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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10425 ***
+
+This Etext is in German.
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+This is the 8-bit version.
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+Torquato Tasso
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+Ein Schauspiel
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+Johann Wolfgang von Goethe
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+Personen
+
+Alphons der Zweite, Herzog von Ferrara.
+Leonore von Este, Schwester des Herzogs.
+Leonore Sanvitale, Gräfin von Scandiano.
+Torquato Tasso.
+Antonio Montecatino, Staatssekretär.
+
+Der Schauplatz ist auf Belriguardo, einem Lustschlosse.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+(Gartenplatz, mit Hermen der epischen Dichter geziert. Vorn an der
+Szene zur Rechten Virgil, zur Linken Ariost.)
+
+
+Erster Auftritt
+Prinzessin. Leonore.
+
+Prinzessin.
+Du siehst mich lächelnd an, Eleonore,
+Und siehst dich selber an und lächelst wieder.
+Was hast du? Lass es eine Freundin wissen!
+Du scheinst bedenklich, doch du scheinst vergnügt.
+
+Leonore.
+Ja, meine Fürstin, mit Vergnügen seh' ich
+Uns beide hier so ländlich ausgeschmückt.
+Wir scheinen recht beglückte Schäferinnen
+Und sind auch wie die Glücklichen beschäftigt.
+Wir winden Kränze. Dieser, bunt von Blumen,
+Schwillt immer mehr und mehr in meiner Hand;
+Du hast mit höherm Sinn und größerm Herzen
+Den zarten schlanken Lorbeer dir gewählt.
+
+Prinzessin.
+Die Zweige, die ich in Gedanken flocht,
+Sie haben gleich ein würdig Haupt gefunden:
+Ich setze sie Virgilen dankbar auf.
+
+(Sie kränzt die Herme Virgils.)
+
+Leonore.
+So drück' ich meinen vollen frohen Kranz
+Dem Meister Ludwig auf die hohe Stirne--
+
+(Sie kränzt Ariostens Herme.)
+
+Er, dessen Scherze nie verblühen, habe
+Gleich von dem neuen Frühling seinen Teil.
+
+Prinzessin.
+Mein Bruder ist gefällig, dass er uns
+In diesen Tagen schon aufs Land gebracht;
+Wir können unser sein und stundenlang
+Uns in die goldne Zeit der Dichter träumen.
+Ich liebe Belriguardo; denn ich habe
+Hier manchen Tag der Jugend froh durchlebt,
+Und dieses neue Grün und diese Sonne
+Bringt das Gefühl mir jener Zeit zurück.
+
+Leonore.
+Ja, es umgibt uns eine neue Welt!
+Der Schatten dieser immer grünen Bäume
+Wird schon erfreulich. Schon erquickt uns wieder
+Das Rauschen dieser Brunnen. Schwankend wiegen
+Im Morgenwinde sich die jungen Zweige.
+Die Blumen von den Beeten schauen uns
+Mit ihren Kinderaugen freundlich an.
+Der Gärtner deckt getrost das Winterhaus
+Schon der Zitronen und Orangen ab.
+Der blaue Himmel ruhet über uns
+Und an dem Horizonte löst der Schnee
+Der fernen Berge sich in leisen Duft.
+
+Prinzessin.
+Es wäre mir der Frühling sehr willkommen,
+Wenn er nicht meine Freundin mir entführte.
+
+Leonore.
+Erinnre mich in diesen holden Stunden,
+O Fürstin, nicht, wie bald ich scheiden soll.
+
+Prinzessin.
+Was du verlassen magst, das findest du
+In jener großen Stadt gedoppelt wieder.
+
+Leonore.
+Es ruft die Pflicht, es ruft die Liebe mich
+Zu dem Gemahl der mich so lang' entbehrt.
+Ich bring' ihm seinen Sohn, der dieses Jahr
+So schnell gewachsen, schnell sich ausgebildet,
+Und Teile seine väterliche Freude.
+Groß ist Florenz und herrlich, doch der Wert
+Von allen seinen aufgehäuften Schätzen
+Reicht an Ferraras Edelsteine nicht.
+Das Volk hat jene Stadt zur Stadt gemacht,
+Ferrara ward durch seine Fürsten groß.
+
+Prinzessin.
+Mehr durch die guten Menschen, die sich hier
+Durch Zufall trafen und zum Glück verbanden.
+
+Leonore.
+Sehr leicht zerstreut der Zufall, was er sammelt.
+Ein edler Mensch zieht edle Menschen an
+Und weiß sie fest zu halten, wie ihr tut.
+Um deinen Bruder und um dich verbinden
+Gemüter sich, die eurer würdig sind,
+Und ihr seid eurer großen Väter wert.
+Hier zündete sich froh das schöne Licht
+Der Wissenschaft, des freien Denkens an,
+Als noch die Barbarei mit schwerer Dämmrung
+Die Welt umher verbarg. Mir klang als Kind
+Der Name Herkules von Este schon,
+Schon Hippolyt von Este voll ins Ohr.
+Ferrara ward mit Rom und mit Florenz
+Von meinem Vater viel gepriesen! Oft
+Hab' ich mich hingesehnt; nun bin ich da.
+Hier ward Petrarch bewirtet, hier gepflegt,
+Und Ariost fand seine Muster hier.
+Italien nennt keinen großen Namen,
+Den dieses Haus nicht seinen Gast genannt.
+Und es ist vorteilhaft den Genius
+Bewirten: Gibst du ihm ein Gastgeschenk,
+So lässt er dir ein schöneres zurück.
+Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
+Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
+Sein Wort und seine Tat dem Enkel wieder.
+
+Prinzessin.
+Dem Enkel, wenn er lebhaft fühlt wie du.
+Gar oft beneid' ich dich um dieses Glück.
+
+Leonore.
+Das du, wie wenig andre, still und rein
+Genießest. Drängt mich doch das volle Herz,
+Sogleich zu sagen, was ich lebhaft fühle;
+Du fühlst es besser, fühlst es tief und--schweigst.
+Dich blendet nicht der Schein des Augenblicks,
+Der Witz besticht dich nicht, die Schmeichelei
+Schmiegt sich vergebens künstlich an dein Ohr:
+Fest bleibt dein Sinn und richtig dein Geschmack,
+Dein Urteil grad, stets ist dein Anteil groß
+Am Großen, das du wie dich selbst erkennst.
+
+Prinzessin.
+Du solltest dieser höchsten Schmeichelei
+Nicht das Gewand vertrauter Freundschaft leihen.
+
+Leonore.
+Die Freundschaft ist gerecht, sie kann allein
+Den ganzen Umfang deines Werts erkennen.
+Und lass mich der Gelegenheit, dem Glück
+Auch ihren Teil an deiner Bildung geben;
+Du hast sie doch, und bist's am Ende doch,
+Und dich mit deiner Schwester ehrt die Welt
+Vor allen großen Frauen eurer Zeit.
+
+Prinzessin.
+Mich kann das, Leonore, wenig rühren,
+Wenn ich bedenke, wie man wenig ist,
+Und was man ist, das blieb man andern schuldig.
+Die Kenntnis alter Sprachen und des Besten,
+Was uns die Vorwelt ließ, dank' ich der Mutter;
+Doch war an Wissenschaft, an rechtem Sinn
+Ihr keine beider Töchter jemals gleich,
+Und soll sich eine ja mit ihr vergleichen,
+So hat Lucretia gewiss das Recht.
+Auch kann ich dir versichern hab' ich nie
+Als Rang und als Besitz betrachtet, was
+Mir die Natur, was mir das Glück verlieh.
+Ich freue mich, wenn kluge Männer sprechen,
+Dass ich verstehen kann wie sie es meinen.
+Es sei ein Urteil über einen Mann
+Der alten Zeit und seiner Taten Wert;
+Es sei von einer Wissenschaft die Rede,
+Die, durch Erfahrung weiter ausgebreitet,
+Dem Menschen nutzt indem sie ihn erhebt:
+Wohin sich das Gespräch der Edlen lenkt,
+Ich folge gern, denn mir wird leicht, zu folgen.
+Ich höre gern dem Streit der Klugen zu,
+Wenn um die Kräfte, die des Menschen Brust
+So freundlich und so fürchterlich bewegen,
+Mit Grazie die Rednerlippe spielt;
+Gern, wenn die fürstliche Begier des Ruhms,
+Des ausgebreiteten Besitzes, Stoff
+Dem Denker wird, und wenn die feine Klugheit,
+Von einem klugen Manne zart entwickelt,
+Statt uns zu hintergehen uns belehrt.
+
+Leonore.
+Und dann nach dieser ernsten Unterhaltung,
+Ruht unser Ohr und unser innrer Sinn
+Gar freundlich auf des Dichters Reimen aus,
+Der uns die letzten lieblichsten Gefühle
+Mit holden Tönen in die Seele flößt.
+Dein hoher Geist umfasst ein weites Reich,
+Ich halte mich am liebsten auf der Insel
+Der Poesie in Lorberhainen auf.
+
+Prinzessin.
+In diesem schönen Lande, hat man mir
+Versichern wollen, wächst vor andern Bäumen
+Die Myrte gern. Und wenn der Musen gleich
+Gar viele sind, so sucht man unter ihnen
+Sich seltner eine Freundin und Gespielin,
+Als man dem Dichter gern begegnen mag,
+Der uns zu meiden, ja zu fliehen scheint,
+Etwas zu suchen scheint, das wir nicht kennen,
+Und er vielleicht am Ende selbst nicht kennt.
+Da wär' es denn ganz artig, wenn er uns
+Zur guten Stunde träfe, schnell entzückt
+Uns für den Schatz erkennte, den er lang
+Vergebens in der weiten Welt gesucht.
+
+Leonore.
+Ich muss mir deinen Scherz gefallen lassen,
+Er trifft mich zwar, doch trifft er mich nicht tief.
+Ich ehre jeden Mann und sein Verdienst,
+Und ich bin gegen Tasso nur gerecht.
+Sein Auge weilt auf dieser Erde kaum;
+Sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur;
+Was die Geschichte reicht, das Leben gibt,
+Sein Busen nimmt es gleich und willig auf:
+Das weit zerstreute sammelt sein Gemüt,
+Und sein Gefühl belebt das Unbelebte.
+Oft adelt er, was uns gemein erschien,
+Und das Geschätzte wird vor ihm zu nichts.
+In diesem eignen Zauberkreise wandelt
+Der wunderbare Mann und zieht uns an,
+Mit ihm zu wandeln, Teil an ihm zu nehmen:
+Er scheint sich uns zu nahn, und bleibt uns fern;
+Er scheint uns anzusehn, und Geister mögen
+An unsrer Stelle seltsam ihm erscheinen.
+
+Prinzessin.
+Du hast den Dichter fein und zart geschildert,
+Der in den Reichen süßer Träume schwebt.
+Allein mir scheint auch ihn das Wirkliche
+Gewaltsam anzuziehn und fest zu halten.
+Die schönen Lieder, die an unsern Bäumen
+Wir hin und wieder angeheftet finden,
+Die, goldnen Äpfeln gleich, ein neu Hesperien
+Uns duftend bilden, erkennst du sie nicht alle
+Für holde Früchte einer wahren Liebe?
+
+Leonore.
+Ich freue mich der schönen Blätter auch.
+Mit mannigfalt'gem Geist verherrlicht er
+Ein einzig Bild in allen seinen Reimen.
+Bald hebt er es in lichter Glorie
+Zum Sternenhimmel auf, beugt sich verehrend
+Wie Engel über Wolken vor dem Bilde;
+Dann schleicht er ihm durch stille Fluren nach
+Und jede Blume windet er zum Kranz.
+Entfernt sich die Verehrte, heiligt er
+Den Pfad, den leis ihr schöner Fuß betrat.
+Versteckt im Busche, gleich der Nachtigall,
+Füllt er aus einem liebekranken Busen
+Mit seiner Klagen Wohllaut Hain und Luft:
+Sein reizend Leid, die sel'ge Schwermut lockt
+Ein jedes Ohr und jedes Herz muss nach--
+
+Prinzessin.
+Und wenn er seinen Gegenstand benennt,
+So gibt er ihm den Namen Leonore.
+
+Leonore.
+Es ist dein Name wie es meiner ist.
+Ich nähm' es übel, wenn's ein andrer wäre.
+Mich freut es, dass er sein Gefühl für dich
+In diesem Doppelsinn verbergen kann.
+Ich bin zufrieden, dass er meiner auch
+Bei dieses Namens holdem Klang gedenkt.
+Hier ist die Frage nicht von einer Liebe,
+Die sich des Gegenstands bemeistern will,
+Ausschließend ihn besitzen, eifersüchtig
+Den Anblick jedem andern wehren möchte.
+Wenn er in seliger Betrachtung sich
+Mit deinem Werth beschäftigt, mag er auch
+An meinem leichtern Wesen sich erfreun.
+Uns liebt er nicht,--verzeih dass ich es sage!--
+Aus allen Sphären trägt er, was er liebt,
+Auf einen Namen nieder, den wir führen,
+Und sein Gefühl teilt er uns mit; wir scheinen
+Den Mann zu lieben, und wir lieben nur
+Mit ihm das Höchste, was wir lieben können.
+
+Prinzessin.
+Du hast dich sehr in diese Wissenschaft
+Vertieft, Eleonore, sagst mir Dinge,
+Die mir beinahe nur das Ohr berühren
+Und in die Seele kaum noch übergehn.
+
+Leonore.
+Du? Schülerin des Plato! Nicht begreifen,
+Was dir ein Neuling vorzuschwatzen wagt?
+Es müsste sein, dass ich zu sehr mich irrte;
+Doch irr' ich auch nicht ganz, ich weiß es wohl.
+Die Liebe zeigt in dieser holden Schule
+Sich nicht, wie sonst, als ein verwöhntes Kind:
+Es ist der Jüngling der mit Psychen sich
+Vermählte, der im Rat der Götter Sitz
+Und Stimme hat. Er tobt nicht frevelhaft
+Von einer Brust zur andern hin und her;
+Er heftet sich an Schönheit und Gestalt
+Nicht gleich mit süßem Irrtum fest, und büßet
+Nicht schnellen Rausch mit Ekel und Verdruss.
+
+Prinzessin.
+Da kommt mein Bruder! Lass uns nicht verraten,
+Wohin sich wieder das Gespräch gelenkt:
+Wir würden seinen Scherz zu tragen haben,
+Wie unsre Kleidung seinen Spott erfuhr.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Vorigen. Alphons.
+
+Alphons.
+Ich suche Tasso, den ich nirgends finde,
+Und treff' ihn--hier sogar bei euch nicht an.
+Könnt ihr von ihm mir keine Nachricht geben?
+
+Prinzessin.
+Ich sah ihn gestern wenig, heute nicht.
+
+Alphons.
+Es ist ein alter Fehler, dass er mehr
+Die Einsamkeit als die Gesellschaft sucht.
+Verzeih' ich ihm, wenn er den bunten Schwarm
+Der Menschen flieht und lieber frei im stillen
+Mit seinem Geist sich unterhalten mag,
+So kann ich doch nicht loben, dass er selbst
+Den Kreis vermeidet, den die Freunde schließen.
+
+Leonore.
+Irr' ich mich nicht, so wirst du bald, o Fürst,
+Den Tadel in ein frohes Lob verwandeln.
+Ich sah ihn heut von fern; er hielt ein Buch
+Und eine Tafel, schrieb und ging und schrieb.
+Ein flüchtig Wort das er mir gestern sagte,
+Schien mir sein Werk vollendet anzukünden.
+Er sorgt nur kleine Züge zu verbessern,
+Um deiner Huld, die ihm so viel gewährt,
+Ein würdig Opfer endlich darzubringen.
+
+Alphons.
+Er soll willkommen sein, wenn er es bringt,
+Und los gesprochen sein auf lange Zeit.
+So sehr ich Teil an seiner Arbeit nehme,
+So sehr in manchem Sinn das große Werk
+Mich freut und freuen muss, so sehr vermehrt
+Sich auch zuletzt die Ungeduld in mir.
+Er kann nicht enden, kann nicht fertig werden,
+Er ändert stets, ruckt langsam weiter vor,
+Steht wieder still, er hintergeht die Hoffnung;
+Unwillig sieht man den Genuss entfernt
+In späte Zeit, den man so nah geglaubt.
+
+Prinzessin.
+Ich lobe die Bescheidenheit, die Sorge,
+Womit er Schritt vor Schritt zum Ziele geht.
+Nur durch die Gunst der Musen schließen sich
+So viele Reime fest in eins zusammen;
+Und seine Seele hegt nur diesen Trieb,
+Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen.
+Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen,
+Die reizend unterhalten und zuletzt
+Wie lose Worte nur verklingend täuschen.
+Lass ihn, mein Bruder! Denn es ist die Zeit
+Von einem guten Werke nicht das Maß;
+Und wenn die Nachwelt mit genießen soll,
+So muss des Künstlers Mitwelt sich vergessen.
+
+Alphons.
+Lass uns zusammen, liebe Schwester, wirken,
+Wie wir zu beider Vorteil oft getan!
+Wenn ich zu eifrig bin, so lindre du:
+Und bist du zu gelind, so will ich treiben.
+Wir sehen dann auf einmal ihn vielleicht
+Am Ziel, wo wir ihn lang' gewünscht zu sehn.
+Dann soll das Vaterland, es soll die Welt
+Erstaunen, welch ein Werk vollendet worden.
+Ich nehme meinen Teil des Ruhms davon,
+Und er wird in das Leben eingeführt.
+Ein edler Mensch kann einem engen Kreise
+Nicht seine Bildung danken. Vaterland
+Und Welt muss auf ihn wirken. Ruhm und Tadel
+Muss er ertragen lernen. Sich und andre
+Wird er gezwungen recht zu kennen. Ihn
+Wiegt nicht die Einsamkeit mehr schmeichelnd ein.
+Es will der Feind--es darf der Freund nicht schonen;
+Dann übt der Jüngling streitend seine Kräfte,
+Fühlt was er ist, und fühlt sich bald ein Mann.
+
+Leonore.
+So wirst du, Herr, für ihn noch alles tun,
+Wie du bisher für ihn schon viel getan.
+Es bildet ein Talent sich in der Stille,
+Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.
+O dass er sein Gemüt wie seine Kunst
+An deinen Lehren bilde! Dass er nicht
+Die Menschen länger meide, dass sein Argwohn
+Sich nicht zuletzt in Furcht und Hass verwandle!
+
+Alphons.
+Die Menschen fürchtet nur, wer sie nicht kennt,
+Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen.
+Das ist sein Fall, und so wird nach und nach
+Ein frei Gemüt verworren und gefesselt.
+So ist er oft um meine Gunst besorgt,
+Weit mehr, als es ihm ziemte; gegen viele
+Hegt er ein Misstraun, die, ich weiß es sicher,
+Nicht seine Feinde sind. Begegnet ja,
+Dass sich ein Brief verirrt, dass ein Bedienter
+Aus seinem Dienst in einen andern geht,
+Dass ein Papier aus seinen Händen kommt,
+Gleich sieht er Absicht, sieht Verräterei
+Und Tücke die sein Schicksal untergräbt.
+
+Prinzessin.
+Lass uns, geliebter Bruder, nicht vergessen,
+Dass von sich selbst der Mensch nicht scheiden kann.
+Und wenn ein Freund, der mit uns wandeln sollte,
+Sich einen Fuß beschädigte, wir würden
+Doch lieber langsam gehn und unsre Hand
+Ihm gern und willig leihen.
+
+Alphons.
+ Besser wär's,
+Wenn wir ihn heilen könnten, lieber gleich
+Auf treuen Rat des Arztes eine Kur
+Versuchten, dann mit dem Geheilten froh
+Den neuen Weg des frischen Lebens gingen.
+Doch hoff' ich, meine Lieben, dass ich nie
+Die Schuld des rauen Arztes auf mich lade.
+Ich tue, was ich kann, um Sicherheit
+Und Zutraun seinem Busen einzuprägen.
+Ich geb' ihm oft in Gegenwart von vielen
+Entschiedne Zeichen meiner Gunst. Beklagt
+Er sich bei mir, so lass' ich's untersuchen;
+Wie ich es tat, als er sein Zimmer neulich
+Erbrochen glaubte. Lässt sich nichts entdecken,
+So zeig' ich ihm gelassen, wie ich's sehe;
+Und da man alles üben muss, so üb' ich,
+Weil er's verdient, an Tasso die Geduld:
+Und ihr, ich weiß es, steht mir willig bei.
+Ich hab' euch nun aufs Land gebracht und gehe
+Heut' Abend nach der Stadt zurück. Ihr werdet
+Auf einen Augenblick Antonio sehen;
+Er kommt von Rom und holt mich ab. Wir haben
+Viel auszureden, abzutun. Entschlüsse
+Sind nun zu fassen, Briefe viel zu schreiben;
+Das alles nötigt mich zur Stadt zurück.
+
+Prinzessin.
+Erlaubst du uns dass wir dich hin begleiten?
+
+Alphons.
+Bleibt nur in Belriguardo, geht zusammen
+Hinüber nach Consandoli! Genießt
+Der schönen Tage ganz nach freier Lust.
+
+Prinzessin.
+Du kannst nicht bei uns bleiben? Die Geschäfte
+Nicht hier so gut als in der Stadt verrichten?
+
+Leonore.
+Du führst uns gleich Antonio hinweg,
+Der uns von Rom so viel erzählen sollte?
+
+Alphons.
+Es geht nicht an, ihr Kinder; doch ich komme
+Mit ihm so bald, als möglich ist, zurück:
+Dann soll er euch erzählen und ihr sollt
+Mir ihn belohnen helfen, der so viel
+In meinem Dienst aufs Neue sich bemüht.
+Und haben wir uns wieder ausgesprochen,
+So mag der Schwarm dann kommen, dass es lustig
+In unsern Gärten werde, dass auch mir,
+Wie billig, eine Schönheit in dem Kühlen,
+Wenn ich sie suche gern begegnen mag.
+
+Leonore.
+Wir wollen freundlich durch die Finger sehen.
+
+Alphons.
+Dagegen wisst ihr, dass ich schonen kann.
+
+Prinzessin (nach der Szene gekehrt).
+Schon lange seh' ich Tasso kommen. Langsam
+Bewegt er seine Schritte, steht bisweilen
+Auf einmal still, wie unentschlossen, geht
+Dann wieder schneller auf uns los, und weilt
+Schon wieder.
+
+Alphons.
+ Stört ihn, wenn er denkt und dichtet,
+In seinen Träumen nicht, und lasst ihn wandeln.
+
+Leonore.
+Nein, er hat uns gesehn, er kommt hierher.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Die Vorigen. Tasso.
+
+Tasso (mit einem Buche, in Pergament geheftet).
+Ich komme langsam, dir ein Werk zu bringen,
+Und zaudre noch, es dir zu überreichen.
+Ich weiß zu wohl, noch bleibt es unvollendet,
+Wenn es auch gleich geendigt scheinen möchte.
+Allein, war ich besorgt, es unvollkommen
+Dir hinzugeben, so bezwingt mich nun
+Die neue Sorge: Möcht' ich doch nicht gern
+Zu ängstlich, möcht' ich nicht undankbar scheinen.
+Und wie der Mensch nur sagen kann: Hie bin ich!
+Dass Freunde seiner schonend sich erfreuen,
+So kann ich auch nur sagen: Nimm es hin!
+
+(Er übergibt den Band.)
+
+Alphons.
+Du überraschest mich mit deiner Gabe
+Und machst mir diesen schönen Tag zum Fest.
+So halt' ich's endlich denn in meinen Händen,
+Und nenn' es in gewissem Sinne mein!
+Lang' wünscht' ich schon, du möchtest dich entschließen
+Und endlich sagen: Hier! Es ist genug.
+
+Tasso.
+Wenn Ihr zufrieden seid, so ist's vollkommen;
+Denn euch gehört es zu in jedem Sinn.
+Betrachtet' ich den Fleiß, den ich verwendet,
+Sah ich die Züge meiner Feder an,
+So konnt' ich sagen: Dieses Werk ist mein.
+Doch seh' ich näher an, was dieser Dichtung
+Den innren Wert und ihre Würde gibt,
+Erkenn' ich wohl: Ich hab' es nur von euch.
+Wenn die Natur der Dichtung holde Gabe
+Aus reicher Willkür freundlich mir geschenkt,
+So hatte mich das eigensinn'ge Glück
+Mit grimmiger Gewalt von sich gestoßen;
+Und zog die schöne Welt den Blick des Knaben
+Mit ihrer ganzen Fülle herrlich an,
+So trübte bald den jugendlichen Sinn
+Der teuren Eltern unverdiente Not.
+Eröffnete die Lippe sich zu singen,
+So floss ein traurig Lied von ihr herab,
+Und ich begleitete mit leisen Tönen
+Des Vaters Schmerzen und der Mutter Qual.
+Du warst allein, der aus dem engen Leben
+Zu einer schönen Freiheit mich erhob;
+Der jede Sorge mir vom Haupte nahm,
+Mir Freiheit gab, dass meine Seele sich
+Zu mutigem Gesang entfalten konnte;
+Und welchen Preis nun auch mein Werk erhält,
+Euch dank' ich ihn; denn euch gehört es zu.
+
+Alphons.
+Zum zweiten Mal verdienst du jedes Lob,
+Und ehrst bescheiden dich und uns zugleich.
+
+Tasso.
+O könnt' ich sagen wie ich lebhaft fühle,
+Dass ich von Euch nur habe, was ich bringe!
+Der tatenlose Jüngling--nahm er wohl
+Die Dichtung aus sich selbst? Die kluge Leitung
+Des raschen Krieges--hat er die ersonnen?
+Die Kunst der Waffen, die ein jeder Held
+An dem beschiednen Tage kräftig zeigt,
+Des Feldherrn Klugheit und der Ritter Mut,
+Und wie sich List und Wachsamkeit bekämpft,
+Hast du mir nicht, o kluger, tapfrer Fürst,
+Das alles eingeflößt als wärest du
+Mein Genius, der eine Freude fände,
+Sein hohes, unerreichbar hohes Wesen
+Durch einen Sterblichen zu offenbaren?
+
+Prinzessin.
+Genieße nun des Werks, das uns erfreut!
+
+Alphons.
+Erfreue dich des Beifalls jedes Guten!
+
+Leonore.
+Des allgemeinen Ruhms erfreue dich!
+
+Tasso.
+Mir ist an diesem Augenblick genug.
+An euch nur dacht' ich wenn ich sann und schrieb;
+Euch zu gefallen, war mein höchster Wunsch,
+Euch zu ergötzen, war mein letzter Zweck.
+Wer nicht die Welt in seinen Freunden sieht,
+Verdient nicht, dass die Welt von ihm erfahre.
+Hier ist mein Vaterland, hier ist der Kreis,
+In dem sich meine Seele gern verweilt.
+Hier horch' ich auf, hier acht' ich jeden Wink,
+Hier spricht Erfahrung, Wissenschaft, Geschmack;
+Ja, Welt und Nachwelt seh' ich vor mir stehn.
+Die Menge macht den Künstler irr' und scheu:
+Nur wer Euch ähnlich ist, versteht und fühlt,
+Nur der allein soll richten und belohnen!
+
+Alphons.
+Und stellen wir denn Welt und Nachwelt vor,
+So ziemt es nicht nur müßig zu empfangen.
+Das schöne Zeichen, das den Dichter ehrt,
+Das selbst der Held, der seiner stets bedarf,
+Ihm ohne Neid ums Haupt gewunden sieht,
+Erblick' ich hier auf deines Anherrn Stirne.
+
+(Auf die Herme Virgils deutend.)
+
+Hat es der Zufall, hat's ein Genius
+Geflochten und gebracht? Es zeigt sich hier
+Uns nicht umsonst. Virgil hör' ich sagen:
+Was ehret ihr die Toten? Hatten die
+Doch ihren Lohn und Freude da sie lebten;
+Und wenn ihr uns bewundert und verehrt,
+So gebt auch den Lebendigen ihr Teil.
+Mein Marmorbild ist schon bekränzt genug--
+Der grüne Zweig gehört dem Leben an.
+
+(Alphons winkt seiner Schwester; sie nimmt den Kranz von der Büste
+Virgils und nähert sich Tasso. Er tritt zurück.)
+
+Leonore.
+Du weigerst dich? Sieh welche Hand den Kranz,
+Den schönen unverwelklichen, dir bietet!
+
+Tasso.
+O lasst mich zögern! Seh' ich doch nicht ein,
+Wie ich nach dieser Stunde leben soll.
+
+Alphons.
+In dem Genuss des herrlichen Besitzes,
+Der dich im ersten Augenblick erschreckt.
+
+Prinzessin (indem sie den Kranz in die Höhe hält).
+Du gönnest mir die seltne Freude, Tasso,
+Dir ohne Wort zu sagen, wie ich denke.
+
+Tasso.
+Die schöne Last aus deinen teuren Händen
+Empfang' ich kniend auf mein schwaches Haupt.
+
+(Er kniet nieder, die Prinzessin setzt ihm den Kranz auf.)
+
+Leonore (applaudierend).
+Es lebe der zum ersten Mal bekränzte!
+Wie zieret den bescheidnen Mann der Kranz!
+
+(Tasso steht auf.)
+
+Alphons.
+Es ist ein Vorbild nur von jener Krone,
+Die auf dem Kapitol dich zieren soll.
+
+Prinzessin.
+Dort werden lautere Stimmen dich begrüßen;
+Mit leiser Lippe lohnt die Freundschaft hier.
+
+Tasso.
+O nehmt ihn weg von meinem Haupte wieder,
+Nehmt ihn hinweg! Er sengt mir meine Locken,
+Und wie ein Strahl der Sonne, der zu heiß
+Das Haupt mir träfe, brennt er mir die Kraft
+Des Denkens aus der Stirne. Fieberhitze
+Bewegt mein Blut. Verzeiht! Es ist zu viel!
+
+Leonore.
+Es schützet dieser Zweig vielmehr das Haupt
+Des Manns, der in den heißen Regionen
+Des Ruhms zu wandeln hat, und kühlt die Stirne.
+
+Tasso.
+Ich bin nicht wert, die Kühlung zu empfinden,
+Die nur um Heldenstirnen wehen soll.
+O hebt ihn auf, ihr Götter, und verklärt
+Ihn zwischen Wolken, dass er hoch und höher
+Und unerreichbar schwebe! Dass mein Leben
+Nach diesem Ziel ein ewig Wandeln sei!
+
+Alphons.
+Wer früh erwirbt, lernt früh den hohen Wert
+Der holden Güter dieses Lebens schätzen;
+Wer früh genießt, entbehrt in seinem Leben
+Mit Willen nicht, was er einmal besaß;
+Und wer besitzt, der, muss gerüstet sein.
+
+Tasso.
+Und wer sich rüsten will, muss eine Kraft
+Im Busen fühlen, die ihm nie versagt.
+Ach! Sie versagt mir eben jetzt! Im Glück
+Verlässt sie mich, die angeborne Kraft,
+Die standhaft mich dem Unglück, stolz dem Unrecht
+Begegnen lehrte. Hat die Freude mir,
+Hat das Entzücken dieses Augenblicks
+Das Mark in meinen Gliedern aufgelöst?
+Es sinken meine Knie! Noch einmal
+Siehst du, o Fürstin, mich gebeugt vor dir!
+Erhöre meine Bitte: Nimm ihn weg!
+Dass, wie aus einem schönen Traum erwacht,
+Ich ein erquicktes neues Leben fühle.
+
+Prinzessin.
+Wenn du bescheiden ruhig das Talent,
+Das dir die Götter gaben, tragen kannst,
+So lern' auch diese Zweige tragen, die
+Das Schönste sind, was wir dir geben können.
+Wem einmal, würdig, sie das Haupt berührt,
+Dem schweben sie auf ewig um die Stirne.
+
+Tasso.
+So lasst mich denn beschämt von hinnen gehn!
+Lasst mich mein Glück im tiefen Hain verbergen,
+Wie ich sonst meine Schmerzen dort verbarg.
+Dort will ich einsam wandeln, dort erinnert
+Kein Auge mich ans unverdiente Glück.
+Und zeigt mir ungefähr ein klarer Brunnen
+In seinem reinen Spiegel einen Mann,
+Der wunderbar bekränzt im Widerschein
+Des Himmels zwischen Bäumen, zwischen Felsen
+Nachdenkend ruht: So scheint es mir, ich sehe
+Elysium auf dieser Zauberfläche
+Gebildet. Still bedenk' ich mich und frage:
+Wer mag der Abgeschiedne sein? Der Jüngling
+Aus der vergangnen Zeit? So schön bekränzt?
+Wer sagt mir seinen Namen? Sein Verdienst?
+Ich warte lang' und denke: Käme doch
+Ein andrer und noch einer, sich zu ihm
+In freundlichem Gespräche zu gesellen!
+O säh' ich die Heroen, die Poeten
+Der alten Zeit um diesen Quell versammelt!
+O säh' ich hier sie immer unzertrennlich,
+Wie sie im Leben fest verbunden waren!
+So bindet der Magnet durch seine Kraft
+Das Eisen mit dem Eisen fest zusammen,
+Wie gleiches Streben Held und Dichter bindet.
+Homer vergaß sich selbst, sein ganzes Leben
+War der Betrachtung zweier Männer heilig,
+Und Alexander in Elysium
+Eilt, den Achill und den Homer zu suchen.
+O dass ich gegenwärtig wäre, sie,
+Die größten Seelen, nun vereint zu sehen!
+
+Leonore.
+Erwach'! Erwache! Lass uns nicht empfinden,
+Dass du das Gegenwärt'ge ganz verkennst.
+
+Tasso.
+Es ist die Gegenwart, die mich erhöht,
+Abwesend schein' ich nur: Ich bin entzückt.
+
+Prinzessin.
+Ich freue mich, wenn du mit Geistern redest,
+Dass du so menschlich sprichst, und hör' es gern.
+
+(Ein Page tritt zu dem Fürsten und richtet leise etwas aus.)
+
+Alphons.
+Er ist gekommen! Recht zur guten Stunde.
+Antonio!--Bring ihn her--Da kommt er schon!
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Die Vorigen. Antonio.
+
+Alphons.
+Willkommen! Der du uns zugleich dich selbst
+Und gute Botschaft bringst.
+
+Prinzessin.
+ Sei uns gegrüßt!
+
+Antonio.
+Kaum wag' ich es zu sagen, welch Vergnügen
+In eurer Gegenwart mich neu belebt.
+Vor euren Augen find' ich alles wieder,
+Was ich so lang' entbehrt. Ihr scheint zufrieden
+Mit dem, was ich getan, was ich vollbracht;
+Und so bin ich belohnt für jede Sorge,
+Für manchen bald mit Ungeduld durchharrten,
+Bald absichtsvoll verlornen Tag. Wir haben
+Nun, was wir wünschen, und kein Streit ist mehr.
+
+Leonore.
+Auch ich begrüße dich, wenn ich schon zürne.
+Du kommst nur eben, da ich reisen muss.
+
+Antonio.
+Damit mein Glück nicht ganz vollkommen werde,
+Nimmst du mir gleich den schönen Teil hinweg.
+
+Tasso.
+Auch meinen Gruß! Ich hoffe mich der Nähe
+Des viel erfahrnen Mannes auch zu freun.
+
+Antonio.
+Du wirst mich wahrhaft finden, wenn du je
+Aus deiner Welt in meine schauen magst.
+
+Alphons.
+Wenn du mir gleich in Briefen schon gemeldet,
+Was du getan, und wie es dir ergangen,
+So hab' ich doch noch manches auszufragen,
+Durch welche Mittel das Geschäft gelang.
+Auf jenem wunderbaren Boden will der Schritt
+Wohl abgemessen sein, wenn er zuletzt
+An deinen eignen Zweck dich führen soll.
+Wer seines Herren Vorteil rein bedenkt,
+Der hat in Rom gar einen schweren Stand:
+Denn Rom will alles nehmen, geben nichts;
+Und kommt man hin, um etwas zu erhalten,
+Erhält man nichts, man bringe denn was hin,
+Und glücklich, wenn man da noch was erhält.
+
+Antonio.
+Es ist nicht mein Betragen, meine Kunst,
+Durch die ich deinen Willen, Herr, vollbracht;
+Denn welcher Kluge fänd' im Vatikan
+Nicht seinen Meister? Vieles traf zusammen,
+Das ich zu unserm Vorteil nutzen konnte.
+Dich ehrt Gregor und grüßt und segnet dich.
+Der Greis, der würdigste, dem eine Krone
+Das Haupt belastet, denkt der Zeit mit Freuden,
+Da er in seinen Arm dich schloss. Der Mann,
+Der Männer unterscheidet, kennt und rühmt
+Dich hoch! Um deinetwillen tat er viel.
+
+Alphons.
+Ich freue seiner guten Meinung mich,
+Sofern sie redlich ist. Doch weißt du wohl,
+Vom Vatikan herab sieht man die Reiche
+Schon klein genug zu seinen Füßen liegen,
+Geschweige denn die Fürsten und die Menschen.
+Gestehe nur, was dir am meisten half!
+
+Antonio.
+Gut! Wenn du willst: Der hohe Sinn des Papsts.
+Er sieht das Kleine klein, das Große groß.
+Damit er einer Welt gebiete, gibt
+Er seinen Nachbarn gern und freundlich nach.
+Das Streifchen Land, das er dir überlässt,
+Weiß er, wie deine Freundschaft, wohl zu schätzen.
+Italien soll ruhig sein, er will
+In seiner Nähe Freunde sehen, Friede
+Bei seinen Grenzen halten, dass die Macht
+Der Christenheit, die er gewaltig lenkt,
+Die Türken da, die Ketzer dort vertilge.
+
+Prinzessin.
+Weiß man die Männer, die er mehr als andre
+Begünstigt, die sich ihm vertraulich nahn?
+
+Antonio.
+Nur der erfahrne Mann besitzt sein Ohr,
+Der tätige sein Zutraun, seine Gunst.
+Er, der von Jugend auf dem Staat gedient,
+Beherrscht ihn jetzt und wirkt auf jene Höfe,
+Die er vor Jahren als Gesandter schon
+Gesehen und gekannt und oft gelenkt.
+Es liegt die Welt so klar vor seinem Blick
+Als wie der Vorteil seines eignen Staats.
+Wenn man ihn handeln sieht, so lobt man ihn
+Und freut sich, wenn die Zeit entdeckt, was er
+Im stillen lang' bereitet und vollbracht.
+Es ist kein schönrer Anblick in der Welt,
+Als einen Fürsten sehn, der klug regieret,
+Das Reich zu sehn, wo jeder stolz gehorcht,
+Wo jeder sich nur selbst zu dienen glaubt,
+Weil ihm das Rechte nur befohlen wird.
+
+Leonore.
+Wie sehnlich wünscht' ich jene Welt einmal
+Recht nah zu sehn!
+
+Alphons.
+Doch wohl um mit zu wirken
+Denn bloß beschaun wird Leonore nie.
+Es wäre doch recht artig, meine Freundin,
+Wenn in das große Spiel wir auch zuweilen
+Die zarten Hände mischen könnten--Nicht?
+
+Leonore (zu Alphons).
+Du willst mich reizen, es gelingt dir nicht.
+
+Alphons.
+Ich bin dir viel von andern Tagen schuldig.
+
+Leonore.
+Nun gut, so bleib' ich heut in deiner Schuld!
+Verzeih' und störe meine Fragen nicht.
+(Zu Antonio.) Hat er für die Nepoten viel getan?
+
+Antonio.
+Nicht weniger noch mehr, als billig ist.
+Ein Mächtiger, der für die Seinen nicht
+Zu sorgen weiß, wird von dem Volke selbst
+Getadelt. Still und mäßig weiß Gregor
+Den Seinigen zu nutzen, die dem Staat
+Als wackre Männer dienen, und erfüllt
+Mit Einer Sorge zwei verwandte Pflichten.
+
+Tasso.
+Erfreut die Wissenschaft, erfreut die Kunst
+Sich seines Schutzes auch? Und eifert er
+Den großen Fürsten alter Zeiten nach?
+
+Antonio.
+Er ehrt die Wissenschaft, so fern sie nutzt,
+Den Staat regieren, Völker kennen lehrt;
+Er schätzt die Kunst, so fern sie ziert, sein Rom
+Verherrlicht und Palast und Tempel
+Zu Wunderwerken dieser Erde macht.
+In seiner Nähe darf nichts müßig sein!
+Was gelten soll, muss wirken und muss dienen.
+
+Alphons.
+Und glaubst du, dass wir das Geschäfte bald
+Vollenden können? Dass sie nicht zuletzt
+Noch hie und da uns Hindernisse streuen?
+
+Antonio.
+Ich müsste sehr mich irren, wenn nicht gleich
+Durch deinen Nahmenszug, durch wenig Briefe
+Auf immer dieser Zwist gehoben wäre.
+
+Alphons.
+So lob' ich diese Tage meines Lebens
+Als eine Zeit des Glückes und Gewinns.
+Erweitert seh' ich meine Grenze, weiß
+Sie für die Zukunft sicher. Ohne Schwertschlag
+Hast du's geleistet, eine Bürgerkrone
+Dir wohl verdient. Es sollen unsre Frauen
+Vom ersten Eichenlaub am schönsten Morgen
+Geflochten dir sie um die Stirne legen.
+Indessen hat mich Tasso auch bereichert:
+Er hat Jerusalem für uns erobert
+Und so die neue Christenheit beschämt,
+Ein weit entferntes, hoch gestecktes Ziel
+Mit frohem Mut und strengem Fleiß erreicht.
+Für seine Mühe siehst du ihn gekrönt.
+
+Antonio.
+Du lösest mir ein Räthsel. Zwei Bekränzte
+Erblickt' ich mit Verwundrung, da ich kam.
+
+Tasso.
+Wenn du mein Glück vor deinen Augen siehst,
+So wünscht' ich, dass du mein beschämt Gemüt
+Mit eben diesem Blicke schauen könntest.
+
+Antonio.
+Mir war es lang' bekannt, dass im Belohnen
+Alphons unmäßig ist, und du erfährst
+Was jeder von den Seinen schon erfuhr.
+
+Prinzessin.
+Wenn du erst siehst, was er geleistet hat,
+So wirst du uns gerecht und mäßig finden.
+Wir sind nur hier die ersten stillen Zeugen
+Des Beifalls, den die Welt ihm nicht versagt,
+Und den ihm zehnfach künft'ge Jahre gönnen.
+
+Antonio.
+Er ist durch euch schon seines Ruhms gewiss.
+Wer dürfte zweifeln, wo ihr preisen könnt?
+Doch sage mir, wer druckte diesen Kranz
+Auf Ariostes Stirne?
+
+Leonore.
+ Diese Hand.
+
+Antonio.
+Und sie hat wohl getan! Er ziert ihn schön,
+Als ihn der Lorbeer selbst nicht zieren würde.
+Wie die Natur die innig reiche Brust
+Mit einem grünen bunten Kleide deckt,
+So hüllt er alles, was den Menschen nur
+Ehrwürdig, liebenswürdig machen kann,
+Ins blühende Gewand der Fabel ein.
+Zufriedenheit, Erfahrung und Verstand
+Und Geisteskraft, Geschmack und reiner Sinn
+Fürs wahre Gute, geistig scheinen sie
+In seinen Liedern und persönlich doch
+Wie unter Blütenbäumen auszuruhn,
+Bedeckt vom Schnee der leicht getragnen Blüten,
+Umkränzt von Rosen, wunderlich umgaukelt
+Vom losen Zauberspiel der Amoretten.
+Der Quell des Überflusses rauscht darneben,
+Und lässt uns bunte Wunderfische sehn.
+Von seltenem Geflügel ist die Luft,
+Von fremden Herden Wies' und Busch erfüllt;
+Die Schalkheit lauscht im Grünen halb versteckt,
+Die Weisheit lässt von einer goldnen Wolke
+Von Zeit zu Zeit erhabne Sprüche tönen,
+Indes auf wohl gestimmter Laute wild
+Der Wahnsinn hin und her zu wühlen scheint
+Und doch im schönsten Takt sich mäßig hält.
+Wer neben diesem Mann sich wagen darf,
+Verdient für seine Kühnheit schon den Kranz.
+Vergebt, wenn ich mich selbst begeistert fühle,
+Wie ein Verzückter weder Zeit noch Ort,
+Noch, was ich sage, wohl bedenken kann;
+Denn alle diese Dichter, diese Kränze,
+Das seltne festliche Gewand der Schönen
+Versetzt mich aus mir selbst in fremdes Land.
+
+Prinzessin.
+Wer ein Verdienst so wohl zu schätzen weiß,
+Der wird das andre nicht verkennen. Du
+Sollst uns dereinst in Tassos Liedern zeigen,
+Was wir gefühlt und was nur du erkennst.
+
+Alphons.
+Komm mit, Antonio! Manches hab' ich noch,
+Worauf ich sehr begierig bin, zu fragen.
+Dann sollst du bis zum Untergang der Sonne
+Den Frauen angehören. Komm! Lebt wohl.
+
+(Dem Fürsten folgt Antonio, den Damen Tasso.)
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+(Saal.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Prinzessin. Tasso.
+
+Tasso.
+Unsicher folgen meine Schritte dir,
+O Fürstin, und Gedanken ohne Maß
+Und Ordnung regen sich in meiner Seele.
+Mir scheint die Einsamkeit zu winken, mich
+Gefällig anzulispeln: Komm, ich löse
+Die neu erregten Zweifel deiner Brust.
+Doch werf' ich einen Blick auf dich, vernimmt
+Mein horchend Ohr ein Wort von deiner Lippe,
+So wird ein neuer Tag um mich herum,
+Und alle Bande fallen von mir los.
+Ich will dir gern gestehn, es hat der Mann,
+Der unerwartet zu uns trat, nicht sanft
+Aus einem schönen Traum mich aufgeweckt;
+Sein Wesen, seine Worte haben mich
+So wunderbar getroffen, dass ich mehr
+Als je mich doppelt fühle, mit mir selbst
+Aufs neu' in streitender Verwirrung bin.
+
+Prinzessin.
+Es ist unmöglich, dass ein alter Freund,
+Der, lang' entfernt, ein fremdes Leben führte,
+Im Augenblick, da er uns wieder sieht,
+Sich wieder gleich wie ehmals finden soll.
+Er ist in seinem Innern nicht verändert;
+Lass uns mit ihm nur wenig Tage leben,
+So stimmen sich die Saiten hin und wider,
+Bis glücklich eine schöne Harmonie
+Aufs neue sie verbindet. Wird er dann
+Auch näher kennen, was du diese Zeit
+Geleistet hast, so stellt er dich gewiss
+Dem Dichter an die Seite, den er jetzt
+Als einen Riesen dir entgegen stellt.
+
+Tasso.
+Ach, meine Fürstin, Ariostes Lob
+Aus seinem Munde hat mich mehr ergötzt,
+Als dass es mich beleidigt hätte. Tröstlich
+Ist es für uns, den Mann gerühmt zu wissen,
+Der als ein großes Muster vor uns steht.
+Wir können uns im stillen Herzen sagen:
+Erreichst du einen Teil von seinem Wert,
+Bleibt dir ein Teil auch seines Ruhms gewiss.
+Nein, was das Herz im tiefsten mir bewegte,
+Was mir noch jetzt die ganze Seele füllt,
+Es waren die Gestalten jener Welt,
+Die sich lebendig, rastlos, ungeheuer
+Um einen großen, einzig klugen Mann
+Gemessen dreht und ihren Lauf vollendet,
+Den ihr der Halbgott vorzuschreiben wagt.
+Begierig horcht' ich auf, vernahm mit Lust
+Die sichern Worte des erfahrnen Mannes;
+Doch ach! Je mehr ich horchte, mehr und mehr
+Versank ich vor mir selbst, ich fürchtete,
+Wie Echo an den Felsen zu verschwinden,
+Ein Widerhall, ein Nichts mich zu verlieren.
+
+Prinzessin.
+Und schienst noch kurz vorher so rein zu fühlen,
+Wie Held und Dichter füreinander leben,
+Wie Held und Dichter sich einander suchen
+Und keiner je den andern neiden soll?
+Zwar herrlich ist die liedeswerte Tat,
+Doch schön ist's auch, der Taten stärkste Fülle
+Durch würd'ge Lieder auf die Nachwelt bringen.
+Begnüge dich aus einem kleinen Staate,
+Der dich beschützt, dem wilden Lauf der Welt,
+Wie von dem Ufer, ruhig zuzusehn.
+
+Tasso.
+Und sah ich hier mit Staunen nicht zuerst,
+Wie herrlich man den tapfern Mann belohnt?
+Als unerfahrner Knabe kam ich her,
+In einem Augenblick, da Fest auf Fest
+Ferrara zu dem Mittelpunkt der Ehre
+Zu machen schien. O! Welcher Anblick war's!
+Den weiten Platz, auf dem in ihrem Glanze
+Gewandte Tapferkeit sich zeigen sollte,
+Umschloss ein Kreis, wie ihn die Sonne nicht
+So bald zum zweiten Mal bescheinen wird.
+Es saßen hier gedrängt die schönsten Frauen,
+Gedrängt die ersten Männer unsrer Zeit.
+Erstaunt durchlief der Blick die edle Menge;
+Man rief: Sie alle hat das Vaterland,
+Das eine, schmale, Meer umgebne Land,
+Hierher geschickt. Zusammen bilden sie
+Das herrlichste Gericht, das über Ehre,
+Verdienst und Tugend je entschieden hat.
+Gehst du sie einzeln durch, du findest keinen,
+Der seines Nachbarn sich zu schämen brauche!--
+Und dann eröffneten die Schranken sich;
+Da stampften Pferde, glänzten Helm und Schilde,
+Da drängten sich die Knappen, da erklang
+Trompetenschall, und Lanzen krachten splitternd,
+Getroffen tönten Helm' und Schilde, Staub,
+Auf einen Augenblick, umhüllte wirbelnd
+Des Siegers Ehre, des Besiegten Schmach.
+O lass mich einen Vorhang vor das ganze,
+Mir allzu helle Schauspiel ziehen, dass
+In diesem schönen Augenblicke mir
+Mein Unwert nicht zu heftig fühlbar werde.
+
+Prinzessin.
+Wenn jener edle Kreis, wenn jene Taten
+Zu Müh' und Streben damals dich entflammten,
+So konnt' ich, junger Freund, zu gleicher Zeit
+Der Duldung stille Lehre dir bewähren.
+Die Feste, die du rühmst, die hundert Zungen
+Mir damals priesen und mir manches Jahr
+Nachher gepriesen haben, sah ich nicht.
+Am stillen Ort, wohin kaum unterbrochen
+Der letzte Widerhall der Freude sich
+Verlieren konnte, musst' ich manche Schmerzen
+Und manchen traurigen Gedanken leiden.
+Mit breiten Flügeln schwebte mir das Bild
+Des Todes vor den Augen, deckte mir
+Die Aussicht in die immer neue Welt.
+Nur nach und nach entfernt' es sich, und ließ
+Mich, wie durch einen Flor, die bunten Farben
+Des Lebens, blass, doch angenehm, erblicken.
+Ich sah' lebend'ge Formen wieder sanft sich regen.
+Zum ersten Mal trat ich, noch unterstützt
+Von meinen Frauen, aus dem Krankenzimmer,
+Da kam Lucretia voll frohen Lebens
+Herbei und führte dich an ihrer Hand.
+Du warst der erste, der im neuen Leben
+Mir neu und unbekannt entgegen trat.
+Da hofft ich viel für dich und mich; auch hat
+Uns bis hierher die Hoffnung nicht betrogen.
+
+Tasso.
+Und ich, der ich, betäubt von dem Gewimmel
+Des drängenden Gewühls, von so viel Glanz
+Geblendet, und von mancher Leidenschaft
+Bewegt, durch stille Gänge des Palasts
+An deiner Schwester Seite schweigend ging,
+Dann in das Zimmer trat, wo du uns bald,
+Auf deine Fraun gelehnt erschienest--mir
+Welch ein Moment war dieser! O vergib!
+Wie den Bezauberten von Rausch und Wahn
+Der Gottheit Nähe leicht und willig heilt,
+So war auch ich von aller Phantasie,
+Von jeder Sucht, von jedem falschen Triebe
+Mit einem Blick in deinen Blick geheilt.
+Wenn unerfahren die Begierde sich
+Nach tausend Gegenständen sonst verlor,
+Trat ich beschämt zuerst in mich zurück
+Und lernte nun das Wünschenswerte kennen.
+So sucht man in dem weiten Sand des Meers
+Vergebens eine Perle, die verborgen
+In stillen Schalen eingeschlossen ruht.
+
+Prinzessin.
+Es fingen schöne Zeiten damals an,
+Und hätt' uns nicht der Herzog von Urbino
+Die Schwester weggeführt, uns wären Jahre
+Im schönen, ungetrübten Glück verschwunden.
+Doch leider jetzt vermissen wir zu sehr
+Den frohen Geist, die Brust voll Mut und Leben,
+Den reichen Witz der liebenswürd'gen Frau.
+
+Tasso.
+Ich weiß es nur zu wohl, seit jenem Tage,
+Da sie von hinnen schied, vermochte dir
+Die reine Freude niemand zu ersetzen.
+Wie oft zerriss es meine Brust! Wie oft
+Klagt' ich dem stillen Hain mein Leid um dich!
+Ach! Rief ich aus, hat denn die Schwester nur
+Das Glück, das Recht, der Teuern viel zu sein?
+Ist denn kein Herz mehr wert, dass sie sich ihm
+Vertrauen dürfte, kein Gemüt dem ihren
+Mehr gleich gestimmt? Ist Geist und Witz verloschen?
+Und war die eine Frau, so trefflich sie
+Auch war, denn alles? Fürstin! O verzeih!
+Da dacht' ich manchmal an mich selbst und wünschte,
+Dir etwas sein zu können. Wenig nur,
+Doch etwas, nicht mit Worten, mit der Tat
+Wünscht' ich's zu sein, im Leben dir zu zeigen,
+Wie sich mein Herz im Stillen dir geweiht.
+Doch es gelang mir nicht, und nur zu oft
+Tat ich im Irrtum was dich schmerzen musste,
+Beleidigte den Mann, den du beschütztest,
+Verwirrte unklug was du lösen wolltest,
+Und fühlte so mich stets im Augenblick,
+Wenn ich mich nahen wollte, fern und ferner.
+
+Prinzessin.
+Ich habe, Tasso, deinen Willen nie
+Verkannt und weiß, wie du, dir selbst zu schaden,
+Geschäftig bist. Anstatt dass meine Schwester
+Mit jedem, wie er sei, zu leben weiß,
+So kannst du selbst nach vielen Jahren kaum
+In einen Freund dich finden.
+
+Tasso.
+Tadle mich!
+Doch sage mir hernach: Wo ist der Mann,
+Die Frau, mit der ich wie mit dir
+Aus freiem Busen wagen darf zu reden?
+
+Prinzessin.
+Du solltest meinem Bruder dich vertraun.
+
+Tasso.
+Er ist mein Fürst!--Doch glaube nicht, dass mir
+Der Freiheit wilder Trieb den Busen blähe.
+Der Mensch ist nicht geboren, frei zu sein,
+Und für den Edeln ist kein schöner Glück,
+Als einem Fürsten, den er ehrt, zu dienen.
+Und so ist er mein Herr, und ich empfinde
+Den ganzen Umfang dieses großen Worts.
+Nun muss ich schweigen lernen, wenn er spricht,
+Und tun, wenn er gebietet, mögen auch
+Verstand und Herz ihm lebhaft widersprechen.
+
+Prinzessin.
+Das ist der Fall bei meinem Bruder nie,
+Und nun, da wir Antonio wieder haben,
+Ist dir ein neuer kluger Freund gewiss.
+
+Tasso.
+Ich hofft' es ehmals, jetzt verzweifl' ich fast.
+Wie lehrreich wäre mir sein Umgang, nützlich
+Sein Rat in tausend Fällen! Er besitzt,
+Ich mag wohl sagen, alles, was mir fehlt.
+Doch--haben alle Götter sich versammelt,
+Geschenke seiner Wiege darzubringen--
+Die Grazien sind leider ausgeblieben,
+Und wem die Gaben dieser Holden fehlen,
+Der kann zwar viel besitzen, vieles geben,
+Doch lässt sich nie an seinem Busen ruhn.
+
+Prinzessin.
+Doch lässt sich ihm vertraun, und das ist viel.
+Du musst von einem Mann nicht alles fordern,
+Und dieser leistet, was er dir verspricht.
+Hat er sich erst für deinen Freund erklärt,
+So sorgt er selbst für dich, wo du dir fehlst.
+Ihr müsst verbunden sein! Ich schmeichle mir,
+Dies schöne Werk in kurzem zu vollbringen.
+Nur widerstehe nicht, wie du es pflegst!
+So haben wir Lenore lang besessen,
+Die fein und zierlich ist, mit der es leicht
+Sich leben lässt; auch dieser hast du nie,
+Wie sie es wünschte, näher treten wollen.
+
+Tasso.
+Ich habe dir gehorcht, sonst hätt' ich mich
+Von ihr entfernt, anstatt mich ihr zu nahen.
+So liebenswürdig sie erscheinen kann,
+Ich weiß nicht, wie es ist, konnt' ich nur selten
+Mit ihr ganz offen sein, und wenn sie auch
+Die Absicht hat, den Freunden wohl zu tun,
+So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.
+
+Prinzessin.
+Auf diesem Wege werden wir wohl nie
+Gesellschaft finden, Tasso! Dieser Pfad
+Verleitet uns, durch einsames Gebüsch,
+Durch stille Täler fortzuwandern; mehr
+Und mehr verwöhnt sich das Gemüt, und strebt,
+Die goldne Zeit, die ihm von außen mangelt,
+In seinem Innern wieder herzustellen,
+So wenig der Versuch gelingen will.
+
+Tasso.
+O welches Wort spricht meine Fürstin aus.
+Die goldne Zeit, wohin ist sie geflohn,
+Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt?
+Da auf der freien Erde Menschen sich
+Wie frohe Herden im Genuss verbreiteten;
+Da ein uralter Baum auf bunter Wiese
+Dem Hirten und der Hirtin Schatten gab,
+Ein jüngeres Gebüsch die zarten Zweige
+Um sehnsuchtsvolle Liebe traulich schlang;
+Wo klar und still auf immer reinem Sande
+Der weiche Fluss die Nymphe sanft umfing;
+Wo in dem Grase die gescheuchte Schlange
+Unschädlich sich verlor, der kühne Faun,
+Vom tapfern Jüngling bald bestraft, entfloh;
+Wo jeder Vogel in der freien Luft
+Und jedes Tier, durch Berg' und Täler schweifend,
+Zum Menschen sprach: Erlaubt ist, was gefällt.
+
+Prinzessin.
+Mein Freund, die goldne Zeit ist wohl vorbei;
+Allein die Guten bringen sie zurück.
+Und soll ich dir gestehen, wie ich denke:
+Die goldne Zeit, womit der Dichter uns
+Zu schmeicheln pflegt, die schöne Zeit, sie war,
+So scheint es mir, so wenig als sie ist;
+Und war sie je, so war sie nur gewiss,
+Wie sie uns immer wieder werden kann.
+Noch treffen sich verwandte Herzen an
+Und teilen den Genuss der schönen Welt;
+Nur in dem Wahlspruch ändert sich, mein Freund,
+Ein einzig Wort: Erlaubt ist was sich ziemt.
+
+Tasso.
+O wenn aus guten, edlen Menschen nur
+Ein allgemein Gericht bestellt entschiede,
+Was sich denn ziemt! Anstatt dass jeder glaubt,
+Es sei auch schicklich, was ihm nützlich ist.
+Wir sehn ja, dem Gewaltigen, dem Klugen
+Steht alles wohl, und er erlaubt sich alles.
+
+Prinzessin.
+Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
+So frage nur bei edlen Frauen an.
+Denn ihnen ist am meisten dran gelegen,
+Dass alles wohl sich zieme, was geschieht.
+Die Schicklichkeit umgibt mit einer Mauer
+Das zarte, leicht verletzliche Geschlecht.
+Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie,
+Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts.
+Und wirst du die Geschlechter beide fragen:
+Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte.
+
+Tasso.
+Du nennest uns unbändig, roh, gefühllos?
+
+Prinzessin.
+Nicht das! Allein ihr strebt nach fernen Gütern,
+Und euer Streben muss gewaltsam sein.
+Ihr wagt es, für die Ewigkeit zu handeln,
+Wenn wir ein einzig nah beschränktes Gut
+Auf dieser Erde nur besitzen möchten,
+Und wünschen, dass es uns beständig bleibe.
+Wir sind von keinem Männerherzen sicher,
+Das noch so warm sich einmal uns ergab.
+Die Schönheit ist vergänglich, die ihr doch
+Allein zu ehren scheint. Was übrig bleibt,
+Das reizt nicht mehr, und was nicht reizt, ist tot.
+Wenn's Männer gäbe, die ein weiblich Herz
+Zu schätzen wüssten, die erkennen möchten,
+Welch einen holden Schatz von Treu' und Liebe
+Der Busen einer Frau bewahren kann;
+Wenn das Gedächtnis einzig schöner Stunden
+In euren Seelen lebhaft bleiben wollte;
+Wenn euer Blick, der sonst durchdringend ist,
+Auch durch den Schleier dringen könnte, den
+Uns Alter oder Krankheit überwirft;
+Wenn der Besitz, der ruhig machen soll,
+Nach fremden Gütern euch nicht lüstern machte:
+Dann wär' uns wohl ein schöner Tag erschienen,
+Wir feierten dann unsre goldne Zeit.
+
+Tasso.
+Du sagst mir Worte, die in meiner Brust
+Halb schon entschlafne Sorgen mächtig regen.
+
+Prinzessin.
+Was meinst du, Tasso? Rede frei mit mir.
+
+Tasso.
+Oft hört' ich schon, und diese Tage wieder
+Hab' ich's gehört, ja hätt' ich's nicht vernommen,
+So müsst' ich's denken: Edle Fürsten streben
+Nach deiner Hand! Was wir erwarten müssen,
+Das fürchten wir und möchten schier verzweifeln,
+Verlassen wirst du uns, es ist natürlich;
+Doch wie wir's tragen wollen, weiß ich nicht.
+
+Prinzessin.
+Für diesen Augenblick seid unbesorgt!
+Fast möcht' ich sagen: Unbesorgt für immer.
+Hier bin ich gern, und gerne mag ich bleiben.
+Noch weiß ich kein Verhältnis, das mich lockte;
+Und wenn ihr mich denn ja behalten wollt,
+So lasst es mir durch Eintracht sehn und schafft
+Euch selbst ein glücklich Leben, mir durch euch.
+
+Tasso.
+O lehre mich, das Mögliche zu tun!
+Gewidmet sind dir alle meine Tage.
+Wenn, dich zu preisen, dir zu danken, sich
+Mein Herz entfaltet, dann empfind' ich erst
+Das reinste Glück, das Menschen fühlen können;
+Das Göttlichste erfuhr ich nur in dir.
+So unterscheiden sich die Erdengötter
+Vor andern Menschen, wie das hohe Schicksal
+Vom Rat und Willen selbst der klügsten Männer
+Sich unterscheidet. Vieles lassen sie,
+Wenn wir gewaltsam Wog' auf Woge sehn,
+Wie leichte Wellen, unbemerkt vorüber
+Vor ihren Füßen rauschen, hören nicht
+Den Sturm, der uns umsaust und niederwirft,
+Vernehmen unser Flehen kaum und lassen,
+Wie wir beschränkten armen Kindern tun,
+Mit Seufzern und Geschrei die Luft uns füllen.
+Du hast mich oft, o Göttliche, geduldet,
+Und wie die Sonne, trocknete dein Blick
+Den Tau von meinen Augenliedern ab.
+
+Prinzessin.
+Es ist sehr billig, dass die Frauen dir
+Aufs freundlichste begegnen: Es verherrlicht
+Dein Lied auf manche Weise das Geschlecht.
+Zart oder tapfer, hast du stets gewusst,
+Sie liebenswert und edel vorzustellen;
+Und wenn Armide hassenswert erscheint,
+Versöhnt ihr Reiz und ihre Liebe bald.
+
+Tasso.
+Was auch in meinem Liede widerklingt,
+Ich bin nur einer, einer alles schuldig!
+Es schwebt kein geistig unbestimmtes Bild
+Vor meiner Stirne, das der Seele bald
+Sich überglänzend nahte, bald entzöge.
+Mit meinen Augen hab' ich es gesehn,
+Das Urbild jeder Tugend, jeder Schöne;
+Was ich nach ihm gebildet, das wird bleiben:
+Tancredes Heldenliebe zu Chlorinde,
+Erminies stille, nicht bemerkte Treue,
+Sophronies Großheit und Olindes Not,
+Es sind nicht Schatten, die der Wahn erzeugte,
+Ich weiß es, sie sind ewig; denn sie sind.
+Und was hat mehr das Recht, Jahrhunderte
+Zu bleiben und im stillen fortzuwirken,
+Als das Geheimnis einer edlen Liebe,
+Dem holden Lied bescheiden anvertraut?
+
+Prinzessin.
+Und soll ich dir noch einen Vorzug sagen,
+Den unvermerkt sich dieses Lied erschleicht?
+Es lockt uns nach und nach, wir hören zu,
+Wir hören und wir glauben zu verstehn,
+Was wir verstehn, das können wir nicht tadeln,
+Und so gewinnt uns dieses Lied zuletzt.
+
+Tasso.
+Welch einen Himmel öffnest du vor mir,
+O Fürstin! Macht mich dieser Glanz nicht blind,
+So seh' ich unverhofft ein ewig Glück
+Auf goldnen Strahlen herrlich niedersteigen.
+
+Prinzessin.
+Nicht weiter, Tasso! Viele Dinge sind's,
+Die wir mit Heftigkeit ergreifen sollen:
+Doch andre können nur durch Mäßigung
+Und durch Entbehren unser eigen werden.
+So, sagt man, sei die Tugend, sei die Liebe,
+Die ihr verwandt ist. Das bedenke wohl!
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Tasso (allein).
+
+Ist dir's erlaubt, die Augen aufzuschlagen?
+Wagst du's umher zu sehn? Du bist allein!
+Vernahmen diese Säulen was sie sprach?
+Und hast du Zeugen, diese stumme Zeugen
+Des höchsten Glücks zu fürchten? Es erhebt
+Die Sonne sich des neuen Lebenstages,
+Der mit den vorigen sich nicht vergleicht.
+Hernieder steigend hebt die Göttin schnell
+Den Sterblichen hinauf. Welch neuer Kreis
+Entdeckt sich meinem Auge, welches Reich!
+Wie köstlich wird der heiße Wunsch belohnt!
+Ich träumte mich dem höchsten Glücke nah,
+Und dieses Glück ist über alle Träume.
+Der Blindgeborne denke sich das Licht,
+Die Farben wie er will; erscheinet ihm
+Der neue Tag, ist's ihm ein neuer Sinn.
+Voll Mut und Ahnung, freudetrunken schwankend
+Betret' ich diese Bahn. Du gibst mir viel,
+Du gibst, wie Erd' und Himmel uns Geschenke
+Mit vollen Händen übermäßig reichen,
+Und forderst wieder, was von mir zu fordern
+Nur eine solche Gabe dich berechtigt.
+Ich soll entbehren, soll mich mäßig zeigen
+Und so verdienen, dass du mir vertraust.
+Was tat ich je, dass sie mich wählen konnte?
+Was soll ich tun, um ihrer wert zu sein?
+Sie konnte dir vertraun und dadurch bist du's.
+Ja, Fürstin, deinen Worten, deinen Blicken
+Sei ewig meine Seele ganz geweiht!
+Ja, fordre was du willst, denn ich bin dein!
+Sie sende mich, Müh' und Gefahr und Ruhm
+In fernen Landen aufzusuchen, reiche
+Im stillen Hain die goldne Leier mir,
+Sie weihe mich der Ruh' und ihrem Preis:
+Ihr bin ich, bildend soll sie mich besitzen,
+Mein Herz bewahrte jeden Schatz für sie.
+O hätt' ein tausendfaches Werkzeug mir
+Ein Gott gegönnt, kaum drückt' ich dann genug
+Die unaussprechliche Verehrung aus.
+Des Mahlers Pinsel und des Dichters Lippe,
+Die süßeste, die je von frühem Honig
+Genährt war, wünscht' ich mir. Nein, künftig soll
+Nicht Tasso zwischen Bäumen, zwischen Mensch
+Sich einsam, schwach und trüb gesinnt verlieren!
+Er ist nicht mehr allein, er ist mit dir.
+O dass die edelste der Taten sich
+Hier sichtbar vor mich stellte, rings umgeben
+Von grässlicher Gefahr! Ich dränge zu
+Und wagte gern das Leben, das ich nun
+Von ihren Händen habe--forderte
+Die besten Menschen mir zu Freunden auf,
+Unmögliches mit einer edeln Schar
+Nach Ihrem Wink und Willen zu vollbringen.
+Voreiliger, warum verbarg dein Mund
+Nicht das, was du empfandst, bis du dich wert
+Und werter ihr zu Füßen legen konntest?
+Das war dein Vorsatz, war dein kluger Wunsch.
+Doch sei es auch! Viel schöner ist es, rein
+Und unverdient ein solch Geschenk empfangen,
+Als halb und halb zu wähnen, dass man wohl
+Es habe fordern dürfen. Blicke freudig!
+Es ist so groß, so weit, was vor dir liegt,
+Und hoffnungsvolle Jugend lockt dich wieder
+In unbekannte, lichte Zukunft hin!
+--Schwelle Brust!--O Witterung des Glücks,
+Begünst'ge diese Pflanze doch einmal!
+Sie strebt gen Himmel, tausend Zweige dringen
+Aus ihr hervor, entfalten sich zu Blüten.
+O dass sie Furcht, o dass sie Freuden bringe!
+Dass eine liebe Hand den goldnen Schmuck
+Aus ihren frischen, reichen Ästen breche!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Tasso. Antonio.
+
+Tasso.
+Sei mir willkommen, den ich gleichsam jetzt
+Zum ersten Mal erblicke! Schöner ward
+Kein Mann mir angekündigt. Sei willkommen!
+Dich kenn' ich nun und deinen ganzen Wert,
+Dir biet' ich ohne Zögern Herz und Hand
+Und hoffe, dass auch du mich nicht verschmähst.
+
+Antonio.
+Freigebig bietest du mir schöne Gaben,
+Und ihren Wert erkenn' ich wie ich soll:
+Drum lass mich zögern, eh' ich sie ergreife.
+Weiß ich doch nicht, ob ich dir auch dagegen
+Ein Gleiches geben kann. Ich möchte gern
+Nicht übereilt und nicht undankbar scheinen:
+Lass mich für beide klug und sorgsam sein.
+
+Tasso.
+Wer wird die Klugheit tadeln? Jeder Schritt
+Des Lebens zeigt, wie sehr sie nötig sei;
+Doch schöner ist's, wenn uns die Seele sagt,
+Wo wir der feinen Vorsicht nicht bedürfen.
+
+Antonio.
+Darüber frage jeder sein Gemüt,
+Weil er den Fehler selbst zu büßen hat.
+
+Tasso.
+So sei's! Ich habe meine Pflicht getan:
+Der Fürstin Wort, die uns zu Freunden wünscht,
+Hab' ich verehrt und mich dir vorgestellt.
+Rückhalten durft' ich nicht, Antonio; doch gewiss,
+Zudringen will ich nicht. Es mag denn sein.
+Zeit und Bekanntschaft heißen dich vielleicht
+Die Gabe wärmer fordern, die du jetzt
+So kalt beiseite lehnst und fast verschmähst.
+
+Antonio.
+Der Mäßige wird öfters kalt genannt
+Von Menschen, die sich warm vor andern glauben,
+Weil sie die Hitze fliegend überfällt.
+
+Tasso.
+Du tadelst, was ich tadle, was ich melde.
+Auch ich verstehe wohl, so jung ich bin,
+Der Heftigkeit die Dauer vorzuziehn.
+
+Antonio.
+Sehr weislich! Bleibe stets auf diesem Sinne.
+
+Tasso.
+Du bist berechtigt, mir zu raten, mich
+Zu warnen; denn es steht Erfahrung dir
+Als lang' erprobte Freundin an der Seite.
+Doch glaube nur, es horcht ein stilles Herz
+Auf jedes Tages, jeder Stunde Warnung
+Und übt sich ingeheim an jedem Guten,
+Das deine Strenge neu zu lehren glaubt.
+
+Antonio.
+Es ist wohl angenehm, sich mit sich selbst
+Beschäft'gen, wenn es nur so nützlich wäre.
+Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes
+Erkennen; denn er misst nach eignem Maß
+Sich bald zu klein und leider oft zu groß.
+Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur
+Das Leben lehret jedem, was er sei.
+
+Tasso.
+Mit Beifall und Verehrung hör' ich dich.
+
+Antonio.
+Und dennoch denkst du wohl bei diesen Worten
+Ganz etwas anders, als ich sagen will.
+
+Tasso.
+Auf diese Weise rücken wir nicht näher.
+Es ist nicht klug, es ist nicht wohl getan,
+Vorsätzlich einen Menschen zu verkennen,
+Er sei auch, wer er sei. Der Fürstin Wort
+Bedurft' es kaum, leicht hab' ich dich erkannt:
+Ich weiß, dass du das Gute willst und schaffst.
+Dein eigen Schicksal lässt dich unbesorgt,
+An andre denkst du, Andern stehst du bei,
+Und auf des Lebens leicht bewegter Woge
+Bleibt dir ein stetes Herz. So seh' ich dich.
+Und was wär' ich, ging' ich dir nicht entgegen?
+Sucht' ich begierig nicht auch einen Teil
+An dem verschlossnen Schatz, den du bewahrst?
+Ich weiß, es reut dich nicht, wenn du dich öffnest,
+Ich weiß, du bist mein Freund, wenn du mich kennst:
+Und eines solchen Freunds bedurft' ich lange.
+Ich schäme mich der Unerfahrenheit
+Und meiner Jugend nicht. Still ruhet noch
+Der Zukunft goldne Wolke mir ums Haupt.
+O nimm mich, edler Mann, an deine Brust
+Und weihe mich, den Raschen, Unerfahrnen,
+Zum mäßigen Gebrauch des Lebens ein.
+
+Antonio.
+In einem Augenblicke forderst du,
+Was wohlbedächtig nur die Zeit gewährt.
+
+Tasso.
+In einem Augenblick gewährt die Liebe,
+Was Mühe kaum in langer Zeit erreicht.
+Ich bitt' es nicht von dir, ich darf es fordern.
+Dich ruf' ich in der Tugend Namen auf,
+Die gute Menschen zu verbinden eifert.
+Und soll ich dir noch einen Namen nennen?
+Die Fürstin hofft's, Sie will's--Eleonore,
+Sie will mich zu dir führen, dich zu mir.
+O lass uns ihrem Wunsch entgegen gehn!
+Lass uns verbunden vor die Göttin treten,
+Ihr unsern Dienst, die ganze Seele bieten,
+Vereint für sie das Würdigste zu tun.
+Noch einmal!--Hier ist meine Hand! Schlag ein!
+Tritt nicht zurück und weigre dich nicht länger,
+O edler Mann, und gönne mir die Wollust,
+Die schönste guter Menschen, sich dem Bessern
+Vertrauend ohne Rückhalt hinzugeben!
+
+Antonio.
+Du gehst mit vollen Segeln! Scheint es doch,
+Du bist gewohnt zu siegen, überall
+Die Wege breit, die Pforten weit zu finden.
+Ich gönne jeden Wert und jedes Glück
+Dir gern, allein ich sehe nur zu sehr,
+Wir stehn zu weit noch voneinander ab.
+
+Tasso.
+Es sei an Jahren, an geprüftem Wert;
+An frohem Muth und Willen weich' ich keinem.
+
+Antonio.
+Der Wille lockt die Taten nicht herbei;
+Der Mut stellt sich die Wege kürzer vor.
+Wer angelangt am Ziel ist, wird gekrönt,
+Und oft entbehrt ein Würd'ger eine Krone.
+Doch gibt es leichte Kränze, Kränze gibt es
+Von sehr verschiedner Art: Sie lassen sich
+Oft im Spazierengehn bequem erreichen.
+
+Tasso.
+Was eine Gottheit diesem frei gewährt
+Und jenem streng versagt, ein solches Gut
+Erreicht nicht jeder, wie er will und mag.
+
+Antonio.
+Schreib es dem Glück vor andern Göttern zu,
+So hör' ich's gern; denn seine Wahl ist blind.
+
+Tasso.
+Auch die Gerechtigkeit trägt eine Binde
+Und schließt die Augen jedem Blendwerk zu.
+
+Antonio.
+Das Glück erhebe billig der Beglückte!
+Er dicht' ihm hundert Augen fürs Verdienst
+Und kluge Wahl und strenge Sorgfalt an,
+Nenn' es Minerva, nenn' es, wie er will,
+Er halte gnädiges Geschenk für Lohn,
+Zufälligen Putz für wohl verdienten Schmuck.
+
+Tasso.
+Du brauchst nicht deutlicher zu sein. Es ist genug!
+Ich blicke tief dir in das Herz und kenne
+Für's ganze Leben dich. O kennte so
+Dich meine Fürstin auch! Verschwende nicht
+Die Pfeile deiner Augen, deiner Zunge!
+Du richtest sie vergebens nach dem Kranze,
+Dem unverwelklichen, auf meinem Haupt.
+Sei erst so groß, mir ihn nicht zu beneiden!
+Dann darfst du mir vielleicht ihn streitig machen.
+Ich acht' ihn heilig und das höchste Gut:
+Doch zeige mir den Mann, der das erreicht,
+Wornach ich strebe, zeige mir den Helden,
+Von dem mir die Geschichten nur erzählten;
+Den Dichter stell' mir vor, der sich Homer,
+Virgil sich vergleichen darf, ja, was
+Noch mehr gesagt ist, zeige mir den Mann,
+Der dreifach diesen Lohn verdiente, den
+Die schöne Krone dreifach mehr als mich
+Beschämte: Dann sollst du mich kniend sehn
+Vor jener Gottheit, die mich so begabte;
+Nicht eher stünd' ich auf, bis sie die Zierde
+Von meinem Haupt auf seins hinüber drückte.
+
+Antonio.
+Bis dahin bleibst du freilich ihrer wert.
+
+Tasso.
+Man wäge mich, das will ich nicht vermeiden;
+Allein Verachtung hab' ich nicht verdient.
+Die Krone, der mein Fürst mich würdig achtete,
+Die meiner Fürstin Hand für mich gewunden,
+Soll keiner mir bezweifeln noch begrinsen!
+
+Antonio.
+Es ziemt der hohe Ton, die rasche Glut
+Nicht dir zu mir, noch dir an diesem Orte.
+
+Tasso.
+Was du dir hier erlaubst, das ziemt auch mir.
+Und ist die Wahrheit wohl von hier verbannt?
+Ist im Palast der freie Geist gekerkert?
+Hat hier ein edler Mensch nur Druck zu dulden?
+Mich dünkt hier ist die Hoheit erst an ihrem Platz,
+Der Seele Hoheit! Darf sie sich der Nähe
+Der Großen dieser Erde nicht erfreun?
+Sie darf's und soll's. Wir nahen uns dem Fürsten
+Durch Adel nur, der uns von Vätern kam;
+Warum nicht durchs Gemüt, das die Natur
+Nicht jedem groß verlieh, wie sie nicht jedem
+Die Reihe großer Ahnherrn geben konnte?
+Nur Kleinheit sollte hier sich ängstlich fühlen,
+Der Neid, der sich zu seiner Schande zeigt:
+Wie keiner Spinne schmutziges Gewebe
+An diesen Marmorwänden haften soll.
+
+Antonio.
+Du zeigst mir selbst mein Recht dich zu verschmähn!
+Der übereilte Knabe will des Manns
+Vertraun und Freundschaft mit Gewalt ertrotzen?
+Unsittlich, wie du bist, hältst du dich gut?
+
+Tasso.
+Viel lieber, was ihr euch unsittlich nennt,
+Als was ich mir unedel nennen müsste.
+
+Antonio.
+Du bist noch jung genug, dass gute Zucht
+Dich eines bessern Wegs belehren kann.
+
+Tasso.
+Nicht jung genug, vor Götzen mich zu neigen,
+Und, Trotz mit Trotz zu bänd'gen, alt genug.
+
+Antonio.
+Wo Lippenspiel und Saitenspiel entscheiden,
+Ziehst du als Held und Sieger wohl davon.
+
+Tasso.
+Verwegen wär' es, meine Faust zu rühmen;
+Denn sie hat nichts getan; doch ich vertrau' ihr.
+
+Antonio.
+Du traust auf Schonung, die dich nur zu sehr
+Im frechen Laufe deines Glücks verzog.
+
+Tasso.
+Dass ich erwachsen bin, das fühl' ich nun.
+Mit dir am wenigsten hätt' ich gewünscht
+Das Wagespiel der Waffen zu versuchen:
+Allein du schürest Glut auf Glut, es kocht
+Das innre Mark, die schmerzliche Begier
+Der Rache siedet schäumend in der Brust.
+Bist du der Mann der du dich rühmst, so steh mir!
+
+Antonio.
+Du weißt so wenig wer, als wo du bist.
+
+Tasso.
+Kein Heiligtum heißt uns den Schimpf ertragen.
+Du lästerst, du entweihest diesen Ort,
+Nicht ich, der ich Vertraun, Verehrung, Liebe,
+Das schönste Opfer, dir entgegen trug.
+Dein Geist verunreint dieses Paradies
+Und deine Worte diesen reinen Saal,
+Nicht meines Herzens schwellendes Gefühl,
+Das braust, den kleinsten Flecken nicht zu leiden.
+
+Antonio.
+Welch hoher Geist in einer engen Brust!
+
+Tasso.
+Hier ist noch Raum, dem Busen Luft zu machen.
+
+Antonio.
+Es macht das Volk sich auch mit Worten Luft.
+
+Tasso.
+Bist du ein Edelmann wie ich, so zeig' es.
+
+Antonio.
+Ich bin es wohl, doch weiß ich, wo ich bin.
+
+Tasso.
+Komm mit herab, wo unsre Waffen gelten.
+
+Antonio.
+Wie du nicht fordern solltest, folg' ich nicht.
+
+Tasso.
+Der Feigheit ist solch Hindernis willkommen.
+
+Antonio.
+Der Feige droht nur, wo er sicher ist.
+
+Tasso.
+Mit Freuden kann ich diesem Schutz entsagen.
+
+Antonio.
+Vergib dir nur, dem Ort vergibst du nichts.
+
+Tasso.
+Verzeihe mir der Ort dass ich es litt.
+
+(Er zieht den Degen.)
+
+Zieh oder folge, wenn ich nicht auf ewig,
+Wie ich dich hasse, dich verachten soll.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Alphons. Die Vorigen.
+
+Alphons.
+In welchem Streit treff' ich euch unerwartet?
+
+Antonio.
+Du findest mich, o Fürst, gelassen stehn
+Vor einem, den die Wut ergriffen hat.
+
+Tasso.
+Ich bete dich als eine Gottheit an,
+Dass du mit Einem Blick mich warnend bändigst.
+
+Alphons.
+Erzähl', Antonio, Tasso, sag' mir an,
+Wie hat der Zwist sich in mein Haus gedrungen?
+Wie hat er euch ergriffen, von der Bahn
+Der Sitten, der Gesetze kluge Männer
+Im Taumel weggerissen? Ich erstaune.
+
+Tasso.
+Du kennst uns beide nicht, ich glaub' es wohl.
+Hier dieser Mann, berühmt als klug und sittlich,
+Hat roh und hämisch, wie ein unerzogner,
+Unedler Mensch, sich gegen mich betragen.
+Zutraulich naht' ich ihm, er stieß mich weg;
+Beharrlich liebend drang ich mich zu ihm,
+Und bitter, immer bittrer, ruht' er nicht,
+Bis er den reinsten Tropfen Bluts in mir
+Zu Galle wandelte. Verzeih! Du hast mich hier
+Als einen Wütenden getroffen. Dieser
+Hat alle Schuld, wenn ich mich schuldig machte.
+Er hat die Glut gewaltsam angefacht,
+Die mich ergriff und mich und ihn verletzte.
+
+Antonio.
+Ihn riss der hohe Dichterschwung hinweg!
+Du hast, o Fürst, zuerst mich angeredet,
+Hast mich gefragt: Es sei mir nun erlaubt,
+Nach diesem raschen Redner auch zu sprechen.
+
+Tasso.
+O ja, erzähl', erzähl' von Wort zu Wort!
+Und kannst du jede Silbe, jede Miene
+Vor diesen Richter stellen, wag' es nur!
+Beleidige dich selbst zum zweiten Male
+Und zeuge wider dich! Dagegen will
+Ich keinen Hauch und keinen Pulsschlag leugnen.
+
+Antonio.
+Wenn du noch mehr zu reden hast, so sprich;
+Wo nicht, so schweig und unterbrich mich nicht.
+Ob ich, mein Fürst, ob dieser heiße Kopf
+Den Streit zuerst begonnen? Wer es sei,
+Der unrecht hat? Ist eine weite Frage,
+Die wohl zuvörderst noch auf sich beruht.
+
+Tasso.
+Wie das? Mich dünkt, das ist die erste Frage:
+Wer von uns beiden Recht und Unrecht hat.
+
+Antonio.
+Nicht ganz, wie sich's der unbegränzte Sinn
+Gedenken mag.
+
+Alphons.
+ Antonio!
+
+Antonio.
+ Gnädigster,
+Ich ehre deinen Wink, doch lass ihn schweigen!
+Hab' ich gesprochen, mag er weiter reden;
+Du wirst entscheiden. Also sag' ich nur:
+Ich kann mit ihm nicht rechten, kann ihn weder
+Verklagen, noch mich selbst verteid'gen, noch
+Ihm jetzt genug zu tun mich anerbieten.
+Denn, wie er steht, ist er kein freier Mann.
+Es waltet über ihm ein schwer Gesetz,
+Das deine Gnade höchstens lindern wird.
+Er hat mir hier gedroht, hat mich gefodert;
+Vor dir verbarg er kaum das nackte Schwert.
+Und tratst du, Herr, nicht zwischen uns herein,
+So stünde jetzt auch ich als pflichtvergessen,
+Mitschuldig und beschämt vor deinem Blick.
+
+Alphons (zu Tasso).
+Du hast nicht wohl getan.
+
+Tasso.
+ Mich spricht, o Herr,
+Mein eigen Herz, gewiss auch deines frei.
+Ja, es ist wahr, ich drohte, forderte,
+Ich zog. Allein, wie tückisch seine Zunge
+Mit wohl gewählten Worten mich verletzt,
+Wie scharf und schnell sein Zahn das feine Gift
+Mir in das Blut geflößt, wie er das Fieber
+Nur mehr und mehr erhitzt--du denkst es nicht!
+Gelassen, kalt, hat er mich ausgehalten,
+Aufs Höchste mich getrieben. O! Du kennst,
+Du kennst ihn nicht und wirst ihn niemals kennen!
+Ich trug ihm warm die schönste Freundschaft an--
+Er warf mir meine Gaben vor die Füße;
+Und hätte meine Seele nicht geglüht,
+So war sie deiner Gnade, deines Dienstes
+Auf ewig unwert. Hab' ich des Gesetzes
+Und dieses Orts vergessen, so verzeih.
+Auf keinem Boden darf ich niedrig sein,
+Erniedrigung auf keinem Boden dulden.
+Wenn dieses Herz, es sei auch, wo es will,
+Dir fehlt und sich, dann strafe, dann verstoße,
+Und lass mich nie dein Auge wieder sehn.
+
+Antonio.
+Wie leicht der Jüngling schwere Lasten trägt
+Und Fehler wie den Staub vom Kleide schüttelt!
+Es wäre zu verwundern, wenn die Zauberkraft
+Der Dichtung nicht bekannter wäre, die
+Mit dem Unmöglichen so gern ihr Spiel
+Zu treiben liebt. Ob du auch so, mein Fürst,
+Ob alle deine Diener diese Tat
+So unbedeutend halten, zweifl' ich fast.
+Die Majestät verbreitet ihren Schutz
+Auf jeden, der sich ihr wie einer Gottheit
+Und ihrer unverletzten Wohnung naht.
+Wie an dem Fuße des Altars bezähmt
+Sich auf der Schwelle jede Leidenschaft.
+Da blinkt kein Schwert, da fällt kein drohend Wort,
+Da fordert selbst Beleid'gung keine Rache.
+Es bleibt das weite Feld ein offner Raum
+Für Grimm und Unversöhnlichkeit genug:
+Dort wird kein Feiger drohn, kein Mann wird fliehn.
+Hier diese Mauern haben deine Väter
+Auf Sicherheit gegründet, ihrer Würde
+Ein Heiligtum befestigt, diese Ruhe
+Mit schweren Strafen ernst und klug erhalten;
+Verbannung, Kerker, Tod ergriff den Schuldigen.
+Da war kein Ansehn der Person, es hielt
+Die Milde nicht den Arm des Rechts zurück,
+Und selbst der Frevler fühlte sich geschreckt.
+Nun sehen wir nach langem, schönem Frieden
+In das Gebiet der Sitten rohe Wut
+Im Taumel wiederkehren. Herr, entscheide,
+Bestrafe! Denn wer kann in seiner Pflicht
+Beschränkten Grenzen wandeln, schützet ihn
+Nicht das Gesetz und seines Fürsten Kraft?
+
+Alphons.
+Mehr, als ihr beide sagt und sagen könnt,
+Lässt unparteiisch das Gemüt mich hören.
+Ihr hättet schöner eure Pflicht getan,
+Wenn ich dies Urteil nicht zu sprechen hätte;
+Denn hier sind Recht und Unrecht nah verwandt.
+Wenn dich Antonio beleidigt hat,
+So hat er dir auf irgendeine Weise
+Genug zu tun, wie du es fordern wirst.
+Mir wär' es lieb, ihr wähltet mich zum Austrag.
+Indessen, dein Vergehen macht, o Tasso,
+Dich zum Gefangnen. Wie ich dir vergebe,
+So lindr' ich das Gesetz um deinetwillen.
+Verlass uns, Tasso! Bleib auf deinem Zimmer,
+Von dir und mit dir selbst allein bewacht.
+
+Tasso.
+Ist dies, o Fürst, dein richterlicher Spruch?
+
+Antonio.
+Erkennest du des Vaters Milde nicht?
+
+Tasso (zu Antonio).
+Mit dir hab' ich vorerst nichts mehr zu reden.
+(Zu Alphons.) O Fürst, es übergibt dein ernstes Wort
+Mich Freien der Gefangenschaft. Es sei!
+Du hältst es recht. Dein heilig Wort verehrend,
+Heiß' ich mein innres Herz im tiefsten schweigen.
+Es ist mir neu, so neu, dass ich fast dich
+Und mich und diesen schönen Ort nicht kenne.
+Doch diesen kenn' ich wohl--Gehorchen will ich,
+Ob ich gleich hier noch manches sagen könnte
+Und sagen sollte. Mir verstummt die Lippe.
+War's ein Verbrechen? Wenigstens es scheint,
+Ich bin als ein Verbrecher angesehn.
+Und, was mein Herz auch sagt, ich bin gefangen.
+
+Alphons.
+Du nimmst es höher, Tasso, als ich selbst.
+
+Tasso.
+Mir bleibt es unbegreiflich wie es ist;
+Zwar unbegreiflich nicht, ich bin kein Kind;
+Ich meine fast, ich müsst' es denken können.
+Auf einmal winkt mich eine Klarheit an,
+Doch augenblicklich schließt sich's wieder zu,
+Ich höre nur mein Urteil, beuge mich.
+Das sind zuviel vergebne Worte schon.
+Gewöhne dich von nun an zu gehorchen,
+Ohnmächt'ger! Du vergaßest wo du standst:
+Der Götter Saal schien dir auf gleicher Erde,
+Nun überwältigt dich der jähe Fall.
+Gehorche gern; denn es geziemt dem Manne,
+Auch willig das Beschwerliche zu tun.
+Hier nimm den Degen erst, den du mir gabst,
+Als ich dem Kardinal nach Frankreich folgte;
+Ich führt' ihn nicht mit Ruhm, doch nicht mit Schande,
+Auch heute nicht. Der hoffnungsvollen Gabe
+Entäußr' ich mich mit tief gerührtem Herzen.
+
+Alphons.
+Wie ich zu dir gesinnt bin fühlst du nicht.
+
+Tasso.
+Gehorchen ist mein Los, und nicht, zu denken!
+Und leider eines herrlichern Geschenks
+Verleugnung fordert das Geschick von mir.
+Die Krone kleidet den Gefangnen nicht:
+Ich nehme selbst von meinem Haupt die Zierde,
+Die für die Ewigkeit gegönnt mir schien.
+Zu früh war mir das schönste Glück verliehen
+Und wird, als hätt' ich sein mich überhoben,
+Mir nur zu bald geraubt.
+Du nimmst dir selbst, was keiner nehmen konnte,
+Und was kein Gott zum zweiten Male gibt.
+Wir Menschen werden wunderbar geprüft;
+Wir könnten's nicht ertragen, hätt' uns nicht
+Den holden Leichtsinn die Natur verliehn.
+Mit unschätzbaren Gütern lehret uns
+Verschwenderisch die Not gelassen spielen:
+Wir öffnen willig unsre Hände, dass
+Unwiederbringlich uns ein Gut entschlüpfe.
+Mit diesem Kuss vereint sich eine Träne
+Und weiht dich der Vergänglichkeit! Es ist
+Erlaubt das holde Zeichen unsrer Schwäche.
+Wer weinte nicht, wenn das Unsterbliche
+Vor der Zerstörung selbst nicht sicher ist?
+Geselle dich zu diesem Degen, der
+Dich leider nicht erwarb! Um ihn geschlungen,
+Ruhe, wie auf dem Sarg der Tapfern, auf
+Dem Grabe meines Glücks und meiner Hoffnung!
+Hier leg' ich beide willig dir zu Füßen;
+Denn wer ist wohl gewaffnet, wenn du zürnst?
+Und wer geschmückt, o Herr, den du verkennst?
+Gefangen geh' ich, warte des Gerichts.
+
+(Auf des Fürsten Wink, hebt ein Page den Degen mit dem Kranze auf
+und trägt ihn weg.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Alphons. Antonio.
+
+Antonio.
+Wo schwärmt der Knabe hin? Mit welchen Farben
+Mahlt er sich seinen Wert und sein Geschick?
+Beschränkt und unerfahren, hält die Jugend
+Sich für ein einzig auserwähltes Wesen
+Und alles über alle sich erlaubt.
+Er fühle sich gestraft, und strafen heißt
+Dem Jüngling wohl tun, dass der Mann uns danke.
+
+Alphons.
+Er ist gestraft, ich fürchte: Nur zu viel.
+
+Antonio.
+Wenn du gelind mit ihm verfahren magst,
+So gib, o Fürst, ihm seine Freiheit wieder,
+Und unsern Zwist entscheide dann das Schwert.
+
+Alphons.
+Wenn es die Meinung fordert, mag es sein.
+Doch sprich, wie hast du seinen Zorn gereizt?
+
+Antonio.
+Ich wüsste kaum zu sagen, wie's geschah.
+Als Menschen hab' ich ihn vielleicht gekränkt,
+Als Edelmann hab' ich ihn nicht beleidigt.
+Und seinen Lippen ist im größten Zorne
+Kein sittenloses Wort entflohn.
+
+Alphons.
+ So schien
+Mir euer Streit, und was ich gleich gedacht,
+Bekräftigt deine Rede mir noch mehr.
+Wenn Männer sich entzweien, hält man billig
+Den Klügsten für den Schuldigen. Du solltest
+Mit ihm nicht zürnen; ihn zu leiten stünde
+Dir besser an. Noch immer ist es Zeit:
+Hier ist kein Fall, der euch zu streiten zwänge.
+Solang mir Friede bleibt, so lange wünsch' ich
+In meinem Haus ihn zu genießen. Stelle
+Die Ruhe wieder her--du kannst es leicht.
+Lenore Sanvitale mag ihn erst
+Mit zarter Lippe zu besänft'gen suchen:
+Dann tritt zu ihm, gib ihm in meinem Namen
+Die volle Freiheit wieder, und gewinne
+Mit edeln, wahren Worten sein Vertraun.
+Verrichte das, sobald du immer kannst;
+Du wirst als Freund und Vater mit ihm sprechen.
+Noch eh' wir scheiden, will ich Friede wissen,
+Und dir ist nichts unmöglich, wenn du willst.
+Wir bleiben lieber eine Stunde länger
+Und lassen dann die Frauen sanft vollenden,
+Was du begannst; und kehren wir zurück,
+So haben sie von diesem raschen Eindruck
+Die letzte Spur vertilgt. Es scheint, Antonio,
+Du willst nicht aus der Übung kommen! Du
+Hast ein Geschäft kaum erst vollendet, nun
+Kehrst du zurück und schaffst dir gleich ein neues.
+Ich hoffe, dass auch dieses dir gelingt.
+
+Antonio.
+Ich bin beschämt und seh' in deinen Worten,
+Wie in dem klarsten Spiegel, meine Schuld!
+Gar leicht gehorcht man einem edlen Herrn,
+Der überzeugt, indem er uns gebietet.
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+Prinzessin (allein).
+
+Wo bleibt Eleonore? Schmerzlicher
+Bewegt mir jeden Augenblick die Sorge
+Das tiefste Herz. Kaum weiß ich was geschah,
+Kaum weiß ich, wer von beiden schuldig ist.
+O dass sie käme! Möcht' ich doch nicht gern
+Den Bruder nicht, Antonio nicht sprechen,
+Eh' ich gefasster bin, eh' ich vernommen,
+Wie alles steht, und was es werden kann.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Prinzessin. Leonore.
+
+Prinzessin.
+Was bringst du, Leonore? Sag' mir an,
+Wie steht's um unsre Freunde? Was geschah?
+
+Leonore.
+Mehr, als wir wissen, hab' ich nicht erfahren.
+Sie trafen hart zusammen, Tasso zog,
+Dein Bruder trennte sie. Allein es scheint,
+Als habe Tasso diesen Streit begonnen:
+Antonio geht frei umher und spricht
+Mit seinem Fürsten: Tasso bleibt dagegen
+Verbannt in seinem Zimmer und allein.
+
+Prinzessin.
+Gewiss hat ihn Antonio gereizt,
+Den hoch Gestimmten kalt und fremd beleidigt.
+
+Leonore.
+Ich glaub' es selbst. Denn eine Wolke stand,
+Schon als er zu uns trat, um seine Stirn.
+
+Prinzessin.
+Ach dass wir doch, dem reinen stillen Wink
+Des Herzens nach zu gehen, so sehr verlernen!
+Ganz leise spricht ein Gott in unsrer Brust,
+Ganz leise, ganz vernehmlich, zeigt uns an,
+Was zu ergreifen ist und was zu fliehn.
+Antonio erschien mir heute früh
+Viel schroffer noch als je, in sich gezogner.
+Es warnte mich mein Geist, als neben ihn
+Sich Tasso stellte. Sieh das Äußre nur
+Von beiden an, das Angesicht, den Ton,
+Den Blick, den Tritt! Es widerstrebt sich alles;
+Sie können ewig keine Liebe wechseln.
+Doch überredete die Hoffnung mich,
+Die Gleisnerinn: Sie sind vernünftig beide,
+Sind edel, unterrichtet, deine Freunde;
+Und welch ein Band ist sichrer als der Guten?
+Ich trieb den Jüngling an; er gab sich ganz;
+Wie schön, wie warm ergab er ganz sich mir!
+O hätt' ich gleich Antonio gesprochen!
+Ich zauderte; es war nur kurze Zeit;
+Ich scheute mich, gleich mit den ersten Worten
+Und dringend ihm den Jüngling zu empfehlen;
+Verließ auf Sitte mich und Höflichkeit,
+Auf den Gebrauch der Welt, der sich so glatt
+Selbst zwischen Feinde legt; befürchtete
+Von dem geprüften Manne diese Jähe
+Der raschen Jugend nicht. Es ist geschehn.
+Das Übel stand mir fern, nun ist es da.
+O gib mir einen Rat! Was ist zu tun?
+
+Leonore.
+Wie schwer zu raten sei, das fühlst du selbst
+Nach dem, was du gesagt. Es ist nicht hier
+Ein Missverständnis zwischen gleich Gestimmten;
+Das stellen Worte, ja im Notfall stellen
+Es Waffen leicht und glücklich wieder her.
+Zwei Männer sind's, ich hab' es lang gefühlt,
+Die darum Feinde sind, weil die Natur
+Nicht einen Mann aus ihnen beiden formte.
+Und wären sie zu ihrem Vorteil klug,
+So würden sie als Freunde sich verbinden:
+Dann stünden sie für einen Mann und gingen
+Mit Macht und Glück und Lust durchs Leben hin.
+So hofft' ich selbst; nun seh' ich wohl: Umsonst.
+Der Zwist von heute, sei er, wie er sei,
+Ist beizulegen; doch das sichert uns
+Nicht für die Zukunft, für den Morgen nicht.
+Es wär' am besten, dächt' ich, Tasso reiste
+Auf eine Zeit von hier; er könnte ja
+Nach Rom, auch nach Florenz sich wenden; dort
+Träf' ich in wenig Wochen ihn und könnte
+Auf sein Gemüt als eine Freundin wirken.
+Du würdest hier indessen den Antonio,
+Der uns so fremd geworden, dir aufs neue
+Und deinen Freunden näher bringen: So
+Gewährte das, was itzt unmöglich scheint,
+Die gute Zeit vielleicht, die vieles gibt.
+
+Prinzessin.
+Du willst dich in Genuss, o Freundin, setzen,
+Ich soll entbehren; heißt das billig sein?
+
+Leonore.
+Entbehren wirst du nichts, als was du doch
+In diesem Falle nicht genießen könntest.
+
+Prinzessin.
+So ruhig soll ich einen Freund verbannen?
+
+Leonore.
+Erhalten, den du nur zum Schein verbannst.
+
+Prinzessin.
+Mein Bruder wird ihn nicht mit Willen lassen.
+
+Leonore.
+Wenn er es sieht wie wir, so gibt er nach.
+
+Prinzessin.
+Es ist so schwer, im Freunde sich verdammen.
+
+Leonore.
+Und dennoch rettest du den Freund in dir.
+
+Prinzessin.
+Ich gebe nicht mein Ja, dass es geschehe.
+
+Leonore.
+So warte noch ein größres Übel ab.
+
+Prinzessin.
+Du peinigst mich und weißt nicht, ob du nützest.
+
+Leonore.
+Wir werden bald entdecken, wer sich irrt.
+
+Prinzessin.
+Und soll es sein, so frage mich nicht länger.
+
+Leonore.
+Wer sich entschließen kann, besiegt den Schmerz.
+
+Prinzessin.
+Entschlossen bin ich nicht, allein es sei,
+Wenn er sich nicht auf lange Zeit entfernt--
+Und lass uns für ihn sorgen, Leonore,
+Dass er nicht etwa künftig Mangel leide,
+Dass ihm der Herzog seinen Unterhalt
+Auch in der Ferne willig reichen lasse.
+Sprich mit Antonio; denn er vermag
+Bei meinem Bruder viel, und wird den Streit
+Nicht unserm Freund und uns gedenken wollen.
+
+Leonore.
+Ein Wort von dir, Prinzessin, gälte mehr.
+
+Prinzessin.
+Ich kann, du weißt es, meine Freundin, nicht
+Wie's meine Schwester von Urbino kann,
+Für mich und für die Meinen was erbitten.
+Ich lebe gern so stille vor mich hin,
+Und nehme von dem Bruder dankbar an,
+Was er mir immer geben kann und will.
+Ich habe sonst darüber manchen Vorwurf
+Mir selbst gemacht; nun hab' ich überwunden.
+Es schalt mich eine Freundin oft darum:
+Du bist uneigennützig, sagte sie,
+Das ist recht schön; allein so sehr bist du's,
+Dass du auch das Bedürfnis deiner Freunde
+Nicht recht empfinden kannst. Ich lass' es gehn
+Und muss denn eben diesen Vorwurf tragen.
+Um desto mehr erfreut es mich, dass ich
+Nun in der Tat dem Freunde nützen kann;
+Es fällt mir meiner Mutter Erbschaft zu,
+Und gerne will ich für ihn sorgen helfen.
+
+Leonore.
+Und ich, o Fürstin, finde mich im Falle,
+Dass ich als Freundin auch mich zeigen kann.
+Er ist kein guter Wirth; wo es ihm fehlt,
+Werd' ich ihm schon geschickt zu helfen wissen.
+
+Prinzessin.
+So nimm ihn weg, und, soll ich ihn entbehren,
+Vor allen andern sei er dir gegönnt!
+Ich seh' es wohl, so wird es besser sein.
+Muss ich denn wieder diesen Schmerz als gut
+Und heilsam preisen? Das war mein Geschick
+Von Jugend auf; ich bin nun dran gewöhnt.
+Nur halb ist der Verlust des schönsten Glücks,
+Wenn wir auf den Besitz nicht sicher zählten.
+
+Leonore.
+Ich hoffe dich, so schön du es verdienst,
+Glücklich zu sehn!
+
+Prinzessin.
+ Eleonore! Glücklich?
+Wer ist denn glücklich?--Meinen Bruder zwar
+Möcht' ich so nennen; denn sein großes Herz
+Trägt sein Geschick mit immer gleichem Mut;
+Allein, was er verdient, das ward ihm nie.
+Ist meine Schwester von Urbino glücklich?
+Das schöne Weib, das edle große Herz!
+Sie bringt dem jüngern Manne keine Kinder;
+Er achtet sie und lässt sie's nicht entgelten,
+Doch keine Freude wohnt in ihrem Haus.
+Was half denn unsrer Mutter ihre Klugheit?
+Die Kenntnis jeder Art, ihr großer Sinn?
+Konnt' er sie vor dem fremden Irrtum schützen?
+Man nahm uns von ihr weg: Nun ist sie tot.
+Sie ließ uns Kindern nicht den Trost, dass sie
+Mit ihrem Gott versöhnt gestorben sei.
+
+Leonore.
+O blicke nicht nach dem, was jedem fehlt;
+Betrachte, was noch einem jeden bleibt!
+Was bleibt nicht dir, Prinzessin?
+
+Prinzessin.
+ Was mir bleibt?
+Geduld, Eleonore! Üben konnt' ich die
+Von Jugend auf. Wenn Freunde, wenn Geschwister
+Bei Fest und Spiel gesellig sich erfreuten,
+Hielt Krankheit mich auf meinem Zimmer fest,
+Und in Gesellschaft mancher Leiden musst'
+Ich früh entbehren lernen. Eines war,
+Was in der Einsamkeit mich schön ergötzte,
+Die Freude des Gesangs; ich unterhielt
+Mich mit mir selbst, ich wiegte Schmerz und Sehnsucht
+Und jeden Wunsch mit leisen Tönen ein.
+Da wurde Leiden oft Genuss, und selbst
+Das traurige Gefühl zur Harmonie.
+Nicht lang' war mir dies Glück gegönnt, auch dieses
+Nahm mir der Arzt hinweg: Sein streng Gebot
+Hieß mich verstummen; leben sollt' ich, leiden,
+Den einz'gen kleinen Trost sollt' ich entbehren.
+
+Leonore.
+So viele Freunde fanden sich zu dir,
+Und nun bist du gesund, bist lebensfroh.
+
+Prinzessin.
+Ich bin gesund, das heißt: Ich bin nicht krank;
+Und manche Freunde hab' ich, deren Treue
+Mich glücklich macht. Auch hatt' ich einen Freund--
+
+Leonore.
+Du hast ihn noch.
+
+Prinzessin.
+Und werd' ihn bald verlieren.
+Der Augenblick, da ich zuerst ihn sah,
+War viel bedeutend. Kaum erholt' ich mich
+Von manchen Leiden; Schmerz und Krankheit waren
+Kaum erst gewichen; still bescheiden blickt' ich
+Ins Leben wieder, freute mich des Tags
+Und der Geschwister wieder, sog beherzt
+Der süßen Hoffnung reinsten Balsam ein.
+Ich wagt' es vorwärts in das Leben weiter
+Hinein zu sehn, und freundliche Gestalten
+Begegneten mir aus der Ferne. Da,
+Eleonore, stellte mir den Jüngling
+Die Schwester vor; er kam an ihrer Hand,
+Und, dass ich dir's gestehe, da ergriff
+Ihn mein Gemüt und wird ihn ewig halten.
+
+Leonore.
+O meine Fürstin, lass dich's nicht gereuen!
+Das Edle zu erkennen, ist Gewinst,
+Der nimmer uns entrissen werden kann.
+
+Prinzessin.
+Zu fürchten ist das Schöne das Fürtreffliche,
+Wie eine Flamme, die so herrlich nützt,
+Solange sie auf deinem Herde brennt,
+Solang sie dir von einer Fackel leuchtet,
+Wie hold! Wer mag, wer kann sie da entbehren?
+Und frisst sie ungehütet um sich her,
+Wie elend kann sie machen! Lass mich nun.
+Ich bin geschwätzig, und verbärge besser
+Auch selbst vor dir, wie schwach ich bin und krank.
+
+Leonore.
+Die Krankheit des Gemütes löset sich
+In Klagen und Vertraun am leichtsten auf.
+
+Prinzessin.
+Wenn das Vertrauen heilt, so heil' ich bald;
+Ich hab' es rein und hab' es ganz zu dir.
+Ach, meine Freundin! Zwar ich bin entschlossen:
+Er scheide nur! Allein ich fühle schon
+Den langen ausgedehnten Schmerz der Tage, wenn
+Ich nun entbehren soll, was mich erfreute.
+Die Sonne hebt von meinen Augenliedern
+Nicht mehr sein schön verklärtes Traumbild auf,
+Die Hoffnung ihn zu sehen füllt nicht mehr
+Den kaum erwachten Geist mit froher Sehnsucht;
+Mein erster Blick hinab in unsre Gärten
+Sucht ihn vergebens in dem Tau der Schatten.
+Wie schön befriedigt fühlte sich der Wunsch,
+Mit ihm zu sein an jedem heitern Abend!
+Wie mehrte sich im Umgang das Verlangen
+Sich mehr zu kennen, mehr sich zu verstehn!
+Und täglich stimmte das Gemüt sich schöner
+Zu immer reinern Harmonien auf.
+Welch eine Dämmrung fällt nun vor mir ein!
+Der Sonne Pracht, das fröhliche Gefühl
+Des hohen Tags, der tausendfachen Welt
+Glanzreiche Gegenwart, ist öd' und tief
+Im Nebel eingehüllt, der mich umgibt.
+Sonst war mir jeder Tag ein ganzes Leben;
+Die Sorge schwieg, die Ahndung selbst verstummte,
+Und, glücklich eingeschifft, trug uns der Strom
+Auf leichten Wellen ohne Ruder hin:
+Nun überfällt in trüber Gegenwart
+Der Zukunft Schrecken heimlich meine Brust.
+
+Leonore.
+Die Zukunft gibt dir deine Freunde wieder
+Und bringt dir neue Freude, neues Glück.
+
+Prinzessin.
+Was ich besitze, mag ich gern bewahren:
+Der Wechsel unterhält, doch nutzt er kaum.
+Mit jugendlicher Sehnsucht griff ich nie
+Begierig in den Lostopf fremder Welt,
+Für mein bedürfend unerfahren Herz
+Zufällig einen Gegenstand zu haschen.
+Ihn musst' ich ehren, darum liebt' ich ihn;
+Ich musst' ihn lieben, weil mit ihm mein Leben
+Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt.
+Erst sagt' ich mir: Entferne dich von ihm!
+Ich wich und wich und kam nur immer näher,
+So lieblich angelockt, so hart bestraft!
+Ein reines, wahres Gut verschwindet mir,
+Und meiner Sehnsucht schiebt ein böser Geist
+Statt Freud' und Glück verwandte Schmerzen unter.
+
+Leonore.
+Wenn einer Freundin Wort nicht trösten kann,
+So wird die stille Kraft der schönen Welt,
+Der guten Zeit dich unvermerkt erquicken.
+
+Prinzessin.
+Wohl ist sie schön die Welt! In ihrer Weite
+Bewegt sich so viel Gutes hin und her.
+Ach, dass es immer nur um einen Schritt
+Von uns sich zu entfernen scheint
+Und unsre bange Sehnsucht durch das Leben
+Auch Schritt vor Schritt bis nach dem Grabe lockt!
+So selten ist es, dass die Menschen finden,
+Was ihnen doch bestimmt gewesen schien,
+So selten, dass sie das erhalten, was
+Auch einmal die beglückte Hand ergriff!
+Es reißt sich los, was erst sich uns ergab,
+Wir lassen los, was wir begierig fassten.
+Es gibt ein Glück, allein wir kennen's nicht:
+Wir kennen's wohl und wissen's nicht zu schätzen.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Leonore (allein).
+
+Wie jammert mich das edle, schöne Herz!
+Welch traurig Los, das ihrer Hoheit fällt!
+Ach sie verliert--und denkst du, zu gewinnen?
+Ist's denn so nötig, dass er sich entfernt?
+Machst du es nötig, um allein für dich
+Das Herz und die Talente zu besitzen,
+Die du bisher mit einer andern teilst
+Und ungleich teilst? Ist's redlich, so zu handeln?
+Bist du nicht reich genug? Was fehlt dir noch?
+Gemahl und Sohn und Güter, Rang und Schönheit,
+Das hast du alles, und du willst noch ihn
+Zu diesem allen haben? Liebst du ihn?
+Was ist es sonst, warum du ihn nicht mehr
+Entbehren magst? Du darfst es dir gestehn.--
+Wie reizend ist's, in seinem schönen Geiste
+Sich selber zu bespiegeln! Wird ein Glück
+Nicht doppelt groß und herrlich, wenn sein Lied
+Uns wie auf Himmelswolken trägt und hebt?
+Dann bist du erst beneidenswert! Du bist,
+Du hast das nicht allein, was viele wünschen;
+Es weiß, es kennt auch jeder, was du hast!
+Dich nennt dein Vaterland und sieht auf dich,
+Das ist der höchste Gipfel jedes Glücks.
+Ist Laura denn allein der Name, der
+Von allen zarten Lippen klingen soll?
+Und hatte nur Petrarch allein das Recht,
+Die unbekannte Schöne zu vergöttern?
+Wo ist ein Mann, der meinem Freunde sich
+Vergleichen darf? Wie ihn die Welt verehrt,
+So wird die Nachwelt ihn verehrend nennen.
+Wie herrlich ist's, im Glanze dieses Lebens
+Ihn an der Seite haben! So mit ihm
+Der Zukunft sich mit leichtem Schritte nahn!
+Alsdann vermag die Zeit, das Alter nichts
+Auf dich und nichts der freche Ruf,
+Der hin und her des Beifalls Woge treibt:
+Das, was vergänglich ist, bewahrt sein Lied.
+Du bist noch schön, noch glücklich, wenn schon lange
+Der Kreis der Dinge dich mit fortgerissen.
+Du musst ihn haben, und ihr nimmst du nichts:
+Denn ihre Neigung zu dem werten Manne
+Ist ihren andern Leidenschaften gleich.
+Sie leuchten, wie der stille Schein des Monds
+Dem Wandrer spärlich auf dem Pfad zu Nacht,
+Sie wärmen nicht, und gießen keine Lust
+Noch Lebensfreud' umher. Sie wird sich freuen,
+Wenn sie ihn fern, wenn sie ihn glücklich weiß,
+Wie sie genoss, wenn sie ihn täglich sah.
+Und dann, ich will mit meinem Freunde nicht
+Von ihr und diesem Hofe mich verbannen:
+Ich komme wieder, und ich bring' ihn wieder.
+So soll es sein!--Hier kommt der raue Freund:
+Wir wollen sehn, ob wir ihn zähmen können.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Leonore. Antonio.
+
+Leonore.
+Du bringst uns Krieg statt Frieden: Scheint es doch,
+Du kommst aus einem Lager, einer Schlacht,
+Wo die Gewalt regiert, die Faust entscheidet,
+Und nicht von Rom, wo feierliche Klugheit
+Die Hände segnend hebt und eine Welt
+Zu ihren Füßen sieht, die gern gehorcht.
+
+Antonio.
+Ich muss den Tadel, schöne Freundin, dulden,
+Doch die Entschuld'gung liegt nicht weit davon.
+Es ist gefährlich, wenn man allzu lang
+Sich klug und mäßig zeigen muss. Es lauert
+Der böse Genius dir an der Seite
+Und will gewaltsam auch von Zeit zu Zeit
+Ein Opfer haben. Leider hab' ich's diesmal
+Auf meiner Freunde Kosten ihm gebracht.
+
+Leonore.
+Du hast um fremde Menschen dich so lang
+Bemüht und dich nach ihrem Sinn gerichtet:
+Nun, da du deine Freunde wieder siehst,
+Verkennst du sie, und rechtest wie mit Fremden.
+
+Antonio.
+Da liegt, geliebte Freundin, die Gefahr!
+Mit fremden Menschen nimmt man sich zusammen,
+Da merkt man auf, da sucht man seinen Zweck
+In ihrer Gunst, damit sie nutzen sollen;
+Allein bei Freunden lässt man frei sich gehen:
+Man ruht in ihrer Liebe, man erlaubt
+Sich eine Laune, ungezähmter wirkt
+Die Leidenschaft, und so verletzen wir
+Am ersten die, die wir am zärt'sten lieben.
+
+Leonore.
+In dieser ruhigen Betrachtung find' ich dich
+Schon ganz, mein teurer Freund, mit Freuden wieder.
+
+Antonio.
+Ja, mich verdrießt--und ich bekenn' es gern--
+Dass ich mich heut so ohne Maß verlor.
+Allein gestehe, wenn ein wackrer Mann
+Mit heißer Stirn von saurer Arbeit kommt
+Und spät am Abend in ersehnten Schatten
+Zu neuer Mühe auszuruhen denkt
+Und findet dann von einem Müßiggänger
+Den Schatten breit besessen, soll er nicht
+Auch etwas Menschlichs in dem Busen fühlen?
+
+Leonore.
+Wenn er recht menschlich ist, so wird er auch
+Den Schatten gern mit einem Manne teilen,
+Der ihm die Ruhe süß, die Arbeit leicht
+Durch ein Gespräch, durch holde Töne macht.
+Der Baum ist breit, mein Freund, der Schatten gibt,
+Und keiner braucht den andern zu verdrängen.
+
+Antonio.
+Wir wollen uns, Eleonore, nicht
+Mit einem Gleichnis hin und wider spielen.
+Gar viele Dinge sind in dieser Welt,
+Die man dem andern gönnt und gerne teilt;
+Jedoch es ist ein Schatz, den man allein
+Dem Hochverdienten gerne gönnen mag,
+Ein andrer, den man mit dem Höchstverdienten
+Mit gutem Willen niemals teilen wird--
+Und fragst du mich nach diesen beiden Schätzen:
+Der Lorbeer ist es und die Gunst der Frauen.
+
+Leonore.
+Hat jener Kranz um unsers Jünglings Haupt
+Den ernsten Mann beleidigt? Hättest du
+Für seine Mühe, seine schöne Dichtung
+Bescheidnern Lohn doch selbst nicht finden können.
+Denn ein Verdienst, das außerirdisch ist,
+Das in den Lüften schwebt, in Tönen nur,
+In leichten Bildern unsern Geist umgaukelt,--
+Es wird denn auch mit einem schönen Bilde,
+Mit einem holden Zeichen nur belohnt;
+Und wenn er selbst die Erde kaum berührt,
+Berührt der höchste Lohn ihm kaum das Haupt.
+Ein unfruchtbarer Zweig ist das Geschenk,
+Das der Verehrer unfruchtbare Neigung
+Ihm gerne bringt, damit sie einer Schuld
+Aufs leichtste sich entlade. Du missgönnst
+Dem Bild des Märtyrers den goldnen Schein
+Ums kahle Haupt wohl schwerlich; und gewiss,
+Der Lorbeerkranz ist, wo er dir erscheint,
+Ein Zeichen mehr des Leidens als des Glücks.
+
+Antonio.
+Will etwa mich dein liebenswürd'ger Mund
+Die Eitelkeit der Welt verachten lehren?
+
+Leonore.
+Ein jedes Gut nach seinem Wert zu schätzen,
+Brauch' ich dich nicht zu lehren. Aber doch,
+Es scheint, von Zeit zu Zeit bedarf der Weise
+So sehr wie andre, dass man ihm die Güter,
+Die er besitzt, im rechten Lichte zeige.
+Du, edler Mann, du wirst an ein Phantom
+Von Gunst und Ehre keinen Anspruch machen.
+Der Dienst, mit dem du deinem Fürsten dich,
+Mit dem du deine Freunde dir verbindest,
+Ist wirkend, ist lebendig, und so muss
+Der Lohn auch wirklich und lebendig sein.
+Dein Lorbeer ist das fürstliche Vertraun,
+Das auf den Schultern dir, als liebe Last,
+Gehäuft und leicht getragen ruht; es ist
+Dein Ruhm das allgemeine Zutraun.
+
+Antonio.
+Und von der Gunst der Frauen sagst du nichts:
+Die willst du mir doch nicht entbehrlich schildern?
+
+Leonore.
+Wie man es nimmt. Denn du entbehrst sie nicht,
+Und leichter wäre sie dir zu entbehren,
+Als sie es jenem guten Mann nicht ist.
+Denn sag': Geläng' es einer Frau, wenn sie
+Nach ihrer Art für dich zu sorgen dächte,
+Mit dir sich zu beschäft'gen unternähme?
+Bei dir ist alles Ordnung, Sicherheit;
+Du sorgst für dich, wie du für andre sorgst,
+Du hast, was man dir geben möchte. Jener
+Beschäftigt uns in unserm eignen Fache:
+Ihm fehlt's an tausend Kleinigkeiten, die
+Zu schaffen eine Frau sich gern bemüht.
+Das schönste Leinenzeug, ein seiden Kleid
+Mit etwas Stickerei, das trägt er gern.
+Er sieht sich gern geputzt, vielmehr, er kann
+Unedlen Stoff, der nur den Knecht bezeichnet,
+An seinem Leib nicht dulden, alles soll
+Ihm fein und gut und schön und edel stehn.
+Und dennoch hat er kein Geschick, das alles
+Sich anzuschaffen, wenn er es besitzt,
+Sich zu erhalten: Immer fehlt es ihm
+An Geld, an Sorgsamkeit. Bald lässt er da
+Ein Stück, bald eines dort. Er kehret nie
+Von einer Reise wieder, dass ihm nicht
+Ein Drittteil seiner Sachen fehle. Bald
+Bestiehlt ihn der Bediente. So, Antonio,
+Hat man für ihn das ganze Jahr zu sorgen.
+
+Antonio.
+Und diese Sorge macht ihn lieb und lieber.
+Glücksel'ger Jüngling, dem man seine Mängel
+Zur Tugend rechnet, dem so schön vergönnt ist,
+Den Knaben noch als Mann zu spielen, der
+Sich seiner holden Schwäche rühmen darf!
+Du müsstest mir verzeihen, schöne Freundin,
+Wenn ich auch hier ein wenig bitter würde.
+Du sagst nicht alles, sagst nicht was er wagt,
+Und dass er klüger ist, als wie man denkt.
+Er rühmt sich zweier Flammen! Knüpft und löst
+Die Knoten hin und wieder und gewinnt
+Mit solchen Künsten solche Herzen! Ist's
+Zu glauben?
+
+Leonore.
+ Gut! Selbst das beweist ja schon,
+Dass es nur Freundschaft ist, was uns belebt;
+Und wenn wir denn auch Lieb' um Liebe tauschten,
+Belohnten wir das schöne Herz nicht billig,
+Das ganz sich selbst vergisst und hingegeben
+Im holden Traum für seine Freunde lebt?
+
+Antonio.
+Verwöhnt ihn nur und immer mehr und mehr,
+Lasst seine Selbstigkeit für Liebe gelten,
+Beleidigt alle Freunde, die sich euch
+Mit treuer Seele widmen, gebt dem Stolzen
+Freiwilligen Tribut, zerstöret ganz
+Den schönen Kreis geselligen Vertrauns!
+
+Leonore.
+Wir sind nicht so parteiisch wie du glaubst,
+Ermahnen unsern Freund in manchen Fällen;
+Wir wünschen ihn zu bilden, dass er mehr
+Sich selbst genieße, mehr sich zu genießen
+Den andern geben könne. Was an ihm
+Zu tadeln ist, das bleibt uns nicht verborgen.
+
+Antonio.
+Doch lobt ihr vieles, was zu tadeln wäre.
+Ich kenn' ihn lang, er ist so leicht zu kennen,
+Und ist zu stolz sich zu verbergen. Bald
+Versinkt er in sich selbst, als wäre ganz
+Die Welt in seinem Busen, er sich ganz
+In seiner Welt genug, und alles rings
+Umher verschwindet ihm. Er lässt es gehn,
+Lässt's fallen, stößt's hinweg und ruht in sich--
+Auf einmal, wie ein unbemerkter Funke
+Die Mine zündet, sei es Freude, Leid,
+Zorn oder Grille, heftig bricht er aus:
+Dann will er alles fassen, alles halten;
+Dann soll geschehn, was er sich denken mag;
+In einem Augenblicke soll entstehn,
+Was jahrelang bereitet werden sollte,
+In einem Augenblick gehoben sein,
+Was Mühe kaum in Jahren lösen könnte.
+Er fordert das Unmögliche von sich,
+Damit er es von andern fordern dürfe.
+Die letzten Enden aller Dinge will
+Sein Geist zusammenfassen; das gelingt
+Kaum einem unter Millionen Menschen,
+Und er ist nicht der Mann: Er fällt zuletzt,
+Um nichts gebessert, in sich selbst zurück.
+
+Leonore.
+Er schadet andern nicht, er schadet sich.
+
+Antonio.
+Und doch verletzt er andre nur zu sehr.
+Kannst du es leugnen, dass im Augenblick
+Der Leidenschaft, die ihn behend ergreift,
+Er auf den Fürsten, auf die Fürstin selbst,
+Auf wen es sei, zu schmähn, zu lästern wagt?
+Zwar augenblicklich nur; allein genug,
+Der Augenblick kommt wieder: Er beherrscht
+So wenig seinen Mund als seine Brust.
+
+Leonore.
+Ich sollte denken, wenn er sich von hier
+Auf eine kurze Zeit entfernte, sollt'
+Es wohl für ihn und andre nützlich sein.
+
+Antonio.
+Vielleicht, vielleicht auch nicht. Doch eben jetzt
+Ist nicht daran zu denken; denn ich will
+Den Fehler nicht auf meine Schultern laden;
+Es könnte scheinen, dass ich ihn vertreibe,
+Und ich vertreib' ihn nicht. Um meinetwillen
+Kann er an unserm Hofe ruhig bleiben;
+Und wenn er sich mit mir versöhnen will,
+Und wenn er meinen Rat befolgen kann,
+So werden wir ganz leidlich leben können.
+
+Leonore.
+Nun hoffst du selbst, auf ein Gemüt zu wirken,
+Das dir vor kurzem noch verloren schien.
+
+Antonio.
+Wir hoffen immer, und in allen Dingen
+Ist besser hoffen als verzweifeln. Denn
+Wer kann das mögliche berechnen? Er
+Ist unserm Fürsten wert. Er muss uns bleiben.
+Und bilden wir dann auch umsonst an ihm,
+So ist er nicht der einz'ge, den wir dulden.
+
+Leonore.
+So ohne Leidenschaft, so unparteiisch
+Glaubt' ich dich nicht. Du hast dich schnell bekehrt.
+
+Antonio.
+Das Alter muss doch Einen Vorzug haben,
+Dass, wenn es auch dem Irrtum nicht entgeht,
+Es doch sich auf der Stelle fassen kann.
+Du warst, mich deinem Freunde zu versöhnen,
+Zuerst bemüht. Nun bitt' ich es von dir.
+Tu' was du kannst, dass dieser Mann sich finde,
+Und alles wieder bald im Gleichen sei.
+Ich gehe selbst zu ihm, so bald ich nur
+Von dir erfahre, dass er ruhig ist,
+Sobald du glaubst, dass meine Gegenwart
+Das Übel nicht vermehrt. Doch, was du tust,
+Das tu' in dieser Stunde; denn es geht
+Alphons heut' Abend noch zurück, und ich
+Werd' ihn begleiten. Leb' indessen wohl.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Leonore (allein).
+
+Für diesmal, lieber Freund, sind wir nicht eins:
+Mein Vorteil und der deine gehen heut
+Nicht Hand in Hand. Ich nütze diese Zeit
+Und suche Tasso zu gewinnen. Schnell!
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+(Zimmer.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Tasso (allein).
+Bist du aus einem Traum erwacht, und hat
+Der schöne Trug auf einmal dich verlassen?
+Hat dich nach einem Tag der höchsten Lust
+Ein Schlaf gebändigt, hält und ängstet nun
+Mit schweren Fesseln deine Seele? Ja,
+Du wachst und träumst. Wo sind die Stunden hin,
+Die um dein Haupt mit Blumenkränzen spielten?
+Die Tage, wo dein Geist mit freier Sehnsucht
+Des Himmels ausgespanntes Blau durchdrang?
+Und dennoch lebst du noch, und fühlst dich an,
+Du fühlst dich an, und weißt nicht, ob du lebst.
+Ist's meine Schuld, ist's eines andern Schuld,
+Dass ich mich nun als schuldig hier befinde?
+Hab' ich verbrochen, dass ich leiden soll?
+Ist nicht mein ganzer Fehler ein Verdienst?
+Ich sah ihn an, und ward vom guten Willen,
+Vom Hoffnungswahn des Herzens übereilt:
+Der sei ein Mensch, der menschlich Ansehn trägt.
+Ich ging mit offnen Armen auf ihn los
+Und fühlte Schloss und Riegel, keine Brust.
+O hatt' ich doch so klug mir ausgedacht,
+Wie ich den Mann empfangen wollte, der
+Von alten Zeiten mir verdächtig war!
+Allein was immer dir begegnet sei,
+So halte dich an der Gewissheit fest:
+Ich habe sie gesehn! Sie stand vor mir!
+Sie sprach zu mir, ich habe sie vernommen!
+Der Blick, der Ton, der Worte holder Sinn,
+Sie sind auf ewig mein, es raubt sie nicht
+Die Zeit, das Schicksal, noch das wilde Glück!
+Und hob mein Geist sich da zu schnell empor
+Und ließ ich allzu rasch in meinem Busen
+Der Flamme Luft, die mich nun selbst verzehrt,
+So kann mich's nicht gereun, und wäre selbst
+Auf ewig das Geschick des Lebens hin.
+Ich widmete mich ihr und folgte froh
+Dem Winke, der mich ins Verderben rief.
+Es sei! So hab' ich mich doch wert gezeigt
+Des köstlichen Vertrauns, das mich erquickt,
+In dieser Stunde selbst erquickt, die mir
+Die schwarze Pforte langer Trauerzeit
+Gewaltsam öffnet.--Ja, nun ist's getan!
+Es geht die Sonne mir der schönsten Gunst
+Auf einmal unter; seinen holden Blick
+Entziehet mir der Fürst, und lässt mich hier
+Auf düstrem, schmalen Pfad verloren stehn.
+Das hässliche zweideutige Geflügel,
+Das leidige Gefolg' der alten Nacht,
+Es schwärmt hervor und schwirrt mir um das Haupt.
+Wohin, wohin beweg' ich meinen Schritt,
+Dem Ekel zu entfliehn, der mich umsaust,
+Dem Abgrund zu entgehn, der vor mir liegt?
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Leonore. Tasso.
+
+Leonore.
+Was ist begegnet? Lieber Tasso, hat
+Dein Eifer dich, dein Argwohn so getrieben?
+Wie ist's geschehn? Wir alle stehn bestürzt.
+Und deine Sanftmut, dein gefällig Wesen,
+Dein schneller Blick, dein richtiger Verstand,
+Mit dem du jedem gibst was ihm gehört,
+Dein Gleichmut, der erträgt, was zu ertragen
+Der Edle bald, der Eitle selten lernt,
+Die kluge Herrschaft über Zung' und Lippe--
+Mein teurer Freund, fast ganz verkenn' ich dich.
+
+Tasso.
+Und wenn das alles nun verloren wäre?
+Wenn einen Freund, den du einst reich geglaubt,
+Auf einmal du als einen Bettler fändest?
+Wohl hast du Recht, ich bin nicht mehr ich selbst,
+Und bin's doch noch so gut, als wie ich's war.
+Es scheint ein Rätsel, und doch ist es keins.
+Der stille Mond, der dich bei Nacht erfreut,
+Dein Auge, dein Gemüt mit seinem Schein
+Unwiderstehlich lockt, er schwebt am Tage
+Ein unbedeutend blasses Wölkchen hin.
+Ich bin vom Glanz des Tages überschienen,
+Ihr kennet mich, ich kenne mich nicht mehr.
+
+Leonore.
+Was du mir sagst, mein Freund, versteh' ich nicht,
+Wie du es sagst. Erkläre dich mit mir.
+Hat die Beleidigung des schroffen Manns
+Dich so gekränkt, dass du dich selbst und uns
+So ganz verkennen magst? Vertraue mir.
+
+Tasso.
+Ich bin nicht der Beleidigte, du siehst
+Mich ja bestraft, weil ich beleidigt habe.
+Die Knoten vieler Worte löst das Schwert
+Gar leicht und schnell, allein ich bin gefangen.
+Du weißt wohl kaum--erschrick nicht, zarte Freundin--
+Du triffst den Freund in einem Kerker an.
+Mich züchtiget der Fürst wie einen Schüler.
+Ich will mit ihm nicht rechten, kann es nicht.
+
+Leonore.
+Du scheinest mehr, als billig ist, bewegt.
+
+Tasso.
+Hältst du mich für so schwach, für so ein Kind,
+Dass solch ein Fall mich gleich zerrütten könne?
+Das was geschehn ist, kränkt mich nicht so tief,
+Allein das kränkt mich, was es mir bedeutet.
+Lass meine Neider meine Feinde nur
+Gewähren! Frei und offen ist das Feld.
+
+Leonore.
+Du hast gar manchen fälschlich in Verdacht,--
+Ich habe selbst mich überzeugen können--
+Und auch Antonio feindet dich nicht an,
+Wie du es wähnst. Der heutige Verdruss--
+
+Tasso.
+Den lass' ich ganz bei Seite, nehme nur
+Antonio, wie er war, und wie er bleibt.
+Verdrießlich fiel mir stets die steife Klugheit,
+Und dass er immer nur den Meister spielt.
+Anstatt zu forschen, ob des Hörers Geist
+Nicht schon für sich auf guten Spuren wandle,
+Belehrt er dich von manchem, das du besser
+Und tiefer fühltest, und vernimmt kein Wort,
+Das du ihm sagst, und wird dich stets verkennen.
+Verkannt zu sein, verkannt von einem Stolzen,
+Der lächelnd dich zu übersehen glaubt!
+Ich bin so alt noch nicht und nicht so klug,
+Dass ich nur duldend gegenlächeln sollte.
+Früh oder spät, es konnte sich nicht halten,
+Wir mussten brechen; später wär' es nur
+Um desto schlimmer worden. Einen Herrn
+Erkenn' ich nur, den Herrn der mich ernährt,
+Dem folg' ich gern, sonst will ich keinen Meister.
+Frei will ich sein im Denken und im Dichten:
+Im Handeln schränkt die Welt genug uns ein.
+
+Leonore.
+Er spricht mit Achtung oft genug von dir.
+
+Tasso.
+Mit Schonung willst du sagen, fein und klug.
+Und das verdrießt mich eben; denn er weiß
+So glatt und so bedingt zu sprechen, dass
+Sein Lob erst recht zum Tadel wird, und dass
+Nichts mehr, nichts tiefer dich verletzt als Lob
+Aus seinem Munde.
+
+Leonore.
+ Möchtest du, mein Freund,
+Vernommen haben, wie er sonst von dir
+Und dem Talente sprach, das dir vor vielen
+Die gütige Natur verlieh. Er fühlt gewiss
+Das, was du bist und hast, und schätzt es auch.
+
+Tasso.
+O glaube mir, ein selbstisches Gemüt
+Kann nicht der Qual des engen Neids entfliehen.
+Ein solcher Mann verzeiht dem andern wohl
+Vermögen, Stand und Ehre; denn er denkt:
+Das hast du selbst, das hast du, wenn du willst,
+Wenn du beharrst, wenn dich das Glück begünstigt.
+Doch das, was die Natur allein verleiht,
+Was jeglicher Bemühung, jedem Streben
+Stets unerreichbar bleibt, was weder Gold,
+Noch Schwert, noch Klugheit, noch Beharrlichkeit
+Erzwingen kann, das wird er nie verzeihn.
+Er gönnt es mir? Er, der mit steifem Sinn
+Die Gunst der Musen zu ertrotzen glaubt?
+Der, wenn er die Gedanken mancher Dichter
+Zusammenreiht, sich selbst ein Dichter scheint?
+Weit eher gönnt er mir des Fürsten Gunst,
+Die er doch gern auf sich beschränken möchte,
+Als das Talent, das jene Himmlischen
+Dem armen, dem verwaisten Jüngling gaben.
+
+Leonore.
+O sähest du so klar, wie ich es sehe!
+Du irrst dich über ihn: So ist er nicht.
+
+Tasso.
+Und irr' ich mich an ihm, so irr' ich gern!
+Ich denk' ihn mir als meinen ärgsten Feind
+Und wär' untröstlich, wenn ich mir ihn nun
+Gelinder denken müsste. Töricht ist's,
+In allen Stücken billig sein; es heißt
+Sein eigen Selbst zerstören. Sind die Menschen
+Denn gegen uns so billig? Nein, o nein!
+Der Mensch bedarf in seinem engen Wesen
+Der doppelten Empfindung, Lieb' und Hass.
+Bedarf er nicht der Nacht als wie des Tags?
+Des Schlafens wie des Wachens? Nein, ich muss
+Von nun an diesen Mann als Gegenstand
+Von meinem tiefsten Hass behalten; nichts
+Kann mir die Lust entreißen, schlimm und schlimmer
+Von ihm zu denken.
+
+Leonore.
+ Willst du, teurer Freund,
+Von deinem Sinn nicht lassen, seh' ich kaum,
+Wie du am Hofe länger bleiben willst.
+Du weißt, wie viel er gilt und gelten muss.
+
+Tasso.
+Wie sehr ich längst, o schöne Freundinn, hier
+Schon überflüssig bin, das weiß ich wohl.
+
+Leonore.
+Das bist du nicht, das kannst du nimmer werden!
+Du weißt vielmehr, wie gern der Fürst mit dir,
+Wie gern die Fürstin mit dir lebt; und kommt
+Die Schwester von Urbino, kommt sie fast
+So sehr um deint- als der Geschwister willen.
+Sie denken alle gut und gleich von dir,
+Und jegliches vertraut dir unbedingt.
+
+Tasso.
+O Leonore, welch Vertraun ist das?
+Hat er von seinem Staate je ein Wort,
+Ein ernstes Wort mit mir gesprochen? Kam
+Ein eigner Fall, worüber er sogar
+In meiner Gegenwart mit seiner Schwester,
+Mit andern sich beriet, mich fragt' er nie.
+Da hieß es immer nur: Antonio kommt!
+Man muss Antonio schreiben! Fragt Antonio!
+
+Leonore.
+Du klagst, anstatt zu danken. Wenn er dich
+In unbedingter Freiheit lassen mag,
+So ehrt er dich, wie er dich ehren kann.
+
+Tasso.
+Er lässt mich ruhn, weil er mich unnütz glaubt.
+
+Leonore.
+Du bist nicht unnütz, eben weil du ruhst.
+So lange hegst du schon Verdruss und Sorge,
+Wie ein geliebtes Kind an deiner Brust.
+Ich hab' es oft bedacht, und mag's bedenken
+Wie ich es will: Auf diesem schönen Boden,
+Wohin das Glück dich zu verpflanzen schien,
+Gedeihst du nicht. O Tasso!--Rat' ich dir's?
+Sprech' ich es aus?--Du solltest dich entfernen!
+
+Tasso.
+Verschone nicht den Kranken, lieber Arzt!
+Reich' ihm das Mittel, denke nicht daran,
+Ob's bitter sei.--Ob er genesen könne,
+Das überlege wohl, o kluge, gute Freundin!
+Ich seh' es alles selbst, es ist vorbei!
+Ich kann ihm wohl verzeihen, er nicht mir;
+Und sein bedarf man, leider meiner nicht.
+Und er ist klug, und leider bin ich's nicht.
+Er wirkt zu meinem Schaden, und ich kann,
+Ich mag nicht gegen wirken. Meine Freunde,
+Sie lassen's gehn, sie sehen's anders an.
+Sie widerstreben kaum und sollten kämpfen.
+Du glaubst, ich soll hinweg; ich glaub' es selbst--
+So lebt denn wohl! Ich werd' auch das ertragen.
+Ihr seid von mir geschieden--werd' auch mir,
+Von euch zu scheiden, Kraft und Mut verliehn!
+
+Leonore.
+Auch in der Ferne zeigt sich alles reiner,
+Was in der Gegenwart uns nur verwirrt.
+Vielleicht wirst du erkennen, welche Liebe
+Dich überall umgab, und welchen Wert
+Die Treue wahrer Freunde hat, und wie
+Die weite Welt die Nächsten nicht ersetzt.
+
+Tasso.
+Das werden wir erfahren! Kenn' ich doch
+Die Welt von Jugend auf, wie sie so leicht
+Uns hilflos, einsam lässt, und ihren Weg
+Wie Sonn' und Mond und andre Götter geht.
+
+Leonore.
+Vernimmst du mich, mein Freund, so sollst du nie
+Die traurige Erfahrung wiederholen.
+Soll ich dir raten, so begibst du dich
+Erst nach Florenz, und eine Freundin wird
+Gar freundlich für dich sorgen. Sei getrost,
+Ich bin es selbst. Ich reise, den Gemahl
+Die nächsten Tage dort zu finden, kann
+Nichts freudiger für ihn und mich bereiten,
+Als wenn ich dich in unsre Mitte bringe.
+Ich sage dir kein Wort, du weißt es selbst,
+Welch einem Fürsten du dich nahen wirst,
+Und welche Männer diese schöne Stadt
+In ihrem Busen hegt, und welche Frauen.--
+Du schweigst? Bedenk' es wohl! Entschließe dich.
+
+Tasso.
+Gar reizend ist, was du mir sagst, so ganz
+Dem Wunsch gemäß, den ich im stillen nähre;
+Allein es ist zu neu: Ich bitte dich,
+Lass mich bedenken! Ich beschließe bald.
+
+Leonore.
+Ich gehe mit der schönsten Hoffnung weg
+Für dich und uns und auch für dieses Haus.
+Bedenke nur, und wenn du recht bedenkst,
+So wirst du schwerlich etwas Bessers denken.
+
+Tasso.
+Noch eins, geliebte Freundin! Sage mir,
+Wie ist die Fürstin gegen mich gesinnt?
+War sie erzürnt auf mich? Was sagte sie?--
+Sie hat mich sehr getadelt? Rede frei.
+
+Leonore.
+Da sie dich kennt, hat sie dich leicht entschuldigt.
+
+Tasso.
+Hab' ich bei ihr verloren? Schmeichle nicht.
+
+Leonore.
+Der Frauen Gunst wird nicht so leicht verscherzt.
+
+Tasso.
+Wird sie mich gern entlassen, wenn ich gehe?
+
+Leonore.
+Wenn es zu deinem Wohl gereicht, gewiss.
+
+Tasso.
+Werd' ich des Fürsten Gnade nicht verlieren?
+
+Leonore.
+In seiner Großmut kannst du sicher ruhn.
+
+Tasso.
+Und lassen wir die Fürstin ganz allein?
+Du gehst hinweg; und wenn ich wenig bin,
+So weiß ich doch, dass ich ihr etwas war.
+
+Leonore.
+Gar freundliche Gesellschaft leistet uns
+Ein ferner Freund, wenn wir ihn glücklich wissen.
+Und es gelingt: Ich sehe dich beglückt,
+Du wirst von hier nicht unzufrieden gehn.
+Der Fürst befahl's: Antonio sucht dich auf.
+Er tadelt selbst an sich die Bitterkeit,
+Womit er dich verletzt. Ich bitte dich,
+Nimm ihn gelassen auf, so wie er kommt.
+
+Tasso.
+Ich darf in jedem Sinne vor ihm stehn.
+
+Leonore.
+Und schenke mir der Himmel, lieber Freund,
+Noch eh' du scheidest, dir das Aug' zu öffnen:
+Dass niemand dich im ganzen Vaterlande
+Verfolgt und hasst, und heimlich druckt und neckt!
+Du irrst gewiss, und wie du sonst zur Freude
+Von andern dichtest, leider dichtest du
+In diesem Fall ein seltenes Gewebe,
+Dich selbst zu kränken. Alles will ich tun,
+Um es entzwei zu reißen, dass du frei
+Den schönen Weg des Lebens wandeln mögest.
+Leb' wohl! Ich hoffe bald ein glücklich Wort.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Tasso (allein).
+
+ Ich soll erkennen, dass mich niemand hasst,
+Dass niemand mich verfolgt, dass alle List
+Und alles heimliche Gewebe sich
+Allein in meinem Kopfe spinnt und webt!
+Bekennen soll ich, dass ich Unrecht habe,
+Und manchem unrecht tue, der es nicht
+Um mich verdient! Und das in einer Stunde,
+Da vor dem Angesicht der Sonne klar
+Mein volles Recht, wie ihre Tücke, liegt!
+Ich soll es tief empfinden, wie der Fürst
+Mit offner Brust mir seine Gunst gewährt,
+Mit reichem Maß die Gaben mir erteilt,
+Im Augenblicke, da er, schwach genug,
+Von meinen Feinden sich das Auge trüben
+Und seine Hand gewiss auch fesseln lässt!
+
+ Dass er betrogen ist, kann er nicht sehen;
+Dass sie Betrüger sind, kann ich nicht zeigen;
+Und nur damit er ruhig sich betrüge,
+Dass sie gemächlich ihn betrügen können,
+Soll ich mich stille halten, weichen gar!
+
+ Und wer gibt mir den Rat? Wer dringt so klug
+Mit treuer, lieber Meinung auf mich ein?
+Lenore selbst, Lenore Sanvitale,
+Die zarte Freundin! Ha, dich kenn' ich nun!
+O warum traut' ich ihrer Lippe je!
+Sie war nicht redlich, wenn sie noch so sehr
+Mir ihre Gunst, mir ihre Zärtlichkeit
+Mit süßen Worten zeigte! Nein, sie war
+Und bleibt ein listig Herz, sie wendet sich
+Mit leisen klugen Tritten nach der Gunst.
+
+ Wie oft hab' ich mich willig selbst betrogen,
+Auch über sie! Und doch im Grunde hat
+Mich nur--die Eitelkeit betrogen. Wohl!
+Ich kannte sie, und schmeichelte mir selbst.
+So ist sie gegen andre, sagt' ich mir,
+Doch gegen dich ist's offne treue Meinung.
+Nun seh' ich's wohl, und seh' es nur zu spät:
+Ich war begünstigt, und sie schmiegte sich
+So zart--an den Beglückten. Nun ich falle,
+Sie wendet mir den Rücken wie das Glück.
+
+ Nun kommt sie als ein Werkzeug meines Feindes,
+Sie schleicht heran und zischt mit glatter Zunge,
+Die kleine Schlange, zauberische Töne.
+Wie lieblich schien sie! Lieblicher als je!
+Wie wohl tat von der Lippe jedes Wort!
+Doch konnte mir die Schmeichelei nicht lang
+Den falschen Sinn verbergen: An der Stirne
+Schien ihr das Gegenteil zu klar geschrieben
+Von allem, was sie sprach. Ich fühl' es leicht,
+Wenn man den Weg zu meinem Herzen sucht
+Und es nicht herzlich meint. Ich soll hinweg?
+Soll nach Florenz, sobald ich immer kann?
+
+ Und warum nach Florenz? Ich seh' es wohl.
+Dort herrscht der Mediceer neues Haus,
+Zwar nicht in offner Feindschaft mit Ferrara,
+Doch hält der stille Neid mit kalter Hand
+Die edelsten Gemüter aus einander.
+Empfang' ich dort von jenen edlen Fürsten
+Erhabne Zeichen ihrer Gunst, wie ich
+Gewiss erwarten dürfte, würde bald
+Der Höfling meine Treu' und Dankbarkeit
+Verdächtig machen. Leicht geläng' es ihm.
+
+ Ja, ich will weg, allein nicht, wie ihr wollt;
+Ich will hinweg, und weiter als ihr denkt.
+
+ Was soll ich hier? Wer hält mich hier zurück?
+O, ich verstund ein jedes Wort zu gut,
+Das ich Lenoren von den Lippen lockte!
+Von Silb' zu Silbe nur erhascht' ich's kaum,
+Und weiß nun ganz wie die Prinzessin denkt--
+Ja, ja, auch das ist wahr, verzweifle nicht!
+"Sie wird mich gern entlassen, wenn ich gehe,
+Da es zu meinem Wohl gereicht." O! Fühlte
+Sie eine Leidenschaft im Herzen, die mein Wohl
+Und mich zugrunde richtete! Willkommner
+Ergriffe mich der Tod, als diese Hand,
+Die kalt und starr mich von sich lässt.--Ich gehe!--
+Nun hüte dich und lass dich keinen Schein
+Von Freundschaft oder Güte täuschen! Niemand
+Betrügt dich nun, wenn du dich nicht betrügst.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Antonio. Tasso.
+
+Antonio.
+Hier bin ich, Tasso, dir ein Wort zu sagen,
+Wenn du mich ruhig hören magst und kannst.
+
+Tasso.
+Das Handeln, weißt du, bleibt mir untersagt;
+Es ziemt mir wohl, zu warten und zu hören.
+
+Antonio.
+Ich treffe dich gelassen, wie ich wünschte,
+Und spreche gern zu dir aus freier Brust.
+Zuvörderst lös' ich in des Fürsten Namen
+Das schwache Band, das dich zu fesseln schien.
+
+Tasso.
+Die Willkür macht mich frei, wie sie mich band;
+Ich nehm' es an und fordre kein Gericht.
+
+Antonio.
+Dann sag' ich dir von mir: Ich habe dich
+Mit Worten, scheint es, tief und mehr gekränkt,
+Als ich, von mancher Leidenschaft bewegt,
+Es selbst empfand. Allein kein schimpflich Wort
+Ist meinen Lippen unbedacht entflohen:
+Zu rächen hast du nichts als Edelmann,
+Und wirst als Mensch Vergebung nicht versagen.
+
+Tasso.
+Was härter treffe, Kränkung oder Schimpf,
+Will ich nicht untersuchen: Jene dringt
+Ins tiefe Mark, und dieser reizt die Haut.
+Der Pfeil des Schimpfs kehrt auf den Mann zurück,
+Der zu verwunden glaubt; die Meinung andrer
+Befriedigt leicht das wohl geführte Schwert--
+Doch ein gekränktes Herz erholt sich schwer.
+
+Antonio.
+Jetzt ist's an mir, dass ich dir dringend sage:
+Tritt nicht zurück, erfülle meinen Wunsch,
+Den Wunsch des Fürsten, der mich zu dir sendet.
+
+Tasso.
+Ich kenne meine Pflicht und gebe nach.
+Es sei verziehn, sofern es möglich ist!
+Die Dichter sagen uns von einem Speer,
+Der eine Wunde, die er selbst geschlagen,
+Durch freundliche Berührung heilen konnte.
+Es hat des Menschen Zunge diese Kraft;
+Ich will ihr nicht gehässig widerstehn.
+
+Antonio.
+Ich danke dir und wünsche, dass du mich
+Und meinen Willen, dir zu dienen, gleich
+Vertraulich prüfen mögest. Sage mir,
+Kann ich dir nützlich sein? Ich zeig' es gern.
+
+Tasso.
+Du bietest an was ich nur wünschen konnte.
+Du brachtest mir die Freiheit wieder; nun
+Verschaffe mir, ich bitte, den Gebrauch.
+
+Antonio.
+Was kannst du meinen? Sag' es deutlich an.
+
+Tasso.
+Du weißt, geendet hab' ich mein Gedicht;
+Es fehlt noch viel, dass es vollendet wäre.
+Heut überreicht' ich es dem Fürsten, hoffte
+Zugleich ihm eine Bitte vorzutragen.
+Gar viele meiner Freunde find' ich jetzt
+In Rom versammelt; einzeln haben sie
+Mir über manche Stellen ihre Meinung
+In Briefen schon eröffnet; vieles hab' ich
+Benutzen können, manches scheint mir noch
+Zu überlegen, und verschiedne Stellen
+Möcht' ich nicht gern verändern, wenn man mich
+Nicht mehr, als es geschehn ist, überzeugt.
+Das alles wird durch Briefe nicht getan:
+Die Gegenwart löst diese Knoten bald.
+So dacht' ich heut den Fürsten selbst zu bitten:
+Ich fand nicht Raum; nun darf ich es nicht wagen
+Und hoffe diesen Urlaub nun durch dich.
+
+Antonio.
+Mir scheint nicht rätlich, dass du dich entfernst
+In dem Moment, da dein vollendet Werk
+Dem Fürsten und der Fürstin dich empfiehlt.
+Ein Tag der Gunst ist wie ein Tag der Ernte:
+Man muss geschäftig sein, sobald sie reift.
+Entfernst du dich, so wirst du nichts gewinnen,
+Vielleicht verlieren, was du schon gewannst.
+Die Gegenwart ist eine mächt'ge Göttin:
+Lern' ihren Einfluss kennen, bleibe hier!
+
+Tasso.
+Zu fürchten hab' ich nichts: Alphons ist edel,
+Stets hat er gegen mich sich groß gezeigt;
+Und was ich hoffe, will ich seinem Herzen
+Allein verdanken, keine Gnade mir
+Erschleichen; nichts will ich von ihm empfangen,
+Was ihn gereuen könnte, dass er's gab.
+
+Antonio.
+So fordre nicht von ihm, dass er dich jetzt
+Entlassen soll; er wird es ungern tun,
+Und ich befürchte fast: Er tut es nicht.
+
+Tasso.
+Er wird es gern, wenn recht gebeten wird,
+Und du vermagst es wohl, sobald du willst.
+
+Antonio.
+Doch welche Gründe, sag' mir, leg' ich vor?
+
+Tasso.
+Lass mein Gedicht aus jeder Stanze sprechen!
+Was ich gewollt ist, löblich, wenn das Ziel
+Auch meinen Kräften unerreichbar blieb.
+An Fleiß und Mühe hat es nicht gefehlt.
+Der heitre Wandel mancher schönen Tage,
+Der stille Raum so mancher tiefen Nächte,
+War einzig diesem frommen Lied geweiht.
+Bescheiden hofft' ich, jenen großen Meistern
+Der Vorwelt mich zu nahen, kühn gesinnt,
+Zu edlen Taten unsern Zeitgenossen
+Aus einem langen Schlaf zu rufen, dann
+Vielleicht mit einem edlen Christenheere
+Gefahr und Ruhm des heil'gen Kriegs zu teilen.
+Und soll mein Lied die besten Männer wecken,
+So muss es auch der besten würdig sein.
+Alphons bin ich schuldig, was ich tat;
+Nun möcht' ich ihm auch die Vollendung danken.
+
+Antonio.
+Und eben dieser Fürst ist hier, mit andern,
+Die dich so gut als Römer leiten können.
+Vollende hier dein Werk, hier ist der Platz,
+Und um zu wirken, eile dann nach Rom.
+
+Tasso.
+Alphons hat mich zuerst begeistert, wird
+Gewiss der letzte sein, der mich belehrt,
+Und deinen Rat, den Rat der klugen Männer,
+Die unser Hof versammelt, schätz' ich hoch.
+Ihr sollt entscheiden, wenn mich ja zu Rom
+Die Freunde nicht vollkommen überzeugen.
+Doch diese muss ich sehn. Gonzaga hat
+Mir ein Gericht versammelt, dem ich erst
+Mich stellen muss. Ich kann es kaum erwarten.
+Flaminio de' Nobili, Angelio
+Da Barga, Antoniano und Speron Speroni!
+Du wirst sie kennen.--Welche Namen sind's!
+Vertraun und Sorge flößen sie zugleich
+In meinen Geist, der gern sich unterwirft.
+
+Antonio.
+Du denkst nur dich und denkst den Fürsten nicht.
+Ich sage dir, er wird dich nicht entlassen,
+Und wenn er's tut, entlässt er dich nicht gern.
+Du willst ja nicht verlangen, was er dir
+Nicht gern gewähren mag. Und soll ich hier
+Vermitteln, was ich selbst nicht loben kann?
+
+Tasso.
+Versagst du mir den ersten Dienst, wenn ich
+Die angebotne Freundschaft prüfen will?
+
+Antonio.
+Die wahre Freundschaft zeigt sich im Versagen
+Zur rechten Zeit, und es gewährt die Liebe
+Gar oft ein schädlich Gut, wenn sie den Willen
+Des Fordernden mehr als sein Glück bedenkt.
+Du scheinest mir in diesem Augenblick
+Für gut zu halten, was du eifrig wünschest,
+Und willst im Augenblick, was du begehrst.
+Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende,
+Was ihm an Wahrheit und an Kräften fehlt.
+Es fordert meine Pflicht, so viel ich kann
+Die Hast zu mäß'gen, die dich übel treibt.
+
+Tasso.
+Schon lange kenn' ich diese Tyrannei
+Der Freundschaft, die von allen Tyranneien
+Die unerträglichste mir scheint. Du denkst
+Nur anders, und du glaubst deswegen
+Schon recht zu denken. Gern erkenn' ich an:
+Du willst mein Wohl; allein verlange nicht,
+Dass ich auf deinem Weg es finden soll.
+
+Antonio.
+Und soll ich dir sogleich mit kaltem Blut,
+Mit voller, klarer Überzeugung schaden?
+
+Tasso.
+Von dieser Sorge will ich dich befrein!
+Du hältst mich nicht mit diesen Worten ab.
+Du hast mich frei erklärt, und diese Türe
+Steht mir nun offen, die zum Fürsten führt.
+Ich lasse dir die Wahl: Du oder ich!
+Der Fürst geht fort. Hier ist kein Augenblick
+Zu harren. Wähle schnell! Wenn du nicht gehst,
+So geh' ich selbst, und werd' es, wie es will.
+
+Antonio.
+Lass mich nur wenig Zeit von dir erlangen
+Und warte nur des Fürsten Rückkehr ab!
+Nur heute nicht!
+
+Tasso.
+Nein, diese Stunde noch,
+Wenn's möglich ist! Es brennen mir die Sohlen
+Auf diesem Marmorboden; eher kann
+Mein Geist nicht Ruhe finden, bis der Staub
+Des freien Wegs mich Eilenden umgibt.
+Ich bitte dich! Du siehst, wie ungeschickt
+In diesem Augenblick ich sei, mit meinem Herrn
+Zu reden; siehst--wie kann ich das verbergen--
+Dass ich mir selbst in diesem Augenblick,
+Mir keine Macht der Welt gebieten kann.
+Nur Fesseln sind es, die mich halten können!
+Alphons ist kein Tyrann, er sprach mich frei.
+Wie gern gehorcht' ich seinen Worten sonst!
+Heut kann ich nicht gehorchen. Heute nur
+Lasst mich in Freiheit, dass mein Geist sich finde!
+Ich kehre bald zu meiner Pflicht zurück.
+
+Antonio.
+Du machst mich zweifelhaft. Was soll ich tun?
+Ich merke wohl: Es steckt der Irrtum an.
+
+Tasso.
+Soll ich dir glauben, denkst du gut für mich,
+So wirke was ich wünsche, was du kannst.
+Der Fürst entlässt mich dann, und ich verliere
+Nicht seine Gnade, seine Hilfe nicht.
+Das dank' ich dir, und will dir's gern verdanken;
+Doch hegst du einen alten Groll im Busen,
+Willst du von diesem Hofe mich verbannen,
+Willst du auf ewig mein Geschick verkehren,
+Mich hilflos in die weite Welt vertreiben,
+So bleib auf deinem Sinn und widersteh!
+
+Antonio.
+Weil ich dir doch, o Tasso, schaden soll,
+So wähl' ich denn den Weg, den du erwählst.
+Der Ausgang mag entscheiden, wer sich irrt!
+Du willst hinweg! Ich sag' es dir zuvor:
+Du wendest diesem Hause kaum den Rücken,
+So wird dein Herz zurück verlangen, wird
+Dein Eigensinn dich vorwärts treiben; Schmerz,
+Verwirrung, Trübsinn harrt in Rom auf dich,
+Und du verfehlest hier und dort den Zweck.
+Doch sag' ich dies nicht mehr, um dir zu raten;
+Ich sage nur voraus, was bald geschieht,
+Und lade dich auch schon im voraus ein,
+Mir in dem schlimmsten Falle zu vertraun.
+Ich spreche nun den Fürsten, wie du's forderst.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Tasso (allein).
+
+ Ja, gehe nur, und gehe sicher weg,
+Dass du mich überredest, was du willst.
+Ich lerne mich verstellen; denn du bist
+Ein großer Meister, und ich fasse leicht.
+So zwingt das Leben uns zu scheinen, ja
+Zu sein wie jene, die wir kühn und stolz
+Verachten konnten. Deutlich seh' ich nun
+Die ganze Kunst des höfischen Gewebes!
+Mich will Antonio von hinnen treiben
+Und will nicht scheinen, dass er mich vertreibt.
+Er spielt den Schonenden, den Klugen, dass
+Man nur recht krank und ungeschickt mich finde,
+Bestellet sich zum Vormund, dass er mich
+Zum Kind erniedrige, den er zum Knecht
+Nicht zwingen konnte. So umnebelt er
+Die Stirn des Fürsten und der Fürstin Blick.
+
+ Man soll mich halten, meint er: Habe doch
+Ein schön Verdienst mir die Natur geschenkt;
+Doch leider habe sie mit manchen Schwächen
+Die hohe Gabe wieder schlimm begleitet,
+Mit ungebundnem Stolz, mit übertriebner
+Empfindlichkeit und eignem düstern Sinn.
+Es sei nicht anders, einmal habe nun
+Den einen Mann das Schicksal so gebildet;
+Nun müsse man ihn nehmen, wie er sei,
+Ihn dulden, tragen und vielleicht an ihm,
+Was Freude bringen kann, am guten Tage
+Als unerwarteten Gewinst genießen,
+Im Übrigen, wie er geboren sei,
+So müsse man ihn leben, sterben lassen.
+
+ Erkenn' ich noch Alphonsens festen Sinn,
+Der Feinden trotzt und Freunde treulich schützt?
+Erkenn' ich ihn, wie er nun mir begegnet?
+Ja, wohl erkenn' ich ganz mein Unglück nun!
+Das ist mein Schicksal, dass nur gegen mich
+Sich jeglicher verändert, der für andre fest
+Und treu und sicher bleibt, sich leicht verändert
+Durch einen Hauch, in einem Augenblick.
+
+ Hat nicht die Ankunft dieses Manns allein
+Mein ganz Geschick zerstört, in einer Stunde?
+Nicht dieser das Gebäude meines Glücks
+Von seinem tiefsten Grund aus umgestürzt?
+O, muss ich das erfahren, muss ich's heut!
+Ja, wie sich alles zu mir drängte, lässt
+Mich alles nun; wie jeder mich an sich
+Zu reißen strebte, jeder mich zu fassen,
+So stößt mich alles weg und meidet mich.
+Und das warum? Und wiegt denn er allein
+Die Schale meines Werts und aller Liebe,
+Die ich so reichlich sonst besessen, auf?
+
+ Ja, alles flieht mich nun. Auch du! Auch du!
+Geliebte Fürstin, du entziehst dich mir!
+In diesen trüben Stunden hat sie mir
+Kein einzig Zeichen ihrer Gunst gesandt.
+Hab' ich's um sie verdient?--Du armes Herz,
+Dem so natürlich war sie zu verehren!--
+Vernahm ich ihre Stimme, wie durchdrang
+Ein unaussprechliches Gefühl die Brust!
+Erblickt' ich sie, da ward das helle Licht
+Des Tags mir trüb; unwiderstehlich zog
+Ihr Auge mich, ihr Mund mich an, mein Knie
+Erhielt sich kaum, und aller Kraft
+Des Geists bedurft' ich, aufrecht mich zu halten,
+Vor ihre Füße nicht zu fallen; kaum
+Vermocht' ich diesen Taumel zu zerstreun.
+Hier halte fest, mein Herz! Du klarer Sinn,
+Lass hier dich nicht umnebeln! Ja, auch sie!
+Darf ich es sagen? Und ich glaub' es kaum;
+Ich glaub' es wohl, und möcht' es mir verschweigen.
+Auch Sie! Auch Sie! Entschuldige sie ganz,
+Allein verbirg' dir's nicht: Auch Sie! Auch Sie!
+
+ O dieses Wort, an dem ich zweifeln sollte,
+Solang ein Hauch von Glauben in mir lebt,
+Ja, dieses Wort, es gräbt sich, wie ein Schluss
+Des Schicksals noch zuletzt am ehrnen Rande
+Der voll geschriebnen Qualentafel ein.
+Nun sind erst meine Feinde stark, nun bin ich
+Auf ewig einer jeden Kraft beraubt.
+Wie soll ich streiten, wenn Sie gegenüber
+Im Heere steht? Wie soll ich duldend harren,
+Wenn Sie die Hand mir nicht von ferne reicht?
+Wenn nicht ihr Blick dem Flehenden begegnet?
+Du hast's gewagt zu denken, hast's gesprochen,
+Und es ist wahr, eh' du es fürchten konntest!
+Und ehe nun die Verzweiflung deine Sinnen
+Mit ehrnen Klauen aus einander reißt,
+Ja, klage nur das bittre Schicksal an
+Und wiederhole nur: Auch Sie! Auch Sie!
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug
+(Garten.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Alphons. Antonio.
+
+Antonio.
+Auf deinen Wink ging ich das zweite Mal
+Zu Tasso hin, ich komme von ihm her.
+Ich hab' ihm zugeredet, ja gedrungen;
+Allein er geht von seinem Sinn nicht ab
+Und bittet sehnlich, dass du ihn nach Rom
+Auf eine kurze Zeit entlassen mögest.
+
+Alphons.
+Ich bin verdrießlich, dass ich dir's gestehe,
+Und lieber sag' ich dir, dass ich es bin,
+Als dass ich den Verdruss verberg' und mehre.
+Er will verreisen; gut, ich halt' ihn nicht.
+Er will hinweg, er will nach Rom; es sei!
+Nur dass mir Scipio Gonzaga nicht,
+Der kluge Medicis, ihn nicht entwende!
+Das hat Italien so groß gemacht,
+Dass jeder Nachbar mit dem andern streitet,
+Die Bessern zu besitzen, zu benutzen.
+Ein Feldherr ohne Heer scheint mir ein Fürst,
+Der die Talente nicht um sich versammelt:
+Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt,
+Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.
+Gefunden hab' ich diesen und gewählt,
+Ich bin auf ihn als meinen Diener stolz,
+Und da ich schon für ihn so viel getan,
+So möcht' ich ihn nicht ohne Not verlieren.
+
+Antonio.
+Ich bin verlegen, denn ich trage doch
+Vor dir die Schuld von dem, was heut geschah;
+Auch will ich meinen Fehler gern gestehn,
+Er bleibet deiner Gnade zu verzeihn;
+Doch wenn du glauben könntest, dass ich nicht
+Das mögliche getan, ihn zu versöhnen,
+So würd' ich ganz untröstlich sein. O! Sprich
+Mit holdem Blick mich an, damit ich wieder
+Mich fassen kann, mir selbst vertrauen mag.
+
+Alphons.
+Antonio, nein, da sei nur immer ruhig,
+Ich schreib' es dir auf keine Weise zu;
+Ich kenne nur zu gut den Sinn des Mannes,
+Und weiß nur allzu wohl was ich getan,
+Wie sehr ich ihn geschont, wie sehr ich ganz
+Vergessen, dass ich eigentlich an ihn
+Zu fordern hätte. Über vieles kann
+Der Mensch zum Herrn sich machen, seinen Sinn
+Bezwinget kaum die Not und lange Zeit.
+
+Antonio.
+Wenn andre vieles um den einen tun,
+So ist's auch billig, dass der eine wieder
+Sich fleißig frage, was den andern nützt.
+Wer seinen Geist so viel gebildet hat,
+Wer jede Wissenschaft zusammengeizt,
+Und jede Kenntnis, die uns zu ergreifen
+Erlaubt ist, sollte der, sich zu beherrschen,
+Nicht doppelt schuldig sein? Und denkt er dran?
+
+Alphons.
+Wir sollen eben nicht in Ruhe bleiben!
+Gleich wird uns, wenn wir zu genießen denken,
+Zur Übung unsrer Tapferkeit ein Feind,
+Zur Übung der Geduld ein Freund gegeben.
+
+Antonio.
+Die erste Pflicht des Menschen, Speis' und Trank
+Zu wählen, da ihn die Natur so eng
+Nicht wie das Tier beschränkt, erfüllt er die?
+Und lässt er nicht vielmehr sich wie ein Kind
+Von allem reizen, was dem Gaumen schmeichelt?
+Wann mischt er Wasser unter seinen Wein?
+Gewürze, süße Sachen, stark Getränke,
+Eins um das andre schlingt er hastig ein,
+Und dann beklagt er seinen trüben Sinn,
+Sein feurig Blut, sein allzu heftig Wesen,
+Er schilt auf die Natur und das Geschick.
+Wie bitter und wie thöricht hab' ich ihn
+Nicht oft mit seinem Arzte rechten sehn;
+Zum Lachen fast, wär' irgend lächerlich,
+Was einen Menschen quält und andre plagt.
+"Ich fühle dieses Übel," sagt er bänglich
+Und voll Verdruss: "Was rühmt ihr eure Kunst?
+Schafft mir Genesung!"--Gut! versetzt der Arzt,
+So meidet das und das.--"Das kann ich nicht."--
+So nehmet diesen Trank.--"O nein! Der schmeckt
+Abscheulich, er empört mir die Natur."--
+So trinkt denn Wasser.--"Wasser? Nimmermehr!
+Ich bin so wasserscheu als ein Gebissner."--
+So ist euch nicht zu helfen.--"Und warum?"--
+Das Übel wird sich stets mit Übeln häufen
+Und, wenn es euch nicht töten kann, nur mehr
+Und mehr mit jedem Tag Euch quälen.--"Schön!
+Wofür seid Ihr ein Arzt? Ihr kennt mein Übel,
+Ihr solltet auch die Mittel kennen, sie
+Auch schmackhaft machen, dass ich nicht noch erst,
+Der Leiden los zu sein, recht leiden müsse."
+Du lächelst selbst und doch ist es gewiss,
+Du hast es wohl aus seinem Mund gehört?
+
+Alphons.
+Ich hab' es oft gehört und oft entschuldigt.
+
+Antonio.
+Es ist gewiss, ein ungemäßigt Leben,
+Wie es uns schwere, wilde Träume gibt,
+Macht uns zuletzt am hellen Tage träumen.
+Was ist sein Argwohn anders als ein Traum?
+Wohin er tritt, glaubt er von Feinden sich
+Umgeben. Sein Talent kann niemand sehn,
+Der ihn nicht neidet, niemand ihn beneiden,
+Der ihn nicht hasst und bitter ihn verfolgt.
+So hat er oft mit Klagen dich belästigt:
+Erbrochne Schlösser, aufgefangne Briefe,
+Und Gift und Dolch! Was alles vor ihm schwebt!
+Du hast es untersuchen lassen, untersucht,
+Und hast du was gefunden? Kaum den Schein.
+Der Schutz von keinem Fürsten macht ihn sicher,
+Der Busen keines Freundes kann ihn laben.
+Und willst du einem solchen Ruh und Glück,
+Willst du von ihm wohl Freude dir versprechen?
+
+Alphons.
+Du hättest Recht, Antonio, wenn in ihm
+Ich meinen nächsten Vorteil suchen wollte!
+Zwar ist es schon mein Vorteil, dass ich nicht
+Den Nutzen grad und unbedingt erwarte.
+Nicht alles dienet uns auf gleiche Weise;
+Wer vieles brauchen will, gebrauche jedes
+In seiner Art, so ist er wohl bedient.
+Das haben uns die Medicis gelehrt,
+Das haben uns die Päpste selbst gewiesen.
+Mit welcher Nachsicht, welcher fürstlichen
+Geduld und Langmut trugen diese Männer
+Manch groß Talent, das ihrer reichen Gnade
+Nicht zu bedürfen schien und doch bedurfte!
+
+Antonio.
+Wer weiß es nicht, mein Fürst? Des Lebens Mühe
+Lehrt uns allein des Lebens Güter schätzen.
+So jung hat er zu vieles schon erreicht,
+Als dass genügsam er genießen könnte.
+O, sollt' er erst erwerben, was ihm nun
+Mit offnen Händen angebothen wird:
+Er strengte seine Kräfte männlich an
+Und fühlte sich von Schritt zu Schritt begnügt.
+Ein armer Edelmann hat schon das Ziel
+Von seinem besten Wunsch erreicht, wenn ihn
+Ein edler Fürst zu seinem Hofgenossen
+Erwählen will, und ihn der Dürftigkeit
+Mit milder Hand entzieht. Schenkt er ihm noch
+Vertraun und Gunst und will an seine Seite
+Vor andern ihn erheben, sei's im Krieg,
+Sei's in Geschäften oder im Gespräch,
+So, dächt' ich, könnte der bescheidne Mann
+Sein Glück mit stiller Dankbarkeit verehren.
+Und Tasso hat zu allem diesem noch
+Das schönste Glück des Jünglings: Dass ihn schon
+Sein Vaterland erkennt und auf ihn hofft.
+O glaube mir, sein launisch Missbehagen
+Ruht auf dem breiten Polster seines Glücks.
+Er kommt, entlass ihn gnädig, gib ihm Zeit,
+In Rom und in Neapel, wo er will,
+Das aufzusuchen, was er hier vermisst,
+Und was er hier nur wieder finden kann.
+
+Alphons.
+Will er zurück erst nach Ferrara gehn?
+
+Antonio.
+Er wünscht in Belriguardo zu verweilen.
+Das Nötigste, was er zur Reise braucht,
+Will er durch einen Freund sich senden lassen.
+
+Alphons.
+Ich bin's zufrieden. Meine Schwester geht
+Mit ihrer Freundin gleich zurück, und reitend
+Werd' ich vor ihnen noch zu Hause sein.
+Du folgst uns bald, wenn du für ihn gesorgt.
+Dem Kastellan befiehl das Nötige,
+Dass er hier auf dem Schlosse bleiben kann,
+Solang er will, so lang, bis seine Freunde
+Ihm das Gepäck gesendet, bis wir ihm
+Die Briefe schicken, die ich ihm nach Rom
+Zu geben Willens bin. Er kommt! Leb' wohl!
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Alphons. Tasso.
+
+Tasso (mit Zurückhaltung).
+Die Gnade, die du mir so oft bewiesen,
+Erscheinet heute mir in vollem Licht:
+Du hast verziehen, was in deiner Nähe
+Ich unbedacht und frevelhaft beging;
+Du hast den Widersacher mir versöhnt;
+Du willst erlauben, dass ich eine Zeit
+Von deiner Seite mich entferne, willst
+Mir deine Gunst großmütig vorbehalten.
+Ich scheide nun mit völligem Vertraun,
+Und hoffe still, mich soll die kleine Frist
+Von allem heilen, was mich jetzt beklemmt.
+Es soll mein Geist aufs neue sich erheben
+Und auf dem Wege, den ich froh und kühn,
+Durch deinen Blick ermuntert, erst betrat,
+Sich deiner Gunst aufs neue würdig machen.
+
+Alphons.
+Ich wünsche dir zu deiner Reise Glück
+Und hoffe, dass du froh und ganz geheilt
+Uns wieder kommen wirst. Du bringst uns dann
+Den doppelten Gewinst für jede Stunde,
+Die du uns nun entziehst, vergnügt zurück.
+Ich gebe Briefe dir an meine Leute,
+An Freunde dir nach Rom und wünsche sehr,
+Dass du dich zu den Meinen überall
+Zutraulich halten mögest, wie ich dich
+Als mein, obgleich entfernt, gewiss betrachte.
+
+Tasso.
+Du überhäufst, o Fürst, mit Gnade den,
+Der sich unwürdig fühlt und selbst zu danken
+In diesem Augenblicke nicht vermag.
+Anstatt des Danks eröffn' ich eine Bitte!
+Am meisten liegt mir mein Gedicht am Herzen.
+Ich habe viel getan und keine Mühe
+Und keinen Fleiß gespart; allein es bleibt
+Zu viel mir noch zurück. Ich möchte dort,
+Wo noch der Geist der großen Männer schwebt,
+Und wirksam schwebt, dort möcht' ich in die Schule
+Aufs neue mich begeben: Würdiger
+Erfreute deines Beifalls sich mein Lied.
+O, gib die Blätter mir zurück, die ich
+Jetzt nur beschämt in deinen Händen weiß!
+
+Alphons.
+Du wirst mir nicht an diesem Tage nehmen,
+Was du mir kaum an diesem Tag gebracht.
+Lass zwischen dich und zwischen dein Gedicht
+Mich als Vermittler treten: Hüte dich,
+Durch strengen Fleiß die liebliche Natur
+Zu kränken, die in deinen Reimen lebt,
+Und höre nicht auf Rat von allen Seiten!
+Die tausendfältigen Gedanken vieler
+Verschiedner Menschen, die im Leben sich
+Und in der Meinung widersprechen, fasst
+Der Dichter klug in eins und scheut sich nicht,
+Gar manchem zu missfallen, dass er manchem
+Um desto mehr gefallen möge. Doch
+Ich sage nicht, dass du nicht hie und da
+Bescheiden deine Feile brauchen solltest;
+Verspreche dir zugleich: In kurzer Zeit
+Erhältst du abgeschrieben dein Gedicht.
+Es bleibt von deiner Hand in meinen Händen,
+Damit ich seiner erst mit meinen Schwestern
+Mich recht erfreuen möge. Bringst du es
+Vollkommner dann zurück: Wir werden uns
+Des höheren Genusses freun und dich
+Bei mancher Stelle nur als Freunde warnen.
+
+Tasso.
+Ich wiederhole nur beschämt die Bitte:
+Lass mich die Abschrift eilig haben! Ganz
+Ruht mein Gemüt auf diesem Werke nun.
+Nun muss es werden, was es werden kann.
+
+Alphons.
+Ich billige den Trieb, der dich beseelt!
+Doch, guter Tasso, wenn es möglich wäre,
+So solltest du erst eine kurze Zeit
+Der freien Welt genießen, dich zerstreuen,
+Dein Blut durch eine Kur verbessern. Dir
+Gewährte dann die schöne Harmonie
+Der hergestellten Sinne, was du nun
+Im trüben Eifer nur vergebens suchst.
+
+Tasso.
+Mein Fürst, so scheint es; doch, ich bin gesund,
+Wenn ich mich meinem Fleiß ergeben kann,
+Und so macht wieder mich der Fleiß gesund.
+Du hast mich lang gesehn: Mir ist nicht wohl
+In freier Üppigkeit. Mir lässt die Ruh
+Am mindsten Ruhe. Dies Gemüt ist nicht
+Von der Natur bestimmt, ich fühl' es leider,
+Auf weichem Element der Tage froh
+Ins weite Meer der Zeiten hinzuschwimmen.
+
+Alphons.
+Dich führet alles, was du sinnst und treibst,
+Tief in dich selbst. Es liegt um uns herum
+Gar mancher Abgrund, den das Schicksal grub;
+Doch hier in unserm Herzen ist der tiefste,
+Und reizend ist es sich hinab zu stürzen.
+Ich bitte dich, entreiße dich dir selbst!
+Der Mensch gewinnt, was der Poet verliert.
+
+Tasso.
+Ich halte diesen Drang vergebens auf,
+Der Tag und Nacht in meinem Busen wechselt.
+Wenn ich nicht sinnen oder dichten soll,
+So ist das Leben mir kein Leben mehr.
+Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen,
+Wenn er sich schon dem Tode näher spinnt:
+Das köstliche Geweb' entwickelt er
+Aus seinem Innersten, und lässt nicht ab,
+Bis er in seinen Sarg sich eingeschlossen.
+O, geb' ein guter Gott uns auch dereinst
+Das Schicksal des beneidenswerten Wurms,
+Im neuen Sonnental die Flügel rasch
+Und freudig zu entfalten!
+
+Alphons.
+ Höre mich!
+Du gibst so vielen doppelten Genuss
+Des Lebens; lern', ich bitte dich,
+Den Wert des Lebens kennen, das du noch
+Und zehnfach reich besitzest. Lebe wohl!
+Je eher du zu uns zurücke kehrst,
+Je schöner wirst du uns willkommen sein.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Tasso (allein).
+
+So halte fest, mein Herz, so war es recht!
+Es wird dir schwer, es ist das erste Mal,
+Dass du dich so verstellen magst und kannst.
+Du hörtest wohl: Das war nicht sein Gemüt,
+Das waren seine Worte nicht; mir schien,
+Als klänge nur Antonios Stimme wider.
+O gib nur Acht! Du wirst sie nun so fort
+Von allen Seiten hören. Fest, nur fest!
+Um einen Augenblick ist's noch zu tun.
+Wer spät im Leben sich verstellen lernt,
+Der hat den Schein der Ehrlichkeit voraus.
+Es wird schon gehn, nur übe dich mit ihnen.
+
+(Nach einer Pause.)
+
+Du triumphierst zu früh, dort kommt sie her!
+Die holde Fürstin kommt! O welch Gefühl!
+Sie tritt herein, es löst in meinem Busen
+Verdruss und Argwohn sich in Schmerzen auf.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Prinzessin. Tasso. Gegen das Ende des Auftritts die Übrigen.
+
+Prinzessin.
+Du denkst uns zu verlassen, oder bleibst
+Vielmehr in Belriguardo noch zurück
+Und willst dich dann von uns entfernen, Tasso?
+Ich hoffe, nur auf eine kurze Zeit.
+Du gehst nach Rom?
+
+Tasso.
+Ich richte meinen Weg
+Zuerst dahin, und nehmen meine Freunde
+Mich gütig auf, wie ich es hoffen darf,
+So leg' ich da mit Sorgfalt und Geduld
+Vielleicht die letzte Hand an mein Gedicht.
+Ich finde viele Männer dort versammelt,
+Die Meister aller Art sich nennen dürfen.
+Und spricht in jener ersten Stadt der Welt
+Nicht jeder Platz, nicht jeder Stein zu uns?
+Wie viele tausend stumme Lehrer winken
+In ernster Majestät uns freundlich an!
+Vollend' ich da nicht mein Gedicht, so kann
+Ich's nie vollenden. Leider, ach, schon fühl' ich,
+Mir wird zu keinem Unternehmen Glück!
+Verändern werd' ich es, vollenden nie.
+Ich fühl', ich fühl' es wohl, die große Kunst,
+Die jeden nährt, die den gesunden Geist
+Stärkt und erquickt, wird mich zu Grunde richten,
+Vertreiben wird sie mich. Ich eile fort!
+Nach Napel will ich bald!
+
+Prinzessin.
+ Darfst du es wagen?
+Noch ist der strenge Bann nicht aufgehoben,
+Der dich zugleich mit deinem Vater traf.
+
+Tasso.
+Du warnest recht, ich hab' es schon bedacht.
+Verkleidet geh' ich hin, den armen Rock
+Des Pilgers oder Schäfers zieh' ich an.
+Ich schleiche durch die Stadt, wo die Bewegung
+Der Tausende den einen leicht verbirgt.
+Ich eile nach dem Ufer, finde dort
+Gleich einen Kahn mit willig guten Leuten,
+Mit Bauern, die zum Markte kamen, nun
+Nach Hause kehren, Leute von Sorrent;
+Denn ich muss nach Sorrent hinübereilen.
+Dort wohnet meine Schwester, die mit mir
+Die Schmerzensfreude meiner Eltern war.
+Im Schiffe bin ich still, und trete dann
+Auch schweigend an das Land, ich gehe sacht
+Den Pfad hinauf, und an dem Tore frag' ich:
+Wo wohnt Cornelia? Zeigt mir es an!
+Cornelia Sersale? Freundlich deutet
+Mir eine Spinnerinn die Straße, sie
+Bezeichnet mir das Haus. So steig' ich weiter.
+Die Kinder laufen nebenher und schauen
+Das wilde Haar, den düstern Fremdling an.
+So komm' ich an die Schwelle. Offen steht
+Die Türe schon, so tret' ich in das Haus--
+
+Prinzessin.
+Blick' auf, o Tasso, wenn es möglich ist,
+Erkenne die Gefahr, in der du schwebst!
+Ich schone dich; denn sonst würd' ich dir sagen:
+Ist's edel so zu reden, wie du sprichst?
+Ist's edel, nur allein an sich zu denken,
+Als kränktest du der Freunde Herzen nicht?
+Ist's dir verborgen wie mein Bruder denkt?
+Wie beide Schwestern dich zu schätzen wissen?
+Hast du es nicht empfunden und erkannt?
+Ist alles denn in wenig Augenblicken
+Verändert? Tasso! Wenn du scheiden willst,
+So lass uns Schmerz und Sorge nicht zurück.
+
+(Tasso wendet sich weg.)
+
+Prinzessin.
+Wie tröstlich ist es, einem Freunde, der
+Auf eine kurze Zeit verreisen will,
+Ein klein Geschenk zu geben, sei es nur
+Ein neuer Mantel oder eine Waffe!
+Dir kann man nichts mehr geben; denn du wirfst
+Unwillig alles weg, was du besitzest.
+Die Pilgermuschel und den schwarzen Kittel,
+Den langen Stab erwählst du dir und gehst
+Freiwillig arm dahin und nimmst uns weg,
+Was du mit uns allein genießen konntest.
+
+Tasso.
+So willst du mich nicht ganz und gar verstoßen?
+O süßes Wort, o schöner, teurer Trost!
+Vertritt mich! Nimm in deinen Schutz mich auf!--
+Lass mich in Belriguardo hier, versetze
+Mich nach Consandoli, wohin du willst!
+Es hat der Fürst so manches schöne Schloss,
+So manchen Garten, der das ganze Jahr
+Gewartet wird, und ihr betretet kaum
+Ihn einen Tag, vielleicht nur eine Stunde.
+Ja, wählet den entferntsten aus, den ihr
+In ganzen Jahren nicht besuchen geht,
+Und der vielleicht jetzt ohne Sorge liegt:
+Dort schickt mich hin! Dort lasst mich euer sein!
+Wie will ich deine Bäume pflegen! Die Zitronen
+Im Herbst mit Brettern und mit Ziegeln decken,
+Und mit verbundnem Rohre wohl verwahren!
+Es sollen schöne Blumen in den Beeten
+Die breiten Wurzeln schlagen; rein und zierlich
+Soll jeder Gang und jedes Fleckchen sein.
+Und lasst mir auch die Sorge des Palastes!
+Ich will zur rechten Zeit die Fenster öffnen,
+Dass Feuchtigkeit nicht den Gemälden schade;
+Die schön mit Stuckatur verzierten Wände
+Will ich mit einem leichten Wedel säubern;
+Es soll das Estrich blank und reinlich glänzen;
+Es soll kein Stein, kein Ziegel sich verrücken;
+Es soll kein Gras aus einer Ritze keimen!
+
+Prinzessin.
+Ich finde keinen Rat in meinem Busen,
+Und finde keinen Trost für dich und--uns.
+Mein Auge blickt umher, ob nicht ein Gott
+Uns Hilfe reichen möchte, möchte mir
+Ein heilsam Kraut entdecken, einen Trank,
+Der deinem Sinne Frieden brächte, Frieden uns.
+Das treuste Wort, das von der Lippe fließt,
+Das schönste Heilungsmittel wirkt nicht mehr.
+Ich muss dich lassen, und verlassen kann
+Mein Herz dich nicht.
+
+Tasso.
+ Ihr Götter, ist sie's doch,
+Die mit dir spricht und deiner sich erbarmt?
+Und konntest du das edle Herz verkennen?
+War's möglich, dass in ihrer Gegenwart
+Der Kleinmut dich ergriff und dich bezwang?
+Nein, nein, du bist's! Und nun, ich bin es auch.
+O fahre fort und lass mich jeden Trost
+Aus deinem Munde hören! Deinen Rat
+Entzieh mir nicht! O sprich: Was soll ich tun,
+Damit dein Bruder mir vergeben könne,
+Damit du selbst mir gern vergeben mögest,
+Damit ihr wieder zu den Euren mich
+Mit Freuden zählen möget? Sag' mir an!
+
+Prinzessin.
+Gar wenig ist's, was wir von dir verlangen,
+Und dennoch scheint es allzu viel zu sein.
+Du sollst dich selbst uns freundlich überlassen.
+Wir wollen nichts von dir, was du nicht bist,
+Wenn du nur erst dir mit dir selbst gefällst.
+Du machst uns Freude, wenn du Freude hast,
+Und du betrübst uns nur, wenn du sie fliehst;
+Und wenn du uns auch ungeduldig machst,
+So ist es nur, dass wir dir helfen möchten,
+Und, leider! Sehn, dass nicht zu helfen ist,
+Wenn du nicht selbst des Freundes Hand ergreifst,
+Die, sehnlich ausgereckt, dich nicht erreicht.
+
+Tasso.
+Du bist es selbst, wie du zum ersten Mal,
+Ein heil'ger Engel, mir entgegen kamst!
+Verzeih dem trüben Blick des Sterblichen,
+Wenn er auf Augenblicke dich verkannt.
+Er kennt dich wieder! Ganz eröffnet sich
+Die Seele, nur dich ewig zu verehren.
+Es füllt sich ganz das Herz von Zärtlichkeit--
+Sie ist's, sie steht vor mir. Welch ein Gefühl!
+Ist es Verirrung, was mich nach dir zieht?
+Ist's Raserei? Ist's ein erhöhter Sinn,
+Der erst die höchste, reinste Wahrheit fasst?
+Ja, es ist das Gefühl, das mich allein
+Auf dieser Erde glücklich machen kann,
+Das mich allein so elend werden ließ,
+Wenn ich ihm widerstand und aus dem Herzen
+Es bannen wollte. Diese Leidenschaft
+Gedacht' ich zu bekämpfen; stritt und stritt
+Mit meinem tiefsten Sein, zerstörte frech
+Mein eignes Selbst, dem du so ganz gehörst--
+
+Prinzessin.
+Wenn ich dich, Tasso, länger hören soll,
+So mäßige die Glut, die mich erschreckt.
+
+Tasso.
+Beschränkt der Rand des Bechers einen Wein,
+Der schäumend wallt und brausend überschwillt?
+Mit jedem Wort' erhöhest du mein Glück,
+Mit jedem Worte glänzt dein Auge heller.
+Ich fühle mich im Innersten verändert,
+Ich fühle mich von aller Not entladen,
+Frei wie ein Gott, und alles dank' ich dir!
+Unsägliche Gewalt, die mich beherrscht,
+Entfließet deinen Lippen; ja, du machst
+Mich ganz dir eigen. Nichts gehöret mir
+Von meinem ganzen Ich mir künftig an.
+Es trübt mein Auge sich in Glück und Licht,
+Es schwankt mein Sinn. Mich hält der Fuß nicht mehr.
+Unwiderstehlich ziehst du mich zu dir,
+Und unaufhaltsam dringt mein Herz dir zu.
+Du hast mich ganz auf ewig dir gewonnen,
+So nimm denn auch mein ganzes Wesen hin!
+
+(Er fällt ihr in die Arme und drückt sie fest an sich.)
+
+Prinzessin (ihn von sich stoßend und hinweg eilend).
+Hinweg!
+
+Leonore (die sich schon eine Weile im Grunde sehen lassen, herbeieilend).
+ Was ist geschehen? Tasso! Tasso!
+
+(Sie geht der Prinzessin nach.)
+
+Tasso (im Begriff, ihnen zu folgen).
+O Gott!
+
+Alphons (der sich schon eine Zeitlang mit Antonio genähert).
+ Er kommt von Sinnen, halt ihn fest. (Ab.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Tasso. Antonio.
+
+Antonio.
+O stünde jetzt, so wie du immer glaubst,
+Dass du von Feinden rings umgeben bist,
+Ein Feind bei dir, wie würd' er triumphieren!
+Unglücklicher, noch kaum erhol' ich mich!
+Wenn ganz was Unerwartetes begegnet,
+Wenn unser Blick was Ungeheures sieht,
+Steht unser Geist auf eine Weile still:
+Wir haben nichts, womit wir das vergleichen.
+
+Tasso (nach einer langen Pause).
+Vollende nur dein Amt--ich seh', du bist's!
+Ja, du verdienst das fürstliche Vertraun;
+Vollende nur dein Amt, und martre mich,
+Da mir der Stab gebrochen ist, noch langsam
+Zu Tode! Ziehe! Zieh am Pfeile nur,
+Dass ich den Widerhaken grimmig fühle,
+Der mich zerfleischt!
+Du bist ein teures Werkzeug des Tyrannen,
+Sei Kerkermeister, sei der Marterknecht,
+Wie wohl, wie eigen steht dir beides an!
+
+(Gegen die Szene.)
+
+Ja, gehe nur, Tyrann! Du konntest dich
+Nicht bis zuletzt verstellen, triumphiere!
+Du hast den Sklaven wohl gekettet, hast
+Ihn wohl gespart zu ausgedachten Qualen:
+Geh nur, ich hasse dich, ich fühle ganz
+Den Abscheu, den die Übermacht erregt,
+Die frevelhaft und ungerecht ergreift.
+
+(Nach einer Pause.)
+
+So seh' ich mich am Ende denn verbannt,
+Verstoßen und verbannt als Bettler hier!
+So hat man mich bekränzt, um mich geschmückt
+Als Opfertier vor den Altar zu führen!
+So lockte man mir noch am letzten Tage
+Mein einzig Eigentum, mir mein Gedicht
+Mit glatten Worten ab, und hielt es fest!
+Mein einzig Gut ist nun in euren Händen,
+Das mich an jedem Ort empfohlen hätte,
+Das mir noch blieb, vom Hunger mich zu retten!
+Jetzt seh' ich wohl, warum ich feiern soll.
+Es ist Verschwörung, und du bist das Haupt.
+Damit mein Lied nur nicht vollkommner werde,
+Dass nur mein Name sich nicht mehr verbreite,
+Dass meine Neider tausend Schwächen finden,
+Dass man am Ende meiner gar vergesse,
+Drum soll ich mich zum Müßiggang gewöhnen,
+Drum soll ich mich und meine Sinne schonen.
+O werte Freundschaft, teure Sorglichkeit!
+Abscheulich dacht' ich die Verschwörung mir,
+Die unsichtbar und rastlos mich umspann,
+Allein abscheulicher ist es geworden.
+ Und du, Sirene! Die du mich so zart,
+So himmlisch angelockt, ich sehe nun
+Dich auf einmal! O Gott, warum so spät!
+ Allein wir selbst betrügen uns so gern
+Und ehren die Verworfnen, die uns ehren.
+Die Menschen kennen sich einander nicht;
+Nur die Galeerensklaven kennen sich,
+Die eng an eine Bank geschmiedet keuchen;
+Wo keiner was zu fordern hat und keiner
+Was zu verlieren hat, die kennen sich;
+Wo jeder sich für einen Schelmen gibt
+Und seinesgleichen auch für Schelmen nimmt.
+Doch wir verkennen nur die andern höflich,
+Damit sie wieder uns verkennen sollen.
+ Wie lang verdeckte mir dein heilig Bild
+Die Buhlerin, die kleine Künste treibt.
+Die Maske fällt: Armide seh' ich nun
+Entblößt von allen Reizen--ja, du bist's!
+Von dir hat ahndungsvoll mein Lied gesungen!
+ Und die verschmitzte kleine Mittlerin!
+Wie tief erniedrigt seh' ich sie vor mir!
+Ich höre nun die leisen Tritte rauschen,
+Ich kenne nun den Kreis, um den sie schlich.
+Euch alle kenn' ich! Sei mir das genug!
+Und wenn das Elend alles mir geraubt,
+So preis' ich's doch: Die Wahrheit lehrt es mich.
+
+Antonio.
+Ich höre, Tasso, dich mit Staunen an,
+So sehr ich weiß, wie leicht dein rascher Geist
+Von einer Grenze zu der andern schwankt.
+Besinne dich! Gebiete dieser Wut!
+Du lästerst, du erlaubst dir Wort auf Wort,
+Das deinen Schmerzen zu verzeihen ist,
+Doch das du selbst dir nie verzeihen kannst.
+
+Tasso.
+O sprich mir nicht mit sanfter Lippe zu,
+Lass mich kein kluges Wort von dir vernehmen!
+Lass mir das dumpfe Glück, damit ich nicht
+Mich erst besinne, dann von Sinnen komme.
+Ich fühle mir das innerste Gebein
+Zerschmettert, und ich leb' um es zu fühlen.
+Verzweiflung fasst mit aller Wut mich an,
+Und in der Höllenqual, die mich vernichtet,
+Wird Lästrung nur ein leiser Schmerzenslaut.
+Ich will hinweg! Und wenn du redlich bist,
+So zeig' es mir, und lass mich gleich von hinnen!
+
+Antonio.
+Ich werde dich in dieser Not nicht lassen;
+Und wenn es dir an Fassung ganz gebricht,
+So soll mir's an Geduld gewiss nicht fehlen.
+
+Tasso.
+So muss ich mich dir denn gefangen geben?
+Ich gebe mich, und so ist es getan;
+Ich widerstehe nicht, so ist mir wohl--
+Und lass es dann mich schmerzlich wiederholen,
+Wie schön es war, was ich mir selbst verscherzte.
+Sie gehn hinweg--O Gott! Dort seh' ich schon
+Den Staub, der von den Wagen sich erhebt--
+Die Reiter sind voraus--Dort fahren sie,
+Dort gehn sie hin! Kam ich nicht auch daher?
+Sie sind hinweg, sie sind erzürnt auf mich.
+O küsst' ich nur noch einmal seine Hand!
+O dass ich nur noch Abschied nehmen könnte!
+Nur einmal noch zu sagen: O verzeiht!
+Nur noch zu hören: Geh, dir ist verziehn!
+Allein ich hör' es nicht, ich hör' es nie--
+Ich will ja gehn! Lasst mich nur Abschied nehmen,
+Nur Abschied nehmen! Gebt, o gebt mir nur
+Auf einen Augenblick die Gegenwart
+Zurück! Vielleicht genes' ich wieder. Nein,
+Ich bin verstoßen, bin verbannt, ich habe
+Mich selbst verbannt, ich werde diese Stimme
+Nicht mehr vernehmen, diesem Blicke nicht,
+Nicht mehr begegnen--
+
+Antonio.
+Lass eines Mannes Stimme dich erinnern,
+Der neben dir nicht ohne Rührung steht!
+Du bist so elend nicht, als wie du glaubst.
+Ermanne dich! Du gibst zu viel dir nach.
+
+Tasso.
+Und bin ich denn so elend, wie ich scheine?
+Bin ich so schwach, wie ich vor dir mich zeige?
+Ist alles denn verloren? Hat der Schmerz,
+Als schütterte der Boden, das Gebäude
+In einen grausen Haufen Schutt verwandelt?
+Ist kein Talent mehr übrig, tausendfältig
+Mich zu zerstreun, zu unterstützen?
+Ist alle Kraft erloschen, die sich sonst
+In meinem Busen regte? Bin ich nichts,
+Ganz nichts geworden?
+Nein, es ist alles da, und ich bin nichts;
+Ich bin mir selbst entwandt, sie ist es mir!
+
+Antonio.
+Und wenn du ganz dich zu verlieren scheinst,
+Vergleiche dich! Erkenne, was du bist!
+
+Tasso.
+Ja, du erinnerst mich zur rechten Zeit!--
+Hilft denn kein Beispiel der Geschichte mehr?
+Stellt sich kein edler Mann mir vor die Augen,
+Der mehr gelitten, als ich jemals litt,
+Damit ich mich mit ihm vergleichend fasse?
+Nein, alles ist dahin!--Nur eines bleibt:
+Die Träne hat uns die Natur verliehen,
+Den Schrei des Schmerzens, wenn der Mann zuletzt
+Es nicht mehr trägt--Und mir noch über alles--
+Sie ließ im Schmerz mir Melodie und Rede,
+Die tiefste Fülle meiner Not zu klagen:
+Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
+Gab mir ein Gott, zu sagen wie ich leide.
+
+Antonio (tritt zu ihm und nimmt ihn bei der Hand).
+
+Tasso.
+O edler Mann! Du stehest fest und still,
+Ich scheine nur die sturmbewegte Welle.
+Allein bedenk' und überhebe nicht
+Dich deiner Kraft! Die mächtige Natur,
+Die diesen Felsen gründete, hat auch
+Der Welle die Beweglichkeit gegeben.
+Sie sendet ihren Sturm, die Welle flieht
+Und schwankt und schwillt und beugt sich schäumend über.
+In dieser Woge spiegelte so schön
+Die Sonne sich, es ruhten die Gestirne
+An dieser Brust, die zärtlich sich bewegte.
+Verschwunden ist der Glanz, entflohn die Ruhe.
+Ich kenne mich in der Gefahr nicht mehr,
+Und schäme mich nicht mehr es zu bekennen.
+Zerbrochen ist das Steuer, und es kracht
+Das Schiff an allen Seiten. Berstend reißt
+Der Boden unter meinen Füßen auf!
+Ich fasse dich mit beiden Armen an!
+So klammert sich der Schiffer endlich noch
+Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10425 ***
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #10425 (https://www.gutenberg.org/ebooks/10425)
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+The Project Gutenberg eBook, Torquato Tasso, by Johann Wolfgang von Goethe
+
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Torquato Tasso
+
+Author: Johann Wolfgang von Goethe
+
+Release Date: December 9, 2003 [eBook #10425]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TORQUATO TASSO***
+
+
+E-text prepared by Andrew Sly
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
+
+
+
+
+Torquato Tasso
+
+Ein Schauspiel
+
+Johann Wolfgang von Goethe
+
+
+
+
+
+
+
+Personen
+
+Alphons der Zweite, Herzog von Ferrara.
+Leonore von Este, Schwester des Herzogs.
+Leonore Sanvitale, Gräfin von Scandiano.
+Torquato Tasso.
+Antonio Montecatino, Staatssekretär.
+
+Der Schauplatz ist auf Belriguardo, einem Lustschlosse.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+(Gartenplatz, mit Hermen der epischen Dichter geziert. Vorn an der
+Szene zur Rechten Virgil, zur Linken Ariost.)
+
+
+Erster Auftritt
+Prinzessin. Leonore.
+
+Prinzessin.
+Du siehst mich lächelnd an, Eleonore,
+Und siehst dich selber an und lächelst wieder.
+Was hast du? Lass es eine Freundin wissen!
+Du scheinst bedenklich, doch du scheinst vergnügt.
+
+Leonore.
+Ja, meine Fürstin, mit Vergnügen seh' ich
+Uns beide hier so ländlich ausgeschmückt.
+Wir scheinen recht beglückte Schäferinnen
+Und sind auch wie die Glücklichen beschäftigt.
+Wir winden Kränze. Dieser, bunt von Blumen,
+Schwillt immer mehr und mehr in meiner Hand;
+Du hast mit höherm Sinn und größerm Herzen
+Den zarten schlanken Lorbeer dir gewählt.
+
+Prinzessin.
+Die Zweige, die ich in Gedanken flocht,
+Sie haben gleich ein würdig Haupt gefunden:
+Ich setze sie Virgilen dankbar auf.
+
+(Sie kränzt die Herme Virgils.)
+
+Leonore.
+So drück' ich meinen vollen frohen Kranz
+Dem Meister Ludwig auf die hohe Stirne--
+
+(Sie kränzt Ariostens Herme.)
+
+Er, dessen Scherze nie verblühen, habe
+Gleich von dem neuen Frühling seinen Teil.
+
+Prinzessin.
+Mein Bruder ist gefällig, dass er uns
+In diesen Tagen schon aufs Land gebracht;
+Wir können unser sein und stundenlang
+Uns in die goldne Zeit der Dichter träumen.
+Ich liebe Belriguardo; denn ich habe
+Hier manchen Tag der Jugend froh durchlebt,
+Und dieses neue Grün und diese Sonne
+Bringt das Gefühl mir jener Zeit zurück.
+
+Leonore.
+Ja, es umgibt uns eine neue Welt!
+Der Schatten dieser immer grünen Bäume
+Wird schon erfreulich. Schon erquickt uns wieder
+Das Rauschen dieser Brunnen. Schwankend wiegen
+Im Morgenwinde sich die jungen Zweige.
+Die Blumen von den Beeten schauen uns
+Mit ihren Kinderaugen freundlich an.
+Der Gärtner deckt getrost das Winterhaus
+Schon der Zitronen und Orangen ab.
+Der blaue Himmel ruhet über uns
+Und an dem Horizonte löst der Schnee
+Der fernen Berge sich in leisen Duft.
+
+Prinzessin.
+Es wäre mir der Frühling sehr willkommen,
+Wenn er nicht meine Freundin mir entführte.
+
+Leonore.
+Erinnre mich in diesen holden Stunden,
+O Fürstin, nicht, wie bald ich scheiden soll.
+
+Prinzessin.
+Was du verlassen magst, das findest du
+In jener großen Stadt gedoppelt wieder.
+
+Leonore.
+Es ruft die Pflicht, es ruft die Liebe mich
+Zu dem Gemahl der mich so lang' entbehrt.
+Ich bring' ihm seinen Sohn, der dieses Jahr
+So schnell gewachsen, schnell sich ausgebildet,
+Und Teile seine väterliche Freude.
+Groß ist Florenz und herrlich, doch der Wert
+Von allen seinen aufgehäuften Schätzen
+Reicht an Ferraras Edelsteine nicht.
+Das Volk hat jene Stadt zur Stadt gemacht,
+Ferrara ward durch seine Fürsten groß.
+
+Prinzessin.
+Mehr durch die guten Menschen, die sich hier
+Durch Zufall trafen und zum Glück verbanden.
+
+Leonore.
+Sehr leicht zerstreut der Zufall, was er sammelt.
+Ein edler Mensch zieht edle Menschen an
+Und weiß sie fest zu halten, wie ihr tut.
+Um deinen Bruder und um dich verbinden
+Gemüter sich, die eurer würdig sind,
+Und ihr seid eurer großen Väter wert.
+Hier zündete sich froh das schöne Licht
+Der Wissenschaft, des freien Denkens an,
+Als noch die Barbarei mit schwerer Dämmrung
+Die Welt umher verbarg. Mir klang als Kind
+Der Name Herkules von Este schon,
+Schon Hippolyt von Este voll ins Ohr.
+Ferrara ward mit Rom und mit Florenz
+Von meinem Vater viel gepriesen! Oft
+Hab' ich mich hingesehnt; nun bin ich da.
+Hier ward Petrarch bewirtet, hier gepflegt,
+Und Ariost fand seine Muster hier.
+Italien nennt keinen großen Namen,
+Den dieses Haus nicht seinen Gast genannt.
+Und es ist vorteilhaft den Genius
+Bewirten: Gibst du ihm ein Gastgeschenk,
+So lässt er dir ein schöneres zurück.
+Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
+Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
+Sein Wort und seine Tat dem Enkel wieder.
+
+Prinzessin.
+Dem Enkel, wenn er lebhaft fühlt wie du.
+Gar oft beneid' ich dich um dieses Glück.
+
+Leonore.
+Das du, wie wenig andre, still und rein
+Genießest. Drängt mich doch das volle Herz,
+Sogleich zu sagen, was ich lebhaft fühle;
+Du fühlst es besser, fühlst es tief und--schweigst.
+Dich blendet nicht der Schein des Augenblicks,
+Der Witz besticht dich nicht, die Schmeichelei
+Schmiegt sich vergebens künstlich an dein Ohr:
+Fest bleibt dein Sinn und richtig dein Geschmack,
+Dein Urteil grad, stets ist dein Anteil groß
+Am Großen, das du wie dich selbst erkennst.
+
+Prinzessin.
+Du solltest dieser höchsten Schmeichelei
+Nicht das Gewand vertrauter Freundschaft leihen.
+
+Leonore.
+Die Freundschaft ist gerecht, sie kann allein
+Den ganzen Umfang deines Werts erkennen.
+Und lass mich der Gelegenheit, dem Glück
+Auch ihren Teil an deiner Bildung geben;
+Du hast sie doch, und bist's am Ende doch,
+Und dich mit deiner Schwester ehrt die Welt
+Vor allen großen Frauen eurer Zeit.
+
+Prinzessin.
+Mich kann das, Leonore, wenig rühren,
+Wenn ich bedenke, wie man wenig ist,
+Und was man ist, das blieb man andern schuldig.
+Die Kenntnis alter Sprachen und des Besten,
+Was uns die Vorwelt ließ, dank' ich der Mutter;
+Doch war an Wissenschaft, an rechtem Sinn
+Ihr keine beider Töchter jemals gleich,
+Und soll sich eine ja mit ihr vergleichen,
+So hat Lucretia gewiss das Recht.
+Auch kann ich dir versichern hab' ich nie
+Als Rang und als Besitz betrachtet, was
+Mir die Natur, was mir das Glück verlieh.
+Ich freue mich, wenn kluge Männer sprechen,
+Dass ich verstehen kann wie sie es meinen.
+Es sei ein Urteil über einen Mann
+Der alten Zeit und seiner Taten Wert;
+Es sei von einer Wissenschaft die Rede,
+Die, durch Erfahrung weiter ausgebreitet,
+Dem Menschen nutzt indem sie ihn erhebt:
+Wohin sich das Gespräch der Edlen lenkt,
+Ich folge gern, denn mir wird leicht, zu folgen.
+Ich höre gern dem Streit der Klugen zu,
+Wenn um die Kräfte, die des Menschen Brust
+So freundlich und so fürchterlich bewegen,
+Mit Grazie die Rednerlippe spielt;
+Gern, wenn die fürstliche Begier des Ruhms,
+Des ausgebreiteten Besitzes, Stoff
+Dem Denker wird, und wenn die feine Klugheit,
+Von einem klugen Manne zart entwickelt,
+Statt uns zu hintergehen uns belehrt.
+
+Leonore.
+Und dann nach dieser ernsten Unterhaltung,
+Ruht unser Ohr und unser innrer Sinn
+Gar freundlich auf des Dichters Reimen aus,
+Der uns die letzten lieblichsten Gefühle
+Mit holden Tönen in die Seele flößt.
+Dein hoher Geist umfasst ein weites Reich,
+Ich halte mich am liebsten auf der Insel
+Der Poesie in Lorberhainen auf.
+
+Prinzessin.
+In diesem schönen Lande, hat man mir
+Versichern wollen, wächst vor andern Bäumen
+Die Myrte gern. Und wenn der Musen gleich
+Gar viele sind, so sucht man unter ihnen
+Sich seltner eine Freundin und Gespielin,
+Als man dem Dichter gern begegnen mag,
+Der uns zu meiden, ja zu fliehen scheint,
+Etwas zu suchen scheint, das wir nicht kennen,
+Und er vielleicht am Ende selbst nicht kennt.
+Da wär' es denn ganz artig, wenn er uns
+Zur guten Stunde träfe, schnell entzückt
+Uns für den Schatz erkennte, den er lang
+Vergebens in der weiten Welt gesucht.
+
+Leonore.
+Ich muss mir deinen Scherz gefallen lassen,
+Er trifft mich zwar, doch trifft er mich nicht tief.
+Ich ehre jeden Mann und sein Verdienst,
+Und ich bin gegen Tasso nur gerecht.
+Sein Auge weilt auf dieser Erde kaum;
+Sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur;
+Was die Geschichte reicht, das Leben gibt,
+Sein Busen nimmt es gleich und willig auf:
+Das weit zerstreute sammelt sein Gemüt,
+Und sein Gefühl belebt das Unbelebte.
+Oft adelt er, was uns gemein erschien,
+Und das Geschätzte wird vor ihm zu nichts.
+In diesem eignen Zauberkreise wandelt
+Der wunderbare Mann und zieht uns an,
+Mit ihm zu wandeln, Teil an ihm zu nehmen:
+Er scheint sich uns zu nahn, und bleibt uns fern;
+Er scheint uns anzusehn, und Geister mögen
+An unsrer Stelle seltsam ihm erscheinen.
+
+Prinzessin.
+Du hast den Dichter fein und zart geschildert,
+Der in den Reichen süßer Träume schwebt.
+Allein mir scheint auch ihn das Wirkliche
+Gewaltsam anzuziehn und fest zu halten.
+Die schönen Lieder, die an unsern Bäumen
+Wir hin und wieder angeheftet finden,
+Die, goldnen Äpfeln gleich, ein neu Hesperien
+Uns duftend bilden, erkennst du sie nicht alle
+Für holde Früchte einer wahren Liebe?
+
+Leonore.
+Ich freue mich der schönen Blätter auch.
+Mit mannigfalt'gem Geist verherrlicht er
+Ein einzig Bild in allen seinen Reimen.
+Bald hebt er es in lichter Glorie
+Zum Sternenhimmel auf, beugt sich verehrend
+Wie Engel über Wolken vor dem Bilde;
+Dann schleicht er ihm durch stille Fluren nach
+Und jede Blume windet er zum Kranz.
+Entfernt sich die Verehrte, heiligt er
+Den Pfad, den leis ihr schöner Fuß betrat.
+Versteckt im Busche, gleich der Nachtigall,
+Füllt er aus einem liebekranken Busen
+Mit seiner Klagen Wohllaut Hain und Luft:
+Sein reizend Leid, die sel'ge Schwermut lockt
+Ein jedes Ohr und jedes Herz muss nach--
+
+Prinzessin.
+Und wenn er seinen Gegenstand benennt,
+So gibt er ihm den Namen Leonore.
+
+Leonore.
+Es ist dein Name wie es meiner ist.
+Ich nähm' es übel, wenn's ein andrer wäre.
+Mich freut es, dass er sein Gefühl für dich
+In diesem Doppelsinn verbergen kann.
+Ich bin zufrieden, dass er meiner auch
+Bei dieses Namens holdem Klang gedenkt.
+Hier ist die Frage nicht von einer Liebe,
+Die sich des Gegenstands bemeistern will,
+Ausschließend ihn besitzen, eifersüchtig
+Den Anblick jedem andern wehren möchte.
+Wenn er in seliger Betrachtung sich
+Mit deinem Werth beschäftigt, mag er auch
+An meinem leichtern Wesen sich erfreun.
+Uns liebt er nicht,--verzeih dass ich es sage!--
+Aus allen Sphären trägt er, was er liebt,
+Auf einen Namen nieder, den wir führen,
+Und sein Gefühl teilt er uns mit; wir scheinen
+Den Mann zu lieben, und wir lieben nur
+Mit ihm das Höchste, was wir lieben können.
+
+Prinzessin.
+Du hast dich sehr in diese Wissenschaft
+Vertieft, Eleonore, sagst mir Dinge,
+Die mir beinahe nur das Ohr berühren
+Und in die Seele kaum noch übergehn.
+
+Leonore.
+Du? Schülerin des Plato! Nicht begreifen,
+Was dir ein Neuling vorzuschwatzen wagt?
+Es müsste sein, dass ich zu sehr mich irrte;
+Doch irr' ich auch nicht ganz, ich weiß es wohl.
+Die Liebe zeigt in dieser holden Schule
+Sich nicht, wie sonst, als ein verwöhntes Kind:
+Es ist der Jüngling der mit Psychen sich
+Vermählte, der im Rat der Götter Sitz
+Und Stimme hat. Er tobt nicht frevelhaft
+Von einer Brust zur andern hin und her;
+Er heftet sich an Schönheit und Gestalt
+Nicht gleich mit süßem Irrtum fest, und büßet
+Nicht schnellen Rausch mit Ekel und Verdruss.
+
+Prinzessin.
+Da kommt mein Bruder! Lass uns nicht verraten,
+Wohin sich wieder das Gespräch gelenkt:
+Wir würden seinen Scherz zu tragen haben,
+Wie unsre Kleidung seinen Spott erfuhr.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Vorigen. Alphons.
+
+Alphons.
+Ich suche Tasso, den ich nirgends finde,
+Und treff' ihn--hier sogar bei euch nicht an.
+Könnt ihr von ihm mir keine Nachricht geben?
+
+Prinzessin.
+Ich sah ihn gestern wenig, heute nicht.
+
+Alphons.
+Es ist ein alter Fehler, dass er mehr
+Die Einsamkeit als die Gesellschaft sucht.
+Verzeih' ich ihm, wenn er den bunten Schwarm
+Der Menschen flieht und lieber frei im stillen
+Mit seinem Geist sich unterhalten mag,
+So kann ich doch nicht loben, dass er selbst
+Den Kreis vermeidet, den die Freunde schließen.
+
+Leonore.
+Irr' ich mich nicht, so wirst du bald, o Fürst,
+Den Tadel in ein frohes Lob verwandeln.
+Ich sah ihn heut von fern; er hielt ein Buch
+Und eine Tafel, schrieb und ging und schrieb.
+Ein flüchtig Wort das er mir gestern sagte,
+Schien mir sein Werk vollendet anzukünden.
+Er sorgt nur kleine Züge zu verbessern,
+Um deiner Huld, die ihm so viel gewährt,
+Ein würdig Opfer endlich darzubringen.
+
+Alphons.
+Er soll willkommen sein, wenn er es bringt,
+Und los gesprochen sein auf lange Zeit.
+So sehr ich Teil an seiner Arbeit nehme,
+So sehr in manchem Sinn das große Werk
+Mich freut und freuen muss, so sehr vermehrt
+Sich auch zuletzt die Ungeduld in mir.
+Er kann nicht enden, kann nicht fertig werden,
+Er ändert stets, ruckt langsam weiter vor,
+Steht wieder still, er hintergeht die Hoffnung;
+Unwillig sieht man den Genuss entfernt
+In späte Zeit, den man so nah geglaubt.
+
+Prinzessin.
+Ich lobe die Bescheidenheit, die Sorge,
+Womit er Schritt vor Schritt zum Ziele geht.
+Nur durch die Gunst der Musen schließen sich
+So viele Reime fest in eins zusammen;
+Und seine Seele hegt nur diesen Trieb,
+Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen.
+Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen,
+Die reizend unterhalten und zuletzt
+Wie lose Worte nur verklingend täuschen.
+Lass ihn, mein Bruder! Denn es ist die Zeit
+Von einem guten Werke nicht das Maß;
+Und wenn die Nachwelt mit genießen soll,
+So muss des Künstlers Mitwelt sich vergessen.
+
+Alphons.
+Lass uns zusammen, liebe Schwester, wirken,
+Wie wir zu beider Vorteil oft getan!
+Wenn ich zu eifrig bin, so lindre du:
+Und bist du zu gelind, so will ich treiben.
+Wir sehen dann auf einmal ihn vielleicht
+Am Ziel, wo wir ihn lang' gewünscht zu sehn.
+Dann soll das Vaterland, es soll die Welt
+Erstaunen, welch ein Werk vollendet worden.
+Ich nehme meinen Teil des Ruhms davon,
+Und er wird in das Leben eingeführt.
+Ein edler Mensch kann einem engen Kreise
+Nicht seine Bildung danken. Vaterland
+Und Welt muss auf ihn wirken. Ruhm und Tadel
+Muss er ertragen lernen. Sich und andre
+Wird er gezwungen recht zu kennen. Ihn
+Wiegt nicht die Einsamkeit mehr schmeichelnd ein.
+Es will der Feind--es darf der Freund nicht schonen;
+Dann übt der Jüngling streitend seine Kräfte,
+Fühlt was er ist, und fühlt sich bald ein Mann.
+
+Leonore.
+So wirst du, Herr, für ihn noch alles tun,
+Wie du bisher für ihn schon viel getan.
+Es bildet ein Talent sich in der Stille,
+Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.
+O dass er sein Gemüt wie seine Kunst
+An deinen Lehren bilde! Dass er nicht
+Die Menschen länger meide, dass sein Argwohn
+Sich nicht zuletzt in Furcht und Hass verwandle!
+
+Alphons.
+Die Menschen fürchtet nur, wer sie nicht kennt,
+Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen.
+Das ist sein Fall, und so wird nach und nach
+Ein frei Gemüt verworren und gefesselt.
+So ist er oft um meine Gunst besorgt,
+Weit mehr, als es ihm ziemte; gegen viele
+Hegt er ein Misstraun, die, ich weiß es sicher,
+Nicht seine Feinde sind. Begegnet ja,
+Dass sich ein Brief verirrt, dass ein Bedienter
+Aus seinem Dienst in einen andern geht,
+Dass ein Papier aus seinen Händen kommt,
+Gleich sieht er Absicht, sieht Verräterei
+Und Tücke die sein Schicksal untergräbt.
+
+Prinzessin.
+Lass uns, geliebter Bruder, nicht vergessen,
+Dass von sich selbst der Mensch nicht scheiden kann.
+Und wenn ein Freund, der mit uns wandeln sollte,
+Sich einen Fuß beschädigte, wir würden
+Doch lieber langsam gehn und unsre Hand
+Ihm gern und willig leihen.
+
+Alphons.
+ Besser wär's,
+Wenn wir ihn heilen könnten, lieber gleich
+Auf treuen Rat des Arztes eine Kur
+Versuchten, dann mit dem Geheilten froh
+Den neuen Weg des frischen Lebens gingen.
+Doch hoff' ich, meine Lieben, dass ich nie
+Die Schuld des rauen Arztes auf mich lade.
+Ich tue, was ich kann, um Sicherheit
+Und Zutraun seinem Busen einzuprägen.
+Ich geb' ihm oft in Gegenwart von vielen
+Entschiedne Zeichen meiner Gunst. Beklagt
+Er sich bei mir, so lass' ich's untersuchen;
+Wie ich es tat, als er sein Zimmer neulich
+Erbrochen glaubte. Lässt sich nichts entdecken,
+So zeig' ich ihm gelassen, wie ich's sehe;
+Und da man alles üben muss, so üb' ich,
+Weil er's verdient, an Tasso die Geduld:
+Und ihr, ich weiß es, steht mir willig bei.
+Ich hab' euch nun aufs Land gebracht und gehe
+Heut' Abend nach der Stadt zurück. Ihr werdet
+Auf einen Augenblick Antonio sehen;
+Er kommt von Rom und holt mich ab. Wir haben
+Viel auszureden, abzutun. Entschlüsse
+Sind nun zu fassen, Briefe viel zu schreiben;
+Das alles nötigt mich zur Stadt zurück.
+
+Prinzessin.
+Erlaubst du uns dass wir dich hin begleiten?
+
+Alphons.
+Bleibt nur in Belriguardo, geht zusammen
+Hinüber nach Consandoli! Genießt
+Der schönen Tage ganz nach freier Lust.
+
+Prinzessin.
+Du kannst nicht bei uns bleiben? Die Geschäfte
+Nicht hier so gut als in der Stadt verrichten?
+
+Leonore.
+Du führst uns gleich Antonio hinweg,
+Der uns von Rom so viel erzählen sollte?
+
+Alphons.
+Es geht nicht an, ihr Kinder; doch ich komme
+Mit ihm so bald, als möglich ist, zurück:
+Dann soll er euch erzählen und ihr sollt
+Mir ihn belohnen helfen, der so viel
+In meinem Dienst aufs Neue sich bemüht.
+Und haben wir uns wieder ausgesprochen,
+So mag der Schwarm dann kommen, dass es lustig
+In unsern Gärten werde, dass auch mir,
+Wie billig, eine Schönheit in dem Kühlen,
+Wenn ich sie suche gern begegnen mag.
+
+Leonore.
+Wir wollen freundlich durch die Finger sehen.
+
+Alphons.
+Dagegen wisst ihr, dass ich schonen kann.
+
+Prinzessin (nach der Szene gekehrt).
+Schon lange seh' ich Tasso kommen. Langsam
+Bewegt er seine Schritte, steht bisweilen
+Auf einmal still, wie unentschlossen, geht
+Dann wieder schneller auf uns los, und weilt
+Schon wieder.
+
+Alphons.
+ Stört ihn, wenn er denkt und dichtet,
+In seinen Träumen nicht, und lasst ihn wandeln.
+
+Leonore.
+Nein, er hat uns gesehn, er kommt hierher.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Die Vorigen. Tasso.
+
+Tasso (mit einem Buche, in Pergament geheftet).
+Ich komme langsam, dir ein Werk zu bringen,
+Und zaudre noch, es dir zu überreichen.
+Ich weiß zu wohl, noch bleibt es unvollendet,
+Wenn es auch gleich geendigt scheinen möchte.
+Allein, war ich besorgt, es unvollkommen
+Dir hinzugeben, so bezwingt mich nun
+Die neue Sorge: Möcht' ich doch nicht gern
+Zu ängstlich, möcht' ich nicht undankbar scheinen.
+Und wie der Mensch nur sagen kann: Hie bin ich!
+Dass Freunde seiner schonend sich erfreuen,
+So kann ich auch nur sagen: Nimm es hin!
+
+(Er übergibt den Band.)
+
+Alphons.
+Du überraschest mich mit deiner Gabe
+Und machst mir diesen schönen Tag zum Fest.
+So halt' ich's endlich denn in meinen Händen,
+Und nenn' es in gewissem Sinne mein!
+Lang' wünscht' ich schon, du möchtest dich entschließen
+Und endlich sagen: Hier! Es ist genug.
+
+Tasso.
+Wenn Ihr zufrieden seid, so ist's vollkommen;
+Denn euch gehört es zu in jedem Sinn.
+Betrachtet' ich den Fleiß, den ich verwendet,
+Sah ich die Züge meiner Feder an,
+So konnt' ich sagen: Dieses Werk ist mein.
+Doch seh' ich näher an, was dieser Dichtung
+Den innren Wert und ihre Würde gibt,
+Erkenn' ich wohl: Ich hab' es nur von euch.
+Wenn die Natur der Dichtung holde Gabe
+Aus reicher Willkür freundlich mir geschenkt,
+So hatte mich das eigensinn'ge Glück
+Mit grimmiger Gewalt von sich gestoßen;
+Und zog die schöne Welt den Blick des Knaben
+Mit ihrer ganzen Fülle herrlich an,
+So trübte bald den jugendlichen Sinn
+Der teuren Eltern unverdiente Not.
+Eröffnete die Lippe sich zu singen,
+So floss ein traurig Lied von ihr herab,
+Und ich begleitete mit leisen Tönen
+Des Vaters Schmerzen und der Mutter Qual.
+Du warst allein, der aus dem engen Leben
+Zu einer schönen Freiheit mich erhob;
+Der jede Sorge mir vom Haupte nahm,
+Mir Freiheit gab, dass meine Seele sich
+Zu mutigem Gesang entfalten konnte;
+Und welchen Preis nun auch mein Werk erhält,
+Euch dank' ich ihn; denn euch gehört es zu.
+
+Alphons.
+Zum zweiten Mal verdienst du jedes Lob,
+Und ehrst bescheiden dich und uns zugleich.
+
+Tasso.
+O könnt' ich sagen wie ich lebhaft fühle,
+Dass ich von Euch nur habe, was ich bringe!
+Der tatenlose Jüngling--nahm er wohl
+Die Dichtung aus sich selbst? Die kluge Leitung
+Des raschen Krieges--hat er die ersonnen?
+Die Kunst der Waffen, die ein jeder Held
+An dem beschiednen Tage kräftig zeigt,
+Des Feldherrn Klugheit und der Ritter Mut,
+Und wie sich List und Wachsamkeit bekämpft,
+Hast du mir nicht, o kluger, tapfrer Fürst,
+Das alles eingeflößt als wärest du
+Mein Genius, der eine Freude fände,
+Sein hohes, unerreichbar hohes Wesen
+Durch einen Sterblichen zu offenbaren?
+
+Prinzessin.
+Genieße nun des Werks, das uns erfreut!
+
+Alphons.
+Erfreue dich des Beifalls jedes Guten!
+
+Leonore.
+Des allgemeinen Ruhms erfreue dich!
+
+Tasso.
+Mir ist an diesem Augenblick genug.
+An euch nur dacht' ich wenn ich sann und schrieb;
+Euch zu gefallen, war mein höchster Wunsch,
+Euch zu ergötzen, war mein letzter Zweck.
+Wer nicht die Welt in seinen Freunden sieht,
+Verdient nicht, dass die Welt von ihm erfahre.
+Hier ist mein Vaterland, hier ist der Kreis,
+In dem sich meine Seele gern verweilt.
+Hier horch' ich auf, hier acht' ich jeden Wink,
+Hier spricht Erfahrung, Wissenschaft, Geschmack;
+Ja, Welt und Nachwelt seh' ich vor mir stehn.
+Die Menge macht den Künstler irr' und scheu:
+Nur wer Euch ähnlich ist, versteht und fühlt,
+Nur der allein soll richten und belohnen!
+
+Alphons.
+Und stellen wir denn Welt und Nachwelt vor,
+So ziemt es nicht nur müßig zu empfangen.
+Das schöne Zeichen, das den Dichter ehrt,
+Das selbst der Held, der seiner stets bedarf,
+Ihm ohne Neid ums Haupt gewunden sieht,
+Erblick' ich hier auf deines Anherrn Stirne.
+
+(Auf die Herme Virgils deutend.)
+
+Hat es der Zufall, hat's ein Genius
+Geflochten und gebracht? Es zeigt sich hier
+Uns nicht umsonst. Virgil hör' ich sagen:
+Was ehret ihr die Toten? Hatten die
+Doch ihren Lohn und Freude da sie lebten;
+Und wenn ihr uns bewundert und verehrt,
+So gebt auch den Lebendigen ihr Teil.
+Mein Marmorbild ist schon bekränzt genug--
+Der grüne Zweig gehört dem Leben an.
+
+(Alphons winkt seiner Schwester; sie nimmt den Kranz von der Büste
+Virgils und nähert sich Tasso. Er tritt zurück.)
+
+Leonore.
+Du weigerst dich? Sieh welche Hand den Kranz,
+Den schönen unverwelklichen, dir bietet!
+
+Tasso.
+O lasst mich zögern! Seh' ich doch nicht ein,
+Wie ich nach dieser Stunde leben soll.
+
+Alphons.
+In dem Genuss des herrlichen Besitzes,
+Der dich im ersten Augenblick erschreckt.
+
+Prinzessin (indem sie den Kranz in die Höhe hält).
+Du gönnest mir die seltne Freude, Tasso,
+Dir ohne Wort zu sagen, wie ich denke.
+
+Tasso.
+Die schöne Last aus deinen teuren Händen
+Empfang' ich kniend auf mein schwaches Haupt.
+
+(Er kniet nieder, die Prinzessin setzt ihm den Kranz auf.)
+
+Leonore (applaudierend).
+Es lebe der zum ersten Mal bekränzte!
+Wie zieret den bescheidnen Mann der Kranz!
+
+(Tasso steht auf.)
+
+Alphons.
+Es ist ein Vorbild nur von jener Krone,
+Die auf dem Kapitol dich zieren soll.
+
+Prinzessin.
+Dort werden lautere Stimmen dich begrüßen;
+Mit leiser Lippe lohnt die Freundschaft hier.
+
+Tasso.
+O nehmt ihn weg von meinem Haupte wieder,
+Nehmt ihn hinweg! Er sengt mir meine Locken,
+Und wie ein Strahl der Sonne, der zu heiß
+Das Haupt mir träfe, brennt er mir die Kraft
+Des Denkens aus der Stirne. Fieberhitze
+Bewegt mein Blut. Verzeiht! Es ist zu viel!
+
+Leonore.
+Es schützet dieser Zweig vielmehr das Haupt
+Des Manns, der in den heißen Regionen
+Des Ruhms zu wandeln hat, und kühlt die Stirne.
+
+Tasso.
+Ich bin nicht wert, die Kühlung zu empfinden,
+Die nur um Heldenstirnen wehen soll.
+O hebt ihn auf, ihr Götter, und verklärt
+Ihn zwischen Wolken, dass er hoch und höher
+Und unerreichbar schwebe! Dass mein Leben
+Nach diesem Ziel ein ewig Wandeln sei!
+
+Alphons.
+Wer früh erwirbt, lernt früh den hohen Wert
+Der holden Güter dieses Lebens schätzen;
+Wer früh genießt, entbehrt in seinem Leben
+Mit Willen nicht, was er einmal besaß;
+Und wer besitzt, der, muss gerüstet sein.
+
+Tasso.
+Und wer sich rüsten will, muss eine Kraft
+Im Busen fühlen, die ihm nie versagt.
+Ach! Sie versagt mir eben jetzt! Im Glück
+Verlässt sie mich, die angeborne Kraft,
+Die standhaft mich dem Unglück, stolz dem Unrecht
+Begegnen lehrte. Hat die Freude mir,
+Hat das Entzücken dieses Augenblicks
+Das Mark in meinen Gliedern aufgelöst?
+Es sinken meine Knie! Noch einmal
+Siehst du, o Fürstin, mich gebeugt vor dir!
+Erhöre meine Bitte: Nimm ihn weg!
+Dass, wie aus einem schönen Traum erwacht,
+Ich ein erquicktes neues Leben fühle.
+
+Prinzessin.
+Wenn du bescheiden ruhig das Talent,
+Das dir die Götter gaben, tragen kannst,
+So lern' auch diese Zweige tragen, die
+Das Schönste sind, was wir dir geben können.
+Wem einmal, würdig, sie das Haupt berührt,
+Dem schweben sie auf ewig um die Stirne.
+
+Tasso.
+So lasst mich denn beschämt von hinnen gehn!
+Lasst mich mein Glück im tiefen Hain verbergen,
+Wie ich sonst meine Schmerzen dort verbarg.
+Dort will ich einsam wandeln, dort erinnert
+Kein Auge mich ans unverdiente Glück.
+Und zeigt mir ungefähr ein klarer Brunnen
+In seinem reinen Spiegel einen Mann,
+Der wunderbar bekränzt im Widerschein
+Des Himmels zwischen Bäumen, zwischen Felsen
+Nachdenkend ruht: So scheint es mir, ich sehe
+Elysium auf dieser Zauberfläche
+Gebildet. Still bedenk' ich mich und frage:
+Wer mag der Abgeschiedne sein? Der Jüngling
+Aus der vergangnen Zeit? So schön bekränzt?
+Wer sagt mir seinen Namen? Sein Verdienst?
+Ich warte lang' und denke: Käme doch
+Ein andrer und noch einer, sich zu ihm
+In freundlichem Gespräche zu gesellen!
+O säh' ich die Heroen, die Poeten
+Der alten Zeit um diesen Quell versammelt!
+O säh' ich hier sie immer unzertrennlich,
+Wie sie im Leben fest verbunden waren!
+So bindet der Magnet durch seine Kraft
+Das Eisen mit dem Eisen fest zusammen,
+Wie gleiches Streben Held und Dichter bindet.
+Homer vergaß sich selbst, sein ganzes Leben
+War der Betrachtung zweier Männer heilig,
+Und Alexander in Elysium
+Eilt, den Achill und den Homer zu suchen.
+O dass ich gegenwärtig wäre, sie,
+Die größten Seelen, nun vereint zu sehen!
+
+Leonore.
+Erwach'! Erwache! Lass uns nicht empfinden,
+Dass du das Gegenwärt'ge ganz verkennst.
+
+Tasso.
+Es ist die Gegenwart, die mich erhöht,
+Abwesend schein' ich nur: Ich bin entzückt.
+
+Prinzessin.
+Ich freue mich, wenn du mit Geistern redest,
+Dass du so menschlich sprichst, und hör' es gern.
+
+(Ein Page tritt zu dem Fürsten und richtet leise etwas aus.)
+
+Alphons.
+Er ist gekommen! Recht zur guten Stunde.
+Antonio!--Bring ihn her--Da kommt er schon!
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Die Vorigen. Antonio.
+
+Alphons.
+Willkommen! Der du uns zugleich dich selbst
+Und gute Botschaft bringst.
+
+Prinzessin.
+ Sei uns gegrüßt!
+
+Antonio.
+Kaum wag' ich es zu sagen, welch Vergnügen
+In eurer Gegenwart mich neu belebt.
+Vor euren Augen find' ich alles wieder,
+Was ich so lang' entbehrt. Ihr scheint zufrieden
+Mit dem, was ich getan, was ich vollbracht;
+Und so bin ich belohnt für jede Sorge,
+Für manchen bald mit Ungeduld durchharrten,
+Bald absichtsvoll verlornen Tag. Wir haben
+Nun, was wir wünschen, und kein Streit ist mehr.
+
+Leonore.
+Auch ich begrüße dich, wenn ich schon zürne.
+Du kommst nur eben, da ich reisen muss.
+
+Antonio.
+Damit mein Glück nicht ganz vollkommen werde,
+Nimmst du mir gleich den schönen Teil hinweg.
+
+Tasso.
+Auch meinen Gruß! Ich hoffe mich der Nähe
+Des viel erfahrnen Mannes auch zu freun.
+
+Antonio.
+Du wirst mich wahrhaft finden, wenn du je
+Aus deiner Welt in meine schauen magst.
+
+Alphons.
+Wenn du mir gleich in Briefen schon gemeldet,
+Was du getan, und wie es dir ergangen,
+So hab' ich doch noch manches auszufragen,
+Durch welche Mittel das Geschäft gelang.
+Auf jenem wunderbaren Boden will der Schritt
+Wohl abgemessen sein, wenn er zuletzt
+An deinen eignen Zweck dich führen soll.
+Wer seines Herren Vorteil rein bedenkt,
+Der hat in Rom gar einen schweren Stand:
+Denn Rom will alles nehmen, geben nichts;
+Und kommt man hin, um etwas zu erhalten,
+Erhält man nichts, man bringe denn was hin,
+Und glücklich, wenn man da noch was erhält.
+
+Antonio.
+Es ist nicht mein Betragen, meine Kunst,
+Durch die ich deinen Willen, Herr, vollbracht;
+Denn welcher Kluge fänd' im Vatikan
+Nicht seinen Meister? Vieles traf zusammen,
+Das ich zu unserm Vorteil nutzen konnte.
+Dich ehrt Gregor und grüßt und segnet dich.
+Der Greis, der würdigste, dem eine Krone
+Das Haupt belastet, denkt der Zeit mit Freuden,
+Da er in seinen Arm dich schloss. Der Mann,
+Der Männer unterscheidet, kennt und rühmt
+Dich hoch! Um deinetwillen tat er viel.
+
+Alphons.
+Ich freue seiner guten Meinung mich,
+Sofern sie redlich ist. Doch weißt du wohl,
+Vom Vatikan herab sieht man die Reiche
+Schon klein genug zu seinen Füßen liegen,
+Geschweige denn die Fürsten und die Menschen.
+Gestehe nur, was dir am meisten half!
+
+Antonio.
+Gut! Wenn du willst: Der hohe Sinn des Papsts.
+Er sieht das Kleine klein, das Große groß.
+Damit er einer Welt gebiete, gibt
+Er seinen Nachbarn gern und freundlich nach.
+Das Streifchen Land, das er dir überlässt,
+Weiß er, wie deine Freundschaft, wohl zu schätzen.
+Italien soll ruhig sein, er will
+In seiner Nähe Freunde sehen, Friede
+Bei seinen Grenzen halten, dass die Macht
+Der Christenheit, die er gewaltig lenkt,
+Die Türken da, die Ketzer dort vertilge.
+
+Prinzessin.
+Weiß man die Männer, die er mehr als andre
+Begünstigt, die sich ihm vertraulich nahn?
+
+Antonio.
+Nur der erfahrne Mann besitzt sein Ohr,
+Der tätige sein Zutraun, seine Gunst.
+Er, der von Jugend auf dem Staat gedient,
+Beherrscht ihn jetzt und wirkt auf jene Höfe,
+Die er vor Jahren als Gesandter schon
+Gesehen und gekannt und oft gelenkt.
+Es liegt die Welt so klar vor seinem Blick
+Als wie der Vorteil seines eignen Staats.
+Wenn man ihn handeln sieht, so lobt man ihn
+Und freut sich, wenn die Zeit entdeckt, was er
+Im stillen lang' bereitet und vollbracht.
+Es ist kein schönrer Anblick in der Welt,
+Als einen Fürsten sehn, der klug regieret,
+Das Reich zu sehn, wo jeder stolz gehorcht,
+Wo jeder sich nur selbst zu dienen glaubt,
+Weil ihm das Rechte nur befohlen wird.
+
+Leonore.
+Wie sehnlich wünscht' ich jene Welt einmal
+Recht nah zu sehn!
+
+Alphons.
+Doch wohl um mit zu wirken
+Denn bloß beschaun wird Leonore nie.
+Es wäre doch recht artig, meine Freundin,
+Wenn in das große Spiel wir auch zuweilen
+Die zarten Hände mischen könnten--Nicht?
+
+Leonore (zu Alphons).
+Du willst mich reizen, es gelingt dir nicht.
+
+Alphons.
+Ich bin dir viel von andern Tagen schuldig.
+
+Leonore.
+Nun gut, so bleib' ich heut in deiner Schuld!
+Verzeih' und störe meine Fragen nicht.
+(Zu Antonio.) Hat er für die Nepoten viel getan?
+
+Antonio.
+Nicht weniger noch mehr, als billig ist.
+Ein Mächtiger, der für die Seinen nicht
+Zu sorgen weiß, wird von dem Volke selbst
+Getadelt. Still und mäßig weiß Gregor
+Den Seinigen zu nutzen, die dem Staat
+Als wackre Männer dienen, und erfüllt
+Mit Einer Sorge zwei verwandte Pflichten.
+
+Tasso.
+Erfreut die Wissenschaft, erfreut die Kunst
+Sich seines Schutzes auch? Und eifert er
+Den großen Fürsten alter Zeiten nach?
+
+Antonio.
+Er ehrt die Wissenschaft, so fern sie nutzt,
+Den Staat regieren, Völker kennen lehrt;
+Er schätzt die Kunst, so fern sie ziert, sein Rom
+Verherrlicht und Palast und Tempel
+Zu Wunderwerken dieser Erde macht.
+In seiner Nähe darf nichts müßig sein!
+Was gelten soll, muss wirken und muss dienen.
+
+Alphons.
+Und glaubst du, dass wir das Geschäfte bald
+Vollenden können? Dass sie nicht zuletzt
+Noch hie und da uns Hindernisse streuen?
+
+Antonio.
+Ich müsste sehr mich irren, wenn nicht gleich
+Durch deinen Nahmenszug, durch wenig Briefe
+Auf immer dieser Zwist gehoben wäre.
+
+Alphons.
+So lob' ich diese Tage meines Lebens
+Als eine Zeit des Glückes und Gewinns.
+Erweitert seh' ich meine Grenze, weiß
+Sie für die Zukunft sicher. Ohne Schwertschlag
+Hast du's geleistet, eine Bürgerkrone
+Dir wohl verdient. Es sollen unsre Frauen
+Vom ersten Eichenlaub am schönsten Morgen
+Geflochten dir sie um die Stirne legen.
+Indessen hat mich Tasso auch bereichert:
+Er hat Jerusalem für uns erobert
+Und so die neue Christenheit beschämt,
+Ein weit entferntes, hoch gestecktes Ziel
+Mit frohem Mut und strengem Fleiß erreicht.
+Für seine Mühe siehst du ihn gekrönt.
+
+Antonio.
+Du lösest mir ein Räthsel. Zwei Bekränzte
+Erblickt' ich mit Verwundrung, da ich kam.
+
+Tasso.
+Wenn du mein Glück vor deinen Augen siehst,
+So wünscht' ich, dass du mein beschämt Gemüt
+Mit eben diesem Blicke schauen könntest.
+
+Antonio.
+Mir war es lang' bekannt, dass im Belohnen
+Alphons unmäßig ist, und du erfährst
+Was jeder von den Seinen schon erfuhr.
+
+Prinzessin.
+Wenn du erst siehst, was er geleistet hat,
+So wirst du uns gerecht und mäßig finden.
+Wir sind nur hier die ersten stillen Zeugen
+Des Beifalls, den die Welt ihm nicht versagt,
+Und den ihm zehnfach künft'ge Jahre gönnen.
+
+Antonio.
+Er ist durch euch schon seines Ruhms gewiss.
+Wer dürfte zweifeln, wo ihr preisen könnt?
+Doch sage mir, wer druckte diesen Kranz
+Auf Ariostes Stirne?
+
+Leonore.
+ Diese Hand.
+
+Antonio.
+Und sie hat wohl getan! Er ziert ihn schön,
+Als ihn der Lorbeer selbst nicht zieren würde.
+Wie die Natur die innig reiche Brust
+Mit einem grünen bunten Kleide deckt,
+So hüllt er alles, was den Menschen nur
+Ehrwürdig, liebenswürdig machen kann,
+Ins blühende Gewand der Fabel ein.
+Zufriedenheit, Erfahrung und Verstand
+Und Geisteskraft, Geschmack und reiner Sinn
+Fürs wahre Gute, geistig scheinen sie
+In seinen Liedern und persönlich doch
+Wie unter Blütenbäumen auszuruhn,
+Bedeckt vom Schnee der leicht getragnen Blüten,
+Umkränzt von Rosen, wunderlich umgaukelt
+Vom losen Zauberspiel der Amoretten.
+Der Quell des Überflusses rauscht darneben,
+Und lässt uns bunte Wunderfische sehn.
+Von seltenem Geflügel ist die Luft,
+Von fremden Herden Wies' und Busch erfüllt;
+Die Schalkheit lauscht im Grünen halb versteckt,
+Die Weisheit lässt von einer goldnen Wolke
+Von Zeit zu Zeit erhabne Sprüche tönen,
+Indes auf wohl gestimmter Laute wild
+Der Wahnsinn hin und her zu wühlen scheint
+Und doch im schönsten Takt sich mäßig hält.
+Wer neben diesem Mann sich wagen darf,
+Verdient für seine Kühnheit schon den Kranz.
+Vergebt, wenn ich mich selbst begeistert fühle,
+Wie ein Verzückter weder Zeit noch Ort,
+Noch, was ich sage, wohl bedenken kann;
+Denn alle diese Dichter, diese Kränze,
+Das seltne festliche Gewand der Schönen
+Versetzt mich aus mir selbst in fremdes Land.
+
+Prinzessin.
+Wer ein Verdienst so wohl zu schätzen weiß,
+Der wird das andre nicht verkennen. Du
+Sollst uns dereinst in Tassos Liedern zeigen,
+Was wir gefühlt und was nur du erkennst.
+
+Alphons.
+Komm mit, Antonio! Manches hab' ich noch,
+Worauf ich sehr begierig bin, zu fragen.
+Dann sollst du bis zum Untergang der Sonne
+Den Frauen angehören. Komm! Lebt wohl.
+
+(Dem Fürsten folgt Antonio, den Damen Tasso.)
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+(Saal.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Prinzessin. Tasso.
+
+Tasso.
+Unsicher folgen meine Schritte dir,
+O Fürstin, und Gedanken ohne Maß
+Und Ordnung regen sich in meiner Seele.
+Mir scheint die Einsamkeit zu winken, mich
+Gefällig anzulispeln: Komm, ich löse
+Die neu erregten Zweifel deiner Brust.
+Doch werf' ich einen Blick auf dich, vernimmt
+Mein horchend Ohr ein Wort von deiner Lippe,
+So wird ein neuer Tag um mich herum,
+Und alle Bande fallen von mir los.
+Ich will dir gern gestehn, es hat der Mann,
+Der unerwartet zu uns trat, nicht sanft
+Aus einem schönen Traum mich aufgeweckt;
+Sein Wesen, seine Worte haben mich
+So wunderbar getroffen, dass ich mehr
+Als je mich doppelt fühle, mit mir selbst
+Aufs neu' in streitender Verwirrung bin.
+
+Prinzessin.
+Es ist unmöglich, dass ein alter Freund,
+Der, lang' entfernt, ein fremdes Leben führte,
+Im Augenblick, da er uns wieder sieht,
+Sich wieder gleich wie ehmals finden soll.
+Er ist in seinem Innern nicht verändert;
+Lass uns mit ihm nur wenig Tage leben,
+So stimmen sich die Saiten hin und wider,
+Bis glücklich eine schöne Harmonie
+Aufs neue sie verbindet. Wird er dann
+Auch näher kennen, was du diese Zeit
+Geleistet hast, so stellt er dich gewiss
+Dem Dichter an die Seite, den er jetzt
+Als einen Riesen dir entgegen stellt.
+
+Tasso.
+Ach, meine Fürstin, Ariostes Lob
+Aus seinem Munde hat mich mehr ergötzt,
+Als dass es mich beleidigt hätte. Tröstlich
+Ist es für uns, den Mann gerühmt zu wissen,
+Der als ein großes Muster vor uns steht.
+Wir können uns im stillen Herzen sagen:
+Erreichst du einen Teil von seinem Wert,
+Bleibt dir ein Teil auch seines Ruhms gewiss.
+Nein, was das Herz im tiefsten mir bewegte,
+Was mir noch jetzt die ganze Seele füllt,
+Es waren die Gestalten jener Welt,
+Die sich lebendig, rastlos, ungeheuer
+Um einen großen, einzig klugen Mann
+Gemessen dreht und ihren Lauf vollendet,
+Den ihr der Halbgott vorzuschreiben wagt.
+Begierig horcht' ich auf, vernahm mit Lust
+Die sichern Worte des erfahrnen Mannes;
+Doch ach! Je mehr ich horchte, mehr und mehr
+Versank ich vor mir selbst, ich fürchtete,
+Wie Echo an den Felsen zu verschwinden,
+Ein Widerhall, ein Nichts mich zu verlieren.
+
+Prinzessin.
+Und schienst noch kurz vorher so rein zu fühlen,
+Wie Held und Dichter füreinander leben,
+Wie Held und Dichter sich einander suchen
+Und keiner je den andern neiden soll?
+Zwar herrlich ist die liedeswerte Tat,
+Doch schön ist's auch, der Taten stärkste Fülle
+Durch würd'ge Lieder auf die Nachwelt bringen.
+Begnüge dich aus einem kleinen Staate,
+Der dich beschützt, dem wilden Lauf der Welt,
+Wie von dem Ufer, ruhig zuzusehn.
+
+Tasso.
+Und sah ich hier mit Staunen nicht zuerst,
+Wie herrlich man den tapfern Mann belohnt?
+Als unerfahrner Knabe kam ich her,
+In einem Augenblick, da Fest auf Fest
+Ferrara zu dem Mittelpunkt der Ehre
+Zu machen schien. O! Welcher Anblick war's!
+Den weiten Platz, auf dem in ihrem Glanze
+Gewandte Tapferkeit sich zeigen sollte,
+Umschloss ein Kreis, wie ihn die Sonne nicht
+So bald zum zweiten Mal bescheinen wird.
+Es saßen hier gedrängt die schönsten Frauen,
+Gedrängt die ersten Männer unsrer Zeit.
+Erstaunt durchlief der Blick die edle Menge;
+Man rief: Sie alle hat das Vaterland,
+Das eine, schmale, Meer umgebne Land,
+Hierher geschickt. Zusammen bilden sie
+Das herrlichste Gericht, das über Ehre,
+Verdienst und Tugend je entschieden hat.
+Gehst du sie einzeln durch, du findest keinen,
+Der seines Nachbarn sich zu schämen brauche!--
+Und dann eröffneten die Schranken sich;
+Da stampften Pferde, glänzten Helm und Schilde,
+Da drängten sich die Knappen, da erklang
+Trompetenschall, und Lanzen krachten splitternd,
+Getroffen tönten Helm' und Schilde, Staub,
+Auf einen Augenblick, umhüllte wirbelnd
+Des Siegers Ehre, des Besiegten Schmach.
+O lass mich einen Vorhang vor das ganze,
+Mir allzu helle Schauspiel ziehen, dass
+In diesem schönen Augenblicke mir
+Mein Unwert nicht zu heftig fühlbar werde.
+
+Prinzessin.
+Wenn jener edle Kreis, wenn jene Taten
+Zu Müh' und Streben damals dich entflammten,
+So konnt' ich, junger Freund, zu gleicher Zeit
+Der Duldung stille Lehre dir bewähren.
+Die Feste, die du rühmst, die hundert Zungen
+Mir damals priesen und mir manches Jahr
+Nachher gepriesen haben, sah ich nicht.
+Am stillen Ort, wohin kaum unterbrochen
+Der letzte Widerhall der Freude sich
+Verlieren konnte, musst' ich manche Schmerzen
+Und manchen traurigen Gedanken leiden.
+Mit breiten Flügeln schwebte mir das Bild
+Des Todes vor den Augen, deckte mir
+Die Aussicht in die immer neue Welt.
+Nur nach und nach entfernt' es sich, und ließ
+Mich, wie durch einen Flor, die bunten Farben
+Des Lebens, blass, doch angenehm, erblicken.
+Ich sah' lebend'ge Formen wieder sanft sich regen.
+Zum ersten Mal trat ich, noch unterstützt
+Von meinen Frauen, aus dem Krankenzimmer,
+Da kam Lucretia voll frohen Lebens
+Herbei und führte dich an ihrer Hand.
+Du warst der erste, der im neuen Leben
+Mir neu und unbekannt entgegen trat.
+Da hofft ich viel für dich und mich; auch hat
+Uns bis hierher die Hoffnung nicht betrogen.
+
+Tasso.
+Und ich, der ich, betäubt von dem Gewimmel
+Des drängenden Gewühls, von so viel Glanz
+Geblendet, und von mancher Leidenschaft
+Bewegt, durch stille Gänge des Palasts
+An deiner Schwester Seite schweigend ging,
+Dann in das Zimmer trat, wo du uns bald,
+Auf deine Fraun gelehnt erschienest--mir
+Welch ein Moment war dieser! O vergib!
+Wie den Bezauberten von Rausch und Wahn
+Der Gottheit Nähe leicht und willig heilt,
+So war auch ich von aller Phantasie,
+Von jeder Sucht, von jedem falschen Triebe
+Mit einem Blick in deinen Blick geheilt.
+Wenn unerfahren die Begierde sich
+Nach tausend Gegenständen sonst verlor,
+Trat ich beschämt zuerst in mich zurück
+Und lernte nun das Wünschenswerte kennen.
+So sucht man in dem weiten Sand des Meers
+Vergebens eine Perle, die verborgen
+In stillen Schalen eingeschlossen ruht.
+
+Prinzessin.
+Es fingen schöne Zeiten damals an,
+Und hätt' uns nicht der Herzog von Urbino
+Die Schwester weggeführt, uns wären Jahre
+Im schönen, ungetrübten Glück verschwunden.
+Doch leider jetzt vermissen wir zu sehr
+Den frohen Geist, die Brust voll Mut und Leben,
+Den reichen Witz der liebenswürd'gen Frau.
+
+Tasso.
+Ich weiß es nur zu wohl, seit jenem Tage,
+Da sie von hinnen schied, vermochte dir
+Die reine Freude niemand zu ersetzen.
+Wie oft zerriss es meine Brust! Wie oft
+Klagt' ich dem stillen Hain mein Leid um dich!
+Ach! Rief ich aus, hat denn die Schwester nur
+Das Glück, das Recht, der Teuern viel zu sein?
+Ist denn kein Herz mehr wert, dass sie sich ihm
+Vertrauen dürfte, kein Gemüt dem ihren
+Mehr gleich gestimmt? Ist Geist und Witz verloschen?
+Und war die eine Frau, so trefflich sie
+Auch war, denn alles? Fürstin! O verzeih!
+Da dacht' ich manchmal an mich selbst und wünschte,
+Dir etwas sein zu können. Wenig nur,
+Doch etwas, nicht mit Worten, mit der Tat
+Wünscht' ich's zu sein, im Leben dir zu zeigen,
+Wie sich mein Herz im Stillen dir geweiht.
+Doch es gelang mir nicht, und nur zu oft
+Tat ich im Irrtum was dich schmerzen musste,
+Beleidigte den Mann, den du beschütztest,
+Verwirrte unklug was du lösen wolltest,
+Und fühlte so mich stets im Augenblick,
+Wenn ich mich nahen wollte, fern und ferner.
+
+Prinzessin.
+Ich habe, Tasso, deinen Willen nie
+Verkannt und weiß, wie du, dir selbst zu schaden,
+Geschäftig bist. Anstatt dass meine Schwester
+Mit jedem, wie er sei, zu leben weiß,
+So kannst du selbst nach vielen Jahren kaum
+In einen Freund dich finden.
+
+Tasso.
+Tadle mich!
+Doch sage mir hernach: Wo ist der Mann,
+Die Frau, mit der ich wie mit dir
+Aus freiem Busen wagen darf zu reden?
+
+Prinzessin.
+Du solltest meinem Bruder dich vertraun.
+
+Tasso.
+Er ist mein Fürst!--Doch glaube nicht, dass mir
+Der Freiheit wilder Trieb den Busen blähe.
+Der Mensch ist nicht geboren, frei zu sein,
+Und für den Edeln ist kein schöner Glück,
+Als einem Fürsten, den er ehrt, zu dienen.
+Und so ist er mein Herr, und ich empfinde
+Den ganzen Umfang dieses großen Worts.
+Nun muss ich schweigen lernen, wenn er spricht,
+Und tun, wenn er gebietet, mögen auch
+Verstand und Herz ihm lebhaft widersprechen.
+
+Prinzessin.
+Das ist der Fall bei meinem Bruder nie,
+Und nun, da wir Antonio wieder haben,
+Ist dir ein neuer kluger Freund gewiss.
+
+Tasso.
+Ich hofft' es ehmals, jetzt verzweifl' ich fast.
+Wie lehrreich wäre mir sein Umgang, nützlich
+Sein Rat in tausend Fällen! Er besitzt,
+Ich mag wohl sagen, alles, was mir fehlt.
+Doch--haben alle Götter sich versammelt,
+Geschenke seiner Wiege darzubringen--
+Die Grazien sind leider ausgeblieben,
+Und wem die Gaben dieser Holden fehlen,
+Der kann zwar viel besitzen, vieles geben,
+Doch lässt sich nie an seinem Busen ruhn.
+
+Prinzessin.
+Doch lässt sich ihm vertraun, und das ist viel.
+Du musst von einem Mann nicht alles fordern,
+Und dieser leistet, was er dir verspricht.
+Hat er sich erst für deinen Freund erklärt,
+So sorgt er selbst für dich, wo du dir fehlst.
+Ihr müsst verbunden sein! Ich schmeichle mir,
+Dies schöne Werk in kurzem zu vollbringen.
+Nur widerstehe nicht, wie du es pflegst!
+So haben wir Lenore lang besessen,
+Die fein und zierlich ist, mit der es leicht
+Sich leben lässt; auch dieser hast du nie,
+Wie sie es wünschte, näher treten wollen.
+
+Tasso.
+Ich habe dir gehorcht, sonst hätt' ich mich
+Von ihr entfernt, anstatt mich ihr zu nahen.
+So liebenswürdig sie erscheinen kann,
+Ich weiß nicht, wie es ist, konnt' ich nur selten
+Mit ihr ganz offen sein, und wenn sie auch
+Die Absicht hat, den Freunden wohl zu tun,
+So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.
+
+Prinzessin.
+Auf diesem Wege werden wir wohl nie
+Gesellschaft finden, Tasso! Dieser Pfad
+Verleitet uns, durch einsames Gebüsch,
+Durch stille Täler fortzuwandern; mehr
+Und mehr verwöhnt sich das Gemüt, und strebt,
+Die goldne Zeit, die ihm von außen mangelt,
+In seinem Innern wieder herzustellen,
+So wenig der Versuch gelingen will.
+
+Tasso.
+O welches Wort spricht meine Fürstin aus.
+Die goldne Zeit, wohin ist sie geflohn,
+Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt?
+Da auf der freien Erde Menschen sich
+Wie frohe Herden im Genuss verbreiteten;
+Da ein uralter Baum auf bunter Wiese
+Dem Hirten und der Hirtin Schatten gab,
+Ein jüngeres Gebüsch die zarten Zweige
+Um sehnsuchtsvolle Liebe traulich schlang;
+Wo klar und still auf immer reinem Sande
+Der weiche Fluss die Nymphe sanft umfing;
+Wo in dem Grase die gescheuchte Schlange
+Unschädlich sich verlor, der kühne Faun,
+Vom tapfern Jüngling bald bestraft, entfloh;
+Wo jeder Vogel in der freien Luft
+Und jedes Tier, durch Berg' und Täler schweifend,
+Zum Menschen sprach: Erlaubt ist, was gefällt.
+
+Prinzessin.
+Mein Freund, die goldne Zeit ist wohl vorbei;
+Allein die Guten bringen sie zurück.
+Und soll ich dir gestehen, wie ich denke:
+Die goldne Zeit, womit der Dichter uns
+Zu schmeicheln pflegt, die schöne Zeit, sie war,
+So scheint es mir, so wenig als sie ist;
+Und war sie je, so war sie nur gewiss,
+Wie sie uns immer wieder werden kann.
+Noch treffen sich verwandte Herzen an
+Und teilen den Genuss der schönen Welt;
+Nur in dem Wahlspruch ändert sich, mein Freund,
+Ein einzig Wort: Erlaubt ist was sich ziemt.
+
+Tasso.
+O wenn aus guten, edlen Menschen nur
+Ein allgemein Gericht bestellt entschiede,
+Was sich denn ziemt! Anstatt dass jeder glaubt,
+Es sei auch schicklich, was ihm nützlich ist.
+Wir sehn ja, dem Gewaltigen, dem Klugen
+Steht alles wohl, und er erlaubt sich alles.
+
+Prinzessin.
+Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
+So frage nur bei edlen Frauen an.
+Denn ihnen ist am meisten dran gelegen,
+Dass alles wohl sich zieme, was geschieht.
+Die Schicklichkeit umgibt mit einer Mauer
+Das zarte, leicht verletzliche Geschlecht.
+Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie,
+Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts.
+Und wirst du die Geschlechter beide fragen:
+Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte.
+
+Tasso.
+Du nennest uns unbändig, roh, gefühllos?
+
+Prinzessin.
+Nicht das! Allein ihr strebt nach fernen Gütern,
+Und euer Streben muss gewaltsam sein.
+Ihr wagt es, für die Ewigkeit zu handeln,
+Wenn wir ein einzig nah beschränktes Gut
+Auf dieser Erde nur besitzen möchten,
+Und wünschen, dass es uns beständig bleibe.
+Wir sind von keinem Männerherzen sicher,
+Das noch so warm sich einmal uns ergab.
+Die Schönheit ist vergänglich, die ihr doch
+Allein zu ehren scheint. Was übrig bleibt,
+Das reizt nicht mehr, und was nicht reizt, ist tot.
+Wenn's Männer gäbe, die ein weiblich Herz
+Zu schätzen wüssten, die erkennen möchten,
+Welch einen holden Schatz von Treu' und Liebe
+Der Busen einer Frau bewahren kann;
+Wenn das Gedächtnis einzig schöner Stunden
+In euren Seelen lebhaft bleiben wollte;
+Wenn euer Blick, der sonst durchdringend ist,
+Auch durch den Schleier dringen könnte, den
+Uns Alter oder Krankheit überwirft;
+Wenn der Besitz, der ruhig machen soll,
+Nach fremden Gütern euch nicht lüstern machte:
+Dann wär' uns wohl ein schöner Tag erschienen,
+Wir feierten dann unsre goldne Zeit.
+
+Tasso.
+Du sagst mir Worte, die in meiner Brust
+Halb schon entschlafne Sorgen mächtig regen.
+
+Prinzessin.
+Was meinst du, Tasso? Rede frei mit mir.
+
+Tasso.
+Oft hört' ich schon, und diese Tage wieder
+Hab' ich's gehört, ja hätt' ich's nicht vernommen,
+So müsst' ich's denken: Edle Fürsten streben
+Nach deiner Hand! Was wir erwarten müssen,
+Das fürchten wir und möchten schier verzweifeln,
+Verlassen wirst du uns, es ist natürlich;
+Doch wie wir's tragen wollen, weiß ich nicht.
+
+Prinzessin.
+Für diesen Augenblick seid unbesorgt!
+Fast möcht' ich sagen: Unbesorgt für immer.
+Hier bin ich gern, und gerne mag ich bleiben.
+Noch weiß ich kein Verhältnis, das mich lockte;
+Und wenn ihr mich denn ja behalten wollt,
+So lasst es mir durch Eintracht sehn und schafft
+Euch selbst ein glücklich Leben, mir durch euch.
+
+Tasso.
+O lehre mich, das Mögliche zu tun!
+Gewidmet sind dir alle meine Tage.
+Wenn, dich zu preisen, dir zu danken, sich
+Mein Herz entfaltet, dann empfind' ich erst
+Das reinste Glück, das Menschen fühlen können;
+Das Göttlichste erfuhr ich nur in dir.
+So unterscheiden sich die Erdengötter
+Vor andern Menschen, wie das hohe Schicksal
+Vom Rat und Willen selbst der klügsten Männer
+Sich unterscheidet. Vieles lassen sie,
+Wenn wir gewaltsam Wog' auf Woge sehn,
+Wie leichte Wellen, unbemerkt vorüber
+Vor ihren Füßen rauschen, hören nicht
+Den Sturm, der uns umsaust und niederwirft,
+Vernehmen unser Flehen kaum und lassen,
+Wie wir beschränkten armen Kindern tun,
+Mit Seufzern und Geschrei die Luft uns füllen.
+Du hast mich oft, o Göttliche, geduldet,
+Und wie die Sonne, trocknete dein Blick
+Den Tau von meinen Augenliedern ab.
+
+Prinzessin.
+Es ist sehr billig, dass die Frauen dir
+Aufs freundlichste begegnen: Es verherrlicht
+Dein Lied auf manche Weise das Geschlecht.
+Zart oder tapfer, hast du stets gewusst,
+Sie liebenswert und edel vorzustellen;
+Und wenn Armide hassenswert erscheint,
+Versöhnt ihr Reiz und ihre Liebe bald.
+
+Tasso.
+Was auch in meinem Liede widerklingt,
+Ich bin nur einer, einer alles schuldig!
+Es schwebt kein geistig unbestimmtes Bild
+Vor meiner Stirne, das der Seele bald
+Sich überglänzend nahte, bald entzöge.
+Mit meinen Augen hab' ich es gesehn,
+Das Urbild jeder Tugend, jeder Schöne;
+Was ich nach ihm gebildet, das wird bleiben:
+Tancredes Heldenliebe zu Chlorinde,
+Erminies stille, nicht bemerkte Treue,
+Sophronies Großheit und Olindes Not,
+Es sind nicht Schatten, die der Wahn erzeugte,
+Ich weiß es, sie sind ewig; denn sie sind.
+Und was hat mehr das Recht, Jahrhunderte
+Zu bleiben und im stillen fortzuwirken,
+Als das Geheimnis einer edlen Liebe,
+Dem holden Lied bescheiden anvertraut?
+
+Prinzessin.
+Und soll ich dir noch einen Vorzug sagen,
+Den unvermerkt sich dieses Lied erschleicht?
+Es lockt uns nach und nach, wir hören zu,
+Wir hören und wir glauben zu verstehn,
+Was wir verstehn, das können wir nicht tadeln,
+Und so gewinnt uns dieses Lied zuletzt.
+
+Tasso.
+Welch einen Himmel öffnest du vor mir,
+O Fürstin! Macht mich dieser Glanz nicht blind,
+So seh' ich unverhofft ein ewig Glück
+Auf goldnen Strahlen herrlich niedersteigen.
+
+Prinzessin.
+Nicht weiter, Tasso! Viele Dinge sind's,
+Die wir mit Heftigkeit ergreifen sollen:
+Doch andre können nur durch Mäßigung
+Und durch Entbehren unser eigen werden.
+So, sagt man, sei die Tugend, sei die Liebe,
+Die ihr verwandt ist. Das bedenke wohl!
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Tasso (allein).
+
+Ist dir's erlaubt, die Augen aufzuschlagen?
+Wagst du's umher zu sehn? Du bist allein!
+Vernahmen diese Säulen was sie sprach?
+Und hast du Zeugen, diese stumme Zeugen
+Des höchsten Glücks zu fürchten? Es erhebt
+Die Sonne sich des neuen Lebenstages,
+Der mit den vorigen sich nicht vergleicht.
+Hernieder steigend hebt die Göttin schnell
+Den Sterblichen hinauf. Welch neuer Kreis
+Entdeckt sich meinem Auge, welches Reich!
+Wie köstlich wird der heiße Wunsch belohnt!
+Ich träumte mich dem höchsten Glücke nah,
+Und dieses Glück ist über alle Träume.
+Der Blindgeborne denke sich das Licht,
+Die Farben wie er will; erscheinet ihm
+Der neue Tag, ist's ihm ein neuer Sinn.
+Voll Mut und Ahnung, freudetrunken schwankend
+Betret' ich diese Bahn. Du gibst mir viel,
+Du gibst, wie Erd' und Himmel uns Geschenke
+Mit vollen Händen übermäßig reichen,
+Und forderst wieder, was von mir zu fordern
+Nur eine solche Gabe dich berechtigt.
+Ich soll entbehren, soll mich mäßig zeigen
+Und so verdienen, dass du mir vertraust.
+Was tat ich je, dass sie mich wählen konnte?
+Was soll ich tun, um ihrer wert zu sein?
+Sie konnte dir vertraun und dadurch bist du's.
+Ja, Fürstin, deinen Worten, deinen Blicken
+Sei ewig meine Seele ganz geweiht!
+Ja, fordre was du willst, denn ich bin dein!
+Sie sende mich, Müh' und Gefahr und Ruhm
+In fernen Landen aufzusuchen, reiche
+Im stillen Hain die goldne Leier mir,
+Sie weihe mich der Ruh' und ihrem Preis:
+Ihr bin ich, bildend soll sie mich besitzen,
+Mein Herz bewahrte jeden Schatz für sie.
+O hätt' ein tausendfaches Werkzeug mir
+Ein Gott gegönnt, kaum drückt' ich dann genug
+Die unaussprechliche Verehrung aus.
+Des Mahlers Pinsel und des Dichters Lippe,
+Die süßeste, die je von frühem Honig
+Genährt war, wünscht' ich mir. Nein, künftig soll
+Nicht Tasso zwischen Bäumen, zwischen Mensch
+Sich einsam, schwach und trüb gesinnt verlieren!
+Er ist nicht mehr allein, er ist mit dir.
+O dass die edelste der Taten sich
+Hier sichtbar vor mich stellte, rings umgeben
+Von grässlicher Gefahr! Ich dränge zu
+Und wagte gern das Leben, das ich nun
+Von ihren Händen habe--forderte
+Die besten Menschen mir zu Freunden auf,
+Unmögliches mit einer edeln Schar
+Nach Ihrem Wink und Willen zu vollbringen.
+Voreiliger, warum verbarg dein Mund
+Nicht das, was du empfandst, bis du dich wert
+Und werter ihr zu Füßen legen konntest?
+Das war dein Vorsatz, war dein kluger Wunsch.
+Doch sei es auch! Viel schöner ist es, rein
+Und unverdient ein solch Geschenk empfangen,
+Als halb und halb zu wähnen, dass man wohl
+Es habe fordern dürfen. Blicke freudig!
+Es ist so groß, so weit, was vor dir liegt,
+Und hoffnungsvolle Jugend lockt dich wieder
+In unbekannte, lichte Zukunft hin!
+--Schwelle Brust!--O Witterung des Glücks,
+Begünst'ge diese Pflanze doch einmal!
+Sie strebt gen Himmel, tausend Zweige dringen
+Aus ihr hervor, entfalten sich zu Blüten.
+O dass sie Furcht, o dass sie Freuden bringe!
+Dass eine liebe Hand den goldnen Schmuck
+Aus ihren frischen, reichen Ästen breche!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Tasso. Antonio.
+
+Tasso.
+Sei mir willkommen, den ich gleichsam jetzt
+Zum ersten Mal erblicke! Schöner ward
+Kein Mann mir angekündigt. Sei willkommen!
+Dich kenn' ich nun und deinen ganzen Wert,
+Dir biet' ich ohne Zögern Herz und Hand
+Und hoffe, dass auch du mich nicht verschmähst.
+
+Antonio.
+Freigebig bietest du mir schöne Gaben,
+Und ihren Wert erkenn' ich wie ich soll:
+Drum lass mich zögern, eh' ich sie ergreife.
+Weiß ich doch nicht, ob ich dir auch dagegen
+Ein Gleiches geben kann. Ich möchte gern
+Nicht übereilt und nicht undankbar scheinen:
+Lass mich für beide klug und sorgsam sein.
+
+Tasso.
+Wer wird die Klugheit tadeln? Jeder Schritt
+Des Lebens zeigt, wie sehr sie nötig sei;
+Doch schöner ist's, wenn uns die Seele sagt,
+Wo wir der feinen Vorsicht nicht bedürfen.
+
+Antonio.
+Darüber frage jeder sein Gemüt,
+Weil er den Fehler selbst zu büßen hat.
+
+Tasso.
+So sei's! Ich habe meine Pflicht getan:
+Der Fürstin Wort, die uns zu Freunden wünscht,
+Hab' ich verehrt und mich dir vorgestellt.
+Rückhalten durft' ich nicht, Antonio; doch gewiss,
+Zudringen will ich nicht. Es mag denn sein.
+Zeit und Bekanntschaft heißen dich vielleicht
+Die Gabe wärmer fordern, die du jetzt
+So kalt beiseite lehnst und fast verschmähst.
+
+Antonio.
+Der Mäßige wird öfters kalt genannt
+Von Menschen, die sich warm vor andern glauben,
+Weil sie die Hitze fliegend überfällt.
+
+Tasso.
+Du tadelst, was ich tadle, was ich melde.
+Auch ich verstehe wohl, so jung ich bin,
+Der Heftigkeit die Dauer vorzuziehn.
+
+Antonio.
+Sehr weislich! Bleibe stets auf diesem Sinne.
+
+Tasso.
+Du bist berechtigt, mir zu raten, mich
+Zu warnen; denn es steht Erfahrung dir
+Als lang' erprobte Freundin an der Seite.
+Doch glaube nur, es horcht ein stilles Herz
+Auf jedes Tages, jeder Stunde Warnung
+Und übt sich ingeheim an jedem Guten,
+Das deine Strenge neu zu lehren glaubt.
+
+Antonio.
+Es ist wohl angenehm, sich mit sich selbst
+Beschäft'gen, wenn es nur so nützlich wäre.
+Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes
+Erkennen; denn er misst nach eignem Maß
+Sich bald zu klein und leider oft zu groß.
+Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur
+Das Leben lehret jedem, was er sei.
+
+Tasso.
+Mit Beifall und Verehrung hör' ich dich.
+
+Antonio.
+Und dennoch denkst du wohl bei diesen Worten
+Ganz etwas anders, als ich sagen will.
+
+Tasso.
+Auf diese Weise rücken wir nicht näher.
+Es ist nicht klug, es ist nicht wohl getan,
+Vorsätzlich einen Menschen zu verkennen,
+Er sei auch, wer er sei. Der Fürstin Wort
+Bedurft' es kaum, leicht hab' ich dich erkannt:
+Ich weiß, dass du das Gute willst und schaffst.
+Dein eigen Schicksal lässt dich unbesorgt,
+An andre denkst du, Andern stehst du bei,
+Und auf des Lebens leicht bewegter Woge
+Bleibt dir ein stetes Herz. So seh' ich dich.
+Und was wär' ich, ging' ich dir nicht entgegen?
+Sucht' ich begierig nicht auch einen Teil
+An dem verschlossnen Schatz, den du bewahrst?
+Ich weiß, es reut dich nicht, wenn du dich öffnest,
+Ich weiß, du bist mein Freund, wenn du mich kennst:
+Und eines solchen Freunds bedurft' ich lange.
+Ich schäme mich der Unerfahrenheit
+Und meiner Jugend nicht. Still ruhet noch
+Der Zukunft goldne Wolke mir ums Haupt.
+O nimm mich, edler Mann, an deine Brust
+Und weihe mich, den Raschen, Unerfahrnen,
+Zum mäßigen Gebrauch des Lebens ein.
+
+Antonio.
+In einem Augenblicke forderst du,
+Was wohlbedächtig nur die Zeit gewährt.
+
+Tasso.
+In einem Augenblick gewährt die Liebe,
+Was Mühe kaum in langer Zeit erreicht.
+Ich bitt' es nicht von dir, ich darf es fordern.
+Dich ruf' ich in der Tugend Namen auf,
+Die gute Menschen zu verbinden eifert.
+Und soll ich dir noch einen Namen nennen?
+Die Fürstin hofft's, Sie will's--Eleonore,
+Sie will mich zu dir führen, dich zu mir.
+O lass uns ihrem Wunsch entgegen gehn!
+Lass uns verbunden vor die Göttin treten,
+Ihr unsern Dienst, die ganze Seele bieten,
+Vereint für sie das Würdigste zu tun.
+Noch einmal!--Hier ist meine Hand! Schlag ein!
+Tritt nicht zurück und weigre dich nicht länger,
+O edler Mann, und gönne mir die Wollust,
+Die schönste guter Menschen, sich dem Bessern
+Vertrauend ohne Rückhalt hinzugeben!
+
+Antonio.
+Du gehst mit vollen Segeln! Scheint es doch,
+Du bist gewohnt zu siegen, überall
+Die Wege breit, die Pforten weit zu finden.
+Ich gönne jeden Wert und jedes Glück
+Dir gern, allein ich sehe nur zu sehr,
+Wir stehn zu weit noch voneinander ab.
+
+Tasso.
+Es sei an Jahren, an geprüftem Wert;
+An frohem Muth und Willen weich' ich keinem.
+
+Antonio.
+Der Wille lockt die Taten nicht herbei;
+Der Mut stellt sich die Wege kürzer vor.
+Wer angelangt am Ziel ist, wird gekrönt,
+Und oft entbehrt ein Würd'ger eine Krone.
+Doch gibt es leichte Kränze, Kränze gibt es
+Von sehr verschiedner Art: Sie lassen sich
+Oft im Spazierengehn bequem erreichen.
+
+Tasso.
+Was eine Gottheit diesem frei gewährt
+Und jenem streng versagt, ein solches Gut
+Erreicht nicht jeder, wie er will und mag.
+
+Antonio.
+Schreib es dem Glück vor andern Göttern zu,
+So hör' ich's gern; denn seine Wahl ist blind.
+
+Tasso.
+Auch die Gerechtigkeit trägt eine Binde
+Und schließt die Augen jedem Blendwerk zu.
+
+Antonio.
+Das Glück erhebe billig der Beglückte!
+Er dicht' ihm hundert Augen fürs Verdienst
+Und kluge Wahl und strenge Sorgfalt an,
+Nenn' es Minerva, nenn' es, wie er will,
+Er halte gnädiges Geschenk für Lohn,
+Zufälligen Putz für wohl verdienten Schmuck.
+
+Tasso.
+Du brauchst nicht deutlicher zu sein. Es ist genug!
+Ich blicke tief dir in das Herz und kenne
+Für's ganze Leben dich. O kennte so
+Dich meine Fürstin auch! Verschwende nicht
+Die Pfeile deiner Augen, deiner Zunge!
+Du richtest sie vergebens nach dem Kranze,
+Dem unverwelklichen, auf meinem Haupt.
+Sei erst so groß, mir ihn nicht zu beneiden!
+Dann darfst du mir vielleicht ihn streitig machen.
+Ich acht' ihn heilig und das höchste Gut:
+Doch zeige mir den Mann, der das erreicht,
+Wornach ich strebe, zeige mir den Helden,
+Von dem mir die Geschichten nur erzählten;
+Den Dichter stell' mir vor, der sich Homer,
+Virgil sich vergleichen darf, ja, was
+Noch mehr gesagt ist, zeige mir den Mann,
+Der dreifach diesen Lohn verdiente, den
+Die schöne Krone dreifach mehr als mich
+Beschämte: Dann sollst du mich kniend sehn
+Vor jener Gottheit, die mich so begabte;
+Nicht eher stünd' ich auf, bis sie die Zierde
+Von meinem Haupt auf seins hinüber drückte.
+
+Antonio.
+Bis dahin bleibst du freilich ihrer wert.
+
+Tasso.
+Man wäge mich, das will ich nicht vermeiden;
+Allein Verachtung hab' ich nicht verdient.
+Die Krone, der mein Fürst mich würdig achtete,
+Die meiner Fürstin Hand für mich gewunden,
+Soll keiner mir bezweifeln noch begrinsen!
+
+Antonio.
+Es ziemt der hohe Ton, die rasche Glut
+Nicht dir zu mir, noch dir an diesem Orte.
+
+Tasso.
+Was du dir hier erlaubst, das ziemt auch mir.
+Und ist die Wahrheit wohl von hier verbannt?
+Ist im Palast der freie Geist gekerkert?
+Hat hier ein edler Mensch nur Druck zu dulden?
+Mich dünkt hier ist die Hoheit erst an ihrem Platz,
+Der Seele Hoheit! Darf sie sich der Nähe
+Der Großen dieser Erde nicht erfreun?
+Sie darf's und soll's. Wir nahen uns dem Fürsten
+Durch Adel nur, der uns von Vätern kam;
+Warum nicht durchs Gemüt, das die Natur
+Nicht jedem groß verlieh, wie sie nicht jedem
+Die Reihe großer Ahnherrn geben konnte?
+Nur Kleinheit sollte hier sich ängstlich fühlen,
+Der Neid, der sich zu seiner Schande zeigt:
+Wie keiner Spinne schmutziges Gewebe
+An diesen Marmorwänden haften soll.
+
+Antonio.
+Du zeigst mir selbst mein Recht dich zu verschmähn!
+Der übereilte Knabe will des Manns
+Vertraun und Freundschaft mit Gewalt ertrotzen?
+Unsittlich, wie du bist, hältst du dich gut?
+
+Tasso.
+Viel lieber, was ihr euch unsittlich nennt,
+Als was ich mir unedel nennen müsste.
+
+Antonio.
+Du bist noch jung genug, dass gute Zucht
+Dich eines bessern Wegs belehren kann.
+
+Tasso.
+Nicht jung genug, vor Götzen mich zu neigen,
+Und, Trotz mit Trotz zu bänd'gen, alt genug.
+
+Antonio.
+Wo Lippenspiel und Saitenspiel entscheiden,
+Ziehst du als Held und Sieger wohl davon.
+
+Tasso.
+Verwegen wär' es, meine Faust zu rühmen;
+Denn sie hat nichts getan; doch ich vertrau' ihr.
+
+Antonio.
+Du traust auf Schonung, die dich nur zu sehr
+Im frechen Laufe deines Glücks verzog.
+
+Tasso.
+Dass ich erwachsen bin, das fühl' ich nun.
+Mit dir am wenigsten hätt' ich gewünscht
+Das Wagespiel der Waffen zu versuchen:
+Allein du schürest Glut auf Glut, es kocht
+Das innre Mark, die schmerzliche Begier
+Der Rache siedet schäumend in der Brust.
+Bist du der Mann der du dich rühmst, so steh mir!
+
+Antonio.
+Du weißt so wenig wer, als wo du bist.
+
+Tasso.
+Kein Heiligtum heißt uns den Schimpf ertragen.
+Du lästerst, du entweihest diesen Ort,
+Nicht ich, der ich Vertraun, Verehrung, Liebe,
+Das schönste Opfer, dir entgegen trug.
+Dein Geist verunreint dieses Paradies
+Und deine Worte diesen reinen Saal,
+Nicht meines Herzens schwellendes Gefühl,
+Das braust, den kleinsten Flecken nicht zu leiden.
+
+Antonio.
+Welch hoher Geist in einer engen Brust!
+
+Tasso.
+Hier ist noch Raum, dem Busen Luft zu machen.
+
+Antonio.
+Es macht das Volk sich auch mit Worten Luft.
+
+Tasso.
+Bist du ein Edelmann wie ich, so zeig' es.
+
+Antonio.
+Ich bin es wohl, doch weiß ich, wo ich bin.
+
+Tasso.
+Komm mit herab, wo unsre Waffen gelten.
+
+Antonio.
+Wie du nicht fordern solltest, folg' ich nicht.
+
+Tasso.
+Der Feigheit ist solch Hindernis willkommen.
+
+Antonio.
+Der Feige droht nur, wo er sicher ist.
+
+Tasso.
+Mit Freuden kann ich diesem Schutz entsagen.
+
+Antonio.
+Vergib dir nur, dem Ort vergibst du nichts.
+
+Tasso.
+Verzeihe mir der Ort dass ich es litt.
+
+(Er zieht den Degen.)
+
+Zieh oder folge, wenn ich nicht auf ewig,
+Wie ich dich hasse, dich verachten soll.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Alphons. Die Vorigen.
+
+Alphons.
+In welchem Streit treff' ich euch unerwartet?
+
+Antonio.
+Du findest mich, o Fürst, gelassen stehn
+Vor einem, den die Wut ergriffen hat.
+
+Tasso.
+Ich bete dich als eine Gottheit an,
+Dass du mit Einem Blick mich warnend bändigst.
+
+Alphons.
+Erzähl', Antonio, Tasso, sag' mir an,
+Wie hat der Zwist sich in mein Haus gedrungen?
+Wie hat er euch ergriffen, von der Bahn
+Der Sitten, der Gesetze kluge Männer
+Im Taumel weggerissen? Ich erstaune.
+
+Tasso.
+Du kennst uns beide nicht, ich glaub' es wohl.
+Hier dieser Mann, berühmt als klug und sittlich,
+Hat roh und hämisch, wie ein unerzogner,
+Unedler Mensch, sich gegen mich betragen.
+Zutraulich naht' ich ihm, er stieß mich weg;
+Beharrlich liebend drang ich mich zu ihm,
+Und bitter, immer bittrer, ruht' er nicht,
+Bis er den reinsten Tropfen Bluts in mir
+Zu Galle wandelte. Verzeih! Du hast mich hier
+Als einen Wütenden getroffen. Dieser
+Hat alle Schuld, wenn ich mich schuldig machte.
+Er hat die Glut gewaltsam angefacht,
+Die mich ergriff und mich und ihn verletzte.
+
+Antonio.
+Ihn riss der hohe Dichterschwung hinweg!
+Du hast, o Fürst, zuerst mich angeredet,
+Hast mich gefragt: Es sei mir nun erlaubt,
+Nach diesem raschen Redner auch zu sprechen.
+
+Tasso.
+O ja, erzähl', erzähl' von Wort zu Wort!
+Und kannst du jede Silbe, jede Miene
+Vor diesen Richter stellen, wag' es nur!
+Beleidige dich selbst zum zweiten Male
+Und zeuge wider dich! Dagegen will
+Ich keinen Hauch und keinen Pulsschlag leugnen.
+
+Antonio.
+Wenn du noch mehr zu reden hast, so sprich;
+Wo nicht, so schweig und unterbrich mich nicht.
+Ob ich, mein Fürst, ob dieser heiße Kopf
+Den Streit zuerst begonnen? Wer es sei,
+Der unrecht hat? Ist eine weite Frage,
+Die wohl zuvörderst noch auf sich beruht.
+
+Tasso.
+Wie das? Mich dünkt, das ist die erste Frage:
+Wer von uns beiden Recht und Unrecht hat.
+
+Antonio.
+Nicht ganz, wie sich's der unbegränzte Sinn
+Gedenken mag.
+
+Alphons.
+ Antonio!
+
+Antonio.
+ Gnädigster,
+Ich ehre deinen Wink, doch lass ihn schweigen!
+Hab' ich gesprochen, mag er weiter reden;
+Du wirst entscheiden. Also sag' ich nur:
+Ich kann mit ihm nicht rechten, kann ihn weder
+Verklagen, noch mich selbst verteid'gen, noch
+Ihm jetzt genug zu tun mich anerbieten.
+Denn, wie er steht, ist er kein freier Mann.
+Es waltet über ihm ein schwer Gesetz,
+Das deine Gnade höchstens lindern wird.
+Er hat mir hier gedroht, hat mich gefodert;
+Vor dir verbarg er kaum das nackte Schwert.
+Und tratst du, Herr, nicht zwischen uns herein,
+So stünde jetzt auch ich als pflichtvergessen,
+Mitschuldig und beschämt vor deinem Blick.
+
+Alphons (zu Tasso).
+Du hast nicht wohl getan.
+
+Tasso.
+ Mich spricht, o Herr,
+Mein eigen Herz, gewiss auch deines frei.
+Ja, es ist wahr, ich drohte, forderte,
+Ich zog. Allein, wie tückisch seine Zunge
+Mit wohl gewählten Worten mich verletzt,
+Wie scharf und schnell sein Zahn das feine Gift
+Mir in das Blut geflößt, wie er das Fieber
+Nur mehr und mehr erhitzt--du denkst es nicht!
+Gelassen, kalt, hat er mich ausgehalten,
+Aufs Höchste mich getrieben. O! Du kennst,
+Du kennst ihn nicht und wirst ihn niemals kennen!
+Ich trug ihm warm die schönste Freundschaft an--
+Er warf mir meine Gaben vor die Füße;
+Und hätte meine Seele nicht geglüht,
+So war sie deiner Gnade, deines Dienstes
+Auf ewig unwert. Hab' ich des Gesetzes
+Und dieses Orts vergessen, so verzeih.
+Auf keinem Boden darf ich niedrig sein,
+Erniedrigung auf keinem Boden dulden.
+Wenn dieses Herz, es sei auch, wo es will,
+Dir fehlt und sich, dann strafe, dann verstoße,
+Und lass mich nie dein Auge wieder sehn.
+
+Antonio.
+Wie leicht der Jüngling schwere Lasten trägt
+Und Fehler wie den Staub vom Kleide schüttelt!
+Es wäre zu verwundern, wenn die Zauberkraft
+Der Dichtung nicht bekannter wäre, die
+Mit dem Unmöglichen so gern ihr Spiel
+Zu treiben liebt. Ob du auch so, mein Fürst,
+Ob alle deine Diener diese Tat
+So unbedeutend halten, zweifl' ich fast.
+Die Majestät verbreitet ihren Schutz
+Auf jeden, der sich ihr wie einer Gottheit
+Und ihrer unverletzten Wohnung naht.
+Wie an dem Fuße des Altars bezähmt
+Sich auf der Schwelle jede Leidenschaft.
+Da blinkt kein Schwert, da fällt kein drohend Wort,
+Da fordert selbst Beleid'gung keine Rache.
+Es bleibt das weite Feld ein offner Raum
+Für Grimm und Unversöhnlichkeit genug:
+Dort wird kein Feiger drohn, kein Mann wird fliehn.
+Hier diese Mauern haben deine Väter
+Auf Sicherheit gegründet, ihrer Würde
+Ein Heiligtum befestigt, diese Ruhe
+Mit schweren Strafen ernst und klug erhalten;
+Verbannung, Kerker, Tod ergriff den Schuldigen.
+Da war kein Ansehn der Person, es hielt
+Die Milde nicht den Arm des Rechts zurück,
+Und selbst der Frevler fühlte sich geschreckt.
+Nun sehen wir nach langem, schönem Frieden
+In das Gebiet der Sitten rohe Wut
+Im Taumel wiederkehren. Herr, entscheide,
+Bestrafe! Denn wer kann in seiner Pflicht
+Beschränkten Grenzen wandeln, schützet ihn
+Nicht das Gesetz und seines Fürsten Kraft?
+
+Alphons.
+Mehr, als ihr beide sagt und sagen könnt,
+Lässt unparteiisch das Gemüt mich hören.
+Ihr hättet schöner eure Pflicht getan,
+Wenn ich dies Urteil nicht zu sprechen hätte;
+Denn hier sind Recht und Unrecht nah verwandt.
+Wenn dich Antonio beleidigt hat,
+So hat er dir auf irgendeine Weise
+Genug zu tun, wie du es fordern wirst.
+Mir wär' es lieb, ihr wähltet mich zum Austrag.
+Indessen, dein Vergehen macht, o Tasso,
+Dich zum Gefangnen. Wie ich dir vergebe,
+So lindr' ich das Gesetz um deinetwillen.
+Verlass uns, Tasso! Bleib auf deinem Zimmer,
+Von dir und mit dir selbst allein bewacht.
+
+Tasso.
+Ist dies, o Fürst, dein richterlicher Spruch?
+
+Antonio.
+Erkennest du des Vaters Milde nicht?
+
+Tasso (zu Antonio).
+Mit dir hab' ich vorerst nichts mehr zu reden.
+(Zu Alphons.) O Fürst, es übergibt dein ernstes Wort
+Mich Freien der Gefangenschaft. Es sei!
+Du hältst es recht. Dein heilig Wort verehrend,
+Heiß' ich mein innres Herz im tiefsten schweigen.
+Es ist mir neu, so neu, dass ich fast dich
+Und mich und diesen schönen Ort nicht kenne.
+Doch diesen kenn' ich wohl--Gehorchen will ich,
+Ob ich gleich hier noch manches sagen könnte
+Und sagen sollte. Mir verstummt die Lippe.
+War's ein Verbrechen? Wenigstens es scheint,
+Ich bin als ein Verbrecher angesehn.
+Und, was mein Herz auch sagt, ich bin gefangen.
+
+Alphons.
+Du nimmst es höher, Tasso, als ich selbst.
+
+Tasso.
+Mir bleibt es unbegreiflich wie es ist;
+Zwar unbegreiflich nicht, ich bin kein Kind;
+Ich meine fast, ich müsst' es denken können.
+Auf einmal winkt mich eine Klarheit an,
+Doch augenblicklich schließt sich's wieder zu,
+Ich höre nur mein Urteil, beuge mich.
+Das sind zuviel vergebne Worte schon.
+Gewöhne dich von nun an zu gehorchen,
+Ohnmächt'ger! Du vergaßest wo du standst:
+Der Götter Saal schien dir auf gleicher Erde,
+Nun überwältigt dich der jähe Fall.
+Gehorche gern; denn es geziemt dem Manne,
+Auch willig das Beschwerliche zu tun.
+Hier nimm den Degen erst, den du mir gabst,
+Als ich dem Kardinal nach Frankreich folgte;
+Ich führt' ihn nicht mit Ruhm, doch nicht mit Schande,
+Auch heute nicht. Der hoffnungsvollen Gabe
+Entäußr' ich mich mit tief gerührtem Herzen.
+
+Alphons.
+Wie ich zu dir gesinnt bin fühlst du nicht.
+
+Tasso.
+Gehorchen ist mein Los, und nicht, zu denken!
+Und leider eines herrlichern Geschenks
+Verleugnung fordert das Geschick von mir.
+Die Krone kleidet den Gefangnen nicht:
+Ich nehme selbst von meinem Haupt die Zierde,
+Die für die Ewigkeit gegönnt mir schien.
+Zu früh war mir das schönste Glück verliehen
+Und wird, als hätt' ich sein mich überhoben,
+Mir nur zu bald geraubt.
+Du nimmst dir selbst, was keiner nehmen konnte,
+Und was kein Gott zum zweiten Male gibt.
+Wir Menschen werden wunderbar geprüft;
+Wir könnten's nicht ertragen, hätt' uns nicht
+Den holden Leichtsinn die Natur verliehn.
+Mit unschätzbaren Gütern lehret uns
+Verschwenderisch die Not gelassen spielen:
+Wir öffnen willig unsre Hände, dass
+Unwiederbringlich uns ein Gut entschlüpfe.
+Mit diesem Kuss vereint sich eine Träne
+Und weiht dich der Vergänglichkeit! Es ist
+Erlaubt das holde Zeichen unsrer Schwäche.
+Wer weinte nicht, wenn das Unsterbliche
+Vor der Zerstörung selbst nicht sicher ist?
+Geselle dich zu diesem Degen, der
+Dich leider nicht erwarb! Um ihn geschlungen,
+Ruhe, wie auf dem Sarg der Tapfern, auf
+Dem Grabe meines Glücks und meiner Hoffnung!
+Hier leg' ich beide willig dir zu Füßen;
+Denn wer ist wohl gewaffnet, wenn du zürnst?
+Und wer geschmückt, o Herr, den du verkennst?
+Gefangen geh' ich, warte des Gerichts.
+
+(Auf des Fürsten Wink, hebt ein Page den Degen mit dem Kranze auf
+und trägt ihn weg.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Alphons. Antonio.
+
+Antonio.
+Wo schwärmt der Knabe hin? Mit welchen Farben
+Mahlt er sich seinen Wert und sein Geschick?
+Beschränkt und unerfahren, hält die Jugend
+Sich für ein einzig auserwähltes Wesen
+Und alles über alle sich erlaubt.
+Er fühle sich gestraft, und strafen heißt
+Dem Jüngling wohl tun, dass der Mann uns danke.
+
+Alphons.
+Er ist gestraft, ich fürchte: Nur zu viel.
+
+Antonio.
+Wenn du gelind mit ihm verfahren magst,
+So gib, o Fürst, ihm seine Freiheit wieder,
+Und unsern Zwist entscheide dann das Schwert.
+
+Alphons.
+Wenn es die Meinung fordert, mag es sein.
+Doch sprich, wie hast du seinen Zorn gereizt?
+
+Antonio.
+Ich wüsste kaum zu sagen, wie's geschah.
+Als Menschen hab' ich ihn vielleicht gekränkt,
+Als Edelmann hab' ich ihn nicht beleidigt.
+Und seinen Lippen ist im größten Zorne
+Kein sittenloses Wort entflohn.
+
+Alphons.
+ So schien
+Mir euer Streit, und was ich gleich gedacht,
+Bekräftigt deine Rede mir noch mehr.
+Wenn Männer sich entzweien, hält man billig
+Den Klügsten für den Schuldigen. Du solltest
+Mit ihm nicht zürnen; ihn zu leiten stünde
+Dir besser an. Noch immer ist es Zeit:
+Hier ist kein Fall, der euch zu streiten zwänge.
+Solang mir Friede bleibt, so lange wünsch' ich
+In meinem Haus ihn zu genießen. Stelle
+Die Ruhe wieder her--du kannst es leicht.
+Lenore Sanvitale mag ihn erst
+Mit zarter Lippe zu besänft'gen suchen:
+Dann tritt zu ihm, gib ihm in meinem Namen
+Die volle Freiheit wieder, und gewinne
+Mit edeln, wahren Worten sein Vertraun.
+Verrichte das, sobald du immer kannst;
+Du wirst als Freund und Vater mit ihm sprechen.
+Noch eh' wir scheiden, will ich Friede wissen,
+Und dir ist nichts unmöglich, wenn du willst.
+Wir bleiben lieber eine Stunde länger
+Und lassen dann die Frauen sanft vollenden,
+Was du begannst; und kehren wir zurück,
+So haben sie von diesem raschen Eindruck
+Die letzte Spur vertilgt. Es scheint, Antonio,
+Du willst nicht aus der Übung kommen! Du
+Hast ein Geschäft kaum erst vollendet, nun
+Kehrst du zurück und schaffst dir gleich ein neues.
+Ich hoffe, dass auch dieses dir gelingt.
+
+Antonio.
+Ich bin beschämt und seh' in deinen Worten,
+Wie in dem klarsten Spiegel, meine Schuld!
+Gar leicht gehorcht man einem edlen Herrn,
+Der überzeugt, indem er uns gebietet.
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+Prinzessin (allein).
+
+Wo bleibt Eleonore? Schmerzlicher
+Bewegt mir jeden Augenblick die Sorge
+Das tiefste Herz. Kaum weiß ich was geschah,
+Kaum weiß ich, wer von beiden schuldig ist.
+O dass sie käme! Möcht' ich doch nicht gern
+Den Bruder nicht, Antonio nicht sprechen,
+Eh' ich gefasster bin, eh' ich vernommen,
+Wie alles steht, und was es werden kann.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Prinzessin. Leonore.
+
+Prinzessin.
+Was bringst du, Leonore? Sag' mir an,
+Wie steht's um unsre Freunde? Was geschah?
+
+Leonore.
+Mehr, als wir wissen, hab' ich nicht erfahren.
+Sie trafen hart zusammen, Tasso zog,
+Dein Bruder trennte sie. Allein es scheint,
+Als habe Tasso diesen Streit begonnen:
+Antonio geht frei umher und spricht
+Mit seinem Fürsten: Tasso bleibt dagegen
+Verbannt in seinem Zimmer und allein.
+
+Prinzessin.
+Gewiss hat ihn Antonio gereizt,
+Den hoch Gestimmten kalt und fremd beleidigt.
+
+Leonore.
+Ich glaub' es selbst. Denn eine Wolke stand,
+Schon als er zu uns trat, um seine Stirn.
+
+Prinzessin.
+Ach dass wir doch, dem reinen stillen Wink
+Des Herzens nach zu gehen, so sehr verlernen!
+Ganz leise spricht ein Gott in unsrer Brust,
+Ganz leise, ganz vernehmlich, zeigt uns an,
+Was zu ergreifen ist und was zu fliehn.
+Antonio erschien mir heute früh
+Viel schroffer noch als je, in sich gezogner.
+Es warnte mich mein Geist, als neben ihn
+Sich Tasso stellte. Sieh das Äußre nur
+Von beiden an, das Angesicht, den Ton,
+Den Blick, den Tritt! Es widerstrebt sich alles;
+Sie können ewig keine Liebe wechseln.
+Doch überredete die Hoffnung mich,
+Die Gleisnerinn: Sie sind vernünftig beide,
+Sind edel, unterrichtet, deine Freunde;
+Und welch ein Band ist sichrer als der Guten?
+Ich trieb den Jüngling an; er gab sich ganz;
+Wie schön, wie warm ergab er ganz sich mir!
+O hätt' ich gleich Antonio gesprochen!
+Ich zauderte; es war nur kurze Zeit;
+Ich scheute mich, gleich mit den ersten Worten
+Und dringend ihm den Jüngling zu empfehlen;
+Verließ auf Sitte mich und Höflichkeit,
+Auf den Gebrauch der Welt, der sich so glatt
+Selbst zwischen Feinde legt; befürchtete
+Von dem geprüften Manne diese Jähe
+Der raschen Jugend nicht. Es ist geschehn.
+Das Übel stand mir fern, nun ist es da.
+O gib mir einen Rat! Was ist zu tun?
+
+Leonore.
+Wie schwer zu raten sei, das fühlst du selbst
+Nach dem, was du gesagt. Es ist nicht hier
+Ein Missverständnis zwischen gleich Gestimmten;
+Das stellen Worte, ja im Notfall stellen
+Es Waffen leicht und glücklich wieder her.
+Zwei Männer sind's, ich hab' es lang gefühlt,
+Die darum Feinde sind, weil die Natur
+Nicht einen Mann aus ihnen beiden formte.
+Und wären sie zu ihrem Vorteil klug,
+So würden sie als Freunde sich verbinden:
+Dann stünden sie für einen Mann und gingen
+Mit Macht und Glück und Lust durchs Leben hin.
+So hofft' ich selbst; nun seh' ich wohl: Umsonst.
+Der Zwist von heute, sei er, wie er sei,
+Ist beizulegen; doch das sichert uns
+Nicht für die Zukunft, für den Morgen nicht.
+Es wär' am besten, dächt' ich, Tasso reiste
+Auf eine Zeit von hier; er könnte ja
+Nach Rom, auch nach Florenz sich wenden; dort
+Träf' ich in wenig Wochen ihn und könnte
+Auf sein Gemüt als eine Freundin wirken.
+Du würdest hier indessen den Antonio,
+Der uns so fremd geworden, dir aufs neue
+Und deinen Freunden näher bringen: So
+Gewährte das, was itzt unmöglich scheint,
+Die gute Zeit vielleicht, die vieles gibt.
+
+Prinzessin.
+Du willst dich in Genuss, o Freundin, setzen,
+Ich soll entbehren; heißt das billig sein?
+
+Leonore.
+Entbehren wirst du nichts, als was du doch
+In diesem Falle nicht genießen könntest.
+
+Prinzessin.
+So ruhig soll ich einen Freund verbannen?
+
+Leonore.
+Erhalten, den du nur zum Schein verbannst.
+
+Prinzessin.
+Mein Bruder wird ihn nicht mit Willen lassen.
+
+Leonore.
+Wenn er es sieht wie wir, so gibt er nach.
+
+Prinzessin.
+Es ist so schwer, im Freunde sich verdammen.
+
+Leonore.
+Und dennoch rettest du den Freund in dir.
+
+Prinzessin.
+Ich gebe nicht mein Ja, dass es geschehe.
+
+Leonore.
+So warte noch ein größres Übel ab.
+
+Prinzessin.
+Du peinigst mich und weißt nicht, ob du nützest.
+
+Leonore.
+Wir werden bald entdecken, wer sich irrt.
+
+Prinzessin.
+Und soll es sein, so frage mich nicht länger.
+
+Leonore.
+Wer sich entschließen kann, besiegt den Schmerz.
+
+Prinzessin.
+Entschlossen bin ich nicht, allein es sei,
+Wenn er sich nicht auf lange Zeit entfernt--
+Und lass uns für ihn sorgen, Leonore,
+Dass er nicht etwa künftig Mangel leide,
+Dass ihm der Herzog seinen Unterhalt
+Auch in der Ferne willig reichen lasse.
+Sprich mit Antonio; denn er vermag
+Bei meinem Bruder viel, und wird den Streit
+Nicht unserm Freund und uns gedenken wollen.
+
+Leonore.
+Ein Wort von dir, Prinzessin, gälte mehr.
+
+Prinzessin.
+Ich kann, du weißt es, meine Freundin, nicht
+Wie's meine Schwester von Urbino kann,
+Für mich und für die Meinen was erbitten.
+Ich lebe gern so stille vor mich hin,
+Und nehme von dem Bruder dankbar an,
+Was er mir immer geben kann und will.
+Ich habe sonst darüber manchen Vorwurf
+Mir selbst gemacht; nun hab' ich überwunden.
+Es schalt mich eine Freundin oft darum:
+Du bist uneigennützig, sagte sie,
+Das ist recht schön; allein so sehr bist du's,
+Dass du auch das Bedürfnis deiner Freunde
+Nicht recht empfinden kannst. Ich lass' es gehn
+Und muss denn eben diesen Vorwurf tragen.
+Um desto mehr erfreut es mich, dass ich
+Nun in der Tat dem Freunde nützen kann;
+Es fällt mir meiner Mutter Erbschaft zu,
+Und gerne will ich für ihn sorgen helfen.
+
+Leonore.
+Und ich, o Fürstin, finde mich im Falle,
+Dass ich als Freundin auch mich zeigen kann.
+Er ist kein guter Wirth; wo es ihm fehlt,
+Werd' ich ihm schon geschickt zu helfen wissen.
+
+Prinzessin.
+So nimm ihn weg, und, soll ich ihn entbehren,
+Vor allen andern sei er dir gegönnt!
+Ich seh' es wohl, so wird es besser sein.
+Muss ich denn wieder diesen Schmerz als gut
+Und heilsam preisen? Das war mein Geschick
+Von Jugend auf; ich bin nun dran gewöhnt.
+Nur halb ist der Verlust des schönsten Glücks,
+Wenn wir auf den Besitz nicht sicher zählten.
+
+Leonore.
+Ich hoffe dich, so schön du es verdienst,
+Glücklich zu sehn!
+
+Prinzessin.
+ Eleonore! Glücklich?
+Wer ist denn glücklich?--Meinen Bruder zwar
+Möcht' ich so nennen; denn sein großes Herz
+Trägt sein Geschick mit immer gleichem Mut;
+Allein, was er verdient, das ward ihm nie.
+Ist meine Schwester von Urbino glücklich?
+Das schöne Weib, das edle große Herz!
+Sie bringt dem jüngern Manne keine Kinder;
+Er achtet sie und lässt sie's nicht entgelten,
+Doch keine Freude wohnt in ihrem Haus.
+Was half denn unsrer Mutter ihre Klugheit?
+Die Kenntnis jeder Art, ihr großer Sinn?
+Konnt' er sie vor dem fremden Irrtum schützen?
+Man nahm uns von ihr weg: Nun ist sie tot.
+Sie ließ uns Kindern nicht den Trost, dass sie
+Mit ihrem Gott versöhnt gestorben sei.
+
+Leonore.
+O blicke nicht nach dem, was jedem fehlt;
+Betrachte, was noch einem jeden bleibt!
+Was bleibt nicht dir, Prinzessin?
+
+Prinzessin.
+ Was mir bleibt?
+Geduld, Eleonore! Üben konnt' ich die
+Von Jugend auf. Wenn Freunde, wenn Geschwister
+Bei Fest und Spiel gesellig sich erfreuten,
+Hielt Krankheit mich auf meinem Zimmer fest,
+Und in Gesellschaft mancher Leiden musst'
+Ich früh entbehren lernen. Eines war,
+Was in der Einsamkeit mich schön ergötzte,
+Die Freude des Gesangs; ich unterhielt
+Mich mit mir selbst, ich wiegte Schmerz und Sehnsucht
+Und jeden Wunsch mit leisen Tönen ein.
+Da wurde Leiden oft Genuss, und selbst
+Das traurige Gefühl zur Harmonie.
+Nicht lang' war mir dies Glück gegönnt, auch dieses
+Nahm mir der Arzt hinweg: Sein streng Gebot
+Hieß mich verstummen; leben sollt' ich, leiden,
+Den einz'gen kleinen Trost sollt' ich entbehren.
+
+Leonore.
+So viele Freunde fanden sich zu dir,
+Und nun bist du gesund, bist lebensfroh.
+
+Prinzessin.
+Ich bin gesund, das heißt: Ich bin nicht krank;
+Und manche Freunde hab' ich, deren Treue
+Mich glücklich macht. Auch hatt' ich einen Freund--
+
+Leonore.
+Du hast ihn noch.
+
+Prinzessin.
+Und werd' ihn bald verlieren.
+Der Augenblick, da ich zuerst ihn sah,
+War viel bedeutend. Kaum erholt' ich mich
+Von manchen Leiden; Schmerz und Krankheit waren
+Kaum erst gewichen; still bescheiden blickt' ich
+Ins Leben wieder, freute mich des Tags
+Und der Geschwister wieder, sog beherzt
+Der süßen Hoffnung reinsten Balsam ein.
+Ich wagt' es vorwärts in das Leben weiter
+Hinein zu sehn, und freundliche Gestalten
+Begegneten mir aus der Ferne. Da,
+Eleonore, stellte mir den Jüngling
+Die Schwester vor; er kam an ihrer Hand,
+Und, dass ich dir's gestehe, da ergriff
+Ihn mein Gemüt und wird ihn ewig halten.
+
+Leonore.
+O meine Fürstin, lass dich's nicht gereuen!
+Das Edle zu erkennen, ist Gewinst,
+Der nimmer uns entrissen werden kann.
+
+Prinzessin.
+Zu fürchten ist das Schöne das Fürtreffliche,
+Wie eine Flamme, die so herrlich nützt,
+Solange sie auf deinem Herde brennt,
+Solang sie dir von einer Fackel leuchtet,
+Wie hold! Wer mag, wer kann sie da entbehren?
+Und frisst sie ungehütet um sich her,
+Wie elend kann sie machen! Lass mich nun.
+Ich bin geschwätzig, und verbärge besser
+Auch selbst vor dir, wie schwach ich bin und krank.
+
+Leonore.
+Die Krankheit des Gemütes löset sich
+In Klagen und Vertraun am leichtsten auf.
+
+Prinzessin.
+Wenn das Vertrauen heilt, so heil' ich bald;
+Ich hab' es rein und hab' es ganz zu dir.
+Ach, meine Freundin! Zwar ich bin entschlossen:
+Er scheide nur! Allein ich fühle schon
+Den langen ausgedehnten Schmerz der Tage, wenn
+Ich nun entbehren soll, was mich erfreute.
+Die Sonne hebt von meinen Augenliedern
+Nicht mehr sein schön verklärtes Traumbild auf,
+Die Hoffnung ihn zu sehen füllt nicht mehr
+Den kaum erwachten Geist mit froher Sehnsucht;
+Mein erster Blick hinab in unsre Gärten
+Sucht ihn vergebens in dem Tau der Schatten.
+Wie schön befriedigt fühlte sich der Wunsch,
+Mit ihm zu sein an jedem heitern Abend!
+Wie mehrte sich im Umgang das Verlangen
+Sich mehr zu kennen, mehr sich zu verstehn!
+Und täglich stimmte das Gemüt sich schöner
+Zu immer reinern Harmonien auf.
+Welch eine Dämmrung fällt nun vor mir ein!
+Der Sonne Pracht, das fröhliche Gefühl
+Des hohen Tags, der tausendfachen Welt
+Glanzreiche Gegenwart, ist öd' und tief
+Im Nebel eingehüllt, der mich umgibt.
+Sonst war mir jeder Tag ein ganzes Leben;
+Die Sorge schwieg, die Ahndung selbst verstummte,
+Und, glücklich eingeschifft, trug uns der Strom
+Auf leichten Wellen ohne Ruder hin:
+Nun überfällt in trüber Gegenwart
+Der Zukunft Schrecken heimlich meine Brust.
+
+Leonore.
+Die Zukunft gibt dir deine Freunde wieder
+Und bringt dir neue Freude, neues Glück.
+
+Prinzessin.
+Was ich besitze, mag ich gern bewahren:
+Der Wechsel unterhält, doch nutzt er kaum.
+Mit jugendlicher Sehnsucht griff ich nie
+Begierig in den Lostopf fremder Welt,
+Für mein bedürfend unerfahren Herz
+Zufällig einen Gegenstand zu haschen.
+Ihn musst' ich ehren, darum liebt' ich ihn;
+Ich musst' ihn lieben, weil mit ihm mein Leben
+Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt.
+Erst sagt' ich mir: Entferne dich von ihm!
+Ich wich und wich und kam nur immer näher,
+So lieblich angelockt, so hart bestraft!
+Ein reines, wahres Gut verschwindet mir,
+Und meiner Sehnsucht schiebt ein böser Geist
+Statt Freud' und Glück verwandte Schmerzen unter.
+
+Leonore.
+Wenn einer Freundin Wort nicht trösten kann,
+So wird die stille Kraft der schönen Welt,
+Der guten Zeit dich unvermerkt erquicken.
+
+Prinzessin.
+Wohl ist sie schön die Welt! In ihrer Weite
+Bewegt sich so viel Gutes hin und her.
+Ach, dass es immer nur um einen Schritt
+Von uns sich zu entfernen scheint
+Und unsre bange Sehnsucht durch das Leben
+Auch Schritt vor Schritt bis nach dem Grabe lockt!
+So selten ist es, dass die Menschen finden,
+Was ihnen doch bestimmt gewesen schien,
+So selten, dass sie das erhalten, was
+Auch einmal die beglückte Hand ergriff!
+Es reißt sich los, was erst sich uns ergab,
+Wir lassen los, was wir begierig fassten.
+Es gibt ein Glück, allein wir kennen's nicht:
+Wir kennen's wohl und wissen's nicht zu schätzen.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Leonore (allein).
+
+Wie jammert mich das edle, schöne Herz!
+Welch traurig Los, das ihrer Hoheit fällt!
+Ach sie verliert--und denkst du, zu gewinnen?
+Ist's denn so nötig, dass er sich entfernt?
+Machst du es nötig, um allein für dich
+Das Herz und die Talente zu besitzen,
+Die du bisher mit einer andern teilst
+Und ungleich teilst? Ist's redlich, so zu handeln?
+Bist du nicht reich genug? Was fehlt dir noch?
+Gemahl und Sohn und Güter, Rang und Schönheit,
+Das hast du alles, und du willst noch ihn
+Zu diesem allen haben? Liebst du ihn?
+Was ist es sonst, warum du ihn nicht mehr
+Entbehren magst? Du darfst es dir gestehn.--
+Wie reizend ist's, in seinem schönen Geiste
+Sich selber zu bespiegeln! Wird ein Glück
+Nicht doppelt groß und herrlich, wenn sein Lied
+Uns wie auf Himmelswolken trägt und hebt?
+Dann bist du erst beneidenswert! Du bist,
+Du hast das nicht allein, was viele wünschen;
+Es weiß, es kennt auch jeder, was du hast!
+Dich nennt dein Vaterland und sieht auf dich,
+Das ist der höchste Gipfel jedes Glücks.
+Ist Laura denn allein der Name, der
+Von allen zarten Lippen klingen soll?
+Und hatte nur Petrarch allein das Recht,
+Die unbekannte Schöne zu vergöttern?
+Wo ist ein Mann, der meinem Freunde sich
+Vergleichen darf? Wie ihn die Welt verehrt,
+So wird die Nachwelt ihn verehrend nennen.
+Wie herrlich ist's, im Glanze dieses Lebens
+Ihn an der Seite haben! So mit ihm
+Der Zukunft sich mit leichtem Schritte nahn!
+Alsdann vermag die Zeit, das Alter nichts
+Auf dich und nichts der freche Ruf,
+Der hin und her des Beifalls Woge treibt:
+Das, was vergänglich ist, bewahrt sein Lied.
+Du bist noch schön, noch glücklich, wenn schon lange
+Der Kreis der Dinge dich mit fortgerissen.
+Du musst ihn haben, und ihr nimmst du nichts:
+Denn ihre Neigung zu dem werten Manne
+Ist ihren andern Leidenschaften gleich.
+Sie leuchten, wie der stille Schein des Monds
+Dem Wandrer spärlich auf dem Pfad zu Nacht,
+Sie wärmen nicht, und gießen keine Lust
+Noch Lebensfreud' umher. Sie wird sich freuen,
+Wenn sie ihn fern, wenn sie ihn glücklich weiß,
+Wie sie genoss, wenn sie ihn täglich sah.
+Und dann, ich will mit meinem Freunde nicht
+Von ihr und diesem Hofe mich verbannen:
+Ich komme wieder, und ich bring' ihn wieder.
+So soll es sein!--Hier kommt der raue Freund:
+Wir wollen sehn, ob wir ihn zähmen können.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Leonore. Antonio.
+
+Leonore.
+Du bringst uns Krieg statt Frieden: Scheint es doch,
+Du kommst aus einem Lager, einer Schlacht,
+Wo die Gewalt regiert, die Faust entscheidet,
+Und nicht von Rom, wo feierliche Klugheit
+Die Hände segnend hebt und eine Welt
+Zu ihren Füßen sieht, die gern gehorcht.
+
+Antonio.
+Ich muss den Tadel, schöne Freundin, dulden,
+Doch die Entschuld'gung liegt nicht weit davon.
+Es ist gefährlich, wenn man allzu lang
+Sich klug und mäßig zeigen muss. Es lauert
+Der böse Genius dir an der Seite
+Und will gewaltsam auch von Zeit zu Zeit
+Ein Opfer haben. Leider hab' ich's diesmal
+Auf meiner Freunde Kosten ihm gebracht.
+
+Leonore.
+Du hast um fremde Menschen dich so lang
+Bemüht und dich nach ihrem Sinn gerichtet:
+Nun, da du deine Freunde wieder siehst,
+Verkennst du sie, und rechtest wie mit Fremden.
+
+Antonio.
+Da liegt, geliebte Freundin, die Gefahr!
+Mit fremden Menschen nimmt man sich zusammen,
+Da merkt man auf, da sucht man seinen Zweck
+In ihrer Gunst, damit sie nutzen sollen;
+Allein bei Freunden lässt man frei sich gehen:
+Man ruht in ihrer Liebe, man erlaubt
+Sich eine Laune, ungezähmter wirkt
+Die Leidenschaft, und so verletzen wir
+Am ersten die, die wir am zärt'sten lieben.
+
+Leonore.
+In dieser ruhigen Betrachtung find' ich dich
+Schon ganz, mein teurer Freund, mit Freuden wieder.
+
+Antonio.
+Ja, mich verdrießt--und ich bekenn' es gern--
+Dass ich mich heut so ohne Maß verlor.
+Allein gestehe, wenn ein wackrer Mann
+Mit heißer Stirn von saurer Arbeit kommt
+Und spät am Abend in ersehnten Schatten
+Zu neuer Mühe auszuruhen denkt
+Und findet dann von einem Müßiggänger
+Den Schatten breit besessen, soll er nicht
+Auch etwas Menschlichs in dem Busen fühlen?
+
+Leonore.
+Wenn er recht menschlich ist, so wird er auch
+Den Schatten gern mit einem Manne teilen,
+Der ihm die Ruhe süß, die Arbeit leicht
+Durch ein Gespräch, durch holde Töne macht.
+Der Baum ist breit, mein Freund, der Schatten gibt,
+Und keiner braucht den andern zu verdrängen.
+
+Antonio.
+Wir wollen uns, Eleonore, nicht
+Mit einem Gleichnis hin und wider spielen.
+Gar viele Dinge sind in dieser Welt,
+Die man dem andern gönnt und gerne teilt;
+Jedoch es ist ein Schatz, den man allein
+Dem Hochverdienten gerne gönnen mag,
+Ein andrer, den man mit dem Höchstverdienten
+Mit gutem Willen niemals teilen wird--
+Und fragst du mich nach diesen beiden Schätzen:
+Der Lorbeer ist es und die Gunst der Frauen.
+
+Leonore.
+Hat jener Kranz um unsers Jünglings Haupt
+Den ernsten Mann beleidigt? Hättest du
+Für seine Mühe, seine schöne Dichtung
+Bescheidnern Lohn doch selbst nicht finden können.
+Denn ein Verdienst, das außerirdisch ist,
+Das in den Lüften schwebt, in Tönen nur,
+In leichten Bildern unsern Geist umgaukelt,--
+Es wird denn auch mit einem schönen Bilde,
+Mit einem holden Zeichen nur belohnt;
+Und wenn er selbst die Erde kaum berührt,
+Berührt der höchste Lohn ihm kaum das Haupt.
+Ein unfruchtbarer Zweig ist das Geschenk,
+Das der Verehrer unfruchtbare Neigung
+Ihm gerne bringt, damit sie einer Schuld
+Aufs leichtste sich entlade. Du missgönnst
+Dem Bild des Märtyrers den goldnen Schein
+Ums kahle Haupt wohl schwerlich; und gewiss,
+Der Lorbeerkranz ist, wo er dir erscheint,
+Ein Zeichen mehr des Leidens als des Glücks.
+
+Antonio.
+Will etwa mich dein liebenswürd'ger Mund
+Die Eitelkeit der Welt verachten lehren?
+
+Leonore.
+Ein jedes Gut nach seinem Wert zu schätzen,
+Brauch' ich dich nicht zu lehren. Aber doch,
+Es scheint, von Zeit zu Zeit bedarf der Weise
+So sehr wie andre, dass man ihm die Güter,
+Die er besitzt, im rechten Lichte zeige.
+Du, edler Mann, du wirst an ein Phantom
+Von Gunst und Ehre keinen Anspruch machen.
+Der Dienst, mit dem du deinem Fürsten dich,
+Mit dem du deine Freunde dir verbindest,
+Ist wirkend, ist lebendig, und so muss
+Der Lohn auch wirklich und lebendig sein.
+Dein Lorbeer ist das fürstliche Vertraun,
+Das auf den Schultern dir, als liebe Last,
+Gehäuft und leicht getragen ruht; es ist
+Dein Ruhm das allgemeine Zutraun.
+
+Antonio.
+Und von der Gunst der Frauen sagst du nichts:
+Die willst du mir doch nicht entbehrlich schildern?
+
+Leonore.
+Wie man es nimmt. Denn du entbehrst sie nicht,
+Und leichter wäre sie dir zu entbehren,
+Als sie es jenem guten Mann nicht ist.
+Denn sag': Geläng' es einer Frau, wenn sie
+Nach ihrer Art für dich zu sorgen dächte,
+Mit dir sich zu beschäft'gen unternähme?
+Bei dir ist alles Ordnung, Sicherheit;
+Du sorgst für dich, wie du für andre sorgst,
+Du hast, was man dir geben möchte. Jener
+Beschäftigt uns in unserm eignen Fache:
+Ihm fehlt's an tausend Kleinigkeiten, die
+Zu schaffen eine Frau sich gern bemüht.
+Das schönste Leinenzeug, ein seiden Kleid
+Mit etwas Stickerei, das trägt er gern.
+Er sieht sich gern geputzt, vielmehr, er kann
+Unedlen Stoff, der nur den Knecht bezeichnet,
+An seinem Leib nicht dulden, alles soll
+Ihm fein und gut und schön und edel stehn.
+Und dennoch hat er kein Geschick, das alles
+Sich anzuschaffen, wenn er es besitzt,
+Sich zu erhalten: Immer fehlt es ihm
+An Geld, an Sorgsamkeit. Bald lässt er da
+Ein Stück, bald eines dort. Er kehret nie
+Von einer Reise wieder, dass ihm nicht
+Ein Drittteil seiner Sachen fehle. Bald
+Bestiehlt ihn der Bediente. So, Antonio,
+Hat man für ihn das ganze Jahr zu sorgen.
+
+Antonio.
+Und diese Sorge macht ihn lieb und lieber.
+Glücksel'ger Jüngling, dem man seine Mängel
+Zur Tugend rechnet, dem so schön vergönnt ist,
+Den Knaben noch als Mann zu spielen, der
+Sich seiner holden Schwäche rühmen darf!
+Du müsstest mir verzeihen, schöne Freundin,
+Wenn ich auch hier ein wenig bitter würde.
+Du sagst nicht alles, sagst nicht was er wagt,
+Und dass er klüger ist, als wie man denkt.
+Er rühmt sich zweier Flammen! Knüpft und löst
+Die Knoten hin und wieder und gewinnt
+Mit solchen Künsten solche Herzen! Ist's
+Zu glauben?
+
+Leonore.
+ Gut! Selbst das beweist ja schon,
+Dass es nur Freundschaft ist, was uns belebt;
+Und wenn wir denn auch Lieb' um Liebe tauschten,
+Belohnten wir das schöne Herz nicht billig,
+Das ganz sich selbst vergisst und hingegeben
+Im holden Traum für seine Freunde lebt?
+
+Antonio.
+Verwöhnt ihn nur und immer mehr und mehr,
+Lasst seine Selbstigkeit für Liebe gelten,
+Beleidigt alle Freunde, die sich euch
+Mit treuer Seele widmen, gebt dem Stolzen
+Freiwilligen Tribut, zerstöret ganz
+Den schönen Kreis geselligen Vertrauns!
+
+Leonore.
+Wir sind nicht so parteiisch wie du glaubst,
+Ermahnen unsern Freund in manchen Fällen;
+Wir wünschen ihn zu bilden, dass er mehr
+Sich selbst genieße, mehr sich zu genießen
+Den andern geben könne. Was an ihm
+Zu tadeln ist, das bleibt uns nicht verborgen.
+
+Antonio.
+Doch lobt ihr vieles, was zu tadeln wäre.
+Ich kenn' ihn lang, er ist so leicht zu kennen,
+Und ist zu stolz sich zu verbergen. Bald
+Versinkt er in sich selbst, als wäre ganz
+Die Welt in seinem Busen, er sich ganz
+In seiner Welt genug, und alles rings
+Umher verschwindet ihm. Er lässt es gehn,
+Lässt's fallen, stößt's hinweg und ruht in sich--
+Auf einmal, wie ein unbemerkter Funke
+Die Mine zündet, sei es Freude, Leid,
+Zorn oder Grille, heftig bricht er aus:
+Dann will er alles fassen, alles halten;
+Dann soll geschehn, was er sich denken mag;
+In einem Augenblicke soll entstehn,
+Was jahrelang bereitet werden sollte,
+In einem Augenblick gehoben sein,
+Was Mühe kaum in Jahren lösen könnte.
+Er fordert das Unmögliche von sich,
+Damit er es von andern fordern dürfe.
+Die letzten Enden aller Dinge will
+Sein Geist zusammenfassen; das gelingt
+Kaum einem unter Millionen Menschen,
+Und er ist nicht der Mann: Er fällt zuletzt,
+Um nichts gebessert, in sich selbst zurück.
+
+Leonore.
+Er schadet andern nicht, er schadet sich.
+
+Antonio.
+Und doch verletzt er andre nur zu sehr.
+Kannst du es leugnen, dass im Augenblick
+Der Leidenschaft, die ihn behend ergreift,
+Er auf den Fürsten, auf die Fürstin selbst,
+Auf wen es sei, zu schmähn, zu lästern wagt?
+Zwar augenblicklich nur; allein genug,
+Der Augenblick kommt wieder: Er beherrscht
+So wenig seinen Mund als seine Brust.
+
+Leonore.
+Ich sollte denken, wenn er sich von hier
+Auf eine kurze Zeit entfernte, sollt'
+Es wohl für ihn und andre nützlich sein.
+
+Antonio.
+Vielleicht, vielleicht auch nicht. Doch eben jetzt
+Ist nicht daran zu denken; denn ich will
+Den Fehler nicht auf meine Schultern laden;
+Es könnte scheinen, dass ich ihn vertreibe,
+Und ich vertreib' ihn nicht. Um meinetwillen
+Kann er an unserm Hofe ruhig bleiben;
+Und wenn er sich mit mir versöhnen will,
+Und wenn er meinen Rat befolgen kann,
+So werden wir ganz leidlich leben können.
+
+Leonore.
+Nun hoffst du selbst, auf ein Gemüt zu wirken,
+Das dir vor kurzem noch verloren schien.
+
+Antonio.
+Wir hoffen immer, und in allen Dingen
+Ist besser hoffen als verzweifeln. Denn
+Wer kann das mögliche berechnen? Er
+Ist unserm Fürsten wert. Er muss uns bleiben.
+Und bilden wir dann auch umsonst an ihm,
+So ist er nicht der einz'ge, den wir dulden.
+
+Leonore.
+So ohne Leidenschaft, so unparteiisch
+Glaubt' ich dich nicht. Du hast dich schnell bekehrt.
+
+Antonio.
+Das Alter muss doch Einen Vorzug haben,
+Dass, wenn es auch dem Irrtum nicht entgeht,
+Es doch sich auf der Stelle fassen kann.
+Du warst, mich deinem Freunde zu versöhnen,
+Zuerst bemüht. Nun bitt' ich es von dir.
+Tu' was du kannst, dass dieser Mann sich finde,
+Und alles wieder bald im Gleichen sei.
+Ich gehe selbst zu ihm, so bald ich nur
+Von dir erfahre, dass er ruhig ist,
+Sobald du glaubst, dass meine Gegenwart
+Das Übel nicht vermehrt. Doch, was du tust,
+Das tu' in dieser Stunde; denn es geht
+Alphons heut' Abend noch zurück, und ich
+Werd' ihn begleiten. Leb' indessen wohl.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Leonore (allein).
+
+Für diesmal, lieber Freund, sind wir nicht eins:
+Mein Vorteil und der deine gehen heut
+Nicht Hand in Hand. Ich nütze diese Zeit
+Und suche Tasso zu gewinnen. Schnell!
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+(Zimmer.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Tasso (allein).
+Bist du aus einem Traum erwacht, und hat
+Der schöne Trug auf einmal dich verlassen?
+Hat dich nach einem Tag der höchsten Lust
+Ein Schlaf gebändigt, hält und ängstet nun
+Mit schweren Fesseln deine Seele? Ja,
+Du wachst und träumst. Wo sind die Stunden hin,
+Die um dein Haupt mit Blumenkränzen spielten?
+Die Tage, wo dein Geist mit freier Sehnsucht
+Des Himmels ausgespanntes Blau durchdrang?
+Und dennoch lebst du noch, und fühlst dich an,
+Du fühlst dich an, und weißt nicht, ob du lebst.
+Ist's meine Schuld, ist's eines andern Schuld,
+Dass ich mich nun als schuldig hier befinde?
+Hab' ich verbrochen, dass ich leiden soll?
+Ist nicht mein ganzer Fehler ein Verdienst?
+Ich sah ihn an, und ward vom guten Willen,
+Vom Hoffnungswahn des Herzens übereilt:
+Der sei ein Mensch, der menschlich Ansehn trägt.
+Ich ging mit offnen Armen auf ihn los
+Und fühlte Schloss und Riegel, keine Brust.
+O hatt' ich doch so klug mir ausgedacht,
+Wie ich den Mann empfangen wollte, der
+Von alten Zeiten mir verdächtig war!
+Allein was immer dir begegnet sei,
+So halte dich an der Gewissheit fest:
+Ich habe sie gesehn! Sie stand vor mir!
+Sie sprach zu mir, ich habe sie vernommen!
+Der Blick, der Ton, der Worte holder Sinn,
+Sie sind auf ewig mein, es raubt sie nicht
+Die Zeit, das Schicksal, noch das wilde Glück!
+Und hob mein Geist sich da zu schnell empor
+Und ließ ich allzu rasch in meinem Busen
+Der Flamme Luft, die mich nun selbst verzehrt,
+So kann mich's nicht gereun, und wäre selbst
+Auf ewig das Geschick des Lebens hin.
+Ich widmete mich ihr und folgte froh
+Dem Winke, der mich ins Verderben rief.
+Es sei! So hab' ich mich doch wert gezeigt
+Des köstlichen Vertrauns, das mich erquickt,
+In dieser Stunde selbst erquickt, die mir
+Die schwarze Pforte langer Trauerzeit
+Gewaltsam öffnet.--Ja, nun ist's getan!
+Es geht die Sonne mir der schönsten Gunst
+Auf einmal unter; seinen holden Blick
+Entziehet mir der Fürst, und lässt mich hier
+Auf düstrem, schmalen Pfad verloren stehn.
+Das hässliche zweideutige Geflügel,
+Das leidige Gefolg' der alten Nacht,
+Es schwärmt hervor und schwirrt mir um das Haupt.
+Wohin, wohin beweg' ich meinen Schritt,
+Dem Ekel zu entfliehn, der mich umsaust,
+Dem Abgrund zu entgehn, der vor mir liegt?
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Leonore. Tasso.
+
+Leonore.
+Was ist begegnet? Lieber Tasso, hat
+Dein Eifer dich, dein Argwohn so getrieben?
+Wie ist's geschehn? Wir alle stehn bestürzt.
+Und deine Sanftmut, dein gefällig Wesen,
+Dein schneller Blick, dein richtiger Verstand,
+Mit dem du jedem gibst was ihm gehört,
+Dein Gleichmut, der erträgt, was zu ertragen
+Der Edle bald, der Eitle selten lernt,
+Die kluge Herrschaft über Zung' und Lippe--
+Mein teurer Freund, fast ganz verkenn' ich dich.
+
+Tasso.
+Und wenn das alles nun verloren wäre?
+Wenn einen Freund, den du einst reich geglaubt,
+Auf einmal du als einen Bettler fändest?
+Wohl hast du Recht, ich bin nicht mehr ich selbst,
+Und bin's doch noch so gut, als wie ich's war.
+Es scheint ein Rätsel, und doch ist es keins.
+Der stille Mond, der dich bei Nacht erfreut,
+Dein Auge, dein Gemüt mit seinem Schein
+Unwiderstehlich lockt, er schwebt am Tage
+Ein unbedeutend blasses Wölkchen hin.
+Ich bin vom Glanz des Tages überschienen,
+Ihr kennet mich, ich kenne mich nicht mehr.
+
+Leonore.
+Was du mir sagst, mein Freund, versteh' ich nicht,
+Wie du es sagst. Erkläre dich mit mir.
+Hat die Beleidigung des schroffen Manns
+Dich so gekränkt, dass du dich selbst und uns
+So ganz verkennen magst? Vertraue mir.
+
+Tasso.
+Ich bin nicht der Beleidigte, du siehst
+Mich ja bestraft, weil ich beleidigt habe.
+Die Knoten vieler Worte löst das Schwert
+Gar leicht und schnell, allein ich bin gefangen.
+Du weißt wohl kaum--erschrick nicht, zarte Freundin--
+Du triffst den Freund in einem Kerker an.
+Mich züchtiget der Fürst wie einen Schüler.
+Ich will mit ihm nicht rechten, kann es nicht.
+
+Leonore.
+Du scheinest mehr, als billig ist, bewegt.
+
+Tasso.
+Hältst du mich für so schwach, für so ein Kind,
+Dass solch ein Fall mich gleich zerrütten könne?
+Das was geschehn ist, kränkt mich nicht so tief,
+Allein das kränkt mich, was es mir bedeutet.
+Lass meine Neider meine Feinde nur
+Gewähren! Frei und offen ist das Feld.
+
+Leonore.
+Du hast gar manchen fälschlich in Verdacht,--
+Ich habe selbst mich überzeugen können--
+Und auch Antonio feindet dich nicht an,
+Wie du es wähnst. Der heutige Verdruss--
+
+Tasso.
+Den lass' ich ganz bei Seite, nehme nur
+Antonio, wie er war, und wie er bleibt.
+Verdrießlich fiel mir stets die steife Klugheit,
+Und dass er immer nur den Meister spielt.
+Anstatt zu forschen, ob des Hörers Geist
+Nicht schon für sich auf guten Spuren wandle,
+Belehrt er dich von manchem, das du besser
+Und tiefer fühltest, und vernimmt kein Wort,
+Das du ihm sagst, und wird dich stets verkennen.
+Verkannt zu sein, verkannt von einem Stolzen,
+Der lächelnd dich zu übersehen glaubt!
+Ich bin so alt noch nicht und nicht so klug,
+Dass ich nur duldend gegenlächeln sollte.
+Früh oder spät, es konnte sich nicht halten,
+Wir mussten brechen; später wär' es nur
+Um desto schlimmer worden. Einen Herrn
+Erkenn' ich nur, den Herrn der mich ernährt,
+Dem folg' ich gern, sonst will ich keinen Meister.
+Frei will ich sein im Denken und im Dichten:
+Im Handeln schränkt die Welt genug uns ein.
+
+Leonore.
+Er spricht mit Achtung oft genug von dir.
+
+Tasso.
+Mit Schonung willst du sagen, fein und klug.
+Und das verdrießt mich eben; denn er weiß
+So glatt und so bedingt zu sprechen, dass
+Sein Lob erst recht zum Tadel wird, und dass
+Nichts mehr, nichts tiefer dich verletzt als Lob
+Aus seinem Munde.
+
+Leonore.
+ Möchtest du, mein Freund,
+Vernommen haben, wie er sonst von dir
+Und dem Talente sprach, das dir vor vielen
+Die gütige Natur verlieh. Er fühlt gewiss
+Das, was du bist und hast, und schätzt es auch.
+
+Tasso.
+O glaube mir, ein selbstisches Gemüt
+Kann nicht der Qual des engen Neids entfliehen.
+Ein solcher Mann verzeiht dem andern wohl
+Vermögen, Stand und Ehre; denn er denkt:
+Das hast du selbst, das hast du, wenn du willst,
+Wenn du beharrst, wenn dich das Glück begünstigt.
+Doch das, was die Natur allein verleiht,
+Was jeglicher Bemühung, jedem Streben
+Stets unerreichbar bleibt, was weder Gold,
+Noch Schwert, noch Klugheit, noch Beharrlichkeit
+Erzwingen kann, das wird er nie verzeihn.
+Er gönnt es mir? Er, der mit steifem Sinn
+Die Gunst der Musen zu ertrotzen glaubt?
+Der, wenn er die Gedanken mancher Dichter
+Zusammenreiht, sich selbst ein Dichter scheint?
+Weit eher gönnt er mir des Fürsten Gunst,
+Die er doch gern auf sich beschränken möchte,
+Als das Talent, das jene Himmlischen
+Dem armen, dem verwaisten Jüngling gaben.
+
+Leonore.
+O sähest du so klar, wie ich es sehe!
+Du irrst dich über ihn: So ist er nicht.
+
+Tasso.
+Und irr' ich mich an ihm, so irr' ich gern!
+Ich denk' ihn mir als meinen ärgsten Feind
+Und wär' untröstlich, wenn ich mir ihn nun
+Gelinder denken müsste. Töricht ist's,
+In allen Stücken billig sein; es heißt
+Sein eigen Selbst zerstören. Sind die Menschen
+Denn gegen uns so billig? Nein, o nein!
+Der Mensch bedarf in seinem engen Wesen
+Der doppelten Empfindung, Lieb' und Hass.
+Bedarf er nicht der Nacht als wie des Tags?
+Des Schlafens wie des Wachens? Nein, ich muss
+Von nun an diesen Mann als Gegenstand
+Von meinem tiefsten Hass behalten; nichts
+Kann mir die Lust entreißen, schlimm und schlimmer
+Von ihm zu denken.
+
+Leonore.
+ Willst du, teurer Freund,
+Von deinem Sinn nicht lassen, seh' ich kaum,
+Wie du am Hofe länger bleiben willst.
+Du weißt, wie viel er gilt und gelten muss.
+
+Tasso.
+Wie sehr ich längst, o schöne Freundinn, hier
+Schon überflüssig bin, das weiß ich wohl.
+
+Leonore.
+Das bist du nicht, das kannst du nimmer werden!
+Du weißt vielmehr, wie gern der Fürst mit dir,
+Wie gern die Fürstin mit dir lebt; und kommt
+Die Schwester von Urbino, kommt sie fast
+So sehr um deint- als der Geschwister willen.
+Sie denken alle gut und gleich von dir,
+Und jegliches vertraut dir unbedingt.
+
+Tasso.
+O Leonore, welch Vertraun ist das?
+Hat er von seinem Staate je ein Wort,
+Ein ernstes Wort mit mir gesprochen? Kam
+Ein eigner Fall, worüber er sogar
+In meiner Gegenwart mit seiner Schwester,
+Mit andern sich beriet, mich fragt' er nie.
+Da hieß es immer nur: Antonio kommt!
+Man muss Antonio schreiben! Fragt Antonio!
+
+Leonore.
+Du klagst, anstatt zu danken. Wenn er dich
+In unbedingter Freiheit lassen mag,
+So ehrt er dich, wie er dich ehren kann.
+
+Tasso.
+Er lässt mich ruhn, weil er mich unnütz glaubt.
+
+Leonore.
+Du bist nicht unnütz, eben weil du ruhst.
+So lange hegst du schon Verdruss und Sorge,
+Wie ein geliebtes Kind an deiner Brust.
+Ich hab' es oft bedacht, und mag's bedenken
+Wie ich es will: Auf diesem schönen Boden,
+Wohin das Glück dich zu verpflanzen schien,
+Gedeihst du nicht. O Tasso!--Rat' ich dir's?
+Sprech' ich es aus?--Du solltest dich entfernen!
+
+Tasso.
+Verschone nicht den Kranken, lieber Arzt!
+Reich' ihm das Mittel, denke nicht daran,
+Ob's bitter sei.--Ob er genesen könne,
+Das überlege wohl, o kluge, gute Freundin!
+Ich seh' es alles selbst, es ist vorbei!
+Ich kann ihm wohl verzeihen, er nicht mir;
+Und sein bedarf man, leider meiner nicht.
+Und er ist klug, und leider bin ich's nicht.
+Er wirkt zu meinem Schaden, und ich kann,
+Ich mag nicht gegen wirken. Meine Freunde,
+Sie lassen's gehn, sie sehen's anders an.
+Sie widerstreben kaum und sollten kämpfen.
+Du glaubst, ich soll hinweg; ich glaub' es selbst--
+So lebt denn wohl! Ich werd' auch das ertragen.
+Ihr seid von mir geschieden--werd' auch mir,
+Von euch zu scheiden, Kraft und Mut verliehn!
+
+Leonore.
+Auch in der Ferne zeigt sich alles reiner,
+Was in der Gegenwart uns nur verwirrt.
+Vielleicht wirst du erkennen, welche Liebe
+Dich überall umgab, und welchen Wert
+Die Treue wahrer Freunde hat, und wie
+Die weite Welt die Nächsten nicht ersetzt.
+
+Tasso.
+Das werden wir erfahren! Kenn' ich doch
+Die Welt von Jugend auf, wie sie so leicht
+Uns hilflos, einsam lässt, und ihren Weg
+Wie Sonn' und Mond und andre Götter geht.
+
+Leonore.
+Vernimmst du mich, mein Freund, so sollst du nie
+Die traurige Erfahrung wiederholen.
+Soll ich dir raten, so begibst du dich
+Erst nach Florenz, und eine Freundin wird
+Gar freundlich für dich sorgen. Sei getrost,
+Ich bin es selbst. Ich reise, den Gemahl
+Die nächsten Tage dort zu finden, kann
+Nichts freudiger für ihn und mich bereiten,
+Als wenn ich dich in unsre Mitte bringe.
+Ich sage dir kein Wort, du weißt es selbst,
+Welch einem Fürsten du dich nahen wirst,
+Und welche Männer diese schöne Stadt
+In ihrem Busen hegt, und welche Frauen.--
+Du schweigst? Bedenk' es wohl! Entschließe dich.
+
+Tasso.
+Gar reizend ist, was du mir sagst, so ganz
+Dem Wunsch gemäß, den ich im stillen nähre;
+Allein es ist zu neu: Ich bitte dich,
+Lass mich bedenken! Ich beschließe bald.
+
+Leonore.
+Ich gehe mit der schönsten Hoffnung weg
+Für dich und uns und auch für dieses Haus.
+Bedenke nur, und wenn du recht bedenkst,
+So wirst du schwerlich etwas Bessers denken.
+
+Tasso.
+Noch eins, geliebte Freundin! Sage mir,
+Wie ist die Fürstin gegen mich gesinnt?
+War sie erzürnt auf mich? Was sagte sie?--
+Sie hat mich sehr getadelt? Rede frei.
+
+Leonore.
+Da sie dich kennt, hat sie dich leicht entschuldigt.
+
+Tasso.
+Hab' ich bei ihr verloren? Schmeichle nicht.
+
+Leonore.
+Der Frauen Gunst wird nicht so leicht verscherzt.
+
+Tasso.
+Wird sie mich gern entlassen, wenn ich gehe?
+
+Leonore.
+Wenn es zu deinem Wohl gereicht, gewiss.
+
+Tasso.
+Werd' ich des Fürsten Gnade nicht verlieren?
+
+Leonore.
+In seiner Großmut kannst du sicher ruhn.
+
+Tasso.
+Und lassen wir die Fürstin ganz allein?
+Du gehst hinweg; und wenn ich wenig bin,
+So weiß ich doch, dass ich ihr etwas war.
+
+Leonore.
+Gar freundliche Gesellschaft leistet uns
+Ein ferner Freund, wenn wir ihn glücklich wissen.
+Und es gelingt: Ich sehe dich beglückt,
+Du wirst von hier nicht unzufrieden gehn.
+Der Fürst befahl's: Antonio sucht dich auf.
+Er tadelt selbst an sich die Bitterkeit,
+Womit er dich verletzt. Ich bitte dich,
+Nimm ihn gelassen auf, so wie er kommt.
+
+Tasso.
+Ich darf in jedem Sinne vor ihm stehn.
+
+Leonore.
+Und schenke mir der Himmel, lieber Freund,
+Noch eh' du scheidest, dir das Aug' zu öffnen:
+Dass niemand dich im ganzen Vaterlande
+Verfolgt und hasst, und heimlich druckt und neckt!
+Du irrst gewiss, und wie du sonst zur Freude
+Von andern dichtest, leider dichtest du
+In diesem Fall ein seltenes Gewebe,
+Dich selbst zu kränken. Alles will ich tun,
+Um es entzwei zu reißen, dass du frei
+Den schönen Weg des Lebens wandeln mögest.
+Leb' wohl! Ich hoffe bald ein glücklich Wort.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Tasso (allein).
+
+ Ich soll erkennen, dass mich niemand hasst,
+Dass niemand mich verfolgt, dass alle List
+Und alles heimliche Gewebe sich
+Allein in meinem Kopfe spinnt und webt!
+Bekennen soll ich, dass ich Unrecht habe,
+Und manchem unrecht tue, der es nicht
+Um mich verdient! Und das in einer Stunde,
+Da vor dem Angesicht der Sonne klar
+Mein volles Recht, wie ihre Tücke, liegt!
+Ich soll es tief empfinden, wie der Fürst
+Mit offner Brust mir seine Gunst gewährt,
+Mit reichem Maß die Gaben mir erteilt,
+Im Augenblicke, da er, schwach genug,
+Von meinen Feinden sich das Auge trüben
+Und seine Hand gewiss auch fesseln lässt!
+
+ Dass er betrogen ist, kann er nicht sehen;
+Dass sie Betrüger sind, kann ich nicht zeigen;
+Und nur damit er ruhig sich betrüge,
+Dass sie gemächlich ihn betrügen können,
+Soll ich mich stille halten, weichen gar!
+
+ Und wer gibt mir den Rat? Wer dringt so klug
+Mit treuer, lieber Meinung auf mich ein?
+Lenore selbst, Lenore Sanvitale,
+Die zarte Freundin! Ha, dich kenn' ich nun!
+O warum traut' ich ihrer Lippe je!
+Sie war nicht redlich, wenn sie noch so sehr
+Mir ihre Gunst, mir ihre Zärtlichkeit
+Mit süßen Worten zeigte! Nein, sie war
+Und bleibt ein listig Herz, sie wendet sich
+Mit leisen klugen Tritten nach der Gunst.
+
+ Wie oft hab' ich mich willig selbst betrogen,
+Auch über sie! Und doch im Grunde hat
+Mich nur--die Eitelkeit betrogen. Wohl!
+Ich kannte sie, und schmeichelte mir selbst.
+So ist sie gegen andre, sagt' ich mir,
+Doch gegen dich ist's offne treue Meinung.
+Nun seh' ich's wohl, und seh' es nur zu spät:
+Ich war begünstigt, und sie schmiegte sich
+So zart--an den Beglückten. Nun ich falle,
+Sie wendet mir den Rücken wie das Glück.
+
+ Nun kommt sie als ein Werkzeug meines Feindes,
+Sie schleicht heran und zischt mit glatter Zunge,
+Die kleine Schlange, zauberische Töne.
+Wie lieblich schien sie! Lieblicher als je!
+Wie wohl tat von der Lippe jedes Wort!
+Doch konnte mir die Schmeichelei nicht lang
+Den falschen Sinn verbergen: An der Stirne
+Schien ihr das Gegenteil zu klar geschrieben
+Von allem, was sie sprach. Ich fühl' es leicht,
+Wenn man den Weg zu meinem Herzen sucht
+Und es nicht herzlich meint. Ich soll hinweg?
+Soll nach Florenz, sobald ich immer kann?
+
+ Und warum nach Florenz? Ich seh' es wohl.
+Dort herrscht der Mediceer neues Haus,
+Zwar nicht in offner Feindschaft mit Ferrara,
+Doch hält der stille Neid mit kalter Hand
+Die edelsten Gemüter aus einander.
+Empfang' ich dort von jenen edlen Fürsten
+Erhabne Zeichen ihrer Gunst, wie ich
+Gewiss erwarten dürfte, würde bald
+Der Höfling meine Treu' und Dankbarkeit
+Verdächtig machen. Leicht geläng' es ihm.
+
+ Ja, ich will weg, allein nicht, wie ihr wollt;
+Ich will hinweg, und weiter als ihr denkt.
+
+ Was soll ich hier? Wer hält mich hier zurück?
+O, ich verstund ein jedes Wort zu gut,
+Das ich Lenoren von den Lippen lockte!
+Von Silb' zu Silbe nur erhascht' ich's kaum,
+Und weiß nun ganz wie die Prinzessin denkt--
+Ja, ja, auch das ist wahr, verzweifle nicht!
+"Sie wird mich gern entlassen, wenn ich gehe,
+Da es zu meinem Wohl gereicht." O! Fühlte
+Sie eine Leidenschaft im Herzen, die mein Wohl
+Und mich zugrunde richtete! Willkommner
+Ergriffe mich der Tod, als diese Hand,
+Die kalt und starr mich von sich lässt.--Ich gehe!--
+Nun hüte dich und lass dich keinen Schein
+Von Freundschaft oder Güte täuschen! Niemand
+Betrügt dich nun, wenn du dich nicht betrügst.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Antonio. Tasso.
+
+Antonio.
+Hier bin ich, Tasso, dir ein Wort zu sagen,
+Wenn du mich ruhig hören magst und kannst.
+
+Tasso.
+Das Handeln, weißt du, bleibt mir untersagt;
+Es ziemt mir wohl, zu warten und zu hören.
+
+Antonio.
+Ich treffe dich gelassen, wie ich wünschte,
+Und spreche gern zu dir aus freier Brust.
+Zuvörderst lös' ich in des Fürsten Namen
+Das schwache Band, das dich zu fesseln schien.
+
+Tasso.
+Die Willkür macht mich frei, wie sie mich band;
+Ich nehm' es an und fordre kein Gericht.
+
+Antonio.
+Dann sag' ich dir von mir: Ich habe dich
+Mit Worten, scheint es, tief und mehr gekränkt,
+Als ich, von mancher Leidenschaft bewegt,
+Es selbst empfand. Allein kein schimpflich Wort
+Ist meinen Lippen unbedacht entflohen:
+Zu rächen hast du nichts als Edelmann,
+Und wirst als Mensch Vergebung nicht versagen.
+
+Tasso.
+Was härter treffe, Kränkung oder Schimpf,
+Will ich nicht untersuchen: Jene dringt
+Ins tiefe Mark, und dieser reizt die Haut.
+Der Pfeil des Schimpfs kehrt auf den Mann zurück,
+Der zu verwunden glaubt; die Meinung andrer
+Befriedigt leicht das wohl geführte Schwert--
+Doch ein gekränktes Herz erholt sich schwer.
+
+Antonio.
+Jetzt ist's an mir, dass ich dir dringend sage:
+Tritt nicht zurück, erfülle meinen Wunsch,
+Den Wunsch des Fürsten, der mich zu dir sendet.
+
+Tasso.
+Ich kenne meine Pflicht und gebe nach.
+Es sei verziehn, sofern es möglich ist!
+Die Dichter sagen uns von einem Speer,
+Der eine Wunde, die er selbst geschlagen,
+Durch freundliche Berührung heilen konnte.
+Es hat des Menschen Zunge diese Kraft;
+Ich will ihr nicht gehässig widerstehn.
+
+Antonio.
+Ich danke dir und wünsche, dass du mich
+Und meinen Willen, dir zu dienen, gleich
+Vertraulich prüfen mögest. Sage mir,
+Kann ich dir nützlich sein? Ich zeig' es gern.
+
+Tasso.
+Du bietest an was ich nur wünschen konnte.
+Du brachtest mir die Freiheit wieder; nun
+Verschaffe mir, ich bitte, den Gebrauch.
+
+Antonio.
+Was kannst du meinen? Sag' es deutlich an.
+
+Tasso.
+Du weißt, geendet hab' ich mein Gedicht;
+Es fehlt noch viel, dass es vollendet wäre.
+Heut überreicht' ich es dem Fürsten, hoffte
+Zugleich ihm eine Bitte vorzutragen.
+Gar viele meiner Freunde find' ich jetzt
+In Rom versammelt; einzeln haben sie
+Mir über manche Stellen ihre Meinung
+In Briefen schon eröffnet; vieles hab' ich
+Benutzen können, manches scheint mir noch
+Zu überlegen, und verschiedne Stellen
+Möcht' ich nicht gern verändern, wenn man mich
+Nicht mehr, als es geschehn ist, überzeugt.
+Das alles wird durch Briefe nicht getan:
+Die Gegenwart löst diese Knoten bald.
+So dacht' ich heut den Fürsten selbst zu bitten:
+Ich fand nicht Raum; nun darf ich es nicht wagen
+Und hoffe diesen Urlaub nun durch dich.
+
+Antonio.
+Mir scheint nicht rätlich, dass du dich entfernst
+In dem Moment, da dein vollendet Werk
+Dem Fürsten und der Fürstin dich empfiehlt.
+Ein Tag der Gunst ist wie ein Tag der Ernte:
+Man muss geschäftig sein, sobald sie reift.
+Entfernst du dich, so wirst du nichts gewinnen,
+Vielleicht verlieren, was du schon gewannst.
+Die Gegenwart ist eine mächt'ge Göttin:
+Lern' ihren Einfluss kennen, bleibe hier!
+
+Tasso.
+Zu fürchten hab' ich nichts: Alphons ist edel,
+Stets hat er gegen mich sich groß gezeigt;
+Und was ich hoffe, will ich seinem Herzen
+Allein verdanken, keine Gnade mir
+Erschleichen; nichts will ich von ihm empfangen,
+Was ihn gereuen könnte, dass er's gab.
+
+Antonio.
+So fordre nicht von ihm, dass er dich jetzt
+Entlassen soll; er wird es ungern tun,
+Und ich befürchte fast: Er tut es nicht.
+
+Tasso.
+Er wird es gern, wenn recht gebeten wird,
+Und du vermagst es wohl, sobald du willst.
+
+Antonio.
+Doch welche Gründe, sag' mir, leg' ich vor?
+
+Tasso.
+Lass mein Gedicht aus jeder Stanze sprechen!
+Was ich gewollt ist, löblich, wenn das Ziel
+Auch meinen Kräften unerreichbar blieb.
+An Fleiß und Mühe hat es nicht gefehlt.
+Der heitre Wandel mancher schönen Tage,
+Der stille Raum so mancher tiefen Nächte,
+War einzig diesem frommen Lied geweiht.
+Bescheiden hofft' ich, jenen großen Meistern
+Der Vorwelt mich zu nahen, kühn gesinnt,
+Zu edlen Taten unsern Zeitgenossen
+Aus einem langen Schlaf zu rufen, dann
+Vielleicht mit einem edlen Christenheere
+Gefahr und Ruhm des heil'gen Kriegs zu teilen.
+Und soll mein Lied die besten Männer wecken,
+So muss es auch der besten würdig sein.
+Alphons bin ich schuldig, was ich tat;
+Nun möcht' ich ihm auch die Vollendung danken.
+
+Antonio.
+Und eben dieser Fürst ist hier, mit andern,
+Die dich so gut als Römer leiten können.
+Vollende hier dein Werk, hier ist der Platz,
+Und um zu wirken, eile dann nach Rom.
+
+Tasso.
+Alphons hat mich zuerst begeistert, wird
+Gewiss der letzte sein, der mich belehrt,
+Und deinen Rat, den Rat der klugen Männer,
+Die unser Hof versammelt, schätz' ich hoch.
+Ihr sollt entscheiden, wenn mich ja zu Rom
+Die Freunde nicht vollkommen überzeugen.
+Doch diese muss ich sehn. Gonzaga hat
+Mir ein Gericht versammelt, dem ich erst
+Mich stellen muss. Ich kann es kaum erwarten.
+Flaminio de' Nobili, Angelio
+Da Barga, Antoniano und Speron Speroni!
+Du wirst sie kennen.--Welche Namen sind's!
+Vertraun und Sorge flößen sie zugleich
+In meinen Geist, der gern sich unterwirft.
+
+Antonio.
+Du denkst nur dich und denkst den Fürsten nicht.
+Ich sage dir, er wird dich nicht entlassen,
+Und wenn er's tut, entlässt er dich nicht gern.
+Du willst ja nicht verlangen, was er dir
+Nicht gern gewähren mag. Und soll ich hier
+Vermitteln, was ich selbst nicht loben kann?
+
+Tasso.
+Versagst du mir den ersten Dienst, wenn ich
+Die angebotne Freundschaft prüfen will?
+
+Antonio.
+Die wahre Freundschaft zeigt sich im Versagen
+Zur rechten Zeit, und es gewährt die Liebe
+Gar oft ein schädlich Gut, wenn sie den Willen
+Des Fordernden mehr als sein Glück bedenkt.
+Du scheinest mir in diesem Augenblick
+Für gut zu halten, was du eifrig wünschest,
+Und willst im Augenblick, was du begehrst.
+Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende,
+Was ihm an Wahrheit und an Kräften fehlt.
+Es fordert meine Pflicht, so viel ich kann
+Die Hast zu mäß'gen, die dich übel treibt.
+
+Tasso.
+Schon lange kenn' ich diese Tyrannei
+Der Freundschaft, die von allen Tyranneien
+Die unerträglichste mir scheint. Du denkst
+Nur anders, und du glaubst deswegen
+Schon recht zu denken. Gern erkenn' ich an:
+Du willst mein Wohl; allein verlange nicht,
+Dass ich auf deinem Weg es finden soll.
+
+Antonio.
+Und soll ich dir sogleich mit kaltem Blut,
+Mit voller, klarer Überzeugung schaden?
+
+Tasso.
+Von dieser Sorge will ich dich befrein!
+Du hältst mich nicht mit diesen Worten ab.
+Du hast mich frei erklärt, und diese Türe
+Steht mir nun offen, die zum Fürsten führt.
+Ich lasse dir die Wahl: Du oder ich!
+Der Fürst geht fort. Hier ist kein Augenblick
+Zu harren. Wähle schnell! Wenn du nicht gehst,
+So geh' ich selbst, und werd' es, wie es will.
+
+Antonio.
+Lass mich nur wenig Zeit von dir erlangen
+Und warte nur des Fürsten Rückkehr ab!
+Nur heute nicht!
+
+Tasso.
+Nein, diese Stunde noch,
+Wenn's möglich ist! Es brennen mir die Sohlen
+Auf diesem Marmorboden; eher kann
+Mein Geist nicht Ruhe finden, bis der Staub
+Des freien Wegs mich Eilenden umgibt.
+Ich bitte dich! Du siehst, wie ungeschickt
+In diesem Augenblick ich sei, mit meinem Herrn
+Zu reden; siehst--wie kann ich das verbergen--
+Dass ich mir selbst in diesem Augenblick,
+Mir keine Macht der Welt gebieten kann.
+Nur Fesseln sind es, die mich halten können!
+Alphons ist kein Tyrann, er sprach mich frei.
+Wie gern gehorcht' ich seinen Worten sonst!
+Heut kann ich nicht gehorchen. Heute nur
+Lasst mich in Freiheit, dass mein Geist sich finde!
+Ich kehre bald zu meiner Pflicht zurück.
+
+Antonio.
+Du machst mich zweifelhaft. Was soll ich tun?
+Ich merke wohl: Es steckt der Irrtum an.
+
+Tasso.
+Soll ich dir glauben, denkst du gut für mich,
+So wirke was ich wünsche, was du kannst.
+Der Fürst entlässt mich dann, und ich verliere
+Nicht seine Gnade, seine Hilfe nicht.
+Das dank' ich dir, und will dir's gern verdanken;
+Doch hegst du einen alten Groll im Busen,
+Willst du von diesem Hofe mich verbannen,
+Willst du auf ewig mein Geschick verkehren,
+Mich hilflos in die weite Welt vertreiben,
+So bleib auf deinem Sinn und widersteh!
+
+Antonio.
+Weil ich dir doch, o Tasso, schaden soll,
+So wähl' ich denn den Weg, den du erwählst.
+Der Ausgang mag entscheiden, wer sich irrt!
+Du willst hinweg! Ich sag' es dir zuvor:
+Du wendest diesem Hause kaum den Rücken,
+So wird dein Herz zurück verlangen, wird
+Dein Eigensinn dich vorwärts treiben; Schmerz,
+Verwirrung, Trübsinn harrt in Rom auf dich,
+Und du verfehlest hier und dort den Zweck.
+Doch sag' ich dies nicht mehr, um dir zu raten;
+Ich sage nur voraus, was bald geschieht,
+Und lade dich auch schon im voraus ein,
+Mir in dem schlimmsten Falle zu vertraun.
+Ich spreche nun den Fürsten, wie du's forderst.
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Tasso (allein).
+
+ Ja, gehe nur, und gehe sicher weg,
+Dass du mich überredest, was du willst.
+Ich lerne mich verstellen; denn du bist
+Ein großer Meister, und ich fasse leicht.
+So zwingt das Leben uns zu scheinen, ja
+Zu sein wie jene, die wir kühn und stolz
+Verachten konnten. Deutlich seh' ich nun
+Die ganze Kunst des höfischen Gewebes!
+Mich will Antonio von hinnen treiben
+Und will nicht scheinen, dass er mich vertreibt.
+Er spielt den Schonenden, den Klugen, dass
+Man nur recht krank und ungeschickt mich finde,
+Bestellet sich zum Vormund, dass er mich
+Zum Kind erniedrige, den er zum Knecht
+Nicht zwingen konnte. So umnebelt er
+Die Stirn des Fürsten und der Fürstin Blick.
+
+ Man soll mich halten, meint er: Habe doch
+Ein schön Verdienst mir die Natur geschenkt;
+Doch leider habe sie mit manchen Schwächen
+Die hohe Gabe wieder schlimm begleitet,
+Mit ungebundnem Stolz, mit übertriebner
+Empfindlichkeit und eignem düstern Sinn.
+Es sei nicht anders, einmal habe nun
+Den einen Mann das Schicksal so gebildet;
+Nun müsse man ihn nehmen, wie er sei,
+Ihn dulden, tragen und vielleicht an ihm,
+Was Freude bringen kann, am guten Tage
+Als unerwarteten Gewinst genießen,
+Im Übrigen, wie er geboren sei,
+So müsse man ihn leben, sterben lassen.
+
+ Erkenn' ich noch Alphonsens festen Sinn,
+Der Feinden trotzt und Freunde treulich schützt?
+Erkenn' ich ihn, wie er nun mir begegnet?
+Ja, wohl erkenn' ich ganz mein Unglück nun!
+Das ist mein Schicksal, dass nur gegen mich
+Sich jeglicher verändert, der für andre fest
+Und treu und sicher bleibt, sich leicht verändert
+Durch einen Hauch, in einem Augenblick.
+
+ Hat nicht die Ankunft dieses Manns allein
+Mein ganz Geschick zerstört, in einer Stunde?
+Nicht dieser das Gebäude meines Glücks
+Von seinem tiefsten Grund aus umgestürzt?
+O, muss ich das erfahren, muss ich's heut!
+Ja, wie sich alles zu mir drängte, lässt
+Mich alles nun; wie jeder mich an sich
+Zu reißen strebte, jeder mich zu fassen,
+So stößt mich alles weg und meidet mich.
+Und das warum? Und wiegt denn er allein
+Die Schale meines Werts und aller Liebe,
+Die ich so reichlich sonst besessen, auf?
+
+ Ja, alles flieht mich nun. Auch du! Auch du!
+Geliebte Fürstin, du entziehst dich mir!
+In diesen trüben Stunden hat sie mir
+Kein einzig Zeichen ihrer Gunst gesandt.
+Hab' ich's um sie verdient?--Du armes Herz,
+Dem so natürlich war sie zu verehren!--
+Vernahm ich ihre Stimme, wie durchdrang
+Ein unaussprechliches Gefühl die Brust!
+Erblickt' ich sie, da ward das helle Licht
+Des Tags mir trüb; unwiderstehlich zog
+Ihr Auge mich, ihr Mund mich an, mein Knie
+Erhielt sich kaum, und aller Kraft
+Des Geists bedurft' ich, aufrecht mich zu halten,
+Vor ihre Füße nicht zu fallen; kaum
+Vermocht' ich diesen Taumel zu zerstreun.
+Hier halte fest, mein Herz! Du klarer Sinn,
+Lass hier dich nicht umnebeln! Ja, auch sie!
+Darf ich es sagen? Und ich glaub' es kaum;
+Ich glaub' es wohl, und möcht' es mir verschweigen.
+Auch Sie! Auch Sie! Entschuldige sie ganz,
+Allein verbirg' dir's nicht: Auch Sie! Auch Sie!
+
+ O dieses Wort, an dem ich zweifeln sollte,
+Solang ein Hauch von Glauben in mir lebt,
+Ja, dieses Wort, es gräbt sich, wie ein Schluss
+Des Schicksals noch zuletzt am ehrnen Rande
+Der voll geschriebnen Qualentafel ein.
+Nun sind erst meine Feinde stark, nun bin ich
+Auf ewig einer jeden Kraft beraubt.
+Wie soll ich streiten, wenn Sie gegenüber
+Im Heere steht? Wie soll ich duldend harren,
+Wenn Sie die Hand mir nicht von ferne reicht?
+Wenn nicht ihr Blick dem Flehenden begegnet?
+Du hast's gewagt zu denken, hast's gesprochen,
+Und es ist wahr, eh' du es fürchten konntest!
+Und ehe nun die Verzweiflung deine Sinnen
+Mit ehrnen Klauen aus einander reißt,
+Ja, klage nur das bittre Schicksal an
+Und wiederhole nur: Auch Sie! Auch Sie!
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug
+(Garten.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Alphons. Antonio.
+
+Antonio.
+Auf deinen Wink ging ich das zweite Mal
+Zu Tasso hin, ich komme von ihm her.
+Ich hab' ihm zugeredet, ja gedrungen;
+Allein er geht von seinem Sinn nicht ab
+Und bittet sehnlich, dass du ihn nach Rom
+Auf eine kurze Zeit entlassen mögest.
+
+Alphons.
+Ich bin verdrießlich, dass ich dir's gestehe,
+Und lieber sag' ich dir, dass ich es bin,
+Als dass ich den Verdruss verberg' und mehre.
+Er will verreisen; gut, ich halt' ihn nicht.
+Er will hinweg, er will nach Rom; es sei!
+Nur dass mir Scipio Gonzaga nicht,
+Der kluge Medicis, ihn nicht entwende!
+Das hat Italien so groß gemacht,
+Dass jeder Nachbar mit dem andern streitet,
+Die Bessern zu besitzen, zu benutzen.
+Ein Feldherr ohne Heer scheint mir ein Fürst,
+Der die Talente nicht um sich versammelt:
+Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt,
+Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.
+Gefunden hab' ich diesen und gewählt,
+Ich bin auf ihn als meinen Diener stolz,
+Und da ich schon für ihn so viel getan,
+So möcht' ich ihn nicht ohne Not verlieren.
+
+Antonio.
+Ich bin verlegen, denn ich trage doch
+Vor dir die Schuld von dem, was heut geschah;
+Auch will ich meinen Fehler gern gestehn,
+Er bleibet deiner Gnade zu verzeihn;
+Doch wenn du glauben könntest, dass ich nicht
+Das mögliche getan, ihn zu versöhnen,
+So würd' ich ganz untröstlich sein. O! Sprich
+Mit holdem Blick mich an, damit ich wieder
+Mich fassen kann, mir selbst vertrauen mag.
+
+Alphons.
+Antonio, nein, da sei nur immer ruhig,
+Ich schreib' es dir auf keine Weise zu;
+Ich kenne nur zu gut den Sinn des Mannes,
+Und weiß nur allzu wohl was ich getan,
+Wie sehr ich ihn geschont, wie sehr ich ganz
+Vergessen, dass ich eigentlich an ihn
+Zu fordern hätte. Über vieles kann
+Der Mensch zum Herrn sich machen, seinen Sinn
+Bezwinget kaum die Not und lange Zeit.
+
+Antonio.
+Wenn andre vieles um den einen tun,
+So ist's auch billig, dass der eine wieder
+Sich fleißig frage, was den andern nützt.
+Wer seinen Geist so viel gebildet hat,
+Wer jede Wissenschaft zusammengeizt,
+Und jede Kenntnis, die uns zu ergreifen
+Erlaubt ist, sollte der, sich zu beherrschen,
+Nicht doppelt schuldig sein? Und denkt er dran?
+
+Alphons.
+Wir sollen eben nicht in Ruhe bleiben!
+Gleich wird uns, wenn wir zu genießen denken,
+Zur Übung unsrer Tapferkeit ein Feind,
+Zur Übung der Geduld ein Freund gegeben.
+
+Antonio.
+Die erste Pflicht des Menschen, Speis' und Trank
+Zu wählen, da ihn die Natur so eng
+Nicht wie das Tier beschränkt, erfüllt er die?
+Und lässt er nicht vielmehr sich wie ein Kind
+Von allem reizen, was dem Gaumen schmeichelt?
+Wann mischt er Wasser unter seinen Wein?
+Gewürze, süße Sachen, stark Getränke,
+Eins um das andre schlingt er hastig ein,
+Und dann beklagt er seinen trüben Sinn,
+Sein feurig Blut, sein allzu heftig Wesen,
+Er schilt auf die Natur und das Geschick.
+Wie bitter und wie thöricht hab' ich ihn
+Nicht oft mit seinem Arzte rechten sehn;
+Zum Lachen fast, wär' irgend lächerlich,
+Was einen Menschen quält und andre plagt.
+"Ich fühle dieses Übel," sagt er bänglich
+Und voll Verdruss: "Was rühmt ihr eure Kunst?
+Schafft mir Genesung!"--Gut! versetzt der Arzt,
+So meidet das und das.--"Das kann ich nicht."--
+So nehmet diesen Trank.--"O nein! Der schmeckt
+Abscheulich, er empört mir die Natur."--
+So trinkt denn Wasser.--"Wasser? Nimmermehr!
+Ich bin so wasserscheu als ein Gebissner."--
+So ist euch nicht zu helfen.--"Und warum?"--
+Das Übel wird sich stets mit Übeln häufen
+Und, wenn es euch nicht töten kann, nur mehr
+Und mehr mit jedem Tag Euch quälen.--"Schön!
+Wofür seid Ihr ein Arzt? Ihr kennt mein Übel,
+Ihr solltet auch die Mittel kennen, sie
+Auch schmackhaft machen, dass ich nicht noch erst,
+Der Leiden los zu sein, recht leiden müsse."
+Du lächelst selbst und doch ist es gewiss,
+Du hast es wohl aus seinem Mund gehört?
+
+Alphons.
+Ich hab' es oft gehört und oft entschuldigt.
+
+Antonio.
+Es ist gewiss, ein ungemäßigt Leben,
+Wie es uns schwere, wilde Träume gibt,
+Macht uns zuletzt am hellen Tage träumen.
+Was ist sein Argwohn anders als ein Traum?
+Wohin er tritt, glaubt er von Feinden sich
+Umgeben. Sein Talent kann niemand sehn,
+Der ihn nicht neidet, niemand ihn beneiden,
+Der ihn nicht hasst und bitter ihn verfolgt.
+So hat er oft mit Klagen dich belästigt:
+Erbrochne Schlösser, aufgefangne Briefe,
+Und Gift und Dolch! Was alles vor ihm schwebt!
+Du hast es untersuchen lassen, untersucht,
+Und hast du was gefunden? Kaum den Schein.
+Der Schutz von keinem Fürsten macht ihn sicher,
+Der Busen keines Freundes kann ihn laben.
+Und willst du einem solchen Ruh und Glück,
+Willst du von ihm wohl Freude dir versprechen?
+
+Alphons.
+Du hättest Recht, Antonio, wenn in ihm
+Ich meinen nächsten Vorteil suchen wollte!
+Zwar ist es schon mein Vorteil, dass ich nicht
+Den Nutzen grad und unbedingt erwarte.
+Nicht alles dienet uns auf gleiche Weise;
+Wer vieles brauchen will, gebrauche jedes
+In seiner Art, so ist er wohl bedient.
+Das haben uns die Medicis gelehrt,
+Das haben uns die Päpste selbst gewiesen.
+Mit welcher Nachsicht, welcher fürstlichen
+Geduld und Langmut trugen diese Männer
+Manch groß Talent, das ihrer reichen Gnade
+Nicht zu bedürfen schien und doch bedurfte!
+
+Antonio.
+Wer weiß es nicht, mein Fürst? Des Lebens Mühe
+Lehrt uns allein des Lebens Güter schätzen.
+So jung hat er zu vieles schon erreicht,
+Als dass genügsam er genießen könnte.
+O, sollt' er erst erwerben, was ihm nun
+Mit offnen Händen angebothen wird:
+Er strengte seine Kräfte männlich an
+Und fühlte sich von Schritt zu Schritt begnügt.
+Ein armer Edelmann hat schon das Ziel
+Von seinem besten Wunsch erreicht, wenn ihn
+Ein edler Fürst zu seinem Hofgenossen
+Erwählen will, und ihn der Dürftigkeit
+Mit milder Hand entzieht. Schenkt er ihm noch
+Vertraun und Gunst und will an seine Seite
+Vor andern ihn erheben, sei's im Krieg,
+Sei's in Geschäften oder im Gespräch,
+So, dächt' ich, könnte der bescheidne Mann
+Sein Glück mit stiller Dankbarkeit verehren.
+Und Tasso hat zu allem diesem noch
+Das schönste Glück des Jünglings: Dass ihn schon
+Sein Vaterland erkennt und auf ihn hofft.
+O glaube mir, sein launisch Missbehagen
+Ruht auf dem breiten Polster seines Glücks.
+Er kommt, entlass ihn gnädig, gib ihm Zeit,
+In Rom und in Neapel, wo er will,
+Das aufzusuchen, was er hier vermisst,
+Und was er hier nur wieder finden kann.
+
+Alphons.
+Will er zurück erst nach Ferrara gehn?
+
+Antonio.
+Er wünscht in Belriguardo zu verweilen.
+Das Nötigste, was er zur Reise braucht,
+Will er durch einen Freund sich senden lassen.
+
+Alphons.
+Ich bin's zufrieden. Meine Schwester geht
+Mit ihrer Freundin gleich zurück, und reitend
+Werd' ich vor ihnen noch zu Hause sein.
+Du folgst uns bald, wenn du für ihn gesorgt.
+Dem Kastellan befiehl das Nötige,
+Dass er hier auf dem Schlosse bleiben kann,
+Solang er will, so lang, bis seine Freunde
+Ihm das Gepäck gesendet, bis wir ihm
+Die Briefe schicken, die ich ihm nach Rom
+Zu geben Willens bin. Er kommt! Leb' wohl!
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Alphons. Tasso.
+
+Tasso (mit Zurückhaltung).
+Die Gnade, die du mir so oft bewiesen,
+Erscheinet heute mir in vollem Licht:
+Du hast verziehen, was in deiner Nähe
+Ich unbedacht und frevelhaft beging;
+Du hast den Widersacher mir versöhnt;
+Du willst erlauben, dass ich eine Zeit
+Von deiner Seite mich entferne, willst
+Mir deine Gunst großmütig vorbehalten.
+Ich scheide nun mit völligem Vertraun,
+Und hoffe still, mich soll die kleine Frist
+Von allem heilen, was mich jetzt beklemmt.
+Es soll mein Geist aufs neue sich erheben
+Und auf dem Wege, den ich froh und kühn,
+Durch deinen Blick ermuntert, erst betrat,
+Sich deiner Gunst aufs neue würdig machen.
+
+Alphons.
+Ich wünsche dir zu deiner Reise Glück
+Und hoffe, dass du froh und ganz geheilt
+Uns wieder kommen wirst. Du bringst uns dann
+Den doppelten Gewinst für jede Stunde,
+Die du uns nun entziehst, vergnügt zurück.
+Ich gebe Briefe dir an meine Leute,
+An Freunde dir nach Rom und wünsche sehr,
+Dass du dich zu den Meinen überall
+Zutraulich halten mögest, wie ich dich
+Als mein, obgleich entfernt, gewiss betrachte.
+
+Tasso.
+Du überhäufst, o Fürst, mit Gnade den,
+Der sich unwürdig fühlt und selbst zu danken
+In diesem Augenblicke nicht vermag.
+Anstatt des Danks eröffn' ich eine Bitte!
+Am meisten liegt mir mein Gedicht am Herzen.
+Ich habe viel getan und keine Mühe
+Und keinen Fleiß gespart; allein es bleibt
+Zu viel mir noch zurück. Ich möchte dort,
+Wo noch der Geist der großen Männer schwebt,
+Und wirksam schwebt, dort möcht' ich in die Schule
+Aufs neue mich begeben: Würdiger
+Erfreute deines Beifalls sich mein Lied.
+O, gib die Blätter mir zurück, die ich
+Jetzt nur beschämt in deinen Händen weiß!
+
+Alphons.
+Du wirst mir nicht an diesem Tage nehmen,
+Was du mir kaum an diesem Tag gebracht.
+Lass zwischen dich und zwischen dein Gedicht
+Mich als Vermittler treten: Hüte dich,
+Durch strengen Fleiß die liebliche Natur
+Zu kränken, die in deinen Reimen lebt,
+Und höre nicht auf Rat von allen Seiten!
+Die tausendfältigen Gedanken vieler
+Verschiedner Menschen, die im Leben sich
+Und in der Meinung widersprechen, fasst
+Der Dichter klug in eins und scheut sich nicht,
+Gar manchem zu missfallen, dass er manchem
+Um desto mehr gefallen möge. Doch
+Ich sage nicht, dass du nicht hie und da
+Bescheiden deine Feile brauchen solltest;
+Verspreche dir zugleich: In kurzer Zeit
+Erhältst du abgeschrieben dein Gedicht.
+Es bleibt von deiner Hand in meinen Händen,
+Damit ich seiner erst mit meinen Schwestern
+Mich recht erfreuen möge. Bringst du es
+Vollkommner dann zurück: Wir werden uns
+Des höheren Genusses freun und dich
+Bei mancher Stelle nur als Freunde warnen.
+
+Tasso.
+Ich wiederhole nur beschämt die Bitte:
+Lass mich die Abschrift eilig haben! Ganz
+Ruht mein Gemüt auf diesem Werke nun.
+Nun muss es werden, was es werden kann.
+
+Alphons.
+Ich billige den Trieb, der dich beseelt!
+Doch, guter Tasso, wenn es möglich wäre,
+So solltest du erst eine kurze Zeit
+Der freien Welt genießen, dich zerstreuen,
+Dein Blut durch eine Kur verbessern. Dir
+Gewährte dann die schöne Harmonie
+Der hergestellten Sinne, was du nun
+Im trüben Eifer nur vergebens suchst.
+
+Tasso.
+Mein Fürst, so scheint es; doch, ich bin gesund,
+Wenn ich mich meinem Fleiß ergeben kann,
+Und so macht wieder mich der Fleiß gesund.
+Du hast mich lang gesehn: Mir ist nicht wohl
+In freier Üppigkeit. Mir lässt die Ruh
+Am mindsten Ruhe. Dies Gemüt ist nicht
+Von der Natur bestimmt, ich fühl' es leider,
+Auf weichem Element der Tage froh
+Ins weite Meer der Zeiten hinzuschwimmen.
+
+Alphons.
+Dich führet alles, was du sinnst und treibst,
+Tief in dich selbst. Es liegt um uns herum
+Gar mancher Abgrund, den das Schicksal grub;
+Doch hier in unserm Herzen ist der tiefste,
+Und reizend ist es sich hinab zu stürzen.
+Ich bitte dich, entreiße dich dir selbst!
+Der Mensch gewinnt, was der Poet verliert.
+
+Tasso.
+Ich halte diesen Drang vergebens auf,
+Der Tag und Nacht in meinem Busen wechselt.
+Wenn ich nicht sinnen oder dichten soll,
+So ist das Leben mir kein Leben mehr.
+Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen,
+Wenn er sich schon dem Tode näher spinnt:
+Das köstliche Geweb' entwickelt er
+Aus seinem Innersten, und lässt nicht ab,
+Bis er in seinen Sarg sich eingeschlossen.
+O, geb' ein guter Gott uns auch dereinst
+Das Schicksal des beneidenswerten Wurms,
+Im neuen Sonnental die Flügel rasch
+Und freudig zu entfalten!
+
+Alphons.
+ Höre mich!
+Du gibst so vielen doppelten Genuss
+Des Lebens; lern', ich bitte dich,
+Den Wert des Lebens kennen, das du noch
+Und zehnfach reich besitzest. Lebe wohl!
+Je eher du zu uns zurücke kehrst,
+Je schöner wirst du uns willkommen sein.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Tasso (allein).
+
+So halte fest, mein Herz, so war es recht!
+Es wird dir schwer, es ist das erste Mal,
+Dass du dich so verstellen magst und kannst.
+Du hörtest wohl: Das war nicht sein Gemüt,
+Das waren seine Worte nicht; mir schien,
+Als klänge nur Antonios Stimme wider.
+O gib nur Acht! Du wirst sie nun so fort
+Von allen Seiten hören. Fest, nur fest!
+Um einen Augenblick ist's noch zu tun.
+Wer spät im Leben sich verstellen lernt,
+Der hat den Schein der Ehrlichkeit voraus.
+Es wird schon gehn, nur übe dich mit ihnen.
+
+(Nach einer Pause.)
+
+Du triumphierst zu früh, dort kommt sie her!
+Die holde Fürstin kommt! O welch Gefühl!
+Sie tritt herein, es löst in meinem Busen
+Verdruss und Argwohn sich in Schmerzen auf.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Prinzessin. Tasso. Gegen das Ende des Auftritts die Übrigen.
+
+Prinzessin.
+Du denkst uns zu verlassen, oder bleibst
+Vielmehr in Belriguardo noch zurück
+Und willst dich dann von uns entfernen, Tasso?
+Ich hoffe, nur auf eine kurze Zeit.
+Du gehst nach Rom?
+
+Tasso.
+Ich richte meinen Weg
+Zuerst dahin, und nehmen meine Freunde
+Mich gütig auf, wie ich es hoffen darf,
+So leg' ich da mit Sorgfalt und Geduld
+Vielleicht die letzte Hand an mein Gedicht.
+Ich finde viele Männer dort versammelt,
+Die Meister aller Art sich nennen dürfen.
+Und spricht in jener ersten Stadt der Welt
+Nicht jeder Platz, nicht jeder Stein zu uns?
+Wie viele tausend stumme Lehrer winken
+In ernster Majestät uns freundlich an!
+Vollend' ich da nicht mein Gedicht, so kann
+Ich's nie vollenden. Leider, ach, schon fühl' ich,
+Mir wird zu keinem Unternehmen Glück!
+Verändern werd' ich es, vollenden nie.
+Ich fühl', ich fühl' es wohl, die große Kunst,
+Die jeden nährt, die den gesunden Geist
+Stärkt und erquickt, wird mich zu Grunde richten,
+Vertreiben wird sie mich. Ich eile fort!
+Nach Napel will ich bald!
+
+Prinzessin.
+ Darfst du es wagen?
+Noch ist der strenge Bann nicht aufgehoben,
+Der dich zugleich mit deinem Vater traf.
+
+Tasso.
+Du warnest recht, ich hab' es schon bedacht.
+Verkleidet geh' ich hin, den armen Rock
+Des Pilgers oder Schäfers zieh' ich an.
+Ich schleiche durch die Stadt, wo die Bewegung
+Der Tausende den einen leicht verbirgt.
+Ich eile nach dem Ufer, finde dort
+Gleich einen Kahn mit willig guten Leuten,
+Mit Bauern, die zum Markte kamen, nun
+Nach Hause kehren, Leute von Sorrent;
+Denn ich muss nach Sorrent hinübereilen.
+Dort wohnet meine Schwester, die mit mir
+Die Schmerzensfreude meiner Eltern war.
+Im Schiffe bin ich still, und trete dann
+Auch schweigend an das Land, ich gehe sacht
+Den Pfad hinauf, und an dem Tore frag' ich:
+Wo wohnt Cornelia? Zeigt mir es an!
+Cornelia Sersale? Freundlich deutet
+Mir eine Spinnerinn die Straße, sie
+Bezeichnet mir das Haus. So steig' ich weiter.
+Die Kinder laufen nebenher und schauen
+Das wilde Haar, den düstern Fremdling an.
+So komm' ich an die Schwelle. Offen steht
+Die Türe schon, so tret' ich in das Haus--
+
+Prinzessin.
+Blick' auf, o Tasso, wenn es möglich ist,
+Erkenne die Gefahr, in der du schwebst!
+Ich schone dich; denn sonst würd' ich dir sagen:
+Ist's edel so zu reden, wie du sprichst?
+Ist's edel, nur allein an sich zu denken,
+Als kränktest du der Freunde Herzen nicht?
+Ist's dir verborgen wie mein Bruder denkt?
+Wie beide Schwestern dich zu schätzen wissen?
+Hast du es nicht empfunden und erkannt?
+Ist alles denn in wenig Augenblicken
+Verändert? Tasso! Wenn du scheiden willst,
+So lass uns Schmerz und Sorge nicht zurück.
+
+(Tasso wendet sich weg.)
+
+Prinzessin.
+Wie tröstlich ist es, einem Freunde, der
+Auf eine kurze Zeit verreisen will,
+Ein klein Geschenk zu geben, sei es nur
+Ein neuer Mantel oder eine Waffe!
+Dir kann man nichts mehr geben; denn du wirfst
+Unwillig alles weg, was du besitzest.
+Die Pilgermuschel und den schwarzen Kittel,
+Den langen Stab erwählst du dir und gehst
+Freiwillig arm dahin und nimmst uns weg,
+Was du mit uns allein genießen konntest.
+
+Tasso.
+So willst du mich nicht ganz und gar verstoßen?
+O süßes Wort, o schöner, teurer Trost!
+Vertritt mich! Nimm in deinen Schutz mich auf!--
+Lass mich in Belriguardo hier, versetze
+Mich nach Consandoli, wohin du willst!
+Es hat der Fürst so manches schöne Schloss,
+So manchen Garten, der das ganze Jahr
+Gewartet wird, und ihr betretet kaum
+Ihn einen Tag, vielleicht nur eine Stunde.
+Ja, wählet den entferntsten aus, den ihr
+In ganzen Jahren nicht besuchen geht,
+Und der vielleicht jetzt ohne Sorge liegt:
+Dort schickt mich hin! Dort lasst mich euer sein!
+Wie will ich deine Bäume pflegen! Die Zitronen
+Im Herbst mit Brettern und mit Ziegeln decken,
+Und mit verbundnem Rohre wohl verwahren!
+Es sollen schöne Blumen in den Beeten
+Die breiten Wurzeln schlagen; rein und zierlich
+Soll jeder Gang und jedes Fleckchen sein.
+Und lasst mir auch die Sorge des Palastes!
+Ich will zur rechten Zeit die Fenster öffnen,
+Dass Feuchtigkeit nicht den Gemälden schade;
+Die schön mit Stuckatur verzierten Wände
+Will ich mit einem leichten Wedel säubern;
+Es soll das Estrich blank und reinlich glänzen;
+Es soll kein Stein, kein Ziegel sich verrücken;
+Es soll kein Gras aus einer Ritze keimen!
+
+Prinzessin.
+Ich finde keinen Rat in meinem Busen,
+Und finde keinen Trost für dich und--uns.
+Mein Auge blickt umher, ob nicht ein Gott
+Uns Hilfe reichen möchte, möchte mir
+Ein heilsam Kraut entdecken, einen Trank,
+Der deinem Sinne Frieden brächte, Frieden uns.
+Das treuste Wort, das von der Lippe fließt,
+Das schönste Heilungsmittel wirkt nicht mehr.
+Ich muss dich lassen, und verlassen kann
+Mein Herz dich nicht.
+
+Tasso.
+ Ihr Götter, ist sie's doch,
+Die mit dir spricht und deiner sich erbarmt?
+Und konntest du das edle Herz verkennen?
+War's möglich, dass in ihrer Gegenwart
+Der Kleinmut dich ergriff und dich bezwang?
+Nein, nein, du bist's! Und nun, ich bin es auch.
+O fahre fort und lass mich jeden Trost
+Aus deinem Munde hören! Deinen Rat
+Entzieh mir nicht! O sprich: Was soll ich tun,
+Damit dein Bruder mir vergeben könne,
+Damit du selbst mir gern vergeben mögest,
+Damit ihr wieder zu den Euren mich
+Mit Freuden zählen möget? Sag' mir an!
+
+Prinzessin.
+Gar wenig ist's, was wir von dir verlangen,
+Und dennoch scheint es allzu viel zu sein.
+Du sollst dich selbst uns freundlich überlassen.
+Wir wollen nichts von dir, was du nicht bist,
+Wenn du nur erst dir mit dir selbst gefällst.
+Du machst uns Freude, wenn du Freude hast,
+Und du betrübst uns nur, wenn du sie fliehst;
+Und wenn du uns auch ungeduldig machst,
+So ist es nur, dass wir dir helfen möchten,
+Und, leider! Sehn, dass nicht zu helfen ist,
+Wenn du nicht selbst des Freundes Hand ergreifst,
+Die, sehnlich ausgereckt, dich nicht erreicht.
+
+Tasso.
+Du bist es selbst, wie du zum ersten Mal,
+Ein heil'ger Engel, mir entgegen kamst!
+Verzeih dem trüben Blick des Sterblichen,
+Wenn er auf Augenblicke dich verkannt.
+Er kennt dich wieder! Ganz eröffnet sich
+Die Seele, nur dich ewig zu verehren.
+Es füllt sich ganz das Herz von Zärtlichkeit--
+Sie ist's, sie steht vor mir. Welch ein Gefühl!
+Ist es Verirrung, was mich nach dir zieht?
+Ist's Raserei? Ist's ein erhöhter Sinn,
+Der erst die höchste, reinste Wahrheit fasst?
+Ja, es ist das Gefühl, das mich allein
+Auf dieser Erde glücklich machen kann,
+Das mich allein so elend werden ließ,
+Wenn ich ihm widerstand und aus dem Herzen
+Es bannen wollte. Diese Leidenschaft
+Gedacht' ich zu bekämpfen; stritt und stritt
+Mit meinem tiefsten Sein, zerstörte frech
+Mein eignes Selbst, dem du so ganz gehörst--
+
+Prinzessin.
+Wenn ich dich, Tasso, länger hören soll,
+So mäßige die Glut, die mich erschreckt.
+
+Tasso.
+Beschränkt der Rand des Bechers einen Wein,
+Der schäumend wallt und brausend überschwillt?
+Mit jedem Wort' erhöhest du mein Glück,
+Mit jedem Worte glänzt dein Auge heller.
+Ich fühle mich im Innersten verändert,
+Ich fühle mich von aller Not entladen,
+Frei wie ein Gott, und alles dank' ich dir!
+Unsägliche Gewalt, die mich beherrscht,
+Entfließet deinen Lippen; ja, du machst
+Mich ganz dir eigen. Nichts gehöret mir
+Von meinem ganzen Ich mir künftig an.
+Es trübt mein Auge sich in Glück und Licht,
+Es schwankt mein Sinn. Mich hält der Fuß nicht mehr.
+Unwiderstehlich ziehst du mich zu dir,
+Und unaufhaltsam dringt mein Herz dir zu.
+Du hast mich ganz auf ewig dir gewonnen,
+So nimm denn auch mein ganzes Wesen hin!
+
+(Er fällt ihr in die Arme und drückt sie fest an sich.)
+
+Prinzessin (ihn von sich stoßend und hinweg eilend).
+Hinweg!
+
+Leonore (die sich schon eine Weile im Grunde sehen lassen, herbeieilend).
+ Was ist geschehen? Tasso! Tasso!
+
+(Sie geht der Prinzessin nach.)
+
+Tasso (im Begriff, ihnen zu folgen).
+O Gott!
+
+Alphons (der sich schon eine Zeitlang mit Antonio genähert).
+ Er kommt von Sinnen, halt ihn fest. (Ab.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+Tasso. Antonio.
+
+Antonio.
+O stünde jetzt, so wie du immer glaubst,
+Dass du von Feinden rings umgeben bist,
+Ein Feind bei dir, wie würd' er triumphieren!
+Unglücklicher, noch kaum erhol' ich mich!
+Wenn ganz was Unerwartetes begegnet,
+Wenn unser Blick was Ungeheures sieht,
+Steht unser Geist auf eine Weile still:
+Wir haben nichts, womit wir das vergleichen.
+
+Tasso (nach einer langen Pause).
+Vollende nur dein Amt--ich seh', du bist's!
+Ja, du verdienst das fürstliche Vertraun;
+Vollende nur dein Amt, und martre mich,
+Da mir der Stab gebrochen ist, noch langsam
+Zu Tode! Ziehe! Zieh am Pfeile nur,
+Dass ich den Widerhaken grimmig fühle,
+Der mich zerfleischt!
+Du bist ein teures Werkzeug des Tyrannen,
+Sei Kerkermeister, sei der Marterknecht,
+Wie wohl, wie eigen steht dir beides an!
+
+(Gegen die Szene.)
+
+Ja, gehe nur, Tyrann! Du konntest dich
+Nicht bis zuletzt verstellen, triumphiere!
+Du hast den Sklaven wohl gekettet, hast
+Ihn wohl gespart zu ausgedachten Qualen:
+Geh nur, ich hasse dich, ich fühle ganz
+Den Abscheu, den die Übermacht erregt,
+Die frevelhaft und ungerecht ergreift.
+
+(Nach einer Pause.)
+
+So seh' ich mich am Ende denn verbannt,
+Verstoßen und verbannt als Bettler hier!
+So hat man mich bekränzt, um mich geschmückt
+Als Opfertier vor den Altar zu führen!
+So lockte man mir noch am letzten Tage
+Mein einzig Eigentum, mir mein Gedicht
+Mit glatten Worten ab, und hielt es fest!
+Mein einzig Gut ist nun in euren Händen,
+Das mich an jedem Ort empfohlen hätte,
+Das mir noch blieb, vom Hunger mich zu retten!
+Jetzt seh' ich wohl, warum ich feiern soll.
+Es ist Verschwörung, und du bist das Haupt.
+Damit mein Lied nur nicht vollkommner werde,
+Dass nur mein Name sich nicht mehr verbreite,
+Dass meine Neider tausend Schwächen finden,
+Dass man am Ende meiner gar vergesse,
+Drum soll ich mich zum Müßiggang gewöhnen,
+Drum soll ich mich und meine Sinne schonen.
+O werte Freundschaft, teure Sorglichkeit!
+Abscheulich dacht' ich die Verschwörung mir,
+Die unsichtbar und rastlos mich umspann,
+Allein abscheulicher ist es geworden.
+ Und du, Sirene! Die du mich so zart,
+So himmlisch angelockt, ich sehe nun
+Dich auf einmal! O Gott, warum so spät!
+ Allein wir selbst betrügen uns so gern
+Und ehren die Verworfnen, die uns ehren.
+Die Menschen kennen sich einander nicht;
+Nur die Galeerensklaven kennen sich,
+Die eng an eine Bank geschmiedet keuchen;
+Wo keiner was zu fordern hat und keiner
+Was zu verlieren hat, die kennen sich;
+Wo jeder sich für einen Schelmen gibt
+Und seinesgleichen auch für Schelmen nimmt.
+Doch wir verkennen nur die andern höflich,
+Damit sie wieder uns verkennen sollen.
+ Wie lang verdeckte mir dein heilig Bild
+Die Buhlerin, die kleine Künste treibt.
+Die Maske fällt: Armide seh' ich nun
+Entblößt von allen Reizen--ja, du bist's!
+Von dir hat ahndungsvoll mein Lied gesungen!
+ Und die verschmitzte kleine Mittlerin!
+Wie tief erniedrigt seh' ich sie vor mir!
+Ich höre nun die leisen Tritte rauschen,
+Ich kenne nun den Kreis, um den sie schlich.
+Euch alle kenn' ich! Sei mir das genug!
+Und wenn das Elend alles mir geraubt,
+So preis' ich's doch: Die Wahrheit lehrt es mich.
+
+Antonio.
+Ich höre, Tasso, dich mit Staunen an,
+So sehr ich weiß, wie leicht dein rascher Geist
+Von einer Grenze zu der andern schwankt.
+Besinne dich! Gebiete dieser Wut!
+Du lästerst, du erlaubst dir Wort auf Wort,
+Das deinen Schmerzen zu verzeihen ist,
+Doch das du selbst dir nie verzeihen kannst.
+
+Tasso.
+O sprich mir nicht mit sanfter Lippe zu,
+Lass mich kein kluges Wort von dir vernehmen!
+Lass mir das dumpfe Glück, damit ich nicht
+Mich erst besinne, dann von Sinnen komme.
+Ich fühle mir das innerste Gebein
+Zerschmettert, und ich leb' um es zu fühlen.
+Verzweiflung fasst mit aller Wut mich an,
+Und in der Höllenqual, die mich vernichtet,
+Wird Lästrung nur ein leiser Schmerzenslaut.
+Ich will hinweg! Und wenn du redlich bist,
+So zeig' es mir, und lass mich gleich von hinnen!
+
+Antonio.
+Ich werde dich in dieser Not nicht lassen;
+Und wenn es dir an Fassung ganz gebricht,
+So soll mir's an Geduld gewiss nicht fehlen.
+
+Tasso.
+So muss ich mich dir denn gefangen geben?
+Ich gebe mich, und so ist es getan;
+Ich widerstehe nicht, so ist mir wohl--
+Und lass es dann mich schmerzlich wiederholen,
+Wie schön es war, was ich mir selbst verscherzte.
+Sie gehn hinweg--O Gott! Dort seh' ich schon
+Den Staub, der von den Wagen sich erhebt--
+Die Reiter sind voraus--Dort fahren sie,
+Dort gehn sie hin! Kam ich nicht auch daher?
+Sie sind hinweg, sie sind erzürnt auf mich.
+O küsst' ich nur noch einmal seine Hand!
+O dass ich nur noch Abschied nehmen könnte!
+Nur einmal noch zu sagen: O verzeiht!
+Nur noch zu hören: Geh, dir ist verziehn!
+Allein ich hör' es nicht, ich hör' es nie--
+Ich will ja gehn! Lasst mich nur Abschied nehmen,
+Nur Abschied nehmen! Gebt, o gebt mir nur
+Auf einen Augenblick die Gegenwart
+Zurück! Vielleicht genes' ich wieder. Nein,
+Ich bin verstoßen, bin verbannt, ich habe
+Mich selbst verbannt, ich werde diese Stimme
+Nicht mehr vernehmen, diesem Blicke nicht,
+Nicht mehr begegnen--
+
+Antonio.
+Lass eines Mannes Stimme dich erinnern,
+Der neben dir nicht ohne Rührung steht!
+Du bist so elend nicht, als wie du glaubst.
+Ermanne dich! Du gibst zu viel dir nach.
+
+Tasso.
+Und bin ich denn so elend, wie ich scheine?
+Bin ich so schwach, wie ich vor dir mich zeige?
+Ist alles denn verloren? Hat der Schmerz,
+Als schütterte der Boden, das Gebäude
+In einen grausen Haufen Schutt verwandelt?
+Ist kein Talent mehr übrig, tausendfältig
+Mich zu zerstreun, zu unterstützen?
+Ist alle Kraft erloschen, die sich sonst
+In meinem Busen regte? Bin ich nichts,
+Ganz nichts geworden?
+Nein, es ist alles da, und ich bin nichts;
+Ich bin mir selbst entwandt, sie ist es mir!
+
+Antonio.
+Und wenn du ganz dich zu verlieren scheinst,
+Vergleiche dich! Erkenne, was du bist!
+
+Tasso.
+Ja, du erinnerst mich zur rechten Zeit!--
+Hilft denn kein Beispiel der Geschichte mehr?
+Stellt sich kein edler Mann mir vor die Augen,
+Der mehr gelitten, als ich jemals litt,
+Damit ich mich mit ihm vergleichend fasse?
+Nein, alles ist dahin!--Nur eines bleibt:
+Die Träne hat uns die Natur verliehen,
+Den Schrei des Schmerzens, wenn der Mann zuletzt
+Es nicht mehr trägt--Und mir noch über alles--
+Sie ließ im Schmerz mir Melodie und Rede,
+Die tiefste Fülle meiner Not zu klagen:
+Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
+Gab mir ein Gott, zu sagen wie ich leide.
+
+Antonio (tritt zu ihm und nimmt ihn bei der Hand).
+
+Tasso.
+O edler Mann! Du stehest fest und still,
+Ich scheine nur die sturmbewegte Welle.
+Allein bedenk' und überhebe nicht
+Dich deiner Kraft! Die mächtige Natur,
+Die diesen Felsen gründete, hat auch
+Der Welle die Beweglichkeit gegeben.
+Sie sendet ihren Sturm, die Welle flieht
+Und schwankt und schwillt und beugt sich schäumend über.
+In dieser Woge spiegelte so schön
+Die Sonne sich, es ruhten die Gestirne
+An dieser Brust, die zärtlich sich bewegte.
+Verschwunden ist der Glanz, entflohn die Ruhe.
+Ich kenne mich in der Gefahr nicht mehr,
+Und schäme mich nicht mehr es zu bekennen.
+Zerbrochen ist das Steuer, und es kracht
+Das Schiff an allen Seiten. Berstend reißt
+Der Boden unter meinen Füßen auf!
+Ich fasse dich mit beiden Armen an!
+So klammert sich der Schiffer endlich noch
+Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte.
+
+
+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
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+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
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+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
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+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
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+search system you may utilize the following addresses and just
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+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
+
+*** END: FULL LICENSE ***
diff --git a/old/10425-8.zip b/old/10425-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..9d453ef
--- /dev/null
+++ b/old/10425-8.zip
Binary files differ
diff --git a/old/10425.txt b/old/10425.txt
new file mode 100644
index 0000000..b80cf24
--- /dev/null
+++ b/old/10425.txt
@@ -0,0 +1,4979 @@
+The Project Gutenberg eBook, Torquato Tasso, by Johann Wolfgang von Goethe
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+
+
+
+Title: Torquato Tasso
+
+Author: Johann Wolfgang von Goethe
+
+Release Date: December 9, 2003 [eBook #10425]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TORQUATO TASSO***
+
+
+E-text prepared by Andrew Sly
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 7-bit version.
+
+
+
+
+
+Torquato Tasso
+
+Ein Schauspiel
+
+Johann Wolfgang von Goethe
+
+
+
+
+
+
+
+Personen
+
+Alphons der Zweite, Herzog von Ferrara.
+Leonore von Este, Schwester des Herzogs.
+Leonore Sanvitale, Graefin von Scandiano.
+Torquato Tasso.
+Antonio Montecatino, Staatssekretaer.
+
+Der Schauplatz ist auf Belriguardo, einem Lustschlosse.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+(Gartenplatz, mit Hermen der epischen Dichter geziert. Vorn an der
+Szene zur Rechten Virgil, zur Linken Ariost.)
+
+
+Erster Auftritt
+Prinzessin. Leonore.
+
+Prinzessin.
+Du siehst mich laechelnd an, Eleonore,
+Und siehst dich selber an und laechelst wieder.
+Was hast du? Lass es eine Freundin wissen!
+Du scheinst bedenklich, doch du scheinst vergnuegt.
+
+Leonore.
+Ja, meine Fuerstin, mit Vergnuegen seh' ich
+Uns beide hier so laendlich ausgeschmueckt.
+Wir scheinen recht beglueckte Schaeferinnen
+Und sind auch wie die Gluecklichen beschaeftigt.
+Wir winden Kraenze. Dieser, bunt von Blumen,
+Schwillt immer mehr und mehr in meiner Hand;
+Du hast mit hoeherm Sinn und groesserm Herzen
+Den zarten schlanken Lorbeer dir gewaehlt.
+
+Prinzessin.
+Die Zweige, die ich in Gedanken flocht,
+Sie haben gleich ein wuerdig Haupt gefunden:
+Ich setze sie Virgilen dankbar auf.
+
+(Sie kraenzt die Herme Virgils.)
+
+Leonore.
+So drueck' ich meinen vollen frohen Kranz
+Dem Meister Ludwig auf die hohe Stirne--
+
+(Sie kraenzt Ariostens Herme.)
+
+Er, dessen Scherze nie verbluehen, habe
+Gleich von dem neuen Fruehling seinen Teil.
+
+Prinzessin.
+Mein Bruder ist gefaellig, dass er uns
+In diesen Tagen schon aufs Land gebracht;
+Wir koennen unser sein und stundenlang
+Uns in die goldne Zeit der Dichter traeumen.
+Ich liebe Belriguardo; denn ich habe
+Hier manchen Tag der Jugend froh durchlebt,
+Und dieses neue Gruen und diese Sonne
+Bringt das Gefuehl mir jener Zeit zurueck.
+
+Leonore.
+Ja, es umgibt uns eine neue Welt!
+Der Schatten dieser immer gruenen Baeume
+Wird schon erfreulich. Schon erquickt uns wieder
+Das Rauschen dieser Brunnen. Schwankend wiegen
+Im Morgenwinde sich die jungen Zweige.
+Die Blumen von den Beeten schauen uns
+Mit ihren Kinderaugen freundlich an.
+Der Gaertner deckt getrost das Winterhaus
+Schon der Zitronen und Orangen ab.
+Der blaue Himmel ruhet ueber uns
+Und an dem Horizonte loest der Schnee
+Der fernen Berge sich in leisen Duft.
+
+Prinzessin.
+Es waere mir der Fruehling sehr willkommen,
+Wenn er nicht meine Freundin mir entfuehrte.
+
+Leonore.
+Erinnre mich in diesen holden Stunden,
+O Fuerstin, nicht, wie bald ich scheiden soll.
+
+Prinzessin.
+Was du verlassen magst, das findest du
+In jener grossen Stadt gedoppelt wieder.
+
+Leonore.
+Es ruft die Pflicht, es ruft die Liebe mich
+Zu dem Gemahl der mich so lang' entbehrt.
+Ich bring' ihm seinen Sohn, der dieses Jahr
+So schnell gewachsen, schnell sich ausgebildet,
+Und Teile seine vaeterliche Freude.
+Gross ist Florenz und herrlich, doch der Wert
+Von allen seinen aufgehaeuften Schaetzen
+Reicht an Ferraras Edelsteine nicht.
+Das Volk hat jene Stadt zur Stadt gemacht,
+Ferrara ward durch seine Fuersten gross.
+
+Prinzessin.
+Mehr durch die guten Menschen, die sich hier
+Durch Zufall trafen und zum Glueck verbanden.
+
+Leonore.
+Sehr leicht zerstreut der Zufall, was er sammelt.
+Ein edler Mensch zieht edle Menschen an
+Und weiss sie fest zu halten, wie ihr tut.
+Um deinen Bruder und um dich verbinden
+Gemueter sich, die eurer wuerdig sind,
+Und ihr seid eurer grossen Vaeter wert.
+Hier zuendete sich froh das schoene Licht
+Der Wissenschaft, des freien Denkens an,
+Als noch die Barbarei mit schwerer Daemmrung
+Die Welt umher verbarg. Mir klang als Kind
+Der Name Herkules von Este schon,
+Schon Hippolyt von Este voll ins Ohr.
+Ferrara ward mit Rom und mit Florenz
+Von meinem Vater viel gepriesen! Oft
+Hab' ich mich hingesehnt; nun bin ich da.
+Hier ward Petrarch bewirtet, hier gepflegt,
+Und Ariost fand seine Muster hier.
+Italien nennt keinen grossen Namen,
+Den dieses Haus nicht seinen Gast genannt.
+Und es ist vorteilhaft den Genius
+Bewirten: Gibst du ihm ein Gastgeschenk,
+So laesst er dir ein schoeneres zurueck.
+Die Staette, die ein guter Mensch betrat,
+Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
+Sein Wort und seine Tat dem Enkel wieder.
+
+Prinzessin.
+Dem Enkel, wenn er lebhaft fuehlt wie du.
+Gar oft beneid' ich dich um dieses Glueck.
+
+Leonore.
+Das du, wie wenig andre, still und rein
+Geniessest. Draengt mich doch das volle Herz,
+Sogleich zu sagen, was ich lebhaft fuehle;
+Du fuehlst es besser, fuehlst es tief und--schweigst.
+Dich blendet nicht der Schein des Augenblicks,
+Der Witz besticht dich nicht, die Schmeichelei
+Schmiegt sich vergebens kuenstlich an dein Ohr:
+Fest bleibt dein Sinn und richtig dein Geschmack,
+Dein Urteil grad, stets ist dein Anteil gross
+Am Grossen, das du wie dich selbst erkennst.
+
+Prinzessin.
+Du solltest dieser hoechsten Schmeichelei
+Nicht das Gewand vertrauter Freundschaft leihen.
+
+Leonore.
+Die Freundschaft ist gerecht, sie kann allein
+Den ganzen Umfang deines Werts erkennen.
+Und lass mich der Gelegenheit, dem Glueck
+Auch ihren Teil an deiner Bildung geben;
+Du hast sie doch, und bist's am Ende doch,
+Und dich mit deiner Schwester ehrt die Welt
+Vor allen grossen Frauen eurer Zeit.
+
+Prinzessin.
+Mich kann das, Leonore, wenig ruehren,
+Wenn ich bedenke, wie man wenig ist,
+Und was man ist, das blieb man andern schuldig.
+Die Kenntnis alter Sprachen und des Besten,
+Was uns die Vorwelt liess, dank' ich der Mutter;
+Doch war an Wissenschaft, an rechtem Sinn
+Ihr keine beider Toechter jemals gleich,
+Und soll sich eine ja mit ihr vergleichen,
+So hat Lucretia gewiss das Recht.
+Auch kann ich dir versichern hab' ich nie
+Als Rang und als Besitz betrachtet, was
+Mir die Natur, was mir das Glueck verlieh.
+Ich freue mich, wenn kluge Maenner sprechen,
+Dass ich verstehen kann wie sie es meinen.
+Es sei ein Urteil ueber einen Mann
+Der alten Zeit und seiner Taten Wert;
+Es sei von einer Wissenschaft die Rede,
+Die, durch Erfahrung weiter ausgebreitet,
+Dem Menschen nutzt indem sie ihn erhebt:
+Wohin sich das Gespraech der Edlen lenkt,
+Ich folge gern, denn mir wird leicht, zu folgen.
+Ich hoere gern dem Streit der Klugen zu,
+Wenn um die Kraefte, die des Menschen Brust
+So freundlich und so fuerchterlich bewegen,
+Mit Grazie die Rednerlippe spielt;
+Gern, wenn die fuerstliche Begier des Ruhms,
+Des ausgebreiteten Besitzes, Stoff
+Dem Denker wird, und wenn die feine Klugheit,
+Von einem klugen Manne zart entwickelt,
+Statt uns zu hintergehen uns belehrt.
+
+Leonore.
+Und dann nach dieser ernsten Unterhaltung,
+Ruht unser Ohr und unser innrer Sinn
+Gar freundlich auf des Dichters Reimen aus,
+Der uns die letzten lieblichsten Gefuehle
+Mit holden Toenen in die Seele floesst.
+Dein hoher Geist umfasst ein weites Reich,
+Ich halte mich am liebsten auf der Insel
+Der Poesie in Lorberhainen auf.
+
+Prinzessin.
+In diesem schoenen Lande, hat man mir
+Versichern wollen, waechst vor andern Baeumen
+Die Myrte gern. Und wenn der Musen gleich
+Gar viele sind, so sucht man unter ihnen
+Sich seltner eine Freundin und Gespielin,
+Als man dem Dichter gern begegnen mag,
+Der uns zu meiden, ja zu fliehen scheint,
+Etwas zu suchen scheint, das wir nicht kennen,
+Und er vielleicht am Ende selbst nicht kennt.
+Da waer' es denn ganz artig, wenn er uns
+Zur guten Stunde traefe, schnell entzueckt
+Uns fuer den Schatz erkennte, den er lang
+Vergebens in der weiten Welt gesucht.
+
+Leonore.
+Ich muss mir deinen Scherz gefallen lassen,
+Er trifft mich zwar, doch trifft er mich nicht tief.
+Ich ehre jeden Mann und sein Verdienst,
+Und ich bin gegen Tasso nur gerecht.
+Sein Auge weilt auf dieser Erde kaum;
+Sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur;
+Was die Geschichte reicht, das Leben gibt,
+Sein Busen nimmt es gleich und willig auf:
+Das weit zerstreute sammelt sein Gemuet,
+Und sein Gefuehl belebt das Unbelebte.
+Oft adelt er, was uns gemein erschien,
+Und das Geschaetzte wird vor ihm zu nichts.
+In diesem eignen Zauberkreise wandelt
+Der wunderbare Mann und zieht uns an,
+Mit ihm zu wandeln, Teil an ihm zu nehmen:
+Er scheint sich uns zu nahn, und bleibt uns fern;
+Er scheint uns anzusehn, und Geister moegen
+An unsrer Stelle seltsam ihm erscheinen.
+
+Prinzessin.
+Du hast den Dichter fein und zart geschildert,
+Der in den Reichen suesser Traeume schwebt.
+Allein mir scheint auch ihn das Wirkliche
+Gewaltsam anzuziehn und fest zu halten.
+Die schoenen Lieder, die an unsern Baeumen
+Wir hin und wieder angeheftet finden,
+Die, goldnen Aepfeln gleich, ein neu Hesperien
+Uns duftend bilden, erkennst du sie nicht alle
+Fuer holde Fruechte einer wahren Liebe?
+
+Leonore.
+Ich freue mich der schoenen Blaetter auch.
+Mit mannigfalt'gem Geist verherrlicht er
+Ein einzig Bild in allen seinen Reimen.
+Bald hebt er es in lichter Glorie
+Zum Sternenhimmel auf, beugt sich verehrend
+Wie Engel ueber Wolken vor dem Bilde;
+Dann schleicht er ihm durch stille Fluren nach
+Und jede Blume windet er zum Kranz.
+Entfernt sich die Verehrte, heiligt er
+Den Pfad, den leis ihr schoener Fuss betrat.
+Versteckt im Busche, gleich der Nachtigall,
+Fuellt er aus einem liebekranken Busen
+Mit seiner Klagen Wohllaut Hain und Luft:
+Sein reizend Leid, die sel'ge Schwermut lockt
+Ein jedes Ohr und jedes Herz muss nach--
+
+Prinzessin.
+Und wenn er seinen Gegenstand benennt,
+So gibt er ihm den Namen Leonore.
+
+Leonore.
+Es ist dein Name wie es meiner ist.
+Ich naehm' es uebel, wenn's ein andrer waere.
+Mich freut es, dass er sein Gefuehl fuer dich
+In diesem Doppelsinn verbergen kann.
+Ich bin zufrieden, dass er meiner auch
+Bei dieses Namens holdem Klang gedenkt.
+Hier ist die Frage nicht von einer Liebe,
+Die sich des Gegenstands bemeistern will,
+Ausschliessend ihn besitzen, eifersuechtig
+Den Anblick jedem andern wehren moechte.
+Wenn er in seliger Betrachtung sich
+Mit deinem Werth beschaeftigt, mag er auch
+An meinem leichtern Wesen sich erfreun.
+Uns liebt er nicht,--verzeih dass ich es sage!--
+Aus allen Sphaeren traegt er, was er liebt,
+Auf einen Namen nieder, den wir fuehren,
+Und sein Gefuehl teilt er uns mit; wir scheinen
+Den Mann zu lieben, und wir lieben nur
+Mit ihm das Hoechste, was wir lieben koennen.
+
+Prinzessin.
+Du hast dich sehr in diese Wissenschaft
+Vertieft, Eleonore, sagst mir Dinge,
+Die mir beinahe nur das Ohr beruehren
+Und in die Seele kaum noch uebergehn.
+
+Leonore.
+Du? Schuelerin des Plato! Nicht begreifen,
+Was dir ein Neuling vorzuschwatzen wagt?
+Es muesste sein, dass ich zu sehr mich irrte;
+Doch irr' ich auch nicht ganz, ich weiss es wohl.
+Die Liebe zeigt in dieser holden Schule
+Sich nicht, wie sonst, als ein verwoehntes Kind:
+Es ist der Juengling der mit Psychen sich
+Vermaehlte, der im Rat der Goetter Sitz
+Und Stimme hat. Er tobt nicht frevelhaft
+Von einer Brust zur andern hin und her;
+Er heftet sich an Schoenheit und Gestalt
+Nicht gleich mit suessem Irrtum fest, und buesset
+Nicht schnellen Rausch mit Ekel und Verdruss.
+
+Prinzessin.
+Da kommt mein Bruder! Lass uns nicht verraten,
+Wohin sich wieder das Gespraech gelenkt:
+Wir wuerden seinen Scherz zu tragen haben,
+Wie unsre Kleidung seinen Spott erfuhr.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Die Vorigen. Alphons.
+
+Alphons.
+Ich suche Tasso, den ich nirgends finde,
+Und treff' ihn--hier sogar bei euch nicht an.
+Koennt ihr von ihm mir keine Nachricht geben?
+
+Prinzessin.
+Ich sah ihn gestern wenig, heute nicht.
+
+Alphons.
+Es ist ein alter Fehler, dass er mehr
+Die Einsamkeit als die Gesellschaft sucht.
+Verzeih' ich ihm, wenn er den bunten Schwarm
+Der Menschen flieht und lieber frei im stillen
+Mit seinem Geist sich unterhalten mag,
+So kann ich doch nicht loben, dass er selbst
+Den Kreis vermeidet, den die Freunde schliessen.
+
+Leonore.
+Irr' ich mich nicht, so wirst du bald, o Fuerst,
+Den Tadel in ein frohes Lob verwandeln.
+Ich sah ihn heut von fern; er hielt ein Buch
+Und eine Tafel, schrieb und ging und schrieb.
+Ein fluechtig Wort das er mir gestern sagte,
+Schien mir sein Werk vollendet anzukuenden.
+Er sorgt nur kleine Zuege zu verbessern,
+Um deiner Huld, die ihm so viel gewaehrt,
+Ein wuerdig Opfer endlich darzubringen.
+
+Alphons.
+Er soll willkommen sein, wenn er es bringt,
+Und los gesprochen sein auf lange Zeit.
+So sehr ich Teil an seiner Arbeit nehme,
+So sehr in manchem Sinn das grosse Werk
+Mich freut und freuen muss, so sehr vermehrt
+Sich auch zuletzt die Ungeduld in mir.
+Er kann nicht enden, kann nicht fertig werden,
+Er aendert stets, ruckt langsam weiter vor,
+Steht wieder still, er hintergeht die Hoffnung;
+Unwillig sieht man den Genuss entfernt
+In spaete Zeit, den man so nah geglaubt.
+
+Prinzessin.
+Ich lobe die Bescheidenheit, die Sorge,
+Womit er Schritt vor Schritt zum Ziele geht.
+Nur durch die Gunst der Musen schliessen sich
+So viele Reime fest in eins zusammen;
+Und seine Seele hegt nur diesen Trieb,
+Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ruenden.
+Er will nicht Maehrchen ueber Maehrchen haeufen,
+Die reizend unterhalten und zuletzt
+Wie lose Worte nur verklingend taeuschen.
+Lass ihn, mein Bruder! Denn es ist die Zeit
+Von einem guten Werke nicht das Mass;
+Und wenn die Nachwelt mit geniessen soll,
+So muss des Kuenstlers Mitwelt sich vergessen.
+
+Alphons.
+Lass uns zusammen, liebe Schwester, wirken,
+Wie wir zu beider Vorteil oft getan!
+Wenn ich zu eifrig bin, so lindre du:
+Und bist du zu gelind, so will ich treiben.
+Wir sehen dann auf einmal ihn vielleicht
+Am Ziel, wo wir ihn lang' gewuenscht zu sehn.
+Dann soll das Vaterland, es soll die Welt
+Erstaunen, welch ein Werk vollendet worden.
+Ich nehme meinen Teil des Ruhms davon,
+Und er wird in das Leben eingefuehrt.
+Ein edler Mensch kann einem engen Kreise
+Nicht seine Bildung danken. Vaterland
+Und Welt muss auf ihn wirken. Ruhm und Tadel
+Muss er ertragen lernen. Sich und andre
+Wird er gezwungen recht zu kennen. Ihn
+Wiegt nicht die Einsamkeit mehr schmeichelnd ein.
+Es will der Feind--es darf der Freund nicht schonen;
+Dann uebt der Juengling streitend seine Kraefte,
+Fuehlt was er ist, und fuehlt sich bald ein Mann.
+
+Leonore.
+So wirst du, Herr, fuer ihn noch alles tun,
+Wie du bisher fuer ihn schon viel getan.
+Es bildet ein Talent sich in der Stille,
+Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.
+O dass er sein Gemuet wie seine Kunst
+An deinen Lehren bilde! Dass er nicht
+Die Menschen laenger meide, dass sein Argwohn
+Sich nicht zuletzt in Furcht und Hass verwandle!
+
+Alphons.
+Die Menschen fuerchtet nur, wer sie nicht kennt,
+Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen.
+Das ist sein Fall, und so wird nach und nach
+Ein frei Gemuet verworren und gefesselt.
+So ist er oft um meine Gunst besorgt,
+Weit mehr, als es ihm ziemte; gegen viele
+Hegt er ein Misstraun, die, ich weiss es sicher,
+Nicht seine Feinde sind. Begegnet ja,
+Dass sich ein Brief verirrt, dass ein Bedienter
+Aus seinem Dienst in einen andern geht,
+Dass ein Papier aus seinen Haenden kommt,
+Gleich sieht er Absicht, sieht Verraeterei
+Und Tuecke die sein Schicksal untergraebt.
+
+Prinzessin.
+Lass uns, geliebter Bruder, nicht vergessen,
+Dass von sich selbst der Mensch nicht scheiden kann.
+Und wenn ein Freund, der mit uns wandeln sollte,
+Sich einen Fuss beschaedigte, wir wuerden
+Doch lieber langsam gehn und unsre Hand
+Ihm gern und willig leihen.
+
+Alphons.
+ Besser waer's,
+Wenn wir ihn heilen koennten, lieber gleich
+Auf treuen Rat des Arztes eine Kur
+Versuchten, dann mit dem Geheilten froh
+Den neuen Weg des frischen Lebens gingen.
+Doch hoff' ich, meine Lieben, dass ich nie
+Die Schuld des rauen Arztes auf mich lade.
+Ich tue, was ich kann, um Sicherheit
+Und Zutraun seinem Busen einzupraegen.
+Ich geb' ihm oft in Gegenwart von vielen
+Entschiedne Zeichen meiner Gunst. Beklagt
+Er sich bei mir, so lass' ich's untersuchen;
+Wie ich es tat, als er sein Zimmer neulich
+Erbrochen glaubte. Laesst sich nichts entdecken,
+So zeig' ich ihm gelassen, wie ich's sehe;
+Und da man alles ueben muss, so ueb' ich,
+Weil er's verdient, an Tasso die Geduld:
+Und ihr, ich weiss es, steht mir willig bei.
+Ich hab' euch nun aufs Land gebracht und gehe
+Heut' Abend nach der Stadt zurueck. Ihr werdet
+Auf einen Augenblick Antonio sehen;
+Er kommt von Rom und holt mich ab. Wir haben
+Viel auszureden, abzutun. Entschluesse
+Sind nun zu fassen, Briefe viel zu schreiben;
+Das alles noetigt mich zur Stadt zurueck.
+
+Prinzessin.
+Erlaubst du uns dass wir dich hin begleiten?
+
+Alphons.
+Bleibt nur in Belriguardo, geht zusammen
+Hinueber nach Consandoli! Geniesst
+Der schoenen Tage ganz nach freier Lust.
+
+Prinzessin.
+Du kannst nicht bei uns bleiben? Die Geschaefte
+Nicht hier so gut als in der Stadt verrichten?
+
+Leonore.
+Du fuehrst uns gleich Antonio hinweg,
+Der uns von Rom so viel erzaehlen sollte?
+
+Alphons.
+Es geht nicht an, ihr Kinder; doch ich komme
+Mit ihm so bald, als moeglich ist, zurueck:
+Dann soll er euch erzaehlen und ihr sollt
+Mir ihn belohnen helfen, der so viel
+In meinem Dienst aufs Neue sich bemueht.
+Und haben wir uns wieder ausgesprochen,
+So mag der Schwarm dann kommen, dass es lustig
+In unsern Gaerten werde, dass auch mir,
+Wie billig, eine Schoenheit in dem Kuehlen,
+Wenn ich sie suche gern begegnen mag.
+
+Leonore.
+Wir wollen freundlich durch die Finger sehen.
+
+Alphons.
+Dagegen wisst ihr, dass ich schonen kann.
+
+Prinzessin (nach der Szene gekehrt).
+Schon lange seh' ich Tasso kommen. Langsam
+Bewegt er seine Schritte, steht bisweilen
+Auf einmal still, wie unentschlossen, geht
+Dann wieder schneller auf uns los, und weilt
+Schon wieder.
+
+Alphons.
+ Stoert ihn, wenn er denkt und dichtet,
+In seinen Traeumen nicht, und lasst ihn wandeln.
+
+Leonore.
+Nein, er hat uns gesehn, er kommt hierher.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Die Vorigen. Tasso.
+
+Tasso (mit einem Buche, in Pergament geheftet).
+Ich komme langsam, dir ein Werk zu bringen,
+Und zaudre noch, es dir zu ueberreichen.
+Ich weiss zu wohl, noch bleibt es unvollendet,
+Wenn es auch gleich geendigt scheinen moechte.
+Allein, war ich besorgt, es unvollkommen
+Dir hinzugeben, so bezwingt mich nun
+Die neue Sorge: Moecht' ich doch nicht gern
+Zu aengstlich, moecht' ich nicht undankbar scheinen.
+Und wie der Mensch nur sagen kann: Hie bin ich!
+Dass Freunde seiner schonend sich erfreuen,
+So kann ich auch nur sagen: Nimm es hin!
+
+(Er uebergibt den Band.)
+
+Alphons.
+Du ueberraschest mich mit deiner Gabe
+Und machst mir diesen schoenen Tag zum Fest.
+So halt' ich's endlich denn in meinen Haenden,
+Und nenn' es in gewissem Sinne mein!
+Lang' wuenscht' ich schon, du moechtest dich entschliessen
+Und endlich sagen: Hier! Es ist genug.
+
+Tasso.
+Wenn Ihr zufrieden seid, so ist's vollkommen;
+Denn euch gehoert es zu in jedem Sinn.
+Betrachtet' ich den Fleiss, den ich verwendet,
+Sah ich die Zuege meiner Feder an,
+So konnt' ich sagen: Dieses Werk ist mein.
+Doch seh' ich naeher an, was dieser Dichtung
+Den innren Wert und ihre Wuerde gibt,
+Erkenn' ich wohl: Ich hab' es nur von euch.
+Wenn die Natur der Dichtung holde Gabe
+Aus reicher Willkuer freundlich mir geschenkt,
+So hatte mich das eigensinn'ge Glueck
+Mit grimmiger Gewalt von sich gestossen;
+Und zog die schoene Welt den Blick des Knaben
+Mit ihrer ganzen Fuelle herrlich an,
+So truebte bald den jugendlichen Sinn
+Der teuren Eltern unverdiente Not.
+Eroeffnete die Lippe sich zu singen,
+So floss ein traurig Lied von ihr herab,
+Und ich begleitete mit leisen Toenen
+Des Vaters Schmerzen und der Mutter Qual.
+Du warst allein, der aus dem engen Leben
+Zu einer schoenen Freiheit mich erhob;
+Der jede Sorge mir vom Haupte nahm,
+Mir Freiheit gab, dass meine Seele sich
+Zu mutigem Gesang entfalten konnte;
+Und welchen Preis nun auch mein Werk erhaelt,
+Euch dank' ich ihn; denn euch gehoert es zu.
+
+Alphons.
+Zum zweiten Mal verdienst du jedes Lob,
+Und ehrst bescheiden dich und uns zugleich.
+
+Tasso.
+O koennt' ich sagen wie ich lebhaft fuehle,
+Dass ich von Euch nur habe, was ich bringe!
+Der tatenlose Juengling--nahm er wohl
+Die Dichtung aus sich selbst? Die kluge Leitung
+Des raschen Krieges--hat er die ersonnen?
+Die Kunst der Waffen, die ein jeder Held
+An dem beschiednen Tage kraeftig zeigt,
+Des Feldherrn Klugheit und der Ritter Mut,
+Und wie sich List und Wachsamkeit bekaempft,
+Hast du mir nicht, o kluger, tapfrer Fuerst,
+Das alles eingefloesst als waerest du
+Mein Genius, der eine Freude faende,
+Sein hohes, unerreichbar hohes Wesen
+Durch einen Sterblichen zu offenbaren?
+
+Prinzessin.
+Geniesse nun des Werks, das uns erfreut!
+
+Alphons.
+Erfreue dich des Beifalls jedes Guten!
+
+Leonore.
+Des allgemeinen Ruhms erfreue dich!
+
+Tasso.
+Mir ist an diesem Augenblick genug.
+An euch nur dacht' ich wenn ich sann und schrieb;
+Euch zu gefallen, war mein hoechster Wunsch,
+Euch zu ergoetzen, war mein letzter Zweck.
+Wer nicht die Welt in seinen Freunden sieht,
+Verdient nicht, dass die Welt von ihm erfahre.
+Hier ist mein Vaterland, hier ist der Kreis,
+In dem sich meine Seele gern verweilt.
+Hier horch' ich auf, hier acht' ich jeden Wink,
+Hier spricht Erfahrung, Wissenschaft, Geschmack;
+Ja, Welt und Nachwelt seh' ich vor mir stehn.
+Die Menge macht den Kuenstler irr' und scheu:
+Nur wer Euch aehnlich ist, versteht und fuehlt,
+Nur der allein soll richten und belohnen!
+
+Alphons.
+Und stellen wir denn Welt und Nachwelt vor,
+So ziemt es nicht nur muessig zu empfangen.
+Das schoene Zeichen, das den Dichter ehrt,
+Das selbst der Held, der seiner stets bedarf,
+Ihm ohne Neid ums Haupt gewunden sieht,
+Erblick' ich hier auf deines Anherrn Stirne.
+
+(Auf die Herme Virgils deutend.)
+
+Hat es der Zufall, hat's ein Genius
+Geflochten und gebracht? Es zeigt sich hier
+Uns nicht umsonst. Virgil hoer' ich sagen:
+Was ehret ihr die Toten? Hatten die
+Doch ihren Lohn und Freude da sie lebten;
+Und wenn ihr uns bewundert und verehrt,
+So gebt auch den Lebendigen ihr Teil.
+Mein Marmorbild ist schon bekraenzt genug--
+Der gruene Zweig gehoert dem Leben an.
+
+(Alphons winkt seiner Schwester; sie nimmt den Kranz von der Bueste
+Virgils und naehert sich Tasso. Er tritt zurueck.)
+
+Leonore.
+Du weigerst dich? Sieh welche Hand den Kranz,
+Den schoenen unverwelklichen, dir bietet!
+
+Tasso.
+O lasst mich zoegern! Seh' ich doch nicht ein,
+Wie ich nach dieser Stunde leben soll.
+
+Alphons.
+In dem Genuss des herrlichen Besitzes,
+Der dich im ersten Augenblick erschreckt.
+
+Prinzessin (indem sie den Kranz in die Hoehe haelt).
+Du goennest mir die seltne Freude, Tasso,
+Dir ohne Wort zu sagen, wie ich denke.
+
+Tasso.
+Die schoene Last aus deinen teuren Haenden
+Empfang' ich kniend auf mein schwaches Haupt.
+
+(Er kniet nieder, die Prinzessin setzt ihm den Kranz auf.)
+
+Leonore (applaudierend).
+Es lebe der zum ersten Mal bekraenzte!
+Wie zieret den bescheidnen Mann der Kranz!
+
+(Tasso steht auf.)
+
+Alphons.
+Es ist ein Vorbild nur von jener Krone,
+Die auf dem Kapitol dich zieren soll.
+
+Prinzessin.
+Dort werden lautere Stimmen dich begruessen;
+Mit leiser Lippe lohnt die Freundschaft hier.
+
+Tasso.
+O nehmt ihn weg von meinem Haupte wieder,
+Nehmt ihn hinweg! Er sengt mir meine Locken,
+Und wie ein Strahl der Sonne, der zu heiss
+Das Haupt mir traefe, brennt er mir die Kraft
+Des Denkens aus der Stirne. Fieberhitze
+Bewegt mein Blut. Verzeiht! Es ist zu viel!
+
+Leonore.
+Es schuetzet dieser Zweig vielmehr das Haupt
+Des Manns, der in den heissen Regionen
+Des Ruhms zu wandeln hat, und kuehlt die Stirne.
+
+Tasso.
+Ich bin nicht wert, die Kuehlung zu empfinden,
+Die nur um Heldenstirnen wehen soll.
+O hebt ihn auf, ihr Goetter, und verklaert
+Ihn zwischen Wolken, dass er hoch und hoeher
+Und unerreichbar schwebe! Dass mein Leben
+Nach diesem Ziel ein ewig Wandeln sei!
+
+Alphons.
+Wer frueh erwirbt, lernt frueh den hohen Wert
+Der holden Gueter dieses Lebens schaetzen;
+Wer frueh geniesst, entbehrt in seinem Leben
+Mit Willen nicht, was er einmal besass;
+Und wer besitzt, der, muss geruestet sein.
+
+Tasso.
+Und wer sich ruesten will, muss eine Kraft
+Im Busen fuehlen, die ihm nie versagt.
+Ach! Sie versagt mir eben jetzt! Im Glueck
+Verlaesst sie mich, die angeborne Kraft,
+Die standhaft mich dem Unglueck, stolz dem Unrecht
+Begegnen lehrte. Hat die Freude mir,
+Hat das Entzuecken dieses Augenblicks
+Das Mark in meinen Gliedern aufgeloest?
+Es sinken meine Knie! Noch einmal
+Siehst du, o Fuerstin, mich gebeugt vor dir!
+Erhoere meine Bitte: Nimm ihn weg!
+Dass, wie aus einem schoenen Traum erwacht,
+Ich ein erquicktes neues Leben fuehle.
+
+Prinzessin.
+Wenn du bescheiden ruhig das Talent,
+Das dir die Goetter gaben, tragen kannst,
+So lern' auch diese Zweige tragen, die
+Das Schoenste sind, was wir dir geben koennen.
+Wem einmal, wuerdig, sie das Haupt beruehrt,
+Dem schweben sie auf ewig um die Stirne.
+
+Tasso.
+So lasst mich denn beschaemt von hinnen gehn!
+Lasst mich mein Glueck im tiefen Hain verbergen,
+Wie ich sonst meine Schmerzen dort verbarg.
+Dort will ich einsam wandeln, dort erinnert
+Kein Auge mich ans unverdiente Glueck.
+Und zeigt mir ungefaehr ein klarer Brunnen
+In seinem reinen Spiegel einen Mann,
+Der wunderbar bekraenzt im Widerschein
+Des Himmels zwischen Baeumen, zwischen Felsen
+Nachdenkend ruht: So scheint es mir, ich sehe
+Elysium auf dieser Zauberflaeche
+Gebildet. Still bedenk' ich mich und frage:
+Wer mag der Abgeschiedne sein? Der Juengling
+Aus der vergangnen Zeit? So schoen bekraenzt?
+Wer sagt mir seinen Namen? Sein Verdienst?
+Ich warte lang' und denke: Kaeme doch
+Ein andrer und noch einer, sich zu ihm
+In freundlichem Gespraeche zu gesellen!
+O saeh' ich die Heroen, die Poeten
+Der alten Zeit um diesen Quell versammelt!
+O saeh' ich hier sie immer unzertrennlich,
+Wie sie im Leben fest verbunden waren!
+So bindet der Magnet durch seine Kraft
+Das Eisen mit dem Eisen fest zusammen,
+Wie gleiches Streben Held und Dichter bindet.
+Homer vergass sich selbst, sein ganzes Leben
+War der Betrachtung zweier Maenner heilig,
+Und Alexander in Elysium
+Eilt, den Achill und den Homer zu suchen.
+O dass ich gegenwaertig waere, sie,
+Die groessten Seelen, nun vereint zu sehen!
+
+Leonore.
+Erwach'! Erwache! Lass uns nicht empfinden,
+Dass du das Gegenwaert'ge ganz verkennst.
+
+Tasso.
+Es ist die Gegenwart, die mich erhoeht,
+Abwesend schein' ich nur: Ich bin entzueckt.
+
+Prinzessin.
+Ich freue mich, wenn du mit Geistern redest,
+Dass du so menschlich sprichst, und hoer' es gern.
+
+(Ein Page tritt zu dem Fuersten und richtet leise etwas aus.)
+
+Alphons.
+Er ist gekommen! Recht zur guten Stunde.
+Antonio!--Bring ihn her--Da kommt er schon!
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Die Vorigen. Antonio.
+
+Alphons.
+Willkommen! Der du uns zugleich dich selbst
+Und gute Botschaft bringst.
+
+Prinzessin.
+ Sei uns gegruesst!
+
+Antonio.
+Kaum wag' ich es zu sagen, welch Vergnuegen
+In eurer Gegenwart mich neu belebt.
+Vor euren Augen find' ich alles wieder,
+Was ich so lang' entbehrt. Ihr scheint zufrieden
+Mit dem, was ich getan, was ich vollbracht;
+Und so bin ich belohnt fuer jede Sorge,
+Fuer manchen bald mit Ungeduld durchharrten,
+Bald absichtsvoll verlornen Tag. Wir haben
+Nun, was wir wuenschen, und kein Streit ist mehr.
+
+Leonore.
+Auch ich begruesse dich, wenn ich schon zuerne.
+Du kommst nur eben, da ich reisen muss.
+
+Antonio.
+Damit mein Glueck nicht ganz vollkommen werde,
+Nimmst du mir gleich den schoenen Teil hinweg.
+
+Tasso.
+Auch meinen Gruss! Ich hoffe mich der Naehe
+Des viel erfahrnen Mannes auch zu freun.
+
+Antonio.
+Du wirst mich wahrhaft finden, wenn du je
+Aus deiner Welt in meine schauen magst.
+
+Alphons.
+Wenn du mir gleich in Briefen schon gemeldet,
+Was du getan, und wie es dir ergangen,
+So hab' ich doch noch manches auszufragen,
+Durch welche Mittel das Geschaeft gelang.
+Auf jenem wunderbaren Boden will der Schritt
+Wohl abgemessen sein, wenn er zuletzt
+An deinen eignen Zweck dich fuehren soll.
+Wer seines Herren Vorteil rein bedenkt,
+Der hat in Rom gar einen schweren Stand:
+Denn Rom will alles nehmen, geben nichts;
+Und kommt man hin, um etwas zu erhalten,
+Erhaelt man nichts, man bringe denn was hin,
+Und gluecklich, wenn man da noch was erhaelt.
+
+Antonio.
+Es ist nicht mein Betragen, meine Kunst,
+Durch die ich deinen Willen, Herr, vollbracht;
+Denn welcher Kluge faend' im Vatikan
+Nicht seinen Meister? Vieles traf zusammen,
+Das ich zu unserm Vorteil nutzen konnte.
+Dich ehrt Gregor und gruesst und segnet dich.
+Der Greis, der wuerdigste, dem eine Krone
+Das Haupt belastet, denkt der Zeit mit Freuden,
+Da er in seinen Arm dich schloss. Der Mann,
+Der Maenner unterscheidet, kennt und ruehmt
+Dich hoch! Um deinetwillen tat er viel.
+
+Alphons.
+Ich freue seiner guten Meinung mich,
+Sofern sie redlich ist. Doch weisst du wohl,
+Vom Vatikan herab sieht man die Reiche
+Schon klein genug zu seinen Fuessen liegen,
+Geschweige denn die Fuersten und die Menschen.
+Gestehe nur, was dir am meisten half!
+
+Antonio.
+Gut! Wenn du willst: Der hohe Sinn des Papsts.
+Er sieht das Kleine klein, das Grosse gross.
+Damit er einer Welt gebiete, gibt
+Er seinen Nachbarn gern und freundlich nach.
+Das Streifchen Land, das er dir ueberlaesst,
+Weiss er, wie deine Freundschaft, wohl zu schaetzen.
+Italien soll ruhig sein, er will
+In seiner Naehe Freunde sehen, Friede
+Bei seinen Grenzen halten, dass die Macht
+Der Christenheit, die er gewaltig lenkt,
+Die Tuerken da, die Ketzer dort vertilge.
+
+Prinzessin.
+Weiss man die Maenner, die er mehr als andre
+Beguenstigt, die sich ihm vertraulich nahn?
+
+Antonio.
+Nur der erfahrne Mann besitzt sein Ohr,
+Der taetige sein Zutraun, seine Gunst.
+Er, der von Jugend auf dem Staat gedient,
+Beherrscht ihn jetzt und wirkt auf jene Hoefe,
+Die er vor Jahren als Gesandter schon
+Gesehen und gekannt und oft gelenkt.
+Es liegt die Welt so klar vor seinem Blick
+Als wie der Vorteil seines eignen Staats.
+Wenn man ihn handeln sieht, so lobt man ihn
+Und freut sich, wenn die Zeit entdeckt, was er
+Im stillen lang' bereitet und vollbracht.
+Es ist kein schoenrer Anblick in der Welt,
+Als einen Fuersten sehn, der klug regieret,
+Das Reich zu sehn, wo jeder stolz gehorcht,
+Wo jeder sich nur selbst zu dienen glaubt,
+Weil ihm das Rechte nur befohlen wird.
+
+Leonore.
+Wie sehnlich wuenscht' ich jene Welt einmal
+Recht nah zu sehn!
+
+Alphons.
+Doch wohl um mit zu wirken
+Denn bloss beschaun wird Leonore nie.
+Es waere doch recht artig, meine Freundin,
+Wenn in das grosse Spiel wir auch zuweilen
+Die zarten Haende mischen koennten--Nicht?
+
+Leonore (zu Alphons).
+Du willst mich reizen, es gelingt dir nicht.
+
+Alphons.
+Ich bin dir viel von andern Tagen schuldig.
+
+Leonore.
+Nun gut, so bleib' ich heut in deiner Schuld!
+Verzeih' und stoere meine Fragen nicht.
+(Zu Antonio.) Hat er fuer die Nepoten viel getan?
+
+Antonio.
+Nicht weniger noch mehr, als billig ist.
+Ein Maechtiger, der fuer die Seinen nicht
+Zu sorgen weiss, wird von dem Volke selbst
+Getadelt. Still und maessig weiss Gregor
+Den Seinigen zu nutzen, die dem Staat
+Als wackre Maenner dienen, und erfuellt
+Mit Einer Sorge zwei verwandte Pflichten.
+
+Tasso.
+Erfreut die Wissenschaft, erfreut die Kunst
+Sich seines Schutzes auch? Und eifert er
+Den grossen Fuersten alter Zeiten nach?
+
+Antonio.
+Er ehrt die Wissenschaft, so fern sie nutzt,
+Den Staat regieren, Voelker kennen lehrt;
+Er schaetzt die Kunst, so fern sie ziert, sein Rom
+Verherrlicht und Palast und Tempel
+Zu Wunderwerken dieser Erde macht.
+In seiner Naehe darf nichts muessig sein!
+Was gelten soll, muss wirken und muss dienen.
+
+Alphons.
+Und glaubst du, dass wir das Geschaefte bald
+Vollenden koennen? Dass sie nicht zuletzt
+Noch hie und da uns Hindernisse streuen?
+
+Antonio.
+Ich muesste sehr mich irren, wenn nicht gleich
+Durch deinen Nahmenszug, durch wenig Briefe
+Auf immer dieser Zwist gehoben waere.
+
+Alphons.
+So lob' ich diese Tage meines Lebens
+Als eine Zeit des Glueckes und Gewinns.
+Erweitert seh' ich meine Grenze, weiss
+Sie fuer die Zukunft sicher. Ohne Schwertschlag
+Hast du's geleistet, eine Buergerkrone
+Dir wohl verdient. Es sollen unsre Frauen
+Vom ersten Eichenlaub am schoensten Morgen
+Geflochten dir sie um die Stirne legen.
+Indessen hat mich Tasso auch bereichert:
+Er hat Jerusalem fuer uns erobert
+Und so die neue Christenheit beschaemt,
+Ein weit entferntes, hoch gestecktes Ziel
+Mit frohem Mut und strengem Fleiss erreicht.
+Fuer seine Muehe siehst du ihn gekroent.
+
+Antonio.
+Du loesest mir ein Raethsel. Zwei Bekraenzte
+Erblickt' ich mit Verwundrung, da ich kam.
+
+Tasso.
+Wenn du mein Glueck vor deinen Augen siehst,
+So wuenscht' ich, dass du mein beschaemt Gemuet
+Mit eben diesem Blicke schauen koenntest.
+
+Antonio.
+Mir war es lang' bekannt, dass im Belohnen
+Alphons unmaessig ist, und du erfaehrst
+Was jeder von den Seinen schon erfuhr.
+
+Prinzessin.
+Wenn du erst siehst, was er geleistet hat,
+So wirst du uns gerecht und maessig finden.
+Wir sind nur hier die ersten stillen Zeugen
+Des Beifalls, den die Welt ihm nicht versagt,
+Und den ihm zehnfach kuenft'ge Jahre goennen.
+
+Antonio.
+Er ist durch euch schon seines Ruhms gewiss.
+Wer duerfte zweifeln, wo ihr preisen koennt?
+Doch sage mir, wer druckte diesen Kranz
+Auf Ariostes Stirne?
+
+Leonore.
+ Diese Hand.
+
+Antonio.
+Und sie hat wohl getan! Er ziert ihn schoen,
+Als ihn der Lorbeer selbst nicht zieren wuerde.
+Wie die Natur die innig reiche Brust
+Mit einem gruenen bunten Kleide deckt,
+So huellt er alles, was den Menschen nur
+Ehrwuerdig, liebenswuerdig machen kann,
+Ins bluehende Gewand der Fabel ein.
+Zufriedenheit, Erfahrung und Verstand
+Und Geisteskraft, Geschmack und reiner Sinn
+Fuers wahre Gute, geistig scheinen sie
+In seinen Liedern und persoenlich doch
+Wie unter Bluetenbaeumen auszuruhn,
+Bedeckt vom Schnee der leicht getragnen Blueten,
+Umkraenzt von Rosen, wunderlich umgaukelt
+Vom losen Zauberspiel der Amoretten.
+Der Quell des Ueberflusses rauscht darneben,
+Und laesst uns bunte Wunderfische sehn.
+Von seltenem Gefluegel ist die Luft,
+Von fremden Herden Wies' und Busch erfuellt;
+Die Schalkheit lauscht im Gruenen halb versteckt,
+Die Weisheit laesst von einer goldnen Wolke
+Von Zeit zu Zeit erhabne Sprueche toenen,
+Indes auf wohl gestimmter Laute wild
+Der Wahnsinn hin und her zu wuehlen scheint
+Und doch im schoensten Takt sich maessig haelt.
+Wer neben diesem Mann sich wagen darf,
+Verdient fuer seine Kuehnheit schon den Kranz.
+Vergebt, wenn ich mich selbst begeistert fuehle,
+Wie ein Verzueckter weder Zeit noch Ort,
+Noch, was ich sage, wohl bedenken kann;
+Denn alle diese Dichter, diese Kraenze,
+Das seltne festliche Gewand der Schoenen
+Versetzt mich aus mir selbst in fremdes Land.
+
+Prinzessin.
+Wer ein Verdienst so wohl zu schaetzen weiss,
+Der wird das andre nicht verkennen. Du
+Sollst uns dereinst in Tassos Liedern zeigen,
+Was wir gefuehlt und was nur du erkennst.
+
+Alphons.
+Komm mit, Antonio! Manches hab' ich noch,
+Worauf ich sehr begierig bin, zu fragen.
+Dann sollst du bis zum Untergang der Sonne
+Den Frauen angehoeren. Komm! Lebt wohl.
+
+(Dem Fuersten folgt Antonio, den Damen Tasso.)
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+(Saal.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Prinzessin. Tasso.
+
+Tasso.
+Unsicher folgen meine Schritte dir,
+O Fuerstin, und Gedanken ohne Mass
+Und Ordnung regen sich in meiner Seele.
+Mir scheint die Einsamkeit zu winken, mich
+Gefaellig anzulispeln: Komm, ich loese
+Die neu erregten Zweifel deiner Brust.
+Doch werf' ich einen Blick auf dich, vernimmt
+Mein horchend Ohr ein Wort von deiner Lippe,
+So wird ein neuer Tag um mich herum,
+Und alle Bande fallen von mir los.
+Ich will dir gern gestehn, es hat der Mann,
+Der unerwartet zu uns trat, nicht sanft
+Aus einem schoenen Traum mich aufgeweckt;
+Sein Wesen, seine Worte haben mich
+So wunderbar getroffen, dass ich mehr
+Als je mich doppelt fuehle, mit mir selbst
+Aufs neu' in streitender Verwirrung bin.
+
+Prinzessin.
+Es ist unmoeglich, dass ein alter Freund,
+Der, lang' entfernt, ein fremdes Leben fuehrte,
+Im Augenblick, da er uns wieder sieht,
+Sich wieder gleich wie ehmals finden soll.
+Er ist in seinem Innern nicht veraendert;
+Lass uns mit ihm nur wenig Tage leben,
+So stimmen sich die Saiten hin und wider,
+Bis gluecklich eine schoene Harmonie
+Aufs neue sie verbindet. Wird er dann
+Auch naeher kennen, was du diese Zeit
+Geleistet hast, so stellt er dich gewiss
+Dem Dichter an die Seite, den er jetzt
+Als einen Riesen dir entgegen stellt.
+
+Tasso.
+Ach, meine Fuerstin, Ariostes Lob
+Aus seinem Munde hat mich mehr ergoetzt,
+Als dass es mich beleidigt haette. Troestlich
+Ist es fuer uns, den Mann geruehmt zu wissen,
+Der als ein grosses Muster vor uns steht.
+Wir koennen uns im stillen Herzen sagen:
+Erreichst du einen Teil von seinem Wert,
+Bleibt dir ein Teil auch seines Ruhms gewiss.
+Nein, was das Herz im tiefsten mir bewegte,
+Was mir noch jetzt die ganze Seele fuellt,
+Es waren die Gestalten jener Welt,
+Die sich lebendig, rastlos, ungeheuer
+Um einen grossen, einzig klugen Mann
+Gemessen dreht und ihren Lauf vollendet,
+Den ihr der Halbgott vorzuschreiben wagt.
+Begierig horcht' ich auf, vernahm mit Lust
+Die sichern Worte des erfahrnen Mannes;
+Doch ach! Je mehr ich horchte, mehr und mehr
+Versank ich vor mir selbst, ich fuerchtete,
+Wie Echo an den Felsen zu verschwinden,
+Ein Widerhall, ein Nichts mich zu verlieren.
+
+Prinzessin.
+Und schienst noch kurz vorher so rein zu fuehlen,
+Wie Held und Dichter fuereinander leben,
+Wie Held und Dichter sich einander suchen
+Und keiner je den andern neiden soll?
+Zwar herrlich ist die liedeswerte Tat,
+Doch schoen ist's auch, der Taten staerkste Fuelle
+Durch wuerd'ge Lieder auf die Nachwelt bringen.
+Begnuege dich aus einem kleinen Staate,
+Der dich beschuetzt, dem wilden Lauf der Welt,
+Wie von dem Ufer, ruhig zuzusehn.
+
+Tasso.
+Und sah ich hier mit Staunen nicht zuerst,
+Wie herrlich man den tapfern Mann belohnt?
+Als unerfahrner Knabe kam ich her,
+In einem Augenblick, da Fest auf Fest
+Ferrara zu dem Mittelpunkt der Ehre
+Zu machen schien. O! Welcher Anblick war's!
+Den weiten Platz, auf dem in ihrem Glanze
+Gewandte Tapferkeit sich zeigen sollte,
+Umschloss ein Kreis, wie ihn die Sonne nicht
+So bald zum zweiten Mal bescheinen wird.
+Es sassen hier gedraengt die schoensten Frauen,
+Gedraengt die ersten Maenner unsrer Zeit.
+Erstaunt durchlief der Blick die edle Menge;
+Man rief: Sie alle hat das Vaterland,
+Das eine, schmale, Meer umgebne Land,
+Hierher geschickt. Zusammen bilden sie
+Das herrlichste Gericht, das ueber Ehre,
+Verdienst und Tugend je entschieden hat.
+Gehst du sie einzeln durch, du findest keinen,
+Der seines Nachbarn sich zu schaemen brauche!--
+Und dann eroeffneten die Schranken sich;
+Da stampften Pferde, glaenzten Helm und Schilde,
+Da draengten sich die Knappen, da erklang
+Trompetenschall, und Lanzen krachten splitternd,
+Getroffen toenten Helm' und Schilde, Staub,
+Auf einen Augenblick, umhuellte wirbelnd
+Des Siegers Ehre, des Besiegten Schmach.
+O lass mich einen Vorhang vor das ganze,
+Mir allzu helle Schauspiel ziehen, dass
+In diesem schoenen Augenblicke mir
+Mein Unwert nicht zu heftig fuehlbar werde.
+
+Prinzessin.
+Wenn jener edle Kreis, wenn jene Taten
+Zu Mueh' und Streben damals dich entflammten,
+So konnt' ich, junger Freund, zu gleicher Zeit
+Der Duldung stille Lehre dir bewaehren.
+Die Feste, die du ruehmst, die hundert Zungen
+Mir damals priesen und mir manches Jahr
+Nachher gepriesen haben, sah ich nicht.
+Am stillen Ort, wohin kaum unterbrochen
+Der letzte Widerhall der Freude sich
+Verlieren konnte, musst' ich manche Schmerzen
+Und manchen traurigen Gedanken leiden.
+Mit breiten Fluegeln schwebte mir das Bild
+Des Todes vor den Augen, deckte mir
+Die Aussicht in die immer neue Welt.
+Nur nach und nach entfernt' es sich, und liess
+Mich, wie durch einen Flor, die bunten Farben
+Des Lebens, blass, doch angenehm, erblicken.
+Ich sah' lebend'ge Formen wieder sanft sich regen.
+Zum ersten Mal trat ich, noch unterstuetzt
+Von meinen Frauen, aus dem Krankenzimmer,
+Da kam Lucretia voll frohen Lebens
+Herbei und fuehrte dich an ihrer Hand.
+Du warst der erste, der im neuen Leben
+Mir neu und unbekannt entgegen trat.
+Da hofft ich viel fuer dich und mich; auch hat
+Uns bis hierher die Hoffnung nicht betrogen.
+
+Tasso.
+Und ich, der ich, betaeubt von dem Gewimmel
+Des draengenden Gewuehls, von so viel Glanz
+Geblendet, und von mancher Leidenschaft
+Bewegt, durch stille Gaenge des Palasts
+An deiner Schwester Seite schweigend ging,
+Dann in das Zimmer trat, wo du uns bald,
+Auf deine Fraun gelehnt erschienest--mir
+Welch ein Moment war dieser! O vergib!
+Wie den Bezauberten von Rausch und Wahn
+Der Gottheit Naehe leicht und willig heilt,
+So war auch ich von aller Phantasie,
+Von jeder Sucht, von jedem falschen Triebe
+Mit einem Blick in deinen Blick geheilt.
+Wenn unerfahren die Begierde sich
+Nach tausend Gegenstaenden sonst verlor,
+Trat ich beschaemt zuerst in mich zurueck
+Und lernte nun das Wuenschenswerte kennen.
+So sucht man in dem weiten Sand des Meers
+Vergebens eine Perle, die verborgen
+In stillen Schalen eingeschlossen ruht.
+
+Prinzessin.
+Es fingen schoene Zeiten damals an,
+Und haett' uns nicht der Herzog von Urbino
+Die Schwester weggefuehrt, uns waeren Jahre
+Im schoenen, ungetruebten Glueck verschwunden.
+Doch leider jetzt vermissen wir zu sehr
+Den frohen Geist, die Brust voll Mut und Leben,
+Den reichen Witz der liebenswuerd'gen Frau.
+
+Tasso.
+Ich weiss es nur zu wohl, seit jenem Tage,
+Da sie von hinnen schied, vermochte dir
+Die reine Freude niemand zu ersetzen.
+Wie oft zerriss es meine Brust! Wie oft
+Klagt' ich dem stillen Hain mein Leid um dich!
+Ach! Rief ich aus, hat denn die Schwester nur
+Das Glueck, das Recht, der Teuern viel zu sein?
+Ist denn kein Herz mehr wert, dass sie sich ihm
+Vertrauen duerfte, kein Gemuet dem ihren
+Mehr gleich gestimmt? Ist Geist und Witz verloschen?
+Und war die eine Frau, so trefflich sie
+Auch war, denn alles? Fuerstin! O verzeih!
+Da dacht' ich manchmal an mich selbst und wuenschte,
+Dir etwas sein zu koennen. Wenig nur,
+Doch etwas, nicht mit Worten, mit der Tat
+Wuenscht' ich's zu sein, im Leben dir zu zeigen,
+Wie sich mein Herz im Stillen dir geweiht.
+Doch es gelang mir nicht, und nur zu oft
+Tat ich im Irrtum was dich schmerzen musste,
+Beleidigte den Mann, den du beschuetztest,
+Verwirrte unklug was du loesen wolltest,
+Und fuehlte so mich stets im Augenblick,
+Wenn ich mich nahen wollte, fern und ferner.
+
+Prinzessin.
+Ich habe, Tasso, deinen Willen nie
+Verkannt und weiss, wie du, dir selbst zu schaden,
+Geschaeftig bist. Anstatt dass meine Schwester
+Mit jedem, wie er sei, zu leben weiss,
+So kannst du selbst nach vielen Jahren kaum
+In einen Freund dich finden.
+
+Tasso.
+Tadle mich!
+Doch sage mir hernach: Wo ist der Mann,
+Die Frau, mit der ich wie mit dir
+Aus freiem Busen wagen darf zu reden?
+
+Prinzessin.
+Du solltest meinem Bruder dich vertraun.
+
+Tasso.
+Er ist mein Fuerst!--Doch glaube nicht, dass mir
+Der Freiheit wilder Trieb den Busen blaehe.
+Der Mensch ist nicht geboren, frei zu sein,
+Und fuer den Edeln ist kein schoener Glueck,
+Als einem Fuersten, den er ehrt, zu dienen.
+Und so ist er mein Herr, und ich empfinde
+Den ganzen Umfang dieses grossen Worts.
+Nun muss ich schweigen lernen, wenn er spricht,
+Und tun, wenn er gebietet, moegen auch
+Verstand und Herz ihm lebhaft widersprechen.
+
+Prinzessin.
+Das ist der Fall bei meinem Bruder nie,
+Und nun, da wir Antonio wieder haben,
+Ist dir ein neuer kluger Freund gewiss.
+
+Tasso.
+Ich hofft' es ehmals, jetzt verzweifl' ich fast.
+Wie lehrreich waere mir sein Umgang, nuetzlich
+Sein Rat in tausend Faellen! Er besitzt,
+Ich mag wohl sagen, alles, was mir fehlt.
+Doch--haben alle Goetter sich versammelt,
+Geschenke seiner Wiege darzubringen--
+Die Grazien sind leider ausgeblieben,
+Und wem die Gaben dieser Holden fehlen,
+Der kann zwar viel besitzen, vieles geben,
+Doch laesst sich nie an seinem Busen ruhn.
+
+Prinzessin.
+Doch laesst sich ihm vertraun, und das ist viel.
+Du musst von einem Mann nicht alles fordern,
+Und dieser leistet, was er dir verspricht.
+Hat er sich erst fuer deinen Freund erklaert,
+So sorgt er selbst fuer dich, wo du dir fehlst.
+Ihr muesst verbunden sein! Ich schmeichle mir,
+Dies schoene Werk in kurzem zu vollbringen.
+Nur widerstehe nicht, wie du es pflegst!
+So haben wir Lenore lang besessen,
+Die fein und zierlich ist, mit der es leicht
+Sich leben laesst; auch dieser hast du nie,
+Wie sie es wuenschte, naeher treten wollen.
+
+Tasso.
+Ich habe dir gehorcht, sonst haett' ich mich
+Von ihr entfernt, anstatt mich ihr zu nahen.
+So liebenswuerdig sie erscheinen kann,
+Ich weiss nicht, wie es ist, konnt' ich nur selten
+Mit ihr ganz offen sein, und wenn sie auch
+Die Absicht hat, den Freunden wohl zu tun,
+So fuehlt man Absicht, und man ist verstimmt.
+
+Prinzessin.
+Auf diesem Wege werden wir wohl nie
+Gesellschaft finden, Tasso! Dieser Pfad
+Verleitet uns, durch einsames Gebuesch,
+Durch stille Taeler fortzuwandern; mehr
+Und mehr verwoehnt sich das Gemuet, und strebt,
+Die goldne Zeit, die ihm von aussen mangelt,
+In seinem Innern wieder herzustellen,
+So wenig der Versuch gelingen will.
+
+Tasso.
+O welches Wort spricht meine Fuerstin aus.
+Die goldne Zeit, wohin ist sie geflohn,
+Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt?
+Da auf der freien Erde Menschen sich
+Wie frohe Herden im Genuss verbreiteten;
+Da ein uralter Baum auf bunter Wiese
+Dem Hirten und der Hirtin Schatten gab,
+Ein juengeres Gebuesch die zarten Zweige
+Um sehnsuchtsvolle Liebe traulich schlang;
+Wo klar und still auf immer reinem Sande
+Der weiche Fluss die Nymphe sanft umfing;
+Wo in dem Grase die gescheuchte Schlange
+Unschaedlich sich verlor, der kuehne Faun,
+Vom tapfern Juengling bald bestraft, entfloh;
+Wo jeder Vogel in der freien Luft
+Und jedes Tier, durch Berg' und Taeler schweifend,
+Zum Menschen sprach: Erlaubt ist, was gefaellt.
+
+Prinzessin.
+Mein Freund, die goldne Zeit ist wohl vorbei;
+Allein die Guten bringen sie zurueck.
+Und soll ich dir gestehen, wie ich denke:
+Die goldne Zeit, womit der Dichter uns
+Zu schmeicheln pflegt, die schoene Zeit, sie war,
+So scheint es mir, so wenig als sie ist;
+Und war sie je, so war sie nur gewiss,
+Wie sie uns immer wieder werden kann.
+Noch treffen sich verwandte Herzen an
+Und teilen den Genuss der schoenen Welt;
+Nur in dem Wahlspruch aendert sich, mein Freund,
+Ein einzig Wort: Erlaubt ist was sich ziemt.
+
+Tasso.
+O wenn aus guten, edlen Menschen nur
+Ein allgemein Gericht bestellt entschiede,
+Was sich denn ziemt! Anstatt dass jeder glaubt,
+Es sei auch schicklich, was ihm nuetzlich ist.
+Wir sehn ja, dem Gewaltigen, dem Klugen
+Steht alles wohl, und er erlaubt sich alles.
+
+Prinzessin.
+Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
+So frage nur bei edlen Frauen an.
+Denn ihnen ist am meisten dran gelegen,
+Dass alles wohl sich zieme, was geschieht.
+Die Schicklichkeit umgibt mit einer Mauer
+Das zarte, leicht verletzliche Geschlecht.
+Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie,
+Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts.
+Und wirst du die Geschlechter beide fragen:
+Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte.
+
+Tasso.
+Du nennest uns unbaendig, roh, gefuehllos?
+
+Prinzessin.
+Nicht das! Allein ihr strebt nach fernen Guetern,
+Und euer Streben muss gewaltsam sein.
+Ihr wagt es, fuer die Ewigkeit zu handeln,
+Wenn wir ein einzig nah beschraenktes Gut
+Auf dieser Erde nur besitzen moechten,
+Und wuenschen, dass es uns bestaendig bleibe.
+Wir sind von keinem Maennerherzen sicher,
+Das noch so warm sich einmal uns ergab.
+Die Schoenheit ist vergaenglich, die ihr doch
+Allein zu ehren scheint. Was uebrig bleibt,
+Das reizt nicht mehr, und was nicht reizt, ist tot.
+Wenn's Maenner gaebe, die ein weiblich Herz
+Zu schaetzen wuessten, die erkennen moechten,
+Welch einen holden Schatz von Treu' und Liebe
+Der Busen einer Frau bewahren kann;
+Wenn das Gedaechtnis einzig schoener Stunden
+In euren Seelen lebhaft bleiben wollte;
+Wenn euer Blick, der sonst durchdringend ist,
+Auch durch den Schleier dringen koennte, den
+Uns Alter oder Krankheit ueberwirft;
+Wenn der Besitz, der ruhig machen soll,
+Nach fremden Guetern euch nicht luestern machte:
+Dann waer' uns wohl ein schoener Tag erschienen,
+Wir feierten dann unsre goldne Zeit.
+
+Tasso.
+Du sagst mir Worte, die in meiner Brust
+Halb schon entschlafne Sorgen maechtig regen.
+
+Prinzessin.
+Was meinst du, Tasso? Rede frei mit mir.
+
+Tasso.
+Oft hoert' ich schon, und diese Tage wieder
+Hab' ich's gehoert, ja haett' ich's nicht vernommen,
+So muesst' ich's denken: Edle Fuersten streben
+Nach deiner Hand! Was wir erwarten muessen,
+Das fuerchten wir und moechten schier verzweifeln,
+Verlassen wirst du uns, es ist natuerlich;
+Doch wie wir's tragen wollen, weiss ich nicht.
+
+Prinzessin.
+Fuer diesen Augenblick seid unbesorgt!
+Fast moecht' ich sagen: Unbesorgt fuer immer.
+Hier bin ich gern, und gerne mag ich bleiben.
+Noch weiss ich kein Verhaeltnis, das mich lockte;
+Und wenn ihr mich denn ja behalten wollt,
+So lasst es mir durch Eintracht sehn und schafft
+Euch selbst ein gluecklich Leben, mir durch euch.
+
+Tasso.
+O lehre mich, das Moegliche zu tun!
+Gewidmet sind dir alle meine Tage.
+Wenn, dich zu preisen, dir zu danken, sich
+Mein Herz entfaltet, dann empfind' ich erst
+Das reinste Glueck, das Menschen fuehlen koennen;
+Das Goettlichste erfuhr ich nur in dir.
+So unterscheiden sich die Erdengoetter
+Vor andern Menschen, wie das hohe Schicksal
+Vom Rat und Willen selbst der kluegsten Maenner
+Sich unterscheidet. Vieles lassen sie,
+Wenn wir gewaltsam Wog' auf Woge sehn,
+Wie leichte Wellen, unbemerkt vorueber
+Vor ihren Fuessen rauschen, hoeren nicht
+Den Sturm, der uns umsaust und niederwirft,
+Vernehmen unser Flehen kaum und lassen,
+Wie wir beschraenkten armen Kindern tun,
+Mit Seufzern und Geschrei die Luft uns fuellen.
+Du hast mich oft, o Goettliche, geduldet,
+Und wie die Sonne, trocknete dein Blick
+Den Tau von meinen Augenliedern ab.
+
+Prinzessin.
+Es ist sehr billig, dass die Frauen dir
+Aufs freundlichste begegnen: Es verherrlicht
+Dein Lied auf manche Weise das Geschlecht.
+Zart oder tapfer, hast du stets gewusst,
+Sie liebenswert und edel vorzustellen;
+Und wenn Armide hassenswert erscheint,
+Versoehnt ihr Reiz und ihre Liebe bald.
+
+Tasso.
+Was auch in meinem Liede widerklingt,
+Ich bin nur einer, einer alles schuldig!
+Es schwebt kein geistig unbestimmtes Bild
+Vor meiner Stirne, das der Seele bald
+Sich ueberglaenzend nahte, bald entzoege.
+Mit meinen Augen hab' ich es gesehn,
+Das Urbild jeder Tugend, jeder Schoene;
+Was ich nach ihm gebildet, das wird bleiben:
+Tancredes Heldenliebe zu Chlorinde,
+Erminies stille, nicht bemerkte Treue,
+Sophronies Grossheit und Olindes Not,
+Es sind nicht Schatten, die der Wahn erzeugte,
+Ich weiss es, sie sind ewig; denn sie sind.
+Und was hat mehr das Recht, Jahrhunderte
+Zu bleiben und im stillen fortzuwirken,
+Als das Geheimnis einer edlen Liebe,
+Dem holden Lied bescheiden anvertraut?
+
+Prinzessin.
+Und soll ich dir noch einen Vorzug sagen,
+Den unvermerkt sich dieses Lied erschleicht?
+Es lockt uns nach und nach, wir hoeren zu,
+Wir hoeren und wir glauben zu verstehn,
+Was wir verstehn, das koennen wir nicht tadeln,
+Und so gewinnt uns dieses Lied zuletzt.
+
+Tasso.
+Welch einen Himmel oeffnest du vor mir,
+O Fuerstin! Macht mich dieser Glanz nicht blind,
+So seh' ich unverhofft ein ewig Glueck
+Auf goldnen Strahlen herrlich niedersteigen.
+
+Prinzessin.
+Nicht weiter, Tasso! Viele Dinge sind's,
+Die wir mit Heftigkeit ergreifen sollen:
+Doch andre koennen nur durch Maessigung
+Und durch Entbehren unser eigen werden.
+So, sagt man, sei die Tugend, sei die Liebe,
+Die ihr verwandt ist. Das bedenke wohl!
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Tasso (allein).
+
+Ist dir's erlaubt, die Augen aufzuschlagen?
+Wagst du's umher zu sehn? Du bist allein!
+Vernahmen diese Saeulen was sie sprach?
+Und hast du Zeugen, diese stumme Zeugen
+Des hoechsten Gluecks zu fuerchten? Es erhebt
+Die Sonne sich des neuen Lebenstages,
+Der mit den vorigen sich nicht vergleicht.
+Hernieder steigend hebt die Goettin schnell
+Den Sterblichen hinauf. Welch neuer Kreis
+Entdeckt sich meinem Auge, welches Reich!
+Wie koestlich wird der heisse Wunsch belohnt!
+Ich traeumte mich dem hoechsten Gluecke nah,
+Und dieses Glueck ist ueber alle Traeume.
+Der Blindgeborne denke sich das Licht,
+Die Farben wie er will; erscheinet ihm
+Der neue Tag, ist's ihm ein neuer Sinn.
+Voll Mut und Ahnung, freudetrunken schwankend
+Betret' ich diese Bahn. Du gibst mir viel,
+Du gibst, wie Erd' und Himmel uns Geschenke
+Mit vollen Haenden uebermaessig reichen,
+Und forderst wieder, was von mir zu fordern
+Nur eine solche Gabe dich berechtigt.
+Ich soll entbehren, soll mich maessig zeigen
+Und so verdienen, dass du mir vertraust.
+Was tat ich je, dass sie mich waehlen konnte?
+Was soll ich tun, um ihrer wert zu sein?
+Sie konnte dir vertraun und dadurch bist du's.
+Ja, Fuerstin, deinen Worten, deinen Blicken
+Sei ewig meine Seele ganz geweiht!
+Ja, fordre was du willst, denn ich bin dein!
+Sie sende mich, Mueh' und Gefahr und Ruhm
+In fernen Landen aufzusuchen, reiche
+Im stillen Hain die goldne Leier mir,
+Sie weihe mich der Ruh' und ihrem Preis:
+Ihr bin ich, bildend soll sie mich besitzen,
+Mein Herz bewahrte jeden Schatz fuer sie.
+O haett' ein tausendfaches Werkzeug mir
+Ein Gott gegoennt, kaum drueckt' ich dann genug
+Die unaussprechliche Verehrung aus.
+Des Mahlers Pinsel und des Dichters Lippe,
+Die suesseste, die je von fruehem Honig
+Genaehrt war, wuenscht' ich mir. Nein, kuenftig soll
+Nicht Tasso zwischen Baeumen, zwischen Mensch
+Sich einsam, schwach und trueb gesinnt verlieren!
+Er ist nicht mehr allein, er ist mit dir.
+O dass die edelste der Taten sich
+Hier sichtbar vor mich stellte, rings umgeben
+Von graesslicher Gefahr! Ich draenge zu
+Und wagte gern das Leben, das ich nun
+Von ihren Haenden habe--forderte
+Die besten Menschen mir zu Freunden auf,
+Unmoegliches mit einer edeln Schar
+Nach Ihrem Wink und Willen zu vollbringen.
+Voreiliger, warum verbarg dein Mund
+Nicht das, was du empfandst, bis du dich wert
+Und werter ihr zu Fuessen legen konntest?
+Das war dein Vorsatz, war dein kluger Wunsch.
+Doch sei es auch! Viel schoener ist es, rein
+Und unverdient ein solch Geschenk empfangen,
+Als halb und halb zu waehnen, dass man wohl
+Es habe fordern duerfen. Blicke freudig!
+Es ist so gross, so weit, was vor dir liegt,
+Und hoffnungsvolle Jugend lockt dich wieder
+In unbekannte, lichte Zukunft hin!
+--Schwelle Brust!--O Witterung des Gluecks,
+Beguenst'ge diese Pflanze doch einmal!
+Sie strebt gen Himmel, tausend Zweige dringen
+Aus ihr hervor, entfalten sich zu Blueten.
+O dass sie Furcht, o dass sie Freuden bringe!
+Dass eine liebe Hand den goldnen Schmuck
+Aus ihren frischen, reichen Aesten breche!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Tasso. Antonio.
+
+Tasso.
+Sei mir willkommen, den ich gleichsam jetzt
+Zum ersten Mal erblicke! Schoener ward
+Kein Mann mir angekuendigt. Sei willkommen!
+Dich kenn' ich nun und deinen ganzen Wert,
+Dir biet' ich ohne Zoegern Herz und Hand
+Und hoffe, dass auch du mich nicht verschmaehst.
+
+Antonio.
+Freigebig bietest du mir schoene Gaben,
+Und ihren Wert erkenn' ich wie ich soll:
+Drum lass mich zoegern, eh' ich sie ergreife.
+Weiss ich doch nicht, ob ich dir auch dagegen
+Ein Gleiches geben kann. Ich moechte gern
+Nicht uebereilt und nicht undankbar scheinen:
+Lass mich fuer beide klug und sorgsam sein.
+
+Tasso.
+Wer wird die Klugheit tadeln? Jeder Schritt
+Des Lebens zeigt, wie sehr sie noetig sei;
+Doch schoener ist's, wenn uns die Seele sagt,
+Wo wir der feinen Vorsicht nicht beduerfen.
+
+Antonio.
+Darueber frage jeder sein Gemuet,
+Weil er den Fehler selbst zu buessen hat.
+
+Tasso.
+So sei's! Ich habe meine Pflicht getan:
+Der Fuerstin Wort, die uns zu Freunden wuenscht,
+Hab' ich verehrt und mich dir vorgestellt.
+Rueckhalten durft' ich nicht, Antonio; doch gewiss,
+Zudringen will ich nicht. Es mag denn sein.
+Zeit und Bekanntschaft heissen dich vielleicht
+Die Gabe waermer fordern, die du jetzt
+So kalt beiseite lehnst und fast verschmaehst.
+
+Antonio.
+Der Maessige wird oefters kalt genannt
+Von Menschen, die sich warm vor andern glauben,
+Weil sie die Hitze fliegend ueberfaellt.
+
+Tasso.
+Du tadelst, was ich tadle, was ich melde.
+Auch ich verstehe wohl, so jung ich bin,
+Der Heftigkeit die Dauer vorzuziehn.
+
+Antonio.
+Sehr weislich! Bleibe stets auf diesem Sinne.
+
+Tasso.
+Du bist berechtigt, mir zu raten, mich
+Zu warnen; denn es steht Erfahrung dir
+Als lang' erprobte Freundin an der Seite.
+Doch glaube nur, es horcht ein stilles Herz
+Auf jedes Tages, jeder Stunde Warnung
+Und uebt sich ingeheim an jedem Guten,
+Das deine Strenge neu zu lehren glaubt.
+
+Antonio.
+Es ist wohl angenehm, sich mit sich selbst
+Beschaeft'gen, wenn es nur so nuetzlich waere.
+Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes
+Erkennen; denn er misst nach eignem Mass
+Sich bald zu klein und leider oft zu gross.
+Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur
+Das Leben lehret jedem, was er sei.
+
+Tasso.
+Mit Beifall und Verehrung hoer' ich dich.
+
+Antonio.
+Und dennoch denkst du wohl bei diesen Worten
+Ganz etwas anders, als ich sagen will.
+
+Tasso.
+Auf diese Weise ruecken wir nicht naeher.
+Es ist nicht klug, es ist nicht wohl getan,
+Vorsaetzlich einen Menschen zu verkennen,
+Er sei auch, wer er sei. Der Fuerstin Wort
+Bedurft' es kaum, leicht hab' ich dich erkannt:
+Ich weiss, dass du das Gute willst und schaffst.
+Dein eigen Schicksal laesst dich unbesorgt,
+An andre denkst du, Andern stehst du bei,
+Und auf des Lebens leicht bewegter Woge
+Bleibt dir ein stetes Herz. So seh' ich dich.
+Und was waer' ich, ging' ich dir nicht entgegen?
+Sucht' ich begierig nicht auch einen Teil
+An dem verschlossnen Schatz, den du bewahrst?
+Ich weiss, es reut dich nicht, wenn du dich oeffnest,
+Ich weiss, du bist mein Freund, wenn du mich kennst:
+Und eines solchen Freunds bedurft' ich lange.
+Ich schaeme mich der Unerfahrenheit
+Und meiner Jugend nicht. Still ruhet noch
+Der Zukunft goldne Wolke mir ums Haupt.
+O nimm mich, edler Mann, an deine Brust
+Und weihe mich, den Raschen, Unerfahrnen,
+Zum maessigen Gebrauch des Lebens ein.
+
+Antonio.
+In einem Augenblicke forderst du,
+Was wohlbedaechtig nur die Zeit gewaehrt.
+
+Tasso.
+In einem Augenblick gewaehrt die Liebe,
+Was Muehe kaum in langer Zeit erreicht.
+Ich bitt' es nicht von dir, ich darf es fordern.
+Dich ruf' ich in der Tugend Namen auf,
+Die gute Menschen zu verbinden eifert.
+Und soll ich dir noch einen Namen nennen?
+Die Fuerstin hofft's, Sie will's--Eleonore,
+Sie will mich zu dir fuehren, dich zu mir.
+O lass uns ihrem Wunsch entgegen gehn!
+Lass uns verbunden vor die Goettin treten,
+Ihr unsern Dienst, die ganze Seele bieten,
+Vereint fuer sie das Wuerdigste zu tun.
+Noch einmal!--Hier ist meine Hand! Schlag ein!
+Tritt nicht zurueck und weigre dich nicht laenger,
+O edler Mann, und goenne mir die Wollust,
+Die schoenste guter Menschen, sich dem Bessern
+Vertrauend ohne Rueckhalt hinzugeben!
+
+Antonio.
+Du gehst mit vollen Segeln! Scheint es doch,
+Du bist gewohnt zu siegen, ueberall
+Die Wege breit, die Pforten weit zu finden.
+Ich goenne jeden Wert und jedes Glueck
+Dir gern, allein ich sehe nur zu sehr,
+Wir stehn zu weit noch voneinander ab.
+
+Tasso.
+Es sei an Jahren, an geprueftem Wert;
+An frohem Muth und Willen weich' ich keinem.
+
+Antonio.
+Der Wille lockt die Taten nicht herbei;
+Der Mut stellt sich die Wege kuerzer vor.
+Wer angelangt am Ziel ist, wird gekroent,
+Und oft entbehrt ein Wuerd'ger eine Krone.
+Doch gibt es leichte Kraenze, Kraenze gibt es
+Von sehr verschiedner Art: Sie lassen sich
+Oft im Spazierengehn bequem erreichen.
+
+Tasso.
+Was eine Gottheit diesem frei gewaehrt
+Und jenem streng versagt, ein solches Gut
+Erreicht nicht jeder, wie er will und mag.
+
+Antonio.
+Schreib es dem Glueck vor andern Goettern zu,
+So hoer' ich's gern; denn seine Wahl ist blind.
+
+Tasso.
+Auch die Gerechtigkeit traegt eine Binde
+Und schliesst die Augen jedem Blendwerk zu.
+
+Antonio.
+Das Glueck erhebe billig der Beglueckte!
+Er dicht' ihm hundert Augen fuers Verdienst
+Und kluge Wahl und strenge Sorgfalt an,
+Nenn' es Minerva, nenn' es, wie er will,
+Er halte gnaediges Geschenk fuer Lohn,
+Zufaelligen Putz fuer wohl verdienten Schmuck.
+
+Tasso.
+Du brauchst nicht deutlicher zu sein. Es ist genug!
+Ich blicke tief dir in das Herz und kenne
+Fuer's ganze Leben dich. O kennte so
+Dich meine Fuerstin auch! Verschwende nicht
+Die Pfeile deiner Augen, deiner Zunge!
+Du richtest sie vergebens nach dem Kranze,
+Dem unverwelklichen, auf meinem Haupt.
+Sei erst so gross, mir ihn nicht zu beneiden!
+Dann darfst du mir vielleicht ihn streitig machen.
+Ich acht' ihn heilig und das hoechste Gut:
+Doch zeige mir den Mann, der das erreicht,
+Wornach ich strebe, zeige mir den Helden,
+Von dem mir die Geschichten nur erzaehlten;
+Den Dichter stell' mir vor, der sich Homer,
+Virgil sich vergleichen darf, ja, was
+Noch mehr gesagt ist, zeige mir den Mann,
+Der dreifach diesen Lohn verdiente, den
+Die schoene Krone dreifach mehr als mich
+Beschaemte: Dann sollst du mich kniend sehn
+Vor jener Gottheit, die mich so begabte;
+Nicht eher stuend' ich auf, bis sie die Zierde
+Von meinem Haupt auf seins hinueber drueckte.
+
+Antonio.
+Bis dahin bleibst du freilich ihrer wert.
+
+Tasso.
+Man waege mich, das will ich nicht vermeiden;
+Allein Verachtung hab' ich nicht verdient.
+Die Krone, der mein Fuerst mich wuerdig achtete,
+Die meiner Fuerstin Hand fuer mich gewunden,
+Soll keiner mir bezweifeln noch begrinsen!
+
+Antonio.
+Es ziemt der hohe Ton, die rasche Glut
+Nicht dir zu mir, noch dir an diesem Orte.
+
+Tasso.
+Was du dir hier erlaubst, das ziemt auch mir.
+Und ist die Wahrheit wohl von hier verbannt?
+Ist im Palast der freie Geist gekerkert?
+Hat hier ein edler Mensch nur Druck zu dulden?
+Mich duenkt hier ist die Hoheit erst an ihrem Platz,
+Der Seele Hoheit! Darf sie sich der Naehe
+Der Grossen dieser Erde nicht erfreun?
+Sie darf's und soll's. Wir nahen uns dem Fuersten
+Durch Adel nur, der uns von Vaetern kam;
+Warum nicht durchs Gemuet, das die Natur
+Nicht jedem gross verlieh, wie sie nicht jedem
+Die Reihe grosser Ahnherrn geben konnte?
+Nur Kleinheit sollte hier sich aengstlich fuehlen,
+Der Neid, der sich zu seiner Schande zeigt:
+Wie keiner Spinne schmutziges Gewebe
+An diesen Marmorwaenden haften soll.
+
+Antonio.
+Du zeigst mir selbst mein Recht dich zu verschmaehn!
+Der uebereilte Knabe will des Manns
+Vertraun und Freundschaft mit Gewalt ertrotzen?
+Unsittlich, wie du bist, haeltst du dich gut?
+
+Tasso.
+Viel lieber, was ihr euch unsittlich nennt,
+Als was ich mir unedel nennen muesste.
+
+Antonio.
+Du bist noch jung genug, dass gute Zucht
+Dich eines bessern Wegs belehren kann.
+
+Tasso.
+Nicht jung genug, vor Goetzen mich zu neigen,
+Und, Trotz mit Trotz zu baend'gen, alt genug.
+
+Antonio.
+Wo Lippenspiel und Saitenspiel entscheiden,
+Ziehst du als Held und Sieger wohl davon.
+
+Tasso.
+Verwegen waer' es, meine Faust zu ruehmen;
+Denn sie hat nichts getan; doch ich vertrau' ihr.
+
+Antonio.
+Du traust auf Schonung, die dich nur zu sehr
+Im frechen Laufe deines Gluecks verzog.
+
+Tasso.
+Dass ich erwachsen bin, das fuehl' ich nun.
+Mit dir am wenigsten haett' ich gewuenscht
+Das Wagespiel der Waffen zu versuchen:
+Allein du schuerest Glut auf Glut, es kocht
+Das innre Mark, die schmerzliche Begier
+Der Rache siedet schaeumend in der Brust.
+Bist du der Mann der du dich ruehmst, so steh mir!
+
+Antonio.
+Du weisst so wenig wer, als wo du bist.
+
+Tasso.
+Kein Heiligtum heisst uns den Schimpf ertragen.
+Du laesterst, du entweihest diesen Ort,
+Nicht ich, der ich Vertraun, Verehrung, Liebe,
+Das schoenste Opfer, dir entgegen trug.
+Dein Geist verunreint dieses Paradies
+Und deine Worte diesen reinen Saal,
+Nicht meines Herzens schwellendes Gefuehl,
+Das braust, den kleinsten Flecken nicht zu leiden.
+
+Antonio.
+Welch hoher Geist in einer engen Brust!
+
+Tasso.
+Hier ist noch Raum, dem Busen Luft zu machen.
+
+Antonio.
+Es macht das Volk sich auch mit Worten Luft.
+
+Tasso.
+Bist du ein Edelmann wie ich, so zeig' es.
+
+Antonio.
+Ich bin es wohl, doch weiss ich, wo ich bin.
+
+Tasso.
+Komm mit herab, wo unsre Waffen gelten.
+
+Antonio.
+Wie du nicht fordern solltest, folg' ich nicht.
+
+Tasso.
+Der Feigheit ist solch Hindernis willkommen.
+
+Antonio.
+Der Feige droht nur, wo er sicher ist.
+
+Tasso.
+Mit Freuden kann ich diesem Schutz entsagen.
+
+Antonio.
+Vergib dir nur, dem Ort vergibst du nichts.
+
+Tasso.
+Verzeihe mir der Ort dass ich es litt.
+
+(Er zieht den Degen.)
+
+Zieh oder folge, wenn ich nicht auf ewig,
+Wie ich dich hasse, dich verachten soll.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Alphons. Die Vorigen.
+
+Alphons.
+In welchem Streit treff' ich euch unerwartet?
+
+Antonio.
+Du findest mich, o Fuerst, gelassen stehn
+Vor einem, den die Wut ergriffen hat.
+
+Tasso.
+Ich bete dich als eine Gottheit an,
+Dass du mit Einem Blick mich warnend baendigst.
+
+Alphons.
+Erzaehl', Antonio, Tasso, sag' mir an,
+Wie hat der Zwist sich in mein Haus gedrungen?
+Wie hat er euch ergriffen, von der Bahn
+Der Sitten, der Gesetze kluge Maenner
+Im Taumel weggerissen? Ich erstaune.
+
+Tasso.
+Du kennst uns beide nicht, ich glaub' es wohl.
+Hier dieser Mann, beruehmt als klug und sittlich,
+Hat roh und haemisch, wie ein unerzogner,
+Unedler Mensch, sich gegen mich betragen.
+Zutraulich naht' ich ihm, er stiess mich weg;
+Beharrlich liebend drang ich mich zu ihm,
+Und bitter, immer bittrer, ruht' er nicht,
+Bis er den reinsten Tropfen Bluts in mir
+Zu Galle wandelte. Verzeih! Du hast mich hier
+Als einen Wuetenden getroffen. Dieser
+Hat alle Schuld, wenn ich mich schuldig machte.
+Er hat die Glut gewaltsam angefacht,
+Die mich ergriff und mich und ihn verletzte.
+
+Antonio.
+Ihn riss der hohe Dichterschwung hinweg!
+Du hast, o Fuerst, zuerst mich angeredet,
+Hast mich gefragt: Es sei mir nun erlaubt,
+Nach diesem raschen Redner auch zu sprechen.
+
+Tasso.
+O ja, erzaehl', erzaehl' von Wort zu Wort!
+Und kannst du jede Silbe, jede Miene
+Vor diesen Richter stellen, wag' es nur!
+Beleidige dich selbst zum zweiten Male
+Und zeuge wider dich! Dagegen will
+Ich keinen Hauch und keinen Pulsschlag leugnen.
+
+Antonio.
+Wenn du noch mehr zu reden hast, so sprich;
+Wo nicht, so schweig und unterbrich mich nicht.
+Ob ich, mein Fuerst, ob dieser heisse Kopf
+Den Streit zuerst begonnen? Wer es sei,
+Der unrecht hat? Ist eine weite Frage,
+Die wohl zuvoerderst noch auf sich beruht.
+
+Tasso.
+Wie das? Mich duenkt, das ist die erste Frage:
+Wer von uns beiden Recht und Unrecht hat.
+
+Antonio.
+Nicht ganz, wie sich's der unbegraenzte Sinn
+Gedenken mag.
+
+Alphons.
+ Antonio!
+
+Antonio.
+ Gnaedigster,
+Ich ehre deinen Wink, doch lass ihn schweigen!
+Hab' ich gesprochen, mag er weiter reden;
+Du wirst entscheiden. Also sag' ich nur:
+Ich kann mit ihm nicht rechten, kann ihn weder
+Verklagen, noch mich selbst verteid'gen, noch
+Ihm jetzt genug zu tun mich anerbieten.
+Denn, wie er steht, ist er kein freier Mann.
+Es waltet ueber ihm ein schwer Gesetz,
+Das deine Gnade hoechstens lindern wird.
+Er hat mir hier gedroht, hat mich gefodert;
+Vor dir verbarg er kaum das nackte Schwert.
+Und tratst du, Herr, nicht zwischen uns herein,
+So stuende jetzt auch ich als pflichtvergessen,
+Mitschuldig und beschaemt vor deinem Blick.
+
+Alphons (zu Tasso).
+Du hast nicht wohl getan.
+
+Tasso.
+ Mich spricht, o Herr,
+Mein eigen Herz, gewiss auch deines frei.
+Ja, es ist wahr, ich drohte, forderte,
+Ich zog. Allein, wie tueckisch seine Zunge
+Mit wohl gewaehlten Worten mich verletzt,
+Wie scharf und schnell sein Zahn das feine Gift
+Mir in das Blut gefloesst, wie er das Fieber
+Nur mehr und mehr erhitzt--du denkst es nicht!
+Gelassen, kalt, hat er mich ausgehalten,
+Aufs Hoechste mich getrieben. O! Du kennst,
+Du kennst ihn nicht und wirst ihn niemals kennen!
+Ich trug ihm warm die schoenste Freundschaft an--
+Er warf mir meine Gaben vor die Fuesse;
+Und haette meine Seele nicht geglueht,
+So war sie deiner Gnade, deines Dienstes
+Auf ewig unwert. Hab' ich des Gesetzes
+Und dieses Orts vergessen, so verzeih.
+Auf keinem Boden darf ich niedrig sein,
+Erniedrigung auf keinem Boden dulden.
+Wenn dieses Herz, es sei auch, wo es will,
+Dir fehlt und sich, dann strafe, dann verstosse,
+Und lass mich nie dein Auge wieder sehn.
+
+Antonio.
+Wie leicht der Juengling schwere Lasten traegt
+Und Fehler wie den Staub vom Kleide schuettelt!
+Es waere zu verwundern, wenn die Zauberkraft
+Der Dichtung nicht bekannter waere, die
+Mit dem Unmoeglichen so gern ihr Spiel
+Zu treiben liebt. Ob du auch so, mein Fuerst,
+Ob alle deine Diener diese Tat
+So unbedeutend halten, zweifl' ich fast.
+Die Majestaet verbreitet ihren Schutz
+Auf jeden, der sich ihr wie einer Gottheit
+Und ihrer unverletzten Wohnung naht.
+Wie an dem Fusse des Altars bezaehmt
+Sich auf der Schwelle jede Leidenschaft.
+Da blinkt kein Schwert, da faellt kein drohend Wort,
+Da fordert selbst Beleid'gung keine Rache.
+Es bleibt das weite Feld ein offner Raum
+Fuer Grimm und Unversoehnlichkeit genug:
+Dort wird kein Feiger drohn, kein Mann wird fliehn.
+Hier diese Mauern haben deine Vaeter
+Auf Sicherheit gegruendet, ihrer Wuerde
+Ein Heiligtum befestigt, diese Ruhe
+Mit schweren Strafen ernst und klug erhalten;
+Verbannung, Kerker, Tod ergriff den Schuldigen.
+Da war kein Ansehn der Person, es hielt
+Die Milde nicht den Arm des Rechts zurueck,
+Und selbst der Frevler fuehlte sich geschreckt.
+Nun sehen wir nach langem, schoenem Frieden
+In das Gebiet der Sitten rohe Wut
+Im Taumel wiederkehren. Herr, entscheide,
+Bestrafe! Denn wer kann in seiner Pflicht
+Beschraenkten Grenzen wandeln, schuetzet ihn
+Nicht das Gesetz und seines Fuersten Kraft?
+
+Alphons.
+Mehr, als ihr beide sagt und sagen koennt,
+Laesst unparteiisch das Gemuet mich hoeren.
+Ihr haettet schoener eure Pflicht getan,
+Wenn ich dies Urteil nicht zu sprechen haette;
+Denn hier sind Recht und Unrecht nah verwandt.
+Wenn dich Antonio beleidigt hat,
+So hat er dir auf irgendeine Weise
+Genug zu tun, wie du es fordern wirst.
+Mir waer' es lieb, ihr waehltet mich zum Austrag.
+Indessen, dein Vergehen macht, o Tasso,
+Dich zum Gefangnen. Wie ich dir vergebe,
+So lindr' ich das Gesetz um deinetwillen.
+Verlass uns, Tasso! Bleib auf deinem Zimmer,
+Von dir und mit dir selbst allein bewacht.
+
+Tasso.
+Ist dies, o Fuerst, dein richterlicher Spruch?
+
+Antonio.
+Erkennest du des Vaters Milde nicht?
+
+Tasso (zu Antonio).
+Mit dir hab' ich vorerst nichts mehr zu reden.
+(Zu Alphons.) O Fuerst, es uebergibt dein ernstes Wort
+Mich Freien der Gefangenschaft. Es sei!
+Du haeltst es recht. Dein heilig Wort verehrend,
+Heiss' ich mein innres Herz im tiefsten schweigen.
+Es ist mir neu, so neu, dass ich fast dich
+Und mich und diesen schoenen Ort nicht kenne.
+Doch diesen kenn' ich wohl--Gehorchen will ich,
+Ob ich gleich hier noch manches sagen koennte
+Und sagen sollte. Mir verstummt die Lippe.
+War's ein Verbrechen? Wenigstens es scheint,
+Ich bin als ein Verbrecher angesehn.
+Und, was mein Herz auch sagt, ich bin gefangen.
+
+Alphons.
+Du nimmst es hoeher, Tasso, als ich selbst.
+
+Tasso.
+Mir bleibt es unbegreiflich wie es ist;
+Zwar unbegreiflich nicht, ich bin kein Kind;
+Ich meine fast, ich muesst' es denken koennen.
+Auf einmal winkt mich eine Klarheit an,
+Doch augenblicklich schliesst sich's wieder zu,
+Ich hoere nur mein Urteil, beuge mich.
+Das sind zuviel vergebne Worte schon.
+Gewoehne dich von nun an zu gehorchen,
+Ohnmaecht'ger! Du vergassest wo du standst:
+Der Goetter Saal schien dir auf gleicher Erde,
+Nun ueberwaeltigt dich der jaehe Fall.
+Gehorche gern; denn es geziemt dem Manne,
+Auch willig das Beschwerliche zu tun.
+Hier nimm den Degen erst, den du mir gabst,
+Als ich dem Kardinal nach Frankreich folgte;
+Ich fuehrt' ihn nicht mit Ruhm, doch nicht mit Schande,
+Auch heute nicht. Der hoffnungsvollen Gabe
+Entaeussr' ich mich mit tief geruehrtem Herzen.
+
+Alphons.
+Wie ich zu dir gesinnt bin fuehlst du nicht.
+
+Tasso.
+Gehorchen ist mein Los, und nicht, zu denken!
+Und leider eines herrlichern Geschenks
+Verleugnung fordert das Geschick von mir.
+Die Krone kleidet den Gefangnen nicht:
+Ich nehme selbst von meinem Haupt die Zierde,
+Die fuer die Ewigkeit gegoennt mir schien.
+Zu frueh war mir das schoenste Glueck verliehen
+Und wird, als haett' ich sein mich ueberhoben,
+Mir nur zu bald geraubt.
+Du nimmst dir selbst, was keiner nehmen konnte,
+Und was kein Gott zum zweiten Male gibt.
+Wir Menschen werden wunderbar geprueft;
+Wir koennten's nicht ertragen, haett' uns nicht
+Den holden Leichtsinn die Natur verliehn.
+Mit unschaetzbaren Guetern lehret uns
+Verschwenderisch die Not gelassen spielen:
+Wir oeffnen willig unsre Haende, dass
+Unwiederbringlich uns ein Gut entschluepfe.
+Mit diesem Kuss vereint sich eine Traene
+Und weiht dich der Vergaenglichkeit! Es ist
+Erlaubt das holde Zeichen unsrer Schwaeche.
+Wer weinte nicht, wenn das Unsterbliche
+Vor der Zerstoerung selbst nicht sicher ist?
+Geselle dich zu diesem Degen, der
+Dich leider nicht erwarb! Um ihn geschlungen,
+Ruhe, wie auf dem Sarg der Tapfern, auf
+Dem Grabe meines Gluecks und meiner Hoffnung!
+Hier leg' ich beide willig dir zu Fuessen;
+Denn wer ist wohl gewaffnet, wenn du zuernst?
+Und wer geschmueckt, o Herr, den du verkennst?
+Gefangen geh' ich, warte des Gerichts.
+
+(Auf des Fuersten Wink, hebt ein Page den Degen mit dem Kranze auf
+und traegt ihn weg.)
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+Alphons. Antonio.
+
+Antonio.
+Wo schwaermt der Knabe hin? Mit welchen Farben
+Mahlt er sich seinen Wert und sein Geschick?
+Beschraenkt und unerfahren, haelt die Jugend
+Sich fuer ein einzig auserwaehltes Wesen
+Und alles ueber alle sich erlaubt.
+Er fuehle sich gestraft, und strafen heisst
+Dem Juengling wohl tun, dass der Mann uns danke.
+
+Alphons.
+Er ist gestraft, ich fuerchte: Nur zu viel.
+
+Antonio.
+Wenn du gelind mit ihm verfahren magst,
+So gib, o Fuerst, ihm seine Freiheit wieder,
+Und unsern Zwist entscheide dann das Schwert.
+
+Alphons.
+Wenn es die Meinung fordert, mag es sein.
+Doch sprich, wie hast du seinen Zorn gereizt?
+
+Antonio.
+Ich wuesste kaum zu sagen, wie's geschah.
+Als Menschen hab' ich ihn vielleicht gekraenkt,
+Als Edelmann hab' ich ihn nicht beleidigt.
+Und seinen Lippen ist im groessten Zorne
+Kein sittenloses Wort entflohn.
+
+Alphons.
+ So schien
+Mir euer Streit, und was ich gleich gedacht,
+Bekraeftigt deine Rede mir noch mehr.
+Wenn Maenner sich entzweien, haelt man billig
+Den Kluegsten fuer den Schuldigen. Du solltest
+Mit ihm nicht zuernen; ihn zu leiten stuende
+Dir besser an. Noch immer ist es Zeit:
+Hier ist kein Fall, der euch zu streiten zwaenge.
+Solang mir Friede bleibt, so lange wuensch' ich
+In meinem Haus ihn zu geniessen. Stelle
+Die Ruhe wieder her--du kannst es leicht.
+Lenore Sanvitale mag ihn erst
+Mit zarter Lippe zu besaenft'gen suchen:
+Dann tritt zu ihm, gib ihm in meinem Namen
+Die volle Freiheit wieder, und gewinne
+Mit edeln, wahren Worten sein Vertraun.
+Verrichte das, sobald du immer kannst;
+Du wirst als Freund und Vater mit ihm sprechen.
+Noch eh' wir scheiden, will ich Friede wissen,
+Und dir ist nichts unmoeglich, wenn du willst.
+Wir bleiben lieber eine Stunde laenger
+Und lassen dann die Frauen sanft vollenden,
+Was du begannst; und kehren wir zurueck,
+So haben sie von diesem raschen Eindruck
+Die letzte Spur vertilgt. Es scheint, Antonio,
+Du willst nicht aus der Uebung kommen! Du
+Hast ein Geschaeft kaum erst vollendet, nun
+Kehrst du zurueck und schaffst dir gleich ein neues.
+Ich hoffe, dass auch dieses dir gelingt.
+
+Antonio.
+Ich bin beschaemt und seh' in deinen Worten,
+Wie in dem klarsten Spiegel, meine Schuld!
+Gar leicht gehorcht man einem edlen Herrn,
+Der ueberzeugt, indem er uns gebietet.
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+Prinzessin (allein).
+
+Wo bleibt Eleonore? Schmerzlicher
+Bewegt mir jeden Augenblick die Sorge
+Das tiefste Herz. Kaum weiss ich was geschah,
+Kaum weiss ich, wer von beiden schuldig ist.
+O dass sie kaeme! Moecht' ich doch nicht gern
+Den Bruder nicht, Antonio nicht sprechen,
+Eh' ich gefasster bin, eh' ich vernommen,
+Wie alles steht, und was es werden kann.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Prinzessin. Leonore.
+
+Prinzessin.
+Was bringst du, Leonore? Sag' mir an,
+Wie steht's um unsre Freunde? Was geschah?
+
+Leonore.
+Mehr, als wir wissen, hab' ich nicht erfahren.
+Sie trafen hart zusammen, Tasso zog,
+Dein Bruder trennte sie. Allein es scheint,
+Als habe Tasso diesen Streit begonnen:
+Antonio geht frei umher und spricht
+Mit seinem Fuersten: Tasso bleibt dagegen
+Verbannt in seinem Zimmer und allein.
+
+Prinzessin.
+Gewiss hat ihn Antonio gereizt,
+Den hoch Gestimmten kalt und fremd beleidigt.
+
+Leonore.
+Ich glaub' es selbst. Denn eine Wolke stand,
+Schon als er zu uns trat, um seine Stirn.
+
+Prinzessin.
+Ach dass wir doch, dem reinen stillen Wink
+Des Herzens nach zu gehen, so sehr verlernen!
+Ganz leise spricht ein Gott in unsrer Brust,
+Ganz leise, ganz vernehmlich, zeigt uns an,
+Was zu ergreifen ist und was zu fliehn.
+Antonio erschien mir heute frueh
+Viel schroffer noch als je, in sich gezogner.
+Es warnte mich mein Geist, als neben ihn
+Sich Tasso stellte. Sieh das Aeussre nur
+Von beiden an, das Angesicht, den Ton,
+Den Blick, den Tritt! Es widerstrebt sich alles;
+Sie koennen ewig keine Liebe wechseln.
+Doch ueberredete die Hoffnung mich,
+Die Gleisnerinn: Sie sind vernuenftig beide,
+Sind edel, unterrichtet, deine Freunde;
+Und welch ein Band ist sichrer als der Guten?
+Ich trieb den Juengling an; er gab sich ganz;
+Wie schoen, wie warm ergab er ganz sich mir!
+O haett' ich gleich Antonio gesprochen!
+Ich zauderte; es war nur kurze Zeit;
+Ich scheute mich, gleich mit den ersten Worten
+Und dringend ihm den Juengling zu empfehlen;
+Verliess auf Sitte mich und Hoeflichkeit,
+Auf den Gebrauch der Welt, der sich so glatt
+Selbst zwischen Feinde legt; befuerchtete
+Von dem geprueften Manne diese Jaehe
+Der raschen Jugend nicht. Es ist geschehn.
+Das Uebel stand mir fern, nun ist es da.
+O gib mir einen Rat! Was ist zu tun?
+
+Leonore.
+Wie schwer zu raten sei, das fuehlst du selbst
+Nach dem, was du gesagt. Es ist nicht hier
+Ein Missverstaendnis zwischen gleich Gestimmten;
+Das stellen Worte, ja im Notfall stellen
+Es Waffen leicht und gluecklich wieder her.
+Zwei Maenner sind's, ich hab' es lang gefuehlt,
+Die darum Feinde sind, weil die Natur
+Nicht einen Mann aus ihnen beiden formte.
+Und waeren sie zu ihrem Vorteil klug,
+So wuerden sie als Freunde sich verbinden:
+Dann stuenden sie fuer einen Mann und gingen
+Mit Macht und Glueck und Lust durchs Leben hin.
+So hofft' ich selbst; nun seh' ich wohl: Umsonst.
+Der Zwist von heute, sei er, wie er sei,
+Ist beizulegen; doch das sichert uns
+Nicht fuer die Zukunft, fuer den Morgen nicht.
+Es waer' am besten, daecht' ich, Tasso reiste
+Auf eine Zeit von hier; er koennte ja
+Nach Rom, auch nach Florenz sich wenden; dort
+Traef' ich in wenig Wochen ihn und koennte
+Auf sein Gemuet als eine Freundin wirken.
+Du wuerdest hier indessen den Antonio,
+Der uns so fremd geworden, dir aufs neue
+Und deinen Freunden naeher bringen: So
+Gewaehrte das, was itzt unmoeglich scheint,
+Die gute Zeit vielleicht, die vieles gibt.
+
+Prinzessin.
+Du willst dich in Genuss, o Freundin, setzen,
+Ich soll entbehren; heisst das billig sein?
+
+Leonore.
+Entbehren wirst du nichts, als was du doch
+In diesem Falle nicht geniessen koenntest.
+
+Prinzessin.
+So ruhig soll ich einen Freund verbannen?
+
+Leonore.
+Erhalten, den du nur zum Schein verbannst.
+
+Prinzessin.
+Mein Bruder wird ihn nicht mit Willen lassen.
+
+Leonore.
+Wenn er es sieht wie wir, so gibt er nach.
+
+Prinzessin.
+Es ist so schwer, im Freunde sich verdammen.
+
+Leonore.
+Und dennoch rettest du den Freund in dir.
+
+Prinzessin.
+Ich gebe nicht mein Ja, dass es geschehe.
+
+Leonore.
+So warte noch ein groessres Uebel ab.
+
+Prinzessin.
+Du peinigst mich und weisst nicht, ob du nuetzest.
+
+Leonore.
+Wir werden bald entdecken, wer sich irrt.
+
+Prinzessin.
+Und soll es sein, so frage mich nicht laenger.
+
+Leonore.
+Wer sich entschliessen kann, besiegt den Schmerz.
+
+Prinzessin.
+Entschlossen bin ich nicht, allein es sei,
+Wenn er sich nicht auf lange Zeit entfernt--
+Und lass uns fuer ihn sorgen, Leonore,
+Dass er nicht etwa kuenftig Mangel leide,
+Dass ihm der Herzog seinen Unterhalt
+Auch in der Ferne willig reichen lasse.
+Sprich mit Antonio; denn er vermag
+Bei meinem Bruder viel, und wird den Streit
+Nicht unserm Freund und uns gedenken wollen.
+
+Leonore.
+Ein Wort von dir, Prinzessin, gaelte mehr.
+
+Prinzessin.
+Ich kann, du weisst es, meine Freundin, nicht
+Wie's meine Schwester von Urbino kann,
+Fuer mich und fuer die Meinen was erbitten.
+Ich lebe gern so stille vor mich hin,
+Und nehme von dem Bruder dankbar an,
+Was er mir immer geben kann und will.
+Ich habe sonst darueber manchen Vorwurf
+Mir selbst gemacht; nun hab' ich ueberwunden.
+Es schalt mich eine Freundin oft darum:
+Du bist uneigennuetzig, sagte sie,
+Das ist recht schoen; allein so sehr bist du's,
+Dass du auch das Beduerfnis deiner Freunde
+Nicht recht empfinden kannst. Ich lass' es gehn
+Und muss denn eben diesen Vorwurf tragen.
+Um desto mehr erfreut es mich, dass ich
+Nun in der Tat dem Freunde nuetzen kann;
+Es faellt mir meiner Mutter Erbschaft zu,
+Und gerne will ich fuer ihn sorgen helfen.
+
+Leonore.
+Und ich, o Fuerstin, finde mich im Falle,
+Dass ich als Freundin auch mich zeigen kann.
+Er ist kein guter Wirth; wo es ihm fehlt,
+Werd' ich ihm schon geschickt zu helfen wissen.
+
+Prinzessin.
+So nimm ihn weg, und, soll ich ihn entbehren,
+Vor allen andern sei er dir gegoennt!
+Ich seh' es wohl, so wird es besser sein.
+Muss ich denn wieder diesen Schmerz als gut
+Und heilsam preisen? Das war mein Geschick
+Von Jugend auf; ich bin nun dran gewoehnt.
+Nur halb ist der Verlust des schoensten Gluecks,
+Wenn wir auf den Besitz nicht sicher zaehlten.
+
+Leonore.
+Ich hoffe dich, so schoen du es verdienst,
+Gluecklich zu sehn!
+
+Prinzessin.
+ Eleonore! Gluecklich?
+Wer ist denn gluecklich?--Meinen Bruder zwar
+Moecht' ich so nennen; denn sein grosses Herz
+Traegt sein Geschick mit immer gleichem Mut;
+Allein, was er verdient, das ward ihm nie.
+Ist meine Schwester von Urbino gluecklich?
+Das schoene Weib, das edle grosse Herz!
+Sie bringt dem juengern Manne keine Kinder;
+Er achtet sie und laesst sie's nicht entgelten,
+Doch keine Freude wohnt in ihrem Haus.
+Was half denn unsrer Mutter ihre Klugheit?
+Die Kenntnis jeder Art, ihr grosser Sinn?
+Konnt' er sie vor dem fremden Irrtum schuetzen?
+Man nahm uns von ihr weg: Nun ist sie tot.
+Sie liess uns Kindern nicht den Trost, dass sie
+Mit ihrem Gott versoehnt gestorben sei.
+
+Leonore.
+O blicke nicht nach dem, was jedem fehlt;
+Betrachte, was noch einem jeden bleibt!
+Was bleibt nicht dir, Prinzessin?
+
+Prinzessin.
+ Was mir bleibt?
+Geduld, Eleonore! Ueben konnt' ich die
+Von Jugend auf. Wenn Freunde, wenn Geschwister
+Bei Fest und Spiel gesellig sich erfreuten,
+Hielt Krankheit mich auf meinem Zimmer fest,
+Und in Gesellschaft mancher Leiden musst'
+Ich frueh entbehren lernen. Eines war,
+Was in der Einsamkeit mich schoen ergoetzte,
+Die Freude des Gesangs; ich unterhielt
+Mich mit mir selbst, ich wiegte Schmerz und Sehnsucht
+Und jeden Wunsch mit leisen Toenen ein.
+Da wurde Leiden oft Genuss, und selbst
+Das traurige Gefuehl zur Harmonie.
+Nicht lang' war mir dies Glueck gegoennt, auch dieses
+Nahm mir der Arzt hinweg: Sein streng Gebot
+Hiess mich verstummen; leben sollt' ich, leiden,
+Den einz'gen kleinen Trost sollt' ich entbehren.
+
+Leonore.
+So viele Freunde fanden sich zu dir,
+Und nun bist du gesund, bist lebensfroh.
+
+Prinzessin.
+Ich bin gesund, das heisst: Ich bin nicht krank;
+Und manche Freunde hab' ich, deren Treue
+Mich gluecklich macht. Auch hatt' ich einen Freund--
+
+Leonore.
+Du hast ihn noch.
+
+Prinzessin.
+Und werd' ihn bald verlieren.
+Der Augenblick, da ich zuerst ihn sah,
+War viel bedeutend. Kaum erholt' ich mich
+Von manchen Leiden; Schmerz und Krankheit waren
+Kaum erst gewichen; still bescheiden blickt' ich
+Ins Leben wieder, freute mich des Tags
+Und der Geschwister wieder, sog beherzt
+Der suessen Hoffnung reinsten Balsam ein.
+Ich wagt' es vorwaerts in das Leben weiter
+Hinein zu sehn, und freundliche Gestalten
+Begegneten mir aus der Ferne. Da,
+Eleonore, stellte mir den Juengling
+Die Schwester vor; er kam an ihrer Hand,
+Und, dass ich dir's gestehe, da ergriff
+Ihn mein Gemuet und wird ihn ewig halten.
+
+Leonore.
+O meine Fuerstin, lass dich's nicht gereuen!
+Das Edle zu erkennen, ist Gewinst,
+Der nimmer uns entrissen werden kann.
+
+Prinzessin.
+Zu fuerchten ist das Schoene das Fuertreffliche,
+Wie eine Flamme, die so herrlich nuetzt,
+Solange sie auf deinem Herde brennt,
+Solang sie dir von einer Fackel leuchtet,
+Wie hold! Wer mag, wer kann sie da entbehren?
+Und frisst sie ungehuetet um sich her,
+Wie elend kann sie machen! Lass mich nun.
+Ich bin geschwaetzig, und verbaerge besser
+Auch selbst vor dir, wie schwach ich bin und krank.
+
+Leonore.
+Die Krankheit des Gemuetes loeset sich
+In Klagen und Vertraun am leichtsten auf.
+
+Prinzessin.
+Wenn das Vertrauen heilt, so heil' ich bald;
+Ich hab' es rein und hab' es ganz zu dir.
+Ach, meine Freundin! Zwar ich bin entschlossen:
+Er scheide nur! Allein ich fuehle schon
+Den langen ausgedehnten Schmerz der Tage, wenn
+Ich nun entbehren soll, was mich erfreute.
+Die Sonne hebt von meinen Augenliedern
+Nicht mehr sein schoen verklaertes Traumbild auf,
+Die Hoffnung ihn zu sehen fuellt nicht mehr
+Den kaum erwachten Geist mit froher Sehnsucht;
+Mein erster Blick hinab in unsre Gaerten
+Sucht ihn vergebens in dem Tau der Schatten.
+Wie schoen befriedigt fuehlte sich der Wunsch,
+Mit ihm zu sein an jedem heitern Abend!
+Wie mehrte sich im Umgang das Verlangen
+Sich mehr zu kennen, mehr sich zu verstehn!
+Und taeglich stimmte das Gemuet sich schoener
+Zu immer reinern Harmonien auf.
+Welch eine Daemmrung faellt nun vor mir ein!
+Der Sonne Pracht, das froehliche Gefuehl
+Des hohen Tags, der tausendfachen Welt
+Glanzreiche Gegenwart, ist oed' und tief
+Im Nebel eingehuellt, der mich umgibt.
+Sonst war mir jeder Tag ein ganzes Leben;
+Die Sorge schwieg, die Ahndung selbst verstummte,
+Und, gluecklich eingeschifft, trug uns der Strom
+Auf leichten Wellen ohne Ruder hin:
+Nun ueberfaellt in trueber Gegenwart
+Der Zukunft Schrecken heimlich meine Brust.
+
+Leonore.
+Die Zukunft gibt dir deine Freunde wieder
+Und bringt dir neue Freude, neues Glueck.
+
+Prinzessin.
+Was ich besitze, mag ich gern bewahren:
+Der Wechsel unterhaelt, doch nutzt er kaum.
+Mit jugendlicher Sehnsucht griff ich nie
+Begierig in den Lostopf fremder Welt,
+Fuer mein beduerfend unerfahren Herz
+Zufaellig einen Gegenstand zu haschen.
+Ihn musst' ich ehren, darum liebt' ich ihn;
+Ich musst' ihn lieben, weil mit ihm mein Leben
+Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt.
+Erst sagt' ich mir: Entferne dich von ihm!
+Ich wich und wich und kam nur immer naeher,
+So lieblich angelockt, so hart bestraft!
+Ein reines, wahres Gut verschwindet mir,
+Und meiner Sehnsucht schiebt ein boeser Geist
+Statt Freud' und Glueck verwandte Schmerzen unter.
+
+Leonore.
+Wenn einer Freundin Wort nicht troesten kann,
+So wird die stille Kraft der schoenen Welt,
+Der guten Zeit dich unvermerkt erquicken.
+
+Prinzessin.
+Wohl ist sie schoen die Welt! In ihrer Weite
+Bewegt sich so viel Gutes hin und her.
+Ach, dass es immer nur um einen Schritt
+Von uns sich zu entfernen scheint
+Und unsre bange Sehnsucht durch das Leben
+Auch Schritt vor Schritt bis nach dem Grabe lockt!
+So selten ist es, dass die Menschen finden,
+Was ihnen doch bestimmt gewesen schien,
+So selten, dass sie das erhalten, was
+Auch einmal die beglueckte Hand ergriff!
+Es reisst sich los, was erst sich uns ergab,
+Wir lassen los, was wir begierig fassten.
+Es gibt ein Glueck, allein wir kennen's nicht:
+Wir kennen's wohl und wissen's nicht zu schaetzen.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Leonore (allein).
+
+Wie jammert mich das edle, schoene Herz!
+Welch traurig Los, das ihrer Hoheit faellt!
+Ach sie verliert--und denkst du, zu gewinnen?
+Ist's denn so noetig, dass er sich entfernt?
+Machst du es noetig, um allein fuer dich
+Das Herz und die Talente zu besitzen,
+Die du bisher mit einer andern teilst
+Und ungleich teilst? Ist's redlich, so zu handeln?
+Bist du nicht reich genug? Was fehlt dir noch?
+Gemahl und Sohn und Gueter, Rang und Schoenheit,
+Das hast du alles, und du willst noch ihn
+Zu diesem allen haben? Liebst du ihn?
+Was ist es sonst, warum du ihn nicht mehr
+Entbehren magst? Du darfst es dir gestehn.--
+Wie reizend ist's, in seinem schoenen Geiste
+Sich selber zu bespiegeln! Wird ein Glueck
+Nicht doppelt gross und herrlich, wenn sein Lied
+Uns wie auf Himmelswolken traegt und hebt?
+Dann bist du erst beneidenswert! Du bist,
+Du hast das nicht allein, was viele wuenschen;
+Es weiss, es kennt auch jeder, was du hast!
+Dich nennt dein Vaterland und sieht auf dich,
+Das ist der hoechste Gipfel jedes Gluecks.
+Ist Laura denn allein der Name, der
+Von allen zarten Lippen klingen soll?
+Und hatte nur Petrarch allein das Recht,
+Die unbekannte Schoene zu vergoettern?
+Wo ist ein Mann, der meinem Freunde sich
+Vergleichen darf? Wie ihn die Welt verehrt,
+So wird die Nachwelt ihn verehrend nennen.
+Wie herrlich ist's, im Glanze dieses Lebens
+Ihn an der Seite haben! So mit ihm
+Der Zukunft sich mit leichtem Schritte nahn!
+Alsdann vermag die Zeit, das Alter nichts
+Auf dich und nichts der freche Ruf,
+Der hin und her des Beifalls Woge treibt:
+Das, was vergaenglich ist, bewahrt sein Lied.
+Du bist noch schoen, noch gluecklich, wenn schon lange
+Der Kreis der Dinge dich mit fortgerissen.
+Du musst ihn haben, und ihr nimmst du nichts:
+Denn ihre Neigung zu dem werten Manne
+Ist ihren andern Leidenschaften gleich.
+Sie leuchten, wie der stille Schein des Monds
+Dem Wandrer spaerlich auf dem Pfad zu Nacht,
+Sie waermen nicht, und giessen keine Lust
+Noch Lebensfreud' umher. Sie wird sich freuen,
+Wenn sie ihn fern, wenn sie ihn gluecklich weiss,
+Wie sie genoss, wenn sie ihn taeglich sah.
+Und dann, ich will mit meinem Freunde nicht
+Von ihr und diesem Hofe mich verbannen:
+Ich komme wieder, und ich bring' ihn wieder.
+So soll es sein!--Hier kommt der raue Freund:
+Wir wollen sehn, ob wir ihn zaehmen koennen.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Leonore. Antonio.
+
+Leonore.
+Du bringst uns Krieg statt Frieden: Scheint es doch,
+Du kommst aus einem Lager, einer Schlacht,
+Wo die Gewalt regiert, die Faust entscheidet,
+Und nicht von Rom, wo feierliche Klugheit
+Die Haende segnend hebt und eine Welt
+Zu ihren Fuessen sieht, die gern gehorcht.
+
+Antonio.
+Ich muss den Tadel, schoene Freundin, dulden,
+Doch die Entschuld'gung liegt nicht weit davon.
+Es ist gefaehrlich, wenn man allzu lang
+Sich klug und maessig zeigen muss. Es lauert
+Der boese Genius dir an der Seite
+Und will gewaltsam auch von Zeit zu Zeit
+Ein Opfer haben. Leider hab' ich's diesmal
+Auf meiner Freunde Kosten ihm gebracht.
+
+Leonore.
+Du hast um fremde Menschen dich so lang
+Bemueht und dich nach ihrem Sinn gerichtet:
+Nun, da du deine Freunde wieder siehst,
+Verkennst du sie, und rechtest wie mit Fremden.
+
+Antonio.
+Da liegt, geliebte Freundin, die Gefahr!
+Mit fremden Menschen nimmt man sich zusammen,
+Da merkt man auf, da sucht man seinen Zweck
+In ihrer Gunst, damit sie nutzen sollen;
+Allein bei Freunden laesst man frei sich gehen:
+Man ruht in ihrer Liebe, man erlaubt
+Sich eine Laune, ungezaehmter wirkt
+Die Leidenschaft, und so verletzen wir
+Am ersten die, die wir am zaert'sten lieben.
+
+Leonore.
+In dieser ruhigen Betrachtung find' ich dich
+Schon ganz, mein teurer Freund, mit Freuden wieder.
+
+Antonio.
+Ja, mich verdriesst--und ich bekenn' es gern--
+Dass ich mich heut so ohne Mass verlor.
+Allein gestehe, wenn ein wackrer Mann
+Mit heisser Stirn von saurer Arbeit kommt
+Und spaet am Abend in ersehnten Schatten
+Zu neuer Muehe auszuruhen denkt
+Und findet dann von einem Muessiggaenger
+Den Schatten breit besessen, soll er nicht
+Auch etwas Menschlichs in dem Busen fuehlen?
+
+Leonore.
+Wenn er recht menschlich ist, so wird er auch
+Den Schatten gern mit einem Manne teilen,
+Der ihm die Ruhe suess, die Arbeit leicht
+Durch ein Gespraech, durch holde Toene macht.
+Der Baum ist breit, mein Freund, der Schatten gibt,
+Und keiner braucht den andern zu verdraengen.
+
+Antonio.
+Wir wollen uns, Eleonore, nicht
+Mit einem Gleichnis hin und wider spielen.
+Gar viele Dinge sind in dieser Welt,
+Die man dem andern goennt und gerne teilt;
+Jedoch es ist ein Schatz, den man allein
+Dem Hochverdienten gerne goennen mag,
+Ein andrer, den man mit dem Hoechstverdienten
+Mit gutem Willen niemals teilen wird--
+Und fragst du mich nach diesen beiden Schaetzen:
+Der Lorbeer ist es und die Gunst der Frauen.
+
+Leonore.
+Hat jener Kranz um unsers Juenglings Haupt
+Den ernsten Mann beleidigt? Haettest du
+Fuer seine Muehe, seine schoene Dichtung
+Bescheidnern Lohn doch selbst nicht finden koennen.
+Denn ein Verdienst, das ausserirdisch ist,
+Das in den Lueften schwebt, in Toenen nur,
+In leichten Bildern unsern Geist umgaukelt,--
+Es wird denn auch mit einem schoenen Bilde,
+Mit einem holden Zeichen nur belohnt;
+Und wenn er selbst die Erde kaum beruehrt,
+Beruehrt der hoechste Lohn ihm kaum das Haupt.
+Ein unfruchtbarer Zweig ist das Geschenk,
+Das der Verehrer unfruchtbare Neigung
+Ihm gerne bringt, damit sie einer Schuld
+Aufs leichtste sich entlade. Du missgoennst
+Dem Bild des Maertyrers den goldnen Schein
+Ums kahle Haupt wohl schwerlich; und gewiss,
+Der Lorbeerkranz ist, wo er dir erscheint,
+Ein Zeichen mehr des Leidens als des Gluecks.
+
+Antonio.
+Will etwa mich dein liebenswuerd'ger Mund
+Die Eitelkeit der Welt verachten lehren?
+
+Leonore.
+Ein jedes Gut nach seinem Wert zu schaetzen,
+Brauch' ich dich nicht zu lehren. Aber doch,
+Es scheint, von Zeit zu Zeit bedarf der Weise
+So sehr wie andre, dass man ihm die Gueter,
+Die er besitzt, im rechten Lichte zeige.
+Du, edler Mann, du wirst an ein Phantom
+Von Gunst und Ehre keinen Anspruch machen.
+Der Dienst, mit dem du deinem Fuersten dich,
+Mit dem du deine Freunde dir verbindest,
+Ist wirkend, ist lebendig, und so muss
+Der Lohn auch wirklich und lebendig sein.
+Dein Lorbeer ist das fuerstliche Vertraun,
+Das auf den Schultern dir, als liebe Last,
+Gehaeuft und leicht getragen ruht; es ist
+Dein Ruhm das allgemeine Zutraun.
+
+Antonio.
+Und von der Gunst der Frauen sagst du nichts:
+Die willst du mir doch nicht entbehrlich schildern?
+
+Leonore.
+Wie man es nimmt. Denn du entbehrst sie nicht,
+Und leichter waere sie dir zu entbehren,
+Als sie es jenem guten Mann nicht ist.
+Denn sag': Gelaeng' es einer Frau, wenn sie
+Nach ihrer Art fuer dich zu sorgen daechte,
+Mit dir sich zu beschaeft'gen unternaehme?
+Bei dir ist alles Ordnung, Sicherheit;
+Du sorgst fuer dich, wie du fuer andre sorgst,
+Du hast, was man dir geben moechte. Jener
+Beschaeftigt uns in unserm eignen Fache:
+Ihm fehlt's an tausend Kleinigkeiten, die
+Zu schaffen eine Frau sich gern bemueht.
+Das schoenste Leinenzeug, ein seiden Kleid
+Mit etwas Stickerei, das traegt er gern.
+Er sieht sich gern geputzt, vielmehr, er kann
+Unedlen Stoff, der nur den Knecht bezeichnet,
+An seinem Leib nicht dulden, alles soll
+Ihm fein und gut und schoen und edel stehn.
+Und dennoch hat er kein Geschick, das alles
+Sich anzuschaffen, wenn er es besitzt,
+Sich zu erhalten: Immer fehlt es ihm
+An Geld, an Sorgsamkeit. Bald laesst er da
+Ein Stueck, bald eines dort. Er kehret nie
+Von einer Reise wieder, dass ihm nicht
+Ein Drittteil seiner Sachen fehle. Bald
+Bestiehlt ihn der Bediente. So, Antonio,
+Hat man fuer ihn das ganze Jahr zu sorgen.
+
+Antonio.
+Und diese Sorge macht ihn lieb und lieber.
+Gluecksel'ger Juengling, dem man seine Maengel
+Zur Tugend rechnet, dem so schoen vergoennt ist,
+Den Knaben noch als Mann zu spielen, der
+Sich seiner holden Schwaeche ruehmen darf!
+Du muesstest mir verzeihen, schoene Freundin,
+Wenn ich auch hier ein wenig bitter wuerde.
+Du sagst nicht alles, sagst nicht was er wagt,
+Und dass er klueger ist, als wie man denkt.
+Er ruehmt sich zweier Flammen! Knuepft und loest
+Die Knoten hin und wieder und gewinnt
+Mit solchen Kuensten solche Herzen! Ist's
+Zu glauben?
+
+Leonore.
+ Gut! Selbst das beweist ja schon,
+Dass es nur Freundschaft ist, was uns belebt;
+Und wenn wir denn auch Lieb' um Liebe tauschten,
+Belohnten wir das schoene Herz nicht billig,
+Das ganz sich selbst vergisst und hingegeben
+Im holden Traum fuer seine Freunde lebt?
+
+Antonio.
+Verwoehnt ihn nur und immer mehr und mehr,
+Lasst seine Selbstigkeit fuer Liebe gelten,
+Beleidigt alle Freunde, die sich euch
+Mit treuer Seele widmen, gebt dem Stolzen
+Freiwilligen Tribut, zerstoeret ganz
+Den schoenen Kreis geselligen Vertrauns!
+
+Leonore.
+Wir sind nicht so parteiisch wie du glaubst,
+Ermahnen unsern Freund in manchen Faellen;
+Wir wuenschen ihn zu bilden, dass er mehr
+Sich selbst geniesse, mehr sich zu geniessen
+Den andern geben koenne. Was an ihm
+Zu tadeln ist, das bleibt uns nicht verborgen.
+
+Antonio.
+Doch lobt ihr vieles, was zu tadeln waere.
+Ich kenn' ihn lang, er ist so leicht zu kennen,
+Und ist zu stolz sich zu verbergen. Bald
+Versinkt er in sich selbst, als waere ganz
+Die Welt in seinem Busen, er sich ganz
+In seiner Welt genug, und alles rings
+Umher verschwindet ihm. Er laesst es gehn,
+Laesst's fallen, stoesst's hinweg und ruht in sich--
+Auf einmal, wie ein unbemerkter Funke
+Die Mine zuendet, sei es Freude, Leid,
+Zorn oder Grille, heftig bricht er aus:
+Dann will er alles fassen, alles halten;
+Dann soll geschehn, was er sich denken mag;
+In einem Augenblicke soll entstehn,
+Was jahrelang bereitet werden sollte,
+In einem Augenblick gehoben sein,
+Was Muehe kaum in Jahren loesen koennte.
+Er fordert das Unmoegliche von sich,
+Damit er es von andern fordern duerfe.
+Die letzten Enden aller Dinge will
+Sein Geist zusammenfassen; das gelingt
+Kaum einem unter Millionen Menschen,
+Und er ist nicht der Mann: Er faellt zuletzt,
+Um nichts gebessert, in sich selbst zurueck.
+
+Leonore.
+Er schadet andern nicht, er schadet sich.
+
+Antonio.
+Und doch verletzt er andre nur zu sehr.
+Kannst du es leugnen, dass im Augenblick
+Der Leidenschaft, die ihn behend ergreift,
+Er auf den Fuersten, auf die Fuerstin selbst,
+Auf wen es sei, zu schmaehn, zu laestern wagt?
+Zwar augenblicklich nur; allein genug,
+Der Augenblick kommt wieder: Er beherrscht
+So wenig seinen Mund als seine Brust.
+
+Leonore.
+Ich sollte denken, wenn er sich von hier
+Auf eine kurze Zeit entfernte, sollt'
+Es wohl fuer ihn und andre nuetzlich sein.
+
+Antonio.
+Vielleicht, vielleicht auch nicht. Doch eben jetzt
+Ist nicht daran zu denken; denn ich will
+Den Fehler nicht auf meine Schultern laden;
+Es koennte scheinen, dass ich ihn vertreibe,
+Und ich vertreib' ihn nicht. Um meinetwillen
+Kann er an unserm Hofe ruhig bleiben;
+Und wenn er sich mit mir versoehnen will,
+Und wenn er meinen Rat befolgen kann,
+So werden wir ganz leidlich leben koennen.
+
+Leonore.
+Nun hoffst du selbst, auf ein Gemuet zu wirken,
+Das dir vor kurzem noch verloren schien.
+
+Antonio.
+Wir hoffen immer, und in allen Dingen
+Ist besser hoffen als verzweifeln. Denn
+Wer kann das moegliche berechnen? Er
+Ist unserm Fuersten wert. Er muss uns bleiben.
+Und bilden wir dann auch umsonst an ihm,
+So ist er nicht der einz'ge, den wir dulden.
+
+Leonore.
+So ohne Leidenschaft, so unparteiisch
+Glaubt' ich dich nicht. Du hast dich schnell bekehrt.
+
+Antonio.
+Das Alter muss doch Einen Vorzug haben,
+Dass, wenn es auch dem Irrtum nicht entgeht,
+Es doch sich auf der Stelle fassen kann.
+Du warst, mich deinem Freunde zu versoehnen,
+Zuerst bemueht. Nun bitt' ich es von dir.
+Tu' was du kannst, dass dieser Mann sich finde,
+Und alles wieder bald im Gleichen sei.
+Ich gehe selbst zu ihm, so bald ich nur
+Von dir erfahre, dass er ruhig ist,
+Sobald du glaubst, dass meine Gegenwart
+Das Uebel nicht vermehrt. Doch, was du tust,
+Das tu' in dieser Stunde; denn es geht
+Alphons heut' Abend noch zurueck, und ich
+Werd' ihn begleiten. Leb' indessen wohl.
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+Leonore (allein).
+
+Fuer diesmal, lieber Freund, sind wir nicht eins:
+Mein Vorteil und der deine gehen heut
+Nicht Hand in Hand. Ich nuetze diese Zeit
+Und suche Tasso zu gewinnen. Schnell!
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+(Zimmer.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Tasso (allein).
+Bist du aus einem Traum erwacht, und hat
+Der schoene Trug auf einmal dich verlassen?
+Hat dich nach einem Tag der hoechsten Lust
+Ein Schlaf gebaendigt, haelt und aengstet nun
+Mit schweren Fesseln deine Seele? Ja,
+Du wachst und traeumst. Wo sind die Stunden hin,
+Die um dein Haupt mit Blumenkraenzen spielten?
+Die Tage, wo dein Geist mit freier Sehnsucht
+Des Himmels ausgespanntes Blau durchdrang?
+Und dennoch lebst du noch, und fuehlst dich an,
+Du fuehlst dich an, und weisst nicht, ob du lebst.
+Ist's meine Schuld, ist's eines andern Schuld,
+Dass ich mich nun als schuldig hier befinde?
+Hab' ich verbrochen, dass ich leiden soll?
+Ist nicht mein ganzer Fehler ein Verdienst?
+Ich sah ihn an, und ward vom guten Willen,
+Vom Hoffnungswahn des Herzens uebereilt:
+Der sei ein Mensch, der menschlich Ansehn traegt.
+Ich ging mit offnen Armen auf ihn los
+Und fuehlte Schloss und Riegel, keine Brust.
+O hatt' ich doch so klug mir ausgedacht,
+Wie ich den Mann empfangen wollte, der
+Von alten Zeiten mir verdaechtig war!
+Allein was immer dir begegnet sei,
+So halte dich an der Gewissheit fest:
+Ich habe sie gesehn! Sie stand vor mir!
+Sie sprach zu mir, ich habe sie vernommen!
+Der Blick, der Ton, der Worte holder Sinn,
+Sie sind auf ewig mein, es raubt sie nicht
+Die Zeit, das Schicksal, noch das wilde Glueck!
+Und hob mein Geist sich da zu schnell empor
+Und liess ich allzu rasch in meinem Busen
+Der Flamme Luft, die mich nun selbst verzehrt,
+So kann mich's nicht gereun, und waere selbst
+Auf ewig das Geschick des Lebens hin.
+Ich widmete mich ihr und folgte froh
+Dem Winke, der mich ins Verderben rief.
+Es sei! So hab' ich mich doch wert gezeigt
+Des koestlichen Vertrauns, das mich erquickt,
+In dieser Stunde selbst erquickt, die mir
+Die schwarze Pforte langer Trauerzeit
+Gewaltsam oeffnet.--Ja, nun ist's getan!
+Es geht die Sonne mir der schoensten Gunst
+Auf einmal unter; seinen holden Blick
+Entziehet mir der Fuerst, und laesst mich hier
+Auf duestrem, schmalen Pfad verloren stehn.
+Das haessliche zweideutige Gefluegel,
+Das leidige Gefolg' der alten Nacht,
+Es schwaermt hervor und schwirrt mir um das Haupt.
+Wohin, wohin beweg' ich meinen Schritt,
+Dem Ekel zu entfliehn, der mich umsaust,
+Dem Abgrund zu entgehn, der vor mir liegt?
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Leonore. Tasso.
+
+Leonore.
+Was ist begegnet? Lieber Tasso, hat
+Dein Eifer dich, dein Argwohn so getrieben?
+Wie ist's geschehn? Wir alle stehn bestuerzt.
+Und deine Sanftmut, dein gefaellig Wesen,
+Dein schneller Blick, dein richtiger Verstand,
+Mit dem du jedem gibst was ihm gehoert,
+Dein Gleichmut, der ertraegt, was zu ertragen
+Der Edle bald, der Eitle selten lernt,
+Die kluge Herrschaft ueber Zung' und Lippe--
+Mein teurer Freund, fast ganz verkenn' ich dich.
+
+Tasso.
+Und wenn das alles nun verloren waere?
+Wenn einen Freund, den du einst reich geglaubt,
+Auf einmal du als einen Bettler faendest?
+Wohl hast du Recht, ich bin nicht mehr ich selbst,
+Und bin's doch noch so gut, als wie ich's war.
+Es scheint ein Raetsel, und doch ist es keins.
+Der stille Mond, der dich bei Nacht erfreut,
+Dein Auge, dein Gemuet mit seinem Schein
+Unwiderstehlich lockt, er schwebt am Tage
+Ein unbedeutend blasses Woelkchen hin.
+Ich bin vom Glanz des Tages ueberschienen,
+Ihr kennet mich, ich kenne mich nicht mehr.
+
+Leonore.
+Was du mir sagst, mein Freund, versteh' ich nicht,
+Wie du es sagst. Erklaere dich mit mir.
+Hat die Beleidigung des schroffen Manns
+Dich so gekraenkt, dass du dich selbst und uns
+So ganz verkennen magst? Vertraue mir.
+
+Tasso.
+Ich bin nicht der Beleidigte, du siehst
+Mich ja bestraft, weil ich beleidigt habe.
+Die Knoten vieler Worte loest das Schwert
+Gar leicht und schnell, allein ich bin gefangen.
+Du weisst wohl kaum--erschrick nicht, zarte Freundin--
+Du triffst den Freund in einem Kerker an.
+Mich zuechtiget der Fuerst wie einen Schueler.
+Ich will mit ihm nicht rechten, kann es nicht.
+
+Leonore.
+Du scheinest mehr, als billig ist, bewegt.
+
+Tasso.
+Haeltst du mich fuer so schwach, fuer so ein Kind,
+Dass solch ein Fall mich gleich zerruetten koenne?
+Das was geschehn ist, kraenkt mich nicht so tief,
+Allein das kraenkt mich, was es mir bedeutet.
+Lass meine Neider meine Feinde nur
+Gewaehren! Frei und offen ist das Feld.
+
+Leonore.
+Du hast gar manchen faelschlich in Verdacht,--
+Ich habe selbst mich ueberzeugen koennen--
+Und auch Antonio feindet dich nicht an,
+Wie du es waehnst. Der heutige Verdruss--
+
+Tasso.
+Den lass' ich ganz bei Seite, nehme nur
+Antonio, wie er war, und wie er bleibt.
+Verdriesslich fiel mir stets die steife Klugheit,
+Und dass er immer nur den Meister spielt.
+Anstatt zu forschen, ob des Hoerers Geist
+Nicht schon fuer sich auf guten Spuren wandle,
+Belehrt er dich von manchem, das du besser
+Und tiefer fuehltest, und vernimmt kein Wort,
+Das du ihm sagst, und wird dich stets verkennen.
+Verkannt zu sein, verkannt von einem Stolzen,
+Der laechelnd dich zu uebersehen glaubt!
+Ich bin so alt noch nicht und nicht so klug,
+Dass ich nur duldend gegenlaecheln sollte.
+Frueh oder spaet, es konnte sich nicht halten,
+Wir mussten brechen; spaeter waer' es nur
+Um desto schlimmer worden. Einen Herrn
+Erkenn' ich nur, den Herrn der mich ernaehrt,
+Dem folg' ich gern, sonst will ich keinen Meister.
+Frei will ich sein im Denken und im Dichten:
+Im Handeln schraenkt die Welt genug uns ein.
+
+Leonore.
+Er spricht mit Achtung oft genug von dir.
+
+Tasso.
+Mit Schonung willst du sagen, fein und klug.
+Und das verdriesst mich eben; denn er weiss
+So glatt und so bedingt zu sprechen, dass
+Sein Lob erst recht zum Tadel wird, und dass
+Nichts mehr, nichts tiefer dich verletzt als Lob
+Aus seinem Munde.
+
+Leonore.
+ Moechtest du, mein Freund,
+Vernommen haben, wie er sonst von dir
+Und dem Talente sprach, das dir vor vielen
+Die guetige Natur verlieh. Er fuehlt gewiss
+Das, was du bist und hast, und schaetzt es auch.
+
+Tasso.
+O glaube mir, ein selbstisches Gemuet
+Kann nicht der Qual des engen Neids entfliehen.
+Ein solcher Mann verzeiht dem andern wohl
+Vermoegen, Stand und Ehre; denn er denkt:
+Das hast du selbst, das hast du, wenn du willst,
+Wenn du beharrst, wenn dich das Glueck beguenstigt.
+Doch das, was die Natur allein verleiht,
+Was jeglicher Bemuehung, jedem Streben
+Stets unerreichbar bleibt, was weder Gold,
+Noch Schwert, noch Klugheit, noch Beharrlichkeit
+Erzwingen kann, das wird er nie verzeihn.
+Er goennt es mir? Er, der mit steifem Sinn
+Die Gunst der Musen zu ertrotzen glaubt?
+Der, wenn er die Gedanken mancher Dichter
+Zusammenreiht, sich selbst ein Dichter scheint?
+Weit eher goennt er mir des Fuersten Gunst,
+Die er doch gern auf sich beschraenken moechte,
+Als das Talent, das jene Himmlischen
+Dem armen, dem verwaisten Juengling gaben.
+
+Leonore.
+O saehest du so klar, wie ich es sehe!
+Du irrst dich ueber ihn: So ist er nicht.
+
+Tasso.
+Und irr' ich mich an ihm, so irr' ich gern!
+Ich denk' ihn mir als meinen aergsten Feind
+Und waer' untroestlich, wenn ich mir ihn nun
+Gelinder denken muesste. Toericht ist's,
+In allen Stuecken billig sein; es heisst
+Sein eigen Selbst zerstoeren. Sind die Menschen
+Denn gegen uns so billig? Nein, o nein!
+Der Mensch bedarf in seinem engen Wesen
+Der doppelten Empfindung, Lieb' und Hass.
+Bedarf er nicht der Nacht als wie des Tags?
+Des Schlafens wie des Wachens? Nein, ich muss
+Von nun an diesen Mann als Gegenstand
+Von meinem tiefsten Hass behalten; nichts
+Kann mir die Lust entreissen, schlimm und schlimmer
+Von ihm zu denken.
+
+Leonore.
+ Willst du, teurer Freund,
+Von deinem Sinn nicht lassen, seh' ich kaum,
+Wie du am Hofe laenger bleiben willst.
+Du weisst, wie viel er gilt und gelten muss.
+
+Tasso.
+Wie sehr ich laengst, o schoene Freundinn, hier
+Schon ueberfluessig bin, das weiss ich wohl.
+
+Leonore.
+Das bist du nicht, das kannst du nimmer werden!
+Du weisst vielmehr, wie gern der Fuerst mit dir,
+Wie gern die Fuerstin mit dir lebt; und kommt
+Die Schwester von Urbino, kommt sie fast
+So sehr um deint- als der Geschwister willen.
+Sie denken alle gut und gleich von dir,
+Und jegliches vertraut dir unbedingt.
+
+Tasso.
+O Leonore, welch Vertraun ist das?
+Hat er von seinem Staate je ein Wort,
+Ein ernstes Wort mit mir gesprochen? Kam
+Ein eigner Fall, worueber er sogar
+In meiner Gegenwart mit seiner Schwester,
+Mit andern sich beriet, mich fragt' er nie.
+Da hiess es immer nur: Antonio kommt!
+Man muss Antonio schreiben! Fragt Antonio!
+
+Leonore.
+Du klagst, anstatt zu danken. Wenn er dich
+In unbedingter Freiheit lassen mag,
+So ehrt er dich, wie er dich ehren kann.
+
+Tasso.
+Er laesst mich ruhn, weil er mich unnuetz glaubt.
+
+Leonore.
+Du bist nicht unnuetz, eben weil du ruhst.
+So lange hegst du schon Verdruss und Sorge,
+Wie ein geliebtes Kind an deiner Brust.
+Ich hab' es oft bedacht, und mag's bedenken
+Wie ich es will: Auf diesem schoenen Boden,
+Wohin das Glueck dich zu verpflanzen schien,
+Gedeihst du nicht. O Tasso!--Rat' ich dir's?
+Sprech' ich es aus?--Du solltest dich entfernen!
+
+Tasso.
+Verschone nicht den Kranken, lieber Arzt!
+Reich' ihm das Mittel, denke nicht daran,
+Ob's bitter sei.--Ob er genesen koenne,
+Das ueberlege wohl, o kluge, gute Freundin!
+Ich seh' es alles selbst, es ist vorbei!
+Ich kann ihm wohl verzeihen, er nicht mir;
+Und sein bedarf man, leider meiner nicht.
+Und er ist klug, und leider bin ich's nicht.
+Er wirkt zu meinem Schaden, und ich kann,
+Ich mag nicht gegen wirken. Meine Freunde,
+Sie lassen's gehn, sie sehen's anders an.
+Sie widerstreben kaum und sollten kaempfen.
+Du glaubst, ich soll hinweg; ich glaub' es selbst--
+So lebt denn wohl! Ich werd' auch das ertragen.
+Ihr seid von mir geschieden--werd' auch mir,
+Von euch zu scheiden, Kraft und Mut verliehn!
+
+Leonore.
+Auch in der Ferne zeigt sich alles reiner,
+Was in der Gegenwart uns nur verwirrt.
+Vielleicht wirst du erkennen, welche Liebe
+Dich ueberall umgab, und welchen Wert
+Die Treue wahrer Freunde hat, und wie
+Die weite Welt die Naechsten nicht ersetzt.
+
+Tasso.
+Das werden wir erfahren! Kenn' ich doch
+Die Welt von Jugend auf, wie sie so leicht
+Uns hilflos, einsam laesst, und ihren Weg
+Wie Sonn' und Mond und andre Goetter geht.
+
+Leonore.
+Vernimmst du mich, mein Freund, so sollst du nie
+Die traurige Erfahrung wiederholen.
+Soll ich dir raten, so begibst du dich
+Erst nach Florenz, und eine Freundin wird
+Gar freundlich fuer dich sorgen. Sei getrost,
+Ich bin es selbst. Ich reise, den Gemahl
+Die naechsten Tage dort zu finden, kann
+Nichts freudiger fuer ihn und mich bereiten,
+Als wenn ich dich in unsre Mitte bringe.
+Ich sage dir kein Wort, du weisst es selbst,
+Welch einem Fuersten du dich nahen wirst,
+Und welche Maenner diese schoene Stadt
+In ihrem Busen hegt, und welche Frauen.--
+Du schweigst? Bedenk' es wohl! Entschliesse dich.
+
+Tasso.
+Gar reizend ist, was du mir sagst, so ganz
+Dem Wunsch gemaess, den ich im stillen naehre;
+Allein es ist zu neu: Ich bitte dich,
+Lass mich bedenken! Ich beschliesse bald.
+
+Leonore.
+Ich gehe mit der schoensten Hoffnung weg
+Fuer dich und uns und auch fuer dieses Haus.
+Bedenke nur, und wenn du recht bedenkst,
+So wirst du schwerlich etwas Bessers denken.
+
+Tasso.
+Noch eins, geliebte Freundin! Sage mir,
+Wie ist die Fuerstin gegen mich gesinnt?
+War sie erzuernt auf mich? Was sagte sie?--
+Sie hat mich sehr getadelt? Rede frei.
+
+Leonore.
+Da sie dich kennt, hat sie dich leicht entschuldigt.
+
+Tasso.
+Hab' ich bei ihr verloren? Schmeichle nicht.
+
+Leonore.
+Der Frauen Gunst wird nicht so leicht verscherzt.
+
+Tasso.
+Wird sie mich gern entlassen, wenn ich gehe?
+
+Leonore.
+Wenn es zu deinem Wohl gereicht, gewiss.
+
+Tasso.
+Werd' ich des Fuersten Gnade nicht verlieren?
+
+Leonore.
+In seiner Grossmut kannst du sicher ruhn.
+
+Tasso.
+Und lassen wir die Fuerstin ganz allein?
+Du gehst hinweg; und wenn ich wenig bin,
+So weiss ich doch, dass ich ihr etwas war.
+
+Leonore.
+Gar freundliche Gesellschaft leistet uns
+Ein ferner Freund, wenn wir ihn gluecklich wissen.
+Und es gelingt: Ich sehe dich beglueckt,
+Du wirst von hier nicht unzufrieden gehn.
+Der Fuerst befahl's: Antonio sucht dich auf.
+Er tadelt selbst an sich die Bitterkeit,
+Womit er dich verletzt. Ich bitte dich,
+Nimm ihn gelassen auf, so wie er kommt.
+
+Tasso.
+Ich darf in jedem Sinne vor ihm stehn.
+
+Leonore.
+Und schenke mir der Himmel, lieber Freund,
+Noch eh' du scheidest, dir das Aug' zu oeffnen:
+Dass niemand dich im ganzen Vaterlande
+Verfolgt und hasst, und heimlich druckt und neckt!
+Du irrst gewiss, und wie du sonst zur Freude
+Von andern dichtest, leider dichtest du
+In diesem Fall ein seltenes Gewebe,
+Dich selbst zu kraenken. Alles will ich tun,
+Um es entzwei zu reissen, dass du frei
+Den schoenen Weg des Lebens wandeln moegest.
+Leb' wohl! Ich hoffe bald ein gluecklich Wort.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Tasso (allein).
+
+ Ich soll erkennen, dass mich niemand hasst,
+Dass niemand mich verfolgt, dass alle List
+Und alles heimliche Gewebe sich
+Allein in meinem Kopfe spinnt und webt!
+Bekennen soll ich, dass ich Unrecht habe,
+Und manchem unrecht tue, der es nicht
+Um mich verdient! Und das in einer Stunde,
+Da vor dem Angesicht der Sonne klar
+Mein volles Recht, wie ihre Tuecke, liegt!
+Ich soll es tief empfinden, wie der Fuerst
+Mit offner Brust mir seine Gunst gewaehrt,
+Mit reichem Mass die Gaben mir erteilt,
+Im Augenblicke, da er, schwach genug,
+Von meinen Feinden sich das Auge trueben
+Und seine Hand gewiss auch fesseln laesst!
+
+ Dass er betrogen ist, kann er nicht sehen;
+Dass sie Betrueger sind, kann ich nicht zeigen;
+Und nur damit er ruhig sich betruege,
+Dass sie gemaechlich ihn betruegen koennen,
+Soll ich mich stille halten, weichen gar!
+
+ Und wer gibt mir den Rat? Wer dringt so klug
+Mit treuer, lieber Meinung auf mich ein?
+Lenore selbst, Lenore Sanvitale,
+Die zarte Freundin! Ha, dich kenn' ich nun!
+O warum traut' ich ihrer Lippe je!
+Sie war nicht redlich, wenn sie noch so sehr
+Mir ihre Gunst, mir ihre Zaertlichkeit
+Mit suessen Worten zeigte! Nein, sie war
+Und bleibt ein listig Herz, sie wendet sich
+Mit leisen klugen Tritten nach der Gunst.
+
+ Wie oft hab' ich mich willig selbst betrogen,
+Auch ueber sie! Und doch im Grunde hat
+Mich nur--die Eitelkeit betrogen. Wohl!
+Ich kannte sie, und schmeichelte mir selbst.
+So ist sie gegen andre, sagt' ich mir,
+Doch gegen dich ist's offne treue Meinung.
+Nun seh' ich's wohl, und seh' es nur zu spaet:
+Ich war beguenstigt, und sie schmiegte sich
+So zart--an den Beglueckten. Nun ich falle,
+Sie wendet mir den Ruecken wie das Glueck.
+
+ Nun kommt sie als ein Werkzeug meines Feindes,
+Sie schleicht heran und zischt mit glatter Zunge,
+Die kleine Schlange, zauberische Toene.
+Wie lieblich schien sie! Lieblicher als je!
+Wie wohl tat von der Lippe jedes Wort!
+Doch konnte mir die Schmeichelei nicht lang
+Den falschen Sinn verbergen: An der Stirne
+Schien ihr das Gegenteil zu klar geschrieben
+Von allem, was sie sprach. Ich fuehl' es leicht,
+Wenn man den Weg zu meinem Herzen sucht
+Und es nicht herzlich meint. Ich soll hinweg?
+Soll nach Florenz, sobald ich immer kann?
+
+ Und warum nach Florenz? Ich seh' es wohl.
+Dort herrscht der Mediceer neues Haus,
+Zwar nicht in offner Feindschaft mit Ferrara,
+Doch haelt der stille Neid mit kalter Hand
+Die edelsten Gemueter aus einander.
+Empfang' ich dort von jenen edlen Fuersten
+Erhabne Zeichen ihrer Gunst, wie ich
+Gewiss erwarten duerfte, wuerde bald
+Der Hoefling meine Treu' und Dankbarkeit
+Verdaechtig machen. Leicht gelaeng' es ihm.
+
+ Ja, ich will weg, allein nicht, wie ihr wollt;
+Ich will hinweg, und weiter als ihr denkt.
+
+ Was soll ich hier? Wer haelt mich hier zurueck?
+O, ich verstund ein jedes Wort zu gut,
+Das ich Lenoren von den Lippen lockte!
+Von Silb' zu Silbe nur erhascht' ich's kaum,
+Und weiss nun ganz wie die Prinzessin denkt--
+Ja, ja, auch das ist wahr, verzweifle nicht!
+"Sie wird mich gern entlassen, wenn ich gehe,
+Da es zu meinem Wohl gereicht." O! Fuehlte
+Sie eine Leidenschaft im Herzen, die mein Wohl
+Und mich zugrunde richtete! Willkommner
+Ergriffe mich der Tod, als diese Hand,
+Die kalt und starr mich von sich laesst.--Ich gehe!--
+Nun huete dich und lass dich keinen Schein
+Von Freundschaft oder Guete taeuschen! Niemand
+Betruegt dich nun, wenn du dich nicht betruegst.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Antonio. Tasso.
+
+Antonio.
+Hier bin ich, Tasso, dir ein Wort zu sagen,
+Wenn du mich ruhig hoeren magst und kannst.
+
+Tasso.
+Das Handeln, weisst du, bleibt mir untersagt;
+Es ziemt mir wohl, zu warten und zu hoeren.
+
+Antonio.
+Ich treffe dich gelassen, wie ich wuenschte,
+Und spreche gern zu dir aus freier Brust.
+Zuvoerderst loes' ich in des Fuersten Namen
+Das schwache Band, das dich zu fesseln schien.
+
+Tasso.
+Die Willkuer macht mich frei, wie sie mich band;
+Ich nehm' es an und fordre kein Gericht.
+
+Antonio.
+Dann sag' ich dir von mir: Ich habe dich
+Mit Worten, scheint es, tief und mehr gekraenkt,
+Als ich, von mancher Leidenschaft bewegt,
+Es selbst empfand. Allein kein schimpflich Wort
+Ist meinen Lippen unbedacht entflohen:
+Zu raechen hast du nichts als Edelmann,
+Und wirst als Mensch Vergebung nicht versagen.
+
+Tasso.
+Was haerter treffe, Kraenkung oder Schimpf,
+Will ich nicht untersuchen: Jene dringt
+Ins tiefe Mark, und dieser reizt die Haut.
+Der Pfeil des Schimpfs kehrt auf den Mann zurueck,
+Der zu verwunden glaubt; die Meinung andrer
+Befriedigt leicht das wohl gefuehrte Schwert--
+Doch ein gekraenktes Herz erholt sich schwer.
+
+Antonio.
+Jetzt ist's an mir, dass ich dir dringend sage:
+Tritt nicht zurueck, erfuelle meinen Wunsch,
+Den Wunsch des Fuersten, der mich zu dir sendet.
+
+Tasso.
+Ich kenne meine Pflicht und gebe nach.
+Es sei verziehn, sofern es moeglich ist!
+Die Dichter sagen uns von einem Speer,
+Der eine Wunde, die er selbst geschlagen,
+Durch freundliche Beruehrung heilen konnte.
+Es hat des Menschen Zunge diese Kraft;
+Ich will ihr nicht gehaessig widerstehn.
+
+Antonio.
+Ich danke dir und wuensche, dass du mich
+Und meinen Willen, dir zu dienen, gleich
+Vertraulich pruefen moegest. Sage mir,
+Kann ich dir nuetzlich sein? Ich zeig' es gern.
+
+Tasso.
+Du bietest an was ich nur wuenschen konnte.
+Du brachtest mir die Freiheit wieder; nun
+Verschaffe mir, ich bitte, den Gebrauch.
+
+Antonio.
+Was kannst du meinen? Sag' es deutlich an.
+
+Tasso.
+Du weisst, geendet hab' ich mein Gedicht;
+Es fehlt noch viel, dass es vollendet waere.
+Heut ueberreicht' ich es dem Fuersten, hoffte
+Zugleich ihm eine Bitte vorzutragen.
+Gar viele meiner Freunde find' ich jetzt
+In Rom versammelt; einzeln haben sie
+Mir ueber manche Stellen ihre Meinung
+In Briefen schon eroeffnet; vieles hab' ich
+Benutzen koennen, manches scheint mir noch
+Zu ueberlegen, und verschiedne Stellen
+Moecht' ich nicht gern veraendern, wenn man mich
+Nicht mehr, als es geschehn ist, ueberzeugt.
+Das alles wird durch Briefe nicht getan:
+Die Gegenwart loest diese Knoten bald.
+So dacht' ich heut den Fuersten selbst zu bitten:
+Ich fand nicht Raum; nun darf ich es nicht wagen
+Und hoffe diesen Urlaub nun durch dich.
+
+Antonio.
+Mir scheint nicht raetlich, dass du dich entfernst
+In dem Moment, da dein vollendet Werk
+Dem Fuersten und der Fuerstin dich empfiehlt.
+Ein Tag der Gunst ist wie ein Tag der Ernte:
+Man muss geschaeftig sein, sobald sie reift.
+Entfernst du dich, so wirst du nichts gewinnen,
+Vielleicht verlieren, was du schon gewannst.
+Die Gegenwart ist eine maecht'ge Goettin:
+Lern' ihren Einfluss kennen, bleibe hier!
+
+Tasso.
+Zu fuerchten hab' ich nichts: Alphons ist edel,
+Stets hat er gegen mich sich gross gezeigt;
+Und was ich hoffe, will ich seinem Herzen
+Allein verdanken, keine Gnade mir
+Erschleichen; nichts will ich von ihm empfangen,
+Was ihn gereuen koennte, dass er's gab.
+
+Antonio.
+So fordre nicht von ihm, dass er dich jetzt
+Entlassen soll; er wird es ungern tun,
+Und ich befuerchte fast: Er tut es nicht.
+
+Tasso.
+Er wird es gern, wenn recht gebeten wird,
+Und du vermagst es wohl, sobald du willst.
+
+Antonio.
+Doch welche Gruende, sag' mir, leg' ich vor?
+
+Tasso.
+Lass mein Gedicht aus jeder Stanze sprechen!
+Was ich gewollt ist, loeblich, wenn das Ziel
+Auch meinen Kraeften unerreichbar blieb.
+An Fleiss und Muehe hat es nicht gefehlt.
+Der heitre Wandel mancher schoenen Tage,
+Der stille Raum so mancher tiefen Naechte,
+War einzig diesem frommen Lied geweiht.
+Bescheiden hofft' ich, jenen grossen Meistern
+Der Vorwelt mich zu nahen, kuehn gesinnt,
+Zu edlen Taten unsern Zeitgenossen
+Aus einem langen Schlaf zu rufen, dann
+Vielleicht mit einem edlen Christenheere
+Gefahr und Ruhm des heil'gen Kriegs zu teilen.
+Und soll mein Lied die besten Maenner wecken,
+So muss es auch der besten wuerdig sein.
+Alphons bin ich schuldig, was ich tat;
+Nun moecht' ich ihm auch die Vollendung danken.
+
+Antonio.
+Und eben dieser Fuerst ist hier, mit andern,
+Die dich so gut als Roemer leiten koennen.
+Vollende hier dein Werk, hier ist der Platz,
+Und um zu wirken, eile dann nach Rom.
+
+Tasso.
+Alphons hat mich zuerst begeistert, wird
+Gewiss der letzte sein, der mich belehrt,
+Und deinen Rat, den Rat der klugen Maenner,
+Die unser Hof versammelt, schaetz' ich hoch.
+Ihr sollt entscheiden, wenn mich ja zu Rom
+Die Freunde nicht vollkommen ueberzeugen.
+Doch diese muss ich sehn. Gonzaga hat
+Mir ein Gericht versammelt, dem ich erst
+Mich stellen muss. Ich kann es kaum erwarten.
+Flaminio de' Nobili, Angelio
+Da Barga, Antoniano und Speron Speroni!
+Du wirst sie kennen.--Welche Namen sind's!
+Vertraun und Sorge floessen sie zugleich
+In meinen Geist, der gern sich unterwirft.
+
+Antonio.
+Du denkst nur dich und denkst den Fuersten nicht.
+Ich sage dir, er wird dich nicht entlassen,
+Und wenn er's tut, entlaesst er dich nicht gern.
+Du willst ja nicht verlangen, was er dir
+Nicht gern gewaehren mag. Und soll ich hier
+Vermitteln, was ich selbst nicht loben kann?
+
+Tasso.
+Versagst du mir den ersten Dienst, wenn ich
+Die angebotne Freundschaft pruefen will?
+
+Antonio.
+Die wahre Freundschaft zeigt sich im Versagen
+Zur rechten Zeit, und es gewaehrt die Liebe
+Gar oft ein schaedlich Gut, wenn sie den Willen
+Des Fordernden mehr als sein Glueck bedenkt.
+Du scheinest mir in diesem Augenblick
+Fuer gut zu halten, was du eifrig wuenschest,
+Und willst im Augenblick, was du begehrst.
+Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende,
+Was ihm an Wahrheit und an Kraeften fehlt.
+Es fordert meine Pflicht, so viel ich kann
+Die Hast zu maess'gen, die dich uebel treibt.
+
+Tasso.
+Schon lange kenn' ich diese Tyrannei
+Der Freundschaft, die von allen Tyranneien
+Die unertraeglichste mir scheint. Du denkst
+Nur anders, und du glaubst deswegen
+Schon recht zu denken. Gern erkenn' ich an:
+Du willst mein Wohl; allein verlange nicht,
+Dass ich auf deinem Weg es finden soll.
+
+Antonio.
+Und soll ich dir sogleich mit kaltem Blut,
+Mit voller, klarer Ueberzeugung schaden?
+
+Tasso.
+Von dieser Sorge will ich dich befrein!
+Du haeltst mich nicht mit diesen Worten ab.
+Du hast mich frei erklaert, und diese Tuere
+Steht mir nun offen, die zum Fuersten fuehrt.
+Ich lasse dir die Wahl: Du oder ich!
+Der Fuerst geht fort. Hier ist kein Augenblick
+Zu harren. Waehle schnell! Wenn du nicht gehst,
+So geh' ich selbst, und werd' es, wie es will.
+
+Antonio.
+Lass mich nur wenig Zeit von dir erlangen
+Und warte nur des Fuersten Rueckkehr ab!
+Nur heute nicht!
+
+Tasso.
+Nein, diese Stunde noch,
+Wenn's moeglich ist! Es brennen mir die Sohlen
+Auf diesem Marmorboden; eher kann
+Mein Geist nicht Ruhe finden, bis der Staub
+Des freien Wegs mich Eilenden umgibt.
+Ich bitte dich! Du siehst, wie ungeschickt
+In diesem Augenblick ich sei, mit meinem Herrn
+Zu reden; siehst--wie kann ich das verbergen--
+Dass ich mir selbst in diesem Augenblick,
+Mir keine Macht der Welt gebieten kann.
+Nur Fesseln sind es, die mich halten koennen!
+Alphons ist kein Tyrann, er sprach mich frei.
+Wie gern gehorcht' ich seinen Worten sonst!
+Heut kann ich nicht gehorchen. Heute nur
+Lasst mich in Freiheit, dass mein Geist sich finde!
+Ich kehre bald zu meiner Pflicht zurueck.
+
+Antonio.
+Du machst mich zweifelhaft. Was soll ich tun?
+Ich merke wohl: Es steckt der Irrtum an.
+
+Tasso.
+Soll ich dir glauben, denkst du gut fuer mich,
+So wirke was ich wuensche, was du kannst.
+Der Fuerst entlaesst mich dann, und ich verliere
+Nicht seine Gnade, seine Hilfe nicht.
+Das dank' ich dir, und will dir's gern verdanken;
+Doch hegst du einen alten Groll im Busen,
+Willst du von diesem Hofe mich verbannen,
+Willst du auf ewig mein Geschick verkehren,
+Mich hilflos in die weite Welt vertreiben,
+So bleib auf deinem Sinn und widersteh!
+
+Antonio.
+Weil ich dir doch, o Tasso, schaden soll,
+So waehl' ich denn den Weg, den du erwaehlst.
+Der Ausgang mag entscheiden, wer sich irrt!
+Du willst hinweg! Ich sag' es dir zuvor:
+Du wendest diesem Hause kaum den Ruecken,
+So wird dein Herz zurueck verlangen, wird
+Dein Eigensinn dich vorwaerts treiben; Schmerz,
+Verwirrung, Truebsinn harrt in Rom auf dich,
+Und du verfehlest hier und dort den Zweck.
+Doch sag' ich dies nicht mehr, um dir zu raten;
+Ich sage nur voraus, was bald geschieht,
+Und lade dich auch schon im voraus ein,
+Mir in dem schlimmsten Falle zu vertraun.
+Ich spreche nun den Fuersten, wie du's forderst.
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+Tasso (allein).
+
+ Ja, gehe nur, und gehe sicher weg,
+Dass du mich ueberredest, was du willst.
+Ich lerne mich verstellen; denn du bist
+Ein grosser Meister, und ich fasse leicht.
+So zwingt das Leben uns zu scheinen, ja
+Zu sein wie jene, die wir kuehn und stolz
+Verachten konnten. Deutlich seh' ich nun
+Die ganze Kunst des hoefischen Gewebes!
+Mich will Antonio von hinnen treiben
+Und will nicht scheinen, dass er mich vertreibt.
+Er spielt den Schonenden, den Klugen, dass
+Man nur recht krank und ungeschickt mich finde,
+Bestellet sich zum Vormund, dass er mich
+Zum Kind erniedrige, den er zum Knecht
+Nicht zwingen konnte. So umnebelt er
+Die Stirn des Fuersten und der Fuerstin Blick.
+
+ Man soll mich halten, meint er: Habe doch
+Ein schoen Verdienst mir die Natur geschenkt;
+Doch leider habe sie mit manchen Schwaechen
+Die hohe Gabe wieder schlimm begleitet,
+Mit ungebundnem Stolz, mit uebertriebner
+Empfindlichkeit und eignem duestern Sinn.
+Es sei nicht anders, einmal habe nun
+Den einen Mann das Schicksal so gebildet;
+Nun muesse man ihn nehmen, wie er sei,
+Ihn dulden, tragen und vielleicht an ihm,
+Was Freude bringen kann, am guten Tage
+Als unerwarteten Gewinst geniessen,
+Im Uebrigen, wie er geboren sei,
+So muesse man ihn leben, sterben lassen.
+
+ Erkenn' ich noch Alphonsens festen Sinn,
+Der Feinden trotzt und Freunde treulich schuetzt?
+Erkenn' ich ihn, wie er nun mir begegnet?
+Ja, wohl erkenn' ich ganz mein Unglueck nun!
+Das ist mein Schicksal, dass nur gegen mich
+Sich jeglicher veraendert, der fuer andre fest
+Und treu und sicher bleibt, sich leicht veraendert
+Durch einen Hauch, in einem Augenblick.
+
+ Hat nicht die Ankunft dieses Manns allein
+Mein ganz Geschick zerstoert, in einer Stunde?
+Nicht dieser das Gebaeude meines Gluecks
+Von seinem tiefsten Grund aus umgestuerzt?
+O, muss ich das erfahren, muss ich's heut!
+Ja, wie sich alles zu mir draengte, laesst
+Mich alles nun; wie jeder mich an sich
+Zu reissen strebte, jeder mich zu fassen,
+So stoesst mich alles weg und meidet mich.
+Und das warum? Und wiegt denn er allein
+Die Schale meines Werts und aller Liebe,
+Die ich so reichlich sonst besessen, auf?
+
+ Ja, alles flieht mich nun. Auch du! Auch du!
+Geliebte Fuerstin, du entziehst dich mir!
+In diesen trueben Stunden hat sie mir
+Kein einzig Zeichen ihrer Gunst gesandt.
+Hab' ich's um sie verdient?--Du armes Herz,
+Dem so natuerlich war sie zu verehren!--
+Vernahm ich ihre Stimme, wie durchdrang
+Ein unaussprechliches Gefuehl die Brust!
+Erblickt' ich sie, da ward das helle Licht
+Des Tags mir trueb; unwiderstehlich zog
+Ihr Auge mich, ihr Mund mich an, mein Knie
+Erhielt sich kaum, und aller Kraft
+Des Geists bedurft' ich, aufrecht mich zu halten,
+Vor ihre Fuesse nicht zu fallen; kaum
+Vermocht' ich diesen Taumel zu zerstreun.
+Hier halte fest, mein Herz! Du klarer Sinn,
+Lass hier dich nicht umnebeln! Ja, auch sie!
+Darf ich es sagen? Und ich glaub' es kaum;
+Ich glaub' es wohl, und moecht' es mir verschweigen.
+Auch Sie! Auch Sie! Entschuldige sie ganz,
+Allein verbirg' dir's nicht: Auch Sie! Auch Sie!
+
+ O dieses Wort, an dem ich zweifeln sollte,
+Solang ein Hauch von Glauben in mir lebt,
+Ja, dieses Wort, es graebt sich, wie ein Schluss
+Des Schicksals noch zuletzt am ehrnen Rande
+Der voll geschriebnen Qualentafel ein.
+Nun sind erst meine Feinde stark, nun bin ich
+Auf ewig einer jeden Kraft beraubt.
+Wie soll ich streiten, wenn Sie gegenueber
+Im Heere steht? Wie soll ich duldend harren,
+Wenn Sie die Hand mir nicht von ferne reicht?
+Wenn nicht ihr Blick dem Flehenden begegnet?
+Du hast's gewagt zu denken, hast's gesprochen,
+Und es ist wahr, eh' du es fuerchten konntest!
+Und ehe nun die Verzweiflung deine Sinnen
+Mit ehrnen Klauen aus einander reisst,
+Ja, klage nur das bittre Schicksal an
+Und wiederhole nur: Auch Sie! Auch Sie!
+
+
+
+
+Fuenfter Aufzug
+(Garten.)
+
+
+
+Erster Auftritt
+Alphons. Antonio.
+
+Antonio.
+Auf deinen Wink ging ich das zweite Mal
+Zu Tasso hin, ich komme von ihm her.
+Ich hab' ihm zugeredet, ja gedrungen;
+Allein er geht von seinem Sinn nicht ab
+Und bittet sehnlich, dass du ihn nach Rom
+Auf eine kurze Zeit entlassen moegest.
+
+Alphons.
+Ich bin verdriesslich, dass ich dir's gestehe,
+Und lieber sag' ich dir, dass ich es bin,
+Als dass ich den Verdruss verberg' und mehre.
+Er will verreisen; gut, ich halt' ihn nicht.
+Er will hinweg, er will nach Rom; es sei!
+Nur dass mir Scipio Gonzaga nicht,
+Der kluge Medicis, ihn nicht entwende!
+Das hat Italien so gross gemacht,
+Dass jeder Nachbar mit dem andern streitet,
+Die Bessern zu besitzen, zu benutzen.
+Ein Feldherr ohne Heer scheint mir ein Fuerst,
+Der die Talente nicht um sich versammelt:
+Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt,
+Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.
+Gefunden hab' ich diesen und gewaehlt,
+Ich bin auf ihn als meinen Diener stolz,
+Und da ich schon fuer ihn so viel getan,
+So moecht' ich ihn nicht ohne Not verlieren.
+
+Antonio.
+Ich bin verlegen, denn ich trage doch
+Vor dir die Schuld von dem, was heut geschah;
+Auch will ich meinen Fehler gern gestehn,
+Er bleibet deiner Gnade zu verzeihn;
+Doch wenn du glauben koenntest, dass ich nicht
+Das moegliche getan, ihn zu versoehnen,
+So wuerd' ich ganz untroestlich sein. O! Sprich
+Mit holdem Blick mich an, damit ich wieder
+Mich fassen kann, mir selbst vertrauen mag.
+
+Alphons.
+Antonio, nein, da sei nur immer ruhig,
+Ich schreib' es dir auf keine Weise zu;
+Ich kenne nur zu gut den Sinn des Mannes,
+Und weiss nur allzu wohl was ich getan,
+Wie sehr ich ihn geschont, wie sehr ich ganz
+Vergessen, dass ich eigentlich an ihn
+Zu fordern haette. Ueber vieles kann
+Der Mensch zum Herrn sich machen, seinen Sinn
+Bezwinget kaum die Not und lange Zeit.
+
+Antonio.
+Wenn andre vieles um den einen tun,
+So ist's auch billig, dass der eine wieder
+Sich fleissig frage, was den andern nuetzt.
+Wer seinen Geist so viel gebildet hat,
+Wer jede Wissenschaft zusammengeizt,
+Und jede Kenntnis, die uns zu ergreifen
+Erlaubt ist, sollte der, sich zu beherrschen,
+Nicht doppelt schuldig sein? Und denkt er dran?
+
+Alphons.
+Wir sollen eben nicht in Ruhe bleiben!
+Gleich wird uns, wenn wir zu geniessen denken,
+Zur Uebung unsrer Tapferkeit ein Feind,
+Zur Uebung der Geduld ein Freund gegeben.
+
+Antonio.
+Die erste Pflicht des Menschen, Speis' und Trank
+Zu waehlen, da ihn die Natur so eng
+Nicht wie das Tier beschraenkt, erfuellt er die?
+Und laesst er nicht vielmehr sich wie ein Kind
+Von allem reizen, was dem Gaumen schmeichelt?
+Wann mischt er Wasser unter seinen Wein?
+Gewuerze, suesse Sachen, stark Getraenke,
+Eins um das andre schlingt er hastig ein,
+Und dann beklagt er seinen trueben Sinn,
+Sein feurig Blut, sein allzu heftig Wesen,
+Er schilt auf die Natur und das Geschick.
+Wie bitter und wie thoericht hab' ich ihn
+Nicht oft mit seinem Arzte rechten sehn;
+Zum Lachen fast, waer' irgend laecherlich,
+Was einen Menschen quaelt und andre plagt.
+"Ich fuehle dieses Uebel," sagt er baenglich
+Und voll Verdruss: "Was ruehmt ihr eure Kunst?
+Schafft mir Genesung!"--Gut! versetzt der Arzt,
+So meidet das und das.--"Das kann ich nicht."--
+So nehmet diesen Trank.--"O nein! Der schmeckt
+Abscheulich, er empoert mir die Natur."--
+So trinkt denn Wasser.--"Wasser? Nimmermehr!
+Ich bin so wasserscheu als ein Gebissner."--
+So ist euch nicht zu helfen.--"Und warum?"--
+Das Uebel wird sich stets mit Uebeln haeufen
+Und, wenn es euch nicht toeten kann, nur mehr
+Und mehr mit jedem Tag Euch quaelen.--"Schoen!
+Wofuer seid Ihr ein Arzt? Ihr kennt mein Uebel,
+Ihr solltet auch die Mittel kennen, sie
+Auch schmackhaft machen, dass ich nicht noch erst,
+Der Leiden los zu sein, recht leiden muesse."
+Du laechelst selbst und doch ist es gewiss,
+Du hast es wohl aus seinem Mund gehoert?
+
+Alphons.
+Ich hab' es oft gehoert und oft entschuldigt.
+
+Antonio.
+Es ist gewiss, ein ungemaessigt Leben,
+Wie es uns schwere, wilde Traeume gibt,
+Macht uns zuletzt am hellen Tage traeumen.
+Was ist sein Argwohn anders als ein Traum?
+Wohin er tritt, glaubt er von Feinden sich
+Umgeben. Sein Talent kann niemand sehn,
+Der ihn nicht neidet, niemand ihn beneiden,
+Der ihn nicht hasst und bitter ihn verfolgt.
+So hat er oft mit Klagen dich belaestigt:
+Erbrochne Schloesser, aufgefangne Briefe,
+Und Gift und Dolch! Was alles vor ihm schwebt!
+Du hast es untersuchen lassen, untersucht,
+Und hast du was gefunden? Kaum den Schein.
+Der Schutz von keinem Fuersten macht ihn sicher,
+Der Busen keines Freundes kann ihn laben.
+Und willst du einem solchen Ruh und Glueck,
+Willst du von ihm wohl Freude dir versprechen?
+
+Alphons.
+Du haettest Recht, Antonio, wenn in ihm
+Ich meinen naechsten Vorteil suchen wollte!
+Zwar ist es schon mein Vorteil, dass ich nicht
+Den Nutzen grad und unbedingt erwarte.
+Nicht alles dienet uns auf gleiche Weise;
+Wer vieles brauchen will, gebrauche jedes
+In seiner Art, so ist er wohl bedient.
+Das haben uns die Medicis gelehrt,
+Das haben uns die Paepste selbst gewiesen.
+Mit welcher Nachsicht, welcher fuerstlichen
+Geduld und Langmut trugen diese Maenner
+Manch gross Talent, das ihrer reichen Gnade
+Nicht zu beduerfen schien und doch bedurfte!
+
+Antonio.
+Wer weiss es nicht, mein Fuerst? Des Lebens Muehe
+Lehrt uns allein des Lebens Gueter schaetzen.
+So jung hat er zu vieles schon erreicht,
+Als dass genuegsam er geniessen koennte.
+O, sollt' er erst erwerben, was ihm nun
+Mit offnen Haenden angebothen wird:
+Er strengte seine Kraefte maennlich an
+Und fuehlte sich von Schritt zu Schritt begnuegt.
+Ein armer Edelmann hat schon das Ziel
+Von seinem besten Wunsch erreicht, wenn ihn
+Ein edler Fuerst zu seinem Hofgenossen
+Erwaehlen will, und ihn der Duerftigkeit
+Mit milder Hand entzieht. Schenkt er ihm noch
+Vertraun und Gunst und will an seine Seite
+Vor andern ihn erheben, sei's im Krieg,
+Sei's in Geschaeften oder im Gespraech,
+So, daecht' ich, koennte der bescheidne Mann
+Sein Glueck mit stiller Dankbarkeit verehren.
+Und Tasso hat zu allem diesem noch
+Das schoenste Glueck des Juenglings: Dass ihn schon
+Sein Vaterland erkennt und auf ihn hofft.
+O glaube mir, sein launisch Missbehagen
+Ruht auf dem breiten Polster seines Gluecks.
+Er kommt, entlass ihn gnaedig, gib ihm Zeit,
+In Rom und in Neapel, wo er will,
+Das aufzusuchen, was er hier vermisst,
+Und was er hier nur wieder finden kann.
+
+Alphons.
+Will er zurueck erst nach Ferrara gehn?
+
+Antonio.
+Er wuenscht in Belriguardo zu verweilen.
+Das Noetigste, was er zur Reise braucht,
+Will er durch einen Freund sich senden lassen.
+
+Alphons.
+Ich bin's zufrieden. Meine Schwester geht
+Mit ihrer Freundin gleich zurueck, und reitend
+Werd' ich vor ihnen noch zu Hause sein.
+Du folgst uns bald, wenn du fuer ihn gesorgt.
+Dem Kastellan befiehl das Noetige,
+Dass er hier auf dem Schlosse bleiben kann,
+Solang er will, so lang, bis seine Freunde
+Ihm das Gepaeck gesendet, bis wir ihm
+Die Briefe schicken, die ich ihm nach Rom
+Zu geben Willens bin. Er kommt! Leb' wohl!
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+Alphons. Tasso.
+
+Tasso (mit Zurueckhaltung).
+Die Gnade, die du mir so oft bewiesen,
+Erscheinet heute mir in vollem Licht:
+Du hast verziehen, was in deiner Naehe
+Ich unbedacht und frevelhaft beging;
+Du hast den Widersacher mir versoehnt;
+Du willst erlauben, dass ich eine Zeit
+Von deiner Seite mich entferne, willst
+Mir deine Gunst grossmuetig vorbehalten.
+Ich scheide nun mit voelligem Vertraun,
+Und hoffe still, mich soll die kleine Frist
+Von allem heilen, was mich jetzt beklemmt.
+Es soll mein Geist aufs neue sich erheben
+Und auf dem Wege, den ich froh und kuehn,
+Durch deinen Blick ermuntert, erst betrat,
+Sich deiner Gunst aufs neue wuerdig machen.
+
+Alphons.
+Ich wuensche dir zu deiner Reise Glueck
+Und hoffe, dass du froh und ganz geheilt
+Uns wieder kommen wirst. Du bringst uns dann
+Den doppelten Gewinst fuer jede Stunde,
+Die du uns nun entziehst, vergnuegt zurueck.
+Ich gebe Briefe dir an meine Leute,
+An Freunde dir nach Rom und wuensche sehr,
+Dass du dich zu den Meinen ueberall
+Zutraulich halten moegest, wie ich dich
+Als mein, obgleich entfernt, gewiss betrachte.
+
+Tasso.
+Du ueberhaeufst, o Fuerst, mit Gnade den,
+Der sich unwuerdig fuehlt und selbst zu danken
+In diesem Augenblicke nicht vermag.
+Anstatt des Danks eroeffn' ich eine Bitte!
+Am meisten liegt mir mein Gedicht am Herzen.
+Ich habe viel getan und keine Muehe
+Und keinen Fleiss gespart; allein es bleibt
+Zu viel mir noch zurueck. Ich moechte dort,
+Wo noch der Geist der grossen Maenner schwebt,
+Und wirksam schwebt, dort moecht' ich in die Schule
+Aufs neue mich begeben: Wuerdiger
+Erfreute deines Beifalls sich mein Lied.
+O, gib die Blaetter mir zurueck, die ich
+Jetzt nur beschaemt in deinen Haenden weiss!
+
+Alphons.
+Du wirst mir nicht an diesem Tage nehmen,
+Was du mir kaum an diesem Tag gebracht.
+Lass zwischen dich und zwischen dein Gedicht
+Mich als Vermittler treten: Huete dich,
+Durch strengen Fleiss die liebliche Natur
+Zu kraenken, die in deinen Reimen lebt,
+Und hoere nicht auf Rat von allen Seiten!
+Die tausendfaeltigen Gedanken vieler
+Verschiedner Menschen, die im Leben sich
+Und in der Meinung widersprechen, fasst
+Der Dichter klug in eins und scheut sich nicht,
+Gar manchem zu missfallen, dass er manchem
+Um desto mehr gefallen moege. Doch
+Ich sage nicht, dass du nicht hie und da
+Bescheiden deine Feile brauchen solltest;
+Verspreche dir zugleich: In kurzer Zeit
+Erhaeltst du abgeschrieben dein Gedicht.
+Es bleibt von deiner Hand in meinen Haenden,
+Damit ich seiner erst mit meinen Schwestern
+Mich recht erfreuen moege. Bringst du es
+Vollkommner dann zurueck: Wir werden uns
+Des hoeheren Genusses freun und dich
+Bei mancher Stelle nur als Freunde warnen.
+
+Tasso.
+Ich wiederhole nur beschaemt die Bitte:
+Lass mich die Abschrift eilig haben! Ganz
+Ruht mein Gemuet auf diesem Werke nun.
+Nun muss es werden, was es werden kann.
+
+Alphons.
+Ich billige den Trieb, der dich beseelt!
+Doch, guter Tasso, wenn es moeglich waere,
+So solltest du erst eine kurze Zeit
+Der freien Welt geniessen, dich zerstreuen,
+Dein Blut durch eine Kur verbessern. Dir
+Gewaehrte dann die schoene Harmonie
+Der hergestellten Sinne, was du nun
+Im trueben Eifer nur vergebens suchst.
+
+Tasso.
+Mein Fuerst, so scheint es; doch, ich bin gesund,
+Wenn ich mich meinem Fleiss ergeben kann,
+Und so macht wieder mich der Fleiss gesund.
+Du hast mich lang gesehn: Mir ist nicht wohl
+In freier Ueppigkeit. Mir laesst die Ruh
+Am mindsten Ruhe. Dies Gemuet ist nicht
+Von der Natur bestimmt, ich fuehl' es leider,
+Auf weichem Element der Tage froh
+Ins weite Meer der Zeiten hinzuschwimmen.
+
+Alphons.
+Dich fuehret alles, was du sinnst und treibst,
+Tief in dich selbst. Es liegt um uns herum
+Gar mancher Abgrund, den das Schicksal grub;
+Doch hier in unserm Herzen ist der tiefste,
+Und reizend ist es sich hinab zu stuerzen.
+Ich bitte dich, entreisse dich dir selbst!
+Der Mensch gewinnt, was der Poet verliert.
+
+Tasso.
+Ich halte diesen Drang vergebens auf,
+Der Tag und Nacht in meinem Busen wechselt.
+Wenn ich nicht sinnen oder dichten soll,
+So ist das Leben mir kein Leben mehr.
+Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen,
+Wenn er sich schon dem Tode naeher spinnt:
+Das koestliche Geweb' entwickelt er
+Aus seinem Innersten, und laesst nicht ab,
+Bis er in seinen Sarg sich eingeschlossen.
+O, geb' ein guter Gott uns auch dereinst
+Das Schicksal des beneidenswerten Wurms,
+Im neuen Sonnental die Fluegel rasch
+Und freudig zu entfalten!
+
+Alphons.
+ Hoere mich!
+Du gibst so vielen doppelten Genuss
+Des Lebens; lern', ich bitte dich,
+Den Wert des Lebens kennen, das du noch
+Und zehnfach reich besitzest. Lebe wohl!
+Je eher du zu uns zuruecke kehrst,
+Je schoener wirst du uns willkommen sein.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+Tasso (allein).
+
+So halte fest, mein Herz, so war es recht!
+Es wird dir schwer, es ist das erste Mal,
+Dass du dich so verstellen magst und kannst.
+Du hoertest wohl: Das war nicht sein Gemuet,
+Das waren seine Worte nicht; mir schien,
+Als klaenge nur Antonios Stimme wider.
+O gib nur Acht! Du wirst sie nun so fort
+Von allen Seiten hoeren. Fest, nur fest!
+Um einen Augenblick ist's noch zu tun.
+Wer spaet im Leben sich verstellen lernt,
+Der hat den Schein der Ehrlichkeit voraus.
+Es wird schon gehn, nur uebe dich mit ihnen.
+
+(Nach einer Pause.)
+
+Du triumphierst zu frueh, dort kommt sie her!
+Die holde Fuerstin kommt! O welch Gefuehl!
+Sie tritt herein, es loest in meinem Busen
+Verdruss und Argwohn sich in Schmerzen auf.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+Prinzessin. Tasso. Gegen das Ende des Auftritts die Uebrigen.
+
+Prinzessin.
+Du denkst uns zu verlassen, oder bleibst
+Vielmehr in Belriguardo noch zurueck
+Und willst dich dann von uns entfernen, Tasso?
+Ich hoffe, nur auf eine kurze Zeit.
+Du gehst nach Rom?
+
+Tasso.
+Ich richte meinen Weg
+Zuerst dahin, und nehmen meine Freunde
+Mich guetig auf, wie ich es hoffen darf,
+So leg' ich da mit Sorgfalt und Geduld
+Vielleicht die letzte Hand an mein Gedicht.
+Ich finde viele Maenner dort versammelt,
+Die Meister aller Art sich nennen duerfen.
+Und spricht in jener ersten Stadt der Welt
+Nicht jeder Platz, nicht jeder Stein zu uns?
+Wie viele tausend stumme Lehrer winken
+In ernster Majestaet uns freundlich an!
+Vollend' ich da nicht mein Gedicht, so kann
+Ich's nie vollenden. Leider, ach, schon fuehl' ich,
+Mir wird zu keinem Unternehmen Glueck!
+Veraendern werd' ich es, vollenden nie.
+Ich fuehl', ich fuehl' es wohl, die grosse Kunst,
+Die jeden naehrt, die den gesunden Geist
+Staerkt und erquickt, wird mich zu Grunde richten,
+Vertreiben wird sie mich. Ich eile fort!
+Nach Napel will ich bald!
+
+Prinzessin.
+ Darfst du es wagen?
+Noch ist der strenge Bann nicht aufgehoben,
+Der dich zugleich mit deinem Vater traf.
+
+Tasso.
+Du warnest recht, ich hab' es schon bedacht.
+Verkleidet geh' ich hin, den armen Rock
+Des Pilgers oder Schaefers zieh' ich an.
+Ich schleiche durch die Stadt, wo die Bewegung
+Der Tausende den einen leicht verbirgt.
+Ich eile nach dem Ufer, finde dort
+Gleich einen Kahn mit willig guten Leuten,
+Mit Bauern, die zum Markte kamen, nun
+Nach Hause kehren, Leute von Sorrent;
+Denn ich muss nach Sorrent hinuebereilen.
+Dort wohnet meine Schwester, die mit mir
+Die Schmerzensfreude meiner Eltern war.
+Im Schiffe bin ich still, und trete dann
+Auch schweigend an das Land, ich gehe sacht
+Den Pfad hinauf, und an dem Tore frag' ich:
+Wo wohnt Cornelia? Zeigt mir es an!
+Cornelia Sersale? Freundlich deutet
+Mir eine Spinnerinn die Strasse, sie
+Bezeichnet mir das Haus. So steig' ich weiter.
+Die Kinder laufen nebenher und schauen
+Das wilde Haar, den duestern Fremdling an.
+So komm' ich an die Schwelle. Offen steht
+Die Tuere schon, so tret' ich in das Haus--
+
+Prinzessin.
+Blick' auf, o Tasso, wenn es moeglich ist,
+Erkenne die Gefahr, in der du schwebst!
+Ich schone dich; denn sonst wuerd' ich dir sagen:
+Ist's edel so zu reden, wie du sprichst?
+Ist's edel, nur allein an sich zu denken,
+Als kraenktest du der Freunde Herzen nicht?
+Ist's dir verborgen wie mein Bruder denkt?
+Wie beide Schwestern dich zu schaetzen wissen?
+Hast du es nicht empfunden und erkannt?
+Ist alles denn in wenig Augenblicken
+Veraendert? Tasso! Wenn du scheiden willst,
+So lass uns Schmerz und Sorge nicht zurueck.
+
+(Tasso wendet sich weg.)
+
+Prinzessin.
+Wie troestlich ist es, einem Freunde, der
+Auf eine kurze Zeit verreisen will,
+Ein klein Geschenk zu geben, sei es nur
+Ein neuer Mantel oder eine Waffe!
+Dir kann man nichts mehr geben; denn du wirfst
+Unwillig alles weg, was du besitzest.
+Die Pilgermuschel und den schwarzen Kittel,
+Den langen Stab erwaehlst du dir und gehst
+Freiwillig arm dahin und nimmst uns weg,
+Was du mit uns allein geniessen konntest.
+
+Tasso.
+So willst du mich nicht ganz und gar verstossen?
+O suesses Wort, o schoener, teurer Trost!
+Vertritt mich! Nimm in deinen Schutz mich auf!--
+Lass mich in Belriguardo hier, versetze
+Mich nach Consandoli, wohin du willst!
+Es hat der Fuerst so manches schoene Schloss,
+So manchen Garten, der das ganze Jahr
+Gewartet wird, und ihr betretet kaum
+Ihn einen Tag, vielleicht nur eine Stunde.
+Ja, waehlet den entferntsten aus, den ihr
+In ganzen Jahren nicht besuchen geht,
+Und der vielleicht jetzt ohne Sorge liegt:
+Dort schickt mich hin! Dort lasst mich euer sein!
+Wie will ich deine Baeume pflegen! Die Zitronen
+Im Herbst mit Brettern und mit Ziegeln decken,
+Und mit verbundnem Rohre wohl verwahren!
+Es sollen schoene Blumen in den Beeten
+Die breiten Wurzeln schlagen; rein und zierlich
+Soll jeder Gang und jedes Fleckchen sein.
+Und lasst mir auch die Sorge des Palastes!
+Ich will zur rechten Zeit die Fenster oeffnen,
+Dass Feuchtigkeit nicht den Gemaelden schade;
+Die schoen mit Stuckatur verzierten Waende
+Will ich mit einem leichten Wedel saeubern;
+Es soll das Estrich blank und reinlich glaenzen;
+Es soll kein Stein, kein Ziegel sich verruecken;
+Es soll kein Gras aus einer Ritze keimen!
+
+Prinzessin.
+Ich finde keinen Rat in meinem Busen,
+Und finde keinen Trost fuer dich und--uns.
+Mein Auge blickt umher, ob nicht ein Gott
+Uns Hilfe reichen moechte, moechte mir
+Ein heilsam Kraut entdecken, einen Trank,
+Der deinem Sinne Frieden braechte, Frieden uns.
+Das treuste Wort, das von der Lippe fliesst,
+Das schoenste Heilungsmittel wirkt nicht mehr.
+Ich muss dich lassen, und verlassen kann
+Mein Herz dich nicht.
+
+Tasso.
+ Ihr Goetter, ist sie's doch,
+Die mit dir spricht und deiner sich erbarmt?
+Und konntest du das edle Herz verkennen?
+War's moeglich, dass in ihrer Gegenwart
+Der Kleinmut dich ergriff und dich bezwang?
+Nein, nein, du bist's! Und nun, ich bin es auch.
+O fahre fort und lass mich jeden Trost
+Aus deinem Munde hoeren! Deinen Rat
+Entzieh mir nicht! O sprich: Was soll ich tun,
+Damit dein Bruder mir vergeben koenne,
+Damit du selbst mir gern vergeben moegest,
+Damit ihr wieder zu den Euren mich
+Mit Freuden zaehlen moeget? Sag' mir an!
+
+Prinzessin.
+Gar wenig ist's, was wir von dir verlangen,
+Und dennoch scheint es allzu viel zu sein.
+Du sollst dich selbst uns freundlich ueberlassen.
+Wir wollen nichts von dir, was du nicht bist,
+Wenn du nur erst dir mit dir selbst gefaellst.
+Du machst uns Freude, wenn du Freude hast,
+Und du betruebst uns nur, wenn du sie fliehst;
+Und wenn du uns auch ungeduldig machst,
+So ist es nur, dass wir dir helfen moechten,
+Und, leider! Sehn, dass nicht zu helfen ist,
+Wenn du nicht selbst des Freundes Hand ergreifst,
+Die, sehnlich ausgereckt, dich nicht erreicht.
+
+Tasso.
+Du bist es selbst, wie du zum ersten Mal,
+Ein heil'ger Engel, mir entgegen kamst!
+Verzeih dem trueben Blick des Sterblichen,
+Wenn er auf Augenblicke dich verkannt.
+Er kennt dich wieder! Ganz eroeffnet sich
+Die Seele, nur dich ewig zu verehren.
+Es fuellt sich ganz das Herz von Zaertlichkeit--
+Sie ist's, sie steht vor mir. Welch ein Gefuehl!
+Ist es Verirrung, was mich nach dir zieht?
+Ist's Raserei? Ist's ein erhoehter Sinn,
+Der erst die hoechste, reinste Wahrheit fasst?
+Ja, es ist das Gefuehl, das mich allein
+Auf dieser Erde gluecklich machen kann,
+Das mich allein so elend werden liess,
+Wenn ich ihm widerstand und aus dem Herzen
+Es bannen wollte. Diese Leidenschaft
+Gedacht' ich zu bekaempfen; stritt und stritt
+Mit meinem tiefsten Sein, zerstoerte frech
+Mein eignes Selbst, dem du so ganz gehoerst--
+
+Prinzessin.
+Wenn ich dich, Tasso, laenger hoeren soll,
+So maessige die Glut, die mich erschreckt.
+
+Tasso.
+Beschraenkt der Rand des Bechers einen Wein,
+Der schaeumend wallt und brausend ueberschwillt?
+Mit jedem Wort' erhoehest du mein Glueck,
+Mit jedem Worte glaenzt dein Auge heller.
+Ich fuehle mich im Innersten veraendert,
+Ich fuehle mich von aller Not entladen,
+Frei wie ein Gott, und alles dank' ich dir!
+Unsaegliche Gewalt, die mich beherrscht,
+Entfliesset deinen Lippen; ja, du machst
+Mich ganz dir eigen. Nichts gehoeret mir
+Von meinem ganzen Ich mir kuenftig an.
+Es truebt mein Auge sich in Glueck und Licht,
+Es schwankt mein Sinn. Mich haelt der Fuss nicht mehr.
+Unwiderstehlich ziehst du mich zu dir,
+Und unaufhaltsam dringt mein Herz dir zu.
+Du hast mich ganz auf ewig dir gewonnen,
+So nimm denn auch mein ganzes Wesen hin!
+
+(Er faellt ihr in die Arme und drueckt sie fest an sich.)
+
+Prinzessin (ihn von sich stossend und hinweg eilend).
+Hinweg!
+
+Leonore (die sich schon eine Weile im Grunde sehen lassen, herbeieilend).
+ Was ist geschehen? Tasso! Tasso!
+
+(Sie geht der Prinzessin nach.)
+
+Tasso (im Begriff, ihnen zu folgen).
+O Gott!
+
+Alphons (der sich schon eine Zeitlang mit Antonio genaehert).
+ Er kommt von Sinnen, halt ihn fest. (Ab.)
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+Tasso. Antonio.
+
+Antonio.
+O stuende jetzt, so wie du immer glaubst,
+Dass du von Feinden rings umgeben bist,
+Ein Feind bei dir, wie wuerd' er triumphieren!
+Ungluecklicher, noch kaum erhol' ich mich!
+Wenn ganz was Unerwartetes begegnet,
+Wenn unser Blick was Ungeheures sieht,
+Steht unser Geist auf eine Weile still:
+Wir haben nichts, womit wir das vergleichen.
+
+Tasso (nach einer langen Pause).
+Vollende nur dein Amt--ich seh', du bist's!
+Ja, du verdienst das fuerstliche Vertraun;
+Vollende nur dein Amt, und martre mich,
+Da mir der Stab gebrochen ist, noch langsam
+Zu Tode! Ziehe! Zieh am Pfeile nur,
+Dass ich den Widerhaken grimmig fuehle,
+Der mich zerfleischt!
+Du bist ein teures Werkzeug des Tyrannen,
+Sei Kerkermeister, sei der Marterknecht,
+Wie wohl, wie eigen steht dir beides an!
+
+(Gegen die Szene.)
+
+Ja, gehe nur, Tyrann! Du konntest dich
+Nicht bis zuletzt verstellen, triumphiere!
+Du hast den Sklaven wohl gekettet, hast
+Ihn wohl gespart zu ausgedachten Qualen:
+Geh nur, ich hasse dich, ich fuehle ganz
+Den Abscheu, den die Uebermacht erregt,
+Die frevelhaft und ungerecht ergreift.
+
+(Nach einer Pause.)
+
+So seh' ich mich am Ende denn verbannt,
+Verstossen und verbannt als Bettler hier!
+So hat man mich bekraenzt, um mich geschmueckt
+Als Opfertier vor den Altar zu fuehren!
+So lockte man mir noch am letzten Tage
+Mein einzig Eigentum, mir mein Gedicht
+Mit glatten Worten ab, und hielt es fest!
+Mein einzig Gut ist nun in euren Haenden,
+Das mich an jedem Ort empfohlen haette,
+Das mir noch blieb, vom Hunger mich zu retten!
+Jetzt seh' ich wohl, warum ich feiern soll.
+Es ist Verschwoerung, und du bist das Haupt.
+Damit mein Lied nur nicht vollkommner werde,
+Dass nur mein Name sich nicht mehr verbreite,
+Dass meine Neider tausend Schwaechen finden,
+Dass man am Ende meiner gar vergesse,
+Drum soll ich mich zum Muessiggang gewoehnen,
+Drum soll ich mich und meine Sinne schonen.
+O werte Freundschaft, teure Sorglichkeit!
+Abscheulich dacht' ich die Verschwoerung mir,
+Die unsichtbar und rastlos mich umspann,
+Allein abscheulicher ist es geworden.
+ Und du, Sirene! Die du mich so zart,
+So himmlisch angelockt, ich sehe nun
+Dich auf einmal! O Gott, warum so spaet!
+ Allein wir selbst betruegen uns so gern
+Und ehren die Verworfnen, die uns ehren.
+Die Menschen kennen sich einander nicht;
+Nur die Galeerensklaven kennen sich,
+Die eng an eine Bank geschmiedet keuchen;
+Wo keiner was zu fordern hat und keiner
+Was zu verlieren hat, die kennen sich;
+Wo jeder sich fuer einen Schelmen gibt
+Und seinesgleichen auch fuer Schelmen nimmt.
+Doch wir verkennen nur die andern hoeflich,
+Damit sie wieder uns verkennen sollen.
+ Wie lang verdeckte mir dein heilig Bild
+Die Buhlerin, die kleine Kuenste treibt.
+Die Maske faellt: Armide seh' ich nun
+Entbloesst von allen Reizen--ja, du bist's!
+Von dir hat ahndungsvoll mein Lied gesungen!
+ Und die verschmitzte kleine Mittlerin!
+Wie tief erniedrigt seh' ich sie vor mir!
+Ich hoere nun die leisen Tritte rauschen,
+Ich kenne nun den Kreis, um den sie schlich.
+Euch alle kenn' ich! Sei mir das genug!
+Und wenn das Elend alles mir geraubt,
+So preis' ich's doch: Die Wahrheit lehrt es mich.
+
+Antonio.
+Ich hoere, Tasso, dich mit Staunen an,
+So sehr ich weiss, wie leicht dein rascher Geist
+Von einer Grenze zu der andern schwankt.
+Besinne dich! Gebiete dieser Wut!
+Du laesterst, du erlaubst dir Wort auf Wort,
+Das deinen Schmerzen zu verzeihen ist,
+Doch das du selbst dir nie verzeihen kannst.
+
+Tasso.
+O sprich mir nicht mit sanfter Lippe zu,
+Lass mich kein kluges Wort von dir vernehmen!
+Lass mir das dumpfe Glueck, damit ich nicht
+Mich erst besinne, dann von Sinnen komme.
+Ich fuehle mir das innerste Gebein
+Zerschmettert, und ich leb' um es zu fuehlen.
+Verzweiflung fasst mit aller Wut mich an,
+Und in der Hoellenqual, die mich vernichtet,
+Wird Laestrung nur ein leiser Schmerzenslaut.
+Ich will hinweg! Und wenn du redlich bist,
+So zeig' es mir, und lass mich gleich von hinnen!
+
+Antonio.
+Ich werde dich in dieser Not nicht lassen;
+Und wenn es dir an Fassung ganz gebricht,
+So soll mir's an Geduld gewiss nicht fehlen.
+
+Tasso.
+So muss ich mich dir denn gefangen geben?
+Ich gebe mich, und so ist es getan;
+Ich widerstehe nicht, so ist mir wohl--
+Und lass es dann mich schmerzlich wiederholen,
+Wie schoen es war, was ich mir selbst verscherzte.
+Sie gehn hinweg--O Gott! Dort seh' ich schon
+Den Staub, der von den Wagen sich erhebt--
+Die Reiter sind voraus--Dort fahren sie,
+Dort gehn sie hin! Kam ich nicht auch daher?
+Sie sind hinweg, sie sind erzuernt auf mich.
+O kuesst' ich nur noch einmal seine Hand!
+O dass ich nur noch Abschied nehmen koennte!
+Nur einmal noch zu sagen: O verzeiht!
+Nur noch zu hoeren: Geh, dir ist verziehn!
+Allein ich hoer' es nicht, ich hoer' es nie--
+Ich will ja gehn! Lasst mich nur Abschied nehmen,
+Nur Abschied nehmen! Gebt, o gebt mir nur
+Auf einen Augenblick die Gegenwart
+Zurueck! Vielleicht genes' ich wieder. Nein,
+Ich bin verstossen, bin verbannt, ich habe
+Mich selbst verbannt, ich werde diese Stimme
+Nicht mehr vernehmen, diesem Blicke nicht,
+Nicht mehr begegnen--
+
+Antonio.
+Lass eines Mannes Stimme dich erinnern,
+Der neben dir nicht ohne Ruehrung steht!
+Du bist so elend nicht, als wie du glaubst.
+Ermanne dich! Du gibst zu viel dir nach.
+
+Tasso.
+Und bin ich denn so elend, wie ich scheine?
+Bin ich so schwach, wie ich vor dir mich zeige?
+Ist alles denn verloren? Hat der Schmerz,
+Als schuetterte der Boden, das Gebaeude
+In einen grausen Haufen Schutt verwandelt?
+Ist kein Talent mehr uebrig, tausendfaeltig
+Mich zu zerstreun, zu unterstuetzen?
+Ist alle Kraft erloschen, die sich sonst
+In meinem Busen regte? Bin ich nichts,
+Ganz nichts geworden?
+Nein, es ist alles da, und ich bin nichts;
+Ich bin mir selbst entwandt, sie ist es mir!
+
+Antonio.
+Und wenn du ganz dich zu verlieren scheinst,
+Vergleiche dich! Erkenne, was du bist!
+
+Tasso.
+Ja, du erinnerst mich zur rechten Zeit!--
+Hilft denn kein Beispiel der Geschichte mehr?
+Stellt sich kein edler Mann mir vor die Augen,
+Der mehr gelitten, als ich jemals litt,
+Damit ich mich mit ihm vergleichend fasse?
+Nein, alles ist dahin!--Nur eines bleibt:
+Die Traene hat uns die Natur verliehen,
+Den Schrei des Schmerzens, wenn der Mann zuletzt
+Es nicht mehr traegt--Und mir noch ueber alles--
+Sie liess im Schmerz mir Melodie und Rede,
+Die tiefste Fuelle meiner Not zu klagen:
+Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
+Gab mir ein Gott, zu sagen wie ich leide.
+
+Antonio (tritt zu ihm und nimmt ihn bei der Hand).
+
+Tasso.
+O edler Mann! Du stehest fest und still,
+Ich scheine nur die sturmbewegte Welle.
+Allein bedenk' und ueberhebe nicht
+Dich deiner Kraft! Die maechtige Natur,
+Die diesen Felsen gruendete, hat auch
+Der Welle die Beweglichkeit gegeben.
+Sie sendet ihren Sturm, die Welle flieht
+Und schwankt und schwillt und beugt sich schaeumend ueber.
+In dieser Woge spiegelte so schoen
+Die Sonne sich, es ruhten die Gestirne
+An dieser Brust, die zaertlich sich bewegte.
+Verschwunden ist der Glanz, entflohn die Ruhe.
+Ich kenne mich in der Gefahr nicht mehr,
+Und schaeme mich nicht mehr es zu bekennen.
+Zerbrochen ist das Steuer, und es kracht
+Das Schiff an allen Seiten. Berstend reisst
+Der Boden unter meinen Fuessen auf!
+Ich fasse dich mit beiden Armen an!
+So klammert sich der Schiffer endlich noch
+Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte.
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TORQUATO TASSO***
+
+
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+
+
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+https://www.gutenberg.org/1/0/4/2/10425
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year.
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+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
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+*** END: FULL LICENSE ***
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