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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:34:28 -0700 |
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Herzog. + +König. +Das flücht'ge Ziel, das Hunde, Ross und Mann, +Auf seine Fährte bannend, nach sich reißt, +Der edle Hirsch, hat über Berg und Tal +So weit uns irr' geführt, dass ich mich selbst, +Obgleich so landeskundig, hier nicht finde. +Wo sind wir, Oheim? Herzog, sage mir, +Zu welchen Hügeln schweiften wir heran? + +Herzog. +Der Bach, der uns umrauscht, mein König, fließt +Durch deines Dieners Fluren, die er deiner +Und einer Ahnherrn königlicher Gnade, +Als erster Lehnsmann deines Reiches, dankt. +An jenes Felsens andrer Seite liegt +Am grünen Hang ein artig Haus versteckt, +Dich zu bewirten keineswegs gebaut; +Allein bereit, dich huld'gend zu empfangen. + +König. +Lass dieser Bäume hochgewölbtes Dach +Zum Augenblick des Rastens freundlich schatten. +Lass dieser Lüfte liebliches Geweb' +Uns leis umstricken, dass an Sturm und Streben +Der Jagdlust auch der Ruhe Zeit sich füge. + +Herzog. +Wie du auf einmal völlig abgeschieden +Hier hinter diesem Bollwerk der Natur, +Mein König, dich empfindest, fühl' ich mit. +Hier dränget sich der Unzufriednen Stimme, +Der Unverschämten offne Hand nicht nach. +Freiwillig einsam merkest du nicht auf, +Ob Undankbare schleichend sich entfernen. +Die ungestüme Welt reicht nicht hierher, +Die immer fordert, nimmer leisten will. + +König. +Soll ich vergessen, was mich sonst bedrängt, +So muss kein Wort erinnernd mich berühren. +Entfernten Weltgetöses Widerhall +Verklinge nach und nach aus meinem Ohr. +Ja, lieber Oheim, wende dein Gespräch +Auf Gegenstände diesem Ort gemäßer. +Hier sollen Gatten aneinander wandeln, +Ihr Stufenglück in wohlgeratnen Kindern +Entzückt betrachten; hier ein Freund dem Freunde, +Verschlossnen Busen traulich öffnend, nahn. +Und gabst du nicht erst neulich stille Winke, +Du hofftest mir in ruh'gen Augenblicken +Verborgenes Verhältnis zu bekennen, +Drangvoller Wünsche holden Inbegriff, +Erfüllung hoffend, heiter zu gestehn? + +Herzog. +Mit größrer Gnade konntest du mich nicht, +O Herr, beglücken, als indem du mir +In diesem Augenblick die Zunge lösest. +Was ich zu sagen habe, könnt' es wohl +Ein andrer besser hören als mein König, +Dem unter allen Schätzen seine Kinder +Am herrlichsten entgegenleuchten, der +Vollkommner Vaterfreuden Hochgenuss +Mit seinem Knechte herzlich teilen wird? + +König. +Du sprichst von Vaterfreuden! Hast du je +Sie denn gefühlt? Verkümmerte dir nicht +Dein einz'ger Sohn durch rohes, wildes Wesen, +Verworrenheit, Verschwendung, starren Trutz +Dein reiches Leben, dein erwünschtes Alter? +Verändert er auf einmal die Natur? + +Herzog. +Von ihm erwart' ich keine frohen Tage! +Sein trüber Sinn erzeugt nur Wolken, die, +Ach, meinen Horizont so oft verfinstern. +Ein anderes Gestirn, ein andres Licht +Erheitert mich. Und wie in dunklen Grüften, +Das Märchen sagt's, Karfunkelsteine leuchten, +Mit herrlich mildem Schein der öden Nacht +Geheimnisvolle Schauer hold beleben, +So ward auch mir ein Wundergut beschert, +Mir Glücklichem! Das ich mit Sorgfalt, mehr +Als den Besitz ererbt errungner Güter, +Als meiner Augen, meines Lebens Licht, +Mit Freud' und Furcht, mit Lust und Sorge pflege. + +König. +Sprich vom Geheimnis nicht geheimnisvoll. + +Herzog. +Wer spräche vor der Majestät getrost +Von seinen Fehlern, wenn sie nicht allein +Den Fehl in Recht und Glück verwandeln könnte. + +König. +Der wonnevoll geheim verwahrte Schatz? + +Herzog. +Ist eine Tochter. + +König. + Eine Tochter? Wie? +Und suchte, Fabelgöttern gleich, mein Oheim, +Zum niedern Kreis verstohlen hingewandt, +Sich Liebesglück und väterlich Entzücken? + +Herzog. +Das Große wie das Niedre nötigt uns, +Geheimnisvoll zu handeln und zu wirken. +Nur allzu hoch stand jene heimlich mir +Durch wundersam Geschick verbundne Frau, +Um welche noch dien Hof in Trauer wandelt +Und meiner Brust geheime Schmerzen teilt. + +König. +Die Fürstin? Die verehrte, nah verwandte, +Nur erst verstorbne? + +Herzog. + War die Mutter! Lass, +O lass mich nur von diesem Kinde reden, +Das, seiner Eltern wert und immer werter, +Mit edlem Sinne sich des Lebens freut. +Begraben sei das übrige mit ihr, +Der hoch begabten, hoch gesinnten Frauen. +Ihr Tod eröffnet mir den Mund, ich darf +vor meinem König meine Tochter nennen, +Ich darf ihn bitten, sie zu mir herauf, +Zu sich herauf zu heben, ihr das Recht +Der fürstlichen Geburt vor seinem Hofe, +Vor seinem Reiche, vor der ganzen Welt +Aus seiner Gnadenfülle zu bewähren. + +König. +Vereint in sich die Nichte, die du mir, +So ganz erwachsen, zuzuführen denkst, +Des Vaters und der Mutter Tugenden: +So muss der Hof, das königliche Haus, +Indem uns ein Gestirn entzogen wird, +Den Aufgang eines neuen Sterns bewundern. + +Herzog. +O kenne sie, eh' du zu ihrem Vorteil +Dich ganz entscheidest. Lass ein Vaterwort +Dich nicht bestechen! Manches hat Natur +Für sie getan, das ich entzückt betrachte, +Und alles, was in meinem Kreise webt, +Hab' ich um ihre Kindheit hergelagert. +Schon ihren ersten Weg geleiteten +Ein ausgebildet Weib, ein weiser Mann. +Mit welcher Leichtigkeit, mit welchem Sinn +Erfreut sie sich des Gegenwärtigen, +Indes ihr Phantasie das künft'ge Glück +Mit schmeichelhaften Dichterfarben malt. +An ihrem Vater hängt ihr frommes Herz, +Und wenn ihr Geist den Lehren edler Männer, +Sich stufenweis entwickelnd, friedlich horcht: +So mangelt Übung ritterlicher Tugend +Dem wohl gebauten, festen Körper nicht. +Du selbst, mein König, hast sie unbekannt +Im wilden drang der Jagd um dich gesehn. +Ja, heute noch! Die Amazonentochter, +Die in den Fluss dem Hirsche sich zuerst +Auf raschem Pferde flüchtig nachgestürzt. + +König. +Wir sorgten alle für das edle Kind! +Ich freue mich, sie mir verwandt zu hören. + +Herzog. +Und nicht zum ersten Mal empfand ich heute, +Wie Stolz und Sorge, Vaterglück und Angst +Zu übermenschlichem Gefühl sich mischen. + +König. +Gewaltsam und behände riss das Pferd +Sich und die Reiterin auf jenes Ufer, +In dicht bewachsner Hügel Dunkelheit. +Und so verschwand sie mir. + +Herzog. + Noch einmal hat +Mein Auge sie gesehen, eh' ich sie +Im Labyrinth der hast'gen Jagd verlor. +Wer weiß, welch ferne Gegend sie durchstreift, +Verdrossnen Muts, am Ziel sich nicht zu finden, +Wo, ihrem angebeteten Monarchen sich +In ehrerbietiger Entfernung anzunähern, +Allein ihr jetzt erlaubt ist, bis er sie +Als Blüte seines hoch bejahrten Stammes +Mit königlicher Huld zu grüßen würdigt. + +König. +Welch ein Getümmel seh' ich dort entstehn? +Welch einen Zulauf nach den Felsenwänden? + +(Er winkt nach der Szene.) + + + +Zweiter Auftritt +Die Vorigen. Graf. + +König. +Warum versammelt sich die Menge dort? + +Graf. +Die kühne Reiterin ist eben jetzt +Von jener Felsenwand herabgestürzt. + +Herzog. +Gott! + +König. + Ist sie sehr beschädigt? + +Graf. + Eilig hat +Man deinen Wundarzt, Herr, dahin gerufen. + +Herzog. +Was zaudr' ich? Ist sie tot, so bleibt mir nichts, +Was mich im Leben länger halten kann. + + + +Dritter Auftritt +König. Graf. + +König. +Kennst du den Anlass der Begebenheit? + +Graf. +Vor meinen Augen hat sie sich ereignet. +Ein starker Trupp von Reitern, welcher sich +Durch Zufall von der Jagd getrennt gesehn, +Geführt von dieser Schönen, zeigte sich +Auf jener Klippen Wald bewachsner Höhe. +Sie hören, sehen unten in dem Tal +Den Jagdgebrauch vollendet, sehn den Hirsch +Als Beute liegen seiner kläffenden +Verfolger. Schnell zerstreuet sich die Schar, +Und jeder sucht sich einzeln seinen Pfad, +Hier oder dort, mehr oder weniger +Durch einen Umweg. Sie allein besinnt +Sich keinen Augenblick und nötiget +Ihr Pferd von Klipp' zu Klippe grad' herein. +Des Frevels Glück betrachten wir erstaunt; +Denn ihr gelingt es eine Weile, doch +Am untern stielen Abhang gehen dem Pferde +Die letzten, schmalen Klippenstufen aus, +Es stürzt herunter, sie mit ihm. So viel +Konnt' ich bemerken, eh' der Menge Drang +Sie mir verdeckte. Doch ich hörte bald +Nach deinem Arzte rufen. So erschein' ich nun +Auf deinen Wink, den Vorfall zu berichten. + +König. +O möge sie ihm bleiben! Fürchterlich +Ist einer, der nichts zu verlieren hat. + +Graf. +So hat ihm dieser Schrecken das Geheimnis +Auf einmal abgezwungen, das er sonst +Mit so viel Klugheit zu verbergen strebte? + +König. +Er hatte schon sich völlig mir vertraut. + +Graf. +Die Lippen öffnet ihm der Fürstin Tod, +Nun zu bekennen, was für Hof und Stadt +Ein offenbar Geheimnis lange war. +Es ist ein eigner, grillenhafter Zug, +Dass wir durch Schweigen das Geschehene +Für uns und andre zu vernichten glauben. + +König. +O lass dem Menschen diesen edlen Stolz! +Gar vieles kann, gar vieles muss geschehn, +Was man mit Worten nicht bekennen darf. + +Graf. +Man bringt sie, fürcht' ich, ohne Leben her! + +König. +Welch unerwartet schreckliches Ereignis! + + + +Vierter Auftritt +Die Vorigen. Eugenie, auf zusammen geflochtenen Ästen für tot +herein getragen. Herzog. Wundarzt. Gefolge. + +Herzog (zum Wundarzt). +Wenn deine Kunst nur irgend was vermag, +Erfahrner Mann, dem unsres Königs Leben, +Das unschätzbare Gut, vertraut ist, lass +Ihr helles Auge sich noch einmal öffnen, +Dass Hoffnung mir in diesem Blick erscheine! +Dass aus der Tiefe meines Jammers ich +Nur Augenblicke noch gerettet werde! +Vermagst du dann nichts weiter, kannst du sie +Nur wenige Minuten mir erhalten: +So lasst mich eilen, vor ihr hinzusterben, +Dass ich im Augenblick des Todes noch +Getröstet rufe: Meine Tochter lebt! + +König. +Entferne dich, mein Oheim! Dass ich hier +Die Vaterpflichten treulich übernehme. +Nichts unversucht lässt dieser wackre Mann. +Gewissenhaft, als läg' ich selber hier, +Wird er um deine Tochter sich bemühen. + +Herzog. +Sie regt sich! + +König. + Ist es wahr? + +Graf. + Sie regt sich! + +Herzog. + Starr +Blickt sie zum Himmel, blickt verirrt umher. +Sie lebt! Sie lebt! + +König (ein wenig zurücktretend). + Verdoppelt eure Sorge! + +Herzog. +Sie lebt! Sie lebt! Sie hat dem Tage wieder +Ihr Aug' eröffnet. Ja! Sie wird nun bald +Auch ihren Vater, ihre Freunde kennen. +Nicht so umher, mein liebes Kind, verschwende +Die Blicke staunend, ungewiss; auf mich, +Auf deinen Vater wende sie zuerst. +Erkenne mich, lass meine Stimme dir +Zuerst das Ohr berühren, da du uns +Aus jener stummen Nacht zurückekehrst. + +Eugenie (die indes nach und nach zu sich gekommen ist und sich +aufgerichtet hat). +Was ist aus uns geworden? + +Herzog. + Kenne mich +Nur erst!--Erkennst du mich? + +Eugenie. + Mein Vater! + +Herzog. + Ja! +Dein Vater, den mit diesen holden Tönen +Du aus den Armen der Verzweiflung rettest. + +Eugenie. +Wer bracht' uns unter diese Bäume? + +Herzog (dem der Wundarzt ein weißes Tuch gegeben). + Bleib +Gelassen, meine Tochter! Diese Stärkung, +Nimm sie mit Ruhe, mit Vertrauen an! + +Eugenie (Sie nimmt dem Vater das Tuch ab, das er ihr vorgehalten, +und verbirgt ihr Gesicht darin. Dann steht sie schnell auf, indem +sie das Tuch vom Gesicht nimmt). +Da bin ich wieder!--Ja, nun weiß ich alles. +Dort oben hielt ich, dort vermaß ich mich +Herab zu reiten, grad' herab. Verzeih! +Nicht wahr, ich bin gestürzt? Vergibst du mir's? +Für tot hob man mich auf? Mein guter Vater! +Und wirst du die Verwegne lieben können, +Die solche bittre Schmerzen dir gebracht? + +Herzog. +Zu wissen glaubt' ich, welch ein edler Schatz +In dir, o Tochter, mir beschieden ist; +Nun steigert mir gefürchteter Verlust +Des Glücks Empfindung ins Unendliche. + +König (der sich bisher im Grunde mit dem Wundarzt und dem Grafen +unterhalten, zu dem letzten). +Entferne jedermann! Ich will sie sprechen. + + + +Fünfter Auftritt +König. Herzog. Eugenie. + +König (näher tretend). +Hat sich die wackre Reiterin erholt? +Hast sie sich nicht beschädigt? + +Herzog. + Nein, mein König! +Und was noch übrig ist von Schreck und Weh, +Nimmst du, o Herr, durch deinen milden Blick, +Durch deiner Worte sanften Ton hinweg. + +König. +Und wem gehört es an, das liebe Kind? + +Herzog (nach einer Pause). +Da du mich fragst, so darf ich dir bekennen; +Da du gebietest, darf ich sie vor dich +Als meine Tochter stellen. + +König. + Deine Tochter? +So hat für dich das Glück, mein lieber Oheim, +Unendlich mehr als das Gesetz getan. + +Eugenie. +Wohl muss ich fragen, ob ich wirklich denn +Aus jener tödlichen Betäubung mich +Ins Leben wieder aufgerafft? Und ob, +Was mir begegnet, nicht ein Traumbild sei? +Mein Vater nennt vor seinem Könige +Mich seine Tochter. O, so bin ich's auch! +Der Oheim eines Königes bekennt +Mich für sein Kind, so bin ich denn die Nichte +Des großen Königs. O verzeihe mir +Die Majestät! Wenn aus geheimnisvollem, +Verborgnem Zustand ich, ans Licht auf einmal +Hervor gerissen und geblendet, mich, +Unsicher, schwankend, nicht zu fassen weiß. + +(Sie wirft sich vor dem König nieder.) + +König. +Mag diese Stellung die Ergebenheit +In dein Geschick von Jugend auf bezeichnen, +Die Demut, deren unbequeme Pflicht +Du, deiner höheren Geburt bewusst, +So manches Jahr im Stillen ausgeübt! +Doch sei auch nun, wenn ich von meinen Füßen +Zu meinem Herzen dich herauf gehoben, + +(Er hebt sie auf und drückt sie sanft an sich.) + +Wenn ich des Oheims heil'gen Vaterkuss +Auf dieser Stirne schönen Raum gedrückt, +So sei dies auch ein Zeichen, sei ein Siegel, +Dich, die Verwandte, hab' ich anerkannt +Und werde bald, was hier geheim geschah, +Vor meines Hofes Augen wiederholen. + +Herzog. +So große Gabe fordert ungeteilten +Und unbegrenzten Dank des ganzen Lebens. + +Eugenie. +Von edlen Männern hab' ich viel gelernt, +Auch manches lehrte mich mein eigen Herz; +Doch meinen König anzureden, bin +Ich nicht entfernterweise vorbereitet. +Doch wenn ich schon das ganz Gehörige +Dir nicht zu sagen weiß, so möcht' ich doch +Vor dir, o Herr, nicht ungeschickt verstummen. +Was fehlte dir? Was wäre dir zu bringen? +Die Fülle selber, die zu dir sich drängt, +Fließt nur für andere strömend wieder fort. +Hier stehen Tausende, dich zu beschützen, +Hier wirken Tausende nach deinem Wink; +Und wenn der einzelne dir Herz und Geist +Und Arm und Leben fröhlich opfern wollte; +In solcher großen Menge zählt er nicht, +Er muss vor dir und vor sich selbst verschwinden. + +König. +Wenn dir die Menge, gutes, edles Kind, +Bedeutend scheinen mag, so tadl' ich's nicht; +Sie ist bedeutend, mehr noch aber sind's +Die wenigen, geschaffen, dieser Menge +Durch Wirken, Bilden, Herrschen vorzustehn. +Berief hierzu den König die Geburt, +So sind ihm seine nächsten Anverwandten +Geborne Räte, die, mit ihm vereint, +Das Reich beschützen und beglücken sollten. +O träte doch in diese Regionen, +Zum Rate dieser hohen Wächter nie +Vermummte Zwietracht, leise wirkend, ein! +Dir, edle Nichte, geb' ich einen Vater +Durch allgewalt'gen königlichen Spruch; +Erhalte mir nun auch, gewinne mir +Des nah verwandten Mannes Herz und Stimme! +Gar viele Widersacher hat ein Fürst, +O lass ihn jene Seite nicht verstärken! + +Herzog. +Mit welchem Vorwurf kränkest du mein Herz! + +Eugenie. +Wie unverständlich sind mir diese Worte! + +König. +O lerne sie nicht allzu früh verstehn! +Dir Pforten unsres königlichen Hauses +Eröffn' ich dir mit eigner Hand; ich führe +Auf glatten Marmorboden dich hinein. +Noch staunst du dich, noch staunst du alles an, +Und in den innern Tiefen ahnest du +Nur sichre Würde mit Zufriedenheit. +Du wirst es anders finden! Ja, du bist +In eine Zeit gekommen, wo dein König +Dich nicht zum heitren, frohen Feste ruft, +Wenn er den Tag, der ihm das Leben gab, +In kurzem feiern wird; doch soll der Tag +Um deinetwillen mir willkommen sein; +Dort werd' ich dich im offnen Kreise sehn, +Und aller Augen werden auf dir haften. +Die schönste Zierde gab dir die Natur; +Und dass der Schmuck der Fürstin würdig sei, +Die Sorge lass dem Vater, lass dem König. + +Eugenie. +Der freud'gen Überraschung lauter Schrei, +Bedeutender Gebärde dringend Streben, +Vermöchten sie die Wonne zu bezeugen, +Die du dem Herzen schaffend aufgeregt? +Zu deinen Füßen, Herr, lass mich verstummen. + +(Sie will knien.) + +König (hält sie ab). +Du sollst nicht knien. + +Eugenie. +Lass, o lass mich hier +Der völligsten Ergebung Glück genießen. +Wenn wir in raschen, mutigen Momenten +Auf unsern Füßen stehen, strack und kühn, +Als eigner Stütze froh uns selbst vertraun, +Dann scheint uns Welt und Himmel zu gehören. +Doch was in Augenblicken der Entzückung +Die Knie beugt, ist auch ein süß Gefühl. +Und was wir unserm Vater, König, Gott +Von Wonnedank, von ungemessner Liebe +Zum reinsten Opfer bringen möchten, drückt +In dieser Stellung sich am besten aus. + +(Sie fällt vor ihm nieder.) + +Herzog (kniet). +Erneute Huldigung gestatte mir. + +Eugenie. +Zu ewigen Vasallen nimm uns an. + +König. +Erhebt euch denn und stellt euch neben mich, +Ins Chor der Treuen, die an meiner Seite +Das Rechte, das Beständige beschützen. +O diese Zeit hat fürchterliche Zeichen: +Das Niedre schwillt, das Hohe senkt sich nieder, +Als könnte jeder nur am Platz des andern +Befriedigung verworrner Wünsche finden, +Nur dann sich glücklich fühlen, wenn nichts mehr +Zu unterscheiden wäre, wenn wir alle, +Von einem Strom vermischt dahin gerissen, +Im Ozean uns unbemerkt verlören. +O lasst uns widerstehen, lasst uns tapfer, +Was uns und unser Volk erhalten kann, +Mit doppelt neu vereinter Kraft erhalten! +Lasst endlich uns den alten Zwist vergessen, +Der Große gegen Große reizt, von innen +Das Schiff durchbohrt, das, gegen äußre Wellen +Geschlossen kämpfend, nur sich halten kann. + +Eugenie. +Welch frisch wohltät'ger Glanz umleuchtet mich +Und regt mich auf, anstatt mich zu verblenden! +Wie! Unser König achtet uns so sehr, +Um zu gestehen, dass er uns bedarf; +Wir sind ihm nicht Verwandte nur, wir sind +Durch sein Vertraun zum höchsten Platz erhoben. +Und wenn die Edlen seines Königreichs +Um ihn sich drängen, seine Brust zu schützen, +So fordert er uns auf zu größerem Dienst. +Die Herzen dem Regenten zu erhalten, +Ist jedes Wohlgesinnten höchste Pflicht; +Denn, wo er wankt, wankt das gemeine Wesen, +Und wenn er fällt, mit ihm stürzt alles hin. +Die Jugend, sagt man, bilde sich zu viel +Auf ihre Kraft, auf ihren Willen ein; +Doch dieser Wille, diese Kraft, auf ewig, +Was sie vermögen, dir gehört es an. + +Herzog. +Des Kindes Zuversicht, erhabner Fürst, +Weißt du zu schätzen, weißt du zu verzeihen. +Und wenn der Vater, der erfahrne Mann, +Die Gabe dieses Tags, die nächste Hoffnung +In ihrem ganzen Werte fühlt und wägt, +So bist du seines vollen Danks gewiss. + +König. +Wir wollen bald einander wieder sehn, +An jenem Fest, wo sich die treuen Meinen +Der Stunde freun, die mir das Licht gegeben. +Dich geb' ich, edles Kind, an diesem Tage +Der großen Welt, dem Hofe, deinem Vater +Und mir. Am Throne glänze dein Geschick. +Doch bis dahin verlang' ich von euch beiden +Verschwiegenheit. Was unter uns geschehn, +Erfahre niemand. Missgunst lauert auf, +Schnell regt sie Wog' auf Woge, Sturm auf Sturm; +Das Fahrzeug treibt an jähe Klippen hin, +Wo selbst der Steurer nicht zu retten weiß. +Geheimnis nur verbürget unsre Taten; +Ein Vorsatz, mitgeteilt, ist nicht mehr dein; +Der Zufall spielt mit deinem Willen schon; +Selbst wer gebieten kann, muss überraschen. +Ja, mit dem besten Willen leisten wir +So wenig, weil uns tausend Willen kreuzen. +O wäre mir zu meinen reinen Wünschen +Auch volle Kraft auf kurze Zeit gegeben; +Bis an den letzten Herd im Königreich +Empfände man des Vaters warme Sorge. +Begnügte sollten unter niedrem Dach, +Begnügte sollten im Palaste wohnen. +Und hätt' ich einmal ihres Glücks genossen, +Entsagt' ich gern dem Throne, gern der Welt. + + + +Sechster Auftritt +Herzog. Eugenie. + +Eugenie. +O welch ein selig jubelvoller Tag! + +Herzog. +O möcht' ich Tag' auf Tage so erleben! + +Eugenie. +Wie göttlich hat der König uns beglückt. + +Herzog. +Genieße rein so ungehoffte Gaben. + +Eugenie. +Er scheint nicht glücklich, ach! Und ist so gut. + +Herzog. +Die Güte selbst erregt oft Widerstand. + +Eugenie. +Wer ist so hart, sich ihm zu widersetzen? + +Herzog. +Der Heil des Ganzen von der Strenge hofft. + +Eugenie. +Des Königs Milde sollte Milde zeugen. + +Herzog. +Des Königs Milde zeugt Verwegenheit. + +Eugenie. +Wie edel hat ihn die Natur gebildet. + +Herzog. +Doch auf zu hohen Platz hinaufgestellt. + +Eugenie. +Und ihn mit so viel Tugend ausgestattet. + +Herzog. +Zur Häuslichkeit, zum Regimente nicht. + +Eugenie. +Von altem Heldenstamme grünt er auf. + +Herzog. +Die Kraft entgeht vielleicht dem späten Zweige. + +Eugenie. +Die Schwäche zu vertreten, sind wir da. + +Herzog. +Sobald er unsre Stärke nicht verkennt. + +Eugenie (nachdenklich). +Mich leiten seine Reden zum Verdacht. + +Herzog. +Was sinnest du? Enthülle mir dein Herz. + +Eugenie (nach einer Pause). +Auch du bist unter denen, die er fürchtet. + +Herzog. +Er fürchte jene, die zu fürchten sind. + +Eugenie. +Und sollten ihm geheime Feinde drohen? + +Herzog. +Wer die Gefahr verheimlicht, ist ein Feind. +Wo sind wir hingeraten! Meine Tochter! +Wie hat der sonderbarste Zufall uns +Auf einmal weggerissen nach dem Ziel. +Unvorbereitet red' ich, übereilt +Verwirr' ich dich, anstatt dich aufzuklären. +So musste dir der Jugend heitres Glück +Beim ersten Eintritt in die Welt verschwinden. +Du konntest nicht in süßer Trunkenheit +Der blendenden Befriedigung genießen. +Das Ziel erreichst du; doch des falschen Kranzes +Verborgne Dornen ritzen deine Hand. +Geliebtes Kind! So sollt' es nicht geschehn! +Erst nach und nach, so hofft' ich, würdest du +Dich aus Beschränkung an die Welt gewöhnen, +Erst nach und nach den liebsten Hoffnungen +Entsagen lernen, manchem holden Wunsch. +Und nun auf einmal, wie der jähe Sturz +Dir vorbedeutet, bist du in den Kreis +Der Sorgen, der Gefahr herabgestürzt. +Misstrauen atmet man in dieser Luft, +Der Neid verhetzt ein fieberhaftes Blut +Und übergibt dem Kummer seine Kranken. +Ach, soll ich nun nicht mehr ins Paradies, +Das dich umgab, am Abend wieder kehren, +Zu deiner Unschuld heil'gen Vorgefühl +Mich von der Welt gedrängter Posse retten! +Du wirst fortan, mit mir ins Netz verstrickt, +Gelähmt, verworren, dich und mich betrauern. + +Eugenie. +Nicht so, mein Vater! Konnt' ich schon bisher, +Untätig, abgesondert, eingeschlossen, +Ein kindlich Nichts, die reinste Wonne dir, +Schon in des Daseins Unbedeutenheit +Erholung, Trost und Lebenslust gewähren: +Wie soll die Tochter erst, in dein Geschick +Verflochten, im Gewebe deines Lebens +Als heitrer bunter Faden künftig glänzen! +Ich nehme teil an jeder edlen Tat, +An jeder großen Handlung, die den Vater +Dem König und dem Reiche werter macht. +Mein frischer Sinn, die jugendliche Lust, +Die mich belebt, sie teilen dir sich mit, +Verscheuchen jene Träume, die der Welt +Unüberwindlich ungeheure Last +Auf eine Menschenbrust zerknirschend wälzen. +Wenn ich dir sonst in trüben Augenblicken +Ohnmächt'gen guten Willen, arme Liebe, +Dir leere Tändeleien kindlich bot; +Nun hoff' ich, eingeweiht in deine Pläne, +Bekannt mit deinen Wünschen, mir das Recht +Vollbürt'ger Kindschaft rühmlich zu erwerben. + +Herzog. +Was du bei diesem wicht'gen Schritt verlierst, +Erscheint dir ohne Wert und ohne Würde; +Was du erwartest, schätzest du zu sehr. + +Eugenie. +Mit hoch erhabnen, hoch beglückten Männern +Gewalt'ges Ansehn, würd'gen Einfluss teilen, +Für edle Seelen reizender Gewinn! + +Herzog. +Gewiss! Vergib, wenn du in dieser Stunde +Mich schwächer findest, als dem Manne ziemt. +Wir tauschten sonderbar die Pflichten um: +Ich soll dich leiten, und du leitest mich. + +Eugenie. +Wohl denn, mein Vater, tritt mit mir herauf +In diese Regionen, wo mir eben +Die neue, heitre Sonne sich erhebt! +In diesen muntren Stunden lächle nur, +Wenn ich den Inbegriff von meinen Sorgen +Dir auch eröffne. + +Herzog. + Sage, was es ist. + +Eugenie. +Der wichtigen Momente gibt's im Leben +Gar manche, die mit Freude, die mit Trauer +Des Menschen Herz bestürmen. Wenn der Mann +Sein Äußeres in solchem Fall vergisst, +Nachlässig oft sich vor die Menge stellt, +So wünscht ein Weib noch, jedem zu gefallen, +Durch ausgesuchte Tracht, vollkommnen Schmuck +Beneidenswert vor andern zu erscheinen. +Das hab' ich oft gehört und oft bemerkt, +Und nun empfind' ich im bedeutendsten +Momente meines Lebens, dass auch ich +Der mädchenhaften Schwachheit schuldig bin. + +Herzog. +Was kannst du wünschen, das du nicht erlangst? + +Eugenie. +Du bist geneigt, mir alles zu gewähren, +Ich weiß es. Doch der große Tag ist nah, +Zu nah, um alles würdig zu bereiten; +Und was von Stoffen, Stickerei und Spitzen, +Was von Juwelen mich umgeben soll, +Wie kann's geschafft, wie kann's vollendet werden? + +Herzog. +Uns überrascht längst gewünschtes Glück; +Doch vorbereitet können wir's empfangen. +Was du bedarfst, ist alles angeschafft, +Und heute noch, verwahrt im edlen Schrein, +Erhältst du Gaben, die du nicht erwartet. +Doch leichte Prüfung leg' ich dir dabei +Zum Vorbild mancher künftig schweren auf. +Hier ist der Schlüssel! Den verwahre wohl! +Bezähme deine Neugier! Öffne nicht, +Eh' ich dich wieder sehe, jenen Schatz. +Vertraue niemand, sei es, wer es sei. +Die Klugheit rät's, der König selbst gebeut's. + +Eugenie. +Dem Mädchen sinnst du harte Prüfung aus; +Doch will ich sie bestehn, ich schwör' es dir! + +Herzog. +Mein eigner wüster Sohn umlauert ja +Die stillen Wege, die ich dich geführt. +Der Güter kleinen Teil, den ich bisher +Dir schuldig zugewandt, missgönnt er schon. +Erführ' er, dass du, höher nun empor +Durch unsres Königs Gunst gehoben, bald +In manchem Recht ihm gleich dich stellen könntest, +Wie müsst' er wüten! Würd' er tückisch nicht, +Den schönen Schritt zu hindern, alles tun? + +Eugenie. +Lass uns im Stillen jenen Tag erharren. +Und wenn geschehn ist, was mich seine Schwester +Zu nennen mich berechtigt, soll's an mir, +Soll's an gefälligem Betragen, guten Worten, +Nachgiebigkeit und Neigung nicht gebrechen. +Er ist dein Sohn; und sollt' er nicht nach dir +Zur Liebe, zur Vernunft gebildet sein? + +Herzog. +Ich traue dir ein jedes Wunder zu, +Verrichte sie zu meines Hauses Bestem +Und lebe wohl. Doch ach! Indem ich scheide, +Befällt mich grausend jäher Furcht Gewalt. +Hier lagst du tot in meinen Armen! Hier +Bezwang mich der Verzweiflung Tigerklaue. +Wer nimmt das Bild vor meinen Augen weg! +Dich hab' ich tot gesehn! So wirst du mir +An manchem Tag, in mancher Nacht erscheinen. +War ich entfernt von dir nicht stets besorgt? +Nun ist's nicht mehr ein kranker Grillentraum, +Es ist ein wahres, unauslöschlichs Bild: +Eugenie, das Leben meines Lebens, +Bleich, hingesunken, atemlos, entseelt. + +Eugenie. +Erneue nicht, was du entfernen solltest, +Lass diesen Sturz, lass diese Rettung dir +Als wertes Pfand erscheinen meines Glücks. +Lebendig siehst du sie vor deinen Augen + +(Indem sie ihn umarmt.) + +Und fühlst lebendig sie an deiner Brust. +So lass mich immer, immer wieder kehren! +Und vor dem glühnden, liebevollen Leben +Entweiche des verhassten Todes Bild. + +Herzog. +Kann wohl ein Kind empfinden, wie den Vater +Die Sorge möglichen Verlustes quält? +Gesteh' ich's nur! Wie öfters hat mich schon +Dein überkühner Mut, mit dem du dich, +Als wie ans Pferd gewachsen, voll Gefühl +Der doppelten, zentaurischen Gewalt, +Durch Tal und Berg, durch Fluss und Graben schleuderst, +Wie sich ein Vogel durch die Lüfte wirft, +Ach! Öfters mehr geängstigt als entzückt. +Dass doch gemäßigter dein Trieb fortan +Der ritterlichen Übung sich erfreue! + +Eugenie. +Dem Ungemessnen beugt sich die Gefahr, +Beschlichen wird das Mäßige von ihr. +O fühle jetzt wie damals, da du mich, +Ein kleines Kind, in ritterliche Weise +Mit heitrer Kühnheit fröhlich eingeweiht. + +Herzog. +Ich hatte damals unrecht; soll mich nun +Ein langes Leben sorgenvoll bestrafen? +Und locket Übung des Gefährlichen +Nicht die Gefahr an uns heran? + +Eugenie. + Das Glück, +Und nicht die Sorge bändigt die Gefahr. +Leb' wohl, mein Vater, folge deinem König, +Und sei nun auch um deiner Tochter willen +Sein redlicher Vasall, sein treuer Freund. +Leb' wohl! + +Herzog. + O bleib! Und steh an diesem Platz +Lebendig, aufrecht, noch einmal, wie du +Ins Leben wieder aufsprangst, wo mit Wonne +Du mein zerrissen Herz erfüllend heiltest. +Unfruchtbar bleibe diese Freude nicht! +Zum ew'gen Denkmal weih' ich diesen Ort. +Hier soll ein Tempel aufstehn, der Genesung, +Der glücklichsten, gewidmet. Rings umher +Soll deine Hand ein Feenreich erschaffen. +Den wilden Wald, das struppige Gebüsch +Soll sanfter Gänge Labyrinth verknüpfen. +Der steile Fels wird gangbar, dieser Bach, +In reinen Spiegeln fällt er hier und dort. +Der überraschte Wandrer fühlt sich hier +Ins Paradies versetzt. Hier soll kein Schuss, +Solang ich lebe, fallen, hier kein Vogel +Von seinem Zweig, kein Wild in seinem Busch +Geschreckt, verwundet, hingeschmettert werden. +Hier will ich her, wenn mir der Augen Licht, +Wenn mir der Füße Kraft zuletzt versagt, +Auf dich gelehnt, wallfahrten; immer soll +Des gleichen Danks Empfindung mich beleben. +Nun aber lebe wohl! Und wie?--Du weinst? + +Eugenie. +O! Wenn mein Vater ängstlich fürchten darf, +Die Tochter zu verlieren, soll in mir +Sich keine Sorge regen, ihn vielleicht-- +Wie kann ich's denken, sagen--ihn zu missen? +Verwaiste Väter sind beklagenswert; +Allein verwaiste Kinder sind es mehr. +Und ich, die Ärmste, stünde ganz allein +Auf dieser weiten, fremden, wilden Welt, +Müsst' ich von ihm, dem Einzigen, mich trennen. + +Herzog. +Wie du mich stärktest, geb' ich dir's zurück. +Lass uns getrost, wie immer, vorwärts gehen! +Das Leben ist des Lebens Pfand; es ruht +Nur auf sich selbst und muss sich selbst verbürgen. +Drum lass uns eilige auseinander scheiden! +Von diesem allzu weichen Lebewohl +Soll ein erfreulich wieder Sehn uns heilen! + +(Sie trennen sich schnell; aus der Entfernung werfen sie sich +mit ausgebreiteten Armen ein Lebewohl zu und gehen eilig ab.) + + + + +Zweiter Aufzug +(Zimmer Eugenies, im gotischen Stil.) + + + +Erster Auftritt +Hofmeisterin. Sekretär. + +Sekretär. +Verdien' ich, dass du mich, im Augenblick, +Da ich erwünschte Nachricht bringe, fliehst? +Vernimm nur erst, was ich zu sagen habe! + +Hofmeisterin. +Wohin es deutet, fühl' ich nur zu sehr. +O lass mein Auge vom bekannten Blick, +Mein Ohr sich von bekannter Stimme wenden! +Entfliehen lass mich der Gewalt, die, sonst +Durch Lieb' und Freundschaft wirksam, fürchterlich +Wie ein Gespenst mir nun zur Seite steht. + +Sekretär. +Wenn ich des Glückes Füllhorn dir auf einmal +Nach langem Hoffen vor die Füße schütte, +Wenn sich die Morgenröte jenes Tags, +Der unsern Bund auf ewig gründen soll, +Am Horizonte feierlich erhebt, +So scheinst du nun verlegen, widerwillig +Den Antrag eines Bräutigams zu fliehn. + +Hofmeisterin. +Du zeigst mir nur die eine Seite dar, +Sie glänzt und leuchtet, wie im Sonnenschein +Die Welt erfreulich daliegt; aber hinten +Droht schwarzer Nächte Graus, ich ahn' ihn schon. + +Sekretär. +So lass uns erst die schöne Seite sehn! +Verlangst du Wohnung, mitten in der Stadt, +Geräumig, heiter, trefflich ausgestattet, +Wie man's für sich, so wie für Gäste wünscht? +Sie ist bereit, der nächste Winter findet +Uns festlich dort umgeben, wenn du willst. +Sehnst du im Frühling dich aufs Land, auch dort +Ist uns ein Haus, ein Garten uns bestimmt, +Ein reiches Feld. Und was Erfreuliches +An Waldung, Busch, an Wiesen, Bach und Seen +Sich Phantasie zusammendrängen mag, +Genießen wir, zum Teil als unser eignes, +Zum Teil als allgemeines Gut. Wobei +Noch manche Rente gar bequem vergönnt, +Durch Sparsamkeit ein sichres Glück zu steigern. + +Hofmeisterin. +In trübe Wolken hüllt sich jenes Bild, +So heiter du es malst, vor meinen Augen. +Nicht wünschenswert, abscheulich naht sich mir +Der Gott der Welt im Überfluss heran. +Was für ein Opfer fordert er? Das Glück +Des holden Zöglings müsst' ich morden helfen! +Und was ein solch Verbrechen mir erwarb, +Ich sollt' es je mit freier Brust genießen? +Eugenie! Du, deren holdes Wesen +In meiner Nähe sich von Jugend auf +Aus reicher Fülle rein entwickeln sollte, +Kann ich noch unterscheiden, was an dir +Dein eigen ist, und was du mir verdankst? +Dich, die ich als mein selbst gebildet Werk +Im Herzen trage, sollt' ich nun zerstören? +Von welchem Stoffe seid ihr denn geformt, +Ihr Grausamen, dass eine solche Tat +Ihr fordern dürft und zu belohnen glaubt? + +Sekretär. +Gar manchen Schatz bewahrt von Jugend auf +Ein edles, gutes Herz und bildet ihn +Nur immer schöner, liebenswürd'ger aus +Zur holden Gottheit des geheimen Tempels; +Doch wenn das Mächtige, das uns regiert, +Ein großes Opfer heischt, wir bringen's doch +Mit blutendem Gefühl der Not zuletzt. +Zwei Welten sind es, meine Liebe, die, +Gewaltsam sich bekämpfend, uns bedrängen, + +Hofmeisterin. +In völlig fremder Welt für mein Gefühl +Scheinst du zu wandeln, da du deinem Herrn, +Dem edlen Herzog, solche Jammertage +Verräterisch bereitest, zur Partei +Des Sohns dich fügest--Wenn das Waltende +Verbrechen zu begünst'gen scheinen mag, +So nennen wir es Zufall; doch der Mensch, +Der ganz besonnen solche Tat erwählt, +Er ist ein Rätsel.--Doch--und bin ich nicht +Mir auch ein Rätsel, dass ich noch an dir +Mit solcher Neigung hänge, da du mich +Zum jähen Abgrund hinzureißen strebst? +Warum o! Schuf dich die Natur von außen +Gefällig, liebenswert, unwiderstehlich, +Wenn sie ein kaltes Herz in deinen Busen, +Ein Glück zerstörendes, zu pflanzen dachte? + +Sekretär. +An meiner Neigung Wärme zweifelst du? + +Hofmeisterin. +Ich würde mich vernichten, wenn ich's könnte. +Doch ach! Warum, und mit verhasstem Plan, +Aufs Neue mich bestürmen? Schwurst du nicht, +In ew'ge Nacht das Schrecknis zu begraben? + +Sekretär. +Ach leider drängt sich's mächtiger hervor. +Den jungen Fürsten zwingt man zum Entschluss. +Erst blieb Eugenie so manches Jahr +Ein unbedeutend unbekanntes Kind. +Du hast sie selbst von ihren ersten Tagen +In diesen alten Sälen auferzogen, +Von wenigen besucht und heimlich nur. +Doch wie verheimlichte sich Vaterliebe! +Der Herzog, stolz auf seiner Tochter Wert, +Lässt nach und nach sie öffentlich erscheinen; +Sie zeigt sich reitend, fahrend. Jeder fragt +Und jeder weiß zuletzt, woher sie sei. +Nun ist die Mutter tot. Der stolzen Frau +War dieses Kind ein Gräuel, das ihr nur +Der Neigung Schwäche vorzuwerfen schien. +Nie hat sie's anerkannt und kaum gesehn. +Durch ihren Tod fühlt sich der Herzog frei, +Entwirft geheime Pläne, nähert sich +Dem Hofe wieder und entsagt zuletzt +Dem alten Groll, versöhnt sich mit dem König +Und macht sich's zur Bedingung, dieses Kind +Als Fürstin seines Stamms erklärt zu sehn. + +Hofmeisterin. +Und gönnt ihr dieser köstlichen Natur +Vom Fürstenblute nicht das Glück des Rechts? + +Sekretär. +Geliebte, Teure! Sprichst du doch so leicht, +Durch diese Mauern von der Welt geschieden, +In klösterlichem sinne von dem Wert +Der Erdengüter. Blicke nur hinaus! +Dort wägt man besser solchen edlen Schatz. +Der Vater neidet ihn dem Sohn, der Sohn +Berechnet seines Vaters Jahre, Brüder +Entzweit ein ungewisses Recht auf Tod +Und Leben. Selbst der Geistliche vergisst, +Wohin er streben soll, und strebt nach Gold. +Verdächte man's dem Prinzen, der sich stets +Als einz'gen Sohn gefühlt, wenn er sich nun +Die Schwester nicht gefallen lassen will, +Die, eingedrungen, ihm das Erbteil schmälert? +Man stelle sich an seinen Platz und richte. + +Hofmeisterin. +Und ist er nicht schon jetzt ein reicher Fürst? +Und wird er's nicht durch seines Vaters Tod +Zum Übermaß? Wie wär' ein Teil der Güter +So köstlich angelegt, wenn er dafür +Die holde Schwester zu gewinnen wüsste! + +Sekretär. +Willkürlich handeln ist des Reichen Glück! +Er widerspricht der Fordrung der Natur, +Der Stimme des Gesetzes, der Vernunft, +Und spendet an den Zufall seine Gaben. +Genug besitzen hieße darben. Alles +Bedürfte man! Unendlicher Verschwendung +Sind ungemessne Güter wünschenswert. +Hier denke nicht zu raten, nicht zu mildern; +Kannst du mit uns nicht wirken, gib uns auf! + +Hofmeisterin. +Und was denn wirken? Lange droht ihr schon +Von fern dem Glück des liebenswürd'gen Kindes. +Was habt ihr denn in eurem furchtbarn Rat +Beschlossen über sie? Verlangt ihr etwa, +Dass ich mich blind zu eurer Tat geselle? + +Sekretär. +Mitnichten! Hören kannst und sollst du gleich, +Was zu beginnen, was von dir zu fordern +Wir selbst genötigt sind. Eugenien +Sollst du entführen! Sie muss dergestalt +Auf einmal aus der Welt verschwinden, dass +Wir sie getrost als tot beweinen können; +Verborgen muss ihr künftiges Geschick, +Wie das Geschick der Toten, ewig bleiben. + +Hofmeisterin. +Lebendig weiht ihr sie dem Grabe, mich +Bestimmt ihr tückisch zur Begleiterin. +Mich stoßt ihr mit hinab. Ich soll mit ihr, +Mit der Verratnen die Verräterin, +Der Toten Schicksal vor dem Tode teilen. + +Sekretär. +Du führst sie hin und kehrest gleich zurück. + +Hofmeisterin. +Soll sie im Kloster ihre Tage schließen? + +Sekretär. +Im Kloster nicht; wir mögen solch ein Pfand +Der Geistlichkeit nicht anvertrauen, die +Es leicht als Werkzeug gegen uns gebrauchte. + +Hofmeisterin. +So soll sie nach den Inseln? Sprich es aus. + +Sekretär. +Du wirst's vernehmen! Jetzt beruh'ge dich. + +Hofmeisterin. +Wie kann ich ruhen bei Gefahr und Not, +Die meinen Liebling, die mich selbst bedräut? + +Sekretär. +Dein Liebling kann auch drüben glücklich sein, +Und dich erwarten hier Genuss und Wonne. + +Hofmeisterin. +O schmeichelt euch mit solcher Hoffnung nicht. +Was hilft's, in mich zu stürmen? Zum Verbrechen +Mich anzulocken, mich zu drängen? Sie, +Das hohe Kind, wird euren Plan vereiteln. +Gedenkt nur nicht, sie als geduld'ges Opfer +Gefahrlos wegzuschleppen. Dieser Geist, +Der mutvoll sie beseelt, ererbte Kraft +Begleiten sie, wohin sie geht, zerreißen +Das falsche Netz, womit ihr sie umgabt. + +Sekretär. +Sie festzuhalten, das gelinge dir! +Willst du mich überreden, dass ein Kind, +Bisher im sanften Arm des Glücks gewiegt, +Im unverhofften Fall Besonnenheit +Und Kraft, Geschick und Klugheit zeigen werde? +Gebildet ist ihr Geist, doch nicht zur Tat, +Und wenn sie richtig fühlt und weise spricht, +So fehlt noch viel, dass sie gemessen handle. +Des Unerfahrnen hoher, freier Mut +Verliert sich leicht in Feigheit und Verzweiflung, +Wenn sich die Not ihm gegenüberstellt. +Was wir gesonnen, führe du es aus! +Klein wird das Übel werden, groß das Glück. + +Hofmeisterin. +So gebt mir Zeit, zu prüfen und zu wählen! + +Sekretär. +Der Augenblick des Handelns drängt uns schon. +Der Herzog scheint gewiss, dass ihm der König +Am nächsten Fest die hohe Gunst gewähren +Und seine Tochter anerkennen wolle; +Denn Kleider und Juwelen stehn bereit, +Im prächt'gen Kasten sämtlich eingeschlossen, +Wozu er selbst die Schlüssel wohl verwahrt +Und ein Geheimnis zu verwahren glaubt; +Wir aber wissen's wohl und sind gerüstet; +Geschehen muss nun schnell das Überlegte. +Heut Abend hörst du mehr. Nun lebe wohl! + +Hofmeisterin. +Auf düstern Wegen wirkt ihr tückisch fort +Und wähnet, euren Vorteil klar zu sehen. +Habt ihr denn jeder Ahnung euch verschlossen, +Dass über Schuld und Unschuld, Licht verbreitend, +Ein rettend, rächend Wesen göttlich schwebt? + +Sekretär. +Wer wagt, ein Herrschendes zu leugnen, das +Sich vorbehält, den Ausgang unsrer Taten +Nach seinem einz'gen Willen zu bestimmen? +Doch wer hat sich zu seinem hohen Rat +Gesellen dürfen? Wer Gesetz und Regel, +Wonach es ordnend spricht, erkennen mögen? +Verstand empfingen wir, uns mündig selbst +Im ird'schen Element zurecht zu finden, +Und was uns nützt, ist unser höchstes Recht. + +Hofmeisterin. +Und so verleugnet ihr das Göttlichste, +Wenn euch des Herzens Winke nichts bedeuten. +Mich ruft es auf, die schreckliche Gefahr +Vom holden Zögling kräftig abzuwenden, +Mich gegen dich und gegen Macht und List +Beherzt zu waffnen. Kein Versprechen soll, +Kein Drohn mich von der Stelle drängen. Hier, +Zu ihrem Heil gewidmet, steh' ich fest. + +Sekretär. +O meine Gute! Dies ihr Heil vermagst +Du ganz allein zu schaffen, die Gefahr +Von ihr zu wenden, magst du ganz allein, +Und zwar, indem du uns gehorchst. Ergreife +Sie schnell, die holde Tochter, führe sie, +So weit du kannst, hinweg, verbirg sie fern +Von aller Menschen Anblick, denn--du schauderst, +Du fühlst, was ich zu sagen habe. Sei's, +Weil du mich drängest, endlich auch gesagt: +Sie zu entfernen ist das Mildeste. +Willst du zu diesem Plan nicht tätig wirken, +Denkst du, dich ihm geheim zu widersetzen, +Und wagtest du, was ich dir anvertraut, +Aus guter Ansicht irgend zu verraten, +So liegt sie tot in deinen Armen! Was +Ich selbst beweinen werde, muss geschehn. + + + +Zweiter Auftritt +Hofmeisterin. + +Die kühne Drohung überrascht mich nicht! +Schon lange seh' ich dieses Feuer glimmen, +Nun schlägt es blad in lichte Flammen aus. +Um dich zu retten, muss ich, liebes Kind, +Dich deinem holden Morgentraum entreißen. +Nur eine Hoffnung lindert meinen Schmerz; +Allein sie schwindet, wie ich sie ergreife. +Eugenie! Wenn du entsagen könntest +Dem hohen Glück, das unermesslich scheint, +An dessen Schwelle dir Gefahr und Tod, +Verbannung als ein Milderes begegnet. +O dürft' ich dich erleuchten! Dürft' ich dir +Verborgne Winkel öffnen, wo die Schar +Verschworener Verfolger tückisch lauscht! +Ach schweigen soll ich! Leise kann ich nur +Dich ahnungsvoll ermahnen; wirst du wohl +Im Taumel deiner Freude mich verstehen? + + + +Dritter Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. + +Eugenie. +Sei mir gegrüßt! Du Freundin meines Herzens, +An Mutter Statt Geliebte, sei gegrüßt! + +Hofmeisterin. +Mit Wonne drück' ich dich an dieses Herz, +Geliebtes Kind, und freue mich der Freude, +Die reich aus Lebensfülle dir entquillt. +Wie heiter glänzt dein Auge! Welch Entzücken +Umschwebet Mund und Wange! Welches Glück +Drängt aus bewegtem Busen sich hervor! + +Eugenie. +Ein großes Unheil hatte mich ergriffen, +Vom Felsen stürzte Ross und Reiterin. + +Hofmeistern. +O Gott! + +Eugenie. +Sei ruhig! Siehst du doch mich wieder, +Gesund und hoch beglückt, nach diesem Fall. + +Hofmeisterin. +Und wie? + +Eugenie. +Du sollst es hören, wie so schön +Aus diesem Übel sich das Glück entwickelt. + +Hofmeisterin. +Ach! Aus dem Glück entwickelt oft sich Schmerz. + +Eugenie. +Sprich böser Vorbedeutung Wort nicht aus! +Und schrecke mich der Sorge nicht entgegen. + +Hofmeisterin. +O möchtest du mir alles gleich vertrauen! + +Eugenie. +Von allen Menschen dir zuerst. Nur jetzt, +Geliebte, lass mich mir. Ich muss allein +Ins eigene Gefühl mich finden lernen. +Du weißt, wie hoch mein Vater sich erfreut, +Wenn unerwartet ihm ein klein Gedicht +Entgegenkommt, wie mir's der Muse Gunst +Bei manchem Anlass willig schenken mag. +Verlass mich! Eben schwebt mir's heiter vor, +Ich muss es haschen, sonst entschwindet's mir. + +Hofmeisterin. +Wann soll wie sonst vertrauter Stunden Reihe +Mit reichlichen Gesprächen uns erquicken? +Wann öffnen wir, zufriednen Mädchen gleich, +Die ihren Schmuck einander wiederholt +Zu zeigen kaum ermüden, unsres Herzens +Geheimste Fächer, uns bequem und herzlich +Des wechselseit'gen Reichtums zu erfreuen? + +Eugenie. +Auch jene Stunden werden wieder kehren, +Von deren stillem Glück man mit Vertrauen, +Sich des Vertrauns erinnernd, gerne spricht. +Doch heute lass in voller Einsamkeit +Mich das Bedürfnis jener Tage finden. + + + +Vierter Auftritt +Eugenie, nachher Hofmeisterin außen. + +Eugenie (eine Brieftasche hervorziehend). +Und nun geschwind zum Pergament, zum Griffel! +Ich hab' es ganz und eilig fass' ich's auf, +Was ich dem Könige zu jener Feier, +Bei der ich, neu geboren durch sein Wort, +Ins Leben trete, herzlich widmen soll. + +(Sie rezitiert langsam und schreibt.) + + Welch Wonneleben wird hier ausgespendet! + Willst du, o Herr der obern Regionen, + Des Neulings Unvermögen nicht verschonen? + Ich sinke hin, von Majestät geblendet. + Doch bald getrost zu dir hinauf gewendet + Erfreut's mich, an dem Fuß der festen Thronen, + Ein Sprössling deines Stamms, beglückt zu wohnen, + Und all mein frühes Hoffen ist vollendet. + So fließe denn der holde Born der Gnaden! + Hier will die treue Brust so gern verweilen + Und an der Liebe Majestät sich fassen. + Mein Ganzes hängt an einem zarten Faden, + Mir ist, als müsst' ich unaufhaltsam eilen, + Das Leben, das du gabst, für dich zu lassen. + +(Das Geschriebene mit Gefälligkeit betrachtend.) + +So hast du lange nicht, bewegtes Herz, +Dich in gemessnen Worten ausgesprochen! +Wie glücklich, den Gefühlen unsrer Brust +Für ew'ge Zeit den Stempel aufzudrücken! +Doch ist es wohl genug? Hier quillt es fort, +Hier quillt es auf!--Du nahest, großer Tag, +Der uns den König gab und der nun mich +Dem Könige, dem Vater, mich mir selbst +Zu ungemessner Wonne geben soll. +Dies hohe Fest verherrliche meine Lied! +Beflügelt drängt sich Phantasie voraus, +Sie trägt mich vor den Thron und stellt mich vor, +Sie gibt im Kreise mir-- + +Hofmeisterin (außen). + Eugenie! + +Eugenie. +Was soll das? + +Hofmeisterin. + Höre mich und öffne gleich! + +Eugenie. +Verhasste Störung! Öffnen kann ich nicht. + +Hofmeisterin. +Vom Vater Botschaft! + +Eugenie. + Wie? Vom Vater? Gleich! +Da muss ich öffnen. + +Hofmeisterin. + Große Gaben scheint +Er dir zu schicken. + +Eugenie. + Warte! + +Hofmeisterin. + Hörst du? + +Eugenie. + Warte! +Doch wo verberg' ich dieses Blatt? Zu klar +Spricht's jene Hoffnung aus, die mich beglückt. +Hier ist nichts zum Verschließen! Und bei mir +Ist's nirgend sicher, diese Tasche kaum; +Denn meine Leute sind nicht alle treu. +Gar manches hat man schon mir, als ich schlief, +Durchblättert und entwendet. Das Geheimnis, +Das größte, das ich je gehegt, wohin, +Wohin verberg' ich's? + +(Indem sie sich der Seitenwand nähert.) + + Wohl! Hier war es ja, +Wo du, geheimer Wandschrank, meiner Kindheit +Unschuldige Geheimnisse verbargst! +Du, den mir kindisch allausspähende, +Von Neugier und von Müßiggang erzeugte, +Rastlose Tätigkeit entdecken half, +Du, jedem ein Geheimnis, öffne dich! + +(Sie drückt an einer unbemerkbaren Feder, und eine kleine Türe +springt auf.) + +So wie ich sonst verbotnes Zuckerwerk +Zu listigem Genuss in dir versteckte, +Vertrau' ich heute meines Lebens Glück +Entzückt und sorglich dir auf kurze Zeit. + +(Sie legt das Pergament in den Schrank und drückt ihn zu.) + +Die Tage schreiten vor, und ahnungsvoller +Bewegen sich nun Freud' und Schmerz heran. + +(Sie öffnet die Türe.) + + + +Fünfter Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. Bediente, die einen prächtigen Putzkasten tragen. + +Hofmeisterin. +Wenn ich dich störte, führ' ich gleich mit mir, +Was mich gewiss entschuld'gen soll, herbei. + +Eugenie. +Von meinem Vater? Dieser prächt'ge Schrein! +Auf welchen Inhalt deutet solch Gefäß? + +(Zu den Bedienten.) + +Verweilt! + +(Sie reicht ihnen einen Beutel hin.) + +Zum Vorschmack eures Botenlohns +Nehmt diese Kleinigkeit! Das Bessre folgt. + +(Bediente gehen.) + +Und ohne Brief und ohne Schlüssel! Steht +Mir solch ein Schatz verborgen, in der Nähe? +O Neugier! O Verlangen! Ahnest du, +Was diese Gabe mir bedeuten kann? + +Hofmeisterin. +Ich zweifle nicht, du hast es selbst erraten. +Auf nächste Hoheit deutet sie gewiss. +Den Schmuck der Fürstentochter bringt man dir, +Weil dich der König bald berufen wird. + +Eugenie. +Wie kannst du das vermuten? + +Hofmeisterin. + Weiß ich's doch! +Geheimnisse der Großen sind belauscht. + +Eugenie. +Und wenn du's weißt, was soll ich dir's verbergen? +Soll ich die Neugier, dies Geschenk zu sehn, +Vor dir umsonst bezähmen!--Hab' ich doch +Den Schlüssel hier!--Der Vater zwar verbot's. +Doch was verbot er? Das Geheimnis nicht +Unzeitig zu entdecken; doch dir ist +Es schon entdeckt. Du kannst nicht mehr erfahren, +Als du schon weißt, und schweigst nun, mir zuliebe. +Was zaudern wir? Komm, lass uns öffnen! Komm, +Dass uns der Gaben hoher Glanz entzücke. + +Hofmeisterin. +Halt ein! Gedenke des Verbots! Wer weiß, +Warum der Herzog weislich so befohlen? + +Eugenie. +Mit Sinn befahl er, zum bestimmten Zweck; +Der ist vereitelt; alles weißt du schon. +Du liebst mich, bist verschwiegen, zuverlässig. +Lass uns das Zimmer schließen! Das Geheime +Lass uns sogleich vertraulich untersuchen. + +(Sie schließt die Zimmertüre und eilt gegen den Schrank.) + +Hofmeisterin (sie abhaltend). +Der prächt'gen Stoffe Gold und Farbenglanz, +Der Perlen Milde, der Juwelen Strahl +Bleib' im Verborgnen! Ach, sie reizen dich +Zu jenem Ziel unwiderstehlich auf. + +Eugenie. +Was sie bedeuten, ist das Reizende. + +(Sie öffnet den Schrank, an der Türe zeigen sich Spiegel.) + +Welch köstliches Gewand entwickelt sich, +Indem ich's nur berühre, meinem Blick. +Und diese Spiegel! Fordern sie nicht gleich, +Das Mädchen und den Schmuck vereint zu schildern? + +Hofmeisterin. +Kreusas tödliches Gewand entfaltet, +So scheint es mir, sich unter meiner Hand. + +Eugenie. +Wie schwebt ein solcher Trübsinn dir ums Haupt? +Denk' an beglückter Bräute frohes Fest. +Komm! Reiche mir die Teile, nach und nach. +Das Unterkleid! Wie reich und süß durchflimmert +Sich rein des Silbers und der Farben Blitz. + +Hofmeisterin (indem sie Eugenie das Gewand umlegt). +Verbirgt sich je der Gnade Sonnenblick, +Sogleich ermattet solch ein Widerglanz. + +Eugenie. +Ein treues Herz verdient sich diesen Blick, +Und, wenn er weichen wollte, zieht's ihn an.-- +Das Oberkleid, das goldne, schlage drüber, +Die Schleppe ziehe, weit verbreitet, nach. +Auch diesem Gold ist, mit Geschmack und Wahl, +Der Blumen Schmelz metallisch aufgebrämt. +Und tret' ich so nicht schön umgeben auf? + +Hofmeisterin. +Doch wird von Kennern mehr die Schönheit selbst +In ihrer eignen Herrlichkeit verehrt. + +Eugenie. +Das einfach Schöne soll der Kenner schätzen; +Verziertes aber spricht der Menge zu.-- +Nun leihe mir der Perlen sanftes Licht, +Auch der Juwelen leuchtende Gewalt. + +Hofmeisterin. +Doch deinem Herzen, deinem Geist genügt +Nur eigner, innrer Wert und nicht der Schein. + +Eugenie. +Der Schein, was ist er, dem das Wesen fehlt? +Das Wesen, wär' es, wenn es nicht erschiene? + +Hofmeisterin. +Und hast du nicht in diesen Mauern selbst +Der Jugend ungetrübte Zeit verlebt? +Am Busen deiner Liebenden, entzückt, +Verborgner Wonne Seligkeit erfahren? + +Eugenie. +Gefaltet kann die Knospe sich genügen, +Solange sie des Winters Frost umgibt; +Nun schwillt vom Frühlingshauche Lebenskraft, +In Blüten bricht sie auf an Licht und Lüfte. + +Hofmeisterin. +Aus Mäßigkeit entspringt ein reines Glück. + +Eugenie. +Wenn du ein mäßig Ziel dir vorgesteckt. + +Hofmeisterin. +Beschränktheit sucht sich der Genießende. + +Eugenie. +Du überredest die Geschmückte nicht. +O dass sich dieser Saal erweiterte +Zum Raum des Glanzes, wo der König thront! +Dass reicher Teppich unten, oben sich +Der goldnen Decke Wölbung breitete! +Dass hier im Kreise vor der Majestät +Demütig stolz die Großen, angelacht +Von dieser Sonne, herrlich leuchteten! +Ich unter diesen Ausgezeichnete! +O lass mir dieser Wonne Vorgefühl, +Wenn aller Augen mich zum Ziel erlesen! + +Hofmeisterin. +Zum Ziele der Bewunderung nicht allein, +Zum Ziel des Neides und des Hasses mehr. + +Eugenie. +Der Nieder steht als Folie des Glücks, +Der Hasser lehrt uns immer wehrhaft bleiben. + +Hofmeisterin. +Demütigung beschleicht die Stolzen oft. + +Eugenie. +Ich setz' ihr Geistesgegenwart entgegen. + +(Zum Schranke gewendet.) + +Noch haben wir nicht alles durchgesehn; +Nicht mich allein bedenk' ich diese Tage, +Für andre hoff' ich manche Kostbarkeit. + +Hofmeistern (ein Kästchen hervor nehmend). +Hier aufgeschrieben steht es: "Zu Geschenken". + +Eugenie. +So nimm voraus, was dich vergnügen kann, +Von diesen Uhren, diesen Dosen. Wähle!-- +Nein, überlege noch! Vielleicht verbirgt +Sich Wünschenswerteres im reichen Schrein. + +Hofmeisterin. +O fände sich ein kräft'ger Talisman, +Des trüben Bruders Neigung zu gewinnen! + +Eugenie. +Den Widerwillen tilge nach und nach +Des unbefangnen Herzens reines Wirken. + +Hofmeisterin. +Doch die Partei, die seinen Groll bestärkt, +Auf ewig steht sie deinem Wunsch entgegen. + +Eugenie. +Wenn sie bisher mein Glück zu hindern suchte, +Tritt nun Entscheidung unaufhaltsam ein, +Und ins Geschehne fügt sich jedermann. + +Hofmeisterin. +Das, was du hoffest, noch ist's nicht geschehn. + +Eugenie. +Doch als vollendet kann ich's wohl betrachten. + +(Nach dem Schrank gekehrt.) + +Was liegt im langen Kästchen, obenan? + +Hofmeisterin (die es herausnimmt). +Die schönsten Bänder, frisch und neu gewählt-- +Zerstreue nicht durch eitlen Flitterwesens +Neugierige Betrachtung deinen Geist. +O wär' es möglich, dass du meinem Wort +Gehör verliehest einen Augenblick! +Aus stillem Kreise trittst du nun heraus +In weite Räume, wo dich Sorgendrang, +Vielfach geknüpfte Netze, Tod vielleicht +Von meuchelmörderischer Hand erwartet. + +Eugenie. +Du scheinst mir krank! Wie könnte sonst mein Glück +Dir fürchterlich, als ein Gespenst erscheinen. + +(In das Kästchen blickend.) + +Was seh' ich? Diese Rolle! Ganz gewiss +Das Ordensband der ersten Fürstentöchter! +Auch dieses werd' ich tragen! Nur geschwind! +Lass sehen, wie es kleidet! Es gehört +Zum ganzen Prunk; so sei auch das versucht! + +(Das Band wird umgelegt.) + +Nun sprich vom Tode nur! Sprich von Gefahr! +Was zieret mehr den Mann, als wenn er sich +Im Heldenschmuck zu seinem Könige, +Sich unter seinesgleichen stellen kann? +Was reizt das Auge mehr als jenes Kleid, +Das kriegerische lange Reihen zeichnet? +Und dieses Kleid und seine Farben, sind +Sie nicht ein Sinnbild ewiger Gefahr? +Die Schärpe deutet Krieg, womit sich, stolz +Auf seine Kraft, ein edler Mann umgürtet. +O meine Liebe! Was bedeutend schmückt, +Es ist durchaus gefährlich. Lass auch mir +Das Mutgefühl, was mir begegnen kann, +So prächtig ausgerüstet, zu erwarten. +Unwiderruflich, Freundin, bleibt mein Glück. + +Hofmeisterin (beiseite). +Das Schicksal, das dich trifft, unwiderruflich. + + + + +Dritter Aufzug +(Vorzimmer des Herzogs, prächtig, modern.) + + + +Erster Auftritt +Sekretär. Weltgeistlicher. + +Sekretär. +Tritt still herein in diese Totenstille! +Wie ausgestorben findest du das Haus. +Der Herzog schläft, und alle Diener stehen, +Von seinem Schmerz durchdrungen, stumm gebeugt. +Er schläft! Ich segnet' ihn, als ich ihn sah +Bewusstlos auf dem Pfühle ruhig atmen. +Das Übermaß der Schmerzen löste sich +In der Natur balsam'scher Wohltat auf. +Den Augenblick befürcht' ich, der ihn weckt; +Euch wird ein jammervoller Mann erscheinen. + +Weltgeistlicher. +Darauf bin ich bereitet, zweifelt nicht. + +Sekretär. +Vor wenig Stunden kam die Nachricht an, +Eugenie sei tot! Vom Pferd gestürzt! +An eurem Orte sei sie beigesetzt, +Als an dem nächsten Platz, wohin man sie +Aus jenem Felsendickicht bringen können, +Wo sie verwegen sich den Tod erstürmt. + +Weltgeistlicher. +Und sie indessen ist schon weit entfernt? + +Sekretär. +Mit rascher Eile wird sie weggeführt. + +Weltgeistlicher. +Und wem vertraut ihr solch ein schwer Geschäft? + +Sekretär. +Dem klugen Weibe, das uns angehört. + +Weltgeistlicher. +In welche Gegend habt ihr sie geschickt? + +Sekretär. +Zu dieses Reiches letztem Hafenplatz. + +Weltgeistlicher. +Von dorten soll sie in das fernste Land? + +Sekretär. +Sie führt ein günst'ger Wind sogleich davon. + +Weltgeistlicher. +Und hier auf ewig gelte sie für tot! + +Sekretär. +Auf deiner Fabel Vortrag kommt es an. + +Weltgeistlicher. +Der Irrtum soll im ersten Augenblick +Auf alle künft'ge Zeit gewaltig wirken. +An ihrer Gruft, an ihrer Leiche soll +Die Phantasie erstarren. Tausendfach +Zerreiß' ich das geliebte Bild und grabe +Dem Sinne des entsetzten Hörenden +Mit Feuerzügen dieses Unglück ein. +Sie ist dahin für alle, sie verschwindet +Ins Nichts der Asche. Jeder kehret schnell +Den Blick zum Leben und vergisst im Taumel +Der treibenden Begierden, dass auch sie +Im Reihen der Lebendigen geschwebt. + +Sekretär. +Du trittst mit vieler Kühnheit ans Geschäft; +Besorgst du keine Reue hintennach? + +Weltgeistlicher. +Welch eine Frage tust du? Wir sind fest! + +Sekretär. +Ein innres Unbehagen fügt sich oft +Auch wider unsern Willen an die Tat. + +Weltgeistlicher. +Was hör' ich? Du bedenklich? Oder willst +Du mich nur prüfen, ob es euch gelang, +Mich, euren Schüler, völlig auszubilden? + +Sekretär. +Das Wichtige bedenkt man nie genug. + +Weltgeistlicher. +Bedenke man, eh' noch die Tat beginnt. + +Sekretär. +Auch in der Tat ist Raum für Überlegung. + +Weltgeistlicher. +Für mich ist nichts zu überlegen mehr! +Da wär' es Zeit gewesen, als ich noch +Im Paradies beschränkter Freuden weilte, +Als, von des Gartens engem Hag umschlossen, +Ich selbst gesäte Bäume selber pfropfte, +Aus wenig Beeten meinen Tisch versorgte, +Als noch Zufriedenheit im kleinen Hause +Gefühl des Reichtums über alles goss, +Und ich nach meiner Einsicht zur Gemeinde +Als Freund, als Vater aus dem Herzen sprach, +Dem Guten fördernd meine Hände reichte, +Dem Bösen wie dem Übel widerstritt. +O hätte damals ein wohltät'ger Geist +Vor meiner Türe dich vorbei gewiesen, +An der du müde, durstig von der Jagd +Zu klopfen kamst; mit schmeichlerischem Wesen, +Mit süßem Wort mich zu bezaubern wusstest. +Der Gastfreundschaft geweihter, schöner Tag, +Er war der letzte rein genossnen Friedens. + +Sekretär. +Wir brachten dir so manche Freude zu. + +Weltgeistlicher. +Und dranget mir so manch Bedürfnis auf. +Nun war ich arm, als ich die Reichen kannte; +Nun war ich sorgenvoll, denn mir gebrach's; +Nun hatt' ich Not, ich brauchte fremde Hilfe. +Ihr wart mir hilfreich, teuer büß' ich das. +Ihr nahmt mich zum Genossen eures Glücks, +Mich zum Gesellen eurer Taten auf. +Zum Sklaven, sollt' ich sagen, dingtet ihr +Den sonst so freien, jetzt bedrängten Mann. +Ihr lohnt ihm zwar, doch immer noch versagt +Ihr ihm den Lohn, den er verlangen darf. + +Sekretär. +Vertraue, dass wir dich in kurzer Zeit +Mit Gütern, Ehren, Pfründen überhäufen. + +Weltgeistlicher. +Das ist es nicht, was ich erwarten muss. + +Sekretär. +Und welche neue Fordrung bildest du? + +Weltgeistlicher. +Als ein gefühllos Werkzeug braucht ihr mich +Auch diesmal wieder. Dieses holde Kind +Verstoßt ihr aus dem Kreise der Lebend'gen; +Ich soll die Tat beschönen, sie bedecken, +Und ihr beschließt, begeht sie ohne mich. +Von nun an fordr' ich, mit im Rat zu sitzen, +Wo Schreckliches beschlossen wird, wo jeder, +Auf seinen Sinn, auf seine Kräfte stolz, +Zum unvermeidlich Ungeheuren stimmt. + +Sekretär. +Dass du auch diesmal dich mit uns verbunden, +Erwirbt aufs neue dir ein großes Recht. +Gar manch Geheimnis wirst du blad vernehmen; +Dahin gedulde dich und sei gefasst. + +Weltgeistlicher. +Ich bin's und bin noch weiter, als ihr denkt; +In eure Pläne schaut' ich längst hinein. +Der nur verdient geheimnisvolle Weihe, +Der ihr durch Ahnung vorzugreifen weiß. + +Sekretär. +Was ahnest du? Was weißt du? + +Weltgeistlicher. + Lass uns das +Auf ein Gespräch der Mitternacht versparen. +O dieses Mädchens trauriges Geschick +Verschwindet, wie ein Bach im Ozean, +Wenn ich bedenke, wie verborgen ihr +Zu mächtiger Parteigewalt euch hebt +Und an die Stelle der Gebietenden +Mit frecher List euch einzudrängen hofft. +Nicht ihr allein; denn andre streben auch, +Euch widerstrebend, nach demselben Zweck. +So untergrabt ihr Vaterland und Thron; +Wer soll sich retten, wenn das Ganze stürzt? + +Sekretär. +Ich höre kommen! Tritt hier an die Seite! +Ich führe dich zu rechter Zeit herein. + + + +Zweiter Auftritt +Herzog. Sekretär. + +Herzog. +Unsel'ges Licht! Du rufst mich auf zum Leben, +Mich zum Bewusstsein dieser Welt zurück +Und meiner selbst. Wie öde, hohl und leer +Liegt alles vor mir da, und ausgebrannt, +Ein großer Schutt, die Stätte meines Glücks. + +Sekretär. +Wenn jeder von den Deinen, die um dich +In dieser Stunde leiden, einen Teil +Von deinen Schmerzen übertragen könnte, +Du fühltest dich erleichtert und gestärkt. + +Herzog. +Der Schmerz um Liebe, wie die Liebe, bleibt +Unteilbar und unendlich. Fühl' ich doch, +Welch ungeheures Unglück den betrifft, +Der seines Tags gewohntes Gut vermisst. +Warum o! Lasst ihr die bekannten Wände +Mit Farb' und Gold mir noch entgegen scheinen, +Die mich an gestern, mich an ehegestern, +An jenen Zustand meines vollen Glücks +Mich kalt erinnern. O warum verhüllet +Ihr nicht Gemach und Saal mit schwarzem Krepp! +Dass, finster wie mein Innres, auch von außen +Ein ewig nächt'ger Schatten mich umfange. + +Sekretär. +O möchte doch das Viele, das dir bleibt, +Nach dem Verlust als etwas dir erscheinen. + +Herzog. +Ein geistverlassner körperlicher Traum! +Sie war die Seele dieses ganzen Hauses. +Wie schwebte beim Erwachen sonst das Bild +Des holden Kindes dringend mir entgegen! +Hier fand ich oft ein Blatt von ihrer Hand, +Ein geistreich, herzlich Blatt zum Morgengruß. + +Sekretär. +Wie drückte nicht der Wunsch, dich zu ergötzen, +Sich dichtrisch oft in frühen Reimen aus. + +Herzog. +Die Hoffnung, sie zu sehen, gab den Stunden +Des mühevollen Tags den einz'gen Reiz. + +Sekretär. +Wie oft bei Hindernis und Zögrung hat +Man ungeduldig, wie nach der Geliebten +Den raschen Jüngling, dich nach ihr gesehn. + +Herzog. +Vergleiche doch die jugendliche Glut, +Die selbstischen Besitz verzehrend hascht, +Nicht dem Gefühl des Vaters, der entzückt, +In heil'gem Anschaun stille hingegeben, +Sich an Entwicklung wunderbarer Kräfte, +Sich an der Bildung Riesenschritten freut. +Der Liebe Sehnsucht fordert Gegenwart; +Doch Zukunft ist des Vaters Eigentum. +Dort liegen seiner Hoffnung weite Felder, +Dort seiner Saaten keimender Genuss. + +Sekretär. +O Jammer! Diese grenzenlose Wonne, +Dies ewig frische Glück verlorst du nun. + +Herzog. +Verlor ich's? War es doch im Augenblick +Vor meiner Seele noch im vollen Glanz. +Ja, ich verlor's! Du rufst's, Unglücklicher, +Die öde Stunde ruft mir's wieder zu. +Ja, ich verlor's! So strömt, ihr Klagen, denn! +Zerstöre, Jammer, diesen festen Bau, +Den ein zu günstig Alter noch verschont. +Verhasst sei mir das Bleibende, verhasst, +Ws mir in seiner Dauer Stolz erscheint; +Erwünscht, was fließt und schwankt. Ihr Fluten, schwellt, +Zerreißt die Dämme, wandelt Land in See! +Eröffne deine Schlünde, wildes Meer! +Verschlinge Schiff und Mann und Schätze! Weit +Verbreitet euch, ihr kriegerischen Reihen, +Und häuft auf blut'gen Fluren Tod auf Tod! +Entzünde, Strahl des Himmels, dich im Leeren +Und triff der kühnen Türme sichres Haupt! +Zertrümmr', entzünde sie und geißle weit +Im Stadtgedräng' der Flamme Wut umher, +Dass ich, von allem Jammer rings umfangen, +Dem Schicksal mich ergebe, das mich traf! + +Sekretär. +Das ungeheuer Unerwartete +Bedrängt dich fürchterlich, erhabner Mann. + +Herzog. +Wohl unerwartet kam's, nicht ungewarnt. +In meinen Armen ließ ein guter Geist +Sie von den Toten wieder auferstehn +Und zeigte mir gelind, vorübereilend, +Ein Schreckliches, nun ewig Bleibendes. +Da sollt' ich strafen die Verwegenheit, +Dem Übermut mich scheltend widersetzen, +Verbieten jene Raserei, die, sich +Unsterblich, unverwundbar wähnend, blind, +Wetteifern mit dem Vogel, sich durch Wald +Und Fluss und Sträuche von dem Felsen stürzt. + +Sekretär. +Was oft und glücklich unsre Besten tun, +Wie sollt' es dir des Unglücks Ahnung bringen? + +Herzog. +Die Ahnung dieser Leiden fühlt' ich wohl, +Als ich zum letzten Mal--Zum letzten Mal! +Du sprichst es aus, das fürchterliche Wort, +Das deinen Weg mit Finsternis umzieht. +O hätt' ich sie nur einmal noch gesehn! +Vielleicht war dieses Unglück abzuleiten. +Ich hätte flehentlich gebeten, sie als Vater +Zum treulichsten ermahnt, sich mir zu schonen, +Und von der Wut tollkühner Reiterei +Um unsres Glückes willen abzustehn. +Ach, diese Stunde war mir nicht gegönnt. +Und nun vermiss' ich mein geliebtes Kind! +Sie ist dahin! Verwegner ward sie nur +Durch jenen Sturz, dem sie so leicht entrann. +Und niemand, sie zu warnen, sie zu leiten! +Entwachsen war sie dieser Frauenzucht. +In welchen Händen ließ ich solchen Schatz? +Verzärtelnden, nachgieb'gen Weiberhänden. +Kein festes Wort, den Willen meines Kinds +Zu mäßiger Vernünftigkeit zu lenken! +Zur unbedingten Freiheit ließ man ihr, +Zu jedem kühnen Wagnis offnes Feld. +Ich fühlt' es oft und sagt' es mir nicht klar: +Bei diesem Weibe war sie schlecht verwahrt. + +Sekretär. +O tadle nicht die Unglückselige! +Vom tiefsten Schmerz begleitet, irrt sie nun, +Wer weiß, in welche Lande, trostlos hin. +Sie ist entflohn. Denn wer vermöchte dir +Ins Angesicht zu sehen, der auch nur +Den fernsten Vorwurf zu befürchten hätte. + +Herzog. +O lass mich ungerecht auf andre zürnen, +Dass ich mich nicht verzweifelnd selbst zerreiße! +Wohl trag' ich selbst die Schuld und trag' sie schwer. +Denn rief ich nicht mit törigem Beginnen +Gefahr und Tod auf dieses teure Haupt? +Sie überall zu sehn als Meisterin, +Das war mein Stolz! Zu teuer büß' ich ihn. +Zu Pferde sollte sie, im Wagen sie, +Die Rosse bändigend, als Heldin glänzen. +Ins Wasser tauchend, schwimmend schien sie mir +Den Elementen göttlich zu gebieten. +So, hieß es, kann sie jeglicher Gefahr +Dereinst entgehen. Statt sie zu bewahren, +Gibt Übung zur Gefahr den Tod ihr nun. + +Sekretär. +Des edlen Pflichtgefühles Übung gibt, +Ach! Unsrer Unvergesslichen den Tod. + +Herzog. +Erkläre dich! + +Sekretär. + Und weck' ich diesen Schmerz +Durch Schildrung kindlich edlen Unternehmens? +Ihr alter, erster, hoch geliebter Freund +Und Lehrer wohnt, von dieser Stadt entfernt, +Verschränkt in Trübsinn, Krankheit, Menschenhass. +Nur sie allein vermocht' ihn zu erheitern; +Als Leidenschaft empfand sie diese Pflicht; +Nur allzu oft verlangte sie hinüber, +Und oft versagte man's. Nun hatte sie's +Planmäßig angelegt; sie nutzte kühn +Des Morgenrittes abgemessne Stunden +Mit ungeheurer Schnelligkeit zum Zweck, +Den alten, viel geliebten Mann zu sehn. +Ein einz'ger Reitknecht nur war im Geheimnis, +Er unterlegt' ihr jedes Mal das Pferd, +Wie wir vermuten; denn auch er ist fort. +Der arme Mensch und jene Frau verloren +Aus Furcht vor dir sich in die weite Welt. + +Herzog. +Die Glücklichen, die noch zu fürchten haben, +Bei denen sich der Schmerz um ihres Herrn +Verlornes Heil in leicht verwundene, +In leicht gehobne Bangigkeit verwandelt! +Ich habe nichts zu fürchten! Nichts zu hoffen! +Drum lass mich alles wissen; zeige mir +Den kleinsten Umstand an! Ich bin gefasst. + + + +Dritter Auftritt +Herzog. Sekretär. Weltgeistlicher. + +Sekretär. +Auf diesen Augenblick, verehrter Fürst, +Hab' ich hier einen Mann zurückgehalten, +Der, auch gebeugt, vor deinem Blick erscheint. +Es ist der Geistliche, der aus der Hand +Des Todes deine Tochter aufgenommen, +Und sie, da keiner Hilfe Trost sich zeigte, +Mit liebevoller Sorgfalt beigesetzt. + + + +Vierter Auftritt +Herzog. Weltgeistlicher. + +Weltgeistlicher. +Den Wunsch, vor deinem Antlitz zu erscheinen, +Erhabner Fürst, wie lebhaft hegt' ich ihn! +Nun wird er mir gewährt im Augenblick, +Der dich und mich in tiefen Jammer senkt. + +Herzog. +Auch so willkommen, unwillkommner Bote! +Du hast sie noch gesehn, den letzten Blick, +Den sehnsuchtsvollen, dir ins Herz gefasst, +Das letzte Wort bedächtig aufgenommen, +Dem letzten Seufzer Mitgefühl erwidert. +O sage: Sprach sie noch? Was sprach sie aus? +Gedachte sie des Vaters? Bringst du mir +Von ihrem Mund ein herzlich Lebewohl? + +Weltgeistlicher. +Willkommen scheint ein unwillkommner Bote, +Solang er schweigt und noch der Hoffnung Raum, +Der Täuschung Raum in unserm Herzen gibt. +Der ausgesprochne Jammer ist verhasst. + +Herzog. +Was zauderst du? Was kann ich mehr erfahren? +Sie ist dahin! Und diesen Augenblick +Ist über ihrem Sarge Ruh' und Stille. +Was sie auch litt, es ist für sie vorbei, +Für mich beginnt es; aber rede nur! + +Weltgeistlicher. +Ein allgemeines Übel ist der Tod. +So denke dir das Schicksal deiner Toten, +Und finster wie des Grabes Nacht verstumme +Der Übergang, der sie hinabgeführt. +Nicht jeden leitet ein gelinder Gang +Unmerklich in das stille Reich der Schatten. +Gewaltsam schmerzlich reißt Zerstörung oft +Durch Höllenqualen in die Ruhe hin. + +Herzog. +So hat sie viel gelitten? + +Weltgeistlicher. + Viel, nicht lange. + +Herzog. +Es war ein Augenblick, in dem sie litt, +Ein Augenblick, wo sie um Hilfe rief. +Und ich? Wo war ich da? Welch ein Geschäft, +Welch ein Vergnügen hatte mich gefesselt? +Verkündigte mir nichts das Schreckliche, +Das mir das Leben voneinander riss? +Ich hörte nicht den Schrei, ich fühlte nicht +Den Unfall, der mich ohne Rettung traf. +Der Ahnung heil'ges, fernes Mitgefühl +Ist nur ein Märchen. Sinnlich und verstockt, +Ins Gegenwärtige verschlossen, fühlt +Der Mensch das nächste Wohl, das nächste Weh, +Und Liebe selbst ist in der Ferne taub. + +Weltgeistlicher. +Soviel auch Worte gelten, fühl' ich doch, +Wie wenig sie zum Troste wirken können. + +Herzog. +Das Wort verwundet leichter, als es heilt. +Und ewig wiederholend strebt vergebens +Verlornes Glück der Kummer herzustellen. +So war denn keine Hilfe, keine Kunst +Vermögend, sie ins Leben aufzurufen? +Was hast du, sage mir, begonnen? Was +Zu ihrem Heil versucht? Du hast gewiss +Nichts unbedacht gelassen. + +Weltgeistlicher. + Leider war +Nichts zu bedenken mehr, als ich sie fand. + +Herzog. +Und soll ich ihres Lebens holde Kraft +Auf ewig missen! Lass mich meinen schmerz +Durch meinen Schmerz betrügen, diese Reste +Verewigen. O komm! Wo liegen sie? + +Weltgeistlicher. +In würdiger Kapelle steht ihr Sarg +Allein verwahrt. Ich sehe vom Altar +Durchs Gitter jedes Mal die Stätte, will +Für sie, solang ich lebe, betend flehen. + +Herzog. +O komm und führe mich dahin! Begleiten +Soll uns der Ärzte viel erfahrenster. +Lass uns den schönen Körper der Verwesung +Entreißen! Lass mit edlen Spezereien +Das unschätzbare Bild zusammenhalten! +Ja! Die Atomen alle, die sich einst +Zur köstlichen Gestalt versammelten, +Sie sollen nicht ins Element zurück. + +Weltgeistlicher. +Was darf ich sagen? Muss ich dir bekennen! +Du kannst nicht hin! Ach! Das zerstörte Bild! +Kein Fremder säh' es ohne Jammer an! +Und vor die Augen eines Vaters--Nein, +Verhüt' es Gott! Du darfst sie nicht erblicken. + +Herzog. +Welch neuer Qualenkrampf bedroht mich! + +Weltgeistlicher. +O lass mich schweigen, dass nicht meine Worte +Auch die Erinnrung der Verlornen schänden! +Lass mich verhehlen, wie sie durchs Gebüsch, +Durch Felsen hergeschleift, entstellt und blutig, +Zerrissen und zerschmettert und zerbrochen, +Unkenntlich, mir im Arm zur Erde hing. +Da segnet' ich, von Tränen überfließend, +Der Stunde Heil, in der ich feierlich +Dem holden Vaternamen einst entsagt. + +Herzog. +Du bist nicht Vater! Bist der selbstischen +Verstockten, der Verkehrten einer, die +Ihr abgeschlossnes Wesen unfruchtbar +Verzweifeln lässt. Entferne dich! Verhasst +Erscheinet mir dein Anblick. + +Weltgeistlicher. + Fühlt' ich's doch! +Wer kann dem Boten solcher Not verzeihn? + +(Will sich entfernen.) + +Herzog. +Vergib und bleib. Ein schön entworfnes Bild, +Das wunderbar dich selbst zum zweiten Mal +Vor deinen Augen zu erschaffen strebt, +Hast du entzückt es jemals angestaunt? +O hättest du's! Du hättest diese Form, +Die sich zu meinem Glück, zur Lust der Welt +In tausendfält'gen Zügen auferbaut, +Mir grausam nicht zerstümmelt, mir die Wonne +Der traurigen Erinnrung nicht verkümmert. + +Weltgeistlicher. +Was sollt' ich tun? Dich zu dem Sarge führen, +Den tausend fremde Tränen schon benetzt, +Als ich das morsche, schlotternde Gebein +Zu ruhiger Verwesung eingeweiht? + +Herzog. +Schweig, Unempfindlicher! Du mehrest nur +Den herben Schmerz, den du zu lindern denkst. +O! Wehe! Dass die Elemente nun, +Von keinem Geist der Ordnung mehr beherrscht, +Im leisen Kampf das Götterbild zerstören. +Wenn über werdend Wachsendem vorher +Der Vatersinn mit Wonne brütend schwebte, +So stockt, so kehrt in Moder nach und nach +Vor der Verzweiflung Blick die Lust des Lebens. + +Weltgeistlicher. +Was Lust und Licht Zerstörliches erbaut, +Bewahret lange das verschlossne Grab. + +Herzog. +O weiser Brauch der Alten, das Vollkommne, +Das ernst und langsam die Natur geknüpft, +Des Menschenbilds erhabne Würde, gleich +Wenn sich der Geist, der wirkende, getrennt, +Durch reiner Flammen Tätigkeit zu lösen! +Und wenn die Glut mit tausend Gipfeln sich +Zum Himmel hob und zwischen Dampf und Wolken, +Des Adlers Fittich deutend sich bewegte, +Da trocknete die Träne, freier Blick +Der Hinterlassnen stieg dem neuen Gott +In des Olymps verklärte Räume nach. +O sammle mir in köstliches Gefäß +Der Asche, der Gebeine trüben Rest, +Dass die vergebens ausgestreckten Arme +Nur etas fassen, dass ich dieser Brust, +Die sehnsuchtsvoll sich in das Leere drängt, +Den schmerzlichsten Besitz entgegendrücke. + +Westgeistlicher. +Die Trauer wird durch Trauern immer herber. + +Herzog. +Durch Trauern wird die Trauer zum Genuss. +O dass ich doch geschwundner Asche Rest, +Im kleinen Hause, wandernd, immer weiter, +Bis zu dem Ort, wo ich zuletzt sie sah, +Als Büßender mit kurzen Schritten trüge! +Dort lag sie tot in meinen Armen, dort +Sah ich, getäuscht, sie in das Leben kehren. +Ich glaubte, sie zu fassen, sie zu halten, +Und nun ist sie auf ewig mir entrückt. +Dort aber will ich meinen Schmerz verew'gen. +Ein Denkmal der Genesung hab' ich dort +In meines Traums Entzückungen gelobt-- +Schon führet klug des Gartenmeisters Hand +Durch Busch und Fels bescheidne Wege her, +Schon wird der Platz gerundet, wo mein König +Als Oheim sie an seine Brust geschlossen, +Und ebenmaß und Ordnung will den Raum +Verherrlichen, der mich so hoch beglückt. +Doch jede Hand soll feiern! Halb vollbracht +Soll dieser Plan wie mein Geschick erstarren! +Das Denkmal nur, ein Denkmal will ich stiften, +Von rauen Steinen ordnungslos getürmt, +Dorthin zu wallen, stille zu verweilen, +Bis ich vom Leben endlich selbst genese. +O lasst mich dort, versteint, am Steine ruhn, +Bis aller Sorgfalt lichtgezogne Spur +Aus dieser Wüste Trauersitz verschwindet! +Mag sich umher der freie Platz berasen, +Mag sich der Zweig dem Zweige wild verflechten, +Der Birke hangend Haar den Boden schlagen, +Der junge Busch zum Baume sich erheben, +Mit Moos der glatte Stamm sich überziehn; +Ich fühle keine Zeit; denn sie ist hin, +An deren Wachstum ich die Jahre maß. + +Weltgeistlicher. +Den viel bewegten Reiz der Welt zu meiden, +Das Einerlei der Einsamkeit zu wählen, +Wird sich's der Mann erlauben, der sich oft +Wohltätiger Zerstreuung übergab, +Wenn Unerträgliches, mit Felsenlast +Herbei sich wälzend, ihn bedrohend, schlich? +Hinaus! Mit Flügelschnelle durch das Land, +Durch fremde Reiche, dass vor deinem Sinn +Der Erde Bilder heilend sich bewegen. + +Herzog. +Was hab' ich in der Welt zu suchen, wenn +Ich sie nicht wieder finde, die allein +Ein Gegenstand für meine Blicke war? +Soll Fluss und Hügel, Tal und Wald und Fels +Vorüber meinen Augen gehen und nur +Mir das Bedürfnis wecken, jenes Bild, +Das einzige geliebte, zu erhaschen? +Vom hohen Berg hinab, ins weite Meer, +Was soll für mich ein Reichtum der Natur, +Der an Verlust und Armut mich erinnert! + +Weltgeistlicher. +Und neue Güter eignest du dir an! + +Herzog. +Nur durch der Jugend frisches Auge mag +Das längst Bekannte neubelebt uns rühren, +Wenn das Erstaunen, das wir längst verschmäht, +Von Kindes Munde hold uns widerklingt. +So hofft' ich, ihr des Reichs bebaute Flächen, +Der Wälder Tiefen, der Gewässer Flut +Bis an das offne Meer zu zeigen, dort +Mich ihres trunknen Blicks ins Unbegrenzte +Mit unbegrenzter Liebe zu erfreun. + +Weltgeistlicher. +Wenn du, erhabner Fürst, des großen Lebens +Beglückte Tage der Beschauung nicht +Zu widmen trachtetest, wenn Tätigkeit +Fürs Wohl Unzähliger am Throne dir +Zum Vorzug der Geburt den herrlichern +Des allgemeinen, edlen Wirkens gab, +So ruf' ich dich im Namen aller auf: +Ermanne dich! Und lass die trüben Stunden, +Die deinen Horizont umziehn, für andre, +Durch Trost und Rat und Hilfe, lass für dich +Auch diese Stunden so zum Feste werden. + +Herzog. +Wie schal und abgeschmackt ist solch ein Leben, +Wenn alles Regen, alles Treiben stets +Zu neuem Regen, neuem Treiben führt +Und kein geliebter Zweck euch endlich lohnt. +Den sah ich nur in ihr, und so besaß +Und so erwarb ich mit Vergnügen, ihr +Ein kleines Reich anmut'gen Glücks zu schaffen. +So war ich heiter, aller Menschen Freund, +Behilflich, wach, zu Rat und Tat bequem. +Den Vater lieben sie! So sagt' ich mir, +Dem Vater danken sie's und werden auch +Die Tochter einst als werte Freundin grüßen. + +Weltgeistlicher. +Zu süßen Sorgen bleibt nun keine Zeit! +Ganz andre fordern dich, erhabner Mann! +Darf ich's erwähnen? Ich, der unterste +Von deinen Dienern? Jeder ernste Blick +In diesen trüben Tagen ist auf dich, +Auf deinen Wert, auf deine Kraft gerichtet. + +Herzog. +Der Glückliche nur fühlt sich Wert und Kraft. + +Weltgeistlicher. +So tiefer Schmerzen heiße Qual verbürgt +Dem Augenblick unendlichen Gehalt, +Mir aber auch Verzeihung, wenn sich kühn +Vertraulichkeit von meinen Lippen wagt. +Wie heftig wilde Gärung unten kocht, +Wie Schwäche kaum sich oben schwankend hält; +Nicht jedem wird es klar, dir aber ist's +Mehr als der Menge, der ich angehöre. +O zaudre nicht, im nahen Sturmgewitter +Das falsch gelenkte Steuer zu ergreifen! +Zum Wohle deines Vaterlands verbanne +Den eignen Schmerz; sonst werden tausend Väter +Wie du um ihre Kinder weinen, tausend +Und aber tausend Kinder ihre Väter +Vermissen, Angstgeschrei der Mütter grässlich +An hohler Kerkerwand verklingend hallen. +O bringe deinen Jammer, deinen Kummer +Auf dem Altar des allgemeinen Wohls +Zum Opfer dar, und alle, die zu rettest, +Gewinnst du dir als Kinder zum Ersatz. + +Herzog. +Aus grauenvollen Winkeln führe nicht +Mir der Gespenster dichte Schar heran, +Die meiner Tochter liebliche Gewalt +Mir zaubrisch oft und leicht hinweggebannt. +Sie ist dahin, die schmeichlerische Kraft, +Die meinen Geist in holde Träume sang. +Nun drängt das Wirkliche mit dichten Massen +An mich heran und droht, mich zu erdrücken. +Hinaus, hinaus! Von dieser Welt hinweg! +Und lügt mir nicht das Kleid, in dem du wandelst, +So führe mich zur Wohnung der Geduld, +Ins Kloster führe mich und lass mich dort, +Im allgemeinen Schweigen, stumm, gebeugt, +Ein müdes Leben in die Grube senken. + +Weltgeistlicher. +Mir ziemt es kaum, dich an die Welt zu weisen; +Doch andre Worte sprech' ich kühner aus. +Nicht in das Grab, nicht übers Grab verschwendet +Ein edler Mann der Sehnsucht hohen Wert. +Er kehrt in sich zurück und findet staunend +In seinem Busen das Verlorene wieder. + +Herzog. +Dass ein Besitz so fest sich hier erhält, +Wenn das Verlorne fern und ferner flieht, +Das ist die Qual, die das geschiedene, +Für ewig losgerissne Glied aufs neue +Dem Schmerz ergriffnen Körper fügen will. +Getrenntes Leben, wer vereinigt's wieder? +Vernichtetes, wer stellt es her? + +Weltgeistlicher. + Der Geist! +Des Menschen Geist, dem nichts verloren geht, +Was er von Wert mit Sicherheit besessen. +So lebt Eugenie vor dir, sie lebt +In deinem Sinne, den sie sonst erhub, +Dem sie das Anschaun herrlicher Natur +Lebendig aufgeregt; so wirkt sie noch +Als hohes Vorbild, schützet vor Gemeinem, +Vor Schlechtem dich, wie's jede Stunde bringt, +Und ihrer Würde wahrer Glanz verscheuchet +Den eitlen Schein, der dich bestechen will. +So fühle dich durch ihre Kraft beseelt! +Und gib ihr so ein unzerstörlich Leben, +Das keine Macht entreißen kann, zurück. + +Herzog. +Lass eines dumpfen, dunklen Traumgeflechtes +Verworrne Todesnetze mich zerreißen! +Und bleibe mir, du vielgeliebtes Bild, +Vollkommen, ewig jung und ewig gleich! +Lass deiner klaren Augen reines Licht +Mich immerfort umglänzen! Schwebe vor, +Wohin ich wandle, zeige mir den Weg +Durch dieser Erde Dornenlabyrinth! +Du bist kein Traumbild, wie ich dich erblicke; +Du warst, du bist. Die Gottheit hatte dich +Vollendet einst gedacht und dargestellt. +So bist du teilhaft des Unendlichen, +Des Ewigen, und bist auf ewig mein. + + + + +Vierter Aufzug +(Platz am Hafen. Zur einen Seite ein Palast, auf der andern eine Kirche, +im Grund eine Reihe Bäume, durch die man nach dem Hafen hinab sieht.) + + + +Erster Auftritt +Eugenie, in einen Schleier gehüllt, auf einer Bank im Grunde, +mit dem Gesicht nach der See. Hofmeisterin, Gerichtsrat im +Vordergrunde. + +Hofmeisterin. +Drängt unausweichlich ein betrübt Geschäft +Mich aus dem Mittelpunkt des Reiches, mich +Aus dem Bezirk der Hauptstadt an die Grenze +Des festen Lands zu diesem Hafenplatz, +So folgt mir streng die Sorge, Schritt vor Schritt, +Und deutet mir bedenklich in die Weite. +Wie müssen Rat und Anteil eines Manns, +Der allen edel, zuverlässig gilt, +Mir als ein Leitstern wonniglich erscheinen! +Verzeih daher, wenn ich mit diesem Blatt, +Das mich zu solcher schweren Tat berechtigt, +Zu dir mich wendend komme, den so lange +Man im Gericht, wo viel Gerechte wirken, +Erst pries als Beistand, nun als Richter preist. + +Gerichtsrat (der indessen das Blatt nachdenkend angesehen). +Nicht mein Verdienst, nur mein Bemühen war +Vielleicht zu preisen. Sonderbar jedoch +Will es mich dünken, dass du eben diesen, +Den du gerecht und edel nennen willst, +In solcher Sache fragen, ihm getrost +Solch ein Papier vors Auge dringen magst, +Worauf er nur mit Schauder blicken kann. +Nicht ist von Recht, noch von Gericht die Rede; +Hier ist Gewalt! Entsetzliche Gewalt, +Selbst wenn sie klug, selbst wenn sie weise handelt. +Anheim gegeben ward ein edles Kind, +Auf Tod und Leben--sag' ich wohl zu viel?-- +Anheim gegeben deiner Willkür. Jeder, +Sei er Beamter, Kriegsmann, Bürger, alle +Sind angewiesen, dich zu schützen, sie +Nach deines Worts Gesetzen zu behandeln. + +(Er gibt das Blatt zurück.) + +Hofmeisterin. +Auch hier beweise dich gerecht und lass +Nicht dies Papier allein als Kläger sprechen, +Auch mich, die hart Verklagte, höre nun +Und meinen offnen Vortrag günstig an. +Aus edlem Blut entspross die Treffliche; +Von jeder Gabe, jeder Tugend schenkt' +Ihr die Natur den allerschönsten Teil, +Wenn das Gesetz ihr andre Rechte weigert. +Und nun verbannt! Ich sollte sie dem Kreise +Der Ihrigen entführen, sie hierher, +Hinüber nach den Inseln sie geleiten. + +Gerichtsrat. +Gewissem Tod entgegen, der im Qualm +Erhitzter Dünste schleichend überfällt. +Dort soll verwelken diese Himmelsblume, +Die Farbe dieser Wange dort verbleichen! +Verschwinden die Gestalt, die sich das Auge +Mit Sehnsucht immer zu erhalten wünscht. + +Hofmeisterin. +Bevor du richtest, höre weiter an! +Unschuldig ist, bedarf es wohl Beteurung? +Doch vieler Übel Ursach' dieses Kind. +Sie als des Haders Apfel warf ein Gott +Erzürnt ins Mittel zwischen zwei Parteien, +Die sich, auf ewig nun getrennt, bekämpfen. +Sie will der eine Teil zum höchsten Glück +Berechtigt wissen, wenn der andre sie +Hinabzudrängen strebt. Entschieden beide!-- +Und so umschlang ein heimlich Labyrinth +Verschmitzten wirkens doppelt ihr Geschick, +So schwankte List um List im Gleichgewicht, +Bis ungeduld'ge Leidenschaft zuletzt +Den Augenblick entschiedenen Gewinns +Beschleunigte. Da brach von beiden Seiten +Die Schranke der Verstellung, drang Gewalt, +Dem Staate selbst gefährlich, drohend los, +Und nun, sogleich der Schuld'gen Schuld zu hemmen, +Zu tilgen, trifft ein hoher Götterspruch +Des Kampfs unschuld'gen Anlass, meinen Zögling, +Und reißt, verbannend, mich mit ihm dahin. + +Gerichtsrat. +Ich schelte nicht das Werkzeug, rechte kaum +Mit jenen Mächten, die sich solche Handlung +Erlauben können. Leider sind auch sie +Gebunden und gedrängt. Sie wirken selten +Aus freier Überzeugung. Sorge, Furcht +Vor größerm Übel nötiget Regenten +Die nützlich ungerechten Taten ab. +Vollbringe, was du musst, entferne dich +Aus meiner Enge rein gezognem Kreis. + +Hofmeisterin. +Den eben such' ich auf! Da dring' ich hin! +Dort hoff' ich Heil! Du wirst mich nicht verstoßen. +Den werten Zögling wünscht' ich lange schon +Vom Glück zu überzeugen, das im Kreise +Des Bürgerstandes hold genügsam weilt. +Entsagte sie der nicht gegönnten Höhe, +Ergäbe sich des biedern Gatten Schutz +Und wendete von jenen Regionen, +Wo sie Gefahr, Verbannung, Tod umlauern, +Ins Häusliche den liebevollen Blick; +Gelöst wär' alles, meiner strengen Pflicht +Wär' ich entledigt, könnt' im Vaterland +Vertrauter Stunden mich verweilend freuen. + +Gerichtsrat. +Ein sonderbar Verhältnis zeigst du mir! + +Hofmeisterin. +Dem klug entschlossnen Manne zeig' ich's an. + +Gerichtsrat. +Du gibst sie frei, wenn sich ein Gatte findet? + +Hofmeisterin. +Und reichlich ausgestattet geb' ich sie. + +Gerichtsrat. +So übereilt, wer dürfte sich entschließen? + +Hofmeisterin. +Nur übereilt bestimmt die Neigung sich. + +Gerichtsrat. +Die Unbekannte wählen wäre Frevel. + +Hofmeisterin. +Dem ersten Blick ist sie gekannt und wert. + +Gerichtsrat. +Der Gattin Feinde drohen auch dem Gatten. + +Hofmeisterin. +Versöhnt ist alles, wenn sie Gattin heißt. + +Gerichtsrat. +Und ihr Geheimnis, wird man's ihm entdecken? + +Hofmeisterin. +Vertrauen wird man dem Vertrauenden. + +Gerichtsrat. +Und wird sie frei solch einen Bund erwählen? + +Hofmeisterin. +Ein großes Übel dränget sie zur Wahl. + +Gerichtsrat. +In solchem Fall zu werben, ist es redlich? + +Hofmeisterin. +Der Rettende fasst an und klügelt nicht. + +Gerichtsrat. +Was forderst du vor allen andern Dingen? + +Hofmeisterin. +Entschließen soll sie sich im Augenblick. + +Gerichtsrat. +Ist euer Schicksal ängstlich so gesteigert? + +Hofmeisterin. +Im Hafen regt sich emsig schon die Fahrt. + +Gerichtsrat. +Hast du ihr früher solchen Bund geraten? + +Hofmeisterin. +Im allgemeinen deutet' ich dahin. + +Gerichtsrat. +Entfernte sie unwillig den Gedanken? + +Hofmeisterin. +Noch war das alte Glück ihr allzu nah. + +Gerichtsrat. +Die schönen Bilder, werden sie entweichen? + +Hofmeisterin. +Das hohe Meer hat sie hinweggeschreckt. + +Gerichtsrat. +Sie fürchtet, sich vom Vaterland zu trennen? + +Hofmeisterin. +Sie fürchtet's, und ich fürcht' es wie den Tod. +O lass uns, Edler, glücklich Aufgefundner, +Vergebne Worte nicht bedenklich wechseln! +Noch lebt in dir, dem Jüngling, jede Tugend, +Die mächt'gen Glaubens, unbedingter Liebe +Zu nie genug geschätzter Tat bedarf. +Gewiss umgibt ein schöner Kreis dich auch +Von Ähnlichen! Von Gleichen sag' ich nicht! +O seih dich um in deinem eignen Herzen, +In deiner Freunde Herzen sieh umher, +Und findest du ein überfließend Maß +Von Liebe, von Ergebung, Kraft und Mut, +So werde dem Verdientesten dies Kleinod +Mit stillem Segen heimlich übergeben! + +Gerichtsrat. +Ich weiß, ich fühle deinen Zustand, kann +Und mag nicht mit mir selbst bedächtig erst. +Wie Klugheit forderte, zu Rate gehen! +Ich will sie sprechen. + +Hofmeisterin (tritt zurück gegen Eugenie). + +Gerichtsrat. +Was geschehen soll, +Es wird geschehn! In ganz gemeinen Dingen +Hängt viel von Wahl und Wollen ab; das Höchste, +Was uns begegnet, kommt wer weiß woher. + + + +Zweiter Auftritt +Eugenie. Gerichtsrat. + +Gerichtsrat. +Indem du mir, verehrte Schöne, nahst, +So zweifl' ich fast, ob man mich treu berichtet. +Du bist unglücklich, sagt man; doch du bringst, +Wohin du wandelst, Glück und Heil heran. + +Eugenie. +Find' ich den ersten, dem aus tiefer Not +Ich Blick und Wort entgegen wenden darf, +So mild und edel, als du mir erscheinst; +Dies Angstgefühl, ich hoffe, wird sich lösen. + +Gerichtsrat. +Ein viel Erfahrner wäre zu bedauern, +Wär' ihm das Los gefallen, das dich trifft; +Wie ruft nicht erst bedrängter Jugend Kummer +Die Mitgefühle hilfsbedürftig an! + +Eugenie. +So hob ich mich vor kurzem aus der Nacht +Des Todes an des Tages Licht herauf, +Ich wusste nicht, wie mir geschehn! Wie hart +Ein jäher Sturz mich lähmend hingestreckt. +Da rafft' ich mich empor, erkannte wieder +Die schöne Welt, ich sah den Arzt bemüht, +Die Flamme wieder anzufachen, fand +In meines Vaters liebevollem Blick, +An seinem Ton mein Leben wieder. Nun +Zum zweiten Mal, von einem jähern Sturz, +Erwach' ich! Fremd und schattengleich erscheint +Mir die Umgebung, mir der Menschen Wandeln, +Und deine Milde selbst ein Traumgebild. + +Gerichtsrat. +Wenn Fremde sich in unsre Lage fühlen, +Sind sie wohl näher als die Nächsten, die +Oft unsern Gram als wohlbekanntes Übel +Mit lässiger Gewohnheit übersehn. +Dein Zustand ist gefährlich! Ob er gar +Unheilbar sei, wer wagt es zu entscheiden! + +Eugenie. +Ich habe nichts zu sagen! Unbekannt +Sind mir die Mächte, die mein Elend schufen. +Du hast das Weib gesprochen, jene weiß; +Ich dulde nur dem Wahnsinn mich entgegen. + +Gerichtsrat. +Was auch der Obermacht gewalt'gen Schluss +Auf dich herab gerufen, leichte Schuld, +Ein Irrtum, den der Zufall schädlich leitet; +Die Achtung bleibt, die Neigung spricht für dich. + +Eugenie. +Des reinen Herzens traulich mir bewusst, +Sinn' ich der Wirkung kleiner Fehler nach. + +Gerichtsrat. +Auf ebnem Boden straucheln ist ein Scherz, +Ein Fehltritt stürzt vom Gipfel dich herab. + +Eugenie. +Auf jenen Gipfeln schwebt' ich voll Entzücken, +Der Freunde Übermaß verwirrte mich. +Das nahe Glück berührt' ich schon im Geist, +Ein köstlich Pfand lag schon in meinen Händen. +Nur wenig Ruhe! Wenige Geduld! +Und alles war, so darf ich glauben, mein. +Doch übereilt' ich's, überließ mich rasch +Zudringlicher Versuchung.--War es das?-- +Ich sah, ich sprach, was mir zu sehn, zu sprechen +Verboten war. Wird ein so leicht Vergehn +So hart bestraft? Ein lässlich scheinendes, +Scherzhafter Probe gleichendes Verbot, +Verdammt's den Übertreter ohne Schonung? +O, so ist's wahr, was uns der Völker Sagen +Unglaublich überliefern! Jenes Apfels +Leichtsinnig augenblicklicher Genuss +Hat aller Welt unendlich Weh verschuldet. +So ward auch mir ein Schlüssel anvertraut! +Verbotne Schätze wagt' ich aufzuschließen, +Und aufgeschlossen hab' ich mir das Grab. + +Gerichtsrat. +Des Übels Quelle findest du nicht aus, +Und aufgefunden fließt sie ewig fort. + +Eugenie. +In kleinen Fehlern such' ich's, gebe mir +Aus eitlem Wahn die Schuld so großer Leiden. +Nur höher, höher wende den Verdacht! +Die beiden, denen ich mein ganzes Glück +Zu danken hoffte, die erhabnen Männer, +Zum Scheine reichten sie sich Hand um Hand. +Der innre Zwist unsicherer Parteien, +Der nur in düstern Höhlen sich geneckt, +Er bricht vielleicht ins Freie bald hervor! +Und was mich erst als Furcht und Sorg' umgeben, +Entscheidet sich, indem es mich vernichtet, +Und droht Vernichtung aller Welt umher. + +Gerichtsrat. +Du jammerst mich! Das Schicksal einer Welt +Verkündest du nach deinem Schmerzgefühl. +Und schien dir nicht die Erde froh und glücklich, +Als du, ein heitres Kind, auf Blumen schrittest? + +Eugenie. +Wer hat es reizender als ich gesehn, +Der Erde Glück mit allen seinen Blüten. +Ach, alles um mich her, es war so reich, +So voll und rein, und was der Mensch bedarf, +Es schien zur Lust, zum Überfluss gegeben. +Und wem verdankt' ich solch ein Paradies? +Der Vaterliebe dankt' ich's, die, besorgt +Ums Kleinste, wie ums Größte, mich verschwendrisch +Mit Prachtgenüssen zu erdrücken schien +Und meinen Körper, meinen Geist zugleich, +Ein solches Wohl zu tragen, bildete. +Wenn alles weichlich Eitle mich umgab, +Ein wonniges Behagen mir zu schmeicheln, +So rief mich ritterlicher Trieb hinaus, +Zu Ross und Wagen, mit Gefahr zu kämpfen. +Oft sehnt' ich mich in ferne Weiten hin, +Nach fremder Lande seltsam neuen Kreisen. +Dorthin versprach der edle Vater mich, +Ans Meer versprach er mich zu führen, hoffte +Sich meines ersten Blicks ins Unbegrenzte +Mit liebevollem Anteil zu erfreun-- +Da steh' ich nun und schaue weit hinaus, +Und enger scheint mich's, enger zu umschließen. +O Gott, wie schränkt sich Welt und Himmel ein, +Wenn unser Herz in seinen Schranken banget! + +Gerichtsrat. +Unselige! Die mir aus deinen Höhen, +Ein Meteor, verderblich niederstreifst +Und meiner Bahn Gesetz berührend störst! +Auf ewig hast du mir den heitren Blick +Ins volle Meer getrübt. Wenn Phöbus nun +Ein feuerwallend Lager sich bereitet, +Und jedes Auge von Entzücken tränt, +Da werd' ich weg mich wenden, werde dich +Und dein Geschick beweinen. Fern am Rande +Des nachtumgebnen Ozeans erblick' ich +Mit Not und Jammer deinen Pfad umstrickt! +Entbehrung alles nötig lang Gewohnten, +Bedrängnis neuer Übel, ohne Flucht. +Der Sonne glühendes Geschoss durchdringt +Ein feuchtes, kaum der Flut entrissnes Land. +Um Niederungen schwebet, gift'gen Brodens, +Blaudunst'ger Streifen angeschwollne Pest. +Im Vortod seh' ich, matt und hingebleicht, +von Tag zu Tag ein Kummerleben schwanken. +O die so blühend, heiter vor mir steht, +Sie soll so früh langsamen Tods verschwinden! + +Eugenie. +Entsetzen rufst du mir hervor! Dorthin? +Dorthin verstößt man mich! In jenes Land, +Als Höllenwinkel mir von Kindheit auf +In grauenvollen Zügen dargestellt. +Dorthin, wo sich in Sümpfen Schlang' und Tiger +Durch Rohr und Dorngeflechte tückisch drängen, +Wo, peinlich quälend, als belebte Wolken +Um Wandrer sich Insektenscharen ziehn, +Wo jeder Hauch des Windes, unbequem +Und schädlich, Stunden raubt und Leben kürzt. +Zu bitten dacht' ich; flehend siehst du nun +Die Dringende. Du kannst, du wirst mich retten. + +Gerichtsrat. +Ein mächtig ungeheurer Talisman +Liegt in den Händen deiner Führerin. + +Eugenie. +Was ist Gesetz und Ordnung? Können sie +Der Unschuld Kindertage nicht beschützen? +Wer seid denn ihr, die ihr mit leerem Stolz +Durchs Recht Gewalt zu bänd'gen euch berühmt? + +Gerichtsrat. +In abgeschlossnen Kreisen lenken wir +Gesetzlich streng das in der Mittelhöhe +Des Lebens wiederkehrend Schwebende. +Was droben sich in ungemessnen Räumen +Gewaltig seltsam hin und her bewegt, +Belebt und tötet ohne Rat und Urteil, +Das wird nach anderm Maß, nach andrer Zahl +Vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft. + +Eugenie. +Und ist das alles? Hast du weiter nichts +Zu sagen, zu verkünden? + +Gerichtsrat. + Nichts! + +Eugenie. + Ich glaub' es nicht! +Ich darf's nicht glauben. + +Gerichtsrat. + Lass, o lass mich fort! +Soll ich als feig, als unentschlossen gelten? +Bedauern, jammern? Soll nicht irgendhin +Mit kühner Hand auf deine Rettung deuten? +Doch läge nicht in dieser Kühnheit selbst +Für mich die grässlichste Gefahr, von dir +Verkannt zu werden? Mit verfehltem Zweck +Als frevelhaft unwürdig zu erscheinen? + +Eugenie. +Ich lasse dich nicht los, den mir das Glück, +Mein altes Glück, vertraulich zugesendet. +Mich hat's von Jugend auf gehegt, gepflegt, +Und nun im rauen Sturme sendet mir's +Den edlen Stellvertreter seiner Neigung. +Sollt' ich nicht sehen, fühlen, dass du teil +An mir und meinem Schicksal nimmst? Ich stehe +Nicht ohne Wirkung hier: Du sinnst! Du denkst!-- +Im weiten Kreise rechtlicher Erfahrung +Schaust du zu meinen Gunsten um dich her. +Noch bin ich nicht verloren! Ja, du suchst +Ein Mittel, mich zu retten; hast es wohl +Schon ausgefunden! Mir bekennt's dein Blick, +Dein tiefer, ernster, freundlich trüber Blick. +O kehre dich nicht weg! O sprich es aus, +Ein hohes Wort, das mich zu heilen töne! + +Gerichtsrat. +So wendet voll Vertrauen zum Arzte sich +Der tief Erkrankte, fleht um Linderung, +Fleht um Erhaltung schwer bedrohter Tage; +Als Gott erscheint ihm der erfahrne Mann. +Doch ach! Ein bitter, unerträglich Mittel +Wird nun geboten. Ach! Soll ihm vielleicht +Der edlen Glieder grausame Verstümmlung, +Verlust statt Heilung angekündigt werden? +Gerettet willst du sein! Zu retten bist du, +Nicht herzustellen. Was du warst, ist hin, +Und was du sein kannst, magst du's übernehmen? + +Eugenie. +Um Rettung aus des Todes Nachtgewalt, +Um dieses Lichts erquickenden Genuss, +Um Sicherheit des Daseins ruft zuerst +Aus tiefer Not ein Halbverlorner noch. +Was dann zu heilen sei, was zu erstatten, +Was zu vermissen, lehre Tag um Tag. + +Gerichtsrat. +Und nächst dem Leben, was erflehst du dir? + +Eugenie. +Des Vaterlandes vielgeliebten Boden! + +Gerichtsrat. +Du forderst viel im einz'gen, großen Wort! + +Eugenie. +Ein einzig Wort enthält mein ganzes Glück. + +Gerichtsrat. +Den Zauberbann, wer wagt's, ihn aufzulösen? + +Eugenie. +Der Tugend Gegenzauber siegt gewiss! + +Gerichtsrat. +Der obern Macht ist schwer zu widerstehen. + +Eugenie. +Allmächtig ist sie nicht, die obre Macht. +Gewiss! Dir gibt die Kenntnis jener Formen, +Für Hohe wie für Niedre gleich verbindlich, +Ein Mittel an. Du lächelst. Ist es möglich! +Das Mittel ist gefunden! Sprich es aus! + +Gerichtsrat. +Was hilf' es, meine Beste, wenn ich dir +Von Möglichkeiten spräche! Möglich scheint +Fast alles unsern Wünschen; unsrer Tat +Setzt sich von innen wie von außen viel, +Was sie durchaus unmöglich macht, entgegen. +Ich kann, ich darf nicht reden, lass mich los! + +Eugenie. +Und wenn du täuschen solltest!--Wäre nur +Für Augenblicke meiner Phantasie +Ein zweifelhafter, leichter Flug vergönnt! +Ein Übel um das andre biete mir! +Ich bin gerettet, wenn ich wählen kann. + +Gerichtsrat. +Ein Mittel gibt es, dich im Vaterland +Zurückzuhalten. Friedlich ist's und manchem +Erschien' es auch erfreulich. Große Gunst +Hat es vor Gott und Menschen. Heil'ge Kräfte +Erheben's über alle Willkür. Jedem, +Der's anerkennt, sich's anzueignen weiß, +Verschafft es Glück und Ruhe. Vollbestand +Erwünschter Lebensgüter sind wir ihm, +So wie der Zukunft höchste Bilder schuldig. +Als allgemeines Menschengut verordnet's +Der Himmel selbst und ließ dem Glück, der Kühnheit +Und stiller Neigung Raum, sich's zu erwerben. + +Eugenie. +Welch Paradies in Rätseln stellst du dar? + +Gerichtsrat. +Der eignen Schöpfung himmlisch Erdenglück. + +Eugenie. +Was hilft mein Sinnen! Ich verwirre mich! + +Gerichtsrat. +Errätst du's nicht, so liegt es fern von dir. + +Eugenie. +Das zeige sich, sobald du ausgesprochen. + +Gerichtsrat. +Ich wage viel! Der Ehstand ist es! + +Eugenie. + Wie? + +Gerichtsrat. +Gesprochen ist's, nun überlege du. + +Eugenie. +Mich überrascht, mich ängstet solch ein Wort. + +Gerichtsrat. +Ins Auge fasse, was dich überrascht. + +Eugenie. +Mir lag es fern in meiner frohen Zeit, +Nun kann ich seine Nähe nicht ertragen; +Die Sorge, die Beklemmung mehrt sich nur. +Von meines Vaters, meines Königs Hand +Musst' ich dereinst den Bräutigam erwarten. +Voreilig schwärmte nicht mein Blick umher, +Und keine Neigung wuchs in meiner Brust. +Nun soll ich denken, was ich nie gedacht, +Und fühlen, was ich sittsam weg gewiesen; +Soll mir den Gatten wünschen, eh' ein Mann +Sich liebenswert und meiner wert gezeigt, +Und jenes Glück, das Hymen uns verspricht, +Zum Rettungsmittel meiner Not entweihen. + +Gerichtsrat. +Dem wackern Mann vertraut ein Weib getrost, +Und wär' er fremd, ein zweifelhaft Geschick. +Der ist nicht fremd, wer teilzunehmen weiß, +Und schnell verbindet ein Bedrängter sich +Mit seinem Retter. Was im Lebensgange +Dem Gatten seine Gattin fesselnd eignet, +Ein Sicherheitsgefühl, ihr werd' es nie +An Rat und Trost, an Schutz und Hilfe fehlen, +Das flößt im Augenblick ein kühner Mann +Dem Busen des Gefahr umgebnen Weibes +Durch Wagetat auf ew'ge Zeiten ein. + +Eugenie. +Und mir, wo zeigte sich ein solcher Held? + +Gerichtsrat. +Der Männer Schar ist groß in dieser Stadt. + +Eugenie. +Doch allen bin und bleib' ich unbekannt. + +Gerichtsrat. +Nicht lange bleibt ein solcher Blick verborgen! + +Eugenie. +O täusche nicht ein leicht betrognes Hoffen! +Wo fände sich ein Gleicher, seine Hand +Mir, der Erniedrigten, zu reichen? Dürft' ich +Dem Gleichen selbst ein solches Glück verdanken? + +Gerichtsrat. +Ungleich erscheint im Leben viel, doch bald +Und unerwartet ist es ausgeglichen. +In ew'gem Wechsel wiegt ein Wohl das Weh +Und schnelle Leiden unsre Freuden auf. +Nichts ist beständig! Manches Missverhältnis +Löst unbemerkt, indem die Tage rollen, +Durch Stufenschritte sich in Harmonie. +Und ach! Den größten Abstand weiß die Liebe, +Die Erde mit dem Himmel, auszugleichen. + +Eugenie. +In leere Träume denkst du mich zu wiegen. + +Gerichtsrat. +Du bist gerettet, wenn du glauben kannst. + +Eugenie. +So zeige mir des Retters treues Bild. + +Gerichtsrat. +Ich zeig' ihn dir, er bietet seine Hand! + +Eugenie. +Du! Welch ein Leichtsinn überraschte dich? + +Gerichtsrat. +Entschiedne bleibt auf ewig mein Gefühl. + +Eugenie. +Der Augenblick, vermag er solche Wunder? + +Gerichtsrat. +Das Wunder ist des Augenblicks Geschöpf. + +Eugenie. +Und Irrtum auch der Übereilung Sohn. + +Gerichtsrat. +Ein Mann, der dich gesehen, irrt nicht mehr. + +Eugenie. +Erfahrung bleibt des Lebens Meisterin. + +Gerichtsrat. +Verwirren kann sie, doch das Herz entscheidet. +O lass dir sagen: Wie vor wenig Stunden, +Ich mit mir selbst zu Rate ging und mich +So einsam fühlte, meine ganze Lage, +Vermögen, Stand, Geschäft ins Auge fasste +Und um mich her nach einer Gattin sann, +Da regte Phantasie mir manches Bild, +Die Schätze der Erinnrung sichtend, auf, +Und wohlgefällig schwebten sie vorüber. +Zu keiner Wahl bewegte sich mein Herz. +Doch du erscheinest, ich empfinde nun, +Was ich bedurfte. Dies ist mein Geschick. + +Eugenie. +Die Fremde, Schlechtumgebne, Missempfohlne, +Sie könnte frohen, stolzen Trost empfinden, +Sich so geschätzt, sich so geliebt zu sehn; +Bedächte sie nicht auch des Freundes Glück, +Des edlen Manns, der unter allen Menschen +Vielleicht zuletzt ihr Hilfe bieten mag. +Betrügst du dich nicht selbst? Und wagst du, dich +Mit jener Macht, die mich bedroht, zu messen? + +Gerichtsrat. +Mit jener nicht allein!--Dem Ungestüm +Des rohen Drangs der Menge zu entgehn, +Hat uns ein Gott den schönsten Port bezeichnet. +Im Hause, wo der Gatte sicher waltet, +Da wohnt allein der Friede, den vergebens +Im Weiten du da draußen suchen magst. +Unruh'ge Missgunst, grimmige Verleumdung, +Verhallendes, parteiisches Bestreben, +Nicht wirken sie auf diesen heil'gen Kreis! +Vernunft und Liebe hegen jedes Glück, +Und jeden Unfall mildert ihre Hand. +Komm! Rette dich zu mir! Ich kenne mich! +Und weiß, was ich versprechen darf und kann. + +Eugenie. +Bist du in deinem Hause Fürst? + +Gerichtsrat. + Ich bin's! +Und jeder ist's, der Gute wie der Böse. +Reicht eine Macht denn wohl in jenes Haus, +Wo der Tyrann die holde Gattin kränkt, +Wenn er nach eignem Sinn verworren handelt, +Durch Launen, Worte, Taten jede Lust +Mit Schadenfreude sinnreich untergräbt? +Wer trocknet ihre Tränen? Welch Gesetz, +Welch Tribunal erreicht den Schuldigen? +Er triumphiert, und schweigende Geduld +Senkt nach und nach, verzweifelnd, sie ins Grab. +Notwendigkeit, Gesetz, Gewohnheit gaben +Dem Mann so grobe Rechte; sie vertrauten +Auf seine Kraft, auf seinen Biedersinn.-- +Nicht Heldenfaust, nicht Heldenstamm, geliebte, +Verehrte Fremde, weiß ich dir zu bieten; +Allein des Bürgers hohen Sicherstand. +Und bist du mein, was kann dich mehr berühren? +Auf ewig bist du mein, versorgt, beschützt. +Der König fordre dich von mir zurück; +Als Gatte kann ich mit dem König rechten. + +Eugenie. +Vergib! Mir schwebt noch allzu lebhaft vor, +Was ich verscherzte! Du, Großmütiger, +Bedenkest nur, was mir noch übrig blieb. +Wie wenig ist es! Dieses Wenige +Lehrst du mich schätzen, gibst mein eignes Wesen +Durch dein Gefühl belebend mir zurück. +Verehrung zoll' ich dir. Wie soll ich's nennen? +Dankbare, schwesterlich entzückte Neigung! +Ich fühle mich als dein Geschöpf und kann +Dir leider, wie du wünschest, nicht gehören. + +Gerichtsrat. +So schnell versagst du dir und mir die Hoffnung? + +Eugenie. +Das Hoffnungslose kündet schnell sich an! + + + +Dritter Auftritt +Die Vorigen. Hofmeisterin. + +Hofmeisterin. +Dem günst'gen Wind gehorcht die Flotte schon. +Die Segel schwellen, alles eilt hinab. +Die Scheidenden umarmen tränend sich, +Und von den Schiffen, von dem Strande wehn +Die weißen Tücher noch den letzten Gruß. +Bald lichtet unser Schiff die Anker auch! +Komm! Lass uns gehen! Uns begleitet nicht +Ein Scheidegruß, wir ziehen unbeweint. + +Gerichtsrat. +Nicht unbeweint, nicht ohne bittern Schmerz +Zurückgelassner Freunde, die nach euch +Die Arme rettend strecken. O! Vielleicht +Erscheint, was ihr im Augenblick verschmäht, +Euch blad ein sehnsuchtswertes, fernes Bild. +(Zu Eugenie.) Vor wenigen Minuten nannt' ich dich +Entzückt willkommen! Soll ein Lebewohl +Behend auf ewig unsre Trennung siegeln? + +Hofmeisterin. +Der Unterredung Inhalt, ahn' ich ihn? + +Gerichtsrat. +Zum ew'gen Bunde siehst du mich bereit. + +Hofmeisterin (zu Eugenie). +Und wie erkennst du solch ein groß Erbieten? + +Eugenie. +Mit höchst gerührten Herzens reinstem Dank. + +Hofmeisterin. +Und ohne Neigung, diese Hand zu fassen? + +Gerichtsrat. +Zur Hilfe bietet sie sich dringend an. + +Eugenie. +Das Nächste steht oft unergreifbar fern. + +Hofmeisterin. +Ach! Fern von Rettung stehn wir nur zu bald. + +Gerichtsrat. +Und hast du künftig Drohendes bedacht? + +Eugenie. +Sogar das letzte Drohende, den Tod. + +Hofmeisterin. +Ein angebotnes Leben schlägst du aus? + +Gerichtsrat. +Erwünschte Feier froher Bundestage? + +Eugenie. +Ein Fest versäumt' ich, keins erscheint mir wieder. + +Hofmeisterin. +Gewinnen kann, wer viel verloren, schnell. + +Gerichtsrat. +Noch glänzendem ein dauerhaft Geschick. + +Eugenie. +Hinweg die Dauer, wenn der Glanz verlosch. + +Hofmeisterin. +Der Mögliches bedenkt, lässt sich genügen. + +Gerichtsrat. +Und wem genügte nicht an Lieb' und Treue? + +Eugenie. +Den Schmeichelworten widerspricht mein Herz, +Und widerstrebt euch beiden ungeduldig. + +Gerichtsrat. +Ach, allzu lästig scheint, ich weiß es wohl, +Uns unwillkommne Hilfe! Sie erregt +Nur innern Zwiespalt. Danken möchten wir, +Und sind undankbar, da wir nicht empfangen. +Drum lasst mich scheiden! Doch des Hafenbürgers +Gebrauch und Pflicht vorher an euch erfüllen, +Aufs unfruchtbare Meer von Landesgaben +Zum Lebewohl Erquickungsvorrat widmen. +Dann werd' ich stehen, werde starren Blicks +Geschwollne Segel ferner, immer ferner, +Und Glück und Hoffnung weichend schwinden sehn. + + + +Vierter Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. + +Eugenie. +In deiner Hand, ich weiß es, ruht mein Heil, +Sowie mein Elend. Lass dich überreden! +Lass dich erweichen! Schiffe mich nicht ein! + +Hofmeisterin. +Du lenkest nun, was uns begegnen soll, +Du hast zu wählen! Ich gehorche nur +Der starken Hand, sie stößt mich vor sich hin. + +Eugenie. +Und nennst du Wahl, wenn Unvermeidliches +Unmöglichem sich gegenüberstellt? + +Hofmeisterin. +Der Bund ist möglich, wie der Bann vermeidlich. + +Eugenie. +Unmöglich ist, was Edle nicht vermögen. + +Hofmeisterin. +Für diesen biedern Mann vermagst du viel. + +Eugenie. +In bessre Lagen führe mich zurück; +Und sein Erbieten lohn' ich grenzenlos. + +Hofmeisterin. +Ihm lohne gleich, was ihn allein belohnt: +Zu hohen Stufen heb' ihn deine Hand! +Wenn Tugend, wenn Verdienst den Tüchtigen +Nur langsam fördern, wenn er, still entsagend +Und kaum bemerkt sich andern widmend, strebt, +So führt ein edles Weib ihn leicht ans Ziel. +Hinunter soll kein Mann die Blicke wenden; +Hinauf zur höchsten Frauen kehr' er sich! +Gelingt es ihm, sie zu erwerben, schnell +Geebnet zeigt des Lebens Pfad sich ihm. + +Eugenie. +Verwirrender, verfälschter Worte Sinn +Entwickl' ich wohl aus deinen falschen Reden, +Das Gegenteil erkenn' ich nur zu klar: +Der Gatte zieht sein Weib unwiderstehlich +In seines Kreises abgeschlossne Bahn. +Dorthin ist sie gebannt, sie kann sich nicht +Aus eigner Kraft besondre Wege wählen; +Aus niedrem Zustand führt er sie hervor, +Aus höhern Sphären lockt er sie hernieder. +Verschwundne ist die frühere Gestalt, +Verloschen jede Spur vergangner Tage. +Was sie gewann, wer will es ihr entreißen? +Was sie verlor, wer gibt es ihr zurück? + +Hofmeisterin. +So bricht du grausam dir und mir den Stab. + +Eugenie. +Noch forscht mein Blick nach Rettung hoffnungsvoll. + +Hofmeisterin. +Der Liebende verzweifelt; kannst du hoffen? + +Eugenie. +Ein kalter Mann verlieh' uns bessern Rat. + +Hofmeisterin. +Von Rat und Wahl ist keine Rede mehr; +Du stürzest mich ins Elend, folge mir! + +Eugenie. +O dass ich dich noch einmal freundlich hold +Vor meinen Augen sähe, wie du stets +Von früher Zeit herauf mich angeblickt! +Der Sonne Glanz, die alles Leben regt, +Des klaren Monds erquicklich leiser Schein +Begegneten mir holder nicht als du. +Was konnt' ich wünschen? Vorbereitet war's. +Was durft' ich fürchten? Abgelehnt war alles! +Und zog sich ins Verborgne meine Mutter +Vor ihres Kindes Blicken früh zurück, +So reichtest du ein überfließend Maß +Besorgter Mutterliebe mir entgegen. +Bist du denn ganz verwandelt? Äußerlich +Erscheinst du mir die Vielgeliebte selber; +Doch ausgewechselt ist, so scheint's, dein Herz-- +Du bist es noch, die ich um Kleines und Großes +So oft gebeten, die mir nichts verweigert. +Gewohnter Ehrfurcht kindliches Gefühl, +Es lehrt mich nun, das Höchste zu erbitten. +Und könnt' es mich erniedrigen, dich nun +An Vaters, Königs, dich an Gottes Statt +Gebognen Knies um Rettung anzuflehen? + +(Sie kniet.) + +Hofmeisterin. +In dieser Lage scheinst du meiner nur +Verstellt zu spotten. Falschheit rührt mich nicht. + +(Hebt Eugenie mit Heftigkeit auf.) + +Eugenie. +So hartes Wort, so widriges Betragen, +Erfahr' ich das, erleb' ich das von dir? +Und mit Gewalt verscheuchst du meinen Traum. +Im klaren Lichte seh' ich mein Geschick! +Nicht meine Schuld, nicht jener Großen Zwist, +Des Bruders Tücke hat mich hergestoßen, +Und, mitverschworen, hältst du mich gebannt. + +Hofmeisterin. +Dein Irrtum schwankt nach allen Seiten hin. +Was will der Bruder gegen dich beginnen? +Den bösen Willen hat er, nicht die Macht. + +Eugenie. +Sei's, wie ihm wolle! Noch verschmacht' ich nicht +In ferner Wüste hoffnungslosen Räumen. +Ein lebend Volk bewegt sich um mich her, +Ein liebend Volk, das auch den Vaternamen +Entzückt aus seines Kindes Mund vernimmt. +Die fordr' ich auf. Aus roher Menge kündet +Ein mächt'ger Ruf mir meine Freiheit an. + +Hofmeisterin. +Die rohe Menge hast du nie gekannt, +Sie starrt und staunt und zaudert, lässt geschehn; +Und regt sie sich, so endet ohne Glück, +Was ohne Plan zufällig sie begonnen. + +Eugenie. +Den Glauben wirst du mir mit kaltem Wort +Nicht, wie mein Glück mit frecher Tag, zerstören. +Dort unten hoff' ich Leben, aus dem Leben, +Dort, wo die Masse, tätig strömend, wogt, +Wo jedes Herz, mit wenigem befriedigt, +Für holdes Mitleid gern sich öffnen mag. +Du hältst mich nicht zurück! Ich rufe laut, +Wie furchtbar mich Gefahr und Not bedrängen, +Ins wühlende Gemisch mich stürzend, aus. + + + + +Fünfter Aufzug +(Platz am Hafen.) + + + +Erster Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. + +Eugenie. +Mit welchen Ketten führst du mich zurück? +Gehorch! Ich wider Willen diesmal auch! +Fluchwürdige Gewalt der Stimme, die +Mich einst so glatt zur Folgsamkeit gewöhnte, +Die meines ersten bildsamen Gefühls +Im ganzen Umfang sich bemeisterte! +Du warst es, der ich dieser Worte Sinn +Zuerst verdanke, dieser Sprache Kraft +Und künstliche Verknüpfung; diese Welt +Hab' ich aus deinem Munde, ja, mein eignes Herz. +Nun brauchst du diesen Zauber gegen mich, +Du fesselst mich, du schleppst mich hin und wider, +Mein Geist verwirrt sich, mein Gefühl ermattet, +Und zu den Toten sehn' ich mich hinab. + +Hofmeisterin. +O hätte diese Zauberkraft gewirkt, +Von jenen hohen Plänen abzustehn. + +Eugenie. +Du ahntest solch ungeheures Übel +Und warntest nicht den allzu sichern Mut? + +Hofmeisterin. +Wohl durft' ich warnen, aber leise nur; +Die ausgesprochne Silbe trug den Tod. + +Eugenie. +Und hinter deinem Schweigen lag Verbannung! +Ein Todeswort, willkommner war es mir. + +Hofmeisterin. +Dies Unglück, vorgesehen oder nicht, +Hat mich und dich in gleiches Netz verschlungen. + +Eugenie. +Was kann ich wissen, welch ein Lohn dir wird, +Um deinen armen Zögling zu verderben. + +Hofmeisterin. +Er wartet wohl am fremden Strande mein! +Das Segel schwillt und führt uns beide hin. + +Eugenie. +Noch hat das Schiff in seine Kerker nicht +Mich aufgenommen. Sollt' ich willig gehen? + +Hofmeisterin. +Und riefst du nicht das Volk zur Hilfe schon? +Es staunte nur dich an und schwieg und ging. + +Eugenie. +Mit ungeheurer Not im Kampfe, schien +Ich dem gemeinen Blick des Wahnsinns Beute. +Doch sollst du mir mit Worten, mit Gewalt +Den mut'gen Schritt nach Hilfe nicht verkümmern. +Die Ersten dieser Stadt erheben sich +Aus ihren Häusern dem Gestadte zu, +Die Schiffe zu bewundern, die gereiht, +Uns unerwünscht das hohe Meer gewinnen. +Schon regt sich am Palast des Gouverneurs +Die Wache. Jener ist es, der die Stufen, +Von mehreren begleitet, niedersteigt. +Ich will ihn sprechen, ihm den Fall erzählen! +Und ist er wert, an meines Königs Platz +Den wichtigsten Geschäften vorzustehn, +So weist er mich nicht unerhört von hinnen. + +Hofmeisterin. +Ich hindre dich an diesem Schritte nicht, +Doch nennst du keinen Namen, nur die Sache. + +Eugenie. +Den Namen nicht, bis ich vertrauen darf. + +Hofmeisterin. +Es ist ein edler junger Mann und wird, +Was er vermag, mit Anstand gern gewähren. + + + +Zweiter Auftritt +Die Vorigen. Der Gouverneur. Adjutanten. + +Eugenie. +Dir in den Weg zu treten, darf ich's wagen? +Wirst du der kühnen Fremden auch verzeihn? + +Gouverneur (nachdem er sie aufmerksam betrachtet). +Wer sich wie du dem ersten Blick empfiehlt, +Der ist gewiss des freundlichsten Empfangs. + +Eugenie. +Nicht froh und freundlich ist es, was ich bringe, +Entgegen treibt mich dir die höchste Not. + +Gouverneur. +Ist, sie zu heben, möglich, sei mir's Pflicht; +Ist sie auch nur zu lindern, soll's geschehn. + +Eugenie. +Von hohem Haus entspross die Bittende; +Doch leider ohne Namen tritt sie auf. + +Gouverneur. +Ein Name wird vergessen; dem Gedächtnis +Schreibt solch ein Bild sich unauslöschlich ein. + +Eugenie. +Gewalt und List entreißen, führen, drängen +Mich von des Vaters Brust ans wilde Meer. + +Gouverneur. +Wer durfte sich an diesem Friedensbild +Mit ungeweihter Feindeshand vergreifen? + +Eugenie. +Ich selbst vermute nur! Mich überrascht +Aus meinem eignen Hause dieser Schlag. +Von Eigennutz und bösem Rat geleitet, +Sann mir ein Bruder dies Verderben aus, +Und diese hier, die mich erzogen, steht, +Mir unbegreiflich, meinen Feinden bei. + +Hofmeisterin. +Ihr steh' ich bei und mildre großes Übel, +Das ich zu heilen leider nicht vermag. + +Eugenie. +Ich soll zu Schiffe steigen, fordert sie! +Nach jenen Ufern führt sie mich hinüber! + +Hofmeisterin. +Geb' ich auf solchem Weg ihr das Geleit, +So zeigt es Liebe, Muttersorgfalt an. + +Gouverneur. +Verzeiht, geschätzte Frauen, wenn ein Mann, +Der, jung an Jahren, manches in der Welt +Gesehn und überlegt, im Augenblick, +Da er euch sieht und hört, bedenklich stutzt. +Vertrauen scheint ihr beide zu verdienen, +Und ihr misstraut einander beide selbst, +So scheint es wenigstens. Wie soll ich nun +Des wunderbaren Knotens Rätselschlinge, +Die euch umstrickt, zu lösen übernehmen? + +Eugenie. +Wenn du mich hören willst, vertrau' ich mehr. + +Hofmeisterin. +Auch ich vermöchte manches zu erklären. + +Gouverneur. +Dass uns mit Fabeln oft ein Fremder täuscht, +Muss auch der Wahrheit schaden, wenn wir sie +In abenteuerlicher Hülle sehn. + +Eugenie. +Misstraust du mir, so bin ich ohne Hilfe. + +Gouverneur. +Und traut' ich auch, ist doch zu helfen schwer. + +Eugenie. +Nur zu den Meinen sende mich zurück. + +Gouverneur. +Verlorne Kinder aufzunehmen, gar +Entwendete, verstoßne zu beschützen, +Bringt wenig Dank dem wohl gesinnten Mann. +Um Gut und Erbe wird sogleich ein Streit, +Um die Person, ob sie die rechte sei, +Gehässig aufgeregt, und wenn Verwandte +Ums Mein und dein gefühllos hadern, trifft +Den Fremden, der sich eingemischt, der Hass +Von beiden Teilen, und nicht selten gar, +Weil ihm der strengere Beweis nicht glückt, +Steht er zuletzt auch vor Gericht beschämt. +Verzeih mir also, wenn ich nicht sogleich +Mit Hoffnung dein Gesuch erwidern kann. + +Eugenie. +Ziemt eine solche Furcht dem edlen Mann, +Wohin soll sich ein Unterdrückter wenden? + +Gouverneur. +Doch wenigstens entschuldigst du gewiss +Im Augenblick, wo ein Geschäft mich ruft, +Wenn ich auf morgen frühe dich hinein +In meine Wohnung lade, dort genauer +Das Schicksal zu erfahren, das dich drängt. + +Eugenie. +Mit Freuden werd' ich kommen. Nimm voraus +Den lauten Dank für meine Rettung an! + +Hofmeisterin (die ihm ein Papier überreicht). +Wenn wir auf deine Ladung nicht erscheinen, +So ist dies Blatt Entschuldigung genug. + +Gouverneur (der es aufmerksam eine Weile angesehn, +es zurückgebend). +So kann ich freilich nur beglückte Fahrt, +Ergebung ins Geschick und Hoffnung wünschen. + + + +Dritter Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. + +Eugenie. +Ist dies der Talisman, mit dem du mich +Entführst, gefangen hältst, der alle Guten, +Die sich zu Hilfe mir bewegen, lähmt? +Lass mich es ansehn, dieses Todesblatt! +Mein Elend kenn' ich, nun, so lass mich auch, +Wer es verhängen konnte, lass mich's wissen. + +Hofmeisterin (die das Blatt offen darzeigt). +Hier! Sieh herein. + +Eugenie (sich weg wendend). + Entsetzliches Gefühl! +Und überlebt' ich's, wenn des Vaters Name, +Des Königs Name mir entgegen blitzte? +Noch ist die Täuschung möglich, dass verwegen +Ein Kronbeamter die Gewalt missbraucht +Und, meinem Bruder frönend, mich verletzt. +Da bin ich noch zu retten. Eben dies +Will ich erfahren! Zeige her! + +Hofmeisterin (wie oben). + Du siehst's! + +Eugenie (wie oben). +Der Mut verlässt mich! Nein, ich wag' es nicht. +Sei's, wie es will, ich bin verloren, bin +Aus allem Vorteil dieser Welt gestoßen; +Entsag' ich denn auf ewig dieser Welt! +O dies vergönnst du mir! Du willst es ja, +Die Feinde wollen meinen Tod, sie wollen +Mich lebend eingescharrt. Vergönne mir, +Der Kirche mich zu nähern, die begierig +So manch unschuldig Opfer schon verschlang. +Hier ist der Tempel; diese Pforte führt +Zu stillem Jammer, wie zu stillem Glück. +Lass diesen Schritt mich ins Verborgne tun! +Was mich daselbst erwartet, sei mein Los. + +Hofmeisterin. +Ich sehe, die Äbtissin steigt, begleitet +Von zwei der Ihren, zu dem Platz herab; +Auch sie ist jung, von hohem Haus entsprossen; +Entdeck' ihr deinen Wunsch, ich hindr' es nicht. + + + +Vierter Auftritt +Die Vorigen. Äbtissin. Zwei Nonnen. + +Eugenie. +Betäubt, verworren, mit mir selbst entzweit +Und mit der Welt, verehrte heil'ge Jungfrau, +Siehst du mich hier. Die Angst des Augenblicks, +Die Sorge für die Zukunft treiben mich +In deine Gegenwart, in der ich Lindrung +Des ungeheuren Übels hoffen darf. + +Äbtissin. +Wenn Ruhe, wenn Besonnenheit und Friede +Mit Gott und unserm eigenen Herzen sich +Mitteilen lässt, so soll es, edle Fremde, +Nicht fehlen an der Lehre treuem Wort, +Dir einzuflößen, was der Meinen Glück +Und meins für heut' sowie auf ewig fördert. + +Eugenie. +Unendlich ist mein Übel, schwerlich möcht' +Es durch der Worte göttliche Gewalt +Sogleich zu heilen sein. O nimm mich auf +Und lass mich weilen, wo du weilst, mich erst +In Tränen lösen diese Bangigkeit +Und mein erleichtert Herz dem Troste weihen! + +Äbtissin. +Wohl hab' ich oft im heiligen Bezirk +Der Erde Tränen sich in göttlich Lächeln +Verwandeln sehn, in himmlisches Entzücken, +Doch drängt man sich gewaltsam nicht herein; +Gar manche Prüfung muss die neue Schwester +Und ihren ganzen Wert uns erst entwickeln. + +Hofmeisterin. +Entschiedner Wert ist leicht zu kennen, leicht, +Was du bedingen möchtest, zu erfüllen. + +Äbtissin. +Ich zweifle nicht am Adel der Geburt, +Nicht am Vermögen, dieses Hauses Rechte, +Die groß und wichtig sind, dir zu gewinnen. +Drum lasst mich bald vernehmen, was ihr denkt. + +Eugenie. +Gewähre meine Bitte, nimm mich auf! +Verbirg mich vor der Welt im tiefsten Winkel. +Und meine ganze Habe nimm dahin. +Ich bringe viel und hoffe mehr zu leisten. + +Äbtissin. +Kann uns die Jugend, uns die Schönheit rühren, +Ein edles Wesen, spricht's an unser Herz, +So hast du viele Rechte, gutes Kind. +Geliebte Tochter! Komm an meine Brust! + +Eugenie. +Mit diesem Wort, mit diesem Herzensdruck +Besänftigst du auf einmal alles Toben +Der aufgeregten Brust. Die letzte Welle +Umspielt mich weichend noch. Ich bin im Hafen. + +Hofmeisterin (dazwischen tretend). +Wenn nicht ein grausam Schicksal widerstünde! +Betrachte dieses Blatt, uns zu beklagen. + +(Sie reicht der Äbtissin das Blatt.) + +Äbtissin (die gelesen). +Ich muss dich tadeln, dass du wissentlich +So manch vergeblich Wort mit angehört. +Ich beuge vor der höheren Hand mich tief, +Die hier zu walten scheint. + + + +Fünfter Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. + +Eugenie. + Wie? Höhre Hand? +Was meint die Heuchlerin? Versteht sie Gott? +Der himmlisch Höchste hat gewiss nicht hier +Mit dieser Freveltat zu tun. Versteht +Sie unsern König? Wohl! Ich muss es dulden, +Was dieser über mich verhängt. Allein +Ich will nicht mehr in Zweifel, zwischen Furcht +Und Liebe schweben, will nicht weibisch mehr, +Indem ich untergehe, noch des Herzens +Und seiner weichlichen Gefühle schonen. +Es breche, wenn es brechen soll, und nun +Verlang' ich, dieses Blatt zu sehen, sei +Von meinem Vater, sei von meinem König +Das Todesurteil unterzeichnet. Jener +Gereizten Gottheit, die mich niederschmettert, +Will ich getrost ins Auge schauend stehn. +O dass ich vor ihr stünde! Fürchterlich +Ist der bedrängten Unschuld letzter Blick. + +Hofmeisterin. +Ich hab' es nie verweigert, nimm es hin. + +Eugenie (das Papier von außen ansehend). +Das ist des Menschen wunderbar Geschick, +Dass bei dem größten Übel noch die Furcht +Vor feinerem Verlust ihm übrig bleibt. +Sind wir so reich, ihr Götter, dass ihr uns +Mit einem Schlag nicht alles rauben könnt? +Des Lebens Glück entriss mir dieses Blatt, +Und lässt mich größeren Jammer noch befürchten. + +(Sie entfaltet's.) + +Wohlan! Getrost, mein Herz, und schaudre nicht, +Die Neige dieses bittren Kelchs zu schlürfen. + +(Blickt hinein.) + +Des Königs Hand und Siegel! + +Hofmeisterin (die ihr das Blatt abnimmt). + Gutes Kind, +Bedaure mich, indem du dich bejammerst. +Ich übernahm das traurige Geschäft, +Der Allgewalt Befehl vollzieh' ich nur, +Um dir in deinem Elend beizustehn, +Dich keiner fremden Hand zu überlassen. +Was meine Seele peinigt, was ich noch +Von diesem schrecklichen Ereignis kenne, +Erfährst du künftig. Jetzt verzeihe mir, +Wenn mich die eiserne Notwendigkeit, +Uns unverzüglich einzuschiffen, zwingt. + + + +Sechster Auftritt +Eugenie allein, hernach Hofmeisterin im Grunde. + +Eugenie. +So ist mir denn das schönste Königreich, +Der Hafenplatz, von Tausenden belebt, +Zur Wüste worden, und ich bin allein. +Hier sprechen edle Männer nach Gesetzen, +Und Krieger lauschen auf gemessnes Wort. +Hier flehen heilig Einsame zum Himmel; +Beschäftigt strebt die Menge nach Gewinn. +Und mich verstößt man ohne Recht und Urteil, +Nicht eine Hand bewaffnet sich für mich, +Man schließt mir die Asyle, niemand mag +Zu meinen Gunsten wenig Schritte wagen. +Verbannung! Ja, des Schreckensworts Gewicht +Erdrückt mich schon mit allen seinen Lasten. +Schon fühl' ich mich ein abgestorbnes Glied, +Der Körper, der gesunde, stößt mich los. +Dem selbstbewussten Toten gleich' ich, der, +Ein Zeuge seiner eigenen Bestattung, +Gelähmt, in halbem Träume, grausend liegt. +Entsetzliche Notwendigkeit! Doch wie? +Ist mir nicht eine Wahl verstattet? Kann +Ich nicht des Mannes Hand ergreifen, der +Mir, einzig edel, seine Hilfe beut?-- +Und könnt' ich das? Ich könnte die Geburt, +Die mich so hoch hinaufgerückt, verleugnen! +Von allem Glanze jener Hoffnung mich +Auf ewig trennen! Das vermag ich nicht! +O fasse mich, Gewalt, mit ehrnen Fäusten! +Geschick, du blindes, reiße mich hinweg! +Die Wahl ist schwerer als das Übel selbst, +Die zwischen zweien Übeln schwankend bebt. + +(Hofmeisterin, mit Leuten, welche Gepäcke tragen, +geht schweigend hinten vorbei.) + +Sie kommen! Tragen meine Habe fort, +Das Letzte, was von köstlichem Besitz +Mir übrig blieb. Wird es mir auch geraubt? +Man bringt's hinüber, und ich soll ihm nach. +Ein günst'ger Wind bewegt die Wimpel seewärts, +Bald werd' ich alle Segel schwellen sehn. +Die Flotte löset sich vom Hafen ab! +Und nun das Schiff, das mich Unsel'ge trägt. +Man kommt! Man fordert mich an Bord. O Gott! +Ist denn der Himmel ehern über mir? +Dringt meine Jammerstimme nicht hindurch? +So sei's! Ich gehe! Doch mich soll das Schiff +In seines Kerkers Räume nicht verschlingen. +Das letzte Brett, das mich hinüberführt, +Soll meiner Freiheit erste Stufe werden. +Empfangt mich dann, ihr Wellen, fasst mich auf, +Und, fest umschlingend, senket mich hinab +In eures tiefen Friedens Grabesschoß. +Und wenn ich dann vom Unbill dieser Welt +Nichts mehr zu fürchten habe, spült zuletzt +Mein bleiches Gebein dem Ufer zu, +Dass eine fromme Seele mir das Grab +Auf heim'schem Boden wohlgesinnt bereite. + +(Mit einigen Schritten.) + +Wohlan denn! + +(Hält inne.) Will mein Fuß nicht mehr gehorchen? +Was fesselt meinen Schritt, was hält mich hier? +Unsel'ge Liebe zum unwürd'gen Leben! +Du führest mich zum harten Kampf zurück. +Verbannung, Tod, Entwürdigung umschließen +Mich fest und ängsten mich einander zu. +Und wie ich mich von einem schaudernd wende, +So grinst das andre mir mit Höllenblick. +Ist denn kein menschlich, ist kein göttlich Mittel, +Von tausendfacher Qual mich zu befreien? +O dass ein einzig ahnungsvolles Wort +Zufällig aus der Menge mir ertönte! +O dass ein Friedensvogel mir vorbei +Mit leisem Fittich leitend sich bewegte! +Gern will ich hin, wohin das Schicksal ruft; +Es deute nur! Und ich will gläubig folgen. +Es winke nur! Ich will dem heil'gen Winke, +Vertrauend, hoffend, ungesäumt mich fügen. + + + +Siebenter Auftritt +Eugenie. Mönch. + +Eugenie (die eine Zeitlang vor sich hingesehen, indem +sie die Augen aufhebt und den Mönch erblickt). +Ich darf nicht zweifeln, ja! Ich bin gerettet! +Ja! Dieser ist's, der mich bestimmen soll. +Gesendet auf mein Flehn, erscheint er mir, +Der Würdige, Bejahrte, dem das Herz +Beim ersten Blick vertraut entgegen flieht. + +(Ihm entgegen gehend.) + +Mein Vater! Lass den ach! Mir nun versagten, +Verkümmerten, verbotnen Vaternamen +Auf dich, den edlen Fremden, übertragen. +Mit wenig Worten höre meine Not. +Nicht als dem weisen, wohl bedächt'gen Mann, +Dem Gott begabten Greise leg' ich sie +Mit schmerzlichem Vertraun dir an die Brust. + +Mönch. +Was dich bedrängt, eröffne freien Mutes. +Nicht ohne Schickung trifft der Leidende +Mit dem zusammen, der als höchste Pflicht +Die Linderung der Leiden üben soll. + +Eugenie. +Ein Rästel statt der Klagen wirst du hören, +Und ein Orakel fordr' ich, keinen Rat. +Zu zwei verhassten Zielen liegen mir +Zwei Wege vor den Füßen, einer dorthin, +Hierhin der andre; welchen soll ich wählen? + +Mönch. +Du führst mich in Versuchung! Soll ich nur +Als Los entscheiden? + +Eugenie. +Als ein heilig Los. + +Mönch. +Begreif' ich dich, so hebt aus tiefer Not +Zu höhern Regionen sich dein Blick. +Erstorben ist im Herzen eigner Wille, +Entscheidung hoffst du dir vom Waltenden. +Ja wohl! Das ewig Wirkende bewegt, +Uns unbegreiflich, dieses oder jenes +Als wie von ungefähr zu unserm Wohl, +Zum Rate, zur Entscheidung, zum Vollbringen, +Und wie getragen werden wir ans Ziel. +Dies zu empfinden, ist das höchste Glück, +Es nicht zu fordern, ist bescheidne Pflicht, +Es zu erwarten, schöner Trost im Leiden. +O wär' ich doch gewürdigt, nun für dich, +Was dir am besten frommte, vorzufühlen! +Allein die Ahnung schweigt in meiner Brust, +Und kannst du mehr nicht mir vertraun, so nimm +Ein fruchtlos Mitleid hin zum Lebewohl. + +Eugenie. +Schiffbrüchig fass' ich noch die letzte Planke! +Dich halt' ich fest und sage wider Willen +Zum letzten Mal das hoffnungslose Wort: +Aus hohem Haus entsprossen, werd' ich nun +Verstoßen, übers Meer verbannt und könnte +Mich durch ein Ehebündnis retten, das +ZU niedren Sphären mich herunterzieht. +Was sagt nun dir das Herz? Verstummt es noch? + +Mönch. +Es schweige, bis der prüfende Verstand +Sich als ohnmächtig selbst bekennen muss. +Du hast nur Allgemeines mir vertraut, +Ich kann dir nur das Allgemeine raten. +Bist du zur Wahl genötigt unter zwei +Verhassten Übeln, fasse sie ins Auge +Und wähle, was dir noch den meisten Raum +Zu heil'gem Tun und wirken übrig lässt, +Was deinen Geist am wenigsten begrenzt, +Am wenigsten die frommen Taten fesselt. + +Eugenie. +Die Ehe, merk' ich, rätst du mir nicht an. + +Mönch. +Nicht eine solche, wie sie dich bedroht. +Wie kann der Priester segnen, wenn das Ja +Der holden Braut nicht aus dem Herzen quillt. +Er soll nicht Widerwärt'ges aneinander +Zu immer neu erzeugtem Streite ketten; +Den Wunsch der Liebe, die zum All das Eine, +Zum Ewigen das Gegenwärtige, +Das Flüchtige zum Dauernden erhebt, +Den zu erfüllen, ist kein göttlich Amt. + +Eugenie. +Ins Elend übers Meer verbannst du mich. + +Mönch. +Zum Troste jener drüben ziehe hin. + +Eugenie. +Wie soll' ich trösten, wenn ich selbst verzweifle? + +Mönch. +Ein reines Herz, wovon dein Blick mir zeugt, +Ein edler Mut, ein hoher, freier Sinn +Erhaltne dich und andre, wo du auch +Auf dieser Erde wandelst. Wenn du nun, +In frühen Jahren ohne Schuld verbannt, +Durch heil'ge Fügung fremde Fehler büßest, +So führst du wie ein überirdisch Wesen, +Der Unschuld Glück und Wunderkräfte mit. +So ziehe denn hinüber! Trete frisch +In jenen Kreis der Traurigen. Erheitre +Durch dein Erscheinen jene trübe Welt. +Durch mächt'ges Wort, durch kräft'ge Tat errege +Der tief gebeugten Herzen eigne Kraft; +Vereine die Zerstreuten um dich her, +Verbinde sie einander, alle dir; +Erschaffe, was du hier verliern sollst, +Dir Stamm und Vaterland und Fürstentum. + +Eugenie. +Getraust du zu tun, was du gebietest? + +Mönch. +Ich tat's!--Als jungen Mann entführte schon +Zu wilden Stämmen mich der Geist hinüber. +Ins rohe Leben bracht' ich milde Sitte, +Ich brachte Himmelshoffnung in den Tod. +O hätt' ich nicht, verführt von treuer Neigung, +Dem Vaterland zu nützen, mich zurück +Zu dieser Wildnis frechen Städtelebens, +Zu diesem Wust verfeinerter Verbrechen, +Zu diesem Pfuhl der Selbstigkeit gewendet! +Hier fesselt mich des Alters Unvermögen, +Gewohnheit, Pflichten; ein Geschick vielleicht, +Das mir die schwerste Prüfung spät bestimmt. +Du aber, jung, von allen Banden frei, +Gestoßen in das Weite, dringe vor +Und rette dich! Was du als Elend fühlst, +Verwandelt sich in Wohltat! Eile fort! + +Eugenie. +Eröffne klarer! Was befürchtest du? + +Mönch. +Im Dunklen drängt das Künft'ge sich heran, +Das künftig Nächste selbst erscheinet nicht +Dem offnen Blick der Sinne, des Verstands. +Wenn ich beim Sonnenschein durch diese Straßen +Bewundernd wandle, der Gebäude Pracht, +Die felsengleich getürmten Massen schaue, +Der Plätze Kreis, der Kirchen edlen Bau, +Des Hafens masterfüllten Raum betrachte; +Das scheint mir alles für die Ewigkeit +Gegründet und geordnet; diese Menge +Gewerksam Tätiger, die hin und her +In diesen Räumen wogt, auch die verspricht, +Sich unvertilgbar ewig herzustellen. +Allein wenn dieses große Bild bei Nacht +In meines Geistes Tiefen sich erneut, +Da stürmt ein Brausen durch die düstre Luft, +Der feste Boden wankt, die Türme schwanken, +Gefugte Steine lösen sich herab, +Und so zerfällt in ungeformten Schutt +Die Prachterscheinung. Wenig Lebendes +Durchklimmt bekümmert neu entstanden Hügel, +Und jeder Trümmer deutet auf ein Grab. +Das Element zu bändigen, vermag +Ein tief gebeugt, vermindert Volk nicht mehr, +Und rastlos wiederkehrend, füllt die Flut +Mit Sand und Schlamm des Hafens Becken aus, + +Eugenie, +Die Nacht entwaffnet erst den Menschen, dann +Bekämpft sie ihn mit nichtigem Gebild. + +Mönch. +Ach! Bald genug steigt über unsern Jammer +Der Sonne trüb gedämpfter Blick heran. +Du aber fliehe, die ein guter Geist +Verbannend segnete. Leb' wohl und eile! + + + +Achter Auftritt +Eugenie (allein). + +Vom eignen Elend leitet man mich ab, +Und fremden Jammer prophezeit man mir. +Doch wär' es fremd, was deinem Vaterland +Begegnen soll? Dies fällt mit neuer Schwere +Mir auf die Brust! Zum gegenwärt'gen Übel +Soll ich der Zukunft Geistesbürden tragen? +So ist's denn wahr, was in der Kindheit schon +Mir um das Ohr geklungen, was ich erst +Erhorcht, erfragt und nun zuletzt sogar +Aus meines Vaters, meines Königs Mund +Vernehmen musste! Diesem Reiche droht +Ein jäher Umsturz. Die zum großen Leben +Gefugten Elemente wollen sich +Nicht wechselseitig mehr mit Liebeskraft +Zu stets erneuter Einigkeit umfangen. +Sie fliehen sich, und einzeln tritt nun jedes +Kalt in sich selbst zurück. Wo blieb der Ahnherrn +Gewalt'ger Geist, der sie zu einem Zweck +Vereinigte, die feindlich kämpfenden? +Der diesem großen Volk als Führer sich, +Als König und als Vater dargestellt? +Er ist entschwunden! Was uns übrig bleibt, +Ist ein Gespenst, das mit vergebnem Streben +Verlorenen Besitz zu greifen wähnt. +Und solche Sorge nähm' ich mit hinüber? +Entzöge mich gemeinsamer Gefahr? +Entflöhe der Gelegenheit, mich kühn +Der hohen Ahnen würdig zu beweisen, +Und jeden, der mich ungerecht verletzt, +In böser Stunde hilfreich zu beschämen? +Nun bist du, Boden meines Vaterlands, +Mir erst ein Heiligtum, nun fühl' ich erst +Den dringenden Beruf, mich anzuklammern. +Ich lasse dich nicht los, und welches Band +Mich dir erhalten kann, es ist nun heilig. +Wo find' ich jenen gut gesinnten Mann, +Der mir die Hand so traulich angeboten? +An ihn will ich mich schließen! Im Verborgnen +Verwahr' er mich, als reinen Talisman. +Denn, wenn ein Wunder auf der Welt geschieht, +Geschieht's durch liebevolle, treue Herzen. +Die Größe der Gefahr betracht' ich nicht, +Und meine Schwäche darf ich nicht bedenken; +Das alles wird ein günstiges Geschick +Zu rechter Zeit auf hohe Zwecke leiten. +Und wenn mein Vater, mein Monarch mich einst +Verkannt, verstoßen, mich vergessen, soll +Erstaunt ihr Blick auf der Erhaltnen ruhn, +Die das, was sie im Glücke zugesagt, +Aus tiefem Elend zu erfüllen strebt. +Er kommt! Ich seh' ihm freundiger entgegen, +Als ich ihn ließ. Er kommt. Er sucht mich auf! +Zu scheiden denkt er--bleiben werd' ich ihm. + + + +Neunter Auftritt +Eugenie. Gerichtsrat. Ein Knabe mit einem schönen Kästchen. + +Gerichtsrat. +Schon ziehn die Schiffe nacheinander fort, +Und bald, so fürcht' ich, wirst auch du berufen. +Empfange noch ein herzlich Lebewohl +Und eine frische Gabe, die auf langer Fahrt +Beklommnen Reisenden Erquickung atmet. +Gedenke mein! O dass du meiner nicht +Am bösen Tage sehnsuchtsvoll gedenkest! + +Eugenie. +Ich nehme dein Geschenk mit Freuden an, +Es bürgt mir deine Neigung, deine Sorgfalt; +Doch send' es eilig in dein Haus zurück! +Und wenn du denkst, wie du gedacht, empfindest, +Wie du empfunden, wenn dir meine Freundschaft +Genügen kann, so folg' ich dir dahin. + +Gerichtsrat (nach einer Pause, den Knaben durch einen Wink entfernend). +Ist's möglich? Hätte sich zu meiner Gunst +In kurzer Zeit dein Wille so verändert? + +Eugenie. +Er ist verändert! Aber denke nicht, +Dass Bangigkeit mich dir entgegen treibe. +Ein edleres Gefühl, lass mich's verbergen! +Hält mich am Vaterland, an dir zurück. +Nun sei's gefragt: Vermagst du hohen Muts +Entsagung der Entsagenden zu weihen? +Vermagst du zu versprechen, mich als Bruder +Mit reiner Neigung zu empfangen? Mir, +Der liebevollen Schwester, Schutz und Rat +Und stille Lebensfreude zu gewähren? + +Gerichtsrat. +Zu tragen glaub' ich alles, nur das eine, +Dich zu verlieren, da ich dich gefunden, +Erscheint mir unerträglich. Dich zu sehen, +Dir nah zu sein, für dich zu leben, wäre +Mein einzig höchstes Glück. Und so bedinge +Dein Herz allein das Bündnis, das wir schließen. + +Eugenie. +Von dir allein gekannt, muss ich fortan, +Die Welt vermeidend, im Verborgnen leben. +Besitzest du ein still entferntes Landgut, +So widm' es mir und sende mich dahin. + +Gerichtsrat. +Ein kleines Gut besitz' ich, wohl gelegen; +Doch alt und halb verfallen ist das Haus. +Du kannst jedoch in jener Gegend bald +Die schönste Wohnung finden, sie ist feil. + +Eugenie. +Nein! In das alt verfallne lass mich ziehn, +Zu meiner Lager stimmt es, meinem Sinn. +Und wenn er sich erheitert, find' ich gleich +Der Tätigkeit bereiten Stoff und Raum. +Sobald ich mich die deine nenne, lass, +Von irgend einem alten zuverläss'gen Knecht +Begleitet, mich in Hoffnung einer künft'gen +Beglückung Auferstehung mich begraben. + +Gerichtsrat. +Und zum besuch, wann darf ich dort erscheinen? + +Eugenie. +Du wartest meinen Ruf geduldig ab. +Auch solch ein Tag wird kommen, uns vielleicht +Mit ernsten Banden enger zu verbinden. + +Gerichtsrat. +Du legest mir zu schwere Prüfung auf. + +Eugenie. +Erfülle deine Pflichten gegen mich; +Dass ich die meinen kenne, sei gewiss. +Indem du, mich zu retten, deine Hand +Mir bietest, wagst du viel. Werd' ich entdeckt, +Werd' ich's zu früh, so kannst du vieles dulden. +Ich sage dir das tiefste Schweigen zu; +Woher ich komme, niemand soll's erfahren, +Ja, die entfernten Leiben will ich nur +Im Geist besuchen, keine Zeile soll, +Kein Bote dort mich nennen, wo vielleicht +Zu meinem Heil ein Funke glühen möchte. + +Gerichtsrat. +In diesem wicht'gen Fall, was soll ich sagen? +Uneigennütz'ge Liebe kann der Mund +Mit Frechheit oft beteuern, wenn im Herzen +Der Selbstsucht Ungeheuer lauschend grinst. +Die Tat allein beweist der Liebe Kraft. +Indem ich dich gewinne, soll ich allem +Entsagen, deinem Blick sogar! Ich will's. +Wie du zum ersten Male mir erschienen, +Erscheinst du bleibend mir, ein Gegenstand +Der Neigung, der Verehrung. Deinetwillen +Wünsch' ich zu leben, du gebietest mir. +Und wenn der Priester sich sein Leben lang +Der unsichtbaren Gottheit niederbeugt, +Die im beglückten Augenblick vor ihm +Als höchstes Musterbild vorüberging, +So soll von deinem Dienste mich fortan, +Wie du dich auch verhüllest, nichts zerstreun. + +Eugenie. +Ob ich vertraue, dass dein Äußres nicht, +Nicht deiner Worte Wohllaut lügen kann; +Dass ich empfinde, welch ein Mann du bist, +Gerecht, gefühlvoll, tätig, zuverlässig, +Davon empfange den Beweis, den höchsten, +Den eine Frau besonnen geben kann! +Ich zaudre nicht, ich eile, dir zu folgen! +Hier meine Hand; wir gehen zum Altar. + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10426 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..ffe09f1 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #10426 (https://www.gutenberg.org/ebooks/10426) diff --git a/old/10426-8.txt b/old/10426-8.txt new file mode 100644 index 0000000..b275b4d --- /dev/null +++ b/old/10426-8.txt @@ -0,0 +1,4871 @@ +The Project Gutenberg eBook, Die natuerliche Tochter, by Johann Wolfgang +von Goethe + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + + + + +Title: Die natuerliche Tochter + +Author: Johann Wolfgang von Goethe + +Release Date: December 9, 2003 [eBook #10426] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NATUERLICHE TOCHTER*** + + +E-text prepared by Andrew Sly + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 8-bit version. + + + + + +Die natürliche Tochter + +Trauerspiel + +Johann Wolfgang von Goethe + + + + + + + +Personen + +König. +Herzog. +Graf. +Eugenie. +Hofmeisterin. +Sekretär. +Weltgeistlicher. +Gerichtsrat. +Gouverneur. +Äbtissin. +Mönch. + + + + +Erster Aufzug +(Dichter Wald.) + + + +Erster Auftritt +König. Herzog. + +König. +Das flücht'ge Ziel, das Hunde, Ross und Mann, +Auf seine Fährte bannend, nach sich reißt, +Der edle Hirsch, hat über Berg und Tal +So weit uns irr' geführt, dass ich mich selbst, +Obgleich so landeskundig, hier nicht finde. +Wo sind wir, Oheim? Herzog, sage mir, +Zu welchen Hügeln schweiften wir heran? + +Herzog. +Der Bach, der uns umrauscht, mein König, fließt +Durch deines Dieners Fluren, die er deiner +Und einer Ahnherrn königlicher Gnade, +Als erster Lehnsmann deines Reiches, dankt. +An jenes Felsens andrer Seite liegt +Am grünen Hang ein artig Haus versteckt, +Dich zu bewirten keineswegs gebaut; +Allein bereit, dich huld'gend zu empfangen. + +König. +Lass dieser Bäume hochgewölbtes Dach +Zum Augenblick des Rastens freundlich schatten. +Lass dieser Lüfte liebliches Geweb' +Uns leis umstricken, dass an Sturm und Streben +Der Jagdlust auch der Ruhe Zeit sich füge. + +Herzog. +Wie du auf einmal völlig abgeschieden +Hier hinter diesem Bollwerk der Natur, +Mein König, dich empfindest, fühl' ich mit. +Hier dränget sich der Unzufriednen Stimme, +Der Unverschämten offne Hand nicht nach. +Freiwillig einsam merkest du nicht auf, +Ob Undankbare schleichend sich entfernen. +Die ungestüme Welt reicht nicht hierher, +Die immer fordert, nimmer leisten will. + +König. +Soll ich vergessen, was mich sonst bedrängt, +So muss kein Wort erinnernd mich berühren. +Entfernten Weltgetöses Widerhall +Verklinge nach und nach aus meinem Ohr. +Ja, lieber Oheim, wende dein Gespräch +Auf Gegenstände diesem Ort gemäßer. +Hier sollen Gatten aneinander wandeln, +Ihr Stufenglück in wohlgeratnen Kindern +Entzückt betrachten; hier ein Freund dem Freunde, +Verschlossnen Busen traulich öffnend, nahn. +Und gabst du nicht erst neulich stille Winke, +Du hofftest mir in ruh'gen Augenblicken +Verborgenes Verhältnis zu bekennen, +Drangvoller Wünsche holden Inbegriff, +Erfüllung hoffend, heiter zu gestehn? + +Herzog. +Mit größrer Gnade konntest du mich nicht, +O Herr, beglücken, als indem du mir +In diesem Augenblick die Zunge lösest. +Was ich zu sagen habe, könnt' es wohl +Ein andrer besser hören als mein König, +Dem unter allen Schätzen seine Kinder +Am herrlichsten entgegenleuchten, der +Vollkommner Vaterfreuden Hochgenuss +Mit seinem Knechte herzlich teilen wird? + +König. +Du sprichst von Vaterfreuden! Hast du je +Sie denn gefühlt? Verkümmerte dir nicht +Dein einz'ger Sohn durch rohes, wildes Wesen, +Verworrenheit, Verschwendung, starren Trutz +Dein reiches Leben, dein erwünschtes Alter? +Verändert er auf einmal die Natur? + +Herzog. +Von ihm erwart' ich keine frohen Tage! +Sein trüber Sinn erzeugt nur Wolken, die, +Ach, meinen Horizont so oft verfinstern. +Ein anderes Gestirn, ein andres Licht +Erheitert mich. Und wie in dunklen Grüften, +Das Märchen sagt's, Karfunkelsteine leuchten, +Mit herrlich mildem Schein der öden Nacht +Geheimnisvolle Schauer hold beleben, +So ward auch mir ein Wundergut beschert, +Mir Glücklichem! Das ich mit Sorgfalt, mehr +Als den Besitz ererbt errungner Güter, +Als meiner Augen, meines Lebens Licht, +Mit Freud' und Furcht, mit Lust und Sorge pflege. + +König. +Sprich vom Geheimnis nicht geheimnisvoll. + +Herzog. +Wer spräche vor der Majestät getrost +Von seinen Fehlern, wenn sie nicht allein +Den Fehl in Recht und Glück verwandeln könnte. + +König. +Der wonnevoll geheim verwahrte Schatz? + +Herzog. +Ist eine Tochter. + +König. + Eine Tochter? Wie? +Und suchte, Fabelgöttern gleich, mein Oheim, +Zum niedern Kreis verstohlen hingewandt, +Sich Liebesglück und väterlich Entzücken? + +Herzog. +Das Große wie das Niedre nötigt uns, +Geheimnisvoll zu handeln und zu wirken. +Nur allzu hoch stand jene heimlich mir +Durch wundersam Geschick verbundne Frau, +Um welche noch dien Hof in Trauer wandelt +Und meiner Brust geheime Schmerzen teilt. + +König. +Die Fürstin? Die verehrte, nah verwandte, +Nur erst verstorbne? + +Herzog. + War die Mutter! Lass, +O lass mich nur von diesem Kinde reden, +Das, seiner Eltern wert und immer werter, +Mit edlem Sinne sich des Lebens freut. +Begraben sei das übrige mit ihr, +Der hoch begabten, hoch gesinnten Frauen. +Ihr Tod eröffnet mir den Mund, ich darf +vor meinem König meine Tochter nennen, +Ich darf ihn bitten, sie zu mir herauf, +Zu sich herauf zu heben, ihr das Recht +Der fürstlichen Geburt vor seinem Hofe, +Vor seinem Reiche, vor der ganzen Welt +Aus seiner Gnadenfülle zu bewähren. + +König. +Vereint in sich die Nichte, die du mir, +So ganz erwachsen, zuzuführen denkst, +Des Vaters und der Mutter Tugenden: +So muss der Hof, das königliche Haus, +Indem uns ein Gestirn entzogen wird, +Den Aufgang eines neuen Sterns bewundern. + +Herzog. +O kenne sie, eh' du zu ihrem Vorteil +Dich ganz entscheidest. Lass ein Vaterwort +Dich nicht bestechen! Manches hat Natur +Für sie getan, das ich entzückt betrachte, +Und alles, was in meinem Kreise webt, +Hab' ich um ihre Kindheit hergelagert. +Schon ihren ersten Weg geleiteten +Ein ausgebildet Weib, ein weiser Mann. +Mit welcher Leichtigkeit, mit welchem Sinn +Erfreut sie sich des Gegenwärtigen, +Indes ihr Phantasie das künft'ge Glück +Mit schmeichelhaften Dichterfarben malt. +An ihrem Vater hängt ihr frommes Herz, +Und wenn ihr Geist den Lehren edler Männer, +Sich stufenweis entwickelnd, friedlich horcht: +So mangelt Übung ritterlicher Tugend +Dem wohl gebauten, festen Körper nicht. +Du selbst, mein König, hast sie unbekannt +Im wilden drang der Jagd um dich gesehn. +Ja, heute noch! Die Amazonentochter, +Die in den Fluss dem Hirsche sich zuerst +Auf raschem Pferde flüchtig nachgestürzt. + +König. +Wir sorgten alle für das edle Kind! +Ich freue mich, sie mir verwandt zu hören. + +Herzog. +Und nicht zum ersten Mal empfand ich heute, +Wie Stolz und Sorge, Vaterglück und Angst +Zu übermenschlichem Gefühl sich mischen. + +König. +Gewaltsam und behände riss das Pferd +Sich und die Reiterin auf jenes Ufer, +In dicht bewachsner Hügel Dunkelheit. +Und so verschwand sie mir. + +Herzog. + Noch einmal hat +Mein Auge sie gesehen, eh' ich sie +Im Labyrinth der hast'gen Jagd verlor. +Wer weiß, welch ferne Gegend sie durchstreift, +Verdrossnen Muts, am Ziel sich nicht zu finden, +Wo, ihrem angebeteten Monarchen sich +In ehrerbietiger Entfernung anzunähern, +Allein ihr jetzt erlaubt ist, bis er sie +Als Blüte seines hoch bejahrten Stammes +Mit königlicher Huld zu grüßen würdigt. + +König. +Welch ein Getümmel seh' ich dort entstehn? +Welch einen Zulauf nach den Felsenwänden? + +(Er winkt nach der Szene.) + + + +Zweiter Auftritt +Die Vorigen. Graf. + +König. +Warum versammelt sich die Menge dort? + +Graf. +Die kühne Reiterin ist eben jetzt +Von jener Felsenwand herabgestürzt. + +Herzog. +Gott! + +König. + Ist sie sehr beschädigt? + +Graf. + Eilig hat +Man deinen Wundarzt, Herr, dahin gerufen. + +Herzog. +Was zaudr' ich? Ist sie tot, so bleibt mir nichts, +Was mich im Leben länger halten kann. + + + +Dritter Auftritt +König. Graf. + +König. +Kennst du den Anlass der Begebenheit? + +Graf. +Vor meinen Augen hat sie sich ereignet. +Ein starker Trupp von Reitern, welcher sich +Durch Zufall von der Jagd getrennt gesehn, +Geführt von dieser Schönen, zeigte sich +Auf jener Klippen Wald bewachsner Höhe. +Sie hören, sehen unten in dem Tal +Den Jagdgebrauch vollendet, sehn den Hirsch +Als Beute liegen seiner kläffenden +Verfolger. Schnell zerstreuet sich die Schar, +Und jeder sucht sich einzeln seinen Pfad, +Hier oder dort, mehr oder weniger +Durch einen Umweg. Sie allein besinnt +Sich keinen Augenblick und nötiget +Ihr Pferd von Klipp' zu Klippe grad' herein. +Des Frevels Glück betrachten wir erstaunt; +Denn ihr gelingt es eine Weile, doch +Am untern stielen Abhang gehen dem Pferde +Die letzten, schmalen Klippenstufen aus, +Es stürzt herunter, sie mit ihm. So viel +Konnt' ich bemerken, eh' der Menge Drang +Sie mir verdeckte. Doch ich hörte bald +Nach deinem Arzte rufen. So erschein' ich nun +Auf deinen Wink, den Vorfall zu berichten. + +König. +O möge sie ihm bleiben! Fürchterlich +Ist einer, der nichts zu verlieren hat. + +Graf. +So hat ihm dieser Schrecken das Geheimnis +Auf einmal abgezwungen, das er sonst +Mit so viel Klugheit zu verbergen strebte? + +König. +Er hatte schon sich völlig mir vertraut. + +Graf. +Die Lippen öffnet ihm der Fürstin Tod, +Nun zu bekennen, was für Hof und Stadt +Ein offenbar Geheimnis lange war. +Es ist ein eigner, grillenhafter Zug, +Dass wir durch Schweigen das Geschehene +Für uns und andre zu vernichten glauben. + +König. +O lass dem Menschen diesen edlen Stolz! +Gar vieles kann, gar vieles muss geschehn, +Was man mit Worten nicht bekennen darf. + +Graf. +Man bringt sie, fürcht' ich, ohne Leben her! + +König. +Welch unerwartet schreckliches Ereignis! + + + +Vierter Auftritt +Die Vorigen. Eugenie, auf zusammen geflochtenen Ästen für tot +herein getragen. Herzog. Wundarzt. Gefolge. + +Herzog (zum Wundarzt). +Wenn deine Kunst nur irgend was vermag, +Erfahrner Mann, dem unsres Königs Leben, +Das unschätzbare Gut, vertraut ist, lass +Ihr helles Auge sich noch einmal öffnen, +Dass Hoffnung mir in diesem Blick erscheine! +Dass aus der Tiefe meines Jammers ich +Nur Augenblicke noch gerettet werde! +Vermagst du dann nichts weiter, kannst du sie +Nur wenige Minuten mir erhalten: +So lasst mich eilen, vor ihr hinzusterben, +Dass ich im Augenblick des Todes noch +Getröstet rufe: Meine Tochter lebt! + +König. +Entferne dich, mein Oheim! Dass ich hier +Die Vaterpflichten treulich übernehme. +Nichts unversucht lässt dieser wackre Mann. +Gewissenhaft, als läg' ich selber hier, +Wird er um deine Tochter sich bemühen. + +Herzog. +Sie regt sich! + +König. + Ist es wahr? + +Graf. + Sie regt sich! + +Herzog. + Starr +Blickt sie zum Himmel, blickt verirrt umher. +Sie lebt! Sie lebt! + +König (ein wenig zurücktretend). + Verdoppelt eure Sorge! + +Herzog. +Sie lebt! Sie lebt! Sie hat dem Tage wieder +Ihr Aug' eröffnet. Ja! Sie wird nun bald +Auch ihren Vater, ihre Freunde kennen. +Nicht so umher, mein liebes Kind, verschwende +Die Blicke staunend, ungewiss; auf mich, +Auf deinen Vater wende sie zuerst. +Erkenne mich, lass meine Stimme dir +Zuerst das Ohr berühren, da du uns +Aus jener stummen Nacht zurückekehrst. + +Eugenie (die indes nach und nach zu sich gekommen ist und sich +aufgerichtet hat). +Was ist aus uns geworden? + +Herzog. + Kenne mich +Nur erst!--Erkennst du mich? + +Eugenie. + Mein Vater! + +Herzog. + Ja! +Dein Vater, den mit diesen holden Tönen +Du aus den Armen der Verzweiflung rettest. + +Eugenie. +Wer bracht' uns unter diese Bäume? + +Herzog (dem der Wundarzt ein weißes Tuch gegeben). + Bleib +Gelassen, meine Tochter! Diese Stärkung, +Nimm sie mit Ruhe, mit Vertrauen an! + +Eugenie (Sie nimmt dem Vater das Tuch ab, das er ihr vorgehalten, +und verbirgt ihr Gesicht darin. Dann steht sie schnell auf, indem +sie das Tuch vom Gesicht nimmt). +Da bin ich wieder!--Ja, nun weiß ich alles. +Dort oben hielt ich, dort vermaß ich mich +Herab zu reiten, grad' herab. Verzeih! +Nicht wahr, ich bin gestürzt? Vergibst du mir's? +Für tot hob man mich auf? Mein guter Vater! +Und wirst du die Verwegne lieben können, +Die solche bittre Schmerzen dir gebracht? + +Herzog. +Zu wissen glaubt' ich, welch ein edler Schatz +In dir, o Tochter, mir beschieden ist; +Nun steigert mir gefürchteter Verlust +Des Glücks Empfindung ins Unendliche. + +König (der sich bisher im Grunde mit dem Wundarzt und dem Grafen +unterhalten, zu dem letzten). +Entferne jedermann! Ich will sie sprechen. + + + +Fünfter Auftritt +König. Herzog. Eugenie. + +König (näher tretend). +Hat sich die wackre Reiterin erholt? +Hast sie sich nicht beschädigt? + +Herzog. + Nein, mein König! +Und was noch übrig ist von Schreck und Weh, +Nimmst du, o Herr, durch deinen milden Blick, +Durch deiner Worte sanften Ton hinweg. + +König. +Und wem gehört es an, das liebe Kind? + +Herzog (nach einer Pause). +Da du mich fragst, so darf ich dir bekennen; +Da du gebietest, darf ich sie vor dich +Als meine Tochter stellen. + +König. + Deine Tochter? +So hat für dich das Glück, mein lieber Oheim, +Unendlich mehr als das Gesetz getan. + +Eugenie. +Wohl muss ich fragen, ob ich wirklich denn +Aus jener tödlichen Betäubung mich +Ins Leben wieder aufgerafft? Und ob, +Was mir begegnet, nicht ein Traumbild sei? +Mein Vater nennt vor seinem Könige +Mich seine Tochter. O, so bin ich's auch! +Der Oheim eines Königes bekennt +Mich für sein Kind, so bin ich denn die Nichte +Des großen Königs. O verzeihe mir +Die Majestät! Wenn aus geheimnisvollem, +Verborgnem Zustand ich, ans Licht auf einmal +Hervor gerissen und geblendet, mich, +Unsicher, schwankend, nicht zu fassen weiß. + +(Sie wirft sich vor dem König nieder.) + +König. +Mag diese Stellung die Ergebenheit +In dein Geschick von Jugend auf bezeichnen, +Die Demut, deren unbequeme Pflicht +Du, deiner höheren Geburt bewusst, +So manches Jahr im Stillen ausgeübt! +Doch sei auch nun, wenn ich von meinen Füßen +Zu meinem Herzen dich herauf gehoben, + +(Er hebt sie auf und drückt sie sanft an sich.) + +Wenn ich des Oheims heil'gen Vaterkuss +Auf dieser Stirne schönen Raum gedrückt, +So sei dies auch ein Zeichen, sei ein Siegel, +Dich, die Verwandte, hab' ich anerkannt +Und werde bald, was hier geheim geschah, +Vor meines Hofes Augen wiederholen. + +Herzog. +So große Gabe fordert ungeteilten +Und unbegrenzten Dank des ganzen Lebens. + +Eugenie. +Von edlen Männern hab' ich viel gelernt, +Auch manches lehrte mich mein eigen Herz; +Doch meinen König anzureden, bin +Ich nicht entfernterweise vorbereitet. +Doch wenn ich schon das ganz Gehörige +Dir nicht zu sagen weiß, so möcht' ich doch +Vor dir, o Herr, nicht ungeschickt verstummen. +Was fehlte dir? Was wäre dir zu bringen? +Die Fülle selber, die zu dir sich drängt, +Fließt nur für andere strömend wieder fort. +Hier stehen Tausende, dich zu beschützen, +Hier wirken Tausende nach deinem Wink; +Und wenn der einzelne dir Herz und Geist +Und Arm und Leben fröhlich opfern wollte; +In solcher großen Menge zählt er nicht, +Er muss vor dir und vor sich selbst verschwinden. + +König. +Wenn dir die Menge, gutes, edles Kind, +Bedeutend scheinen mag, so tadl' ich's nicht; +Sie ist bedeutend, mehr noch aber sind's +Die wenigen, geschaffen, dieser Menge +Durch Wirken, Bilden, Herrschen vorzustehn. +Berief hierzu den König die Geburt, +So sind ihm seine nächsten Anverwandten +Geborne Räte, die, mit ihm vereint, +Das Reich beschützen und beglücken sollten. +O träte doch in diese Regionen, +Zum Rate dieser hohen Wächter nie +Vermummte Zwietracht, leise wirkend, ein! +Dir, edle Nichte, geb' ich einen Vater +Durch allgewalt'gen königlichen Spruch; +Erhalte mir nun auch, gewinne mir +Des nah verwandten Mannes Herz und Stimme! +Gar viele Widersacher hat ein Fürst, +O lass ihn jene Seite nicht verstärken! + +Herzog. +Mit welchem Vorwurf kränkest du mein Herz! + +Eugenie. +Wie unverständlich sind mir diese Worte! + +König. +O lerne sie nicht allzu früh verstehn! +Dir Pforten unsres königlichen Hauses +Eröffn' ich dir mit eigner Hand; ich führe +Auf glatten Marmorboden dich hinein. +Noch staunst du dich, noch staunst du alles an, +Und in den innern Tiefen ahnest du +Nur sichre Würde mit Zufriedenheit. +Du wirst es anders finden! Ja, du bist +In eine Zeit gekommen, wo dein König +Dich nicht zum heitren, frohen Feste ruft, +Wenn er den Tag, der ihm das Leben gab, +In kurzem feiern wird; doch soll der Tag +Um deinetwillen mir willkommen sein; +Dort werd' ich dich im offnen Kreise sehn, +Und aller Augen werden auf dir haften. +Die schönste Zierde gab dir die Natur; +Und dass der Schmuck der Fürstin würdig sei, +Die Sorge lass dem Vater, lass dem König. + +Eugenie. +Der freud'gen Überraschung lauter Schrei, +Bedeutender Gebärde dringend Streben, +Vermöchten sie die Wonne zu bezeugen, +Die du dem Herzen schaffend aufgeregt? +Zu deinen Füßen, Herr, lass mich verstummen. + +(Sie will knien.) + +König (hält sie ab). +Du sollst nicht knien. + +Eugenie. +Lass, o lass mich hier +Der völligsten Ergebung Glück genießen. +Wenn wir in raschen, mutigen Momenten +Auf unsern Füßen stehen, strack und kühn, +Als eigner Stütze froh uns selbst vertraun, +Dann scheint uns Welt und Himmel zu gehören. +Doch was in Augenblicken der Entzückung +Die Knie beugt, ist auch ein süß Gefühl. +Und was wir unserm Vater, König, Gott +Von Wonnedank, von ungemessner Liebe +Zum reinsten Opfer bringen möchten, drückt +In dieser Stellung sich am besten aus. + +(Sie fällt vor ihm nieder.) + +Herzog (kniet). +Erneute Huldigung gestatte mir. + +Eugenie. +Zu ewigen Vasallen nimm uns an. + +König. +Erhebt euch denn und stellt euch neben mich, +Ins Chor der Treuen, die an meiner Seite +Das Rechte, das Beständige beschützen. +O diese Zeit hat fürchterliche Zeichen: +Das Niedre schwillt, das Hohe senkt sich nieder, +Als könnte jeder nur am Platz des andern +Befriedigung verworrner Wünsche finden, +Nur dann sich glücklich fühlen, wenn nichts mehr +Zu unterscheiden wäre, wenn wir alle, +Von einem Strom vermischt dahin gerissen, +Im Ozean uns unbemerkt verlören. +O lasst uns widerstehen, lasst uns tapfer, +Was uns und unser Volk erhalten kann, +Mit doppelt neu vereinter Kraft erhalten! +Lasst endlich uns den alten Zwist vergessen, +Der Große gegen Große reizt, von innen +Das Schiff durchbohrt, das, gegen äußre Wellen +Geschlossen kämpfend, nur sich halten kann. + +Eugenie. +Welch frisch wohltät'ger Glanz umleuchtet mich +Und regt mich auf, anstatt mich zu verblenden! +Wie! Unser König achtet uns so sehr, +Um zu gestehen, dass er uns bedarf; +Wir sind ihm nicht Verwandte nur, wir sind +Durch sein Vertraun zum höchsten Platz erhoben. +Und wenn die Edlen seines Königreichs +Um ihn sich drängen, seine Brust zu schützen, +So fordert er uns auf zu größerem Dienst. +Die Herzen dem Regenten zu erhalten, +Ist jedes Wohlgesinnten höchste Pflicht; +Denn, wo er wankt, wankt das gemeine Wesen, +Und wenn er fällt, mit ihm stürzt alles hin. +Die Jugend, sagt man, bilde sich zu viel +Auf ihre Kraft, auf ihren Willen ein; +Doch dieser Wille, diese Kraft, auf ewig, +Was sie vermögen, dir gehört es an. + +Herzog. +Des Kindes Zuversicht, erhabner Fürst, +Weißt du zu schätzen, weißt du zu verzeihen. +Und wenn der Vater, der erfahrne Mann, +Die Gabe dieses Tags, die nächste Hoffnung +In ihrem ganzen Werte fühlt und wägt, +So bist du seines vollen Danks gewiss. + +König. +Wir wollen bald einander wieder sehn, +An jenem Fest, wo sich die treuen Meinen +Der Stunde freun, die mir das Licht gegeben. +Dich geb' ich, edles Kind, an diesem Tage +Der großen Welt, dem Hofe, deinem Vater +Und mir. Am Throne glänze dein Geschick. +Doch bis dahin verlang' ich von euch beiden +Verschwiegenheit. Was unter uns geschehn, +Erfahre niemand. Missgunst lauert auf, +Schnell regt sie Wog' auf Woge, Sturm auf Sturm; +Das Fahrzeug treibt an jähe Klippen hin, +Wo selbst der Steurer nicht zu retten weiß. +Geheimnis nur verbürget unsre Taten; +Ein Vorsatz, mitgeteilt, ist nicht mehr dein; +Der Zufall spielt mit deinem Willen schon; +Selbst wer gebieten kann, muss überraschen. +Ja, mit dem besten Willen leisten wir +So wenig, weil uns tausend Willen kreuzen. +O wäre mir zu meinen reinen Wünschen +Auch volle Kraft auf kurze Zeit gegeben; +Bis an den letzten Herd im Königreich +Empfände man des Vaters warme Sorge. +Begnügte sollten unter niedrem Dach, +Begnügte sollten im Palaste wohnen. +Und hätt' ich einmal ihres Glücks genossen, +Entsagt' ich gern dem Throne, gern der Welt. + + + +Sechster Auftritt +Herzog. Eugenie. + +Eugenie. +O welch ein selig jubelvoller Tag! + +Herzog. +O möcht' ich Tag' auf Tage so erleben! + +Eugenie. +Wie göttlich hat der König uns beglückt. + +Herzog. +Genieße rein so ungehoffte Gaben. + +Eugenie. +Er scheint nicht glücklich, ach! Und ist so gut. + +Herzog. +Die Güte selbst erregt oft Widerstand. + +Eugenie. +Wer ist so hart, sich ihm zu widersetzen? + +Herzog. +Der Heil des Ganzen von der Strenge hofft. + +Eugenie. +Des Königs Milde sollte Milde zeugen. + +Herzog. +Des Königs Milde zeugt Verwegenheit. + +Eugenie. +Wie edel hat ihn die Natur gebildet. + +Herzog. +Doch auf zu hohen Platz hinaufgestellt. + +Eugenie. +Und ihn mit so viel Tugend ausgestattet. + +Herzog. +Zur Häuslichkeit, zum Regimente nicht. + +Eugenie. +Von altem Heldenstamme grünt er auf. + +Herzog. +Die Kraft entgeht vielleicht dem späten Zweige. + +Eugenie. +Die Schwäche zu vertreten, sind wir da. + +Herzog. +Sobald er unsre Stärke nicht verkennt. + +Eugenie (nachdenklich). +Mich leiten seine Reden zum Verdacht. + +Herzog. +Was sinnest du? Enthülle mir dein Herz. + +Eugenie (nach einer Pause). +Auch du bist unter denen, die er fürchtet. + +Herzog. +Er fürchte jene, die zu fürchten sind. + +Eugenie. +Und sollten ihm geheime Feinde drohen? + +Herzog. +Wer die Gefahr verheimlicht, ist ein Feind. +Wo sind wir hingeraten! Meine Tochter! +Wie hat der sonderbarste Zufall uns +Auf einmal weggerissen nach dem Ziel. +Unvorbereitet red' ich, übereilt +Verwirr' ich dich, anstatt dich aufzuklären. +So musste dir der Jugend heitres Glück +Beim ersten Eintritt in die Welt verschwinden. +Du konntest nicht in süßer Trunkenheit +Der blendenden Befriedigung genießen. +Das Ziel erreichst du; doch des falschen Kranzes +Verborgne Dornen ritzen deine Hand. +Geliebtes Kind! So sollt' es nicht geschehn! +Erst nach und nach, so hofft' ich, würdest du +Dich aus Beschränkung an die Welt gewöhnen, +Erst nach und nach den liebsten Hoffnungen +Entsagen lernen, manchem holden Wunsch. +Und nun auf einmal, wie der jähe Sturz +Dir vorbedeutet, bist du in den Kreis +Der Sorgen, der Gefahr herabgestürzt. +Misstrauen atmet man in dieser Luft, +Der Neid verhetzt ein fieberhaftes Blut +Und übergibt dem Kummer seine Kranken. +Ach, soll ich nun nicht mehr ins Paradies, +Das dich umgab, am Abend wieder kehren, +Zu deiner Unschuld heil'gen Vorgefühl +Mich von der Welt gedrängter Posse retten! +Du wirst fortan, mit mir ins Netz verstrickt, +Gelähmt, verworren, dich und mich betrauern. + +Eugenie. +Nicht so, mein Vater! Konnt' ich schon bisher, +Untätig, abgesondert, eingeschlossen, +Ein kindlich Nichts, die reinste Wonne dir, +Schon in des Daseins Unbedeutenheit +Erholung, Trost und Lebenslust gewähren: +Wie soll die Tochter erst, in dein Geschick +Verflochten, im Gewebe deines Lebens +Als heitrer bunter Faden künftig glänzen! +Ich nehme teil an jeder edlen Tat, +An jeder großen Handlung, die den Vater +Dem König und dem Reiche werter macht. +Mein frischer Sinn, die jugendliche Lust, +Die mich belebt, sie teilen dir sich mit, +Verscheuchen jene Träume, die der Welt +Unüberwindlich ungeheure Last +Auf eine Menschenbrust zerknirschend wälzen. +Wenn ich dir sonst in trüben Augenblicken +Ohnmächt'gen guten Willen, arme Liebe, +Dir leere Tändeleien kindlich bot; +Nun hoff' ich, eingeweiht in deine Pläne, +Bekannt mit deinen Wünschen, mir das Recht +Vollbürt'ger Kindschaft rühmlich zu erwerben. + +Herzog. +Was du bei diesem wicht'gen Schritt verlierst, +Erscheint dir ohne Wert und ohne Würde; +Was du erwartest, schätzest du zu sehr. + +Eugenie. +Mit hoch erhabnen, hoch beglückten Männern +Gewalt'ges Ansehn, würd'gen Einfluss teilen, +Für edle Seelen reizender Gewinn! + +Herzog. +Gewiss! Vergib, wenn du in dieser Stunde +Mich schwächer findest, als dem Manne ziemt. +Wir tauschten sonderbar die Pflichten um: +Ich soll dich leiten, und du leitest mich. + +Eugenie. +Wohl denn, mein Vater, tritt mit mir herauf +In diese Regionen, wo mir eben +Die neue, heitre Sonne sich erhebt! +In diesen muntren Stunden lächle nur, +Wenn ich den Inbegriff von meinen Sorgen +Dir auch eröffne. + +Herzog. + Sage, was es ist. + +Eugenie. +Der wichtigen Momente gibt's im Leben +Gar manche, die mit Freude, die mit Trauer +Des Menschen Herz bestürmen. Wenn der Mann +Sein Äußeres in solchem Fall vergisst, +Nachlässig oft sich vor die Menge stellt, +So wünscht ein Weib noch, jedem zu gefallen, +Durch ausgesuchte Tracht, vollkommnen Schmuck +Beneidenswert vor andern zu erscheinen. +Das hab' ich oft gehört und oft bemerkt, +Und nun empfind' ich im bedeutendsten +Momente meines Lebens, dass auch ich +Der mädchenhaften Schwachheit schuldig bin. + +Herzog. +Was kannst du wünschen, das du nicht erlangst? + +Eugenie. +Du bist geneigt, mir alles zu gewähren, +Ich weiß es. Doch der große Tag ist nah, +Zu nah, um alles würdig zu bereiten; +Und was von Stoffen, Stickerei und Spitzen, +Was von Juwelen mich umgeben soll, +Wie kann's geschafft, wie kann's vollendet werden? + +Herzog. +Uns überrascht längst gewünschtes Glück; +Doch vorbereitet können wir's empfangen. +Was du bedarfst, ist alles angeschafft, +Und heute noch, verwahrt im edlen Schrein, +Erhältst du Gaben, die du nicht erwartet. +Doch leichte Prüfung leg' ich dir dabei +Zum Vorbild mancher künftig schweren auf. +Hier ist der Schlüssel! Den verwahre wohl! +Bezähme deine Neugier! Öffne nicht, +Eh' ich dich wieder sehe, jenen Schatz. +Vertraue niemand, sei es, wer es sei. +Die Klugheit rät's, der König selbst gebeut's. + +Eugenie. +Dem Mädchen sinnst du harte Prüfung aus; +Doch will ich sie bestehn, ich schwör' es dir! + +Herzog. +Mein eigner wüster Sohn umlauert ja +Die stillen Wege, die ich dich geführt. +Der Güter kleinen Teil, den ich bisher +Dir schuldig zugewandt, missgönnt er schon. +Erführ' er, dass du, höher nun empor +Durch unsres Königs Gunst gehoben, bald +In manchem Recht ihm gleich dich stellen könntest, +Wie müsst' er wüten! Würd' er tückisch nicht, +Den schönen Schritt zu hindern, alles tun? + +Eugenie. +Lass uns im Stillen jenen Tag erharren. +Und wenn geschehn ist, was mich seine Schwester +Zu nennen mich berechtigt, soll's an mir, +Soll's an gefälligem Betragen, guten Worten, +Nachgiebigkeit und Neigung nicht gebrechen. +Er ist dein Sohn; und sollt' er nicht nach dir +Zur Liebe, zur Vernunft gebildet sein? + +Herzog. +Ich traue dir ein jedes Wunder zu, +Verrichte sie zu meines Hauses Bestem +Und lebe wohl. Doch ach! Indem ich scheide, +Befällt mich grausend jäher Furcht Gewalt. +Hier lagst du tot in meinen Armen! Hier +Bezwang mich der Verzweiflung Tigerklaue. +Wer nimmt das Bild vor meinen Augen weg! +Dich hab' ich tot gesehn! So wirst du mir +An manchem Tag, in mancher Nacht erscheinen. +War ich entfernt von dir nicht stets besorgt? +Nun ist's nicht mehr ein kranker Grillentraum, +Es ist ein wahres, unauslöschlichs Bild: +Eugenie, das Leben meines Lebens, +Bleich, hingesunken, atemlos, entseelt. + +Eugenie. +Erneue nicht, was du entfernen solltest, +Lass diesen Sturz, lass diese Rettung dir +Als wertes Pfand erscheinen meines Glücks. +Lebendig siehst du sie vor deinen Augen + +(Indem sie ihn umarmt.) + +Und fühlst lebendig sie an deiner Brust. +So lass mich immer, immer wieder kehren! +Und vor dem glühnden, liebevollen Leben +Entweiche des verhassten Todes Bild. + +Herzog. +Kann wohl ein Kind empfinden, wie den Vater +Die Sorge möglichen Verlustes quält? +Gesteh' ich's nur! Wie öfters hat mich schon +Dein überkühner Mut, mit dem du dich, +Als wie ans Pferd gewachsen, voll Gefühl +Der doppelten, zentaurischen Gewalt, +Durch Tal und Berg, durch Fluss und Graben schleuderst, +Wie sich ein Vogel durch die Lüfte wirft, +Ach! Öfters mehr geängstigt als entzückt. +Dass doch gemäßigter dein Trieb fortan +Der ritterlichen Übung sich erfreue! + +Eugenie. +Dem Ungemessnen beugt sich die Gefahr, +Beschlichen wird das Mäßige von ihr. +O fühle jetzt wie damals, da du mich, +Ein kleines Kind, in ritterliche Weise +Mit heitrer Kühnheit fröhlich eingeweiht. + +Herzog. +Ich hatte damals unrecht; soll mich nun +Ein langes Leben sorgenvoll bestrafen? +Und locket Übung des Gefährlichen +Nicht die Gefahr an uns heran? + +Eugenie. + Das Glück, +Und nicht die Sorge bändigt die Gefahr. +Leb' wohl, mein Vater, folge deinem König, +Und sei nun auch um deiner Tochter willen +Sein redlicher Vasall, sein treuer Freund. +Leb' wohl! + +Herzog. + O bleib! Und steh an diesem Platz +Lebendig, aufrecht, noch einmal, wie du +Ins Leben wieder aufsprangst, wo mit Wonne +Du mein zerrissen Herz erfüllend heiltest. +Unfruchtbar bleibe diese Freude nicht! +Zum ew'gen Denkmal weih' ich diesen Ort. +Hier soll ein Tempel aufstehn, der Genesung, +Der glücklichsten, gewidmet. Rings umher +Soll deine Hand ein Feenreich erschaffen. +Den wilden Wald, das struppige Gebüsch +Soll sanfter Gänge Labyrinth verknüpfen. +Der steile Fels wird gangbar, dieser Bach, +In reinen Spiegeln fällt er hier und dort. +Der überraschte Wandrer fühlt sich hier +Ins Paradies versetzt. Hier soll kein Schuss, +Solang ich lebe, fallen, hier kein Vogel +Von seinem Zweig, kein Wild in seinem Busch +Geschreckt, verwundet, hingeschmettert werden. +Hier will ich her, wenn mir der Augen Licht, +Wenn mir der Füße Kraft zuletzt versagt, +Auf dich gelehnt, wallfahrten; immer soll +Des gleichen Danks Empfindung mich beleben. +Nun aber lebe wohl! Und wie?--Du weinst? + +Eugenie. +O! Wenn mein Vater ängstlich fürchten darf, +Die Tochter zu verlieren, soll in mir +Sich keine Sorge regen, ihn vielleicht-- +Wie kann ich's denken, sagen--ihn zu missen? +Verwaiste Väter sind beklagenswert; +Allein verwaiste Kinder sind es mehr. +Und ich, die Ärmste, stünde ganz allein +Auf dieser weiten, fremden, wilden Welt, +Müsst' ich von ihm, dem Einzigen, mich trennen. + +Herzog. +Wie du mich stärktest, geb' ich dir's zurück. +Lass uns getrost, wie immer, vorwärts gehen! +Das Leben ist des Lebens Pfand; es ruht +Nur auf sich selbst und muss sich selbst verbürgen. +Drum lass uns eilige auseinander scheiden! +Von diesem allzu weichen Lebewohl +Soll ein erfreulich wieder Sehn uns heilen! + +(Sie trennen sich schnell; aus der Entfernung werfen sie sich +mit ausgebreiteten Armen ein Lebewohl zu und gehen eilig ab.) + + + + +Zweiter Aufzug +(Zimmer Eugenies, im gotischen Stil.) + + + +Erster Auftritt +Hofmeisterin. Sekretär. + +Sekretär. +Verdien' ich, dass du mich, im Augenblick, +Da ich erwünschte Nachricht bringe, fliehst? +Vernimm nur erst, was ich zu sagen habe! + +Hofmeisterin. +Wohin es deutet, fühl' ich nur zu sehr. +O lass mein Auge vom bekannten Blick, +Mein Ohr sich von bekannter Stimme wenden! +Entfliehen lass mich der Gewalt, die, sonst +Durch Lieb' und Freundschaft wirksam, fürchterlich +Wie ein Gespenst mir nun zur Seite steht. + +Sekretär. +Wenn ich des Glückes Füllhorn dir auf einmal +Nach langem Hoffen vor die Füße schütte, +Wenn sich die Morgenröte jenes Tags, +Der unsern Bund auf ewig gründen soll, +Am Horizonte feierlich erhebt, +So scheinst du nun verlegen, widerwillig +Den Antrag eines Bräutigams zu fliehn. + +Hofmeisterin. +Du zeigst mir nur die eine Seite dar, +Sie glänzt und leuchtet, wie im Sonnenschein +Die Welt erfreulich daliegt; aber hinten +Droht schwarzer Nächte Graus, ich ahn' ihn schon. + +Sekretär. +So lass uns erst die schöne Seite sehn! +Verlangst du Wohnung, mitten in der Stadt, +Geräumig, heiter, trefflich ausgestattet, +Wie man's für sich, so wie für Gäste wünscht? +Sie ist bereit, der nächste Winter findet +Uns festlich dort umgeben, wenn du willst. +Sehnst du im Frühling dich aufs Land, auch dort +Ist uns ein Haus, ein Garten uns bestimmt, +Ein reiches Feld. Und was Erfreuliches +An Waldung, Busch, an Wiesen, Bach und Seen +Sich Phantasie zusammendrängen mag, +Genießen wir, zum Teil als unser eignes, +Zum Teil als allgemeines Gut. Wobei +Noch manche Rente gar bequem vergönnt, +Durch Sparsamkeit ein sichres Glück zu steigern. + +Hofmeisterin. +In trübe Wolken hüllt sich jenes Bild, +So heiter du es malst, vor meinen Augen. +Nicht wünschenswert, abscheulich naht sich mir +Der Gott der Welt im Überfluss heran. +Was für ein Opfer fordert er? Das Glück +Des holden Zöglings müsst' ich morden helfen! +Und was ein solch Verbrechen mir erwarb, +Ich sollt' es je mit freier Brust genießen? +Eugenie! Du, deren holdes Wesen +In meiner Nähe sich von Jugend auf +Aus reicher Fülle rein entwickeln sollte, +Kann ich noch unterscheiden, was an dir +Dein eigen ist, und was du mir verdankst? +Dich, die ich als mein selbst gebildet Werk +Im Herzen trage, sollt' ich nun zerstören? +Von welchem Stoffe seid ihr denn geformt, +Ihr Grausamen, dass eine solche Tat +Ihr fordern dürft und zu belohnen glaubt? + +Sekretär. +Gar manchen Schatz bewahrt von Jugend auf +Ein edles, gutes Herz und bildet ihn +Nur immer schöner, liebenswürd'ger aus +Zur holden Gottheit des geheimen Tempels; +Doch wenn das Mächtige, das uns regiert, +Ein großes Opfer heischt, wir bringen's doch +Mit blutendem Gefühl der Not zuletzt. +Zwei Welten sind es, meine Liebe, die, +Gewaltsam sich bekämpfend, uns bedrängen, + +Hofmeisterin. +In völlig fremder Welt für mein Gefühl +Scheinst du zu wandeln, da du deinem Herrn, +Dem edlen Herzog, solche Jammertage +Verräterisch bereitest, zur Partei +Des Sohns dich fügest--Wenn das Waltende +Verbrechen zu begünst'gen scheinen mag, +So nennen wir es Zufall; doch der Mensch, +Der ganz besonnen solche Tat erwählt, +Er ist ein Rätsel.--Doch--und bin ich nicht +Mir auch ein Rätsel, dass ich noch an dir +Mit solcher Neigung hänge, da du mich +Zum jähen Abgrund hinzureißen strebst? +Warum o! Schuf dich die Natur von außen +Gefällig, liebenswert, unwiderstehlich, +Wenn sie ein kaltes Herz in deinen Busen, +Ein Glück zerstörendes, zu pflanzen dachte? + +Sekretär. +An meiner Neigung Wärme zweifelst du? + +Hofmeisterin. +Ich würde mich vernichten, wenn ich's könnte. +Doch ach! Warum, und mit verhasstem Plan, +Aufs Neue mich bestürmen? Schwurst du nicht, +In ew'ge Nacht das Schrecknis zu begraben? + +Sekretär. +Ach leider drängt sich's mächtiger hervor. +Den jungen Fürsten zwingt man zum Entschluss. +Erst blieb Eugenie so manches Jahr +Ein unbedeutend unbekanntes Kind. +Du hast sie selbst von ihren ersten Tagen +In diesen alten Sälen auferzogen, +Von wenigen besucht und heimlich nur. +Doch wie verheimlichte sich Vaterliebe! +Der Herzog, stolz auf seiner Tochter Wert, +Lässt nach und nach sie öffentlich erscheinen; +Sie zeigt sich reitend, fahrend. Jeder fragt +Und jeder weiß zuletzt, woher sie sei. +Nun ist die Mutter tot. Der stolzen Frau +War dieses Kind ein Gräuel, das ihr nur +Der Neigung Schwäche vorzuwerfen schien. +Nie hat sie's anerkannt und kaum gesehn. +Durch ihren Tod fühlt sich der Herzog frei, +Entwirft geheime Pläne, nähert sich +Dem Hofe wieder und entsagt zuletzt +Dem alten Groll, versöhnt sich mit dem König +Und macht sich's zur Bedingung, dieses Kind +Als Fürstin seines Stamms erklärt zu sehn. + +Hofmeisterin. +Und gönnt ihr dieser köstlichen Natur +Vom Fürstenblute nicht das Glück des Rechts? + +Sekretär. +Geliebte, Teure! Sprichst du doch so leicht, +Durch diese Mauern von der Welt geschieden, +In klösterlichem sinne von dem Wert +Der Erdengüter. Blicke nur hinaus! +Dort wägt man besser solchen edlen Schatz. +Der Vater neidet ihn dem Sohn, der Sohn +Berechnet seines Vaters Jahre, Brüder +Entzweit ein ungewisses Recht auf Tod +Und Leben. Selbst der Geistliche vergisst, +Wohin er streben soll, und strebt nach Gold. +Verdächte man's dem Prinzen, der sich stets +Als einz'gen Sohn gefühlt, wenn er sich nun +Die Schwester nicht gefallen lassen will, +Die, eingedrungen, ihm das Erbteil schmälert? +Man stelle sich an seinen Platz und richte. + +Hofmeisterin. +Und ist er nicht schon jetzt ein reicher Fürst? +Und wird er's nicht durch seines Vaters Tod +Zum Übermaß? Wie wär' ein Teil der Güter +So köstlich angelegt, wenn er dafür +Die holde Schwester zu gewinnen wüsste! + +Sekretär. +Willkürlich handeln ist des Reichen Glück! +Er widerspricht der Fordrung der Natur, +Der Stimme des Gesetzes, der Vernunft, +Und spendet an den Zufall seine Gaben. +Genug besitzen hieße darben. Alles +Bedürfte man! Unendlicher Verschwendung +Sind ungemessne Güter wünschenswert. +Hier denke nicht zu raten, nicht zu mildern; +Kannst du mit uns nicht wirken, gib uns auf! + +Hofmeisterin. +Und was denn wirken? Lange droht ihr schon +Von fern dem Glück des liebenswürd'gen Kindes. +Was habt ihr denn in eurem furchtbarn Rat +Beschlossen über sie? Verlangt ihr etwa, +Dass ich mich blind zu eurer Tat geselle? + +Sekretär. +Mitnichten! Hören kannst und sollst du gleich, +Was zu beginnen, was von dir zu fordern +Wir selbst genötigt sind. Eugenien +Sollst du entführen! Sie muss dergestalt +Auf einmal aus der Welt verschwinden, dass +Wir sie getrost als tot beweinen können; +Verborgen muss ihr künftiges Geschick, +Wie das Geschick der Toten, ewig bleiben. + +Hofmeisterin. +Lebendig weiht ihr sie dem Grabe, mich +Bestimmt ihr tückisch zur Begleiterin. +Mich stoßt ihr mit hinab. Ich soll mit ihr, +Mit der Verratnen die Verräterin, +Der Toten Schicksal vor dem Tode teilen. + +Sekretär. +Du führst sie hin und kehrest gleich zurück. + +Hofmeisterin. +Soll sie im Kloster ihre Tage schließen? + +Sekretär. +Im Kloster nicht; wir mögen solch ein Pfand +Der Geistlichkeit nicht anvertrauen, die +Es leicht als Werkzeug gegen uns gebrauchte. + +Hofmeisterin. +So soll sie nach den Inseln? Sprich es aus. + +Sekretär. +Du wirst's vernehmen! Jetzt beruh'ge dich. + +Hofmeisterin. +Wie kann ich ruhen bei Gefahr und Not, +Die meinen Liebling, die mich selbst bedräut? + +Sekretär. +Dein Liebling kann auch drüben glücklich sein, +Und dich erwarten hier Genuss und Wonne. + +Hofmeisterin. +O schmeichelt euch mit solcher Hoffnung nicht. +Was hilft's, in mich zu stürmen? Zum Verbrechen +Mich anzulocken, mich zu drängen? Sie, +Das hohe Kind, wird euren Plan vereiteln. +Gedenkt nur nicht, sie als geduld'ges Opfer +Gefahrlos wegzuschleppen. Dieser Geist, +Der mutvoll sie beseelt, ererbte Kraft +Begleiten sie, wohin sie geht, zerreißen +Das falsche Netz, womit ihr sie umgabt. + +Sekretär. +Sie festzuhalten, das gelinge dir! +Willst du mich überreden, dass ein Kind, +Bisher im sanften Arm des Glücks gewiegt, +Im unverhofften Fall Besonnenheit +Und Kraft, Geschick und Klugheit zeigen werde? +Gebildet ist ihr Geist, doch nicht zur Tat, +Und wenn sie richtig fühlt und weise spricht, +So fehlt noch viel, dass sie gemessen handle. +Des Unerfahrnen hoher, freier Mut +Verliert sich leicht in Feigheit und Verzweiflung, +Wenn sich die Not ihm gegenüberstellt. +Was wir gesonnen, führe du es aus! +Klein wird das Übel werden, groß das Glück. + +Hofmeisterin. +So gebt mir Zeit, zu prüfen und zu wählen! + +Sekretär. +Der Augenblick des Handelns drängt uns schon. +Der Herzog scheint gewiss, dass ihm der König +Am nächsten Fest die hohe Gunst gewähren +Und seine Tochter anerkennen wolle; +Denn Kleider und Juwelen stehn bereit, +Im prächt'gen Kasten sämtlich eingeschlossen, +Wozu er selbst die Schlüssel wohl verwahrt +Und ein Geheimnis zu verwahren glaubt; +Wir aber wissen's wohl und sind gerüstet; +Geschehen muss nun schnell das Überlegte. +Heut Abend hörst du mehr. Nun lebe wohl! + +Hofmeisterin. +Auf düstern Wegen wirkt ihr tückisch fort +Und wähnet, euren Vorteil klar zu sehen. +Habt ihr denn jeder Ahnung euch verschlossen, +Dass über Schuld und Unschuld, Licht verbreitend, +Ein rettend, rächend Wesen göttlich schwebt? + +Sekretär. +Wer wagt, ein Herrschendes zu leugnen, das +Sich vorbehält, den Ausgang unsrer Taten +Nach seinem einz'gen Willen zu bestimmen? +Doch wer hat sich zu seinem hohen Rat +Gesellen dürfen? Wer Gesetz und Regel, +Wonach es ordnend spricht, erkennen mögen? +Verstand empfingen wir, uns mündig selbst +Im ird'schen Element zurecht zu finden, +Und was uns nützt, ist unser höchstes Recht. + +Hofmeisterin. +Und so verleugnet ihr das Göttlichste, +Wenn euch des Herzens Winke nichts bedeuten. +Mich ruft es auf, die schreckliche Gefahr +Vom holden Zögling kräftig abzuwenden, +Mich gegen dich und gegen Macht und List +Beherzt zu waffnen. Kein Versprechen soll, +Kein Drohn mich von der Stelle drängen. Hier, +Zu ihrem Heil gewidmet, steh' ich fest. + +Sekretär. +O meine Gute! Dies ihr Heil vermagst +Du ganz allein zu schaffen, die Gefahr +Von ihr zu wenden, magst du ganz allein, +Und zwar, indem du uns gehorchst. Ergreife +Sie schnell, die holde Tochter, führe sie, +So weit du kannst, hinweg, verbirg sie fern +Von aller Menschen Anblick, denn--du schauderst, +Du fühlst, was ich zu sagen habe. Sei's, +Weil du mich drängest, endlich auch gesagt: +Sie zu entfernen ist das Mildeste. +Willst du zu diesem Plan nicht tätig wirken, +Denkst du, dich ihm geheim zu widersetzen, +Und wagtest du, was ich dir anvertraut, +Aus guter Ansicht irgend zu verraten, +So liegt sie tot in deinen Armen! Was +Ich selbst beweinen werde, muss geschehn. + + + +Zweiter Auftritt +Hofmeisterin. + +Die kühne Drohung überrascht mich nicht! +Schon lange seh' ich dieses Feuer glimmen, +Nun schlägt es blad in lichte Flammen aus. +Um dich zu retten, muss ich, liebes Kind, +Dich deinem holden Morgentraum entreißen. +Nur eine Hoffnung lindert meinen Schmerz; +Allein sie schwindet, wie ich sie ergreife. +Eugenie! Wenn du entsagen könntest +Dem hohen Glück, das unermesslich scheint, +An dessen Schwelle dir Gefahr und Tod, +Verbannung als ein Milderes begegnet. +O dürft' ich dich erleuchten! Dürft' ich dir +Verborgne Winkel öffnen, wo die Schar +Verschworener Verfolger tückisch lauscht! +Ach schweigen soll ich! Leise kann ich nur +Dich ahnungsvoll ermahnen; wirst du wohl +Im Taumel deiner Freude mich verstehen? + + + +Dritter Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. + +Eugenie. +Sei mir gegrüßt! Du Freundin meines Herzens, +An Mutter Statt Geliebte, sei gegrüßt! + +Hofmeisterin. +Mit Wonne drück' ich dich an dieses Herz, +Geliebtes Kind, und freue mich der Freude, +Die reich aus Lebensfülle dir entquillt. +Wie heiter glänzt dein Auge! Welch Entzücken +Umschwebet Mund und Wange! Welches Glück +Drängt aus bewegtem Busen sich hervor! + +Eugenie. +Ein großes Unheil hatte mich ergriffen, +Vom Felsen stürzte Ross und Reiterin. + +Hofmeistern. +O Gott! + +Eugenie. +Sei ruhig! Siehst du doch mich wieder, +Gesund und hoch beglückt, nach diesem Fall. + +Hofmeisterin. +Und wie? + +Eugenie. +Du sollst es hören, wie so schön +Aus diesem Übel sich das Glück entwickelt. + +Hofmeisterin. +Ach! Aus dem Glück entwickelt oft sich Schmerz. + +Eugenie. +Sprich böser Vorbedeutung Wort nicht aus! +Und schrecke mich der Sorge nicht entgegen. + +Hofmeisterin. +O möchtest du mir alles gleich vertrauen! + +Eugenie. +Von allen Menschen dir zuerst. Nur jetzt, +Geliebte, lass mich mir. Ich muss allein +Ins eigene Gefühl mich finden lernen. +Du weißt, wie hoch mein Vater sich erfreut, +Wenn unerwartet ihm ein klein Gedicht +Entgegenkommt, wie mir's der Muse Gunst +Bei manchem Anlass willig schenken mag. +Verlass mich! Eben schwebt mir's heiter vor, +Ich muss es haschen, sonst entschwindet's mir. + +Hofmeisterin. +Wann soll wie sonst vertrauter Stunden Reihe +Mit reichlichen Gesprächen uns erquicken? +Wann öffnen wir, zufriednen Mädchen gleich, +Die ihren Schmuck einander wiederholt +Zu zeigen kaum ermüden, unsres Herzens +Geheimste Fächer, uns bequem und herzlich +Des wechselseit'gen Reichtums zu erfreuen? + +Eugenie. +Auch jene Stunden werden wieder kehren, +Von deren stillem Glück man mit Vertrauen, +Sich des Vertrauns erinnernd, gerne spricht. +Doch heute lass in voller Einsamkeit +Mich das Bedürfnis jener Tage finden. + + + +Vierter Auftritt +Eugenie, nachher Hofmeisterin außen. + +Eugenie (eine Brieftasche hervorziehend). +Und nun geschwind zum Pergament, zum Griffel! +Ich hab' es ganz und eilig fass' ich's auf, +Was ich dem Könige zu jener Feier, +Bei der ich, neu geboren durch sein Wort, +Ins Leben trete, herzlich widmen soll. + +(Sie rezitiert langsam und schreibt.) + + Welch Wonneleben wird hier ausgespendet! + Willst du, o Herr der obern Regionen, + Des Neulings Unvermögen nicht verschonen? + Ich sinke hin, von Majestät geblendet. + Doch bald getrost zu dir hinauf gewendet + Erfreut's mich, an dem Fuß der festen Thronen, + Ein Sprössling deines Stamms, beglückt zu wohnen, + Und all mein frühes Hoffen ist vollendet. + So fließe denn der holde Born der Gnaden! + Hier will die treue Brust so gern verweilen + Und an der Liebe Majestät sich fassen. + Mein Ganzes hängt an einem zarten Faden, + Mir ist, als müsst' ich unaufhaltsam eilen, + Das Leben, das du gabst, für dich zu lassen. + +(Das Geschriebene mit Gefälligkeit betrachtend.) + +So hast du lange nicht, bewegtes Herz, +Dich in gemessnen Worten ausgesprochen! +Wie glücklich, den Gefühlen unsrer Brust +Für ew'ge Zeit den Stempel aufzudrücken! +Doch ist es wohl genug? Hier quillt es fort, +Hier quillt es auf!--Du nahest, großer Tag, +Der uns den König gab und der nun mich +Dem Könige, dem Vater, mich mir selbst +Zu ungemessner Wonne geben soll. +Dies hohe Fest verherrliche meine Lied! +Beflügelt drängt sich Phantasie voraus, +Sie trägt mich vor den Thron und stellt mich vor, +Sie gibt im Kreise mir-- + +Hofmeisterin (außen). + Eugenie! + +Eugenie. +Was soll das? + +Hofmeisterin. + Höre mich und öffne gleich! + +Eugenie. +Verhasste Störung! Öffnen kann ich nicht. + +Hofmeisterin. +Vom Vater Botschaft! + +Eugenie. + Wie? Vom Vater? Gleich! +Da muss ich öffnen. + +Hofmeisterin. + Große Gaben scheint +Er dir zu schicken. + +Eugenie. + Warte! + +Hofmeisterin. + Hörst du? + +Eugenie. + Warte! +Doch wo verberg' ich dieses Blatt? Zu klar +Spricht's jene Hoffnung aus, die mich beglückt. +Hier ist nichts zum Verschließen! Und bei mir +Ist's nirgend sicher, diese Tasche kaum; +Denn meine Leute sind nicht alle treu. +Gar manches hat man schon mir, als ich schlief, +Durchblättert und entwendet. Das Geheimnis, +Das größte, das ich je gehegt, wohin, +Wohin verberg' ich's? + +(Indem sie sich der Seitenwand nähert.) + + Wohl! Hier war es ja, +Wo du, geheimer Wandschrank, meiner Kindheit +Unschuldige Geheimnisse verbargst! +Du, den mir kindisch allausspähende, +Von Neugier und von Müßiggang erzeugte, +Rastlose Tätigkeit entdecken half, +Du, jedem ein Geheimnis, öffne dich! + +(Sie drückt an einer unbemerkbaren Feder, und eine kleine Türe +springt auf.) + +So wie ich sonst verbotnes Zuckerwerk +Zu listigem Genuss in dir versteckte, +Vertrau' ich heute meines Lebens Glück +Entzückt und sorglich dir auf kurze Zeit. + +(Sie legt das Pergament in den Schrank und drückt ihn zu.) + +Die Tage schreiten vor, und ahnungsvoller +Bewegen sich nun Freud' und Schmerz heran. + +(Sie öffnet die Türe.) + + + +Fünfter Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. Bediente, die einen prächtigen Putzkasten tragen. + +Hofmeisterin. +Wenn ich dich störte, führ' ich gleich mit mir, +Was mich gewiss entschuld'gen soll, herbei. + +Eugenie. +Von meinem Vater? Dieser prächt'ge Schrein! +Auf welchen Inhalt deutet solch Gefäß? + +(Zu den Bedienten.) + +Verweilt! + +(Sie reicht ihnen einen Beutel hin.) + +Zum Vorschmack eures Botenlohns +Nehmt diese Kleinigkeit! Das Bessre folgt. + +(Bediente gehen.) + +Und ohne Brief und ohne Schlüssel! Steht +Mir solch ein Schatz verborgen, in der Nähe? +O Neugier! O Verlangen! Ahnest du, +Was diese Gabe mir bedeuten kann? + +Hofmeisterin. +Ich zweifle nicht, du hast es selbst erraten. +Auf nächste Hoheit deutet sie gewiss. +Den Schmuck der Fürstentochter bringt man dir, +Weil dich der König bald berufen wird. + +Eugenie. +Wie kannst du das vermuten? + +Hofmeisterin. + Weiß ich's doch! +Geheimnisse der Großen sind belauscht. + +Eugenie. +Und wenn du's weißt, was soll ich dir's verbergen? +Soll ich die Neugier, dies Geschenk zu sehn, +Vor dir umsonst bezähmen!--Hab' ich doch +Den Schlüssel hier!--Der Vater zwar verbot's. +Doch was verbot er? Das Geheimnis nicht +Unzeitig zu entdecken; doch dir ist +Es schon entdeckt. Du kannst nicht mehr erfahren, +Als du schon weißt, und schweigst nun, mir zuliebe. +Was zaudern wir? Komm, lass uns öffnen! Komm, +Dass uns der Gaben hoher Glanz entzücke. + +Hofmeisterin. +Halt ein! Gedenke des Verbots! Wer weiß, +Warum der Herzog weislich so befohlen? + +Eugenie. +Mit Sinn befahl er, zum bestimmten Zweck; +Der ist vereitelt; alles weißt du schon. +Du liebst mich, bist verschwiegen, zuverlässig. +Lass uns das Zimmer schließen! Das Geheime +Lass uns sogleich vertraulich untersuchen. + +(Sie schließt die Zimmertüre und eilt gegen den Schrank.) + +Hofmeisterin (sie abhaltend). +Der prächt'gen Stoffe Gold und Farbenglanz, +Der Perlen Milde, der Juwelen Strahl +Bleib' im Verborgnen! Ach, sie reizen dich +Zu jenem Ziel unwiderstehlich auf. + +Eugenie. +Was sie bedeuten, ist das Reizende. + +(Sie öffnet den Schrank, an der Türe zeigen sich Spiegel.) + +Welch köstliches Gewand entwickelt sich, +Indem ich's nur berühre, meinem Blick. +Und diese Spiegel! Fordern sie nicht gleich, +Das Mädchen und den Schmuck vereint zu schildern? + +Hofmeisterin. +Kreusas tödliches Gewand entfaltet, +So scheint es mir, sich unter meiner Hand. + +Eugenie. +Wie schwebt ein solcher Trübsinn dir ums Haupt? +Denk' an beglückter Bräute frohes Fest. +Komm! Reiche mir die Teile, nach und nach. +Das Unterkleid! Wie reich und süß durchflimmert +Sich rein des Silbers und der Farben Blitz. + +Hofmeisterin (indem sie Eugenie das Gewand umlegt). +Verbirgt sich je der Gnade Sonnenblick, +Sogleich ermattet solch ein Widerglanz. + +Eugenie. +Ein treues Herz verdient sich diesen Blick, +Und, wenn er weichen wollte, zieht's ihn an.-- +Das Oberkleid, das goldne, schlage drüber, +Die Schleppe ziehe, weit verbreitet, nach. +Auch diesem Gold ist, mit Geschmack und Wahl, +Der Blumen Schmelz metallisch aufgebrämt. +Und tret' ich so nicht schön umgeben auf? + +Hofmeisterin. +Doch wird von Kennern mehr die Schönheit selbst +In ihrer eignen Herrlichkeit verehrt. + +Eugenie. +Das einfach Schöne soll der Kenner schätzen; +Verziertes aber spricht der Menge zu.-- +Nun leihe mir der Perlen sanftes Licht, +Auch der Juwelen leuchtende Gewalt. + +Hofmeisterin. +Doch deinem Herzen, deinem Geist genügt +Nur eigner, innrer Wert und nicht der Schein. + +Eugenie. +Der Schein, was ist er, dem das Wesen fehlt? +Das Wesen, wär' es, wenn es nicht erschiene? + +Hofmeisterin. +Und hast du nicht in diesen Mauern selbst +Der Jugend ungetrübte Zeit verlebt? +Am Busen deiner Liebenden, entzückt, +Verborgner Wonne Seligkeit erfahren? + +Eugenie. +Gefaltet kann die Knospe sich genügen, +Solange sie des Winters Frost umgibt; +Nun schwillt vom Frühlingshauche Lebenskraft, +In Blüten bricht sie auf an Licht und Lüfte. + +Hofmeisterin. +Aus Mäßigkeit entspringt ein reines Glück. + +Eugenie. +Wenn du ein mäßig Ziel dir vorgesteckt. + +Hofmeisterin. +Beschränktheit sucht sich der Genießende. + +Eugenie. +Du überredest die Geschmückte nicht. +O dass sich dieser Saal erweiterte +Zum Raum des Glanzes, wo der König thront! +Dass reicher Teppich unten, oben sich +Der goldnen Decke Wölbung breitete! +Dass hier im Kreise vor der Majestät +Demütig stolz die Großen, angelacht +Von dieser Sonne, herrlich leuchteten! +Ich unter diesen Ausgezeichnete! +O lass mir dieser Wonne Vorgefühl, +Wenn aller Augen mich zum Ziel erlesen! + +Hofmeisterin. +Zum Ziele der Bewunderung nicht allein, +Zum Ziel des Neides und des Hasses mehr. + +Eugenie. +Der Nieder steht als Folie des Glücks, +Der Hasser lehrt uns immer wehrhaft bleiben. + +Hofmeisterin. +Demütigung beschleicht die Stolzen oft. + +Eugenie. +Ich setz' ihr Geistesgegenwart entgegen. + +(Zum Schranke gewendet.) + +Noch haben wir nicht alles durchgesehn; +Nicht mich allein bedenk' ich diese Tage, +Für andre hoff' ich manche Kostbarkeit. + +Hofmeistern (ein Kästchen hervor nehmend). +Hier aufgeschrieben steht es: "Zu Geschenken". + +Eugenie. +So nimm voraus, was dich vergnügen kann, +Von diesen Uhren, diesen Dosen. Wähle!-- +Nein, überlege noch! Vielleicht verbirgt +Sich Wünschenswerteres im reichen Schrein. + +Hofmeisterin. +O fände sich ein kräft'ger Talisman, +Des trüben Bruders Neigung zu gewinnen! + +Eugenie. +Den Widerwillen tilge nach und nach +Des unbefangnen Herzens reines Wirken. + +Hofmeisterin. +Doch die Partei, die seinen Groll bestärkt, +Auf ewig steht sie deinem Wunsch entgegen. + +Eugenie. +Wenn sie bisher mein Glück zu hindern suchte, +Tritt nun Entscheidung unaufhaltsam ein, +Und ins Geschehne fügt sich jedermann. + +Hofmeisterin. +Das, was du hoffest, noch ist's nicht geschehn. + +Eugenie. +Doch als vollendet kann ich's wohl betrachten. + +(Nach dem Schrank gekehrt.) + +Was liegt im langen Kästchen, obenan? + +Hofmeisterin (die es herausnimmt). +Die schönsten Bänder, frisch und neu gewählt-- +Zerstreue nicht durch eitlen Flitterwesens +Neugierige Betrachtung deinen Geist. +O wär' es möglich, dass du meinem Wort +Gehör verliehest einen Augenblick! +Aus stillem Kreise trittst du nun heraus +In weite Räume, wo dich Sorgendrang, +Vielfach geknüpfte Netze, Tod vielleicht +Von meuchelmörderischer Hand erwartet. + +Eugenie. +Du scheinst mir krank! Wie könnte sonst mein Glück +Dir fürchterlich, als ein Gespenst erscheinen. + +(In das Kästchen blickend.) + +Was seh' ich? Diese Rolle! Ganz gewiss +Das Ordensband der ersten Fürstentöchter! +Auch dieses werd' ich tragen! Nur geschwind! +Lass sehen, wie es kleidet! Es gehört +Zum ganzen Prunk; so sei auch das versucht! + +(Das Band wird umgelegt.) + +Nun sprich vom Tode nur! Sprich von Gefahr! +Was zieret mehr den Mann, als wenn er sich +Im Heldenschmuck zu seinem Könige, +Sich unter seinesgleichen stellen kann? +Was reizt das Auge mehr als jenes Kleid, +Das kriegerische lange Reihen zeichnet? +Und dieses Kleid und seine Farben, sind +Sie nicht ein Sinnbild ewiger Gefahr? +Die Schärpe deutet Krieg, womit sich, stolz +Auf seine Kraft, ein edler Mann umgürtet. +O meine Liebe! Was bedeutend schmückt, +Es ist durchaus gefährlich. Lass auch mir +Das Mutgefühl, was mir begegnen kann, +So prächtig ausgerüstet, zu erwarten. +Unwiderruflich, Freundin, bleibt mein Glück. + +Hofmeisterin (beiseite). +Das Schicksal, das dich trifft, unwiderruflich. + + + + +Dritter Aufzug +(Vorzimmer des Herzogs, prächtig, modern.) + + + +Erster Auftritt +Sekretär. Weltgeistlicher. + +Sekretär. +Tritt still herein in diese Totenstille! +Wie ausgestorben findest du das Haus. +Der Herzog schläft, und alle Diener stehen, +Von seinem Schmerz durchdrungen, stumm gebeugt. +Er schläft! Ich segnet' ihn, als ich ihn sah +Bewusstlos auf dem Pfühle ruhig atmen. +Das Übermaß der Schmerzen löste sich +In der Natur balsam'scher Wohltat auf. +Den Augenblick befürcht' ich, der ihn weckt; +Euch wird ein jammervoller Mann erscheinen. + +Weltgeistlicher. +Darauf bin ich bereitet, zweifelt nicht. + +Sekretär. +Vor wenig Stunden kam die Nachricht an, +Eugenie sei tot! Vom Pferd gestürzt! +An eurem Orte sei sie beigesetzt, +Als an dem nächsten Platz, wohin man sie +Aus jenem Felsendickicht bringen können, +Wo sie verwegen sich den Tod erstürmt. + +Weltgeistlicher. +Und sie indessen ist schon weit entfernt? + +Sekretär. +Mit rascher Eile wird sie weggeführt. + +Weltgeistlicher. +Und wem vertraut ihr solch ein schwer Geschäft? + +Sekretär. +Dem klugen Weibe, das uns angehört. + +Weltgeistlicher. +In welche Gegend habt ihr sie geschickt? + +Sekretär. +Zu dieses Reiches letztem Hafenplatz. + +Weltgeistlicher. +Von dorten soll sie in das fernste Land? + +Sekretär. +Sie führt ein günst'ger Wind sogleich davon. + +Weltgeistlicher. +Und hier auf ewig gelte sie für tot! + +Sekretär. +Auf deiner Fabel Vortrag kommt es an. + +Weltgeistlicher. +Der Irrtum soll im ersten Augenblick +Auf alle künft'ge Zeit gewaltig wirken. +An ihrer Gruft, an ihrer Leiche soll +Die Phantasie erstarren. Tausendfach +Zerreiß' ich das geliebte Bild und grabe +Dem Sinne des entsetzten Hörenden +Mit Feuerzügen dieses Unglück ein. +Sie ist dahin für alle, sie verschwindet +Ins Nichts der Asche. Jeder kehret schnell +Den Blick zum Leben und vergisst im Taumel +Der treibenden Begierden, dass auch sie +Im Reihen der Lebendigen geschwebt. + +Sekretär. +Du trittst mit vieler Kühnheit ans Geschäft; +Besorgst du keine Reue hintennach? + +Weltgeistlicher. +Welch eine Frage tust du? Wir sind fest! + +Sekretär. +Ein innres Unbehagen fügt sich oft +Auch wider unsern Willen an die Tat. + +Weltgeistlicher. +Was hör' ich? Du bedenklich? Oder willst +Du mich nur prüfen, ob es euch gelang, +Mich, euren Schüler, völlig auszubilden? + +Sekretär. +Das Wichtige bedenkt man nie genug. + +Weltgeistlicher. +Bedenke man, eh' noch die Tat beginnt. + +Sekretär. +Auch in der Tat ist Raum für Überlegung. + +Weltgeistlicher. +Für mich ist nichts zu überlegen mehr! +Da wär' es Zeit gewesen, als ich noch +Im Paradies beschränkter Freuden weilte, +Als, von des Gartens engem Hag umschlossen, +Ich selbst gesäte Bäume selber pfropfte, +Aus wenig Beeten meinen Tisch versorgte, +Als noch Zufriedenheit im kleinen Hause +Gefühl des Reichtums über alles goss, +Und ich nach meiner Einsicht zur Gemeinde +Als Freund, als Vater aus dem Herzen sprach, +Dem Guten fördernd meine Hände reichte, +Dem Bösen wie dem Übel widerstritt. +O hätte damals ein wohltät'ger Geist +Vor meiner Türe dich vorbei gewiesen, +An der du müde, durstig von der Jagd +Zu klopfen kamst; mit schmeichlerischem Wesen, +Mit süßem Wort mich zu bezaubern wusstest. +Der Gastfreundschaft geweihter, schöner Tag, +Er war der letzte rein genossnen Friedens. + +Sekretär. +Wir brachten dir so manche Freude zu. + +Weltgeistlicher. +Und dranget mir so manch Bedürfnis auf. +Nun war ich arm, als ich die Reichen kannte; +Nun war ich sorgenvoll, denn mir gebrach's; +Nun hatt' ich Not, ich brauchte fremde Hilfe. +Ihr wart mir hilfreich, teuer büß' ich das. +Ihr nahmt mich zum Genossen eures Glücks, +Mich zum Gesellen eurer Taten auf. +Zum Sklaven, sollt' ich sagen, dingtet ihr +Den sonst so freien, jetzt bedrängten Mann. +Ihr lohnt ihm zwar, doch immer noch versagt +Ihr ihm den Lohn, den er verlangen darf. + +Sekretär. +Vertraue, dass wir dich in kurzer Zeit +Mit Gütern, Ehren, Pfründen überhäufen. + +Weltgeistlicher. +Das ist es nicht, was ich erwarten muss. + +Sekretär. +Und welche neue Fordrung bildest du? + +Weltgeistlicher. +Als ein gefühllos Werkzeug braucht ihr mich +Auch diesmal wieder. Dieses holde Kind +Verstoßt ihr aus dem Kreise der Lebend'gen; +Ich soll die Tat beschönen, sie bedecken, +Und ihr beschließt, begeht sie ohne mich. +Von nun an fordr' ich, mit im Rat zu sitzen, +Wo Schreckliches beschlossen wird, wo jeder, +Auf seinen Sinn, auf seine Kräfte stolz, +Zum unvermeidlich Ungeheuren stimmt. + +Sekretär. +Dass du auch diesmal dich mit uns verbunden, +Erwirbt aufs neue dir ein großes Recht. +Gar manch Geheimnis wirst du blad vernehmen; +Dahin gedulde dich und sei gefasst. + +Weltgeistlicher. +Ich bin's und bin noch weiter, als ihr denkt; +In eure Pläne schaut' ich längst hinein. +Der nur verdient geheimnisvolle Weihe, +Der ihr durch Ahnung vorzugreifen weiß. + +Sekretär. +Was ahnest du? Was weißt du? + +Weltgeistlicher. + Lass uns das +Auf ein Gespräch der Mitternacht versparen. +O dieses Mädchens trauriges Geschick +Verschwindet, wie ein Bach im Ozean, +Wenn ich bedenke, wie verborgen ihr +Zu mächtiger Parteigewalt euch hebt +Und an die Stelle der Gebietenden +Mit frecher List euch einzudrängen hofft. +Nicht ihr allein; denn andre streben auch, +Euch widerstrebend, nach demselben Zweck. +So untergrabt ihr Vaterland und Thron; +Wer soll sich retten, wenn das Ganze stürzt? + +Sekretär. +Ich höre kommen! Tritt hier an die Seite! +Ich führe dich zu rechter Zeit herein. + + + +Zweiter Auftritt +Herzog. Sekretär. + +Herzog. +Unsel'ges Licht! Du rufst mich auf zum Leben, +Mich zum Bewusstsein dieser Welt zurück +Und meiner selbst. Wie öde, hohl und leer +Liegt alles vor mir da, und ausgebrannt, +Ein großer Schutt, die Stätte meines Glücks. + +Sekretär. +Wenn jeder von den Deinen, die um dich +In dieser Stunde leiden, einen Teil +Von deinen Schmerzen übertragen könnte, +Du fühltest dich erleichtert und gestärkt. + +Herzog. +Der Schmerz um Liebe, wie die Liebe, bleibt +Unteilbar und unendlich. Fühl' ich doch, +Welch ungeheures Unglück den betrifft, +Der seines Tags gewohntes Gut vermisst. +Warum o! Lasst ihr die bekannten Wände +Mit Farb' und Gold mir noch entgegen scheinen, +Die mich an gestern, mich an ehegestern, +An jenen Zustand meines vollen Glücks +Mich kalt erinnern. O warum verhüllet +Ihr nicht Gemach und Saal mit schwarzem Krepp! +Dass, finster wie mein Innres, auch von außen +Ein ewig nächt'ger Schatten mich umfange. + +Sekretär. +O möchte doch das Viele, das dir bleibt, +Nach dem Verlust als etwas dir erscheinen. + +Herzog. +Ein geistverlassner körperlicher Traum! +Sie war die Seele dieses ganzen Hauses. +Wie schwebte beim Erwachen sonst das Bild +Des holden Kindes dringend mir entgegen! +Hier fand ich oft ein Blatt von ihrer Hand, +Ein geistreich, herzlich Blatt zum Morgengruß. + +Sekretär. +Wie drückte nicht der Wunsch, dich zu ergötzen, +Sich dichtrisch oft in frühen Reimen aus. + +Herzog. +Die Hoffnung, sie zu sehen, gab den Stunden +Des mühevollen Tags den einz'gen Reiz. + +Sekretär. +Wie oft bei Hindernis und Zögrung hat +Man ungeduldig, wie nach der Geliebten +Den raschen Jüngling, dich nach ihr gesehn. + +Herzog. +Vergleiche doch die jugendliche Glut, +Die selbstischen Besitz verzehrend hascht, +Nicht dem Gefühl des Vaters, der entzückt, +In heil'gem Anschaun stille hingegeben, +Sich an Entwicklung wunderbarer Kräfte, +Sich an der Bildung Riesenschritten freut. +Der Liebe Sehnsucht fordert Gegenwart; +Doch Zukunft ist des Vaters Eigentum. +Dort liegen seiner Hoffnung weite Felder, +Dort seiner Saaten keimender Genuss. + +Sekretär. +O Jammer! Diese grenzenlose Wonne, +Dies ewig frische Glück verlorst du nun. + +Herzog. +Verlor ich's? War es doch im Augenblick +Vor meiner Seele noch im vollen Glanz. +Ja, ich verlor's! Du rufst's, Unglücklicher, +Die öde Stunde ruft mir's wieder zu. +Ja, ich verlor's! So strömt, ihr Klagen, denn! +Zerstöre, Jammer, diesen festen Bau, +Den ein zu günstig Alter noch verschont. +Verhasst sei mir das Bleibende, verhasst, +Ws mir in seiner Dauer Stolz erscheint; +Erwünscht, was fließt und schwankt. Ihr Fluten, schwellt, +Zerreißt die Dämme, wandelt Land in See! +Eröffne deine Schlünde, wildes Meer! +Verschlinge Schiff und Mann und Schätze! Weit +Verbreitet euch, ihr kriegerischen Reihen, +Und häuft auf blut'gen Fluren Tod auf Tod! +Entzünde, Strahl des Himmels, dich im Leeren +Und triff der kühnen Türme sichres Haupt! +Zertrümmr', entzünde sie und geißle weit +Im Stadtgedräng' der Flamme Wut umher, +Dass ich, von allem Jammer rings umfangen, +Dem Schicksal mich ergebe, das mich traf! + +Sekretär. +Das ungeheuer Unerwartete +Bedrängt dich fürchterlich, erhabner Mann. + +Herzog. +Wohl unerwartet kam's, nicht ungewarnt. +In meinen Armen ließ ein guter Geist +Sie von den Toten wieder auferstehn +Und zeigte mir gelind, vorübereilend, +Ein Schreckliches, nun ewig Bleibendes. +Da sollt' ich strafen die Verwegenheit, +Dem Übermut mich scheltend widersetzen, +Verbieten jene Raserei, die, sich +Unsterblich, unverwundbar wähnend, blind, +Wetteifern mit dem Vogel, sich durch Wald +Und Fluss und Sträuche von dem Felsen stürzt. + +Sekretär. +Was oft und glücklich unsre Besten tun, +Wie sollt' es dir des Unglücks Ahnung bringen? + +Herzog. +Die Ahnung dieser Leiden fühlt' ich wohl, +Als ich zum letzten Mal--Zum letzten Mal! +Du sprichst es aus, das fürchterliche Wort, +Das deinen Weg mit Finsternis umzieht. +O hätt' ich sie nur einmal noch gesehn! +Vielleicht war dieses Unglück abzuleiten. +Ich hätte flehentlich gebeten, sie als Vater +Zum treulichsten ermahnt, sich mir zu schonen, +Und von der Wut tollkühner Reiterei +Um unsres Glückes willen abzustehn. +Ach, diese Stunde war mir nicht gegönnt. +Und nun vermiss' ich mein geliebtes Kind! +Sie ist dahin! Verwegner ward sie nur +Durch jenen Sturz, dem sie so leicht entrann. +Und niemand, sie zu warnen, sie zu leiten! +Entwachsen war sie dieser Frauenzucht. +In welchen Händen ließ ich solchen Schatz? +Verzärtelnden, nachgieb'gen Weiberhänden. +Kein festes Wort, den Willen meines Kinds +Zu mäßiger Vernünftigkeit zu lenken! +Zur unbedingten Freiheit ließ man ihr, +Zu jedem kühnen Wagnis offnes Feld. +Ich fühlt' es oft und sagt' es mir nicht klar: +Bei diesem Weibe war sie schlecht verwahrt. + +Sekretär. +O tadle nicht die Unglückselige! +Vom tiefsten Schmerz begleitet, irrt sie nun, +Wer weiß, in welche Lande, trostlos hin. +Sie ist entflohn. Denn wer vermöchte dir +Ins Angesicht zu sehen, der auch nur +Den fernsten Vorwurf zu befürchten hätte. + +Herzog. +O lass mich ungerecht auf andre zürnen, +Dass ich mich nicht verzweifelnd selbst zerreiße! +Wohl trag' ich selbst die Schuld und trag' sie schwer. +Denn rief ich nicht mit törigem Beginnen +Gefahr und Tod auf dieses teure Haupt? +Sie überall zu sehn als Meisterin, +Das war mein Stolz! Zu teuer büß' ich ihn. +Zu Pferde sollte sie, im Wagen sie, +Die Rosse bändigend, als Heldin glänzen. +Ins Wasser tauchend, schwimmend schien sie mir +Den Elementen göttlich zu gebieten. +So, hieß es, kann sie jeglicher Gefahr +Dereinst entgehen. Statt sie zu bewahren, +Gibt Übung zur Gefahr den Tod ihr nun. + +Sekretär. +Des edlen Pflichtgefühles Übung gibt, +Ach! Unsrer Unvergesslichen den Tod. + +Herzog. +Erkläre dich! + +Sekretär. + Und weck' ich diesen Schmerz +Durch Schildrung kindlich edlen Unternehmens? +Ihr alter, erster, hoch geliebter Freund +Und Lehrer wohnt, von dieser Stadt entfernt, +Verschränkt in Trübsinn, Krankheit, Menschenhass. +Nur sie allein vermocht' ihn zu erheitern; +Als Leidenschaft empfand sie diese Pflicht; +Nur allzu oft verlangte sie hinüber, +Und oft versagte man's. Nun hatte sie's +Planmäßig angelegt; sie nutzte kühn +Des Morgenrittes abgemessne Stunden +Mit ungeheurer Schnelligkeit zum Zweck, +Den alten, viel geliebten Mann zu sehn. +Ein einz'ger Reitknecht nur war im Geheimnis, +Er unterlegt' ihr jedes Mal das Pferd, +Wie wir vermuten; denn auch er ist fort. +Der arme Mensch und jene Frau verloren +Aus Furcht vor dir sich in die weite Welt. + +Herzog. +Die Glücklichen, die noch zu fürchten haben, +Bei denen sich der Schmerz um ihres Herrn +Verlornes Heil in leicht verwundene, +In leicht gehobne Bangigkeit verwandelt! +Ich habe nichts zu fürchten! Nichts zu hoffen! +Drum lass mich alles wissen; zeige mir +Den kleinsten Umstand an! Ich bin gefasst. + + + +Dritter Auftritt +Herzog. Sekretär. Weltgeistlicher. + +Sekretär. +Auf diesen Augenblick, verehrter Fürst, +Hab' ich hier einen Mann zurückgehalten, +Der, auch gebeugt, vor deinem Blick erscheint. +Es ist der Geistliche, der aus der Hand +Des Todes deine Tochter aufgenommen, +Und sie, da keiner Hilfe Trost sich zeigte, +Mit liebevoller Sorgfalt beigesetzt. + + + +Vierter Auftritt +Herzog. Weltgeistlicher. + +Weltgeistlicher. +Den Wunsch, vor deinem Antlitz zu erscheinen, +Erhabner Fürst, wie lebhaft hegt' ich ihn! +Nun wird er mir gewährt im Augenblick, +Der dich und mich in tiefen Jammer senkt. + +Herzog. +Auch so willkommen, unwillkommner Bote! +Du hast sie noch gesehn, den letzten Blick, +Den sehnsuchtsvollen, dir ins Herz gefasst, +Das letzte Wort bedächtig aufgenommen, +Dem letzten Seufzer Mitgefühl erwidert. +O sage: Sprach sie noch? Was sprach sie aus? +Gedachte sie des Vaters? Bringst du mir +Von ihrem Mund ein herzlich Lebewohl? + +Weltgeistlicher. +Willkommen scheint ein unwillkommner Bote, +Solang er schweigt und noch der Hoffnung Raum, +Der Täuschung Raum in unserm Herzen gibt. +Der ausgesprochne Jammer ist verhasst. + +Herzog. +Was zauderst du? Was kann ich mehr erfahren? +Sie ist dahin! Und diesen Augenblick +Ist über ihrem Sarge Ruh' und Stille. +Was sie auch litt, es ist für sie vorbei, +Für mich beginnt es; aber rede nur! + +Weltgeistlicher. +Ein allgemeines Übel ist der Tod. +So denke dir das Schicksal deiner Toten, +Und finster wie des Grabes Nacht verstumme +Der Übergang, der sie hinabgeführt. +Nicht jeden leitet ein gelinder Gang +Unmerklich in das stille Reich der Schatten. +Gewaltsam schmerzlich reißt Zerstörung oft +Durch Höllenqualen in die Ruhe hin. + +Herzog. +So hat sie viel gelitten? + +Weltgeistlicher. + Viel, nicht lange. + +Herzog. +Es war ein Augenblick, in dem sie litt, +Ein Augenblick, wo sie um Hilfe rief. +Und ich? Wo war ich da? Welch ein Geschäft, +Welch ein Vergnügen hatte mich gefesselt? +Verkündigte mir nichts das Schreckliche, +Das mir das Leben voneinander riss? +Ich hörte nicht den Schrei, ich fühlte nicht +Den Unfall, der mich ohne Rettung traf. +Der Ahnung heil'ges, fernes Mitgefühl +Ist nur ein Märchen. Sinnlich und verstockt, +Ins Gegenwärtige verschlossen, fühlt +Der Mensch das nächste Wohl, das nächste Weh, +Und Liebe selbst ist in der Ferne taub. + +Weltgeistlicher. +Soviel auch Worte gelten, fühl' ich doch, +Wie wenig sie zum Troste wirken können. + +Herzog. +Das Wort verwundet leichter, als es heilt. +Und ewig wiederholend strebt vergebens +Verlornes Glück der Kummer herzustellen. +So war denn keine Hilfe, keine Kunst +Vermögend, sie ins Leben aufzurufen? +Was hast du, sage mir, begonnen? Was +Zu ihrem Heil versucht? Du hast gewiss +Nichts unbedacht gelassen. + +Weltgeistlicher. + Leider war +Nichts zu bedenken mehr, als ich sie fand. + +Herzog. +Und soll ich ihres Lebens holde Kraft +Auf ewig missen! Lass mich meinen schmerz +Durch meinen Schmerz betrügen, diese Reste +Verewigen. O komm! Wo liegen sie? + +Weltgeistlicher. +In würdiger Kapelle steht ihr Sarg +Allein verwahrt. Ich sehe vom Altar +Durchs Gitter jedes Mal die Stätte, will +Für sie, solang ich lebe, betend flehen. + +Herzog. +O komm und führe mich dahin! Begleiten +Soll uns der Ärzte viel erfahrenster. +Lass uns den schönen Körper der Verwesung +Entreißen! Lass mit edlen Spezereien +Das unschätzbare Bild zusammenhalten! +Ja! Die Atomen alle, die sich einst +Zur köstlichen Gestalt versammelten, +Sie sollen nicht ins Element zurück. + +Weltgeistlicher. +Was darf ich sagen? Muss ich dir bekennen! +Du kannst nicht hin! Ach! Das zerstörte Bild! +Kein Fremder säh' es ohne Jammer an! +Und vor die Augen eines Vaters--Nein, +Verhüt' es Gott! Du darfst sie nicht erblicken. + +Herzog. +Welch neuer Qualenkrampf bedroht mich! + +Weltgeistlicher. +O lass mich schweigen, dass nicht meine Worte +Auch die Erinnrung der Verlornen schänden! +Lass mich verhehlen, wie sie durchs Gebüsch, +Durch Felsen hergeschleift, entstellt und blutig, +Zerrissen und zerschmettert und zerbrochen, +Unkenntlich, mir im Arm zur Erde hing. +Da segnet' ich, von Tränen überfließend, +Der Stunde Heil, in der ich feierlich +Dem holden Vaternamen einst entsagt. + +Herzog. +Du bist nicht Vater! Bist der selbstischen +Verstockten, der Verkehrten einer, die +Ihr abgeschlossnes Wesen unfruchtbar +Verzweifeln lässt. Entferne dich! Verhasst +Erscheinet mir dein Anblick. + +Weltgeistlicher. + Fühlt' ich's doch! +Wer kann dem Boten solcher Not verzeihn? + +(Will sich entfernen.) + +Herzog. +Vergib und bleib. Ein schön entworfnes Bild, +Das wunderbar dich selbst zum zweiten Mal +Vor deinen Augen zu erschaffen strebt, +Hast du entzückt es jemals angestaunt? +O hättest du's! Du hättest diese Form, +Die sich zu meinem Glück, zur Lust der Welt +In tausendfält'gen Zügen auferbaut, +Mir grausam nicht zerstümmelt, mir die Wonne +Der traurigen Erinnrung nicht verkümmert. + +Weltgeistlicher. +Was sollt' ich tun? Dich zu dem Sarge führen, +Den tausend fremde Tränen schon benetzt, +Als ich das morsche, schlotternde Gebein +Zu ruhiger Verwesung eingeweiht? + +Herzog. +Schweig, Unempfindlicher! Du mehrest nur +Den herben Schmerz, den du zu lindern denkst. +O! Wehe! Dass die Elemente nun, +Von keinem Geist der Ordnung mehr beherrscht, +Im leisen Kampf das Götterbild zerstören. +Wenn über werdend Wachsendem vorher +Der Vatersinn mit Wonne brütend schwebte, +So stockt, so kehrt in Moder nach und nach +Vor der Verzweiflung Blick die Lust des Lebens. + +Weltgeistlicher. +Was Lust und Licht Zerstörliches erbaut, +Bewahret lange das verschlossne Grab. + +Herzog. +O weiser Brauch der Alten, das Vollkommne, +Das ernst und langsam die Natur geknüpft, +Des Menschenbilds erhabne Würde, gleich +Wenn sich der Geist, der wirkende, getrennt, +Durch reiner Flammen Tätigkeit zu lösen! +Und wenn die Glut mit tausend Gipfeln sich +Zum Himmel hob und zwischen Dampf und Wolken, +Des Adlers Fittich deutend sich bewegte, +Da trocknete die Träne, freier Blick +Der Hinterlassnen stieg dem neuen Gott +In des Olymps verklärte Räume nach. +O sammle mir in köstliches Gefäß +Der Asche, der Gebeine trüben Rest, +Dass die vergebens ausgestreckten Arme +Nur etas fassen, dass ich dieser Brust, +Die sehnsuchtsvoll sich in das Leere drängt, +Den schmerzlichsten Besitz entgegendrücke. + +Westgeistlicher. +Die Trauer wird durch Trauern immer herber. + +Herzog. +Durch Trauern wird die Trauer zum Genuss. +O dass ich doch geschwundner Asche Rest, +Im kleinen Hause, wandernd, immer weiter, +Bis zu dem Ort, wo ich zuletzt sie sah, +Als Büßender mit kurzen Schritten trüge! +Dort lag sie tot in meinen Armen, dort +Sah ich, getäuscht, sie in das Leben kehren. +Ich glaubte, sie zu fassen, sie zu halten, +Und nun ist sie auf ewig mir entrückt. +Dort aber will ich meinen Schmerz verew'gen. +Ein Denkmal der Genesung hab' ich dort +In meines Traums Entzückungen gelobt-- +Schon führet klug des Gartenmeisters Hand +Durch Busch und Fels bescheidne Wege her, +Schon wird der Platz gerundet, wo mein König +Als Oheim sie an seine Brust geschlossen, +Und ebenmaß und Ordnung will den Raum +Verherrlichen, der mich so hoch beglückt. +Doch jede Hand soll feiern! Halb vollbracht +Soll dieser Plan wie mein Geschick erstarren! +Das Denkmal nur, ein Denkmal will ich stiften, +Von rauen Steinen ordnungslos getürmt, +Dorthin zu wallen, stille zu verweilen, +Bis ich vom Leben endlich selbst genese. +O lasst mich dort, versteint, am Steine ruhn, +Bis aller Sorgfalt lichtgezogne Spur +Aus dieser Wüste Trauersitz verschwindet! +Mag sich umher der freie Platz berasen, +Mag sich der Zweig dem Zweige wild verflechten, +Der Birke hangend Haar den Boden schlagen, +Der junge Busch zum Baume sich erheben, +Mit Moos der glatte Stamm sich überziehn; +Ich fühle keine Zeit; denn sie ist hin, +An deren Wachstum ich die Jahre maß. + +Weltgeistlicher. +Den viel bewegten Reiz der Welt zu meiden, +Das Einerlei der Einsamkeit zu wählen, +Wird sich's der Mann erlauben, der sich oft +Wohltätiger Zerstreuung übergab, +Wenn Unerträgliches, mit Felsenlast +Herbei sich wälzend, ihn bedrohend, schlich? +Hinaus! Mit Flügelschnelle durch das Land, +Durch fremde Reiche, dass vor deinem Sinn +Der Erde Bilder heilend sich bewegen. + +Herzog. +Was hab' ich in der Welt zu suchen, wenn +Ich sie nicht wieder finde, die allein +Ein Gegenstand für meine Blicke war? +Soll Fluss und Hügel, Tal und Wald und Fels +Vorüber meinen Augen gehen und nur +Mir das Bedürfnis wecken, jenes Bild, +Das einzige geliebte, zu erhaschen? +Vom hohen Berg hinab, ins weite Meer, +Was soll für mich ein Reichtum der Natur, +Der an Verlust und Armut mich erinnert! + +Weltgeistlicher. +Und neue Güter eignest du dir an! + +Herzog. +Nur durch der Jugend frisches Auge mag +Das längst Bekannte neubelebt uns rühren, +Wenn das Erstaunen, das wir längst verschmäht, +Von Kindes Munde hold uns widerklingt. +So hofft' ich, ihr des Reichs bebaute Flächen, +Der Wälder Tiefen, der Gewässer Flut +Bis an das offne Meer zu zeigen, dort +Mich ihres trunknen Blicks ins Unbegrenzte +Mit unbegrenzter Liebe zu erfreun. + +Weltgeistlicher. +Wenn du, erhabner Fürst, des großen Lebens +Beglückte Tage der Beschauung nicht +Zu widmen trachtetest, wenn Tätigkeit +Fürs Wohl Unzähliger am Throne dir +Zum Vorzug der Geburt den herrlichern +Des allgemeinen, edlen Wirkens gab, +So ruf' ich dich im Namen aller auf: +Ermanne dich! Und lass die trüben Stunden, +Die deinen Horizont umziehn, für andre, +Durch Trost und Rat und Hilfe, lass für dich +Auch diese Stunden so zum Feste werden. + +Herzog. +Wie schal und abgeschmackt ist solch ein Leben, +Wenn alles Regen, alles Treiben stets +Zu neuem Regen, neuem Treiben führt +Und kein geliebter Zweck euch endlich lohnt. +Den sah ich nur in ihr, und so besaß +Und so erwarb ich mit Vergnügen, ihr +Ein kleines Reich anmut'gen Glücks zu schaffen. +So war ich heiter, aller Menschen Freund, +Behilflich, wach, zu Rat und Tat bequem. +Den Vater lieben sie! So sagt' ich mir, +Dem Vater danken sie's und werden auch +Die Tochter einst als werte Freundin grüßen. + +Weltgeistlicher. +Zu süßen Sorgen bleibt nun keine Zeit! +Ganz andre fordern dich, erhabner Mann! +Darf ich's erwähnen? Ich, der unterste +Von deinen Dienern? Jeder ernste Blick +In diesen trüben Tagen ist auf dich, +Auf deinen Wert, auf deine Kraft gerichtet. + +Herzog. +Der Glückliche nur fühlt sich Wert und Kraft. + +Weltgeistlicher. +So tiefer Schmerzen heiße Qual verbürgt +Dem Augenblick unendlichen Gehalt, +Mir aber auch Verzeihung, wenn sich kühn +Vertraulichkeit von meinen Lippen wagt. +Wie heftig wilde Gärung unten kocht, +Wie Schwäche kaum sich oben schwankend hält; +Nicht jedem wird es klar, dir aber ist's +Mehr als der Menge, der ich angehöre. +O zaudre nicht, im nahen Sturmgewitter +Das falsch gelenkte Steuer zu ergreifen! +Zum Wohle deines Vaterlands verbanne +Den eignen Schmerz; sonst werden tausend Väter +Wie du um ihre Kinder weinen, tausend +Und aber tausend Kinder ihre Väter +Vermissen, Angstgeschrei der Mütter grässlich +An hohler Kerkerwand verklingend hallen. +O bringe deinen Jammer, deinen Kummer +Auf dem Altar des allgemeinen Wohls +Zum Opfer dar, und alle, die zu rettest, +Gewinnst du dir als Kinder zum Ersatz. + +Herzog. +Aus grauenvollen Winkeln führe nicht +Mir der Gespenster dichte Schar heran, +Die meiner Tochter liebliche Gewalt +Mir zaubrisch oft und leicht hinweggebannt. +Sie ist dahin, die schmeichlerische Kraft, +Die meinen Geist in holde Träume sang. +Nun drängt das Wirkliche mit dichten Massen +An mich heran und droht, mich zu erdrücken. +Hinaus, hinaus! Von dieser Welt hinweg! +Und lügt mir nicht das Kleid, in dem du wandelst, +So führe mich zur Wohnung der Geduld, +Ins Kloster führe mich und lass mich dort, +Im allgemeinen Schweigen, stumm, gebeugt, +Ein müdes Leben in die Grube senken. + +Weltgeistlicher. +Mir ziemt es kaum, dich an die Welt zu weisen; +Doch andre Worte sprech' ich kühner aus. +Nicht in das Grab, nicht übers Grab verschwendet +Ein edler Mann der Sehnsucht hohen Wert. +Er kehrt in sich zurück und findet staunend +In seinem Busen das Verlorene wieder. + +Herzog. +Dass ein Besitz so fest sich hier erhält, +Wenn das Verlorne fern und ferner flieht, +Das ist die Qual, die das geschiedene, +Für ewig losgerissne Glied aufs neue +Dem Schmerz ergriffnen Körper fügen will. +Getrenntes Leben, wer vereinigt's wieder? +Vernichtetes, wer stellt es her? + +Weltgeistlicher. + Der Geist! +Des Menschen Geist, dem nichts verloren geht, +Was er von Wert mit Sicherheit besessen. +So lebt Eugenie vor dir, sie lebt +In deinem Sinne, den sie sonst erhub, +Dem sie das Anschaun herrlicher Natur +Lebendig aufgeregt; so wirkt sie noch +Als hohes Vorbild, schützet vor Gemeinem, +Vor Schlechtem dich, wie's jede Stunde bringt, +Und ihrer Würde wahrer Glanz verscheuchet +Den eitlen Schein, der dich bestechen will. +So fühle dich durch ihre Kraft beseelt! +Und gib ihr so ein unzerstörlich Leben, +Das keine Macht entreißen kann, zurück. + +Herzog. +Lass eines dumpfen, dunklen Traumgeflechtes +Verworrne Todesnetze mich zerreißen! +Und bleibe mir, du vielgeliebtes Bild, +Vollkommen, ewig jung und ewig gleich! +Lass deiner klaren Augen reines Licht +Mich immerfort umglänzen! Schwebe vor, +Wohin ich wandle, zeige mir den Weg +Durch dieser Erde Dornenlabyrinth! +Du bist kein Traumbild, wie ich dich erblicke; +Du warst, du bist. Die Gottheit hatte dich +Vollendet einst gedacht und dargestellt. +So bist du teilhaft des Unendlichen, +Des Ewigen, und bist auf ewig mein. + + + + +Vierter Aufzug +(Platz am Hafen. Zur einen Seite ein Palast, auf der andern eine Kirche, +im Grund eine Reihe Bäume, durch die man nach dem Hafen hinab sieht.) + + + +Erster Auftritt +Eugenie, in einen Schleier gehüllt, auf einer Bank im Grunde, +mit dem Gesicht nach der See. Hofmeisterin, Gerichtsrat im +Vordergrunde. + +Hofmeisterin. +Drängt unausweichlich ein betrübt Geschäft +Mich aus dem Mittelpunkt des Reiches, mich +Aus dem Bezirk der Hauptstadt an die Grenze +Des festen Lands zu diesem Hafenplatz, +So folgt mir streng die Sorge, Schritt vor Schritt, +Und deutet mir bedenklich in die Weite. +Wie müssen Rat und Anteil eines Manns, +Der allen edel, zuverlässig gilt, +Mir als ein Leitstern wonniglich erscheinen! +Verzeih daher, wenn ich mit diesem Blatt, +Das mich zu solcher schweren Tat berechtigt, +Zu dir mich wendend komme, den so lange +Man im Gericht, wo viel Gerechte wirken, +Erst pries als Beistand, nun als Richter preist. + +Gerichtsrat (der indessen das Blatt nachdenkend angesehen). +Nicht mein Verdienst, nur mein Bemühen war +Vielleicht zu preisen. Sonderbar jedoch +Will es mich dünken, dass du eben diesen, +Den du gerecht und edel nennen willst, +In solcher Sache fragen, ihm getrost +Solch ein Papier vors Auge dringen magst, +Worauf er nur mit Schauder blicken kann. +Nicht ist von Recht, noch von Gericht die Rede; +Hier ist Gewalt! Entsetzliche Gewalt, +Selbst wenn sie klug, selbst wenn sie weise handelt. +Anheim gegeben ward ein edles Kind, +Auf Tod und Leben--sag' ich wohl zu viel?-- +Anheim gegeben deiner Willkür. Jeder, +Sei er Beamter, Kriegsmann, Bürger, alle +Sind angewiesen, dich zu schützen, sie +Nach deines Worts Gesetzen zu behandeln. + +(Er gibt das Blatt zurück.) + +Hofmeisterin. +Auch hier beweise dich gerecht und lass +Nicht dies Papier allein als Kläger sprechen, +Auch mich, die hart Verklagte, höre nun +Und meinen offnen Vortrag günstig an. +Aus edlem Blut entspross die Treffliche; +Von jeder Gabe, jeder Tugend schenkt' +Ihr die Natur den allerschönsten Teil, +Wenn das Gesetz ihr andre Rechte weigert. +Und nun verbannt! Ich sollte sie dem Kreise +Der Ihrigen entführen, sie hierher, +Hinüber nach den Inseln sie geleiten. + +Gerichtsrat. +Gewissem Tod entgegen, der im Qualm +Erhitzter Dünste schleichend überfällt. +Dort soll verwelken diese Himmelsblume, +Die Farbe dieser Wange dort verbleichen! +Verschwinden die Gestalt, die sich das Auge +Mit Sehnsucht immer zu erhalten wünscht. + +Hofmeisterin. +Bevor du richtest, höre weiter an! +Unschuldig ist, bedarf es wohl Beteurung? +Doch vieler Übel Ursach' dieses Kind. +Sie als des Haders Apfel warf ein Gott +Erzürnt ins Mittel zwischen zwei Parteien, +Die sich, auf ewig nun getrennt, bekämpfen. +Sie will der eine Teil zum höchsten Glück +Berechtigt wissen, wenn der andre sie +Hinabzudrängen strebt. Entschieden beide!-- +Und so umschlang ein heimlich Labyrinth +Verschmitzten wirkens doppelt ihr Geschick, +So schwankte List um List im Gleichgewicht, +Bis ungeduld'ge Leidenschaft zuletzt +Den Augenblick entschiedenen Gewinns +Beschleunigte. Da brach von beiden Seiten +Die Schranke der Verstellung, drang Gewalt, +Dem Staate selbst gefährlich, drohend los, +Und nun, sogleich der Schuld'gen Schuld zu hemmen, +Zu tilgen, trifft ein hoher Götterspruch +Des Kampfs unschuld'gen Anlass, meinen Zögling, +Und reißt, verbannend, mich mit ihm dahin. + +Gerichtsrat. +Ich schelte nicht das Werkzeug, rechte kaum +Mit jenen Mächten, die sich solche Handlung +Erlauben können. Leider sind auch sie +Gebunden und gedrängt. Sie wirken selten +Aus freier Überzeugung. Sorge, Furcht +Vor größerm Übel nötiget Regenten +Die nützlich ungerechten Taten ab. +Vollbringe, was du musst, entferne dich +Aus meiner Enge rein gezognem Kreis. + +Hofmeisterin. +Den eben such' ich auf! Da dring' ich hin! +Dort hoff' ich Heil! Du wirst mich nicht verstoßen. +Den werten Zögling wünscht' ich lange schon +Vom Glück zu überzeugen, das im Kreise +Des Bürgerstandes hold genügsam weilt. +Entsagte sie der nicht gegönnten Höhe, +Ergäbe sich des biedern Gatten Schutz +Und wendete von jenen Regionen, +Wo sie Gefahr, Verbannung, Tod umlauern, +Ins Häusliche den liebevollen Blick; +Gelöst wär' alles, meiner strengen Pflicht +Wär' ich entledigt, könnt' im Vaterland +Vertrauter Stunden mich verweilend freuen. + +Gerichtsrat. +Ein sonderbar Verhältnis zeigst du mir! + +Hofmeisterin. +Dem klug entschlossnen Manne zeig' ich's an. + +Gerichtsrat. +Du gibst sie frei, wenn sich ein Gatte findet? + +Hofmeisterin. +Und reichlich ausgestattet geb' ich sie. + +Gerichtsrat. +So übereilt, wer dürfte sich entschließen? + +Hofmeisterin. +Nur übereilt bestimmt die Neigung sich. + +Gerichtsrat. +Die Unbekannte wählen wäre Frevel. + +Hofmeisterin. +Dem ersten Blick ist sie gekannt und wert. + +Gerichtsrat. +Der Gattin Feinde drohen auch dem Gatten. + +Hofmeisterin. +Versöhnt ist alles, wenn sie Gattin heißt. + +Gerichtsrat. +Und ihr Geheimnis, wird man's ihm entdecken? + +Hofmeisterin. +Vertrauen wird man dem Vertrauenden. + +Gerichtsrat. +Und wird sie frei solch einen Bund erwählen? + +Hofmeisterin. +Ein großes Übel dränget sie zur Wahl. + +Gerichtsrat. +In solchem Fall zu werben, ist es redlich? + +Hofmeisterin. +Der Rettende fasst an und klügelt nicht. + +Gerichtsrat. +Was forderst du vor allen andern Dingen? + +Hofmeisterin. +Entschließen soll sie sich im Augenblick. + +Gerichtsrat. +Ist euer Schicksal ängstlich so gesteigert? + +Hofmeisterin. +Im Hafen regt sich emsig schon die Fahrt. + +Gerichtsrat. +Hast du ihr früher solchen Bund geraten? + +Hofmeisterin. +Im allgemeinen deutet' ich dahin. + +Gerichtsrat. +Entfernte sie unwillig den Gedanken? + +Hofmeisterin. +Noch war das alte Glück ihr allzu nah. + +Gerichtsrat. +Die schönen Bilder, werden sie entweichen? + +Hofmeisterin. +Das hohe Meer hat sie hinweggeschreckt. + +Gerichtsrat. +Sie fürchtet, sich vom Vaterland zu trennen? + +Hofmeisterin. +Sie fürchtet's, und ich fürcht' es wie den Tod. +O lass uns, Edler, glücklich Aufgefundner, +Vergebne Worte nicht bedenklich wechseln! +Noch lebt in dir, dem Jüngling, jede Tugend, +Die mächt'gen Glaubens, unbedingter Liebe +Zu nie genug geschätzter Tat bedarf. +Gewiss umgibt ein schöner Kreis dich auch +Von Ähnlichen! Von Gleichen sag' ich nicht! +O seih dich um in deinem eignen Herzen, +In deiner Freunde Herzen sieh umher, +Und findest du ein überfließend Maß +Von Liebe, von Ergebung, Kraft und Mut, +So werde dem Verdientesten dies Kleinod +Mit stillem Segen heimlich übergeben! + +Gerichtsrat. +Ich weiß, ich fühle deinen Zustand, kann +Und mag nicht mit mir selbst bedächtig erst. +Wie Klugheit forderte, zu Rate gehen! +Ich will sie sprechen. + +Hofmeisterin (tritt zurück gegen Eugenie). + +Gerichtsrat. +Was geschehen soll, +Es wird geschehn! In ganz gemeinen Dingen +Hängt viel von Wahl und Wollen ab; das Höchste, +Was uns begegnet, kommt wer weiß woher. + + + +Zweiter Auftritt +Eugenie. Gerichtsrat. + +Gerichtsrat. +Indem du mir, verehrte Schöne, nahst, +So zweifl' ich fast, ob man mich treu berichtet. +Du bist unglücklich, sagt man; doch du bringst, +Wohin du wandelst, Glück und Heil heran. + +Eugenie. +Find' ich den ersten, dem aus tiefer Not +Ich Blick und Wort entgegen wenden darf, +So mild und edel, als du mir erscheinst; +Dies Angstgefühl, ich hoffe, wird sich lösen. + +Gerichtsrat. +Ein viel Erfahrner wäre zu bedauern, +Wär' ihm das Los gefallen, das dich trifft; +Wie ruft nicht erst bedrängter Jugend Kummer +Die Mitgefühle hilfsbedürftig an! + +Eugenie. +So hob ich mich vor kurzem aus der Nacht +Des Todes an des Tages Licht herauf, +Ich wusste nicht, wie mir geschehn! Wie hart +Ein jäher Sturz mich lähmend hingestreckt. +Da rafft' ich mich empor, erkannte wieder +Die schöne Welt, ich sah den Arzt bemüht, +Die Flamme wieder anzufachen, fand +In meines Vaters liebevollem Blick, +An seinem Ton mein Leben wieder. Nun +Zum zweiten Mal, von einem jähern Sturz, +Erwach' ich! Fremd und schattengleich erscheint +Mir die Umgebung, mir der Menschen Wandeln, +Und deine Milde selbst ein Traumgebild. + +Gerichtsrat. +Wenn Fremde sich in unsre Lage fühlen, +Sind sie wohl näher als die Nächsten, die +Oft unsern Gram als wohlbekanntes Übel +Mit lässiger Gewohnheit übersehn. +Dein Zustand ist gefährlich! Ob er gar +Unheilbar sei, wer wagt es zu entscheiden! + +Eugenie. +Ich habe nichts zu sagen! Unbekannt +Sind mir die Mächte, die mein Elend schufen. +Du hast das Weib gesprochen, jene weiß; +Ich dulde nur dem Wahnsinn mich entgegen. + +Gerichtsrat. +Was auch der Obermacht gewalt'gen Schluss +Auf dich herab gerufen, leichte Schuld, +Ein Irrtum, den der Zufall schädlich leitet; +Die Achtung bleibt, die Neigung spricht für dich. + +Eugenie. +Des reinen Herzens traulich mir bewusst, +Sinn' ich der Wirkung kleiner Fehler nach. + +Gerichtsrat. +Auf ebnem Boden straucheln ist ein Scherz, +Ein Fehltritt stürzt vom Gipfel dich herab. + +Eugenie. +Auf jenen Gipfeln schwebt' ich voll Entzücken, +Der Freunde Übermaß verwirrte mich. +Das nahe Glück berührt' ich schon im Geist, +Ein köstlich Pfand lag schon in meinen Händen. +Nur wenig Ruhe! Wenige Geduld! +Und alles war, so darf ich glauben, mein. +Doch übereilt' ich's, überließ mich rasch +Zudringlicher Versuchung.--War es das?-- +Ich sah, ich sprach, was mir zu sehn, zu sprechen +Verboten war. Wird ein so leicht Vergehn +So hart bestraft? Ein lässlich scheinendes, +Scherzhafter Probe gleichendes Verbot, +Verdammt's den Übertreter ohne Schonung? +O, so ist's wahr, was uns der Völker Sagen +Unglaublich überliefern! Jenes Apfels +Leichtsinnig augenblicklicher Genuss +Hat aller Welt unendlich Weh verschuldet. +So ward auch mir ein Schlüssel anvertraut! +Verbotne Schätze wagt' ich aufzuschließen, +Und aufgeschlossen hab' ich mir das Grab. + +Gerichtsrat. +Des Übels Quelle findest du nicht aus, +Und aufgefunden fließt sie ewig fort. + +Eugenie. +In kleinen Fehlern such' ich's, gebe mir +Aus eitlem Wahn die Schuld so großer Leiden. +Nur höher, höher wende den Verdacht! +Die beiden, denen ich mein ganzes Glück +Zu danken hoffte, die erhabnen Männer, +Zum Scheine reichten sie sich Hand um Hand. +Der innre Zwist unsicherer Parteien, +Der nur in düstern Höhlen sich geneckt, +Er bricht vielleicht ins Freie bald hervor! +Und was mich erst als Furcht und Sorg' umgeben, +Entscheidet sich, indem es mich vernichtet, +Und droht Vernichtung aller Welt umher. + +Gerichtsrat. +Du jammerst mich! Das Schicksal einer Welt +Verkündest du nach deinem Schmerzgefühl. +Und schien dir nicht die Erde froh und glücklich, +Als du, ein heitres Kind, auf Blumen schrittest? + +Eugenie. +Wer hat es reizender als ich gesehn, +Der Erde Glück mit allen seinen Blüten. +Ach, alles um mich her, es war so reich, +So voll und rein, und was der Mensch bedarf, +Es schien zur Lust, zum Überfluss gegeben. +Und wem verdankt' ich solch ein Paradies? +Der Vaterliebe dankt' ich's, die, besorgt +Ums Kleinste, wie ums Größte, mich verschwendrisch +Mit Prachtgenüssen zu erdrücken schien +Und meinen Körper, meinen Geist zugleich, +Ein solches Wohl zu tragen, bildete. +Wenn alles weichlich Eitle mich umgab, +Ein wonniges Behagen mir zu schmeicheln, +So rief mich ritterlicher Trieb hinaus, +Zu Ross und Wagen, mit Gefahr zu kämpfen. +Oft sehnt' ich mich in ferne Weiten hin, +Nach fremder Lande seltsam neuen Kreisen. +Dorthin versprach der edle Vater mich, +Ans Meer versprach er mich zu führen, hoffte +Sich meines ersten Blicks ins Unbegrenzte +Mit liebevollem Anteil zu erfreun-- +Da steh' ich nun und schaue weit hinaus, +Und enger scheint mich's, enger zu umschließen. +O Gott, wie schränkt sich Welt und Himmel ein, +Wenn unser Herz in seinen Schranken banget! + +Gerichtsrat. +Unselige! Die mir aus deinen Höhen, +Ein Meteor, verderblich niederstreifst +Und meiner Bahn Gesetz berührend störst! +Auf ewig hast du mir den heitren Blick +Ins volle Meer getrübt. Wenn Phöbus nun +Ein feuerwallend Lager sich bereitet, +Und jedes Auge von Entzücken tränt, +Da werd' ich weg mich wenden, werde dich +Und dein Geschick beweinen. Fern am Rande +Des nachtumgebnen Ozeans erblick' ich +Mit Not und Jammer deinen Pfad umstrickt! +Entbehrung alles nötig lang Gewohnten, +Bedrängnis neuer Übel, ohne Flucht. +Der Sonne glühendes Geschoss durchdringt +Ein feuchtes, kaum der Flut entrissnes Land. +Um Niederungen schwebet, gift'gen Brodens, +Blaudunst'ger Streifen angeschwollne Pest. +Im Vortod seh' ich, matt und hingebleicht, +von Tag zu Tag ein Kummerleben schwanken. +O die so blühend, heiter vor mir steht, +Sie soll so früh langsamen Tods verschwinden! + +Eugenie. +Entsetzen rufst du mir hervor! Dorthin? +Dorthin verstößt man mich! In jenes Land, +Als Höllenwinkel mir von Kindheit auf +In grauenvollen Zügen dargestellt. +Dorthin, wo sich in Sümpfen Schlang' und Tiger +Durch Rohr und Dorngeflechte tückisch drängen, +Wo, peinlich quälend, als belebte Wolken +Um Wandrer sich Insektenscharen ziehn, +Wo jeder Hauch des Windes, unbequem +Und schädlich, Stunden raubt und Leben kürzt. +Zu bitten dacht' ich; flehend siehst du nun +Die Dringende. Du kannst, du wirst mich retten. + +Gerichtsrat. +Ein mächtig ungeheurer Talisman +Liegt in den Händen deiner Führerin. + +Eugenie. +Was ist Gesetz und Ordnung? Können sie +Der Unschuld Kindertage nicht beschützen? +Wer seid denn ihr, die ihr mit leerem Stolz +Durchs Recht Gewalt zu bänd'gen euch berühmt? + +Gerichtsrat. +In abgeschlossnen Kreisen lenken wir +Gesetzlich streng das in der Mittelhöhe +Des Lebens wiederkehrend Schwebende. +Was droben sich in ungemessnen Räumen +Gewaltig seltsam hin und her bewegt, +Belebt und tötet ohne Rat und Urteil, +Das wird nach anderm Maß, nach andrer Zahl +Vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft. + +Eugenie. +Und ist das alles? Hast du weiter nichts +Zu sagen, zu verkünden? + +Gerichtsrat. + Nichts! + +Eugenie. + Ich glaub' es nicht! +Ich darf's nicht glauben. + +Gerichtsrat. + Lass, o lass mich fort! +Soll ich als feig, als unentschlossen gelten? +Bedauern, jammern? Soll nicht irgendhin +Mit kühner Hand auf deine Rettung deuten? +Doch läge nicht in dieser Kühnheit selbst +Für mich die grässlichste Gefahr, von dir +Verkannt zu werden? Mit verfehltem Zweck +Als frevelhaft unwürdig zu erscheinen? + +Eugenie. +Ich lasse dich nicht los, den mir das Glück, +Mein altes Glück, vertraulich zugesendet. +Mich hat's von Jugend auf gehegt, gepflegt, +Und nun im rauen Sturme sendet mir's +Den edlen Stellvertreter seiner Neigung. +Sollt' ich nicht sehen, fühlen, dass du teil +An mir und meinem Schicksal nimmst? Ich stehe +Nicht ohne Wirkung hier: Du sinnst! Du denkst!-- +Im weiten Kreise rechtlicher Erfahrung +Schaust du zu meinen Gunsten um dich her. +Noch bin ich nicht verloren! Ja, du suchst +Ein Mittel, mich zu retten; hast es wohl +Schon ausgefunden! Mir bekennt's dein Blick, +Dein tiefer, ernster, freundlich trüber Blick. +O kehre dich nicht weg! O sprich es aus, +Ein hohes Wort, das mich zu heilen töne! + +Gerichtsrat. +So wendet voll Vertrauen zum Arzte sich +Der tief Erkrankte, fleht um Linderung, +Fleht um Erhaltung schwer bedrohter Tage; +Als Gott erscheint ihm der erfahrne Mann. +Doch ach! Ein bitter, unerträglich Mittel +Wird nun geboten. Ach! Soll ihm vielleicht +Der edlen Glieder grausame Verstümmlung, +Verlust statt Heilung angekündigt werden? +Gerettet willst du sein! Zu retten bist du, +Nicht herzustellen. Was du warst, ist hin, +Und was du sein kannst, magst du's übernehmen? + +Eugenie. +Um Rettung aus des Todes Nachtgewalt, +Um dieses Lichts erquickenden Genuss, +Um Sicherheit des Daseins ruft zuerst +Aus tiefer Not ein Halbverlorner noch. +Was dann zu heilen sei, was zu erstatten, +Was zu vermissen, lehre Tag um Tag. + +Gerichtsrat. +Und nächst dem Leben, was erflehst du dir? + +Eugenie. +Des Vaterlandes vielgeliebten Boden! + +Gerichtsrat. +Du forderst viel im einz'gen, großen Wort! + +Eugenie. +Ein einzig Wort enthält mein ganzes Glück. + +Gerichtsrat. +Den Zauberbann, wer wagt's, ihn aufzulösen? + +Eugenie. +Der Tugend Gegenzauber siegt gewiss! + +Gerichtsrat. +Der obern Macht ist schwer zu widerstehen. + +Eugenie. +Allmächtig ist sie nicht, die obre Macht. +Gewiss! Dir gibt die Kenntnis jener Formen, +Für Hohe wie für Niedre gleich verbindlich, +Ein Mittel an. Du lächelst. Ist es möglich! +Das Mittel ist gefunden! Sprich es aus! + +Gerichtsrat. +Was hilf' es, meine Beste, wenn ich dir +Von Möglichkeiten spräche! Möglich scheint +Fast alles unsern Wünschen; unsrer Tat +Setzt sich von innen wie von außen viel, +Was sie durchaus unmöglich macht, entgegen. +Ich kann, ich darf nicht reden, lass mich los! + +Eugenie. +Und wenn du täuschen solltest!--Wäre nur +Für Augenblicke meiner Phantasie +Ein zweifelhafter, leichter Flug vergönnt! +Ein Übel um das andre biete mir! +Ich bin gerettet, wenn ich wählen kann. + +Gerichtsrat. +Ein Mittel gibt es, dich im Vaterland +Zurückzuhalten. Friedlich ist's und manchem +Erschien' es auch erfreulich. Große Gunst +Hat es vor Gott und Menschen. Heil'ge Kräfte +Erheben's über alle Willkür. Jedem, +Der's anerkennt, sich's anzueignen weiß, +Verschafft es Glück und Ruhe. Vollbestand +Erwünschter Lebensgüter sind wir ihm, +So wie der Zukunft höchste Bilder schuldig. +Als allgemeines Menschengut verordnet's +Der Himmel selbst und ließ dem Glück, der Kühnheit +Und stiller Neigung Raum, sich's zu erwerben. + +Eugenie. +Welch Paradies in Rätseln stellst du dar? + +Gerichtsrat. +Der eignen Schöpfung himmlisch Erdenglück. + +Eugenie. +Was hilft mein Sinnen! Ich verwirre mich! + +Gerichtsrat. +Errätst du's nicht, so liegt es fern von dir. + +Eugenie. +Das zeige sich, sobald du ausgesprochen. + +Gerichtsrat. +Ich wage viel! Der Ehstand ist es! + +Eugenie. + Wie? + +Gerichtsrat. +Gesprochen ist's, nun überlege du. + +Eugenie. +Mich überrascht, mich ängstet solch ein Wort. + +Gerichtsrat. +Ins Auge fasse, was dich überrascht. + +Eugenie. +Mir lag es fern in meiner frohen Zeit, +Nun kann ich seine Nähe nicht ertragen; +Die Sorge, die Beklemmung mehrt sich nur. +Von meines Vaters, meines Königs Hand +Musst' ich dereinst den Bräutigam erwarten. +Voreilig schwärmte nicht mein Blick umher, +Und keine Neigung wuchs in meiner Brust. +Nun soll ich denken, was ich nie gedacht, +Und fühlen, was ich sittsam weg gewiesen; +Soll mir den Gatten wünschen, eh' ein Mann +Sich liebenswert und meiner wert gezeigt, +Und jenes Glück, das Hymen uns verspricht, +Zum Rettungsmittel meiner Not entweihen. + +Gerichtsrat. +Dem wackern Mann vertraut ein Weib getrost, +Und wär' er fremd, ein zweifelhaft Geschick. +Der ist nicht fremd, wer teilzunehmen weiß, +Und schnell verbindet ein Bedrängter sich +Mit seinem Retter. Was im Lebensgange +Dem Gatten seine Gattin fesselnd eignet, +Ein Sicherheitsgefühl, ihr werd' es nie +An Rat und Trost, an Schutz und Hilfe fehlen, +Das flößt im Augenblick ein kühner Mann +Dem Busen des Gefahr umgebnen Weibes +Durch Wagetat auf ew'ge Zeiten ein. + +Eugenie. +Und mir, wo zeigte sich ein solcher Held? + +Gerichtsrat. +Der Männer Schar ist groß in dieser Stadt. + +Eugenie. +Doch allen bin und bleib' ich unbekannt. + +Gerichtsrat. +Nicht lange bleibt ein solcher Blick verborgen! + +Eugenie. +O täusche nicht ein leicht betrognes Hoffen! +Wo fände sich ein Gleicher, seine Hand +Mir, der Erniedrigten, zu reichen? Dürft' ich +Dem Gleichen selbst ein solches Glück verdanken? + +Gerichtsrat. +Ungleich erscheint im Leben viel, doch bald +Und unerwartet ist es ausgeglichen. +In ew'gem Wechsel wiegt ein Wohl das Weh +Und schnelle Leiden unsre Freuden auf. +Nichts ist beständig! Manches Missverhältnis +Löst unbemerkt, indem die Tage rollen, +Durch Stufenschritte sich in Harmonie. +Und ach! Den größten Abstand weiß die Liebe, +Die Erde mit dem Himmel, auszugleichen. + +Eugenie. +In leere Träume denkst du mich zu wiegen. + +Gerichtsrat. +Du bist gerettet, wenn du glauben kannst. + +Eugenie. +So zeige mir des Retters treues Bild. + +Gerichtsrat. +Ich zeig' ihn dir, er bietet seine Hand! + +Eugenie. +Du! Welch ein Leichtsinn überraschte dich? + +Gerichtsrat. +Entschiedne bleibt auf ewig mein Gefühl. + +Eugenie. +Der Augenblick, vermag er solche Wunder? + +Gerichtsrat. +Das Wunder ist des Augenblicks Geschöpf. + +Eugenie. +Und Irrtum auch der Übereilung Sohn. + +Gerichtsrat. +Ein Mann, der dich gesehen, irrt nicht mehr. + +Eugenie. +Erfahrung bleibt des Lebens Meisterin. + +Gerichtsrat. +Verwirren kann sie, doch das Herz entscheidet. +O lass dir sagen: Wie vor wenig Stunden, +Ich mit mir selbst zu Rate ging und mich +So einsam fühlte, meine ganze Lage, +Vermögen, Stand, Geschäft ins Auge fasste +Und um mich her nach einer Gattin sann, +Da regte Phantasie mir manches Bild, +Die Schätze der Erinnrung sichtend, auf, +Und wohlgefällig schwebten sie vorüber. +Zu keiner Wahl bewegte sich mein Herz. +Doch du erscheinest, ich empfinde nun, +Was ich bedurfte. Dies ist mein Geschick. + +Eugenie. +Die Fremde, Schlechtumgebne, Missempfohlne, +Sie könnte frohen, stolzen Trost empfinden, +Sich so geschätzt, sich so geliebt zu sehn; +Bedächte sie nicht auch des Freundes Glück, +Des edlen Manns, der unter allen Menschen +Vielleicht zuletzt ihr Hilfe bieten mag. +Betrügst du dich nicht selbst? Und wagst du, dich +Mit jener Macht, die mich bedroht, zu messen? + +Gerichtsrat. +Mit jener nicht allein!--Dem Ungestüm +Des rohen Drangs der Menge zu entgehn, +Hat uns ein Gott den schönsten Port bezeichnet. +Im Hause, wo der Gatte sicher waltet, +Da wohnt allein der Friede, den vergebens +Im Weiten du da draußen suchen magst. +Unruh'ge Missgunst, grimmige Verleumdung, +Verhallendes, parteiisches Bestreben, +Nicht wirken sie auf diesen heil'gen Kreis! +Vernunft und Liebe hegen jedes Glück, +Und jeden Unfall mildert ihre Hand. +Komm! Rette dich zu mir! Ich kenne mich! +Und weiß, was ich versprechen darf und kann. + +Eugenie. +Bist du in deinem Hause Fürst? + +Gerichtsrat. + Ich bin's! +Und jeder ist's, der Gute wie der Böse. +Reicht eine Macht denn wohl in jenes Haus, +Wo der Tyrann die holde Gattin kränkt, +Wenn er nach eignem Sinn verworren handelt, +Durch Launen, Worte, Taten jede Lust +Mit Schadenfreude sinnreich untergräbt? +Wer trocknet ihre Tränen? Welch Gesetz, +Welch Tribunal erreicht den Schuldigen? +Er triumphiert, und schweigende Geduld +Senkt nach und nach, verzweifelnd, sie ins Grab. +Notwendigkeit, Gesetz, Gewohnheit gaben +Dem Mann so grobe Rechte; sie vertrauten +Auf seine Kraft, auf seinen Biedersinn.-- +Nicht Heldenfaust, nicht Heldenstamm, geliebte, +Verehrte Fremde, weiß ich dir zu bieten; +Allein des Bürgers hohen Sicherstand. +Und bist du mein, was kann dich mehr berühren? +Auf ewig bist du mein, versorgt, beschützt. +Der König fordre dich von mir zurück; +Als Gatte kann ich mit dem König rechten. + +Eugenie. +Vergib! Mir schwebt noch allzu lebhaft vor, +Was ich verscherzte! Du, Großmütiger, +Bedenkest nur, was mir noch übrig blieb. +Wie wenig ist es! Dieses Wenige +Lehrst du mich schätzen, gibst mein eignes Wesen +Durch dein Gefühl belebend mir zurück. +Verehrung zoll' ich dir. Wie soll ich's nennen? +Dankbare, schwesterlich entzückte Neigung! +Ich fühle mich als dein Geschöpf und kann +Dir leider, wie du wünschest, nicht gehören. + +Gerichtsrat. +So schnell versagst du dir und mir die Hoffnung? + +Eugenie. +Das Hoffnungslose kündet schnell sich an! + + + +Dritter Auftritt +Die Vorigen. Hofmeisterin. + +Hofmeisterin. +Dem günst'gen Wind gehorcht die Flotte schon. +Die Segel schwellen, alles eilt hinab. +Die Scheidenden umarmen tränend sich, +Und von den Schiffen, von dem Strande wehn +Die weißen Tücher noch den letzten Gruß. +Bald lichtet unser Schiff die Anker auch! +Komm! Lass uns gehen! Uns begleitet nicht +Ein Scheidegruß, wir ziehen unbeweint. + +Gerichtsrat. +Nicht unbeweint, nicht ohne bittern Schmerz +Zurückgelassner Freunde, die nach euch +Die Arme rettend strecken. O! Vielleicht +Erscheint, was ihr im Augenblick verschmäht, +Euch blad ein sehnsuchtswertes, fernes Bild. +(Zu Eugenie.) Vor wenigen Minuten nannt' ich dich +Entzückt willkommen! Soll ein Lebewohl +Behend auf ewig unsre Trennung siegeln? + +Hofmeisterin. +Der Unterredung Inhalt, ahn' ich ihn? + +Gerichtsrat. +Zum ew'gen Bunde siehst du mich bereit. + +Hofmeisterin (zu Eugenie). +Und wie erkennst du solch ein groß Erbieten? + +Eugenie. +Mit höchst gerührten Herzens reinstem Dank. + +Hofmeisterin. +Und ohne Neigung, diese Hand zu fassen? + +Gerichtsrat. +Zur Hilfe bietet sie sich dringend an. + +Eugenie. +Das Nächste steht oft unergreifbar fern. + +Hofmeisterin. +Ach! Fern von Rettung stehn wir nur zu bald. + +Gerichtsrat. +Und hast du künftig Drohendes bedacht? + +Eugenie. +Sogar das letzte Drohende, den Tod. + +Hofmeisterin. +Ein angebotnes Leben schlägst du aus? + +Gerichtsrat. +Erwünschte Feier froher Bundestage? + +Eugenie. +Ein Fest versäumt' ich, keins erscheint mir wieder. + +Hofmeisterin. +Gewinnen kann, wer viel verloren, schnell. + +Gerichtsrat. +Noch glänzendem ein dauerhaft Geschick. + +Eugenie. +Hinweg die Dauer, wenn der Glanz verlosch. + +Hofmeisterin. +Der Mögliches bedenkt, lässt sich genügen. + +Gerichtsrat. +Und wem genügte nicht an Lieb' und Treue? + +Eugenie. +Den Schmeichelworten widerspricht mein Herz, +Und widerstrebt euch beiden ungeduldig. + +Gerichtsrat. +Ach, allzu lästig scheint, ich weiß es wohl, +Uns unwillkommne Hilfe! Sie erregt +Nur innern Zwiespalt. Danken möchten wir, +Und sind undankbar, da wir nicht empfangen. +Drum lasst mich scheiden! Doch des Hafenbürgers +Gebrauch und Pflicht vorher an euch erfüllen, +Aufs unfruchtbare Meer von Landesgaben +Zum Lebewohl Erquickungsvorrat widmen. +Dann werd' ich stehen, werde starren Blicks +Geschwollne Segel ferner, immer ferner, +Und Glück und Hoffnung weichend schwinden sehn. + + + +Vierter Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. + +Eugenie. +In deiner Hand, ich weiß es, ruht mein Heil, +Sowie mein Elend. Lass dich überreden! +Lass dich erweichen! Schiffe mich nicht ein! + +Hofmeisterin. +Du lenkest nun, was uns begegnen soll, +Du hast zu wählen! Ich gehorche nur +Der starken Hand, sie stößt mich vor sich hin. + +Eugenie. +Und nennst du Wahl, wenn Unvermeidliches +Unmöglichem sich gegenüberstellt? + +Hofmeisterin. +Der Bund ist möglich, wie der Bann vermeidlich. + +Eugenie. +Unmöglich ist, was Edle nicht vermögen. + +Hofmeisterin. +Für diesen biedern Mann vermagst du viel. + +Eugenie. +In bessre Lagen führe mich zurück; +Und sein Erbieten lohn' ich grenzenlos. + +Hofmeisterin. +Ihm lohne gleich, was ihn allein belohnt: +Zu hohen Stufen heb' ihn deine Hand! +Wenn Tugend, wenn Verdienst den Tüchtigen +Nur langsam fördern, wenn er, still entsagend +Und kaum bemerkt sich andern widmend, strebt, +So führt ein edles Weib ihn leicht ans Ziel. +Hinunter soll kein Mann die Blicke wenden; +Hinauf zur höchsten Frauen kehr' er sich! +Gelingt es ihm, sie zu erwerben, schnell +Geebnet zeigt des Lebens Pfad sich ihm. + +Eugenie. +Verwirrender, verfälschter Worte Sinn +Entwickl' ich wohl aus deinen falschen Reden, +Das Gegenteil erkenn' ich nur zu klar: +Der Gatte zieht sein Weib unwiderstehlich +In seines Kreises abgeschlossne Bahn. +Dorthin ist sie gebannt, sie kann sich nicht +Aus eigner Kraft besondre Wege wählen; +Aus niedrem Zustand führt er sie hervor, +Aus höhern Sphären lockt er sie hernieder. +Verschwundne ist die frühere Gestalt, +Verloschen jede Spur vergangner Tage. +Was sie gewann, wer will es ihr entreißen? +Was sie verlor, wer gibt es ihr zurück? + +Hofmeisterin. +So bricht du grausam dir und mir den Stab. + +Eugenie. +Noch forscht mein Blick nach Rettung hoffnungsvoll. + +Hofmeisterin. +Der Liebende verzweifelt; kannst du hoffen? + +Eugenie. +Ein kalter Mann verlieh' uns bessern Rat. + +Hofmeisterin. +Von Rat und Wahl ist keine Rede mehr; +Du stürzest mich ins Elend, folge mir! + +Eugenie. +O dass ich dich noch einmal freundlich hold +Vor meinen Augen sähe, wie du stets +Von früher Zeit herauf mich angeblickt! +Der Sonne Glanz, die alles Leben regt, +Des klaren Monds erquicklich leiser Schein +Begegneten mir holder nicht als du. +Was konnt' ich wünschen? Vorbereitet war's. +Was durft' ich fürchten? Abgelehnt war alles! +Und zog sich ins Verborgne meine Mutter +Vor ihres Kindes Blicken früh zurück, +So reichtest du ein überfließend Maß +Besorgter Mutterliebe mir entgegen. +Bist du denn ganz verwandelt? Äußerlich +Erscheinst du mir die Vielgeliebte selber; +Doch ausgewechselt ist, so scheint's, dein Herz-- +Du bist es noch, die ich um Kleines und Großes +So oft gebeten, die mir nichts verweigert. +Gewohnter Ehrfurcht kindliches Gefühl, +Es lehrt mich nun, das Höchste zu erbitten. +Und könnt' es mich erniedrigen, dich nun +An Vaters, Königs, dich an Gottes Statt +Gebognen Knies um Rettung anzuflehen? + +(Sie kniet.) + +Hofmeisterin. +In dieser Lage scheinst du meiner nur +Verstellt zu spotten. Falschheit rührt mich nicht. + +(Hebt Eugenie mit Heftigkeit auf.) + +Eugenie. +So hartes Wort, so widriges Betragen, +Erfahr' ich das, erleb' ich das von dir? +Und mit Gewalt verscheuchst du meinen Traum. +Im klaren Lichte seh' ich mein Geschick! +Nicht meine Schuld, nicht jener Großen Zwist, +Des Bruders Tücke hat mich hergestoßen, +Und, mitverschworen, hältst du mich gebannt. + +Hofmeisterin. +Dein Irrtum schwankt nach allen Seiten hin. +Was will der Bruder gegen dich beginnen? +Den bösen Willen hat er, nicht die Macht. + +Eugenie. +Sei's, wie ihm wolle! Noch verschmacht' ich nicht +In ferner Wüste hoffnungslosen Räumen. +Ein lebend Volk bewegt sich um mich her, +Ein liebend Volk, das auch den Vaternamen +Entzückt aus seines Kindes Mund vernimmt. +Die fordr' ich auf. Aus roher Menge kündet +Ein mächt'ger Ruf mir meine Freiheit an. + +Hofmeisterin. +Die rohe Menge hast du nie gekannt, +Sie starrt und staunt und zaudert, lässt geschehn; +Und regt sie sich, so endet ohne Glück, +Was ohne Plan zufällig sie begonnen. + +Eugenie. +Den Glauben wirst du mir mit kaltem Wort +Nicht, wie mein Glück mit frecher Tag, zerstören. +Dort unten hoff' ich Leben, aus dem Leben, +Dort, wo die Masse, tätig strömend, wogt, +Wo jedes Herz, mit wenigem befriedigt, +Für holdes Mitleid gern sich öffnen mag. +Du hältst mich nicht zurück! Ich rufe laut, +Wie furchtbar mich Gefahr und Not bedrängen, +Ins wühlende Gemisch mich stürzend, aus. + + + + +Fünfter Aufzug +(Platz am Hafen.) + + + +Erster Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. + +Eugenie. +Mit welchen Ketten führst du mich zurück? +Gehorch! Ich wider Willen diesmal auch! +Fluchwürdige Gewalt der Stimme, die +Mich einst so glatt zur Folgsamkeit gewöhnte, +Die meines ersten bildsamen Gefühls +Im ganzen Umfang sich bemeisterte! +Du warst es, der ich dieser Worte Sinn +Zuerst verdanke, dieser Sprache Kraft +Und künstliche Verknüpfung; diese Welt +Hab' ich aus deinem Munde, ja, mein eignes Herz. +Nun brauchst du diesen Zauber gegen mich, +Du fesselst mich, du schleppst mich hin und wider, +Mein Geist verwirrt sich, mein Gefühl ermattet, +Und zu den Toten sehn' ich mich hinab. + +Hofmeisterin. +O hätte diese Zauberkraft gewirkt, +Von jenen hohen Plänen abzustehn. + +Eugenie. +Du ahntest solch ungeheures Übel +Und warntest nicht den allzu sichern Mut? + +Hofmeisterin. +Wohl durft' ich warnen, aber leise nur; +Die ausgesprochne Silbe trug den Tod. + +Eugenie. +Und hinter deinem Schweigen lag Verbannung! +Ein Todeswort, willkommner war es mir. + +Hofmeisterin. +Dies Unglück, vorgesehen oder nicht, +Hat mich und dich in gleiches Netz verschlungen. + +Eugenie. +Was kann ich wissen, welch ein Lohn dir wird, +Um deinen armen Zögling zu verderben. + +Hofmeisterin. +Er wartet wohl am fremden Strande mein! +Das Segel schwillt und führt uns beide hin. + +Eugenie. +Noch hat das Schiff in seine Kerker nicht +Mich aufgenommen. Sollt' ich willig gehen? + +Hofmeisterin. +Und riefst du nicht das Volk zur Hilfe schon? +Es staunte nur dich an und schwieg und ging. + +Eugenie. +Mit ungeheurer Not im Kampfe, schien +Ich dem gemeinen Blick des Wahnsinns Beute. +Doch sollst du mir mit Worten, mit Gewalt +Den mut'gen Schritt nach Hilfe nicht verkümmern. +Die Ersten dieser Stadt erheben sich +Aus ihren Häusern dem Gestadte zu, +Die Schiffe zu bewundern, die gereiht, +Uns unerwünscht das hohe Meer gewinnen. +Schon regt sich am Palast des Gouverneurs +Die Wache. Jener ist es, der die Stufen, +Von mehreren begleitet, niedersteigt. +Ich will ihn sprechen, ihm den Fall erzählen! +Und ist er wert, an meines Königs Platz +Den wichtigsten Geschäften vorzustehn, +So weist er mich nicht unerhört von hinnen. + +Hofmeisterin. +Ich hindre dich an diesem Schritte nicht, +Doch nennst du keinen Namen, nur die Sache. + +Eugenie. +Den Namen nicht, bis ich vertrauen darf. + +Hofmeisterin. +Es ist ein edler junger Mann und wird, +Was er vermag, mit Anstand gern gewähren. + + + +Zweiter Auftritt +Die Vorigen. Der Gouverneur. Adjutanten. + +Eugenie. +Dir in den Weg zu treten, darf ich's wagen? +Wirst du der kühnen Fremden auch verzeihn? + +Gouverneur (nachdem er sie aufmerksam betrachtet). +Wer sich wie du dem ersten Blick empfiehlt, +Der ist gewiss des freundlichsten Empfangs. + +Eugenie. +Nicht froh und freundlich ist es, was ich bringe, +Entgegen treibt mich dir die höchste Not. + +Gouverneur. +Ist, sie zu heben, möglich, sei mir's Pflicht; +Ist sie auch nur zu lindern, soll's geschehn. + +Eugenie. +Von hohem Haus entspross die Bittende; +Doch leider ohne Namen tritt sie auf. + +Gouverneur. +Ein Name wird vergessen; dem Gedächtnis +Schreibt solch ein Bild sich unauslöschlich ein. + +Eugenie. +Gewalt und List entreißen, führen, drängen +Mich von des Vaters Brust ans wilde Meer. + +Gouverneur. +Wer durfte sich an diesem Friedensbild +Mit ungeweihter Feindeshand vergreifen? + +Eugenie. +Ich selbst vermute nur! Mich überrascht +Aus meinem eignen Hause dieser Schlag. +Von Eigennutz und bösem Rat geleitet, +Sann mir ein Bruder dies Verderben aus, +Und diese hier, die mich erzogen, steht, +Mir unbegreiflich, meinen Feinden bei. + +Hofmeisterin. +Ihr steh' ich bei und mildre großes Übel, +Das ich zu heilen leider nicht vermag. + +Eugenie. +Ich soll zu Schiffe steigen, fordert sie! +Nach jenen Ufern führt sie mich hinüber! + +Hofmeisterin. +Geb' ich auf solchem Weg ihr das Geleit, +So zeigt es Liebe, Muttersorgfalt an. + +Gouverneur. +Verzeiht, geschätzte Frauen, wenn ein Mann, +Der, jung an Jahren, manches in der Welt +Gesehn und überlegt, im Augenblick, +Da er euch sieht und hört, bedenklich stutzt. +Vertrauen scheint ihr beide zu verdienen, +Und ihr misstraut einander beide selbst, +So scheint es wenigstens. Wie soll ich nun +Des wunderbaren Knotens Rätselschlinge, +Die euch umstrickt, zu lösen übernehmen? + +Eugenie. +Wenn du mich hören willst, vertrau' ich mehr. + +Hofmeisterin. +Auch ich vermöchte manches zu erklären. + +Gouverneur. +Dass uns mit Fabeln oft ein Fremder täuscht, +Muss auch der Wahrheit schaden, wenn wir sie +In abenteuerlicher Hülle sehn. + +Eugenie. +Misstraust du mir, so bin ich ohne Hilfe. + +Gouverneur. +Und traut' ich auch, ist doch zu helfen schwer. + +Eugenie. +Nur zu den Meinen sende mich zurück. + +Gouverneur. +Verlorne Kinder aufzunehmen, gar +Entwendete, verstoßne zu beschützen, +Bringt wenig Dank dem wohl gesinnten Mann. +Um Gut und Erbe wird sogleich ein Streit, +Um die Person, ob sie die rechte sei, +Gehässig aufgeregt, und wenn Verwandte +Ums Mein und dein gefühllos hadern, trifft +Den Fremden, der sich eingemischt, der Hass +Von beiden Teilen, und nicht selten gar, +Weil ihm der strengere Beweis nicht glückt, +Steht er zuletzt auch vor Gericht beschämt. +Verzeih mir also, wenn ich nicht sogleich +Mit Hoffnung dein Gesuch erwidern kann. + +Eugenie. +Ziemt eine solche Furcht dem edlen Mann, +Wohin soll sich ein Unterdrückter wenden? + +Gouverneur. +Doch wenigstens entschuldigst du gewiss +Im Augenblick, wo ein Geschäft mich ruft, +Wenn ich auf morgen frühe dich hinein +In meine Wohnung lade, dort genauer +Das Schicksal zu erfahren, das dich drängt. + +Eugenie. +Mit Freuden werd' ich kommen. Nimm voraus +Den lauten Dank für meine Rettung an! + +Hofmeisterin (die ihm ein Papier überreicht). +Wenn wir auf deine Ladung nicht erscheinen, +So ist dies Blatt Entschuldigung genug. + +Gouverneur (der es aufmerksam eine Weile angesehn, +es zurückgebend). +So kann ich freilich nur beglückte Fahrt, +Ergebung ins Geschick und Hoffnung wünschen. + + + +Dritter Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. + +Eugenie. +Ist dies der Talisman, mit dem du mich +Entführst, gefangen hältst, der alle Guten, +Die sich zu Hilfe mir bewegen, lähmt? +Lass mich es ansehn, dieses Todesblatt! +Mein Elend kenn' ich, nun, so lass mich auch, +Wer es verhängen konnte, lass mich's wissen. + +Hofmeisterin (die das Blatt offen darzeigt). +Hier! Sieh herein. + +Eugenie (sich weg wendend). + Entsetzliches Gefühl! +Und überlebt' ich's, wenn des Vaters Name, +Des Königs Name mir entgegen blitzte? +Noch ist die Täuschung möglich, dass verwegen +Ein Kronbeamter die Gewalt missbraucht +Und, meinem Bruder frönend, mich verletzt. +Da bin ich noch zu retten. Eben dies +Will ich erfahren! Zeige her! + +Hofmeisterin (wie oben). + Du siehst's! + +Eugenie (wie oben). +Der Mut verlässt mich! Nein, ich wag' es nicht. +Sei's, wie es will, ich bin verloren, bin +Aus allem Vorteil dieser Welt gestoßen; +Entsag' ich denn auf ewig dieser Welt! +O dies vergönnst du mir! Du willst es ja, +Die Feinde wollen meinen Tod, sie wollen +Mich lebend eingescharrt. Vergönne mir, +Der Kirche mich zu nähern, die begierig +So manch unschuldig Opfer schon verschlang. +Hier ist der Tempel; diese Pforte führt +Zu stillem Jammer, wie zu stillem Glück. +Lass diesen Schritt mich ins Verborgne tun! +Was mich daselbst erwartet, sei mein Los. + +Hofmeisterin. +Ich sehe, die Äbtissin steigt, begleitet +Von zwei der Ihren, zu dem Platz herab; +Auch sie ist jung, von hohem Haus entsprossen; +Entdeck' ihr deinen Wunsch, ich hindr' es nicht. + + + +Vierter Auftritt +Die Vorigen. Äbtissin. Zwei Nonnen. + +Eugenie. +Betäubt, verworren, mit mir selbst entzweit +Und mit der Welt, verehrte heil'ge Jungfrau, +Siehst du mich hier. Die Angst des Augenblicks, +Die Sorge für die Zukunft treiben mich +In deine Gegenwart, in der ich Lindrung +Des ungeheuren Übels hoffen darf. + +Äbtissin. +Wenn Ruhe, wenn Besonnenheit und Friede +Mit Gott und unserm eigenen Herzen sich +Mitteilen lässt, so soll es, edle Fremde, +Nicht fehlen an der Lehre treuem Wort, +Dir einzuflößen, was der Meinen Glück +Und meins für heut' sowie auf ewig fördert. + +Eugenie. +Unendlich ist mein Übel, schwerlich möcht' +Es durch der Worte göttliche Gewalt +Sogleich zu heilen sein. O nimm mich auf +Und lass mich weilen, wo du weilst, mich erst +In Tränen lösen diese Bangigkeit +Und mein erleichtert Herz dem Troste weihen! + +Äbtissin. +Wohl hab' ich oft im heiligen Bezirk +Der Erde Tränen sich in göttlich Lächeln +Verwandeln sehn, in himmlisches Entzücken, +Doch drängt man sich gewaltsam nicht herein; +Gar manche Prüfung muss die neue Schwester +Und ihren ganzen Wert uns erst entwickeln. + +Hofmeisterin. +Entschiedner Wert ist leicht zu kennen, leicht, +Was du bedingen möchtest, zu erfüllen. + +Äbtissin. +Ich zweifle nicht am Adel der Geburt, +Nicht am Vermögen, dieses Hauses Rechte, +Die groß und wichtig sind, dir zu gewinnen. +Drum lasst mich bald vernehmen, was ihr denkt. + +Eugenie. +Gewähre meine Bitte, nimm mich auf! +Verbirg mich vor der Welt im tiefsten Winkel. +Und meine ganze Habe nimm dahin. +Ich bringe viel und hoffe mehr zu leisten. + +Äbtissin. +Kann uns die Jugend, uns die Schönheit rühren, +Ein edles Wesen, spricht's an unser Herz, +So hast du viele Rechte, gutes Kind. +Geliebte Tochter! Komm an meine Brust! + +Eugenie. +Mit diesem Wort, mit diesem Herzensdruck +Besänftigst du auf einmal alles Toben +Der aufgeregten Brust. Die letzte Welle +Umspielt mich weichend noch. Ich bin im Hafen. + +Hofmeisterin (dazwischen tretend). +Wenn nicht ein grausam Schicksal widerstünde! +Betrachte dieses Blatt, uns zu beklagen. + +(Sie reicht der Äbtissin das Blatt.) + +Äbtissin (die gelesen). +Ich muss dich tadeln, dass du wissentlich +So manch vergeblich Wort mit angehört. +Ich beuge vor der höheren Hand mich tief, +Die hier zu walten scheint. + + + +Fünfter Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. + +Eugenie. + Wie? Höhre Hand? +Was meint die Heuchlerin? Versteht sie Gott? +Der himmlisch Höchste hat gewiss nicht hier +Mit dieser Freveltat zu tun. Versteht +Sie unsern König? Wohl! Ich muss es dulden, +Was dieser über mich verhängt. Allein +Ich will nicht mehr in Zweifel, zwischen Furcht +Und Liebe schweben, will nicht weibisch mehr, +Indem ich untergehe, noch des Herzens +Und seiner weichlichen Gefühle schonen. +Es breche, wenn es brechen soll, und nun +Verlang' ich, dieses Blatt zu sehen, sei +Von meinem Vater, sei von meinem König +Das Todesurteil unterzeichnet. Jener +Gereizten Gottheit, die mich niederschmettert, +Will ich getrost ins Auge schauend stehn. +O dass ich vor ihr stünde! Fürchterlich +Ist der bedrängten Unschuld letzter Blick. + +Hofmeisterin. +Ich hab' es nie verweigert, nimm es hin. + +Eugenie (das Papier von außen ansehend). +Das ist des Menschen wunderbar Geschick, +Dass bei dem größten Übel noch die Furcht +Vor feinerem Verlust ihm übrig bleibt. +Sind wir so reich, ihr Götter, dass ihr uns +Mit einem Schlag nicht alles rauben könnt? +Des Lebens Glück entriss mir dieses Blatt, +Und lässt mich größeren Jammer noch befürchten. + +(Sie entfaltet's.) + +Wohlan! Getrost, mein Herz, und schaudre nicht, +Die Neige dieses bittren Kelchs zu schlürfen. + +(Blickt hinein.) + +Des Königs Hand und Siegel! + +Hofmeisterin (die ihr das Blatt abnimmt). + Gutes Kind, +Bedaure mich, indem du dich bejammerst. +Ich übernahm das traurige Geschäft, +Der Allgewalt Befehl vollzieh' ich nur, +Um dir in deinem Elend beizustehn, +Dich keiner fremden Hand zu überlassen. +Was meine Seele peinigt, was ich noch +Von diesem schrecklichen Ereignis kenne, +Erfährst du künftig. Jetzt verzeihe mir, +Wenn mich die eiserne Notwendigkeit, +Uns unverzüglich einzuschiffen, zwingt. + + + +Sechster Auftritt +Eugenie allein, hernach Hofmeisterin im Grunde. + +Eugenie. +So ist mir denn das schönste Königreich, +Der Hafenplatz, von Tausenden belebt, +Zur Wüste worden, und ich bin allein. +Hier sprechen edle Männer nach Gesetzen, +Und Krieger lauschen auf gemessnes Wort. +Hier flehen heilig Einsame zum Himmel; +Beschäftigt strebt die Menge nach Gewinn. +Und mich verstößt man ohne Recht und Urteil, +Nicht eine Hand bewaffnet sich für mich, +Man schließt mir die Asyle, niemand mag +Zu meinen Gunsten wenig Schritte wagen. +Verbannung! Ja, des Schreckensworts Gewicht +Erdrückt mich schon mit allen seinen Lasten. +Schon fühl' ich mich ein abgestorbnes Glied, +Der Körper, der gesunde, stößt mich los. +Dem selbstbewussten Toten gleich' ich, der, +Ein Zeuge seiner eigenen Bestattung, +Gelähmt, in halbem Träume, grausend liegt. +Entsetzliche Notwendigkeit! Doch wie? +Ist mir nicht eine Wahl verstattet? Kann +Ich nicht des Mannes Hand ergreifen, der +Mir, einzig edel, seine Hilfe beut?-- +Und könnt' ich das? Ich könnte die Geburt, +Die mich so hoch hinaufgerückt, verleugnen! +Von allem Glanze jener Hoffnung mich +Auf ewig trennen! Das vermag ich nicht! +O fasse mich, Gewalt, mit ehrnen Fäusten! +Geschick, du blindes, reiße mich hinweg! +Die Wahl ist schwerer als das Übel selbst, +Die zwischen zweien Übeln schwankend bebt. + +(Hofmeisterin, mit Leuten, welche Gepäcke tragen, +geht schweigend hinten vorbei.) + +Sie kommen! Tragen meine Habe fort, +Das Letzte, was von köstlichem Besitz +Mir übrig blieb. Wird es mir auch geraubt? +Man bringt's hinüber, und ich soll ihm nach. +Ein günst'ger Wind bewegt die Wimpel seewärts, +Bald werd' ich alle Segel schwellen sehn. +Die Flotte löset sich vom Hafen ab! +Und nun das Schiff, das mich Unsel'ge trägt. +Man kommt! Man fordert mich an Bord. O Gott! +Ist denn der Himmel ehern über mir? +Dringt meine Jammerstimme nicht hindurch? +So sei's! Ich gehe! Doch mich soll das Schiff +In seines Kerkers Räume nicht verschlingen. +Das letzte Brett, das mich hinüberführt, +Soll meiner Freiheit erste Stufe werden. +Empfangt mich dann, ihr Wellen, fasst mich auf, +Und, fest umschlingend, senket mich hinab +In eures tiefen Friedens Grabesschoß. +Und wenn ich dann vom Unbill dieser Welt +Nichts mehr zu fürchten habe, spült zuletzt +Mein bleiches Gebein dem Ufer zu, +Dass eine fromme Seele mir das Grab +Auf heim'schem Boden wohlgesinnt bereite. + +(Mit einigen Schritten.) + +Wohlan denn! + +(Hält inne.) Will mein Fuß nicht mehr gehorchen? +Was fesselt meinen Schritt, was hält mich hier? +Unsel'ge Liebe zum unwürd'gen Leben! +Du führest mich zum harten Kampf zurück. +Verbannung, Tod, Entwürdigung umschließen +Mich fest und ängsten mich einander zu. +Und wie ich mich von einem schaudernd wende, +So grinst das andre mir mit Höllenblick. +Ist denn kein menschlich, ist kein göttlich Mittel, +Von tausendfacher Qual mich zu befreien? +O dass ein einzig ahnungsvolles Wort +Zufällig aus der Menge mir ertönte! +O dass ein Friedensvogel mir vorbei +Mit leisem Fittich leitend sich bewegte! +Gern will ich hin, wohin das Schicksal ruft; +Es deute nur! Und ich will gläubig folgen. +Es winke nur! Ich will dem heil'gen Winke, +Vertrauend, hoffend, ungesäumt mich fügen. + + + +Siebenter Auftritt +Eugenie. Mönch. + +Eugenie (die eine Zeitlang vor sich hingesehen, indem +sie die Augen aufhebt und den Mönch erblickt). +Ich darf nicht zweifeln, ja! Ich bin gerettet! +Ja! Dieser ist's, der mich bestimmen soll. +Gesendet auf mein Flehn, erscheint er mir, +Der Würdige, Bejahrte, dem das Herz +Beim ersten Blick vertraut entgegen flieht. + +(Ihm entgegen gehend.) + +Mein Vater! Lass den ach! Mir nun versagten, +Verkümmerten, verbotnen Vaternamen +Auf dich, den edlen Fremden, übertragen. +Mit wenig Worten höre meine Not. +Nicht als dem weisen, wohl bedächt'gen Mann, +Dem Gott begabten Greise leg' ich sie +Mit schmerzlichem Vertraun dir an die Brust. + +Mönch. +Was dich bedrängt, eröffne freien Mutes. +Nicht ohne Schickung trifft der Leidende +Mit dem zusammen, der als höchste Pflicht +Die Linderung der Leiden üben soll. + +Eugenie. +Ein Rästel statt der Klagen wirst du hören, +Und ein Orakel fordr' ich, keinen Rat. +Zu zwei verhassten Zielen liegen mir +Zwei Wege vor den Füßen, einer dorthin, +Hierhin der andre; welchen soll ich wählen? + +Mönch. +Du führst mich in Versuchung! Soll ich nur +Als Los entscheiden? + +Eugenie. +Als ein heilig Los. + +Mönch. +Begreif' ich dich, so hebt aus tiefer Not +Zu höhern Regionen sich dein Blick. +Erstorben ist im Herzen eigner Wille, +Entscheidung hoffst du dir vom Waltenden. +Ja wohl! Das ewig Wirkende bewegt, +Uns unbegreiflich, dieses oder jenes +Als wie von ungefähr zu unserm Wohl, +Zum Rate, zur Entscheidung, zum Vollbringen, +Und wie getragen werden wir ans Ziel. +Dies zu empfinden, ist das höchste Glück, +Es nicht zu fordern, ist bescheidne Pflicht, +Es zu erwarten, schöner Trost im Leiden. +O wär' ich doch gewürdigt, nun für dich, +Was dir am besten frommte, vorzufühlen! +Allein die Ahnung schweigt in meiner Brust, +Und kannst du mehr nicht mir vertraun, so nimm +Ein fruchtlos Mitleid hin zum Lebewohl. + +Eugenie. +Schiffbrüchig fass' ich noch die letzte Planke! +Dich halt' ich fest und sage wider Willen +Zum letzten Mal das hoffnungslose Wort: +Aus hohem Haus entsprossen, werd' ich nun +Verstoßen, übers Meer verbannt und könnte +Mich durch ein Ehebündnis retten, das +ZU niedren Sphären mich herunterzieht. +Was sagt nun dir das Herz? Verstummt es noch? + +Mönch. +Es schweige, bis der prüfende Verstand +Sich als ohnmächtig selbst bekennen muss. +Du hast nur Allgemeines mir vertraut, +Ich kann dir nur das Allgemeine raten. +Bist du zur Wahl genötigt unter zwei +Verhassten Übeln, fasse sie ins Auge +Und wähle, was dir noch den meisten Raum +Zu heil'gem Tun und wirken übrig lässt, +Was deinen Geist am wenigsten begrenzt, +Am wenigsten die frommen Taten fesselt. + +Eugenie. +Die Ehe, merk' ich, rätst du mir nicht an. + +Mönch. +Nicht eine solche, wie sie dich bedroht. +Wie kann der Priester segnen, wenn das Ja +Der holden Braut nicht aus dem Herzen quillt. +Er soll nicht Widerwärt'ges aneinander +Zu immer neu erzeugtem Streite ketten; +Den Wunsch der Liebe, die zum All das Eine, +Zum Ewigen das Gegenwärtige, +Das Flüchtige zum Dauernden erhebt, +Den zu erfüllen, ist kein göttlich Amt. + +Eugenie. +Ins Elend übers Meer verbannst du mich. + +Mönch. +Zum Troste jener drüben ziehe hin. + +Eugenie. +Wie soll' ich trösten, wenn ich selbst verzweifle? + +Mönch. +Ein reines Herz, wovon dein Blick mir zeugt, +Ein edler Mut, ein hoher, freier Sinn +Erhaltne dich und andre, wo du auch +Auf dieser Erde wandelst. Wenn du nun, +In frühen Jahren ohne Schuld verbannt, +Durch heil'ge Fügung fremde Fehler büßest, +So führst du wie ein überirdisch Wesen, +Der Unschuld Glück und Wunderkräfte mit. +So ziehe denn hinüber! Trete frisch +In jenen Kreis der Traurigen. Erheitre +Durch dein Erscheinen jene trübe Welt. +Durch mächt'ges Wort, durch kräft'ge Tat errege +Der tief gebeugten Herzen eigne Kraft; +Vereine die Zerstreuten um dich her, +Verbinde sie einander, alle dir; +Erschaffe, was du hier verliern sollst, +Dir Stamm und Vaterland und Fürstentum. + +Eugenie. +Getraust du zu tun, was du gebietest? + +Mönch. +Ich tat's!--Als jungen Mann entführte schon +Zu wilden Stämmen mich der Geist hinüber. +Ins rohe Leben bracht' ich milde Sitte, +Ich brachte Himmelshoffnung in den Tod. +O hätt' ich nicht, verführt von treuer Neigung, +Dem Vaterland zu nützen, mich zurück +Zu dieser Wildnis frechen Städtelebens, +Zu diesem Wust verfeinerter Verbrechen, +Zu diesem Pfuhl der Selbstigkeit gewendet! +Hier fesselt mich des Alters Unvermögen, +Gewohnheit, Pflichten; ein Geschick vielleicht, +Das mir die schwerste Prüfung spät bestimmt. +Du aber, jung, von allen Banden frei, +Gestoßen in das Weite, dringe vor +Und rette dich! Was du als Elend fühlst, +Verwandelt sich in Wohltat! Eile fort! + +Eugenie. +Eröffne klarer! Was befürchtest du? + +Mönch. +Im Dunklen drängt das Künft'ge sich heran, +Das künftig Nächste selbst erscheinet nicht +Dem offnen Blick der Sinne, des Verstands. +Wenn ich beim Sonnenschein durch diese Straßen +Bewundernd wandle, der Gebäude Pracht, +Die felsengleich getürmten Massen schaue, +Der Plätze Kreis, der Kirchen edlen Bau, +Des Hafens masterfüllten Raum betrachte; +Das scheint mir alles für die Ewigkeit +Gegründet und geordnet; diese Menge +Gewerksam Tätiger, die hin und her +In diesen Räumen wogt, auch die verspricht, +Sich unvertilgbar ewig herzustellen. +Allein wenn dieses große Bild bei Nacht +In meines Geistes Tiefen sich erneut, +Da stürmt ein Brausen durch die düstre Luft, +Der feste Boden wankt, die Türme schwanken, +Gefugte Steine lösen sich herab, +Und so zerfällt in ungeformten Schutt +Die Prachterscheinung. Wenig Lebendes +Durchklimmt bekümmert neu entstanden Hügel, +Und jeder Trümmer deutet auf ein Grab. +Das Element zu bändigen, vermag +Ein tief gebeugt, vermindert Volk nicht mehr, +Und rastlos wiederkehrend, füllt die Flut +Mit Sand und Schlamm des Hafens Becken aus, + +Eugenie, +Die Nacht entwaffnet erst den Menschen, dann +Bekämpft sie ihn mit nichtigem Gebild. + +Mönch. +Ach! Bald genug steigt über unsern Jammer +Der Sonne trüb gedämpfter Blick heran. +Du aber fliehe, die ein guter Geist +Verbannend segnete. Leb' wohl und eile! + + + +Achter Auftritt +Eugenie (allein). + +Vom eignen Elend leitet man mich ab, +Und fremden Jammer prophezeit man mir. +Doch wär' es fremd, was deinem Vaterland +Begegnen soll? Dies fällt mit neuer Schwere +Mir auf die Brust! Zum gegenwärt'gen Übel +Soll ich der Zukunft Geistesbürden tragen? +So ist's denn wahr, was in der Kindheit schon +Mir um das Ohr geklungen, was ich erst +Erhorcht, erfragt und nun zuletzt sogar +Aus meines Vaters, meines Königs Mund +Vernehmen musste! Diesem Reiche droht +Ein jäher Umsturz. Die zum großen Leben +Gefugten Elemente wollen sich +Nicht wechselseitig mehr mit Liebeskraft +Zu stets erneuter Einigkeit umfangen. +Sie fliehen sich, und einzeln tritt nun jedes +Kalt in sich selbst zurück. Wo blieb der Ahnherrn +Gewalt'ger Geist, der sie zu einem Zweck +Vereinigte, die feindlich kämpfenden? +Der diesem großen Volk als Führer sich, +Als König und als Vater dargestellt? +Er ist entschwunden! Was uns übrig bleibt, +Ist ein Gespenst, das mit vergebnem Streben +Verlorenen Besitz zu greifen wähnt. +Und solche Sorge nähm' ich mit hinüber? +Entzöge mich gemeinsamer Gefahr? +Entflöhe der Gelegenheit, mich kühn +Der hohen Ahnen würdig zu beweisen, +Und jeden, der mich ungerecht verletzt, +In böser Stunde hilfreich zu beschämen? +Nun bist du, Boden meines Vaterlands, +Mir erst ein Heiligtum, nun fühl' ich erst +Den dringenden Beruf, mich anzuklammern. +Ich lasse dich nicht los, und welches Band +Mich dir erhalten kann, es ist nun heilig. +Wo find' ich jenen gut gesinnten Mann, +Der mir die Hand so traulich angeboten? +An ihn will ich mich schließen! Im Verborgnen +Verwahr' er mich, als reinen Talisman. +Denn, wenn ein Wunder auf der Welt geschieht, +Geschieht's durch liebevolle, treue Herzen. +Die Größe der Gefahr betracht' ich nicht, +Und meine Schwäche darf ich nicht bedenken; +Das alles wird ein günstiges Geschick +Zu rechter Zeit auf hohe Zwecke leiten. +Und wenn mein Vater, mein Monarch mich einst +Verkannt, verstoßen, mich vergessen, soll +Erstaunt ihr Blick auf der Erhaltnen ruhn, +Die das, was sie im Glücke zugesagt, +Aus tiefem Elend zu erfüllen strebt. +Er kommt! Ich seh' ihm freundiger entgegen, +Als ich ihn ließ. Er kommt. Er sucht mich auf! +Zu scheiden denkt er--bleiben werd' ich ihm. + + + +Neunter Auftritt +Eugenie. Gerichtsrat. Ein Knabe mit einem schönen Kästchen. + +Gerichtsrat. +Schon ziehn die Schiffe nacheinander fort, +Und bald, so fürcht' ich, wirst auch du berufen. +Empfange noch ein herzlich Lebewohl +Und eine frische Gabe, die auf langer Fahrt +Beklommnen Reisenden Erquickung atmet. +Gedenke mein! O dass du meiner nicht +Am bösen Tage sehnsuchtsvoll gedenkest! + +Eugenie. +Ich nehme dein Geschenk mit Freuden an, +Es bürgt mir deine Neigung, deine Sorgfalt; +Doch send' es eilig in dein Haus zurück! +Und wenn du denkst, wie du gedacht, empfindest, +Wie du empfunden, wenn dir meine Freundschaft +Genügen kann, so folg' ich dir dahin. + +Gerichtsrat (nach einer Pause, den Knaben durch einen Wink entfernend). +Ist's möglich? Hätte sich zu meiner Gunst +In kurzer Zeit dein Wille so verändert? + +Eugenie. +Er ist verändert! Aber denke nicht, +Dass Bangigkeit mich dir entgegen treibe. +Ein edleres Gefühl, lass mich's verbergen! +Hält mich am Vaterland, an dir zurück. +Nun sei's gefragt: Vermagst du hohen Muts +Entsagung der Entsagenden zu weihen? +Vermagst du zu versprechen, mich als Bruder +Mit reiner Neigung zu empfangen? Mir, +Der liebevollen Schwester, Schutz und Rat +Und stille Lebensfreude zu gewähren? + +Gerichtsrat. +Zu tragen glaub' ich alles, nur das eine, +Dich zu verlieren, da ich dich gefunden, +Erscheint mir unerträglich. Dich zu sehen, +Dir nah zu sein, für dich zu leben, wäre +Mein einzig höchstes Glück. Und so bedinge +Dein Herz allein das Bündnis, das wir schließen. + +Eugenie. +Von dir allein gekannt, muss ich fortan, +Die Welt vermeidend, im Verborgnen leben. +Besitzest du ein still entferntes Landgut, +So widm' es mir und sende mich dahin. + +Gerichtsrat. +Ein kleines Gut besitz' ich, wohl gelegen; +Doch alt und halb verfallen ist das Haus. +Du kannst jedoch in jener Gegend bald +Die schönste Wohnung finden, sie ist feil. + +Eugenie. +Nein! In das alt verfallne lass mich ziehn, +Zu meiner Lager stimmt es, meinem Sinn. +Und wenn er sich erheitert, find' ich gleich +Der Tätigkeit bereiten Stoff und Raum. +Sobald ich mich die deine nenne, lass, +Von irgend einem alten zuverläss'gen Knecht +Begleitet, mich in Hoffnung einer künft'gen +Beglückung Auferstehung mich begraben. + +Gerichtsrat. +Und zum besuch, wann darf ich dort erscheinen? + +Eugenie. +Du wartest meinen Ruf geduldig ab. +Auch solch ein Tag wird kommen, uns vielleicht +Mit ernsten Banden enger zu verbinden. + +Gerichtsrat. +Du legest mir zu schwere Prüfung auf. + +Eugenie. +Erfülle deine Pflichten gegen mich; +Dass ich die meinen kenne, sei gewiss. +Indem du, mich zu retten, deine Hand +Mir bietest, wagst du viel. Werd' ich entdeckt, +Werd' ich's zu früh, so kannst du vieles dulden. +Ich sage dir das tiefste Schweigen zu; +Woher ich komme, niemand soll's erfahren, +Ja, die entfernten Leiben will ich nur +Im Geist besuchen, keine Zeile soll, +Kein Bote dort mich nennen, wo vielleicht +Zu meinem Heil ein Funke glühen möchte. + +Gerichtsrat. +In diesem wicht'gen Fall, was soll ich sagen? +Uneigennütz'ge Liebe kann der Mund +Mit Frechheit oft beteuern, wenn im Herzen +Der Selbstsucht Ungeheuer lauschend grinst. +Die Tat allein beweist der Liebe Kraft. +Indem ich dich gewinne, soll ich allem +Entsagen, deinem Blick sogar! Ich will's. +Wie du zum ersten Male mir erschienen, +Erscheinst du bleibend mir, ein Gegenstand +Der Neigung, der Verehrung. Deinetwillen +Wünsch' ich zu leben, du gebietest mir. +Und wenn der Priester sich sein Leben lang +Der unsichtbaren Gottheit niederbeugt, +Die im beglückten Augenblick vor ihm +Als höchstes Musterbild vorüberging, +So soll von deinem Dienste mich fortan, +Wie du dich auch verhüllest, nichts zerstreun. + +Eugenie. +Ob ich vertraue, dass dein Äußres nicht, +Nicht deiner Worte Wohllaut lügen kann; +Dass ich empfinde, welch ein Mann du bist, +Gerecht, gefühlvoll, tätig, zuverlässig, +Davon empfange den Beweis, den höchsten, +Den eine Frau besonnen geben kann! +Ich zaudre nicht, ich eile, dir zu folgen! +Hier meine Hand; wir gehen zum Altar. + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NATUERLICHE TOCHTER*** + + +******* This file should be named 10426-8.txt or 10426-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/1/0/4/2/10426 + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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For +example an eBook of filename 10234 would be found at: + +https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234 + +or filename 24689 would be found at: +https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689 + +An alternative method of locating eBooks: +https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL + +*** END: FULL LICENSE *** diff --git a/old/10426-8.zip b/old/10426-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5c51abf --- /dev/null +++ b/old/10426-8.zip diff --git a/old/10426.txt b/old/10426.txt new file mode 100644 index 0000000..ea70900 --- /dev/null +++ b/old/10426.txt @@ -0,0 +1,4871 @@ +The Project Gutenberg eBook, Die natuerliche Tochter, by Johann Wolfgang +von Goethe + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + + + + +Title: Die natuerliche Tochter + +Author: Johann Wolfgang von Goethe + +Release Date: December 9, 2003 [eBook #10426] + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NATUERLICHE TOCHTER*** + + +E-text prepared by Andrew Sly + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + + + + + +Die natuerliche Tochter + +Trauerspiel + +Johann Wolfgang von Goethe + + + + + + + +Personen + +Koenig. +Herzog. +Graf. +Eugenie. +Hofmeisterin. +Sekretaer. +Weltgeistlicher. +Gerichtsrat. +Gouverneur. +Aebtissin. +Moench. + + + + +Erster Aufzug +(Dichter Wald.) + + + +Erster Auftritt +Koenig. Herzog. + +Koenig. +Das fluecht'ge Ziel, das Hunde, Ross und Mann, +Auf seine Faehrte bannend, nach sich reisst, +Der edle Hirsch, hat ueber Berg und Tal +So weit uns irr' gefuehrt, dass ich mich selbst, +Obgleich so landeskundig, hier nicht finde. +Wo sind wir, Oheim? Herzog, sage mir, +Zu welchen Huegeln schweiften wir heran? + +Herzog. +Der Bach, der uns umrauscht, mein Koenig, fliesst +Durch deines Dieners Fluren, die er deiner +Und einer Ahnherrn koeniglicher Gnade, +Als erster Lehnsmann deines Reiches, dankt. +An jenes Felsens andrer Seite liegt +Am gruenen Hang ein artig Haus versteckt, +Dich zu bewirten keineswegs gebaut; +Allein bereit, dich huld'gend zu empfangen. + +Koenig. +Lass dieser Baeume hochgewoelbtes Dach +Zum Augenblick des Rastens freundlich schatten. +Lass dieser Luefte liebliches Geweb' +Uns leis umstricken, dass an Sturm und Streben +Der Jagdlust auch der Ruhe Zeit sich fuege. + +Herzog. +Wie du auf einmal voellig abgeschieden +Hier hinter diesem Bollwerk der Natur, +Mein Koenig, dich empfindest, fuehl' ich mit. +Hier draenget sich der Unzufriednen Stimme, +Der Unverschaemten offne Hand nicht nach. +Freiwillig einsam merkest du nicht auf, +Ob Undankbare schleichend sich entfernen. +Die ungestueme Welt reicht nicht hierher, +Die immer fordert, nimmer leisten will. + +Koenig. +Soll ich vergessen, was mich sonst bedraengt, +So muss kein Wort erinnernd mich beruehren. +Entfernten Weltgetoeses Widerhall +Verklinge nach und nach aus meinem Ohr. +Ja, lieber Oheim, wende dein Gespraech +Auf Gegenstaende diesem Ort gemaesser. +Hier sollen Gatten aneinander wandeln, +Ihr Stufenglueck in wohlgeratnen Kindern +Entzueckt betrachten; hier ein Freund dem Freunde, +Verschlossnen Busen traulich oeffnend, nahn. +Und gabst du nicht erst neulich stille Winke, +Du hofftest mir in ruh'gen Augenblicken +Verborgenes Verhaeltnis zu bekennen, +Drangvoller Wuensche holden Inbegriff, +Erfuellung hoffend, heiter zu gestehn? + +Herzog. +Mit groessrer Gnade konntest du mich nicht, +O Herr, begluecken, als indem du mir +In diesem Augenblick die Zunge loesest. +Was ich zu sagen habe, koennt' es wohl +Ein andrer besser hoeren als mein Koenig, +Dem unter allen Schaetzen seine Kinder +Am herrlichsten entgegenleuchten, der +Vollkommner Vaterfreuden Hochgenuss +Mit seinem Knechte herzlich teilen wird? + +Koenig. +Du sprichst von Vaterfreuden! Hast du je +Sie denn gefuehlt? Verkuemmerte dir nicht +Dein einz'ger Sohn durch rohes, wildes Wesen, +Verworrenheit, Verschwendung, starren Trutz +Dein reiches Leben, dein erwuenschtes Alter? +Veraendert er auf einmal die Natur? + +Herzog. +Von ihm erwart' ich keine frohen Tage! +Sein trueber Sinn erzeugt nur Wolken, die, +Ach, meinen Horizont so oft verfinstern. +Ein anderes Gestirn, ein andres Licht +Erheitert mich. Und wie in dunklen Grueften, +Das Maerchen sagt's, Karfunkelsteine leuchten, +Mit herrlich mildem Schein der oeden Nacht +Geheimnisvolle Schauer hold beleben, +So ward auch mir ein Wundergut beschert, +Mir Gluecklichem! Das ich mit Sorgfalt, mehr +Als den Besitz ererbt errungner Gueter, +Als meiner Augen, meines Lebens Licht, +Mit Freud' und Furcht, mit Lust und Sorge pflege. + +Koenig. +Sprich vom Geheimnis nicht geheimnisvoll. + +Herzog. +Wer spraeche vor der Majestaet getrost +Von seinen Fehlern, wenn sie nicht allein +Den Fehl in Recht und Glueck verwandeln koennte. + +Koenig. +Der wonnevoll geheim verwahrte Schatz? + +Herzog. +Ist eine Tochter. + +Koenig. + Eine Tochter? Wie? +Und suchte, Fabelgoettern gleich, mein Oheim, +Zum niedern Kreis verstohlen hingewandt, +Sich Liebesglueck und vaeterlich Entzuecken? + +Herzog. +Das Grosse wie das Niedre noetigt uns, +Geheimnisvoll zu handeln und zu wirken. +Nur allzu hoch stand jene heimlich mir +Durch wundersam Geschick verbundne Frau, +Um welche noch dien Hof in Trauer wandelt +Und meiner Brust geheime Schmerzen teilt. + +Koenig. +Die Fuerstin? Die verehrte, nah verwandte, +Nur erst verstorbne? + +Herzog. + War die Mutter! Lass, +O lass mich nur von diesem Kinde reden, +Das, seiner Eltern wert und immer werter, +Mit edlem Sinne sich des Lebens freut. +Begraben sei das uebrige mit ihr, +Der hoch begabten, hoch gesinnten Frauen. +Ihr Tod eroeffnet mir den Mund, ich darf +vor meinem Koenig meine Tochter nennen, +Ich darf ihn bitten, sie zu mir herauf, +Zu sich herauf zu heben, ihr das Recht +Der fuerstlichen Geburt vor seinem Hofe, +Vor seinem Reiche, vor der ganzen Welt +Aus seiner Gnadenfuelle zu bewaehren. + +Koenig. +Vereint in sich die Nichte, die du mir, +So ganz erwachsen, zuzufuehren denkst, +Des Vaters und der Mutter Tugenden: +So muss der Hof, das koenigliche Haus, +Indem uns ein Gestirn entzogen wird, +Den Aufgang eines neuen Sterns bewundern. + +Herzog. +O kenne sie, eh' du zu ihrem Vorteil +Dich ganz entscheidest. Lass ein Vaterwort +Dich nicht bestechen! Manches hat Natur +Fuer sie getan, das ich entzueckt betrachte, +Und alles, was in meinem Kreise webt, +Hab' ich um ihre Kindheit hergelagert. +Schon ihren ersten Weg geleiteten +Ein ausgebildet Weib, ein weiser Mann. +Mit welcher Leichtigkeit, mit welchem Sinn +Erfreut sie sich des Gegenwaertigen, +Indes ihr Phantasie das kuenft'ge Glueck +Mit schmeichelhaften Dichterfarben malt. +An ihrem Vater haengt ihr frommes Herz, +Und wenn ihr Geist den Lehren edler Maenner, +Sich stufenweis entwickelnd, friedlich horcht: +So mangelt Uebung ritterlicher Tugend +Dem wohl gebauten, festen Koerper nicht. +Du selbst, mein Koenig, hast sie unbekannt +Im wilden drang der Jagd um dich gesehn. +Ja, heute noch! Die Amazonentochter, +Die in den Fluss dem Hirsche sich zuerst +Auf raschem Pferde fluechtig nachgestuerzt. + +Koenig. +Wir sorgten alle fuer das edle Kind! +Ich freue mich, sie mir verwandt zu hoeren. + +Herzog. +Und nicht zum ersten Mal empfand ich heute, +Wie Stolz und Sorge, Vaterglueck und Angst +Zu uebermenschlichem Gefuehl sich mischen. + +Koenig. +Gewaltsam und behaende riss das Pferd +Sich und die Reiterin auf jenes Ufer, +In dicht bewachsner Huegel Dunkelheit. +Und so verschwand sie mir. + +Herzog. + Noch einmal hat +Mein Auge sie gesehen, eh' ich sie +Im Labyrinth der hast'gen Jagd verlor. +Wer weiss, welch ferne Gegend sie durchstreift, +Verdrossnen Muts, am Ziel sich nicht zu finden, +Wo, ihrem angebeteten Monarchen sich +In ehrerbietiger Entfernung anzunaehern, +Allein ihr jetzt erlaubt ist, bis er sie +Als Bluete seines hoch bejahrten Stammes +Mit koeniglicher Huld zu gruessen wuerdigt. + +Koenig. +Welch ein Getuemmel seh' ich dort entstehn? +Welch einen Zulauf nach den Felsenwaenden? + +(Er winkt nach der Szene.) + + + +Zweiter Auftritt +Die Vorigen. Graf. + +Koenig. +Warum versammelt sich die Menge dort? + +Graf. +Die kuehne Reiterin ist eben jetzt +Von jener Felsenwand herabgestuerzt. + +Herzog. +Gott! + +Koenig. + Ist sie sehr beschaedigt? + +Graf. + Eilig hat +Man deinen Wundarzt, Herr, dahin gerufen. + +Herzog. +Was zaudr' ich? Ist sie tot, so bleibt mir nichts, +Was mich im Leben laenger halten kann. + + + +Dritter Auftritt +Koenig. Graf. + +Koenig. +Kennst du den Anlass der Begebenheit? + +Graf. +Vor meinen Augen hat sie sich ereignet. +Ein starker Trupp von Reitern, welcher sich +Durch Zufall von der Jagd getrennt gesehn, +Gefuehrt von dieser Schoenen, zeigte sich +Auf jener Klippen Wald bewachsner Hoehe. +Sie hoeren, sehen unten in dem Tal +Den Jagdgebrauch vollendet, sehn den Hirsch +Als Beute liegen seiner klaeffenden +Verfolger. Schnell zerstreuet sich die Schar, +Und jeder sucht sich einzeln seinen Pfad, +Hier oder dort, mehr oder weniger +Durch einen Umweg. Sie allein besinnt +Sich keinen Augenblick und noetiget +Ihr Pferd von Klipp' zu Klippe grad' herein. +Des Frevels Glueck betrachten wir erstaunt; +Denn ihr gelingt es eine Weile, doch +Am untern stielen Abhang gehen dem Pferde +Die letzten, schmalen Klippenstufen aus, +Es stuerzt herunter, sie mit ihm. So viel +Konnt' ich bemerken, eh' der Menge Drang +Sie mir verdeckte. Doch ich hoerte bald +Nach deinem Arzte rufen. So erschein' ich nun +Auf deinen Wink, den Vorfall zu berichten. + +Koenig. +O moege sie ihm bleiben! Fuerchterlich +Ist einer, der nichts zu verlieren hat. + +Graf. +So hat ihm dieser Schrecken das Geheimnis +Auf einmal abgezwungen, das er sonst +Mit so viel Klugheit zu verbergen strebte? + +Koenig. +Er hatte schon sich voellig mir vertraut. + +Graf. +Die Lippen oeffnet ihm der Fuerstin Tod, +Nun zu bekennen, was fuer Hof und Stadt +Ein offenbar Geheimnis lange war. +Es ist ein eigner, grillenhafter Zug, +Dass wir durch Schweigen das Geschehene +Fuer uns und andre zu vernichten glauben. + +Koenig. +O lass dem Menschen diesen edlen Stolz! +Gar vieles kann, gar vieles muss geschehn, +Was man mit Worten nicht bekennen darf. + +Graf. +Man bringt sie, fuercht' ich, ohne Leben her! + +Koenig. +Welch unerwartet schreckliches Ereignis! + + + +Vierter Auftritt +Die Vorigen. Eugenie, auf zusammen geflochtenen Aesten fuer tot +herein getragen. Herzog. Wundarzt. Gefolge. + +Herzog (zum Wundarzt). +Wenn deine Kunst nur irgend was vermag, +Erfahrner Mann, dem unsres Koenigs Leben, +Das unschaetzbare Gut, vertraut ist, lass +Ihr helles Auge sich noch einmal oeffnen, +Dass Hoffnung mir in diesem Blick erscheine! +Dass aus der Tiefe meines Jammers ich +Nur Augenblicke noch gerettet werde! +Vermagst du dann nichts weiter, kannst du sie +Nur wenige Minuten mir erhalten: +So lasst mich eilen, vor ihr hinzusterben, +Dass ich im Augenblick des Todes noch +Getroestet rufe: Meine Tochter lebt! + +Koenig. +Entferne dich, mein Oheim! Dass ich hier +Die Vaterpflichten treulich uebernehme. +Nichts unversucht laesst dieser wackre Mann. +Gewissenhaft, als laeg' ich selber hier, +Wird er um deine Tochter sich bemuehen. + +Herzog. +Sie regt sich! + +Koenig. + Ist es wahr? + +Graf. + Sie regt sich! + +Herzog. + Starr +Blickt sie zum Himmel, blickt verirrt umher. +Sie lebt! Sie lebt! + +Koenig (ein wenig zuruecktretend). + Verdoppelt eure Sorge! + +Herzog. +Sie lebt! Sie lebt! Sie hat dem Tage wieder +Ihr Aug' eroeffnet. Ja! Sie wird nun bald +Auch ihren Vater, ihre Freunde kennen. +Nicht so umher, mein liebes Kind, verschwende +Die Blicke staunend, ungewiss; auf mich, +Auf deinen Vater wende sie zuerst. +Erkenne mich, lass meine Stimme dir +Zuerst das Ohr beruehren, da du uns +Aus jener stummen Nacht zurueckekehrst. + +Eugenie (die indes nach und nach zu sich gekommen ist und sich +aufgerichtet hat). +Was ist aus uns geworden? + +Herzog. + Kenne mich +Nur erst!--Erkennst du mich? + +Eugenie. + Mein Vater! + +Herzog. + Ja! +Dein Vater, den mit diesen holden Toenen +Du aus den Armen der Verzweiflung rettest. + +Eugenie. +Wer bracht' uns unter diese Baeume? + +Herzog (dem der Wundarzt ein weisses Tuch gegeben). + Bleib +Gelassen, meine Tochter! Diese Staerkung, +Nimm sie mit Ruhe, mit Vertrauen an! + +Eugenie (Sie nimmt dem Vater das Tuch ab, das er ihr vorgehalten, +und verbirgt ihr Gesicht darin. Dann steht sie schnell auf, indem +sie das Tuch vom Gesicht nimmt). +Da bin ich wieder!--Ja, nun weiss ich alles. +Dort oben hielt ich, dort vermass ich mich +Herab zu reiten, grad' herab. Verzeih! +Nicht wahr, ich bin gestuerzt? Vergibst du mir's? +Fuer tot hob man mich auf? Mein guter Vater! +Und wirst du die Verwegne lieben koennen, +Die solche bittre Schmerzen dir gebracht? + +Herzog. +Zu wissen glaubt' ich, welch ein edler Schatz +In dir, o Tochter, mir beschieden ist; +Nun steigert mir gefuerchteter Verlust +Des Gluecks Empfindung ins Unendliche. + +Koenig (der sich bisher im Grunde mit dem Wundarzt und dem Grafen +unterhalten, zu dem letzten). +Entferne jedermann! Ich will sie sprechen. + + + +Fuenfter Auftritt +Koenig. Herzog. Eugenie. + +Koenig (naeher tretend). +Hat sich die wackre Reiterin erholt? +Hast sie sich nicht beschaedigt? + +Herzog. + Nein, mein Koenig! +Und was noch uebrig ist von Schreck und Weh, +Nimmst du, o Herr, durch deinen milden Blick, +Durch deiner Worte sanften Ton hinweg. + +Koenig. +Und wem gehoert es an, das liebe Kind? + +Herzog (nach einer Pause). +Da du mich fragst, so darf ich dir bekennen; +Da du gebietest, darf ich sie vor dich +Als meine Tochter stellen. + +Koenig. + Deine Tochter? +So hat fuer dich das Glueck, mein lieber Oheim, +Unendlich mehr als das Gesetz getan. + +Eugenie. +Wohl muss ich fragen, ob ich wirklich denn +Aus jener toedlichen Betaeubung mich +Ins Leben wieder aufgerafft? Und ob, +Was mir begegnet, nicht ein Traumbild sei? +Mein Vater nennt vor seinem Koenige +Mich seine Tochter. O, so bin ich's auch! +Der Oheim eines Koeniges bekennt +Mich fuer sein Kind, so bin ich denn die Nichte +Des grossen Koenigs. O verzeihe mir +Die Majestaet! Wenn aus geheimnisvollem, +Verborgnem Zustand ich, ans Licht auf einmal +Hervor gerissen und geblendet, mich, +Unsicher, schwankend, nicht zu fassen weiss. + +(Sie wirft sich vor dem Koenig nieder.) + +Koenig. +Mag diese Stellung die Ergebenheit +In dein Geschick von Jugend auf bezeichnen, +Die Demut, deren unbequeme Pflicht +Du, deiner hoeheren Geburt bewusst, +So manches Jahr im Stillen ausgeuebt! +Doch sei auch nun, wenn ich von meinen Fuessen +Zu meinem Herzen dich herauf gehoben, + +(Er hebt sie auf und drueckt sie sanft an sich.) + +Wenn ich des Oheims heil'gen Vaterkuss +Auf dieser Stirne schoenen Raum gedrueckt, +So sei dies auch ein Zeichen, sei ein Siegel, +Dich, die Verwandte, hab' ich anerkannt +Und werde bald, was hier geheim geschah, +Vor meines Hofes Augen wiederholen. + +Herzog. +So grosse Gabe fordert ungeteilten +Und unbegrenzten Dank des ganzen Lebens. + +Eugenie. +Von edlen Maennern hab' ich viel gelernt, +Auch manches lehrte mich mein eigen Herz; +Doch meinen Koenig anzureden, bin +Ich nicht entfernterweise vorbereitet. +Doch wenn ich schon das ganz Gehoerige +Dir nicht zu sagen weiss, so moecht' ich doch +Vor dir, o Herr, nicht ungeschickt verstummen. +Was fehlte dir? Was waere dir zu bringen? +Die Fuelle selber, die zu dir sich draengt, +Fliesst nur fuer andere stroemend wieder fort. +Hier stehen Tausende, dich zu beschuetzen, +Hier wirken Tausende nach deinem Wink; +Und wenn der einzelne dir Herz und Geist +Und Arm und Leben froehlich opfern wollte; +In solcher grossen Menge zaehlt er nicht, +Er muss vor dir und vor sich selbst verschwinden. + +Koenig. +Wenn dir die Menge, gutes, edles Kind, +Bedeutend scheinen mag, so tadl' ich's nicht; +Sie ist bedeutend, mehr noch aber sind's +Die wenigen, geschaffen, dieser Menge +Durch Wirken, Bilden, Herrschen vorzustehn. +Berief hierzu den Koenig die Geburt, +So sind ihm seine naechsten Anverwandten +Geborne Raete, die, mit ihm vereint, +Das Reich beschuetzen und begluecken sollten. +O traete doch in diese Regionen, +Zum Rate dieser hohen Waechter nie +Vermummte Zwietracht, leise wirkend, ein! +Dir, edle Nichte, geb' ich einen Vater +Durch allgewalt'gen koeniglichen Spruch; +Erhalte mir nun auch, gewinne mir +Des nah verwandten Mannes Herz und Stimme! +Gar viele Widersacher hat ein Fuerst, +O lass ihn jene Seite nicht verstaerken! + +Herzog. +Mit welchem Vorwurf kraenkest du mein Herz! + +Eugenie. +Wie unverstaendlich sind mir diese Worte! + +Koenig. +O lerne sie nicht allzu frueh verstehn! +Dir Pforten unsres koeniglichen Hauses +Eroeffn' ich dir mit eigner Hand; ich fuehre +Auf glatten Marmorboden dich hinein. +Noch staunst du dich, noch staunst du alles an, +Und in den innern Tiefen ahnest du +Nur sichre Wuerde mit Zufriedenheit. +Du wirst es anders finden! Ja, du bist +In eine Zeit gekommen, wo dein Koenig +Dich nicht zum heitren, frohen Feste ruft, +Wenn er den Tag, der ihm das Leben gab, +In kurzem feiern wird; doch soll der Tag +Um deinetwillen mir willkommen sein; +Dort werd' ich dich im offnen Kreise sehn, +Und aller Augen werden auf dir haften. +Die schoenste Zierde gab dir die Natur; +Und dass der Schmuck der Fuerstin wuerdig sei, +Die Sorge lass dem Vater, lass dem Koenig. + +Eugenie. +Der freud'gen Ueberraschung lauter Schrei, +Bedeutender Gebaerde dringend Streben, +Vermoechten sie die Wonne zu bezeugen, +Die du dem Herzen schaffend aufgeregt? +Zu deinen Fuessen, Herr, lass mich verstummen. + +(Sie will knien.) + +Koenig (haelt sie ab). +Du sollst nicht knien. + +Eugenie. +Lass, o lass mich hier +Der voelligsten Ergebung Glueck geniessen. +Wenn wir in raschen, mutigen Momenten +Auf unsern Fuessen stehen, strack und kuehn, +Als eigner Stuetze froh uns selbst vertraun, +Dann scheint uns Welt und Himmel zu gehoeren. +Doch was in Augenblicken der Entzueckung +Die Knie beugt, ist auch ein suess Gefuehl. +Und was wir unserm Vater, Koenig, Gott +Von Wonnedank, von ungemessner Liebe +Zum reinsten Opfer bringen moechten, drueckt +In dieser Stellung sich am besten aus. + +(Sie faellt vor ihm nieder.) + +Herzog (kniet). +Erneute Huldigung gestatte mir. + +Eugenie. +Zu ewigen Vasallen nimm uns an. + +Koenig. +Erhebt euch denn und stellt euch neben mich, +Ins Chor der Treuen, die an meiner Seite +Das Rechte, das Bestaendige beschuetzen. +O diese Zeit hat fuerchterliche Zeichen: +Das Niedre schwillt, das Hohe senkt sich nieder, +Als koennte jeder nur am Platz des andern +Befriedigung verworrner Wuensche finden, +Nur dann sich gluecklich fuehlen, wenn nichts mehr +Zu unterscheiden waere, wenn wir alle, +Von einem Strom vermischt dahin gerissen, +Im Ozean uns unbemerkt verloeren. +O lasst uns widerstehen, lasst uns tapfer, +Was uns und unser Volk erhalten kann, +Mit doppelt neu vereinter Kraft erhalten! +Lasst endlich uns den alten Zwist vergessen, +Der Grosse gegen Grosse reizt, von innen +Das Schiff durchbohrt, das, gegen aeussre Wellen +Geschlossen kaempfend, nur sich halten kann. + +Eugenie. +Welch frisch wohltaet'ger Glanz umleuchtet mich +Und regt mich auf, anstatt mich zu verblenden! +Wie! Unser Koenig achtet uns so sehr, +Um zu gestehen, dass er uns bedarf; +Wir sind ihm nicht Verwandte nur, wir sind +Durch sein Vertraun zum hoechsten Platz erhoben. +Und wenn die Edlen seines Koenigreichs +Um ihn sich draengen, seine Brust zu schuetzen, +So fordert er uns auf zu groesserem Dienst. +Die Herzen dem Regenten zu erhalten, +Ist jedes Wohlgesinnten hoechste Pflicht; +Denn, wo er wankt, wankt das gemeine Wesen, +Und wenn er faellt, mit ihm stuerzt alles hin. +Die Jugend, sagt man, bilde sich zu viel +Auf ihre Kraft, auf ihren Willen ein; +Doch dieser Wille, diese Kraft, auf ewig, +Was sie vermoegen, dir gehoert es an. + +Herzog. +Des Kindes Zuversicht, erhabner Fuerst, +Weisst du zu schaetzen, weisst du zu verzeihen. +Und wenn der Vater, der erfahrne Mann, +Die Gabe dieses Tags, die naechste Hoffnung +In ihrem ganzen Werte fuehlt und waegt, +So bist du seines vollen Danks gewiss. + +Koenig. +Wir wollen bald einander wieder sehn, +An jenem Fest, wo sich die treuen Meinen +Der Stunde freun, die mir das Licht gegeben. +Dich geb' ich, edles Kind, an diesem Tage +Der grossen Welt, dem Hofe, deinem Vater +Und mir. Am Throne glaenze dein Geschick. +Doch bis dahin verlang' ich von euch beiden +Verschwiegenheit. Was unter uns geschehn, +Erfahre niemand. Missgunst lauert auf, +Schnell regt sie Wog' auf Woge, Sturm auf Sturm; +Das Fahrzeug treibt an jaehe Klippen hin, +Wo selbst der Steurer nicht zu retten weiss. +Geheimnis nur verbuerget unsre Taten; +Ein Vorsatz, mitgeteilt, ist nicht mehr dein; +Der Zufall spielt mit deinem Willen schon; +Selbst wer gebieten kann, muss ueberraschen. +Ja, mit dem besten Willen leisten wir +So wenig, weil uns tausend Willen kreuzen. +O waere mir zu meinen reinen Wuenschen +Auch volle Kraft auf kurze Zeit gegeben; +Bis an den letzten Herd im Koenigreich +Empfaende man des Vaters warme Sorge. +Begnuegte sollten unter niedrem Dach, +Begnuegte sollten im Palaste wohnen. +Und haett' ich einmal ihres Gluecks genossen, +Entsagt' ich gern dem Throne, gern der Welt. + + + +Sechster Auftritt +Herzog. Eugenie. + +Eugenie. +O welch ein selig jubelvoller Tag! + +Herzog. +O moecht' ich Tag' auf Tage so erleben! + +Eugenie. +Wie goettlich hat der Koenig uns beglueckt. + +Herzog. +Geniesse rein so ungehoffte Gaben. + +Eugenie. +Er scheint nicht gluecklich, ach! Und ist so gut. + +Herzog. +Die Guete selbst erregt oft Widerstand. + +Eugenie. +Wer ist so hart, sich ihm zu widersetzen? + +Herzog. +Der Heil des Ganzen von der Strenge hofft. + +Eugenie. +Des Koenigs Milde sollte Milde zeugen. + +Herzog. +Des Koenigs Milde zeugt Verwegenheit. + +Eugenie. +Wie edel hat ihn die Natur gebildet. + +Herzog. +Doch auf zu hohen Platz hinaufgestellt. + +Eugenie. +Und ihn mit so viel Tugend ausgestattet. + +Herzog. +Zur Haeuslichkeit, zum Regimente nicht. + +Eugenie. +Von altem Heldenstamme gruent er auf. + +Herzog. +Die Kraft entgeht vielleicht dem spaeten Zweige. + +Eugenie. +Die Schwaeche zu vertreten, sind wir da. + +Herzog. +Sobald er unsre Staerke nicht verkennt. + +Eugenie (nachdenklich). +Mich leiten seine Reden zum Verdacht. + +Herzog. +Was sinnest du? Enthuelle mir dein Herz. + +Eugenie (nach einer Pause). +Auch du bist unter denen, die er fuerchtet. + +Herzog. +Er fuerchte jene, die zu fuerchten sind. + +Eugenie. +Und sollten ihm geheime Feinde drohen? + +Herzog. +Wer die Gefahr verheimlicht, ist ein Feind. +Wo sind wir hingeraten! Meine Tochter! +Wie hat der sonderbarste Zufall uns +Auf einmal weggerissen nach dem Ziel. +Unvorbereitet red' ich, uebereilt +Verwirr' ich dich, anstatt dich aufzuklaeren. +So musste dir der Jugend heitres Glueck +Beim ersten Eintritt in die Welt verschwinden. +Du konntest nicht in suesser Trunkenheit +Der blendenden Befriedigung geniessen. +Das Ziel erreichst du; doch des falschen Kranzes +Verborgne Dornen ritzen deine Hand. +Geliebtes Kind! So sollt' es nicht geschehn! +Erst nach und nach, so hofft' ich, wuerdest du +Dich aus Beschraenkung an die Welt gewoehnen, +Erst nach und nach den liebsten Hoffnungen +Entsagen lernen, manchem holden Wunsch. +Und nun auf einmal, wie der jaehe Sturz +Dir vorbedeutet, bist du in den Kreis +Der Sorgen, der Gefahr herabgestuerzt. +Misstrauen atmet man in dieser Luft, +Der Neid verhetzt ein fieberhaftes Blut +Und uebergibt dem Kummer seine Kranken. +Ach, soll ich nun nicht mehr ins Paradies, +Das dich umgab, am Abend wieder kehren, +Zu deiner Unschuld heil'gen Vorgefuehl +Mich von der Welt gedraengter Posse retten! +Du wirst fortan, mit mir ins Netz verstrickt, +Gelaehmt, verworren, dich und mich betrauern. + +Eugenie. +Nicht so, mein Vater! Konnt' ich schon bisher, +Untaetig, abgesondert, eingeschlossen, +Ein kindlich Nichts, die reinste Wonne dir, +Schon in des Daseins Unbedeutenheit +Erholung, Trost und Lebenslust gewaehren: +Wie soll die Tochter erst, in dein Geschick +Verflochten, im Gewebe deines Lebens +Als heitrer bunter Faden kuenftig glaenzen! +Ich nehme teil an jeder edlen Tat, +An jeder grossen Handlung, die den Vater +Dem Koenig und dem Reiche werter macht. +Mein frischer Sinn, die jugendliche Lust, +Die mich belebt, sie teilen dir sich mit, +Verscheuchen jene Traeume, die der Welt +Unueberwindlich ungeheure Last +Auf eine Menschenbrust zerknirschend waelzen. +Wenn ich dir sonst in trueben Augenblicken +Ohnmaecht'gen guten Willen, arme Liebe, +Dir leere Taendeleien kindlich bot; +Nun hoff' ich, eingeweiht in deine Plaene, +Bekannt mit deinen Wuenschen, mir das Recht +Vollbuert'ger Kindschaft ruehmlich zu erwerben. + +Herzog. +Was du bei diesem wicht'gen Schritt verlierst, +Erscheint dir ohne Wert und ohne Wuerde; +Was du erwartest, schaetzest du zu sehr. + +Eugenie. +Mit hoch erhabnen, hoch beglueckten Maennern +Gewalt'ges Ansehn, wuerd'gen Einfluss teilen, +Fuer edle Seelen reizender Gewinn! + +Herzog. +Gewiss! Vergib, wenn du in dieser Stunde +Mich schwaecher findest, als dem Manne ziemt. +Wir tauschten sonderbar die Pflichten um: +Ich soll dich leiten, und du leitest mich. + +Eugenie. +Wohl denn, mein Vater, tritt mit mir herauf +In diese Regionen, wo mir eben +Die neue, heitre Sonne sich erhebt! +In diesen muntren Stunden laechle nur, +Wenn ich den Inbegriff von meinen Sorgen +Dir auch eroeffne. + +Herzog. + Sage, was es ist. + +Eugenie. +Der wichtigen Momente gibt's im Leben +Gar manche, die mit Freude, die mit Trauer +Des Menschen Herz bestuermen. Wenn der Mann +Sein Aeusseres in solchem Fall vergisst, +Nachlaessig oft sich vor die Menge stellt, +So wuenscht ein Weib noch, jedem zu gefallen, +Durch ausgesuchte Tracht, vollkommnen Schmuck +Beneidenswert vor andern zu erscheinen. +Das hab' ich oft gehoert und oft bemerkt, +Und nun empfind' ich im bedeutendsten +Momente meines Lebens, dass auch ich +Der maedchenhaften Schwachheit schuldig bin. + +Herzog. +Was kannst du wuenschen, das du nicht erlangst? + +Eugenie. +Du bist geneigt, mir alles zu gewaehren, +Ich weiss es. Doch der grosse Tag ist nah, +Zu nah, um alles wuerdig zu bereiten; +Und was von Stoffen, Stickerei und Spitzen, +Was von Juwelen mich umgeben soll, +Wie kann's geschafft, wie kann's vollendet werden? + +Herzog. +Uns ueberrascht laengst gewuenschtes Glueck; +Doch vorbereitet koennen wir's empfangen. +Was du bedarfst, ist alles angeschafft, +Und heute noch, verwahrt im edlen Schrein, +Erhaeltst du Gaben, die du nicht erwartet. +Doch leichte Pruefung leg' ich dir dabei +Zum Vorbild mancher kuenftig schweren auf. +Hier ist der Schluessel! Den verwahre wohl! +Bezaehme deine Neugier! Oeffne nicht, +Eh' ich dich wieder sehe, jenen Schatz. +Vertraue niemand, sei es, wer es sei. +Die Klugheit raet's, der Koenig selbst gebeut's. + +Eugenie. +Dem Maedchen sinnst du harte Pruefung aus; +Doch will ich sie bestehn, ich schwoer' es dir! + +Herzog. +Mein eigner wuester Sohn umlauert ja +Die stillen Wege, die ich dich gefuehrt. +Der Gueter kleinen Teil, den ich bisher +Dir schuldig zugewandt, missgoennt er schon. +Erfuehr' er, dass du, hoeher nun empor +Durch unsres Koenigs Gunst gehoben, bald +In manchem Recht ihm gleich dich stellen koenntest, +Wie muesst' er wueten! Wuerd' er tueckisch nicht, +Den schoenen Schritt zu hindern, alles tun? + +Eugenie. +Lass uns im Stillen jenen Tag erharren. +Und wenn geschehn ist, was mich seine Schwester +Zu nennen mich berechtigt, soll's an mir, +Soll's an gefaelligem Betragen, guten Worten, +Nachgiebigkeit und Neigung nicht gebrechen. +Er ist dein Sohn; und sollt' er nicht nach dir +Zur Liebe, zur Vernunft gebildet sein? + +Herzog. +Ich traue dir ein jedes Wunder zu, +Verrichte sie zu meines Hauses Bestem +Und lebe wohl. Doch ach! Indem ich scheide, +Befaellt mich grausend jaeher Furcht Gewalt. +Hier lagst du tot in meinen Armen! Hier +Bezwang mich der Verzweiflung Tigerklaue. +Wer nimmt das Bild vor meinen Augen weg! +Dich hab' ich tot gesehn! So wirst du mir +An manchem Tag, in mancher Nacht erscheinen. +War ich entfernt von dir nicht stets besorgt? +Nun ist's nicht mehr ein kranker Grillentraum, +Es ist ein wahres, unausloeschlichs Bild: +Eugenie, das Leben meines Lebens, +Bleich, hingesunken, atemlos, entseelt. + +Eugenie. +Erneue nicht, was du entfernen solltest, +Lass diesen Sturz, lass diese Rettung dir +Als wertes Pfand erscheinen meines Gluecks. +Lebendig siehst du sie vor deinen Augen + +(Indem sie ihn umarmt.) + +Und fuehlst lebendig sie an deiner Brust. +So lass mich immer, immer wieder kehren! +Und vor dem gluehnden, liebevollen Leben +Entweiche des verhassten Todes Bild. + +Herzog. +Kann wohl ein Kind empfinden, wie den Vater +Die Sorge moeglichen Verlustes quaelt? +Gesteh' ich's nur! Wie oefters hat mich schon +Dein ueberkuehner Mut, mit dem du dich, +Als wie ans Pferd gewachsen, voll Gefuehl +Der doppelten, zentaurischen Gewalt, +Durch Tal und Berg, durch Fluss und Graben schleuderst, +Wie sich ein Vogel durch die Luefte wirft, +Ach! Oefters mehr geaengstigt als entzueckt. +Dass doch gemaessigter dein Trieb fortan +Der ritterlichen Uebung sich erfreue! + +Eugenie. +Dem Ungemessnen beugt sich die Gefahr, +Beschlichen wird das Maessige von ihr. +O fuehle jetzt wie damals, da du mich, +Ein kleines Kind, in ritterliche Weise +Mit heitrer Kuehnheit froehlich eingeweiht. + +Herzog. +Ich hatte damals unrecht; soll mich nun +Ein langes Leben sorgenvoll bestrafen? +Und locket Uebung des Gefaehrlichen +Nicht die Gefahr an uns heran? + +Eugenie. + Das Glueck, +Und nicht die Sorge baendigt die Gefahr. +Leb' wohl, mein Vater, folge deinem Koenig, +Und sei nun auch um deiner Tochter willen +Sein redlicher Vasall, sein treuer Freund. +Leb' wohl! + +Herzog. + O bleib! Und steh an diesem Platz +Lebendig, aufrecht, noch einmal, wie du +Ins Leben wieder aufsprangst, wo mit Wonne +Du mein zerrissen Herz erfuellend heiltest. +Unfruchtbar bleibe diese Freude nicht! +Zum ew'gen Denkmal weih' ich diesen Ort. +Hier soll ein Tempel aufstehn, der Genesung, +Der gluecklichsten, gewidmet. Rings umher +Soll deine Hand ein Feenreich erschaffen. +Den wilden Wald, das struppige Gebuesch +Soll sanfter Gaenge Labyrinth verknuepfen. +Der steile Fels wird gangbar, dieser Bach, +In reinen Spiegeln faellt er hier und dort. +Der ueberraschte Wandrer fuehlt sich hier +Ins Paradies versetzt. Hier soll kein Schuss, +Solang ich lebe, fallen, hier kein Vogel +Von seinem Zweig, kein Wild in seinem Busch +Geschreckt, verwundet, hingeschmettert werden. +Hier will ich her, wenn mir der Augen Licht, +Wenn mir der Fuesse Kraft zuletzt versagt, +Auf dich gelehnt, wallfahrten; immer soll +Des gleichen Danks Empfindung mich beleben. +Nun aber lebe wohl! Und wie?--Du weinst? + +Eugenie. +O! Wenn mein Vater aengstlich fuerchten darf, +Die Tochter zu verlieren, soll in mir +Sich keine Sorge regen, ihn vielleicht-- +Wie kann ich's denken, sagen--ihn zu missen? +Verwaiste Vaeter sind beklagenswert; +Allein verwaiste Kinder sind es mehr. +Und ich, die Aermste, stuende ganz allein +Auf dieser weiten, fremden, wilden Welt, +Muesst' ich von ihm, dem Einzigen, mich trennen. + +Herzog. +Wie du mich staerktest, geb' ich dir's zurueck. +Lass uns getrost, wie immer, vorwaerts gehen! +Das Leben ist des Lebens Pfand; es ruht +Nur auf sich selbst und muss sich selbst verbuergen. +Drum lass uns eilige auseinander scheiden! +Von diesem allzu weichen Lebewohl +Soll ein erfreulich wieder Sehn uns heilen! + +(Sie trennen sich schnell; aus der Entfernung werfen sie sich +mit ausgebreiteten Armen ein Lebewohl zu und gehen eilig ab.) + + + + +Zweiter Aufzug +(Zimmer Eugenies, im gotischen Stil.) + + + +Erster Auftritt +Hofmeisterin. Sekretaer. + +Sekretaer. +Verdien' ich, dass du mich, im Augenblick, +Da ich erwuenschte Nachricht bringe, fliehst? +Vernimm nur erst, was ich zu sagen habe! + +Hofmeisterin. +Wohin es deutet, fuehl' ich nur zu sehr. +O lass mein Auge vom bekannten Blick, +Mein Ohr sich von bekannter Stimme wenden! +Entfliehen lass mich der Gewalt, die, sonst +Durch Lieb' und Freundschaft wirksam, fuerchterlich +Wie ein Gespenst mir nun zur Seite steht. + +Sekretaer. +Wenn ich des Glueckes Fuellhorn dir auf einmal +Nach langem Hoffen vor die Fuesse schuette, +Wenn sich die Morgenroete jenes Tags, +Der unsern Bund auf ewig gruenden soll, +Am Horizonte feierlich erhebt, +So scheinst du nun verlegen, widerwillig +Den Antrag eines Braeutigams zu fliehn. + +Hofmeisterin. +Du zeigst mir nur die eine Seite dar, +Sie glaenzt und leuchtet, wie im Sonnenschein +Die Welt erfreulich daliegt; aber hinten +Droht schwarzer Naechte Graus, ich ahn' ihn schon. + +Sekretaer. +So lass uns erst die schoene Seite sehn! +Verlangst du Wohnung, mitten in der Stadt, +Geraeumig, heiter, trefflich ausgestattet, +Wie man's fuer sich, so wie fuer Gaeste wuenscht? +Sie ist bereit, der naechste Winter findet +Uns festlich dort umgeben, wenn du willst. +Sehnst du im Fruehling dich aufs Land, auch dort +Ist uns ein Haus, ein Garten uns bestimmt, +Ein reiches Feld. Und was Erfreuliches +An Waldung, Busch, an Wiesen, Bach und Seen +Sich Phantasie zusammendraengen mag, +Geniessen wir, zum Teil als unser eignes, +Zum Teil als allgemeines Gut. Wobei +Noch manche Rente gar bequem vergoennt, +Durch Sparsamkeit ein sichres Glueck zu steigern. + +Hofmeisterin. +In truebe Wolken huellt sich jenes Bild, +So heiter du es malst, vor meinen Augen. +Nicht wuenschenswert, abscheulich naht sich mir +Der Gott der Welt im Ueberfluss heran. +Was fuer ein Opfer fordert er? Das Glueck +Des holden Zoeglings muesst' ich morden helfen! +Und was ein solch Verbrechen mir erwarb, +Ich sollt' es je mit freier Brust geniessen? +Eugenie! Du, deren holdes Wesen +In meiner Naehe sich von Jugend auf +Aus reicher Fuelle rein entwickeln sollte, +Kann ich noch unterscheiden, was an dir +Dein eigen ist, und was du mir verdankst? +Dich, die ich als mein selbst gebildet Werk +Im Herzen trage, sollt' ich nun zerstoeren? +Von welchem Stoffe seid ihr denn geformt, +Ihr Grausamen, dass eine solche Tat +Ihr fordern duerft und zu belohnen glaubt? + +Sekretaer. +Gar manchen Schatz bewahrt von Jugend auf +Ein edles, gutes Herz und bildet ihn +Nur immer schoener, liebenswuerd'ger aus +Zur holden Gottheit des geheimen Tempels; +Doch wenn das Maechtige, das uns regiert, +Ein grosses Opfer heischt, wir bringen's doch +Mit blutendem Gefuehl der Not zuletzt. +Zwei Welten sind es, meine Liebe, die, +Gewaltsam sich bekaempfend, uns bedraengen, + +Hofmeisterin. +In voellig fremder Welt fuer mein Gefuehl +Scheinst du zu wandeln, da du deinem Herrn, +Dem edlen Herzog, solche Jammertage +Verraeterisch bereitest, zur Partei +Des Sohns dich fuegest--Wenn das Waltende +Verbrechen zu beguenst'gen scheinen mag, +So nennen wir es Zufall; doch der Mensch, +Der ganz besonnen solche Tat erwaehlt, +Er ist ein Raetsel.--Doch--und bin ich nicht +Mir auch ein Raetsel, dass ich noch an dir +Mit solcher Neigung haenge, da du mich +Zum jaehen Abgrund hinzureissen strebst? +Warum o! Schuf dich die Natur von aussen +Gefaellig, liebenswert, unwiderstehlich, +Wenn sie ein kaltes Herz in deinen Busen, +Ein Glueck zerstoerendes, zu pflanzen dachte? + +Sekretaer. +An meiner Neigung Waerme zweifelst du? + +Hofmeisterin. +Ich wuerde mich vernichten, wenn ich's koennte. +Doch ach! Warum, und mit verhasstem Plan, +Aufs Neue mich bestuermen? Schwurst du nicht, +In ew'ge Nacht das Schrecknis zu begraben? + +Sekretaer. +Ach leider draengt sich's maechtiger hervor. +Den jungen Fuersten zwingt man zum Entschluss. +Erst blieb Eugenie so manches Jahr +Ein unbedeutend unbekanntes Kind. +Du hast sie selbst von ihren ersten Tagen +In diesen alten Saelen auferzogen, +Von wenigen besucht und heimlich nur. +Doch wie verheimlichte sich Vaterliebe! +Der Herzog, stolz auf seiner Tochter Wert, +Laesst nach und nach sie oeffentlich erscheinen; +Sie zeigt sich reitend, fahrend. Jeder fragt +Und jeder weiss zuletzt, woher sie sei. +Nun ist die Mutter tot. Der stolzen Frau +War dieses Kind ein Graeuel, das ihr nur +Der Neigung Schwaeche vorzuwerfen schien. +Nie hat sie's anerkannt und kaum gesehn. +Durch ihren Tod fuehlt sich der Herzog frei, +Entwirft geheime Plaene, naehert sich +Dem Hofe wieder und entsagt zuletzt +Dem alten Groll, versoehnt sich mit dem Koenig +Und macht sich's zur Bedingung, dieses Kind +Als Fuerstin seines Stamms erklaert zu sehn. + +Hofmeisterin. +Und goennt ihr dieser koestlichen Natur +Vom Fuerstenblute nicht das Glueck des Rechts? + +Sekretaer. +Geliebte, Teure! Sprichst du doch so leicht, +Durch diese Mauern von der Welt geschieden, +In kloesterlichem sinne von dem Wert +Der Erdengueter. Blicke nur hinaus! +Dort waegt man besser solchen edlen Schatz. +Der Vater neidet ihn dem Sohn, der Sohn +Berechnet seines Vaters Jahre, Brueder +Entzweit ein ungewisses Recht auf Tod +Und Leben. Selbst der Geistliche vergisst, +Wohin er streben soll, und strebt nach Gold. +Verdaechte man's dem Prinzen, der sich stets +Als einz'gen Sohn gefuehlt, wenn er sich nun +Die Schwester nicht gefallen lassen will, +Die, eingedrungen, ihm das Erbteil schmaelert? +Man stelle sich an seinen Platz und richte. + +Hofmeisterin. +Und ist er nicht schon jetzt ein reicher Fuerst? +Und wird er's nicht durch seines Vaters Tod +Zum Uebermass? Wie waer' ein Teil der Gueter +So koestlich angelegt, wenn er dafuer +Die holde Schwester zu gewinnen wuesste! + +Sekretaer. +Willkuerlich handeln ist des Reichen Glueck! +Er widerspricht der Fordrung der Natur, +Der Stimme des Gesetzes, der Vernunft, +Und spendet an den Zufall seine Gaben. +Genug besitzen hiesse darben. Alles +Beduerfte man! Unendlicher Verschwendung +Sind ungemessne Gueter wuenschenswert. +Hier denke nicht zu raten, nicht zu mildern; +Kannst du mit uns nicht wirken, gib uns auf! + +Hofmeisterin. +Und was denn wirken? Lange droht ihr schon +Von fern dem Glueck des liebenswuerd'gen Kindes. +Was habt ihr denn in eurem furchtbarn Rat +Beschlossen ueber sie? Verlangt ihr etwa, +Dass ich mich blind zu eurer Tat geselle? + +Sekretaer. +Mitnichten! Hoeren kannst und sollst du gleich, +Was zu beginnen, was von dir zu fordern +Wir selbst genoetigt sind. Eugenien +Sollst du entfuehren! Sie muss dergestalt +Auf einmal aus der Welt verschwinden, dass +Wir sie getrost als tot beweinen koennen; +Verborgen muss ihr kuenftiges Geschick, +Wie das Geschick der Toten, ewig bleiben. + +Hofmeisterin. +Lebendig weiht ihr sie dem Grabe, mich +Bestimmt ihr tueckisch zur Begleiterin. +Mich stosst ihr mit hinab. Ich soll mit ihr, +Mit der Verratnen die Verraeterin, +Der Toten Schicksal vor dem Tode teilen. + +Sekretaer. +Du fuehrst sie hin und kehrest gleich zurueck. + +Hofmeisterin. +Soll sie im Kloster ihre Tage schliessen? + +Sekretaer. +Im Kloster nicht; wir moegen solch ein Pfand +Der Geistlichkeit nicht anvertrauen, die +Es leicht als Werkzeug gegen uns gebrauchte. + +Hofmeisterin. +So soll sie nach den Inseln? Sprich es aus. + +Sekretaer. +Du wirst's vernehmen! Jetzt beruh'ge dich. + +Hofmeisterin. +Wie kann ich ruhen bei Gefahr und Not, +Die meinen Liebling, die mich selbst bedraeut? + +Sekretaer. +Dein Liebling kann auch drueben gluecklich sein, +Und dich erwarten hier Genuss und Wonne. + +Hofmeisterin. +O schmeichelt euch mit solcher Hoffnung nicht. +Was hilft's, in mich zu stuermen? Zum Verbrechen +Mich anzulocken, mich zu draengen? Sie, +Das hohe Kind, wird euren Plan vereiteln. +Gedenkt nur nicht, sie als geduld'ges Opfer +Gefahrlos wegzuschleppen. Dieser Geist, +Der mutvoll sie beseelt, ererbte Kraft +Begleiten sie, wohin sie geht, zerreissen +Das falsche Netz, womit ihr sie umgabt. + +Sekretaer. +Sie festzuhalten, das gelinge dir! +Willst du mich ueberreden, dass ein Kind, +Bisher im sanften Arm des Gluecks gewiegt, +Im unverhofften Fall Besonnenheit +Und Kraft, Geschick und Klugheit zeigen werde? +Gebildet ist ihr Geist, doch nicht zur Tat, +Und wenn sie richtig fuehlt und weise spricht, +So fehlt noch viel, dass sie gemessen handle. +Des Unerfahrnen hoher, freier Mut +Verliert sich leicht in Feigheit und Verzweiflung, +Wenn sich die Not ihm gegenueberstellt. +Was wir gesonnen, fuehre du es aus! +Klein wird das Uebel werden, gross das Glueck. + +Hofmeisterin. +So gebt mir Zeit, zu pruefen und zu waehlen! + +Sekretaer. +Der Augenblick des Handelns draengt uns schon. +Der Herzog scheint gewiss, dass ihm der Koenig +Am naechsten Fest die hohe Gunst gewaehren +Und seine Tochter anerkennen wolle; +Denn Kleider und Juwelen stehn bereit, +Im praecht'gen Kasten saemtlich eingeschlossen, +Wozu er selbst die Schluessel wohl verwahrt +Und ein Geheimnis zu verwahren glaubt; +Wir aber wissen's wohl und sind geruestet; +Geschehen muss nun schnell das Ueberlegte. +Heut Abend hoerst du mehr. Nun lebe wohl! + +Hofmeisterin. +Auf duestern Wegen wirkt ihr tueckisch fort +Und waehnet, euren Vorteil klar zu sehen. +Habt ihr denn jeder Ahnung euch verschlossen, +Dass ueber Schuld und Unschuld, Licht verbreitend, +Ein rettend, raechend Wesen goettlich schwebt? + +Sekretaer. +Wer wagt, ein Herrschendes zu leugnen, das +Sich vorbehaelt, den Ausgang unsrer Taten +Nach seinem einz'gen Willen zu bestimmen? +Doch wer hat sich zu seinem hohen Rat +Gesellen duerfen? Wer Gesetz und Regel, +Wonach es ordnend spricht, erkennen moegen? +Verstand empfingen wir, uns muendig selbst +Im ird'schen Element zurecht zu finden, +Und was uns nuetzt, ist unser hoechstes Recht. + +Hofmeisterin. +Und so verleugnet ihr das Goettlichste, +Wenn euch des Herzens Winke nichts bedeuten. +Mich ruft es auf, die schreckliche Gefahr +Vom holden Zoegling kraeftig abzuwenden, +Mich gegen dich und gegen Macht und List +Beherzt zu waffnen. Kein Versprechen soll, +Kein Drohn mich von der Stelle draengen. Hier, +Zu ihrem Heil gewidmet, steh' ich fest. + +Sekretaer. +O meine Gute! Dies ihr Heil vermagst +Du ganz allein zu schaffen, die Gefahr +Von ihr zu wenden, magst du ganz allein, +Und zwar, indem du uns gehorchst. Ergreife +Sie schnell, die holde Tochter, fuehre sie, +So weit du kannst, hinweg, verbirg sie fern +Von aller Menschen Anblick, denn--du schauderst, +Du fuehlst, was ich zu sagen habe. Sei's, +Weil du mich draengest, endlich auch gesagt: +Sie zu entfernen ist das Mildeste. +Willst du zu diesem Plan nicht taetig wirken, +Denkst du, dich ihm geheim zu widersetzen, +Und wagtest du, was ich dir anvertraut, +Aus guter Ansicht irgend zu verraten, +So liegt sie tot in deinen Armen! Was +Ich selbst beweinen werde, muss geschehn. + + + +Zweiter Auftritt +Hofmeisterin. + +Die kuehne Drohung ueberrascht mich nicht! +Schon lange seh' ich dieses Feuer glimmen, +Nun schlaegt es blad in lichte Flammen aus. +Um dich zu retten, muss ich, liebes Kind, +Dich deinem holden Morgentraum entreissen. +Nur eine Hoffnung lindert meinen Schmerz; +Allein sie schwindet, wie ich sie ergreife. +Eugenie! Wenn du entsagen koenntest +Dem hohen Glueck, das unermesslich scheint, +An dessen Schwelle dir Gefahr und Tod, +Verbannung als ein Milderes begegnet. +O duerft' ich dich erleuchten! Duerft' ich dir +Verborgne Winkel oeffnen, wo die Schar +Verschworener Verfolger tueckisch lauscht! +Ach schweigen soll ich! Leise kann ich nur +Dich ahnungsvoll ermahnen; wirst du wohl +Im Taumel deiner Freude mich verstehen? + + + +Dritter Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. + +Eugenie. +Sei mir gegruesst! Du Freundin meines Herzens, +An Mutter Statt Geliebte, sei gegruesst! + +Hofmeisterin. +Mit Wonne drueck' ich dich an dieses Herz, +Geliebtes Kind, und freue mich der Freude, +Die reich aus Lebensfuelle dir entquillt. +Wie heiter glaenzt dein Auge! Welch Entzuecken +Umschwebet Mund und Wange! Welches Glueck +Draengt aus bewegtem Busen sich hervor! + +Eugenie. +Ein grosses Unheil hatte mich ergriffen, +Vom Felsen stuerzte Ross und Reiterin. + +Hofmeistern. +O Gott! + +Eugenie. +Sei ruhig! Siehst du doch mich wieder, +Gesund und hoch beglueckt, nach diesem Fall. + +Hofmeisterin. +Und wie? + +Eugenie. +Du sollst es hoeren, wie so schoen +Aus diesem Uebel sich das Glueck entwickelt. + +Hofmeisterin. +Ach! Aus dem Glueck entwickelt oft sich Schmerz. + +Eugenie. +Sprich boeser Vorbedeutung Wort nicht aus! +Und schrecke mich der Sorge nicht entgegen. + +Hofmeisterin. +O moechtest du mir alles gleich vertrauen! + +Eugenie. +Von allen Menschen dir zuerst. Nur jetzt, +Geliebte, lass mich mir. Ich muss allein +Ins eigene Gefuehl mich finden lernen. +Du weisst, wie hoch mein Vater sich erfreut, +Wenn unerwartet ihm ein klein Gedicht +Entgegenkommt, wie mir's der Muse Gunst +Bei manchem Anlass willig schenken mag. +Verlass mich! Eben schwebt mir's heiter vor, +Ich muss es haschen, sonst entschwindet's mir. + +Hofmeisterin. +Wann soll wie sonst vertrauter Stunden Reihe +Mit reichlichen Gespraechen uns erquicken? +Wann oeffnen wir, zufriednen Maedchen gleich, +Die ihren Schmuck einander wiederholt +Zu zeigen kaum ermueden, unsres Herzens +Geheimste Faecher, uns bequem und herzlich +Des wechselseit'gen Reichtums zu erfreuen? + +Eugenie. +Auch jene Stunden werden wieder kehren, +Von deren stillem Glueck man mit Vertrauen, +Sich des Vertrauns erinnernd, gerne spricht. +Doch heute lass in voller Einsamkeit +Mich das Beduerfnis jener Tage finden. + + + +Vierter Auftritt +Eugenie, nachher Hofmeisterin aussen. + +Eugenie (eine Brieftasche hervorziehend). +Und nun geschwind zum Pergament, zum Griffel! +Ich hab' es ganz und eilig fass' ich's auf, +Was ich dem Koenige zu jener Feier, +Bei der ich, neu geboren durch sein Wort, +Ins Leben trete, herzlich widmen soll. + +(Sie rezitiert langsam und schreibt.) + + Welch Wonneleben wird hier ausgespendet! + Willst du, o Herr der obern Regionen, + Des Neulings Unvermoegen nicht verschonen? + Ich sinke hin, von Majestaet geblendet. + Doch bald getrost zu dir hinauf gewendet + Erfreut's mich, an dem Fuss der festen Thronen, + Ein Sproessling deines Stamms, beglueckt zu wohnen, + Und all mein fruehes Hoffen ist vollendet. + So fliesse denn der holde Born der Gnaden! + Hier will die treue Brust so gern verweilen + Und an der Liebe Majestaet sich fassen. + Mein Ganzes haengt an einem zarten Faden, + Mir ist, als muesst' ich unaufhaltsam eilen, + Das Leben, das du gabst, fuer dich zu lassen. + +(Das Geschriebene mit Gefaelligkeit betrachtend.) + +So hast du lange nicht, bewegtes Herz, +Dich in gemessnen Worten ausgesprochen! +Wie gluecklich, den Gefuehlen unsrer Brust +Fuer ew'ge Zeit den Stempel aufzudruecken! +Doch ist es wohl genug? Hier quillt es fort, +Hier quillt es auf!--Du nahest, grosser Tag, +Der uns den Koenig gab und der nun mich +Dem Koenige, dem Vater, mich mir selbst +Zu ungemessner Wonne geben soll. +Dies hohe Fest verherrliche meine Lied! +Befluegelt draengt sich Phantasie voraus, +Sie traegt mich vor den Thron und stellt mich vor, +Sie gibt im Kreise mir-- + +Hofmeisterin (aussen). + Eugenie! + +Eugenie. +Was soll das? + +Hofmeisterin. + Hoere mich und oeffne gleich! + +Eugenie. +Verhasste Stoerung! Oeffnen kann ich nicht. + +Hofmeisterin. +Vom Vater Botschaft! + +Eugenie. + Wie? Vom Vater? Gleich! +Da muss ich oeffnen. + +Hofmeisterin. + Grosse Gaben scheint +Er dir zu schicken. + +Eugenie. + Warte! + +Hofmeisterin. + Hoerst du? + +Eugenie. + Warte! +Doch wo verberg' ich dieses Blatt? Zu klar +Spricht's jene Hoffnung aus, die mich beglueckt. +Hier ist nichts zum Verschliessen! Und bei mir +Ist's nirgend sicher, diese Tasche kaum; +Denn meine Leute sind nicht alle treu. +Gar manches hat man schon mir, als ich schlief, +Durchblaettert und entwendet. Das Geheimnis, +Das groesste, das ich je gehegt, wohin, +Wohin verberg' ich's? + +(Indem sie sich der Seitenwand naehert.) + + Wohl! Hier war es ja, +Wo du, geheimer Wandschrank, meiner Kindheit +Unschuldige Geheimnisse verbargst! +Du, den mir kindisch allausspaehende, +Von Neugier und von Muessiggang erzeugte, +Rastlose Taetigkeit entdecken half, +Du, jedem ein Geheimnis, oeffne dich! + +(Sie drueckt an einer unbemerkbaren Feder, und eine kleine Tuere +springt auf.) + +So wie ich sonst verbotnes Zuckerwerk +Zu listigem Genuss in dir versteckte, +Vertrau' ich heute meines Lebens Glueck +Entzueckt und sorglich dir auf kurze Zeit. + +(Sie legt das Pergament in den Schrank und drueckt ihn zu.) + +Die Tage schreiten vor, und ahnungsvoller +Bewegen sich nun Freud' und Schmerz heran. + +(Sie oeffnet die Tuere.) + + + +Fuenfter Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. Bediente, die einen praechtigen Putzkasten tragen. + +Hofmeisterin. +Wenn ich dich stoerte, fuehr' ich gleich mit mir, +Was mich gewiss entschuld'gen soll, herbei. + +Eugenie. +Von meinem Vater? Dieser praecht'ge Schrein! +Auf welchen Inhalt deutet solch Gefaess? + +(Zu den Bedienten.) + +Verweilt! + +(Sie reicht ihnen einen Beutel hin.) + +Zum Vorschmack eures Botenlohns +Nehmt diese Kleinigkeit! Das Bessre folgt. + +(Bediente gehen.) + +Und ohne Brief und ohne Schluessel! Steht +Mir solch ein Schatz verborgen, in der Naehe? +O Neugier! O Verlangen! Ahnest du, +Was diese Gabe mir bedeuten kann? + +Hofmeisterin. +Ich zweifle nicht, du hast es selbst erraten. +Auf naechste Hoheit deutet sie gewiss. +Den Schmuck der Fuerstentochter bringt man dir, +Weil dich der Koenig bald berufen wird. + +Eugenie. +Wie kannst du das vermuten? + +Hofmeisterin. + Weiss ich's doch! +Geheimnisse der Grossen sind belauscht. + +Eugenie. +Und wenn du's weisst, was soll ich dir's verbergen? +Soll ich die Neugier, dies Geschenk zu sehn, +Vor dir umsonst bezaehmen!--Hab' ich doch +Den Schluessel hier!--Der Vater zwar verbot's. +Doch was verbot er? Das Geheimnis nicht +Unzeitig zu entdecken; doch dir ist +Es schon entdeckt. Du kannst nicht mehr erfahren, +Als du schon weisst, und schweigst nun, mir zuliebe. +Was zaudern wir? Komm, lass uns oeffnen! Komm, +Dass uns der Gaben hoher Glanz entzuecke. + +Hofmeisterin. +Halt ein! Gedenke des Verbots! Wer weiss, +Warum der Herzog weislich so befohlen? + +Eugenie. +Mit Sinn befahl er, zum bestimmten Zweck; +Der ist vereitelt; alles weisst du schon. +Du liebst mich, bist verschwiegen, zuverlaessig. +Lass uns das Zimmer schliessen! Das Geheime +Lass uns sogleich vertraulich untersuchen. + +(Sie schliesst die Zimmertuere und eilt gegen den Schrank.) + +Hofmeisterin (sie abhaltend). +Der praecht'gen Stoffe Gold und Farbenglanz, +Der Perlen Milde, der Juwelen Strahl +Bleib' im Verborgnen! Ach, sie reizen dich +Zu jenem Ziel unwiderstehlich auf. + +Eugenie. +Was sie bedeuten, ist das Reizende. + +(Sie oeffnet den Schrank, an der Tuere zeigen sich Spiegel.) + +Welch koestliches Gewand entwickelt sich, +Indem ich's nur beruehre, meinem Blick. +Und diese Spiegel! Fordern sie nicht gleich, +Das Maedchen und den Schmuck vereint zu schildern? + +Hofmeisterin. +Kreusas toedliches Gewand entfaltet, +So scheint es mir, sich unter meiner Hand. + +Eugenie. +Wie schwebt ein solcher Truebsinn dir ums Haupt? +Denk' an beglueckter Braeute frohes Fest. +Komm! Reiche mir die Teile, nach und nach. +Das Unterkleid! Wie reich und suess durchflimmert +Sich rein des Silbers und der Farben Blitz. + +Hofmeisterin (indem sie Eugenie das Gewand umlegt). +Verbirgt sich je der Gnade Sonnenblick, +Sogleich ermattet solch ein Widerglanz. + +Eugenie. +Ein treues Herz verdient sich diesen Blick, +Und, wenn er weichen wollte, zieht's ihn an.-- +Das Oberkleid, das goldne, schlage drueber, +Die Schleppe ziehe, weit verbreitet, nach. +Auch diesem Gold ist, mit Geschmack und Wahl, +Der Blumen Schmelz metallisch aufgebraemt. +Und tret' ich so nicht schoen umgeben auf? + +Hofmeisterin. +Doch wird von Kennern mehr die Schoenheit selbst +In ihrer eignen Herrlichkeit verehrt. + +Eugenie. +Das einfach Schoene soll der Kenner schaetzen; +Verziertes aber spricht der Menge zu.-- +Nun leihe mir der Perlen sanftes Licht, +Auch der Juwelen leuchtende Gewalt. + +Hofmeisterin. +Doch deinem Herzen, deinem Geist genuegt +Nur eigner, innrer Wert und nicht der Schein. + +Eugenie. +Der Schein, was ist er, dem das Wesen fehlt? +Das Wesen, waer' es, wenn es nicht erschiene? + +Hofmeisterin. +Und hast du nicht in diesen Mauern selbst +Der Jugend ungetruebte Zeit verlebt? +Am Busen deiner Liebenden, entzueckt, +Verborgner Wonne Seligkeit erfahren? + +Eugenie. +Gefaltet kann die Knospe sich genuegen, +Solange sie des Winters Frost umgibt; +Nun schwillt vom Fruehlingshauche Lebenskraft, +In Blueten bricht sie auf an Licht und Luefte. + +Hofmeisterin. +Aus Maessigkeit entspringt ein reines Glueck. + +Eugenie. +Wenn du ein maessig Ziel dir vorgesteckt. + +Hofmeisterin. +Beschraenktheit sucht sich der Geniessende. + +Eugenie. +Du ueberredest die Geschmueckte nicht. +O dass sich dieser Saal erweiterte +Zum Raum des Glanzes, wo der Koenig thront! +Dass reicher Teppich unten, oben sich +Der goldnen Decke Woelbung breitete! +Dass hier im Kreise vor der Majestaet +Demuetig stolz die Grossen, angelacht +Von dieser Sonne, herrlich leuchteten! +Ich unter diesen Ausgezeichnete! +O lass mir dieser Wonne Vorgefuehl, +Wenn aller Augen mich zum Ziel erlesen! + +Hofmeisterin. +Zum Ziele der Bewunderung nicht allein, +Zum Ziel des Neides und des Hasses mehr. + +Eugenie. +Der Nieder steht als Folie des Gluecks, +Der Hasser lehrt uns immer wehrhaft bleiben. + +Hofmeisterin. +Demuetigung beschleicht die Stolzen oft. + +Eugenie. +Ich setz' ihr Geistesgegenwart entgegen. + +(Zum Schranke gewendet.) + +Noch haben wir nicht alles durchgesehn; +Nicht mich allein bedenk' ich diese Tage, +Fuer andre hoff' ich manche Kostbarkeit. + +Hofmeistern (ein Kaestchen hervor nehmend). +Hier aufgeschrieben steht es: "Zu Geschenken". + +Eugenie. +So nimm voraus, was dich vergnuegen kann, +Von diesen Uhren, diesen Dosen. Waehle!-- +Nein, ueberlege noch! Vielleicht verbirgt +Sich Wuenschenswerteres im reichen Schrein. + +Hofmeisterin. +O faende sich ein kraeft'ger Talisman, +Des trueben Bruders Neigung zu gewinnen! + +Eugenie. +Den Widerwillen tilge nach und nach +Des unbefangnen Herzens reines Wirken. + +Hofmeisterin. +Doch die Partei, die seinen Groll bestaerkt, +Auf ewig steht sie deinem Wunsch entgegen. + +Eugenie. +Wenn sie bisher mein Glueck zu hindern suchte, +Tritt nun Entscheidung unaufhaltsam ein, +Und ins Geschehne fuegt sich jedermann. + +Hofmeisterin. +Das, was du hoffest, noch ist's nicht geschehn. + +Eugenie. +Doch als vollendet kann ich's wohl betrachten. + +(Nach dem Schrank gekehrt.) + +Was liegt im langen Kaestchen, obenan? + +Hofmeisterin (die es herausnimmt). +Die schoensten Baender, frisch und neu gewaehlt-- +Zerstreue nicht durch eitlen Flitterwesens +Neugierige Betrachtung deinen Geist. +O waer' es moeglich, dass du meinem Wort +Gehoer verliehest einen Augenblick! +Aus stillem Kreise trittst du nun heraus +In weite Raeume, wo dich Sorgendrang, +Vielfach geknuepfte Netze, Tod vielleicht +Von meuchelmoerderischer Hand erwartet. + +Eugenie. +Du scheinst mir krank! Wie koennte sonst mein Glueck +Dir fuerchterlich, als ein Gespenst erscheinen. + +(In das Kaestchen blickend.) + +Was seh' ich? Diese Rolle! Ganz gewiss +Das Ordensband der ersten Fuerstentoechter! +Auch dieses werd' ich tragen! Nur geschwind! +Lass sehen, wie es kleidet! Es gehoert +Zum ganzen Prunk; so sei auch das versucht! + +(Das Band wird umgelegt.) + +Nun sprich vom Tode nur! Sprich von Gefahr! +Was zieret mehr den Mann, als wenn er sich +Im Heldenschmuck zu seinem Koenige, +Sich unter seinesgleichen stellen kann? +Was reizt das Auge mehr als jenes Kleid, +Das kriegerische lange Reihen zeichnet? +Und dieses Kleid und seine Farben, sind +Sie nicht ein Sinnbild ewiger Gefahr? +Die Schaerpe deutet Krieg, womit sich, stolz +Auf seine Kraft, ein edler Mann umguertet. +O meine Liebe! Was bedeutend schmueckt, +Es ist durchaus gefaehrlich. Lass auch mir +Das Mutgefuehl, was mir begegnen kann, +So praechtig ausgeruestet, zu erwarten. +Unwiderruflich, Freundin, bleibt mein Glueck. + +Hofmeisterin (beiseite). +Das Schicksal, das dich trifft, unwiderruflich. + + + + +Dritter Aufzug +(Vorzimmer des Herzogs, praechtig, modern.) + + + +Erster Auftritt +Sekretaer. Weltgeistlicher. + +Sekretaer. +Tritt still herein in diese Totenstille! +Wie ausgestorben findest du das Haus. +Der Herzog schlaeft, und alle Diener stehen, +Von seinem Schmerz durchdrungen, stumm gebeugt. +Er schlaeft! Ich segnet' ihn, als ich ihn sah +Bewusstlos auf dem Pfuehle ruhig atmen. +Das Uebermass der Schmerzen loeste sich +In der Natur balsam'scher Wohltat auf. +Den Augenblick befuercht' ich, der ihn weckt; +Euch wird ein jammervoller Mann erscheinen. + +Weltgeistlicher. +Darauf bin ich bereitet, zweifelt nicht. + +Sekretaer. +Vor wenig Stunden kam die Nachricht an, +Eugenie sei tot! Vom Pferd gestuerzt! +An eurem Orte sei sie beigesetzt, +Als an dem naechsten Platz, wohin man sie +Aus jenem Felsendickicht bringen koennen, +Wo sie verwegen sich den Tod erstuermt. + +Weltgeistlicher. +Und sie indessen ist schon weit entfernt? + +Sekretaer. +Mit rascher Eile wird sie weggefuehrt. + +Weltgeistlicher. +Und wem vertraut ihr solch ein schwer Geschaeft? + +Sekretaer. +Dem klugen Weibe, das uns angehoert. + +Weltgeistlicher. +In welche Gegend habt ihr sie geschickt? + +Sekretaer. +Zu dieses Reiches letztem Hafenplatz. + +Weltgeistlicher. +Von dorten soll sie in das fernste Land? + +Sekretaer. +Sie fuehrt ein guenst'ger Wind sogleich davon. + +Weltgeistlicher. +Und hier auf ewig gelte sie fuer tot! + +Sekretaer. +Auf deiner Fabel Vortrag kommt es an. + +Weltgeistlicher. +Der Irrtum soll im ersten Augenblick +Auf alle kuenft'ge Zeit gewaltig wirken. +An ihrer Gruft, an ihrer Leiche soll +Die Phantasie erstarren. Tausendfach +Zerreiss' ich das geliebte Bild und grabe +Dem Sinne des entsetzten Hoerenden +Mit Feuerzuegen dieses Unglueck ein. +Sie ist dahin fuer alle, sie verschwindet +Ins Nichts der Asche. Jeder kehret schnell +Den Blick zum Leben und vergisst im Taumel +Der treibenden Begierden, dass auch sie +Im Reihen der Lebendigen geschwebt. + +Sekretaer. +Du trittst mit vieler Kuehnheit ans Geschaeft; +Besorgst du keine Reue hintennach? + +Weltgeistlicher. +Welch eine Frage tust du? Wir sind fest! + +Sekretaer. +Ein innres Unbehagen fuegt sich oft +Auch wider unsern Willen an die Tat. + +Weltgeistlicher. +Was hoer' ich? Du bedenklich? Oder willst +Du mich nur pruefen, ob es euch gelang, +Mich, euren Schueler, voellig auszubilden? + +Sekretaer. +Das Wichtige bedenkt man nie genug. + +Weltgeistlicher. +Bedenke man, eh' noch die Tat beginnt. + +Sekretaer. +Auch in der Tat ist Raum fuer Ueberlegung. + +Weltgeistlicher. +Fuer mich ist nichts zu ueberlegen mehr! +Da waer' es Zeit gewesen, als ich noch +Im Paradies beschraenkter Freuden weilte, +Als, von des Gartens engem Hag umschlossen, +Ich selbst gesaete Baeume selber pfropfte, +Aus wenig Beeten meinen Tisch versorgte, +Als noch Zufriedenheit im kleinen Hause +Gefuehl des Reichtums ueber alles goss, +Und ich nach meiner Einsicht zur Gemeinde +Als Freund, als Vater aus dem Herzen sprach, +Dem Guten foerdernd meine Haende reichte, +Dem Boesen wie dem Uebel widerstritt. +O haette damals ein wohltaet'ger Geist +Vor meiner Tuere dich vorbei gewiesen, +An der du muede, durstig von der Jagd +Zu klopfen kamst; mit schmeichlerischem Wesen, +Mit suessem Wort mich zu bezaubern wusstest. +Der Gastfreundschaft geweihter, schoener Tag, +Er war der letzte rein genossnen Friedens. + +Sekretaer. +Wir brachten dir so manche Freude zu. + +Weltgeistlicher. +Und dranget mir so manch Beduerfnis auf. +Nun war ich arm, als ich die Reichen kannte; +Nun war ich sorgenvoll, denn mir gebrach's; +Nun hatt' ich Not, ich brauchte fremde Hilfe. +Ihr wart mir hilfreich, teuer buess' ich das. +Ihr nahmt mich zum Genossen eures Gluecks, +Mich zum Gesellen eurer Taten auf. +Zum Sklaven, sollt' ich sagen, dingtet ihr +Den sonst so freien, jetzt bedraengten Mann. +Ihr lohnt ihm zwar, doch immer noch versagt +Ihr ihm den Lohn, den er verlangen darf. + +Sekretaer. +Vertraue, dass wir dich in kurzer Zeit +Mit Guetern, Ehren, Pfruenden ueberhaeufen. + +Weltgeistlicher. +Das ist es nicht, was ich erwarten muss. + +Sekretaer. +Und welche neue Fordrung bildest du? + +Weltgeistlicher. +Als ein gefuehllos Werkzeug braucht ihr mich +Auch diesmal wieder. Dieses holde Kind +Verstosst ihr aus dem Kreise der Lebend'gen; +Ich soll die Tat beschoenen, sie bedecken, +Und ihr beschliesst, begeht sie ohne mich. +Von nun an fordr' ich, mit im Rat zu sitzen, +Wo Schreckliches beschlossen wird, wo jeder, +Auf seinen Sinn, auf seine Kraefte stolz, +Zum unvermeidlich Ungeheuren stimmt. + +Sekretaer. +Dass du auch diesmal dich mit uns verbunden, +Erwirbt aufs neue dir ein grosses Recht. +Gar manch Geheimnis wirst du blad vernehmen; +Dahin gedulde dich und sei gefasst. + +Weltgeistlicher. +Ich bin's und bin noch weiter, als ihr denkt; +In eure Plaene schaut' ich laengst hinein. +Der nur verdient geheimnisvolle Weihe, +Der ihr durch Ahnung vorzugreifen weiss. + +Sekretaer. +Was ahnest du? Was weisst du? + +Weltgeistlicher. + Lass uns das +Auf ein Gespraech der Mitternacht versparen. +O dieses Maedchens trauriges Geschick +Verschwindet, wie ein Bach im Ozean, +Wenn ich bedenke, wie verborgen ihr +Zu maechtiger Parteigewalt euch hebt +Und an die Stelle der Gebietenden +Mit frecher List euch einzudraengen hofft. +Nicht ihr allein; denn andre streben auch, +Euch widerstrebend, nach demselben Zweck. +So untergrabt ihr Vaterland und Thron; +Wer soll sich retten, wenn das Ganze stuerzt? + +Sekretaer. +Ich hoere kommen! Tritt hier an die Seite! +Ich fuehre dich zu rechter Zeit herein. + + + +Zweiter Auftritt +Herzog. Sekretaer. + +Herzog. +Unsel'ges Licht! Du rufst mich auf zum Leben, +Mich zum Bewusstsein dieser Welt zurueck +Und meiner selbst. Wie oede, hohl und leer +Liegt alles vor mir da, und ausgebrannt, +Ein grosser Schutt, die Staette meines Gluecks. + +Sekretaer. +Wenn jeder von den Deinen, die um dich +In dieser Stunde leiden, einen Teil +Von deinen Schmerzen uebertragen koennte, +Du fuehltest dich erleichtert und gestaerkt. + +Herzog. +Der Schmerz um Liebe, wie die Liebe, bleibt +Unteilbar und unendlich. Fuehl' ich doch, +Welch ungeheures Unglueck den betrifft, +Der seines Tags gewohntes Gut vermisst. +Warum o! Lasst ihr die bekannten Waende +Mit Farb' und Gold mir noch entgegen scheinen, +Die mich an gestern, mich an ehegestern, +An jenen Zustand meines vollen Gluecks +Mich kalt erinnern. O warum verhuellet +Ihr nicht Gemach und Saal mit schwarzem Krepp! +Dass, finster wie mein Innres, auch von aussen +Ein ewig naecht'ger Schatten mich umfange. + +Sekretaer. +O moechte doch das Viele, das dir bleibt, +Nach dem Verlust als etwas dir erscheinen. + +Herzog. +Ein geistverlassner koerperlicher Traum! +Sie war die Seele dieses ganzen Hauses. +Wie schwebte beim Erwachen sonst das Bild +Des holden Kindes dringend mir entgegen! +Hier fand ich oft ein Blatt von ihrer Hand, +Ein geistreich, herzlich Blatt zum Morgengruss. + +Sekretaer. +Wie drueckte nicht der Wunsch, dich zu ergoetzen, +Sich dichtrisch oft in fruehen Reimen aus. + +Herzog. +Die Hoffnung, sie zu sehen, gab den Stunden +Des muehevollen Tags den einz'gen Reiz. + +Sekretaer. +Wie oft bei Hindernis und Zoegrung hat +Man ungeduldig, wie nach der Geliebten +Den raschen Juengling, dich nach ihr gesehn. + +Herzog. +Vergleiche doch die jugendliche Glut, +Die selbstischen Besitz verzehrend hascht, +Nicht dem Gefuehl des Vaters, der entzueckt, +In heil'gem Anschaun stille hingegeben, +Sich an Entwicklung wunderbarer Kraefte, +Sich an der Bildung Riesenschritten freut. +Der Liebe Sehnsucht fordert Gegenwart; +Doch Zukunft ist des Vaters Eigentum. +Dort liegen seiner Hoffnung weite Felder, +Dort seiner Saaten keimender Genuss. + +Sekretaer. +O Jammer! Diese grenzenlose Wonne, +Dies ewig frische Glueck verlorst du nun. + +Herzog. +Verlor ich's? War es doch im Augenblick +Vor meiner Seele noch im vollen Glanz. +Ja, ich verlor's! Du rufst's, Ungluecklicher, +Die oede Stunde ruft mir's wieder zu. +Ja, ich verlor's! So stroemt, ihr Klagen, denn! +Zerstoere, Jammer, diesen festen Bau, +Den ein zu guenstig Alter noch verschont. +Verhasst sei mir das Bleibende, verhasst, +Ws mir in seiner Dauer Stolz erscheint; +Erwuenscht, was fliesst und schwankt. Ihr Fluten, schwellt, +Zerreisst die Daemme, wandelt Land in See! +Eroeffne deine Schluende, wildes Meer! +Verschlinge Schiff und Mann und Schaetze! Weit +Verbreitet euch, ihr kriegerischen Reihen, +Und haeuft auf blut'gen Fluren Tod auf Tod! +Entzuende, Strahl des Himmels, dich im Leeren +Und triff der kuehnen Tuerme sichres Haupt! +Zertruemmr', entzuende sie und geissle weit +Im Stadtgedraeng' der Flamme Wut umher, +Dass ich, von allem Jammer rings umfangen, +Dem Schicksal mich ergebe, das mich traf! + +Sekretaer. +Das ungeheuer Unerwartete +Bedraengt dich fuerchterlich, erhabner Mann. + +Herzog. +Wohl unerwartet kam's, nicht ungewarnt. +In meinen Armen liess ein guter Geist +Sie von den Toten wieder auferstehn +Und zeigte mir gelind, voruebereilend, +Ein Schreckliches, nun ewig Bleibendes. +Da sollt' ich strafen die Verwegenheit, +Dem Uebermut mich scheltend widersetzen, +Verbieten jene Raserei, die, sich +Unsterblich, unverwundbar waehnend, blind, +Wetteifern mit dem Vogel, sich durch Wald +Und Fluss und Straeuche von dem Felsen stuerzt. + +Sekretaer. +Was oft und gluecklich unsre Besten tun, +Wie sollt' es dir des Ungluecks Ahnung bringen? + +Herzog. +Die Ahnung dieser Leiden fuehlt' ich wohl, +Als ich zum letzten Mal--Zum letzten Mal! +Du sprichst es aus, das fuerchterliche Wort, +Das deinen Weg mit Finsternis umzieht. +O haett' ich sie nur einmal noch gesehn! +Vielleicht war dieses Unglueck abzuleiten. +Ich haette flehentlich gebeten, sie als Vater +Zum treulichsten ermahnt, sich mir zu schonen, +Und von der Wut tollkuehner Reiterei +Um unsres Glueckes willen abzustehn. +Ach, diese Stunde war mir nicht gegoennt. +Und nun vermiss' ich mein geliebtes Kind! +Sie ist dahin! Verwegner ward sie nur +Durch jenen Sturz, dem sie so leicht entrann. +Und niemand, sie zu warnen, sie zu leiten! +Entwachsen war sie dieser Frauenzucht. +In welchen Haenden liess ich solchen Schatz? +Verzaertelnden, nachgieb'gen Weiberhaenden. +Kein festes Wort, den Willen meines Kinds +Zu maessiger Vernuenftigkeit zu lenken! +Zur unbedingten Freiheit liess man ihr, +Zu jedem kuehnen Wagnis offnes Feld. +Ich fuehlt' es oft und sagt' es mir nicht klar: +Bei diesem Weibe war sie schlecht verwahrt. + +Sekretaer. +O tadle nicht die Unglueckselige! +Vom tiefsten Schmerz begleitet, irrt sie nun, +Wer weiss, in welche Lande, trostlos hin. +Sie ist entflohn. Denn wer vermoechte dir +Ins Angesicht zu sehen, der auch nur +Den fernsten Vorwurf zu befuerchten haette. + +Herzog. +O lass mich ungerecht auf andre zuernen, +Dass ich mich nicht verzweifelnd selbst zerreisse! +Wohl trag' ich selbst die Schuld und trag' sie schwer. +Denn rief ich nicht mit toerigem Beginnen +Gefahr und Tod auf dieses teure Haupt? +Sie ueberall zu sehn als Meisterin, +Das war mein Stolz! Zu teuer buess' ich ihn. +Zu Pferde sollte sie, im Wagen sie, +Die Rosse baendigend, als Heldin glaenzen. +Ins Wasser tauchend, schwimmend schien sie mir +Den Elementen goettlich zu gebieten. +So, hiess es, kann sie jeglicher Gefahr +Dereinst entgehen. Statt sie zu bewahren, +Gibt Uebung zur Gefahr den Tod ihr nun. + +Sekretaer. +Des edlen Pflichtgefuehles Uebung gibt, +Ach! Unsrer Unvergesslichen den Tod. + +Herzog. +Erklaere dich! + +Sekretaer. + Und weck' ich diesen Schmerz +Durch Schildrung kindlich edlen Unternehmens? +Ihr alter, erster, hoch geliebter Freund +Und Lehrer wohnt, von dieser Stadt entfernt, +Verschraenkt in Truebsinn, Krankheit, Menschenhass. +Nur sie allein vermocht' ihn zu erheitern; +Als Leidenschaft empfand sie diese Pflicht; +Nur allzu oft verlangte sie hinueber, +Und oft versagte man's. Nun hatte sie's +Planmaessig angelegt; sie nutzte kuehn +Des Morgenrittes abgemessne Stunden +Mit ungeheurer Schnelligkeit zum Zweck, +Den alten, viel geliebten Mann zu sehn. +Ein einz'ger Reitknecht nur war im Geheimnis, +Er unterlegt' ihr jedes Mal das Pferd, +Wie wir vermuten; denn auch er ist fort. +Der arme Mensch und jene Frau verloren +Aus Furcht vor dir sich in die weite Welt. + +Herzog. +Die Gluecklichen, die noch zu fuerchten haben, +Bei denen sich der Schmerz um ihres Herrn +Verlornes Heil in leicht verwundene, +In leicht gehobne Bangigkeit verwandelt! +Ich habe nichts zu fuerchten! Nichts zu hoffen! +Drum lass mich alles wissen; zeige mir +Den kleinsten Umstand an! Ich bin gefasst. + + + +Dritter Auftritt +Herzog. Sekretaer. Weltgeistlicher. + +Sekretaer. +Auf diesen Augenblick, verehrter Fuerst, +Hab' ich hier einen Mann zurueckgehalten, +Der, auch gebeugt, vor deinem Blick erscheint. +Es ist der Geistliche, der aus der Hand +Des Todes deine Tochter aufgenommen, +Und sie, da keiner Hilfe Trost sich zeigte, +Mit liebevoller Sorgfalt beigesetzt. + + + +Vierter Auftritt +Herzog. Weltgeistlicher. + +Weltgeistlicher. +Den Wunsch, vor deinem Antlitz zu erscheinen, +Erhabner Fuerst, wie lebhaft hegt' ich ihn! +Nun wird er mir gewaehrt im Augenblick, +Der dich und mich in tiefen Jammer senkt. + +Herzog. +Auch so willkommen, unwillkommner Bote! +Du hast sie noch gesehn, den letzten Blick, +Den sehnsuchtsvollen, dir ins Herz gefasst, +Das letzte Wort bedaechtig aufgenommen, +Dem letzten Seufzer Mitgefuehl erwidert. +O sage: Sprach sie noch? Was sprach sie aus? +Gedachte sie des Vaters? Bringst du mir +Von ihrem Mund ein herzlich Lebewohl? + +Weltgeistlicher. +Willkommen scheint ein unwillkommner Bote, +Solang er schweigt und noch der Hoffnung Raum, +Der Taeuschung Raum in unserm Herzen gibt. +Der ausgesprochne Jammer ist verhasst. + +Herzog. +Was zauderst du? Was kann ich mehr erfahren? +Sie ist dahin! Und diesen Augenblick +Ist ueber ihrem Sarge Ruh' und Stille. +Was sie auch litt, es ist fuer sie vorbei, +Fuer mich beginnt es; aber rede nur! + +Weltgeistlicher. +Ein allgemeines Uebel ist der Tod. +So denke dir das Schicksal deiner Toten, +Und finster wie des Grabes Nacht verstumme +Der Uebergang, der sie hinabgefuehrt. +Nicht jeden leitet ein gelinder Gang +Unmerklich in das stille Reich der Schatten. +Gewaltsam schmerzlich reisst Zerstoerung oft +Durch Hoellenqualen in die Ruhe hin. + +Herzog. +So hat sie viel gelitten? + +Weltgeistlicher. + Viel, nicht lange. + +Herzog. +Es war ein Augenblick, in dem sie litt, +Ein Augenblick, wo sie um Hilfe rief. +Und ich? Wo war ich da? Welch ein Geschaeft, +Welch ein Vergnuegen hatte mich gefesselt? +Verkuendigte mir nichts das Schreckliche, +Das mir das Leben voneinander riss? +Ich hoerte nicht den Schrei, ich fuehlte nicht +Den Unfall, der mich ohne Rettung traf. +Der Ahnung heil'ges, fernes Mitgefuehl +Ist nur ein Maerchen. Sinnlich und verstockt, +Ins Gegenwaertige verschlossen, fuehlt +Der Mensch das naechste Wohl, das naechste Weh, +Und Liebe selbst ist in der Ferne taub. + +Weltgeistlicher. +Soviel auch Worte gelten, fuehl' ich doch, +Wie wenig sie zum Troste wirken koennen. + +Herzog. +Das Wort verwundet leichter, als es heilt. +Und ewig wiederholend strebt vergebens +Verlornes Glueck der Kummer herzustellen. +So war denn keine Hilfe, keine Kunst +Vermoegend, sie ins Leben aufzurufen? +Was hast du, sage mir, begonnen? Was +Zu ihrem Heil versucht? Du hast gewiss +Nichts unbedacht gelassen. + +Weltgeistlicher. + Leider war +Nichts zu bedenken mehr, als ich sie fand. + +Herzog. +Und soll ich ihres Lebens holde Kraft +Auf ewig missen! Lass mich meinen schmerz +Durch meinen Schmerz betruegen, diese Reste +Verewigen. O komm! Wo liegen sie? + +Weltgeistlicher. +In wuerdiger Kapelle steht ihr Sarg +Allein verwahrt. Ich sehe vom Altar +Durchs Gitter jedes Mal die Staette, will +Fuer sie, solang ich lebe, betend flehen. + +Herzog. +O komm und fuehre mich dahin! Begleiten +Soll uns der Aerzte viel erfahrenster. +Lass uns den schoenen Koerper der Verwesung +Entreissen! Lass mit edlen Spezereien +Das unschaetzbare Bild zusammenhalten! +Ja! Die Atomen alle, die sich einst +Zur koestlichen Gestalt versammelten, +Sie sollen nicht ins Element zurueck. + +Weltgeistlicher. +Was darf ich sagen? Muss ich dir bekennen! +Du kannst nicht hin! Ach! Das zerstoerte Bild! +Kein Fremder saeh' es ohne Jammer an! +Und vor die Augen eines Vaters--Nein, +Verhuet' es Gott! Du darfst sie nicht erblicken. + +Herzog. +Welch neuer Qualenkrampf bedroht mich! + +Weltgeistlicher. +O lass mich schweigen, dass nicht meine Worte +Auch die Erinnrung der Verlornen schaenden! +Lass mich verhehlen, wie sie durchs Gebuesch, +Durch Felsen hergeschleift, entstellt und blutig, +Zerrissen und zerschmettert und zerbrochen, +Unkenntlich, mir im Arm zur Erde hing. +Da segnet' ich, von Traenen ueberfliessend, +Der Stunde Heil, in der ich feierlich +Dem holden Vaternamen einst entsagt. + +Herzog. +Du bist nicht Vater! Bist der selbstischen +Verstockten, der Verkehrten einer, die +Ihr abgeschlossnes Wesen unfruchtbar +Verzweifeln laesst. Entferne dich! Verhasst +Erscheinet mir dein Anblick. + +Weltgeistlicher. + Fuehlt' ich's doch! +Wer kann dem Boten solcher Not verzeihn? + +(Will sich entfernen.) + +Herzog. +Vergib und bleib. Ein schoen entworfnes Bild, +Das wunderbar dich selbst zum zweiten Mal +Vor deinen Augen zu erschaffen strebt, +Hast du entzueckt es jemals angestaunt? +O haettest du's! Du haettest diese Form, +Die sich zu meinem Glueck, zur Lust der Welt +In tausendfaelt'gen Zuegen auferbaut, +Mir grausam nicht zerstuemmelt, mir die Wonne +Der traurigen Erinnrung nicht verkuemmert. + +Weltgeistlicher. +Was sollt' ich tun? Dich zu dem Sarge fuehren, +Den tausend fremde Traenen schon benetzt, +Als ich das morsche, schlotternde Gebein +Zu ruhiger Verwesung eingeweiht? + +Herzog. +Schweig, Unempfindlicher! Du mehrest nur +Den herben Schmerz, den du zu lindern denkst. +O! Wehe! Dass die Elemente nun, +Von keinem Geist der Ordnung mehr beherrscht, +Im leisen Kampf das Goetterbild zerstoeren. +Wenn ueber werdend Wachsendem vorher +Der Vatersinn mit Wonne bruetend schwebte, +So stockt, so kehrt in Moder nach und nach +Vor der Verzweiflung Blick die Lust des Lebens. + +Weltgeistlicher. +Was Lust und Licht Zerstoerliches erbaut, +Bewahret lange das verschlossne Grab. + +Herzog. +O weiser Brauch der Alten, das Vollkommne, +Das ernst und langsam die Natur geknuepft, +Des Menschenbilds erhabne Wuerde, gleich +Wenn sich der Geist, der wirkende, getrennt, +Durch reiner Flammen Taetigkeit zu loesen! +Und wenn die Glut mit tausend Gipfeln sich +Zum Himmel hob und zwischen Dampf und Wolken, +Des Adlers Fittich deutend sich bewegte, +Da trocknete die Traene, freier Blick +Der Hinterlassnen stieg dem neuen Gott +In des Olymps verklaerte Raeume nach. +O sammle mir in koestliches Gefaess +Der Asche, der Gebeine trueben Rest, +Dass die vergebens ausgestreckten Arme +Nur etas fassen, dass ich dieser Brust, +Die sehnsuchtsvoll sich in das Leere draengt, +Den schmerzlichsten Besitz entgegendruecke. + +Westgeistlicher. +Die Trauer wird durch Trauern immer herber. + +Herzog. +Durch Trauern wird die Trauer zum Genuss. +O dass ich doch geschwundner Asche Rest, +Im kleinen Hause, wandernd, immer weiter, +Bis zu dem Ort, wo ich zuletzt sie sah, +Als Buessender mit kurzen Schritten truege! +Dort lag sie tot in meinen Armen, dort +Sah ich, getaeuscht, sie in das Leben kehren. +Ich glaubte, sie zu fassen, sie zu halten, +Und nun ist sie auf ewig mir entrueckt. +Dort aber will ich meinen Schmerz verew'gen. +Ein Denkmal der Genesung hab' ich dort +In meines Traums Entzueckungen gelobt-- +Schon fuehret klug des Gartenmeisters Hand +Durch Busch und Fels bescheidne Wege her, +Schon wird der Platz gerundet, wo mein Koenig +Als Oheim sie an seine Brust geschlossen, +Und ebenmass und Ordnung will den Raum +Verherrlichen, der mich so hoch beglueckt. +Doch jede Hand soll feiern! Halb vollbracht +Soll dieser Plan wie mein Geschick erstarren! +Das Denkmal nur, ein Denkmal will ich stiften, +Von rauen Steinen ordnungslos getuermt, +Dorthin zu wallen, stille zu verweilen, +Bis ich vom Leben endlich selbst genese. +O lasst mich dort, versteint, am Steine ruhn, +Bis aller Sorgfalt lichtgezogne Spur +Aus dieser Wueste Trauersitz verschwindet! +Mag sich umher der freie Platz berasen, +Mag sich der Zweig dem Zweige wild verflechten, +Der Birke hangend Haar den Boden schlagen, +Der junge Busch zum Baume sich erheben, +Mit Moos der glatte Stamm sich ueberziehn; +Ich fuehle keine Zeit; denn sie ist hin, +An deren Wachstum ich die Jahre mass. + +Weltgeistlicher. +Den viel bewegten Reiz der Welt zu meiden, +Das Einerlei der Einsamkeit zu waehlen, +Wird sich's der Mann erlauben, der sich oft +Wohltaetiger Zerstreuung uebergab, +Wenn Unertraegliches, mit Felsenlast +Herbei sich waelzend, ihn bedrohend, schlich? +Hinaus! Mit Fluegelschnelle durch das Land, +Durch fremde Reiche, dass vor deinem Sinn +Der Erde Bilder heilend sich bewegen. + +Herzog. +Was hab' ich in der Welt zu suchen, wenn +Ich sie nicht wieder finde, die allein +Ein Gegenstand fuer meine Blicke war? +Soll Fluss und Huegel, Tal und Wald und Fels +Vorueber meinen Augen gehen und nur +Mir das Beduerfnis wecken, jenes Bild, +Das einzige geliebte, zu erhaschen? +Vom hohen Berg hinab, ins weite Meer, +Was soll fuer mich ein Reichtum der Natur, +Der an Verlust und Armut mich erinnert! + +Weltgeistlicher. +Und neue Gueter eignest du dir an! + +Herzog. +Nur durch der Jugend frisches Auge mag +Das laengst Bekannte neubelebt uns ruehren, +Wenn das Erstaunen, das wir laengst verschmaeht, +Von Kindes Munde hold uns widerklingt. +So hofft' ich, ihr des Reichs bebaute Flaechen, +Der Waelder Tiefen, der Gewaesser Flut +Bis an das offne Meer zu zeigen, dort +Mich ihres trunknen Blicks ins Unbegrenzte +Mit unbegrenzter Liebe zu erfreun. + +Weltgeistlicher. +Wenn du, erhabner Fuerst, des grossen Lebens +Beglueckte Tage der Beschauung nicht +Zu widmen trachtetest, wenn Taetigkeit +Fuers Wohl Unzaehliger am Throne dir +Zum Vorzug der Geburt den herrlichern +Des allgemeinen, edlen Wirkens gab, +So ruf' ich dich im Namen aller auf: +Ermanne dich! Und lass die trueben Stunden, +Die deinen Horizont umziehn, fuer andre, +Durch Trost und Rat und Hilfe, lass fuer dich +Auch diese Stunden so zum Feste werden. + +Herzog. +Wie schal und abgeschmackt ist solch ein Leben, +Wenn alles Regen, alles Treiben stets +Zu neuem Regen, neuem Treiben fuehrt +Und kein geliebter Zweck euch endlich lohnt. +Den sah ich nur in ihr, und so besass +Und so erwarb ich mit Vergnuegen, ihr +Ein kleines Reich anmut'gen Gluecks zu schaffen. +So war ich heiter, aller Menschen Freund, +Behilflich, wach, zu Rat und Tat bequem. +Den Vater lieben sie! So sagt' ich mir, +Dem Vater danken sie's und werden auch +Die Tochter einst als werte Freundin gruessen. + +Weltgeistlicher. +Zu suessen Sorgen bleibt nun keine Zeit! +Ganz andre fordern dich, erhabner Mann! +Darf ich's erwaehnen? Ich, der unterste +Von deinen Dienern? Jeder ernste Blick +In diesen trueben Tagen ist auf dich, +Auf deinen Wert, auf deine Kraft gerichtet. + +Herzog. +Der Glueckliche nur fuehlt sich Wert und Kraft. + +Weltgeistlicher. +So tiefer Schmerzen heisse Qual verbuergt +Dem Augenblick unendlichen Gehalt, +Mir aber auch Verzeihung, wenn sich kuehn +Vertraulichkeit von meinen Lippen wagt. +Wie heftig wilde Gaerung unten kocht, +Wie Schwaeche kaum sich oben schwankend haelt; +Nicht jedem wird es klar, dir aber ist's +Mehr als der Menge, der ich angehoere. +O zaudre nicht, im nahen Sturmgewitter +Das falsch gelenkte Steuer zu ergreifen! +Zum Wohle deines Vaterlands verbanne +Den eignen Schmerz; sonst werden tausend Vaeter +Wie du um ihre Kinder weinen, tausend +Und aber tausend Kinder ihre Vaeter +Vermissen, Angstgeschrei der Muetter graesslich +An hohler Kerkerwand verklingend hallen. +O bringe deinen Jammer, deinen Kummer +Auf dem Altar des allgemeinen Wohls +Zum Opfer dar, und alle, die zu rettest, +Gewinnst du dir als Kinder zum Ersatz. + +Herzog. +Aus grauenvollen Winkeln fuehre nicht +Mir der Gespenster dichte Schar heran, +Die meiner Tochter liebliche Gewalt +Mir zaubrisch oft und leicht hinweggebannt. +Sie ist dahin, die schmeichlerische Kraft, +Die meinen Geist in holde Traeume sang. +Nun draengt das Wirkliche mit dichten Massen +An mich heran und droht, mich zu erdruecken. +Hinaus, hinaus! Von dieser Welt hinweg! +Und luegt mir nicht das Kleid, in dem du wandelst, +So fuehre mich zur Wohnung der Geduld, +Ins Kloster fuehre mich und lass mich dort, +Im allgemeinen Schweigen, stumm, gebeugt, +Ein muedes Leben in die Grube senken. + +Weltgeistlicher. +Mir ziemt es kaum, dich an die Welt zu weisen; +Doch andre Worte sprech' ich kuehner aus. +Nicht in das Grab, nicht uebers Grab verschwendet +Ein edler Mann der Sehnsucht hohen Wert. +Er kehrt in sich zurueck und findet staunend +In seinem Busen das Verlorene wieder. + +Herzog. +Dass ein Besitz so fest sich hier erhaelt, +Wenn das Verlorne fern und ferner flieht, +Das ist die Qual, die das geschiedene, +Fuer ewig losgerissne Glied aufs neue +Dem Schmerz ergriffnen Koerper fuegen will. +Getrenntes Leben, wer vereinigt's wieder? +Vernichtetes, wer stellt es her? + +Weltgeistlicher. + Der Geist! +Des Menschen Geist, dem nichts verloren geht, +Was er von Wert mit Sicherheit besessen. +So lebt Eugenie vor dir, sie lebt +In deinem Sinne, den sie sonst erhub, +Dem sie das Anschaun herrlicher Natur +Lebendig aufgeregt; so wirkt sie noch +Als hohes Vorbild, schuetzet vor Gemeinem, +Vor Schlechtem dich, wie's jede Stunde bringt, +Und ihrer Wuerde wahrer Glanz verscheuchet +Den eitlen Schein, der dich bestechen will. +So fuehle dich durch ihre Kraft beseelt! +Und gib ihr so ein unzerstoerlich Leben, +Das keine Macht entreissen kann, zurueck. + +Herzog. +Lass eines dumpfen, dunklen Traumgeflechtes +Verworrne Todesnetze mich zerreissen! +Und bleibe mir, du vielgeliebtes Bild, +Vollkommen, ewig jung und ewig gleich! +Lass deiner klaren Augen reines Licht +Mich immerfort umglaenzen! Schwebe vor, +Wohin ich wandle, zeige mir den Weg +Durch dieser Erde Dornenlabyrinth! +Du bist kein Traumbild, wie ich dich erblicke; +Du warst, du bist. Die Gottheit hatte dich +Vollendet einst gedacht und dargestellt. +So bist du teilhaft des Unendlichen, +Des Ewigen, und bist auf ewig mein. + + + + +Vierter Aufzug +(Platz am Hafen. Zur einen Seite ein Palast, auf der andern eine Kirche, +im Grund eine Reihe Baeume, durch die man nach dem Hafen hinab sieht.) + + + +Erster Auftritt +Eugenie, in einen Schleier gehuellt, auf einer Bank im Grunde, +mit dem Gesicht nach der See. Hofmeisterin, Gerichtsrat im +Vordergrunde. + +Hofmeisterin. +Draengt unausweichlich ein betruebt Geschaeft +Mich aus dem Mittelpunkt des Reiches, mich +Aus dem Bezirk der Hauptstadt an die Grenze +Des festen Lands zu diesem Hafenplatz, +So folgt mir streng die Sorge, Schritt vor Schritt, +Und deutet mir bedenklich in die Weite. +Wie muessen Rat und Anteil eines Manns, +Der allen edel, zuverlaessig gilt, +Mir als ein Leitstern wonniglich erscheinen! +Verzeih daher, wenn ich mit diesem Blatt, +Das mich zu solcher schweren Tat berechtigt, +Zu dir mich wendend komme, den so lange +Man im Gericht, wo viel Gerechte wirken, +Erst pries als Beistand, nun als Richter preist. + +Gerichtsrat (der indessen das Blatt nachdenkend angesehen). +Nicht mein Verdienst, nur mein Bemuehen war +Vielleicht zu preisen. Sonderbar jedoch +Will es mich duenken, dass du eben diesen, +Den du gerecht und edel nennen willst, +In solcher Sache fragen, ihm getrost +Solch ein Papier vors Auge dringen magst, +Worauf er nur mit Schauder blicken kann. +Nicht ist von Recht, noch von Gericht die Rede; +Hier ist Gewalt! Entsetzliche Gewalt, +Selbst wenn sie klug, selbst wenn sie weise handelt. +Anheim gegeben ward ein edles Kind, +Auf Tod und Leben--sag' ich wohl zu viel?-- +Anheim gegeben deiner Willkuer. Jeder, +Sei er Beamter, Kriegsmann, Buerger, alle +Sind angewiesen, dich zu schuetzen, sie +Nach deines Worts Gesetzen zu behandeln. + +(Er gibt das Blatt zurueck.) + +Hofmeisterin. +Auch hier beweise dich gerecht und lass +Nicht dies Papier allein als Klaeger sprechen, +Auch mich, die hart Verklagte, hoere nun +Und meinen offnen Vortrag guenstig an. +Aus edlem Blut entspross die Treffliche; +Von jeder Gabe, jeder Tugend schenkt' +Ihr die Natur den allerschoensten Teil, +Wenn das Gesetz ihr andre Rechte weigert. +Und nun verbannt! Ich sollte sie dem Kreise +Der Ihrigen entfuehren, sie hierher, +Hinueber nach den Inseln sie geleiten. + +Gerichtsrat. +Gewissem Tod entgegen, der im Qualm +Erhitzter Duenste schleichend ueberfaellt. +Dort soll verwelken diese Himmelsblume, +Die Farbe dieser Wange dort verbleichen! +Verschwinden die Gestalt, die sich das Auge +Mit Sehnsucht immer zu erhalten wuenscht. + +Hofmeisterin. +Bevor du richtest, hoere weiter an! +Unschuldig ist, bedarf es wohl Beteurung? +Doch vieler Uebel Ursach' dieses Kind. +Sie als des Haders Apfel warf ein Gott +Erzuernt ins Mittel zwischen zwei Parteien, +Die sich, auf ewig nun getrennt, bekaempfen. +Sie will der eine Teil zum hoechsten Glueck +Berechtigt wissen, wenn der andre sie +Hinabzudraengen strebt. Entschieden beide!-- +Und so umschlang ein heimlich Labyrinth +Verschmitzten wirkens doppelt ihr Geschick, +So schwankte List um List im Gleichgewicht, +Bis ungeduld'ge Leidenschaft zuletzt +Den Augenblick entschiedenen Gewinns +Beschleunigte. Da brach von beiden Seiten +Die Schranke der Verstellung, drang Gewalt, +Dem Staate selbst gefaehrlich, drohend los, +Und nun, sogleich der Schuld'gen Schuld zu hemmen, +Zu tilgen, trifft ein hoher Goetterspruch +Des Kampfs unschuld'gen Anlass, meinen Zoegling, +Und reisst, verbannend, mich mit ihm dahin. + +Gerichtsrat. +Ich schelte nicht das Werkzeug, rechte kaum +Mit jenen Maechten, die sich solche Handlung +Erlauben koennen. Leider sind auch sie +Gebunden und gedraengt. Sie wirken selten +Aus freier Ueberzeugung. Sorge, Furcht +Vor groesserm Uebel noetiget Regenten +Die nuetzlich ungerechten Taten ab. +Vollbringe, was du musst, entferne dich +Aus meiner Enge rein gezognem Kreis. + +Hofmeisterin. +Den eben such' ich auf! Da dring' ich hin! +Dort hoff' ich Heil! Du wirst mich nicht verstossen. +Den werten Zoegling wuenscht' ich lange schon +Vom Glueck zu ueberzeugen, das im Kreise +Des Buergerstandes hold genuegsam weilt. +Entsagte sie der nicht gegoennten Hoehe, +Ergaebe sich des biedern Gatten Schutz +Und wendete von jenen Regionen, +Wo sie Gefahr, Verbannung, Tod umlauern, +Ins Haeusliche den liebevollen Blick; +Geloest waer' alles, meiner strengen Pflicht +Waer' ich entledigt, koennt' im Vaterland +Vertrauter Stunden mich verweilend freuen. + +Gerichtsrat. +Ein sonderbar Verhaeltnis zeigst du mir! + +Hofmeisterin. +Dem klug entschlossnen Manne zeig' ich's an. + +Gerichtsrat. +Du gibst sie frei, wenn sich ein Gatte findet? + +Hofmeisterin. +Und reichlich ausgestattet geb' ich sie. + +Gerichtsrat. +So uebereilt, wer duerfte sich entschliessen? + +Hofmeisterin. +Nur uebereilt bestimmt die Neigung sich. + +Gerichtsrat. +Die Unbekannte waehlen waere Frevel. + +Hofmeisterin. +Dem ersten Blick ist sie gekannt und wert. + +Gerichtsrat. +Der Gattin Feinde drohen auch dem Gatten. + +Hofmeisterin. +Versoehnt ist alles, wenn sie Gattin heisst. + +Gerichtsrat. +Und ihr Geheimnis, wird man's ihm entdecken? + +Hofmeisterin. +Vertrauen wird man dem Vertrauenden. + +Gerichtsrat. +Und wird sie frei solch einen Bund erwaehlen? + +Hofmeisterin. +Ein grosses Uebel draenget sie zur Wahl. + +Gerichtsrat. +In solchem Fall zu werben, ist es redlich? + +Hofmeisterin. +Der Rettende fasst an und kluegelt nicht. + +Gerichtsrat. +Was forderst du vor allen andern Dingen? + +Hofmeisterin. +Entschliessen soll sie sich im Augenblick. + +Gerichtsrat. +Ist euer Schicksal aengstlich so gesteigert? + +Hofmeisterin. +Im Hafen regt sich emsig schon die Fahrt. + +Gerichtsrat. +Hast du ihr frueher solchen Bund geraten? + +Hofmeisterin. +Im allgemeinen deutet' ich dahin. + +Gerichtsrat. +Entfernte sie unwillig den Gedanken? + +Hofmeisterin. +Noch war das alte Glueck ihr allzu nah. + +Gerichtsrat. +Die schoenen Bilder, werden sie entweichen? + +Hofmeisterin. +Das hohe Meer hat sie hinweggeschreckt. + +Gerichtsrat. +Sie fuerchtet, sich vom Vaterland zu trennen? + +Hofmeisterin. +Sie fuerchtet's, und ich fuercht' es wie den Tod. +O lass uns, Edler, gluecklich Aufgefundner, +Vergebne Worte nicht bedenklich wechseln! +Noch lebt in dir, dem Juengling, jede Tugend, +Die maecht'gen Glaubens, unbedingter Liebe +Zu nie genug geschaetzter Tat bedarf. +Gewiss umgibt ein schoener Kreis dich auch +Von Aehnlichen! Von Gleichen sag' ich nicht! +O seih dich um in deinem eignen Herzen, +In deiner Freunde Herzen sieh umher, +Und findest du ein ueberfliessend Mass +Von Liebe, von Ergebung, Kraft und Mut, +So werde dem Verdientesten dies Kleinod +Mit stillem Segen heimlich uebergeben! + +Gerichtsrat. +Ich weiss, ich fuehle deinen Zustand, kann +Und mag nicht mit mir selbst bedaechtig erst. +Wie Klugheit forderte, zu Rate gehen! +Ich will sie sprechen. + +Hofmeisterin (tritt zurueck gegen Eugenie). + +Gerichtsrat. +Was geschehen soll, +Es wird geschehn! In ganz gemeinen Dingen +Haengt viel von Wahl und Wollen ab; das Hoechste, +Was uns begegnet, kommt wer weiss woher. + + + +Zweiter Auftritt +Eugenie. Gerichtsrat. + +Gerichtsrat. +Indem du mir, verehrte Schoene, nahst, +So zweifl' ich fast, ob man mich treu berichtet. +Du bist ungluecklich, sagt man; doch du bringst, +Wohin du wandelst, Glueck und Heil heran. + +Eugenie. +Find' ich den ersten, dem aus tiefer Not +Ich Blick und Wort entgegen wenden darf, +So mild und edel, als du mir erscheinst; +Dies Angstgefuehl, ich hoffe, wird sich loesen. + +Gerichtsrat. +Ein viel Erfahrner waere zu bedauern, +Waer' ihm das Los gefallen, das dich trifft; +Wie ruft nicht erst bedraengter Jugend Kummer +Die Mitgefuehle hilfsbeduerftig an! + +Eugenie. +So hob ich mich vor kurzem aus der Nacht +Des Todes an des Tages Licht herauf, +Ich wusste nicht, wie mir geschehn! Wie hart +Ein jaeher Sturz mich laehmend hingestreckt. +Da rafft' ich mich empor, erkannte wieder +Die schoene Welt, ich sah den Arzt bemueht, +Die Flamme wieder anzufachen, fand +In meines Vaters liebevollem Blick, +An seinem Ton mein Leben wieder. Nun +Zum zweiten Mal, von einem jaehern Sturz, +Erwach' ich! Fremd und schattengleich erscheint +Mir die Umgebung, mir der Menschen Wandeln, +Und deine Milde selbst ein Traumgebild. + +Gerichtsrat. +Wenn Fremde sich in unsre Lage fuehlen, +Sind sie wohl naeher als die Naechsten, die +Oft unsern Gram als wohlbekanntes Uebel +Mit laessiger Gewohnheit uebersehn. +Dein Zustand ist gefaehrlich! Ob er gar +Unheilbar sei, wer wagt es zu entscheiden! + +Eugenie. +Ich habe nichts zu sagen! Unbekannt +Sind mir die Maechte, die mein Elend schufen. +Du hast das Weib gesprochen, jene weiss; +Ich dulde nur dem Wahnsinn mich entgegen. + +Gerichtsrat. +Was auch der Obermacht gewalt'gen Schluss +Auf dich herab gerufen, leichte Schuld, +Ein Irrtum, den der Zufall schaedlich leitet; +Die Achtung bleibt, die Neigung spricht fuer dich. + +Eugenie. +Des reinen Herzens traulich mir bewusst, +Sinn' ich der Wirkung kleiner Fehler nach. + +Gerichtsrat. +Auf ebnem Boden straucheln ist ein Scherz, +Ein Fehltritt stuerzt vom Gipfel dich herab. + +Eugenie. +Auf jenen Gipfeln schwebt' ich voll Entzuecken, +Der Freunde Uebermass verwirrte mich. +Das nahe Glueck beruehrt' ich schon im Geist, +Ein koestlich Pfand lag schon in meinen Haenden. +Nur wenig Ruhe! Wenige Geduld! +Und alles war, so darf ich glauben, mein. +Doch uebereilt' ich's, ueberliess mich rasch +Zudringlicher Versuchung.--War es das?-- +Ich sah, ich sprach, was mir zu sehn, zu sprechen +Verboten war. Wird ein so leicht Vergehn +So hart bestraft? Ein laesslich scheinendes, +Scherzhafter Probe gleichendes Verbot, +Verdammt's den Uebertreter ohne Schonung? +O, so ist's wahr, was uns der Voelker Sagen +Unglaublich ueberliefern! Jenes Apfels +Leichtsinnig augenblicklicher Genuss +Hat aller Welt unendlich Weh verschuldet. +So ward auch mir ein Schluessel anvertraut! +Verbotne Schaetze wagt' ich aufzuschliessen, +Und aufgeschlossen hab' ich mir das Grab. + +Gerichtsrat. +Des Uebels Quelle findest du nicht aus, +Und aufgefunden fliesst sie ewig fort. + +Eugenie. +In kleinen Fehlern such' ich's, gebe mir +Aus eitlem Wahn die Schuld so grosser Leiden. +Nur hoeher, hoeher wende den Verdacht! +Die beiden, denen ich mein ganzes Glueck +Zu danken hoffte, die erhabnen Maenner, +Zum Scheine reichten sie sich Hand um Hand. +Der innre Zwist unsicherer Parteien, +Der nur in duestern Hoehlen sich geneckt, +Er bricht vielleicht ins Freie bald hervor! +Und was mich erst als Furcht und Sorg' umgeben, +Entscheidet sich, indem es mich vernichtet, +Und droht Vernichtung aller Welt umher. + +Gerichtsrat. +Du jammerst mich! Das Schicksal einer Welt +Verkuendest du nach deinem Schmerzgefuehl. +Und schien dir nicht die Erde froh und gluecklich, +Als du, ein heitres Kind, auf Blumen schrittest? + +Eugenie. +Wer hat es reizender als ich gesehn, +Der Erde Glueck mit allen seinen Blueten. +Ach, alles um mich her, es war so reich, +So voll und rein, und was der Mensch bedarf, +Es schien zur Lust, zum Ueberfluss gegeben. +Und wem verdankt' ich solch ein Paradies? +Der Vaterliebe dankt' ich's, die, besorgt +Ums Kleinste, wie ums Groesste, mich verschwendrisch +Mit Prachtgenuessen zu erdruecken schien +Und meinen Koerper, meinen Geist zugleich, +Ein solches Wohl zu tragen, bildete. +Wenn alles weichlich Eitle mich umgab, +Ein wonniges Behagen mir zu schmeicheln, +So rief mich ritterlicher Trieb hinaus, +Zu Ross und Wagen, mit Gefahr zu kaempfen. +Oft sehnt' ich mich in ferne Weiten hin, +Nach fremder Lande seltsam neuen Kreisen. +Dorthin versprach der edle Vater mich, +Ans Meer versprach er mich zu fuehren, hoffte +Sich meines ersten Blicks ins Unbegrenzte +Mit liebevollem Anteil zu erfreun-- +Da steh' ich nun und schaue weit hinaus, +Und enger scheint mich's, enger zu umschliessen. +O Gott, wie schraenkt sich Welt und Himmel ein, +Wenn unser Herz in seinen Schranken banget! + +Gerichtsrat. +Unselige! Die mir aus deinen Hoehen, +Ein Meteor, verderblich niederstreifst +Und meiner Bahn Gesetz beruehrend stoerst! +Auf ewig hast du mir den heitren Blick +Ins volle Meer getruebt. Wenn Phoebus nun +Ein feuerwallend Lager sich bereitet, +Und jedes Auge von Entzuecken traent, +Da werd' ich weg mich wenden, werde dich +Und dein Geschick beweinen. Fern am Rande +Des nachtumgebnen Ozeans erblick' ich +Mit Not und Jammer deinen Pfad umstrickt! +Entbehrung alles noetig lang Gewohnten, +Bedraengnis neuer Uebel, ohne Flucht. +Der Sonne gluehendes Geschoss durchdringt +Ein feuchtes, kaum der Flut entrissnes Land. +Um Niederungen schwebet, gift'gen Brodens, +Blaudunst'ger Streifen angeschwollne Pest. +Im Vortod seh' ich, matt und hingebleicht, +von Tag zu Tag ein Kummerleben schwanken. +O die so bluehend, heiter vor mir steht, +Sie soll so frueh langsamen Tods verschwinden! + +Eugenie. +Entsetzen rufst du mir hervor! Dorthin? +Dorthin verstoesst man mich! In jenes Land, +Als Hoellenwinkel mir von Kindheit auf +In grauenvollen Zuegen dargestellt. +Dorthin, wo sich in Suempfen Schlang' und Tiger +Durch Rohr und Dorngeflechte tueckisch draengen, +Wo, peinlich quaelend, als belebte Wolken +Um Wandrer sich Insektenscharen ziehn, +Wo jeder Hauch des Windes, unbequem +Und schaedlich, Stunden raubt und Leben kuerzt. +Zu bitten dacht' ich; flehend siehst du nun +Die Dringende. Du kannst, du wirst mich retten. + +Gerichtsrat. +Ein maechtig ungeheurer Talisman +Liegt in den Haenden deiner Fuehrerin. + +Eugenie. +Was ist Gesetz und Ordnung? Koennen sie +Der Unschuld Kindertage nicht beschuetzen? +Wer seid denn ihr, die ihr mit leerem Stolz +Durchs Recht Gewalt zu baend'gen euch beruehmt? + +Gerichtsrat. +In abgeschlossnen Kreisen lenken wir +Gesetzlich streng das in der Mittelhoehe +Des Lebens wiederkehrend Schwebende. +Was droben sich in ungemessnen Raeumen +Gewaltig seltsam hin und her bewegt, +Belebt und toetet ohne Rat und Urteil, +Das wird nach anderm Mass, nach andrer Zahl +Vielleicht berechnet, bleibt uns raetselhaft. + +Eugenie. +Und ist das alles? Hast du weiter nichts +Zu sagen, zu verkuenden? + +Gerichtsrat. + Nichts! + +Eugenie. + Ich glaub' es nicht! +Ich darf's nicht glauben. + +Gerichtsrat. + Lass, o lass mich fort! +Soll ich als feig, als unentschlossen gelten? +Bedauern, jammern? Soll nicht irgendhin +Mit kuehner Hand auf deine Rettung deuten? +Doch laege nicht in dieser Kuehnheit selbst +Fuer mich die graesslichste Gefahr, von dir +Verkannt zu werden? Mit verfehltem Zweck +Als frevelhaft unwuerdig zu erscheinen? + +Eugenie. +Ich lasse dich nicht los, den mir das Glueck, +Mein altes Glueck, vertraulich zugesendet. +Mich hat's von Jugend auf gehegt, gepflegt, +Und nun im rauen Sturme sendet mir's +Den edlen Stellvertreter seiner Neigung. +Sollt' ich nicht sehen, fuehlen, dass du teil +An mir und meinem Schicksal nimmst? Ich stehe +Nicht ohne Wirkung hier: Du sinnst! Du denkst!-- +Im weiten Kreise rechtlicher Erfahrung +Schaust du zu meinen Gunsten um dich her. +Noch bin ich nicht verloren! Ja, du suchst +Ein Mittel, mich zu retten; hast es wohl +Schon ausgefunden! Mir bekennt's dein Blick, +Dein tiefer, ernster, freundlich trueber Blick. +O kehre dich nicht weg! O sprich es aus, +Ein hohes Wort, das mich zu heilen toene! + +Gerichtsrat. +So wendet voll Vertrauen zum Arzte sich +Der tief Erkrankte, fleht um Linderung, +Fleht um Erhaltung schwer bedrohter Tage; +Als Gott erscheint ihm der erfahrne Mann. +Doch ach! Ein bitter, unertraeglich Mittel +Wird nun geboten. Ach! Soll ihm vielleicht +Der edlen Glieder grausame Verstuemmlung, +Verlust statt Heilung angekuendigt werden? +Gerettet willst du sein! Zu retten bist du, +Nicht herzustellen. Was du warst, ist hin, +Und was du sein kannst, magst du's uebernehmen? + +Eugenie. +Um Rettung aus des Todes Nachtgewalt, +Um dieses Lichts erquickenden Genuss, +Um Sicherheit des Daseins ruft zuerst +Aus tiefer Not ein Halbverlorner noch. +Was dann zu heilen sei, was zu erstatten, +Was zu vermissen, lehre Tag um Tag. + +Gerichtsrat. +Und naechst dem Leben, was erflehst du dir? + +Eugenie. +Des Vaterlandes vielgeliebten Boden! + +Gerichtsrat. +Du forderst viel im einz'gen, grossen Wort! + +Eugenie. +Ein einzig Wort enthaelt mein ganzes Glueck. + +Gerichtsrat. +Den Zauberbann, wer wagt's, ihn aufzuloesen? + +Eugenie. +Der Tugend Gegenzauber siegt gewiss! + +Gerichtsrat. +Der obern Macht ist schwer zu widerstehen. + +Eugenie. +Allmaechtig ist sie nicht, die obre Macht. +Gewiss! Dir gibt die Kenntnis jener Formen, +Fuer Hohe wie fuer Niedre gleich verbindlich, +Ein Mittel an. Du laechelst. Ist es moeglich! +Das Mittel ist gefunden! Sprich es aus! + +Gerichtsrat. +Was hilf' es, meine Beste, wenn ich dir +Von Moeglichkeiten spraeche! Moeglich scheint +Fast alles unsern Wuenschen; unsrer Tat +Setzt sich von innen wie von aussen viel, +Was sie durchaus unmoeglich macht, entgegen. +Ich kann, ich darf nicht reden, lass mich los! + +Eugenie. +Und wenn du taeuschen solltest!--Waere nur +Fuer Augenblicke meiner Phantasie +Ein zweifelhafter, leichter Flug vergoennt! +Ein Uebel um das andre biete mir! +Ich bin gerettet, wenn ich waehlen kann. + +Gerichtsrat. +Ein Mittel gibt es, dich im Vaterland +Zurueckzuhalten. Friedlich ist's und manchem +Erschien' es auch erfreulich. Grosse Gunst +Hat es vor Gott und Menschen. Heil'ge Kraefte +Erheben's ueber alle Willkuer. Jedem, +Der's anerkennt, sich's anzueignen weiss, +Verschafft es Glueck und Ruhe. Vollbestand +Erwuenschter Lebensgueter sind wir ihm, +So wie der Zukunft hoechste Bilder schuldig. +Als allgemeines Menschengut verordnet's +Der Himmel selbst und liess dem Glueck, der Kuehnheit +Und stiller Neigung Raum, sich's zu erwerben. + +Eugenie. +Welch Paradies in Raetseln stellst du dar? + +Gerichtsrat. +Der eignen Schoepfung himmlisch Erdenglueck. + +Eugenie. +Was hilft mein Sinnen! Ich verwirre mich! + +Gerichtsrat. +Erraetst du's nicht, so liegt es fern von dir. + +Eugenie. +Das zeige sich, sobald du ausgesprochen. + +Gerichtsrat. +Ich wage viel! Der Ehstand ist es! + +Eugenie. + Wie? + +Gerichtsrat. +Gesprochen ist's, nun ueberlege du. + +Eugenie. +Mich ueberrascht, mich aengstet solch ein Wort. + +Gerichtsrat. +Ins Auge fasse, was dich ueberrascht. + +Eugenie. +Mir lag es fern in meiner frohen Zeit, +Nun kann ich seine Naehe nicht ertragen; +Die Sorge, die Beklemmung mehrt sich nur. +Von meines Vaters, meines Koenigs Hand +Musst' ich dereinst den Braeutigam erwarten. +Voreilig schwaermte nicht mein Blick umher, +Und keine Neigung wuchs in meiner Brust. +Nun soll ich denken, was ich nie gedacht, +Und fuehlen, was ich sittsam weg gewiesen; +Soll mir den Gatten wuenschen, eh' ein Mann +Sich liebenswert und meiner wert gezeigt, +Und jenes Glueck, das Hymen uns verspricht, +Zum Rettungsmittel meiner Not entweihen. + +Gerichtsrat. +Dem wackern Mann vertraut ein Weib getrost, +Und waer' er fremd, ein zweifelhaft Geschick. +Der ist nicht fremd, wer teilzunehmen weiss, +Und schnell verbindet ein Bedraengter sich +Mit seinem Retter. Was im Lebensgange +Dem Gatten seine Gattin fesselnd eignet, +Ein Sicherheitsgefuehl, ihr werd' es nie +An Rat und Trost, an Schutz und Hilfe fehlen, +Das floesst im Augenblick ein kuehner Mann +Dem Busen des Gefahr umgebnen Weibes +Durch Wagetat auf ew'ge Zeiten ein. + +Eugenie. +Und mir, wo zeigte sich ein solcher Held? + +Gerichtsrat. +Der Maenner Schar ist gross in dieser Stadt. + +Eugenie. +Doch allen bin und bleib' ich unbekannt. + +Gerichtsrat. +Nicht lange bleibt ein solcher Blick verborgen! + +Eugenie. +O taeusche nicht ein leicht betrognes Hoffen! +Wo faende sich ein Gleicher, seine Hand +Mir, der Erniedrigten, zu reichen? Duerft' ich +Dem Gleichen selbst ein solches Glueck verdanken? + +Gerichtsrat. +Ungleich erscheint im Leben viel, doch bald +Und unerwartet ist es ausgeglichen. +In ew'gem Wechsel wiegt ein Wohl das Weh +Und schnelle Leiden unsre Freuden auf. +Nichts ist bestaendig! Manches Missverhaeltnis +Loest unbemerkt, indem die Tage rollen, +Durch Stufenschritte sich in Harmonie. +Und ach! Den groessten Abstand weiss die Liebe, +Die Erde mit dem Himmel, auszugleichen. + +Eugenie. +In leere Traeume denkst du mich zu wiegen. + +Gerichtsrat. +Du bist gerettet, wenn du glauben kannst. + +Eugenie. +So zeige mir des Retters treues Bild. + +Gerichtsrat. +Ich zeig' ihn dir, er bietet seine Hand! + +Eugenie. +Du! Welch ein Leichtsinn ueberraschte dich? + +Gerichtsrat. +Entschiedne bleibt auf ewig mein Gefuehl. + +Eugenie. +Der Augenblick, vermag er solche Wunder? + +Gerichtsrat. +Das Wunder ist des Augenblicks Geschoepf. + +Eugenie. +Und Irrtum auch der Uebereilung Sohn. + +Gerichtsrat. +Ein Mann, der dich gesehen, irrt nicht mehr. + +Eugenie. +Erfahrung bleibt des Lebens Meisterin. + +Gerichtsrat. +Verwirren kann sie, doch das Herz entscheidet. +O lass dir sagen: Wie vor wenig Stunden, +Ich mit mir selbst zu Rate ging und mich +So einsam fuehlte, meine ganze Lage, +Vermoegen, Stand, Geschaeft ins Auge fasste +Und um mich her nach einer Gattin sann, +Da regte Phantasie mir manches Bild, +Die Schaetze der Erinnrung sichtend, auf, +Und wohlgefaellig schwebten sie vorueber. +Zu keiner Wahl bewegte sich mein Herz. +Doch du erscheinest, ich empfinde nun, +Was ich bedurfte. Dies ist mein Geschick. + +Eugenie. +Die Fremde, Schlechtumgebne, Missempfohlne, +Sie koennte frohen, stolzen Trost empfinden, +Sich so geschaetzt, sich so geliebt zu sehn; +Bedaechte sie nicht auch des Freundes Glueck, +Des edlen Manns, der unter allen Menschen +Vielleicht zuletzt ihr Hilfe bieten mag. +Betruegst du dich nicht selbst? Und wagst du, dich +Mit jener Macht, die mich bedroht, zu messen? + +Gerichtsrat. +Mit jener nicht allein!--Dem Ungestuem +Des rohen Drangs der Menge zu entgehn, +Hat uns ein Gott den schoensten Port bezeichnet. +Im Hause, wo der Gatte sicher waltet, +Da wohnt allein der Friede, den vergebens +Im Weiten du da draussen suchen magst. +Unruh'ge Missgunst, grimmige Verleumdung, +Verhallendes, parteiisches Bestreben, +Nicht wirken sie auf diesen heil'gen Kreis! +Vernunft und Liebe hegen jedes Glueck, +Und jeden Unfall mildert ihre Hand. +Komm! Rette dich zu mir! Ich kenne mich! +Und weiss, was ich versprechen darf und kann. + +Eugenie. +Bist du in deinem Hause Fuerst? + +Gerichtsrat. + Ich bin's! +Und jeder ist's, der Gute wie der Boese. +Reicht eine Macht denn wohl in jenes Haus, +Wo der Tyrann die holde Gattin kraenkt, +Wenn er nach eignem Sinn verworren handelt, +Durch Launen, Worte, Taten jede Lust +Mit Schadenfreude sinnreich untergraebt? +Wer trocknet ihre Traenen? Welch Gesetz, +Welch Tribunal erreicht den Schuldigen? +Er triumphiert, und schweigende Geduld +Senkt nach und nach, verzweifelnd, sie ins Grab. +Notwendigkeit, Gesetz, Gewohnheit gaben +Dem Mann so grobe Rechte; sie vertrauten +Auf seine Kraft, auf seinen Biedersinn.-- +Nicht Heldenfaust, nicht Heldenstamm, geliebte, +Verehrte Fremde, weiss ich dir zu bieten; +Allein des Buergers hohen Sicherstand. +Und bist du mein, was kann dich mehr beruehren? +Auf ewig bist du mein, versorgt, beschuetzt. +Der Koenig fordre dich von mir zurueck; +Als Gatte kann ich mit dem Koenig rechten. + +Eugenie. +Vergib! Mir schwebt noch allzu lebhaft vor, +Was ich verscherzte! Du, Grossmuetiger, +Bedenkest nur, was mir noch uebrig blieb. +Wie wenig ist es! Dieses Wenige +Lehrst du mich schaetzen, gibst mein eignes Wesen +Durch dein Gefuehl belebend mir zurueck. +Verehrung zoll' ich dir. Wie soll ich's nennen? +Dankbare, schwesterlich entzueckte Neigung! +Ich fuehle mich als dein Geschoepf und kann +Dir leider, wie du wuenschest, nicht gehoeren. + +Gerichtsrat. +So schnell versagst du dir und mir die Hoffnung? + +Eugenie. +Das Hoffnungslose kuendet schnell sich an! + + + +Dritter Auftritt +Die Vorigen. Hofmeisterin. + +Hofmeisterin. +Dem guenst'gen Wind gehorcht die Flotte schon. +Die Segel schwellen, alles eilt hinab. +Die Scheidenden umarmen traenend sich, +Und von den Schiffen, von dem Strande wehn +Die weissen Tuecher noch den letzten Gruss. +Bald lichtet unser Schiff die Anker auch! +Komm! Lass uns gehen! Uns begleitet nicht +Ein Scheidegruss, wir ziehen unbeweint. + +Gerichtsrat. +Nicht unbeweint, nicht ohne bittern Schmerz +Zurueckgelassner Freunde, die nach euch +Die Arme rettend strecken. O! Vielleicht +Erscheint, was ihr im Augenblick verschmaeht, +Euch blad ein sehnsuchtswertes, fernes Bild. +(Zu Eugenie.) Vor wenigen Minuten nannt' ich dich +Entzueckt willkommen! Soll ein Lebewohl +Behend auf ewig unsre Trennung siegeln? + +Hofmeisterin. +Der Unterredung Inhalt, ahn' ich ihn? + +Gerichtsrat. +Zum ew'gen Bunde siehst du mich bereit. + +Hofmeisterin (zu Eugenie). +Und wie erkennst du solch ein gross Erbieten? + +Eugenie. +Mit hoechst geruehrten Herzens reinstem Dank. + +Hofmeisterin. +Und ohne Neigung, diese Hand zu fassen? + +Gerichtsrat. +Zur Hilfe bietet sie sich dringend an. + +Eugenie. +Das Naechste steht oft unergreifbar fern. + +Hofmeisterin. +Ach! Fern von Rettung stehn wir nur zu bald. + +Gerichtsrat. +Und hast du kuenftig Drohendes bedacht? + +Eugenie. +Sogar das letzte Drohende, den Tod. + +Hofmeisterin. +Ein angebotnes Leben schlaegst du aus? + +Gerichtsrat. +Erwuenschte Feier froher Bundestage? + +Eugenie. +Ein Fest versaeumt' ich, keins erscheint mir wieder. + +Hofmeisterin. +Gewinnen kann, wer viel verloren, schnell. + +Gerichtsrat. +Noch glaenzendem ein dauerhaft Geschick. + +Eugenie. +Hinweg die Dauer, wenn der Glanz verlosch. + +Hofmeisterin. +Der Moegliches bedenkt, laesst sich genuegen. + +Gerichtsrat. +Und wem genuegte nicht an Lieb' und Treue? + +Eugenie. +Den Schmeichelworten widerspricht mein Herz, +Und widerstrebt euch beiden ungeduldig. + +Gerichtsrat. +Ach, allzu laestig scheint, ich weiss es wohl, +Uns unwillkommne Hilfe! Sie erregt +Nur innern Zwiespalt. Danken moechten wir, +Und sind undankbar, da wir nicht empfangen. +Drum lasst mich scheiden! Doch des Hafenbuergers +Gebrauch und Pflicht vorher an euch erfuellen, +Aufs unfruchtbare Meer von Landesgaben +Zum Lebewohl Erquickungsvorrat widmen. +Dann werd' ich stehen, werde starren Blicks +Geschwollne Segel ferner, immer ferner, +Und Glueck und Hoffnung weichend schwinden sehn. + + + +Vierter Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. + +Eugenie. +In deiner Hand, ich weiss es, ruht mein Heil, +Sowie mein Elend. Lass dich ueberreden! +Lass dich erweichen! Schiffe mich nicht ein! + +Hofmeisterin. +Du lenkest nun, was uns begegnen soll, +Du hast zu waehlen! Ich gehorche nur +Der starken Hand, sie stoesst mich vor sich hin. + +Eugenie. +Und nennst du Wahl, wenn Unvermeidliches +Unmoeglichem sich gegenueberstellt? + +Hofmeisterin. +Der Bund ist moeglich, wie der Bann vermeidlich. + +Eugenie. +Unmoeglich ist, was Edle nicht vermoegen. + +Hofmeisterin. +Fuer diesen biedern Mann vermagst du viel. + +Eugenie. +In bessre Lagen fuehre mich zurueck; +Und sein Erbieten lohn' ich grenzenlos. + +Hofmeisterin. +Ihm lohne gleich, was ihn allein belohnt: +Zu hohen Stufen heb' ihn deine Hand! +Wenn Tugend, wenn Verdienst den Tuechtigen +Nur langsam foerdern, wenn er, still entsagend +Und kaum bemerkt sich andern widmend, strebt, +So fuehrt ein edles Weib ihn leicht ans Ziel. +Hinunter soll kein Mann die Blicke wenden; +Hinauf zur hoechsten Frauen kehr' er sich! +Gelingt es ihm, sie zu erwerben, schnell +Geebnet zeigt des Lebens Pfad sich ihm. + +Eugenie. +Verwirrender, verfaelschter Worte Sinn +Entwickl' ich wohl aus deinen falschen Reden, +Das Gegenteil erkenn' ich nur zu klar: +Der Gatte zieht sein Weib unwiderstehlich +In seines Kreises abgeschlossne Bahn. +Dorthin ist sie gebannt, sie kann sich nicht +Aus eigner Kraft besondre Wege waehlen; +Aus niedrem Zustand fuehrt er sie hervor, +Aus hoehern Sphaeren lockt er sie hernieder. +Verschwundne ist die fruehere Gestalt, +Verloschen jede Spur vergangner Tage. +Was sie gewann, wer will es ihr entreissen? +Was sie verlor, wer gibt es ihr zurueck? + +Hofmeisterin. +So bricht du grausam dir und mir den Stab. + +Eugenie. +Noch forscht mein Blick nach Rettung hoffnungsvoll. + +Hofmeisterin. +Der Liebende verzweifelt; kannst du hoffen? + +Eugenie. +Ein kalter Mann verlieh' uns bessern Rat. + +Hofmeisterin. +Von Rat und Wahl ist keine Rede mehr; +Du stuerzest mich ins Elend, folge mir! + +Eugenie. +O dass ich dich noch einmal freundlich hold +Vor meinen Augen saehe, wie du stets +Von frueher Zeit herauf mich angeblickt! +Der Sonne Glanz, die alles Leben regt, +Des klaren Monds erquicklich leiser Schein +Begegneten mir holder nicht als du. +Was konnt' ich wuenschen? Vorbereitet war's. +Was durft' ich fuerchten? Abgelehnt war alles! +Und zog sich ins Verborgne meine Mutter +Vor ihres Kindes Blicken frueh zurueck, +So reichtest du ein ueberfliessend Mass +Besorgter Mutterliebe mir entgegen. +Bist du denn ganz verwandelt? Aeusserlich +Erscheinst du mir die Vielgeliebte selber; +Doch ausgewechselt ist, so scheint's, dein Herz-- +Du bist es noch, die ich um Kleines und Grosses +So oft gebeten, die mir nichts verweigert. +Gewohnter Ehrfurcht kindliches Gefuehl, +Es lehrt mich nun, das Hoechste zu erbitten. +Und koennt' es mich erniedrigen, dich nun +An Vaters, Koenigs, dich an Gottes Statt +Gebognen Knies um Rettung anzuflehen? + +(Sie kniet.) + +Hofmeisterin. +In dieser Lage scheinst du meiner nur +Verstellt zu spotten. Falschheit ruehrt mich nicht. + +(Hebt Eugenie mit Heftigkeit auf.) + +Eugenie. +So hartes Wort, so widriges Betragen, +Erfahr' ich das, erleb' ich das von dir? +Und mit Gewalt verscheuchst du meinen Traum. +Im klaren Lichte seh' ich mein Geschick! +Nicht meine Schuld, nicht jener Grossen Zwist, +Des Bruders Tuecke hat mich hergestossen, +Und, mitverschworen, haeltst du mich gebannt. + +Hofmeisterin. +Dein Irrtum schwankt nach allen Seiten hin. +Was will der Bruder gegen dich beginnen? +Den boesen Willen hat er, nicht die Macht. + +Eugenie. +Sei's, wie ihm wolle! Noch verschmacht' ich nicht +In ferner Wueste hoffnungslosen Raeumen. +Ein lebend Volk bewegt sich um mich her, +Ein liebend Volk, das auch den Vaternamen +Entzueckt aus seines Kindes Mund vernimmt. +Die fordr' ich auf. Aus roher Menge kuendet +Ein maecht'ger Ruf mir meine Freiheit an. + +Hofmeisterin. +Die rohe Menge hast du nie gekannt, +Sie starrt und staunt und zaudert, laesst geschehn; +Und regt sie sich, so endet ohne Glueck, +Was ohne Plan zufaellig sie begonnen. + +Eugenie. +Den Glauben wirst du mir mit kaltem Wort +Nicht, wie mein Glueck mit frecher Tag, zerstoeren. +Dort unten hoff' ich Leben, aus dem Leben, +Dort, wo die Masse, taetig stroemend, wogt, +Wo jedes Herz, mit wenigem befriedigt, +Fuer holdes Mitleid gern sich oeffnen mag. +Du haeltst mich nicht zurueck! Ich rufe laut, +Wie furchtbar mich Gefahr und Not bedraengen, +Ins wuehlende Gemisch mich stuerzend, aus. + + + + +Fuenfter Aufzug +(Platz am Hafen.) + + + +Erster Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. + +Eugenie. +Mit welchen Ketten fuehrst du mich zurueck? +Gehorch! Ich wider Willen diesmal auch! +Fluchwuerdige Gewalt der Stimme, die +Mich einst so glatt zur Folgsamkeit gewoehnte, +Die meines ersten bildsamen Gefuehls +Im ganzen Umfang sich bemeisterte! +Du warst es, der ich dieser Worte Sinn +Zuerst verdanke, dieser Sprache Kraft +Und kuenstliche Verknuepfung; diese Welt +Hab' ich aus deinem Munde, ja, mein eignes Herz. +Nun brauchst du diesen Zauber gegen mich, +Du fesselst mich, du schleppst mich hin und wider, +Mein Geist verwirrt sich, mein Gefuehl ermattet, +Und zu den Toten sehn' ich mich hinab. + +Hofmeisterin. +O haette diese Zauberkraft gewirkt, +Von jenen hohen Plaenen abzustehn. + +Eugenie. +Du ahntest solch ungeheures Uebel +Und warntest nicht den allzu sichern Mut? + +Hofmeisterin. +Wohl durft' ich warnen, aber leise nur; +Die ausgesprochne Silbe trug den Tod. + +Eugenie. +Und hinter deinem Schweigen lag Verbannung! +Ein Todeswort, willkommner war es mir. + +Hofmeisterin. +Dies Unglueck, vorgesehen oder nicht, +Hat mich und dich in gleiches Netz verschlungen. + +Eugenie. +Was kann ich wissen, welch ein Lohn dir wird, +Um deinen armen Zoegling zu verderben. + +Hofmeisterin. +Er wartet wohl am fremden Strande mein! +Das Segel schwillt und fuehrt uns beide hin. + +Eugenie. +Noch hat das Schiff in seine Kerker nicht +Mich aufgenommen. Sollt' ich willig gehen? + +Hofmeisterin. +Und riefst du nicht das Volk zur Hilfe schon? +Es staunte nur dich an und schwieg und ging. + +Eugenie. +Mit ungeheurer Not im Kampfe, schien +Ich dem gemeinen Blick des Wahnsinns Beute. +Doch sollst du mir mit Worten, mit Gewalt +Den mut'gen Schritt nach Hilfe nicht verkuemmern. +Die Ersten dieser Stadt erheben sich +Aus ihren Haeusern dem Gestadte zu, +Die Schiffe zu bewundern, die gereiht, +Uns unerwuenscht das hohe Meer gewinnen. +Schon regt sich am Palast des Gouverneurs +Die Wache. Jener ist es, der die Stufen, +Von mehreren begleitet, niedersteigt. +Ich will ihn sprechen, ihm den Fall erzaehlen! +Und ist er wert, an meines Koenigs Platz +Den wichtigsten Geschaeften vorzustehn, +So weist er mich nicht unerhoert von hinnen. + +Hofmeisterin. +Ich hindre dich an diesem Schritte nicht, +Doch nennst du keinen Namen, nur die Sache. + +Eugenie. +Den Namen nicht, bis ich vertrauen darf. + +Hofmeisterin. +Es ist ein edler junger Mann und wird, +Was er vermag, mit Anstand gern gewaehren. + + + +Zweiter Auftritt +Die Vorigen. Der Gouverneur. Adjutanten. + +Eugenie. +Dir in den Weg zu treten, darf ich's wagen? +Wirst du der kuehnen Fremden auch verzeihn? + +Gouverneur (nachdem er sie aufmerksam betrachtet). +Wer sich wie du dem ersten Blick empfiehlt, +Der ist gewiss des freundlichsten Empfangs. + +Eugenie. +Nicht froh und freundlich ist es, was ich bringe, +Entgegen treibt mich dir die hoechste Not. + +Gouverneur. +Ist, sie zu heben, moeglich, sei mir's Pflicht; +Ist sie auch nur zu lindern, soll's geschehn. + +Eugenie. +Von hohem Haus entspross die Bittende; +Doch leider ohne Namen tritt sie auf. + +Gouverneur. +Ein Name wird vergessen; dem Gedaechtnis +Schreibt solch ein Bild sich unausloeschlich ein. + +Eugenie. +Gewalt und List entreissen, fuehren, draengen +Mich von des Vaters Brust ans wilde Meer. + +Gouverneur. +Wer durfte sich an diesem Friedensbild +Mit ungeweihter Feindeshand vergreifen? + +Eugenie. +Ich selbst vermute nur! Mich ueberrascht +Aus meinem eignen Hause dieser Schlag. +Von Eigennutz und boesem Rat geleitet, +Sann mir ein Bruder dies Verderben aus, +Und diese hier, die mich erzogen, steht, +Mir unbegreiflich, meinen Feinden bei. + +Hofmeisterin. +Ihr steh' ich bei und mildre grosses Uebel, +Das ich zu heilen leider nicht vermag. + +Eugenie. +Ich soll zu Schiffe steigen, fordert sie! +Nach jenen Ufern fuehrt sie mich hinueber! + +Hofmeisterin. +Geb' ich auf solchem Weg ihr das Geleit, +So zeigt es Liebe, Muttersorgfalt an. + +Gouverneur. +Verzeiht, geschaetzte Frauen, wenn ein Mann, +Der, jung an Jahren, manches in der Welt +Gesehn und ueberlegt, im Augenblick, +Da er euch sieht und hoert, bedenklich stutzt. +Vertrauen scheint ihr beide zu verdienen, +Und ihr misstraut einander beide selbst, +So scheint es wenigstens. Wie soll ich nun +Des wunderbaren Knotens Raetselschlinge, +Die euch umstrickt, zu loesen uebernehmen? + +Eugenie. +Wenn du mich hoeren willst, vertrau' ich mehr. + +Hofmeisterin. +Auch ich vermoechte manches zu erklaeren. + +Gouverneur. +Dass uns mit Fabeln oft ein Fremder taeuscht, +Muss auch der Wahrheit schaden, wenn wir sie +In abenteuerlicher Huelle sehn. + +Eugenie. +Misstraust du mir, so bin ich ohne Hilfe. + +Gouverneur. +Und traut' ich auch, ist doch zu helfen schwer. + +Eugenie. +Nur zu den Meinen sende mich zurueck. + +Gouverneur. +Verlorne Kinder aufzunehmen, gar +Entwendete, verstossne zu beschuetzen, +Bringt wenig Dank dem wohl gesinnten Mann. +Um Gut und Erbe wird sogleich ein Streit, +Um die Person, ob sie die rechte sei, +Gehaessig aufgeregt, und wenn Verwandte +Ums Mein und dein gefuehllos hadern, trifft +Den Fremden, der sich eingemischt, der Hass +Von beiden Teilen, und nicht selten gar, +Weil ihm der strengere Beweis nicht glueckt, +Steht er zuletzt auch vor Gericht beschaemt. +Verzeih mir also, wenn ich nicht sogleich +Mit Hoffnung dein Gesuch erwidern kann. + +Eugenie. +Ziemt eine solche Furcht dem edlen Mann, +Wohin soll sich ein Unterdrueckter wenden? + +Gouverneur. +Doch wenigstens entschuldigst du gewiss +Im Augenblick, wo ein Geschaeft mich ruft, +Wenn ich auf morgen fruehe dich hinein +In meine Wohnung lade, dort genauer +Das Schicksal zu erfahren, das dich draengt. + +Eugenie. +Mit Freuden werd' ich kommen. Nimm voraus +Den lauten Dank fuer meine Rettung an! + +Hofmeisterin (die ihm ein Papier ueberreicht). +Wenn wir auf deine Ladung nicht erscheinen, +So ist dies Blatt Entschuldigung genug. + +Gouverneur (der es aufmerksam eine Weile angesehn, +es zurueckgebend). +So kann ich freilich nur beglueckte Fahrt, +Ergebung ins Geschick und Hoffnung wuenschen. + + + +Dritter Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. + +Eugenie. +Ist dies der Talisman, mit dem du mich +Entfuehrst, gefangen haeltst, der alle Guten, +Die sich zu Hilfe mir bewegen, laehmt? +Lass mich es ansehn, dieses Todesblatt! +Mein Elend kenn' ich, nun, so lass mich auch, +Wer es verhaengen konnte, lass mich's wissen. + +Hofmeisterin (die das Blatt offen darzeigt). +Hier! Sieh herein. + +Eugenie (sich weg wendend). + Entsetzliches Gefuehl! +Und ueberlebt' ich's, wenn des Vaters Name, +Des Koenigs Name mir entgegen blitzte? +Noch ist die Taeuschung moeglich, dass verwegen +Ein Kronbeamter die Gewalt missbraucht +Und, meinem Bruder froenend, mich verletzt. +Da bin ich noch zu retten. Eben dies +Will ich erfahren! Zeige her! + +Hofmeisterin (wie oben). + Du siehst's! + +Eugenie (wie oben). +Der Mut verlaesst mich! Nein, ich wag' es nicht. +Sei's, wie es will, ich bin verloren, bin +Aus allem Vorteil dieser Welt gestossen; +Entsag' ich denn auf ewig dieser Welt! +O dies vergoennst du mir! Du willst es ja, +Die Feinde wollen meinen Tod, sie wollen +Mich lebend eingescharrt. Vergoenne mir, +Der Kirche mich zu naehern, die begierig +So manch unschuldig Opfer schon verschlang. +Hier ist der Tempel; diese Pforte fuehrt +Zu stillem Jammer, wie zu stillem Glueck. +Lass diesen Schritt mich ins Verborgne tun! +Was mich daselbst erwartet, sei mein Los. + +Hofmeisterin. +Ich sehe, die Aebtissin steigt, begleitet +Von zwei der Ihren, zu dem Platz herab; +Auch sie ist jung, von hohem Haus entsprossen; +Entdeck' ihr deinen Wunsch, ich hindr' es nicht. + + + +Vierter Auftritt +Die Vorigen. Aebtissin. Zwei Nonnen. + +Eugenie. +Betaeubt, verworren, mit mir selbst entzweit +Und mit der Welt, verehrte heil'ge Jungfrau, +Siehst du mich hier. Die Angst des Augenblicks, +Die Sorge fuer die Zukunft treiben mich +In deine Gegenwart, in der ich Lindrung +Des ungeheuren Uebels hoffen darf. + +Aebtissin. +Wenn Ruhe, wenn Besonnenheit und Friede +Mit Gott und unserm eigenen Herzen sich +Mitteilen laesst, so soll es, edle Fremde, +Nicht fehlen an der Lehre treuem Wort, +Dir einzufloessen, was der Meinen Glueck +Und meins fuer heut' sowie auf ewig foerdert. + +Eugenie. +Unendlich ist mein Uebel, schwerlich moecht' +Es durch der Worte goettliche Gewalt +Sogleich zu heilen sein. O nimm mich auf +Und lass mich weilen, wo du weilst, mich erst +In Traenen loesen diese Bangigkeit +Und mein erleichtert Herz dem Troste weihen! + +Aebtissin. +Wohl hab' ich oft im heiligen Bezirk +Der Erde Traenen sich in goettlich Laecheln +Verwandeln sehn, in himmlisches Entzuecken, +Doch draengt man sich gewaltsam nicht herein; +Gar manche Pruefung muss die neue Schwester +Und ihren ganzen Wert uns erst entwickeln. + +Hofmeisterin. +Entschiedner Wert ist leicht zu kennen, leicht, +Was du bedingen moechtest, zu erfuellen. + +Aebtissin. +Ich zweifle nicht am Adel der Geburt, +Nicht am Vermoegen, dieses Hauses Rechte, +Die gross und wichtig sind, dir zu gewinnen. +Drum lasst mich bald vernehmen, was ihr denkt. + +Eugenie. +Gewaehre meine Bitte, nimm mich auf! +Verbirg mich vor der Welt im tiefsten Winkel. +Und meine ganze Habe nimm dahin. +Ich bringe viel und hoffe mehr zu leisten. + +Aebtissin. +Kann uns die Jugend, uns die Schoenheit ruehren, +Ein edles Wesen, spricht's an unser Herz, +So hast du viele Rechte, gutes Kind. +Geliebte Tochter! Komm an meine Brust! + +Eugenie. +Mit diesem Wort, mit diesem Herzensdruck +Besaenftigst du auf einmal alles Toben +Der aufgeregten Brust. Die letzte Welle +Umspielt mich weichend noch. Ich bin im Hafen. + +Hofmeisterin (dazwischen tretend). +Wenn nicht ein grausam Schicksal widerstuende! +Betrachte dieses Blatt, uns zu beklagen. + +(Sie reicht der Aebtissin das Blatt.) + +Aebtissin (die gelesen). +Ich muss dich tadeln, dass du wissentlich +So manch vergeblich Wort mit angehoert. +Ich beuge vor der hoeheren Hand mich tief, +Die hier zu walten scheint. + + + +Fuenfter Auftritt +Eugenie. Hofmeisterin. + +Eugenie. + Wie? Hoehre Hand? +Was meint die Heuchlerin? Versteht sie Gott? +Der himmlisch Hoechste hat gewiss nicht hier +Mit dieser Freveltat zu tun. Versteht +Sie unsern Koenig? Wohl! Ich muss es dulden, +Was dieser ueber mich verhaengt. Allein +Ich will nicht mehr in Zweifel, zwischen Furcht +Und Liebe schweben, will nicht weibisch mehr, +Indem ich untergehe, noch des Herzens +Und seiner weichlichen Gefuehle schonen. +Es breche, wenn es brechen soll, und nun +Verlang' ich, dieses Blatt zu sehen, sei +Von meinem Vater, sei von meinem Koenig +Das Todesurteil unterzeichnet. Jener +Gereizten Gottheit, die mich niederschmettert, +Will ich getrost ins Auge schauend stehn. +O dass ich vor ihr stuende! Fuerchterlich +Ist der bedraengten Unschuld letzter Blick. + +Hofmeisterin. +Ich hab' es nie verweigert, nimm es hin. + +Eugenie (das Papier von aussen ansehend). +Das ist des Menschen wunderbar Geschick, +Dass bei dem groessten Uebel noch die Furcht +Vor feinerem Verlust ihm uebrig bleibt. +Sind wir so reich, ihr Goetter, dass ihr uns +Mit einem Schlag nicht alles rauben koennt? +Des Lebens Glueck entriss mir dieses Blatt, +Und laesst mich groesseren Jammer noch befuerchten. + +(Sie entfaltet's.) + +Wohlan! Getrost, mein Herz, und schaudre nicht, +Die Neige dieses bittren Kelchs zu schluerfen. + +(Blickt hinein.) + +Des Koenigs Hand und Siegel! + +Hofmeisterin (die ihr das Blatt abnimmt). + Gutes Kind, +Bedaure mich, indem du dich bejammerst. +Ich uebernahm das traurige Geschaeft, +Der Allgewalt Befehl vollzieh' ich nur, +Um dir in deinem Elend beizustehn, +Dich keiner fremden Hand zu ueberlassen. +Was meine Seele peinigt, was ich noch +Von diesem schrecklichen Ereignis kenne, +Erfaehrst du kuenftig. Jetzt verzeihe mir, +Wenn mich die eiserne Notwendigkeit, +Uns unverzueglich einzuschiffen, zwingt. + + + +Sechster Auftritt +Eugenie allein, hernach Hofmeisterin im Grunde. + +Eugenie. +So ist mir denn das schoenste Koenigreich, +Der Hafenplatz, von Tausenden belebt, +Zur Wueste worden, und ich bin allein. +Hier sprechen edle Maenner nach Gesetzen, +Und Krieger lauschen auf gemessnes Wort. +Hier flehen heilig Einsame zum Himmel; +Beschaeftigt strebt die Menge nach Gewinn. +Und mich verstoesst man ohne Recht und Urteil, +Nicht eine Hand bewaffnet sich fuer mich, +Man schliesst mir die Asyle, niemand mag +Zu meinen Gunsten wenig Schritte wagen. +Verbannung! Ja, des Schreckensworts Gewicht +Erdrueckt mich schon mit allen seinen Lasten. +Schon fuehl' ich mich ein abgestorbnes Glied, +Der Koerper, der gesunde, stoesst mich los. +Dem selbstbewussten Toten gleich' ich, der, +Ein Zeuge seiner eigenen Bestattung, +Gelaehmt, in halbem Traeume, grausend liegt. +Entsetzliche Notwendigkeit! Doch wie? +Ist mir nicht eine Wahl verstattet? Kann +Ich nicht des Mannes Hand ergreifen, der +Mir, einzig edel, seine Hilfe beut?-- +Und koennt' ich das? Ich koennte die Geburt, +Die mich so hoch hinaufgerueckt, verleugnen! +Von allem Glanze jener Hoffnung mich +Auf ewig trennen! Das vermag ich nicht! +O fasse mich, Gewalt, mit ehrnen Faeusten! +Geschick, du blindes, reisse mich hinweg! +Die Wahl ist schwerer als das Uebel selbst, +Die zwischen zweien Uebeln schwankend bebt. + +(Hofmeisterin, mit Leuten, welche Gepaecke tragen, +geht schweigend hinten vorbei.) + +Sie kommen! Tragen meine Habe fort, +Das Letzte, was von koestlichem Besitz +Mir uebrig blieb. Wird es mir auch geraubt? +Man bringt's hinueber, und ich soll ihm nach. +Ein guenst'ger Wind bewegt die Wimpel seewaerts, +Bald werd' ich alle Segel schwellen sehn. +Die Flotte loeset sich vom Hafen ab! +Und nun das Schiff, das mich Unsel'ge traegt. +Man kommt! Man fordert mich an Bord. O Gott! +Ist denn der Himmel ehern ueber mir? +Dringt meine Jammerstimme nicht hindurch? +So sei's! Ich gehe! Doch mich soll das Schiff +In seines Kerkers Raeume nicht verschlingen. +Das letzte Brett, das mich hinueberfuehrt, +Soll meiner Freiheit erste Stufe werden. +Empfangt mich dann, ihr Wellen, fasst mich auf, +Und, fest umschlingend, senket mich hinab +In eures tiefen Friedens Grabesschoss. +Und wenn ich dann vom Unbill dieser Welt +Nichts mehr zu fuerchten habe, spuelt zuletzt +Mein bleiches Gebein dem Ufer zu, +Dass eine fromme Seele mir das Grab +Auf heim'schem Boden wohlgesinnt bereite. + +(Mit einigen Schritten.) + +Wohlan denn! + +(Haelt inne.) Will mein Fuss nicht mehr gehorchen? +Was fesselt meinen Schritt, was haelt mich hier? +Unsel'ge Liebe zum unwuerd'gen Leben! +Du fuehrest mich zum harten Kampf zurueck. +Verbannung, Tod, Entwuerdigung umschliessen +Mich fest und aengsten mich einander zu. +Und wie ich mich von einem schaudernd wende, +So grinst das andre mir mit Hoellenblick. +Ist denn kein menschlich, ist kein goettlich Mittel, +Von tausendfacher Qual mich zu befreien? +O dass ein einzig ahnungsvolles Wort +Zufaellig aus der Menge mir ertoente! +O dass ein Friedensvogel mir vorbei +Mit leisem Fittich leitend sich bewegte! +Gern will ich hin, wohin das Schicksal ruft; +Es deute nur! Und ich will glaeubig folgen. +Es winke nur! Ich will dem heil'gen Winke, +Vertrauend, hoffend, ungesaeumt mich fuegen. + + + +Siebenter Auftritt +Eugenie. Moench. + +Eugenie (die eine Zeitlang vor sich hingesehen, indem +sie die Augen aufhebt und den Moench erblickt). +Ich darf nicht zweifeln, ja! Ich bin gerettet! +Ja! Dieser ist's, der mich bestimmen soll. +Gesendet auf mein Flehn, erscheint er mir, +Der Wuerdige, Bejahrte, dem das Herz +Beim ersten Blick vertraut entgegen flieht. + +(Ihm entgegen gehend.) + +Mein Vater! Lass den ach! Mir nun versagten, +Verkuemmerten, verbotnen Vaternamen +Auf dich, den edlen Fremden, uebertragen. +Mit wenig Worten hoere meine Not. +Nicht als dem weisen, wohl bedaecht'gen Mann, +Dem Gott begabten Greise leg' ich sie +Mit schmerzlichem Vertraun dir an die Brust. + +Moench. +Was dich bedraengt, eroeffne freien Mutes. +Nicht ohne Schickung trifft der Leidende +Mit dem zusammen, der als hoechste Pflicht +Die Linderung der Leiden ueben soll. + +Eugenie. +Ein Raestel statt der Klagen wirst du hoeren, +Und ein Orakel fordr' ich, keinen Rat. +Zu zwei verhassten Zielen liegen mir +Zwei Wege vor den Fuessen, einer dorthin, +Hierhin der andre; welchen soll ich waehlen? + +Moench. +Du fuehrst mich in Versuchung! Soll ich nur +Als Los entscheiden? + +Eugenie. +Als ein heilig Los. + +Moench. +Begreif' ich dich, so hebt aus tiefer Not +Zu hoehern Regionen sich dein Blick. +Erstorben ist im Herzen eigner Wille, +Entscheidung hoffst du dir vom Waltenden. +Ja wohl! Das ewig Wirkende bewegt, +Uns unbegreiflich, dieses oder jenes +Als wie von ungefaehr zu unserm Wohl, +Zum Rate, zur Entscheidung, zum Vollbringen, +Und wie getragen werden wir ans Ziel. +Dies zu empfinden, ist das hoechste Glueck, +Es nicht zu fordern, ist bescheidne Pflicht, +Es zu erwarten, schoener Trost im Leiden. +O waer' ich doch gewuerdigt, nun fuer dich, +Was dir am besten frommte, vorzufuehlen! +Allein die Ahnung schweigt in meiner Brust, +Und kannst du mehr nicht mir vertraun, so nimm +Ein fruchtlos Mitleid hin zum Lebewohl. + +Eugenie. +Schiffbruechig fass' ich noch die letzte Planke! +Dich halt' ich fest und sage wider Willen +Zum letzten Mal das hoffnungslose Wort: +Aus hohem Haus entsprossen, werd' ich nun +Verstossen, uebers Meer verbannt und koennte +Mich durch ein Ehebuendnis retten, das +ZU niedren Sphaeren mich herunterzieht. +Was sagt nun dir das Herz? Verstummt es noch? + +Moench. +Es schweige, bis der pruefende Verstand +Sich als ohnmaechtig selbst bekennen muss. +Du hast nur Allgemeines mir vertraut, +Ich kann dir nur das Allgemeine raten. +Bist du zur Wahl genoetigt unter zwei +Verhassten Uebeln, fasse sie ins Auge +Und waehle, was dir noch den meisten Raum +Zu heil'gem Tun und wirken uebrig laesst, +Was deinen Geist am wenigsten begrenzt, +Am wenigsten die frommen Taten fesselt. + +Eugenie. +Die Ehe, merk' ich, raetst du mir nicht an. + +Moench. +Nicht eine solche, wie sie dich bedroht. +Wie kann der Priester segnen, wenn das Ja +Der holden Braut nicht aus dem Herzen quillt. +Er soll nicht Widerwaert'ges aneinander +Zu immer neu erzeugtem Streite ketten; +Den Wunsch der Liebe, die zum All das Eine, +Zum Ewigen das Gegenwaertige, +Das Fluechtige zum Dauernden erhebt, +Den zu erfuellen, ist kein goettlich Amt. + +Eugenie. +Ins Elend uebers Meer verbannst du mich. + +Moench. +Zum Troste jener drueben ziehe hin. + +Eugenie. +Wie soll' ich troesten, wenn ich selbst verzweifle? + +Moench. +Ein reines Herz, wovon dein Blick mir zeugt, +Ein edler Mut, ein hoher, freier Sinn +Erhaltne dich und andre, wo du auch +Auf dieser Erde wandelst. Wenn du nun, +In fruehen Jahren ohne Schuld verbannt, +Durch heil'ge Fuegung fremde Fehler buessest, +So fuehrst du wie ein ueberirdisch Wesen, +Der Unschuld Glueck und Wunderkraefte mit. +So ziehe denn hinueber! Trete frisch +In jenen Kreis der Traurigen. Erheitre +Durch dein Erscheinen jene truebe Welt. +Durch maecht'ges Wort, durch kraeft'ge Tat errege +Der tief gebeugten Herzen eigne Kraft; +Vereine die Zerstreuten um dich her, +Verbinde sie einander, alle dir; +Erschaffe, was du hier verliern sollst, +Dir Stamm und Vaterland und Fuerstentum. + +Eugenie. +Getraust du zu tun, was du gebietest? + +Moench. +Ich tat's!--Als jungen Mann entfuehrte schon +Zu wilden Staemmen mich der Geist hinueber. +Ins rohe Leben bracht' ich milde Sitte, +Ich brachte Himmelshoffnung in den Tod. +O haett' ich nicht, verfuehrt von treuer Neigung, +Dem Vaterland zu nuetzen, mich zurueck +Zu dieser Wildnis frechen Staedtelebens, +Zu diesem Wust verfeinerter Verbrechen, +Zu diesem Pfuhl der Selbstigkeit gewendet! +Hier fesselt mich des Alters Unvermoegen, +Gewohnheit, Pflichten; ein Geschick vielleicht, +Das mir die schwerste Pruefung spaet bestimmt. +Du aber, jung, von allen Banden frei, +Gestossen in das Weite, dringe vor +Und rette dich! Was du als Elend fuehlst, +Verwandelt sich in Wohltat! Eile fort! + +Eugenie. +Eroeffne klarer! Was befuerchtest du? + +Moench. +Im Dunklen draengt das Kuenft'ge sich heran, +Das kuenftig Naechste selbst erscheinet nicht +Dem offnen Blick der Sinne, des Verstands. +Wenn ich beim Sonnenschein durch diese Strassen +Bewundernd wandle, der Gebaeude Pracht, +Die felsengleich getuermten Massen schaue, +Der Plaetze Kreis, der Kirchen edlen Bau, +Des Hafens masterfuellten Raum betrachte; +Das scheint mir alles fuer die Ewigkeit +Gegruendet und geordnet; diese Menge +Gewerksam Taetiger, die hin und her +In diesen Raeumen wogt, auch die verspricht, +Sich unvertilgbar ewig herzustellen. +Allein wenn dieses grosse Bild bei Nacht +In meines Geistes Tiefen sich erneut, +Da stuermt ein Brausen durch die duestre Luft, +Der feste Boden wankt, die Tuerme schwanken, +Gefugte Steine loesen sich herab, +Und so zerfaellt in ungeformten Schutt +Die Prachterscheinung. Wenig Lebendes +Durchklimmt bekuemmert neu entstanden Huegel, +Und jeder Truemmer deutet auf ein Grab. +Das Element zu baendigen, vermag +Ein tief gebeugt, vermindert Volk nicht mehr, +Und rastlos wiederkehrend, fuellt die Flut +Mit Sand und Schlamm des Hafens Becken aus, + +Eugenie, +Die Nacht entwaffnet erst den Menschen, dann +Bekaempft sie ihn mit nichtigem Gebild. + +Moench. +Ach! Bald genug steigt ueber unsern Jammer +Der Sonne trueb gedaempfter Blick heran. +Du aber fliehe, die ein guter Geist +Verbannend segnete. Leb' wohl und eile! + + + +Achter Auftritt +Eugenie (allein). + +Vom eignen Elend leitet man mich ab, +Und fremden Jammer prophezeit man mir. +Doch waer' es fremd, was deinem Vaterland +Begegnen soll? Dies faellt mit neuer Schwere +Mir auf die Brust! Zum gegenwaert'gen Uebel +Soll ich der Zukunft Geistesbuerden tragen? +So ist's denn wahr, was in der Kindheit schon +Mir um das Ohr geklungen, was ich erst +Erhorcht, erfragt und nun zuletzt sogar +Aus meines Vaters, meines Koenigs Mund +Vernehmen musste! Diesem Reiche droht +Ein jaeher Umsturz. Die zum grossen Leben +Gefugten Elemente wollen sich +Nicht wechselseitig mehr mit Liebeskraft +Zu stets erneuter Einigkeit umfangen. +Sie fliehen sich, und einzeln tritt nun jedes +Kalt in sich selbst zurueck. Wo blieb der Ahnherrn +Gewalt'ger Geist, der sie zu einem Zweck +Vereinigte, die feindlich kaempfenden? +Der diesem grossen Volk als Fuehrer sich, +Als Koenig und als Vater dargestellt? +Er ist entschwunden! Was uns uebrig bleibt, +Ist ein Gespenst, das mit vergebnem Streben +Verlorenen Besitz zu greifen waehnt. +Und solche Sorge naehm' ich mit hinueber? +Entzoege mich gemeinsamer Gefahr? +Entfloehe der Gelegenheit, mich kuehn +Der hohen Ahnen wuerdig zu beweisen, +Und jeden, der mich ungerecht verletzt, +In boeser Stunde hilfreich zu beschaemen? +Nun bist du, Boden meines Vaterlands, +Mir erst ein Heiligtum, nun fuehl' ich erst +Den dringenden Beruf, mich anzuklammern. +Ich lasse dich nicht los, und welches Band +Mich dir erhalten kann, es ist nun heilig. +Wo find' ich jenen gut gesinnten Mann, +Der mir die Hand so traulich angeboten? +An ihn will ich mich schliessen! Im Verborgnen +Verwahr' er mich, als reinen Talisman. +Denn, wenn ein Wunder auf der Welt geschieht, +Geschieht's durch liebevolle, treue Herzen. +Die Groesse der Gefahr betracht' ich nicht, +Und meine Schwaeche darf ich nicht bedenken; +Das alles wird ein guenstiges Geschick +Zu rechter Zeit auf hohe Zwecke leiten. +Und wenn mein Vater, mein Monarch mich einst +Verkannt, verstossen, mich vergessen, soll +Erstaunt ihr Blick auf der Erhaltnen ruhn, +Die das, was sie im Gluecke zugesagt, +Aus tiefem Elend zu erfuellen strebt. +Er kommt! Ich seh' ihm freundiger entgegen, +Als ich ihn liess. Er kommt. Er sucht mich auf! +Zu scheiden denkt er--bleiben werd' ich ihm. + + + +Neunter Auftritt +Eugenie. Gerichtsrat. Ein Knabe mit einem schoenen Kaestchen. + +Gerichtsrat. +Schon ziehn die Schiffe nacheinander fort, +Und bald, so fuercht' ich, wirst auch du berufen. +Empfange noch ein herzlich Lebewohl +Und eine frische Gabe, die auf langer Fahrt +Beklommnen Reisenden Erquickung atmet. +Gedenke mein! O dass du meiner nicht +Am boesen Tage sehnsuchtsvoll gedenkest! + +Eugenie. +Ich nehme dein Geschenk mit Freuden an, +Es buergt mir deine Neigung, deine Sorgfalt; +Doch send' es eilig in dein Haus zurueck! +Und wenn du denkst, wie du gedacht, empfindest, +Wie du empfunden, wenn dir meine Freundschaft +Genuegen kann, so folg' ich dir dahin. + +Gerichtsrat (nach einer Pause, den Knaben durch einen Wink entfernend). +Ist's moeglich? Haette sich zu meiner Gunst +In kurzer Zeit dein Wille so veraendert? + +Eugenie. +Er ist veraendert! Aber denke nicht, +Dass Bangigkeit mich dir entgegen treibe. +Ein edleres Gefuehl, lass mich's verbergen! +Haelt mich am Vaterland, an dir zurueck. +Nun sei's gefragt: Vermagst du hohen Muts +Entsagung der Entsagenden zu weihen? +Vermagst du zu versprechen, mich als Bruder +Mit reiner Neigung zu empfangen? Mir, +Der liebevollen Schwester, Schutz und Rat +Und stille Lebensfreude zu gewaehren? + +Gerichtsrat. +Zu tragen glaub' ich alles, nur das eine, +Dich zu verlieren, da ich dich gefunden, +Erscheint mir unertraeglich. Dich zu sehen, +Dir nah zu sein, fuer dich zu leben, waere +Mein einzig hoechstes Glueck. Und so bedinge +Dein Herz allein das Buendnis, das wir schliessen. + +Eugenie. +Von dir allein gekannt, muss ich fortan, +Die Welt vermeidend, im Verborgnen leben. +Besitzest du ein still entferntes Landgut, +So widm' es mir und sende mich dahin. + +Gerichtsrat. +Ein kleines Gut besitz' ich, wohl gelegen; +Doch alt und halb verfallen ist das Haus. +Du kannst jedoch in jener Gegend bald +Die schoenste Wohnung finden, sie ist feil. + +Eugenie. +Nein! In das alt verfallne lass mich ziehn, +Zu meiner Lager stimmt es, meinem Sinn. +Und wenn er sich erheitert, find' ich gleich +Der Taetigkeit bereiten Stoff und Raum. +Sobald ich mich die deine nenne, lass, +Von irgend einem alten zuverlaess'gen Knecht +Begleitet, mich in Hoffnung einer kuenft'gen +Beglueckung Auferstehung mich begraben. + +Gerichtsrat. +Und zum besuch, wann darf ich dort erscheinen? + +Eugenie. +Du wartest meinen Ruf geduldig ab. +Auch solch ein Tag wird kommen, uns vielleicht +Mit ernsten Banden enger zu verbinden. + +Gerichtsrat. +Du legest mir zu schwere Pruefung auf. + +Eugenie. +Erfuelle deine Pflichten gegen mich; +Dass ich die meinen kenne, sei gewiss. +Indem du, mich zu retten, deine Hand +Mir bietest, wagst du viel. Werd' ich entdeckt, +Werd' ich's zu frueh, so kannst du vieles dulden. +Ich sage dir das tiefste Schweigen zu; +Woher ich komme, niemand soll's erfahren, +Ja, die entfernten Leiben will ich nur +Im Geist besuchen, keine Zeile soll, +Kein Bote dort mich nennen, wo vielleicht +Zu meinem Heil ein Funke gluehen moechte. + +Gerichtsrat. +In diesem wicht'gen Fall, was soll ich sagen? +Uneigennuetz'ge Liebe kann der Mund +Mit Frechheit oft beteuern, wenn im Herzen +Der Selbstsucht Ungeheuer lauschend grinst. +Die Tat allein beweist der Liebe Kraft. +Indem ich dich gewinne, soll ich allem +Entsagen, deinem Blick sogar! Ich will's. +Wie du zum ersten Male mir erschienen, +Erscheinst du bleibend mir, ein Gegenstand +Der Neigung, der Verehrung. Deinetwillen +Wuensch' ich zu leben, du gebietest mir. +Und wenn der Priester sich sein Leben lang +Der unsichtbaren Gottheit niederbeugt, +Die im beglueckten Augenblick vor ihm +Als hoechstes Musterbild vorueberging, +So soll von deinem Dienste mich fortan, +Wie du dich auch verhuellest, nichts zerstreun. + +Eugenie. +Ob ich vertraue, dass dein Aeussres nicht, +Nicht deiner Worte Wohllaut luegen kann; +Dass ich empfinde, welch ein Mann du bist, +Gerecht, gefuehlvoll, taetig, zuverlaessig, +Davon empfange den Beweis, den hoechsten, +Den eine Frau besonnen geben kann! +Ich zaudre nicht, ich eile, dir zu folgen! +Hier meine Hand; wir gehen zum Altar. + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NATUERLICHE TOCHTER*** + + +******* This file should be named 10426.txt or 10426.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/1/0/4/2/10426 + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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