finde.
+Wo sind wir, Oheim? Herzog, sage mir,
+Zu welchen Hügeln schweiften wir heran?
+
+Herzog.
+Der Bach, der uns umrauscht, mein König, fließt
+Durch deines Dieners Fluren, die er deiner
+Und einer Ahnherrn königlicher Gnade,
+Als erster Lehnsmann deines Reiches, dankt.
+An jenes Felsens andrer Seite liegt
+Am grünen Hang ein artig Haus versteckt,
+Dich zu bewirten keineswegs gebaut;
+Allein bereit, dich huld'gend zu empfangen.
+
+König.
+Lass dieser Bäume hochgewölbtes Dach
+Zum Augenblick des Rastens freundlich schatten.
+Lass dieser Lüfte liebliches Geweb'
+Uns leis umstricken, dass an Sturm und Streben
+Der Jagdlust auch der Ruhe Zeit sich füge.
+
+Herzog.
+Wie du auf einmal völlig abgeschieden
+Hier hinter diesem Bollwerk der Natur,
+Mein König, dich empfindest, fühl' ich mit.
+Hier dränget sich der Unzufriednen Stimme,
+Der Unverschämten offne Hand nicht nach.
+Freiwillig einsam merkest du nicht auf,
+Ob Undankbare schleichend sich entfernen.
+Die ungestüme Welt reicht nicht hierher,
+Die immer fordert, nimmer leisten will.
+
+König.
+Soll ich vergessen, was mich sonst bedrängt,
+So muss kein Wort erinnernd mich berühren.
+Entfernten Weltgetöses Widerhall
+Verklinge nach und nach aus meinem Ohr.
+Ja, lieber Oheim, wende dein Gespräch
+Auf Gegenstände diesem Ort gemäßer.
+Hier sollen Gatten aneinander wandeln,
+Ihr Stufenglück in wohlgeratnen Kindern
+Entzückt betrachten; hier ein Freund dem Freunde,
+Verschlossnen Busen traulich öffnend, nahn.
+Und gabst du nicht erst neulich stille Winke,
+Du hofftest mir in ruh'gen Augenblicken
+Verborgenes Verhältnis zu bekennen,
+Drangvoller Wünsche holden Inbegriff,
+Erfüllung hoffend, heiter zu gestehn?
+
+Herzog.
+Mit größrer Gnade konntest du mich nicht,
+O Herr, beglücken, als indem du mir
+In diesem Augenblick die Zunge lösest.
+Was ich zu sagen habe, könnt' es wohl
+Ein andrer besser hören als mein König,
+Dem unter allen Schätzen seine Kinder
+Am herrlichsten entgegenleuchten, der
+Vollkommner Vaterfreuden Hochgenuss
+Mit seinem Knechte herzlich teilen wird?
+
+König.
+Du sprichst von Vaterfreuden! Hast du je
+Sie denn gefühlt? Verkümmerte dir nicht
+Dein einz'ger Sohn durch rohes, wildes Wesen,
+Verworrenheit, Verschwendung, starren Trutz
+Dein reiches Leben, dein erwünschtes Alter?
+Verändert er auf einmal die Natur?
+
+Herzog.
+Von ihm erwart' ich keine frohen Tage!
+Sein trüber Sinn erzeugt nur Wolken, die,
+Ach, meinen Horizont so oft verfinstern.
+Ein anderes Gestirn, ein andres Licht
+Erheitert mich. Und wie in dunklen Grüften,
+Das Märchen sagt's, Karfunkelsteine leuchten,
+Mit herrlich mildem Schein der öden Nacht
+Geheimnisvolle Schauer hold beleben,
+So ward auch mir ein Wundergut beschert,
+Mir Glücklichem! Das ich mit Sorgfalt, mehr
+Als den Besitz ererbt errungner Güter,
+Als meiner Augen, meines Lebens Licht,
+Mit Freud' und Furcht, mit Lust und Sorge pflege.
+
+König.
+Sprich vom Geheimnis nicht geheimnisvoll.
+
+Herzog.
+Wer spräche vor der Majestät getrost
+Von seinen Fehlern, wenn sie nicht allein
+Den Fehl in Recht und Glück verwandeln könnte.
+
+König.
+Der wonnevoll geheim verwahrte Schatz?
+
+Herzog.
+Ist eine Tochter.
+
+König.
+ Eine Tochter? Wie?
+Und suchte, Fabelgöttern gleich, mein Oheim,
+Zum niedern Kreis verstohlen hingewandt,
+Sich Liebesglück und väterlich Entzücken?
+
+Herzog.
+Das Große wie das Niedre nötigt uns,
+Geheimnisvoll zu handeln und zu wirken.
+Nur allzu hoch stand jene heimlich mir
+Durch wundersam Geschick verbundne Frau,
+Um welche noch dien Hof in Trauer wandelt
+Und meiner Brust geheime Schmerzen teilt.
+
+König.
+Die Fürstin? Die verehrte, nah verwandte,
+Nur erst verstorbne?
+
+Herzog.
+ War die Mutter! Lass,
+O lass mich nur von diesem Kinde reden,
+Das, seiner Eltern wert und immer werter,
+Mit edlem Sinne sich des Lebens freut.
+Begraben sei das übrige mit ihr,
+Der hoch begabten, hoch gesinnten Frauen.
+Ihr Tod eröffnet mir den Mund, ich darf
+vor meinem König meine Tochter nennen,
+Ich darf ihn bitten, sie zu mir herauf,
+Zu sich herauf zu heben, ihr das Recht
+Der fürstlichen Geburt vor seinem Hofe,
+Vor seinem Reiche, vor der ganzen Welt
+Aus seiner Gnadenfülle zu bewähren.
+
+König.
+Vereint in sich die Nichte, die du mir,
+So ganz erwachsen, zuzuführen denkst,
+Des Vaters und der Mutter Tugenden:
+So muss der Hof, das königliche Haus,
+Indem uns ein Gestirn entzogen wird,
+Den Aufgang eines neuen Sterns bewundern.
+
+Herzog.
+O kenne sie, eh' du zu ihrem Vorteil
+Dich ganz entscheidest. Lass ein Vaterwort
+Dich nicht bestechen! Manches hat Natur
+Für sie getan, das ich entzückt betrachte,
+Und alles, was in meinem Kreise webt,
+Hab' ich um ihre Kindheit hergelagert.
+Schon ihren ersten Weg geleiteten
+Ein ausgebildet Weib, ein weiser Mann.
+Mit welcher Leichtigkeit, mit welchem Sinn
+Erfreut sie sich des Gegenwärtigen,
+Indes ihr Phantasie das künft'ge Glück
+Mit schmeichelhaften Dichterfarben malt.
+An ihrem Vater hängt ihr frommes Herz,
+Und wenn ihr Geist den Lehren edler Männer,
+Sich stufenweis entwickelnd, friedlich horcht:
+So mangelt Übung ritterlicher Tugend
+Dem wohl gebauten, festen Körper nicht.
+Du selbst, mein König, hast sie unbekannt
+Im wilden drang der Jagd um dich gesehn.
+Ja, heute noch! Die Amazonentochter,
+Die in den Fluss dem Hirsche sich zuerst
+Auf raschem Pferde flüchtig nachgestürzt.
+
+König.
+Wir sorgten alle für das edle Kind!
+Ich freue mich, sie mir verwandt zu hören.
+
+Herzog.
+Und nicht zum ersten Mal empfand ich heute,
+Wie Stolz und Sorge, Vaterglück und Angst
+Zu übermenschlichem Gefühl sich mischen.
+
+König.
+Gewaltsam und behände riss das Pferd
+Sich und die Reiterin auf jenes Ufer,
+In dicht bewachsner Hügel Dunkelheit.
+Und so verschwand sie mir.
+
+Herzog.
+ Noch einmal hat
+Mein Auge sie gesehen, eh' ich sie
+Im Labyrinth der hast'gen Jagd verlor.
+Wer weiß, welch ferne Gegend sie durchstreift,
+Verdrossnen Muts, am Ziel sich nicht zu finden,
+Wo, ihrem angebeteten Monarchen sich
+In ehrerbietiger Entfernung anzunähern,
+Allein ihr jetzt erlaubt ist, bis er sie
+Als Blüte seines hoch bejahrten Stammes
+Mit königlicher Huld zu grüßen würdigt.
+
+König.
+Welch ein Getümmel seh' ich dort entstehn?
+Welch einen Zulauf nach den Felsenwänden?
+
+(Er winkt nach der Szene.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Vorigen. Graf.
+
+König.
+Warum versammelt sich die Menge dort?
+
+Graf.
+Die kühne Reiterin ist eben jetzt
+Von jener Felsenwand herabgestürzt.
+
+Herzog.
+Gott!
+
+König.
+ Ist sie sehr beschädigt?
+
+Graf.
+ Eilig hat
+Man deinen Wundarzt, Herr, dahin gerufen.
+
+Herzog.
+Was zaudr' ich? Ist sie tot, so bleibt mir nichts,
+Was mich im Leben länger halten kann.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+König. Graf.
+
+König.
+Kennst du den Anlass der Begebenheit?
+
+Graf.
+Vor meinen Augen hat sie sich ereignet.
+Ein starker Trupp von Reitern, welcher sich
+Durch Zufall von der Jagd getrennt gesehn,
+Geführt von dieser Schönen, zeigte sich
+Auf jener Klippen Wald bewachsner Höhe.
+Sie hören, sehen unten in dem Tal
+Den Jagdgebrauch vollendet, sehn den Hirsch
+Als Beute liegen seiner kläffenden
+Verfolger. Schnell zerstreuet sich die Schar,
+Und jeder sucht sich einzeln seinen Pfad,
+Hier oder dort, mehr oder weniger
+Durch einen Umweg. Sie allein besinnt
+Sich keinen Augenblick und nötiget
+Ihr Pferd von Klipp' zu Klippe grad' herein.
+Des Frevels Glück betrachten wir erstaunt;
+Denn ihr gelingt es eine Weile, doch
+Am untern stielen Abhang gehen dem Pferde
+Die letzten, schmalen Klippenstufen aus,
+Es stürzt herunter, sie mit ihm. So viel
+Konnt' ich bemerken, eh' der Menge Drang
+Sie mir verdeckte. Doch ich hörte bald
+Nach deinem Arzte rufen. So erschein' ich nun
+Auf deinen Wink, den Vorfall zu berichten.
+
+König.
+O möge sie ihm bleiben! Fürchterlich
+Ist einer, der nichts zu verlieren hat.
+
+Graf.
+So hat ihm dieser Schrecken das Geheimnis
+Auf einmal abgezwungen, das er sonst
+Mit so viel Klugheit zu verbergen strebte?
+
+König.
+Er hatte schon sich völlig mir vertraut.
+
+Graf.
+Die Lippen öffnet ihm der Fürstin Tod,
+Nun zu bekennen, was für Hof und Stadt
+Ein offenbar Geheimnis lange war.
+Es ist ein eigner, grillenhafter Zug,
+Dass wir durch Schweigen das Geschehene
+Für uns und andre zu vernichten glauben.
+
+König.
+O lass dem Menschen diesen edlen Stolz!
+Gar vieles kann, gar vieles muss geschehn,
+Was man mit Worten nicht bekennen darf.
+
+Graf.
+Man bringt sie, fürcht' ich, ohne Leben her!
+
+König.
+Welch unerwartet schreckliches Ereignis!
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Die Vorigen. Eugenie, auf zusammen geflochtenen Ästen für tot
+herein getragen. Herzog. Wundarzt. Gefolge.
+
+Herzog (zum Wundarzt).
+Wenn deine Kunst nur irgend was vermag,
+Erfahrner Mann, dem unsres Königs Leben,
+Das unschätzbare Gut, vertraut ist, lass
+Ihr helles Auge sich noch einmal öffnen,
+Dass Hoffnung mir in diesem Blick erscheine!
+Dass aus der Tiefe meines Jammers ich
+Nur Augenblicke noch gerettet werde!
+Vermagst du dann nichts weiter, kannst du sie
+Nur wenige Minuten mir erhalten:
+So lasst mich eilen, vor ihr hinzusterben,
+Dass ich im Augenblick des Todes noch
+Getröstet rufe: Meine Tochter lebt!
+
+König.
+Entferne dich, mein Oheim! Dass ich hier
+Die Vaterpflichten treulich übernehme.
+Nichts unversucht lässt dieser wackre Mann.
+Gewissenhaft, als läg' ich selber hier,
+Wird er um deine Tochter sich bemühen.
+
+Herzog.
+Sie regt sich!
+
+König.
+ Ist es wahr?
+
+Graf.
+ Sie regt sich!
+
+Herzog.
+ Starr
+Blickt sie zum Himmel, blickt verirrt umher.
+Sie lebt! Sie lebt!
+
+König (ein wenig zurücktretend).
+ Verdoppelt eure Sorge!
+
+Herzog.
+Sie lebt! Sie lebt! Sie hat dem Tage wieder
+Ihr Aug' eröffnet. Ja! Sie wird nun bald
+Auch ihren Vater, ihre Freunde kennen.
+Nicht so umher, mein liebes Kind, verschwende
+Die Blicke staunend, ungewiss; auf mich,
+Auf deinen Vater wende sie zuerst.
+Erkenne mich, lass meine Stimme dir
+Zuerst das Ohr berühren, da du uns
+Aus jener stummen Nacht zurückekehrst.
+
+Eugenie (die indes nach und nach zu sich gekommen ist und sich
+aufgerichtet hat).
+Was ist aus uns geworden?
+
+Herzog.
+ Kenne mich
+Nur erst!--Erkennst du mich?
+
+Eugenie.
+ Mein Vater!
+
+Herzog.
+ Ja!
+Dein Vater, den mit diesen holden Tönen
+Du aus den Armen der Verzweiflung rettest.
+
+Eugenie.
+Wer bracht' uns unter diese Bäume?
+
+Herzog (dem der Wundarzt ein weißes Tuch gegeben).
+ Bleib
+Gelassen, meine Tochter! Diese Stärkung,
+Nimm sie mit Ruhe, mit Vertrauen an!
+
+Eugenie (Sie nimmt dem Vater das Tuch ab, das er ihr vorgehalten,
+und verbirgt ihr Gesicht darin. Dann steht sie schnell auf, indem
+sie das Tuch vom Gesicht nimmt).
+Da bin ich wieder!--Ja, nun weiß ich alles.
+Dort oben hielt ich, dort vermaß ich mich
+Herab zu reiten, grad' herab. Verzeih!
+Nicht wahr, ich bin gestürzt? Vergibst du mir's?
+Für tot hob man mich auf? Mein guter Vater!
+Und wirst du die Verwegne lieben können,
+Die solche bittre Schmerzen dir gebracht?
+
+Herzog.
+Zu wissen glaubt' ich, welch ein edler Schatz
+In dir, o Tochter, mir beschieden ist;
+Nun steigert mir gefürchteter Verlust
+Des Glücks Empfindung ins Unendliche.
+
+König (der sich bisher im Grunde mit dem Wundarzt und dem Grafen
+unterhalten, zu dem letzten).
+Entferne jedermann! Ich will sie sprechen.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+König. Herzog. Eugenie.
+
+König (näher tretend).
+Hat sich die wackre Reiterin erholt?
+Hast sie sich nicht beschädigt?
+
+Herzog.
+ Nein, mein König!
+Und was noch übrig ist von Schreck und Weh,
+Nimmst du, o Herr, durch deinen milden Blick,
+Durch deiner Worte sanften Ton hinweg.
+
+König.
+Und wem gehört es an, das liebe Kind?
+
+Herzog (nach einer Pause).
+Da du mich fragst, so darf ich dir bekennen;
+Da du gebietest, darf ich sie vor dich
+Als meine Tochter stellen.
+
+König.
+ Deine Tochter?
+So hat für dich das Glück, mein lieber Oheim,
+Unendlich mehr als das Gesetz getan.
+
+Eugenie.
+Wohl muss ich fragen, ob ich wirklich denn
+Aus jener tödlichen Betäubung mich
+Ins Leben wieder aufgerafft? Und ob,
+Was mir begegnet, nicht ein Traumbild sei?
+Mein Vater nennt vor seinem Könige
+Mich seine Tochter. O, so bin ich's auch!
+Der Oheim eines Königes bekennt
+Mich für sein Kind, so bin ich denn die Nichte
+Des großen Königs. O verzeihe mir
+Die Majestät! Wenn aus geheimnisvollem,
+Verborgnem Zustand ich, ans Licht auf einmal
+Hervor gerissen und geblendet, mich,
+Unsicher, schwankend, nicht zu fassen weiß.
+
+(Sie wirft sich vor dem König nieder.)
+
+König.
+Mag diese Stellung die Ergebenheit
+In dein Geschick von Jugend auf bezeichnen,
+Die Demut, deren unbequeme Pflicht
+Du, deiner höheren Geburt bewusst,
+So manches Jahr im Stillen ausgeübt!
+Doch sei auch nun, wenn ich von meinen Füßen
+Zu meinem Herzen dich herauf gehoben,
+
+(Er hebt sie auf und drückt sie sanft an sich.)
+
+Wenn ich des Oheims heil'gen Vaterkuss
+Auf dieser Stirne schönen Raum gedrückt,
+So sei dies auch ein Zeichen, sei ein Siegel,
+Dich, die Verwandte, hab' ich anerkannt
+Und werde bald, was hier geheim geschah,
+Vor meines Hofes Augen wiederholen.
+
+Herzog.
+So große Gabe fordert ungeteilten
+Und unbegrenzten Dank des ganzen Lebens.
+
+Eugenie.
+Von edlen Männern hab' ich viel gelernt,
+Auch manches lehrte mich mein eigen Herz;
+Doch meinen König anzureden, bin
+Ich nicht entfernterweise vorbereitet.
+Doch wenn ich schon das ganz Gehörige
+Dir nicht zu sagen weiß, so möcht' ich doch
+Vor dir, o Herr, nicht ungeschickt verstummen.
+Was fehlte dir? Was wäre dir zu bringen?
+Die Fülle selber, die zu dir sich drängt,
+Fließt nur für andere strömend wieder fort.
+Hier stehen Tausende, dich zu beschützen,
+Hier wirken Tausende nach deinem Wink;
+Und wenn der einzelne dir Herz und Geist
+Und Arm und Leben fröhlich opfern wollte;
+In solcher großen Menge zählt er nicht,
+Er muss vor dir und vor sich selbst verschwinden.
+
+König.
+Wenn dir die Menge, gutes, edles Kind,
+Bedeutend scheinen mag, so tadl' ich's nicht;
+Sie ist bedeutend, mehr noch aber sind's
+Die wenigen, geschaffen, dieser Menge
+Durch Wirken, Bilden, Herrschen vorzustehn.
+Berief hierzu den König die Geburt,
+So sind ihm seine nächsten Anverwandten
+Geborne Räte, die, mit ihm vereint,
+Das Reich beschützen und beglücken sollten.
+O träte doch in diese Regionen,
+Zum Rate dieser hohen Wächter nie
+Vermummte Zwietracht, leise wirkend, ein!
+Dir, edle Nichte, geb' ich einen Vater
+Durch allgewalt'gen königlichen Spruch;
+Erhalte mir nun auch, gewinne mir
+Des nah verwandten Mannes Herz und Stimme!
+Gar viele Widersacher hat ein Fürst,
+O lass ihn jene Seite nicht verstärken!
+
+Herzog.
+Mit welchem Vorwurf kränkest du mein Herz!
+
+Eugenie.
+Wie unverständlich sind mir diese Worte!
+
+König.
+O lerne sie nicht allzu früh verstehn!
+Dir Pforten unsres königlichen Hauses
+Eröffn' ich dir mit eigner Hand; ich führe
+Auf glatten Marmorboden dich hinein.
+Noch staunst du dich, noch staunst du alles an,
+Und in den innern Tiefen ahnest du
+Nur sichre Würde mit Zufriedenheit.
+Du wirst es anders finden! Ja, du bist
+In eine Zeit gekommen, wo dein König
+Dich nicht zum heitren, frohen Feste ruft,
+Wenn er den Tag, der ihm das Leben gab,
+In kurzem feiern wird; doch soll der Tag
+Um deinetwillen mir willkommen sein;
+Dort werd' ich dich im offnen Kreise sehn,
+Und aller Augen werden auf dir haften.
+Die schönste Zierde gab dir die Natur;
+Und dass der Schmuck der Fürstin würdig sei,
+Die Sorge lass dem Vater, lass dem König.
+
+Eugenie.
+Der freud'gen Überraschung lauter Schrei,
+Bedeutender Gebärde dringend Streben,
+Vermöchten sie die Wonne zu bezeugen,
+Die du dem Herzen schaffend aufgeregt?
+Zu deinen Füßen, Herr, lass mich verstummen.
+
+(Sie will knien.)
+
+König (hält sie ab).
+Du sollst nicht knien.
+
+Eugenie.
+Lass, o lass mich hier
+Der völligsten Ergebung Glück genießen.
+Wenn wir in raschen, mutigen Momenten
+Auf unsern Füßen stehen, strack und kühn,
+Als eigner Stütze froh uns selbst vertraun,
+Dann scheint uns Welt und Himmel zu gehören.
+Doch was in Augenblicken der Entzückung
+Die Knie beugt, ist auch ein süß Gefühl.
+Und was wir unserm Vater, König, Gott
+Von Wonnedank, von ungemessner Liebe
+Zum reinsten Opfer bringen möchten, drückt
+In dieser Stellung sich am besten aus.
+
+(Sie fällt vor ihm nieder.)
+
+Herzog (kniet).
+Erneute Huldigung gestatte mir.
+
+Eugenie.
+Zu ewigen Vasallen nimm uns an.
+
+König.
+Erhebt euch denn und stellt euch neben mich,
+Ins Chor der Treuen, die an meiner Seite
+Das Rechte, das Beständige beschützen.
+O diese Zeit hat fürchterliche Zeichen:
+Das Niedre schwillt, das Hohe senkt sich nieder,
+Als könnte jeder nur am Platz des andern
+Befriedigung verworrner Wünsche finden,
+Nur dann sich glücklich fühlen, wenn nichts mehr
+Zu unterscheiden wäre, wenn wir alle,
+Von einem Strom vermischt dahin gerissen,
+Im Ozean uns unbemerkt verlören.
+O lasst uns widerstehen, lasst uns tapfer,
+Was uns und unser Volk erhalten kann,
+Mit doppelt neu vereinter Kraft erhalten!
+Lasst endlich uns den alten Zwist vergessen,
+Der Große gegen Große reizt, von innen
+Das Schiff durchbohrt, das, gegen äußre Wellen
+Geschlossen kämpfend, nur sich halten kann.
+
+Eugenie.
+Welch frisch wohltät'ger Glanz umleuchtet mich
+Und regt mich auf, anstatt mich zu verblenden!
+Wie! Unser König achtet uns so sehr,
+Um zu gestehen, dass er uns bedarf;
+Wir sind ihm nicht Verwandte nur, wir sind
+Durch sein Vertraun zum höchsten Platz erhoben.
+Und wenn die Edlen seines Königreichs
+Um ihn sich drängen, seine Brust zu schützen,
+So fordert er uns auf zu größerem Dienst.
+Die Herzen dem Regenten zu erhalten,
+Ist jedes Wohlgesinnten höchste Pflicht;
+Denn, wo er wankt, wankt das gemeine Wesen,
+Und wenn er fällt, mit ihm stürzt alles hin.
+Die Jugend, sagt man, bilde sich zu viel
+Auf ihre Kraft, auf ihren Willen ein;
+Doch dieser Wille, diese Kraft, auf ewig,
+Was sie vermögen, dir gehört es an.
+
+Herzog.
+Des Kindes Zuversicht, erhabner Fürst,
+Weißt du zu schätzen, weißt du zu verzeihen.
+Und wenn der Vater, der erfahrne Mann,
+Die Gabe dieses Tags, die nächste Hoffnung
+In ihrem ganzen Werte fühlt und wägt,
+So bist du seines vollen Danks gewiss.
+
+König.
+Wir wollen bald einander wieder sehn,
+An jenem Fest, wo sich die treuen Meinen
+Der Stunde freun, die mir das Licht gegeben.
+Dich geb' ich, edles Kind, an diesem Tage
+Der großen Welt, dem Hofe, deinem Vater
+Und mir. Am Throne glänze dein Geschick.
+Doch bis dahin verlang' ich von euch beiden
+Verschwiegenheit. Was unter uns geschehn,
+Erfahre niemand. Missgunst lauert auf,
+Schnell regt sie Wog' auf Woge, Sturm auf Sturm;
+Das Fahrzeug treibt an jähe Klippen hin,
+Wo selbst der Steurer nicht zu retten weiß.
+Geheimnis nur verbürget unsre Taten;
+Ein Vorsatz, mitgeteilt, ist nicht mehr dein;
+Der Zufall spielt mit deinem Willen schon;
+Selbst wer gebieten kann, muss überraschen.
+Ja, mit dem besten Willen leisten wir
+So wenig, weil uns tausend Willen kreuzen.
+O wäre mir zu meinen reinen Wünschen
+Auch volle Kraft auf kurze Zeit gegeben;
+Bis an den letzten Herd im Königreich
+Empfände man des Vaters warme Sorge.
+Begnügte sollten unter niedrem Dach,
+Begnügte sollten im Palaste wohnen.
+Und hätt' ich einmal ihres Glücks genossen,
+Entsagt' ich gern dem Throne, gern der Welt.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+Herzog. Eugenie.
+
+Eugenie.
+O welch ein selig jubelvoller Tag!
+
+Herzog.
+O möcht' ich Tag' auf Tage so erleben!
+
+Eugenie.
+Wie göttlich hat der König uns beglückt.
+
+Herzog.
+Genieße rein so ungehoffte Gaben.
+
+Eugenie.
+Er scheint nicht glücklich, ach! Und ist so gut.
+
+Herzog.
+Die Güte selbst erregt oft Widerstand.
+
+Eugenie.
+Wer ist so hart, sich ihm zu widersetzen?
+
+Herzog.
+Der Heil des Ganzen von der Strenge hofft.
+
+Eugenie.
+Des Königs Milde sollte Milde zeugen.
+
+Herzog.
+Des Königs Milde zeugt Verwegenheit.
+
+Eugenie.
+Wie edel hat ihn die Natur gebildet.
+
+Herzog.
+Doch auf zu hohen Platz hinaufgestellt.
+
+Eugenie.
+Und ihn mit so viel Tugend ausgestattet.
+
+Herzog.
+Zur Häuslichkeit, zum Regimente nicht.
+
+Eugenie.
+Von altem Heldenstamme grünt er auf.
+
+Herzog.
+Die Kraft entgeht vielleicht dem späten Zweige.
+
+Eugenie.
+Die Schwäche zu vertreten, sind wir da.
+
+Herzog.
+Sobald er unsre Stärke nicht verkennt.
+
+Eugenie (nachdenklich).
+Mich leiten seine Reden zum Verdacht.
+
+Herzog.
+Was sinnest du? Enthülle mir dein Herz.
+
+Eugenie (nach einer Pause).
+Auch du bist unter denen, die er fürchtet.
+
+Herzog.
+Er fürchte jene, die zu fürchten sind.
+
+Eugenie.
+Und sollten ihm geheime Feinde drohen?
+
+Herzog.
+Wer die Gefahr verheimlicht, ist ein Feind.
+Wo sind wir hingeraten! Meine Tochter!
+Wie hat der sonderbarste Zufall uns
+Auf einmal weggerissen nach dem Ziel.
+Unvorbereitet red' ich, übereilt
+Verwirr' ich dich, anstatt dich aufzuklären.
+So musste dir der Jugend heitres Glück
+Beim ersten Eintritt in die Welt verschwinden.
+Du konntest nicht in süßer Trunkenheit
+Der blendenden Befriedigung genießen.
+Das Ziel erreichst du; doch des falschen Kranzes
+Verborgne Dornen ritzen deine Hand.
+Geliebtes Kind! So sollt' es nicht geschehn!
+Erst nach und nach, so hofft' ich, würdest du
+Dich aus Beschränkung an die Welt gewöhnen,
+Erst nach und nach den liebsten Hoffnungen
+Entsagen lernen, manchem holden Wunsch.
+Und nun auf einmal, wie der jähe Sturz
+Dir vorbedeutet, bist du in den Kreis
+Der Sorgen, der Gefahr herabgestürzt.
+Misstrauen atmet man in dieser Luft,
+Der Neid verhetzt ein fieberhaftes Blut
+Und übergibt dem Kummer seine Kranken.
+Ach, soll ich nun nicht mehr ins Paradies,
+Das dich umgab, am Abend wieder kehren,
+Zu deiner Unschuld heil'gen Vorgefühl
+Mich von der Welt gedrängter Posse retten!
+Du wirst fortan, mit mir ins Netz verstrickt,
+Gelähmt, verworren, dich und mich betrauern.
+
+Eugenie.
+Nicht so, mein Vater! Konnt' ich schon bisher,
+Untätig, abgesondert, eingeschlossen,
+Ein kindlich Nichts, die reinste Wonne dir,
+Schon in des Daseins Unbedeutenheit
+Erholung, Trost und Lebenslust gewähren:
+Wie soll die Tochter erst, in dein Geschick
+Verflochten, im Gewebe deines Lebens
+Als heitrer bunter Faden künftig glänzen!
+Ich nehme teil an jeder edlen Tat,
+An jeder großen Handlung, die den Vater
+Dem König und dem Reiche werter macht.
+Mein frischer Sinn, die jugendliche Lust,
+Die mich belebt, sie teilen dir sich mit,
+Verscheuchen jene Träume, die der Welt
+Unüberwindlich ungeheure Last
+Auf eine Menschenbrust zerknirschend wälzen.
+Wenn ich dir sonst in trüben Augenblicken
+Ohnmächt'gen guten Willen, arme Liebe,
+Dir leere Tändeleien kindlich bot;
+Nun hoff' ich, eingeweiht in deine Pläne,
+Bekannt mit deinen Wünschen, mir das Recht
+Vollbürt'ger Kindschaft rühmlich zu erwerben.
+
+Herzog.
+Was du bei diesem wicht'gen Schritt verlierst,
+Erscheint dir ohne Wert und ohne Würde;
+Was du erwartest, schätzest du zu sehr.
+
+Eugenie.
+Mit hoch erhabnen, hoch beglückten Männern
+Gewalt'ges Ansehn, würd'gen Einfluss teilen,
+Für edle Seelen reizender Gewinn!
+
+Herzog.
+Gewiss! Vergib, wenn du in dieser Stunde
+Mich schwächer findest, als dem Manne ziemt.
+Wir tauschten sonderbar die Pflichten um:
+Ich soll dich leiten, und du leitest mich.
+
+Eugenie.
+Wohl denn, mein Vater, tritt mit mir herauf
+In diese Regionen, wo mir eben
+Die neue, heitre Sonne sich erhebt!
+In diesen muntren Stunden lächle nur,
+Wenn ich den Inbegriff von meinen Sorgen
+Dir auch eröffne.
+
+Herzog.
+ Sage, was es ist.
+
+Eugenie.
+Der wichtigen Momente gibt's im Leben
+Gar manche, die mit Freude, die mit Trauer
+Des Menschen Herz bestürmen. Wenn der Mann
+Sein Äußeres in solchem Fall vergisst,
+Nachlässig oft sich vor die Menge stellt,
+So wünscht ein Weib noch, jedem zu gefallen,
+Durch ausgesuchte Tracht, vollkommnen Schmuck
+Beneidenswert vor andern zu erscheinen.
+Das hab' ich oft gehört und oft bemerkt,
+Und nun empfind' ich im bedeutendsten
+Momente meines Lebens, dass auch ich
+Der mädchenhaften Schwachheit schuldig bin.
+
+Herzog.
+Was kannst du wünschen, das du nicht erlangst?
+
+Eugenie.
+Du bist geneigt, mir alles zu gewähren,
+Ich weiß es. Doch der große Tag ist nah,
+Zu nah, um alles würdig zu bereiten;
+Und was von Stoffen, Stickerei und Spitzen,
+Was von Juwelen mich umgeben soll,
+Wie kann's geschafft, wie kann's vollendet werden?
+
+Herzog.
+Uns überrascht längst gewünschtes Glück;
+Doch vorbereitet können wir's empfangen.
+Was du bedarfst, ist alles angeschafft,
+Und heute noch, verwahrt im edlen Schrein,
+Erhältst du Gaben, die du nicht erwartet.
+Doch leichte Prüfung leg' ich dir dabei
+Zum Vorbild mancher künftig schweren auf.
+Hier ist der Schlüssel! Den verwahre wohl!
+Bezähme deine Neugier! Öffne nicht,
+Eh' ich dich wieder sehe, jenen Schatz.
+Vertraue niemand, sei es, wer es sei.
+Die Klugheit rät's, der König selbst gebeut's.
+
+Eugenie.
+Dem Mädchen sinnst du harte Prüfung aus;
+Doch will ich sie bestehn, ich schwör' es dir!
+
+Herzog.
+Mein eigner wüster Sohn umlauert ja
+Die stillen Wege, die ich dich geführt.
+Der Güter kleinen Teil, den ich bisher
+Dir schuldig zugewandt, missgönnt er schon.
+Erführ' er, dass du, höher nun empor
+Durch unsres Königs Gunst gehoben, bald
+In manchem Recht ihm gleich dich stellen könntest,
+Wie müsst' er wüten! Würd' er tückisch nicht,
+Den schönen Schritt zu hindern, alles tun?
+
+Eugenie.
+Lass uns im Stillen jenen Tag erharren.
+Und wenn geschehn ist, was mich seine Schwester
+Zu nennen mich berechtigt, soll's an mir,
+Soll's an gefälligem Betragen, guten Worten,
+Nachgiebigkeit und Neigung nicht gebrechen.
+Er ist dein Sohn; und sollt' er nicht nach dir
+Zur Liebe, zur Vernunft gebildet sein?
+
+Herzog.
+Ich traue dir ein jedes Wunder zu,
+Verrichte sie zu meines Hauses Bestem
+Und lebe wohl. Doch ach! Indem ich scheide,
+Befällt mich grausend jäher Furcht Gewalt.
+Hier lagst du tot in meinen Armen! Hier
+Bezwang mich der Verzweiflung Tigerklaue.
+Wer nimmt das Bild vor meinen Augen weg!
+Dich hab' ich tot gesehn! So wirst du mir
+An manchem Tag, in mancher Nacht erscheinen.
+War ich entfernt von dir nicht stets besorgt?
+Nun ist's nicht mehr ein kranker Grillentraum,
+Es ist ein wahres, unauslöschlichs Bild:
+Eugenie, das Leben meines Lebens,
+Bleich, hingesunken, atemlos, entseelt.
+
+Eugenie.
+Erneue nicht, was du entfernen solltest,
+Lass diesen Sturz, lass diese Rettung dir
+Als wertes Pfand erscheinen meines Glücks.
+Lebendig siehst du sie vor deinen Augen
+
+(Indem sie ihn umarmt.)
+
+Und fühlst lebendig sie an deiner Brust.
+So lass mich immer, immer wieder kehren!
+Und vor dem glühnden, liebevollen Leben
+Entweiche des verhassten Todes Bild.
+
+Herzog.
+Kann wohl ein Kind empfinden, wie den Vater
+Die Sorge möglichen Verlustes quält?
+Gesteh' ich's nur! Wie öfters hat mich schon
+Dein überkühner Mut, mit dem du dich,
+Als wie ans Pferd gewachsen, voll Gefühl
+Der doppelten, zentaurischen Gewalt,
+Durch Tal und Berg, durch Fluss und Graben schleuderst,
+Wie sich ein Vogel durch die Lüfte wirft,
+Ach! Öfters mehr geängstigt als entzückt.
+Dass doch gemäßigter dein Trieb fortan
+Der ritterlichen Übung sich erfreue!
+
+Eugenie.
+Dem Ungemessnen beugt sich die Gefahr,
+Beschlichen wird das Mäßige von ihr.
+O fühle jetzt wie damals, da du mich,
+Ein kleines Kind, in ritterliche Weise
+Mit heitrer Kühnheit fröhlich eingeweiht.
+
+Herzog.
+Ich hatte damals unrecht; soll mich nun
+Ein langes Leben sorgenvoll bestrafen?
+Und locket Übung des Gefährlichen
+Nicht die Gefahr an uns heran?
+
+Eugenie.
+ Das Glück,
+Und nicht die Sorge bändigt die Gefahr.
+Leb' wohl, mein Vater, folge deinem König,
+Und sei nun auch um deiner Tochter willen
+Sein redlicher Vasall, sein treuer Freund.
+Leb' wohl!
+
+Herzog.
+ O bleib! Und steh an diesem Platz
+Lebendig, aufrecht, noch einmal, wie du
+Ins Leben wieder aufsprangst, wo mit Wonne
+Du mein zerrissen Herz erfüllend heiltest.
+Unfruchtbar bleibe diese Freude nicht!
+Zum ew'gen Denkmal weih' ich diesen Ort.
+Hier soll ein Tempel aufstehn, der Genesung,
+Der glücklichsten, gewidmet. Rings umher
+Soll deine Hand ein Feenreich erschaffen.
+Den wilden Wald, das struppige Gebüsch
+Soll sanfter Gänge Labyrinth verknüpfen.
+Der steile Fels wird gangbar, dieser Bach,
+In reinen Spiegeln fällt er hier und dort.
+Der überraschte Wandrer fühlt sich hier
+Ins Paradies versetzt. Hier soll kein Schuss,
+Solang ich lebe, fallen, hier kein Vogel
+Von seinem Zweig, kein Wild in seinem Busch
+Geschreckt, verwundet, hingeschmettert werden.
+Hier will ich her, wenn mir der Augen Licht,
+Wenn mir der Füße Kraft zuletzt versagt,
+Auf dich gelehnt, wallfahrten; immer soll
+Des gleichen Danks Empfindung mich beleben.
+Nun aber lebe wohl! Und wie?--Du weinst?
+
+Eugenie.
+O! Wenn mein Vater ängstlich fürchten darf,
+Die Tochter zu verlieren, soll in mir
+Sich keine Sorge regen, ihn vielleicht--
+Wie kann ich's denken, sagen--ihn zu missen?
+Verwaiste Väter sind beklagenswert;
+Allein verwaiste Kinder sind es mehr.
+Und ich, die Ärmste, stünde ganz allein
+Auf dieser weiten, fremden, wilden Welt,
+Müsst' ich von ihm, dem Einzigen, mich trennen.
+
+Herzog.
+Wie du mich stärktest, geb' ich dir's zurück.
+Lass uns getrost, wie immer, vorwärts gehen!
+Das Leben ist des Lebens Pfand; es ruht
+Nur auf sich selbst und muss sich selbst verbürgen.
+Drum lass uns eilige auseinander scheiden!
+Von diesem allzu weichen Lebewohl
+Soll ein erfreulich wieder Sehn uns heilen!
+
+(Sie trennen sich schnell; aus der Entfernung werfen sie sich
+mit ausgebreiteten Armen ein Lebewohl zu und gehen eilig ab.)
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+(Zimmer Eugenies, im gotischen Stil.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Hofmeisterin. Sekretär.
+
+Sekretär.
+Verdien' ich, dass du mich, im Augenblick,
+Da ich erwünschte Nachricht bringe, fliehst?
+Vernimm nur erst, was ich zu sagen habe!
+
+Hofmeisterin.
+Wohin es deutet, fühl' ich nur zu sehr.
+O lass mein Auge vom bekannten Blick,
+Mein Ohr sich von bekannter Stimme wenden!
+Entfliehen lass mich der Gewalt, die, sonst
+Durch Lieb' und Freundschaft wirksam, fürchterlich
+Wie ein Gespenst mir nun zur Seite steht.
+
+Sekretär.
+Wenn ich des Glückes Füllhorn dir auf einmal
+Nach langem Hoffen vor die Füße schütte,
+Wenn sich die Morgenröte jenes Tags,
+Der unsern Bund auf ewig gründen soll,
+Am Horizonte feierlich erhebt,
+So scheinst du nun verlegen, widerwillig
+Den Antrag eines Bräutigams zu fliehn.
+
+Hofmeisterin.
+Du zeigst mir nur die eine Seite dar,
+Sie glänzt und leuchtet, wie im Sonnenschein
+Die Welt erfreulich daliegt; aber hinten
+Droht schwarzer Nächte Graus, ich ahn' ihn schon.
+
+Sekretär.
+So lass uns erst die schöne Seite sehn!
+Verlangst du Wohnung, mitten in der Stadt,
+Geräumig, heiter, trefflich ausgestattet,
+Wie man's für sich, so wie für Gäste wünscht?
+Sie ist bereit, der nächste Winter findet
+Uns festlich dort umgeben, wenn du willst.
+Sehnst du im Frühling dich aufs Land, auch dort
+Ist uns ein Haus, ein Garten uns bestimmt,
+Ein reiches Feld. Und was Erfreuliches
+An Waldung, Busch, an Wiesen, Bach und Seen
+Sich Phantasie zusammendrängen mag,
+Genießen wir, zum Teil als unser eignes,
+Zum Teil als allgemeines Gut. Wobei
+Noch manche Rente gar bequem vergönnt,
+Durch Sparsamkeit ein sichres Glück zu steigern.
+
+Hofmeisterin.
+In trübe Wolken hüllt sich jenes Bild,
+So heiter du es malst, vor meinen Augen.
+Nicht wünschenswert, abscheulich naht sich mir
+Der Gott der Welt im Überfluss heran.
+Was für ein Opfer fordert er? Das Glück
+Des holden Zöglings müsst' ich morden helfen!
+Und was ein solch Verbrechen mir erwarb,
+Ich sollt' es je mit freier Brust genießen?
+Eugenie! Du, deren holdes Wesen
+In meiner Nähe sich von Jugend auf
+Aus reicher Fülle rein entwickeln sollte,
+Kann ich noch unterscheiden, was an dir
+Dein eigen ist, und was du mir verdankst?
+Dich, die ich als mein selbst gebildet Werk
+Im Herzen trage, sollt' ich nun zerstören?
+Von welchem Stoffe seid ihr denn geformt,
+Ihr Grausamen, dass eine solche Tat
+Ihr fordern dürft und zu belohnen glaubt?
+
+Sekretär.
+Gar manchen Schatz bewahrt von Jugend auf
+Ein edles, gutes Herz und bildet ihn
+Nur immer schöner, liebenswürd'ger aus
+Zur holden Gottheit des geheimen Tempels;
+Doch wenn das Mächtige, das uns regiert,
+Ein großes Opfer heischt, wir bringen's doch
+Mit blutendem Gefühl der Not zuletzt.
+Zwei Welten sind es, meine Liebe, die,
+Gewaltsam sich bekämpfend, uns bedrängen,
+
+Hofmeisterin.
+In völlig fremder Welt für mein Gefühl
+Scheinst du zu wandeln, da du deinem Herrn,
+Dem edlen Herzog, solche Jammertage
+Verräterisch bereitest, zur Partei
+Des Sohns dich fügest--Wenn das Waltende
+Verbrechen zu begünst'gen scheinen mag,
+So nennen wir es Zufall; doch der Mensch,
+Der ganz besonnen solche Tat erwählt,
+Er ist ein Rätsel.--Doch--und bin ich nicht
+Mir auch ein Rätsel, dass ich noch an dir
+Mit solcher Neigung hänge, da du mich
+Zum jähen Abgrund hinzureißen strebst?
+Warum o! Schuf dich die Natur von außen
+Gefällig, liebenswert, unwiderstehlich,
+Wenn sie ein kaltes Herz in deinen Busen,
+Ein Glück zerstörendes, zu pflanzen dachte?
+
+Sekretär.
+An meiner Neigung Wärme zweifelst du?
+
+Hofmeisterin.
+Ich würde mich vernichten, wenn ich's könnte.
+Doch ach! Warum, und mit verhasstem Plan,
+Aufs Neue mich bestürmen? Schwurst du nicht,
+In ew'ge Nacht das Schrecknis zu begraben?
+
+Sekretär.
+Ach leider drängt sich's mächtiger hervor.
+Den jungen Fürsten zwingt man zum Entschluss.
+Erst blieb Eugenie so manches Jahr
+Ein unbedeutend unbekanntes Kind.
+Du hast sie selbst von ihren ersten Tagen
+In diesen alten Sälen auferzogen,
+Von wenigen besucht und heimlich nur.
+Doch wie verheimlichte sich Vaterliebe!
+Der Herzog, stolz auf seiner Tochter Wert,
+Lässt nach und nach sie öffentlich erscheinen;
+Sie zeigt sich reitend, fahrend. Jeder fragt
+Und jeder weiß zuletzt, woher sie sei.
+Nun ist die Mutter tot. Der stolzen Frau
+War dieses Kind ein Gräuel, das ihr nur
+Der Neigung Schwäche vorzuwerfen schien.
+Nie hat sie's anerkannt und kaum gesehn.
+Durch ihren Tod fühlt sich der Herzog frei,
+Entwirft geheime Pläne, nähert sich
+Dem Hofe wieder und entsagt zuletzt
+Dem alten Groll, versöhnt sich mit dem König
+Und macht sich's zur Bedingung, dieses Kind
+Als Fürstin seines Stamms erklärt zu sehn.
+
+Hofmeisterin.
+Und gönnt ihr dieser köstlichen Natur
+Vom Fürstenblute nicht das Glück des Rechts?
+
+Sekretär.
+Geliebte, Teure! Sprichst du doch so leicht,
+Durch diese Mauern von der Welt geschieden,
+In klösterlichem sinne von dem Wert
+Der Erdengüter. Blicke nur hinaus!
+Dort wägt man besser solchen edlen Schatz.
+Der Vater neidet ihn dem Sohn, der Sohn
+Berechnet seines Vaters Jahre, Brüder
+Entzweit ein ungewisses Recht auf Tod
+Und Leben. Selbst der Geistliche vergisst,
+Wohin er streben soll, und strebt nach Gold.
+Verdächte man's dem Prinzen, der sich stets
+Als einz'gen Sohn gefühlt, wenn er sich nun
+Die Schwester nicht gefallen lassen will,
+Die, eingedrungen, ihm das Erbteil schmälert?
+Man stelle sich an seinen Platz und richte.
+
+Hofmeisterin.
+Und ist er nicht schon jetzt ein reicher Fürst?
+Und wird er's nicht durch seines Vaters Tod
+Zum Übermaß? Wie wär' ein Teil der Güter
+So köstlich angelegt, wenn er dafür
+Die holde Schwester zu gewinnen wüsste!
+
+Sekretär.
+Willkürlich handeln ist des Reichen Glück!
+Er widerspricht der Fordrung der Natur,
+Der Stimme des Gesetzes, der Vernunft,
+Und spendet an den Zufall seine Gaben.
+Genug besitzen hieße darben. Alles
+Bedürfte man! Unendlicher Verschwendung
+Sind ungemessne Güter wünschenswert.
+Hier denke nicht zu raten, nicht zu mildern;
+Kannst du mit uns nicht wirken, gib uns auf!
+
+Hofmeisterin.
+Und was denn wirken? Lange droht ihr schon
+Von fern dem Glück des liebenswürd'gen Kindes.
+Was habt ihr denn in eurem furchtbarn Rat
+Beschlossen über sie? Verlangt ihr etwa,
+Dass ich mich blind zu eurer Tat geselle?
+
+Sekretär.
+Mitnichten! Hören kannst und sollst du gleich,
+Was zu beginnen, was von dir zu fordern
+Wir selbst genötigt sind. Eugenien
+Sollst du entführen! Sie muss dergestalt
+Auf einmal aus der Welt verschwinden, dass
+Wir sie getrost als tot beweinen können;
+Verborgen muss ihr künftiges Geschick,
+Wie das Geschick der Toten, ewig bleiben.
+
+Hofmeisterin.
+Lebendig weiht ihr sie dem Grabe, mich
+Bestimmt ihr tückisch zur Begleiterin.
+Mich stoßt ihr mit hinab. Ich soll mit ihr,
+Mit der Verratnen die Verräterin,
+Der Toten Schicksal vor dem Tode teilen.
+
+Sekretär.
+Du führst sie hin und kehrest gleich zurück.
+
+Hofmeisterin.
+Soll sie im Kloster ihre Tage schließen?
+
+Sekretär.
+Im Kloster nicht; wir mögen solch ein Pfand
+Der Geistlichkeit nicht anvertrauen, die
+Es leicht als Werkzeug gegen uns gebrauchte.
+
+Hofmeisterin.
+So soll sie nach den Inseln? Sprich es aus.
+
+Sekretär.
+Du wirst's vernehmen! Jetzt beruh'ge dich.
+
+Hofmeisterin.
+Wie kann ich ruhen bei Gefahr und Not,
+Die meinen Liebling, die mich selbst bedräut?
+
+Sekretär.
+Dein Liebling kann auch drüben glücklich sein,
+Und dich erwarten hier Genuss und Wonne.
+
+Hofmeisterin.
+O schmeichelt euch mit solcher Hoffnung nicht.
+Was hilft's, in mich zu stürmen? Zum Verbrechen
+Mich anzulocken, mich zu drängen? Sie,
+Das hohe Kind, wird euren Plan vereiteln.
+Gedenkt nur nicht, sie als geduld'ges Opfer
+Gefahrlos wegzuschleppen. Dieser Geist,
+Der mutvoll sie beseelt, ererbte Kraft
+Begleiten sie, wohin sie geht, zerreißen
+Das falsche Netz, womit ihr sie umgabt.
+
+Sekretär.
+Sie festzuhalten, das gelinge dir!
+Willst du mich überreden, dass ein Kind,
+Bisher im sanften Arm des Glücks gewiegt,
+Im unverhofften Fall Besonnenheit
+Und Kraft, Geschick und Klugheit zeigen werde?
+Gebildet ist ihr Geist, doch nicht zur Tat,
+Und wenn sie richtig fühlt und weise spricht,
+So fehlt noch viel, dass sie gemessen handle.
+Des Unerfahrnen hoher, freier Mut
+Verliert sich leicht in Feigheit und Verzweiflung,
+Wenn sich die Not ihm gegenüberstellt.
+Was wir gesonnen, führe du es aus!
+Klein wird das Übel werden, groß das Glück.
+
+Hofmeisterin.
+So gebt mir Zeit, zu prüfen und zu wählen!
+
+Sekretär.
+Der Augenblick des Handelns drängt uns schon.
+Der Herzog scheint gewiss, dass ihm der König
+Am nächsten Fest die hohe Gunst gewähren
+Und seine Tochter anerkennen wolle;
+Denn Kleider und Juwelen stehn bereit,
+Im prächt'gen Kasten sämtlich eingeschlossen,
+Wozu er selbst die Schlüssel wohl verwahrt
+Und ein Geheimnis zu verwahren glaubt;
+Wir aber wissen's wohl und sind gerüstet;
+Geschehen muss nun schnell das Überlegte.
+Heut Abend hörst du mehr. Nun lebe wohl!
+
+Hofmeisterin.
+Auf düstern Wegen wirkt ihr tückisch fort
+Und wähnet, euren Vorteil klar zu sehen.
+Habt ihr denn jeder Ahnung euch verschlossen,
+Dass über Schuld und Unschuld, Licht verbreitend,
+Ein rettend, rächend Wesen göttlich schwebt?
+
+Sekretär.
+Wer wagt, ein Herrschendes zu leugnen, das
+Sich vorbehält, den Ausgang unsrer Taten
+Nach seinem einz'gen Willen zu bestimmen?
+Doch wer hat sich zu seinem hohen Rat
+Gesellen dürfen? Wer Gesetz und Regel,
+Wonach es ordnend spricht, erkennen mögen?
+Verstand empfingen wir, uns mündig selbst
+Im ird'schen Element zurecht zu finden,
+Und was uns nützt, ist unser höchstes Recht.
+
+Hofmeisterin.
+Und so verleugnet ihr das Göttlichste,
+Wenn euch des Herzens Winke nichts bedeuten.
+Mich ruft es auf, die schreckliche Gefahr
+Vom holden Zögling kräftig abzuwenden,
+Mich gegen dich und gegen Macht und List
+Beherzt zu waffnen. Kein Versprechen soll,
+Kein Drohn mich von der Stelle drängen. Hier,
+Zu ihrem Heil gewidmet, steh' ich fest.
+
+Sekretär.
+O meine Gute! Dies ihr Heil vermagst
+Du ganz allein zu schaffen, die Gefahr
+Von ihr zu wenden, magst du ganz allein,
+Und zwar, indem du uns gehorchst. Ergreife
+Sie schnell, die holde Tochter, führe sie,
+So weit du kannst, hinweg, verbirg sie fern
+Von aller Menschen Anblick, denn--du schauderst,
+Du fühlst, was ich zu sagen habe. Sei's,
+Weil du mich drängest, endlich auch gesagt:
+Sie zu entfernen ist das Mildeste.
+Willst du zu diesem Plan nicht tätig wirken,
+Denkst du, dich ihm geheim zu widersetzen,
+Und wagtest du, was ich dir anvertraut,
+Aus guter Ansicht irgend zu verraten,
+So liegt sie tot in deinen Armen! Was
+Ich selbst beweinen werde, muss geschehn.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Hofmeisterin.
+
+Die kühne Drohung überrascht mich nicht!
+Schon lange seh' ich dieses Feuer glimmen,
+Nun schlägt es blad in lichte Flammen aus.
+Um dich zu retten, muss ich, liebes Kind,
+Dich deinem holden Morgentraum entreißen.
+Nur eine Hoffnung lindert meinen Schmerz;
+Allein sie schwindet, wie ich sie ergreife.
+Eugenie! Wenn du entsagen könntest
+Dem hohen Glück, das unermesslich scheint,
+An dessen Schwelle dir Gefahr und Tod,
+Verbannung als ein Milderes begegnet.
+O dürft' ich dich erleuchten! Dürft' ich dir
+Verborgne Winkel öffnen, wo die Schar
+Verschworener Verfolger tückisch lauscht!
+Ach schweigen soll ich! Leise kann ich nur
+Dich ahnungsvoll ermahnen; wirst du wohl
+Im Taumel deiner Freude mich verstehen?
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin.
+
+Eugenie.
+Sei mir gegrüßt! Du Freundin meines Herzens,
+An Mutter Statt Geliebte, sei gegrüßt!
+
+Hofmeisterin.
+Mit Wonne drück' ich dich an dieses Herz,
+Geliebtes Kind, und freue mich der Freude,
+Die reich aus Lebensfülle dir entquillt.
+Wie heiter glänzt dein Auge! Welch Entzücken
+Umschwebet Mund und Wange! Welches Glück
+Drängt aus bewegtem Busen sich hervor!
+
+Eugenie.
+Ein großes Unheil hatte mich ergriffen,
+Vom Felsen stürzte Ross und Reiterin.
+
+Hofmeistern.
+O Gott!
+
+Eugenie.
+Sei ruhig! Siehst du doch mich wieder,
+Gesund und hoch beglückt, nach diesem Fall.
+
+Hofmeisterin.
+Und wie?
+
+Eugenie.
+Du sollst es hören, wie so schön
+Aus diesem Übel sich das Glück entwickelt.
+
+Hofmeisterin.
+Ach! Aus dem Glück entwickelt oft sich Schmerz.
+
+Eugenie.
+Sprich böser Vorbedeutung Wort nicht aus!
+Und schrecke mich der Sorge nicht entgegen.
+
+Hofmeisterin.
+O möchtest du mir alles gleich vertrauen!
+
+Eugenie.
+Von allen Menschen dir zuerst. Nur jetzt,
+Geliebte, lass mich mir. Ich muss allein
+Ins eigene Gefühl mich finden lernen.
+Du weißt, wie hoch mein Vater sich erfreut,
+Wenn unerwartet ihm ein klein Gedicht
+Entgegenkommt, wie mir's der Muse Gunst
+Bei manchem Anlass willig schenken mag.
+Verlass mich! Eben schwebt mir's heiter vor,
+Ich muss es haschen, sonst entschwindet's mir.
+
+Hofmeisterin.
+Wann soll wie sonst vertrauter Stunden Reihe
+Mit reichlichen Gesprächen uns erquicken?
+Wann öffnen wir, zufriednen Mädchen gleich,
+Die ihren Schmuck einander wiederholt
+Zu zeigen kaum ermüden, unsres Herzens
+Geheimste Fächer, uns bequem und herzlich
+Des wechselseit'gen Reichtums zu erfreuen?
+
+Eugenie.
+Auch jene Stunden werden wieder kehren,
+Von deren stillem Glück man mit Vertrauen,
+Sich des Vertrauns erinnernd, gerne spricht.
+Doch heute lass in voller Einsamkeit
+Mich das Bedürfnis jener Tage finden.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Eugenie, nachher Hofmeisterin außen.
+
+Eugenie (eine Brieftasche hervorziehend).
+Und nun geschwind zum Pergament, zum Griffel!
+Ich hab' es ganz und eilig fass' ich's auf,
+Was ich dem Könige zu jener Feier,
+Bei der ich, neu geboren durch sein Wort,
+Ins Leben trete, herzlich widmen soll.
+
+(Sie rezitiert langsam und schreibt.)
+
+ Welch Wonneleben wird hier ausgespendet!
+ Willst du, o Herr der obern Regionen,
+ Des Neulings Unvermögen nicht verschonen?
+ Ich sinke hin, von Majestät geblendet.
+ Doch bald getrost zu dir hinauf gewendet
+ Erfreut's mich, an dem Fuß der festen Thronen,
+ Ein Sprössling deines Stamms, beglückt zu wohnen,
+ Und all mein frühes Hoffen ist vollendet.
+ So fließe denn der holde Born der Gnaden!
+ Hier will die treue Brust so gern verweilen
+ Und an der Liebe Majestät sich fassen.
+ Mein Ganzes hängt an einem zarten Faden,
+ Mir ist, als müsst' ich unaufhaltsam eilen,
+ Das Leben, das du gabst, für dich zu lassen.
+
+(Das Geschriebene mit Gefälligkeit betrachtend.)
+
+So hast du lange nicht, bewegtes Herz,
+Dich in gemessnen Worten ausgesprochen!
+Wie glücklich, den Gefühlen unsrer Brust
+Für ew'ge Zeit den Stempel aufzudrücken!
+Doch ist es wohl genug? Hier quillt es fort,
+Hier quillt es auf!--Du nahest, großer Tag,
+Der uns den König gab und der nun mich
+Dem Könige, dem Vater, mich mir selbst
+Zu ungemessner Wonne geben soll.
+Dies hohe Fest verherrliche meine Lied!
+Beflügelt drängt sich Phantasie voraus,
+Sie trägt mich vor den Thron und stellt mich vor,
+Sie gibt im Kreise mir--
+
+Hofmeisterin (außen).
+ Eugenie!
+
+Eugenie.
+Was soll das?
+
+Hofmeisterin.
+ Höre mich und öffne gleich!
+
+Eugenie.
+Verhasste Störung! Öffnen kann ich nicht.
+
+Hofmeisterin.
+Vom Vater Botschaft!
+
+Eugenie.
+ Wie? Vom Vater? Gleich!
+Da muss ich öffnen.
+
+Hofmeisterin.
+ Große Gaben scheint
+Er dir zu schicken.
+
+Eugenie.
+ Warte!
+
+Hofmeisterin.
+ Hörst du?
+
+Eugenie.
+ Warte!
+Doch wo verberg' ich dieses Blatt? Zu klar
+Spricht's jene Hoffnung aus, die mich beglückt.
+Hier ist nichts zum Verschließen! Und bei mir
+Ist's nirgend sicher, diese Tasche kaum;
+Denn meine Leute sind nicht alle treu.
+Gar manches hat man schon mir, als ich schlief,
+Durchblättert und entwendet. Das Geheimnis,
+Das größte, das ich je gehegt, wohin,
+Wohin verberg' ich's?
+
+(Indem sie sich der Seitenwand nähert.)
+
+ Wohl! Hier war es ja,
+Wo du, geheimer Wandschrank, meiner Kindheit
+Unschuldige Geheimnisse verbargst!
+Du, den mir kindisch allausspähende,
+Von Neugier und von Müßiggang erzeugte,
+Rastlose Tätigkeit entdecken half,
+Du, jedem ein Geheimnis, öffne dich!
+
+(Sie drückt an einer unbemerkbaren Feder, und eine kleine Türe
+springt auf.)
+
+So wie ich sonst verbotnes Zuckerwerk
+Zu listigem Genuss in dir versteckte,
+Vertrau' ich heute meines Lebens Glück
+Entzückt und sorglich dir auf kurze Zeit.
+
+(Sie legt das Pergament in den Schrank und drückt ihn zu.)
+
+Die Tage schreiten vor, und ahnungsvoller
+Bewegen sich nun Freud' und Schmerz heran.
+
+(Sie öffnet die Türe.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin. Bediente, die einen prächtigen Putzkasten tragen.
+
+Hofmeisterin.
+Wenn ich dich störte, führ' ich gleich mit mir,
+Was mich gewiss entschuld'gen soll, herbei.
+
+Eugenie.
+Von meinem Vater? Dieser prächt'ge Schrein!
+Auf welchen Inhalt deutet solch Gefäß?
+
+(Zu den Bedienten.)
+
+Verweilt!
+
+(Sie reicht ihnen einen Beutel hin.)
+
+Zum Vorschmack eures Botenlohns
+Nehmt diese Kleinigkeit! Das Bessre folgt.
+
+(Bediente gehen.)
+
+Und ohne Brief und ohne Schlüssel! Steht
+Mir solch ein Schatz verborgen, in der Nähe?
+O Neugier! O Verlangen! Ahnest du,
+Was diese Gabe mir bedeuten kann?
+
+Hofmeisterin.
+Ich zweifle nicht, du hast es selbst erraten.
+Auf nächste Hoheit deutet sie gewiss.
+Den Schmuck der Fürstentochter bringt man dir,
+Weil dich der König bald berufen wird.
+
+Eugenie.
+Wie kannst du das vermuten?
+
+Hofmeisterin.
+ Weiß ich's doch!
+Geheimnisse der Großen sind belauscht.
+
+Eugenie.
+Und wenn du's weißt, was soll ich dir's verbergen?
+Soll ich die Neugier, dies Geschenk zu sehn,
+Vor dir umsonst bezähmen!--Hab' ich doch
+Den Schlüssel hier!--Der Vater zwar verbot's.
+Doch was verbot er? Das Geheimnis nicht
+Unzeitig zu entdecken; doch dir ist
+Es schon entdeckt. Du kannst nicht mehr erfahren,
+Als du schon weißt, und schweigst nun, mir zuliebe.
+Was zaudern wir? Komm, lass uns öffnen! Komm,
+Dass uns der Gaben hoher Glanz entzücke.
+
+Hofmeisterin.
+Halt ein! Gedenke des Verbots! Wer weiß,
+Warum der Herzog weislich so befohlen?
+
+Eugenie.
+Mit Sinn befahl er, zum bestimmten Zweck;
+Der ist vereitelt; alles weißt du schon.
+Du liebst mich, bist verschwiegen, zuverlässig.
+Lass uns das Zimmer schließen! Das Geheime
+Lass uns sogleich vertraulich untersuchen.
+
+(Sie schließt die Zimmertüre und eilt gegen den Schrank.)
+
+Hofmeisterin (sie abhaltend).
+Der prächt'gen Stoffe Gold und Farbenglanz,
+Der Perlen Milde, der Juwelen Strahl
+Bleib' im Verborgnen! Ach, sie reizen dich
+Zu jenem Ziel unwiderstehlich auf.
+
+Eugenie.
+Was sie bedeuten, ist das Reizende.
+
+(Sie öffnet den Schrank, an der Türe zeigen sich Spiegel.)
+
+Welch köstliches Gewand entwickelt sich,
+Indem ich's nur berühre, meinem Blick.
+Und diese Spiegel! Fordern sie nicht gleich,
+Das Mädchen und den Schmuck vereint zu schildern?
+
+Hofmeisterin.
+Kreusas tödliches Gewand entfaltet,
+So scheint es mir, sich unter meiner Hand.
+
+Eugenie.
+Wie schwebt ein solcher Trübsinn dir ums Haupt?
+Denk' an beglückter Bräute frohes Fest.
+Komm! Reiche mir die Teile, nach und nach.
+Das Unterkleid! Wie reich und süß durchflimmert
+Sich rein des Silbers und der Farben Blitz.
+
+Hofmeisterin (indem sie Eugenie das Gewand umlegt).
+Verbirgt sich je der Gnade Sonnenblick,
+Sogleich ermattet solch ein Widerglanz.
+
+Eugenie.
+Ein treues Herz verdient sich diesen Blick,
+Und, wenn er weichen wollte, zieht's ihn an.--
+Das Oberkleid, das goldne, schlage drüber,
+Die Schleppe ziehe, weit verbreitet, nach.
+Auch diesem Gold ist, mit Geschmack und Wahl,
+Der Blumen Schmelz metallisch aufgebrämt.
+Und tret' ich so nicht schön umgeben auf?
+
+Hofmeisterin.
+Doch wird von Kennern mehr die Schönheit selbst
+In ihrer eignen Herrlichkeit verehrt.
+
+Eugenie.
+Das einfach Schöne soll der Kenner schätzen;
+Verziertes aber spricht der Menge zu.--
+Nun leihe mir der Perlen sanftes Licht,
+Auch der Juwelen leuchtende Gewalt.
+
+Hofmeisterin.
+Doch deinem Herzen, deinem Geist genügt
+Nur eigner, innrer Wert und nicht der Schein.
+
+Eugenie.
+Der Schein, was ist er, dem das Wesen fehlt?
+Das Wesen, wär' es, wenn es nicht erschiene?
+
+Hofmeisterin.
+Und hast du nicht in diesen Mauern selbst
+Der Jugend ungetrübte Zeit verlebt?
+Am Busen deiner Liebenden, entzückt,
+Verborgner Wonne Seligkeit erfahren?
+
+Eugenie.
+Gefaltet kann die Knospe sich genügen,
+Solange sie des Winters Frost umgibt;
+Nun schwillt vom Frühlingshauche Lebenskraft,
+In Blüten bricht sie auf an Licht und Lüfte.
+
+Hofmeisterin.
+Aus Mäßigkeit entspringt ein reines Glück.
+
+Eugenie.
+Wenn du ein mäßig Ziel dir vorgesteckt.
+
+Hofmeisterin.
+Beschränktheit sucht sich der Genießende.
+
+Eugenie.
+Du überredest die Geschmückte nicht.
+O dass sich dieser Saal erweiterte
+Zum Raum des Glanzes, wo der König thront!
+Dass reicher Teppich unten, oben sich
+Der goldnen Decke Wölbung breitete!
+Dass hier im Kreise vor der Majestät
+Demütig stolz die Großen, angelacht
+Von dieser Sonne, herrlich leuchteten!
+Ich unter diesen Ausgezeichnete!
+O lass mir dieser Wonne Vorgefühl,
+Wenn aller Augen mich zum Ziel erlesen!
+
+Hofmeisterin.
+Zum Ziele der Bewunderung nicht allein,
+Zum Ziel des Neides und des Hasses mehr.
+
+Eugenie.
+Der Nieder steht als Folie des Glücks,
+Der Hasser lehrt uns immer wehrhaft bleiben.
+
+Hofmeisterin.
+Demütigung beschleicht die Stolzen oft.
+
+Eugenie.
+Ich setz' ihr Geistesgegenwart entgegen.
+
+(Zum Schranke gewendet.)
+
+Noch haben wir nicht alles durchgesehn;
+Nicht mich allein bedenk' ich diese Tage,
+Für andre hoff' ich manche Kostbarkeit.
+
+Hofmeistern (ein Kästchen hervor nehmend).
+Hier aufgeschrieben steht es: "Zu Geschenken".
+
+Eugenie.
+So nimm voraus, was dich vergnügen kann,
+Von diesen Uhren, diesen Dosen. Wähle!--
+Nein, überlege noch! Vielleicht verbirgt
+Sich Wünschenswerteres im reichen Schrein.
+
+Hofmeisterin.
+O fände sich ein kräft'ger Talisman,
+Des trüben Bruders Neigung zu gewinnen!
+
+Eugenie.
+Den Widerwillen tilge nach und nach
+Des unbefangnen Herzens reines Wirken.
+
+Hofmeisterin.
+Doch die Partei, die seinen Groll bestärkt,
+Auf ewig steht sie deinem Wunsch entgegen.
+
+Eugenie.
+Wenn sie bisher mein Glück zu hindern suchte,
+Tritt nun Entscheidung unaufhaltsam ein,
+Und ins Geschehne fügt sich jedermann.
+
+Hofmeisterin.
+Das, was du hoffest, noch ist's nicht geschehn.
+
+Eugenie.
+Doch als vollendet kann ich's wohl betrachten.
+
+(Nach dem Schrank gekehrt.)
+
+Was liegt im langen Kästchen, obenan?
+
+Hofmeisterin (die es herausnimmt).
+Die schönsten Bänder, frisch und neu gewählt--
+Zerstreue nicht durch eitlen Flitterwesens
+Neugierige Betrachtung deinen Geist.
+O wär' es möglich, dass du meinem Wort
+Gehör verliehest einen Augenblick!
+Aus stillem Kreise trittst du nun heraus
+In weite Räume, wo dich Sorgendrang,
+Vielfach geknüpfte Netze, Tod vielleicht
+Von meuchelmörderischer Hand erwartet.
+
+Eugenie.
+Du scheinst mir krank! Wie könnte sonst mein Glück
+Dir fürchterlich, als ein Gespenst erscheinen.
+
+(In das Kästchen blickend.)
+
+Was seh' ich? Diese Rolle! Ganz gewiss
+Das Ordensband der ersten Fürstentöchter!
+Auch dieses werd' ich tragen! Nur geschwind!
+Lass sehen, wie es kleidet! Es gehört
+Zum ganzen Prunk; so sei auch das versucht!
+
+(Das Band wird umgelegt.)
+
+Nun sprich vom Tode nur! Sprich von Gefahr!
+Was zieret mehr den Mann, als wenn er sich
+Im Heldenschmuck zu seinem Könige,
+Sich unter seinesgleichen stellen kann?
+Was reizt das Auge mehr als jenes Kleid,
+Das kriegerische lange Reihen zeichnet?
+Und dieses Kleid und seine Farben, sind
+Sie nicht ein Sinnbild ewiger Gefahr?
+Die Schärpe deutet Krieg, womit sich, stolz
+Auf seine Kraft, ein edler Mann umgürtet.
+O meine Liebe! Was bedeutend schmückt,
+Es ist durchaus gefährlich. Lass auch mir
+Das Mutgefühl, was mir begegnen kann,
+So prächtig ausgerüstet, zu erwarten.
+Unwiderruflich, Freundin, bleibt mein Glück.
+
+Hofmeisterin (beiseite).
+Das Schicksal, das dich trifft, unwiderruflich.
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+(Vorzimmer des Herzogs, prächtig, modern.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Sekretär. Weltgeistlicher.
+
+Sekretär.
+Tritt still herein in diese Totenstille!
+Wie ausgestorben findest du das Haus.
+Der Herzog schläft, und alle Diener stehen,
+Von seinem Schmerz durchdrungen, stumm gebeugt.
+Er schläft! Ich segnet' ihn, als ich ihn sah
+Bewusstlos auf dem Pfühle ruhig atmen.
+Das Übermaß der Schmerzen löste sich
+In der Natur balsam'scher Wohltat auf.
+Den Augenblick befürcht' ich, der ihn weckt;
+Euch wird ein jammervoller Mann erscheinen.
+
+Weltgeistlicher.
+Darauf bin ich bereitet, zweifelt nicht.
+
+Sekretär.
+Vor wenig Stunden kam die Nachricht an,
+Eugenie sei tot! Vom Pferd gestürzt!
+An eurem Orte sei sie beigesetzt,
+Als an dem nächsten Platz, wohin man sie
+Aus jenem Felsendickicht bringen können,
+Wo sie verwegen sich den Tod erstürmt.
+
+Weltgeistlicher.
+Und sie indessen ist schon weit entfernt?
+
+Sekretär.
+Mit rascher Eile wird sie weggeführt.
+
+Weltgeistlicher.
+Und wem vertraut ihr solch ein schwer Geschäft?
+
+Sekretär.
+Dem klugen Weibe, das uns angehört.
+
+Weltgeistlicher.
+In welche Gegend habt ihr sie geschickt?
+
+Sekretär.
+Zu dieses Reiches letztem Hafenplatz.
+
+Weltgeistlicher.
+Von dorten soll sie in das fernste Land?
+
+Sekretär.
+Sie führt ein günst'ger Wind sogleich davon.
+
+Weltgeistlicher.
+Und hier auf ewig gelte sie für tot!
+
+Sekretär.
+Auf deiner Fabel Vortrag kommt es an.
+
+Weltgeistlicher.
+Der Irrtum soll im ersten Augenblick
+Auf alle künft'ge Zeit gewaltig wirken.
+An ihrer Gruft, an ihrer Leiche soll
+Die Phantasie erstarren. Tausendfach
+Zerreiß' ich das geliebte Bild und grabe
+Dem Sinne des entsetzten Hörenden
+Mit Feuerzügen dieses Unglück ein.
+Sie ist dahin für alle, sie verschwindet
+Ins Nichts der Asche. Jeder kehret schnell
+Den Blick zum Leben und vergisst im Taumel
+Der treibenden Begierden, dass auch sie
+Im Reihen der Lebendigen geschwebt.
+
+Sekretär.
+Du trittst mit vieler Kühnheit ans Geschäft;
+Besorgst du keine Reue hintennach?
+
+Weltgeistlicher.
+Welch eine Frage tust du? Wir sind fest!
+
+Sekretär.
+Ein innres Unbehagen fügt sich oft
+Auch wider unsern Willen an die Tat.
+
+Weltgeistlicher.
+Was hör' ich? Du bedenklich? Oder willst
+Du mich nur prüfen, ob es euch gelang,
+Mich, euren Schüler, völlig auszubilden?
+
+Sekretär.
+Das Wichtige bedenkt man nie genug.
+
+Weltgeistlicher.
+Bedenke man, eh' noch die Tat beginnt.
+
+Sekretär.
+Auch in der Tat ist Raum für Überlegung.
+
+Weltgeistlicher.
+Für mich ist nichts zu überlegen mehr!
+Da wär' es Zeit gewesen, als ich noch
+Im Paradies beschränkter Freuden weilte,
+Als, von des Gartens engem Hag umschlossen,
+Ich selbst gesäte Bäume selber pfropfte,
+Aus wenig Beeten meinen Tisch versorgte,
+Als noch Zufriedenheit im kleinen Hause
+Gefühl des Reichtums über alles goss,
+Und ich nach meiner Einsicht zur Gemeinde
+Als Freund, als Vater aus dem Herzen sprach,
+Dem Guten fördernd meine Hände reichte,
+Dem Bösen wie dem Übel widerstritt.
+O hätte damals ein wohltät'ger Geist
+Vor meiner Türe dich vorbei gewiesen,
+An der du müde, durstig von der Jagd
+Zu klopfen kamst; mit schmeichlerischem Wesen,
+Mit süßem Wort mich zu bezaubern wusstest.
+Der Gastfreundschaft geweihter, schöner Tag,
+Er war der letzte rein genossnen Friedens.
+
+Sekretär.
+Wir brachten dir so manche Freude zu.
+
+Weltgeistlicher.
+Und dranget mir so manch Bedürfnis auf.
+Nun war ich arm, als ich die Reichen kannte;
+Nun war ich sorgenvoll, denn mir gebrach's;
+Nun hatt' ich Not, ich brauchte fremde Hilfe.
+Ihr wart mir hilfreich, teuer büß' ich das.
+Ihr nahmt mich zum Genossen eures Glücks,
+Mich zum Gesellen eurer Taten auf.
+Zum Sklaven, sollt' ich sagen, dingtet ihr
+Den sonst so freien, jetzt bedrängten Mann.
+Ihr lohnt ihm zwar, doch immer noch versagt
+Ihr ihm den Lohn, den er verlangen darf.
+
+Sekretär.
+Vertraue, dass wir dich in kurzer Zeit
+Mit Gütern, Ehren, Pfründen überhäufen.
+
+Weltgeistlicher.
+Das ist es nicht, was ich erwarten muss.
+
+Sekretär.
+Und welche neue Fordrung bildest du?
+
+Weltgeistlicher.
+Als ein gefühllos Werkzeug braucht ihr mich
+Auch diesmal wieder. Dieses holde Kind
+Verstoßt ihr aus dem Kreise der Lebend'gen;
+Ich soll die Tat beschönen, sie bedecken,
+Und ihr beschließt, begeht sie ohne mich.
+Von nun an fordr' ich, mit im Rat zu sitzen,
+Wo Schreckliches beschlossen wird, wo jeder,
+Auf seinen Sinn, auf seine Kräfte stolz,
+Zum unvermeidlich Ungeheuren stimmt.
+
+Sekretär.
+Dass du auch diesmal dich mit uns verbunden,
+Erwirbt aufs neue dir ein großes Recht.
+Gar manch Geheimnis wirst du blad vernehmen;
+Dahin gedulde dich und sei gefasst.
+
+Weltgeistlicher.
+Ich bin's und bin noch weiter, als ihr denkt;
+In eure Pläne schaut' ich längst hinein.
+Der nur verdient geheimnisvolle Weihe,
+Der ihr durch Ahnung vorzugreifen weiß.
+
+Sekretär.
+Was ahnest du? Was weißt du?
+
+Weltgeistlicher.
+ Lass uns das
+Auf ein Gespräch der Mitternacht versparen.
+O dieses Mädchens trauriges Geschick
+Verschwindet, wie ein Bach im Ozean,
+Wenn ich bedenke, wie verborgen ihr
+Zu mächtiger Parteigewalt euch hebt
+Und an die Stelle der Gebietenden
+Mit frecher List euch einzudrängen hofft.
+Nicht ihr allein; denn andre streben auch,
+Euch widerstrebend, nach demselben Zweck.
+So untergrabt ihr Vaterland und Thron;
+Wer soll sich retten, wenn das Ganze stürzt?
+
+Sekretär.
+Ich höre kommen! Tritt hier an die Seite!
+Ich führe dich zu rechter Zeit herein.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Herzog. Sekretär.
+
+Herzog.
+Unsel'ges Licht! Du rufst mich auf zum Leben,
+Mich zum Bewusstsein dieser Welt zurück
+Und meiner selbst. Wie öde, hohl und leer
+Liegt alles vor mir da, und ausgebrannt,
+Ein großer Schutt, die Stätte meines Glücks.
+
+Sekretär.
+Wenn jeder von den Deinen, die um dich
+In dieser Stunde leiden, einen Teil
+Von deinen Schmerzen übertragen könnte,
+Du fühltest dich erleichtert und gestärkt.
+
+Herzog.
+Der Schmerz um Liebe, wie die Liebe, bleibt
+Unteilbar und unendlich. Fühl' ich doch,
+Welch ungeheures Unglück den betrifft,
+Der seines Tags gewohntes Gut vermisst.
+Warum o! Lasst ihr die bekannten Wände
+Mit Farb' und Gold mir noch entgegen scheinen,
+Die mich an gestern, mich an ehegestern,
+An jenen Zustand meines vollen Glücks
+Mich kalt erinnern. O warum verhüllet
+Ihr nicht Gemach und Saal mit schwarzem Krepp!
+Dass, finster wie mein Innres, auch von außen
+Ein ewig nächt'ger Schatten mich umfange.
+
+Sekretär.
+O möchte doch das Viele, das dir bleibt,
+Nach dem Verlust als etwas dir erscheinen.
+
+Herzog.
+Ein geistverlassner körperlicher Traum!
+Sie war die Seele dieses ganzen Hauses.
+Wie schwebte beim Erwachen sonst das Bild
+Des holden Kindes dringend mir entgegen!
+Hier fand ich oft ein Blatt von ihrer Hand,
+Ein geistreich, herzlich Blatt zum Morgengruß.
+
+Sekretär.
+Wie drückte nicht der Wunsch, dich zu ergötzen,
+Sich dichtrisch oft in frühen Reimen aus.
+
+Herzog.
+Die Hoffnung, sie zu sehen, gab den Stunden
+Des mühevollen Tags den einz'gen Reiz.
+
+Sekretär.
+Wie oft bei Hindernis und Zögrung hat
+Man ungeduldig, wie nach der Geliebten
+Den raschen Jüngling, dich nach ihr gesehn.
+
+Herzog.
+Vergleiche doch die jugendliche Glut,
+Die selbstischen Besitz verzehrend hascht,
+Nicht dem Gefühl des Vaters, der entzückt,
+In heil'gem Anschaun stille hingegeben,
+Sich an Entwicklung wunderbarer Kräfte,
+Sich an der Bildung Riesenschritten freut.
+Der Liebe Sehnsucht fordert Gegenwart;
+Doch Zukunft ist des Vaters Eigentum.
+Dort liegen seiner Hoffnung weite Felder,
+Dort seiner Saaten keimender Genuss.
+
+Sekretär.
+O Jammer! Diese grenzenlose Wonne,
+Dies ewig frische Glück verlorst du nun.
+
+Herzog.
+Verlor ich's? War es doch im Augenblick
+Vor meiner Seele noch im vollen Glanz.
+Ja, ich verlor's! Du rufst's, Unglücklicher,
+Die öde Stunde ruft mir's wieder zu.
+Ja, ich verlor's! So strömt, ihr Klagen, denn!
+Zerstöre, Jammer, diesen festen Bau,
+Den ein zu günstig Alter noch verschont.
+Verhasst sei mir das Bleibende, verhasst,
+Ws mir in seiner Dauer Stolz erscheint;
+Erwünscht, was fließt und schwankt. Ihr Fluten, schwellt,
+Zerreißt die Dämme, wandelt Land in See!
+Eröffne deine Schlünde, wildes Meer!
+Verschlinge Schiff und Mann und Schätze! Weit
+Verbreitet euch, ihr kriegerischen Reihen,
+Und häuft auf blut'gen Fluren Tod auf Tod!
+Entzünde, Strahl des Himmels, dich im Leeren
+Und triff der kühnen Türme sichres Haupt!
+Zertrümmr', entzünde sie und geißle weit
+Im Stadtgedräng' der Flamme Wut umher,
+Dass ich, von allem Jammer rings umfangen,
+Dem Schicksal mich ergebe, das mich traf!
+
+Sekretär.
+Das ungeheuer Unerwartete
+Bedrängt dich fürchterlich, erhabner Mann.
+
+Herzog.
+Wohl unerwartet kam's, nicht ungewarnt.
+In meinen Armen ließ ein guter Geist
+Sie von den Toten wieder auferstehn
+Und zeigte mir gelind, vorübereilend,
+Ein Schreckliches, nun ewig Bleibendes.
+Da sollt' ich strafen die Verwegenheit,
+Dem Übermut mich scheltend widersetzen,
+Verbieten jene Raserei, die, sich
+Unsterblich, unverwundbar wähnend, blind,
+Wetteifern mit dem Vogel, sich durch Wald
+Und Fluss und Sträuche von dem Felsen stürzt.
+
+Sekretär.
+Was oft und glücklich unsre Besten tun,
+Wie sollt' es dir des Unglücks Ahnung bringen?
+
+Herzog.
+Die Ahnung dieser Leiden fühlt' ich wohl,
+Als ich zum letzten Mal--Zum letzten Mal!
+Du sprichst es aus, das fürchterliche Wort,
+Das deinen Weg mit Finsternis umzieht.
+O hätt' ich sie nur einmal noch gesehn!
+Vielleicht war dieses Unglück abzuleiten.
+Ich hätte flehentlich gebeten, sie als Vater
+Zum treulichsten ermahnt, sich mir zu schonen,
+Und von der Wut tollkühner Reiterei
+Um unsres Glückes willen abzustehn.
+Ach, diese Stunde war mir nicht gegönnt.
+Und nun vermiss' ich mein geliebtes Kind!
+Sie ist dahin! Verwegner ward sie nur
+Durch jenen Sturz, dem sie so leicht entrann.
+Und niemand, sie zu warnen, sie zu leiten!
+Entwachsen war sie dieser Frauenzucht.
+In welchen Händen ließ ich solchen Schatz?
+Verzärtelnden, nachgieb'gen Weiberhänden.
+Kein festes Wort, den Willen meines Kinds
+Zu mäßiger Vernünftigkeit zu lenken!
+Zur unbedingten Freiheit ließ man ihr,
+Zu jedem kühnen Wagnis offnes Feld.
+Ich fühlt' es oft und sagt' es mir nicht klar:
+Bei diesem Weibe war sie schlecht verwahrt.
+
+Sekretär.
+O tadle nicht die Unglückselige!
+Vom tiefsten Schmerz begleitet, irrt sie nun,
+Wer weiß, in welche Lande, trostlos hin.
+Sie ist entflohn. Denn wer vermöchte dir
+Ins Angesicht zu sehen, der auch nur
+Den fernsten Vorwurf zu befürchten hätte.
+
+Herzog.
+O lass mich ungerecht auf andre zürnen,
+Dass ich mich nicht verzweifelnd selbst zerreiße!
+Wohl trag' ich selbst die Schuld und trag' sie schwer.
+Denn rief ich nicht mit törigem Beginnen
+Gefahr und Tod auf dieses teure Haupt?
+Sie überall zu sehn als Meisterin,
+Das war mein Stolz! Zu teuer büß' ich ihn.
+Zu Pferde sollte sie, im Wagen sie,
+Die Rosse bändigend, als Heldin glänzen.
+Ins Wasser tauchend, schwimmend schien sie mir
+Den Elementen göttlich zu gebieten.
+So, hieß es, kann sie jeglicher Gefahr
+Dereinst entgehen. Statt sie zu bewahren,
+Gibt Übung zur Gefahr den Tod ihr nun.
+
+Sekretär.
+Des edlen Pflichtgefühles Übung gibt,
+Ach! Unsrer Unvergesslichen den Tod.
+
+Herzog.
+Erkläre dich!
+
+Sekretär.
+ Und weck' ich diesen Schmerz
+Durch Schildrung kindlich edlen Unternehmens?
+Ihr alter, erster, hoch geliebter Freund
+Und Lehrer wohnt, von dieser Stadt entfernt,
+Verschränkt in Trübsinn, Krankheit, Menschenhass.
+Nur sie allein vermocht' ihn zu erheitern;
+Als Leidenschaft empfand sie diese Pflicht;
+Nur allzu oft verlangte sie hinüber,
+Und oft versagte man's. Nun hatte sie's
+Planmäßig angelegt; sie nutzte kühn
+Des Morgenrittes abgemessne Stunden
+Mit ungeheurer Schnelligkeit zum Zweck,
+Den alten, viel geliebten Mann zu sehn.
+Ein einz'ger Reitknecht nur war im Geheimnis,
+Er unterlegt' ihr jedes Mal das Pferd,
+Wie wir vermuten; denn auch er ist fort.
+Der arme Mensch und jene Frau verloren
+Aus Furcht vor dir sich in die weite Welt.
+
+Herzog.
+Die Glücklichen, die noch zu fürchten haben,
+Bei denen sich der Schmerz um ihres Herrn
+Verlornes Heil in leicht verwundene,
+In leicht gehobne Bangigkeit verwandelt!
+Ich habe nichts zu fürchten! Nichts zu hoffen!
+Drum lass mich alles wissen; zeige mir
+Den kleinsten Umstand an! Ich bin gefasst.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Herzog. Sekretär. Weltgeistlicher.
+
+Sekretär.
+Auf diesen Augenblick, verehrter Fürst,
+Hab' ich hier einen Mann zurückgehalten,
+Der, auch gebeugt, vor deinem Blick erscheint.
+Es ist der Geistliche, der aus der Hand
+Des Todes deine Tochter aufgenommen,
+Und sie, da keiner Hilfe Trost sich zeigte,
+Mit liebevoller Sorgfalt beigesetzt.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Herzog. Weltgeistlicher.
+
+Weltgeistlicher.
+Den Wunsch, vor deinem Antlitz zu erscheinen,
+Erhabner Fürst, wie lebhaft hegt' ich ihn!
+Nun wird er mir gewährt im Augenblick,
+Der dich und mich in tiefen Jammer senkt.
+
+Herzog.
+Auch so willkommen, unwillkommner Bote!
+Du hast sie noch gesehn, den letzten Blick,
+Den sehnsuchtsvollen, dir ins Herz gefasst,
+Das letzte Wort bedächtig aufgenommen,
+Dem letzten Seufzer Mitgefühl erwidert.
+O sage: Sprach sie noch? Was sprach sie aus?
+Gedachte sie des Vaters? Bringst du mir
+Von ihrem Mund ein herzlich Lebewohl?
+
+Weltgeistlicher.
+Willkommen scheint ein unwillkommner Bote,
+Solang er schweigt und noch der Hoffnung Raum,
+Der Täuschung Raum in unserm Herzen gibt.
+Der ausgesprochne Jammer ist verhasst.
+
+Herzog.
+Was zauderst du? Was kann ich mehr erfahren?
+Sie ist dahin! Und diesen Augenblick
+Ist über ihrem Sarge Ruh' und Stille.
+Was sie auch litt, es ist für sie vorbei,
+Für mich beginnt es; aber rede nur!
+
+Weltgeistlicher.
+Ein allgemeines Übel ist der Tod.
+So denke dir das Schicksal deiner Toten,
+Und finster wie des Grabes Nacht verstumme
+Der Übergang, der sie hinabgeführt.
+Nicht jeden leitet ein gelinder Gang
+Unmerklich in das stille Reich der Schatten.
+Gewaltsam schmerzlich reißt Zerstörung oft
+Durch Höllenqualen in die Ruhe hin.
+
+Herzog.
+So hat sie viel gelitten?
+
+Weltgeistlicher.
+ Viel, nicht lange.
+
+Herzog.
+Es war ein Augenblick, in dem sie litt,
+Ein Augenblick, wo sie um Hilfe rief.
+Und ich? Wo war ich da? Welch ein Geschäft,
+Welch ein Vergnügen hatte mich gefesselt?
+Verkündigte mir nichts das Schreckliche,
+Das mir das Leben voneinander riss?
+Ich hörte nicht den Schrei, ich fühlte nicht
+Den Unfall, der mich ohne Rettung traf.
+Der Ahnung heil'ges, fernes Mitgefühl
+Ist nur ein Märchen. Sinnlich und verstockt,
+Ins Gegenwärtige verschlossen, fühlt
+Der Mensch das nächste Wohl, das nächste Weh,
+Und Liebe selbst ist in der Ferne taub.
+
+Weltgeistlicher.
+Soviel auch Worte gelten, fühl' ich doch,
+Wie wenig sie zum Troste wirken können.
+
+Herzog.
+Das Wort verwundet leichter, als es heilt.
+Und ewig wiederholend strebt vergebens
+Verlornes Glück der Kummer herzustellen.
+So war denn keine Hilfe, keine Kunst
+Vermögend, sie ins Leben aufzurufen?
+Was hast du, sage mir, begonnen? Was
+Zu ihrem Heil versucht? Du hast gewiss
+Nichts unbedacht gelassen.
+
+Weltgeistlicher.
+ Leider war
+Nichts zu bedenken mehr, als ich sie fand.
+
+Herzog.
+Und soll ich ihres Lebens holde Kraft
+Auf ewig missen! Lass mich meinen schmerz
+Durch meinen Schmerz betrügen, diese Reste
+Verewigen. O komm! Wo liegen sie?
+
+Weltgeistlicher.
+In würdiger Kapelle steht ihr Sarg
+Allein verwahrt. Ich sehe vom Altar
+Durchs Gitter jedes Mal die Stätte, will
+Für sie, solang ich lebe, betend flehen.
+
+Herzog.
+O komm und führe mich dahin! Begleiten
+Soll uns der Ärzte viel erfahrenster.
+Lass uns den schönen Körper der Verwesung
+Entreißen! Lass mit edlen Spezereien
+Das unschätzbare Bild zusammenhalten!
+Ja! Die Atomen alle, die sich einst
+Zur köstlichen Gestalt versammelten,
+Sie sollen nicht ins Element zurück.
+
+Weltgeistlicher.
+Was darf ich sagen? Muss ich dir bekennen!
+Du kannst nicht hin! Ach! Das zerstörte Bild!
+Kein Fremder säh' es ohne Jammer an!
+Und vor die Augen eines Vaters--Nein,
+Verhüt' es Gott! Du darfst sie nicht erblicken.
+
+Herzog.
+Welch neuer Qualenkrampf bedroht mich!
+
+Weltgeistlicher.
+O lass mich schweigen, dass nicht meine Worte
+Auch die Erinnrung der Verlornen schänden!
+Lass mich verhehlen, wie sie durchs Gebüsch,
+Durch Felsen hergeschleift, entstellt und blutig,
+Zerrissen und zerschmettert und zerbrochen,
+Unkenntlich, mir im Arm zur Erde hing.
+Da segnet' ich, von Tränen überfließend,
+Der Stunde Heil, in der ich feierlich
+Dem holden Vaternamen einst entsagt.
+
+Herzog.
+Du bist nicht Vater! Bist der selbstischen
+Verstockten, der Verkehrten einer, die
+Ihr abgeschlossnes Wesen unfruchtbar
+Verzweifeln lässt. Entferne dich! Verhasst
+Erscheinet mir dein Anblick.
+
+Weltgeistlicher.
+ Fühlt' ich's doch!
+Wer kann dem Boten solcher Not verzeihn?
+
+(Will sich entfernen.)
+
+Herzog.
+Vergib und bleib. Ein schön entworfnes Bild,
+Das wunderbar dich selbst zum zweiten Mal
+Vor deinen Augen zu erschaffen strebt,
+Hast du entzückt es jemals angestaunt?
+O hättest du's! Du hättest diese Form,
+Die sich zu meinem Glück, zur Lust der Welt
+In tausendfält'gen Zügen auferbaut,
+Mir grausam nicht zerstümmelt, mir die Wonne
+Der traurigen Erinnrung nicht verkümmert.
+
+Weltgeistlicher.
+Was sollt' ich tun? Dich zu dem Sarge führen,
+Den tausend fremde Tränen schon benetzt,
+Als ich das morsche, schlotternde Gebein
+Zu ruhiger Verwesung eingeweiht?
+
+Herzog.
+Schweig, Unempfindlicher! Du mehrest nur
+Den herben Schmerz, den du zu lindern denkst.
+O! Wehe! Dass die Elemente nun,
+Von keinem Geist der Ordnung mehr beherrscht,
+Im leisen Kampf das Götterbild zerstören.
+Wenn über werdend Wachsendem vorher
+Der Vatersinn mit Wonne brütend schwebte,
+So stockt, so kehrt in Moder nach und nach
+Vor der Verzweiflung Blick die Lust des Lebens.
+
+Weltgeistlicher.
+Was Lust und Licht Zerstörliches erbaut,
+Bewahret lange das verschlossne Grab.
+
+Herzog.
+O weiser Brauch der Alten, das Vollkommne,
+Das ernst und langsam die Natur geknüpft,
+Des Menschenbilds erhabne Würde, gleich
+Wenn sich der Geist, der wirkende, getrennt,
+Durch reiner Flammen Tätigkeit zu lösen!
+Und wenn die Glut mit tausend Gipfeln sich
+Zum Himmel hob und zwischen Dampf und Wolken,
+Des Adlers Fittich deutend sich bewegte,
+Da trocknete die Träne, freier Blick
+Der Hinterlassnen stieg dem neuen Gott
+In des Olymps verklärte Räume nach.
+O sammle mir in köstliches Gefäß
+Der Asche, der Gebeine trüben Rest,
+Dass die vergebens ausgestreckten Arme
+Nur etas fassen, dass ich dieser Brust,
+Die sehnsuchtsvoll sich in das Leere drängt,
+Den schmerzlichsten Besitz entgegendrücke.
+
+Westgeistlicher.
+Die Trauer wird durch Trauern immer herber.
+
+Herzog.
+Durch Trauern wird die Trauer zum Genuss.
+O dass ich doch geschwundner Asche Rest,
+Im kleinen Hause, wandernd, immer weiter,
+Bis zu dem Ort, wo ich zuletzt sie sah,
+Als Büßender mit kurzen Schritten trüge!
+Dort lag sie tot in meinen Armen, dort
+Sah ich, getäuscht, sie in das Leben kehren.
+Ich glaubte, sie zu fassen, sie zu halten,
+Und nun ist sie auf ewig mir entrückt.
+Dort aber will ich meinen Schmerz verew'gen.
+Ein Denkmal der Genesung hab' ich dort
+In meines Traums Entzückungen gelobt--
+Schon führet klug des Gartenmeisters Hand
+Durch Busch und Fels bescheidne Wege her,
+Schon wird der Platz gerundet, wo mein König
+Als Oheim sie an seine Brust geschlossen,
+Und ebenmaß und Ordnung will den Raum
+Verherrlichen, der mich so hoch beglückt.
+Doch jede Hand soll feiern! Halb vollbracht
+Soll dieser Plan wie mein Geschick erstarren!
+Das Denkmal nur, ein Denkmal will ich stiften,
+Von rauen Steinen ordnungslos getürmt,
+Dorthin zu wallen, stille zu verweilen,
+Bis ich vom Leben endlich selbst genese.
+O lasst mich dort, versteint, am Steine ruhn,
+Bis aller Sorgfalt lichtgezogne Spur
+Aus dieser Wüste Trauersitz verschwindet!
+Mag sich umher der freie Platz berasen,
+Mag sich der Zweig dem Zweige wild verflechten,
+Der Birke hangend Haar den Boden schlagen,
+Der junge Busch zum Baume sich erheben,
+Mit Moos der glatte Stamm sich überziehn;
+Ich fühle keine Zeit; denn sie ist hin,
+An deren Wachstum ich die Jahre maß.
+
+Weltgeistlicher.
+Den viel bewegten Reiz der Welt zu meiden,
+Das Einerlei der Einsamkeit zu wählen,
+Wird sich's der Mann erlauben, der sich oft
+Wohltätiger Zerstreuung übergab,
+Wenn Unerträgliches, mit Felsenlast
+Herbei sich wälzend, ihn bedrohend, schlich?
+Hinaus! Mit Flügelschnelle durch das Land,
+Durch fremde Reiche, dass vor deinem Sinn
+Der Erde Bilder heilend sich bewegen.
+
+Herzog.
+Was hab' ich in der Welt zu suchen, wenn
+Ich sie nicht wieder finde, die allein
+Ein Gegenstand für meine Blicke war?
+Soll Fluss und Hügel, Tal und Wald und Fels
+Vorüber meinen Augen gehen und nur
+Mir das Bedürfnis wecken, jenes Bild,
+Das einzige geliebte, zu erhaschen?
+Vom hohen Berg hinab, ins weite Meer,
+Was soll für mich ein Reichtum der Natur,
+Der an Verlust und Armut mich erinnert!
+
+Weltgeistlicher.
+Und neue Güter eignest du dir an!
+
+Herzog.
+Nur durch der Jugend frisches Auge mag
+Das längst Bekannte neubelebt uns rühren,
+Wenn das Erstaunen, das wir längst verschmäht,
+Von Kindes Munde hold uns widerklingt.
+So hofft' ich, ihr des Reichs bebaute Flächen,
+Der Wälder Tiefen, der Gewässer Flut
+Bis an das offne Meer zu zeigen, dort
+Mich ihres trunknen Blicks ins Unbegrenzte
+Mit unbegrenzter Liebe zu erfreun.
+
+Weltgeistlicher.
+Wenn du, erhabner Fürst, des großen Lebens
+Beglückte Tage der Beschauung nicht
+Zu widmen trachtetest, wenn Tätigkeit
+Fürs Wohl Unzähliger am Throne dir
+Zum Vorzug der Geburt den herrlichern
+Des allgemeinen, edlen Wirkens gab,
+So ruf' ich dich im Namen aller auf:
+Ermanne dich! Und lass die trüben Stunden,
+Die deinen Horizont umziehn, für andre,
+Durch Trost und Rat und Hilfe, lass für dich
+Auch diese Stunden so zum Feste werden.
+
+Herzog.
+Wie schal und abgeschmackt ist solch ein Leben,
+Wenn alles Regen, alles Treiben stets
+Zu neuem Regen, neuem Treiben führt
+Und kein geliebter Zweck euch endlich lohnt.
+Den sah ich nur in ihr, und so besaß
+Und so erwarb ich mit Vergnügen, ihr
+Ein kleines Reich anmut'gen Glücks zu schaffen.
+So war ich heiter, aller Menschen Freund,
+Behilflich, wach, zu Rat und Tat bequem.
+Den Vater lieben sie! So sagt' ich mir,
+Dem Vater danken sie's und werden auch
+Die Tochter einst als werte Freundin grüßen.
+
+Weltgeistlicher.
+Zu süßen Sorgen bleibt nun keine Zeit!
+Ganz andre fordern dich, erhabner Mann!
+Darf ich's erwähnen? Ich, der unterste
+Von deinen Dienern? Jeder ernste Blick
+In diesen trüben Tagen ist auf dich,
+Auf deinen Wert, auf deine Kraft gerichtet.
+
+Herzog.
+Der Glückliche nur fühlt sich Wert und Kraft.
+
+Weltgeistlicher.
+So tiefer Schmerzen heiße Qual verbürgt
+Dem Augenblick unendlichen Gehalt,
+Mir aber auch Verzeihung, wenn sich kühn
+Vertraulichkeit von meinen Lippen wagt.
+Wie heftig wilde Gärung unten kocht,
+Wie Schwäche kaum sich oben schwankend hält;
+Nicht jedem wird es klar, dir aber ist's
+Mehr als der Menge, der ich angehöre.
+O zaudre nicht, im nahen Sturmgewitter
+Das falsch gelenkte Steuer zu ergreifen!
+Zum Wohle deines Vaterlands verbanne
+Den eignen Schmerz; sonst werden tausend Väter
+Wie du um ihre Kinder weinen, tausend
+Und aber tausend Kinder ihre Väter
+Vermissen, Angstgeschrei der Mütter grässlich
+An hohler Kerkerwand verklingend hallen.
+O bringe deinen Jammer, deinen Kummer
+Auf dem Altar des allgemeinen Wohls
+Zum Opfer dar, und alle, die zu rettest,
+Gewinnst du dir als Kinder zum Ersatz.
+
+Herzog.
+Aus grauenvollen Winkeln führe nicht
+Mir der Gespenster dichte Schar heran,
+Die meiner Tochter liebliche Gewalt
+Mir zaubrisch oft und leicht hinweggebannt.
+Sie ist dahin, die schmeichlerische Kraft,
+Die meinen Geist in holde Träume sang.
+Nun drängt das Wirkliche mit dichten Massen
+An mich heran und droht, mich zu erdrücken.
+Hinaus, hinaus! Von dieser Welt hinweg!
+Und lügt mir nicht das Kleid, in dem du wandelst,
+So führe mich zur Wohnung der Geduld,
+Ins Kloster führe mich und lass mich dort,
+Im allgemeinen Schweigen, stumm, gebeugt,
+Ein müdes Leben in die Grube senken.
+
+Weltgeistlicher.
+Mir ziemt es kaum, dich an die Welt zu weisen;
+Doch andre Worte sprech' ich kühner aus.
+Nicht in das Grab, nicht übers Grab verschwendet
+Ein edler Mann der Sehnsucht hohen Wert.
+Er kehrt in sich zurück und findet staunend
+In seinem Busen das Verlorene wieder.
+
+Herzog.
+Dass ein Besitz so fest sich hier erhält,
+Wenn das Verlorne fern und ferner flieht,
+Das ist die Qual, die das geschiedene,
+Für ewig losgerissne Glied aufs neue
+Dem Schmerz ergriffnen Körper fügen will.
+Getrenntes Leben, wer vereinigt's wieder?
+Vernichtetes, wer stellt es her?
+
+Weltgeistlicher.
+ Der Geist!
+Des Menschen Geist, dem nichts verloren geht,
+Was er von Wert mit Sicherheit besessen.
+So lebt Eugenie vor dir, sie lebt
+In deinem Sinne, den sie sonst erhub,
+Dem sie das Anschaun herrlicher Natur
+Lebendig aufgeregt; so wirkt sie noch
+Als hohes Vorbild, schützet vor Gemeinem,
+Vor Schlechtem dich, wie's jede Stunde bringt,
+Und ihrer Würde wahrer Glanz verscheuchet
+Den eitlen Schein, der dich bestechen will.
+So fühle dich durch ihre Kraft beseelt!
+Und gib ihr so ein unzerstörlich Leben,
+Das keine Macht entreißen kann, zurück.
+
+Herzog.
+Lass eines dumpfen, dunklen Traumgeflechtes
+Verworrne Todesnetze mich zerreißen!
+Und bleibe mir, du vielgeliebtes Bild,
+Vollkommen, ewig jung und ewig gleich!
+Lass deiner klaren Augen reines Licht
+Mich immerfort umglänzen! Schwebe vor,
+Wohin ich wandle, zeige mir den Weg
+Durch dieser Erde Dornenlabyrinth!
+Du bist kein Traumbild, wie ich dich erblicke;
+Du warst, du bist. Die Gottheit hatte dich
+Vollendet einst gedacht und dargestellt.
+So bist du teilhaft des Unendlichen,
+Des Ewigen, und bist auf ewig mein.
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+(Platz am Hafen. Zur einen Seite ein Palast, auf der andern eine Kirche,
+im Grund eine Reihe Bäume, durch die man nach dem Hafen hinab sieht.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Eugenie, in einen Schleier gehüllt, auf einer Bank im Grunde,
+mit dem Gesicht nach der See. Hofmeisterin, Gerichtsrat im
+Vordergrunde.
+
+Hofmeisterin.
+Drängt unausweichlich ein betrübt Geschäft
+Mich aus dem Mittelpunkt des Reiches, mich
+Aus dem Bezirk der Hauptstadt an die Grenze
+Des festen Lands zu diesem Hafenplatz,
+So folgt mir streng die Sorge, Schritt vor Schritt,
+Und deutet mir bedenklich in die Weite.
+Wie müssen Rat und Anteil eines Manns,
+Der allen edel, zuverlässig gilt,
+Mir als ein Leitstern wonniglich erscheinen!
+Verzeih daher, wenn ich mit diesem Blatt,
+Das mich zu solcher schweren Tat berechtigt,
+Zu dir mich wendend komme, den so lange
+Man im Gericht, wo viel Gerechte wirken,
+Erst pries als Beistand, nun als Richter preist.
+
+Gerichtsrat (der indessen das Blatt nachdenkend angesehen).
+Nicht mein Verdienst, nur mein Bemühen war
+Vielleicht zu preisen. Sonderbar jedoch
+Will es mich dünken, dass du eben diesen,
+Den du gerecht und edel nennen willst,
+In solcher Sache fragen, ihm getrost
+Solch ein Papier vors Auge dringen magst,
+Worauf er nur mit Schauder blicken kann.
+Nicht ist von Recht, noch von Gericht die Rede;
+Hier ist Gewalt! Entsetzliche Gewalt,
+Selbst wenn sie klug, selbst wenn sie weise handelt.
+Anheim gegeben ward ein edles Kind,
+Auf Tod und Leben--sag' ich wohl zu viel?--
+Anheim gegeben deiner Willkür. Jeder,
+Sei er Beamter, Kriegsmann, Bürger, alle
+Sind angewiesen, dich zu schützen, sie
+Nach deines Worts Gesetzen zu behandeln.
+
+(Er gibt das Blatt zurück.)
+
+Hofmeisterin.
+Auch hier beweise dich gerecht und lass
+Nicht dies Papier allein als Kläger sprechen,
+Auch mich, die hart Verklagte, höre nun
+Und meinen offnen Vortrag günstig an.
+Aus edlem Blut entspross die Treffliche;
+Von jeder Gabe, jeder Tugend schenkt'
+Ihr die Natur den allerschönsten Teil,
+Wenn das Gesetz ihr andre Rechte weigert.
+Und nun verbannt! Ich sollte sie dem Kreise
+Der Ihrigen entführen, sie hierher,
+Hinüber nach den Inseln sie geleiten.
+
+Gerichtsrat.
+Gewissem Tod entgegen, der im Qualm
+Erhitzter Dünste schleichend überfällt.
+Dort soll verwelken diese Himmelsblume,
+Die Farbe dieser Wange dort verbleichen!
+Verschwinden die Gestalt, die sich das Auge
+Mit Sehnsucht immer zu erhalten wünscht.
+
+Hofmeisterin.
+Bevor du richtest, höre weiter an!
+Unschuldig ist, bedarf es wohl Beteurung?
+Doch vieler Übel Ursach' dieses Kind.
+Sie als des Haders Apfel warf ein Gott
+Erzürnt ins Mittel zwischen zwei Parteien,
+Die sich, auf ewig nun getrennt, bekämpfen.
+Sie will der eine Teil zum höchsten Glück
+Berechtigt wissen, wenn der andre sie
+Hinabzudrängen strebt. Entschieden beide!--
+Und so umschlang ein heimlich Labyrinth
+Verschmitzten wirkens doppelt ihr Geschick,
+So schwankte List um List im Gleichgewicht,
+Bis ungeduld'ge Leidenschaft zuletzt
+Den Augenblick entschiedenen Gewinns
+Beschleunigte. Da brach von beiden Seiten
+Die Schranke der Verstellung, drang Gewalt,
+Dem Staate selbst gefährlich, drohend los,
+Und nun, sogleich der Schuld'gen Schuld zu hemmen,
+Zu tilgen, trifft ein hoher Götterspruch
+Des Kampfs unschuld'gen Anlass, meinen Zögling,
+Und reißt, verbannend, mich mit ihm dahin.
+
+Gerichtsrat.
+Ich schelte nicht das Werkzeug, rechte kaum
+Mit jenen Mächten, die sich solche Handlung
+Erlauben können. Leider sind auch sie
+Gebunden und gedrängt. Sie wirken selten
+Aus freier Überzeugung. Sorge, Furcht
+Vor größerm Übel nötiget Regenten
+Die nützlich ungerechten Taten ab.
+Vollbringe, was du musst, entferne dich
+Aus meiner Enge rein gezognem Kreis.
+
+Hofmeisterin.
+Den eben such' ich auf! Da dring' ich hin!
+Dort hoff' ich Heil! Du wirst mich nicht verstoßen.
+Den werten Zögling wünscht' ich lange schon
+Vom Glück zu überzeugen, das im Kreise
+Des Bürgerstandes hold genügsam weilt.
+Entsagte sie der nicht gegönnten Höhe,
+Ergäbe sich des biedern Gatten Schutz
+Und wendete von jenen Regionen,
+Wo sie Gefahr, Verbannung, Tod umlauern,
+Ins Häusliche den liebevollen Blick;
+Gelöst wär' alles, meiner strengen Pflicht
+Wär' ich entledigt, könnt' im Vaterland
+Vertrauter Stunden mich verweilend freuen.
+
+Gerichtsrat.
+Ein sonderbar Verhältnis zeigst du mir!
+
+Hofmeisterin.
+Dem klug entschlossnen Manne zeig' ich's an.
+
+Gerichtsrat.
+Du gibst sie frei, wenn sich ein Gatte findet?
+
+Hofmeisterin.
+Und reichlich ausgestattet geb' ich sie.
+
+Gerichtsrat.
+So übereilt, wer dürfte sich entschließen?
+
+Hofmeisterin.
+Nur übereilt bestimmt die Neigung sich.
+
+Gerichtsrat.
+Die Unbekannte wählen wäre Frevel.
+
+Hofmeisterin.
+Dem ersten Blick ist sie gekannt und wert.
+
+Gerichtsrat.
+Der Gattin Feinde drohen auch dem Gatten.
+
+Hofmeisterin.
+Versöhnt ist alles, wenn sie Gattin heißt.
+
+Gerichtsrat.
+Und ihr Geheimnis, wird man's ihm entdecken?
+
+Hofmeisterin.
+Vertrauen wird man dem Vertrauenden.
+
+Gerichtsrat.
+Und wird sie frei solch einen Bund erwählen?
+
+Hofmeisterin.
+Ein großes Übel dränget sie zur Wahl.
+
+Gerichtsrat.
+In solchem Fall zu werben, ist es redlich?
+
+Hofmeisterin.
+Der Rettende fasst an und klügelt nicht.
+
+Gerichtsrat.
+Was forderst du vor allen andern Dingen?
+
+Hofmeisterin.
+Entschließen soll sie sich im Augenblick.
+
+Gerichtsrat.
+Ist euer Schicksal ängstlich so gesteigert?
+
+Hofmeisterin.
+Im Hafen regt sich emsig schon die Fahrt.
+
+Gerichtsrat.
+Hast du ihr früher solchen Bund geraten?
+
+Hofmeisterin.
+Im allgemeinen deutet' ich dahin.
+
+Gerichtsrat.
+Entfernte sie unwillig den Gedanken?
+
+Hofmeisterin.
+Noch war das alte Glück ihr allzu nah.
+
+Gerichtsrat.
+Die schönen Bilder, werden sie entweichen?
+
+Hofmeisterin.
+Das hohe Meer hat sie hinweggeschreckt.
+
+Gerichtsrat.
+Sie fürchtet, sich vom Vaterland zu trennen?
+
+Hofmeisterin.
+Sie fürchtet's, und ich fürcht' es wie den Tod.
+O lass uns, Edler, glücklich Aufgefundner,
+Vergebne Worte nicht bedenklich wechseln!
+Noch lebt in dir, dem Jüngling, jede Tugend,
+Die mächt'gen Glaubens, unbedingter Liebe
+Zu nie genug geschätzter Tat bedarf.
+Gewiss umgibt ein schöner Kreis dich auch
+Von Ähnlichen! Von Gleichen sag' ich nicht!
+O seih dich um in deinem eignen Herzen,
+In deiner Freunde Herzen sieh umher,
+Und findest du ein überfließend Maß
+Von Liebe, von Ergebung, Kraft und Mut,
+So werde dem Verdientesten dies Kleinod
+Mit stillem Segen heimlich übergeben!
+
+Gerichtsrat.
+Ich weiß, ich fühle deinen Zustand, kann
+Und mag nicht mit mir selbst bedächtig erst.
+Wie Klugheit forderte, zu Rate gehen!
+Ich will sie sprechen.
+
+Hofmeisterin (tritt zurück gegen Eugenie).
+
+Gerichtsrat.
+Was geschehen soll,
+Es wird geschehn! In ganz gemeinen Dingen
+Hängt viel von Wahl und Wollen ab; das Höchste,
+Was uns begegnet, kommt wer weiß woher.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Eugenie. Gerichtsrat.
+
+Gerichtsrat.
+Indem du mir, verehrte Schöne, nahst,
+So zweifl' ich fast, ob man mich treu berichtet.
+Du bist unglücklich, sagt man; doch du bringst,
+Wohin du wandelst, Glück und Heil heran.
+
+Eugenie.
+Find' ich den ersten, dem aus tiefer Not
+Ich Blick und Wort entgegen wenden darf,
+So mild und edel, als du mir erscheinst;
+Dies Angstgefühl, ich hoffe, wird sich lösen.
+
+Gerichtsrat.
+Ein viel Erfahrner wäre zu bedauern,
+Wär' ihm das Los gefallen, das dich trifft;
+Wie ruft nicht erst bedrängter Jugend Kummer
+Die Mitgefühle hilfsbedürftig an!
+
+Eugenie.
+So hob ich mich vor kurzem aus der Nacht
+Des Todes an des Tages Licht herauf,
+Ich wusste nicht, wie mir geschehn! Wie hart
+Ein jäher Sturz mich lähmend hingestreckt.
+Da rafft' ich mich empor, erkannte wieder
+Die schöne Welt, ich sah den Arzt bemüht,
+Die Flamme wieder anzufachen, fand
+In meines Vaters liebevollem Blick,
+An seinem Ton mein Leben wieder. Nun
+Zum zweiten Mal, von einem jähern Sturz,
+Erwach' ich! Fremd und schattengleich erscheint
+Mir die Umgebung, mir der Menschen Wandeln,
+Und deine Milde selbst ein Traumgebild.
+
+Gerichtsrat.
+Wenn Fremde sich in unsre Lage fühlen,
+Sind sie wohl näher als die Nächsten, die
+Oft unsern Gram als wohlbekanntes Übel
+Mit lässiger Gewohnheit übersehn.
+Dein Zustand ist gefährlich! Ob er gar
+Unheilbar sei, wer wagt es zu entscheiden!
+
+Eugenie.
+Ich habe nichts zu sagen! Unbekannt
+Sind mir die Mächte, die mein Elend schufen.
+Du hast das Weib gesprochen, jene weiß;
+Ich dulde nur dem Wahnsinn mich entgegen.
+
+Gerichtsrat.
+Was auch der Obermacht gewalt'gen Schluss
+Auf dich herab gerufen, leichte Schuld,
+Ein Irrtum, den der Zufall schädlich leitet;
+Die Achtung bleibt, die Neigung spricht für dich.
+
+Eugenie.
+Des reinen Herzens traulich mir bewusst,
+Sinn' ich der Wirkung kleiner Fehler nach.
+
+Gerichtsrat.
+Auf ebnem Boden straucheln ist ein Scherz,
+Ein Fehltritt stürzt vom Gipfel dich herab.
+
+Eugenie.
+Auf jenen Gipfeln schwebt' ich voll Entzücken,
+Der Freunde Übermaß verwirrte mich.
+Das nahe Glück berührt' ich schon im Geist,
+Ein köstlich Pfand lag schon in meinen Händen.
+Nur wenig Ruhe! Wenige Geduld!
+Und alles war, so darf ich glauben, mein.
+Doch übereilt' ich's, überließ mich rasch
+Zudringlicher Versuchung.--War es das?--
+Ich sah, ich sprach, was mir zu sehn, zu sprechen
+Verboten war. Wird ein so leicht Vergehn
+So hart bestraft? Ein lässlich scheinendes,
+Scherzhafter Probe gleichendes Verbot,
+Verdammt's den Übertreter ohne Schonung?
+O, so ist's wahr, was uns der Völker Sagen
+Unglaublich überliefern! Jenes Apfels
+Leichtsinnig augenblicklicher Genuss
+Hat aller Welt unendlich Weh verschuldet.
+So ward auch mir ein Schlüssel anvertraut!
+Verbotne Schätze wagt' ich aufzuschließen,
+Und aufgeschlossen hab' ich mir das Grab.
+
+Gerichtsrat.
+Des Übels Quelle findest du nicht aus,
+Und aufgefunden fließt sie ewig fort.
+
+Eugenie.
+In kleinen Fehlern such' ich's, gebe mir
+Aus eitlem Wahn die Schuld so großer Leiden.
+Nur höher, höher wende den Verdacht!
+Die beiden, denen ich mein ganzes Glück
+Zu danken hoffte, die erhabnen Männer,
+Zum Scheine reichten sie sich Hand um Hand.
+Der innre Zwist unsicherer Parteien,
+Der nur in düstern Höhlen sich geneckt,
+Er bricht vielleicht ins Freie bald hervor!
+Und was mich erst als Furcht und Sorg' umgeben,
+Entscheidet sich, indem es mich vernichtet,
+Und droht Vernichtung aller Welt umher.
+
+Gerichtsrat.
+Du jammerst mich! Das Schicksal einer Welt
+Verkündest du nach deinem Schmerzgefühl.
+Und schien dir nicht die Erde froh und glücklich,
+Als du, ein heitres Kind, auf Blumen schrittest?
+
+Eugenie.
+Wer hat es reizender als ich gesehn,
+Der Erde Glück mit allen seinen Blüten.
+Ach, alles um mich her, es war so reich,
+So voll und rein, und was der Mensch bedarf,
+Es schien zur Lust, zum Überfluss gegeben.
+Und wem verdankt' ich solch ein Paradies?
+Der Vaterliebe dankt' ich's, die, besorgt
+Ums Kleinste, wie ums Größte, mich verschwendrisch
+Mit Prachtgenüssen zu erdrücken schien
+Und meinen Körper, meinen Geist zugleich,
+Ein solches Wohl zu tragen, bildete.
+Wenn alles weichlich Eitle mich umgab,
+Ein wonniges Behagen mir zu schmeicheln,
+So rief mich ritterlicher Trieb hinaus,
+Zu Ross und Wagen, mit Gefahr zu kämpfen.
+Oft sehnt' ich mich in ferne Weiten hin,
+Nach fremder Lande seltsam neuen Kreisen.
+Dorthin versprach der edle Vater mich,
+Ans Meer versprach er mich zu führen, hoffte
+Sich meines ersten Blicks ins Unbegrenzte
+Mit liebevollem Anteil zu erfreun--
+Da steh' ich nun und schaue weit hinaus,
+Und enger scheint mich's, enger zu umschließen.
+O Gott, wie schränkt sich Welt und Himmel ein,
+Wenn unser Herz in seinen Schranken banget!
+
+Gerichtsrat.
+Unselige! Die mir aus deinen Höhen,
+Ein Meteor, verderblich niederstreifst
+Und meiner Bahn Gesetz berührend störst!
+Auf ewig hast du mir den heitren Blick
+Ins volle Meer getrübt. Wenn Phöbus nun
+Ein feuerwallend Lager sich bereitet,
+Und jedes Auge von Entzücken tränt,
+Da werd' ich weg mich wenden, werde dich
+Und dein Geschick beweinen. Fern am Rande
+Des nachtumgebnen Ozeans erblick' ich
+Mit Not und Jammer deinen Pfad umstrickt!
+Entbehrung alles nötig lang Gewohnten,
+Bedrängnis neuer Übel, ohne Flucht.
+Der Sonne glühendes Geschoss durchdringt
+Ein feuchtes, kaum der Flut entrissnes Land.
+Um Niederungen schwebet, gift'gen Brodens,
+Blaudunst'ger Streifen angeschwollne Pest.
+Im Vortod seh' ich, matt und hingebleicht,
+von Tag zu Tag ein Kummerleben schwanken.
+O die so blühend, heiter vor mir steht,
+Sie soll so früh langsamen Tods verschwinden!
+
+Eugenie.
+Entsetzen rufst du mir hervor! Dorthin?
+Dorthin verstößt man mich! In jenes Land,
+Als Höllenwinkel mir von Kindheit auf
+In grauenvollen Zügen dargestellt.
+Dorthin, wo sich in Sümpfen Schlang' und Tiger
+Durch Rohr und Dorngeflechte tückisch drängen,
+Wo, peinlich quälend, als belebte Wolken
+Um Wandrer sich Insektenscharen ziehn,
+Wo jeder Hauch des Windes, unbequem
+Und schädlich, Stunden raubt und Leben kürzt.
+Zu bitten dacht' ich; flehend siehst du nun
+Die Dringende. Du kannst, du wirst mich retten.
+
+Gerichtsrat.
+Ein mächtig ungeheurer Talisman
+Liegt in den Händen deiner Führerin.
+
+Eugenie.
+Was ist Gesetz und Ordnung? Können sie
+Der Unschuld Kindertage nicht beschützen?
+Wer seid denn ihr, die ihr mit leerem Stolz
+Durchs Recht Gewalt zu bänd'gen euch berühmt?
+
+Gerichtsrat.
+In abgeschlossnen Kreisen lenken wir
+Gesetzlich streng das in der Mittelhöhe
+Des Lebens wiederkehrend Schwebende.
+Was droben sich in ungemessnen Räumen
+Gewaltig seltsam hin und her bewegt,
+Belebt und tötet ohne Rat und Urteil,
+Das wird nach anderm Maß, nach andrer Zahl
+Vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft.
+
+Eugenie.
+Und ist das alles? Hast du weiter nichts
+Zu sagen, zu verkünden?
+
+Gerichtsrat.
+ Nichts!
+
+Eugenie.
+ Ich glaub' es nicht!
+Ich darf's nicht glauben.
+
+Gerichtsrat.
+ Lass, o lass mich fort!
+Soll ich als feig, als unentschlossen gelten?
+Bedauern, jammern? Soll nicht irgendhin
+Mit kühner Hand auf deine Rettung deuten?
+Doch läge nicht in dieser Kühnheit selbst
+Für mich die grässlichste Gefahr, von dir
+Verkannt zu werden? Mit verfehltem Zweck
+Als frevelhaft unwürdig zu erscheinen?
+
+Eugenie.
+Ich lasse dich nicht los, den mir das Glück,
+Mein altes Glück, vertraulich zugesendet.
+Mich hat's von Jugend auf gehegt, gepflegt,
+Und nun im rauen Sturme sendet mir's
+Den edlen Stellvertreter seiner Neigung.
+Sollt' ich nicht sehen, fühlen, dass du teil
+An mir und meinem Schicksal nimmst? Ich stehe
+Nicht ohne Wirkung hier: Du sinnst! Du denkst!--
+Im weiten Kreise rechtlicher Erfahrung
+Schaust du zu meinen Gunsten um dich her.
+Noch bin ich nicht verloren! Ja, du suchst
+Ein Mittel, mich zu retten; hast es wohl
+Schon ausgefunden! Mir bekennt's dein Blick,
+Dein tiefer, ernster, freundlich trüber Blick.
+O kehre dich nicht weg! O sprich es aus,
+Ein hohes Wort, das mich zu heilen töne!
+
+Gerichtsrat.
+So wendet voll Vertrauen zum Arzte sich
+Der tief Erkrankte, fleht um Linderung,
+Fleht um Erhaltung schwer bedrohter Tage;
+Als Gott erscheint ihm der erfahrne Mann.
+Doch ach! Ein bitter, unerträglich Mittel
+Wird nun geboten. Ach! Soll ihm vielleicht
+Der edlen Glieder grausame Verstümmlung,
+Verlust statt Heilung angekündigt werden?
+Gerettet willst du sein! Zu retten bist du,
+Nicht herzustellen. Was du warst, ist hin,
+Und was du sein kannst, magst du's übernehmen?
+
+Eugenie.
+Um Rettung aus des Todes Nachtgewalt,
+Um dieses Lichts erquickenden Genuss,
+Um Sicherheit des Daseins ruft zuerst
+Aus tiefer Not ein Halbverlorner noch.
+Was dann zu heilen sei, was zu erstatten,
+Was zu vermissen, lehre Tag um Tag.
+
+Gerichtsrat.
+Und nächst dem Leben, was erflehst du dir?
+
+Eugenie.
+Des Vaterlandes vielgeliebten Boden!
+
+Gerichtsrat.
+Du forderst viel im einz'gen, großen Wort!
+
+Eugenie.
+Ein einzig Wort enthält mein ganzes Glück.
+
+Gerichtsrat.
+Den Zauberbann, wer wagt's, ihn aufzulösen?
+
+Eugenie.
+Der Tugend Gegenzauber siegt gewiss!
+
+Gerichtsrat.
+Der obern Macht ist schwer zu widerstehen.
+
+Eugenie.
+Allmächtig ist sie nicht, die obre Macht.
+Gewiss! Dir gibt die Kenntnis jener Formen,
+Für Hohe wie für Niedre gleich verbindlich,
+Ein Mittel an. Du lächelst. Ist es möglich!
+Das Mittel ist gefunden! Sprich es aus!
+
+Gerichtsrat.
+Was hilf' es, meine Beste, wenn ich dir
+Von Möglichkeiten spräche! Möglich scheint
+Fast alles unsern Wünschen; unsrer Tat
+Setzt sich von innen wie von außen viel,
+Was sie durchaus unmöglich macht, entgegen.
+Ich kann, ich darf nicht reden, lass mich los!
+
+Eugenie.
+Und wenn du täuschen solltest!--Wäre nur
+Für Augenblicke meiner Phantasie
+Ein zweifelhafter, leichter Flug vergönnt!
+Ein Übel um das andre biete mir!
+Ich bin gerettet, wenn ich wählen kann.
+
+Gerichtsrat.
+Ein Mittel gibt es, dich im Vaterland
+Zurückzuhalten. Friedlich ist's und manchem
+Erschien' es auch erfreulich. Große Gunst
+Hat es vor Gott und Menschen. Heil'ge Kräfte
+Erheben's über alle Willkür. Jedem,
+Der's anerkennt, sich's anzueignen weiß,
+Verschafft es Glück und Ruhe. Vollbestand
+Erwünschter Lebensgüter sind wir ihm,
+So wie der Zukunft höchste Bilder schuldig.
+Als allgemeines Menschengut verordnet's
+Der Himmel selbst und ließ dem Glück, der Kühnheit
+Und stiller Neigung Raum, sich's zu erwerben.
+
+Eugenie.
+Welch Paradies in Rätseln stellst du dar?
+
+Gerichtsrat.
+Der eignen Schöpfung himmlisch Erdenglück.
+
+Eugenie.
+Was hilft mein Sinnen! Ich verwirre mich!
+
+Gerichtsrat.
+Errätst du's nicht, so liegt es fern von dir.
+
+Eugenie.
+Das zeige sich, sobald du ausgesprochen.
+
+Gerichtsrat.
+Ich wage viel! Der Ehstand ist es!
+
+Eugenie.
+ Wie?
+
+Gerichtsrat.
+Gesprochen ist's, nun überlege du.
+
+Eugenie.
+Mich überrascht, mich ängstet solch ein Wort.
+
+Gerichtsrat.
+Ins Auge fasse, was dich überrascht.
+
+Eugenie.
+Mir lag es fern in meiner frohen Zeit,
+Nun kann ich seine Nähe nicht ertragen;
+Die Sorge, die Beklemmung mehrt sich nur.
+Von meines Vaters, meines Königs Hand
+Musst' ich dereinst den Bräutigam erwarten.
+Voreilig schwärmte nicht mein Blick umher,
+Und keine Neigung wuchs in meiner Brust.
+Nun soll ich denken, was ich nie gedacht,
+Und fühlen, was ich sittsam weg gewiesen;
+Soll mir den Gatten wünschen, eh' ein Mann
+Sich liebenswert und meiner wert gezeigt,
+Und jenes Glück, das Hymen uns verspricht,
+Zum Rettungsmittel meiner Not entweihen.
+
+Gerichtsrat.
+Dem wackern Mann vertraut ein Weib getrost,
+Und wär' er fremd, ein zweifelhaft Geschick.
+Der ist nicht fremd, wer teilzunehmen weiß,
+Und schnell verbindet ein Bedrängter sich
+Mit seinem Retter. Was im Lebensgange
+Dem Gatten seine Gattin fesselnd eignet,
+Ein Sicherheitsgefühl, ihr werd' es nie
+An Rat und Trost, an Schutz und Hilfe fehlen,
+Das flößt im Augenblick ein kühner Mann
+Dem Busen des Gefahr umgebnen Weibes
+Durch Wagetat auf ew'ge Zeiten ein.
+
+Eugenie.
+Und mir, wo zeigte sich ein solcher Held?
+
+Gerichtsrat.
+Der Männer Schar ist groß in dieser Stadt.
+
+Eugenie.
+Doch allen bin und bleib' ich unbekannt.
+
+Gerichtsrat.
+Nicht lange bleibt ein solcher Blick verborgen!
+
+Eugenie.
+O täusche nicht ein leicht betrognes Hoffen!
+Wo fände sich ein Gleicher, seine Hand
+Mir, der Erniedrigten, zu reichen? Dürft' ich
+Dem Gleichen selbst ein solches Glück verdanken?
+
+Gerichtsrat.
+Ungleich erscheint im Leben viel, doch bald
+Und unerwartet ist es ausgeglichen.
+In ew'gem Wechsel wiegt ein Wohl das Weh
+Und schnelle Leiden unsre Freuden auf.
+Nichts ist beständig! Manches Missverhältnis
+Löst unbemerkt, indem die Tage rollen,
+Durch Stufenschritte sich in Harmonie.
+Und ach! Den größten Abstand weiß die Liebe,
+Die Erde mit dem Himmel, auszugleichen.
+
+Eugenie.
+In leere Träume denkst du mich zu wiegen.
+
+Gerichtsrat.
+Du bist gerettet, wenn du glauben kannst.
+
+Eugenie.
+So zeige mir des Retters treues Bild.
+
+Gerichtsrat.
+Ich zeig' ihn dir, er bietet seine Hand!
+
+Eugenie.
+Du! Welch ein Leichtsinn überraschte dich?
+
+Gerichtsrat.
+Entschiedne bleibt auf ewig mein Gefühl.
+
+Eugenie.
+Der Augenblick, vermag er solche Wunder?
+
+Gerichtsrat.
+Das Wunder ist des Augenblicks Geschöpf.
+
+Eugenie.
+Und Irrtum auch der Übereilung Sohn.
+
+Gerichtsrat.
+Ein Mann, der dich gesehen, irrt nicht mehr.
+
+Eugenie.
+Erfahrung bleibt des Lebens Meisterin.
+
+Gerichtsrat.
+Verwirren kann sie, doch das Herz entscheidet.
+O lass dir sagen: Wie vor wenig Stunden,
+Ich mit mir selbst zu Rate ging und mich
+So einsam fühlte, meine ganze Lage,
+Vermögen, Stand, Geschäft ins Auge fasste
+Und um mich her nach einer Gattin sann,
+Da regte Phantasie mir manches Bild,
+Die Schätze der Erinnrung sichtend, auf,
+Und wohlgefällig schwebten sie vorüber.
+Zu keiner Wahl bewegte sich mein Herz.
+Doch du erscheinest, ich empfinde nun,
+Was ich bedurfte. Dies ist mein Geschick.
+
+Eugenie.
+Die Fremde, Schlechtumgebne, Missempfohlne,
+Sie könnte frohen, stolzen Trost empfinden,
+Sich so geschätzt, sich so geliebt zu sehn;
+Bedächte sie nicht auch des Freundes Glück,
+Des edlen Manns, der unter allen Menschen
+Vielleicht zuletzt ihr Hilfe bieten mag.
+Betrügst du dich nicht selbst? Und wagst du, dich
+Mit jener Macht, die mich bedroht, zu messen?
+
+Gerichtsrat.
+Mit jener nicht allein!--Dem Ungestüm
+Des rohen Drangs der Menge zu entgehn,
+Hat uns ein Gott den schönsten Port bezeichnet.
+Im Hause, wo der Gatte sicher waltet,
+Da wohnt allein der Friede, den vergebens
+Im Weiten du da draußen suchen magst.
+Unruh'ge Missgunst, grimmige Verleumdung,
+Verhallendes, parteiisches Bestreben,
+Nicht wirken sie auf diesen heil'gen Kreis!
+Vernunft und Liebe hegen jedes Glück,
+Und jeden Unfall mildert ihre Hand.
+Komm! Rette dich zu mir! Ich kenne mich!
+Und weiß, was ich versprechen darf und kann.
+
+Eugenie.
+Bist du in deinem Hause Fürst?
+
+Gerichtsrat.
+ Ich bin's!
+Und jeder ist's, der Gute wie der Böse.
+Reicht eine Macht denn wohl in jenes Haus,
+Wo der Tyrann die holde Gattin kränkt,
+Wenn er nach eignem Sinn verworren handelt,
+Durch Launen, Worte, Taten jede Lust
+Mit Schadenfreude sinnreich untergräbt?
+Wer trocknet ihre Tränen? Welch Gesetz,
+Welch Tribunal erreicht den Schuldigen?
+Er triumphiert, und schweigende Geduld
+Senkt nach und nach, verzweifelnd, sie ins Grab.
+Notwendigkeit, Gesetz, Gewohnheit gaben
+Dem Mann so grobe Rechte; sie vertrauten
+Auf seine Kraft, auf seinen Biedersinn.--
+Nicht Heldenfaust, nicht Heldenstamm, geliebte,
+Verehrte Fremde, weiß ich dir zu bieten;
+Allein des Bürgers hohen Sicherstand.
+Und bist du mein, was kann dich mehr berühren?
+Auf ewig bist du mein, versorgt, beschützt.
+Der König fordre dich von mir zurück;
+Als Gatte kann ich mit dem König rechten.
+
+Eugenie.
+Vergib! Mir schwebt noch allzu lebhaft vor,
+Was ich verscherzte! Du, Großmütiger,
+Bedenkest nur, was mir noch übrig blieb.
+Wie wenig ist es! Dieses Wenige
+Lehrst du mich schätzen, gibst mein eignes Wesen
+Durch dein Gefühl belebend mir zurück.
+Verehrung zoll' ich dir. Wie soll ich's nennen?
+Dankbare, schwesterlich entzückte Neigung!
+Ich fühle mich als dein Geschöpf und kann
+Dir leider, wie du wünschest, nicht gehören.
+
+Gerichtsrat.
+So schnell versagst du dir und mir die Hoffnung?
+
+Eugenie.
+Das Hoffnungslose kündet schnell sich an!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Die Vorigen. Hofmeisterin.
+
+Hofmeisterin.
+Dem günst'gen Wind gehorcht die Flotte schon.
+Die Segel schwellen, alles eilt hinab.
+Die Scheidenden umarmen tränend sich,
+Und von den Schiffen, von dem Strande wehn
+Die weißen Tücher noch den letzten Gruß.
+Bald lichtet unser Schiff die Anker auch!
+Komm! Lass uns gehen! Uns begleitet nicht
+Ein Scheidegruß, wir ziehen unbeweint.
+
+Gerichtsrat.
+Nicht unbeweint, nicht ohne bittern Schmerz
+Zurückgelassner Freunde, die nach euch
+Die Arme rettend strecken. O! Vielleicht
+Erscheint, was ihr im Augenblick verschmäht,
+Euch blad ein sehnsuchtswertes, fernes Bild.
+(Zu Eugenie.) Vor wenigen Minuten nannt' ich dich
+Entzückt willkommen! Soll ein Lebewohl
+Behend auf ewig unsre Trennung siegeln?
+
+Hofmeisterin.
+Der Unterredung Inhalt, ahn' ich ihn?
+
+Gerichtsrat.
+Zum ew'gen Bunde siehst du mich bereit.
+
+Hofmeisterin (zu Eugenie).
+Und wie erkennst du solch ein groß Erbieten?
+
+Eugenie.
+Mit höchst gerührten Herzens reinstem Dank.
+
+Hofmeisterin.
+Und ohne Neigung, diese Hand zu fassen?
+
+Gerichtsrat.
+Zur Hilfe bietet sie sich dringend an.
+
+Eugenie.
+Das Nächste steht oft unergreifbar fern.
+
+Hofmeisterin.
+Ach! Fern von Rettung stehn wir nur zu bald.
+
+Gerichtsrat.
+Und hast du künftig Drohendes bedacht?
+
+Eugenie.
+Sogar das letzte Drohende, den Tod.
+
+Hofmeisterin.
+Ein angebotnes Leben schlägst du aus?
+
+Gerichtsrat.
+Erwünschte Feier froher Bundestage?
+
+Eugenie.
+Ein Fest versäumt' ich, keins erscheint mir wieder.
+
+Hofmeisterin.
+Gewinnen kann, wer viel verloren, schnell.
+
+Gerichtsrat.
+Noch glänzendem ein dauerhaft Geschick.
+
+Eugenie.
+Hinweg die Dauer, wenn der Glanz verlosch.
+
+Hofmeisterin.
+Der Mögliches bedenkt, lässt sich genügen.
+
+Gerichtsrat.
+Und wem genügte nicht an Lieb' und Treue?
+
+Eugenie.
+Den Schmeichelworten widerspricht mein Herz,
+Und widerstrebt euch beiden ungeduldig.
+
+Gerichtsrat.
+Ach, allzu lästig scheint, ich weiß es wohl,
+Uns unwillkommne Hilfe! Sie erregt
+Nur innern Zwiespalt. Danken möchten wir,
+Und sind undankbar, da wir nicht empfangen.
+Drum lasst mich scheiden! Doch des Hafenbürgers
+Gebrauch und Pflicht vorher an euch erfüllen,
+Aufs unfruchtbare Meer von Landesgaben
+Zum Lebewohl Erquickungsvorrat widmen.
+Dann werd' ich stehen, werde starren Blicks
+Geschwollne Segel ferner, immer ferner,
+Und Glück und Hoffnung weichend schwinden sehn.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin.
+
+Eugenie.
+In deiner Hand, ich weiß es, ruht mein Heil,
+Sowie mein Elend. Lass dich überreden!
+Lass dich erweichen! Schiffe mich nicht ein!
+
+Hofmeisterin.
+Du lenkest nun, was uns begegnen soll,
+Du hast zu wählen! Ich gehorche nur
+Der starken Hand, sie stößt mich vor sich hin.
+
+Eugenie.
+Und nennst du Wahl, wenn Unvermeidliches
+Unmöglichem sich gegenüberstellt?
+
+Hofmeisterin.
+Der Bund ist möglich, wie der Bann vermeidlich.
+
+Eugenie.
+Unmöglich ist, was Edle nicht vermögen.
+
+Hofmeisterin.
+Für diesen biedern Mann vermagst du viel.
+
+Eugenie.
+In bessre Lagen führe mich zurück;
+Und sein Erbieten lohn' ich grenzenlos.
+
+Hofmeisterin.
+Ihm lohne gleich, was ihn allein belohnt:
+Zu hohen Stufen heb' ihn deine Hand!
+Wenn Tugend, wenn Verdienst den Tüchtigen
+Nur langsam fördern, wenn er, still entsagend
+Und kaum bemerkt sich andern widmend, strebt,
+So führt ein edles Weib ihn leicht ans Ziel.
+Hinunter soll kein Mann die Blicke wenden;
+Hinauf zur höchsten Frauen kehr' er sich!
+Gelingt es ihm, sie zu erwerben, schnell
+Geebnet zeigt des Lebens Pfad sich ihm.
+
+Eugenie.
+Verwirrender, verfälschter Worte Sinn
+Entwickl' ich wohl aus deinen falschen Reden,
+Das Gegenteil erkenn' ich nur zu klar:
+Der Gatte zieht sein Weib unwiderstehlich
+In seines Kreises abgeschlossne Bahn.
+Dorthin ist sie gebannt, sie kann sich nicht
+Aus eigner Kraft besondre Wege wählen;
+Aus niedrem Zustand führt er sie hervor,
+Aus höhern Sphären lockt er sie hernieder.
+Verschwundne ist die frühere Gestalt,
+Verloschen jede Spur vergangner Tage.
+Was sie gewann, wer will es ihr entreißen?
+Was sie verlor, wer gibt es ihr zurück?
+
+Hofmeisterin.
+So bricht du grausam dir und mir den Stab.
+
+Eugenie.
+Noch forscht mein Blick nach Rettung hoffnungsvoll.
+
+Hofmeisterin.
+Der Liebende verzweifelt; kannst du hoffen?
+
+Eugenie.
+Ein kalter Mann verlieh' uns bessern Rat.
+
+Hofmeisterin.
+Von Rat und Wahl ist keine Rede mehr;
+Du stürzest mich ins Elend, folge mir!
+
+Eugenie.
+O dass ich dich noch einmal freundlich hold
+Vor meinen Augen sähe, wie du stets
+Von früher Zeit herauf mich angeblickt!
+Der Sonne Glanz, die alles Leben regt,
+Des klaren Monds erquicklich leiser Schein
+Begegneten mir holder nicht als du.
+Was konnt' ich wünschen? Vorbereitet war's.
+Was durft' ich fürchten? Abgelehnt war alles!
+Und zog sich ins Verborgne meine Mutter
+Vor ihres Kindes Blicken früh zurück,
+So reichtest du ein überfließend Maß
+Besorgter Mutterliebe mir entgegen.
+Bist du denn ganz verwandelt? Äußerlich
+Erscheinst du mir die Vielgeliebte selber;
+Doch ausgewechselt ist, so scheint's, dein Herz--
+Du bist es noch, die ich um Kleines und Großes
+So oft gebeten, die mir nichts verweigert.
+Gewohnter Ehrfurcht kindliches Gefühl,
+Es lehrt mich nun, das Höchste zu erbitten.
+Und könnt' es mich erniedrigen, dich nun
+An Vaters, Königs, dich an Gottes Statt
+Gebognen Knies um Rettung anzuflehen?
+
+(Sie kniet.)
+
+Hofmeisterin.
+In dieser Lage scheinst du meiner nur
+Verstellt zu spotten. Falschheit rührt mich nicht.
+
+(Hebt Eugenie mit Heftigkeit auf.)
+
+Eugenie.
+So hartes Wort, so widriges Betragen,
+Erfahr' ich das, erleb' ich das von dir?
+Und mit Gewalt verscheuchst du meinen Traum.
+Im klaren Lichte seh' ich mein Geschick!
+Nicht meine Schuld, nicht jener Großen Zwist,
+Des Bruders Tücke hat mich hergestoßen,
+Und, mitverschworen, hältst du mich gebannt.
+
+Hofmeisterin.
+Dein Irrtum schwankt nach allen Seiten hin.
+Was will der Bruder gegen dich beginnen?
+Den bösen Willen hat er, nicht die Macht.
+
+Eugenie.
+Sei's, wie ihm wolle! Noch verschmacht' ich nicht
+In ferner Wüste hoffnungslosen Räumen.
+Ein lebend Volk bewegt sich um mich her,
+Ein liebend Volk, das auch den Vaternamen
+Entzückt aus seines Kindes Mund vernimmt.
+Die fordr' ich auf. Aus roher Menge kündet
+Ein mächt'ger Ruf mir meine Freiheit an.
+
+Hofmeisterin.
+Die rohe Menge hast du nie gekannt,
+Sie starrt und staunt und zaudert, lässt geschehn;
+Und regt sie sich, so endet ohne Glück,
+Was ohne Plan zufällig sie begonnen.
+
+Eugenie.
+Den Glauben wirst du mir mit kaltem Wort
+Nicht, wie mein Glück mit frecher Tag, zerstören.
+Dort unten hoff' ich Leben, aus dem Leben,
+Dort, wo die Masse, tätig strömend, wogt,
+Wo jedes Herz, mit wenigem befriedigt,
+Für holdes Mitleid gern sich öffnen mag.
+Du hältst mich nicht zurück! Ich rufe laut,
+Wie furchtbar mich Gefahr und Not bedrängen,
+Ins wühlende Gemisch mich stürzend, aus.
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug
+(Platz am Hafen.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin.
+
+Eugenie.
+Mit welchen Ketten führst du mich zurück?
+Gehorch! Ich wider Willen diesmal auch!
+Fluchwürdige Gewalt der Stimme, die
+Mich einst so glatt zur Folgsamkeit gewöhnte,
+Die meines ersten bildsamen Gefühls
+Im ganzen Umfang sich bemeisterte!
+Du warst es, der ich dieser Worte Sinn
+Zuerst verdanke, dieser Sprache Kraft
+Und künstliche Verknüpfung; diese Welt
+Hab' ich aus deinem Munde, ja, mein eignes Herz.
+Nun brauchst du diesen Zauber gegen mich,
+Du fesselst mich, du schleppst mich hin und wider,
+Mein Geist verwirrt sich, mein Gefühl ermattet,
+Und zu den Toten sehn' ich mich hinab.
+
+Hofmeisterin.
+O hätte diese Zauberkraft gewirkt,
+Von jenen hohen Plänen abzustehn.
+
+Eugenie.
+Du ahntest solch ungeheures Übel
+Und warntest nicht den allzu sichern Mut?
+
+Hofmeisterin.
+Wohl durft' ich warnen, aber leise nur;
+Die ausgesprochne Silbe trug den Tod.
+
+Eugenie.
+Und hinter deinem Schweigen lag Verbannung!
+Ein Todeswort, willkommner war es mir.
+
+Hofmeisterin.
+Dies Unglück, vorgesehen oder nicht,
+Hat mich und dich in gleiches Netz verschlungen.
+
+Eugenie.
+Was kann ich wissen, welch ein Lohn dir wird,
+Um deinen armen Zögling zu verderben.
+
+Hofmeisterin.
+Er wartet wohl am fremden Strande mein!
+Das Segel schwillt und führt uns beide hin.
+
+Eugenie.
+Noch hat das Schiff in seine Kerker nicht
+Mich aufgenommen. Sollt' ich willig gehen?
+
+Hofmeisterin.
+Und riefst du nicht das Volk zur Hilfe schon?
+Es staunte nur dich an und schwieg und ging.
+
+Eugenie.
+Mit ungeheurer Not im Kampfe, schien
+Ich dem gemeinen Blick des Wahnsinns Beute.
+Doch sollst du mir mit Worten, mit Gewalt
+Den mut'gen Schritt nach Hilfe nicht verkümmern.
+Die Ersten dieser Stadt erheben sich
+Aus ihren Häusern dem Gestadte zu,
+Die Schiffe zu bewundern, die gereiht,
+Uns unerwünscht das hohe Meer gewinnen.
+Schon regt sich am Palast des Gouverneurs
+Die Wache. Jener ist es, der die Stufen,
+Von mehreren begleitet, niedersteigt.
+Ich will ihn sprechen, ihm den Fall erzählen!
+Und ist er wert, an meines Königs Platz
+Den wichtigsten Geschäften vorzustehn,
+So weist er mich nicht unerhört von hinnen.
+
+Hofmeisterin.
+Ich hindre dich an diesem Schritte nicht,
+Doch nennst du keinen Namen, nur die Sache.
+
+Eugenie.
+Den Namen nicht, bis ich vertrauen darf.
+
+Hofmeisterin.
+Es ist ein edler junger Mann und wird,
+Was er vermag, mit Anstand gern gewähren.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Vorigen. Der Gouverneur. Adjutanten.
+
+Eugenie.
+Dir in den Weg zu treten, darf ich's wagen?
+Wirst du der kühnen Fremden auch verzeihn?
+
+Gouverneur (nachdem er sie aufmerksam betrachtet).
+Wer sich wie du dem ersten Blick empfiehlt,
+Der ist gewiss des freundlichsten Empfangs.
+
+Eugenie.
+Nicht froh und freundlich ist es, was ich bringe,
+Entgegen treibt mich dir die höchste Not.
+
+Gouverneur.
+Ist, sie zu heben, möglich, sei mir's Pflicht;
+Ist sie auch nur zu lindern, soll's geschehn.
+
+Eugenie.
+Von hohem Haus entspross die Bittende;
+Doch leider ohne Namen tritt sie auf.
+
+Gouverneur.
+Ein Name wird vergessen; dem Gedächtnis
+Schreibt solch ein Bild sich unauslöschlich ein.
+
+Eugenie.
+Gewalt und List entreißen, führen, drängen
+Mich von des Vaters Brust ans wilde Meer.
+
+Gouverneur.
+Wer durfte sich an diesem Friedensbild
+Mit ungeweihter Feindeshand vergreifen?
+
+Eugenie.
+Ich selbst vermute nur! Mich überrascht
+Aus meinem eignen Hause dieser Schlag.
+Von Eigennutz und bösem Rat geleitet,
+Sann mir ein Bruder dies Verderben aus,
+Und diese hier, die mich erzogen, steht,
+Mir unbegreiflich, meinen Feinden bei.
+
+Hofmeisterin.
+Ihr steh' ich bei und mildre großes Übel,
+Das ich zu heilen leider nicht vermag.
+
+Eugenie.
+Ich soll zu Schiffe steigen, fordert sie!
+Nach jenen Ufern führt sie mich hinüber!
+
+Hofmeisterin.
+Geb' ich auf solchem Weg ihr das Geleit,
+So zeigt es Liebe, Muttersorgfalt an.
+
+Gouverneur.
+Verzeiht, geschätzte Frauen, wenn ein Mann,
+Der, jung an Jahren, manches in der Welt
+Gesehn und überlegt, im Augenblick,
+Da er euch sieht und hört, bedenklich stutzt.
+Vertrauen scheint ihr beide zu verdienen,
+Und ihr misstraut einander beide selbst,
+So scheint es wenigstens. Wie soll ich nun
+Des wunderbaren Knotens Rätselschlinge,
+Die euch umstrickt, zu lösen übernehmen?
+
+Eugenie.
+Wenn du mich hören willst, vertrau' ich mehr.
+
+Hofmeisterin.
+Auch ich vermöchte manches zu erklären.
+
+Gouverneur.
+Dass uns mit Fabeln oft ein Fremder täuscht,
+Muss auch der Wahrheit schaden, wenn wir sie
+In abenteuerlicher Hülle sehn.
+
+Eugenie.
+Misstraust du mir, so bin ich ohne Hilfe.
+
+Gouverneur.
+Und traut' ich auch, ist doch zu helfen schwer.
+
+Eugenie.
+Nur zu den Meinen sende mich zurück.
+
+Gouverneur.
+Verlorne Kinder aufzunehmen, gar
+Entwendete, verstoßne zu beschützen,
+Bringt wenig Dank dem wohl gesinnten Mann.
+Um Gut und Erbe wird sogleich ein Streit,
+Um die Person, ob sie die rechte sei,
+Gehässig aufgeregt, und wenn Verwandte
+Ums Mein und dein gefühllos hadern, trifft
+Den Fremden, der sich eingemischt, der Hass
+Von beiden Teilen, und nicht selten gar,
+Weil ihm der strengere Beweis nicht glückt,
+Steht er zuletzt auch vor Gericht beschämt.
+Verzeih mir also, wenn ich nicht sogleich
+Mit Hoffnung dein Gesuch erwidern kann.
+
+Eugenie.
+Ziemt eine solche Furcht dem edlen Mann,
+Wohin soll sich ein Unterdrückter wenden?
+
+Gouverneur.
+Doch wenigstens entschuldigst du gewiss
+Im Augenblick, wo ein Geschäft mich ruft,
+Wenn ich auf morgen frühe dich hinein
+In meine Wohnung lade, dort genauer
+Das Schicksal zu erfahren, das dich drängt.
+
+Eugenie.
+Mit Freuden werd' ich kommen. Nimm voraus
+Den lauten Dank für meine Rettung an!
+
+Hofmeisterin (die ihm ein Papier überreicht).
+Wenn wir auf deine Ladung nicht erscheinen,
+So ist dies Blatt Entschuldigung genug.
+
+Gouverneur (der es aufmerksam eine Weile angesehn,
+es zurückgebend).
+So kann ich freilich nur beglückte Fahrt,
+Ergebung ins Geschick und Hoffnung wünschen.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin.
+
+Eugenie.
+Ist dies der Talisman, mit dem du mich
+Entführst, gefangen hältst, der alle Guten,
+Die sich zu Hilfe mir bewegen, lähmt?
+Lass mich es ansehn, dieses Todesblatt!
+Mein Elend kenn' ich, nun, so lass mich auch,
+Wer es verhängen konnte, lass mich's wissen.
+
+Hofmeisterin (die das Blatt offen darzeigt).
+Hier! Sieh herein.
+
+Eugenie (sich weg wendend).
+ Entsetzliches Gefühl!
+Und überlebt' ich's, wenn des Vaters Name,
+Des Königs Name mir entgegen blitzte?
+Noch ist die Täuschung möglich, dass verwegen
+Ein Kronbeamter die Gewalt missbraucht
+Und, meinem Bruder frönend, mich verletzt.
+Da bin ich noch zu retten. Eben dies
+Will ich erfahren! Zeige her!
+
+Hofmeisterin (wie oben).
+ Du siehst's!
+
+Eugenie (wie oben).
+Der Mut verlässt mich! Nein, ich wag' es nicht.
+Sei's, wie es will, ich bin verloren, bin
+Aus allem Vorteil dieser Welt gestoßen;
+Entsag' ich denn auf ewig dieser Welt!
+O dies vergönnst du mir! Du willst es ja,
+Die Feinde wollen meinen Tod, sie wollen
+Mich lebend eingescharrt. Vergönne mir,
+Der Kirche mich zu nähern, die begierig
+So manch unschuldig Opfer schon verschlang.
+Hier ist der Tempel; diese Pforte führt
+Zu stillem Jammer, wie zu stillem Glück.
+Lass diesen Schritt mich ins Verborgne tun!
+Was mich daselbst erwartet, sei mein Los.
+
+Hofmeisterin.
+Ich sehe, die Äbtissin steigt, begleitet
+Von zwei der Ihren, zu dem Platz herab;
+Auch sie ist jung, von hohem Haus entsprossen;
+Entdeck' ihr deinen Wunsch, ich hindr' es nicht.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Die Vorigen. Äbtissin. Zwei Nonnen.
+
+Eugenie.
+Betäubt, verworren, mit mir selbst entzweit
+Und mit der Welt, verehrte heil'ge Jungfrau,
+Siehst du mich hier. Die Angst des Augenblicks,
+Die Sorge für die Zukunft treiben mich
+In deine Gegenwart, in der ich Lindrung
+Des ungeheuren Übels hoffen darf.
+
+Äbtissin.
+Wenn Ruhe, wenn Besonnenheit und Friede
+Mit Gott und unserm eigenen Herzen sich
+Mitteilen lässt, so soll es, edle Fremde,
+Nicht fehlen an der Lehre treuem Wort,
+Dir einzuflößen, was der Meinen Glück
+Und meins für heut' sowie auf ewig fördert.
+
+Eugenie.
+Unendlich ist mein Übel, schwerlich möcht'
+Es durch der Worte göttliche Gewalt
+Sogleich zu heilen sein. O nimm mich auf
+Und lass mich weilen, wo du weilst, mich erst
+In Tränen lösen diese Bangigkeit
+Und mein erleichtert Herz dem Troste weihen!
+
+Äbtissin.
+Wohl hab' ich oft im heiligen Bezirk
+Der Erde Tränen sich in göttlich Lächeln
+Verwandeln sehn, in himmlisches Entzücken,
+Doch drängt man sich gewaltsam nicht herein;
+Gar manche Prüfung muss die neue Schwester
+Und ihren ganzen Wert uns erst entwickeln.
+
+Hofmeisterin.
+Entschiedner Wert ist leicht zu kennen, leicht,
+Was du bedingen möchtest, zu erfüllen.
+
+Äbtissin.
+Ich zweifle nicht am Adel der Geburt,
+Nicht am Vermögen, dieses Hauses Rechte,
+Die groß und wichtig sind, dir zu gewinnen.
+Drum lasst mich bald vernehmen, was ihr denkt.
+
+Eugenie.
+Gewähre meine Bitte, nimm mich auf!
+Verbirg mich vor der Welt im tiefsten Winkel.
+Und meine ganze Habe nimm dahin.
+Ich bringe viel und hoffe mehr zu leisten.
+
+Äbtissin.
+Kann uns die Jugend, uns die Schönheit rühren,
+Ein edles Wesen, spricht's an unser Herz,
+So hast du viele Rechte, gutes Kind.
+Geliebte Tochter! Komm an meine Brust!
+
+Eugenie.
+Mit diesem Wort, mit diesem Herzensdruck
+Besänftigst du auf einmal alles Toben
+Der aufgeregten Brust. Die letzte Welle
+Umspielt mich weichend noch. Ich bin im Hafen.
+
+Hofmeisterin (dazwischen tretend).
+Wenn nicht ein grausam Schicksal widerstünde!
+Betrachte dieses Blatt, uns zu beklagen.
+
+(Sie reicht der Äbtissin das Blatt.)
+
+Äbtissin (die gelesen).
+Ich muss dich tadeln, dass du wissentlich
+So manch vergeblich Wort mit angehört.
+Ich beuge vor der höheren Hand mich tief,
+Die hier zu walten scheint.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin.
+
+Eugenie.
+ Wie? Höhre Hand?
+Was meint die Heuchlerin? Versteht sie Gott?
+Der himmlisch Höchste hat gewiss nicht hier
+Mit dieser Freveltat zu tun. Versteht
+Sie unsern König? Wohl! Ich muss es dulden,
+Was dieser über mich verhängt. Allein
+Ich will nicht mehr in Zweifel, zwischen Furcht
+Und Liebe schweben, will nicht weibisch mehr,
+Indem ich untergehe, noch des Herzens
+Und seiner weichlichen Gefühle schonen.
+Es breche, wenn es brechen soll, und nun
+Verlang' ich, dieses Blatt zu sehen, sei
+Von meinem Vater, sei von meinem König
+Das Todesurteil unterzeichnet. Jener
+Gereizten Gottheit, die mich niederschmettert,
+Will ich getrost ins Auge schauend stehn.
+O dass ich vor ihr stünde! Fürchterlich
+Ist der bedrängten Unschuld letzter Blick.
+
+Hofmeisterin.
+Ich hab' es nie verweigert, nimm es hin.
+
+Eugenie (das Papier von außen ansehend).
+Das ist des Menschen wunderbar Geschick,
+Dass bei dem größten Übel noch die Furcht
+Vor feinerem Verlust ihm übrig bleibt.
+Sind wir so reich, ihr Götter, dass ihr uns
+Mit einem Schlag nicht alles rauben könnt?
+Des Lebens Glück entriss mir dieses Blatt,
+Und lässt mich größeren Jammer noch befürchten.
+
+(Sie entfaltet's.)
+
+Wohlan! Getrost, mein Herz, und schaudre nicht,
+Die Neige dieses bittren Kelchs zu schlürfen.
+
+(Blickt hinein.)
+
+Des Königs Hand und Siegel!
+
+Hofmeisterin (die ihr das Blatt abnimmt).
+ Gutes Kind,
+Bedaure mich, indem du dich bejammerst.
+Ich übernahm das traurige Geschäft,
+Der Allgewalt Befehl vollzieh' ich nur,
+Um dir in deinem Elend beizustehn,
+Dich keiner fremden Hand zu überlassen.
+Was meine Seele peinigt, was ich noch
+Von diesem schrecklichen Ereignis kenne,
+Erfährst du künftig. Jetzt verzeihe mir,
+Wenn mich die eiserne Notwendigkeit,
+Uns unverzüglich einzuschiffen, zwingt.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+Eugenie allein, hernach Hofmeisterin im Grunde.
+
+Eugenie.
+So ist mir denn das schönste Königreich,
+Der Hafenplatz, von Tausenden belebt,
+Zur Wüste worden, und ich bin allein.
+Hier sprechen edle Männer nach Gesetzen,
+Und Krieger lauschen auf gemessnes Wort.
+Hier flehen heilig Einsame zum Himmel;
+Beschäftigt strebt die Menge nach Gewinn.
+Und mich verstößt man ohne Recht und Urteil,
+Nicht eine Hand bewaffnet sich für mich,
+Man schließt mir die Asyle, niemand mag
+Zu meinen Gunsten wenig Schritte wagen.
+Verbannung! Ja, des Schreckensworts Gewicht
+Erdrückt mich schon mit allen seinen Lasten.
+Schon fühl' ich mich ein abgestorbnes Glied,
+Der Körper, der gesunde, stößt mich los.
+Dem selbstbewussten Toten gleich' ich, der,
+Ein Zeuge seiner eigenen Bestattung,
+Gelähmt, in halbem Träume, grausend liegt.
+Entsetzliche Notwendigkeit! Doch wie?
+Ist mir nicht eine Wahl verstattet? Kann
+Ich nicht des Mannes Hand ergreifen, der
+Mir, einzig edel, seine Hilfe beut?--
+Und könnt' ich das? Ich könnte die Geburt,
+Die mich so hoch hinaufgerückt, verleugnen!
+Von allem Glanze jener Hoffnung mich
+Auf ewig trennen! Das vermag ich nicht!
+O fasse mich, Gewalt, mit ehrnen Fäusten!
+Geschick, du blindes, reiße mich hinweg!
+Die Wahl ist schwerer als das Übel selbst,
+Die zwischen zweien Übeln schwankend bebt.
+
+(Hofmeisterin, mit Leuten, welche Gepäcke tragen,
+geht schweigend hinten vorbei.)
+
+Sie kommen! Tragen meine Habe fort,
+Das Letzte, was von köstlichem Besitz
+Mir übrig blieb. Wird es mir auch geraubt?
+Man bringt's hinüber, und ich soll ihm nach.
+Ein günst'ger Wind bewegt die Wimpel seewärts,
+Bald werd' ich alle Segel schwellen sehn.
+Die Flotte löset sich vom Hafen ab!
+Und nun das Schiff, das mich Unsel'ge trägt.
+Man kommt! Man fordert mich an Bord. O Gott!
+Ist denn der Himmel ehern über mir?
+Dringt meine Jammerstimme nicht hindurch?
+So sei's! Ich gehe! Doch mich soll das Schiff
+In seines Kerkers Räume nicht verschlingen.
+Das letzte Brett, das mich hinüberführt,
+Soll meiner Freiheit erste Stufe werden.
+Empfangt mich dann, ihr Wellen, fasst mich auf,
+Und, fest umschlingend, senket mich hinab
+In eures tiefen Friedens Grabesschoß.
+Und wenn ich dann vom Unbill dieser Welt
+Nichts mehr zu fürchten habe, spült zuletzt
+Mein bleiches Gebein dem Ufer zu,
+Dass eine fromme Seele mir das Grab
+Auf heim'schem Boden wohlgesinnt bereite.
+
+(Mit einigen Schritten.)
+
+Wohlan denn!
+
+(Hält inne.) Will mein Fuß nicht mehr gehorchen?
+Was fesselt meinen Schritt, was hält mich hier?
+Unsel'ge Liebe zum unwürd'gen Leben!
+Du führest mich zum harten Kampf zurück.
+Verbannung, Tod, Entwürdigung umschließen
+Mich fest und ängsten mich einander zu.
+Und wie ich mich von einem schaudernd wende,
+So grinst das andre mir mit Höllenblick.
+Ist denn kein menschlich, ist kein göttlich Mittel,
+Von tausendfacher Qual mich zu befreien?
+O dass ein einzig ahnungsvolles Wort
+Zufällig aus der Menge mir ertönte!
+O dass ein Friedensvogel mir vorbei
+Mit leisem Fittich leitend sich bewegte!
+Gern will ich hin, wohin das Schicksal ruft;
+Es deute nur! Und ich will gläubig folgen.
+Es winke nur! Ich will dem heil'gen Winke,
+Vertrauend, hoffend, ungesäumt mich fügen.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+Eugenie. Mönch.
+
+Eugenie (die eine Zeitlang vor sich hingesehen, indem
+sie die Augen aufhebt und den Mönch erblickt).
+Ich darf nicht zweifeln, ja! Ich bin gerettet!
+Ja! Dieser ist's, der mich bestimmen soll.
+Gesendet auf mein Flehn, erscheint er mir,
+Der Würdige, Bejahrte, dem das Herz
+Beim ersten Blick vertraut entgegen flieht.
+
+(Ihm entgegen gehend.)
+
+Mein Vater! Lass den ach! Mir nun versagten,
+Verkümmerten, verbotnen Vaternamen
+Auf dich, den edlen Fremden, übertragen.
+Mit wenig Worten höre meine Not.
+Nicht als dem weisen, wohl bedächt'gen Mann,
+Dem Gott begabten Greise leg' ich sie
+Mit schmerzlichem Vertraun dir an die Brust.
+
+Mönch.
+Was dich bedrängt, eröffne freien Mutes.
+Nicht ohne Schickung trifft der Leidende
+Mit dem zusammen, der als höchste Pflicht
+Die Linderung der Leiden üben soll.
+
+Eugenie.
+Ein Rästel statt der Klagen wirst du hören,
+Und ein Orakel fordr' ich, keinen Rat.
+Zu zwei verhassten Zielen liegen mir
+Zwei Wege vor den Füßen, einer dorthin,
+Hierhin der andre; welchen soll ich wählen?
+
+Mönch.
+Du führst mich in Versuchung! Soll ich nur
+Als Los entscheiden?
+
+Eugenie.
+Als ein heilig Los.
+
+Mönch.
+Begreif' ich dich, so hebt aus tiefer Not
+Zu höhern Regionen sich dein Blick.
+Erstorben ist im Herzen eigner Wille,
+Entscheidung hoffst du dir vom Waltenden.
+Ja wohl! Das ewig Wirkende bewegt,
+Uns unbegreiflich, dieses oder jenes
+Als wie von ungefähr zu unserm Wohl,
+Zum Rate, zur Entscheidung, zum Vollbringen,
+Und wie getragen werden wir ans Ziel.
+Dies zu empfinden, ist das höchste Glück,
+Es nicht zu fordern, ist bescheidne Pflicht,
+Es zu erwarten, schöner Trost im Leiden.
+O wär' ich doch gewürdigt, nun für dich,
+Was dir am besten frommte, vorzufühlen!
+Allein die Ahnung schweigt in meiner Brust,
+Und kannst du mehr nicht mir vertraun, so nimm
+Ein fruchtlos Mitleid hin zum Lebewohl.
+
+Eugenie.
+Schiffbrüchig fass' ich noch die letzte Planke!
+Dich halt' ich fest und sage wider Willen
+Zum letzten Mal das hoffnungslose Wort:
+Aus hohem Haus entsprossen, werd' ich nun
+Verstoßen, übers Meer verbannt und könnte
+Mich durch ein Ehebündnis retten, das
+ZU niedren Sphären mich herunterzieht.
+Was sagt nun dir das Herz? Verstummt es noch?
+
+Mönch.
+Es schweige, bis der prüfende Verstand
+Sich als ohnmächtig selbst bekennen muss.
+Du hast nur Allgemeines mir vertraut,
+Ich kann dir nur das Allgemeine raten.
+Bist du zur Wahl genötigt unter zwei
+Verhassten Übeln, fasse sie ins Auge
+Und wähle, was dir noch den meisten Raum
+Zu heil'gem Tun und wirken übrig lässt,
+Was deinen Geist am wenigsten begrenzt,
+Am wenigsten die frommen Taten fesselt.
+
+Eugenie.
+Die Ehe, merk' ich, rätst du mir nicht an.
+
+Mönch.
+Nicht eine solche, wie sie dich bedroht.
+Wie kann der Priester segnen, wenn das Ja
+Der holden Braut nicht aus dem Herzen quillt.
+Er soll nicht Widerwärt'ges aneinander
+Zu immer neu erzeugtem Streite ketten;
+Den Wunsch der Liebe, die zum All das Eine,
+Zum Ewigen das Gegenwärtige,
+Das Flüchtige zum Dauernden erhebt,
+Den zu erfüllen, ist kein göttlich Amt.
+
+Eugenie.
+Ins Elend übers Meer verbannst du mich.
+
+Mönch.
+Zum Troste jener drüben ziehe hin.
+
+Eugenie.
+Wie soll' ich trösten, wenn ich selbst verzweifle?
+
+Mönch.
+Ein reines Herz, wovon dein Blick mir zeugt,
+Ein edler Mut, ein hoher, freier Sinn
+Erhaltne dich und andre, wo du auch
+Auf dieser Erde wandelst. Wenn du nun,
+In frühen Jahren ohne Schuld verbannt,
+Durch heil'ge Fügung fremde Fehler büßest,
+So führst du wie ein überirdisch Wesen,
+Der Unschuld Glück und Wunderkräfte mit.
+So ziehe denn hinüber! Trete frisch
+In jenen Kreis der Traurigen. Erheitre
+Durch dein Erscheinen jene trübe Welt.
+Durch mächt'ges Wort, durch kräft'ge Tat errege
+Der tief gebeugten Herzen eigne Kraft;
+Vereine die Zerstreuten um dich her,
+Verbinde sie einander, alle dir;
+Erschaffe, was du hier verliern sollst,
+Dir Stamm und Vaterland und Fürstentum.
+
+Eugenie.
+Getraust du zu tun, was du gebietest?
+
+Mönch.
+Ich tat's!--Als jungen Mann entführte schon
+Zu wilden Stämmen mich der Geist hinüber.
+Ins rohe Leben bracht' ich milde Sitte,
+Ich brachte Himmelshoffnung in den Tod.
+O hätt' ich nicht, verführt von treuer Neigung,
+Dem Vaterland zu nützen, mich zurück
+Zu dieser Wildnis frechen Städtelebens,
+Zu diesem Wust verfeinerter Verbrechen,
+Zu diesem Pfuhl der Selbstigkeit gewendet!
+Hier fesselt mich des Alters Unvermögen,
+Gewohnheit, Pflichten; ein Geschick vielleicht,
+Das mir die schwerste Prüfung spät bestimmt.
+Du aber, jung, von allen Banden frei,
+Gestoßen in das Weite, dringe vor
+Und rette dich! Was du als Elend fühlst,
+Verwandelt sich in Wohltat! Eile fort!
+
+Eugenie.
+Eröffne klarer! Was befürchtest du?
+
+Mönch.
+Im Dunklen drängt das Künft'ge sich heran,
+Das künftig Nächste selbst erscheinet nicht
+Dem offnen Blick der Sinne, des Verstands.
+Wenn ich beim Sonnenschein durch diese Straßen
+Bewundernd wandle, der Gebäude Pracht,
+Die felsengleich getürmten Massen schaue,
+Der Plätze Kreis, der Kirchen edlen Bau,
+Des Hafens masterfüllten Raum betrachte;
+Das scheint mir alles für die Ewigkeit
+Gegründet und geordnet; diese Menge
+Gewerksam Tätiger, die hin und her
+In diesen Räumen wogt, auch die verspricht,
+Sich unvertilgbar ewig herzustellen.
+Allein wenn dieses große Bild bei Nacht
+In meines Geistes Tiefen sich erneut,
+Da stürmt ein Brausen durch die düstre Luft,
+Der feste Boden wankt, die Türme schwanken,
+Gefugte Steine lösen sich herab,
+Und so zerfällt in ungeformten Schutt
+Die Prachterscheinung. Wenig Lebendes
+Durchklimmt bekümmert neu entstanden Hügel,
+Und jeder Trümmer deutet auf ein Grab.
+Das Element zu bändigen, vermag
+Ein tief gebeugt, vermindert Volk nicht mehr,
+Und rastlos wiederkehrend, füllt die Flut
+Mit Sand und Schlamm des Hafens Becken aus,
+
+Eugenie,
+Die Nacht entwaffnet erst den Menschen, dann
+Bekämpft sie ihn mit nichtigem Gebild.
+
+Mönch.
+Ach! Bald genug steigt über unsern Jammer
+Der Sonne trüb gedämpfter Blick heran.
+Du aber fliehe, die ein guter Geist
+Verbannend segnete. Leb' wohl und eile!
+
+
+
+Achter Auftritt
+Eugenie (allein).
+
+Vom eignen Elend leitet man mich ab,
+Und fremden Jammer prophezeit man mir.
+Doch wär' es fremd, was deinem Vaterland
+Begegnen soll? Dies fällt mit neuer Schwere
+Mir auf die Brust! Zum gegenwärt'gen Übel
+Soll ich der Zukunft Geistesbürden tragen?
+So ist's denn wahr, was in der Kindheit schon
+Mir um das Ohr geklungen, was ich erst
+Erhorcht, erfragt und nun zuletzt sogar
+Aus meines Vaters, meines Königs Mund
+Vernehmen musste! Diesem Reiche droht
+Ein jäher Umsturz. Die zum großen Leben
+Gefugten Elemente wollen sich
+Nicht wechselseitig mehr mit Liebeskraft
+Zu stets erneuter Einigkeit umfangen.
+Sie fliehen sich, und einzeln tritt nun jedes
+Kalt in sich selbst zurück. Wo blieb der Ahnherrn
+Gewalt'ger Geist, der sie zu einem Zweck
+Vereinigte, die feindlich kämpfenden?
+Der diesem großen Volk als Führer sich,
+Als König und als Vater dargestellt?
+Er ist entschwunden! Was uns übrig bleibt,
+Ist ein Gespenst, das mit vergebnem Streben
+Verlorenen Besitz zu greifen wähnt.
+Und solche Sorge nähm' ich mit hinüber?
+Entzöge mich gemeinsamer Gefahr?
+Entflöhe der Gelegenheit, mich kühn
+Der hohen Ahnen würdig zu beweisen,
+Und jeden, der mich ungerecht verletzt,
+In böser Stunde hilfreich zu beschämen?
+Nun bist du, Boden meines Vaterlands,
+Mir erst ein Heiligtum, nun fühl' ich erst
+Den dringenden Beruf, mich anzuklammern.
+Ich lasse dich nicht los, und welches Band
+Mich dir erhalten kann, es ist nun heilig.
+Wo find' ich jenen gut gesinnten Mann,
+Der mir die Hand so traulich angeboten?
+An ihn will ich mich schließen! Im Verborgnen
+Verwahr' er mich, als reinen Talisman.
+Denn, wenn ein Wunder auf der Welt geschieht,
+Geschieht's durch liebevolle, treue Herzen.
+Die Größe der Gefahr betracht' ich nicht,
+Und meine Schwäche darf ich nicht bedenken;
+Das alles wird ein günstiges Geschick
+Zu rechter Zeit auf hohe Zwecke leiten.
+Und wenn mein Vater, mein Monarch mich einst
+Verkannt, verstoßen, mich vergessen, soll
+Erstaunt ihr Blick auf der Erhaltnen ruhn,
+Die das, was sie im Glücke zugesagt,
+Aus tiefem Elend zu erfüllen strebt.
+Er kommt! Ich seh' ihm freundiger entgegen,
+Als ich ihn ließ. Er kommt. Er sucht mich auf!
+Zu scheiden denkt er--bleiben werd' ich ihm.
+
+
+
+Neunter Auftritt
+Eugenie. Gerichtsrat. Ein Knabe mit einem schönen Kästchen.
+
+Gerichtsrat.
+Schon ziehn die Schiffe nacheinander fort,
+Und bald, so fürcht' ich, wirst auch du berufen.
+Empfange noch ein herzlich Lebewohl
+Und eine frische Gabe, die auf langer Fahrt
+Beklommnen Reisenden Erquickung atmet.
+Gedenke mein! O dass du meiner nicht
+Am bösen Tage sehnsuchtsvoll gedenkest!
+
+Eugenie.
+Ich nehme dein Geschenk mit Freuden an,
+Es bürgt mir deine Neigung, deine Sorgfalt;
+Doch send' es eilig in dein Haus zurück!
+Und wenn du denkst, wie du gedacht, empfindest,
+Wie du empfunden, wenn dir meine Freundschaft
+Genügen kann, so folg' ich dir dahin.
+
+Gerichtsrat (nach einer Pause, den Knaben durch einen Wink entfernend).
+Ist's möglich? Hätte sich zu meiner Gunst
+In kurzer Zeit dein Wille so verändert?
+
+Eugenie.
+Er ist verändert! Aber denke nicht,
+Dass Bangigkeit mich dir entgegen treibe.
+Ein edleres Gefühl, lass mich's verbergen!
+Hält mich am Vaterland, an dir zurück.
+Nun sei's gefragt: Vermagst du hohen Muts
+Entsagung der Entsagenden zu weihen?
+Vermagst du zu versprechen, mich als Bruder
+Mit reiner Neigung zu empfangen? Mir,
+Der liebevollen Schwester, Schutz und Rat
+Und stille Lebensfreude zu gewähren?
+
+Gerichtsrat.
+Zu tragen glaub' ich alles, nur das eine,
+Dich zu verlieren, da ich dich gefunden,
+Erscheint mir unerträglich. Dich zu sehen,
+Dir nah zu sein, für dich zu leben, wäre
+Mein einzig höchstes Glück. Und so bedinge
+Dein Herz allein das Bündnis, das wir schließen.
+
+Eugenie.
+Von dir allein gekannt, muss ich fortan,
+Die Welt vermeidend, im Verborgnen leben.
+Besitzest du ein still entferntes Landgut,
+So widm' es mir und sende mich dahin.
+
+Gerichtsrat.
+Ein kleines Gut besitz' ich, wohl gelegen;
+Doch alt und halb verfallen ist das Haus.
+Du kannst jedoch in jener Gegend bald
+Die schönste Wohnung finden, sie ist feil.
+
+Eugenie.
+Nein! In das alt verfallne lass mich ziehn,
+Zu meiner Lager stimmt es, meinem Sinn.
+Und wenn er sich erheitert, find' ich gleich
+Der Tätigkeit bereiten Stoff und Raum.
+Sobald ich mich die deine nenne, lass,
+Von irgend einem alten zuverläss'gen Knecht
+Begleitet, mich in Hoffnung einer künft'gen
+Beglückung Auferstehung mich begraben.
+
+Gerichtsrat.
+Und zum besuch, wann darf ich dort erscheinen?
+
+Eugenie.
+Du wartest meinen Ruf geduldig ab.
+Auch solch ein Tag wird kommen, uns vielleicht
+Mit ernsten Banden enger zu verbinden.
+
+Gerichtsrat.
+Du legest mir zu schwere Prüfung auf.
+
+Eugenie.
+Erfülle deine Pflichten gegen mich;
+Dass ich die meinen kenne, sei gewiss.
+Indem du, mich zu retten, deine Hand
+Mir bietest, wagst du viel. Werd' ich entdeckt,
+Werd' ich's zu früh, so kannst du vieles dulden.
+Ich sage dir das tiefste Schweigen zu;
+Woher ich komme, niemand soll's erfahren,
+Ja, die entfernten Leiben will ich nur
+Im Geist besuchen, keine Zeile soll,
+Kein Bote dort mich nennen, wo vielleicht
+Zu meinem Heil ein Funke glühen möchte.
+
+Gerichtsrat.
+In diesem wicht'gen Fall, was soll ich sagen?
+Uneigennütz'ge Liebe kann der Mund
+Mit Frechheit oft beteuern, wenn im Herzen
+Der Selbstsucht Ungeheuer lauschend grinst.
+Die Tat allein beweist der Liebe Kraft.
+Indem ich dich gewinne, soll ich allem
+Entsagen, deinem Blick sogar! Ich will's.
+Wie du zum ersten Male mir erschienen,
+Erscheinst du bleibend mir, ein Gegenstand
+Der Neigung, der Verehrung. Deinetwillen
+Wünsch' ich zu leben, du gebietest mir.
+Und wenn der Priester sich sein Leben lang
+Der unsichtbaren Gottheit niederbeugt,
+Die im beglückten Augenblick vor ihm
+Als höchstes Musterbild vorüberging,
+So soll von deinem Dienste mich fortan,
+Wie du dich auch verhüllest, nichts zerstreun.
+
+Eugenie.
+Ob ich vertraue, dass dein Äußres nicht,
+Nicht deiner Worte Wohllaut lügen kann;
+Dass ich empfinde, welch ein Mann du bist,
+Gerecht, gefühlvoll, tätig, zuverlässig,
+Davon empfange den Beweis, den höchsten,
+Den eine Frau besonnen geben kann!
+Ich zaudre nicht, ich eile, dir zu folgen!
+Hier meine Hand; wir gehen zum Altar.
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NATUERLICHE TOCHTER***
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+An alternative method of locating eBooks:
+https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
+
+*** END: FULL LICENSE ***
diff --git a/old/10426-8.zip b/old/10426-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..5c51abf
--- /dev/null
+++ b/old/10426-8.zip
Binary files differ
diff --git a/old/10426.txt b/old/10426.txt
new file mode 100644
index 0000000..ea70900
--- /dev/null
+++ b/old/10426.txt
@@ -0,0 +1,4871 @@
+The Project Gutenberg eBook, Die natuerliche Tochter, by Johann Wolfgang
+von Goethe
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+
+
+
+Title: Die natuerliche Tochter
+
+Author: Johann Wolfgang von Goethe
+
+Release Date: December 9, 2003 [eBook #10426]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NATUERLICHE TOCHTER***
+
+
+E-text prepared by Andrew Sly
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 7-bit version.
+
+
+
+
+
+Die natuerliche Tochter
+
+Trauerspiel
+
+Johann Wolfgang von Goethe
+
+
+
+
+
+
+
+Personen
+
+Koenig.
+Herzog.
+Graf.
+Eugenie.
+Hofmeisterin.
+Sekretaer.
+Weltgeistlicher.
+Gerichtsrat.
+Gouverneur.
+Aebtissin.
+Moench.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+(Dichter Wald.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Koenig. Herzog.
+
+Koenig.
+Das fluecht'ge Ziel, das Hunde, Ross und Mann,
+Auf seine Faehrte bannend, nach sich reisst,
+Der edle Hirsch, hat ueber Berg und Tal
+So weit uns irr' gefuehrt, dass ich mich selbst,
+Obgleich so landeskundig, hier nicht finde.
+Wo sind wir, Oheim? Herzog, sage mir,
+Zu welchen Huegeln schweiften wir heran?
+
+Herzog.
+Der Bach, der uns umrauscht, mein Koenig, fliesst
+Durch deines Dieners Fluren, die er deiner
+Und einer Ahnherrn koeniglicher Gnade,
+Als erster Lehnsmann deines Reiches, dankt.
+An jenes Felsens andrer Seite liegt
+Am gruenen Hang ein artig Haus versteckt,
+Dich zu bewirten keineswegs gebaut;
+Allein bereit, dich huld'gend zu empfangen.
+
+Koenig.
+Lass dieser Baeume hochgewoelbtes Dach
+Zum Augenblick des Rastens freundlich schatten.
+Lass dieser Luefte liebliches Geweb'
+Uns leis umstricken, dass an Sturm und Streben
+Der Jagdlust auch der Ruhe Zeit sich fuege.
+
+Herzog.
+Wie du auf einmal voellig abgeschieden
+Hier hinter diesem Bollwerk der Natur,
+Mein Koenig, dich empfindest, fuehl' ich mit.
+Hier draenget sich der Unzufriednen Stimme,
+Der Unverschaemten offne Hand nicht nach.
+Freiwillig einsam merkest du nicht auf,
+Ob Undankbare schleichend sich entfernen.
+Die ungestueme Welt reicht nicht hierher,
+Die immer fordert, nimmer leisten will.
+
+Koenig.
+Soll ich vergessen, was mich sonst bedraengt,
+So muss kein Wort erinnernd mich beruehren.
+Entfernten Weltgetoeses Widerhall
+Verklinge nach und nach aus meinem Ohr.
+Ja, lieber Oheim, wende dein Gespraech
+Auf Gegenstaende diesem Ort gemaesser.
+Hier sollen Gatten aneinander wandeln,
+Ihr Stufenglueck in wohlgeratnen Kindern
+Entzueckt betrachten; hier ein Freund dem Freunde,
+Verschlossnen Busen traulich oeffnend, nahn.
+Und gabst du nicht erst neulich stille Winke,
+Du hofftest mir in ruh'gen Augenblicken
+Verborgenes Verhaeltnis zu bekennen,
+Drangvoller Wuensche holden Inbegriff,
+Erfuellung hoffend, heiter zu gestehn?
+
+Herzog.
+Mit groessrer Gnade konntest du mich nicht,
+O Herr, begluecken, als indem du mir
+In diesem Augenblick die Zunge loesest.
+Was ich zu sagen habe, koennt' es wohl
+Ein andrer besser hoeren als mein Koenig,
+Dem unter allen Schaetzen seine Kinder
+Am herrlichsten entgegenleuchten, der
+Vollkommner Vaterfreuden Hochgenuss
+Mit seinem Knechte herzlich teilen wird?
+
+Koenig.
+Du sprichst von Vaterfreuden! Hast du je
+Sie denn gefuehlt? Verkuemmerte dir nicht
+Dein einz'ger Sohn durch rohes, wildes Wesen,
+Verworrenheit, Verschwendung, starren Trutz
+Dein reiches Leben, dein erwuenschtes Alter?
+Veraendert er auf einmal die Natur?
+
+Herzog.
+Von ihm erwart' ich keine frohen Tage!
+Sein trueber Sinn erzeugt nur Wolken, die,
+Ach, meinen Horizont so oft verfinstern.
+Ein anderes Gestirn, ein andres Licht
+Erheitert mich. Und wie in dunklen Grueften,
+Das Maerchen sagt's, Karfunkelsteine leuchten,
+Mit herrlich mildem Schein der oeden Nacht
+Geheimnisvolle Schauer hold beleben,
+So ward auch mir ein Wundergut beschert,
+Mir Gluecklichem! Das ich mit Sorgfalt, mehr
+Als den Besitz ererbt errungner Gueter,
+Als meiner Augen, meines Lebens Licht,
+Mit Freud' und Furcht, mit Lust und Sorge pflege.
+
+Koenig.
+Sprich vom Geheimnis nicht geheimnisvoll.
+
+Herzog.
+Wer spraeche vor der Majestaet getrost
+Von seinen Fehlern, wenn sie nicht allein
+Den Fehl in Recht und Glueck verwandeln koennte.
+
+Koenig.
+Der wonnevoll geheim verwahrte Schatz?
+
+Herzog.
+Ist eine Tochter.
+
+Koenig.
+ Eine Tochter? Wie?
+Und suchte, Fabelgoettern gleich, mein Oheim,
+Zum niedern Kreis verstohlen hingewandt,
+Sich Liebesglueck und vaeterlich Entzuecken?
+
+Herzog.
+Das Grosse wie das Niedre noetigt uns,
+Geheimnisvoll zu handeln und zu wirken.
+Nur allzu hoch stand jene heimlich mir
+Durch wundersam Geschick verbundne Frau,
+Um welche noch dien Hof in Trauer wandelt
+Und meiner Brust geheime Schmerzen teilt.
+
+Koenig.
+Die Fuerstin? Die verehrte, nah verwandte,
+Nur erst verstorbne?
+
+Herzog.
+ War die Mutter! Lass,
+O lass mich nur von diesem Kinde reden,
+Das, seiner Eltern wert und immer werter,
+Mit edlem Sinne sich des Lebens freut.
+Begraben sei das uebrige mit ihr,
+Der hoch begabten, hoch gesinnten Frauen.
+Ihr Tod eroeffnet mir den Mund, ich darf
+vor meinem Koenig meine Tochter nennen,
+Ich darf ihn bitten, sie zu mir herauf,
+Zu sich herauf zu heben, ihr das Recht
+Der fuerstlichen Geburt vor seinem Hofe,
+Vor seinem Reiche, vor der ganzen Welt
+Aus seiner Gnadenfuelle zu bewaehren.
+
+Koenig.
+Vereint in sich die Nichte, die du mir,
+So ganz erwachsen, zuzufuehren denkst,
+Des Vaters und der Mutter Tugenden:
+So muss der Hof, das koenigliche Haus,
+Indem uns ein Gestirn entzogen wird,
+Den Aufgang eines neuen Sterns bewundern.
+
+Herzog.
+O kenne sie, eh' du zu ihrem Vorteil
+Dich ganz entscheidest. Lass ein Vaterwort
+Dich nicht bestechen! Manches hat Natur
+Fuer sie getan, das ich entzueckt betrachte,
+Und alles, was in meinem Kreise webt,
+Hab' ich um ihre Kindheit hergelagert.
+Schon ihren ersten Weg geleiteten
+Ein ausgebildet Weib, ein weiser Mann.
+Mit welcher Leichtigkeit, mit welchem Sinn
+Erfreut sie sich des Gegenwaertigen,
+Indes ihr Phantasie das kuenft'ge Glueck
+Mit schmeichelhaften Dichterfarben malt.
+An ihrem Vater haengt ihr frommes Herz,
+Und wenn ihr Geist den Lehren edler Maenner,
+Sich stufenweis entwickelnd, friedlich horcht:
+So mangelt Uebung ritterlicher Tugend
+Dem wohl gebauten, festen Koerper nicht.
+Du selbst, mein Koenig, hast sie unbekannt
+Im wilden drang der Jagd um dich gesehn.
+Ja, heute noch! Die Amazonentochter,
+Die in den Fluss dem Hirsche sich zuerst
+Auf raschem Pferde fluechtig nachgestuerzt.
+
+Koenig.
+Wir sorgten alle fuer das edle Kind!
+Ich freue mich, sie mir verwandt zu hoeren.
+
+Herzog.
+Und nicht zum ersten Mal empfand ich heute,
+Wie Stolz und Sorge, Vaterglueck und Angst
+Zu uebermenschlichem Gefuehl sich mischen.
+
+Koenig.
+Gewaltsam und behaende riss das Pferd
+Sich und die Reiterin auf jenes Ufer,
+In dicht bewachsner Huegel Dunkelheit.
+Und so verschwand sie mir.
+
+Herzog.
+ Noch einmal hat
+Mein Auge sie gesehen, eh' ich sie
+Im Labyrinth der hast'gen Jagd verlor.
+Wer weiss, welch ferne Gegend sie durchstreift,
+Verdrossnen Muts, am Ziel sich nicht zu finden,
+Wo, ihrem angebeteten Monarchen sich
+In ehrerbietiger Entfernung anzunaehern,
+Allein ihr jetzt erlaubt ist, bis er sie
+Als Bluete seines hoch bejahrten Stammes
+Mit koeniglicher Huld zu gruessen wuerdigt.
+
+Koenig.
+Welch ein Getuemmel seh' ich dort entstehn?
+Welch einen Zulauf nach den Felsenwaenden?
+
+(Er winkt nach der Szene.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Vorigen. Graf.
+
+Koenig.
+Warum versammelt sich die Menge dort?
+
+Graf.
+Die kuehne Reiterin ist eben jetzt
+Von jener Felsenwand herabgestuerzt.
+
+Herzog.
+Gott!
+
+Koenig.
+ Ist sie sehr beschaedigt?
+
+Graf.
+ Eilig hat
+Man deinen Wundarzt, Herr, dahin gerufen.
+
+Herzog.
+Was zaudr' ich? Ist sie tot, so bleibt mir nichts,
+Was mich im Leben laenger halten kann.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Koenig. Graf.
+
+Koenig.
+Kennst du den Anlass der Begebenheit?
+
+Graf.
+Vor meinen Augen hat sie sich ereignet.
+Ein starker Trupp von Reitern, welcher sich
+Durch Zufall von der Jagd getrennt gesehn,
+Gefuehrt von dieser Schoenen, zeigte sich
+Auf jener Klippen Wald bewachsner Hoehe.
+Sie hoeren, sehen unten in dem Tal
+Den Jagdgebrauch vollendet, sehn den Hirsch
+Als Beute liegen seiner klaeffenden
+Verfolger. Schnell zerstreuet sich die Schar,
+Und jeder sucht sich einzeln seinen Pfad,
+Hier oder dort, mehr oder weniger
+Durch einen Umweg. Sie allein besinnt
+Sich keinen Augenblick und noetiget
+Ihr Pferd von Klipp' zu Klippe grad' herein.
+Des Frevels Glueck betrachten wir erstaunt;
+Denn ihr gelingt es eine Weile, doch
+Am untern stielen Abhang gehen dem Pferde
+Die letzten, schmalen Klippenstufen aus,
+Es stuerzt herunter, sie mit ihm. So viel
+Konnt' ich bemerken, eh' der Menge Drang
+Sie mir verdeckte. Doch ich hoerte bald
+Nach deinem Arzte rufen. So erschein' ich nun
+Auf deinen Wink, den Vorfall zu berichten.
+
+Koenig.
+O moege sie ihm bleiben! Fuerchterlich
+Ist einer, der nichts zu verlieren hat.
+
+Graf.
+So hat ihm dieser Schrecken das Geheimnis
+Auf einmal abgezwungen, das er sonst
+Mit so viel Klugheit zu verbergen strebte?
+
+Koenig.
+Er hatte schon sich voellig mir vertraut.
+
+Graf.
+Die Lippen oeffnet ihm der Fuerstin Tod,
+Nun zu bekennen, was fuer Hof und Stadt
+Ein offenbar Geheimnis lange war.
+Es ist ein eigner, grillenhafter Zug,
+Dass wir durch Schweigen das Geschehene
+Fuer uns und andre zu vernichten glauben.
+
+Koenig.
+O lass dem Menschen diesen edlen Stolz!
+Gar vieles kann, gar vieles muss geschehn,
+Was man mit Worten nicht bekennen darf.
+
+Graf.
+Man bringt sie, fuercht' ich, ohne Leben her!
+
+Koenig.
+Welch unerwartet schreckliches Ereignis!
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Die Vorigen. Eugenie, auf zusammen geflochtenen Aesten fuer tot
+herein getragen. Herzog. Wundarzt. Gefolge.
+
+Herzog (zum Wundarzt).
+Wenn deine Kunst nur irgend was vermag,
+Erfahrner Mann, dem unsres Koenigs Leben,
+Das unschaetzbare Gut, vertraut ist, lass
+Ihr helles Auge sich noch einmal oeffnen,
+Dass Hoffnung mir in diesem Blick erscheine!
+Dass aus der Tiefe meines Jammers ich
+Nur Augenblicke noch gerettet werde!
+Vermagst du dann nichts weiter, kannst du sie
+Nur wenige Minuten mir erhalten:
+So lasst mich eilen, vor ihr hinzusterben,
+Dass ich im Augenblick des Todes noch
+Getroestet rufe: Meine Tochter lebt!
+
+Koenig.
+Entferne dich, mein Oheim! Dass ich hier
+Die Vaterpflichten treulich uebernehme.
+Nichts unversucht laesst dieser wackre Mann.
+Gewissenhaft, als laeg' ich selber hier,
+Wird er um deine Tochter sich bemuehen.
+
+Herzog.
+Sie regt sich!
+
+Koenig.
+ Ist es wahr?
+
+Graf.
+ Sie regt sich!
+
+Herzog.
+ Starr
+Blickt sie zum Himmel, blickt verirrt umher.
+Sie lebt! Sie lebt!
+
+Koenig (ein wenig zuruecktretend).
+ Verdoppelt eure Sorge!
+
+Herzog.
+Sie lebt! Sie lebt! Sie hat dem Tage wieder
+Ihr Aug' eroeffnet. Ja! Sie wird nun bald
+Auch ihren Vater, ihre Freunde kennen.
+Nicht so umher, mein liebes Kind, verschwende
+Die Blicke staunend, ungewiss; auf mich,
+Auf deinen Vater wende sie zuerst.
+Erkenne mich, lass meine Stimme dir
+Zuerst das Ohr beruehren, da du uns
+Aus jener stummen Nacht zurueckekehrst.
+
+Eugenie (die indes nach und nach zu sich gekommen ist und sich
+aufgerichtet hat).
+Was ist aus uns geworden?
+
+Herzog.
+ Kenne mich
+Nur erst!--Erkennst du mich?
+
+Eugenie.
+ Mein Vater!
+
+Herzog.
+ Ja!
+Dein Vater, den mit diesen holden Toenen
+Du aus den Armen der Verzweiflung rettest.
+
+Eugenie.
+Wer bracht' uns unter diese Baeume?
+
+Herzog (dem der Wundarzt ein weisses Tuch gegeben).
+ Bleib
+Gelassen, meine Tochter! Diese Staerkung,
+Nimm sie mit Ruhe, mit Vertrauen an!
+
+Eugenie (Sie nimmt dem Vater das Tuch ab, das er ihr vorgehalten,
+und verbirgt ihr Gesicht darin. Dann steht sie schnell auf, indem
+sie das Tuch vom Gesicht nimmt).
+Da bin ich wieder!--Ja, nun weiss ich alles.
+Dort oben hielt ich, dort vermass ich mich
+Herab zu reiten, grad' herab. Verzeih!
+Nicht wahr, ich bin gestuerzt? Vergibst du mir's?
+Fuer tot hob man mich auf? Mein guter Vater!
+Und wirst du die Verwegne lieben koennen,
+Die solche bittre Schmerzen dir gebracht?
+
+Herzog.
+Zu wissen glaubt' ich, welch ein edler Schatz
+In dir, o Tochter, mir beschieden ist;
+Nun steigert mir gefuerchteter Verlust
+Des Gluecks Empfindung ins Unendliche.
+
+Koenig (der sich bisher im Grunde mit dem Wundarzt und dem Grafen
+unterhalten, zu dem letzten).
+Entferne jedermann! Ich will sie sprechen.
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+Koenig. Herzog. Eugenie.
+
+Koenig (naeher tretend).
+Hat sich die wackre Reiterin erholt?
+Hast sie sich nicht beschaedigt?
+
+Herzog.
+ Nein, mein Koenig!
+Und was noch uebrig ist von Schreck und Weh,
+Nimmst du, o Herr, durch deinen milden Blick,
+Durch deiner Worte sanften Ton hinweg.
+
+Koenig.
+Und wem gehoert es an, das liebe Kind?
+
+Herzog (nach einer Pause).
+Da du mich fragst, so darf ich dir bekennen;
+Da du gebietest, darf ich sie vor dich
+Als meine Tochter stellen.
+
+Koenig.
+ Deine Tochter?
+So hat fuer dich das Glueck, mein lieber Oheim,
+Unendlich mehr als das Gesetz getan.
+
+Eugenie.
+Wohl muss ich fragen, ob ich wirklich denn
+Aus jener toedlichen Betaeubung mich
+Ins Leben wieder aufgerafft? Und ob,
+Was mir begegnet, nicht ein Traumbild sei?
+Mein Vater nennt vor seinem Koenige
+Mich seine Tochter. O, so bin ich's auch!
+Der Oheim eines Koeniges bekennt
+Mich fuer sein Kind, so bin ich denn die Nichte
+Des grossen Koenigs. O verzeihe mir
+Die Majestaet! Wenn aus geheimnisvollem,
+Verborgnem Zustand ich, ans Licht auf einmal
+Hervor gerissen und geblendet, mich,
+Unsicher, schwankend, nicht zu fassen weiss.
+
+(Sie wirft sich vor dem Koenig nieder.)
+
+Koenig.
+Mag diese Stellung die Ergebenheit
+In dein Geschick von Jugend auf bezeichnen,
+Die Demut, deren unbequeme Pflicht
+Du, deiner hoeheren Geburt bewusst,
+So manches Jahr im Stillen ausgeuebt!
+Doch sei auch nun, wenn ich von meinen Fuessen
+Zu meinem Herzen dich herauf gehoben,
+
+(Er hebt sie auf und drueckt sie sanft an sich.)
+
+Wenn ich des Oheims heil'gen Vaterkuss
+Auf dieser Stirne schoenen Raum gedrueckt,
+So sei dies auch ein Zeichen, sei ein Siegel,
+Dich, die Verwandte, hab' ich anerkannt
+Und werde bald, was hier geheim geschah,
+Vor meines Hofes Augen wiederholen.
+
+Herzog.
+So grosse Gabe fordert ungeteilten
+Und unbegrenzten Dank des ganzen Lebens.
+
+Eugenie.
+Von edlen Maennern hab' ich viel gelernt,
+Auch manches lehrte mich mein eigen Herz;
+Doch meinen Koenig anzureden, bin
+Ich nicht entfernterweise vorbereitet.
+Doch wenn ich schon das ganz Gehoerige
+Dir nicht zu sagen weiss, so moecht' ich doch
+Vor dir, o Herr, nicht ungeschickt verstummen.
+Was fehlte dir? Was waere dir zu bringen?
+Die Fuelle selber, die zu dir sich draengt,
+Fliesst nur fuer andere stroemend wieder fort.
+Hier stehen Tausende, dich zu beschuetzen,
+Hier wirken Tausende nach deinem Wink;
+Und wenn der einzelne dir Herz und Geist
+Und Arm und Leben froehlich opfern wollte;
+In solcher grossen Menge zaehlt er nicht,
+Er muss vor dir und vor sich selbst verschwinden.
+
+Koenig.
+Wenn dir die Menge, gutes, edles Kind,
+Bedeutend scheinen mag, so tadl' ich's nicht;
+Sie ist bedeutend, mehr noch aber sind's
+Die wenigen, geschaffen, dieser Menge
+Durch Wirken, Bilden, Herrschen vorzustehn.
+Berief hierzu den Koenig die Geburt,
+So sind ihm seine naechsten Anverwandten
+Geborne Raete, die, mit ihm vereint,
+Das Reich beschuetzen und begluecken sollten.
+O traete doch in diese Regionen,
+Zum Rate dieser hohen Waechter nie
+Vermummte Zwietracht, leise wirkend, ein!
+Dir, edle Nichte, geb' ich einen Vater
+Durch allgewalt'gen koeniglichen Spruch;
+Erhalte mir nun auch, gewinne mir
+Des nah verwandten Mannes Herz und Stimme!
+Gar viele Widersacher hat ein Fuerst,
+O lass ihn jene Seite nicht verstaerken!
+
+Herzog.
+Mit welchem Vorwurf kraenkest du mein Herz!
+
+Eugenie.
+Wie unverstaendlich sind mir diese Worte!
+
+Koenig.
+O lerne sie nicht allzu frueh verstehn!
+Dir Pforten unsres koeniglichen Hauses
+Eroeffn' ich dir mit eigner Hand; ich fuehre
+Auf glatten Marmorboden dich hinein.
+Noch staunst du dich, noch staunst du alles an,
+Und in den innern Tiefen ahnest du
+Nur sichre Wuerde mit Zufriedenheit.
+Du wirst es anders finden! Ja, du bist
+In eine Zeit gekommen, wo dein Koenig
+Dich nicht zum heitren, frohen Feste ruft,
+Wenn er den Tag, der ihm das Leben gab,
+In kurzem feiern wird; doch soll der Tag
+Um deinetwillen mir willkommen sein;
+Dort werd' ich dich im offnen Kreise sehn,
+Und aller Augen werden auf dir haften.
+Die schoenste Zierde gab dir die Natur;
+Und dass der Schmuck der Fuerstin wuerdig sei,
+Die Sorge lass dem Vater, lass dem Koenig.
+
+Eugenie.
+Der freud'gen Ueberraschung lauter Schrei,
+Bedeutender Gebaerde dringend Streben,
+Vermoechten sie die Wonne zu bezeugen,
+Die du dem Herzen schaffend aufgeregt?
+Zu deinen Fuessen, Herr, lass mich verstummen.
+
+(Sie will knien.)
+
+Koenig (haelt sie ab).
+Du sollst nicht knien.
+
+Eugenie.
+Lass, o lass mich hier
+Der voelligsten Ergebung Glueck geniessen.
+Wenn wir in raschen, mutigen Momenten
+Auf unsern Fuessen stehen, strack und kuehn,
+Als eigner Stuetze froh uns selbst vertraun,
+Dann scheint uns Welt und Himmel zu gehoeren.
+Doch was in Augenblicken der Entzueckung
+Die Knie beugt, ist auch ein suess Gefuehl.
+Und was wir unserm Vater, Koenig, Gott
+Von Wonnedank, von ungemessner Liebe
+Zum reinsten Opfer bringen moechten, drueckt
+In dieser Stellung sich am besten aus.
+
+(Sie faellt vor ihm nieder.)
+
+Herzog (kniet).
+Erneute Huldigung gestatte mir.
+
+Eugenie.
+Zu ewigen Vasallen nimm uns an.
+
+Koenig.
+Erhebt euch denn und stellt euch neben mich,
+Ins Chor der Treuen, die an meiner Seite
+Das Rechte, das Bestaendige beschuetzen.
+O diese Zeit hat fuerchterliche Zeichen:
+Das Niedre schwillt, das Hohe senkt sich nieder,
+Als koennte jeder nur am Platz des andern
+Befriedigung verworrner Wuensche finden,
+Nur dann sich gluecklich fuehlen, wenn nichts mehr
+Zu unterscheiden waere, wenn wir alle,
+Von einem Strom vermischt dahin gerissen,
+Im Ozean uns unbemerkt verloeren.
+O lasst uns widerstehen, lasst uns tapfer,
+Was uns und unser Volk erhalten kann,
+Mit doppelt neu vereinter Kraft erhalten!
+Lasst endlich uns den alten Zwist vergessen,
+Der Grosse gegen Grosse reizt, von innen
+Das Schiff durchbohrt, das, gegen aeussre Wellen
+Geschlossen kaempfend, nur sich halten kann.
+
+Eugenie.
+Welch frisch wohltaet'ger Glanz umleuchtet mich
+Und regt mich auf, anstatt mich zu verblenden!
+Wie! Unser Koenig achtet uns so sehr,
+Um zu gestehen, dass er uns bedarf;
+Wir sind ihm nicht Verwandte nur, wir sind
+Durch sein Vertraun zum hoechsten Platz erhoben.
+Und wenn die Edlen seines Koenigreichs
+Um ihn sich draengen, seine Brust zu schuetzen,
+So fordert er uns auf zu groesserem Dienst.
+Die Herzen dem Regenten zu erhalten,
+Ist jedes Wohlgesinnten hoechste Pflicht;
+Denn, wo er wankt, wankt das gemeine Wesen,
+Und wenn er faellt, mit ihm stuerzt alles hin.
+Die Jugend, sagt man, bilde sich zu viel
+Auf ihre Kraft, auf ihren Willen ein;
+Doch dieser Wille, diese Kraft, auf ewig,
+Was sie vermoegen, dir gehoert es an.
+
+Herzog.
+Des Kindes Zuversicht, erhabner Fuerst,
+Weisst du zu schaetzen, weisst du zu verzeihen.
+Und wenn der Vater, der erfahrne Mann,
+Die Gabe dieses Tags, die naechste Hoffnung
+In ihrem ganzen Werte fuehlt und waegt,
+So bist du seines vollen Danks gewiss.
+
+Koenig.
+Wir wollen bald einander wieder sehn,
+An jenem Fest, wo sich die treuen Meinen
+Der Stunde freun, die mir das Licht gegeben.
+Dich geb' ich, edles Kind, an diesem Tage
+Der grossen Welt, dem Hofe, deinem Vater
+Und mir. Am Throne glaenze dein Geschick.
+Doch bis dahin verlang' ich von euch beiden
+Verschwiegenheit. Was unter uns geschehn,
+Erfahre niemand. Missgunst lauert auf,
+Schnell regt sie Wog' auf Woge, Sturm auf Sturm;
+Das Fahrzeug treibt an jaehe Klippen hin,
+Wo selbst der Steurer nicht zu retten weiss.
+Geheimnis nur verbuerget unsre Taten;
+Ein Vorsatz, mitgeteilt, ist nicht mehr dein;
+Der Zufall spielt mit deinem Willen schon;
+Selbst wer gebieten kann, muss ueberraschen.
+Ja, mit dem besten Willen leisten wir
+So wenig, weil uns tausend Willen kreuzen.
+O waere mir zu meinen reinen Wuenschen
+Auch volle Kraft auf kurze Zeit gegeben;
+Bis an den letzten Herd im Koenigreich
+Empfaende man des Vaters warme Sorge.
+Begnuegte sollten unter niedrem Dach,
+Begnuegte sollten im Palaste wohnen.
+Und haett' ich einmal ihres Gluecks genossen,
+Entsagt' ich gern dem Throne, gern der Welt.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+Herzog. Eugenie.
+
+Eugenie.
+O welch ein selig jubelvoller Tag!
+
+Herzog.
+O moecht' ich Tag' auf Tage so erleben!
+
+Eugenie.
+Wie goettlich hat der Koenig uns beglueckt.
+
+Herzog.
+Geniesse rein so ungehoffte Gaben.
+
+Eugenie.
+Er scheint nicht gluecklich, ach! Und ist so gut.
+
+Herzog.
+Die Guete selbst erregt oft Widerstand.
+
+Eugenie.
+Wer ist so hart, sich ihm zu widersetzen?
+
+Herzog.
+Der Heil des Ganzen von der Strenge hofft.
+
+Eugenie.
+Des Koenigs Milde sollte Milde zeugen.
+
+Herzog.
+Des Koenigs Milde zeugt Verwegenheit.
+
+Eugenie.
+Wie edel hat ihn die Natur gebildet.
+
+Herzog.
+Doch auf zu hohen Platz hinaufgestellt.
+
+Eugenie.
+Und ihn mit so viel Tugend ausgestattet.
+
+Herzog.
+Zur Haeuslichkeit, zum Regimente nicht.
+
+Eugenie.
+Von altem Heldenstamme gruent er auf.
+
+Herzog.
+Die Kraft entgeht vielleicht dem spaeten Zweige.
+
+Eugenie.
+Die Schwaeche zu vertreten, sind wir da.
+
+Herzog.
+Sobald er unsre Staerke nicht verkennt.
+
+Eugenie (nachdenklich).
+Mich leiten seine Reden zum Verdacht.
+
+Herzog.
+Was sinnest du? Enthuelle mir dein Herz.
+
+Eugenie (nach einer Pause).
+Auch du bist unter denen, die er fuerchtet.
+
+Herzog.
+Er fuerchte jene, die zu fuerchten sind.
+
+Eugenie.
+Und sollten ihm geheime Feinde drohen?
+
+Herzog.
+Wer die Gefahr verheimlicht, ist ein Feind.
+Wo sind wir hingeraten! Meine Tochter!
+Wie hat der sonderbarste Zufall uns
+Auf einmal weggerissen nach dem Ziel.
+Unvorbereitet red' ich, uebereilt
+Verwirr' ich dich, anstatt dich aufzuklaeren.
+So musste dir der Jugend heitres Glueck
+Beim ersten Eintritt in die Welt verschwinden.
+Du konntest nicht in suesser Trunkenheit
+Der blendenden Befriedigung geniessen.
+Das Ziel erreichst du; doch des falschen Kranzes
+Verborgne Dornen ritzen deine Hand.
+Geliebtes Kind! So sollt' es nicht geschehn!
+Erst nach und nach, so hofft' ich, wuerdest du
+Dich aus Beschraenkung an die Welt gewoehnen,
+Erst nach und nach den liebsten Hoffnungen
+Entsagen lernen, manchem holden Wunsch.
+Und nun auf einmal, wie der jaehe Sturz
+Dir vorbedeutet, bist du in den Kreis
+Der Sorgen, der Gefahr herabgestuerzt.
+Misstrauen atmet man in dieser Luft,
+Der Neid verhetzt ein fieberhaftes Blut
+Und uebergibt dem Kummer seine Kranken.
+Ach, soll ich nun nicht mehr ins Paradies,
+Das dich umgab, am Abend wieder kehren,
+Zu deiner Unschuld heil'gen Vorgefuehl
+Mich von der Welt gedraengter Posse retten!
+Du wirst fortan, mit mir ins Netz verstrickt,
+Gelaehmt, verworren, dich und mich betrauern.
+
+Eugenie.
+Nicht so, mein Vater! Konnt' ich schon bisher,
+Untaetig, abgesondert, eingeschlossen,
+Ein kindlich Nichts, die reinste Wonne dir,
+Schon in des Daseins Unbedeutenheit
+Erholung, Trost und Lebenslust gewaehren:
+Wie soll die Tochter erst, in dein Geschick
+Verflochten, im Gewebe deines Lebens
+Als heitrer bunter Faden kuenftig glaenzen!
+Ich nehme teil an jeder edlen Tat,
+An jeder grossen Handlung, die den Vater
+Dem Koenig und dem Reiche werter macht.
+Mein frischer Sinn, die jugendliche Lust,
+Die mich belebt, sie teilen dir sich mit,
+Verscheuchen jene Traeume, die der Welt
+Unueberwindlich ungeheure Last
+Auf eine Menschenbrust zerknirschend waelzen.
+Wenn ich dir sonst in trueben Augenblicken
+Ohnmaecht'gen guten Willen, arme Liebe,
+Dir leere Taendeleien kindlich bot;
+Nun hoff' ich, eingeweiht in deine Plaene,
+Bekannt mit deinen Wuenschen, mir das Recht
+Vollbuert'ger Kindschaft ruehmlich zu erwerben.
+
+Herzog.
+Was du bei diesem wicht'gen Schritt verlierst,
+Erscheint dir ohne Wert und ohne Wuerde;
+Was du erwartest, schaetzest du zu sehr.
+
+Eugenie.
+Mit hoch erhabnen, hoch beglueckten Maennern
+Gewalt'ges Ansehn, wuerd'gen Einfluss teilen,
+Fuer edle Seelen reizender Gewinn!
+
+Herzog.
+Gewiss! Vergib, wenn du in dieser Stunde
+Mich schwaecher findest, als dem Manne ziemt.
+Wir tauschten sonderbar die Pflichten um:
+Ich soll dich leiten, und du leitest mich.
+
+Eugenie.
+Wohl denn, mein Vater, tritt mit mir herauf
+In diese Regionen, wo mir eben
+Die neue, heitre Sonne sich erhebt!
+In diesen muntren Stunden laechle nur,
+Wenn ich den Inbegriff von meinen Sorgen
+Dir auch eroeffne.
+
+Herzog.
+ Sage, was es ist.
+
+Eugenie.
+Der wichtigen Momente gibt's im Leben
+Gar manche, die mit Freude, die mit Trauer
+Des Menschen Herz bestuermen. Wenn der Mann
+Sein Aeusseres in solchem Fall vergisst,
+Nachlaessig oft sich vor die Menge stellt,
+So wuenscht ein Weib noch, jedem zu gefallen,
+Durch ausgesuchte Tracht, vollkommnen Schmuck
+Beneidenswert vor andern zu erscheinen.
+Das hab' ich oft gehoert und oft bemerkt,
+Und nun empfind' ich im bedeutendsten
+Momente meines Lebens, dass auch ich
+Der maedchenhaften Schwachheit schuldig bin.
+
+Herzog.
+Was kannst du wuenschen, das du nicht erlangst?
+
+Eugenie.
+Du bist geneigt, mir alles zu gewaehren,
+Ich weiss es. Doch der grosse Tag ist nah,
+Zu nah, um alles wuerdig zu bereiten;
+Und was von Stoffen, Stickerei und Spitzen,
+Was von Juwelen mich umgeben soll,
+Wie kann's geschafft, wie kann's vollendet werden?
+
+Herzog.
+Uns ueberrascht laengst gewuenschtes Glueck;
+Doch vorbereitet koennen wir's empfangen.
+Was du bedarfst, ist alles angeschafft,
+Und heute noch, verwahrt im edlen Schrein,
+Erhaeltst du Gaben, die du nicht erwartet.
+Doch leichte Pruefung leg' ich dir dabei
+Zum Vorbild mancher kuenftig schweren auf.
+Hier ist der Schluessel! Den verwahre wohl!
+Bezaehme deine Neugier! Oeffne nicht,
+Eh' ich dich wieder sehe, jenen Schatz.
+Vertraue niemand, sei es, wer es sei.
+Die Klugheit raet's, der Koenig selbst gebeut's.
+
+Eugenie.
+Dem Maedchen sinnst du harte Pruefung aus;
+Doch will ich sie bestehn, ich schwoer' es dir!
+
+Herzog.
+Mein eigner wuester Sohn umlauert ja
+Die stillen Wege, die ich dich gefuehrt.
+Der Gueter kleinen Teil, den ich bisher
+Dir schuldig zugewandt, missgoennt er schon.
+Erfuehr' er, dass du, hoeher nun empor
+Durch unsres Koenigs Gunst gehoben, bald
+In manchem Recht ihm gleich dich stellen koenntest,
+Wie muesst' er wueten! Wuerd' er tueckisch nicht,
+Den schoenen Schritt zu hindern, alles tun?
+
+Eugenie.
+Lass uns im Stillen jenen Tag erharren.
+Und wenn geschehn ist, was mich seine Schwester
+Zu nennen mich berechtigt, soll's an mir,
+Soll's an gefaelligem Betragen, guten Worten,
+Nachgiebigkeit und Neigung nicht gebrechen.
+Er ist dein Sohn; und sollt' er nicht nach dir
+Zur Liebe, zur Vernunft gebildet sein?
+
+Herzog.
+Ich traue dir ein jedes Wunder zu,
+Verrichte sie zu meines Hauses Bestem
+Und lebe wohl. Doch ach! Indem ich scheide,
+Befaellt mich grausend jaeher Furcht Gewalt.
+Hier lagst du tot in meinen Armen! Hier
+Bezwang mich der Verzweiflung Tigerklaue.
+Wer nimmt das Bild vor meinen Augen weg!
+Dich hab' ich tot gesehn! So wirst du mir
+An manchem Tag, in mancher Nacht erscheinen.
+War ich entfernt von dir nicht stets besorgt?
+Nun ist's nicht mehr ein kranker Grillentraum,
+Es ist ein wahres, unausloeschlichs Bild:
+Eugenie, das Leben meines Lebens,
+Bleich, hingesunken, atemlos, entseelt.
+
+Eugenie.
+Erneue nicht, was du entfernen solltest,
+Lass diesen Sturz, lass diese Rettung dir
+Als wertes Pfand erscheinen meines Gluecks.
+Lebendig siehst du sie vor deinen Augen
+
+(Indem sie ihn umarmt.)
+
+Und fuehlst lebendig sie an deiner Brust.
+So lass mich immer, immer wieder kehren!
+Und vor dem gluehnden, liebevollen Leben
+Entweiche des verhassten Todes Bild.
+
+Herzog.
+Kann wohl ein Kind empfinden, wie den Vater
+Die Sorge moeglichen Verlustes quaelt?
+Gesteh' ich's nur! Wie oefters hat mich schon
+Dein ueberkuehner Mut, mit dem du dich,
+Als wie ans Pferd gewachsen, voll Gefuehl
+Der doppelten, zentaurischen Gewalt,
+Durch Tal und Berg, durch Fluss und Graben schleuderst,
+Wie sich ein Vogel durch die Luefte wirft,
+Ach! Oefters mehr geaengstigt als entzueckt.
+Dass doch gemaessigter dein Trieb fortan
+Der ritterlichen Uebung sich erfreue!
+
+Eugenie.
+Dem Ungemessnen beugt sich die Gefahr,
+Beschlichen wird das Maessige von ihr.
+O fuehle jetzt wie damals, da du mich,
+Ein kleines Kind, in ritterliche Weise
+Mit heitrer Kuehnheit froehlich eingeweiht.
+
+Herzog.
+Ich hatte damals unrecht; soll mich nun
+Ein langes Leben sorgenvoll bestrafen?
+Und locket Uebung des Gefaehrlichen
+Nicht die Gefahr an uns heran?
+
+Eugenie.
+ Das Glueck,
+Und nicht die Sorge baendigt die Gefahr.
+Leb' wohl, mein Vater, folge deinem Koenig,
+Und sei nun auch um deiner Tochter willen
+Sein redlicher Vasall, sein treuer Freund.
+Leb' wohl!
+
+Herzog.
+ O bleib! Und steh an diesem Platz
+Lebendig, aufrecht, noch einmal, wie du
+Ins Leben wieder aufsprangst, wo mit Wonne
+Du mein zerrissen Herz erfuellend heiltest.
+Unfruchtbar bleibe diese Freude nicht!
+Zum ew'gen Denkmal weih' ich diesen Ort.
+Hier soll ein Tempel aufstehn, der Genesung,
+Der gluecklichsten, gewidmet. Rings umher
+Soll deine Hand ein Feenreich erschaffen.
+Den wilden Wald, das struppige Gebuesch
+Soll sanfter Gaenge Labyrinth verknuepfen.
+Der steile Fels wird gangbar, dieser Bach,
+In reinen Spiegeln faellt er hier und dort.
+Der ueberraschte Wandrer fuehlt sich hier
+Ins Paradies versetzt. Hier soll kein Schuss,
+Solang ich lebe, fallen, hier kein Vogel
+Von seinem Zweig, kein Wild in seinem Busch
+Geschreckt, verwundet, hingeschmettert werden.
+Hier will ich her, wenn mir der Augen Licht,
+Wenn mir der Fuesse Kraft zuletzt versagt,
+Auf dich gelehnt, wallfahrten; immer soll
+Des gleichen Danks Empfindung mich beleben.
+Nun aber lebe wohl! Und wie?--Du weinst?
+
+Eugenie.
+O! Wenn mein Vater aengstlich fuerchten darf,
+Die Tochter zu verlieren, soll in mir
+Sich keine Sorge regen, ihn vielleicht--
+Wie kann ich's denken, sagen--ihn zu missen?
+Verwaiste Vaeter sind beklagenswert;
+Allein verwaiste Kinder sind es mehr.
+Und ich, die Aermste, stuende ganz allein
+Auf dieser weiten, fremden, wilden Welt,
+Muesst' ich von ihm, dem Einzigen, mich trennen.
+
+Herzog.
+Wie du mich staerktest, geb' ich dir's zurueck.
+Lass uns getrost, wie immer, vorwaerts gehen!
+Das Leben ist des Lebens Pfand; es ruht
+Nur auf sich selbst und muss sich selbst verbuergen.
+Drum lass uns eilige auseinander scheiden!
+Von diesem allzu weichen Lebewohl
+Soll ein erfreulich wieder Sehn uns heilen!
+
+(Sie trennen sich schnell; aus der Entfernung werfen sie sich
+mit ausgebreiteten Armen ein Lebewohl zu und gehen eilig ab.)
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+(Zimmer Eugenies, im gotischen Stil.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Hofmeisterin. Sekretaer.
+
+Sekretaer.
+Verdien' ich, dass du mich, im Augenblick,
+Da ich erwuenschte Nachricht bringe, fliehst?
+Vernimm nur erst, was ich zu sagen habe!
+
+Hofmeisterin.
+Wohin es deutet, fuehl' ich nur zu sehr.
+O lass mein Auge vom bekannten Blick,
+Mein Ohr sich von bekannter Stimme wenden!
+Entfliehen lass mich der Gewalt, die, sonst
+Durch Lieb' und Freundschaft wirksam, fuerchterlich
+Wie ein Gespenst mir nun zur Seite steht.
+
+Sekretaer.
+Wenn ich des Glueckes Fuellhorn dir auf einmal
+Nach langem Hoffen vor die Fuesse schuette,
+Wenn sich die Morgenroete jenes Tags,
+Der unsern Bund auf ewig gruenden soll,
+Am Horizonte feierlich erhebt,
+So scheinst du nun verlegen, widerwillig
+Den Antrag eines Braeutigams zu fliehn.
+
+Hofmeisterin.
+Du zeigst mir nur die eine Seite dar,
+Sie glaenzt und leuchtet, wie im Sonnenschein
+Die Welt erfreulich daliegt; aber hinten
+Droht schwarzer Naechte Graus, ich ahn' ihn schon.
+
+Sekretaer.
+So lass uns erst die schoene Seite sehn!
+Verlangst du Wohnung, mitten in der Stadt,
+Geraeumig, heiter, trefflich ausgestattet,
+Wie man's fuer sich, so wie fuer Gaeste wuenscht?
+Sie ist bereit, der naechste Winter findet
+Uns festlich dort umgeben, wenn du willst.
+Sehnst du im Fruehling dich aufs Land, auch dort
+Ist uns ein Haus, ein Garten uns bestimmt,
+Ein reiches Feld. Und was Erfreuliches
+An Waldung, Busch, an Wiesen, Bach und Seen
+Sich Phantasie zusammendraengen mag,
+Geniessen wir, zum Teil als unser eignes,
+Zum Teil als allgemeines Gut. Wobei
+Noch manche Rente gar bequem vergoennt,
+Durch Sparsamkeit ein sichres Glueck zu steigern.
+
+Hofmeisterin.
+In truebe Wolken huellt sich jenes Bild,
+So heiter du es malst, vor meinen Augen.
+Nicht wuenschenswert, abscheulich naht sich mir
+Der Gott der Welt im Ueberfluss heran.
+Was fuer ein Opfer fordert er? Das Glueck
+Des holden Zoeglings muesst' ich morden helfen!
+Und was ein solch Verbrechen mir erwarb,
+Ich sollt' es je mit freier Brust geniessen?
+Eugenie! Du, deren holdes Wesen
+In meiner Naehe sich von Jugend auf
+Aus reicher Fuelle rein entwickeln sollte,
+Kann ich noch unterscheiden, was an dir
+Dein eigen ist, und was du mir verdankst?
+Dich, die ich als mein selbst gebildet Werk
+Im Herzen trage, sollt' ich nun zerstoeren?
+Von welchem Stoffe seid ihr denn geformt,
+Ihr Grausamen, dass eine solche Tat
+Ihr fordern duerft und zu belohnen glaubt?
+
+Sekretaer.
+Gar manchen Schatz bewahrt von Jugend auf
+Ein edles, gutes Herz und bildet ihn
+Nur immer schoener, liebenswuerd'ger aus
+Zur holden Gottheit des geheimen Tempels;
+Doch wenn das Maechtige, das uns regiert,
+Ein grosses Opfer heischt, wir bringen's doch
+Mit blutendem Gefuehl der Not zuletzt.
+Zwei Welten sind es, meine Liebe, die,
+Gewaltsam sich bekaempfend, uns bedraengen,
+
+Hofmeisterin.
+In voellig fremder Welt fuer mein Gefuehl
+Scheinst du zu wandeln, da du deinem Herrn,
+Dem edlen Herzog, solche Jammertage
+Verraeterisch bereitest, zur Partei
+Des Sohns dich fuegest--Wenn das Waltende
+Verbrechen zu beguenst'gen scheinen mag,
+So nennen wir es Zufall; doch der Mensch,
+Der ganz besonnen solche Tat erwaehlt,
+Er ist ein Raetsel.--Doch--und bin ich nicht
+Mir auch ein Raetsel, dass ich noch an dir
+Mit solcher Neigung haenge, da du mich
+Zum jaehen Abgrund hinzureissen strebst?
+Warum o! Schuf dich die Natur von aussen
+Gefaellig, liebenswert, unwiderstehlich,
+Wenn sie ein kaltes Herz in deinen Busen,
+Ein Glueck zerstoerendes, zu pflanzen dachte?
+
+Sekretaer.
+An meiner Neigung Waerme zweifelst du?
+
+Hofmeisterin.
+Ich wuerde mich vernichten, wenn ich's koennte.
+Doch ach! Warum, und mit verhasstem Plan,
+Aufs Neue mich bestuermen? Schwurst du nicht,
+In ew'ge Nacht das Schrecknis zu begraben?
+
+Sekretaer.
+Ach leider draengt sich's maechtiger hervor.
+Den jungen Fuersten zwingt man zum Entschluss.
+Erst blieb Eugenie so manches Jahr
+Ein unbedeutend unbekanntes Kind.
+Du hast sie selbst von ihren ersten Tagen
+In diesen alten Saelen auferzogen,
+Von wenigen besucht und heimlich nur.
+Doch wie verheimlichte sich Vaterliebe!
+Der Herzog, stolz auf seiner Tochter Wert,
+Laesst nach und nach sie oeffentlich erscheinen;
+Sie zeigt sich reitend, fahrend. Jeder fragt
+Und jeder weiss zuletzt, woher sie sei.
+Nun ist die Mutter tot. Der stolzen Frau
+War dieses Kind ein Graeuel, das ihr nur
+Der Neigung Schwaeche vorzuwerfen schien.
+Nie hat sie's anerkannt und kaum gesehn.
+Durch ihren Tod fuehlt sich der Herzog frei,
+Entwirft geheime Plaene, naehert sich
+Dem Hofe wieder und entsagt zuletzt
+Dem alten Groll, versoehnt sich mit dem Koenig
+Und macht sich's zur Bedingung, dieses Kind
+Als Fuerstin seines Stamms erklaert zu sehn.
+
+Hofmeisterin.
+Und goennt ihr dieser koestlichen Natur
+Vom Fuerstenblute nicht das Glueck des Rechts?
+
+Sekretaer.
+Geliebte, Teure! Sprichst du doch so leicht,
+Durch diese Mauern von der Welt geschieden,
+In kloesterlichem sinne von dem Wert
+Der Erdengueter. Blicke nur hinaus!
+Dort waegt man besser solchen edlen Schatz.
+Der Vater neidet ihn dem Sohn, der Sohn
+Berechnet seines Vaters Jahre, Brueder
+Entzweit ein ungewisses Recht auf Tod
+Und Leben. Selbst der Geistliche vergisst,
+Wohin er streben soll, und strebt nach Gold.
+Verdaechte man's dem Prinzen, der sich stets
+Als einz'gen Sohn gefuehlt, wenn er sich nun
+Die Schwester nicht gefallen lassen will,
+Die, eingedrungen, ihm das Erbteil schmaelert?
+Man stelle sich an seinen Platz und richte.
+
+Hofmeisterin.
+Und ist er nicht schon jetzt ein reicher Fuerst?
+Und wird er's nicht durch seines Vaters Tod
+Zum Uebermass? Wie waer' ein Teil der Gueter
+So koestlich angelegt, wenn er dafuer
+Die holde Schwester zu gewinnen wuesste!
+
+Sekretaer.
+Willkuerlich handeln ist des Reichen Glueck!
+Er widerspricht der Fordrung der Natur,
+Der Stimme des Gesetzes, der Vernunft,
+Und spendet an den Zufall seine Gaben.
+Genug besitzen hiesse darben. Alles
+Beduerfte man! Unendlicher Verschwendung
+Sind ungemessne Gueter wuenschenswert.
+Hier denke nicht zu raten, nicht zu mildern;
+Kannst du mit uns nicht wirken, gib uns auf!
+
+Hofmeisterin.
+Und was denn wirken? Lange droht ihr schon
+Von fern dem Glueck des liebenswuerd'gen Kindes.
+Was habt ihr denn in eurem furchtbarn Rat
+Beschlossen ueber sie? Verlangt ihr etwa,
+Dass ich mich blind zu eurer Tat geselle?
+
+Sekretaer.
+Mitnichten! Hoeren kannst und sollst du gleich,
+Was zu beginnen, was von dir zu fordern
+Wir selbst genoetigt sind. Eugenien
+Sollst du entfuehren! Sie muss dergestalt
+Auf einmal aus der Welt verschwinden, dass
+Wir sie getrost als tot beweinen koennen;
+Verborgen muss ihr kuenftiges Geschick,
+Wie das Geschick der Toten, ewig bleiben.
+
+Hofmeisterin.
+Lebendig weiht ihr sie dem Grabe, mich
+Bestimmt ihr tueckisch zur Begleiterin.
+Mich stosst ihr mit hinab. Ich soll mit ihr,
+Mit der Verratnen die Verraeterin,
+Der Toten Schicksal vor dem Tode teilen.
+
+Sekretaer.
+Du fuehrst sie hin und kehrest gleich zurueck.
+
+Hofmeisterin.
+Soll sie im Kloster ihre Tage schliessen?
+
+Sekretaer.
+Im Kloster nicht; wir moegen solch ein Pfand
+Der Geistlichkeit nicht anvertrauen, die
+Es leicht als Werkzeug gegen uns gebrauchte.
+
+Hofmeisterin.
+So soll sie nach den Inseln? Sprich es aus.
+
+Sekretaer.
+Du wirst's vernehmen! Jetzt beruh'ge dich.
+
+Hofmeisterin.
+Wie kann ich ruhen bei Gefahr und Not,
+Die meinen Liebling, die mich selbst bedraeut?
+
+Sekretaer.
+Dein Liebling kann auch drueben gluecklich sein,
+Und dich erwarten hier Genuss und Wonne.
+
+Hofmeisterin.
+O schmeichelt euch mit solcher Hoffnung nicht.
+Was hilft's, in mich zu stuermen? Zum Verbrechen
+Mich anzulocken, mich zu draengen? Sie,
+Das hohe Kind, wird euren Plan vereiteln.
+Gedenkt nur nicht, sie als geduld'ges Opfer
+Gefahrlos wegzuschleppen. Dieser Geist,
+Der mutvoll sie beseelt, ererbte Kraft
+Begleiten sie, wohin sie geht, zerreissen
+Das falsche Netz, womit ihr sie umgabt.
+
+Sekretaer.
+Sie festzuhalten, das gelinge dir!
+Willst du mich ueberreden, dass ein Kind,
+Bisher im sanften Arm des Gluecks gewiegt,
+Im unverhofften Fall Besonnenheit
+Und Kraft, Geschick und Klugheit zeigen werde?
+Gebildet ist ihr Geist, doch nicht zur Tat,
+Und wenn sie richtig fuehlt und weise spricht,
+So fehlt noch viel, dass sie gemessen handle.
+Des Unerfahrnen hoher, freier Mut
+Verliert sich leicht in Feigheit und Verzweiflung,
+Wenn sich die Not ihm gegenueberstellt.
+Was wir gesonnen, fuehre du es aus!
+Klein wird das Uebel werden, gross das Glueck.
+
+Hofmeisterin.
+So gebt mir Zeit, zu pruefen und zu waehlen!
+
+Sekretaer.
+Der Augenblick des Handelns draengt uns schon.
+Der Herzog scheint gewiss, dass ihm der Koenig
+Am naechsten Fest die hohe Gunst gewaehren
+Und seine Tochter anerkennen wolle;
+Denn Kleider und Juwelen stehn bereit,
+Im praecht'gen Kasten saemtlich eingeschlossen,
+Wozu er selbst die Schluessel wohl verwahrt
+Und ein Geheimnis zu verwahren glaubt;
+Wir aber wissen's wohl und sind geruestet;
+Geschehen muss nun schnell das Ueberlegte.
+Heut Abend hoerst du mehr. Nun lebe wohl!
+
+Hofmeisterin.
+Auf duestern Wegen wirkt ihr tueckisch fort
+Und waehnet, euren Vorteil klar zu sehen.
+Habt ihr denn jeder Ahnung euch verschlossen,
+Dass ueber Schuld und Unschuld, Licht verbreitend,
+Ein rettend, raechend Wesen goettlich schwebt?
+
+Sekretaer.
+Wer wagt, ein Herrschendes zu leugnen, das
+Sich vorbehaelt, den Ausgang unsrer Taten
+Nach seinem einz'gen Willen zu bestimmen?
+Doch wer hat sich zu seinem hohen Rat
+Gesellen duerfen? Wer Gesetz und Regel,
+Wonach es ordnend spricht, erkennen moegen?
+Verstand empfingen wir, uns muendig selbst
+Im ird'schen Element zurecht zu finden,
+Und was uns nuetzt, ist unser hoechstes Recht.
+
+Hofmeisterin.
+Und so verleugnet ihr das Goettlichste,
+Wenn euch des Herzens Winke nichts bedeuten.
+Mich ruft es auf, die schreckliche Gefahr
+Vom holden Zoegling kraeftig abzuwenden,
+Mich gegen dich und gegen Macht und List
+Beherzt zu waffnen. Kein Versprechen soll,
+Kein Drohn mich von der Stelle draengen. Hier,
+Zu ihrem Heil gewidmet, steh' ich fest.
+
+Sekretaer.
+O meine Gute! Dies ihr Heil vermagst
+Du ganz allein zu schaffen, die Gefahr
+Von ihr zu wenden, magst du ganz allein,
+Und zwar, indem du uns gehorchst. Ergreife
+Sie schnell, die holde Tochter, fuehre sie,
+So weit du kannst, hinweg, verbirg sie fern
+Von aller Menschen Anblick, denn--du schauderst,
+Du fuehlst, was ich zu sagen habe. Sei's,
+Weil du mich draengest, endlich auch gesagt:
+Sie zu entfernen ist das Mildeste.
+Willst du zu diesem Plan nicht taetig wirken,
+Denkst du, dich ihm geheim zu widersetzen,
+Und wagtest du, was ich dir anvertraut,
+Aus guter Ansicht irgend zu verraten,
+So liegt sie tot in deinen Armen! Was
+Ich selbst beweinen werde, muss geschehn.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Hofmeisterin.
+
+Die kuehne Drohung ueberrascht mich nicht!
+Schon lange seh' ich dieses Feuer glimmen,
+Nun schlaegt es blad in lichte Flammen aus.
+Um dich zu retten, muss ich, liebes Kind,
+Dich deinem holden Morgentraum entreissen.
+Nur eine Hoffnung lindert meinen Schmerz;
+Allein sie schwindet, wie ich sie ergreife.
+Eugenie! Wenn du entsagen koenntest
+Dem hohen Glueck, das unermesslich scheint,
+An dessen Schwelle dir Gefahr und Tod,
+Verbannung als ein Milderes begegnet.
+O duerft' ich dich erleuchten! Duerft' ich dir
+Verborgne Winkel oeffnen, wo die Schar
+Verschworener Verfolger tueckisch lauscht!
+Ach schweigen soll ich! Leise kann ich nur
+Dich ahnungsvoll ermahnen; wirst du wohl
+Im Taumel deiner Freude mich verstehen?
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin.
+
+Eugenie.
+Sei mir gegruesst! Du Freundin meines Herzens,
+An Mutter Statt Geliebte, sei gegruesst!
+
+Hofmeisterin.
+Mit Wonne drueck' ich dich an dieses Herz,
+Geliebtes Kind, und freue mich der Freude,
+Die reich aus Lebensfuelle dir entquillt.
+Wie heiter glaenzt dein Auge! Welch Entzuecken
+Umschwebet Mund und Wange! Welches Glueck
+Draengt aus bewegtem Busen sich hervor!
+
+Eugenie.
+Ein grosses Unheil hatte mich ergriffen,
+Vom Felsen stuerzte Ross und Reiterin.
+
+Hofmeistern.
+O Gott!
+
+Eugenie.
+Sei ruhig! Siehst du doch mich wieder,
+Gesund und hoch beglueckt, nach diesem Fall.
+
+Hofmeisterin.
+Und wie?
+
+Eugenie.
+Du sollst es hoeren, wie so schoen
+Aus diesem Uebel sich das Glueck entwickelt.
+
+Hofmeisterin.
+Ach! Aus dem Glueck entwickelt oft sich Schmerz.
+
+Eugenie.
+Sprich boeser Vorbedeutung Wort nicht aus!
+Und schrecke mich der Sorge nicht entgegen.
+
+Hofmeisterin.
+O moechtest du mir alles gleich vertrauen!
+
+Eugenie.
+Von allen Menschen dir zuerst. Nur jetzt,
+Geliebte, lass mich mir. Ich muss allein
+Ins eigene Gefuehl mich finden lernen.
+Du weisst, wie hoch mein Vater sich erfreut,
+Wenn unerwartet ihm ein klein Gedicht
+Entgegenkommt, wie mir's der Muse Gunst
+Bei manchem Anlass willig schenken mag.
+Verlass mich! Eben schwebt mir's heiter vor,
+Ich muss es haschen, sonst entschwindet's mir.
+
+Hofmeisterin.
+Wann soll wie sonst vertrauter Stunden Reihe
+Mit reichlichen Gespraechen uns erquicken?
+Wann oeffnen wir, zufriednen Maedchen gleich,
+Die ihren Schmuck einander wiederholt
+Zu zeigen kaum ermueden, unsres Herzens
+Geheimste Faecher, uns bequem und herzlich
+Des wechselseit'gen Reichtums zu erfreuen?
+
+Eugenie.
+Auch jene Stunden werden wieder kehren,
+Von deren stillem Glueck man mit Vertrauen,
+Sich des Vertrauns erinnernd, gerne spricht.
+Doch heute lass in voller Einsamkeit
+Mich das Beduerfnis jener Tage finden.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Eugenie, nachher Hofmeisterin aussen.
+
+Eugenie (eine Brieftasche hervorziehend).
+Und nun geschwind zum Pergament, zum Griffel!
+Ich hab' es ganz und eilig fass' ich's auf,
+Was ich dem Koenige zu jener Feier,
+Bei der ich, neu geboren durch sein Wort,
+Ins Leben trete, herzlich widmen soll.
+
+(Sie rezitiert langsam und schreibt.)
+
+ Welch Wonneleben wird hier ausgespendet!
+ Willst du, o Herr der obern Regionen,
+ Des Neulings Unvermoegen nicht verschonen?
+ Ich sinke hin, von Majestaet geblendet.
+ Doch bald getrost zu dir hinauf gewendet
+ Erfreut's mich, an dem Fuss der festen Thronen,
+ Ein Sproessling deines Stamms, beglueckt zu wohnen,
+ Und all mein fruehes Hoffen ist vollendet.
+ So fliesse denn der holde Born der Gnaden!
+ Hier will die treue Brust so gern verweilen
+ Und an der Liebe Majestaet sich fassen.
+ Mein Ganzes haengt an einem zarten Faden,
+ Mir ist, als muesst' ich unaufhaltsam eilen,
+ Das Leben, das du gabst, fuer dich zu lassen.
+
+(Das Geschriebene mit Gefaelligkeit betrachtend.)
+
+So hast du lange nicht, bewegtes Herz,
+Dich in gemessnen Worten ausgesprochen!
+Wie gluecklich, den Gefuehlen unsrer Brust
+Fuer ew'ge Zeit den Stempel aufzudruecken!
+Doch ist es wohl genug? Hier quillt es fort,
+Hier quillt es auf!--Du nahest, grosser Tag,
+Der uns den Koenig gab und der nun mich
+Dem Koenige, dem Vater, mich mir selbst
+Zu ungemessner Wonne geben soll.
+Dies hohe Fest verherrliche meine Lied!
+Befluegelt draengt sich Phantasie voraus,
+Sie traegt mich vor den Thron und stellt mich vor,
+Sie gibt im Kreise mir--
+
+Hofmeisterin (aussen).
+ Eugenie!
+
+Eugenie.
+Was soll das?
+
+Hofmeisterin.
+ Hoere mich und oeffne gleich!
+
+Eugenie.
+Verhasste Stoerung! Oeffnen kann ich nicht.
+
+Hofmeisterin.
+Vom Vater Botschaft!
+
+Eugenie.
+ Wie? Vom Vater? Gleich!
+Da muss ich oeffnen.
+
+Hofmeisterin.
+ Grosse Gaben scheint
+Er dir zu schicken.
+
+Eugenie.
+ Warte!
+
+Hofmeisterin.
+ Hoerst du?
+
+Eugenie.
+ Warte!
+Doch wo verberg' ich dieses Blatt? Zu klar
+Spricht's jene Hoffnung aus, die mich beglueckt.
+Hier ist nichts zum Verschliessen! Und bei mir
+Ist's nirgend sicher, diese Tasche kaum;
+Denn meine Leute sind nicht alle treu.
+Gar manches hat man schon mir, als ich schlief,
+Durchblaettert und entwendet. Das Geheimnis,
+Das groesste, das ich je gehegt, wohin,
+Wohin verberg' ich's?
+
+(Indem sie sich der Seitenwand naehert.)
+
+ Wohl! Hier war es ja,
+Wo du, geheimer Wandschrank, meiner Kindheit
+Unschuldige Geheimnisse verbargst!
+Du, den mir kindisch allausspaehende,
+Von Neugier und von Muessiggang erzeugte,
+Rastlose Taetigkeit entdecken half,
+Du, jedem ein Geheimnis, oeffne dich!
+
+(Sie drueckt an einer unbemerkbaren Feder, und eine kleine Tuere
+springt auf.)
+
+So wie ich sonst verbotnes Zuckerwerk
+Zu listigem Genuss in dir versteckte,
+Vertrau' ich heute meines Lebens Glueck
+Entzueckt und sorglich dir auf kurze Zeit.
+
+(Sie legt das Pergament in den Schrank und drueckt ihn zu.)
+
+Die Tage schreiten vor, und ahnungsvoller
+Bewegen sich nun Freud' und Schmerz heran.
+
+(Sie oeffnet die Tuere.)
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin. Bediente, die einen praechtigen Putzkasten tragen.
+
+Hofmeisterin.
+Wenn ich dich stoerte, fuehr' ich gleich mit mir,
+Was mich gewiss entschuld'gen soll, herbei.
+
+Eugenie.
+Von meinem Vater? Dieser praecht'ge Schrein!
+Auf welchen Inhalt deutet solch Gefaess?
+
+(Zu den Bedienten.)
+
+Verweilt!
+
+(Sie reicht ihnen einen Beutel hin.)
+
+Zum Vorschmack eures Botenlohns
+Nehmt diese Kleinigkeit! Das Bessre folgt.
+
+(Bediente gehen.)
+
+Und ohne Brief und ohne Schluessel! Steht
+Mir solch ein Schatz verborgen, in der Naehe?
+O Neugier! O Verlangen! Ahnest du,
+Was diese Gabe mir bedeuten kann?
+
+Hofmeisterin.
+Ich zweifle nicht, du hast es selbst erraten.
+Auf naechste Hoheit deutet sie gewiss.
+Den Schmuck der Fuerstentochter bringt man dir,
+Weil dich der Koenig bald berufen wird.
+
+Eugenie.
+Wie kannst du das vermuten?
+
+Hofmeisterin.
+ Weiss ich's doch!
+Geheimnisse der Grossen sind belauscht.
+
+Eugenie.
+Und wenn du's weisst, was soll ich dir's verbergen?
+Soll ich die Neugier, dies Geschenk zu sehn,
+Vor dir umsonst bezaehmen!--Hab' ich doch
+Den Schluessel hier!--Der Vater zwar verbot's.
+Doch was verbot er? Das Geheimnis nicht
+Unzeitig zu entdecken; doch dir ist
+Es schon entdeckt. Du kannst nicht mehr erfahren,
+Als du schon weisst, und schweigst nun, mir zuliebe.
+Was zaudern wir? Komm, lass uns oeffnen! Komm,
+Dass uns der Gaben hoher Glanz entzuecke.
+
+Hofmeisterin.
+Halt ein! Gedenke des Verbots! Wer weiss,
+Warum der Herzog weislich so befohlen?
+
+Eugenie.
+Mit Sinn befahl er, zum bestimmten Zweck;
+Der ist vereitelt; alles weisst du schon.
+Du liebst mich, bist verschwiegen, zuverlaessig.
+Lass uns das Zimmer schliessen! Das Geheime
+Lass uns sogleich vertraulich untersuchen.
+
+(Sie schliesst die Zimmertuere und eilt gegen den Schrank.)
+
+Hofmeisterin (sie abhaltend).
+Der praecht'gen Stoffe Gold und Farbenglanz,
+Der Perlen Milde, der Juwelen Strahl
+Bleib' im Verborgnen! Ach, sie reizen dich
+Zu jenem Ziel unwiderstehlich auf.
+
+Eugenie.
+Was sie bedeuten, ist das Reizende.
+
+(Sie oeffnet den Schrank, an der Tuere zeigen sich Spiegel.)
+
+Welch koestliches Gewand entwickelt sich,
+Indem ich's nur beruehre, meinem Blick.
+Und diese Spiegel! Fordern sie nicht gleich,
+Das Maedchen und den Schmuck vereint zu schildern?
+
+Hofmeisterin.
+Kreusas toedliches Gewand entfaltet,
+So scheint es mir, sich unter meiner Hand.
+
+Eugenie.
+Wie schwebt ein solcher Truebsinn dir ums Haupt?
+Denk' an beglueckter Braeute frohes Fest.
+Komm! Reiche mir die Teile, nach und nach.
+Das Unterkleid! Wie reich und suess durchflimmert
+Sich rein des Silbers und der Farben Blitz.
+
+Hofmeisterin (indem sie Eugenie das Gewand umlegt).
+Verbirgt sich je der Gnade Sonnenblick,
+Sogleich ermattet solch ein Widerglanz.
+
+Eugenie.
+Ein treues Herz verdient sich diesen Blick,
+Und, wenn er weichen wollte, zieht's ihn an.--
+Das Oberkleid, das goldne, schlage drueber,
+Die Schleppe ziehe, weit verbreitet, nach.
+Auch diesem Gold ist, mit Geschmack und Wahl,
+Der Blumen Schmelz metallisch aufgebraemt.
+Und tret' ich so nicht schoen umgeben auf?
+
+Hofmeisterin.
+Doch wird von Kennern mehr die Schoenheit selbst
+In ihrer eignen Herrlichkeit verehrt.
+
+Eugenie.
+Das einfach Schoene soll der Kenner schaetzen;
+Verziertes aber spricht der Menge zu.--
+Nun leihe mir der Perlen sanftes Licht,
+Auch der Juwelen leuchtende Gewalt.
+
+Hofmeisterin.
+Doch deinem Herzen, deinem Geist genuegt
+Nur eigner, innrer Wert und nicht der Schein.
+
+Eugenie.
+Der Schein, was ist er, dem das Wesen fehlt?
+Das Wesen, waer' es, wenn es nicht erschiene?
+
+Hofmeisterin.
+Und hast du nicht in diesen Mauern selbst
+Der Jugend ungetruebte Zeit verlebt?
+Am Busen deiner Liebenden, entzueckt,
+Verborgner Wonne Seligkeit erfahren?
+
+Eugenie.
+Gefaltet kann die Knospe sich genuegen,
+Solange sie des Winters Frost umgibt;
+Nun schwillt vom Fruehlingshauche Lebenskraft,
+In Blueten bricht sie auf an Licht und Luefte.
+
+Hofmeisterin.
+Aus Maessigkeit entspringt ein reines Glueck.
+
+Eugenie.
+Wenn du ein maessig Ziel dir vorgesteckt.
+
+Hofmeisterin.
+Beschraenktheit sucht sich der Geniessende.
+
+Eugenie.
+Du ueberredest die Geschmueckte nicht.
+O dass sich dieser Saal erweiterte
+Zum Raum des Glanzes, wo der Koenig thront!
+Dass reicher Teppich unten, oben sich
+Der goldnen Decke Woelbung breitete!
+Dass hier im Kreise vor der Majestaet
+Demuetig stolz die Grossen, angelacht
+Von dieser Sonne, herrlich leuchteten!
+Ich unter diesen Ausgezeichnete!
+O lass mir dieser Wonne Vorgefuehl,
+Wenn aller Augen mich zum Ziel erlesen!
+
+Hofmeisterin.
+Zum Ziele der Bewunderung nicht allein,
+Zum Ziel des Neides und des Hasses mehr.
+
+Eugenie.
+Der Nieder steht als Folie des Gluecks,
+Der Hasser lehrt uns immer wehrhaft bleiben.
+
+Hofmeisterin.
+Demuetigung beschleicht die Stolzen oft.
+
+Eugenie.
+Ich setz' ihr Geistesgegenwart entgegen.
+
+(Zum Schranke gewendet.)
+
+Noch haben wir nicht alles durchgesehn;
+Nicht mich allein bedenk' ich diese Tage,
+Fuer andre hoff' ich manche Kostbarkeit.
+
+Hofmeistern (ein Kaestchen hervor nehmend).
+Hier aufgeschrieben steht es: "Zu Geschenken".
+
+Eugenie.
+So nimm voraus, was dich vergnuegen kann,
+Von diesen Uhren, diesen Dosen. Waehle!--
+Nein, ueberlege noch! Vielleicht verbirgt
+Sich Wuenschenswerteres im reichen Schrein.
+
+Hofmeisterin.
+O faende sich ein kraeft'ger Talisman,
+Des trueben Bruders Neigung zu gewinnen!
+
+Eugenie.
+Den Widerwillen tilge nach und nach
+Des unbefangnen Herzens reines Wirken.
+
+Hofmeisterin.
+Doch die Partei, die seinen Groll bestaerkt,
+Auf ewig steht sie deinem Wunsch entgegen.
+
+Eugenie.
+Wenn sie bisher mein Glueck zu hindern suchte,
+Tritt nun Entscheidung unaufhaltsam ein,
+Und ins Geschehne fuegt sich jedermann.
+
+Hofmeisterin.
+Das, was du hoffest, noch ist's nicht geschehn.
+
+Eugenie.
+Doch als vollendet kann ich's wohl betrachten.
+
+(Nach dem Schrank gekehrt.)
+
+Was liegt im langen Kaestchen, obenan?
+
+Hofmeisterin (die es herausnimmt).
+Die schoensten Baender, frisch und neu gewaehlt--
+Zerstreue nicht durch eitlen Flitterwesens
+Neugierige Betrachtung deinen Geist.
+O waer' es moeglich, dass du meinem Wort
+Gehoer verliehest einen Augenblick!
+Aus stillem Kreise trittst du nun heraus
+In weite Raeume, wo dich Sorgendrang,
+Vielfach geknuepfte Netze, Tod vielleicht
+Von meuchelmoerderischer Hand erwartet.
+
+Eugenie.
+Du scheinst mir krank! Wie koennte sonst mein Glueck
+Dir fuerchterlich, als ein Gespenst erscheinen.
+
+(In das Kaestchen blickend.)
+
+Was seh' ich? Diese Rolle! Ganz gewiss
+Das Ordensband der ersten Fuerstentoechter!
+Auch dieses werd' ich tragen! Nur geschwind!
+Lass sehen, wie es kleidet! Es gehoert
+Zum ganzen Prunk; so sei auch das versucht!
+
+(Das Band wird umgelegt.)
+
+Nun sprich vom Tode nur! Sprich von Gefahr!
+Was zieret mehr den Mann, als wenn er sich
+Im Heldenschmuck zu seinem Koenige,
+Sich unter seinesgleichen stellen kann?
+Was reizt das Auge mehr als jenes Kleid,
+Das kriegerische lange Reihen zeichnet?
+Und dieses Kleid und seine Farben, sind
+Sie nicht ein Sinnbild ewiger Gefahr?
+Die Schaerpe deutet Krieg, womit sich, stolz
+Auf seine Kraft, ein edler Mann umguertet.
+O meine Liebe! Was bedeutend schmueckt,
+Es ist durchaus gefaehrlich. Lass auch mir
+Das Mutgefuehl, was mir begegnen kann,
+So praechtig ausgeruestet, zu erwarten.
+Unwiderruflich, Freundin, bleibt mein Glueck.
+
+Hofmeisterin (beiseite).
+Das Schicksal, das dich trifft, unwiderruflich.
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+(Vorzimmer des Herzogs, praechtig, modern.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Sekretaer. Weltgeistlicher.
+
+Sekretaer.
+Tritt still herein in diese Totenstille!
+Wie ausgestorben findest du das Haus.
+Der Herzog schlaeft, und alle Diener stehen,
+Von seinem Schmerz durchdrungen, stumm gebeugt.
+Er schlaeft! Ich segnet' ihn, als ich ihn sah
+Bewusstlos auf dem Pfuehle ruhig atmen.
+Das Uebermass der Schmerzen loeste sich
+In der Natur balsam'scher Wohltat auf.
+Den Augenblick befuercht' ich, der ihn weckt;
+Euch wird ein jammervoller Mann erscheinen.
+
+Weltgeistlicher.
+Darauf bin ich bereitet, zweifelt nicht.
+
+Sekretaer.
+Vor wenig Stunden kam die Nachricht an,
+Eugenie sei tot! Vom Pferd gestuerzt!
+An eurem Orte sei sie beigesetzt,
+Als an dem naechsten Platz, wohin man sie
+Aus jenem Felsendickicht bringen koennen,
+Wo sie verwegen sich den Tod erstuermt.
+
+Weltgeistlicher.
+Und sie indessen ist schon weit entfernt?
+
+Sekretaer.
+Mit rascher Eile wird sie weggefuehrt.
+
+Weltgeistlicher.
+Und wem vertraut ihr solch ein schwer Geschaeft?
+
+Sekretaer.
+Dem klugen Weibe, das uns angehoert.
+
+Weltgeistlicher.
+In welche Gegend habt ihr sie geschickt?
+
+Sekretaer.
+Zu dieses Reiches letztem Hafenplatz.
+
+Weltgeistlicher.
+Von dorten soll sie in das fernste Land?
+
+Sekretaer.
+Sie fuehrt ein guenst'ger Wind sogleich davon.
+
+Weltgeistlicher.
+Und hier auf ewig gelte sie fuer tot!
+
+Sekretaer.
+Auf deiner Fabel Vortrag kommt es an.
+
+Weltgeistlicher.
+Der Irrtum soll im ersten Augenblick
+Auf alle kuenft'ge Zeit gewaltig wirken.
+An ihrer Gruft, an ihrer Leiche soll
+Die Phantasie erstarren. Tausendfach
+Zerreiss' ich das geliebte Bild und grabe
+Dem Sinne des entsetzten Hoerenden
+Mit Feuerzuegen dieses Unglueck ein.
+Sie ist dahin fuer alle, sie verschwindet
+Ins Nichts der Asche. Jeder kehret schnell
+Den Blick zum Leben und vergisst im Taumel
+Der treibenden Begierden, dass auch sie
+Im Reihen der Lebendigen geschwebt.
+
+Sekretaer.
+Du trittst mit vieler Kuehnheit ans Geschaeft;
+Besorgst du keine Reue hintennach?
+
+Weltgeistlicher.
+Welch eine Frage tust du? Wir sind fest!
+
+Sekretaer.
+Ein innres Unbehagen fuegt sich oft
+Auch wider unsern Willen an die Tat.
+
+Weltgeistlicher.
+Was hoer' ich? Du bedenklich? Oder willst
+Du mich nur pruefen, ob es euch gelang,
+Mich, euren Schueler, voellig auszubilden?
+
+Sekretaer.
+Das Wichtige bedenkt man nie genug.
+
+Weltgeistlicher.
+Bedenke man, eh' noch die Tat beginnt.
+
+Sekretaer.
+Auch in der Tat ist Raum fuer Ueberlegung.
+
+Weltgeistlicher.
+Fuer mich ist nichts zu ueberlegen mehr!
+Da waer' es Zeit gewesen, als ich noch
+Im Paradies beschraenkter Freuden weilte,
+Als, von des Gartens engem Hag umschlossen,
+Ich selbst gesaete Baeume selber pfropfte,
+Aus wenig Beeten meinen Tisch versorgte,
+Als noch Zufriedenheit im kleinen Hause
+Gefuehl des Reichtums ueber alles goss,
+Und ich nach meiner Einsicht zur Gemeinde
+Als Freund, als Vater aus dem Herzen sprach,
+Dem Guten foerdernd meine Haende reichte,
+Dem Boesen wie dem Uebel widerstritt.
+O haette damals ein wohltaet'ger Geist
+Vor meiner Tuere dich vorbei gewiesen,
+An der du muede, durstig von der Jagd
+Zu klopfen kamst; mit schmeichlerischem Wesen,
+Mit suessem Wort mich zu bezaubern wusstest.
+Der Gastfreundschaft geweihter, schoener Tag,
+Er war der letzte rein genossnen Friedens.
+
+Sekretaer.
+Wir brachten dir so manche Freude zu.
+
+Weltgeistlicher.
+Und dranget mir so manch Beduerfnis auf.
+Nun war ich arm, als ich die Reichen kannte;
+Nun war ich sorgenvoll, denn mir gebrach's;
+Nun hatt' ich Not, ich brauchte fremde Hilfe.
+Ihr wart mir hilfreich, teuer buess' ich das.
+Ihr nahmt mich zum Genossen eures Gluecks,
+Mich zum Gesellen eurer Taten auf.
+Zum Sklaven, sollt' ich sagen, dingtet ihr
+Den sonst so freien, jetzt bedraengten Mann.
+Ihr lohnt ihm zwar, doch immer noch versagt
+Ihr ihm den Lohn, den er verlangen darf.
+
+Sekretaer.
+Vertraue, dass wir dich in kurzer Zeit
+Mit Guetern, Ehren, Pfruenden ueberhaeufen.
+
+Weltgeistlicher.
+Das ist es nicht, was ich erwarten muss.
+
+Sekretaer.
+Und welche neue Fordrung bildest du?
+
+Weltgeistlicher.
+Als ein gefuehllos Werkzeug braucht ihr mich
+Auch diesmal wieder. Dieses holde Kind
+Verstosst ihr aus dem Kreise der Lebend'gen;
+Ich soll die Tat beschoenen, sie bedecken,
+Und ihr beschliesst, begeht sie ohne mich.
+Von nun an fordr' ich, mit im Rat zu sitzen,
+Wo Schreckliches beschlossen wird, wo jeder,
+Auf seinen Sinn, auf seine Kraefte stolz,
+Zum unvermeidlich Ungeheuren stimmt.
+
+Sekretaer.
+Dass du auch diesmal dich mit uns verbunden,
+Erwirbt aufs neue dir ein grosses Recht.
+Gar manch Geheimnis wirst du blad vernehmen;
+Dahin gedulde dich und sei gefasst.
+
+Weltgeistlicher.
+Ich bin's und bin noch weiter, als ihr denkt;
+In eure Plaene schaut' ich laengst hinein.
+Der nur verdient geheimnisvolle Weihe,
+Der ihr durch Ahnung vorzugreifen weiss.
+
+Sekretaer.
+Was ahnest du? Was weisst du?
+
+Weltgeistlicher.
+ Lass uns das
+Auf ein Gespraech der Mitternacht versparen.
+O dieses Maedchens trauriges Geschick
+Verschwindet, wie ein Bach im Ozean,
+Wenn ich bedenke, wie verborgen ihr
+Zu maechtiger Parteigewalt euch hebt
+Und an die Stelle der Gebietenden
+Mit frecher List euch einzudraengen hofft.
+Nicht ihr allein; denn andre streben auch,
+Euch widerstrebend, nach demselben Zweck.
+So untergrabt ihr Vaterland und Thron;
+Wer soll sich retten, wenn das Ganze stuerzt?
+
+Sekretaer.
+Ich hoere kommen! Tritt hier an die Seite!
+Ich fuehre dich zu rechter Zeit herein.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Herzog. Sekretaer.
+
+Herzog.
+Unsel'ges Licht! Du rufst mich auf zum Leben,
+Mich zum Bewusstsein dieser Welt zurueck
+Und meiner selbst. Wie oede, hohl und leer
+Liegt alles vor mir da, und ausgebrannt,
+Ein grosser Schutt, die Staette meines Gluecks.
+
+Sekretaer.
+Wenn jeder von den Deinen, die um dich
+In dieser Stunde leiden, einen Teil
+Von deinen Schmerzen uebertragen koennte,
+Du fuehltest dich erleichtert und gestaerkt.
+
+Herzog.
+Der Schmerz um Liebe, wie die Liebe, bleibt
+Unteilbar und unendlich. Fuehl' ich doch,
+Welch ungeheures Unglueck den betrifft,
+Der seines Tags gewohntes Gut vermisst.
+Warum o! Lasst ihr die bekannten Waende
+Mit Farb' und Gold mir noch entgegen scheinen,
+Die mich an gestern, mich an ehegestern,
+An jenen Zustand meines vollen Gluecks
+Mich kalt erinnern. O warum verhuellet
+Ihr nicht Gemach und Saal mit schwarzem Krepp!
+Dass, finster wie mein Innres, auch von aussen
+Ein ewig naecht'ger Schatten mich umfange.
+
+Sekretaer.
+O moechte doch das Viele, das dir bleibt,
+Nach dem Verlust als etwas dir erscheinen.
+
+Herzog.
+Ein geistverlassner koerperlicher Traum!
+Sie war die Seele dieses ganzen Hauses.
+Wie schwebte beim Erwachen sonst das Bild
+Des holden Kindes dringend mir entgegen!
+Hier fand ich oft ein Blatt von ihrer Hand,
+Ein geistreich, herzlich Blatt zum Morgengruss.
+
+Sekretaer.
+Wie drueckte nicht der Wunsch, dich zu ergoetzen,
+Sich dichtrisch oft in fruehen Reimen aus.
+
+Herzog.
+Die Hoffnung, sie zu sehen, gab den Stunden
+Des muehevollen Tags den einz'gen Reiz.
+
+Sekretaer.
+Wie oft bei Hindernis und Zoegrung hat
+Man ungeduldig, wie nach der Geliebten
+Den raschen Juengling, dich nach ihr gesehn.
+
+Herzog.
+Vergleiche doch die jugendliche Glut,
+Die selbstischen Besitz verzehrend hascht,
+Nicht dem Gefuehl des Vaters, der entzueckt,
+In heil'gem Anschaun stille hingegeben,
+Sich an Entwicklung wunderbarer Kraefte,
+Sich an der Bildung Riesenschritten freut.
+Der Liebe Sehnsucht fordert Gegenwart;
+Doch Zukunft ist des Vaters Eigentum.
+Dort liegen seiner Hoffnung weite Felder,
+Dort seiner Saaten keimender Genuss.
+
+Sekretaer.
+O Jammer! Diese grenzenlose Wonne,
+Dies ewig frische Glueck verlorst du nun.
+
+Herzog.
+Verlor ich's? War es doch im Augenblick
+Vor meiner Seele noch im vollen Glanz.
+Ja, ich verlor's! Du rufst's, Ungluecklicher,
+Die oede Stunde ruft mir's wieder zu.
+Ja, ich verlor's! So stroemt, ihr Klagen, denn!
+Zerstoere, Jammer, diesen festen Bau,
+Den ein zu guenstig Alter noch verschont.
+Verhasst sei mir das Bleibende, verhasst,
+Ws mir in seiner Dauer Stolz erscheint;
+Erwuenscht, was fliesst und schwankt. Ihr Fluten, schwellt,
+Zerreisst die Daemme, wandelt Land in See!
+Eroeffne deine Schluende, wildes Meer!
+Verschlinge Schiff und Mann und Schaetze! Weit
+Verbreitet euch, ihr kriegerischen Reihen,
+Und haeuft auf blut'gen Fluren Tod auf Tod!
+Entzuende, Strahl des Himmels, dich im Leeren
+Und triff der kuehnen Tuerme sichres Haupt!
+Zertruemmr', entzuende sie und geissle weit
+Im Stadtgedraeng' der Flamme Wut umher,
+Dass ich, von allem Jammer rings umfangen,
+Dem Schicksal mich ergebe, das mich traf!
+
+Sekretaer.
+Das ungeheuer Unerwartete
+Bedraengt dich fuerchterlich, erhabner Mann.
+
+Herzog.
+Wohl unerwartet kam's, nicht ungewarnt.
+In meinen Armen liess ein guter Geist
+Sie von den Toten wieder auferstehn
+Und zeigte mir gelind, voruebereilend,
+Ein Schreckliches, nun ewig Bleibendes.
+Da sollt' ich strafen die Verwegenheit,
+Dem Uebermut mich scheltend widersetzen,
+Verbieten jene Raserei, die, sich
+Unsterblich, unverwundbar waehnend, blind,
+Wetteifern mit dem Vogel, sich durch Wald
+Und Fluss und Straeuche von dem Felsen stuerzt.
+
+Sekretaer.
+Was oft und gluecklich unsre Besten tun,
+Wie sollt' es dir des Ungluecks Ahnung bringen?
+
+Herzog.
+Die Ahnung dieser Leiden fuehlt' ich wohl,
+Als ich zum letzten Mal--Zum letzten Mal!
+Du sprichst es aus, das fuerchterliche Wort,
+Das deinen Weg mit Finsternis umzieht.
+O haett' ich sie nur einmal noch gesehn!
+Vielleicht war dieses Unglueck abzuleiten.
+Ich haette flehentlich gebeten, sie als Vater
+Zum treulichsten ermahnt, sich mir zu schonen,
+Und von der Wut tollkuehner Reiterei
+Um unsres Glueckes willen abzustehn.
+Ach, diese Stunde war mir nicht gegoennt.
+Und nun vermiss' ich mein geliebtes Kind!
+Sie ist dahin! Verwegner ward sie nur
+Durch jenen Sturz, dem sie so leicht entrann.
+Und niemand, sie zu warnen, sie zu leiten!
+Entwachsen war sie dieser Frauenzucht.
+In welchen Haenden liess ich solchen Schatz?
+Verzaertelnden, nachgieb'gen Weiberhaenden.
+Kein festes Wort, den Willen meines Kinds
+Zu maessiger Vernuenftigkeit zu lenken!
+Zur unbedingten Freiheit liess man ihr,
+Zu jedem kuehnen Wagnis offnes Feld.
+Ich fuehlt' es oft und sagt' es mir nicht klar:
+Bei diesem Weibe war sie schlecht verwahrt.
+
+Sekretaer.
+O tadle nicht die Unglueckselige!
+Vom tiefsten Schmerz begleitet, irrt sie nun,
+Wer weiss, in welche Lande, trostlos hin.
+Sie ist entflohn. Denn wer vermoechte dir
+Ins Angesicht zu sehen, der auch nur
+Den fernsten Vorwurf zu befuerchten haette.
+
+Herzog.
+O lass mich ungerecht auf andre zuernen,
+Dass ich mich nicht verzweifelnd selbst zerreisse!
+Wohl trag' ich selbst die Schuld und trag' sie schwer.
+Denn rief ich nicht mit toerigem Beginnen
+Gefahr und Tod auf dieses teure Haupt?
+Sie ueberall zu sehn als Meisterin,
+Das war mein Stolz! Zu teuer buess' ich ihn.
+Zu Pferde sollte sie, im Wagen sie,
+Die Rosse baendigend, als Heldin glaenzen.
+Ins Wasser tauchend, schwimmend schien sie mir
+Den Elementen goettlich zu gebieten.
+So, hiess es, kann sie jeglicher Gefahr
+Dereinst entgehen. Statt sie zu bewahren,
+Gibt Uebung zur Gefahr den Tod ihr nun.
+
+Sekretaer.
+Des edlen Pflichtgefuehles Uebung gibt,
+Ach! Unsrer Unvergesslichen den Tod.
+
+Herzog.
+Erklaere dich!
+
+Sekretaer.
+ Und weck' ich diesen Schmerz
+Durch Schildrung kindlich edlen Unternehmens?
+Ihr alter, erster, hoch geliebter Freund
+Und Lehrer wohnt, von dieser Stadt entfernt,
+Verschraenkt in Truebsinn, Krankheit, Menschenhass.
+Nur sie allein vermocht' ihn zu erheitern;
+Als Leidenschaft empfand sie diese Pflicht;
+Nur allzu oft verlangte sie hinueber,
+Und oft versagte man's. Nun hatte sie's
+Planmaessig angelegt; sie nutzte kuehn
+Des Morgenrittes abgemessne Stunden
+Mit ungeheurer Schnelligkeit zum Zweck,
+Den alten, viel geliebten Mann zu sehn.
+Ein einz'ger Reitknecht nur war im Geheimnis,
+Er unterlegt' ihr jedes Mal das Pferd,
+Wie wir vermuten; denn auch er ist fort.
+Der arme Mensch und jene Frau verloren
+Aus Furcht vor dir sich in die weite Welt.
+
+Herzog.
+Die Gluecklichen, die noch zu fuerchten haben,
+Bei denen sich der Schmerz um ihres Herrn
+Verlornes Heil in leicht verwundene,
+In leicht gehobne Bangigkeit verwandelt!
+Ich habe nichts zu fuerchten! Nichts zu hoffen!
+Drum lass mich alles wissen; zeige mir
+Den kleinsten Umstand an! Ich bin gefasst.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Herzog. Sekretaer. Weltgeistlicher.
+
+Sekretaer.
+Auf diesen Augenblick, verehrter Fuerst,
+Hab' ich hier einen Mann zurueckgehalten,
+Der, auch gebeugt, vor deinem Blick erscheint.
+Es ist der Geistliche, der aus der Hand
+Des Todes deine Tochter aufgenommen,
+Und sie, da keiner Hilfe Trost sich zeigte,
+Mit liebevoller Sorgfalt beigesetzt.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Herzog. Weltgeistlicher.
+
+Weltgeistlicher.
+Den Wunsch, vor deinem Antlitz zu erscheinen,
+Erhabner Fuerst, wie lebhaft hegt' ich ihn!
+Nun wird er mir gewaehrt im Augenblick,
+Der dich und mich in tiefen Jammer senkt.
+
+Herzog.
+Auch so willkommen, unwillkommner Bote!
+Du hast sie noch gesehn, den letzten Blick,
+Den sehnsuchtsvollen, dir ins Herz gefasst,
+Das letzte Wort bedaechtig aufgenommen,
+Dem letzten Seufzer Mitgefuehl erwidert.
+O sage: Sprach sie noch? Was sprach sie aus?
+Gedachte sie des Vaters? Bringst du mir
+Von ihrem Mund ein herzlich Lebewohl?
+
+Weltgeistlicher.
+Willkommen scheint ein unwillkommner Bote,
+Solang er schweigt und noch der Hoffnung Raum,
+Der Taeuschung Raum in unserm Herzen gibt.
+Der ausgesprochne Jammer ist verhasst.
+
+Herzog.
+Was zauderst du? Was kann ich mehr erfahren?
+Sie ist dahin! Und diesen Augenblick
+Ist ueber ihrem Sarge Ruh' und Stille.
+Was sie auch litt, es ist fuer sie vorbei,
+Fuer mich beginnt es; aber rede nur!
+
+Weltgeistlicher.
+Ein allgemeines Uebel ist der Tod.
+So denke dir das Schicksal deiner Toten,
+Und finster wie des Grabes Nacht verstumme
+Der Uebergang, der sie hinabgefuehrt.
+Nicht jeden leitet ein gelinder Gang
+Unmerklich in das stille Reich der Schatten.
+Gewaltsam schmerzlich reisst Zerstoerung oft
+Durch Hoellenqualen in die Ruhe hin.
+
+Herzog.
+So hat sie viel gelitten?
+
+Weltgeistlicher.
+ Viel, nicht lange.
+
+Herzog.
+Es war ein Augenblick, in dem sie litt,
+Ein Augenblick, wo sie um Hilfe rief.
+Und ich? Wo war ich da? Welch ein Geschaeft,
+Welch ein Vergnuegen hatte mich gefesselt?
+Verkuendigte mir nichts das Schreckliche,
+Das mir das Leben voneinander riss?
+Ich hoerte nicht den Schrei, ich fuehlte nicht
+Den Unfall, der mich ohne Rettung traf.
+Der Ahnung heil'ges, fernes Mitgefuehl
+Ist nur ein Maerchen. Sinnlich und verstockt,
+Ins Gegenwaertige verschlossen, fuehlt
+Der Mensch das naechste Wohl, das naechste Weh,
+Und Liebe selbst ist in der Ferne taub.
+
+Weltgeistlicher.
+Soviel auch Worte gelten, fuehl' ich doch,
+Wie wenig sie zum Troste wirken koennen.
+
+Herzog.
+Das Wort verwundet leichter, als es heilt.
+Und ewig wiederholend strebt vergebens
+Verlornes Glueck der Kummer herzustellen.
+So war denn keine Hilfe, keine Kunst
+Vermoegend, sie ins Leben aufzurufen?
+Was hast du, sage mir, begonnen? Was
+Zu ihrem Heil versucht? Du hast gewiss
+Nichts unbedacht gelassen.
+
+Weltgeistlicher.
+ Leider war
+Nichts zu bedenken mehr, als ich sie fand.
+
+Herzog.
+Und soll ich ihres Lebens holde Kraft
+Auf ewig missen! Lass mich meinen schmerz
+Durch meinen Schmerz betruegen, diese Reste
+Verewigen. O komm! Wo liegen sie?
+
+Weltgeistlicher.
+In wuerdiger Kapelle steht ihr Sarg
+Allein verwahrt. Ich sehe vom Altar
+Durchs Gitter jedes Mal die Staette, will
+Fuer sie, solang ich lebe, betend flehen.
+
+Herzog.
+O komm und fuehre mich dahin! Begleiten
+Soll uns der Aerzte viel erfahrenster.
+Lass uns den schoenen Koerper der Verwesung
+Entreissen! Lass mit edlen Spezereien
+Das unschaetzbare Bild zusammenhalten!
+Ja! Die Atomen alle, die sich einst
+Zur koestlichen Gestalt versammelten,
+Sie sollen nicht ins Element zurueck.
+
+Weltgeistlicher.
+Was darf ich sagen? Muss ich dir bekennen!
+Du kannst nicht hin! Ach! Das zerstoerte Bild!
+Kein Fremder saeh' es ohne Jammer an!
+Und vor die Augen eines Vaters--Nein,
+Verhuet' es Gott! Du darfst sie nicht erblicken.
+
+Herzog.
+Welch neuer Qualenkrampf bedroht mich!
+
+Weltgeistlicher.
+O lass mich schweigen, dass nicht meine Worte
+Auch die Erinnrung der Verlornen schaenden!
+Lass mich verhehlen, wie sie durchs Gebuesch,
+Durch Felsen hergeschleift, entstellt und blutig,
+Zerrissen und zerschmettert und zerbrochen,
+Unkenntlich, mir im Arm zur Erde hing.
+Da segnet' ich, von Traenen ueberfliessend,
+Der Stunde Heil, in der ich feierlich
+Dem holden Vaternamen einst entsagt.
+
+Herzog.
+Du bist nicht Vater! Bist der selbstischen
+Verstockten, der Verkehrten einer, die
+Ihr abgeschlossnes Wesen unfruchtbar
+Verzweifeln laesst. Entferne dich! Verhasst
+Erscheinet mir dein Anblick.
+
+Weltgeistlicher.
+ Fuehlt' ich's doch!
+Wer kann dem Boten solcher Not verzeihn?
+
+(Will sich entfernen.)
+
+Herzog.
+Vergib und bleib. Ein schoen entworfnes Bild,
+Das wunderbar dich selbst zum zweiten Mal
+Vor deinen Augen zu erschaffen strebt,
+Hast du entzueckt es jemals angestaunt?
+O haettest du's! Du haettest diese Form,
+Die sich zu meinem Glueck, zur Lust der Welt
+In tausendfaelt'gen Zuegen auferbaut,
+Mir grausam nicht zerstuemmelt, mir die Wonne
+Der traurigen Erinnrung nicht verkuemmert.
+
+Weltgeistlicher.
+Was sollt' ich tun? Dich zu dem Sarge fuehren,
+Den tausend fremde Traenen schon benetzt,
+Als ich das morsche, schlotternde Gebein
+Zu ruhiger Verwesung eingeweiht?
+
+Herzog.
+Schweig, Unempfindlicher! Du mehrest nur
+Den herben Schmerz, den du zu lindern denkst.
+O! Wehe! Dass die Elemente nun,
+Von keinem Geist der Ordnung mehr beherrscht,
+Im leisen Kampf das Goetterbild zerstoeren.
+Wenn ueber werdend Wachsendem vorher
+Der Vatersinn mit Wonne bruetend schwebte,
+So stockt, so kehrt in Moder nach und nach
+Vor der Verzweiflung Blick die Lust des Lebens.
+
+Weltgeistlicher.
+Was Lust und Licht Zerstoerliches erbaut,
+Bewahret lange das verschlossne Grab.
+
+Herzog.
+O weiser Brauch der Alten, das Vollkommne,
+Das ernst und langsam die Natur geknuepft,
+Des Menschenbilds erhabne Wuerde, gleich
+Wenn sich der Geist, der wirkende, getrennt,
+Durch reiner Flammen Taetigkeit zu loesen!
+Und wenn die Glut mit tausend Gipfeln sich
+Zum Himmel hob und zwischen Dampf und Wolken,
+Des Adlers Fittich deutend sich bewegte,
+Da trocknete die Traene, freier Blick
+Der Hinterlassnen stieg dem neuen Gott
+In des Olymps verklaerte Raeume nach.
+O sammle mir in koestliches Gefaess
+Der Asche, der Gebeine trueben Rest,
+Dass die vergebens ausgestreckten Arme
+Nur etas fassen, dass ich dieser Brust,
+Die sehnsuchtsvoll sich in das Leere draengt,
+Den schmerzlichsten Besitz entgegendruecke.
+
+Westgeistlicher.
+Die Trauer wird durch Trauern immer herber.
+
+Herzog.
+Durch Trauern wird die Trauer zum Genuss.
+O dass ich doch geschwundner Asche Rest,
+Im kleinen Hause, wandernd, immer weiter,
+Bis zu dem Ort, wo ich zuletzt sie sah,
+Als Buessender mit kurzen Schritten truege!
+Dort lag sie tot in meinen Armen, dort
+Sah ich, getaeuscht, sie in das Leben kehren.
+Ich glaubte, sie zu fassen, sie zu halten,
+Und nun ist sie auf ewig mir entrueckt.
+Dort aber will ich meinen Schmerz verew'gen.
+Ein Denkmal der Genesung hab' ich dort
+In meines Traums Entzueckungen gelobt--
+Schon fuehret klug des Gartenmeisters Hand
+Durch Busch und Fels bescheidne Wege her,
+Schon wird der Platz gerundet, wo mein Koenig
+Als Oheim sie an seine Brust geschlossen,
+Und ebenmass und Ordnung will den Raum
+Verherrlichen, der mich so hoch beglueckt.
+Doch jede Hand soll feiern! Halb vollbracht
+Soll dieser Plan wie mein Geschick erstarren!
+Das Denkmal nur, ein Denkmal will ich stiften,
+Von rauen Steinen ordnungslos getuermt,
+Dorthin zu wallen, stille zu verweilen,
+Bis ich vom Leben endlich selbst genese.
+O lasst mich dort, versteint, am Steine ruhn,
+Bis aller Sorgfalt lichtgezogne Spur
+Aus dieser Wueste Trauersitz verschwindet!
+Mag sich umher der freie Platz berasen,
+Mag sich der Zweig dem Zweige wild verflechten,
+Der Birke hangend Haar den Boden schlagen,
+Der junge Busch zum Baume sich erheben,
+Mit Moos der glatte Stamm sich ueberziehn;
+Ich fuehle keine Zeit; denn sie ist hin,
+An deren Wachstum ich die Jahre mass.
+
+Weltgeistlicher.
+Den viel bewegten Reiz der Welt zu meiden,
+Das Einerlei der Einsamkeit zu waehlen,
+Wird sich's der Mann erlauben, der sich oft
+Wohltaetiger Zerstreuung uebergab,
+Wenn Unertraegliches, mit Felsenlast
+Herbei sich waelzend, ihn bedrohend, schlich?
+Hinaus! Mit Fluegelschnelle durch das Land,
+Durch fremde Reiche, dass vor deinem Sinn
+Der Erde Bilder heilend sich bewegen.
+
+Herzog.
+Was hab' ich in der Welt zu suchen, wenn
+Ich sie nicht wieder finde, die allein
+Ein Gegenstand fuer meine Blicke war?
+Soll Fluss und Huegel, Tal und Wald und Fels
+Vorueber meinen Augen gehen und nur
+Mir das Beduerfnis wecken, jenes Bild,
+Das einzige geliebte, zu erhaschen?
+Vom hohen Berg hinab, ins weite Meer,
+Was soll fuer mich ein Reichtum der Natur,
+Der an Verlust und Armut mich erinnert!
+
+Weltgeistlicher.
+Und neue Gueter eignest du dir an!
+
+Herzog.
+Nur durch der Jugend frisches Auge mag
+Das laengst Bekannte neubelebt uns ruehren,
+Wenn das Erstaunen, das wir laengst verschmaeht,
+Von Kindes Munde hold uns widerklingt.
+So hofft' ich, ihr des Reichs bebaute Flaechen,
+Der Waelder Tiefen, der Gewaesser Flut
+Bis an das offne Meer zu zeigen, dort
+Mich ihres trunknen Blicks ins Unbegrenzte
+Mit unbegrenzter Liebe zu erfreun.
+
+Weltgeistlicher.
+Wenn du, erhabner Fuerst, des grossen Lebens
+Beglueckte Tage der Beschauung nicht
+Zu widmen trachtetest, wenn Taetigkeit
+Fuers Wohl Unzaehliger am Throne dir
+Zum Vorzug der Geburt den herrlichern
+Des allgemeinen, edlen Wirkens gab,
+So ruf' ich dich im Namen aller auf:
+Ermanne dich! Und lass die trueben Stunden,
+Die deinen Horizont umziehn, fuer andre,
+Durch Trost und Rat und Hilfe, lass fuer dich
+Auch diese Stunden so zum Feste werden.
+
+Herzog.
+Wie schal und abgeschmackt ist solch ein Leben,
+Wenn alles Regen, alles Treiben stets
+Zu neuem Regen, neuem Treiben fuehrt
+Und kein geliebter Zweck euch endlich lohnt.
+Den sah ich nur in ihr, und so besass
+Und so erwarb ich mit Vergnuegen, ihr
+Ein kleines Reich anmut'gen Gluecks zu schaffen.
+So war ich heiter, aller Menschen Freund,
+Behilflich, wach, zu Rat und Tat bequem.
+Den Vater lieben sie! So sagt' ich mir,
+Dem Vater danken sie's und werden auch
+Die Tochter einst als werte Freundin gruessen.
+
+Weltgeistlicher.
+Zu suessen Sorgen bleibt nun keine Zeit!
+Ganz andre fordern dich, erhabner Mann!
+Darf ich's erwaehnen? Ich, der unterste
+Von deinen Dienern? Jeder ernste Blick
+In diesen trueben Tagen ist auf dich,
+Auf deinen Wert, auf deine Kraft gerichtet.
+
+Herzog.
+Der Glueckliche nur fuehlt sich Wert und Kraft.
+
+Weltgeistlicher.
+So tiefer Schmerzen heisse Qual verbuergt
+Dem Augenblick unendlichen Gehalt,
+Mir aber auch Verzeihung, wenn sich kuehn
+Vertraulichkeit von meinen Lippen wagt.
+Wie heftig wilde Gaerung unten kocht,
+Wie Schwaeche kaum sich oben schwankend haelt;
+Nicht jedem wird es klar, dir aber ist's
+Mehr als der Menge, der ich angehoere.
+O zaudre nicht, im nahen Sturmgewitter
+Das falsch gelenkte Steuer zu ergreifen!
+Zum Wohle deines Vaterlands verbanne
+Den eignen Schmerz; sonst werden tausend Vaeter
+Wie du um ihre Kinder weinen, tausend
+Und aber tausend Kinder ihre Vaeter
+Vermissen, Angstgeschrei der Muetter graesslich
+An hohler Kerkerwand verklingend hallen.
+O bringe deinen Jammer, deinen Kummer
+Auf dem Altar des allgemeinen Wohls
+Zum Opfer dar, und alle, die zu rettest,
+Gewinnst du dir als Kinder zum Ersatz.
+
+Herzog.
+Aus grauenvollen Winkeln fuehre nicht
+Mir der Gespenster dichte Schar heran,
+Die meiner Tochter liebliche Gewalt
+Mir zaubrisch oft und leicht hinweggebannt.
+Sie ist dahin, die schmeichlerische Kraft,
+Die meinen Geist in holde Traeume sang.
+Nun draengt das Wirkliche mit dichten Massen
+An mich heran und droht, mich zu erdruecken.
+Hinaus, hinaus! Von dieser Welt hinweg!
+Und luegt mir nicht das Kleid, in dem du wandelst,
+So fuehre mich zur Wohnung der Geduld,
+Ins Kloster fuehre mich und lass mich dort,
+Im allgemeinen Schweigen, stumm, gebeugt,
+Ein muedes Leben in die Grube senken.
+
+Weltgeistlicher.
+Mir ziemt es kaum, dich an die Welt zu weisen;
+Doch andre Worte sprech' ich kuehner aus.
+Nicht in das Grab, nicht uebers Grab verschwendet
+Ein edler Mann der Sehnsucht hohen Wert.
+Er kehrt in sich zurueck und findet staunend
+In seinem Busen das Verlorene wieder.
+
+Herzog.
+Dass ein Besitz so fest sich hier erhaelt,
+Wenn das Verlorne fern und ferner flieht,
+Das ist die Qual, die das geschiedene,
+Fuer ewig losgerissne Glied aufs neue
+Dem Schmerz ergriffnen Koerper fuegen will.
+Getrenntes Leben, wer vereinigt's wieder?
+Vernichtetes, wer stellt es her?
+
+Weltgeistlicher.
+ Der Geist!
+Des Menschen Geist, dem nichts verloren geht,
+Was er von Wert mit Sicherheit besessen.
+So lebt Eugenie vor dir, sie lebt
+In deinem Sinne, den sie sonst erhub,
+Dem sie das Anschaun herrlicher Natur
+Lebendig aufgeregt; so wirkt sie noch
+Als hohes Vorbild, schuetzet vor Gemeinem,
+Vor Schlechtem dich, wie's jede Stunde bringt,
+Und ihrer Wuerde wahrer Glanz verscheuchet
+Den eitlen Schein, der dich bestechen will.
+So fuehle dich durch ihre Kraft beseelt!
+Und gib ihr so ein unzerstoerlich Leben,
+Das keine Macht entreissen kann, zurueck.
+
+Herzog.
+Lass eines dumpfen, dunklen Traumgeflechtes
+Verworrne Todesnetze mich zerreissen!
+Und bleibe mir, du vielgeliebtes Bild,
+Vollkommen, ewig jung und ewig gleich!
+Lass deiner klaren Augen reines Licht
+Mich immerfort umglaenzen! Schwebe vor,
+Wohin ich wandle, zeige mir den Weg
+Durch dieser Erde Dornenlabyrinth!
+Du bist kein Traumbild, wie ich dich erblicke;
+Du warst, du bist. Die Gottheit hatte dich
+Vollendet einst gedacht und dargestellt.
+So bist du teilhaft des Unendlichen,
+Des Ewigen, und bist auf ewig mein.
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+(Platz am Hafen. Zur einen Seite ein Palast, auf der andern eine Kirche,
+im Grund eine Reihe Baeume, durch die man nach dem Hafen hinab sieht.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Eugenie, in einen Schleier gehuellt, auf einer Bank im Grunde,
+mit dem Gesicht nach der See. Hofmeisterin, Gerichtsrat im
+Vordergrunde.
+
+Hofmeisterin.
+Draengt unausweichlich ein betruebt Geschaeft
+Mich aus dem Mittelpunkt des Reiches, mich
+Aus dem Bezirk der Hauptstadt an die Grenze
+Des festen Lands zu diesem Hafenplatz,
+So folgt mir streng die Sorge, Schritt vor Schritt,
+Und deutet mir bedenklich in die Weite.
+Wie muessen Rat und Anteil eines Manns,
+Der allen edel, zuverlaessig gilt,
+Mir als ein Leitstern wonniglich erscheinen!
+Verzeih daher, wenn ich mit diesem Blatt,
+Das mich zu solcher schweren Tat berechtigt,
+Zu dir mich wendend komme, den so lange
+Man im Gericht, wo viel Gerechte wirken,
+Erst pries als Beistand, nun als Richter preist.
+
+Gerichtsrat (der indessen das Blatt nachdenkend angesehen).
+Nicht mein Verdienst, nur mein Bemuehen war
+Vielleicht zu preisen. Sonderbar jedoch
+Will es mich duenken, dass du eben diesen,
+Den du gerecht und edel nennen willst,
+In solcher Sache fragen, ihm getrost
+Solch ein Papier vors Auge dringen magst,
+Worauf er nur mit Schauder blicken kann.
+Nicht ist von Recht, noch von Gericht die Rede;
+Hier ist Gewalt! Entsetzliche Gewalt,
+Selbst wenn sie klug, selbst wenn sie weise handelt.
+Anheim gegeben ward ein edles Kind,
+Auf Tod und Leben--sag' ich wohl zu viel?--
+Anheim gegeben deiner Willkuer. Jeder,
+Sei er Beamter, Kriegsmann, Buerger, alle
+Sind angewiesen, dich zu schuetzen, sie
+Nach deines Worts Gesetzen zu behandeln.
+
+(Er gibt das Blatt zurueck.)
+
+Hofmeisterin.
+Auch hier beweise dich gerecht und lass
+Nicht dies Papier allein als Klaeger sprechen,
+Auch mich, die hart Verklagte, hoere nun
+Und meinen offnen Vortrag guenstig an.
+Aus edlem Blut entspross die Treffliche;
+Von jeder Gabe, jeder Tugend schenkt'
+Ihr die Natur den allerschoensten Teil,
+Wenn das Gesetz ihr andre Rechte weigert.
+Und nun verbannt! Ich sollte sie dem Kreise
+Der Ihrigen entfuehren, sie hierher,
+Hinueber nach den Inseln sie geleiten.
+
+Gerichtsrat.
+Gewissem Tod entgegen, der im Qualm
+Erhitzter Duenste schleichend ueberfaellt.
+Dort soll verwelken diese Himmelsblume,
+Die Farbe dieser Wange dort verbleichen!
+Verschwinden die Gestalt, die sich das Auge
+Mit Sehnsucht immer zu erhalten wuenscht.
+
+Hofmeisterin.
+Bevor du richtest, hoere weiter an!
+Unschuldig ist, bedarf es wohl Beteurung?
+Doch vieler Uebel Ursach' dieses Kind.
+Sie als des Haders Apfel warf ein Gott
+Erzuernt ins Mittel zwischen zwei Parteien,
+Die sich, auf ewig nun getrennt, bekaempfen.
+Sie will der eine Teil zum hoechsten Glueck
+Berechtigt wissen, wenn der andre sie
+Hinabzudraengen strebt. Entschieden beide!--
+Und so umschlang ein heimlich Labyrinth
+Verschmitzten wirkens doppelt ihr Geschick,
+So schwankte List um List im Gleichgewicht,
+Bis ungeduld'ge Leidenschaft zuletzt
+Den Augenblick entschiedenen Gewinns
+Beschleunigte. Da brach von beiden Seiten
+Die Schranke der Verstellung, drang Gewalt,
+Dem Staate selbst gefaehrlich, drohend los,
+Und nun, sogleich der Schuld'gen Schuld zu hemmen,
+Zu tilgen, trifft ein hoher Goetterspruch
+Des Kampfs unschuld'gen Anlass, meinen Zoegling,
+Und reisst, verbannend, mich mit ihm dahin.
+
+Gerichtsrat.
+Ich schelte nicht das Werkzeug, rechte kaum
+Mit jenen Maechten, die sich solche Handlung
+Erlauben koennen. Leider sind auch sie
+Gebunden und gedraengt. Sie wirken selten
+Aus freier Ueberzeugung. Sorge, Furcht
+Vor groesserm Uebel noetiget Regenten
+Die nuetzlich ungerechten Taten ab.
+Vollbringe, was du musst, entferne dich
+Aus meiner Enge rein gezognem Kreis.
+
+Hofmeisterin.
+Den eben such' ich auf! Da dring' ich hin!
+Dort hoff' ich Heil! Du wirst mich nicht verstossen.
+Den werten Zoegling wuenscht' ich lange schon
+Vom Glueck zu ueberzeugen, das im Kreise
+Des Buergerstandes hold genuegsam weilt.
+Entsagte sie der nicht gegoennten Hoehe,
+Ergaebe sich des biedern Gatten Schutz
+Und wendete von jenen Regionen,
+Wo sie Gefahr, Verbannung, Tod umlauern,
+Ins Haeusliche den liebevollen Blick;
+Geloest waer' alles, meiner strengen Pflicht
+Waer' ich entledigt, koennt' im Vaterland
+Vertrauter Stunden mich verweilend freuen.
+
+Gerichtsrat.
+Ein sonderbar Verhaeltnis zeigst du mir!
+
+Hofmeisterin.
+Dem klug entschlossnen Manne zeig' ich's an.
+
+Gerichtsrat.
+Du gibst sie frei, wenn sich ein Gatte findet?
+
+Hofmeisterin.
+Und reichlich ausgestattet geb' ich sie.
+
+Gerichtsrat.
+So uebereilt, wer duerfte sich entschliessen?
+
+Hofmeisterin.
+Nur uebereilt bestimmt die Neigung sich.
+
+Gerichtsrat.
+Die Unbekannte waehlen waere Frevel.
+
+Hofmeisterin.
+Dem ersten Blick ist sie gekannt und wert.
+
+Gerichtsrat.
+Der Gattin Feinde drohen auch dem Gatten.
+
+Hofmeisterin.
+Versoehnt ist alles, wenn sie Gattin heisst.
+
+Gerichtsrat.
+Und ihr Geheimnis, wird man's ihm entdecken?
+
+Hofmeisterin.
+Vertrauen wird man dem Vertrauenden.
+
+Gerichtsrat.
+Und wird sie frei solch einen Bund erwaehlen?
+
+Hofmeisterin.
+Ein grosses Uebel draenget sie zur Wahl.
+
+Gerichtsrat.
+In solchem Fall zu werben, ist es redlich?
+
+Hofmeisterin.
+Der Rettende fasst an und kluegelt nicht.
+
+Gerichtsrat.
+Was forderst du vor allen andern Dingen?
+
+Hofmeisterin.
+Entschliessen soll sie sich im Augenblick.
+
+Gerichtsrat.
+Ist euer Schicksal aengstlich so gesteigert?
+
+Hofmeisterin.
+Im Hafen regt sich emsig schon die Fahrt.
+
+Gerichtsrat.
+Hast du ihr frueher solchen Bund geraten?
+
+Hofmeisterin.
+Im allgemeinen deutet' ich dahin.
+
+Gerichtsrat.
+Entfernte sie unwillig den Gedanken?
+
+Hofmeisterin.
+Noch war das alte Glueck ihr allzu nah.
+
+Gerichtsrat.
+Die schoenen Bilder, werden sie entweichen?
+
+Hofmeisterin.
+Das hohe Meer hat sie hinweggeschreckt.
+
+Gerichtsrat.
+Sie fuerchtet, sich vom Vaterland zu trennen?
+
+Hofmeisterin.
+Sie fuerchtet's, und ich fuercht' es wie den Tod.
+O lass uns, Edler, gluecklich Aufgefundner,
+Vergebne Worte nicht bedenklich wechseln!
+Noch lebt in dir, dem Juengling, jede Tugend,
+Die maecht'gen Glaubens, unbedingter Liebe
+Zu nie genug geschaetzter Tat bedarf.
+Gewiss umgibt ein schoener Kreis dich auch
+Von Aehnlichen! Von Gleichen sag' ich nicht!
+O seih dich um in deinem eignen Herzen,
+In deiner Freunde Herzen sieh umher,
+Und findest du ein ueberfliessend Mass
+Von Liebe, von Ergebung, Kraft und Mut,
+So werde dem Verdientesten dies Kleinod
+Mit stillem Segen heimlich uebergeben!
+
+Gerichtsrat.
+Ich weiss, ich fuehle deinen Zustand, kann
+Und mag nicht mit mir selbst bedaechtig erst.
+Wie Klugheit forderte, zu Rate gehen!
+Ich will sie sprechen.
+
+Hofmeisterin (tritt zurueck gegen Eugenie).
+
+Gerichtsrat.
+Was geschehen soll,
+Es wird geschehn! In ganz gemeinen Dingen
+Haengt viel von Wahl und Wollen ab; das Hoechste,
+Was uns begegnet, kommt wer weiss woher.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Eugenie. Gerichtsrat.
+
+Gerichtsrat.
+Indem du mir, verehrte Schoene, nahst,
+So zweifl' ich fast, ob man mich treu berichtet.
+Du bist ungluecklich, sagt man; doch du bringst,
+Wohin du wandelst, Glueck und Heil heran.
+
+Eugenie.
+Find' ich den ersten, dem aus tiefer Not
+Ich Blick und Wort entgegen wenden darf,
+So mild und edel, als du mir erscheinst;
+Dies Angstgefuehl, ich hoffe, wird sich loesen.
+
+Gerichtsrat.
+Ein viel Erfahrner waere zu bedauern,
+Waer' ihm das Los gefallen, das dich trifft;
+Wie ruft nicht erst bedraengter Jugend Kummer
+Die Mitgefuehle hilfsbeduerftig an!
+
+Eugenie.
+So hob ich mich vor kurzem aus der Nacht
+Des Todes an des Tages Licht herauf,
+Ich wusste nicht, wie mir geschehn! Wie hart
+Ein jaeher Sturz mich laehmend hingestreckt.
+Da rafft' ich mich empor, erkannte wieder
+Die schoene Welt, ich sah den Arzt bemueht,
+Die Flamme wieder anzufachen, fand
+In meines Vaters liebevollem Blick,
+An seinem Ton mein Leben wieder. Nun
+Zum zweiten Mal, von einem jaehern Sturz,
+Erwach' ich! Fremd und schattengleich erscheint
+Mir die Umgebung, mir der Menschen Wandeln,
+Und deine Milde selbst ein Traumgebild.
+
+Gerichtsrat.
+Wenn Fremde sich in unsre Lage fuehlen,
+Sind sie wohl naeher als die Naechsten, die
+Oft unsern Gram als wohlbekanntes Uebel
+Mit laessiger Gewohnheit uebersehn.
+Dein Zustand ist gefaehrlich! Ob er gar
+Unheilbar sei, wer wagt es zu entscheiden!
+
+Eugenie.
+Ich habe nichts zu sagen! Unbekannt
+Sind mir die Maechte, die mein Elend schufen.
+Du hast das Weib gesprochen, jene weiss;
+Ich dulde nur dem Wahnsinn mich entgegen.
+
+Gerichtsrat.
+Was auch der Obermacht gewalt'gen Schluss
+Auf dich herab gerufen, leichte Schuld,
+Ein Irrtum, den der Zufall schaedlich leitet;
+Die Achtung bleibt, die Neigung spricht fuer dich.
+
+Eugenie.
+Des reinen Herzens traulich mir bewusst,
+Sinn' ich der Wirkung kleiner Fehler nach.
+
+Gerichtsrat.
+Auf ebnem Boden straucheln ist ein Scherz,
+Ein Fehltritt stuerzt vom Gipfel dich herab.
+
+Eugenie.
+Auf jenen Gipfeln schwebt' ich voll Entzuecken,
+Der Freunde Uebermass verwirrte mich.
+Das nahe Glueck beruehrt' ich schon im Geist,
+Ein koestlich Pfand lag schon in meinen Haenden.
+Nur wenig Ruhe! Wenige Geduld!
+Und alles war, so darf ich glauben, mein.
+Doch uebereilt' ich's, ueberliess mich rasch
+Zudringlicher Versuchung.--War es das?--
+Ich sah, ich sprach, was mir zu sehn, zu sprechen
+Verboten war. Wird ein so leicht Vergehn
+So hart bestraft? Ein laesslich scheinendes,
+Scherzhafter Probe gleichendes Verbot,
+Verdammt's den Uebertreter ohne Schonung?
+O, so ist's wahr, was uns der Voelker Sagen
+Unglaublich ueberliefern! Jenes Apfels
+Leichtsinnig augenblicklicher Genuss
+Hat aller Welt unendlich Weh verschuldet.
+So ward auch mir ein Schluessel anvertraut!
+Verbotne Schaetze wagt' ich aufzuschliessen,
+Und aufgeschlossen hab' ich mir das Grab.
+
+Gerichtsrat.
+Des Uebels Quelle findest du nicht aus,
+Und aufgefunden fliesst sie ewig fort.
+
+Eugenie.
+In kleinen Fehlern such' ich's, gebe mir
+Aus eitlem Wahn die Schuld so grosser Leiden.
+Nur hoeher, hoeher wende den Verdacht!
+Die beiden, denen ich mein ganzes Glueck
+Zu danken hoffte, die erhabnen Maenner,
+Zum Scheine reichten sie sich Hand um Hand.
+Der innre Zwist unsicherer Parteien,
+Der nur in duestern Hoehlen sich geneckt,
+Er bricht vielleicht ins Freie bald hervor!
+Und was mich erst als Furcht und Sorg' umgeben,
+Entscheidet sich, indem es mich vernichtet,
+Und droht Vernichtung aller Welt umher.
+
+Gerichtsrat.
+Du jammerst mich! Das Schicksal einer Welt
+Verkuendest du nach deinem Schmerzgefuehl.
+Und schien dir nicht die Erde froh und gluecklich,
+Als du, ein heitres Kind, auf Blumen schrittest?
+
+Eugenie.
+Wer hat es reizender als ich gesehn,
+Der Erde Glueck mit allen seinen Blueten.
+Ach, alles um mich her, es war so reich,
+So voll und rein, und was der Mensch bedarf,
+Es schien zur Lust, zum Ueberfluss gegeben.
+Und wem verdankt' ich solch ein Paradies?
+Der Vaterliebe dankt' ich's, die, besorgt
+Ums Kleinste, wie ums Groesste, mich verschwendrisch
+Mit Prachtgenuessen zu erdruecken schien
+Und meinen Koerper, meinen Geist zugleich,
+Ein solches Wohl zu tragen, bildete.
+Wenn alles weichlich Eitle mich umgab,
+Ein wonniges Behagen mir zu schmeicheln,
+So rief mich ritterlicher Trieb hinaus,
+Zu Ross und Wagen, mit Gefahr zu kaempfen.
+Oft sehnt' ich mich in ferne Weiten hin,
+Nach fremder Lande seltsam neuen Kreisen.
+Dorthin versprach der edle Vater mich,
+Ans Meer versprach er mich zu fuehren, hoffte
+Sich meines ersten Blicks ins Unbegrenzte
+Mit liebevollem Anteil zu erfreun--
+Da steh' ich nun und schaue weit hinaus,
+Und enger scheint mich's, enger zu umschliessen.
+O Gott, wie schraenkt sich Welt und Himmel ein,
+Wenn unser Herz in seinen Schranken banget!
+
+Gerichtsrat.
+Unselige! Die mir aus deinen Hoehen,
+Ein Meteor, verderblich niederstreifst
+Und meiner Bahn Gesetz beruehrend stoerst!
+Auf ewig hast du mir den heitren Blick
+Ins volle Meer getruebt. Wenn Phoebus nun
+Ein feuerwallend Lager sich bereitet,
+Und jedes Auge von Entzuecken traent,
+Da werd' ich weg mich wenden, werde dich
+Und dein Geschick beweinen. Fern am Rande
+Des nachtumgebnen Ozeans erblick' ich
+Mit Not und Jammer deinen Pfad umstrickt!
+Entbehrung alles noetig lang Gewohnten,
+Bedraengnis neuer Uebel, ohne Flucht.
+Der Sonne gluehendes Geschoss durchdringt
+Ein feuchtes, kaum der Flut entrissnes Land.
+Um Niederungen schwebet, gift'gen Brodens,
+Blaudunst'ger Streifen angeschwollne Pest.
+Im Vortod seh' ich, matt und hingebleicht,
+von Tag zu Tag ein Kummerleben schwanken.
+O die so bluehend, heiter vor mir steht,
+Sie soll so frueh langsamen Tods verschwinden!
+
+Eugenie.
+Entsetzen rufst du mir hervor! Dorthin?
+Dorthin verstoesst man mich! In jenes Land,
+Als Hoellenwinkel mir von Kindheit auf
+In grauenvollen Zuegen dargestellt.
+Dorthin, wo sich in Suempfen Schlang' und Tiger
+Durch Rohr und Dorngeflechte tueckisch draengen,
+Wo, peinlich quaelend, als belebte Wolken
+Um Wandrer sich Insektenscharen ziehn,
+Wo jeder Hauch des Windes, unbequem
+Und schaedlich, Stunden raubt und Leben kuerzt.
+Zu bitten dacht' ich; flehend siehst du nun
+Die Dringende. Du kannst, du wirst mich retten.
+
+Gerichtsrat.
+Ein maechtig ungeheurer Talisman
+Liegt in den Haenden deiner Fuehrerin.
+
+Eugenie.
+Was ist Gesetz und Ordnung? Koennen sie
+Der Unschuld Kindertage nicht beschuetzen?
+Wer seid denn ihr, die ihr mit leerem Stolz
+Durchs Recht Gewalt zu baend'gen euch beruehmt?
+
+Gerichtsrat.
+In abgeschlossnen Kreisen lenken wir
+Gesetzlich streng das in der Mittelhoehe
+Des Lebens wiederkehrend Schwebende.
+Was droben sich in ungemessnen Raeumen
+Gewaltig seltsam hin und her bewegt,
+Belebt und toetet ohne Rat und Urteil,
+Das wird nach anderm Mass, nach andrer Zahl
+Vielleicht berechnet, bleibt uns raetselhaft.
+
+Eugenie.
+Und ist das alles? Hast du weiter nichts
+Zu sagen, zu verkuenden?
+
+Gerichtsrat.
+ Nichts!
+
+Eugenie.
+ Ich glaub' es nicht!
+Ich darf's nicht glauben.
+
+Gerichtsrat.
+ Lass, o lass mich fort!
+Soll ich als feig, als unentschlossen gelten?
+Bedauern, jammern? Soll nicht irgendhin
+Mit kuehner Hand auf deine Rettung deuten?
+Doch laege nicht in dieser Kuehnheit selbst
+Fuer mich die graesslichste Gefahr, von dir
+Verkannt zu werden? Mit verfehltem Zweck
+Als frevelhaft unwuerdig zu erscheinen?
+
+Eugenie.
+Ich lasse dich nicht los, den mir das Glueck,
+Mein altes Glueck, vertraulich zugesendet.
+Mich hat's von Jugend auf gehegt, gepflegt,
+Und nun im rauen Sturme sendet mir's
+Den edlen Stellvertreter seiner Neigung.
+Sollt' ich nicht sehen, fuehlen, dass du teil
+An mir und meinem Schicksal nimmst? Ich stehe
+Nicht ohne Wirkung hier: Du sinnst! Du denkst!--
+Im weiten Kreise rechtlicher Erfahrung
+Schaust du zu meinen Gunsten um dich her.
+Noch bin ich nicht verloren! Ja, du suchst
+Ein Mittel, mich zu retten; hast es wohl
+Schon ausgefunden! Mir bekennt's dein Blick,
+Dein tiefer, ernster, freundlich trueber Blick.
+O kehre dich nicht weg! O sprich es aus,
+Ein hohes Wort, das mich zu heilen toene!
+
+Gerichtsrat.
+So wendet voll Vertrauen zum Arzte sich
+Der tief Erkrankte, fleht um Linderung,
+Fleht um Erhaltung schwer bedrohter Tage;
+Als Gott erscheint ihm der erfahrne Mann.
+Doch ach! Ein bitter, unertraeglich Mittel
+Wird nun geboten. Ach! Soll ihm vielleicht
+Der edlen Glieder grausame Verstuemmlung,
+Verlust statt Heilung angekuendigt werden?
+Gerettet willst du sein! Zu retten bist du,
+Nicht herzustellen. Was du warst, ist hin,
+Und was du sein kannst, magst du's uebernehmen?
+
+Eugenie.
+Um Rettung aus des Todes Nachtgewalt,
+Um dieses Lichts erquickenden Genuss,
+Um Sicherheit des Daseins ruft zuerst
+Aus tiefer Not ein Halbverlorner noch.
+Was dann zu heilen sei, was zu erstatten,
+Was zu vermissen, lehre Tag um Tag.
+
+Gerichtsrat.
+Und naechst dem Leben, was erflehst du dir?
+
+Eugenie.
+Des Vaterlandes vielgeliebten Boden!
+
+Gerichtsrat.
+Du forderst viel im einz'gen, grossen Wort!
+
+Eugenie.
+Ein einzig Wort enthaelt mein ganzes Glueck.
+
+Gerichtsrat.
+Den Zauberbann, wer wagt's, ihn aufzuloesen?
+
+Eugenie.
+Der Tugend Gegenzauber siegt gewiss!
+
+Gerichtsrat.
+Der obern Macht ist schwer zu widerstehen.
+
+Eugenie.
+Allmaechtig ist sie nicht, die obre Macht.
+Gewiss! Dir gibt die Kenntnis jener Formen,
+Fuer Hohe wie fuer Niedre gleich verbindlich,
+Ein Mittel an. Du laechelst. Ist es moeglich!
+Das Mittel ist gefunden! Sprich es aus!
+
+Gerichtsrat.
+Was hilf' es, meine Beste, wenn ich dir
+Von Moeglichkeiten spraeche! Moeglich scheint
+Fast alles unsern Wuenschen; unsrer Tat
+Setzt sich von innen wie von aussen viel,
+Was sie durchaus unmoeglich macht, entgegen.
+Ich kann, ich darf nicht reden, lass mich los!
+
+Eugenie.
+Und wenn du taeuschen solltest!--Waere nur
+Fuer Augenblicke meiner Phantasie
+Ein zweifelhafter, leichter Flug vergoennt!
+Ein Uebel um das andre biete mir!
+Ich bin gerettet, wenn ich waehlen kann.
+
+Gerichtsrat.
+Ein Mittel gibt es, dich im Vaterland
+Zurueckzuhalten. Friedlich ist's und manchem
+Erschien' es auch erfreulich. Grosse Gunst
+Hat es vor Gott und Menschen. Heil'ge Kraefte
+Erheben's ueber alle Willkuer. Jedem,
+Der's anerkennt, sich's anzueignen weiss,
+Verschafft es Glueck und Ruhe. Vollbestand
+Erwuenschter Lebensgueter sind wir ihm,
+So wie der Zukunft hoechste Bilder schuldig.
+Als allgemeines Menschengut verordnet's
+Der Himmel selbst und liess dem Glueck, der Kuehnheit
+Und stiller Neigung Raum, sich's zu erwerben.
+
+Eugenie.
+Welch Paradies in Raetseln stellst du dar?
+
+Gerichtsrat.
+Der eignen Schoepfung himmlisch Erdenglueck.
+
+Eugenie.
+Was hilft mein Sinnen! Ich verwirre mich!
+
+Gerichtsrat.
+Erraetst du's nicht, so liegt es fern von dir.
+
+Eugenie.
+Das zeige sich, sobald du ausgesprochen.
+
+Gerichtsrat.
+Ich wage viel! Der Ehstand ist es!
+
+Eugenie.
+ Wie?
+
+Gerichtsrat.
+Gesprochen ist's, nun ueberlege du.
+
+Eugenie.
+Mich ueberrascht, mich aengstet solch ein Wort.
+
+Gerichtsrat.
+Ins Auge fasse, was dich ueberrascht.
+
+Eugenie.
+Mir lag es fern in meiner frohen Zeit,
+Nun kann ich seine Naehe nicht ertragen;
+Die Sorge, die Beklemmung mehrt sich nur.
+Von meines Vaters, meines Koenigs Hand
+Musst' ich dereinst den Braeutigam erwarten.
+Voreilig schwaermte nicht mein Blick umher,
+Und keine Neigung wuchs in meiner Brust.
+Nun soll ich denken, was ich nie gedacht,
+Und fuehlen, was ich sittsam weg gewiesen;
+Soll mir den Gatten wuenschen, eh' ein Mann
+Sich liebenswert und meiner wert gezeigt,
+Und jenes Glueck, das Hymen uns verspricht,
+Zum Rettungsmittel meiner Not entweihen.
+
+Gerichtsrat.
+Dem wackern Mann vertraut ein Weib getrost,
+Und waer' er fremd, ein zweifelhaft Geschick.
+Der ist nicht fremd, wer teilzunehmen weiss,
+Und schnell verbindet ein Bedraengter sich
+Mit seinem Retter. Was im Lebensgange
+Dem Gatten seine Gattin fesselnd eignet,
+Ein Sicherheitsgefuehl, ihr werd' es nie
+An Rat und Trost, an Schutz und Hilfe fehlen,
+Das floesst im Augenblick ein kuehner Mann
+Dem Busen des Gefahr umgebnen Weibes
+Durch Wagetat auf ew'ge Zeiten ein.
+
+Eugenie.
+Und mir, wo zeigte sich ein solcher Held?
+
+Gerichtsrat.
+Der Maenner Schar ist gross in dieser Stadt.
+
+Eugenie.
+Doch allen bin und bleib' ich unbekannt.
+
+Gerichtsrat.
+Nicht lange bleibt ein solcher Blick verborgen!
+
+Eugenie.
+O taeusche nicht ein leicht betrognes Hoffen!
+Wo faende sich ein Gleicher, seine Hand
+Mir, der Erniedrigten, zu reichen? Duerft' ich
+Dem Gleichen selbst ein solches Glueck verdanken?
+
+Gerichtsrat.
+Ungleich erscheint im Leben viel, doch bald
+Und unerwartet ist es ausgeglichen.
+In ew'gem Wechsel wiegt ein Wohl das Weh
+Und schnelle Leiden unsre Freuden auf.
+Nichts ist bestaendig! Manches Missverhaeltnis
+Loest unbemerkt, indem die Tage rollen,
+Durch Stufenschritte sich in Harmonie.
+Und ach! Den groessten Abstand weiss die Liebe,
+Die Erde mit dem Himmel, auszugleichen.
+
+Eugenie.
+In leere Traeume denkst du mich zu wiegen.
+
+Gerichtsrat.
+Du bist gerettet, wenn du glauben kannst.
+
+Eugenie.
+So zeige mir des Retters treues Bild.
+
+Gerichtsrat.
+Ich zeig' ihn dir, er bietet seine Hand!
+
+Eugenie.
+Du! Welch ein Leichtsinn ueberraschte dich?
+
+Gerichtsrat.
+Entschiedne bleibt auf ewig mein Gefuehl.
+
+Eugenie.
+Der Augenblick, vermag er solche Wunder?
+
+Gerichtsrat.
+Das Wunder ist des Augenblicks Geschoepf.
+
+Eugenie.
+Und Irrtum auch der Uebereilung Sohn.
+
+Gerichtsrat.
+Ein Mann, der dich gesehen, irrt nicht mehr.
+
+Eugenie.
+Erfahrung bleibt des Lebens Meisterin.
+
+Gerichtsrat.
+Verwirren kann sie, doch das Herz entscheidet.
+O lass dir sagen: Wie vor wenig Stunden,
+Ich mit mir selbst zu Rate ging und mich
+So einsam fuehlte, meine ganze Lage,
+Vermoegen, Stand, Geschaeft ins Auge fasste
+Und um mich her nach einer Gattin sann,
+Da regte Phantasie mir manches Bild,
+Die Schaetze der Erinnrung sichtend, auf,
+Und wohlgefaellig schwebten sie vorueber.
+Zu keiner Wahl bewegte sich mein Herz.
+Doch du erscheinest, ich empfinde nun,
+Was ich bedurfte. Dies ist mein Geschick.
+
+Eugenie.
+Die Fremde, Schlechtumgebne, Missempfohlne,
+Sie koennte frohen, stolzen Trost empfinden,
+Sich so geschaetzt, sich so geliebt zu sehn;
+Bedaechte sie nicht auch des Freundes Glueck,
+Des edlen Manns, der unter allen Menschen
+Vielleicht zuletzt ihr Hilfe bieten mag.
+Betruegst du dich nicht selbst? Und wagst du, dich
+Mit jener Macht, die mich bedroht, zu messen?
+
+Gerichtsrat.
+Mit jener nicht allein!--Dem Ungestuem
+Des rohen Drangs der Menge zu entgehn,
+Hat uns ein Gott den schoensten Port bezeichnet.
+Im Hause, wo der Gatte sicher waltet,
+Da wohnt allein der Friede, den vergebens
+Im Weiten du da draussen suchen magst.
+Unruh'ge Missgunst, grimmige Verleumdung,
+Verhallendes, parteiisches Bestreben,
+Nicht wirken sie auf diesen heil'gen Kreis!
+Vernunft und Liebe hegen jedes Glueck,
+Und jeden Unfall mildert ihre Hand.
+Komm! Rette dich zu mir! Ich kenne mich!
+Und weiss, was ich versprechen darf und kann.
+
+Eugenie.
+Bist du in deinem Hause Fuerst?
+
+Gerichtsrat.
+ Ich bin's!
+Und jeder ist's, der Gute wie der Boese.
+Reicht eine Macht denn wohl in jenes Haus,
+Wo der Tyrann die holde Gattin kraenkt,
+Wenn er nach eignem Sinn verworren handelt,
+Durch Launen, Worte, Taten jede Lust
+Mit Schadenfreude sinnreich untergraebt?
+Wer trocknet ihre Traenen? Welch Gesetz,
+Welch Tribunal erreicht den Schuldigen?
+Er triumphiert, und schweigende Geduld
+Senkt nach und nach, verzweifelnd, sie ins Grab.
+Notwendigkeit, Gesetz, Gewohnheit gaben
+Dem Mann so grobe Rechte; sie vertrauten
+Auf seine Kraft, auf seinen Biedersinn.--
+Nicht Heldenfaust, nicht Heldenstamm, geliebte,
+Verehrte Fremde, weiss ich dir zu bieten;
+Allein des Buergers hohen Sicherstand.
+Und bist du mein, was kann dich mehr beruehren?
+Auf ewig bist du mein, versorgt, beschuetzt.
+Der Koenig fordre dich von mir zurueck;
+Als Gatte kann ich mit dem Koenig rechten.
+
+Eugenie.
+Vergib! Mir schwebt noch allzu lebhaft vor,
+Was ich verscherzte! Du, Grossmuetiger,
+Bedenkest nur, was mir noch uebrig blieb.
+Wie wenig ist es! Dieses Wenige
+Lehrst du mich schaetzen, gibst mein eignes Wesen
+Durch dein Gefuehl belebend mir zurueck.
+Verehrung zoll' ich dir. Wie soll ich's nennen?
+Dankbare, schwesterlich entzueckte Neigung!
+Ich fuehle mich als dein Geschoepf und kann
+Dir leider, wie du wuenschest, nicht gehoeren.
+
+Gerichtsrat.
+So schnell versagst du dir und mir die Hoffnung?
+
+Eugenie.
+Das Hoffnungslose kuendet schnell sich an!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Die Vorigen. Hofmeisterin.
+
+Hofmeisterin.
+Dem guenst'gen Wind gehorcht die Flotte schon.
+Die Segel schwellen, alles eilt hinab.
+Die Scheidenden umarmen traenend sich,
+Und von den Schiffen, von dem Strande wehn
+Die weissen Tuecher noch den letzten Gruss.
+Bald lichtet unser Schiff die Anker auch!
+Komm! Lass uns gehen! Uns begleitet nicht
+Ein Scheidegruss, wir ziehen unbeweint.
+
+Gerichtsrat.
+Nicht unbeweint, nicht ohne bittern Schmerz
+Zurueckgelassner Freunde, die nach euch
+Die Arme rettend strecken. O! Vielleicht
+Erscheint, was ihr im Augenblick verschmaeht,
+Euch blad ein sehnsuchtswertes, fernes Bild.
+(Zu Eugenie.) Vor wenigen Minuten nannt' ich dich
+Entzueckt willkommen! Soll ein Lebewohl
+Behend auf ewig unsre Trennung siegeln?
+
+Hofmeisterin.
+Der Unterredung Inhalt, ahn' ich ihn?
+
+Gerichtsrat.
+Zum ew'gen Bunde siehst du mich bereit.
+
+Hofmeisterin (zu Eugenie).
+Und wie erkennst du solch ein gross Erbieten?
+
+Eugenie.
+Mit hoechst geruehrten Herzens reinstem Dank.
+
+Hofmeisterin.
+Und ohne Neigung, diese Hand zu fassen?
+
+Gerichtsrat.
+Zur Hilfe bietet sie sich dringend an.
+
+Eugenie.
+Das Naechste steht oft unergreifbar fern.
+
+Hofmeisterin.
+Ach! Fern von Rettung stehn wir nur zu bald.
+
+Gerichtsrat.
+Und hast du kuenftig Drohendes bedacht?
+
+Eugenie.
+Sogar das letzte Drohende, den Tod.
+
+Hofmeisterin.
+Ein angebotnes Leben schlaegst du aus?
+
+Gerichtsrat.
+Erwuenschte Feier froher Bundestage?
+
+Eugenie.
+Ein Fest versaeumt' ich, keins erscheint mir wieder.
+
+Hofmeisterin.
+Gewinnen kann, wer viel verloren, schnell.
+
+Gerichtsrat.
+Noch glaenzendem ein dauerhaft Geschick.
+
+Eugenie.
+Hinweg die Dauer, wenn der Glanz verlosch.
+
+Hofmeisterin.
+Der Moegliches bedenkt, laesst sich genuegen.
+
+Gerichtsrat.
+Und wem genuegte nicht an Lieb' und Treue?
+
+Eugenie.
+Den Schmeichelworten widerspricht mein Herz,
+Und widerstrebt euch beiden ungeduldig.
+
+Gerichtsrat.
+Ach, allzu laestig scheint, ich weiss es wohl,
+Uns unwillkommne Hilfe! Sie erregt
+Nur innern Zwiespalt. Danken moechten wir,
+Und sind undankbar, da wir nicht empfangen.
+Drum lasst mich scheiden! Doch des Hafenbuergers
+Gebrauch und Pflicht vorher an euch erfuellen,
+Aufs unfruchtbare Meer von Landesgaben
+Zum Lebewohl Erquickungsvorrat widmen.
+Dann werd' ich stehen, werde starren Blicks
+Geschwollne Segel ferner, immer ferner,
+Und Glueck und Hoffnung weichend schwinden sehn.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin.
+
+Eugenie.
+In deiner Hand, ich weiss es, ruht mein Heil,
+Sowie mein Elend. Lass dich ueberreden!
+Lass dich erweichen! Schiffe mich nicht ein!
+
+Hofmeisterin.
+Du lenkest nun, was uns begegnen soll,
+Du hast zu waehlen! Ich gehorche nur
+Der starken Hand, sie stoesst mich vor sich hin.
+
+Eugenie.
+Und nennst du Wahl, wenn Unvermeidliches
+Unmoeglichem sich gegenueberstellt?
+
+Hofmeisterin.
+Der Bund ist moeglich, wie der Bann vermeidlich.
+
+Eugenie.
+Unmoeglich ist, was Edle nicht vermoegen.
+
+Hofmeisterin.
+Fuer diesen biedern Mann vermagst du viel.
+
+Eugenie.
+In bessre Lagen fuehre mich zurueck;
+Und sein Erbieten lohn' ich grenzenlos.
+
+Hofmeisterin.
+Ihm lohne gleich, was ihn allein belohnt:
+Zu hohen Stufen heb' ihn deine Hand!
+Wenn Tugend, wenn Verdienst den Tuechtigen
+Nur langsam foerdern, wenn er, still entsagend
+Und kaum bemerkt sich andern widmend, strebt,
+So fuehrt ein edles Weib ihn leicht ans Ziel.
+Hinunter soll kein Mann die Blicke wenden;
+Hinauf zur hoechsten Frauen kehr' er sich!
+Gelingt es ihm, sie zu erwerben, schnell
+Geebnet zeigt des Lebens Pfad sich ihm.
+
+Eugenie.
+Verwirrender, verfaelschter Worte Sinn
+Entwickl' ich wohl aus deinen falschen Reden,
+Das Gegenteil erkenn' ich nur zu klar:
+Der Gatte zieht sein Weib unwiderstehlich
+In seines Kreises abgeschlossne Bahn.
+Dorthin ist sie gebannt, sie kann sich nicht
+Aus eigner Kraft besondre Wege waehlen;
+Aus niedrem Zustand fuehrt er sie hervor,
+Aus hoehern Sphaeren lockt er sie hernieder.
+Verschwundne ist die fruehere Gestalt,
+Verloschen jede Spur vergangner Tage.
+Was sie gewann, wer will es ihr entreissen?
+Was sie verlor, wer gibt es ihr zurueck?
+
+Hofmeisterin.
+So bricht du grausam dir und mir den Stab.
+
+Eugenie.
+Noch forscht mein Blick nach Rettung hoffnungsvoll.
+
+Hofmeisterin.
+Der Liebende verzweifelt; kannst du hoffen?
+
+Eugenie.
+Ein kalter Mann verlieh' uns bessern Rat.
+
+Hofmeisterin.
+Von Rat und Wahl ist keine Rede mehr;
+Du stuerzest mich ins Elend, folge mir!
+
+Eugenie.
+O dass ich dich noch einmal freundlich hold
+Vor meinen Augen saehe, wie du stets
+Von frueher Zeit herauf mich angeblickt!
+Der Sonne Glanz, die alles Leben regt,
+Des klaren Monds erquicklich leiser Schein
+Begegneten mir holder nicht als du.
+Was konnt' ich wuenschen? Vorbereitet war's.
+Was durft' ich fuerchten? Abgelehnt war alles!
+Und zog sich ins Verborgne meine Mutter
+Vor ihres Kindes Blicken frueh zurueck,
+So reichtest du ein ueberfliessend Mass
+Besorgter Mutterliebe mir entgegen.
+Bist du denn ganz verwandelt? Aeusserlich
+Erscheinst du mir die Vielgeliebte selber;
+Doch ausgewechselt ist, so scheint's, dein Herz--
+Du bist es noch, die ich um Kleines und Grosses
+So oft gebeten, die mir nichts verweigert.
+Gewohnter Ehrfurcht kindliches Gefuehl,
+Es lehrt mich nun, das Hoechste zu erbitten.
+Und koennt' es mich erniedrigen, dich nun
+An Vaters, Koenigs, dich an Gottes Statt
+Gebognen Knies um Rettung anzuflehen?
+
+(Sie kniet.)
+
+Hofmeisterin.
+In dieser Lage scheinst du meiner nur
+Verstellt zu spotten. Falschheit ruehrt mich nicht.
+
+(Hebt Eugenie mit Heftigkeit auf.)
+
+Eugenie.
+So hartes Wort, so widriges Betragen,
+Erfahr' ich das, erleb' ich das von dir?
+Und mit Gewalt verscheuchst du meinen Traum.
+Im klaren Lichte seh' ich mein Geschick!
+Nicht meine Schuld, nicht jener Grossen Zwist,
+Des Bruders Tuecke hat mich hergestossen,
+Und, mitverschworen, haeltst du mich gebannt.
+
+Hofmeisterin.
+Dein Irrtum schwankt nach allen Seiten hin.
+Was will der Bruder gegen dich beginnen?
+Den boesen Willen hat er, nicht die Macht.
+
+Eugenie.
+Sei's, wie ihm wolle! Noch verschmacht' ich nicht
+In ferner Wueste hoffnungslosen Raeumen.
+Ein lebend Volk bewegt sich um mich her,
+Ein liebend Volk, das auch den Vaternamen
+Entzueckt aus seines Kindes Mund vernimmt.
+Die fordr' ich auf. Aus roher Menge kuendet
+Ein maecht'ger Ruf mir meine Freiheit an.
+
+Hofmeisterin.
+Die rohe Menge hast du nie gekannt,
+Sie starrt und staunt und zaudert, laesst geschehn;
+Und regt sie sich, so endet ohne Glueck,
+Was ohne Plan zufaellig sie begonnen.
+
+Eugenie.
+Den Glauben wirst du mir mit kaltem Wort
+Nicht, wie mein Glueck mit frecher Tag, zerstoeren.
+Dort unten hoff' ich Leben, aus dem Leben,
+Dort, wo die Masse, taetig stroemend, wogt,
+Wo jedes Herz, mit wenigem befriedigt,
+Fuer holdes Mitleid gern sich oeffnen mag.
+Du haeltst mich nicht zurueck! Ich rufe laut,
+Wie furchtbar mich Gefahr und Not bedraengen,
+Ins wuehlende Gemisch mich stuerzend, aus.
+
+
+
+
+Fuenfter Aufzug
+(Platz am Hafen.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin.
+
+Eugenie.
+Mit welchen Ketten fuehrst du mich zurueck?
+Gehorch! Ich wider Willen diesmal auch!
+Fluchwuerdige Gewalt der Stimme, die
+Mich einst so glatt zur Folgsamkeit gewoehnte,
+Die meines ersten bildsamen Gefuehls
+Im ganzen Umfang sich bemeisterte!
+Du warst es, der ich dieser Worte Sinn
+Zuerst verdanke, dieser Sprache Kraft
+Und kuenstliche Verknuepfung; diese Welt
+Hab' ich aus deinem Munde, ja, mein eignes Herz.
+Nun brauchst du diesen Zauber gegen mich,
+Du fesselst mich, du schleppst mich hin und wider,
+Mein Geist verwirrt sich, mein Gefuehl ermattet,
+Und zu den Toten sehn' ich mich hinab.
+
+Hofmeisterin.
+O haette diese Zauberkraft gewirkt,
+Von jenen hohen Plaenen abzustehn.
+
+Eugenie.
+Du ahntest solch ungeheures Uebel
+Und warntest nicht den allzu sichern Mut?
+
+Hofmeisterin.
+Wohl durft' ich warnen, aber leise nur;
+Die ausgesprochne Silbe trug den Tod.
+
+Eugenie.
+Und hinter deinem Schweigen lag Verbannung!
+Ein Todeswort, willkommner war es mir.
+
+Hofmeisterin.
+Dies Unglueck, vorgesehen oder nicht,
+Hat mich und dich in gleiches Netz verschlungen.
+
+Eugenie.
+Was kann ich wissen, welch ein Lohn dir wird,
+Um deinen armen Zoegling zu verderben.
+
+Hofmeisterin.
+Er wartet wohl am fremden Strande mein!
+Das Segel schwillt und fuehrt uns beide hin.
+
+Eugenie.
+Noch hat das Schiff in seine Kerker nicht
+Mich aufgenommen. Sollt' ich willig gehen?
+
+Hofmeisterin.
+Und riefst du nicht das Volk zur Hilfe schon?
+Es staunte nur dich an und schwieg und ging.
+
+Eugenie.
+Mit ungeheurer Not im Kampfe, schien
+Ich dem gemeinen Blick des Wahnsinns Beute.
+Doch sollst du mir mit Worten, mit Gewalt
+Den mut'gen Schritt nach Hilfe nicht verkuemmern.
+Die Ersten dieser Stadt erheben sich
+Aus ihren Haeusern dem Gestadte zu,
+Die Schiffe zu bewundern, die gereiht,
+Uns unerwuenscht das hohe Meer gewinnen.
+Schon regt sich am Palast des Gouverneurs
+Die Wache. Jener ist es, der die Stufen,
+Von mehreren begleitet, niedersteigt.
+Ich will ihn sprechen, ihm den Fall erzaehlen!
+Und ist er wert, an meines Koenigs Platz
+Den wichtigsten Geschaeften vorzustehn,
+So weist er mich nicht unerhoert von hinnen.
+
+Hofmeisterin.
+Ich hindre dich an diesem Schritte nicht,
+Doch nennst du keinen Namen, nur die Sache.
+
+Eugenie.
+Den Namen nicht, bis ich vertrauen darf.
+
+Hofmeisterin.
+Es ist ein edler junger Mann und wird,
+Was er vermag, mit Anstand gern gewaehren.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Vorigen. Der Gouverneur. Adjutanten.
+
+Eugenie.
+Dir in den Weg zu treten, darf ich's wagen?
+Wirst du der kuehnen Fremden auch verzeihn?
+
+Gouverneur (nachdem er sie aufmerksam betrachtet).
+Wer sich wie du dem ersten Blick empfiehlt,
+Der ist gewiss des freundlichsten Empfangs.
+
+Eugenie.
+Nicht froh und freundlich ist es, was ich bringe,
+Entgegen treibt mich dir die hoechste Not.
+
+Gouverneur.
+Ist, sie zu heben, moeglich, sei mir's Pflicht;
+Ist sie auch nur zu lindern, soll's geschehn.
+
+Eugenie.
+Von hohem Haus entspross die Bittende;
+Doch leider ohne Namen tritt sie auf.
+
+Gouverneur.
+Ein Name wird vergessen; dem Gedaechtnis
+Schreibt solch ein Bild sich unausloeschlich ein.
+
+Eugenie.
+Gewalt und List entreissen, fuehren, draengen
+Mich von des Vaters Brust ans wilde Meer.
+
+Gouverneur.
+Wer durfte sich an diesem Friedensbild
+Mit ungeweihter Feindeshand vergreifen?
+
+Eugenie.
+Ich selbst vermute nur! Mich ueberrascht
+Aus meinem eignen Hause dieser Schlag.
+Von Eigennutz und boesem Rat geleitet,
+Sann mir ein Bruder dies Verderben aus,
+Und diese hier, die mich erzogen, steht,
+Mir unbegreiflich, meinen Feinden bei.
+
+Hofmeisterin.
+Ihr steh' ich bei und mildre grosses Uebel,
+Das ich zu heilen leider nicht vermag.
+
+Eugenie.
+Ich soll zu Schiffe steigen, fordert sie!
+Nach jenen Ufern fuehrt sie mich hinueber!
+
+Hofmeisterin.
+Geb' ich auf solchem Weg ihr das Geleit,
+So zeigt es Liebe, Muttersorgfalt an.
+
+Gouverneur.
+Verzeiht, geschaetzte Frauen, wenn ein Mann,
+Der, jung an Jahren, manches in der Welt
+Gesehn und ueberlegt, im Augenblick,
+Da er euch sieht und hoert, bedenklich stutzt.
+Vertrauen scheint ihr beide zu verdienen,
+Und ihr misstraut einander beide selbst,
+So scheint es wenigstens. Wie soll ich nun
+Des wunderbaren Knotens Raetselschlinge,
+Die euch umstrickt, zu loesen uebernehmen?
+
+Eugenie.
+Wenn du mich hoeren willst, vertrau' ich mehr.
+
+Hofmeisterin.
+Auch ich vermoechte manches zu erklaeren.
+
+Gouverneur.
+Dass uns mit Fabeln oft ein Fremder taeuscht,
+Muss auch der Wahrheit schaden, wenn wir sie
+In abenteuerlicher Huelle sehn.
+
+Eugenie.
+Misstraust du mir, so bin ich ohne Hilfe.
+
+Gouverneur.
+Und traut' ich auch, ist doch zu helfen schwer.
+
+Eugenie.
+Nur zu den Meinen sende mich zurueck.
+
+Gouverneur.
+Verlorne Kinder aufzunehmen, gar
+Entwendete, verstossne zu beschuetzen,
+Bringt wenig Dank dem wohl gesinnten Mann.
+Um Gut und Erbe wird sogleich ein Streit,
+Um die Person, ob sie die rechte sei,
+Gehaessig aufgeregt, und wenn Verwandte
+Ums Mein und dein gefuehllos hadern, trifft
+Den Fremden, der sich eingemischt, der Hass
+Von beiden Teilen, und nicht selten gar,
+Weil ihm der strengere Beweis nicht glueckt,
+Steht er zuletzt auch vor Gericht beschaemt.
+Verzeih mir also, wenn ich nicht sogleich
+Mit Hoffnung dein Gesuch erwidern kann.
+
+Eugenie.
+Ziemt eine solche Furcht dem edlen Mann,
+Wohin soll sich ein Unterdrueckter wenden?
+
+Gouverneur.
+Doch wenigstens entschuldigst du gewiss
+Im Augenblick, wo ein Geschaeft mich ruft,
+Wenn ich auf morgen fruehe dich hinein
+In meine Wohnung lade, dort genauer
+Das Schicksal zu erfahren, das dich draengt.
+
+Eugenie.
+Mit Freuden werd' ich kommen. Nimm voraus
+Den lauten Dank fuer meine Rettung an!
+
+Hofmeisterin (die ihm ein Papier ueberreicht).
+Wenn wir auf deine Ladung nicht erscheinen,
+So ist dies Blatt Entschuldigung genug.
+
+Gouverneur (der es aufmerksam eine Weile angesehn,
+es zurueckgebend).
+So kann ich freilich nur beglueckte Fahrt,
+Ergebung ins Geschick und Hoffnung wuenschen.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin.
+
+Eugenie.
+Ist dies der Talisman, mit dem du mich
+Entfuehrst, gefangen haeltst, der alle Guten,
+Die sich zu Hilfe mir bewegen, laehmt?
+Lass mich es ansehn, dieses Todesblatt!
+Mein Elend kenn' ich, nun, so lass mich auch,
+Wer es verhaengen konnte, lass mich's wissen.
+
+Hofmeisterin (die das Blatt offen darzeigt).
+Hier! Sieh herein.
+
+Eugenie (sich weg wendend).
+ Entsetzliches Gefuehl!
+Und ueberlebt' ich's, wenn des Vaters Name,
+Des Koenigs Name mir entgegen blitzte?
+Noch ist die Taeuschung moeglich, dass verwegen
+Ein Kronbeamter die Gewalt missbraucht
+Und, meinem Bruder froenend, mich verletzt.
+Da bin ich noch zu retten. Eben dies
+Will ich erfahren! Zeige her!
+
+Hofmeisterin (wie oben).
+ Du siehst's!
+
+Eugenie (wie oben).
+Der Mut verlaesst mich! Nein, ich wag' es nicht.
+Sei's, wie es will, ich bin verloren, bin
+Aus allem Vorteil dieser Welt gestossen;
+Entsag' ich denn auf ewig dieser Welt!
+O dies vergoennst du mir! Du willst es ja,
+Die Feinde wollen meinen Tod, sie wollen
+Mich lebend eingescharrt. Vergoenne mir,
+Der Kirche mich zu naehern, die begierig
+So manch unschuldig Opfer schon verschlang.
+Hier ist der Tempel; diese Pforte fuehrt
+Zu stillem Jammer, wie zu stillem Glueck.
+Lass diesen Schritt mich ins Verborgne tun!
+Was mich daselbst erwartet, sei mein Los.
+
+Hofmeisterin.
+Ich sehe, die Aebtissin steigt, begleitet
+Von zwei der Ihren, zu dem Platz herab;
+Auch sie ist jung, von hohem Haus entsprossen;
+Entdeck' ihr deinen Wunsch, ich hindr' es nicht.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Die Vorigen. Aebtissin. Zwei Nonnen.
+
+Eugenie.
+Betaeubt, verworren, mit mir selbst entzweit
+Und mit der Welt, verehrte heil'ge Jungfrau,
+Siehst du mich hier. Die Angst des Augenblicks,
+Die Sorge fuer die Zukunft treiben mich
+In deine Gegenwart, in der ich Lindrung
+Des ungeheuren Uebels hoffen darf.
+
+Aebtissin.
+Wenn Ruhe, wenn Besonnenheit und Friede
+Mit Gott und unserm eigenen Herzen sich
+Mitteilen laesst, so soll es, edle Fremde,
+Nicht fehlen an der Lehre treuem Wort,
+Dir einzufloessen, was der Meinen Glueck
+Und meins fuer heut' sowie auf ewig foerdert.
+
+Eugenie.
+Unendlich ist mein Uebel, schwerlich moecht'
+Es durch der Worte goettliche Gewalt
+Sogleich zu heilen sein. O nimm mich auf
+Und lass mich weilen, wo du weilst, mich erst
+In Traenen loesen diese Bangigkeit
+Und mein erleichtert Herz dem Troste weihen!
+
+Aebtissin.
+Wohl hab' ich oft im heiligen Bezirk
+Der Erde Traenen sich in goettlich Laecheln
+Verwandeln sehn, in himmlisches Entzuecken,
+Doch draengt man sich gewaltsam nicht herein;
+Gar manche Pruefung muss die neue Schwester
+Und ihren ganzen Wert uns erst entwickeln.
+
+Hofmeisterin.
+Entschiedner Wert ist leicht zu kennen, leicht,
+Was du bedingen moechtest, zu erfuellen.
+
+Aebtissin.
+Ich zweifle nicht am Adel der Geburt,
+Nicht am Vermoegen, dieses Hauses Rechte,
+Die gross und wichtig sind, dir zu gewinnen.
+Drum lasst mich bald vernehmen, was ihr denkt.
+
+Eugenie.
+Gewaehre meine Bitte, nimm mich auf!
+Verbirg mich vor der Welt im tiefsten Winkel.
+Und meine ganze Habe nimm dahin.
+Ich bringe viel und hoffe mehr zu leisten.
+
+Aebtissin.
+Kann uns die Jugend, uns die Schoenheit ruehren,
+Ein edles Wesen, spricht's an unser Herz,
+So hast du viele Rechte, gutes Kind.
+Geliebte Tochter! Komm an meine Brust!
+
+Eugenie.
+Mit diesem Wort, mit diesem Herzensdruck
+Besaenftigst du auf einmal alles Toben
+Der aufgeregten Brust. Die letzte Welle
+Umspielt mich weichend noch. Ich bin im Hafen.
+
+Hofmeisterin (dazwischen tretend).
+Wenn nicht ein grausam Schicksal widerstuende!
+Betrachte dieses Blatt, uns zu beklagen.
+
+(Sie reicht der Aebtissin das Blatt.)
+
+Aebtissin (die gelesen).
+Ich muss dich tadeln, dass du wissentlich
+So manch vergeblich Wort mit angehoert.
+Ich beuge vor der hoeheren Hand mich tief,
+Die hier zu walten scheint.
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+Eugenie. Hofmeisterin.
+
+Eugenie.
+ Wie? Hoehre Hand?
+Was meint die Heuchlerin? Versteht sie Gott?
+Der himmlisch Hoechste hat gewiss nicht hier
+Mit dieser Freveltat zu tun. Versteht
+Sie unsern Koenig? Wohl! Ich muss es dulden,
+Was dieser ueber mich verhaengt. Allein
+Ich will nicht mehr in Zweifel, zwischen Furcht
+Und Liebe schweben, will nicht weibisch mehr,
+Indem ich untergehe, noch des Herzens
+Und seiner weichlichen Gefuehle schonen.
+Es breche, wenn es brechen soll, und nun
+Verlang' ich, dieses Blatt zu sehen, sei
+Von meinem Vater, sei von meinem Koenig
+Das Todesurteil unterzeichnet. Jener
+Gereizten Gottheit, die mich niederschmettert,
+Will ich getrost ins Auge schauend stehn.
+O dass ich vor ihr stuende! Fuerchterlich
+Ist der bedraengten Unschuld letzter Blick.
+
+Hofmeisterin.
+Ich hab' es nie verweigert, nimm es hin.
+
+Eugenie (das Papier von aussen ansehend).
+Das ist des Menschen wunderbar Geschick,
+Dass bei dem groessten Uebel noch die Furcht
+Vor feinerem Verlust ihm uebrig bleibt.
+Sind wir so reich, ihr Goetter, dass ihr uns
+Mit einem Schlag nicht alles rauben koennt?
+Des Lebens Glueck entriss mir dieses Blatt,
+Und laesst mich groesseren Jammer noch befuerchten.
+
+(Sie entfaltet's.)
+
+Wohlan! Getrost, mein Herz, und schaudre nicht,
+Die Neige dieses bittren Kelchs zu schluerfen.
+
+(Blickt hinein.)
+
+Des Koenigs Hand und Siegel!
+
+Hofmeisterin (die ihr das Blatt abnimmt).
+ Gutes Kind,
+Bedaure mich, indem du dich bejammerst.
+Ich uebernahm das traurige Geschaeft,
+Der Allgewalt Befehl vollzieh' ich nur,
+Um dir in deinem Elend beizustehn,
+Dich keiner fremden Hand zu ueberlassen.
+Was meine Seele peinigt, was ich noch
+Von diesem schrecklichen Ereignis kenne,
+Erfaehrst du kuenftig. Jetzt verzeihe mir,
+Wenn mich die eiserne Notwendigkeit,
+Uns unverzueglich einzuschiffen, zwingt.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+Eugenie allein, hernach Hofmeisterin im Grunde.
+
+Eugenie.
+So ist mir denn das schoenste Koenigreich,
+Der Hafenplatz, von Tausenden belebt,
+Zur Wueste worden, und ich bin allein.
+Hier sprechen edle Maenner nach Gesetzen,
+Und Krieger lauschen auf gemessnes Wort.
+Hier flehen heilig Einsame zum Himmel;
+Beschaeftigt strebt die Menge nach Gewinn.
+Und mich verstoesst man ohne Recht und Urteil,
+Nicht eine Hand bewaffnet sich fuer mich,
+Man schliesst mir die Asyle, niemand mag
+Zu meinen Gunsten wenig Schritte wagen.
+Verbannung! Ja, des Schreckensworts Gewicht
+Erdrueckt mich schon mit allen seinen Lasten.
+Schon fuehl' ich mich ein abgestorbnes Glied,
+Der Koerper, der gesunde, stoesst mich los.
+Dem selbstbewussten Toten gleich' ich, der,
+Ein Zeuge seiner eigenen Bestattung,
+Gelaehmt, in halbem Traeume, grausend liegt.
+Entsetzliche Notwendigkeit! Doch wie?
+Ist mir nicht eine Wahl verstattet? Kann
+Ich nicht des Mannes Hand ergreifen, der
+Mir, einzig edel, seine Hilfe beut?--
+Und koennt' ich das? Ich koennte die Geburt,
+Die mich so hoch hinaufgerueckt, verleugnen!
+Von allem Glanze jener Hoffnung mich
+Auf ewig trennen! Das vermag ich nicht!
+O fasse mich, Gewalt, mit ehrnen Faeusten!
+Geschick, du blindes, reisse mich hinweg!
+Die Wahl ist schwerer als das Uebel selbst,
+Die zwischen zweien Uebeln schwankend bebt.
+
+(Hofmeisterin, mit Leuten, welche Gepaecke tragen,
+geht schweigend hinten vorbei.)
+
+Sie kommen! Tragen meine Habe fort,
+Das Letzte, was von koestlichem Besitz
+Mir uebrig blieb. Wird es mir auch geraubt?
+Man bringt's hinueber, und ich soll ihm nach.
+Ein guenst'ger Wind bewegt die Wimpel seewaerts,
+Bald werd' ich alle Segel schwellen sehn.
+Die Flotte loeset sich vom Hafen ab!
+Und nun das Schiff, das mich Unsel'ge traegt.
+Man kommt! Man fordert mich an Bord. O Gott!
+Ist denn der Himmel ehern ueber mir?
+Dringt meine Jammerstimme nicht hindurch?
+So sei's! Ich gehe! Doch mich soll das Schiff
+In seines Kerkers Raeume nicht verschlingen.
+Das letzte Brett, das mich hinueberfuehrt,
+Soll meiner Freiheit erste Stufe werden.
+Empfangt mich dann, ihr Wellen, fasst mich auf,
+Und, fest umschlingend, senket mich hinab
+In eures tiefen Friedens Grabesschoss.
+Und wenn ich dann vom Unbill dieser Welt
+Nichts mehr zu fuerchten habe, spuelt zuletzt
+Mein bleiches Gebein dem Ufer zu,
+Dass eine fromme Seele mir das Grab
+Auf heim'schem Boden wohlgesinnt bereite.
+
+(Mit einigen Schritten.)
+
+Wohlan denn!
+
+(Haelt inne.) Will mein Fuss nicht mehr gehorchen?
+Was fesselt meinen Schritt, was haelt mich hier?
+Unsel'ge Liebe zum unwuerd'gen Leben!
+Du fuehrest mich zum harten Kampf zurueck.
+Verbannung, Tod, Entwuerdigung umschliessen
+Mich fest und aengsten mich einander zu.
+Und wie ich mich von einem schaudernd wende,
+So grinst das andre mir mit Hoellenblick.
+Ist denn kein menschlich, ist kein goettlich Mittel,
+Von tausendfacher Qual mich zu befreien?
+O dass ein einzig ahnungsvolles Wort
+Zufaellig aus der Menge mir ertoente!
+O dass ein Friedensvogel mir vorbei
+Mit leisem Fittich leitend sich bewegte!
+Gern will ich hin, wohin das Schicksal ruft;
+Es deute nur! Und ich will glaeubig folgen.
+Es winke nur! Ich will dem heil'gen Winke,
+Vertrauend, hoffend, ungesaeumt mich fuegen.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+Eugenie. Moench.
+
+Eugenie (die eine Zeitlang vor sich hingesehen, indem
+sie die Augen aufhebt und den Moench erblickt).
+Ich darf nicht zweifeln, ja! Ich bin gerettet!
+Ja! Dieser ist's, der mich bestimmen soll.
+Gesendet auf mein Flehn, erscheint er mir,
+Der Wuerdige, Bejahrte, dem das Herz
+Beim ersten Blick vertraut entgegen flieht.
+
+(Ihm entgegen gehend.)
+
+Mein Vater! Lass den ach! Mir nun versagten,
+Verkuemmerten, verbotnen Vaternamen
+Auf dich, den edlen Fremden, uebertragen.
+Mit wenig Worten hoere meine Not.
+Nicht als dem weisen, wohl bedaecht'gen Mann,
+Dem Gott begabten Greise leg' ich sie
+Mit schmerzlichem Vertraun dir an die Brust.
+
+Moench.
+Was dich bedraengt, eroeffne freien Mutes.
+Nicht ohne Schickung trifft der Leidende
+Mit dem zusammen, der als hoechste Pflicht
+Die Linderung der Leiden ueben soll.
+
+Eugenie.
+Ein Raestel statt der Klagen wirst du hoeren,
+Und ein Orakel fordr' ich, keinen Rat.
+Zu zwei verhassten Zielen liegen mir
+Zwei Wege vor den Fuessen, einer dorthin,
+Hierhin der andre; welchen soll ich waehlen?
+
+Moench.
+Du fuehrst mich in Versuchung! Soll ich nur
+Als Los entscheiden?
+
+Eugenie.
+Als ein heilig Los.
+
+Moench.
+Begreif' ich dich, so hebt aus tiefer Not
+Zu hoehern Regionen sich dein Blick.
+Erstorben ist im Herzen eigner Wille,
+Entscheidung hoffst du dir vom Waltenden.
+Ja wohl! Das ewig Wirkende bewegt,
+Uns unbegreiflich, dieses oder jenes
+Als wie von ungefaehr zu unserm Wohl,
+Zum Rate, zur Entscheidung, zum Vollbringen,
+Und wie getragen werden wir ans Ziel.
+Dies zu empfinden, ist das hoechste Glueck,
+Es nicht zu fordern, ist bescheidne Pflicht,
+Es zu erwarten, schoener Trost im Leiden.
+O waer' ich doch gewuerdigt, nun fuer dich,
+Was dir am besten frommte, vorzufuehlen!
+Allein die Ahnung schweigt in meiner Brust,
+Und kannst du mehr nicht mir vertraun, so nimm
+Ein fruchtlos Mitleid hin zum Lebewohl.
+
+Eugenie.
+Schiffbruechig fass' ich noch die letzte Planke!
+Dich halt' ich fest und sage wider Willen
+Zum letzten Mal das hoffnungslose Wort:
+Aus hohem Haus entsprossen, werd' ich nun
+Verstossen, uebers Meer verbannt und koennte
+Mich durch ein Ehebuendnis retten, das
+ZU niedren Sphaeren mich herunterzieht.
+Was sagt nun dir das Herz? Verstummt es noch?
+
+Moench.
+Es schweige, bis der pruefende Verstand
+Sich als ohnmaechtig selbst bekennen muss.
+Du hast nur Allgemeines mir vertraut,
+Ich kann dir nur das Allgemeine raten.
+Bist du zur Wahl genoetigt unter zwei
+Verhassten Uebeln, fasse sie ins Auge
+Und waehle, was dir noch den meisten Raum
+Zu heil'gem Tun und wirken uebrig laesst,
+Was deinen Geist am wenigsten begrenzt,
+Am wenigsten die frommen Taten fesselt.
+
+Eugenie.
+Die Ehe, merk' ich, raetst du mir nicht an.
+
+Moench.
+Nicht eine solche, wie sie dich bedroht.
+Wie kann der Priester segnen, wenn das Ja
+Der holden Braut nicht aus dem Herzen quillt.
+Er soll nicht Widerwaert'ges aneinander
+Zu immer neu erzeugtem Streite ketten;
+Den Wunsch der Liebe, die zum All das Eine,
+Zum Ewigen das Gegenwaertige,
+Das Fluechtige zum Dauernden erhebt,
+Den zu erfuellen, ist kein goettlich Amt.
+
+Eugenie.
+Ins Elend uebers Meer verbannst du mich.
+
+Moench.
+Zum Troste jener drueben ziehe hin.
+
+Eugenie.
+Wie soll' ich troesten, wenn ich selbst verzweifle?
+
+Moench.
+Ein reines Herz, wovon dein Blick mir zeugt,
+Ein edler Mut, ein hoher, freier Sinn
+Erhaltne dich und andre, wo du auch
+Auf dieser Erde wandelst. Wenn du nun,
+In fruehen Jahren ohne Schuld verbannt,
+Durch heil'ge Fuegung fremde Fehler buessest,
+So fuehrst du wie ein ueberirdisch Wesen,
+Der Unschuld Glueck und Wunderkraefte mit.
+So ziehe denn hinueber! Trete frisch
+In jenen Kreis der Traurigen. Erheitre
+Durch dein Erscheinen jene truebe Welt.
+Durch maecht'ges Wort, durch kraeft'ge Tat errege
+Der tief gebeugten Herzen eigne Kraft;
+Vereine die Zerstreuten um dich her,
+Verbinde sie einander, alle dir;
+Erschaffe, was du hier verliern sollst,
+Dir Stamm und Vaterland und Fuerstentum.
+
+Eugenie.
+Getraust du zu tun, was du gebietest?
+
+Moench.
+Ich tat's!--Als jungen Mann entfuehrte schon
+Zu wilden Staemmen mich der Geist hinueber.
+Ins rohe Leben bracht' ich milde Sitte,
+Ich brachte Himmelshoffnung in den Tod.
+O haett' ich nicht, verfuehrt von treuer Neigung,
+Dem Vaterland zu nuetzen, mich zurueck
+Zu dieser Wildnis frechen Staedtelebens,
+Zu diesem Wust verfeinerter Verbrechen,
+Zu diesem Pfuhl der Selbstigkeit gewendet!
+Hier fesselt mich des Alters Unvermoegen,
+Gewohnheit, Pflichten; ein Geschick vielleicht,
+Das mir die schwerste Pruefung spaet bestimmt.
+Du aber, jung, von allen Banden frei,
+Gestossen in das Weite, dringe vor
+Und rette dich! Was du als Elend fuehlst,
+Verwandelt sich in Wohltat! Eile fort!
+
+Eugenie.
+Eroeffne klarer! Was befuerchtest du?
+
+Moench.
+Im Dunklen draengt das Kuenft'ge sich heran,
+Das kuenftig Naechste selbst erscheinet nicht
+Dem offnen Blick der Sinne, des Verstands.
+Wenn ich beim Sonnenschein durch diese Strassen
+Bewundernd wandle, der Gebaeude Pracht,
+Die felsengleich getuermten Massen schaue,
+Der Plaetze Kreis, der Kirchen edlen Bau,
+Des Hafens masterfuellten Raum betrachte;
+Das scheint mir alles fuer die Ewigkeit
+Gegruendet und geordnet; diese Menge
+Gewerksam Taetiger, die hin und her
+In diesen Raeumen wogt, auch die verspricht,
+Sich unvertilgbar ewig herzustellen.
+Allein wenn dieses grosse Bild bei Nacht
+In meines Geistes Tiefen sich erneut,
+Da stuermt ein Brausen durch die duestre Luft,
+Der feste Boden wankt, die Tuerme schwanken,
+Gefugte Steine loesen sich herab,
+Und so zerfaellt in ungeformten Schutt
+Die Prachterscheinung. Wenig Lebendes
+Durchklimmt bekuemmert neu entstanden Huegel,
+Und jeder Truemmer deutet auf ein Grab.
+Das Element zu baendigen, vermag
+Ein tief gebeugt, vermindert Volk nicht mehr,
+Und rastlos wiederkehrend, fuellt die Flut
+Mit Sand und Schlamm des Hafens Becken aus,
+
+Eugenie,
+Die Nacht entwaffnet erst den Menschen, dann
+Bekaempft sie ihn mit nichtigem Gebild.
+
+Moench.
+Ach! Bald genug steigt ueber unsern Jammer
+Der Sonne trueb gedaempfter Blick heran.
+Du aber fliehe, die ein guter Geist
+Verbannend segnete. Leb' wohl und eile!
+
+
+
+Achter Auftritt
+Eugenie (allein).
+
+Vom eignen Elend leitet man mich ab,
+Und fremden Jammer prophezeit man mir.
+Doch waer' es fremd, was deinem Vaterland
+Begegnen soll? Dies faellt mit neuer Schwere
+Mir auf die Brust! Zum gegenwaert'gen Uebel
+Soll ich der Zukunft Geistesbuerden tragen?
+So ist's denn wahr, was in der Kindheit schon
+Mir um das Ohr geklungen, was ich erst
+Erhorcht, erfragt und nun zuletzt sogar
+Aus meines Vaters, meines Koenigs Mund
+Vernehmen musste! Diesem Reiche droht
+Ein jaeher Umsturz. Die zum grossen Leben
+Gefugten Elemente wollen sich
+Nicht wechselseitig mehr mit Liebeskraft
+Zu stets erneuter Einigkeit umfangen.
+Sie fliehen sich, und einzeln tritt nun jedes
+Kalt in sich selbst zurueck. Wo blieb der Ahnherrn
+Gewalt'ger Geist, der sie zu einem Zweck
+Vereinigte, die feindlich kaempfenden?
+Der diesem grossen Volk als Fuehrer sich,
+Als Koenig und als Vater dargestellt?
+Er ist entschwunden! Was uns uebrig bleibt,
+Ist ein Gespenst, das mit vergebnem Streben
+Verlorenen Besitz zu greifen waehnt.
+Und solche Sorge naehm' ich mit hinueber?
+Entzoege mich gemeinsamer Gefahr?
+Entfloehe der Gelegenheit, mich kuehn
+Der hohen Ahnen wuerdig zu beweisen,
+Und jeden, der mich ungerecht verletzt,
+In boeser Stunde hilfreich zu beschaemen?
+Nun bist du, Boden meines Vaterlands,
+Mir erst ein Heiligtum, nun fuehl' ich erst
+Den dringenden Beruf, mich anzuklammern.
+Ich lasse dich nicht los, und welches Band
+Mich dir erhalten kann, es ist nun heilig.
+Wo find' ich jenen gut gesinnten Mann,
+Der mir die Hand so traulich angeboten?
+An ihn will ich mich schliessen! Im Verborgnen
+Verwahr' er mich, als reinen Talisman.
+Denn, wenn ein Wunder auf der Welt geschieht,
+Geschieht's durch liebevolle, treue Herzen.
+Die Groesse der Gefahr betracht' ich nicht,
+Und meine Schwaeche darf ich nicht bedenken;
+Das alles wird ein guenstiges Geschick
+Zu rechter Zeit auf hohe Zwecke leiten.
+Und wenn mein Vater, mein Monarch mich einst
+Verkannt, verstossen, mich vergessen, soll
+Erstaunt ihr Blick auf der Erhaltnen ruhn,
+Die das, was sie im Gluecke zugesagt,
+Aus tiefem Elend zu erfuellen strebt.
+Er kommt! Ich seh' ihm freundiger entgegen,
+Als ich ihn liess. Er kommt. Er sucht mich auf!
+Zu scheiden denkt er--bleiben werd' ich ihm.
+
+
+
+Neunter Auftritt
+Eugenie. Gerichtsrat. Ein Knabe mit einem schoenen Kaestchen.
+
+Gerichtsrat.
+Schon ziehn die Schiffe nacheinander fort,
+Und bald, so fuercht' ich, wirst auch du berufen.
+Empfange noch ein herzlich Lebewohl
+Und eine frische Gabe, die auf langer Fahrt
+Beklommnen Reisenden Erquickung atmet.
+Gedenke mein! O dass du meiner nicht
+Am boesen Tage sehnsuchtsvoll gedenkest!
+
+Eugenie.
+Ich nehme dein Geschenk mit Freuden an,
+Es buergt mir deine Neigung, deine Sorgfalt;
+Doch send' es eilig in dein Haus zurueck!
+Und wenn du denkst, wie du gedacht, empfindest,
+Wie du empfunden, wenn dir meine Freundschaft
+Genuegen kann, so folg' ich dir dahin.
+
+Gerichtsrat (nach einer Pause, den Knaben durch einen Wink entfernend).
+Ist's moeglich? Haette sich zu meiner Gunst
+In kurzer Zeit dein Wille so veraendert?
+
+Eugenie.
+Er ist veraendert! Aber denke nicht,
+Dass Bangigkeit mich dir entgegen treibe.
+Ein edleres Gefuehl, lass mich's verbergen!
+Haelt mich am Vaterland, an dir zurueck.
+Nun sei's gefragt: Vermagst du hohen Muts
+Entsagung der Entsagenden zu weihen?
+Vermagst du zu versprechen, mich als Bruder
+Mit reiner Neigung zu empfangen? Mir,
+Der liebevollen Schwester, Schutz und Rat
+Und stille Lebensfreude zu gewaehren?
+
+Gerichtsrat.
+Zu tragen glaub' ich alles, nur das eine,
+Dich zu verlieren, da ich dich gefunden,
+Erscheint mir unertraeglich. Dich zu sehen,
+Dir nah zu sein, fuer dich zu leben, waere
+Mein einzig hoechstes Glueck. Und so bedinge
+Dein Herz allein das Buendnis, das wir schliessen.
+
+Eugenie.
+Von dir allein gekannt, muss ich fortan,
+Die Welt vermeidend, im Verborgnen leben.
+Besitzest du ein still entferntes Landgut,
+So widm' es mir und sende mich dahin.
+
+Gerichtsrat.
+Ein kleines Gut besitz' ich, wohl gelegen;
+Doch alt und halb verfallen ist das Haus.
+Du kannst jedoch in jener Gegend bald
+Die schoenste Wohnung finden, sie ist feil.
+
+Eugenie.
+Nein! In das alt verfallne lass mich ziehn,
+Zu meiner Lager stimmt es, meinem Sinn.
+Und wenn er sich erheitert, find' ich gleich
+Der Taetigkeit bereiten Stoff und Raum.
+Sobald ich mich die deine nenne, lass,
+Von irgend einem alten zuverlaess'gen Knecht
+Begleitet, mich in Hoffnung einer kuenft'gen
+Beglueckung Auferstehung mich begraben.
+
+Gerichtsrat.
+Und zum besuch, wann darf ich dort erscheinen?
+
+Eugenie.
+Du wartest meinen Ruf geduldig ab.
+Auch solch ein Tag wird kommen, uns vielleicht
+Mit ernsten Banden enger zu verbinden.
+
+Gerichtsrat.
+Du legest mir zu schwere Pruefung auf.
+
+Eugenie.
+Erfuelle deine Pflichten gegen mich;
+Dass ich die meinen kenne, sei gewiss.
+Indem du, mich zu retten, deine Hand
+Mir bietest, wagst du viel. Werd' ich entdeckt,
+Werd' ich's zu frueh, so kannst du vieles dulden.
+Ich sage dir das tiefste Schweigen zu;
+Woher ich komme, niemand soll's erfahren,
+Ja, die entfernten Leiben will ich nur
+Im Geist besuchen, keine Zeile soll,
+Kein Bote dort mich nennen, wo vielleicht
+Zu meinem Heil ein Funke gluehen moechte.
+
+Gerichtsrat.
+In diesem wicht'gen Fall, was soll ich sagen?
+Uneigennuetz'ge Liebe kann der Mund
+Mit Frechheit oft beteuern, wenn im Herzen
+Der Selbstsucht Ungeheuer lauschend grinst.
+Die Tat allein beweist der Liebe Kraft.
+Indem ich dich gewinne, soll ich allem
+Entsagen, deinem Blick sogar! Ich will's.
+Wie du zum ersten Male mir erschienen,
+Erscheinst du bleibend mir, ein Gegenstand
+Der Neigung, der Verehrung. Deinetwillen
+Wuensch' ich zu leben, du gebietest mir.
+Und wenn der Priester sich sein Leben lang
+Der unsichtbaren Gottheit niederbeugt,
+Die im beglueckten Augenblick vor ihm
+Als hoechstes Musterbild vorueberging,
+So soll von deinem Dienste mich fortan,
+Wie du dich auch verhuellest, nichts zerstreun.
+
+Eugenie.
+Ob ich vertraue, dass dein Aeussres nicht,
+Nicht deiner Worte Wohllaut luegen kann;
+Dass ich empfinde, welch ein Mann du bist,
+Gerecht, gefuehlvoll, taetig, zuverlaessig,
+Davon empfange den Beweis, den hoechsten,
+Den eine Frau besonnen geben kann!
+Ich zaudre nicht, ich eile, dir zu folgen!
+Hier meine Hand; wir gehen zum Altar.
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NATUERLICHE TOCHTER***
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+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+Foundation
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+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext06
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
+
+*** END: FULL LICENSE ***
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new file mode 100644
index 0000000..5735782
--- /dev/null
+++ b/old/10426.zip
Binary files differ