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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/10425-0.txt b/10425-0.txt new file mode 100644 index 0000000..e5ff5fc --- /dev/null +++ b/10425-0.txt @@ -0,0 +1,4551 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10425 *** + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 8-bit version. + + + + + +Torquato Tasso + +Ein Schauspiel + +Johann Wolfgang von Goethe + + + + + + + +Personen + +Alphons der Zweite, Herzog von Ferrara. +Leonore von Este, Schwester des Herzogs. +Leonore Sanvitale, Gräfin von Scandiano. +Torquato Tasso. +Antonio Montecatino, Staatssekretär. + +Der Schauplatz ist auf Belriguardo, einem Lustschlosse. + + + + +Erster Aufzug +(Gartenplatz, mit Hermen der epischen Dichter geziert. Vorn an der +Szene zur Rechten Virgil, zur Linken Ariost.) + + +Erster Auftritt +Prinzessin. Leonore. + +Prinzessin. +Du siehst mich lächelnd an, Eleonore, +Und siehst dich selber an und lächelst wieder. +Was hast du? Lass es eine Freundin wissen! +Du scheinst bedenklich, doch du scheinst vergnügt. + +Leonore. +Ja, meine Fürstin, mit Vergnügen seh' ich +Uns beide hier so ländlich ausgeschmückt. +Wir scheinen recht beglückte Schäferinnen +Und sind auch wie die Glücklichen beschäftigt. +Wir winden Kränze. Dieser, bunt von Blumen, +Schwillt immer mehr und mehr in meiner Hand; +Du hast mit höherm Sinn und größerm Herzen +Den zarten schlanken Lorbeer dir gewählt. + +Prinzessin. +Die Zweige, die ich in Gedanken flocht, +Sie haben gleich ein würdig Haupt gefunden: +Ich setze sie Virgilen dankbar auf. + +(Sie kränzt die Herme Virgils.) + +Leonore. +So drück' ich meinen vollen frohen Kranz +Dem Meister Ludwig auf die hohe Stirne-- + +(Sie kränzt Ariostens Herme.) + +Er, dessen Scherze nie verblühen, habe +Gleich von dem neuen Frühling seinen Teil. + +Prinzessin. +Mein Bruder ist gefällig, dass er uns +In diesen Tagen schon aufs Land gebracht; +Wir können unser sein und stundenlang +Uns in die goldne Zeit der Dichter träumen. +Ich liebe Belriguardo; denn ich habe +Hier manchen Tag der Jugend froh durchlebt, +Und dieses neue Grün und diese Sonne +Bringt das Gefühl mir jener Zeit zurück. + +Leonore. +Ja, es umgibt uns eine neue Welt! +Der Schatten dieser immer grünen Bäume +Wird schon erfreulich. Schon erquickt uns wieder +Das Rauschen dieser Brunnen. Schwankend wiegen +Im Morgenwinde sich die jungen Zweige. +Die Blumen von den Beeten schauen uns +Mit ihren Kinderaugen freundlich an. +Der Gärtner deckt getrost das Winterhaus +Schon der Zitronen und Orangen ab. +Der blaue Himmel ruhet über uns +Und an dem Horizonte löst der Schnee +Der fernen Berge sich in leisen Duft. + +Prinzessin. +Es wäre mir der Frühling sehr willkommen, +Wenn er nicht meine Freundin mir entführte. + +Leonore. +Erinnre mich in diesen holden Stunden, +O Fürstin, nicht, wie bald ich scheiden soll. + +Prinzessin. +Was du verlassen magst, das findest du +In jener großen Stadt gedoppelt wieder. + +Leonore. +Es ruft die Pflicht, es ruft die Liebe mich +Zu dem Gemahl der mich so lang' entbehrt. +Ich bring' ihm seinen Sohn, der dieses Jahr +So schnell gewachsen, schnell sich ausgebildet, +Und Teile seine väterliche Freude. +Groß ist Florenz und herrlich, doch der Wert +Von allen seinen aufgehäuften Schätzen +Reicht an Ferraras Edelsteine nicht. +Das Volk hat jene Stadt zur Stadt gemacht, +Ferrara ward durch seine Fürsten groß. + +Prinzessin. +Mehr durch die guten Menschen, die sich hier +Durch Zufall trafen und zum Glück verbanden. + +Leonore. +Sehr leicht zerstreut der Zufall, was er sammelt. +Ein edler Mensch zieht edle Menschen an +Und weiß sie fest zu halten, wie ihr tut. +Um deinen Bruder und um dich verbinden +Gemüter sich, die eurer würdig sind, +Und ihr seid eurer großen Väter wert. +Hier zündete sich froh das schöne Licht +Der Wissenschaft, des freien Denkens an, +Als noch die Barbarei mit schwerer Dämmrung +Die Welt umher verbarg. Mir klang als Kind +Der Name Herkules von Este schon, +Schon Hippolyt von Este voll ins Ohr. +Ferrara ward mit Rom und mit Florenz +Von meinem Vater viel gepriesen! Oft +Hab' ich mich hingesehnt; nun bin ich da. +Hier ward Petrarch bewirtet, hier gepflegt, +Und Ariost fand seine Muster hier. +Italien nennt keinen großen Namen, +Den dieses Haus nicht seinen Gast genannt. +Und es ist vorteilhaft den Genius +Bewirten: Gibst du ihm ein Gastgeschenk, +So lässt er dir ein schöneres zurück. +Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, +Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt +Sein Wort und seine Tat dem Enkel wieder. + +Prinzessin. +Dem Enkel, wenn er lebhaft fühlt wie du. +Gar oft beneid' ich dich um dieses Glück. + +Leonore. +Das du, wie wenig andre, still und rein +Genießest. Drängt mich doch das volle Herz, +Sogleich zu sagen, was ich lebhaft fühle; +Du fühlst es besser, fühlst es tief und--schweigst. +Dich blendet nicht der Schein des Augenblicks, +Der Witz besticht dich nicht, die Schmeichelei +Schmiegt sich vergebens künstlich an dein Ohr: +Fest bleibt dein Sinn und richtig dein Geschmack, +Dein Urteil grad, stets ist dein Anteil groß +Am Großen, das du wie dich selbst erkennst. + +Prinzessin. +Du solltest dieser höchsten Schmeichelei +Nicht das Gewand vertrauter Freundschaft leihen. + +Leonore. +Die Freundschaft ist gerecht, sie kann allein +Den ganzen Umfang deines Werts erkennen. +Und lass mich der Gelegenheit, dem Glück +Auch ihren Teil an deiner Bildung geben; +Du hast sie doch, und bist's am Ende doch, +Und dich mit deiner Schwester ehrt die Welt +Vor allen großen Frauen eurer Zeit. + +Prinzessin. +Mich kann das, Leonore, wenig rühren, +Wenn ich bedenke, wie man wenig ist, +Und was man ist, das blieb man andern schuldig. +Die Kenntnis alter Sprachen und des Besten, +Was uns die Vorwelt ließ, dank' ich der Mutter; +Doch war an Wissenschaft, an rechtem Sinn +Ihr keine beider Töchter jemals gleich, +Und soll sich eine ja mit ihr vergleichen, +So hat Lucretia gewiss das Recht. +Auch kann ich dir versichern hab' ich nie +Als Rang und als Besitz betrachtet, was +Mir die Natur, was mir das Glück verlieh. +Ich freue mich, wenn kluge Männer sprechen, +Dass ich verstehen kann wie sie es meinen. +Es sei ein Urteil über einen Mann +Der alten Zeit und seiner Taten Wert; +Es sei von einer Wissenschaft die Rede, +Die, durch Erfahrung weiter ausgebreitet, +Dem Menschen nutzt indem sie ihn erhebt: +Wohin sich das Gespräch der Edlen lenkt, +Ich folge gern, denn mir wird leicht, zu folgen. +Ich höre gern dem Streit der Klugen zu, +Wenn um die Kräfte, die des Menschen Brust +So freundlich und so fürchterlich bewegen, +Mit Grazie die Rednerlippe spielt; +Gern, wenn die fürstliche Begier des Ruhms, +Des ausgebreiteten Besitzes, Stoff +Dem Denker wird, und wenn die feine Klugheit, +Von einem klugen Manne zart entwickelt, +Statt uns zu hintergehen uns belehrt. + +Leonore. +Und dann nach dieser ernsten Unterhaltung, +Ruht unser Ohr und unser innrer Sinn +Gar freundlich auf des Dichters Reimen aus, +Der uns die letzten lieblichsten Gefühle +Mit holden Tönen in die Seele flößt. +Dein hoher Geist umfasst ein weites Reich, +Ich halte mich am liebsten auf der Insel +Der Poesie in Lorberhainen auf. + +Prinzessin. +In diesem schönen Lande, hat man mir +Versichern wollen, wächst vor andern Bäumen +Die Myrte gern. Und wenn der Musen gleich +Gar viele sind, so sucht man unter ihnen +Sich seltner eine Freundin und Gespielin, +Als man dem Dichter gern begegnen mag, +Der uns zu meiden, ja zu fliehen scheint, +Etwas zu suchen scheint, das wir nicht kennen, +Und er vielleicht am Ende selbst nicht kennt. +Da wär' es denn ganz artig, wenn er uns +Zur guten Stunde träfe, schnell entzückt +Uns für den Schatz erkennte, den er lang +Vergebens in der weiten Welt gesucht. + +Leonore. +Ich muss mir deinen Scherz gefallen lassen, +Er trifft mich zwar, doch trifft er mich nicht tief. +Ich ehre jeden Mann und sein Verdienst, +Und ich bin gegen Tasso nur gerecht. +Sein Auge weilt auf dieser Erde kaum; +Sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur; +Was die Geschichte reicht, das Leben gibt, +Sein Busen nimmt es gleich und willig auf: +Das weit zerstreute sammelt sein Gemüt, +Und sein Gefühl belebt das Unbelebte. +Oft adelt er, was uns gemein erschien, +Und das Geschätzte wird vor ihm zu nichts. +In diesem eignen Zauberkreise wandelt +Der wunderbare Mann und zieht uns an, +Mit ihm zu wandeln, Teil an ihm zu nehmen: +Er scheint sich uns zu nahn, und bleibt uns fern; +Er scheint uns anzusehn, und Geister mögen +An unsrer Stelle seltsam ihm erscheinen. + +Prinzessin. +Du hast den Dichter fein und zart geschildert, +Der in den Reichen süßer Träume schwebt. +Allein mir scheint auch ihn das Wirkliche +Gewaltsam anzuziehn und fest zu halten. +Die schönen Lieder, die an unsern Bäumen +Wir hin und wieder angeheftet finden, +Die, goldnen Äpfeln gleich, ein neu Hesperien +Uns duftend bilden, erkennst du sie nicht alle +Für holde Früchte einer wahren Liebe? + +Leonore. +Ich freue mich der schönen Blätter auch. +Mit mannigfalt'gem Geist verherrlicht er +Ein einzig Bild in allen seinen Reimen. +Bald hebt er es in lichter Glorie +Zum Sternenhimmel auf, beugt sich verehrend +Wie Engel über Wolken vor dem Bilde; +Dann schleicht er ihm durch stille Fluren nach +Und jede Blume windet er zum Kranz. +Entfernt sich die Verehrte, heiligt er +Den Pfad, den leis ihr schöner Fuß betrat. +Versteckt im Busche, gleich der Nachtigall, +Füllt er aus einem liebekranken Busen +Mit seiner Klagen Wohllaut Hain und Luft: +Sein reizend Leid, die sel'ge Schwermut lockt +Ein jedes Ohr und jedes Herz muss nach-- + +Prinzessin. +Und wenn er seinen Gegenstand benennt, +So gibt er ihm den Namen Leonore. + +Leonore. +Es ist dein Name wie es meiner ist. +Ich nähm' es übel, wenn's ein andrer wäre. +Mich freut es, dass er sein Gefühl für dich +In diesem Doppelsinn verbergen kann. +Ich bin zufrieden, dass er meiner auch +Bei dieses Namens holdem Klang gedenkt. +Hier ist die Frage nicht von einer Liebe, +Die sich des Gegenstands bemeistern will, +Ausschließend ihn besitzen, eifersüchtig +Den Anblick jedem andern wehren möchte. +Wenn er in seliger Betrachtung sich +Mit deinem Werth beschäftigt, mag er auch +An meinem leichtern Wesen sich erfreun. +Uns liebt er nicht,--verzeih dass ich es sage!-- +Aus allen Sphären trägt er, was er liebt, +Auf einen Namen nieder, den wir führen, +Und sein Gefühl teilt er uns mit; wir scheinen +Den Mann zu lieben, und wir lieben nur +Mit ihm das Höchste, was wir lieben können. + +Prinzessin. +Du hast dich sehr in diese Wissenschaft +Vertieft, Eleonore, sagst mir Dinge, +Die mir beinahe nur das Ohr berühren +Und in die Seele kaum noch übergehn. + +Leonore. +Du? Schülerin des Plato! Nicht begreifen, +Was dir ein Neuling vorzuschwatzen wagt? +Es müsste sein, dass ich zu sehr mich irrte; +Doch irr' ich auch nicht ganz, ich weiß es wohl. +Die Liebe zeigt in dieser holden Schule +Sich nicht, wie sonst, als ein verwöhntes Kind: +Es ist der Jüngling der mit Psychen sich +Vermählte, der im Rat der Götter Sitz +Und Stimme hat. Er tobt nicht frevelhaft +Von einer Brust zur andern hin und her; +Er heftet sich an Schönheit und Gestalt +Nicht gleich mit süßem Irrtum fest, und büßet +Nicht schnellen Rausch mit Ekel und Verdruss. + +Prinzessin. +Da kommt mein Bruder! Lass uns nicht verraten, +Wohin sich wieder das Gespräch gelenkt: +Wir würden seinen Scherz zu tragen haben, +Wie unsre Kleidung seinen Spott erfuhr. + + + +Zweiter Auftritt +Die Vorigen. Alphons. + +Alphons. +Ich suche Tasso, den ich nirgends finde, +Und treff' ihn--hier sogar bei euch nicht an. +Könnt ihr von ihm mir keine Nachricht geben? + +Prinzessin. +Ich sah ihn gestern wenig, heute nicht. + +Alphons. +Es ist ein alter Fehler, dass er mehr +Die Einsamkeit als die Gesellschaft sucht. +Verzeih' ich ihm, wenn er den bunten Schwarm +Der Menschen flieht und lieber frei im stillen +Mit seinem Geist sich unterhalten mag, +So kann ich doch nicht loben, dass er selbst +Den Kreis vermeidet, den die Freunde schließen. + +Leonore. +Irr' ich mich nicht, so wirst du bald, o Fürst, +Den Tadel in ein frohes Lob verwandeln. +Ich sah ihn heut von fern; er hielt ein Buch +Und eine Tafel, schrieb und ging und schrieb. +Ein flüchtig Wort das er mir gestern sagte, +Schien mir sein Werk vollendet anzukünden. +Er sorgt nur kleine Züge zu verbessern, +Um deiner Huld, die ihm so viel gewährt, +Ein würdig Opfer endlich darzubringen. + +Alphons. +Er soll willkommen sein, wenn er es bringt, +Und los gesprochen sein auf lange Zeit. +So sehr ich Teil an seiner Arbeit nehme, +So sehr in manchem Sinn das große Werk +Mich freut und freuen muss, so sehr vermehrt +Sich auch zuletzt die Ungeduld in mir. +Er kann nicht enden, kann nicht fertig werden, +Er ändert stets, ruckt langsam weiter vor, +Steht wieder still, er hintergeht die Hoffnung; +Unwillig sieht man den Genuss entfernt +In späte Zeit, den man so nah geglaubt. + +Prinzessin. +Ich lobe die Bescheidenheit, die Sorge, +Womit er Schritt vor Schritt zum Ziele geht. +Nur durch die Gunst der Musen schließen sich +So viele Reime fest in eins zusammen; +Und seine Seele hegt nur diesen Trieb, +Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen. +Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen, +Die reizend unterhalten und zuletzt +Wie lose Worte nur verklingend täuschen. +Lass ihn, mein Bruder! Denn es ist die Zeit +Von einem guten Werke nicht das Maß; +Und wenn die Nachwelt mit genießen soll, +So muss des Künstlers Mitwelt sich vergessen. + +Alphons. +Lass uns zusammen, liebe Schwester, wirken, +Wie wir zu beider Vorteil oft getan! +Wenn ich zu eifrig bin, so lindre du: +Und bist du zu gelind, so will ich treiben. +Wir sehen dann auf einmal ihn vielleicht +Am Ziel, wo wir ihn lang' gewünscht zu sehn. +Dann soll das Vaterland, es soll die Welt +Erstaunen, welch ein Werk vollendet worden. +Ich nehme meinen Teil des Ruhms davon, +Und er wird in das Leben eingeführt. +Ein edler Mensch kann einem engen Kreise +Nicht seine Bildung danken. Vaterland +Und Welt muss auf ihn wirken. Ruhm und Tadel +Muss er ertragen lernen. Sich und andre +Wird er gezwungen recht zu kennen. Ihn +Wiegt nicht die Einsamkeit mehr schmeichelnd ein. +Es will der Feind--es darf der Freund nicht schonen; +Dann übt der Jüngling streitend seine Kräfte, +Fühlt was er ist, und fühlt sich bald ein Mann. + +Leonore. +So wirst du, Herr, für ihn noch alles tun, +Wie du bisher für ihn schon viel getan. +Es bildet ein Talent sich in der Stille, +Sich ein Charakter in dem Strom der Welt. +O dass er sein Gemüt wie seine Kunst +An deinen Lehren bilde! Dass er nicht +Die Menschen länger meide, dass sein Argwohn +Sich nicht zuletzt in Furcht und Hass verwandle! + +Alphons. +Die Menschen fürchtet nur, wer sie nicht kennt, +Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen. +Das ist sein Fall, und so wird nach und nach +Ein frei Gemüt verworren und gefesselt. +So ist er oft um meine Gunst besorgt, +Weit mehr, als es ihm ziemte; gegen viele +Hegt er ein Misstraun, die, ich weiß es sicher, +Nicht seine Feinde sind. Begegnet ja, +Dass sich ein Brief verirrt, dass ein Bedienter +Aus seinem Dienst in einen andern geht, +Dass ein Papier aus seinen Händen kommt, +Gleich sieht er Absicht, sieht Verräterei +Und Tücke die sein Schicksal untergräbt. + +Prinzessin. +Lass uns, geliebter Bruder, nicht vergessen, +Dass von sich selbst der Mensch nicht scheiden kann. +Und wenn ein Freund, der mit uns wandeln sollte, +Sich einen Fuß beschädigte, wir würden +Doch lieber langsam gehn und unsre Hand +Ihm gern und willig leihen. + +Alphons. + Besser wär's, +Wenn wir ihn heilen könnten, lieber gleich +Auf treuen Rat des Arztes eine Kur +Versuchten, dann mit dem Geheilten froh +Den neuen Weg des frischen Lebens gingen. +Doch hoff' ich, meine Lieben, dass ich nie +Die Schuld des rauen Arztes auf mich lade. +Ich tue, was ich kann, um Sicherheit +Und Zutraun seinem Busen einzuprägen. +Ich geb' ihm oft in Gegenwart von vielen +Entschiedne Zeichen meiner Gunst. Beklagt +Er sich bei mir, so lass' ich's untersuchen; +Wie ich es tat, als er sein Zimmer neulich +Erbrochen glaubte. Lässt sich nichts entdecken, +So zeig' ich ihm gelassen, wie ich's sehe; +Und da man alles üben muss, so üb' ich, +Weil er's verdient, an Tasso die Geduld: +Und ihr, ich weiß es, steht mir willig bei. +Ich hab' euch nun aufs Land gebracht und gehe +Heut' Abend nach der Stadt zurück. Ihr werdet +Auf einen Augenblick Antonio sehen; +Er kommt von Rom und holt mich ab. Wir haben +Viel auszureden, abzutun. Entschlüsse +Sind nun zu fassen, Briefe viel zu schreiben; +Das alles nötigt mich zur Stadt zurück. + +Prinzessin. +Erlaubst du uns dass wir dich hin begleiten? + +Alphons. +Bleibt nur in Belriguardo, geht zusammen +Hinüber nach Consandoli! Genießt +Der schönen Tage ganz nach freier Lust. + +Prinzessin. +Du kannst nicht bei uns bleiben? Die Geschäfte +Nicht hier so gut als in der Stadt verrichten? + +Leonore. +Du führst uns gleich Antonio hinweg, +Der uns von Rom so viel erzählen sollte? + +Alphons. +Es geht nicht an, ihr Kinder; doch ich komme +Mit ihm so bald, als möglich ist, zurück: +Dann soll er euch erzählen und ihr sollt +Mir ihn belohnen helfen, der so viel +In meinem Dienst aufs Neue sich bemüht. +Und haben wir uns wieder ausgesprochen, +So mag der Schwarm dann kommen, dass es lustig +In unsern Gärten werde, dass auch mir, +Wie billig, eine Schönheit in dem Kühlen, +Wenn ich sie suche gern begegnen mag. + +Leonore. +Wir wollen freundlich durch die Finger sehen. + +Alphons. +Dagegen wisst ihr, dass ich schonen kann. + +Prinzessin (nach der Szene gekehrt). +Schon lange seh' ich Tasso kommen. Langsam +Bewegt er seine Schritte, steht bisweilen +Auf einmal still, wie unentschlossen, geht +Dann wieder schneller auf uns los, und weilt +Schon wieder. + +Alphons. + Stört ihn, wenn er denkt und dichtet, +In seinen Träumen nicht, und lasst ihn wandeln. + +Leonore. +Nein, er hat uns gesehn, er kommt hierher. + + + +Dritter Auftritt +Die Vorigen. Tasso. + +Tasso (mit einem Buche, in Pergament geheftet). +Ich komme langsam, dir ein Werk zu bringen, +Und zaudre noch, es dir zu überreichen. +Ich weiß zu wohl, noch bleibt es unvollendet, +Wenn es auch gleich geendigt scheinen möchte. +Allein, war ich besorgt, es unvollkommen +Dir hinzugeben, so bezwingt mich nun +Die neue Sorge: Möcht' ich doch nicht gern +Zu ängstlich, möcht' ich nicht undankbar scheinen. +Und wie der Mensch nur sagen kann: Hie bin ich! +Dass Freunde seiner schonend sich erfreuen, +So kann ich auch nur sagen: Nimm es hin! + +(Er übergibt den Band.) + +Alphons. +Du überraschest mich mit deiner Gabe +Und machst mir diesen schönen Tag zum Fest. +So halt' ich's endlich denn in meinen Händen, +Und nenn' es in gewissem Sinne mein! +Lang' wünscht' ich schon, du möchtest dich entschließen +Und endlich sagen: Hier! Es ist genug. + +Tasso. +Wenn Ihr zufrieden seid, so ist's vollkommen; +Denn euch gehört es zu in jedem Sinn. +Betrachtet' ich den Fleiß, den ich verwendet, +Sah ich die Züge meiner Feder an, +So konnt' ich sagen: Dieses Werk ist mein. +Doch seh' ich näher an, was dieser Dichtung +Den innren Wert und ihre Würde gibt, +Erkenn' ich wohl: Ich hab' es nur von euch. +Wenn die Natur der Dichtung holde Gabe +Aus reicher Willkür freundlich mir geschenkt, +So hatte mich das eigensinn'ge Glück +Mit grimmiger Gewalt von sich gestoßen; +Und zog die schöne Welt den Blick des Knaben +Mit ihrer ganzen Fülle herrlich an, +So trübte bald den jugendlichen Sinn +Der teuren Eltern unverdiente Not. +Eröffnete die Lippe sich zu singen, +So floss ein traurig Lied von ihr herab, +Und ich begleitete mit leisen Tönen +Des Vaters Schmerzen und der Mutter Qual. +Du warst allein, der aus dem engen Leben +Zu einer schönen Freiheit mich erhob; +Der jede Sorge mir vom Haupte nahm, +Mir Freiheit gab, dass meine Seele sich +Zu mutigem Gesang entfalten konnte; +Und welchen Preis nun auch mein Werk erhält, +Euch dank' ich ihn; denn euch gehört es zu. + +Alphons. +Zum zweiten Mal verdienst du jedes Lob, +Und ehrst bescheiden dich und uns zugleich. + +Tasso. +O könnt' ich sagen wie ich lebhaft fühle, +Dass ich von Euch nur habe, was ich bringe! +Der tatenlose Jüngling--nahm er wohl +Die Dichtung aus sich selbst? Die kluge Leitung +Des raschen Krieges--hat er die ersonnen? +Die Kunst der Waffen, die ein jeder Held +An dem beschiednen Tage kräftig zeigt, +Des Feldherrn Klugheit und der Ritter Mut, +Und wie sich List und Wachsamkeit bekämpft, +Hast du mir nicht, o kluger, tapfrer Fürst, +Das alles eingeflößt als wärest du +Mein Genius, der eine Freude fände, +Sein hohes, unerreichbar hohes Wesen +Durch einen Sterblichen zu offenbaren? + +Prinzessin. +Genieße nun des Werks, das uns erfreut! + +Alphons. +Erfreue dich des Beifalls jedes Guten! + +Leonore. +Des allgemeinen Ruhms erfreue dich! + +Tasso. +Mir ist an diesem Augenblick genug. +An euch nur dacht' ich wenn ich sann und schrieb; +Euch zu gefallen, war mein höchster Wunsch, +Euch zu ergötzen, war mein letzter Zweck. +Wer nicht die Welt in seinen Freunden sieht, +Verdient nicht, dass die Welt von ihm erfahre. +Hier ist mein Vaterland, hier ist der Kreis, +In dem sich meine Seele gern verweilt. +Hier horch' ich auf, hier acht' ich jeden Wink, +Hier spricht Erfahrung, Wissenschaft, Geschmack; +Ja, Welt und Nachwelt seh' ich vor mir stehn. +Die Menge macht den Künstler irr' und scheu: +Nur wer Euch ähnlich ist, versteht und fühlt, +Nur der allein soll richten und belohnen! + +Alphons. +Und stellen wir denn Welt und Nachwelt vor, +So ziemt es nicht nur müßig zu empfangen. +Das schöne Zeichen, das den Dichter ehrt, +Das selbst der Held, der seiner stets bedarf, +Ihm ohne Neid ums Haupt gewunden sieht, +Erblick' ich hier auf deines Anherrn Stirne. + +(Auf die Herme Virgils deutend.) + +Hat es der Zufall, hat's ein Genius +Geflochten und gebracht? Es zeigt sich hier +Uns nicht umsonst. Virgil hör' ich sagen: +Was ehret ihr die Toten? Hatten die +Doch ihren Lohn und Freude da sie lebten; +Und wenn ihr uns bewundert und verehrt, +So gebt auch den Lebendigen ihr Teil. +Mein Marmorbild ist schon bekränzt genug-- +Der grüne Zweig gehört dem Leben an. + +(Alphons winkt seiner Schwester; sie nimmt den Kranz von der Büste +Virgils und nähert sich Tasso. Er tritt zurück.) + +Leonore. +Du weigerst dich? Sieh welche Hand den Kranz, +Den schönen unverwelklichen, dir bietet! + +Tasso. +O lasst mich zögern! Seh' ich doch nicht ein, +Wie ich nach dieser Stunde leben soll. + +Alphons. +In dem Genuss des herrlichen Besitzes, +Der dich im ersten Augenblick erschreckt. + +Prinzessin (indem sie den Kranz in die Höhe hält). +Du gönnest mir die seltne Freude, Tasso, +Dir ohne Wort zu sagen, wie ich denke. + +Tasso. +Die schöne Last aus deinen teuren Händen +Empfang' ich kniend auf mein schwaches Haupt. + +(Er kniet nieder, die Prinzessin setzt ihm den Kranz auf.) + +Leonore (applaudierend). +Es lebe der zum ersten Mal bekränzte! +Wie zieret den bescheidnen Mann der Kranz! + +(Tasso steht auf.) + +Alphons. +Es ist ein Vorbild nur von jener Krone, +Die auf dem Kapitol dich zieren soll. + +Prinzessin. +Dort werden lautere Stimmen dich begrüßen; +Mit leiser Lippe lohnt die Freundschaft hier. + +Tasso. +O nehmt ihn weg von meinem Haupte wieder, +Nehmt ihn hinweg! Er sengt mir meine Locken, +Und wie ein Strahl der Sonne, der zu heiß +Das Haupt mir träfe, brennt er mir die Kraft +Des Denkens aus der Stirne. Fieberhitze +Bewegt mein Blut. Verzeiht! Es ist zu viel! + +Leonore. +Es schützet dieser Zweig vielmehr das Haupt +Des Manns, der in den heißen Regionen +Des Ruhms zu wandeln hat, und kühlt die Stirne. + +Tasso. +Ich bin nicht wert, die Kühlung zu empfinden, +Die nur um Heldenstirnen wehen soll. +O hebt ihn auf, ihr Götter, und verklärt +Ihn zwischen Wolken, dass er hoch und höher +Und unerreichbar schwebe! Dass mein Leben +Nach diesem Ziel ein ewig Wandeln sei! + +Alphons. +Wer früh erwirbt, lernt früh den hohen Wert +Der holden Güter dieses Lebens schätzen; +Wer früh genießt, entbehrt in seinem Leben +Mit Willen nicht, was er einmal besaß; +Und wer besitzt, der, muss gerüstet sein. + +Tasso. +Und wer sich rüsten will, muss eine Kraft +Im Busen fühlen, die ihm nie versagt. +Ach! Sie versagt mir eben jetzt! Im Glück +Verlässt sie mich, die angeborne Kraft, +Die standhaft mich dem Unglück, stolz dem Unrecht +Begegnen lehrte. Hat die Freude mir, +Hat das Entzücken dieses Augenblicks +Das Mark in meinen Gliedern aufgelöst? +Es sinken meine Knie! Noch einmal +Siehst du, o Fürstin, mich gebeugt vor dir! +Erhöre meine Bitte: Nimm ihn weg! +Dass, wie aus einem schönen Traum erwacht, +Ich ein erquicktes neues Leben fühle. + +Prinzessin. +Wenn du bescheiden ruhig das Talent, +Das dir die Götter gaben, tragen kannst, +So lern' auch diese Zweige tragen, die +Das Schönste sind, was wir dir geben können. +Wem einmal, würdig, sie das Haupt berührt, +Dem schweben sie auf ewig um die Stirne. + +Tasso. +So lasst mich denn beschämt von hinnen gehn! +Lasst mich mein Glück im tiefen Hain verbergen, +Wie ich sonst meine Schmerzen dort verbarg. +Dort will ich einsam wandeln, dort erinnert +Kein Auge mich ans unverdiente Glück. +Und zeigt mir ungefähr ein klarer Brunnen +In seinem reinen Spiegel einen Mann, +Der wunderbar bekränzt im Widerschein +Des Himmels zwischen Bäumen, zwischen Felsen +Nachdenkend ruht: So scheint es mir, ich sehe +Elysium auf dieser Zauberfläche +Gebildet. Still bedenk' ich mich und frage: +Wer mag der Abgeschiedne sein? Der Jüngling +Aus der vergangnen Zeit? So schön bekränzt? +Wer sagt mir seinen Namen? Sein Verdienst? +Ich warte lang' und denke: Käme doch +Ein andrer und noch einer, sich zu ihm +In freundlichem Gespräche zu gesellen! +O säh' ich die Heroen, die Poeten +Der alten Zeit um diesen Quell versammelt! +O säh' ich hier sie immer unzertrennlich, +Wie sie im Leben fest verbunden waren! +So bindet der Magnet durch seine Kraft +Das Eisen mit dem Eisen fest zusammen, +Wie gleiches Streben Held und Dichter bindet. +Homer vergaß sich selbst, sein ganzes Leben +War der Betrachtung zweier Männer heilig, +Und Alexander in Elysium +Eilt, den Achill und den Homer zu suchen. +O dass ich gegenwärtig wäre, sie, +Die größten Seelen, nun vereint zu sehen! + +Leonore. +Erwach'! Erwache! Lass uns nicht empfinden, +Dass du das Gegenwärt'ge ganz verkennst. + +Tasso. +Es ist die Gegenwart, die mich erhöht, +Abwesend schein' ich nur: Ich bin entzückt. + +Prinzessin. +Ich freue mich, wenn du mit Geistern redest, +Dass du so menschlich sprichst, und hör' es gern. + +(Ein Page tritt zu dem Fürsten und richtet leise etwas aus.) + +Alphons. +Er ist gekommen! Recht zur guten Stunde. +Antonio!--Bring ihn her--Da kommt er schon! + + + +Vierter Auftritt +Die Vorigen. Antonio. + +Alphons. +Willkommen! Der du uns zugleich dich selbst +Und gute Botschaft bringst. + +Prinzessin. + Sei uns gegrüßt! + +Antonio. +Kaum wag' ich es zu sagen, welch Vergnügen +In eurer Gegenwart mich neu belebt. +Vor euren Augen find' ich alles wieder, +Was ich so lang' entbehrt. Ihr scheint zufrieden +Mit dem, was ich getan, was ich vollbracht; +Und so bin ich belohnt für jede Sorge, +Für manchen bald mit Ungeduld durchharrten, +Bald absichtsvoll verlornen Tag. Wir haben +Nun, was wir wünschen, und kein Streit ist mehr. + +Leonore. +Auch ich begrüße dich, wenn ich schon zürne. +Du kommst nur eben, da ich reisen muss. + +Antonio. +Damit mein Glück nicht ganz vollkommen werde, +Nimmst du mir gleich den schönen Teil hinweg. + +Tasso. +Auch meinen Gruß! Ich hoffe mich der Nähe +Des viel erfahrnen Mannes auch zu freun. + +Antonio. +Du wirst mich wahrhaft finden, wenn du je +Aus deiner Welt in meine schauen magst. + +Alphons. +Wenn du mir gleich in Briefen schon gemeldet, +Was du getan, und wie es dir ergangen, +So hab' ich doch noch manches auszufragen, +Durch welche Mittel das Geschäft gelang. +Auf jenem wunderbaren Boden will der Schritt +Wohl abgemessen sein, wenn er zuletzt +An deinen eignen Zweck dich führen soll. +Wer seines Herren Vorteil rein bedenkt, +Der hat in Rom gar einen schweren Stand: +Denn Rom will alles nehmen, geben nichts; +Und kommt man hin, um etwas zu erhalten, +Erhält man nichts, man bringe denn was hin, +Und glücklich, wenn man da noch was erhält. + +Antonio. +Es ist nicht mein Betragen, meine Kunst, +Durch die ich deinen Willen, Herr, vollbracht; +Denn welcher Kluge fänd' im Vatikan +Nicht seinen Meister? Vieles traf zusammen, +Das ich zu unserm Vorteil nutzen konnte. +Dich ehrt Gregor und grüßt und segnet dich. +Der Greis, der würdigste, dem eine Krone +Das Haupt belastet, denkt der Zeit mit Freuden, +Da er in seinen Arm dich schloss. Der Mann, +Der Männer unterscheidet, kennt und rühmt +Dich hoch! Um deinetwillen tat er viel. + +Alphons. +Ich freue seiner guten Meinung mich, +Sofern sie redlich ist. Doch weißt du wohl, +Vom Vatikan herab sieht man die Reiche +Schon klein genug zu seinen Füßen liegen, +Geschweige denn die Fürsten und die Menschen. +Gestehe nur, was dir am meisten half! + +Antonio. +Gut! Wenn du willst: Der hohe Sinn des Papsts. +Er sieht das Kleine klein, das Große groß. +Damit er einer Welt gebiete, gibt +Er seinen Nachbarn gern und freundlich nach. +Das Streifchen Land, das er dir überlässt, +Weiß er, wie deine Freundschaft, wohl zu schätzen. +Italien soll ruhig sein, er will +In seiner Nähe Freunde sehen, Friede +Bei seinen Grenzen halten, dass die Macht +Der Christenheit, die er gewaltig lenkt, +Die Türken da, die Ketzer dort vertilge. + +Prinzessin. +Weiß man die Männer, die er mehr als andre +Begünstigt, die sich ihm vertraulich nahn? + +Antonio. +Nur der erfahrne Mann besitzt sein Ohr, +Der tätige sein Zutraun, seine Gunst. +Er, der von Jugend auf dem Staat gedient, +Beherrscht ihn jetzt und wirkt auf jene Höfe, +Die er vor Jahren als Gesandter schon +Gesehen und gekannt und oft gelenkt. +Es liegt die Welt so klar vor seinem Blick +Als wie der Vorteil seines eignen Staats. +Wenn man ihn handeln sieht, so lobt man ihn +Und freut sich, wenn die Zeit entdeckt, was er +Im stillen lang' bereitet und vollbracht. +Es ist kein schönrer Anblick in der Welt, +Als einen Fürsten sehn, der klug regieret, +Das Reich zu sehn, wo jeder stolz gehorcht, +Wo jeder sich nur selbst zu dienen glaubt, +Weil ihm das Rechte nur befohlen wird. + +Leonore. +Wie sehnlich wünscht' ich jene Welt einmal +Recht nah zu sehn! + +Alphons. +Doch wohl um mit zu wirken +Denn bloß beschaun wird Leonore nie. +Es wäre doch recht artig, meine Freundin, +Wenn in das große Spiel wir auch zuweilen +Die zarten Hände mischen könnten--Nicht? + +Leonore (zu Alphons). +Du willst mich reizen, es gelingt dir nicht. + +Alphons. +Ich bin dir viel von andern Tagen schuldig. + +Leonore. +Nun gut, so bleib' ich heut in deiner Schuld! +Verzeih' und störe meine Fragen nicht. +(Zu Antonio.) Hat er für die Nepoten viel getan? + +Antonio. +Nicht weniger noch mehr, als billig ist. +Ein Mächtiger, der für die Seinen nicht +Zu sorgen weiß, wird von dem Volke selbst +Getadelt. Still und mäßig weiß Gregor +Den Seinigen zu nutzen, die dem Staat +Als wackre Männer dienen, und erfüllt +Mit Einer Sorge zwei verwandte Pflichten. + +Tasso. +Erfreut die Wissenschaft, erfreut die Kunst +Sich seines Schutzes auch? Und eifert er +Den großen Fürsten alter Zeiten nach? + +Antonio. +Er ehrt die Wissenschaft, so fern sie nutzt, +Den Staat regieren, Völker kennen lehrt; +Er schätzt die Kunst, so fern sie ziert, sein Rom +Verherrlicht und Palast und Tempel +Zu Wunderwerken dieser Erde macht. +In seiner Nähe darf nichts müßig sein! +Was gelten soll, muss wirken und muss dienen. + +Alphons. +Und glaubst du, dass wir das Geschäfte bald +Vollenden können? Dass sie nicht zuletzt +Noch hie und da uns Hindernisse streuen? + +Antonio. +Ich müsste sehr mich irren, wenn nicht gleich +Durch deinen Nahmenszug, durch wenig Briefe +Auf immer dieser Zwist gehoben wäre. + +Alphons. +So lob' ich diese Tage meines Lebens +Als eine Zeit des Glückes und Gewinns. +Erweitert seh' ich meine Grenze, weiß +Sie für die Zukunft sicher. Ohne Schwertschlag +Hast du's geleistet, eine Bürgerkrone +Dir wohl verdient. Es sollen unsre Frauen +Vom ersten Eichenlaub am schönsten Morgen +Geflochten dir sie um die Stirne legen. +Indessen hat mich Tasso auch bereichert: +Er hat Jerusalem für uns erobert +Und so die neue Christenheit beschämt, +Ein weit entferntes, hoch gestecktes Ziel +Mit frohem Mut und strengem Fleiß erreicht. +Für seine Mühe siehst du ihn gekrönt. + +Antonio. +Du lösest mir ein Räthsel. Zwei Bekränzte +Erblickt' ich mit Verwundrung, da ich kam. + +Tasso. +Wenn du mein Glück vor deinen Augen siehst, +So wünscht' ich, dass du mein beschämt Gemüt +Mit eben diesem Blicke schauen könntest. + +Antonio. +Mir war es lang' bekannt, dass im Belohnen +Alphons unmäßig ist, und du erfährst +Was jeder von den Seinen schon erfuhr. + +Prinzessin. +Wenn du erst siehst, was er geleistet hat, +So wirst du uns gerecht und mäßig finden. +Wir sind nur hier die ersten stillen Zeugen +Des Beifalls, den die Welt ihm nicht versagt, +Und den ihm zehnfach künft'ge Jahre gönnen. + +Antonio. +Er ist durch euch schon seines Ruhms gewiss. +Wer dürfte zweifeln, wo ihr preisen könnt? +Doch sage mir, wer druckte diesen Kranz +Auf Ariostes Stirne? + +Leonore. + Diese Hand. + +Antonio. +Und sie hat wohl getan! Er ziert ihn schön, +Als ihn der Lorbeer selbst nicht zieren würde. +Wie die Natur die innig reiche Brust +Mit einem grünen bunten Kleide deckt, +So hüllt er alles, was den Menschen nur +Ehrwürdig, liebenswürdig machen kann, +Ins blühende Gewand der Fabel ein. +Zufriedenheit, Erfahrung und Verstand +Und Geisteskraft, Geschmack und reiner Sinn +Fürs wahre Gute, geistig scheinen sie +In seinen Liedern und persönlich doch +Wie unter Blütenbäumen auszuruhn, +Bedeckt vom Schnee der leicht getragnen Blüten, +Umkränzt von Rosen, wunderlich umgaukelt +Vom losen Zauberspiel der Amoretten. +Der Quell des Überflusses rauscht darneben, +Und lässt uns bunte Wunderfische sehn. +Von seltenem Geflügel ist die Luft, +Von fremden Herden Wies' und Busch erfüllt; +Die Schalkheit lauscht im Grünen halb versteckt, +Die Weisheit lässt von einer goldnen Wolke +Von Zeit zu Zeit erhabne Sprüche tönen, +Indes auf wohl gestimmter Laute wild +Der Wahnsinn hin und her zu wühlen scheint +Und doch im schönsten Takt sich mäßig hält. +Wer neben diesem Mann sich wagen darf, +Verdient für seine Kühnheit schon den Kranz. +Vergebt, wenn ich mich selbst begeistert fühle, +Wie ein Verzückter weder Zeit noch Ort, +Noch, was ich sage, wohl bedenken kann; +Denn alle diese Dichter, diese Kränze, +Das seltne festliche Gewand der Schönen +Versetzt mich aus mir selbst in fremdes Land. + +Prinzessin. +Wer ein Verdienst so wohl zu schätzen weiß, +Der wird das andre nicht verkennen. Du +Sollst uns dereinst in Tassos Liedern zeigen, +Was wir gefühlt und was nur du erkennst. + +Alphons. +Komm mit, Antonio! Manches hab' ich noch, +Worauf ich sehr begierig bin, zu fragen. +Dann sollst du bis zum Untergang der Sonne +Den Frauen angehören. Komm! Lebt wohl. + +(Dem Fürsten folgt Antonio, den Damen Tasso.) + + + + +Zweiter Aufzug +(Saal.) + + + +Erster Auftritt +Prinzessin. Tasso. + +Tasso. +Unsicher folgen meine Schritte dir, +O Fürstin, und Gedanken ohne Maß +Und Ordnung regen sich in meiner Seele. +Mir scheint die Einsamkeit zu winken, mich +Gefällig anzulispeln: Komm, ich löse +Die neu erregten Zweifel deiner Brust. +Doch werf' ich einen Blick auf dich, vernimmt +Mein horchend Ohr ein Wort von deiner Lippe, +So wird ein neuer Tag um mich herum, +Und alle Bande fallen von mir los. +Ich will dir gern gestehn, es hat der Mann, +Der unerwartet zu uns trat, nicht sanft +Aus einem schönen Traum mich aufgeweckt; +Sein Wesen, seine Worte haben mich +So wunderbar getroffen, dass ich mehr +Als je mich doppelt fühle, mit mir selbst +Aufs neu' in streitender Verwirrung bin. + +Prinzessin. +Es ist unmöglich, dass ein alter Freund, +Der, lang' entfernt, ein fremdes Leben führte, +Im Augenblick, da er uns wieder sieht, +Sich wieder gleich wie ehmals finden soll. +Er ist in seinem Innern nicht verändert; +Lass uns mit ihm nur wenig Tage leben, +So stimmen sich die Saiten hin und wider, +Bis glücklich eine schöne Harmonie +Aufs neue sie verbindet. Wird er dann +Auch näher kennen, was du diese Zeit +Geleistet hast, so stellt er dich gewiss +Dem Dichter an die Seite, den er jetzt +Als einen Riesen dir entgegen stellt. + +Tasso. +Ach, meine Fürstin, Ariostes Lob +Aus seinem Munde hat mich mehr ergötzt, +Als dass es mich beleidigt hätte. Tröstlich +Ist es für uns, den Mann gerühmt zu wissen, +Der als ein großes Muster vor uns steht. +Wir können uns im stillen Herzen sagen: +Erreichst du einen Teil von seinem Wert, +Bleibt dir ein Teil auch seines Ruhms gewiss. +Nein, was das Herz im tiefsten mir bewegte, +Was mir noch jetzt die ganze Seele füllt, +Es waren die Gestalten jener Welt, +Die sich lebendig, rastlos, ungeheuer +Um einen großen, einzig klugen Mann +Gemessen dreht und ihren Lauf vollendet, +Den ihr der Halbgott vorzuschreiben wagt. +Begierig horcht' ich auf, vernahm mit Lust +Die sichern Worte des erfahrnen Mannes; +Doch ach! Je mehr ich horchte, mehr und mehr +Versank ich vor mir selbst, ich fürchtete, +Wie Echo an den Felsen zu verschwinden, +Ein Widerhall, ein Nichts mich zu verlieren. + +Prinzessin. +Und schienst noch kurz vorher so rein zu fühlen, +Wie Held und Dichter füreinander leben, +Wie Held und Dichter sich einander suchen +Und keiner je den andern neiden soll? +Zwar herrlich ist die liedeswerte Tat, +Doch schön ist's auch, der Taten stärkste Fülle +Durch würd'ge Lieder auf die Nachwelt bringen. +Begnüge dich aus einem kleinen Staate, +Der dich beschützt, dem wilden Lauf der Welt, +Wie von dem Ufer, ruhig zuzusehn. + +Tasso. +Und sah ich hier mit Staunen nicht zuerst, +Wie herrlich man den tapfern Mann belohnt? +Als unerfahrner Knabe kam ich her, +In einem Augenblick, da Fest auf Fest +Ferrara zu dem Mittelpunkt der Ehre +Zu machen schien. O! Welcher Anblick war's! +Den weiten Platz, auf dem in ihrem Glanze +Gewandte Tapferkeit sich zeigen sollte, +Umschloss ein Kreis, wie ihn die Sonne nicht +So bald zum zweiten Mal bescheinen wird. +Es saßen hier gedrängt die schönsten Frauen, +Gedrängt die ersten Männer unsrer Zeit. +Erstaunt durchlief der Blick die edle Menge; +Man rief: Sie alle hat das Vaterland, +Das eine, schmale, Meer umgebne Land, +Hierher geschickt. Zusammen bilden sie +Das herrlichste Gericht, das über Ehre, +Verdienst und Tugend je entschieden hat. +Gehst du sie einzeln durch, du findest keinen, +Der seines Nachbarn sich zu schämen brauche!-- +Und dann eröffneten die Schranken sich; +Da stampften Pferde, glänzten Helm und Schilde, +Da drängten sich die Knappen, da erklang +Trompetenschall, und Lanzen krachten splitternd, +Getroffen tönten Helm' und Schilde, Staub, +Auf einen Augenblick, umhüllte wirbelnd +Des Siegers Ehre, des Besiegten Schmach. +O lass mich einen Vorhang vor das ganze, +Mir allzu helle Schauspiel ziehen, dass +In diesem schönen Augenblicke mir +Mein Unwert nicht zu heftig fühlbar werde. + +Prinzessin. +Wenn jener edle Kreis, wenn jene Taten +Zu Müh' und Streben damals dich entflammten, +So konnt' ich, junger Freund, zu gleicher Zeit +Der Duldung stille Lehre dir bewähren. +Die Feste, die du rühmst, die hundert Zungen +Mir damals priesen und mir manches Jahr +Nachher gepriesen haben, sah ich nicht. +Am stillen Ort, wohin kaum unterbrochen +Der letzte Widerhall der Freude sich +Verlieren konnte, musst' ich manche Schmerzen +Und manchen traurigen Gedanken leiden. +Mit breiten Flügeln schwebte mir das Bild +Des Todes vor den Augen, deckte mir +Die Aussicht in die immer neue Welt. +Nur nach und nach entfernt' es sich, und ließ +Mich, wie durch einen Flor, die bunten Farben +Des Lebens, blass, doch angenehm, erblicken. +Ich sah' lebend'ge Formen wieder sanft sich regen. +Zum ersten Mal trat ich, noch unterstützt +Von meinen Frauen, aus dem Krankenzimmer, +Da kam Lucretia voll frohen Lebens +Herbei und führte dich an ihrer Hand. +Du warst der erste, der im neuen Leben +Mir neu und unbekannt entgegen trat. +Da hofft ich viel für dich und mich; auch hat +Uns bis hierher die Hoffnung nicht betrogen. + +Tasso. +Und ich, der ich, betäubt von dem Gewimmel +Des drängenden Gewühls, von so viel Glanz +Geblendet, und von mancher Leidenschaft +Bewegt, durch stille Gänge des Palasts +An deiner Schwester Seite schweigend ging, +Dann in das Zimmer trat, wo du uns bald, +Auf deine Fraun gelehnt erschienest--mir +Welch ein Moment war dieser! O vergib! +Wie den Bezauberten von Rausch und Wahn +Der Gottheit Nähe leicht und willig heilt, +So war auch ich von aller Phantasie, +Von jeder Sucht, von jedem falschen Triebe +Mit einem Blick in deinen Blick geheilt. +Wenn unerfahren die Begierde sich +Nach tausend Gegenständen sonst verlor, +Trat ich beschämt zuerst in mich zurück +Und lernte nun das Wünschenswerte kennen. +So sucht man in dem weiten Sand des Meers +Vergebens eine Perle, die verborgen +In stillen Schalen eingeschlossen ruht. + +Prinzessin. +Es fingen schöne Zeiten damals an, +Und hätt' uns nicht der Herzog von Urbino +Die Schwester weggeführt, uns wären Jahre +Im schönen, ungetrübten Glück verschwunden. +Doch leider jetzt vermissen wir zu sehr +Den frohen Geist, die Brust voll Mut und Leben, +Den reichen Witz der liebenswürd'gen Frau. + +Tasso. +Ich weiß es nur zu wohl, seit jenem Tage, +Da sie von hinnen schied, vermochte dir +Die reine Freude niemand zu ersetzen. +Wie oft zerriss es meine Brust! Wie oft +Klagt' ich dem stillen Hain mein Leid um dich! +Ach! Rief ich aus, hat denn die Schwester nur +Das Glück, das Recht, der Teuern viel zu sein? +Ist denn kein Herz mehr wert, dass sie sich ihm +Vertrauen dürfte, kein Gemüt dem ihren +Mehr gleich gestimmt? Ist Geist und Witz verloschen? +Und war die eine Frau, so trefflich sie +Auch war, denn alles? Fürstin! O verzeih! +Da dacht' ich manchmal an mich selbst und wünschte, +Dir etwas sein zu können. Wenig nur, +Doch etwas, nicht mit Worten, mit der Tat +Wünscht' ich's zu sein, im Leben dir zu zeigen, +Wie sich mein Herz im Stillen dir geweiht. +Doch es gelang mir nicht, und nur zu oft +Tat ich im Irrtum was dich schmerzen musste, +Beleidigte den Mann, den du beschütztest, +Verwirrte unklug was du lösen wolltest, +Und fühlte so mich stets im Augenblick, +Wenn ich mich nahen wollte, fern und ferner. + +Prinzessin. +Ich habe, Tasso, deinen Willen nie +Verkannt und weiß, wie du, dir selbst zu schaden, +Geschäftig bist. Anstatt dass meine Schwester +Mit jedem, wie er sei, zu leben weiß, +So kannst du selbst nach vielen Jahren kaum +In einen Freund dich finden. + +Tasso. +Tadle mich! +Doch sage mir hernach: Wo ist der Mann, +Die Frau, mit der ich wie mit dir +Aus freiem Busen wagen darf zu reden? + +Prinzessin. +Du solltest meinem Bruder dich vertraun. + +Tasso. +Er ist mein Fürst!--Doch glaube nicht, dass mir +Der Freiheit wilder Trieb den Busen blähe. +Der Mensch ist nicht geboren, frei zu sein, +Und für den Edeln ist kein schöner Glück, +Als einem Fürsten, den er ehrt, zu dienen. +Und so ist er mein Herr, und ich empfinde +Den ganzen Umfang dieses großen Worts. +Nun muss ich schweigen lernen, wenn er spricht, +Und tun, wenn er gebietet, mögen auch +Verstand und Herz ihm lebhaft widersprechen. + +Prinzessin. +Das ist der Fall bei meinem Bruder nie, +Und nun, da wir Antonio wieder haben, +Ist dir ein neuer kluger Freund gewiss. + +Tasso. +Ich hofft' es ehmals, jetzt verzweifl' ich fast. +Wie lehrreich wäre mir sein Umgang, nützlich +Sein Rat in tausend Fällen! Er besitzt, +Ich mag wohl sagen, alles, was mir fehlt. +Doch--haben alle Götter sich versammelt, +Geschenke seiner Wiege darzubringen-- +Die Grazien sind leider ausgeblieben, +Und wem die Gaben dieser Holden fehlen, +Der kann zwar viel besitzen, vieles geben, +Doch lässt sich nie an seinem Busen ruhn. + +Prinzessin. +Doch lässt sich ihm vertraun, und das ist viel. +Du musst von einem Mann nicht alles fordern, +Und dieser leistet, was er dir verspricht. +Hat er sich erst für deinen Freund erklärt, +So sorgt er selbst für dich, wo du dir fehlst. +Ihr müsst verbunden sein! Ich schmeichle mir, +Dies schöne Werk in kurzem zu vollbringen. +Nur widerstehe nicht, wie du es pflegst! +So haben wir Lenore lang besessen, +Die fein und zierlich ist, mit der es leicht +Sich leben lässt; auch dieser hast du nie, +Wie sie es wünschte, näher treten wollen. + +Tasso. +Ich habe dir gehorcht, sonst hätt' ich mich +Von ihr entfernt, anstatt mich ihr zu nahen. +So liebenswürdig sie erscheinen kann, +Ich weiß nicht, wie es ist, konnt' ich nur selten +Mit ihr ganz offen sein, und wenn sie auch +Die Absicht hat, den Freunden wohl zu tun, +So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt. + +Prinzessin. +Auf diesem Wege werden wir wohl nie +Gesellschaft finden, Tasso! Dieser Pfad +Verleitet uns, durch einsames Gebüsch, +Durch stille Täler fortzuwandern; mehr +Und mehr verwöhnt sich das Gemüt, und strebt, +Die goldne Zeit, die ihm von außen mangelt, +In seinem Innern wieder herzustellen, +So wenig der Versuch gelingen will. + +Tasso. +O welches Wort spricht meine Fürstin aus. +Die goldne Zeit, wohin ist sie geflohn, +Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt? +Da auf der freien Erde Menschen sich +Wie frohe Herden im Genuss verbreiteten; +Da ein uralter Baum auf bunter Wiese +Dem Hirten und der Hirtin Schatten gab, +Ein jüngeres Gebüsch die zarten Zweige +Um sehnsuchtsvolle Liebe traulich schlang; +Wo klar und still auf immer reinem Sande +Der weiche Fluss die Nymphe sanft umfing; +Wo in dem Grase die gescheuchte Schlange +Unschädlich sich verlor, der kühne Faun, +Vom tapfern Jüngling bald bestraft, entfloh; +Wo jeder Vogel in der freien Luft +Und jedes Tier, durch Berg' und Täler schweifend, +Zum Menschen sprach: Erlaubt ist, was gefällt. + +Prinzessin. +Mein Freund, die goldne Zeit ist wohl vorbei; +Allein die Guten bringen sie zurück. +Und soll ich dir gestehen, wie ich denke: +Die goldne Zeit, womit der Dichter uns +Zu schmeicheln pflegt, die schöne Zeit, sie war, +So scheint es mir, so wenig als sie ist; +Und war sie je, so war sie nur gewiss, +Wie sie uns immer wieder werden kann. +Noch treffen sich verwandte Herzen an +Und teilen den Genuss der schönen Welt; +Nur in dem Wahlspruch ändert sich, mein Freund, +Ein einzig Wort: Erlaubt ist was sich ziemt. + +Tasso. +O wenn aus guten, edlen Menschen nur +Ein allgemein Gericht bestellt entschiede, +Was sich denn ziemt! Anstatt dass jeder glaubt, +Es sei auch schicklich, was ihm nützlich ist. +Wir sehn ja, dem Gewaltigen, dem Klugen +Steht alles wohl, und er erlaubt sich alles. + +Prinzessin. +Willst du genau erfahren, was sich ziemt, +So frage nur bei edlen Frauen an. +Denn ihnen ist am meisten dran gelegen, +Dass alles wohl sich zieme, was geschieht. +Die Schicklichkeit umgibt mit einer Mauer +Das zarte, leicht verletzliche Geschlecht. +Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie, +Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts. +Und wirst du die Geschlechter beide fragen: +Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte. + +Tasso. +Du nennest uns unbändig, roh, gefühllos? + +Prinzessin. +Nicht das! Allein ihr strebt nach fernen Gütern, +Und euer Streben muss gewaltsam sein. +Ihr wagt es, für die Ewigkeit zu handeln, +Wenn wir ein einzig nah beschränktes Gut +Auf dieser Erde nur besitzen möchten, +Und wünschen, dass es uns beständig bleibe. +Wir sind von keinem Männerherzen sicher, +Das noch so warm sich einmal uns ergab. +Die Schönheit ist vergänglich, die ihr doch +Allein zu ehren scheint. Was übrig bleibt, +Das reizt nicht mehr, und was nicht reizt, ist tot. +Wenn's Männer gäbe, die ein weiblich Herz +Zu schätzen wüssten, die erkennen möchten, +Welch einen holden Schatz von Treu' und Liebe +Der Busen einer Frau bewahren kann; +Wenn das Gedächtnis einzig schöner Stunden +In euren Seelen lebhaft bleiben wollte; +Wenn euer Blick, der sonst durchdringend ist, +Auch durch den Schleier dringen könnte, den +Uns Alter oder Krankheit überwirft; +Wenn der Besitz, der ruhig machen soll, +Nach fremden Gütern euch nicht lüstern machte: +Dann wär' uns wohl ein schöner Tag erschienen, +Wir feierten dann unsre goldne Zeit. + +Tasso. +Du sagst mir Worte, die in meiner Brust +Halb schon entschlafne Sorgen mächtig regen. + +Prinzessin. +Was meinst du, Tasso? Rede frei mit mir. + +Tasso. +Oft hört' ich schon, und diese Tage wieder +Hab' ich's gehört, ja hätt' ich's nicht vernommen, +So müsst' ich's denken: Edle Fürsten streben +Nach deiner Hand! Was wir erwarten müssen, +Das fürchten wir und möchten schier verzweifeln, +Verlassen wirst du uns, es ist natürlich; +Doch wie wir's tragen wollen, weiß ich nicht. + +Prinzessin. +Für diesen Augenblick seid unbesorgt! +Fast möcht' ich sagen: Unbesorgt für immer. +Hier bin ich gern, und gerne mag ich bleiben. +Noch weiß ich kein Verhältnis, das mich lockte; +Und wenn ihr mich denn ja behalten wollt, +So lasst es mir durch Eintracht sehn und schafft +Euch selbst ein glücklich Leben, mir durch euch. + +Tasso. +O lehre mich, das Mögliche zu tun! +Gewidmet sind dir alle meine Tage. +Wenn, dich zu preisen, dir zu danken, sich +Mein Herz entfaltet, dann empfind' ich erst +Das reinste Glück, das Menschen fühlen können; +Das Göttlichste erfuhr ich nur in dir. +So unterscheiden sich die Erdengötter +Vor andern Menschen, wie das hohe Schicksal +Vom Rat und Willen selbst der klügsten Männer +Sich unterscheidet. Vieles lassen sie, +Wenn wir gewaltsam Wog' auf Woge sehn, +Wie leichte Wellen, unbemerkt vorüber +Vor ihren Füßen rauschen, hören nicht +Den Sturm, der uns umsaust und niederwirft, +Vernehmen unser Flehen kaum und lassen, +Wie wir beschränkten armen Kindern tun, +Mit Seufzern und Geschrei die Luft uns füllen. +Du hast mich oft, o Göttliche, geduldet, +Und wie die Sonne, trocknete dein Blick +Den Tau von meinen Augenliedern ab. + +Prinzessin. +Es ist sehr billig, dass die Frauen dir +Aufs freundlichste begegnen: Es verherrlicht +Dein Lied auf manche Weise das Geschlecht. +Zart oder tapfer, hast du stets gewusst, +Sie liebenswert und edel vorzustellen; +Und wenn Armide hassenswert erscheint, +Versöhnt ihr Reiz und ihre Liebe bald. + +Tasso. +Was auch in meinem Liede widerklingt, +Ich bin nur einer, einer alles schuldig! +Es schwebt kein geistig unbestimmtes Bild +Vor meiner Stirne, das der Seele bald +Sich überglänzend nahte, bald entzöge. +Mit meinen Augen hab' ich es gesehn, +Das Urbild jeder Tugend, jeder Schöne; +Was ich nach ihm gebildet, das wird bleiben: +Tancredes Heldenliebe zu Chlorinde, +Erminies stille, nicht bemerkte Treue, +Sophronies Großheit und Olindes Not, +Es sind nicht Schatten, die der Wahn erzeugte, +Ich weiß es, sie sind ewig; denn sie sind. +Und was hat mehr das Recht, Jahrhunderte +Zu bleiben und im stillen fortzuwirken, +Als das Geheimnis einer edlen Liebe, +Dem holden Lied bescheiden anvertraut? + +Prinzessin. +Und soll ich dir noch einen Vorzug sagen, +Den unvermerkt sich dieses Lied erschleicht? +Es lockt uns nach und nach, wir hören zu, +Wir hören und wir glauben zu verstehn, +Was wir verstehn, das können wir nicht tadeln, +Und so gewinnt uns dieses Lied zuletzt. + +Tasso. +Welch einen Himmel öffnest du vor mir, +O Fürstin! Macht mich dieser Glanz nicht blind, +So seh' ich unverhofft ein ewig Glück +Auf goldnen Strahlen herrlich niedersteigen. + +Prinzessin. +Nicht weiter, Tasso! Viele Dinge sind's, +Die wir mit Heftigkeit ergreifen sollen: +Doch andre können nur durch Mäßigung +Und durch Entbehren unser eigen werden. +So, sagt man, sei die Tugend, sei die Liebe, +Die ihr verwandt ist. Das bedenke wohl! + + + +Zweiter Auftritt +Tasso (allein). + +Ist dir's erlaubt, die Augen aufzuschlagen? +Wagst du's umher zu sehn? Du bist allein! +Vernahmen diese Säulen was sie sprach? +Und hast du Zeugen, diese stumme Zeugen +Des höchsten Glücks zu fürchten? Es erhebt +Die Sonne sich des neuen Lebenstages, +Der mit den vorigen sich nicht vergleicht. +Hernieder steigend hebt die Göttin schnell +Den Sterblichen hinauf. Welch neuer Kreis +Entdeckt sich meinem Auge, welches Reich! +Wie köstlich wird der heiße Wunsch belohnt! +Ich träumte mich dem höchsten Glücke nah, +Und dieses Glück ist über alle Träume. +Der Blindgeborne denke sich das Licht, +Die Farben wie er will; erscheinet ihm +Der neue Tag, ist's ihm ein neuer Sinn. +Voll Mut und Ahnung, freudetrunken schwankend +Betret' ich diese Bahn. Du gibst mir viel, +Du gibst, wie Erd' und Himmel uns Geschenke +Mit vollen Händen übermäßig reichen, +Und forderst wieder, was von mir zu fordern +Nur eine solche Gabe dich berechtigt. +Ich soll entbehren, soll mich mäßig zeigen +Und so verdienen, dass du mir vertraust. +Was tat ich je, dass sie mich wählen konnte? +Was soll ich tun, um ihrer wert zu sein? +Sie konnte dir vertraun und dadurch bist du's. +Ja, Fürstin, deinen Worten, deinen Blicken +Sei ewig meine Seele ganz geweiht! +Ja, fordre was du willst, denn ich bin dein! +Sie sende mich, Müh' und Gefahr und Ruhm +In fernen Landen aufzusuchen, reiche +Im stillen Hain die goldne Leier mir, +Sie weihe mich der Ruh' und ihrem Preis: +Ihr bin ich, bildend soll sie mich besitzen, +Mein Herz bewahrte jeden Schatz für sie. +O hätt' ein tausendfaches Werkzeug mir +Ein Gott gegönnt, kaum drückt' ich dann genug +Die unaussprechliche Verehrung aus. +Des Mahlers Pinsel und des Dichters Lippe, +Die süßeste, die je von frühem Honig +Genährt war, wünscht' ich mir. Nein, künftig soll +Nicht Tasso zwischen Bäumen, zwischen Mensch +Sich einsam, schwach und trüb gesinnt verlieren! +Er ist nicht mehr allein, er ist mit dir. +O dass die edelste der Taten sich +Hier sichtbar vor mich stellte, rings umgeben +Von grässlicher Gefahr! Ich dränge zu +Und wagte gern das Leben, das ich nun +Von ihren Händen habe--forderte +Die besten Menschen mir zu Freunden auf, +Unmögliches mit einer edeln Schar +Nach Ihrem Wink und Willen zu vollbringen. +Voreiliger, warum verbarg dein Mund +Nicht das, was du empfandst, bis du dich wert +Und werter ihr zu Füßen legen konntest? +Das war dein Vorsatz, war dein kluger Wunsch. +Doch sei es auch! Viel schöner ist es, rein +Und unverdient ein solch Geschenk empfangen, +Als halb und halb zu wähnen, dass man wohl +Es habe fordern dürfen. Blicke freudig! +Es ist so groß, so weit, was vor dir liegt, +Und hoffnungsvolle Jugend lockt dich wieder +In unbekannte, lichte Zukunft hin! +--Schwelle Brust!--O Witterung des Glücks, +Begünst'ge diese Pflanze doch einmal! +Sie strebt gen Himmel, tausend Zweige dringen +Aus ihr hervor, entfalten sich zu Blüten. +O dass sie Furcht, o dass sie Freuden bringe! +Dass eine liebe Hand den goldnen Schmuck +Aus ihren frischen, reichen Ästen breche! + + + +Dritter Auftritt +Tasso. Antonio. + +Tasso. +Sei mir willkommen, den ich gleichsam jetzt +Zum ersten Mal erblicke! Schöner ward +Kein Mann mir angekündigt. Sei willkommen! +Dich kenn' ich nun und deinen ganzen Wert, +Dir biet' ich ohne Zögern Herz und Hand +Und hoffe, dass auch du mich nicht verschmähst. + +Antonio. +Freigebig bietest du mir schöne Gaben, +Und ihren Wert erkenn' ich wie ich soll: +Drum lass mich zögern, eh' ich sie ergreife. +Weiß ich doch nicht, ob ich dir auch dagegen +Ein Gleiches geben kann. Ich möchte gern +Nicht übereilt und nicht undankbar scheinen: +Lass mich für beide klug und sorgsam sein. + +Tasso. +Wer wird die Klugheit tadeln? Jeder Schritt +Des Lebens zeigt, wie sehr sie nötig sei; +Doch schöner ist's, wenn uns die Seele sagt, +Wo wir der feinen Vorsicht nicht bedürfen. + +Antonio. +Darüber frage jeder sein Gemüt, +Weil er den Fehler selbst zu büßen hat. + +Tasso. +So sei's! Ich habe meine Pflicht getan: +Der Fürstin Wort, die uns zu Freunden wünscht, +Hab' ich verehrt und mich dir vorgestellt. +Rückhalten durft' ich nicht, Antonio; doch gewiss, +Zudringen will ich nicht. Es mag denn sein. +Zeit und Bekanntschaft heißen dich vielleicht +Die Gabe wärmer fordern, die du jetzt +So kalt beiseite lehnst und fast verschmähst. + +Antonio. +Der Mäßige wird öfters kalt genannt +Von Menschen, die sich warm vor andern glauben, +Weil sie die Hitze fliegend überfällt. + +Tasso. +Du tadelst, was ich tadle, was ich melde. +Auch ich verstehe wohl, so jung ich bin, +Der Heftigkeit die Dauer vorzuziehn. + +Antonio. +Sehr weislich! Bleibe stets auf diesem Sinne. + +Tasso. +Du bist berechtigt, mir zu raten, mich +Zu warnen; denn es steht Erfahrung dir +Als lang' erprobte Freundin an der Seite. +Doch glaube nur, es horcht ein stilles Herz +Auf jedes Tages, jeder Stunde Warnung +Und übt sich ingeheim an jedem Guten, +Das deine Strenge neu zu lehren glaubt. + +Antonio. +Es ist wohl angenehm, sich mit sich selbst +Beschäft'gen, wenn es nur so nützlich wäre. +Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes +Erkennen; denn er misst nach eignem Maß +Sich bald zu klein und leider oft zu groß. +Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur +Das Leben lehret jedem, was er sei. + +Tasso. +Mit Beifall und Verehrung hör' ich dich. + +Antonio. +Und dennoch denkst du wohl bei diesen Worten +Ganz etwas anders, als ich sagen will. + +Tasso. +Auf diese Weise rücken wir nicht näher. +Es ist nicht klug, es ist nicht wohl getan, +Vorsätzlich einen Menschen zu verkennen, +Er sei auch, wer er sei. Der Fürstin Wort +Bedurft' es kaum, leicht hab' ich dich erkannt: +Ich weiß, dass du das Gute willst und schaffst. +Dein eigen Schicksal lässt dich unbesorgt, +An andre denkst du, Andern stehst du bei, +Und auf des Lebens leicht bewegter Woge +Bleibt dir ein stetes Herz. So seh' ich dich. +Und was wär' ich, ging' ich dir nicht entgegen? +Sucht' ich begierig nicht auch einen Teil +An dem verschlossnen Schatz, den du bewahrst? +Ich weiß, es reut dich nicht, wenn du dich öffnest, +Ich weiß, du bist mein Freund, wenn du mich kennst: +Und eines solchen Freunds bedurft' ich lange. +Ich schäme mich der Unerfahrenheit +Und meiner Jugend nicht. Still ruhet noch +Der Zukunft goldne Wolke mir ums Haupt. +O nimm mich, edler Mann, an deine Brust +Und weihe mich, den Raschen, Unerfahrnen, +Zum mäßigen Gebrauch des Lebens ein. + +Antonio. +In einem Augenblicke forderst du, +Was wohlbedächtig nur die Zeit gewährt. + +Tasso. +In einem Augenblick gewährt die Liebe, +Was Mühe kaum in langer Zeit erreicht. +Ich bitt' es nicht von dir, ich darf es fordern. +Dich ruf' ich in der Tugend Namen auf, +Die gute Menschen zu verbinden eifert. +Und soll ich dir noch einen Namen nennen? +Die Fürstin hofft's, Sie will's--Eleonore, +Sie will mich zu dir führen, dich zu mir. +O lass uns ihrem Wunsch entgegen gehn! +Lass uns verbunden vor die Göttin treten, +Ihr unsern Dienst, die ganze Seele bieten, +Vereint für sie das Würdigste zu tun. +Noch einmal!--Hier ist meine Hand! Schlag ein! +Tritt nicht zurück und weigre dich nicht länger, +O edler Mann, und gönne mir die Wollust, +Die schönste guter Menschen, sich dem Bessern +Vertrauend ohne Rückhalt hinzugeben! + +Antonio. +Du gehst mit vollen Segeln! Scheint es doch, +Du bist gewohnt zu siegen, überall +Die Wege breit, die Pforten weit zu finden. +Ich gönne jeden Wert und jedes Glück +Dir gern, allein ich sehe nur zu sehr, +Wir stehn zu weit noch voneinander ab. + +Tasso. +Es sei an Jahren, an geprüftem Wert; +An frohem Muth und Willen weich' ich keinem. + +Antonio. +Der Wille lockt die Taten nicht herbei; +Der Mut stellt sich die Wege kürzer vor. +Wer angelangt am Ziel ist, wird gekrönt, +Und oft entbehrt ein Würd'ger eine Krone. +Doch gibt es leichte Kränze, Kränze gibt es +Von sehr verschiedner Art: Sie lassen sich +Oft im Spazierengehn bequem erreichen. + +Tasso. +Was eine Gottheit diesem frei gewährt +Und jenem streng versagt, ein solches Gut +Erreicht nicht jeder, wie er will und mag. + +Antonio. +Schreib es dem Glück vor andern Göttern zu, +So hör' ich's gern; denn seine Wahl ist blind. + +Tasso. +Auch die Gerechtigkeit trägt eine Binde +Und schließt die Augen jedem Blendwerk zu. + +Antonio. +Das Glück erhebe billig der Beglückte! +Er dicht' ihm hundert Augen fürs Verdienst +Und kluge Wahl und strenge Sorgfalt an, +Nenn' es Minerva, nenn' es, wie er will, +Er halte gnädiges Geschenk für Lohn, +Zufälligen Putz für wohl verdienten Schmuck. + +Tasso. +Du brauchst nicht deutlicher zu sein. Es ist genug! +Ich blicke tief dir in das Herz und kenne +Für's ganze Leben dich. O kennte so +Dich meine Fürstin auch! Verschwende nicht +Die Pfeile deiner Augen, deiner Zunge! +Du richtest sie vergebens nach dem Kranze, +Dem unverwelklichen, auf meinem Haupt. +Sei erst so groß, mir ihn nicht zu beneiden! +Dann darfst du mir vielleicht ihn streitig machen. +Ich acht' ihn heilig und das höchste Gut: +Doch zeige mir den Mann, der das erreicht, +Wornach ich strebe, zeige mir den Helden, +Von dem mir die Geschichten nur erzählten; +Den Dichter stell' mir vor, der sich Homer, +Virgil sich vergleichen darf, ja, was +Noch mehr gesagt ist, zeige mir den Mann, +Der dreifach diesen Lohn verdiente, den +Die schöne Krone dreifach mehr als mich +Beschämte: Dann sollst du mich kniend sehn +Vor jener Gottheit, die mich so begabte; +Nicht eher stünd' ich auf, bis sie die Zierde +Von meinem Haupt auf seins hinüber drückte. + +Antonio. +Bis dahin bleibst du freilich ihrer wert. + +Tasso. +Man wäge mich, das will ich nicht vermeiden; +Allein Verachtung hab' ich nicht verdient. +Die Krone, der mein Fürst mich würdig achtete, +Die meiner Fürstin Hand für mich gewunden, +Soll keiner mir bezweifeln noch begrinsen! + +Antonio. +Es ziemt der hohe Ton, die rasche Glut +Nicht dir zu mir, noch dir an diesem Orte. + +Tasso. +Was du dir hier erlaubst, das ziemt auch mir. +Und ist die Wahrheit wohl von hier verbannt? +Ist im Palast der freie Geist gekerkert? +Hat hier ein edler Mensch nur Druck zu dulden? +Mich dünkt hier ist die Hoheit erst an ihrem Platz, +Der Seele Hoheit! Darf sie sich der Nähe +Der Großen dieser Erde nicht erfreun? +Sie darf's und soll's. Wir nahen uns dem Fürsten +Durch Adel nur, der uns von Vätern kam; +Warum nicht durchs Gemüt, das die Natur +Nicht jedem groß verlieh, wie sie nicht jedem +Die Reihe großer Ahnherrn geben konnte? +Nur Kleinheit sollte hier sich ängstlich fühlen, +Der Neid, der sich zu seiner Schande zeigt: +Wie keiner Spinne schmutziges Gewebe +An diesen Marmorwänden haften soll. + +Antonio. +Du zeigst mir selbst mein Recht dich zu verschmähn! +Der übereilte Knabe will des Manns +Vertraun und Freundschaft mit Gewalt ertrotzen? +Unsittlich, wie du bist, hältst du dich gut? + +Tasso. +Viel lieber, was ihr euch unsittlich nennt, +Als was ich mir unedel nennen müsste. + +Antonio. +Du bist noch jung genug, dass gute Zucht +Dich eines bessern Wegs belehren kann. + +Tasso. +Nicht jung genug, vor Götzen mich zu neigen, +Und, Trotz mit Trotz zu bänd'gen, alt genug. + +Antonio. +Wo Lippenspiel und Saitenspiel entscheiden, +Ziehst du als Held und Sieger wohl davon. + +Tasso. +Verwegen wär' es, meine Faust zu rühmen; +Denn sie hat nichts getan; doch ich vertrau' ihr. + +Antonio. +Du traust auf Schonung, die dich nur zu sehr +Im frechen Laufe deines Glücks verzog. + +Tasso. +Dass ich erwachsen bin, das fühl' ich nun. +Mit dir am wenigsten hätt' ich gewünscht +Das Wagespiel der Waffen zu versuchen: +Allein du schürest Glut auf Glut, es kocht +Das innre Mark, die schmerzliche Begier +Der Rache siedet schäumend in der Brust. +Bist du der Mann der du dich rühmst, so steh mir! + +Antonio. +Du weißt so wenig wer, als wo du bist. + +Tasso. +Kein Heiligtum heißt uns den Schimpf ertragen. +Du lästerst, du entweihest diesen Ort, +Nicht ich, der ich Vertraun, Verehrung, Liebe, +Das schönste Opfer, dir entgegen trug. +Dein Geist verunreint dieses Paradies +Und deine Worte diesen reinen Saal, +Nicht meines Herzens schwellendes Gefühl, +Das braust, den kleinsten Flecken nicht zu leiden. + +Antonio. +Welch hoher Geist in einer engen Brust! + +Tasso. +Hier ist noch Raum, dem Busen Luft zu machen. + +Antonio. +Es macht das Volk sich auch mit Worten Luft. + +Tasso. +Bist du ein Edelmann wie ich, so zeig' es. + +Antonio. +Ich bin es wohl, doch weiß ich, wo ich bin. + +Tasso. +Komm mit herab, wo unsre Waffen gelten. + +Antonio. +Wie du nicht fordern solltest, folg' ich nicht. + +Tasso. +Der Feigheit ist solch Hindernis willkommen. + +Antonio. +Der Feige droht nur, wo er sicher ist. + +Tasso. +Mit Freuden kann ich diesem Schutz entsagen. + +Antonio. +Vergib dir nur, dem Ort vergibst du nichts. + +Tasso. +Verzeihe mir der Ort dass ich es litt. + +(Er zieht den Degen.) + +Zieh oder folge, wenn ich nicht auf ewig, +Wie ich dich hasse, dich verachten soll. + + + +Vierter Auftritt +Alphons. Die Vorigen. + +Alphons. +In welchem Streit treff' ich euch unerwartet? + +Antonio. +Du findest mich, o Fürst, gelassen stehn +Vor einem, den die Wut ergriffen hat. + +Tasso. +Ich bete dich als eine Gottheit an, +Dass du mit Einem Blick mich warnend bändigst. + +Alphons. +Erzähl', Antonio, Tasso, sag' mir an, +Wie hat der Zwist sich in mein Haus gedrungen? +Wie hat er euch ergriffen, von der Bahn +Der Sitten, der Gesetze kluge Männer +Im Taumel weggerissen? Ich erstaune. + +Tasso. +Du kennst uns beide nicht, ich glaub' es wohl. +Hier dieser Mann, berühmt als klug und sittlich, +Hat roh und hämisch, wie ein unerzogner, +Unedler Mensch, sich gegen mich betragen. +Zutraulich naht' ich ihm, er stieß mich weg; +Beharrlich liebend drang ich mich zu ihm, +Und bitter, immer bittrer, ruht' er nicht, +Bis er den reinsten Tropfen Bluts in mir +Zu Galle wandelte. Verzeih! Du hast mich hier +Als einen Wütenden getroffen. Dieser +Hat alle Schuld, wenn ich mich schuldig machte. +Er hat die Glut gewaltsam angefacht, +Die mich ergriff und mich und ihn verletzte. + +Antonio. +Ihn riss der hohe Dichterschwung hinweg! +Du hast, o Fürst, zuerst mich angeredet, +Hast mich gefragt: Es sei mir nun erlaubt, +Nach diesem raschen Redner auch zu sprechen. + +Tasso. +O ja, erzähl', erzähl' von Wort zu Wort! +Und kannst du jede Silbe, jede Miene +Vor diesen Richter stellen, wag' es nur! +Beleidige dich selbst zum zweiten Male +Und zeuge wider dich! Dagegen will +Ich keinen Hauch und keinen Pulsschlag leugnen. + +Antonio. +Wenn du noch mehr zu reden hast, so sprich; +Wo nicht, so schweig und unterbrich mich nicht. +Ob ich, mein Fürst, ob dieser heiße Kopf +Den Streit zuerst begonnen? Wer es sei, +Der unrecht hat? Ist eine weite Frage, +Die wohl zuvörderst noch auf sich beruht. + +Tasso. +Wie das? Mich dünkt, das ist die erste Frage: +Wer von uns beiden Recht und Unrecht hat. + +Antonio. +Nicht ganz, wie sich's der unbegränzte Sinn +Gedenken mag. + +Alphons. + Antonio! + +Antonio. + Gnädigster, +Ich ehre deinen Wink, doch lass ihn schweigen! +Hab' ich gesprochen, mag er weiter reden; +Du wirst entscheiden. Also sag' ich nur: +Ich kann mit ihm nicht rechten, kann ihn weder +Verklagen, noch mich selbst verteid'gen, noch +Ihm jetzt genug zu tun mich anerbieten. +Denn, wie er steht, ist er kein freier Mann. +Es waltet über ihm ein schwer Gesetz, +Das deine Gnade höchstens lindern wird. +Er hat mir hier gedroht, hat mich gefodert; +Vor dir verbarg er kaum das nackte Schwert. +Und tratst du, Herr, nicht zwischen uns herein, +So stünde jetzt auch ich als pflichtvergessen, +Mitschuldig und beschämt vor deinem Blick. + +Alphons (zu Tasso). +Du hast nicht wohl getan. + +Tasso. + Mich spricht, o Herr, +Mein eigen Herz, gewiss auch deines frei. +Ja, es ist wahr, ich drohte, forderte, +Ich zog. Allein, wie tückisch seine Zunge +Mit wohl gewählten Worten mich verletzt, +Wie scharf und schnell sein Zahn das feine Gift +Mir in das Blut geflößt, wie er das Fieber +Nur mehr und mehr erhitzt--du denkst es nicht! +Gelassen, kalt, hat er mich ausgehalten, +Aufs Höchste mich getrieben. O! Du kennst, +Du kennst ihn nicht und wirst ihn niemals kennen! +Ich trug ihm warm die schönste Freundschaft an-- +Er warf mir meine Gaben vor die Füße; +Und hätte meine Seele nicht geglüht, +So war sie deiner Gnade, deines Dienstes +Auf ewig unwert. Hab' ich des Gesetzes +Und dieses Orts vergessen, so verzeih. +Auf keinem Boden darf ich niedrig sein, +Erniedrigung auf keinem Boden dulden. +Wenn dieses Herz, es sei auch, wo es will, +Dir fehlt und sich, dann strafe, dann verstoße, +Und lass mich nie dein Auge wieder sehn. + +Antonio. +Wie leicht der Jüngling schwere Lasten trägt +Und Fehler wie den Staub vom Kleide schüttelt! +Es wäre zu verwundern, wenn die Zauberkraft +Der Dichtung nicht bekannter wäre, die +Mit dem Unmöglichen so gern ihr Spiel +Zu treiben liebt. Ob du auch so, mein Fürst, +Ob alle deine Diener diese Tat +So unbedeutend halten, zweifl' ich fast. +Die Majestät verbreitet ihren Schutz +Auf jeden, der sich ihr wie einer Gottheit +Und ihrer unverletzten Wohnung naht. +Wie an dem Fuße des Altars bezähmt +Sich auf der Schwelle jede Leidenschaft. +Da blinkt kein Schwert, da fällt kein drohend Wort, +Da fordert selbst Beleid'gung keine Rache. +Es bleibt das weite Feld ein offner Raum +Für Grimm und Unversöhnlichkeit genug: +Dort wird kein Feiger drohn, kein Mann wird fliehn. +Hier diese Mauern haben deine Väter +Auf Sicherheit gegründet, ihrer Würde +Ein Heiligtum befestigt, diese Ruhe +Mit schweren Strafen ernst und klug erhalten; +Verbannung, Kerker, Tod ergriff den Schuldigen. +Da war kein Ansehn der Person, es hielt +Die Milde nicht den Arm des Rechts zurück, +Und selbst der Frevler fühlte sich geschreckt. +Nun sehen wir nach langem, schönem Frieden +In das Gebiet der Sitten rohe Wut +Im Taumel wiederkehren. Herr, entscheide, +Bestrafe! Denn wer kann in seiner Pflicht +Beschränkten Grenzen wandeln, schützet ihn +Nicht das Gesetz und seines Fürsten Kraft? + +Alphons. +Mehr, als ihr beide sagt und sagen könnt, +Lässt unparteiisch das Gemüt mich hören. +Ihr hättet schöner eure Pflicht getan, +Wenn ich dies Urteil nicht zu sprechen hätte; +Denn hier sind Recht und Unrecht nah verwandt. +Wenn dich Antonio beleidigt hat, +So hat er dir auf irgendeine Weise +Genug zu tun, wie du es fordern wirst. +Mir wär' es lieb, ihr wähltet mich zum Austrag. +Indessen, dein Vergehen macht, o Tasso, +Dich zum Gefangnen. Wie ich dir vergebe, +So lindr' ich das Gesetz um deinetwillen. +Verlass uns, Tasso! Bleib auf deinem Zimmer, +Von dir und mit dir selbst allein bewacht. + +Tasso. +Ist dies, o Fürst, dein richterlicher Spruch? + +Antonio. +Erkennest du des Vaters Milde nicht? + +Tasso (zu Antonio). +Mit dir hab' ich vorerst nichts mehr zu reden. +(Zu Alphons.) O Fürst, es übergibt dein ernstes Wort +Mich Freien der Gefangenschaft. Es sei! +Du hältst es recht. Dein heilig Wort verehrend, +Heiß' ich mein innres Herz im tiefsten schweigen. +Es ist mir neu, so neu, dass ich fast dich +Und mich und diesen schönen Ort nicht kenne. +Doch diesen kenn' ich wohl--Gehorchen will ich, +Ob ich gleich hier noch manches sagen könnte +Und sagen sollte. Mir verstummt die Lippe. +War's ein Verbrechen? Wenigstens es scheint, +Ich bin als ein Verbrecher angesehn. +Und, was mein Herz auch sagt, ich bin gefangen. + +Alphons. +Du nimmst es höher, Tasso, als ich selbst. + +Tasso. +Mir bleibt es unbegreiflich wie es ist; +Zwar unbegreiflich nicht, ich bin kein Kind; +Ich meine fast, ich müsst' es denken können. +Auf einmal winkt mich eine Klarheit an, +Doch augenblicklich schließt sich's wieder zu, +Ich höre nur mein Urteil, beuge mich. +Das sind zuviel vergebne Worte schon. +Gewöhne dich von nun an zu gehorchen, +Ohnmächt'ger! Du vergaßest wo du standst: +Der Götter Saal schien dir auf gleicher Erde, +Nun überwältigt dich der jähe Fall. +Gehorche gern; denn es geziemt dem Manne, +Auch willig das Beschwerliche zu tun. +Hier nimm den Degen erst, den du mir gabst, +Als ich dem Kardinal nach Frankreich folgte; +Ich führt' ihn nicht mit Ruhm, doch nicht mit Schande, +Auch heute nicht. Der hoffnungsvollen Gabe +Entäußr' ich mich mit tief gerührtem Herzen. + +Alphons. +Wie ich zu dir gesinnt bin fühlst du nicht. + +Tasso. +Gehorchen ist mein Los, und nicht, zu denken! +Und leider eines herrlichern Geschenks +Verleugnung fordert das Geschick von mir. +Die Krone kleidet den Gefangnen nicht: +Ich nehme selbst von meinem Haupt die Zierde, +Die für die Ewigkeit gegönnt mir schien. +Zu früh war mir das schönste Glück verliehen +Und wird, als hätt' ich sein mich überhoben, +Mir nur zu bald geraubt. +Du nimmst dir selbst, was keiner nehmen konnte, +Und was kein Gott zum zweiten Male gibt. +Wir Menschen werden wunderbar geprüft; +Wir könnten's nicht ertragen, hätt' uns nicht +Den holden Leichtsinn die Natur verliehn. +Mit unschätzbaren Gütern lehret uns +Verschwenderisch die Not gelassen spielen: +Wir öffnen willig unsre Hände, dass +Unwiederbringlich uns ein Gut entschlüpfe. +Mit diesem Kuss vereint sich eine Träne +Und weiht dich der Vergänglichkeit! Es ist +Erlaubt das holde Zeichen unsrer Schwäche. +Wer weinte nicht, wenn das Unsterbliche +Vor der Zerstörung selbst nicht sicher ist? +Geselle dich zu diesem Degen, der +Dich leider nicht erwarb! Um ihn geschlungen, +Ruhe, wie auf dem Sarg der Tapfern, auf +Dem Grabe meines Glücks und meiner Hoffnung! +Hier leg' ich beide willig dir zu Füßen; +Denn wer ist wohl gewaffnet, wenn du zürnst? +Und wer geschmückt, o Herr, den du verkennst? +Gefangen geh' ich, warte des Gerichts. + +(Auf des Fürsten Wink, hebt ein Page den Degen mit dem Kranze auf +und trägt ihn weg.) + + + +Fünfter Auftritt +Alphons. Antonio. + +Antonio. +Wo schwärmt der Knabe hin? Mit welchen Farben +Mahlt er sich seinen Wert und sein Geschick? +Beschränkt und unerfahren, hält die Jugend +Sich für ein einzig auserwähltes Wesen +Und alles über alle sich erlaubt. +Er fühle sich gestraft, und strafen heißt +Dem Jüngling wohl tun, dass der Mann uns danke. + +Alphons. +Er ist gestraft, ich fürchte: Nur zu viel. + +Antonio. +Wenn du gelind mit ihm verfahren magst, +So gib, o Fürst, ihm seine Freiheit wieder, +Und unsern Zwist entscheide dann das Schwert. + +Alphons. +Wenn es die Meinung fordert, mag es sein. +Doch sprich, wie hast du seinen Zorn gereizt? + +Antonio. +Ich wüsste kaum zu sagen, wie's geschah. +Als Menschen hab' ich ihn vielleicht gekränkt, +Als Edelmann hab' ich ihn nicht beleidigt. +Und seinen Lippen ist im größten Zorne +Kein sittenloses Wort entflohn. + +Alphons. + So schien +Mir euer Streit, und was ich gleich gedacht, +Bekräftigt deine Rede mir noch mehr. +Wenn Männer sich entzweien, hält man billig +Den Klügsten für den Schuldigen. Du solltest +Mit ihm nicht zürnen; ihn zu leiten stünde +Dir besser an. Noch immer ist es Zeit: +Hier ist kein Fall, der euch zu streiten zwänge. +Solang mir Friede bleibt, so lange wünsch' ich +In meinem Haus ihn zu genießen. Stelle +Die Ruhe wieder her--du kannst es leicht. +Lenore Sanvitale mag ihn erst +Mit zarter Lippe zu besänft'gen suchen: +Dann tritt zu ihm, gib ihm in meinem Namen +Die volle Freiheit wieder, und gewinne +Mit edeln, wahren Worten sein Vertraun. +Verrichte das, sobald du immer kannst; +Du wirst als Freund und Vater mit ihm sprechen. +Noch eh' wir scheiden, will ich Friede wissen, +Und dir ist nichts unmöglich, wenn du willst. +Wir bleiben lieber eine Stunde länger +Und lassen dann die Frauen sanft vollenden, +Was du begannst; und kehren wir zurück, +So haben sie von diesem raschen Eindruck +Die letzte Spur vertilgt. Es scheint, Antonio, +Du willst nicht aus der Übung kommen! Du +Hast ein Geschäft kaum erst vollendet, nun +Kehrst du zurück und schaffst dir gleich ein neues. +Ich hoffe, dass auch dieses dir gelingt. + +Antonio. +Ich bin beschämt und seh' in deinen Worten, +Wie in dem klarsten Spiegel, meine Schuld! +Gar leicht gehorcht man einem edlen Herrn, +Der überzeugt, indem er uns gebietet. + + + + +Dritter Aufzug + + + +Erster Auftritt +Prinzessin (allein). + +Wo bleibt Eleonore? Schmerzlicher +Bewegt mir jeden Augenblick die Sorge +Das tiefste Herz. Kaum weiß ich was geschah, +Kaum weiß ich, wer von beiden schuldig ist. +O dass sie käme! Möcht' ich doch nicht gern +Den Bruder nicht, Antonio nicht sprechen, +Eh' ich gefasster bin, eh' ich vernommen, +Wie alles steht, und was es werden kann. + + + +Zweiter Auftritt +Prinzessin. Leonore. + +Prinzessin. +Was bringst du, Leonore? Sag' mir an, +Wie steht's um unsre Freunde? Was geschah? + +Leonore. +Mehr, als wir wissen, hab' ich nicht erfahren. +Sie trafen hart zusammen, Tasso zog, +Dein Bruder trennte sie. Allein es scheint, +Als habe Tasso diesen Streit begonnen: +Antonio geht frei umher und spricht +Mit seinem Fürsten: Tasso bleibt dagegen +Verbannt in seinem Zimmer und allein. + +Prinzessin. +Gewiss hat ihn Antonio gereizt, +Den hoch Gestimmten kalt und fremd beleidigt. + +Leonore. +Ich glaub' es selbst. Denn eine Wolke stand, +Schon als er zu uns trat, um seine Stirn. + +Prinzessin. +Ach dass wir doch, dem reinen stillen Wink +Des Herzens nach zu gehen, so sehr verlernen! +Ganz leise spricht ein Gott in unsrer Brust, +Ganz leise, ganz vernehmlich, zeigt uns an, +Was zu ergreifen ist und was zu fliehn. +Antonio erschien mir heute früh +Viel schroffer noch als je, in sich gezogner. +Es warnte mich mein Geist, als neben ihn +Sich Tasso stellte. Sieh das Äußre nur +Von beiden an, das Angesicht, den Ton, +Den Blick, den Tritt! Es widerstrebt sich alles; +Sie können ewig keine Liebe wechseln. +Doch überredete die Hoffnung mich, +Die Gleisnerinn: Sie sind vernünftig beide, +Sind edel, unterrichtet, deine Freunde; +Und welch ein Band ist sichrer als der Guten? +Ich trieb den Jüngling an; er gab sich ganz; +Wie schön, wie warm ergab er ganz sich mir! +O hätt' ich gleich Antonio gesprochen! +Ich zauderte; es war nur kurze Zeit; +Ich scheute mich, gleich mit den ersten Worten +Und dringend ihm den Jüngling zu empfehlen; +Verließ auf Sitte mich und Höflichkeit, +Auf den Gebrauch der Welt, der sich so glatt +Selbst zwischen Feinde legt; befürchtete +Von dem geprüften Manne diese Jähe +Der raschen Jugend nicht. Es ist geschehn. +Das Übel stand mir fern, nun ist es da. +O gib mir einen Rat! Was ist zu tun? + +Leonore. +Wie schwer zu raten sei, das fühlst du selbst +Nach dem, was du gesagt. Es ist nicht hier +Ein Missverständnis zwischen gleich Gestimmten; +Das stellen Worte, ja im Notfall stellen +Es Waffen leicht und glücklich wieder her. +Zwei Männer sind's, ich hab' es lang gefühlt, +Die darum Feinde sind, weil die Natur +Nicht einen Mann aus ihnen beiden formte. +Und wären sie zu ihrem Vorteil klug, +So würden sie als Freunde sich verbinden: +Dann stünden sie für einen Mann und gingen +Mit Macht und Glück und Lust durchs Leben hin. +So hofft' ich selbst; nun seh' ich wohl: Umsonst. +Der Zwist von heute, sei er, wie er sei, +Ist beizulegen; doch das sichert uns +Nicht für die Zukunft, für den Morgen nicht. +Es wär' am besten, dächt' ich, Tasso reiste +Auf eine Zeit von hier; er könnte ja +Nach Rom, auch nach Florenz sich wenden; dort +Träf' ich in wenig Wochen ihn und könnte +Auf sein Gemüt als eine Freundin wirken. +Du würdest hier indessen den Antonio, +Der uns so fremd geworden, dir aufs neue +Und deinen Freunden näher bringen: So +Gewährte das, was itzt unmöglich scheint, +Die gute Zeit vielleicht, die vieles gibt. + +Prinzessin. +Du willst dich in Genuss, o Freundin, setzen, +Ich soll entbehren; heißt das billig sein? + +Leonore. +Entbehren wirst du nichts, als was du doch +In diesem Falle nicht genießen könntest. + +Prinzessin. +So ruhig soll ich einen Freund verbannen? + +Leonore. +Erhalten, den du nur zum Schein verbannst. + +Prinzessin. +Mein Bruder wird ihn nicht mit Willen lassen. + +Leonore. +Wenn er es sieht wie wir, so gibt er nach. + +Prinzessin. +Es ist so schwer, im Freunde sich verdammen. + +Leonore. +Und dennoch rettest du den Freund in dir. + +Prinzessin. +Ich gebe nicht mein Ja, dass es geschehe. + +Leonore. +So warte noch ein größres Übel ab. + +Prinzessin. +Du peinigst mich und weißt nicht, ob du nützest. + +Leonore. +Wir werden bald entdecken, wer sich irrt. + +Prinzessin. +Und soll es sein, so frage mich nicht länger. + +Leonore. +Wer sich entschließen kann, besiegt den Schmerz. + +Prinzessin. +Entschlossen bin ich nicht, allein es sei, +Wenn er sich nicht auf lange Zeit entfernt-- +Und lass uns für ihn sorgen, Leonore, +Dass er nicht etwa künftig Mangel leide, +Dass ihm der Herzog seinen Unterhalt +Auch in der Ferne willig reichen lasse. +Sprich mit Antonio; denn er vermag +Bei meinem Bruder viel, und wird den Streit +Nicht unserm Freund und uns gedenken wollen. + +Leonore. +Ein Wort von dir, Prinzessin, gälte mehr. + +Prinzessin. +Ich kann, du weißt es, meine Freundin, nicht +Wie's meine Schwester von Urbino kann, +Für mich und für die Meinen was erbitten. +Ich lebe gern so stille vor mich hin, +Und nehme von dem Bruder dankbar an, +Was er mir immer geben kann und will. +Ich habe sonst darüber manchen Vorwurf +Mir selbst gemacht; nun hab' ich überwunden. +Es schalt mich eine Freundin oft darum: +Du bist uneigennützig, sagte sie, +Das ist recht schön; allein so sehr bist du's, +Dass du auch das Bedürfnis deiner Freunde +Nicht recht empfinden kannst. Ich lass' es gehn +Und muss denn eben diesen Vorwurf tragen. +Um desto mehr erfreut es mich, dass ich +Nun in der Tat dem Freunde nützen kann; +Es fällt mir meiner Mutter Erbschaft zu, +Und gerne will ich für ihn sorgen helfen. + +Leonore. +Und ich, o Fürstin, finde mich im Falle, +Dass ich als Freundin auch mich zeigen kann. +Er ist kein guter Wirth; wo es ihm fehlt, +Werd' ich ihm schon geschickt zu helfen wissen. + +Prinzessin. +So nimm ihn weg, und, soll ich ihn entbehren, +Vor allen andern sei er dir gegönnt! +Ich seh' es wohl, so wird es besser sein. +Muss ich denn wieder diesen Schmerz als gut +Und heilsam preisen? Das war mein Geschick +Von Jugend auf; ich bin nun dran gewöhnt. +Nur halb ist der Verlust des schönsten Glücks, +Wenn wir auf den Besitz nicht sicher zählten. + +Leonore. +Ich hoffe dich, so schön du es verdienst, +Glücklich zu sehn! + +Prinzessin. + Eleonore! Glücklich? +Wer ist denn glücklich?--Meinen Bruder zwar +Möcht' ich so nennen; denn sein großes Herz +Trägt sein Geschick mit immer gleichem Mut; +Allein, was er verdient, das ward ihm nie. +Ist meine Schwester von Urbino glücklich? +Das schöne Weib, das edle große Herz! +Sie bringt dem jüngern Manne keine Kinder; +Er achtet sie und lässt sie's nicht entgelten, +Doch keine Freude wohnt in ihrem Haus. +Was half denn unsrer Mutter ihre Klugheit? +Die Kenntnis jeder Art, ihr großer Sinn? +Konnt' er sie vor dem fremden Irrtum schützen? +Man nahm uns von ihr weg: Nun ist sie tot. +Sie ließ uns Kindern nicht den Trost, dass sie +Mit ihrem Gott versöhnt gestorben sei. + +Leonore. +O blicke nicht nach dem, was jedem fehlt; +Betrachte, was noch einem jeden bleibt! +Was bleibt nicht dir, Prinzessin? + +Prinzessin. + Was mir bleibt? +Geduld, Eleonore! Üben konnt' ich die +Von Jugend auf. Wenn Freunde, wenn Geschwister +Bei Fest und Spiel gesellig sich erfreuten, +Hielt Krankheit mich auf meinem Zimmer fest, +Und in Gesellschaft mancher Leiden musst' +Ich früh entbehren lernen. Eines war, +Was in der Einsamkeit mich schön ergötzte, +Die Freude des Gesangs; ich unterhielt +Mich mit mir selbst, ich wiegte Schmerz und Sehnsucht +Und jeden Wunsch mit leisen Tönen ein. +Da wurde Leiden oft Genuss, und selbst +Das traurige Gefühl zur Harmonie. +Nicht lang' war mir dies Glück gegönnt, auch dieses +Nahm mir der Arzt hinweg: Sein streng Gebot +Hieß mich verstummen; leben sollt' ich, leiden, +Den einz'gen kleinen Trost sollt' ich entbehren. + +Leonore. +So viele Freunde fanden sich zu dir, +Und nun bist du gesund, bist lebensfroh. + +Prinzessin. +Ich bin gesund, das heißt: Ich bin nicht krank; +Und manche Freunde hab' ich, deren Treue +Mich glücklich macht. Auch hatt' ich einen Freund-- + +Leonore. +Du hast ihn noch. + +Prinzessin. +Und werd' ihn bald verlieren. +Der Augenblick, da ich zuerst ihn sah, +War viel bedeutend. Kaum erholt' ich mich +Von manchen Leiden; Schmerz und Krankheit waren +Kaum erst gewichen; still bescheiden blickt' ich +Ins Leben wieder, freute mich des Tags +Und der Geschwister wieder, sog beherzt +Der süßen Hoffnung reinsten Balsam ein. +Ich wagt' es vorwärts in das Leben weiter +Hinein zu sehn, und freundliche Gestalten +Begegneten mir aus der Ferne. Da, +Eleonore, stellte mir den Jüngling +Die Schwester vor; er kam an ihrer Hand, +Und, dass ich dir's gestehe, da ergriff +Ihn mein Gemüt und wird ihn ewig halten. + +Leonore. +O meine Fürstin, lass dich's nicht gereuen! +Das Edle zu erkennen, ist Gewinst, +Der nimmer uns entrissen werden kann. + +Prinzessin. +Zu fürchten ist das Schöne das Fürtreffliche, +Wie eine Flamme, die so herrlich nützt, +Solange sie auf deinem Herde brennt, +Solang sie dir von einer Fackel leuchtet, +Wie hold! Wer mag, wer kann sie da entbehren? +Und frisst sie ungehütet um sich her, +Wie elend kann sie machen! Lass mich nun. +Ich bin geschwätzig, und verbärge besser +Auch selbst vor dir, wie schwach ich bin und krank. + +Leonore. +Die Krankheit des Gemütes löset sich +In Klagen und Vertraun am leichtsten auf. + +Prinzessin. +Wenn das Vertrauen heilt, so heil' ich bald; +Ich hab' es rein und hab' es ganz zu dir. +Ach, meine Freundin! Zwar ich bin entschlossen: +Er scheide nur! Allein ich fühle schon +Den langen ausgedehnten Schmerz der Tage, wenn +Ich nun entbehren soll, was mich erfreute. +Die Sonne hebt von meinen Augenliedern +Nicht mehr sein schön verklärtes Traumbild auf, +Die Hoffnung ihn zu sehen füllt nicht mehr +Den kaum erwachten Geist mit froher Sehnsucht; +Mein erster Blick hinab in unsre Gärten +Sucht ihn vergebens in dem Tau der Schatten. +Wie schön befriedigt fühlte sich der Wunsch, +Mit ihm zu sein an jedem heitern Abend! +Wie mehrte sich im Umgang das Verlangen +Sich mehr zu kennen, mehr sich zu verstehn! +Und täglich stimmte das Gemüt sich schöner +Zu immer reinern Harmonien auf. +Welch eine Dämmrung fällt nun vor mir ein! +Der Sonne Pracht, das fröhliche Gefühl +Des hohen Tags, der tausendfachen Welt +Glanzreiche Gegenwart, ist öd' und tief +Im Nebel eingehüllt, der mich umgibt. +Sonst war mir jeder Tag ein ganzes Leben; +Die Sorge schwieg, die Ahndung selbst verstummte, +Und, glücklich eingeschifft, trug uns der Strom +Auf leichten Wellen ohne Ruder hin: +Nun überfällt in trüber Gegenwart +Der Zukunft Schrecken heimlich meine Brust. + +Leonore. +Die Zukunft gibt dir deine Freunde wieder +Und bringt dir neue Freude, neues Glück. + +Prinzessin. +Was ich besitze, mag ich gern bewahren: +Der Wechsel unterhält, doch nutzt er kaum. +Mit jugendlicher Sehnsucht griff ich nie +Begierig in den Lostopf fremder Welt, +Für mein bedürfend unerfahren Herz +Zufällig einen Gegenstand zu haschen. +Ihn musst' ich ehren, darum liebt' ich ihn; +Ich musst' ihn lieben, weil mit ihm mein Leben +Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt. +Erst sagt' ich mir: Entferne dich von ihm! +Ich wich und wich und kam nur immer näher, +So lieblich angelockt, so hart bestraft! +Ein reines, wahres Gut verschwindet mir, +Und meiner Sehnsucht schiebt ein böser Geist +Statt Freud' und Glück verwandte Schmerzen unter. + +Leonore. +Wenn einer Freundin Wort nicht trösten kann, +So wird die stille Kraft der schönen Welt, +Der guten Zeit dich unvermerkt erquicken. + +Prinzessin. +Wohl ist sie schön die Welt! In ihrer Weite +Bewegt sich so viel Gutes hin und her. +Ach, dass es immer nur um einen Schritt +Von uns sich zu entfernen scheint +Und unsre bange Sehnsucht durch das Leben +Auch Schritt vor Schritt bis nach dem Grabe lockt! +So selten ist es, dass die Menschen finden, +Was ihnen doch bestimmt gewesen schien, +So selten, dass sie das erhalten, was +Auch einmal die beglückte Hand ergriff! +Es reißt sich los, was erst sich uns ergab, +Wir lassen los, was wir begierig fassten. +Es gibt ein Glück, allein wir kennen's nicht: +Wir kennen's wohl und wissen's nicht zu schätzen. + + + +Dritter Auftritt +Leonore (allein). + +Wie jammert mich das edle, schöne Herz! +Welch traurig Los, das ihrer Hoheit fällt! +Ach sie verliert--und denkst du, zu gewinnen? +Ist's denn so nötig, dass er sich entfernt? +Machst du es nötig, um allein für dich +Das Herz und die Talente zu besitzen, +Die du bisher mit einer andern teilst +Und ungleich teilst? Ist's redlich, so zu handeln? +Bist du nicht reich genug? Was fehlt dir noch? +Gemahl und Sohn und Güter, Rang und Schönheit, +Das hast du alles, und du willst noch ihn +Zu diesem allen haben? Liebst du ihn? +Was ist es sonst, warum du ihn nicht mehr +Entbehren magst? Du darfst es dir gestehn.-- +Wie reizend ist's, in seinem schönen Geiste +Sich selber zu bespiegeln! Wird ein Glück +Nicht doppelt groß und herrlich, wenn sein Lied +Uns wie auf Himmelswolken trägt und hebt? +Dann bist du erst beneidenswert! Du bist, +Du hast das nicht allein, was viele wünschen; +Es weiß, es kennt auch jeder, was du hast! +Dich nennt dein Vaterland und sieht auf dich, +Das ist der höchste Gipfel jedes Glücks. +Ist Laura denn allein der Name, der +Von allen zarten Lippen klingen soll? +Und hatte nur Petrarch allein das Recht, +Die unbekannte Schöne zu vergöttern? +Wo ist ein Mann, der meinem Freunde sich +Vergleichen darf? Wie ihn die Welt verehrt, +So wird die Nachwelt ihn verehrend nennen. +Wie herrlich ist's, im Glanze dieses Lebens +Ihn an der Seite haben! So mit ihm +Der Zukunft sich mit leichtem Schritte nahn! +Alsdann vermag die Zeit, das Alter nichts +Auf dich und nichts der freche Ruf, +Der hin und her des Beifalls Woge treibt: +Das, was vergänglich ist, bewahrt sein Lied. +Du bist noch schön, noch glücklich, wenn schon lange +Der Kreis der Dinge dich mit fortgerissen. +Du musst ihn haben, und ihr nimmst du nichts: +Denn ihre Neigung zu dem werten Manne +Ist ihren andern Leidenschaften gleich. +Sie leuchten, wie der stille Schein des Monds +Dem Wandrer spärlich auf dem Pfad zu Nacht, +Sie wärmen nicht, und gießen keine Lust +Noch Lebensfreud' umher. Sie wird sich freuen, +Wenn sie ihn fern, wenn sie ihn glücklich weiß, +Wie sie genoss, wenn sie ihn täglich sah. +Und dann, ich will mit meinem Freunde nicht +Von ihr und diesem Hofe mich verbannen: +Ich komme wieder, und ich bring' ihn wieder. +So soll es sein!--Hier kommt der raue Freund: +Wir wollen sehn, ob wir ihn zähmen können. + + + +Vierter Auftritt +Leonore. Antonio. + +Leonore. +Du bringst uns Krieg statt Frieden: Scheint es doch, +Du kommst aus einem Lager, einer Schlacht, +Wo die Gewalt regiert, die Faust entscheidet, +Und nicht von Rom, wo feierliche Klugheit +Die Hände segnend hebt und eine Welt +Zu ihren Füßen sieht, die gern gehorcht. + +Antonio. +Ich muss den Tadel, schöne Freundin, dulden, +Doch die Entschuld'gung liegt nicht weit davon. +Es ist gefährlich, wenn man allzu lang +Sich klug und mäßig zeigen muss. Es lauert +Der böse Genius dir an der Seite +Und will gewaltsam auch von Zeit zu Zeit +Ein Opfer haben. Leider hab' ich's diesmal +Auf meiner Freunde Kosten ihm gebracht. + +Leonore. +Du hast um fremde Menschen dich so lang +Bemüht und dich nach ihrem Sinn gerichtet: +Nun, da du deine Freunde wieder siehst, +Verkennst du sie, und rechtest wie mit Fremden. + +Antonio. +Da liegt, geliebte Freundin, die Gefahr! +Mit fremden Menschen nimmt man sich zusammen, +Da merkt man auf, da sucht man seinen Zweck +In ihrer Gunst, damit sie nutzen sollen; +Allein bei Freunden lässt man frei sich gehen: +Man ruht in ihrer Liebe, man erlaubt +Sich eine Laune, ungezähmter wirkt +Die Leidenschaft, und so verletzen wir +Am ersten die, die wir am zärt'sten lieben. + +Leonore. +In dieser ruhigen Betrachtung find' ich dich +Schon ganz, mein teurer Freund, mit Freuden wieder. + +Antonio. +Ja, mich verdrießt--und ich bekenn' es gern-- +Dass ich mich heut so ohne Maß verlor. +Allein gestehe, wenn ein wackrer Mann +Mit heißer Stirn von saurer Arbeit kommt +Und spät am Abend in ersehnten Schatten +Zu neuer Mühe auszuruhen denkt +Und findet dann von einem Müßiggänger +Den Schatten breit besessen, soll er nicht +Auch etwas Menschlichs in dem Busen fühlen? + +Leonore. +Wenn er recht menschlich ist, so wird er auch +Den Schatten gern mit einem Manne teilen, +Der ihm die Ruhe süß, die Arbeit leicht +Durch ein Gespräch, durch holde Töne macht. +Der Baum ist breit, mein Freund, der Schatten gibt, +Und keiner braucht den andern zu verdrängen. + +Antonio. +Wir wollen uns, Eleonore, nicht +Mit einem Gleichnis hin und wider spielen. +Gar viele Dinge sind in dieser Welt, +Die man dem andern gönnt und gerne teilt; +Jedoch es ist ein Schatz, den man allein +Dem Hochverdienten gerne gönnen mag, +Ein andrer, den man mit dem Höchstverdienten +Mit gutem Willen niemals teilen wird-- +Und fragst du mich nach diesen beiden Schätzen: +Der Lorbeer ist es und die Gunst der Frauen. + +Leonore. +Hat jener Kranz um unsers Jünglings Haupt +Den ernsten Mann beleidigt? Hättest du +Für seine Mühe, seine schöne Dichtung +Bescheidnern Lohn doch selbst nicht finden können. +Denn ein Verdienst, das außerirdisch ist, +Das in den Lüften schwebt, in Tönen nur, +In leichten Bildern unsern Geist umgaukelt,-- +Es wird denn auch mit einem schönen Bilde, +Mit einem holden Zeichen nur belohnt; +Und wenn er selbst die Erde kaum berührt, +Berührt der höchste Lohn ihm kaum das Haupt. +Ein unfruchtbarer Zweig ist das Geschenk, +Das der Verehrer unfruchtbare Neigung +Ihm gerne bringt, damit sie einer Schuld +Aufs leichtste sich entlade. Du missgönnst +Dem Bild des Märtyrers den goldnen Schein +Ums kahle Haupt wohl schwerlich; und gewiss, +Der Lorbeerkranz ist, wo er dir erscheint, +Ein Zeichen mehr des Leidens als des Glücks. + +Antonio. +Will etwa mich dein liebenswürd'ger Mund +Die Eitelkeit der Welt verachten lehren? + +Leonore. +Ein jedes Gut nach seinem Wert zu schätzen, +Brauch' ich dich nicht zu lehren. Aber doch, +Es scheint, von Zeit zu Zeit bedarf der Weise +So sehr wie andre, dass man ihm die Güter, +Die er besitzt, im rechten Lichte zeige. +Du, edler Mann, du wirst an ein Phantom +Von Gunst und Ehre keinen Anspruch machen. +Der Dienst, mit dem du deinem Fürsten dich, +Mit dem du deine Freunde dir verbindest, +Ist wirkend, ist lebendig, und so muss +Der Lohn auch wirklich und lebendig sein. +Dein Lorbeer ist das fürstliche Vertraun, +Das auf den Schultern dir, als liebe Last, +Gehäuft und leicht getragen ruht; es ist +Dein Ruhm das allgemeine Zutraun. + +Antonio. +Und von der Gunst der Frauen sagst du nichts: +Die willst du mir doch nicht entbehrlich schildern? + +Leonore. +Wie man es nimmt. Denn du entbehrst sie nicht, +Und leichter wäre sie dir zu entbehren, +Als sie es jenem guten Mann nicht ist. +Denn sag': Geläng' es einer Frau, wenn sie +Nach ihrer Art für dich zu sorgen dächte, +Mit dir sich zu beschäft'gen unternähme? +Bei dir ist alles Ordnung, Sicherheit; +Du sorgst für dich, wie du für andre sorgst, +Du hast, was man dir geben möchte. Jener +Beschäftigt uns in unserm eignen Fache: +Ihm fehlt's an tausend Kleinigkeiten, die +Zu schaffen eine Frau sich gern bemüht. +Das schönste Leinenzeug, ein seiden Kleid +Mit etwas Stickerei, das trägt er gern. +Er sieht sich gern geputzt, vielmehr, er kann +Unedlen Stoff, der nur den Knecht bezeichnet, +An seinem Leib nicht dulden, alles soll +Ihm fein und gut und schön und edel stehn. +Und dennoch hat er kein Geschick, das alles +Sich anzuschaffen, wenn er es besitzt, +Sich zu erhalten: Immer fehlt es ihm +An Geld, an Sorgsamkeit. Bald lässt er da +Ein Stück, bald eines dort. Er kehret nie +Von einer Reise wieder, dass ihm nicht +Ein Drittteil seiner Sachen fehle. Bald +Bestiehlt ihn der Bediente. So, Antonio, +Hat man für ihn das ganze Jahr zu sorgen. + +Antonio. +Und diese Sorge macht ihn lieb und lieber. +Glücksel'ger Jüngling, dem man seine Mängel +Zur Tugend rechnet, dem so schön vergönnt ist, +Den Knaben noch als Mann zu spielen, der +Sich seiner holden Schwäche rühmen darf! +Du müsstest mir verzeihen, schöne Freundin, +Wenn ich auch hier ein wenig bitter würde. +Du sagst nicht alles, sagst nicht was er wagt, +Und dass er klüger ist, als wie man denkt. +Er rühmt sich zweier Flammen! Knüpft und löst +Die Knoten hin und wieder und gewinnt +Mit solchen Künsten solche Herzen! Ist's +Zu glauben? + +Leonore. + Gut! Selbst das beweist ja schon, +Dass es nur Freundschaft ist, was uns belebt; +Und wenn wir denn auch Lieb' um Liebe tauschten, +Belohnten wir das schöne Herz nicht billig, +Das ganz sich selbst vergisst und hingegeben +Im holden Traum für seine Freunde lebt? + +Antonio. +Verwöhnt ihn nur und immer mehr und mehr, +Lasst seine Selbstigkeit für Liebe gelten, +Beleidigt alle Freunde, die sich euch +Mit treuer Seele widmen, gebt dem Stolzen +Freiwilligen Tribut, zerstöret ganz +Den schönen Kreis geselligen Vertrauns! + +Leonore. +Wir sind nicht so parteiisch wie du glaubst, +Ermahnen unsern Freund in manchen Fällen; +Wir wünschen ihn zu bilden, dass er mehr +Sich selbst genieße, mehr sich zu genießen +Den andern geben könne. Was an ihm +Zu tadeln ist, das bleibt uns nicht verborgen. + +Antonio. +Doch lobt ihr vieles, was zu tadeln wäre. +Ich kenn' ihn lang, er ist so leicht zu kennen, +Und ist zu stolz sich zu verbergen. Bald +Versinkt er in sich selbst, als wäre ganz +Die Welt in seinem Busen, er sich ganz +In seiner Welt genug, und alles rings +Umher verschwindet ihm. Er lässt es gehn, +Lässt's fallen, stößt's hinweg und ruht in sich-- +Auf einmal, wie ein unbemerkter Funke +Die Mine zündet, sei es Freude, Leid, +Zorn oder Grille, heftig bricht er aus: +Dann will er alles fassen, alles halten; +Dann soll geschehn, was er sich denken mag; +In einem Augenblicke soll entstehn, +Was jahrelang bereitet werden sollte, +In einem Augenblick gehoben sein, +Was Mühe kaum in Jahren lösen könnte. +Er fordert das Unmögliche von sich, +Damit er es von andern fordern dürfe. +Die letzten Enden aller Dinge will +Sein Geist zusammenfassen; das gelingt +Kaum einem unter Millionen Menschen, +Und er ist nicht der Mann: Er fällt zuletzt, +Um nichts gebessert, in sich selbst zurück. + +Leonore. +Er schadet andern nicht, er schadet sich. + +Antonio. +Und doch verletzt er andre nur zu sehr. +Kannst du es leugnen, dass im Augenblick +Der Leidenschaft, die ihn behend ergreift, +Er auf den Fürsten, auf die Fürstin selbst, +Auf wen es sei, zu schmähn, zu lästern wagt? +Zwar augenblicklich nur; allein genug, +Der Augenblick kommt wieder: Er beherrscht +So wenig seinen Mund als seine Brust. + +Leonore. +Ich sollte denken, wenn er sich von hier +Auf eine kurze Zeit entfernte, sollt' +Es wohl für ihn und andre nützlich sein. + +Antonio. +Vielleicht, vielleicht auch nicht. Doch eben jetzt +Ist nicht daran zu denken; denn ich will +Den Fehler nicht auf meine Schultern laden; +Es könnte scheinen, dass ich ihn vertreibe, +Und ich vertreib' ihn nicht. Um meinetwillen +Kann er an unserm Hofe ruhig bleiben; +Und wenn er sich mit mir versöhnen will, +Und wenn er meinen Rat befolgen kann, +So werden wir ganz leidlich leben können. + +Leonore. +Nun hoffst du selbst, auf ein Gemüt zu wirken, +Das dir vor kurzem noch verloren schien. + +Antonio. +Wir hoffen immer, und in allen Dingen +Ist besser hoffen als verzweifeln. Denn +Wer kann das mögliche berechnen? Er +Ist unserm Fürsten wert. Er muss uns bleiben. +Und bilden wir dann auch umsonst an ihm, +So ist er nicht der einz'ge, den wir dulden. + +Leonore. +So ohne Leidenschaft, so unparteiisch +Glaubt' ich dich nicht. Du hast dich schnell bekehrt. + +Antonio. +Das Alter muss doch Einen Vorzug haben, +Dass, wenn es auch dem Irrtum nicht entgeht, +Es doch sich auf der Stelle fassen kann. +Du warst, mich deinem Freunde zu versöhnen, +Zuerst bemüht. Nun bitt' ich es von dir. +Tu' was du kannst, dass dieser Mann sich finde, +Und alles wieder bald im Gleichen sei. +Ich gehe selbst zu ihm, so bald ich nur +Von dir erfahre, dass er ruhig ist, +Sobald du glaubst, dass meine Gegenwart +Das Übel nicht vermehrt. Doch, was du tust, +Das tu' in dieser Stunde; denn es geht +Alphons heut' Abend noch zurück, und ich +Werd' ihn begleiten. Leb' indessen wohl. + + + +Fünfter Auftritt +Leonore (allein). + +Für diesmal, lieber Freund, sind wir nicht eins: +Mein Vorteil und der deine gehen heut +Nicht Hand in Hand. Ich nütze diese Zeit +Und suche Tasso zu gewinnen. Schnell! + + + + +Vierter Aufzug +(Zimmer.) + + + +Erster Auftritt + +Tasso (allein). +Bist du aus einem Traum erwacht, und hat +Der schöne Trug auf einmal dich verlassen? +Hat dich nach einem Tag der höchsten Lust +Ein Schlaf gebändigt, hält und ängstet nun +Mit schweren Fesseln deine Seele? Ja, +Du wachst und träumst. Wo sind die Stunden hin, +Die um dein Haupt mit Blumenkränzen spielten? +Die Tage, wo dein Geist mit freier Sehnsucht +Des Himmels ausgespanntes Blau durchdrang? +Und dennoch lebst du noch, und fühlst dich an, +Du fühlst dich an, und weißt nicht, ob du lebst. +Ist's meine Schuld, ist's eines andern Schuld, +Dass ich mich nun als schuldig hier befinde? +Hab' ich verbrochen, dass ich leiden soll? +Ist nicht mein ganzer Fehler ein Verdienst? +Ich sah ihn an, und ward vom guten Willen, +Vom Hoffnungswahn des Herzens übereilt: +Der sei ein Mensch, der menschlich Ansehn trägt. +Ich ging mit offnen Armen auf ihn los +Und fühlte Schloss und Riegel, keine Brust. +O hatt' ich doch so klug mir ausgedacht, +Wie ich den Mann empfangen wollte, der +Von alten Zeiten mir verdächtig war! +Allein was immer dir begegnet sei, +So halte dich an der Gewissheit fest: +Ich habe sie gesehn! Sie stand vor mir! +Sie sprach zu mir, ich habe sie vernommen! +Der Blick, der Ton, der Worte holder Sinn, +Sie sind auf ewig mein, es raubt sie nicht +Die Zeit, das Schicksal, noch das wilde Glück! +Und hob mein Geist sich da zu schnell empor +Und ließ ich allzu rasch in meinem Busen +Der Flamme Luft, die mich nun selbst verzehrt, +So kann mich's nicht gereun, und wäre selbst +Auf ewig das Geschick des Lebens hin. +Ich widmete mich ihr und folgte froh +Dem Winke, der mich ins Verderben rief. +Es sei! So hab' ich mich doch wert gezeigt +Des köstlichen Vertrauns, das mich erquickt, +In dieser Stunde selbst erquickt, die mir +Die schwarze Pforte langer Trauerzeit +Gewaltsam öffnet.--Ja, nun ist's getan! +Es geht die Sonne mir der schönsten Gunst +Auf einmal unter; seinen holden Blick +Entziehet mir der Fürst, und lässt mich hier +Auf düstrem, schmalen Pfad verloren stehn. +Das hässliche zweideutige Geflügel, +Das leidige Gefolg' der alten Nacht, +Es schwärmt hervor und schwirrt mir um das Haupt. +Wohin, wohin beweg' ich meinen Schritt, +Dem Ekel zu entfliehn, der mich umsaust, +Dem Abgrund zu entgehn, der vor mir liegt? + + + +Zweiter Auftritt +Leonore. Tasso. + +Leonore. +Was ist begegnet? Lieber Tasso, hat +Dein Eifer dich, dein Argwohn so getrieben? +Wie ist's geschehn? Wir alle stehn bestürzt. +Und deine Sanftmut, dein gefällig Wesen, +Dein schneller Blick, dein richtiger Verstand, +Mit dem du jedem gibst was ihm gehört, +Dein Gleichmut, der erträgt, was zu ertragen +Der Edle bald, der Eitle selten lernt, +Die kluge Herrschaft über Zung' und Lippe-- +Mein teurer Freund, fast ganz verkenn' ich dich. + +Tasso. +Und wenn das alles nun verloren wäre? +Wenn einen Freund, den du einst reich geglaubt, +Auf einmal du als einen Bettler fändest? +Wohl hast du Recht, ich bin nicht mehr ich selbst, +Und bin's doch noch so gut, als wie ich's war. +Es scheint ein Rätsel, und doch ist es keins. +Der stille Mond, der dich bei Nacht erfreut, +Dein Auge, dein Gemüt mit seinem Schein +Unwiderstehlich lockt, er schwebt am Tage +Ein unbedeutend blasses Wölkchen hin. +Ich bin vom Glanz des Tages überschienen, +Ihr kennet mich, ich kenne mich nicht mehr. + +Leonore. +Was du mir sagst, mein Freund, versteh' ich nicht, +Wie du es sagst. Erkläre dich mit mir. +Hat die Beleidigung des schroffen Manns +Dich so gekränkt, dass du dich selbst und uns +So ganz verkennen magst? Vertraue mir. + +Tasso. +Ich bin nicht der Beleidigte, du siehst +Mich ja bestraft, weil ich beleidigt habe. +Die Knoten vieler Worte löst das Schwert +Gar leicht und schnell, allein ich bin gefangen. +Du weißt wohl kaum--erschrick nicht, zarte Freundin-- +Du triffst den Freund in einem Kerker an. +Mich züchtiget der Fürst wie einen Schüler. +Ich will mit ihm nicht rechten, kann es nicht. + +Leonore. +Du scheinest mehr, als billig ist, bewegt. + +Tasso. +Hältst du mich für so schwach, für so ein Kind, +Dass solch ein Fall mich gleich zerrütten könne? +Das was geschehn ist, kränkt mich nicht so tief, +Allein das kränkt mich, was es mir bedeutet. +Lass meine Neider meine Feinde nur +Gewähren! Frei und offen ist das Feld. + +Leonore. +Du hast gar manchen fälschlich in Verdacht,-- +Ich habe selbst mich überzeugen können-- +Und auch Antonio feindet dich nicht an, +Wie du es wähnst. Der heutige Verdruss-- + +Tasso. +Den lass' ich ganz bei Seite, nehme nur +Antonio, wie er war, und wie er bleibt. +Verdrießlich fiel mir stets die steife Klugheit, +Und dass er immer nur den Meister spielt. +Anstatt zu forschen, ob des Hörers Geist +Nicht schon für sich auf guten Spuren wandle, +Belehrt er dich von manchem, das du besser +Und tiefer fühltest, und vernimmt kein Wort, +Das du ihm sagst, und wird dich stets verkennen. +Verkannt zu sein, verkannt von einem Stolzen, +Der lächelnd dich zu übersehen glaubt! +Ich bin so alt noch nicht und nicht so klug, +Dass ich nur duldend gegenlächeln sollte. +Früh oder spät, es konnte sich nicht halten, +Wir mussten brechen; später wär' es nur +Um desto schlimmer worden. Einen Herrn +Erkenn' ich nur, den Herrn der mich ernährt, +Dem folg' ich gern, sonst will ich keinen Meister. +Frei will ich sein im Denken und im Dichten: +Im Handeln schränkt die Welt genug uns ein. + +Leonore. +Er spricht mit Achtung oft genug von dir. + +Tasso. +Mit Schonung willst du sagen, fein und klug. +Und das verdrießt mich eben; denn er weiß +So glatt und so bedingt zu sprechen, dass +Sein Lob erst recht zum Tadel wird, und dass +Nichts mehr, nichts tiefer dich verletzt als Lob +Aus seinem Munde. + +Leonore. + Möchtest du, mein Freund, +Vernommen haben, wie er sonst von dir +Und dem Talente sprach, das dir vor vielen +Die gütige Natur verlieh. Er fühlt gewiss +Das, was du bist und hast, und schätzt es auch. + +Tasso. +O glaube mir, ein selbstisches Gemüt +Kann nicht der Qual des engen Neids entfliehen. +Ein solcher Mann verzeiht dem andern wohl +Vermögen, Stand und Ehre; denn er denkt: +Das hast du selbst, das hast du, wenn du willst, +Wenn du beharrst, wenn dich das Glück begünstigt. +Doch das, was die Natur allein verleiht, +Was jeglicher Bemühung, jedem Streben +Stets unerreichbar bleibt, was weder Gold, +Noch Schwert, noch Klugheit, noch Beharrlichkeit +Erzwingen kann, das wird er nie verzeihn. +Er gönnt es mir? Er, der mit steifem Sinn +Die Gunst der Musen zu ertrotzen glaubt? +Der, wenn er die Gedanken mancher Dichter +Zusammenreiht, sich selbst ein Dichter scheint? +Weit eher gönnt er mir des Fürsten Gunst, +Die er doch gern auf sich beschränken möchte, +Als das Talent, das jene Himmlischen +Dem armen, dem verwaisten Jüngling gaben. + +Leonore. +O sähest du so klar, wie ich es sehe! +Du irrst dich über ihn: So ist er nicht. + +Tasso. +Und irr' ich mich an ihm, so irr' ich gern! +Ich denk' ihn mir als meinen ärgsten Feind +Und wär' untröstlich, wenn ich mir ihn nun +Gelinder denken müsste. Töricht ist's, +In allen Stücken billig sein; es heißt +Sein eigen Selbst zerstören. Sind die Menschen +Denn gegen uns so billig? Nein, o nein! +Der Mensch bedarf in seinem engen Wesen +Der doppelten Empfindung, Lieb' und Hass. +Bedarf er nicht der Nacht als wie des Tags? +Des Schlafens wie des Wachens? Nein, ich muss +Von nun an diesen Mann als Gegenstand +Von meinem tiefsten Hass behalten; nichts +Kann mir die Lust entreißen, schlimm und schlimmer +Von ihm zu denken. + +Leonore. + Willst du, teurer Freund, +Von deinem Sinn nicht lassen, seh' ich kaum, +Wie du am Hofe länger bleiben willst. +Du weißt, wie viel er gilt und gelten muss. + +Tasso. +Wie sehr ich längst, o schöne Freundinn, hier +Schon überflüssig bin, das weiß ich wohl. + +Leonore. +Das bist du nicht, das kannst du nimmer werden! +Du weißt vielmehr, wie gern der Fürst mit dir, +Wie gern die Fürstin mit dir lebt; und kommt +Die Schwester von Urbino, kommt sie fast +So sehr um deint- als der Geschwister willen. +Sie denken alle gut und gleich von dir, +Und jegliches vertraut dir unbedingt. + +Tasso. +O Leonore, welch Vertraun ist das? +Hat er von seinem Staate je ein Wort, +Ein ernstes Wort mit mir gesprochen? Kam +Ein eigner Fall, worüber er sogar +In meiner Gegenwart mit seiner Schwester, +Mit andern sich beriet, mich fragt' er nie. +Da hieß es immer nur: Antonio kommt! +Man muss Antonio schreiben! Fragt Antonio! + +Leonore. +Du klagst, anstatt zu danken. Wenn er dich +In unbedingter Freiheit lassen mag, +So ehrt er dich, wie er dich ehren kann. + +Tasso. +Er lässt mich ruhn, weil er mich unnütz glaubt. + +Leonore. +Du bist nicht unnütz, eben weil du ruhst. +So lange hegst du schon Verdruss und Sorge, +Wie ein geliebtes Kind an deiner Brust. +Ich hab' es oft bedacht, und mag's bedenken +Wie ich es will: Auf diesem schönen Boden, +Wohin das Glück dich zu verpflanzen schien, +Gedeihst du nicht. O Tasso!--Rat' ich dir's? +Sprech' ich es aus?--Du solltest dich entfernen! + +Tasso. +Verschone nicht den Kranken, lieber Arzt! +Reich' ihm das Mittel, denke nicht daran, +Ob's bitter sei.--Ob er genesen könne, +Das überlege wohl, o kluge, gute Freundin! +Ich seh' es alles selbst, es ist vorbei! +Ich kann ihm wohl verzeihen, er nicht mir; +Und sein bedarf man, leider meiner nicht. +Und er ist klug, und leider bin ich's nicht. +Er wirkt zu meinem Schaden, und ich kann, +Ich mag nicht gegen wirken. Meine Freunde, +Sie lassen's gehn, sie sehen's anders an. +Sie widerstreben kaum und sollten kämpfen. +Du glaubst, ich soll hinweg; ich glaub' es selbst-- +So lebt denn wohl! Ich werd' auch das ertragen. +Ihr seid von mir geschieden--werd' auch mir, +Von euch zu scheiden, Kraft und Mut verliehn! + +Leonore. +Auch in der Ferne zeigt sich alles reiner, +Was in der Gegenwart uns nur verwirrt. +Vielleicht wirst du erkennen, welche Liebe +Dich überall umgab, und welchen Wert +Die Treue wahrer Freunde hat, und wie +Die weite Welt die Nächsten nicht ersetzt. + +Tasso. +Das werden wir erfahren! Kenn' ich doch +Die Welt von Jugend auf, wie sie so leicht +Uns hilflos, einsam lässt, und ihren Weg +Wie Sonn' und Mond und andre Götter geht. + +Leonore. +Vernimmst du mich, mein Freund, so sollst du nie +Die traurige Erfahrung wiederholen. +Soll ich dir raten, so begibst du dich +Erst nach Florenz, und eine Freundin wird +Gar freundlich für dich sorgen. Sei getrost, +Ich bin es selbst. Ich reise, den Gemahl +Die nächsten Tage dort zu finden, kann +Nichts freudiger für ihn und mich bereiten, +Als wenn ich dich in unsre Mitte bringe. +Ich sage dir kein Wort, du weißt es selbst, +Welch einem Fürsten du dich nahen wirst, +Und welche Männer diese schöne Stadt +In ihrem Busen hegt, und welche Frauen.-- +Du schweigst? Bedenk' es wohl! Entschließe dich. + +Tasso. +Gar reizend ist, was du mir sagst, so ganz +Dem Wunsch gemäß, den ich im stillen nähre; +Allein es ist zu neu: Ich bitte dich, +Lass mich bedenken! Ich beschließe bald. + +Leonore. +Ich gehe mit der schönsten Hoffnung weg +Für dich und uns und auch für dieses Haus. +Bedenke nur, und wenn du recht bedenkst, +So wirst du schwerlich etwas Bessers denken. + +Tasso. +Noch eins, geliebte Freundin! Sage mir, +Wie ist die Fürstin gegen mich gesinnt? +War sie erzürnt auf mich? Was sagte sie?-- +Sie hat mich sehr getadelt? Rede frei. + +Leonore. +Da sie dich kennt, hat sie dich leicht entschuldigt. + +Tasso. +Hab' ich bei ihr verloren? Schmeichle nicht. + +Leonore. +Der Frauen Gunst wird nicht so leicht verscherzt. + +Tasso. +Wird sie mich gern entlassen, wenn ich gehe? + +Leonore. +Wenn es zu deinem Wohl gereicht, gewiss. + +Tasso. +Werd' ich des Fürsten Gnade nicht verlieren? + +Leonore. +In seiner Großmut kannst du sicher ruhn. + +Tasso. +Und lassen wir die Fürstin ganz allein? +Du gehst hinweg; und wenn ich wenig bin, +So weiß ich doch, dass ich ihr etwas war. + +Leonore. +Gar freundliche Gesellschaft leistet uns +Ein ferner Freund, wenn wir ihn glücklich wissen. +Und es gelingt: Ich sehe dich beglückt, +Du wirst von hier nicht unzufrieden gehn. +Der Fürst befahl's: Antonio sucht dich auf. +Er tadelt selbst an sich die Bitterkeit, +Womit er dich verletzt. Ich bitte dich, +Nimm ihn gelassen auf, so wie er kommt. + +Tasso. +Ich darf in jedem Sinne vor ihm stehn. + +Leonore. +Und schenke mir der Himmel, lieber Freund, +Noch eh' du scheidest, dir das Aug' zu öffnen: +Dass niemand dich im ganzen Vaterlande +Verfolgt und hasst, und heimlich druckt und neckt! +Du irrst gewiss, und wie du sonst zur Freude +Von andern dichtest, leider dichtest du +In diesem Fall ein seltenes Gewebe, +Dich selbst zu kränken. Alles will ich tun, +Um es entzwei zu reißen, dass du frei +Den schönen Weg des Lebens wandeln mögest. +Leb' wohl! Ich hoffe bald ein glücklich Wort. + + + +Dritter Auftritt +Tasso (allein). + + Ich soll erkennen, dass mich niemand hasst, +Dass niemand mich verfolgt, dass alle List +Und alles heimliche Gewebe sich +Allein in meinem Kopfe spinnt und webt! +Bekennen soll ich, dass ich Unrecht habe, +Und manchem unrecht tue, der es nicht +Um mich verdient! Und das in einer Stunde, +Da vor dem Angesicht der Sonne klar +Mein volles Recht, wie ihre Tücke, liegt! +Ich soll es tief empfinden, wie der Fürst +Mit offner Brust mir seine Gunst gewährt, +Mit reichem Maß die Gaben mir erteilt, +Im Augenblicke, da er, schwach genug, +Von meinen Feinden sich das Auge trüben +Und seine Hand gewiss auch fesseln lässt! + + Dass er betrogen ist, kann er nicht sehen; +Dass sie Betrüger sind, kann ich nicht zeigen; +Und nur damit er ruhig sich betrüge, +Dass sie gemächlich ihn betrügen können, +Soll ich mich stille halten, weichen gar! + + Und wer gibt mir den Rat? Wer dringt so klug +Mit treuer, lieber Meinung auf mich ein? +Lenore selbst, Lenore Sanvitale, +Die zarte Freundin! Ha, dich kenn' ich nun! +O warum traut' ich ihrer Lippe je! +Sie war nicht redlich, wenn sie noch so sehr +Mir ihre Gunst, mir ihre Zärtlichkeit +Mit süßen Worten zeigte! Nein, sie war +Und bleibt ein listig Herz, sie wendet sich +Mit leisen klugen Tritten nach der Gunst. + + Wie oft hab' ich mich willig selbst betrogen, +Auch über sie! Und doch im Grunde hat +Mich nur--die Eitelkeit betrogen. Wohl! +Ich kannte sie, und schmeichelte mir selbst. +So ist sie gegen andre, sagt' ich mir, +Doch gegen dich ist's offne treue Meinung. +Nun seh' ich's wohl, und seh' es nur zu spät: +Ich war begünstigt, und sie schmiegte sich +So zart--an den Beglückten. Nun ich falle, +Sie wendet mir den Rücken wie das Glück. + + Nun kommt sie als ein Werkzeug meines Feindes, +Sie schleicht heran und zischt mit glatter Zunge, +Die kleine Schlange, zauberische Töne. +Wie lieblich schien sie! Lieblicher als je! +Wie wohl tat von der Lippe jedes Wort! +Doch konnte mir die Schmeichelei nicht lang +Den falschen Sinn verbergen: An der Stirne +Schien ihr das Gegenteil zu klar geschrieben +Von allem, was sie sprach. Ich fühl' es leicht, +Wenn man den Weg zu meinem Herzen sucht +Und es nicht herzlich meint. Ich soll hinweg? +Soll nach Florenz, sobald ich immer kann? + + Und warum nach Florenz? Ich seh' es wohl. +Dort herrscht der Mediceer neues Haus, +Zwar nicht in offner Feindschaft mit Ferrara, +Doch hält der stille Neid mit kalter Hand +Die edelsten Gemüter aus einander. +Empfang' ich dort von jenen edlen Fürsten +Erhabne Zeichen ihrer Gunst, wie ich +Gewiss erwarten dürfte, würde bald +Der Höfling meine Treu' und Dankbarkeit +Verdächtig machen. Leicht geläng' es ihm. + + Ja, ich will weg, allein nicht, wie ihr wollt; +Ich will hinweg, und weiter als ihr denkt. + + Was soll ich hier? Wer hält mich hier zurück? +O, ich verstund ein jedes Wort zu gut, +Das ich Lenoren von den Lippen lockte! +Von Silb' zu Silbe nur erhascht' ich's kaum, +Und weiß nun ganz wie die Prinzessin denkt-- +Ja, ja, auch das ist wahr, verzweifle nicht! +"Sie wird mich gern entlassen, wenn ich gehe, +Da es zu meinem Wohl gereicht." O! Fühlte +Sie eine Leidenschaft im Herzen, die mein Wohl +Und mich zugrunde richtete! Willkommner +Ergriffe mich der Tod, als diese Hand, +Die kalt und starr mich von sich lässt.--Ich gehe!-- +Nun hüte dich und lass dich keinen Schein +Von Freundschaft oder Güte täuschen! Niemand +Betrügt dich nun, wenn du dich nicht betrügst. + + + +Vierter Auftritt +Antonio. Tasso. + +Antonio. +Hier bin ich, Tasso, dir ein Wort zu sagen, +Wenn du mich ruhig hören magst und kannst. + +Tasso. +Das Handeln, weißt du, bleibt mir untersagt; +Es ziemt mir wohl, zu warten und zu hören. + +Antonio. +Ich treffe dich gelassen, wie ich wünschte, +Und spreche gern zu dir aus freier Brust. +Zuvörderst lös' ich in des Fürsten Namen +Das schwache Band, das dich zu fesseln schien. + +Tasso. +Die Willkür macht mich frei, wie sie mich band; +Ich nehm' es an und fordre kein Gericht. + +Antonio. +Dann sag' ich dir von mir: Ich habe dich +Mit Worten, scheint es, tief und mehr gekränkt, +Als ich, von mancher Leidenschaft bewegt, +Es selbst empfand. Allein kein schimpflich Wort +Ist meinen Lippen unbedacht entflohen: +Zu rächen hast du nichts als Edelmann, +Und wirst als Mensch Vergebung nicht versagen. + +Tasso. +Was härter treffe, Kränkung oder Schimpf, +Will ich nicht untersuchen: Jene dringt +Ins tiefe Mark, und dieser reizt die Haut. +Der Pfeil des Schimpfs kehrt auf den Mann zurück, +Der zu verwunden glaubt; die Meinung andrer +Befriedigt leicht das wohl geführte Schwert-- +Doch ein gekränktes Herz erholt sich schwer. + +Antonio. +Jetzt ist's an mir, dass ich dir dringend sage: +Tritt nicht zurück, erfülle meinen Wunsch, +Den Wunsch des Fürsten, der mich zu dir sendet. + +Tasso. +Ich kenne meine Pflicht und gebe nach. +Es sei verziehn, sofern es möglich ist! +Die Dichter sagen uns von einem Speer, +Der eine Wunde, die er selbst geschlagen, +Durch freundliche Berührung heilen konnte. +Es hat des Menschen Zunge diese Kraft; +Ich will ihr nicht gehässig widerstehn. + +Antonio. +Ich danke dir und wünsche, dass du mich +Und meinen Willen, dir zu dienen, gleich +Vertraulich prüfen mögest. Sage mir, +Kann ich dir nützlich sein? Ich zeig' es gern. + +Tasso. +Du bietest an was ich nur wünschen konnte. +Du brachtest mir die Freiheit wieder; nun +Verschaffe mir, ich bitte, den Gebrauch. + +Antonio. +Was kannst du meinen? Sag' es deutlich an. + +Tasso. +Du weißt, geendet hab' ich mein Gedicht; +Es fehlt noch viel, dass es vollendet wäre. +Heut überreicht' ich es dem Fürsten, hoffte +Zugleich ihm eine Bitte vorzutragen. +Gar viele meiner Freunde find' ich jetzt +In Rom versammelt; einzeln haben sie +Mir über manche Stellen ihre Meinung +In Briefen schon eröffnet; vieles hab' ich +Benutzen können, manches scheint mir noch +Zu überlegen, und verschiedne Stellen +Möcht' ich nicht gern verändern, wenn man mich +Nicht mehr, als es geschehn ist, überzeugt. +Das alles wird durch Briefe nicht getan: +Die Gegenwart löst diese Knoten bald. +So dacht' ich heut den Fürsten selbst zu bitten: +Ich fand nicht Raum; nun darf ich es nicht wagen +Und hoffe diesen Urlaub nun durch dich. + +Antonio. +Mir scheint nicht rätlich, dass du dich entfernst +In dem Moment, da dein vollendet Werk +Dem Fürsten und der Fürstin dich empfiehlt. +Ein Tag der Gunst ist wie ein Tag der Ernte: +Man muss geschäftig sein, sobald sie reift. +Entfernst du dich, so wirst du nichts gewinnen, +Vielleicht verlieren, was du schon gewannst. +Die Gegenwart ist eine mächt'ge Göttin: +Lern' ihren Einfluss kennen, bleibe hier! + +Tasso. +Zu fürchten hab' ich nichts: Alphons ist edel, +Stets hat er gegen mich sich groß gezeigt; +Und was ich hoffe, will ich seinem Herzen +Allein verdanken, keine Gnade mir +Erschleichen; nichts will ich von ihm empfangen, +Was ihn gereuen könnte, dass er's gab. + +Antonio. +So fordre nicht von ihm, dass er dich jetzt +Entlassen soll; er wird es ungern tun, +Und ich befürchte fast: Er tut es nicht. + +Tasso. +Er wird es gern, wenn recht gebeten wird, +Und du vermagst es wohl, sobald du willst. + +Antonio. +Doch welche Gründe, sag' mir, leg' ich vor? + +Tasso. +Lass mein Gedicht aus jeder Stanze sprechen! +Was ich gewollt ist, löblich, wenn das Ziel +Auch meinen Kräften unerreichbar blieb. +An Fleiß und Mühe hat es nicht gefehlt. +Der heitre Wandel mancher schönen Tage, +Der stille Raum so mancher tiefen Nächte, +War einzig diesem frommen Lied geweiht. +Bescheiden hofft' ich, jenen großen Meistern +Der Vorwelt mich zu nahen, kühn gesinnt, +Zu edlen Taten unsern Zeitgenossen +Aus einem langen Schlaf zu rufen, dann +Vielleicht mit einem edlen Christenheere +Gefahr und Ruhm des heil'gen Kriegs zu teilen. +Und soll mein Lied die besten Männer wecken, +So muss es auch der besten würdig sein. +Alphons bin ich schuldig, was ich tat; +Nun möcht' ich ihm auch die Vollendung danken. + +Antonio. +Und eben dieser Fürst ist hier, mit andern, +Die dich so gut als Römer leiten können. +Vollende hier dein Werk, hier ist der Platz, +Und um zu wirken, eile dann nach Rom. + +Tasso. +Alphons hat mich zuerst begeistert, wird +Gewiss der letzte sein, der mich belehrt, +Und deinen Rat, den Rat der klugen Männer, +Die unser Hof versammelt, schätz' ich hoch. +Ihr sollt entscheiden, wenn mich ja zu Rom +Die Freunde nicht vollkommen überzeugen. +Doch diese muss ich sehn. Gonzaga hat +Mir ein Gericht versammelt, dem ich erst +Mich stellen muss. Ich kann es kaum erwarten. +Flaminio de' Nobili, Angelio +Da Barga, Antoniano und Speron Speroni! +Du wirst sie kennen.--Welche Namen sind's! +Vertraun und Sorge flößen sie zugleich +In meinen Geist, der gern sich unterwirft. + +Antonio. +Du denkst nur dich und denkst den Fürsten nicht. +Ich sage dir, er wird dich nicht entlassen, +Und wenn er's tut, entlässt er dich nicht gern. +Du willst ja nicht verlangen, was er dir +Nicht gern gewähren mag. Und soll ich hier +Vermitteln, was ich selbst nicht loben kann? + +Tasso. +Versagst du mir den ersten Dienst, wenn ich +Die angebotne Freundschaft prüfen will? + +Antonio. +Die wahre Freundschaft zeigt sich im Versagen +Zur rechten Zeit, und es gewährt die Liebe +Gar oft ein schädlich Gut, wenn sie den Willen +Des Fordernden mehr als sein Glück bedenkt. +Du scheinest mir in diesem Augenblick +Für gut zu halten, was du eifrig wünschest, +Und willst im Augenblick, was du begehrst. +Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende, +Was ihm an Wahrheit und an Kräften fehlt. +Es fordert meine Pflicht, so viel ich kann +Die Hast zu mäß'gen, die dich übel treibt. + +Tasso. +Schon lange kenn' ich diese Tyrannei +Der Freundschaft, die von allen Tyranneien +Die unerträglichste mir scheint. Du denkst +Nur anders, und du glaubst deswegen +Schon recht zu denken. Gern erkenn' ich an: +Du willst mein Wohl; allein verlange nicht, +Dass ich auf deinem Weg es finden soll. + +Antonio. +Und soll ich dir sogleich mit kaltem Blut, +Mit voller, klarer Überzeugung schaden? + +Tasso. +Von dieser Sorge will ich dich befrein! +Du hältst mich nicht mit diesen Worten ab. +Du hast mich frei erklärt, und diese Türe +Steht mir nun offen, die zum Fürsten führt. +Ich lasse dir die Wahl: Du oder ich! +Der Fürst geht fort. Hier ist kein Augenblick +Zu harren. Wähle schnell! Wenn du nicht gehst, +So geh' ich selbst, und werd' es, wie es will. + +Antonio. +Lass mich nur wenig Zeit von dir erlangen +Und warte nur des Fürsten Rückkehr ab! +Nur heute nicht! + +Tasso. +Nein, diese Stunde noch, +Wenn's möglich ist! Es brennen mir die Sohlen +Auf diesem Marmorboden; eher kann +Mein Geist nicht Ruhe finden, bis der Staub +Des freien Wegs mich Eilenden umgibt. +Ich bitte dich! Du siehst, wie ungeschickt +In diesem Augenblick ich sei, mit meinem Herrn +Zu reden; siehst--wie kann ich das verbergen-- +Dass ich mir selbst in diesem Augenblick, +Mir keine Macht der Welt gebieten kann. +Nur Fesseln sind es, die mich halten können! +Alphons ist kein Tyrann, er sprach mich frei. +Wie gern gehorcht' ich seinen Worten sonst! +Heut kann ich nicht gehorchen. Heute nur +Lasst mich in Freiheit, dass mein Geist sich finde! +Ich kehre bald zu meiner Pflicht zurück. + +Antonio. +Du machst mich zweifelhaft. Was soll ich tun? +Ich merke wohl: Es steckt der Irrtum an. + +Tasso. +Soll ich dir glauben, denkst du gut für mich, +So wirke was ich wünsche, was du kannst. +Der Fürst entlässt mich dann, und ich verliere +Nicht seine Gnade, seine Hilfe nicht. +Das dank' ich dir, und will dir's gern verdanken; +Doch hegst du einen alten Groll im Busen, +Willst du von diesem Hofe mich verbannen, +Willst du auf ewig mein Geschick verkehren, +Mich hilflos in die weite Welt vertreiben, +So bleib auf deinem Sinn und widersteh! + +Antonio. +Weil ich dir doch, o Tasso, schaden soll, +So wähl' ich denn den Weg, den du erwählst. +Der Ausgang mag entscheiden, wer sich irrt! +Du willst hinweg! Ich sag' es dir zuvor: +Du wendest diesem Hause kaum den Rücken, +So wird dein Herz zurück verlangen, wird +Dein Eigensinn dich vorwärts treiben; Schmerz, +Verwirrung, Trübsinn harrt in Rom auf dich, +Und du verfehlest hier und dort den Zweck. +Doch sag' ich dies nicht mehr, um dir zu raten; +Ich sage nur voraus, was bald geschieht, +Und lade dich auch schon im voraus ein, +Mir in dem schlimmsten Falle zu vertraun. +Ich spreche nun den Fürsten, wie du's forderst. + + + +Fünfter Auftritt +Tasso (allein). + + Ja, gehe nur, und gehe sicher weg, +Dass du mich überredest, was du willst. +Ich lerne mich verstellen; denn du bist +Ein großer Meister, und ich fasse leicht. +So zwingt das Leben uns zu scheinen, ja +Zu sein wie jene, die wir kühn und stolz +Verachten konnten. Deutlich seh' ich nun +Die ganze Kunst des höfischen Gewebes! +Mich will Antonio von hinnen treiben +Und will nicht scheinen, dass er mich vertreibt. +Er spielt den Schonenden, den Klugen, dass +Man nur recht krank und ungeschickt mich finde, +Bestellet sich zum Vormund, dass er mich +Zum Kind erniedrige, den er zum Knecht +Nicht zwingen konnte. So umnebelt er +Die Stirn des Fürsten und der Fürstin Blick. + + Man soll mich halten, meint er: Habe doch +Ein schön Verdienst mir die Natur geschenkt; +Doch leider habe sie mit manchen Schwächen +Die hohe Gabe wieder schlimm begleitet, +Mit ungebundnem Stolz, mit übertriebner +Empfindlichkeit und eignem düstern Sinn. +Es sei nicht anders, einmal habe nun +Den einen Mann das Schicksal so gebildet; +Nun müsse man ihn nehmen, wie er sei, +Ihn dulden, tragen und vielleicht an ihm, +Was Freude bringen kann, am guten Tage +Als unerwarteten Gewinst genießen, +Im Übrigen, wie er geboren sei, +So müsse man ihn leben, sterben lassen. + + Erkenn' ich noch Alphonsens festen Sinn, +Der Feinden trotzt und Freunde treulich schützt? +Erkenn' ich ihn, wie er nun mir begegnet? +Ja, wohl erkenn' ich ganz mein Unglück nun! +Das ist mein Schicksal, dass nur gegen mich +Sich jeglicher verändert, der für andre fest +Und treu und sicher bleibt, sich leicht verändert +Durch einen Hauch, in einem Augenblick. + + Hat nicht die Ankunft dieses Manns allein +Mein ganz Geschick zerstört, in einer Stunde? +Nicht dieser das Gebäude meines Glücks +Von seinem tiefsten Grund aus umgestürzt? +O, muss ich das erfahren, muss ich's heut! +Ja, wie sich alles zu mir drängte, lässt +Mich alles nun; wie jeder mich an sich +Zu reißen strebte, jeder mich zu fassen, +So stößt mich alles weg und meidet mich. +Und das warum? Und wiegt denn er allein +Die Schale meines Werts und aller Liebe, +Die ich so reichlich sonst besessen, auf? + + Ja, alles flieht mich nun. Auch du! Auch du! +Geliebte Fürstin, du entziehst dich mir! +In diesen trüben Stunden hat sie mir +Kein einzig Zeichen ihrer Gunst gesandt. +Hab' ich's um sie verdient?--Du armes Herz, +Dem so natürlich war sie zu verehren!-- +Vernahm ich ihre Stimme, wie durchdrang +Ein unaussprechliches Gefühl die Brust! +Erblickt' ich sie, da ward das helle Licht +Des Tags mir trüb; unwiderstehlich zog +Ihr Auge mich, ihr Mund mich an, mein Knie +Erhielt sich kaum, und aller Kraft +Des Geists bedurft' ich, aufrecht mich zu halten, +Vor ihre Füße nicht zu fallen; kaum +Vermocht' ich diesen Taumel zu zerstreun. +Hier halte fest, mein Herz! Du klarer Sinn, +Lass hier dich nicht umnebeln! Ja, auch sie! +Darf ich es sagen? Und ich glaub' es kaum; +Ich glaub' es wohl, und möcht' es mir verschweigen. +Auch Sie! Auch Sie! Entschuldige sie ganz, +Allein verbirg' dir's nicht: Auch Sie! Auch Sie! + + O dieses Wort, an dem ich zweifeln sollte, +Solang ein Hauch von Glauben in mir lebt, +Ja, dieses Wort, es gräbt sich, wie ein Schluss +Des Schicksals noch zuletzt am ehrnen Rande +Der voll geschriebnen Qualentafel ein. +Nun sind erst meine Feinde stark, nun bin ich +Auf ewig einer jeden Kraft beraubt. +Wie soll ich streiten, wenn Sie gegenüber +Im Heere steht? Wie soll ich duldend harren, +Wenn Sie die Hand mir nicht von ferne reicht? +Wenn nicht ihr Blick dem Flehenden begegnet? +Du hast's gewagt zu denken, hast's gesprochen, +Und es ist wahr, eh' du es fürchten konntest! +Und ehe nun die Verzweiflung deine Sinnen +Mit ehrnen Klauen aus einander reißt, +Ja, klage nur das bittre Schicksal an +Und wiederhole nur: Auch Sie! Auch Sie! + + + + +Fünfter Aufzug +(Garten.) + + + +Erster Auftritt +Alphons. Antonio. + +Antonio. +Auf deinen Wink ging ich das zweite Mal +Zu Tasso hin, ich komme von ihm her. +Ich hab' ihm zugeredet, ja gedrungen; +Allein er geht von seinem Sinn nicht ab +Und bittet sehnlich, dass du ihn nach Rom +Auf eine kurze Zeit entlassen mögest. + +Alphons. +Ich bin verdrießlich, dass ich dir's gestehe, +Und lieber sag' ich dir, dass ich es bin, +Als dass ich den Verdruss verberg' und mehre. +Er will verreisen; gut, ich halt' ihn nicht. +Er will hinweg, er will nach Rom; es sei! +Nur dass mir Scipio Gonzaga nicht, +Der kluge Medicis, ihn nicht entwende! +Das hat Italien so groß gemacht, +Dass jeder Nachbar mit dem andern streitet, +Die Bessern zu besitzen, zu benutzen. +Ein Feldherr ohne Heer scheint mir ein Fürst, +Der die Talente nicht um sich versammelt: +Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt, +Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei. +Gefunden hab' ich diesen und gewählt, +Ich bin auf ihn als meinen Diener stolz, +Und da ich schon für ihn so viel getan, +So möcht' ich ihn nicht ohne Not verlieren. + +Antonio. +Ich bin verlegen, denn ich trage doch +Vor dir die Schuld von dem, was heut geschah; +Auch will ich meinen Fehler gern gestehn, +Er bleibet deiner Gnade zu verzeihn; +Doch wenn du glauben könntest, dass ich nicht +Das mögliche getan, ihn zu versöhnen, +So würd' ich ganz untröstlich sein. O! Sprich +Mit holdem Blick mich an, damit ich wieder +Mich fassen kann, mir selbst vertrauen mag. + +Alphons. +Antonio, nein, da sei nur immer ruhig, +Ich schreib' es dir auf keine Weise zu; +Ich kenne nur zu gut den Sinn des Mannes, +Und weiß nur allzu wohl was ich getan, +Wie sehr ich ihn geschont, wie sehr ich ganz +Vergessen, dass ich eigentlich an ihn +Zu fordern hätte. Über vieles kann +Der Mensch zum Herrn sich machen, seinen Sinn +Bezwinget kaum die Not und lange Zeit. + +Antonio. +Wenn andre vieles um den einen tun, +So ist's auch billig, dass der eine wieder +Sich fleißig frage, was den andern nützt. +Wer seinen Geist so viel gebildet hat, +Wer jede Wissenschaft zusammengeizt, +Und jede Kenntnis, die uns zu ergreifen +Erlaubt ist, sollte der, sich zu beherrschen, +Nicht doppelt schuldig sein? Und denkt er dran? + +Alphons. +Wir sollen eben nicht in Ruhe bleiben! +Gleich wird uns, wenn wir zu genießen denken, +Zur Übung unsrer Tapferkeit ein Feind, +Zur Übung der Geduld ein Freund gegeben. + +Antonio. +Die erste Pflicht des Menschen, Speis' und Trank +Zu wählen, da ihn die Natur so eng +Nicht wie das Tier beschränkt, erfüllt er die? +Und lässt er nicht vielmehr sich wie ein Kind +Von allem reizen, was dem Gaumen schmeichelt? +Wann mischt er Wasser unter seinen Wein? +Gewürze, süße Sachen, stark Getränke, +Eins um das andre schlingt er hastig ein, +Und dann beklagt er seinen trüben Sinn, +Sein feurig Blut, sein allzu heftig Wesen, +Er schilt auf die Natur und das Geschick. +Wie bitter und wie thöricht hab' ich ihn +Nicht oft mit seinem Arzte rechten sehn; +Zum Lachen fast, wär' irgend lächerlich, +Was einen Menschen quält und andre plagt. +"Ich fühle dieses Übel," sagt er bänglich +Und voll Verdruss: "Was rühmt ihr eure Kunst? +Schafft mir Genesung!"--Gut! versetzt der Arzt, +So meidet das und das.--"Das kann ich nicht."-- +So nehmet diesen Trank.--"O nein! Der schmeckt +Abscheulich, er empört mir die Natur."-- +So trinkt denn Wasser.--"Wasser? Nimmermehr! +Ich bin so wasserscheu als ein Gebissner."-- +So ist euch nicht zu helfen.--"Und warum?"-- +Das Übel wird sich stets mit Übeln häufen +Und, wenn es euch nicht töten kann, nur mehr +Und mehr mit jedem Tag Euch quälen.--"Schön! +Wofür seid Ihr ein Arzt? Ihr kennt mein Übel, +Ihr solltet auch die Mittel kennen, sie +Auch schmackhaft machen, dass ich nicht noch erst, +Der Leiden los zu sein, recht leiden müsse." +Du lächelst selbst und doch ist es gewiss, +Du hast es wohl aus seinem Mund gehört? + +Alphons. +Ich hab' es oft gehört und oft entschuldigt. + +Antonio. +Es ist gewiss, ein ungemäßigt Leben, +Wie es uns schwere, wilde Träume gibt, +Macht uns zuletzt am hellen Tage träumen. +Was ist sein Argwohn anders als ein Traum? +Wohin er tritt, glaubt er von Feinden sich +Umgeben. Sein Talent kann niemand sehn, +Der ihn nicht neidet, niemand ihn beneiden, +Der ihn nicht hasst und bitter ihn verfolgt. +So hat er oft mit Klagen dich belästigt: +Erbrochne Schlösser, aufgefangne Briefe, +Und Gift und Dolch! Was alles vor ihm schwebt! +Du hast es untersuchen lassen, untersucht, +Und hast du was gefunden? Kaum den Schein. +Der Schutz von keinem Fürsten macht ihn sicher, +Der Busen keines Freundes kann ihn laben. +Und willst du einem solchen Ruh und Glück, +Willst du von ihm wohl Freude dir versprechen? + +Alphons. +Du hättest Recht, Antonio, wenn in ihm +Ich meinen nächsten Vorteil suchen wollte! +Zwar ist es schon mein Vorteil, dass ich nicht +Den Nutzen grad und unbedingt erwarte. +Nicht alles dienet uns auf gleiche Weise; +Wer vieles brauchen will, gebrauche jedes +In seiner Art, so ist er wohl bedient. +Das haben uns die Medicis gelehrt, +Das haben uns die Päpste selbst gewiesen. +Mit welcher Nachsicht, welcher fürstlichen +Geduld und Langmut trugen diese Männer +Manch groß Talent, das ihrer reichen Gnade +Nicht zu bedürfen schien und doch bedurfte! + +Antonio. +Wer weiß es nicht, mein Fürst? Des Lebens Mühe +Lehrt uns allein des Lebens Güter schätzen. +So jung hat er zu vieles schon erreicht, +Als dass genügsam er genießen könnte. +O, sollt' er erst erwerben, was ihm nun +Mit offnen Händen angebothen wird: +Er strengte seine Kräfte männlich an +Und fühlte sich von Schritt zu Schritt begnügt. +Ein armer Edelmann hat schon das Ziel +Von seinem besten Wunsch erreicht, wenn ihn +Ein edler Fürst zu seinem Hofgenossen +Erwählen will, und ihn der Dürftigkeit +Mit milder Hand entzieht. Schenkt er ihm noch +Vertraun und Gunst und will an seine Seite +Vor andern ihn erheben, sei's im Krieg, +Sei's in Geschäften oder im Gespräch, +So, dächt' ich, könnte der bescheidne Mann +Sein Glück mit stiller Dankbarkeit verehren. +Und Tasso hat zu allem diesem noch +Das schönste Glück des Jünglings: Dass ihn schon +Sein Vaterland erkennt und auf ihn hofft. +O glaube mir, sein launisch Missbehagen +Ruht auf dem breiten Polster seines Glücks. +Er kommt, entlass ihn gnädig, gib ihm Zeit, +In Rom und in Neapel, wo er will, +Das aufzusuchen, was er hier vermisst, +Und was er hier nur wieder finden kann. + +Alphons. +Will er zurück erst nach Ferrara gehn? + +Antonio. +Er wünscht in Belriguardo zu verweilen. +Das Nötigste, was er zur Reise braucht, +Will er durch einen Freund sich senden lassen. + +Alphons. +Ich bin's zufrieden. Meine Schwester geht +Mit ihrer Freundin gleich zurück, und reitend +Werd' ich vor ihnen noch zu Hause sein. +Du folgst uns bald, wenn du für ihn gesorgt. +Dem Kastellan befiehl das Nötige, +Dass er hier auf dem Schlosse bleiben kann, +Solang er will, so lang, bis seine Freunde +Ihm das Gepäck gesendet, bis wir ihm +Die Briefe schicken, die ich ihm nach Rom +Zu geben Willens bin. Er kommt! Leb' wohl! + + + +Zweiter Auftritt +Alphons. Tasso. + +Tasso (mit Zurückhaltung). +Die Gnade, die du mir so oft bewiesen, +Erscheinet heute mir in vollem Licht: +Du hast verziehen, was in deiner Nähe +Ich unbedacht und frevelhaft beging; +Du hast den Widersacher mir versöhnt; +Du willst erlauben, dass ich eine Zeit +Von deiner Seite mich entferne, willst +Mir deine Gunst großmütig vorbehalten. +Ich scheide nun mit völligem Vertraun, +Und hoffe still, mich soll die kleine Frist +Von allem heilen, was mich jetzt beklemmt. +Es soll mein Geist aufs neue sich erheben +Und auf dem Wege, den ich froh und kühn, +Durch deinen Blick ermuntert, erst betrat, +Sich deiner Gunst aufs neue würdig machen. + +Alphons. +Ich wünsche dir zu deiner Reise Glück +Und hoffe, dass du froh und ganz geheilt +Uns wieder kommen wirst. Du bringst uns dann +Den doppelten Gewinst für jede Stunde, +Die du uns nun entziehst, vergnügt zurück. +Ich gebe Briefe dir an meine Leute, +An Freunde dir nach Rom und wünsche sehr, +Dass du dich zu den Meinen überall +Zutraulich halten mögest, wie ich dich +Als mein, obgleich entfernt, gewiss betrachte. + +Tasso. +Du überhäufst, o Fürst, mit Gnade den, +Der sich unwürdig fühlt und selbst zu danken +In diesem Augenblicke nicht vermag. +Anstatt des Danks eröffn' ich eine Bitte! +Am meisten liegt mir mein Gedicht am Herzen. +Ich habe viel getan und keine Mühe +Und keinen Fleiß gespart; allein es bleibt +Zu viel mir noch zurück. Ich möchte dort, +Wo noch der Geist der großen Männer schwebt, +Und wirksam schwebt, dort möcht' ich in die Schule +Aufs neue mich begeben: Würdiger +Erfreute deines Beifalls sich mein Lied. +O, gib die Blätter mir zurück, die ich +Jetzt nur beschämt in deinen Händen weiß! + +Alphons. +Du wirst mir nicht an diesem Tage nehmen, +Was du mir kaum an diesem Tag gebracht. +Lass zwischen dich und zwischen dein Gedicht +Mich als Vermittler treten: Hüte dich, +Durch strengen Fleiß die liebliche Natur +Zu kränken, die in deinen Reimen lebt, +Und höre nicht auf Rat von allen Seiten! +Die tausendfältigen Gedanken vieler +Verschiedner Menschen, die im Leben sich +Und in der Meinung widersprechen, fasst +Der Dichter klug in eins und scheut sich nicht, +Gar manchem zu missfallen, dass er manchem +Um desto mehr gefallen möge. Doch +Ich sage nicht, dass du nicht hie und da +Bescheiden deine Feile brauchen solltest; +Verspreche dir zugleich: In kurzer Zeit +Erhältst du abgeschrieben dein Gedicht. +Es bleibt von deiner Hand in meinen Händen, +Damit ich seiner erst mit meinen Schwestern +Mich recht erfreuen möge. Bringst du es +Vollkommner dann zurück: Wir werden uns +Des höheren Genusses freun und dich +Bei mancher Stelle nur als Freunde warnen. + +Tasso. +Ich wiederhole nur beschämt die Bitte: +Lass mich die Abschrift eilig haben! Ganz +Ruht mein Gemüt auf diesem Werke nun. +Nun muss es werden, was es werden kann. + +Alphons. +Ich billige den Trieb, der dich beseelt! +Doch, guter Tasso, wenn es möglich wäre, +So solltest du erst eine kurze Zeit +Der freien Welt genießen, dich zerstreuen, +Dein Blut durch eine Kur verbessern. Dir +Gewährte dann die schöne Harmonie +Der hergestellten Sinne, was du nun +Im trüben Eifer nur vergebens suchst. + +Tasso. +Mein Fürst, so scheint es; doch, ich bin gesund, +Wenn ich mich meinem Fleiß ergeben kann, +Und so macht wieder mich der Fleiß gesund. +Du hast mich lang gesehn: Mir ist nicht wohl +In freier Üppigkeit. Mir lässt die Ruh +Am mindsten Ruhe. Dies Gemüt ist nicht +Von der Natur bestimmt, ich fühl' es leider, +Auf weichem Element der Tage froh +Ins weite Meer der Zeiten hinzuschwimmen. + +Alphons. +Dich führet alles, was du sinnst und treibst, +Tief in dich selbst. Es liegt um uns herum +Gar mancher Abgrund, den das Schicksal grub; +Doch hier in unserm Herzen ist der tiefste, +Und reizend ist es sich hinab zu stürzen. +Ich bitte dich, entreiße dich dir selbst! +Der Mensch gewinnt, was der Poet verliert. + +Tasso. +Ich halte diesen Drang vergebens auf, +Der Tag und Nacht in meinem Busen wechselt. +Wenn ich nicht sinnen oder dichten soll, +So ist das Leben mir kein Leben mehr. +Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen, +Wenn er sich schon dem Tode näher spinnt: +Das köstliche Geweb' entwickelt er +Aus seinem Innersten, und lässt nicht ab, +Bis er in seinen Sarg sich eingeschlossen. +O, geb' ein guter Gott uns auch dereinst +Das Schicksal des beneidenswerten Wurms, +Im neuen Sonnental die Flügel rasch +Und freudig zu entfalten! + +Alphons. + Höre mich! +Du gibst so vielen doppelten Genuss +Des Lebens; lern', ich bitte dich, +Den Wert des Lebens kennen, das du noch +Und zehnfach reich besitzest. Lebe wohl! +Je eher du zu uns zurücke kehrst, +Je schöner wirst du uns willkommen sein. + + + +Dritter Auftritt +Tasso (allein). + +So halte fest, mein Herz, so war es recht! +Es wird dir schwer, es ist das erste Mal, +Dass du dich so verstellen magst und kannst. +Du hörtest wohl: Das war nicht sein Gemüt, +Das waren seine Worte nicht; mir schien, +Als klänge nur Antonios Stimme wider. +O gib nur Acht! Du wirst sie nun so fort +Von allen Seiten hören. Fest, nur fest! +Um einen Augenblick ist's noch zu tun. +Wer spät im Leben sich verstellen lernt, +Der hat den Schein der Ehrlichkeit voraus. +Es wird schon gehn, nur übe dich mit ihnen. + +(Nach einer Pause.) + +Du triumphierst zu früh, dort kommt sie her! +Die holde Fürstin kommt! O welch Gefühl! +Sie tritt herein, es löst in meinem Busen +Verdruss und Argwohn sich in Schmerzen auf. + + + +Vierter Auftritt +Prinzessin. Tasso. Gegen das Ende des Auftritts die Übrigen. + +Prinzessin. +Du denkst uns zu verlassen, oder bleibst +Vielmehr in Belriguardo noch zurück +Und willst dich dann von uns entfernen, Tasso? +Ich hoffe, nur auf eine kurze Zeit. +Du gehst nach Rom? + +Tasso. +Ich richte meinen Weg +Zuerst dahin, und nehmen meine Freunde +Mich gütig auf, wie ich es hoffen darf, +So leg' ich da mit Sorgfalt und Geduld +Vielleicht die letzte Hand an mein Gedicht. +Ich finde viele Männer dort versammelt, +Die Meister aller Art sich nennen dürfen. +Und spricht in jener ersten Stadt der Welt +Nicht jeder Platz, nicht jeder Stein zu uns? +Wie viele tausend stumme Lehrer winken +In ernster Majestät uns freundlich an! +Vollend' ich da nicht mein Gedicht, so kann +Ich's nie vollenden. Leider, ach, schon fühl' ich, +Mir wird zu keinem Unternehmen Glück! +Verändern werd' ich es, vollenden nie. +Ich fühl', ich fühl' es wohl, die große Kunst, +Die jeden nährt, die den gesunden Geist +Stärkt und erquickt, wird mich zu Grunde richten, +Vertreiben wird sie mich. Ich eile fort! +Nach Napel will ich bald! + +Prinzessin. + Darfst du es wagen? +Noch ist der strenge Bann nicht aufgehoben, +Der dich zugleich mit deinem Vater traf. + +Tasso. +Du warnest recht, ich hab' es schon bedacht. +Verkleidet geh' ich hin, den armen Rock +Des Pilgers oder Schäfers zieh' ich an. +Ich schleiche durch die Stadt, wo die Bewegung +Der Tausende den einen leicht verbirgt. +Ich eile nach dem Ufer, finde dort +Gleich einen Kahn mit willig guten Leuten, +Mit Bauern, die zum Markte kamen, nun +Nach Hause kehren, Leute von Sorrent; +Denn ich muss nach Sorrent hinübereilen. +Dort wohnet meine Schwester, die mit mir +Die Schmerzensfreude meiner Eltern war. +Im Schiffe bin ich still, und trete dann +Auch schweigend an das Land, ich gehe sacht +Den Pfad hinauf, und an dem Tore frag' ich: +Wo wohnt Cornelia? Zeigt mir es an! +Cornelia Sersale? Freundlich deutet +Mir eine Spinnerinn die Straße, sie +Bezeichnet mir das Haus. So steig' ich weiter. +Die Kinder laufen nebenher und schauen +Das wilde Haar, den düstern Fremdling an. +So komm' ich an die Schwelle. Offen steht +Die Türe schon, so tret' ich in das Haus-- + +Prinzessin. +Blick' auf, o Tasso, wenn es möglich ist, +Erkenne die Gefahr, in der du schwebst! +Ich schone dich; denn sonst würd' ich dir sagen: +Ist's edel so zu reden, wie du sprichst? +Ist's edel, nur allein an sich zu denken, +Als kränktest du der Freunde Herzen nicht? +Ist's dir verborgen wie mein Bruder denkt? +Wie beide Schwestern dich zu schätzen wissen? +Hast du es nicht empfunden und erkannt? +Ist alles denn in wenig Augenblicken +Verändert? Tasso! Wenn du scheiden willst, +So lass uns Schmerz und Sorge nicht zurück. + +(Tasso wendet sich weg.) + +Prinzessin. +Wie tröstlich ist es, einem Freunde, der +Auf eine kurze Zeit verreisen will, +Ein klein Geschenk zu geben, sei es nur +Ein neuer Mantel oder eine Waffe! +Dir kann man nichts mehr geben; denn du wirfst +Unwillig alles weg, was du besitzest. +Die Pilgermuschel und den schwarzen Kittel, +Den langen Stab erwählst du dir und gehst +Freiwillig arm dahin und nimmst uns weg, +Was du mit uns allein genießen konntest. + +Tasso. +So willst du mich nicht ganz und gar verstoßen? +O süßes Wort, o schöner, teurer Trost! +Vertritt mich! Nimm in deinen Schutz mich auf!-- +Lass mich in Belriguardo hier, versetze +Mich nach Consandoli, wohin du willst! +Es hat der Fürst so manches schöne Schloss, +So manchen Garten, der das ganze Jahr +Gewartet wird, und ihr betretet kaum +Ihn einen Tag, vielleicht nur eine Stunde. +Ja, wählet den entferntsten aus, den ihr +In ganzen Jahren nicht besuchen geht, +Und der vielleicht jetzt ohne Sorge liegt: +Dort schickt mich hin! Dort lasst mich euer sein! +Wie will ich deine Bäume pflegen! Die Zitronen +Im Herbst mit Brettern und mit Ziegeln decken, +Und mit verbundnem Rohre wohl verwahren! +Es sollen schöne Blumen in den Beeten +Die breiten Wurzeln schlagen; rein und zierlich +Soll jeder Gang und jedes Fleckchen sein. +Und lasst mir auch die Sorge des Palastes! +Ich will zur rechten Zeit die Fenster öffnen, +Dass Feuchtigkeit nicht den Gemälden schade; +Die schön mit Stuckatur verzierten Wände +Will ich mit einem leichten Wedel säubern; +Es soll das Estrich blank und reinlich glänzen; +Es soll kein Stein, kein Ziegel sich verrücken; +Es soll kein Gras aus einer Ritze keimen! + +Prinzessin. +Ich finde keinen Rat in meinem Busen, +Und finde keinen Trost für dich und--uns. +Mein Auge blickt umher, ob nicht ein Gott +Uns Hilfe reichen möchte, möchte mir +Ein heilsam Kraut entdecken, einen Trank, +Der deinem Sinne Frieden brächte, Frieden uns. +Das treuste Wort, das von der Lippe fließt, +Das schönste Heilungsmittel wirkt nicht mehr. +Ich muss dich lassen, und verlassen kann +Mein Herz dich nicht. + +Tasso. + Ihr Götter, ist sie's doch, +Die mit dir spricht und deiner sich erbarmt? +Und konntest du das edle Herz verkennen? +War's möglich, dass in ihrer Gegenwart +Der Kleinmut dich ergriff und dich bezwang? +Nein, nein, du bist's! Und nun, ich bin es auch. +O fahre fort und lass mich jeden Trost +Aus deinem Munde hören! Deinen Rat +Entzieh mir nicht! O sprich: Was soll ich tun, +Damit dein Bruder mir vergeben könne, +Damit du selbst mir gern vergeben mögest, +Damit ihr wieder zu den Euren mich +Mit Freuden zählen möget? Sag' mir an! + +Prinzessin. +Gar wenig ist's, was wir von dir verlangen, +Und dennoch scheint es allzu viel zu sein. +Du sollst dich selbst uns freundlich überlassen. +Wir wollen nichts von dir, was du nicht bist, +Wenn du nur erst dir mit dir selbst gefällst. +Du machst uns Freude, wenn du Freude hast, +Und du betrübst uns nur, wenn du sie fliehst; +Und wenn du uns auch ungeduldig machst, +So ist es nur, dass wir dir helfen möchten, +Und, leider! Sehn, dass nicht zu helfen ist, +Wenn du nicht selbst des Freundes Hand ergreifst, +Die, sehnlich ausgereckt, dich nicht erreicht. + +Tasso. +Du bist es selbst, wie du zum ersten Mal, +Ein heil'ger Engel, mir entgegen kamst! +Verzeih dem trüben Blick des Sterblichen, +Wenn er auf Augenblicke dich verkannt. +Er kennt dich wieder! Ganz eröffnet sich +Die Seele, nur dich ewig zu verehren. +Es füllt sich ganz das Herz von Zärtlichkeit-- +Sie ist's, sie steht vor mir. Welch ein Gefühl! +Ist es Verirrung, was mich nach dir zieht? +Ist's Raserei? Ist's ein erhöhter Sinn, +Der erst die höchste, reinste Wahrheit fasst? +Ja, es ist das Gefühl, das mich allein +Auf dieser Erde glücklich machen kann, +Das mich allein so elend werden ließ, +Wenn ich ihm widerstand und aus dem Herzen +Es bannen wollte. Diese Leidenschaft +Gedacht' ich zu bekämpfen; stritt und stritt +Mit meinem tiefsten Sein, zerstörte frech +Mein eignes Selbst, dem du so ganz gehörst-- + +Prinzessin. +Wenn ich dich, Tasso, länger hören soll, +So mäßige die Glut, die mich erschreckt. + +Tasso. +Beschränkt der Rand des Bechers einen Wein, +Der schäumend wallt und brausend überschwillt? +Mit jedem Wort' erhöhest du mein Glück, +Mit jedem Worte glänzt dein Auge heller. +Ich fühle mich im Innersten verändert, +Ich fühle mich von aller Not entladen, +Frei wie ein Gott, und alles dank' ich dir! +Unsägliche Gewalt, die mich beherrscht, +Entfließet deinen Lippen; ja, du machst +Mich ganz dir eigen. Nichts gehöret mir +Von meinem ganzen Ich mir künftig an. +Es trübt mein Auge sich in Glück und Licht, +Es schwankt mein Sinn. Mich hält der Fuß nicht mehr. +Unwiderstehlich ziehst du mich zu dir, +Und unaufhaltsam dringt mein Herz dir zu. +Du hast mich ganz auf ewig dir gewonnen, +So nimm denn auch mein ganzes Wesen hin! + +(Er fällt ihr in die Arme und drückt sie fest an sich.) + +Prinzessin (ihn von sich stoßend und hinweg eilend). +Hinweg! + +Leonore (die sich schon eine Weile im Grunde sehen lassen, herbeieilend). + Was ist geschehen? Tasso! Tasso! + +(Sie geht der Prinzessin nach.) + +Tasso (im Begriff, ihnen zu folgen). +O Gott! + +Alphons (der sich schon eine Zeitlang mit Antonio genähert). + Er kommt von Sinnen, halt ihn fest. (Ab.) + + + +Fünfter Auftritt +Tasso. Antonio. + +Antonio. +O stünde jetzt, so wie du immer glaubst, +Dass du von Feinden rings umgeben bist, +Ein Feind bei dir, wie würd' er triumphieren! +Unglücklicher, noch kaum erhol' ich mich! +Wenn ganz was Unerwartetes begegnet, +Wenn unser Blick was Ungeheures sieht, +Steht unser Geist auf eine Weile still: +Wir haben nichts, womit wir das vergleichen. + +Tasso (nach einer langen Pause). +Vollende nur dein Amt--ich seh', du bist's! +Ja, du verdienst das fürstliche Vertraun; +Vollende nur dein Amt, und martre mich, +Da mir der Stab gebrochen ist, noch langsam +Zu Tode! Ziehe! Zieh am Pfeile nur, +Dass ich den Widerhaken grimmig fühle, +Der mich zerfleischt! +Du bist ein teures Werkzeug des Tyrannen, +Sei Kerkermeister, sei der Marterknecht, +Wie wohl, wie eigen steht dir beides an! + +(Gegen die Szene.) + +Ja, gehe nur, Tyrann! Du konntest dich +Nicht bis zuletzt verstellen, triumphiere! +Du hast den Sklaven wohl gekettet, hast +Ihn wohl gespart zu ausgedachten Qualen: +Geh nur, ich hasse dich, ich fühle ganz +Den Abscheu, den die Übermacht erregt, +Die frevelhaft und ungerecht ergreift. + +(Nach einer Pause.) + +So seh' ich mich am Ende denn verbannt, +Verstoßen und verbannt als Bettler hier! +So hat man mich bekränzt, um mich geschmückt +Als Opfertier vor den Altar zu führen! +So lockte man mir noch am letzten Tage +Mein einzig Eigentum, mir mein Gedicht +Mit glatten Worten ab, und hielt es fest! +Mein einzig Gut ist nun in euren Händen, +Das mich an jedem Ort empfohlen hätte, +Das mir noch blieb, vom Hunger mich zu retten! +Jetzt seh' ich wohl, warum ich feiern soll. +Es ist Verschwörung, und du bist das Haupt. +Damit mein Lied nur nicht vollkommner werde, +Dass nur mein Name sich nicht mehr verbreite, +Dass meine Neider tausend Schwächen finden, +Dass man am Ende meiner gar vergesse, +Drum soll ich mich zum Müßiggang gewöhnen, +Drum soll ich mich und meine Sinne schonen. +O werte Freundschaft, teure Sorglichkeit! +Abscheulich dacht' ich die Verschwörung mir, +Die unsichtbar und rastlos mich umspann, +Allein abscheulicher ist es geworden. + Und du, Sirene! Die du mich so zart, +So himmlisch angelockt, ich sehe nun +Dich auf einmal! O Gott, warum so spät! + Allein wir selbst betrügen uns so gern +Und ehren die Verworfnen, die uns ehren. +Die Menschen kennen sich einander nicht; +Nur die Galeerensklaven kennen sich, +Die eng an eine Bank geschmiedet keuchen; +Wo keiner was zu fordern hat und keiner +Was zu verlieren hat, die kennen sich; +Wo jeder sich für einen Schelmen gibt +Und seinesgleichen auch für Schelmen nimmt. +Doch wir verkennen nur die andern höflich, +Damit sie wieder uns verkennen sollen. + Wie lang verdeckte mir dein heilig Bild +Die Buhlerin, die kleine Künste treibt. +Die Maske fällt: Armide seh' ich nun +Entblößt von allen Reizen--ja, du bist's! +Von dir hat ahndungsvoll mein Lied gesungen! + Und die verschmitzte kleine Mittlerin! +Wie tief erniedrigt seh' ich sie vor mir! +Ich höre nun die leisen Tritte rauschen, +Ich kenne nun den Kreis, um den sie schlich. +Euch alle kenn' ich! Sei mir das genug! +Und wenn das Elend alles mir geraubt, +So preis' ich's doch: Die Wahrheit lehrt es mich. + +Antonio. +Ich höre, Tasso, dich mit Staunen an, +So sehr ich weiß, wie leicht dein rascher Geist +Von einer Grenze zu der andern schwankt. +Besinne dich! Gebiete dieser Wut! +Du lästerst, du erlaubst dir Wort auf Wort, +Das deinen Schmerzen zu verzeihen ist, +Doch das du selbst dir nie verzeihen kannst. + +Tasso. +O sprich mir nicht mit sanfter Lippe zu, +Lass mich kein kluges Wort von dir vernehmen! +Lass mir das dumpfe Glück, damit ich nicht +Mich erst besinne, dann von Sinnen komme. +Ich fühle mir das innerste Gebein +Zerschmettert, und ich leb' um es zu fühlen. +Verzweiflung fasst mit aller Wut mich an, +Und in der Höllenqual, die mich vernichtet, +Wird Lästrung nur ein leiser Schmerzenslaut. +Ich will hinweg! Und wenn du redlich bist, +So zeig' es mir, und lass mich gleich von hinnen! + +Antonio. +Ich werde dich in dieser Not nicht lassen; +Und wenn es dir an Fassung ganz gebricht, +So soll mir's an Geduld gewiss nicht fehlen. + +Tasso. +So muss ich mich dir denn gefangen geben? +Ich gebe mich, und so ist es getan; +Ich widerstehe nicht, so ist mir wohl-- +Und lass es dann mich schmerzlich wiederholen, +Wie schön es war, was ich mir selbst verscherzte. +Sie gehn hinweg--O Gott! Dort seh' ich schon +Den Staub, der von den Wagen sich erhebt-- +Die Reiter sind voraus--Dort fahren sie, +Dort gehn sie hin! Kam ich nicht auch daher? +Sie sind hinweg, sie sind erzürnt auf mich. +O küsst' ich nur noch einmal seine Hand! +O dass ich nur noch Abschied nehmen könnte! +Nur einmal noch zu sagen: O verzeiht! +Nur noch zu hören: Geh, dir ist verziehn! +Allein ich hör' es nicht, ich hör' es nie-- +Ich will ja gehn! Lasst mich nur Abschied nehmen, +Nur Abschied nehmen! Gebt, o gebt mir nur +Auf einen Augenblick die Gegenwart +Zurück! Vielleicht genes' ich wieder. Nein, +Ich bin verstoßen, bin verbannt, ich habe +Mich selbst verbannt, ich werde diese Stimme +Nicht mehr vernehmen, diesem Blicke nicht, +Nicht mehr begegnen-- + +Antonio. +Lass eines Mannes Stimme dich erinnern, +Der neben dir nicht ohne Rührung steht! +Du bist so elend nicht, als wie du glaubst. +Ermanne dich! Du gibst zu viel dir nach. + +Tasso. +Und bin ich denn so elend, wie ich scheine? +Bin ich so schwach, wie ich vor dir mich zeige? +Ist alles denn verloren? Hat der Schmerz, +Als schütterte der Boden, das Gebäude +In einen grausen Haufen Schutt verwandelt? +Ist kein Talent mehr übrig, tausendfältig +Mich zu zerstreun, zu unterstützen? +Ist alle Kraft erloschen, die sich sonst +In meinem Busen regte? Bin ich nichts, +Ganz nichts geworden? +Nein, es ist alles da, und ich bin nichts; +Ich bin mir selbst entwandt, sie ist es mir! + +Antonio. +Und wenn du ganz dich zu verlieren scheinst, +Vergleiche dich! Erkenne, was du bist! + +Tasso. +Ja, du erinnerst mich zur rechten Zeit!-- +Hilft denn kein Beispiel der Geschichte mehr? +Stellt sich kein edler Mann mir vor die Augen, +Der mehr gelitten, als ich jemals litt, +Damit ich mich mit ihm vergleichend fasse? +Nein, alles ist dahin!--Nur eines bleibt: +Die Träne hat uns die Natur verliehen, +Den Schrei des Schmerzens, wenn der Mann zuletzt +Es nicht mehr trägt--Und mir noch über alles-- +Sie ließ im Schmerz mir Melodie und Rede, +Die tiefste Fülle meiner Not zu klagen: +Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, +Gab mir ein Gott, zu sagen wie ich leide. + +Antonio (tritt zu ihm und nimmt ihn bei der Hand). + +Tasso. +O edler Mann! Du stehest fest und still, +Ich scheine nur die sturmbewegte Welle. +Allein bedenk' und überhebe nicht +Dich deiner Kraft! Die mächtige Natur, +Die diesen Felsen gründete, hat auch +Der Welle die Beweglichkeit gegeben. +Sie sendet ihren Sturm, die Welle flieht +Und schwankt und schwillt und beugt sich schäumend über. +In dieser Woge spiegelte so schön +Die Sonne sich, es ruhten die Gestirne +An dieser Brust, die zärtlich sich bewegte. +Verschwunden ist der Glanz, entflohn die Ruhe. +Ich kenne mich in der Gefahr nicht mehr, +Und schäme mich nicht mehr es zu bekennen. +Zerbrochen ist das Steuer, und es kracht +Das Schiff an allen Seiten. Berstend reißt +Der Boden unter meinen Füßen auf! +Ich fasse dich mit beiden Armen an! +So klammert sich der Schiffer endlich noch +Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte. + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10425 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + + + + +Title: Torquato Tasso + +Author: Johann Wolfgang von Goethe + +Release Date: December 9, 2003 [eBook #10425] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TORQUATO TASSO*** + + +E-text prepared by Andrew Sly + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 8-bit version. + + + + + +Torquato Tasso + +Ein Schauspiel + +Johann Wolfgang von Goethe + + + + + + + +Personen + +Alphons der Zweite, Herzog von Ferrara. +Leonore von Este, Schwester des Herzogs. +Leonore Sanvitale, Gräfin von Scandiano. +Torquato Tasso. +Antonio Montecatino, Staatssekretär. + +Der Schauplatz ist auf Belriguardo, einem Lustschlosse. + + + + +Erster Aufzug +(Gartenplatz, mit Hermen der epischen Dichter geziert. Vorn an der +Szene zur Rechten Virgil, zur Linken Ariost.) + + +Erster Auftritt +Prinzessin. Leonore. + +Prinzessin. +Du siehst mich lächelnd an, Eleonore, +Und siehst dich selber an und lächelst wieder. +Was hast du? Lass es eine Freundin wissen! +Du scheinst bedenklich, doch du scheinst vergnügt. + +Leonore. +Ja, meine Fürstin, mit Vergnügen seh' ich +Uns beide hier so ländlich ausgeschmückt. +Wir scheinen recht beglückte Schäferinnen +Und sind auch wie die Glücklichen beschäftigt. +Wir winden Kränze. Dieser, bunt von Blumen, +Schwillt immer mehr und mehr in meiner Hand; +Du hast mit höherm Sinn und größerm Herzen +Den zarten schlanken Lorbeer dir gewählt. + +Prinzessin. +Die Zweige, die ich in Gedanken flocht, +Sie haben gleich ein würdig Haupt gefunden: +Ich setze sie Virgilen dankbar auf. + +(Sie kränzt die Herme Virgils.) + +Leonore. +So drück' ich meinen vollen frohen Kranz +Dem Meister Ludwig auf die hohe Stirne-- + +(Sie kränzt Ariostens Herme.) + +Er, dessen Scherze nie verblühen, habe +Gleich von dem neuen Frühling seinen Teil. + +Prinzessin. +Mein Bruder ist gefällig, dass er uns +In diesen Tagen schon aufs Land gebracht; +Wir können unser sein und stundenlang +Uns in die goldne Zeit der Dichter träumen. +Ich liebe Belriguardo; denn ich habe +Hier manchen Tag der Jugend froh durchlebt, +Und dieses neue Grün und diese Sonne +Bringt das Gefühl mir jener Zeit zurück. + +Leonore. +Ja, es umgibt uns eine neue Welt! +Der Schatten dieser immer grünen Bäume +Wird schon erfreulich. Schon erquickt uns wieder +Das Rauschen dieser Brunnen. Schwankend wiegen +Im Morgenwinde sich die jungen Zweige. +Die Blumen von den Beeten schauen uns +Mit ihren Kinderaugen freundlich an. +Der Gärtner deckt getrost das Winterhaus +Schon der Zitronen und Orangen ab. +Der blaue Himmel ruhet über uns +Und an dem Horizonte löst der Schnee +Der fernen Berge sich in leisen Duft. + +Prinzessin. +Es wäre mir der Frühling sehr willkommen, +Wenn er nicht meine Freundin mir entführte. + +Leonore. +Erinnre mich in diesen holden Stunden, +O Fürstin, nicht, wie bald ich scheiden soll. + +Prinzessin. +Was du verlassen magst, das findest du +In jener großen Stadt gedoppelt wieder. + +Leonore. +Es ruft die Pflicht, es ruft die Liebe mich +Zu dem Gemahl der mich so lang' entbehrt. +Ich bring' ihm seinen Sohn, der dieses Jahr +So schnell gewachsen, schnell sich ausgebildet, +Und Teile seine väterliche Freude. +Groß ist Florenz und herrlich, doch der Wert +Von allen seinen aufgehäuften Schätzen +Reicht an Ferraras Edelsteine nicht. +Das Volk hat jene Stadt zur Stadt gemacht, +Ferrara ward durch seine Fürsten groß. + +Prinzessin. +Mehr durch die guten Menschen, die sich hier +Durch Zufall trafen und zum Glück verbanden. + +Leonore. +Sehr leicht zerstreut der Zufall, was er sammelt. +Ein edler Mensch zieht edle Menschen an +Und weiß sie fest zu halten, wie ihr tut. +Um deinen Bruder und um dich verbinden +Gemüter sich, die eurer würdig sind, +Und ihr seid eurer großen Väter wert. +Hier zündete sich froh das schöne Licht +Der Wissenschaft, des freien Denkens an, +Als noch die Barbarei mit schwerer Dämmrung +Die Welt umher verbarg. Mir klang als Kind +Der Name Herkules von Este schon, +Schon Hippolyt von Este voll ins Ohr. +Ferrara ward mit Rom und mit Florenz +Von meinem Vater viel gepriesen! Oft +Hab' ich mich hingesehnt; nun bin ich da. +Hier ward Petrarch bewirtet, hier gepflegt, +Und Ariost fand seine Muster hier. +Italien nennt keinen großen Namen, +Den dieses Haus nicht seinen Gast genannt. +Und es ist vorteilhaft den Genius +Bewirten: Gibst du ihm ein Gastgeschenk, +So lässt er dir ein schöneres zurück. +Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, +Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt +Sein Wort und seine Tat dem Enkel wieder. + +Prinzessin. +Dem Enkel, wenn er lebhaft fühlt wie du. +Gar oft beneid' ich dich um dieses Glück. + +Leonore. +Das du, wie wenig andre, still und rein +Genießest. Drängt mich doch das volle Herz, +Sogleich zu sagen, was ich lebhaft fühle; +Du fühlst es besser, fühlst es tief und--schweigst. +Dich blendet nicht der Schein des Augenblicks, +Der Witz besticht dich nicht, die Schmeichelei +Schmiegt sich vergebens künstlich an dein Ohr: +Fest bleibt dein Sinn und richtig dein Geschmack, +Dein Urteil grad, stets ist dein Anteil groß +Am Großen, das du wie dich selbst erkennst. + +Prinzessin. +Du solltest dieser höchsten Schmeichelei +Nicht das Gewand vertrauter Freundschaft leihen. + +Leonore. +Die Freundschaft ist gerecht, sie kann allein +Den ganzen Umfang deines Werts erkennen. +Und lass mich der Gelegenheit, dem Glück +Auch ihren Teil an deiner Bildung geben; +Du hast sie doch, und bist's am Ende doch, +Und dich mit deiner Schwester ehrt die Welt +Vor allen großen Frauen eurer Zeit. + +Prinzessin. +Mich kann das, Leonore, wenig rühren, +Wenn ich bedenke, wie man wenig ist, +Und was man ist, das blieb man andern schuldig. +Die Kenntnis alter Sprachen und des Besten, +Was uns die Vorwelt ließ, dank' ich der Mutter; +Doch war an Wissenschaft, an rechtem Sinn +Ihr keine beider Töchter jemals gleich, +Und soll sich eine ja mit ihr vergleichen, +So hat Lucretia gewiss das Recht. +Auch kann ich dir versichern hab' ich nie +Als Rang und als Besitz betrachtet, was +Mir die Natur, was mir das Glück verlieh. +Ich freue mich, wenn kluge Männer sprechen, +Dass ich verstehen kann wie sie es meinen. +Es sei ein Urteil über einen Mann +Der alten Zeit und seiner Taten Wert; +Es sei von einer Wissenschaft die Rede, +Die, durch Erfahrung weiter ausgebreitet, +Dem Menschen nutzt indem sie ihn erhebt: +Wohin sich das Gespräch der Edlen lenkt, +Ich folge gern, denn mir wird leicht, zu folgen. +Ich höre gern dem Streit der Klugen zu, +Wenn um die Kräfte, die des Menschen Brust +So freundlich und so fürchterlich bewegen, +Mit Grazie die Rednerlippe spielt; +Gern, wenn die fürstliche Begier des Ruhms, +Des ausgebreiteten Besitzes, Stoff +Dem Denker wird, und wenn die feine Klugheit, +Von einem klugen Manne zart entwickelt, +Statt uns zu hintergehen uns belehrt. + +Leonore. +Und dann nach dieser ernsten Unterhaltung, +Ruht unser Ohr und unser innrer Sinn +Gar freundlich auf des Dichters Reimen aus, +Der uns die letzten lieblichsten Gefühle +Mit holden Tönen in die Seele flößt. +Dein hoher Geist umfasst ein weites Reich, +Ich halte mich am liebsten auf der Insel +Der Poesie in Lorberhainen auf. + +Prinzessin. +In diesem schönen Lande, hat man mir +Versichern wollen, wächst vor andern Bäumen +Die Myrte gern. Und wenn der Musen gleich +Gar viele sind, so sucht man unter ihnen +Sich seltner eine Freundin und Gespielin, +Als man dem Dichter gern begegnen mag, +Der uns zu meiden, ja zu fliehen scheint, +Etwas zu suchen scheint, das wir nicht kennen, +Und er vielleicht am Ende selbst nicht kennt. +Da wär' es denn ganz artig, wenn er uns +Zur guten Stunde träfe, schnell entzückt +Uns für den Schatz erkennte, den er lang +Vergebens in der weiten Welt gesucht. + +Leonore. +Ich muss mir deinen Scherz gefallen lassen, +Er trifft mich zwar, doch trifft er mich nicht tief. +Ich ehre jeden Mann und sein Verdienst, +Und ich bin gegen Tasso nur gerecht. +Sein Auge weilt auf dieser Erde kaum; +Sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur; +Was die Geschichte reicht, das Leben gibt, +Sein Busen nimmt es gleich und willig auf: +Das weit zerstreute sammelt sein Gemüt, +Und sein Gefühl belebt das Unbelebte. +Oft adelt er, was uns gemein erschien, +Und das Geschätzte wird vor ihm zu nichts. +In diesem eignen Zauberkreise wandelt +Der wunderbare Mann und zieht uns an, +Mit ihm zu wandeln, Teil an ihm zu nehmen: +Er scheint sich uns zu nahn, und bleibt uns fern; +Er scheint uns anzusehn, und Geister mögen +An unsrer Stelle seltsam ihm erscheinen. + +Prinzessin. +Du hast den Dichter fein und zart geschildert, +Der in den Reichen süßer Träume schwebt. +Allein mir scheint auch ihn das Wirkliche +Gewaltsam anzuziehn und fest zu halten. +Die schönen Lieder, die an unsern Bäumen +Wir hin und wieder angeheftet finden, +Die, goldnen Äpfeln gleich, ein neu Hesperien +Uns duftend bilden, erkennst du sie nicht alle +Für holde Früchte einer wahren Liebe? + +Leonore. +Ich freue mich der schönen Blätter auch. +Mit mannigfalt'gem Geist verherrlicht er +Ein einzig Bild in allen seinen Reimen. +Bald hebt er es in lichter Glorie +Zum Sternenhimmel auf, beugt sich verehrend +Wie Engel über Wolken vor dem Bilde; +Dann schleicht er ihm durch stille Fluren nach +Und jede Blume windet er zum Kranz. +Entfernt sich die Verehrte, heiligt er +Den Pfad, den leis ihr schöner Fuß betrat. +Versteckt im Busche, gleich der Nachtigall, +Füllt er aus einem liebekranken Busen +Mit seiner Klagen Wohllaut Hain und Luft: +Sein reizend Leid, die sel'ge Schwermut lockt +Ein jedes Ohr und jedes Herz muss nach-- + +Prinzessin. +Und wenn er seinen Gegenstand benennt, +So gibt er ihm den Namen Leonore. + +Leonore. +Es ist dein Name wie es meiner ist. +Ich nähm' es übel, wenn's ein andrer wäre. +Mich freut es, dass er sein Gefühl für dich +In diesem Doppelsinn verbergen kann. +Ich bin zufrieden, dass er meiner auch +Bei dieses Namens holdem Klang gedenkt. +Hier ist die Frage nicht von einer Liebe, +Die sich des Gegenstands bemeistern will, +Ausschließend ihn besitzen, eifersüchtig +Den Anblick jedem andern wehren möchte. +Wenn er in seliger Betrachtung sich +Mit deinem Werth beschäftigt, mag er auch +An meinem leichtern Wesen sich erfreun. +Uns liebt er nicht,--verzeih dass ich es sage!-- +Aus allen Sphären trägt er, was er liebt, +Auf einen Namen nieder, den wir führen, +Und sein Gefühl teilt er uns mit; wir scheinen +Den Mann zu lieben, und wir lieben nur +Mit ihm das Höchste, was wir lieben können. + +Prinzessin. +Du hast dich sehr in diese Wissenschaft +Vertieft, Eleonore, sagst mir Dinge, +Die mir beinahe nur das Ohr berühren +Und in die Seele kaum noch übergehn. + +Leonore. +Du? Schülerin des Plato! Nicht begreifen, +Was dir ein Neuling vorzuschwatzen wagt? +Es müsste sein, dass ich zu sehr mich irrte; +Doch irr' ich auch nicht ganz, ich weiß es wohl. +Die Liebe zeigt in dieser holden Schule +Sich nicht, wie sonst, als ein verwöhntes Kind: +Es ist der Jüngling der mit Psychen sich +Vermählte, der im Rat der Götter Sitz +Und Stimme hat. Er tobt nicht frevelhaft +Von einer Brust zur andern hin und her; +Er heftet sich an Schönheit und Gestalt +Nicht gleich mit süßem Irrtum fest, und büßet +Nicht schnellen Rausch mit Ekel und Verdruss. + +Prinzessin. +Da kommt mein Bruder! Lass uns nicht verraten, +Wohin sich wieder das Gespräch gelenkt: +Wir würden seinen Scherz zu tragen haben, +Wie unsre Kleidung seinen Spott erfuhr. + + + +Zweiter Auftritt +Die Vorigen. Alphons. + +Alphons. +Ich suche Tasso, den ich nirgends finde, +Und treff' ihn--hier sogar bei euch nicht an. +Könnt ihr von ihm mir keine Nachricht geben? + +Prinzessin. +Ich sah ihn gestern wenig, heute nicht. + +Alphons. +Es ist ein alter Fehler, dass er mehr +Die Einsamkeit als die Gesellschaft sucht. +Verzeih' ich ihm, wenn er den bunten Schwarm +Der Menschen flieht und lieber frei im stillen +Mit seinem Geist sich unterhalten mag, +So kann ich doch nicht loben, dass er selbst +Den Kreis vermeidet, den die Freunde schließen. + +Leonore. +Irr' ich mich nicht, so wirst du bald, o Fürst, +Den Tadel in ein frohes Lob verwandeln. +Ich sah ihn heut von fern; er hielt ein Buch +Und eine Tafel, schrieb und ging und schrieb. +Ein flüchtig Wort das er mir gestern sagte, +Schien mir sein Werk vollendet anzukünden. +Er sorgt nur kleine Züge zu verbessern, +Um deiner Huld, die ihm so viel gewährt, +Ein würdig Opfer endlich darzubringen. + +Alphons. +Er soll willkommen sein, wenn er es bringt, +Und los gesprochen sein auf lange Zeit. +So sehr ich Teil an seiner Arbeit nehme, +So sehr in manchem Sinn das große Werk +Mich freut und freuen muss, so sehr vermehrt +Sich auch zuletzt die Ungeduld in mir. +Er kann nicht enden, kann nicht fertig werden, +Er ändert stets, ruckt langsam weiter vor, +Steht wieder still, er hintergeht die Hoffnung; +Unwillig sieht man den Genuss entfernt +In späte Zeit, den man so nah geglaubt. + +Prinzessin. +Ich lobe die Bescheidenheit, die Sorge, +Womit er Schritt vor Schritt zum Ziele geht. +Nur durch die Gunst der Musen schließen sich +So viele Reime fest in eins zusammen; +Und seine Seele hegt nur diesen Trieb, +Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen. +Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen, +Die reizend unterhalten und zuletzt +Wie lose Worte nur verklingend täuschen. +Lass ihn, mein Bruder! Denn es ist die Zeit +Von einem guten Werke nicht das Maß; +Und wenn die Nachwelt mit genießen soll, +So muss des Künstlers Mitwelt sich vergessen. + +Alphons. +Lass uns zusammen, liebe Schwester, wirken, +Wie wir zu beider Vorteil oft getan! +Wenn ich zu eifrig bin, so lindre du: +Und bist du zu gelind, so will ich treiben. +Wir sehen dann auf einmal ihn vielleicht +Am Ziel, wo wir ihn lang' gewünscht zu sehn. +Dann soll das Vaterland, es soll die Welt +Erstaunen, welch ein Werk vollendet worden. +Ich nehme meinen Teil des Ruhms davon, +Und er wird in das Leben eingeführt. +Ein edler Mensch kann einem engen Kreise +Nicht seine Bildung danken. Vaterland +Und Welt muss auf ihn wirken. Ruhm und Tadel +Muss er ertragen lernen. Sich und andre +Wird er gezwungen recht zu kennen. Ihn +Wiegt nicht die Einsamkeit mehr schmeichelnd ein. +Es will der Feind--es darf der Freund nicht schonen; +Dann übt der Jüngling streitend seine Kräfte, +Fühlt was er ist, und fühlt sich bald ein Mann. + +Leonore. +So wirst du, Herr, für ihn noch alles tun, +Wie du bisher für ihn schon viel getan. +Es bildet ein Talent sich in der Stille, +Sich ein Charakter in dem Strom der Welt. +O dass er sein Gemüt wie seine Kunst +An deinen Lehren bilde! Dass er nicht +Die Menschen länger meide, dass sein Argwohn +Sich nicht zuletzt in Furcht und Hass verwandle! + +Alphons. +Die Menschen fürchtet nur, wer sie nicht kennt, +Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen. +Das ist sein Fall, und so wird nach und nach +Ein frei Gemüt verworren und gefesselt. +So ist er oft um meine Gunst besorgt, +Weit mehr, als es ihm ziemte; gegen viele +Hegt er ein Misstraun, die, ich weiß es sicher, +Nicht seine Feinde sind. Begegnet ja, +Dass sich ein Brief verirrt, dass ein Bedienter +Aus seinem Dienst in einen andern geht, +Dass ein Papier aus seinen Händen kommt, +Gleich sieht er Absicht, sieht Verräterei +Und Tücke die sein Schicksal untergräbt. + +Prinzessin. +Lass uns, geliebter Bruder, nicht vergessen, +Dass von sich selbst der Mensch nicht scheiden kann. +Und wenn ein Freund, der mit uns wandeln sollte, +Sich einen Fuß beschädigte, wir würden +Doch lieber langsam gehn und unsre Hand +Ihm gern und willig leihen. + +Alphons. + Besser wär's, +Wenn wir ihn heilen könnten, lieber gleich +Auf treuen Rat des Arztes eine Kur +Versuchten, dann mit dem Geheilten froh +Den neuen Weg des frischen Lebens gingen. +Doch hoff' ich, meine Lieben, dass ich nie +Die Schuld des rauen Arztes auf mich lade. +Ich tue, was ich kann, um Sicherheit +Und Zutraun seinem Busen einzuprägen. +Ich geb' ihm oft in Gegenwart von vielen +Entschiedne Zeichen meiner Gunst. Beklagt +Er sich bei mir, so lass' ich's untersuchen; +Wie ich es tat, als er sein Zimmer neulich +Erbrochen glaubte. Lässt sich nichts entdecken, +So zeig' ich ihm gelassen, wie ich's sehe; +Und da man alles üben muss, so üb' ich, +Weil er's verdient, an Tasso die Geduld: +Und ihr, ich weiß es, steht mir willig bei. +Ich hab' euch nun aufs Land gebracht und gehe +Heut' Abend nach der Stadt zurück. Ihr werdet +Auf einen Augenblick Antonio sehen; +Er kommt von Rom und holt mich ab. Wir haben +Viel auszureden, abzutun. Entschlüsse +Sind nun zu fassen, Briefe viel zu schreiben; +Das alles nötigt mich zur Stadt zurück. + +Prinzessin. +Erlaubst du uns dass wir dich hin begleiten? + +Alphons. +Bleibt nur in Belriguardo, geht zusammen +Hinüber nach Consandoli! Genießt +Der schönen Tage ganz nach freier Lust. + +Prinzessin. +Du kannst nicht bei uns bleiben? Die Geschäfte +Nicht hier so gut als in der Stadt verrichten? + +Leonore. +Du führst uns gleich Antonio hinweg, +Der uns von Rom so viel erzählen sollte? + +Alphons. +Es geht nicht an, ihr Kinder; doch ich komme +Mit ihm so bald, als möglich ist, zurück: +Dann soll er euch erzählen und ihr sollt +Mir ihn belohnen helfen, der so viel +In meinem Dienst aufs Neue sich bemüht. +Und haben wir uns wieder ausgesprochen, +So mag der Schwarm dann kommen, dass es lustig +In unsern Gärten werde, dass auch mir, +Wie billig, eine Schönheit in dem Kühlen, +Wenn ich sie suche gern begegnen mag. + +Leonore. +Wir wollen freundlich durch die Finger sehen. + +Alphons. +Dagegen wisst ihr, dass ich schonen kann. + +Prinzessin (nach der Szene gekehrt). +Schon lange seh' ich Tasso kommen. Langsam +Bewegt er seine Schritte, steht bisweilen +Auf einmal still, wie unentschlossen, geht +Dann wieder schneller auf uns los, und weilt +Schon wieder. + +Alphons. + Stört ihn, wenn er denkt und dichtet, +In seinen Träumen nicht, und lasst ihn wandeln. + +Leonore. +Nein, er hat uns gesehn, er kommt hierher. + + + +Dritter Auftritt +Die Vorigen. Tasso. + +Tasso (mit einem Buche, in Pergament geheftet). +Ich komme langsam, dir ein Werk zu bringen, +Und zaudre noch, es dir zu überreichen. +Ich weiß zu wohl, noch bleibt es unvollendet, +Wenn es auch gleich geendigt scheinen möchte. +Allein, war ich besorgt, es unvollkommen +Dir hinzugeben, so bezwingt mich nun +Die neue Sorge: Möcht' ich doch nicht gern +Zu ängstlich, möcht' ich nicht undankbar scheinen. +Und wie der Mensch nur sagen kann: Hie bin ich! +Dass Freunde seiner schonend sich erfreuen, +So kann ich auch nur sagen: Nimm es hin! + +(Er übergibt den Band.) + +Alphons. +Du überraschest mich mit deiner Gabe +Und machst mir diesen schönen Tag zum Fest. +So halt' ich's endlich denn in meinen Händen, +Und nenn' es in gewissem Sinne mein! +Lang' wünscht' ich schon, du möchtest dich entschließen +Und endlich sagen: Hier! Es ist genug. + +Tasso. +Wenn Ihr zufrieden seid, so ist's vollkommen; +Denn euch gehört es zu in jedem Sinn. +Betrachtet' ich den Fleiß, den ich verwendet, +Sah ich die Züge meiner Feder an, +So konnt' ich sagen: Dieses Werk ist mein. +Doch seh' ich näher an, was dieser Dichtung +Den innren Wert und ihre Würde gibt, +Erkenn' ich wohl: Ich hab' es nur von euch. +Wenn die Natur der Dichtung holde Gabe +Aus reicher Willkür freundlich mir geschenkt, +So hatte mich das eigensinn'ge Glück +Mit grimmiger Gewalt von sich gestoßen; +Und zog die schöne Welt den Blick des Knaben +Mit ihrer ganzen Fülle herrlich an, +So trübte bald den jugendlichen Sinn +Der teuren Eltern unverdiente Not. +Eröffnete die Lippe sich zu singen, +So floss ein traurig Lied von ihr herab, +Und ich begleitete mit leisen Tönen +Des Vaters Schmerzen und der Mutter Qual. +Du warst allein, der aus dem engen Leben +Zu einer schönen Freiheit mich erhob; +Der jede Sorge mir vom Haupte nahm, +Mir Freiheit gab, dass meine Seele sich +Zu mutigem Gesang entfalten konnte; +Und welchen Preis nun auch mein Werk erhält, +Euch dank' ich ihn; denn euch gehört es zu. + +Alphons. +Zum zweiten Mal verdienst du jedes Lob, +Und ehrst bescheiden dich und uns zugleich. + +Tasso. +O könnt' ich sagen wie ich lebhaft fühle, +Dass ich von Euch nur habe, was ich bringe! +Der tatenlose Jüngling--nahm er wohl +Die Dichtung aus sich selbst? Die kluge Leitung +Des raschen Krieges--hat er die ersonnen? +Die Kunst der Waffen, die ein jeder Held +An dem beschiednen Tage kräftig zeigt, +Des Feldherrn Klugheit und der Ritter Mut, +Und wie sich List und Wachsamkeit bekämpft, +Hast du mir nicht, o kluger, tapfrer Fürst, +Das alles eingeflößt als wärest du +Mein Genius, der eine Freude fände, +Sein hohes, unerreichbar hohes Wesen +Durch einen Sterblichen zu offenbaren? + +Prinzessin. +Genieße nun des Werks, das uns erfreut! + +Alphons. +Erfreue dich des Beifalls jedes Guten! + +Leonore. +Des allgemeinen Ruhms erfreue dich! + +Tasso. +Mir ist an diesem Augenblick genug. +An euch nur dacht' ich wenn ich sann und schrieb; +Euch zu gefallen, war mein höchster Wunsch, +Euch zu ergötzen, war mein letzter Zweck. +Wer nicht die Welt in seinen Freunden sieht, +Verdient nicht, dass die Welt von ihm erfahre. +Hier ist mein Vaterland, hier ist der Kreis, +In dem sich meine Seele gern verweilt. +Hier horch' ich auf, hier acht' ich jeden Wink, +Hier spricht Erfahrung, Wissenschaft, Geschmack; +Ja, Welt und Nachwelt seh' ich vor mir stehn. +Die Menge macht den Künstler irr' und scheu: +Nur wer Euch ähnlich ist, versteht und fühlt, +Nur der allein soll richten und belohnen! + +Alphons. +Und stellen wir denn Welt und Nachwelt vor, +So ziemt es nicht nur müßig zu empfangen. +Das schöne Zeichen, das den Dichter ehrt, +Das selbst der Held, der seiner stets bedarf, +Ihm ohne Neid ums Haupt gewunden sieht, +Erblick' ich hier auf deines Anherrn Stirne. + +(Auf die Herme Virgils deutend.) + +Hat es der Zufall, hat's ein Genius +Geflochten und gebracht? Es zeigt sich hier +Uns nicht umsonst. Virgil hör' ich sagen: +Was ehret ihr die Toten? Hatten die +Doch ihren Lohn und Freude da sie lebten; +Und wenn ihr uns bewundert und verehrt, +So gebt auch den Lebendigen ihr Teil. +Mein Marmorbild ist schon bekränzt genug-- +Der grüne Zweig gehört dem Leben an. + +(Alphons winkt seiner Schwester; sie nimmt den Kranz von der Büste +Virgils und nähert sich Tasso. Er tritt zurück.) + +Leonore. +Du weigerst dich? Sieh welche Hand den Kranz, +Den schönen unverwelklichen, dir bietet! + +Tasso. +O lasst mich zögern! Seh' ich doch nicht ein, +Wie ich nach dieser Stunde leben soll. + +Alphons. +In dem Genuss des herrlichen Besitzes, +Der dich im ersten Augenblick erschreckt. + +Prinzessin (indem sie den Kranz in die Höhe hält). +Du gönnest mir die seltne Freude, Tasso, +Dir ohne Wort zu sagen, wie ich denke. + +Tasso. +Die schöne Last aus deinen teuren Händen +Empfang' ich kniend auf mein schwaches Haupt. + +(Er kniet nieder, die Prinzessin setzt ihm den Kranz auf.) + +Leonore (applaudierend). +Es lebe der zum ersten Mal bekränzte! +Wie zieret den bescheidnen Mann der Kranz! + +(Tasso steht auf.) + +Alphons. +Es ist ein Vorbild nur von jener Krone, +Die auf dem Kapitol dich zieren soll. + +Prinzessin. +Dort werden lautere Stimmen dich begrüßen; +Mit leiser Lippe lohnt die Freundschaft hier. + +Tasso. +O nehmt ihn weg von meinem Haupte wieder, +Nehmt ihn hinweg! Er sengt mir meine Locken, +Und wie ein Strahl der Sonne, der zu heiß +Das Haupt mir träfe, brennt er mir die Kraft +Des Denkens aus der Stirne. Fieberhitze +Bewegt mein Blut. Verzeiht! Es ist zu viel! + +Leonore. +Es schützet dieser Zweig vielmehr das Haupt +Des Manns, der in den heißen Regionen +Des Ruhms zu wandeln hat, und kühlt die Stirne. + +Tasso. +Ich bin nicht wert, die Kühlung zu empfinden, +Die nur um Heldenstirnen wehen soll. +O hebt ihn auf, ihr Götter, und verklärt +Ihn zwischen Wolken, dass er hoch und höher +Und unerreichbar schwebe! Dass mein Leben +Nach diesem Ziel ein ewig Wandeln sei! + +Alphons. +Wer früh erwirbt, lernt früh den hohen Wert +Der holden Güter dieses Lebens schätzen; +Wer früh genießt, entbehrt in seinem Leben +Mit Willen nicht, was er einmal besaß; +Und wer besitzt, der, muss gerüstet sein. + +Tasso. +Und wer sich rüsten will, muss eine Kraft +Im Busen fühlen, die ihm nie versagt. +Ach! Sie versagt mir eben jetzt! Im Glück +Verlässt sie mich, die angeborne Kraft, +Die standhaft mich dem Unglück, stolz dem Unrecht +Begegnen lehrte. Hat die Freude mir, +Hat das Entzücken dieses Augenblicks +Das Mark in meinen Gliedern aufgelöst? +Es sinken meine Knie! Noch einmal +Siehst du, o Fürstin, mich gebeugt vor dir! +Erhöre meine Bitte: Nimm ihn weg! +Dass, wie aus einem schönen Traum erwacht, +Ich ein erquicktes neues Leben fühle. + +Prinzessin. +Wenn du bescheiden ruhig das Talent, +Das dir die Götter gaben, tragen kannst, +So lern' auch diese Zweige tragen, die +Das Schönste sind, was wir dir geben können. +Wem einmal, würdig, sie das Haupt berührt, +Dem schweben sie auf ewig um die Stirne. + +Tasso. +So lasst mich denn beschämt von hinnen gehn! +Lasst mich mein Glück im tiefen Hain verbergen, +Wie ich sonst meine Schmerzen dort verbarg. +Dort will ich einsam wandeln, dort erinnert +Kein Auge mich ans unverdiente Glück. +Und zeigt mir ungefähr ein klarer Brunnen +In seinem reinen Spiegel einen Mann, +Der wunderbar bekränzt im Widerschein +Des Himmels zwischen Bäumen, zwischen Felsen +Nachdenkend ruht: So scheint es mir, ich sehe +Elysium auf dieser Zauberfläche +Gebildet. Still bedenk' ich mich und frage: +Wer mag der Abgeschiedne sein? Der Jüngling +Aus der vergangnen Zeit? So schön bekränzt? +Wer sagt mir seinen Namen? Sein Verdienst? +Ich warte lang' und denke: Käme doch +Ein andrer und noch einer, sich zu ihm +In freundlichem Gespräche zu gesellen! +O säh' ich die Heroen, die Poeten +Der alten Zeit um diesen Quell versammelt! +O säh' ich hier sie immer unzertrennlich, +Wie sie im Leben fest verbunden waren! +So bindet der Magnet durch seine Kraft +Das Eisen mit dem Eisen fest zusammen, +Wie gleiches Streben Held und Dichter bindet. +Homer vergaß sich selbst, sein ganzes Leben +War der Betrachtung zweier Männer heilig, +Und Alexander in Elysium +Eilt, den Achill und den Homer zu suchen. +O dass ich gegenwärtig wäre, sie, +Die größten Seelen, nun vereint zu sehen! + +Leonore. +Erwach'! Erwache! Lass uns nicht empfinden, +Dass du das Gegenwärt'ge ganz verkennst. + +Tasso. +Es ist die Gegenwart, die mich erhöht, +Abwesend schein' ich nur: Ich bin entzückt. + +Prinzessin. +Ich freue mich, wenn du mit Geistern redest, +Dass du so menschlich sprichst, und hör' es gern. + +(Ein Page tritt zu dem Fürsten und richtet leise etwas aus.) + +Alphons. +Er ist gekommen! Recht zur guten Stunde. +Antonio!--Bring ihn her--Da kommt er schon! + + + +Vierter Auftritt +Die Vorigen. Antonio. + +Alphons. +Willkommen! Der du uns zugleich dich selbst +Und gute Botschaft bringst. + +Prinzessin. + Sei uns gegrüßt! + +Antonio. +Kaum wag' ich es zu sagen, welch Vergnügen +In eurer Gegenwart mich neu belebt. +Vor euren Augen find' ich alles wieder, +Was ich so lang' entbehrt. Ihr scheint zufrieden +Mit dem, was ich getan, was ich vollbracht; +Und so bin ich belohnt für jede Sorge, +Für manchen bald mit Ungeduld durchharrten, +Bald absichtsvoll verlornen Tag. Wir haben +Nun, was wir wünschen, und kein Streit ist mehr. + +Leonore. +Auch ich begrüße dich, wenn ich schon zürne. +Du kommst nur eben, da ich reisen muss. + +Antonio. +Damit mein Glück nicht ganz vollkommen werde, +Nimmst du mir gleich den schönen Teil hinweg. + +Tasso. +Auch meinen Gruß! Ich hoffe mich der Nähe +Des viel erfahrnen Mannes auch zu freun. + +Antonio. +Du wirst mich wahrhaft finden, wenn du je +Aus deiner Welt in meine schauen magst. + +Alphons. +Wenn du mir gleich in Briefen schon gemeldet, +Was du getan, und wie es dir ergangen, +So hab' ich doch noch manches auszufragen, +Durch welche Mittel das Geschäft gelang. +Auf jenem wunderbaren Boden will der Schritt +Wohl abgemessen sein, wenn er zuletzt +An deinen eignen Zweck dich führen soll. +Wer seines Herren Vorteil rein bedenkt, +Der hat in Rom gar einen schweren Stand: +Denn Rom will alles nehmen, geben nichts; +Und kommt man hin, um etwas zu erhalten, +Erhält man nichts, man bringe denn was hin, +Und glücklich, wenn man da noch was erhält. + +Antonio. +Es ist nicht mein Betragen, meine Kunst, +Durch die ich deinen Willen, Herr, vollbracht; +Denn welcher Kluge fänd' im Vatikan +Nicht seinen Meister? Vieles traf zusammen, +Das ich zu unserm Vorteil nutzen konnte. +Dich ehrt Gregor und grüßt und segnet dich. +Der Greis, der würdigste, dem eine Krone +Das Haupt belastet, denkt der Zeit mit Freuden, +Da er in seinen Arm dich schloss. Der Mann, +Der Männer unterscheidet, kennt und rühmt +Dich hoch! Um deinetwillen tat er viel. + +Alphons. +Ich freue seiner guten Meinung mich, +Sofern sie redlich ist. Doch weißt du wohl, +Vom Vatikan herab sieht man die Reiche +Schon klein genug zu seinen Füßen liegen, +Geschweige denn die Fürsten und die Menschen. +Gestehe nur, was dir am meisten half! + +Antonio. +Gut! Wenn du willst: Der hohe Sinn des Papsts. +Er sieht das Kleine klein, das Große groß. +Damit er einer Welt gebiete, gibt +Er seinen Nachbarn gern und freundlich nach. +Das Streifchen Land, das er dir überlässt, +Weiß er, wie deine Freundschaft, wohl zu schätzen. +Italien soll ruhig sein, er will +In seiner Nähe Freunde sehen, Friede +Bei seinen Grenzen halten, dass die Macht +Der Christenheit, die er gewaltig lenkt, +Die Türken da, die Ketzer dort vertilge. + +Prinzessin. +Weiß man die Männer, die er mehr als andre +Begünstigt, die sich ihm vertraulich nahn? + +Antonio. +Nur der erfahrne Mann besitzt sein Ohr, +Der tätige sein Zutraun, seine Gunst. +Er, der von Jugend auf dem Staat gedient, +Beherrscht ihn jetzt und wirkt auf jene Höfe, +Die er vor Jahren als Gesandter schon +Gesehen und gekannt und oft gelenkt. +Es liegt die Welt so klar vor seinem Blick +Als wie der Vorteil seines eignen Staats. +Wenn man ihn handeln sieht, so lobt man ihn +Und freut sich, wenn die Zeit entdeckt, was er +Im stillen lang' bereitet und vollbracht. +Es ist kein schönrer Anblick in der Welt, +Als einen Fürsten sehn, der klug regieret, +Das Reich zu sehn, wo jeder stolz gehorcht, +Wo jeder sich nur selbst zu dienen glaubt, +Weil ihm das Rechte nur befohlen wird. + +Leonore. +Wie sehnlich wünscht' ich jene Welt einmal +Recht nah zu sehn! + +Alphons. +Doch wohl um mit zu wirken +Denn bloß beschaun wird Leonore nie. +Es wäre doch recht artig, meine Freundin, +Wenn in das große Spiel wir auch zuweilen +Die zarten Hände mischen könnten--Nicht? + +Leonore (zu Alphons). +Du willst mich reizen, es gelingt dir nicht. + +Alphons. +Ich bin dir viel von andern Tagen schuldig. + +Leonore. +Nun gut, so bleib' ich heut in deiner Schuld! +Verzeih' und störe meine Fragen nicht. +(Zu Antonio.) Hat er für die Nepoten viel getan? + +Antonio. +Nicht weniger noch mehr, als billig ist. +Ein Mächtiger, der für die Seinen nicht +Zu sorgen weiß, wird von dem Volke selbst +Getadelt. Still und mäßig weiß Gregor +Den Seinigen zu nutzen, die dem Staat +Als wackre Männer dienen, und erfüllt +Mit Einer Sorge zwei verwandte Pflichten. + +Tasso. +Erfreut die Wissenschaft, erfreut die Kunst +Sich seines Schutzes auch? Und eifert er +Den großen Fürsten alter Zeiten nach? + +Antonio. +Er ehrt die Wissenschaft, so fern sie nutzt, +Den Staat regieren, Völker kennen lehrt; +Er schätzt die Kunst, so fern sie ziert, sein Rom +Verherrlicht und Palast und Tempel +Zu Wunderwerken dieser Erde macht. +In seiner Nähe darf nichts müßig sein! +Was gelten soll, muss wirken und muss dienen. + +Alphons. +Und glaubst du, dass wir das Geschäfte bald +Vollenden können? Dass sie nicht zuletzt +Noch hie und da uns Hindernisse streuen? + +Antonio. +Ich müsste sehr mich irren, wenn nicht gleich +Durch deinen Nahmenszug, durch wenig Briefe +Auf immer dieser Zwist gehoben wäre. + +Alphons. +So lob' ich diese Tage meines Lebens +Als eine Zeit des Glückes und Gewinns. +Erweitert seh' ich meine Grenze, weiß +Sie für die Zukunft sicher. Ohne Schwertschlag +Hast du's geleistet, eine Bürgerkrone +Dir wohl verdient. Es sollen unsre Frauen +Vom ersten Eichenlaub am schönsten Morgen +Geflochten dir sie um die Stirne legen. +Indessen hat mich Tasso auch bereichert: +Er hat Jerusalem für uns erobert +Und so die neue Christenheit beschämt, +Ein weit entferntes, hoch gestecktes Ziel +Mit frohem Mut und strengem Fleiß erreicht. +Für seine Mühe siehst du ihn gekrönt. + +Antonio. +Du lösest mir ein Räthsel. Zwei Bekränzte +Erblickt' ich mit Verwundrung, da ich kam. + +Tasso. +Wenn du mein Glück vor deinen Augen siehst, +So wünscht' ich, dass du mein beschämt Gemüt +Mit eben diesem Blicke schauen könntest. + +Antonio. +Mir war es lang' bekannt, dass im Belohnen +Alphons unmäßig ist, und du erfährst +Was jeder von den Seinen schon erfuhr. + +Prinzessin. +Wenn du erst siehst, was er geleistet hat, +So wirst du uns gerecht und mäßig finden. +Wir sind nur hier die ersten stillen Zeugen +Des Beifalls, den die Welt ihm nicht versagt, +Und den ihm zehnfach künft'ge Jahre gönnen. + +Antonio. +Er ist durch euch schon seines Ruhms gewiss. +Wer dürfte zweifeln, wo ihr preisen könnt? +Doch sage mir, wer druckte diesen Kranz +Auf Ariostes Stirne? + +Leonore. + Diese Hand. + +Antonio. +Und sie hat wohl getan! Er ziert ihn schön, +Als ihn der Lorbeer selbst nicht zieren würde. +Wie die Natur die innig reiche Brust +Mit einem grünen bunten Kleide deckt, +So hüllt er alles, was den Menschen nur +Ehrwürdig, liebenswürdig machen kann, +Ins blühende Gewand der Fabel ein. +Zufriedenheit, Erfahrung und Verstand +Und Geisteskraft, Geschmack und reiner Sinn +Fürs wahre Gute, geistig scheinen sie +In seinen Liedern und persönlich doch +Wie unter Blütenbäumen auszuruhn, +Bedeckt vom Schnee der leicht getragnen Blüten, +Umkränzt von Rosen, wunderlich umgaukelt +Vom losen Zauberspiel der Amoretten. +Der Quell des Überflusses rauscht darneben, +Und lässt uns bunte Wunderfische sehn. +Von seltenem Geflügel ist die Luft, +Von fremden Herden Wies' und Busch erfüllt; +Die Schalkheit lauscht im Grünen halb versteckt, +Die Weisheit lässt von einer goldnen Wolke +Von Zeit zu Zeit erhabne Sprüche tönen, +Indes auf wohl gestimmter Laute wild +Der Wahnsinn hin und her zu wühlen scheint +Und doch im schönsten Takt sich mäßig hält. +Wer neben diesem Mann sich wagen darf, +Verdient für seine Kühnheit schon den Kranz. +Vergebt, wenn ich mich selbst begeistert fühle, +Wie ein Verzückter weder Zeit noch Ort, +Noch, was ich sage, wohl bedenken kann; +Denn alle diese Dichter, diese Kränze, +Das seltne festliche Gewand der Schönen +Versetzt mich aus mir selbst in fremdes Land. + +Prinzessin. +Wer ein Verdienst so wohl zu schätzen weiß, +Der wird das andre nicht verkennen. Du +Sollst uns dereinst in Tassos Liedern zeigen, +Was wir gefühlt und was nur du erkennst. + +Alphons. +Komm mit, Antonio! Manches hab' ich noch, +Worauf ich sehr begierig bin, zu fragen. +Dann sollst du bis zum Untergang der Sonne +Den Frauen angehören. Komm! Lebt wohl. + +(Dem Fürsten folgt Antonio, den Damen Tasso.) + + + + +Zweiter Aufzug +(Saal.) + + + +Erster Auftritt +Prinzessin. Tasso. + +Tasso. +Unsicher folgen meine Schritte dir, +O Fürstin, und Gedanken ohne Maß +Und Ordnung regen sich in meiner Seele. +Mir scheint die Einsamkeit zu winken, mich +Gefällig anzulispeln: Komm, ich löse +Die neu erregten Zweifel deiner Brust. +Doch werf' ich einen Blick auf dich, vernimmt +Mein horchend Ohr ein Wort von deiner Lippe, +So wird ein neuer Tag um mich herum, +Und alle Bande fallen von mir los. +Ich will dir gern gestehn, es hat der Mann, +Der unerwartet zu uns trat, nicht sanft +Aus einem schönen Traum mich aufgeweckt; +Sein Wesen, seine Worte haben mich +So wunderbar getroffen, dass ich mehr +Als je mich doppelt fühle, mit mir selbst +Aufs neu' in streitender Verwirrung bin. + +Prinzessin. +Es ist unmöglich, dass ein alter Freund, +Der, lang' entfernt, ein fremdes Leben führte, +Im Augenblick, da er uns wieder sieht, +Sich wieder gleich wie ehmals finden soll. +Er ist in seinem Innern nicht verändert; +Lass uns mit ihm nur wenig Tage leben, +So stimmen sich die Saiten hin und wider, +Bis glücklich eine schöne Harmonie +Aufs neue sie verbindet. Wird er dann +Auch näher kennen, was du diese Zeit +Geleistet hast, so stellt er dich gewiss +Dem Dichter an die Seite, den er jetzt +Als einen Riesen dir entgegen stellt. + +Tasso. +Ach, meine Fürstin, Ariostes Lob +Aus seinem Munde hat mich mehr ergötzt, +Als dass es mich beleidigt hätte. Tröstlich +Ist es für uns, den Mann gerühmt zu wissen, +Der als ein großes Muster vor uns steht. +Wir können uns im stillen Herzen sagen: +Erreichst du einen Teil von seinem Wert, +Bleibt dir ein Teil auch seines Ruhms gewiss. +Nein, was das Herz im tiefsten mir bewegte, +Was mir noch jetzt die ganze Seele füllt, +Es waren die Gestalten jener Welt, +Die sich lebendig, rastlos, ungeheuer +Um einen großen, einzig klugen Mann +Gemessen dreht und ihren Lauf vollendet, +Den ihr der Halbgott vorzuschreiben wagt. +Begierig horcht' ich auf, vernahm mit Lust +Die sichern Worte des erfahrnen Mannes; +Doch ach! Je mehr ich horchte, mehr und mehr +Versank ich vor mir selbst, ich fürchtete, +Wie Echo an den Felsen zu verschwinden, +Ein Widerhall, ein Nichts mich zu verlieren. + +Prinzessin. +Und schienst noch kurz vorher so rein zu fühlen, +Wie Held und Dichter füreinander leben, +Wie Held und Dichter sich einander suchen +Und keiner je den andern neiden soll? +Zwar herrlich ist die liedeswerte Tat, +Doch schön ist's auch, der Taten stärkste Fülle +Durch würd'ge Lieder auf die Nachwelt bringen. +Begnüge dich aus einem kleinen Staate, +Der dich beschützt, dem wilden Lauf der Welt, +Wie von dem Ufer, ruhig zuzusehn. + +Tasso. +Und sah ich hier mit Staunen nicht zuerst, +Wie herrlich man den tapfern Mann belohnt? +Als unerfahrner Knabe kam ich her, +In einem Augenblick, da Fest auf Fest +Ferrara zu dem Mittelpunkt der Ehre +Zu machen schien. O! Welcher Anblick war's! +Den weiten Platz, auf dem in ihrem Glanze +Gewandte Tapferkeit sich zeigen sollte, +Umschloss ein Kreis, wie ihn die Sonne nicht +So bald zum zweiten Mal bescheinen wird. +Es saßen hier gedrängt die schönsten Frauen, +Gedrängt die ersten Männer unsrer Zeit. +Erstaunt durchlief der Blick die edle Menge; +Man rief: Sie alle hat das Vaterland, +Das eine, schmale, Meer umgebne Land, +Hierher geschickt. Zusammen bilden sie +Das herrlichste Gericht, das über Ehre, +Verdienst und Tugend je entschieden hat. +Gehst du sie einzeln durch, du findest keinen, +Der seines Nachbarn sich zu schämen brauche!-- +Und dann eröffneten die Schranken sich; +Da stampften Pferde, glänzten Helm und Schilde, +Da drängten sich die Knappen, da erklang +Trompetenschall, und Lanzen krachten splitternd, +Getroffen tönten Helm' und Schilde, Staub, +Auf einen Augenblick, umhüllte wirbelnd +Des Siegers Ehre, des Besiegten Schmach. +O lass mich einen Vorhang vor das ganze, +Mir allzu helle Schauspiel ziehen, dass +In diesem schönen Augenblicke mir +Mein Unwert nicht zu heftig fühlbar werde. + +Prinzessin. +Wenn jener edle Kreis, wenn jene Taten +Zu Müh' und Streben damals dich entflammten, +So konnt' ich, junger Freund, zu gleicher Zeit +Der Duldung stille Lehre dir bewähren. +Die Feste, die du rühmst, die hundert Zungen +Mir damals priesen und mir manches Jahr +Nachher gepriesen haben, sah ich nicht. +Am stillen Ort, wohin kaum unterbrochen +Der letzte Widerhall der Freude sich +Verlieren konnte, musst' ich manche Schmerzen +Und manchen traurigen Gedanken leiden. +Mit breiten Flügeln schwebte mir das Bild +Des Todes vor den Augen, deckte mir +Die Aussicht in die immer neue Welt. +Nur nach und nach entfernt' es sich, und ließ +Mich, wie durch einen Flor, die bunten Farben +Des Lebens, blass, doch angenehm, erblicken. +Ich sah' lebend'ge Formen wieder sanft sich regen. +Zum ersten Mal trat ich, noch unterstützt +Von meinen Frauen, aus dem Krankenzimmer, +Da kam Lucretia voll frohen Lebens +Herbei und führte dich an ihrer Hand. +Du warst der erste, der im neuen Leben +Mir neu und unbekannt entgegen trat. +Da hofft ich viel für dich und mich; auch hat +Uns bis hierher die Hoffnung nicht betrogen. + +Tasso. +Und ich, der ich, betäubt von dem Gewimmel +Des drängenden Gewühls, von so viel Glanz +Geblendet, und von mancher Leidenschaft +Bewegt, durch stille Gänge des Palasts +An deiner Schwester Seite schweigend ging, +Dann in das Zimmer trat, wo du uns bald, +Auf deine Fraun gelehnt erschienest--mir +Welch ein Moment war dieser! O vergib! +Wie den Bezauberten von Rausch und Wahn +Der Gottheit Nähe leicht und willig heilt, +So war auch ich von aller Phantasie, +Von jeder Sucht, von jedem falschen Triebe +Mit einem Blick in deinen Blick geheilt. +Wenn unerfahren die Begierde sich +Nach tausend Gegenständen sonst verlor, +Trat ich beschämt zuerst in mich zurück +Und lernte nun das Wünschenswerte kennen. +So sucht man in dem weiten Sand des Meers +Vergebens eine Perle, die verborgen +In stillen Schalen eingeschlossen ruht. + +Prinzessin. +Es fingen schöne Zeiten damals an, +Und hätt' uns nicht der Herzog von Urbino +Die Schwester weggeführt, uns wären Jahre +Im schönen, ungetrübten Glück verschwunden. +Doch leider jetzt vermissen wir zu sehr +Den frohen Geist, die Brust voll Mut und Leben, +Den reichen Witz der liebenswürd'gen Frau. + +Tasso. +Ich weiß es nur zu wohl, seit jenem Tage, +Da sie von hinnen schied, vermochte dir +Die reine Freude niemand zu ersetzen. +Wie oft zerriss es meine Brust! Wie oft +Klagt' ich dem stillen Hain mein Leid um dich! +Ach! Rief ich aus, hat denn die Schwester nur +Das Glück, das Recht, der Teuern viel zu sein? +Ist denn kein Herz mehr wert, dass sie sich ihm +Vertrauen dürfte, kein Gemüt dem ihren +Mehr gleich gestimmt? Ist Geist und Witz verloschen? +Und war die eine Frau, so trefflich sie +Auch war, denn alles? Fürstin! O verzeih! +Da dacht' ich manchmal an mich selbst und wünschte, +Dir etwas sein zu können. Wenig nur, +Doch etwas, nicht mit Worten, mit der Tat +Wünscht' ich's zu sein, im Leben dir zu zeigen, +Wie sich mein Herz im Stillen dir geweiht. +Doch es gelang mir nicht, und nur zu oft +Tat ich im Irrtum was dich schmerzen musste, +Beleidigte den Mann, den du beschütztest, +Verwirrte unklug was du lösen wolltest, +Und fühlte so mich stets im Augenblick, +Wenn ich mich nahen wollte, fern und ferner. + +Prinzessin. +Ich habe, Tasso, deinen Willen nie +Verkannt und weiß, wie du, dir selbst zu schaden, +Geschäftig bist. Anstatt dass meine Schwester +Mit jedem, wie er sei, zu leben weiß, +So kannst du selbst nach vielen Jahren kaum +In einen Freund dich finden. + +Tasso. +Tadle mich! +Doch sage mir hernach: Wo ist der Mann, +Die Frau, mit der ich wie mit dir +Aus freiem Busen wagen darf zu reden? + +Prinzessin. +Du solltest meinem Bruder dich vertraun. + +Tasso. +Er ist mein Fürst!--Doch glaube nicht, dass mir +Der Freiheit wilder Trieb den Busen blähe. +Der Mensch ist nicht geboren, frei zu sein, +Und für den Edeln ist kein schöner Glück, +Als einem Fürsten, den er ehrt, zu dienen. +Und so ist er mein Herr, und ich empfinde +Den ganzen Umfang dieses großen Worts. +Nun muss ich schweigen lernen, wenn er spricht, +Und tun, wenn er gebietet, mögen auch +Verstand und Herz ihm lebhaft widersprechen. + +Prinzessin. +Das ist der Fall bei meinem Bruder nie, +Und nun, da wir Antonio wieder haben, +Ist dir ein neuer kluger Freund gewiss. + +Tasso. +Ich hofft' es ehmals, jetzt verzweifl' ich fast. +Wie lehrreich wäre mir sein Umgang, nützlich +Sein Rat in tausend Fällen! Er besitzt, +Ich mag wohl sagen, alles, was mir fehlt. +Doch--haben alle Götter sich versammelt, +Geschenke seiner Wiege darzubringen-- +Die Grazien sind leider ausgeblieben, +Und wem die Gaben dieser Holden fehlen, +Der kann zwar viel besitzen, vieles geben, +Doch lässt sich nie an seinem Busen ruhn. + +Prinzessin. +Doch lässt sich ihm vertraun, und das ist viel. +Du musst von einem Mann nicht alles fordern, +Und dieser leistet, was er dir verspricht. +Hat er sich erst für deinen Freund erklärt, +So sorgt er selbst für dich, wo du dir fehlst. +Ihr müsst verbunden sein! Ich schmeichle mir, +Dies schöne Werk in kurzem zu vollbringen. +Nur widerstehe nicht, wie du es pflegst! +So haben wir Lenore lang besessen, +Die fein und zierlich ist, mit der es leicht +Sich leben lässt; auch dieser hast du nie, +Wie sie es wünschte, näher treten wollen. + +Tasso. +Ich habe dir gehorcht, sonst hätt' ich mich +Von ihr entfernt, anstatt mich ihr zu nahen. +So liebenswürdig sie erscheinen kann, +Ich weiß nicht, wie es ist, konnt' ich nur selten +Mit ihr ganz offen sein, und wenn sie auch +Die Absicht hat, den Freunden wohl zu tun, +So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt. + +Prinzessin. +Auf diesem Wege werden wir wohl nie +Gesellschaft finden, Tasso! Dieser Pfad +Verleitet uns, durch einsames Gebüsch, +Durch stille Täler fortzuwandern; mehr +Und mehr verwöhnt sich das Gemüt, und strebt, +Die goldne Zeit, die ihm von außen mangelt, +In seinem Innern wieder herzustellen, +So wenig der Versuch gelingen will. + +Tasso. +O welches Wort spricht meine Fürstin aus. +Die goldne Zeit, wohin ist sie geflohn, +Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt? +Da auf der freien Erde Menschen sich +Wie frohe Herden im Genuss verbreiteten; +Da ein uralter Baum auf bunter Wiese +Dem Hirten und der Hirtin Schatten gab, +Ein jüngeres Gebüsch die zarten Zweige +Um sehnsuchtsvolle Liebe traulich schlang; +Wo klar und still auf immer reinem Sande +Der weiche Fluss die Nymphe sanft umfing; +Wo in dem Grase die gescheuchte Schlange +Unschädlich sich verlor, der kühne Faun, +Vom tapfern Jüngling bald bestraft, entfloh; +Wo jeder Vogel in der freien Luft +Und jedes Tier, durch Berg' und Täler schweifend, +Zum Menschen sprach: Erlaubt ist, was gefällt. + +Prinzessin. +Mein Freund, die goldne Zeit ist wohl vorbei; +Allein die Guten bringen sie zurück. +Und soll ich dir gestehen, wie ich denke: +Die goldne Zeit, womit der Dichter uns +Zu schmeicheln pflegt, die schöne Zeit, sie war, +So scheint es mir, so wenig als sie ist; +Und war sie je, so war sie nur gewiss, +Wie sie uns immer wieder werden kann. +Noch treffen sich verwandte Herzen an +Und teilen den Genuss der schönen Welt; +Nur in dem Wahlspruch ändert sich, mein Freund, +Ein einzig Wort: Erlaubt ist was sich ziemt. + +Tasso. +O wenn aus guten, edlen Menschen nur +Ein allgemein Gericht bestellt entschiede, +Was sich denn ziemt! Anstatt dass jeder glaubt, +Es sei auch schicklich, was ihm nützlich ist. +Wir sehn ja, dem Gewaltigen, dem Klugen +Steht alles wohl, und er erlaubt sich alles. + +Prinzessin. +Willst du genau erfahren, was sich ziemt, +So frage nur bei edlen Frauen an. +Denn ihnen ist am meisten dran gelegen, +Dass alles wohl sich zieme, was geschieht. +Die Schicklichkeit umgibt mit einer Mauer +Das zarte, leicht verletzliche Geschlecht. +Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie, +Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts. +Und wirst du die Geschlechter beide fragen: +Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte. + +Tasso. +Du nennest uns unbändig, roh, gefühllos? + +Prinzessin. +Nicht das! Allein ihr strebt nach fernen Gütern, +Und euer Streben muss gewaltsam sein. +Ihr wagt es, für die Ewigkeit zu handeln, +Wenn wir ein einzig nah beschränktes Gut +Auf dieser Erde nur besitzen möchten, +Und wünschen, dass es uns beständig bleibe. +Wir sind von keinem Männerherzen sicher, +Das noch so warm sich einmal uns ergab. +Die Schönheit ist vergänglich, die ihr doch +Allein zu ehren scheint. Was übrig bleibt, +Das reizt nicht mehr, und was nicht reizt, ist tot. +Wenn's Männer gäbe, die ein weiblich Herz +Zu schätzen wüssten, die erkennen möchten, +Welch einen holden Schatz von Treu' und Liebe +Der Busen einer Frau bewahren kann; +Wenn das Gedächtnis einzig schöner Stunden +In euren Seelen lebhaft bleiben wollte; +Wenn euer Blick, der sonst durchdringend ist, +Auch durch den Schleier dringen könnte, den +Uns Alter oder Krankheit überwirft; +Wenn der Besitz, der ruhig machen soll, +Nach fremden Gütern euch nicht lüstern machte: +Dann wär' uns wohl ein schöner Tag erschienen, +Wir feierten dann unsre goldne Zeit. + +Tasso. +Du sagst mir Worte, die in meiner Brust +Halb schon entschlafne Sorgen mächtig regen. + +Prinzessin. +Was meinst du, Tasso? Rede frei mit mir. + +Tasso. +Oft hört' ich schon, und diese Tage wieder +Hab' ich's gehört, ja hätt' ich's nicht vernommen, +So müsst' ich's denken: Edle Fürsten streben +Nach deiner Hand! Was wir erwarten müssen, +Das fürchten wir und möchten schier verzweifeln, +Verlassen wirst du uns, es ist natürlich; +Doch wie wir's tragen wollen, weiß ich nicht. + +Prinzessin. +Für diesen Augenblick seid unbesorgt! +Fast möcht' ich sagen: Unbesorgt für immer. +Hier bin ich gern, und gerne mag ich bleiben. +Noch weiß ich kein Verhältnis, das mich lockte; +Und wenn ihr mich denn ja behalten wollt, +So lasst es mir durch Eintracht sehn und schafft +Euch selbst ein glücklich Leben, mir durch euch. + +Tasso. +O lehre mich, das Mögliche zu tun! +Gewidmet sind dir alle meine Tage. +Wenn, dich zu preisen, dir zu danken, sich +Mein Herz entfaltet, dann empfind' ich erst +Das reinste Glück, das Menschen fühlen können; +Das Göttlichste erfuhr ich nur in dir. +So unterscheiden sich die Erdengötter +Vor andern Menschen, wie das hohe Schicksal +Vom Rat und Willen selbst der klügsten Männer +Sich unterscheidet. Vieles lassen sie, +Wenn wir gewaltsam Wog' auf Woge sehn, +Wie leichte Wellen, unbemerkt vorüber +Vor ihren Füßen rauschen, hören nicht +Den Sturm, der uns umsaust und niederwirft, +Vernehmen unser Flehen kaum und lassen, +Wie wir beschränkten armen Kindern tun, +Mit Seufzern und Geschrei die Luft uns füllen. +Du hast mich oft, o Göttliche, geduldet, +Und wie die Sonne, trocknete dein Blick +Den Tau von meinen Augenliedern ab. + +Prinzessin. +Es ist sehr billig, dass die Frauen dir +Aufs freundlichste begegnen: Es verherrlicht +Dein Lied auf manche Weise das Geschlecht. +Zart oder tapfer, hast du stets gewusst, +Sie liebenswert und edel vorzustellen; +Und wenn Armide hassenswert erscheint, +Versöhnt ihr Reiz und ihre Liebe bald. + +Tasso. +Was auch in meinem Liede widerklingt, +Ich bin nur einer, einer alles schuldig! +Es schwebt kein geistig unbestimmtes Bild +Vor meiner Stirne, das der Seele bald +Sich überglänzend nahte, bald entzöge. +Mit meinen Augen hab' ich es gesehn, +Das Urbild jeder Tugend, jeder Schöne; +Was ich nach ihm gebildet, das wird bleiben: +Tancredes Heldenliebe zu Chlorinde, +Erminies stille, nicht bemerkte Treue, +Sophronies Großheit und Olindes Not, +Es sind nicht Schatten, die der Wahn erzeugte, +Ich weiß es, sie sind ewig; denn sie sind. +Und was hat mehr das Recht, Jahrhunderte +Zu bleiben und im stillen fortzuwirken, +Als das Geheimnis einer edlen Liebe, +Dem holden Lied bescheiden anvertraut? + +Prinzessin. +Und soll ich dir noch einen Vorzug sagen, +Den unvermerkt sich dieses Lied erschleicht? +Es lockt uns nach und nach, wir hören zu, +Wir hören und wir glauben zu verstehn, +Was wir verstehn, das können wir nicht tadeln, +Und so gewinnt uns dieses Lied zuletzt. + +Tasso. +Welch einen Himmel öffnest du vor mir, +O Fürstin! Macht mich dieser Glanz nicht blind, +So seh' ich unverhofft ein ewig Glück +Auf goldnen Strahlen herrlich niedersteigen. + +Prinzessin. +Nicht weiter, Tasso! Viele Dinge sind's, +Die wir mit Heftigkeit ergreifen sollen: +Doch andre können nur durch Mäßigung +Und durch Entbehren unser eigen werden. +So, sagt man, sei die Tugend, sei die Liebe, +Die ihr verwandt ist. Das bedenke wohl! + + + +Zweiter Auftritt +Tasso (allein). + +Ist dir's erlaubt, die Augen aufzuschlagen? +Wagst du's umher zu sehn? Du bist allein! +Vernahmen diese Säulen was sie sprach? +Und hast du Zeugen, diese stumme Zeugen +Des höchsten Glücks zu fürchten? Es erhebt +Die Sonne sich des neuen Lebenstages, +Der mit den vorigen sich nicht vergleicht. +Hernieder steigend hebt die Göttin schnell +Den Sterblichen hinauf. Welch neuer Kreis +Entdeckt sich meinem Auge, welches Reich! +Wie köstlich wird der heiße Wunsch belohnt! +Ich träumte mich dem höchsten Glücke nah, +Und dieses Glück ist über alle Träume. +Der Blindgeborne denke sich das Licht, +Die Farben wie er will; erscheinet ihm +Der neue Tag, ist's ihm ein neuer Sinn. +Voll Mut und Ahnung, freudetrunken schwankend +Betret' ich diese Bahn. Du gibst mir viel, +Du gibst, wie Erd' und Himmel uns Geschenke +Mit vollen Händen übermäßig reichen, +Und forderst wieder, was von mir zu fordern +Nur eine solche Gabe dich berechtigt. +Ich soll entbehren, soll mich mäßig zeigen +Und so verdienen, dass du mir vertraust. +Was tat ich je, dass sie mich wählen konnte? +Was soll ich tun, um ihrer wert zu sein? +Sie konnte dir vertraun und dadurch bist du's. +Ja, Fürstin, deinen Worten, deinen Blicken +Sei ewig meine Seele ganz geweiht! +Ja, fordre was du willst, denn ich bin dein! +Sie sende mich, Müh' und Gefahr und Ruhm +In fernen Landen aufzusuchen, reiche +Im stillen Hain die goldne Leier mir, +Sie weihe mich der Ruh' und ihrem Preis: +Ihr bin ich, bildend soll sie mich besitzen, +Mein Herz bewahrte jeden Schatz für sie. +O hätt' ein tausendfaches Werkzeug mir +Ein Gott gegönnt, kaum drückt' ich dann genug +Die unaussprechliche Verehrung aus. +Des Mahlers Pinsel und des Dichters Lippe, +Die süßeste, die je von frühem Honig +Genährt war, wünscht' ich mir. Nein, künftig soll +Nicht Tasso zwischen Bäumen, zwischen Mensch +Sich einsam, schwach und trüb gesinnt verlieren! +Er ist nicht mehr allein, er ist mit dir. +O dass die edelste der Taten sich +Hier sichtbar vor mich stellte, rings umgeben +Von grässlicher Gefahr! Ich dränge zu +Und wagte gern das Leben, das ich nun +Von ihren Händen habe--forderte +Die besten Menschen mir zu Freunden auf, +Unmögliches mit einer edeln Schar +Nach Ihrem Wink und Willen zu vollbringen. +Voreiliger, warum verbarg dein Mund +Nicht das, was du empfandst, bis du dich wert +Und werter ihr zu Füßen legen konntest? +Das war dein Vorsatz, war dein kluger Wunsch. +Doch sei es auch! Viel schöner ist es, rein +Und unverdient ein solch Geschenk empfangen, +Als halb und halb zu wähnen, dass man wohl +Es habe fordern dürfen. Blicke freudig! +Es ist so groß, so weit, was vor dir liegt, +Und hoffnungsvolle Jugend lockt dich wieder +In unbekannte, lichte Zukunft hin! +--Schwelle Brust!--O Witterung des Glücks, +Begünst'ge diese Pflanze doch einmal! +Sie strebt gen Himmel, tausend Zweige dringen +Aus ihr hervor, entfalten sich zu Blüten. +O dass sie Furcht, o dass sie Freuden bringe! +Dass eine liebe Hand den goldnen Schmuck +Aus ihren frischen, reichen Ästen breche! + + + +Dritter Auftritt +Tasso. Antonio. + +Tasso. +Sei mir willkommen, den ich gleichsam jetzt +Zum ersten Mal erblicke! Schöner ward +Kein Mann mir angekündigt. Sei willkommen! +Dich kenn' ich nun und deinen ganzen Wert, +Dir biet' ich ohne Zögern Herz und Hand +Und hoffe, dass auch du mich nicht verschmähst. + +Antonio. +Freigebig bietest du mir schöne Gaben, +Und ihren Wert erkenn' ich wie ich soll: +Drum lass mich zögern, eh' ich sie ergreife. +Weiß ich doch nicht, ob ich dir auch dagegen +Ein Gleiches geben kann. Ich möchte gern +Nicht übereilt und nicht undankbar scheinen: +Lass mich für beide klug und sorgsam sein. + +Tasso. +Wer wird die Klugheit tadeln? Jeder Schritt +Des Lebens zeigt, wie sehr sie nötig sei; +Doch schöner ist's, wenn uns die Seele sagt, +Wo wir der feinen Vorsicht nicht bedürfen. + +Antonio. +Darüber frage jeder sein Gemüt, +Weil er den Fehler selbst zu büßen hat. + +Tasso. +So sei's! Ich habe meine Pflicht getan: +Der Fürstin Wort, die uns zu Freunden wünscht, +Hab' ich verehrt und mich dir vorgestellt. +Rückhalten durft' ich nicht, Antonio; doch gewiss, +Zudringen will ich nicht. Es mag denn sein. +Zeit und Bekanntschaft heißen dich vielleicht +Die Gabe wärmer fordern, die du jetzt +So kalt beiseite lehnst und fast verschmähst. + +Antonio. +Der Mäßige wird öfters kalt genannt +Von Menschen, die sich warm vor andern glauben, +Weil sie die Hitze fliegend überfällt. + +Tasso. +Du tadelst, was ich tadle, was ich melde. +Auch ich verstehe wohl, so jung ich bin, +Der Heftigkeit die Dauer vorzuziehn. + +Antonio. +Sehr weislich! Bleibe stets auf diesem Sinne. + +Tasso. +Du bist berechtigt, mir zu raten, mich +Zu warnen; denn es steht Erfahrung dir +Als lang' erprobte Freundin an der Seite. +Doch glaube nur, es horcht ein stilles Herz +Auf jedes Tages, jeder Stunde Warnung +Und übt sich ingeheim an jedem Guten, +Das deine Strenge neu zu lehren glaubt. + +Antonio. +Es ist wohl angenehm, sich mit sich selbst +Beschäft'gen, wenn es nur so nützlich wäre. +Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes +Erkennen; denn er misst nach eignem Maß +Sich bald zu klein und leider oft zu groß. +Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur +Das Leben lehret jedem, was er sei. + +Tasso. +Mit Beifall und Verehrung hör' ich dich. + +Antonio. +Und dennoch denkst du wohl bei diesen Worten +Ganz etwas anders, als ich sagen will. + +Tasso. +Auf diese Weise rücken wir nicht näher. +Es ist nicht klug, es ist nicht wohl getan, +Vorsätzlich einen Menschen zu verkennen, +Er sei auch, wer er sei. Der Fürstin Wort +Bedurft' es kaum, leicht hab' ich dich erkannt: +Ich weiß, dass du das Gute willst und schaffst. +Dein eigen Schicksal lässt dich unbesorgt, +An andre denkst du, Andern stehst du bei, +Und auf des Lebens leicht bewegter Woge +Bleibt dir ein stetes Herz. So seh' ich dich. +Und was wär' ich, ging' ich dir nicht entgegen? +Sucht' ich begierig nicht auch einen Teil +An dem verschlossnen Schatz, den du bewahrst? +Ich weiß, es reut dich nicht, wenn du dich öffnest, +Ich weiß, du bist mein Freund, wenn du mich kennst: +Und eines solchen Freunds bedurft' ich lange. +Ich schäme mich der Unerfahrenheit +Und meiner Jugend nicht. Still ruhet noch +Der Zukunft goldne Wolke mir ums Haupt. +O nimm mich, edler Mann, an deine Brust +Und weihe mich, den Raschen, Unerfahrnen, +Zum mäßigen Gebrauch des Lebens ein. + +Antonio. +In einem Augenblicke forderst du, +Was wohlbedächtig nur die Zeit gewährt. + +Tasso. +In einem Augenblick gewährt die Liebe, +Was Mühe kaum in langer Zeit erreicht. +Ich bitt' es nicht von dir, ich darf es fordern. +Dich ruf' ich in der Tugend Namen auf, +Die gute Menschen zu verbinden eifert. +Und soll ich dir noch einen Namen nennen? +Die Fürstin hofft's, Sie will's--Eleonore, +Sie will mich zu dir führen, dich zu mir. +O lass uns ihrem Wunsch entgegen gehn! +Lass uns verbunden vor die Göttin treten, +Ihr unsern Dienst, die ganze Seele bieten, +Vereint für sie das Würdigste zu tun. +Noch einmal!--Hier ist meine Hand! Schlag ein! +Tritt nicht zurück und weigre dich nicht länger, +O edler Mann, und gönne mir die Wollust, +Die schönste guter Menschen, sich dem Bessern +Vertrauend ohne Rückhalt hinzugeben! + +Antonio. +Du gehst mit vollen Segeln! Scheint es doch, +Du bist gewohnt zu siegen, überall +Die Wege breit, die Pforten weit zu finden. +Ich gönne jeden Wert und jedes Glück +Dir gern, allein ich sehe nur zu sehr, +Wir stehn zu weit noch voneinander ab. + +Tasso. +Es sei an Jahren, an geprüftem Wert; +An frohem Muth und Willen weich' ich keinem. + +Antonio. +Der Wille lockt die Taten nicht herbei; +Der Mut stellt sich die Wege kürzer vor. +Wer angelangt am Ziel ist, wird gekrönt, +Und oft entbehrt ein Würd'ger eine Krone. +Doch gibt es leichte Kränze, Kränze gibt es +Von sehr verschiedner Art: Sie lassen sich +Oft im Spazierengehn bequem erreichen. + +Tasso. +Was eine Gottheit diesem frei gewährt +Und jenem streng versagt, ein solches Gut +Erreicht nicht jeder, wie er will und mag. + +Antonio. +Schreib es dem Glück vor andern Göttern zu, +So hör' ich's gern; denn seine Wahl ist blind. + +Tasso. +Auch die Gerechtigkeit trägt eine Binde +Und schließt die Augen jedem Blendwerk zu. + +Antonio. +Das Glück erhebe billig der Beglückte! +Er dicht' ihm hundert Augen fürs Verdienst +Und kluge Wahl und strenge Sorgfalt an, +Nenn' es Minerva, nenn' es, wie er will, +Er halte gnädiges Geschenk für Lohn, +Zufälligen Putz für wohl verdienten Schmuck. + +Tasso. +Du brauchst nicht deutlicher zu sein. Es ist genug! +Ich blicke tief dir in das Herz und kenne +Für's ganze Leben dich. O kennte so +Dich meine Fürstin auch! Verschwende nicht +Die Pfeile deiner Augen, deiner Zunge! +Du richtest sie vergebens nach dem Kranze, +Dem unverwelklichen, auf meinem Haupt. +Sei erst so groß, mir ihn nicht zu beneiden! +Dann darfst du mir vielleicht ihn streitig machen. +Ich acht' ihn heilig und das höchste Gut: +Doch zeige mir den Mann, der das erreicht, +Wornach ich strebe, zeige mir den Helden, +Von dem mir die Geschichten nur erzählten; +Den Dichter stell' mir vor, der sich Homer, +Virgil sich vergleichen darf, ja, was +Noch mehr gesagt ist, zeige mir den Mann, +Der dreifach diesen Lohn verdiente, den +Die schöne Krone dreifach mehr als mich +Beschämte: Dann sollst du mich kniend sehn +Vor jener Gottheit, die mich so begabte; +Nicht eher stünd' ich auf, bis sie die Zierde +Von meinem Haupt auf seins hinüber drückte. + +Antonio. +Bis dahin bleibst du freilich ihrer wert. + +Tasso. +Man wäge mich, das will ich nicht vermeiden; +Allein Verachtung hab' ich nicht verdient. +Die Krone, der mein Fürst mich würdig achtete, +Die meiner Fürstin Hand für mich gewunden, +Soll keiner mir bezweifeln noch begrinsen! + +Antonio. +Es ziemt der hohe Ton, die rasche Glut +Nicht dir zu mir, noch dir an diesem Orte. + +Tasso. +Was du dir hier erlaubst, das ziemt auch mir. +Und ist die Wahrheit wohl von hier verbannt? +Ist im Palast der freie Geist gekerkert? +Hat hier ein edler Mensch nur Druck zu dulden? +Mich dünkt hier ist die Hoheit erst an ihrem Platz, +Der Seele Hoheit! Darf sie sich der Nähe +Der Großen dieser Erde nicht erfreun? +Sie darf's und soll's. Wir nahen uns dem Fürsten +Durch Adel nur, der uns von Vätern kam; +Warum nicht durchs Gemüt, das die Natur +Nicht jedem groß verlieh, wie sie nicht jedem +Die Reihe großer Ahnherrn geben konnte? +Nur Kleinheit sollte hier sich ängstlich fühlen, +Der Neid, der sich zu seiner Schande zeigt: +Wie keiner Spinne schmutziges Gewebe +An diesen Marmorwänden haften soll. + +Antonio. +Du zeigst mir selbst mein Recht dich zu verschmähn! +Der übereilte Knabe will des Manns +Vertraun und Freundschaft mit Gewalt ertrotzen? +Unsittlich, wie du bist, hältst du dich gut? + +Tasso. +Viel lieber, was ihr euch unsittlich nennt, +Als was ich mir unedel nennen müsste. + +Antonio. +Du bist noch jung genug, dass gute Zucht +Dich eines bessern Wegs belehren kann. + +Tasso. +Nicht jung genug, vor Götzen mich zu neigen, +Und, Trotz mit Trotz zu bänd'gen, alt genug. + +Antonio. +Wo Lippenspiel und Saitenspiel entscheiden, +Ziehst du als Held und Sieger wohl davon. + +Tasso. +Verwegen wär' es, meine Faust zu rühmen; +Denn sie hat nichts getan; doch ich vertrau' ihr. + +Antonio. +Du traust auf Schonung, die dich nur zu sehr +Im frechen Laufe deines Glücks verzog. + +Tasso. +Dass ich erwachsen bin, das fühl' ich nun. +Mit dir am wenigsten hätt' ich gewünscht +Das Wagespiel der Waffen zu versuchen: +Allein du schürest Glut auf Glut, es kocht +Das innre Mark, die schmerzliche Begier +Der Rache siedet schäumend in der Brust. +Bist du der Mann der du dich rühmst, so steh mir! + +Antonio. +Du weißt so wenig wer, als wo du bist. + +Tasso. +Kein Heiligtum heißt uns den Schimpf ertragen. +Du lästerst, du entweihest diesen Ort, +Nicht ich, der ich Vertraun, Verehrung, Liebe, +Das schönste Opfer, dir entgegen trug. +Dein Geist verunreint dieses Paradies +Und deine Worte diesen reinen Saal, +Nicht meines Herzens schwellendes Gefühl, +Das braust, den kleinsten Flecken nicht zu leiden. + +Antonio. +Welch hoher Geist in einer engen Brust! + +Tasso. +Hier ist noch Raum, dem Busen Luft zu machen. + +Antonio. +Es macht das Volk sich auch mit Worten Luft. + +Tasso. +Bist du ein Edelmann wie ich, so zeig' es. + +Antonio. +Ich bin es wohl, doch weiß ich, wo ich bin. + +Tasso. +Komm mit herab, wo unsre Waffen gelten. + +Antonio. +Wie du nicht fordern solltest, folg' ich nicht. + +Tasso. +Der Feigheit ist solch Hindernis willkommen. + +Antonio. +Der Feige droht nur, wo er sicher ist. + +Tasso. +Mit Freuden kann ich diesem Schutz entsagen. + +Antonio. +Vergib dir nur, dem Ort vergibst du nichts. + +Tasso. +Verzeihe mir der Ort dass ich es litt. + +(Er zieht den Degen.) + +Zieh oder folge, wenn ich nicht auf ewig, +Wie ich dich hasse, dich verachten soll. + + + +Vierter Auftritt +Alphons. Die Vorigen. + +Alphons. +In welchem Streit treff' ich euch unerwartet? + +Antonio. +Du findest mich, o Fürst, gelassen stehn +Vor einem, den die Wut ergriffen hat. + +Tasso. +Ich bete dich als eine Gottheit an, +Dass du mit Einem Blick mich warnend bändigst. + +Alphons. +Erzähl', Antonio, Tasso, sag' mir an, +Wie hat der Zwist sich in mein Haus gedrungen? +Wie hat er euch ergriffen, von der Bahn +Der Sitten, der Gesetze kluge Männer +Im Taumel weggerissen? Ich erstaune. + +Tasso. +Du kennst uns beide nicht, ich glaub' es wohl. +Hier dieser Mann, berühmt als klug und sittlich, +Hat roh und hämisch, wie ein unerzogner, +Unedler Mensch, sich gegen mich betragen. +Zutraulich naht' ich ihm, er stieß mich weg; +Beharrlich liebend drang ich mich zu ihm, +Und bitter, immer bittrer, ruht' er nicht, +Bis er den reinsten Tropfen Bluts in mir +Zu Galle wandelte. Verzeih! Du hast mich hier +Als einen Wütenden getroffen. Dieser +Hat alle Schuld, wenn ich mich schuldig machte. +Er hat die Glut gewaltsam angefacht, +Die mich ergriff und mich und ihn verletzte. + +Antonio. +Ihn riss der hohe Dichterschwung hinweg! +Du hast, o Fürst, zuerst mich angeredet, +Hast mich gefragt: Es sei mir nun erlaubt, +Nach diesem raschen Redner auch zu sprechen. + +Tasso. +O ja, erzähl', erzähl' von Wort zu Wort! +Und kannst du jede Silbe, jede Miene +Vor diesen Richter stellen, wag' es nur! +Beleidige dich selbst zum zweiten Male +Und zeuge wider dich! Dagegen will +Ich keinen Hauch und keinen Pulsschlag leugnen. + +Antonio. +Wenn du noch mehr zu reden hast, so sprich; +Wo nicht, so schweig und unterbrich mich nicht. +Ob ich, mein Fürst, ob dieser heiße Kopf +Den Streit zuerst begonnen? Wer es sei, +Der unrecht hat? Ist eine weite Frage, +Die wohl zuvörderst noch auf sich beruht. + +Tasso. +Wie das? Mich dünkt, das ist die erste Frage: +Wer von uns beiden Recht und Unrecht hat. + +Antonio. +Nicht ganz, wie sich's der unbegränzte Sinn +Gedenken mag. + +Alphons. + Antonio! + +Antonio. + Gnädigster, +Ich ehre deinen Wink, doch lass ihn schweigen! +Hab' ich gesprochen, mag er weiter reden; +Du wirst entscheiden. Also sag' ich nur: +Ich kann mit ihm nicht rechten, kann ihn weder +Verklagen, noch mich selbst verteid'gen, noch +Ihm jetzt genug zu tun mich anerbieten. +Denn, wie er steht, ist er kein freier Mann. +Es waltet über ihm ein schwer Gesetz, +Das deine Gnade höchstens lindern wird. +Er hat mir hier gedroht, hat mich gefodert; +Vor dir verbarg er kaum das nackte Schwert. +Und tratst du, Herr, nicht zwischen uns herein, +So stünde jetzt auch ich als pflichtvergessen, +Mitschuldig und beschämt vor deinem Blick. + +Alphons (zu Tasso). +Du hast nicht wohl getan. + +Tasso. + Mich spricht, o Herr, +Mein eigen Herz, gewiss auch deines frei. +Ja, es ist wahr, ich drohte, forderte, +Ich zog. Allein, wie tückisch seine Zunge +Mit wohl gewählten Worten mich verletzt, +Wie scharf und schnell sein Zahn das feine Gift +Mir in das Blut geflößt, wie er das Fieber +Nur mehr und mehr erhitzt--du denkst es nicht! +Gelassen, kalt, hat er mich ausgehalten, +Aufs Höchste mich getrieben. O! Du kennst, +Du kennst ihn nicht und wirst ihn niemals kennen! +Ich trug ihm warm die schönste Freundschaft an-- +Er warf mir meine Gaben vor die Füße; +Und hätte meine Seele nicht geglüht, +So war sie deiner Gnade, deines Dienstes +Auf ewig unwert. Hab' ich des Gesetzes +Und dieses Orts vergessen, so verzeih. +Auf keinem Boden darf ich niedrig sein, +Erniedrigung auf keinem Boden dulden. +Wenn dieses Herz, es sei auch, wo es will, +Dir fehlt und sich, dann strafe, dann verstoße, +Und lass mich nie dein Auge wieder sehn. + +Antonio. +Wie leicht der Jüngling schwere Lasten trägt +Und Fehler wie den Staub vom Kleide schüttelt! +Es wäre zu verwundern, wenn die Zauberkraft +Der Dichtung nicht bekannter wäre, die +Mit dem Unmöglichen so gern ihr Spiel +Zu treiben liebt. Ob du auch so, mein Fürst, +Ob alle deine Diener diese Tat +So unbedeutend halten, zweifl' ich fast. +Die Majestät verbreitet ihren Schutz +Auf jeden, der sich ihr wie einer Gottheit +Und ihrer unverletzten Wohnung naht. +Wie an dem Fuße des Altars bezähmt +Sich auf der Schwelle jede Leidenschaft. +Da blinkt kein Schwert, da fällt kein drohend Wort, +Da fordert selbst Beleid'gung keine Rache. +Es bleibt das weite Feld ein offner Raum +Für Grimm und Unversöhnlichkeit genug: +Dort wird kein Feiger drohn, kein Mann wird fliehn. +Hier diese Mauern haben deine Väter +Auf Sicherheit gegründet, ihrer Würde +Ein Heiligtum befestigt, diese Ruhe +Mit schweren Strafen ernst und klug erhalten; +Verbannung, Kerker, Tod ergriff den Schuldigen. +Da war kein Ansehn der Person, es hielt +Die Milde nicht den Arm des Rechts zurück, +Und selbst der Frevler fühlte sich geschreckt. +Nun sehen wir nach langem, schönem Frieden +In das Gebiet der Sitten rohe Wut +Im Taumel wiederkehren. Herr, entscheide, +Bestrafe! Denn wer kann in seiner Pflicht +Beschränkten Grenzen wandeln, schützet ihn +Nicht das Gesetz und seines Fürsten Kraft? + +Alphons. +Mehr, als ihr beide sagt und sagen könnt, +Lässt unparteiisch das Gemüt mich hören. +Ihr hättet schöner eure Pflicht getan, +Wenn ich dies Urteil nicht zu sprechen hätte; +Denn hier sind Recht und Unrecht nah verwandt. +Wenn dich Antonio beleidigt hat, +So hat er dir auf irgendeine Weise +Genug zu tun, wie du es fordern wirst. +Mir wär' es lieb, ihr wähltet mich zum Austrag. +Indessen, dein Vergehen macht, o Tasso, +Dich zum Gefangnen. Wie ich dir vergebe, +So lindr' ich das Gesetz um deinetwillen. +Verlass uns, Tasso! Bleib auf deinem Zimmer, +Von dir und mit dir selbst allein bewacht. + +Tasso. +Ist dies, o Fürst, dein richterlicher Spruch? + +Antonio. +Erkennest du des Vaters Milde nicht? + +Tasso (zu Antonio). +Mit dir hab' ich vorerst nichts mehr zu reden. +(Zu Alphons.) O Fürst, es übergibt dein ernstes Wort +Mich Freien der Gefangenschaft. Es sei! +Du hältst es recht. Dein heilig Wort verehrend, +Heiß' ich mein innres Herz im tiefsten schweigen. +Es ist mir neu, so neu, dass ich fast dich +Und mich und diesen schönen Ort nicht kenne. +Doch diesen kenn' ich wohl--Gehorchen will ich, +Ob ich gleich hier noch manches sagen könnte +Und sagen sollte. Mir verstummt die Lippe. +War's ein Verbrechen? Wenigstens es scheint, +Ich bin als ein Verbrecher angesehn. +Und, was mein Herz auch sagt, ich bin gefangen. + +Alphons. +Du nimmst es höher, Tasso, als ich selbst. + +Tasso. +Mir bleibt es unbegreiflich wie es ist; +Zwar unbegreiflich nicht, ich bin kein Kind; +Ich meine fast, ich müsst' es denken können. +Auf einmal winkt mich eine Klarheit an, +Doch augenblicklich schließt sich's wieder zu, +Ich höre nur mein Urteil, beuge mich. +Das sind zuviel vergebne Worte schon. +Gewöhne dich von nun an zu gehorchen, +Ohnmächt'ger! Du vergaßest wo du standst: +Der Götter Saal schien dir auf gleicher Erde, +Nun überwältigt dich der jähe Fall. +Gehorche gern; denn es geziemt dem Manne, +Auch willig das Beschwerliche zu tun. +Hier nimm den Degen erst, den du mir gabst, +Als ich dem Kardinal nach Frankreich folgte; +Ich führt' ihn nicht mit Ruhm, doch nicht mit Schande, +Auch heute nicht. Der hoffnungsvollen Gabe +Entäußr' ich mich mit tief gerührtem Herzen. + +Alphons. +Wie ich zu dir gesinnt bin fühlst du nicht. + +Tasso. +Gehorchen ist mein Los, und nicht, zu denken! +Und leider eines herrlichern Geschenks +Verleugnung fordert das Geschick von mir. +Die Krone kleidet den Gefangnen nicht: +Ich nehme selbst von meinem Haupt die Zierde, +Die für die Ewigkeit gegönnt mir schien. +Zu früh war mir das schönste Glück verliehen +Und wird, als hätt' ich sein mich überhoben, +Mir nur zu bald geraubt. +Du nimmst dir selbst, was keiner nehmen konnte, +Und was kein Gott zum zweiten Male gibt. +Wir Menschen werden wunderbar geprüft; +Wir könnten's nicht ertragen, hätt' uns nicht +Den holden Leichtsinn die Natur verliehn. +Mit unschätzbaren Gütern lehret uns +Verschwenderisch die Not gelassen spielen: +Wir öffnen willig unsre Hände, dass +Unwiederbringlich uns ein Gut entschlüpfe. +Mit diesem Kuss vereint sich eine Träne +Und weiht dich der Vergänglichkeit! Es ist +Erlaubt das holde Zeichen unsrer Schwäche. +Wer weinte nicht, wenn das Unsterbliche +Vor der Zerstörung selbst nicht sicher ist? +Geselle dich zu diesem Degen, der +Dich leider nicht erwarb! Um ihn geschlungen, +Ruhe, wie auf dem Sarg der Tapfern, auf +Dem Grabe meines Glücks und meiner Hoffnung! +Hier leg' ich beide willig dir zu Füßen; +Denn wer ist wohl gewaffnet, wenn du zürnst? +Und wer geschmückt, o Herr, den du verkennst? +Gefangen geh' ich, warte des Gerichts. + +(Auf des Fürsten Wink, hebt ein Page den Degen mit dem Kranze auf +und trägt ihn weg.) + + + +Fünfter Auftritt +Alphons. Antonio. + +Antonio. +Wo schwärmt der Knabe hin? Mit welchen Farben +Mahlt er sich seinen Wert und sein Geschick? +Beschränkt und unerfahren, hält die Jugend +Sich für ein einzig auserwähltes Wesen +Und alles über alle sich erlaubt. +Er fühle sich gestraft, und strafen heißt +Dem Jüngling wohl tun, dass der Mann uns danke. + +Alphons. +Er ist gestraft, ich fürchte: Nur zu viel. + +Antonio. +Wenn du gelind mit ihm verfahren magst, +So gib, o Fürst, ihm seine Freiheit wieder, +Und unsern Zwist entscheide dann das Schwert. + +Alphons. +Wenn es die Meinung fordert, mag es sein. +Doch sprich, wie hast du seinen Zorn gereizt? + +Antonio. +Ich wüsste kaum zu sagen, wie's geschah. +Als Menschen hab' ich ihn vielleicht gekränkt, +Als Edelmann hab' ich ihn nicht beleidigt. +Und seinen Lippen ist im größten Zorne +Kein sittenloses Wort entflohn. + +Alphons. + So schien +Mir euer Streit, und was ich gleich gedacht, +Bekräftigt deine Rede mir noch mehr. +Wenn Männer sich entzweien, hält man billig +Den Klügsten für den Schuldigen. Du solltest +Mit ihm nicht zürnen; ihn zu leiten stünde +Dir besser an. Noch immer ist es Zeit: +Hier ist kein Fall, der euch zu streiten zwänge. +Solang mir Friede bleibt, so lange wünsch' ich +In meinem Haus ihn zu genießen. Stelle +Die Ruhe wieder her--du kannst es leicht. +Lenore Sanvitale mag ihn erst +Mit zarter Lippe zu besänft'gen suchen: +Dann tritt zu ihm, gib ihm in meinem Namen +Die volle Freiheit wieder, und gewinne +Mit edeln, wahren Worten sein Vertraun. +Verrichte das, sobald du immer kannst; +Du wirst als Freund und Vater mit ihm sprechen. +Noch eh' wir scheiden, will ich Friede wissen, +Und dir ist nichts unmöglich, wenn du willst. +Wir bleiben lieber eine Stunde länger +Und lassen dann die Frauen sanft vollenden, +Was du begannst; und kehren wir zurück, +So haben sie von diesem raschen Eindruck +Die letzte Spur vertilgt. Es scheint, Antonio, +Du willst nicht aus der Übung kommen! Du +Hast ein Geschäft kaum erst vollendet, nun +Kehrst du zurück und schaffst dir gleich ein neues. +Ich hoffe, dass auch dieses dir gelingt. + +Antonio. +Ich bin beschämt und seh' in deinen Worten, +Wie in dem klarsten Spiegel, meine Schuld! +Gar leicht gehorcht man einem edlen Herrn, +Der überzeugt, indem er uns gebietet. + + + + +Dritter Aufzug + + + +Erster Auftritt +Prinzessin (allein). + +Wo bleibt Eleonore? Schmerzlicher +Bewegt mir jeden Augenblick die Sorge +Das tiefste Herz. Kaum weiß ich was geschah, +Kaum weiß ich, wer von beiden schuldig ist. +O dass sie käme! Möcht' ich doch nicht gern +Den Bruder nicht, Antonio nicht sprechen, +Eh' ich gefasster bin, eh' ich vernommen, +Wie alles steht, und was es werden kann. + + + +Zweiter Auftritt +Prinzessin. Leonore. + +Prinzessin. +Was bringst du, Leonore? Sag' mir an, +Wie steht's um unsre Freunde? Was geschah? + +Leonore. +Mehr, als wir wissen, hab' ich nicht erfahren. +Sie trafen hart zusammen, Tasso zog, +Dein Bruder trennte sie. Allein es scheint, +Als habe Tasso diesen Streit begonnen: +Antonio geht frei umher und spricht +Mit seinem Fürsten: Tasso bleibt dagegen +Verbannt in seinem Zimmer und allein. + +Prinzessin. +Gewiss hat ihn Antonio gereizt, +Den hoch Gestimmten kalt und fremd beleidigt. + +Leonore. +Ich glaub' es selbst. Denn eine Wolke stand, +Schon als er zu uns trat, um seine Stirn. + +Prinzessin. +Ach dass wir doch, dem reinen stillen Wink +Des Herzens nach zu gehen, so sehr verlernen! +Ganz leise spricht ein Gott in unsrer Brust, +Ganz leise, ganz vernehmlich, zeigt uns an, +Was zu ergreifen ist und was zu fliehn. +Antonio erschien mir heute früh +Viel schroffer noch als je, in sich gezogner. +Es warnte mich mein Geist, als neben ihn +Sich Tasso stellte. Sieh das Äußre nur +Von beiden an, das Angesicht, den Ton, +Den Blick, den Tritt! Es widerstrebt sich alles; +Sie können ewig keine Liebe wechseln. +Doch überredete die Hoffnung mich, +Die Gleisnerinn: Sie sind vernünftig beide, +Sind edel, unterrichtet, deine Freunde; +Und welch ein Band ist sichrer als der Guten? +Ich trieb den Jüngling an; er gab sich ganz; +Wie schön, wie warm ergab er ganz sich mir! +O hätt' ich gleich Antonio gesprochen! +Ich zauderte; es war nur kurze Zeit; +Ich scheute mich, gleich mit den ersten Worten +Und dringend ihm den Jüngling zu empfehlen; +Verließ auf Sitte mich und Höflichkeit, +Auf den Gebrauch der Welt, der sich so glatt +Selbst zwischen Feinde legt; befürchtete +Von dem geprüften Manne diese Jähe +Der raschen Jugend nicht. Es ist geschehn. +Das Übel stand mir fern, nun ist es da. +O gib mir einen Rat! Was ist zu tun? + +Leonore. +Wie schwer zu raten sei, das fühlst du selbst +Nach dem, was du gesagt. Es ist nicht hier +Ein Missverständnis zwischen gleich Gestimmten; +Das stellen Worte, ja im Notfall stellen +Es Waffen leicht und glücklich wieder her. +Zwei Männer sind's, ich hab' es lang gefühlt, +Die darum Feinde sind, weil die Natur +Nicht einen Mann aus ihnen beiden formte. +Und wären sie zu ihrem Vorteil klug, +So würden sie als Freunde sich verbinden: +Dann stünden sie für einen Mann und gingen +Mit Macht und Glück und Lust durchs Leben hin. +So hofft' ich selbst; nun seh' ich wohl: Umsonst. +Der Zwist von heute, sei er, wie er sei, +Ist beizulegen; doch das sichert uns +Nicht für die Zukunft, für den Morgen nicht. +Es wär' am besten, dächt' ich, Tasso reiste +Auf eine Zeit von hier; er könnte ja +Nach Rom, auch nach Florenz sich wenden; dort +Träf' ich in wenig Wochen ihn und könnte +Auf sein Gemüt als eine Freundin wirken. +Du würdest hier indessen den Antonio, +Der uns so fremd geworden, dir aufs neue +Und deinen Freunden näher bringen: So +Gewährte das, was itzt unmöglich scheint, +Die gute Zeit vielleicht, die vieles gibt. + +Prinzessin. +Du willst dich in Genuss, o Freundin, setzen, +Ich soll entbehren; heißt das billig sein? + +Leonore. +Entbehren wirst du nichts, als was du doch +In diesem Falle nicht genießen könntest. + +Prinzessin. +So ruhig soll ich einen Freund verbannen? + +Leonore. +Erhalten, den du nur zum Schein verbannst. + +Prinzessin. +Mein Bruder wird ihn nicht mit Willen lassen. + +Leonore. +Wenn er es sieht wie wir, so gibt er nach. + +Prinzessin. +Es ist so schwer, im Freunde sich verdammen. + +Leonore. +Und dennoch rettest du den Freund in dir. + +Prinzessin. +Ich gebe nicht mein Ja, dass es geschehe. + +Leonore. +So warte noch ein größres Übel ab. + +Prinzessin. +Du peinigst mich und weißt nicht, ob du nützest. + +Leonore. +Wir werden bald entdecken, wer sich irrt. + +Prinzessin. +Und soll es sein, so frage mich nicht länger. + +Leonore. +Wer sich entschließen kann, besiegt den Schmerz. + +Prinzessin. +Entschlossen bin ich nicht, allein es sei, +Wenn er sich nicht auf lange Zeit entfernt-- +Und lass uns für ihn sorgen, Leonore, +Dass er nicht etwa künftig Mangel leide, +Dass ihm der Herzog seinen Unterhalt +Auch in der Ferne willig reichen lasse. +Sprich mit Antonio; denn er vermag +Bei meinem Bruder viel, und wird den Streit +Nicht unserm Freund und uns gedenken wollen. + +Leonore. +Ein Wort von dir, Prinzessin, gälte mehr. + +Prinzessin. +Ich kann, du weißt es, meine Freundin, nicht +Wie's meine Schwester von Urbino kann, +Für mich und für die Meinen was erbitten. +Ich lebe gern so stille vor mich hin, +Und nehme von dem Bruder dankbar an, +Was er mir immer geben kann und will. +Ich habe sonst darüber manchen Vorwurf +Mir selbst gemacht; nun hab' ich überwunden. +Es schalt mich eine Freundin oft darum: +Du bist uneigennützig, sagte sie, +Das ist recht schön; allein so sehr bist du's, +Dass du auch das Bedürfnis deiner Freunde +Nicht recht empfinden kannst. Ich lass' es gehn +Und muss denn eben diesen Vorwurf tragen. +Um desto mehr erfreut es mich, dass ich +Nun in der Tat dem Freunde nützen kann; +Es fällt mir meiner Mutter Erbschaft zu, +Und gerne will ich für ihn sorgen helfen. + +Leonore. +Und ich, o Fürstin, finde mich im Falle, +Dass ich als Freundin auch mich zeigen kann. +Er ist kein guter Wirth; wo es ihm fehlt, +Werd' ich ihm schon geschickt zu helfen wissen. + +Prinzessin. +So nimm ihn weg, und, soll ich ihn entbehren, +Vor allen andern sei er dir gegönnt! +Ich seh' es wohl, so wird es besser sein. +Muss ich denn wieder diesen Schmerz als gut +Und heilsam preisen? Das war mein Geschick +Von Jugend auf; ich bin nun dran gewöhnt. +Nur halb ist der Verlust des schönsten Glücks, +Wenn wir auf den Besitz nicht sicher zählten. + +Leonore. +Ich hoffe dich, so schön du es verdienst, +Glücklich zu sehn! + +Prinzessin. + Eleonore! Glücklich? +Wer ist denn glücklich?--Meinen Bruder zwar +Möcht' ich so nennen; denn sein großes Herz +Trägt sein Geschick mit immer gleichem Mut; +Allein, was er verdient, das ward ihm nie. +Ist meine Schwester von Urbino glücklich? +Das schöne Weib, das edle große Herz! +Sie bringt dem jüngern Manne keine Kinder; +Er achtet sie und lässt sie's nicht entgelten, +Doch keine Freude wohnt in ihrem Haus. +Was half denn unsrer Mutter ihre Klugheit? +Die Kenntnis jeder Art, ihr großer Sinn? +Konnt' er sie vor dem fremden Irrtum schützen? +Man nahm uns von ihr weg: Nun ist sie tot. +Sie ließ uns Kindern nicht den Trost, dass sie +Mit ihrem Gott versöhnt gestorben sei. + +Leonore. +O blicke nicht nach dem, was jedem fehlt; +Betrachte, was noch einem jeden bleibt! +Was bleibt nicht dir, Prinzessin? + +Prinzessin. + Was mir bleibt? +Geduld, Eleonore! Üben konnt' ich die +Von Jugend auf. Wenn Freunde, wenn Geschwister +Bei Fest und Spiel gesellig sich erfreuten, +Hielt Krankheit mich auf meinem Zimmer fest, +Und in Gesellschaft mancher Leiden musst' +Ich früh entbehren lernen. Eines war, +Was in der Einsamkeit mich schön ergötzte, +Die Freude des Gesangs; ich unterhielt +Mich mit mir selbst, ich wiegte Schmerz und Sehnsucht +Und jeden Wunsch mit leisen Tönen ein. +Da wurde Leiden oft Genuss, und selbst +Das traurige Gefühl zur Harmonie. +Nicht lang' war mir dies Glück gegönnt, auch dieses +Nahm mir der Arzt hinweg: Sein streng Gebot +Hieß mich verstummen; leben sollt' ich, leiden, +Den einz'gen kleinen Trost sollt' ich entbehren. + +Leonore. +So viele Freunde fanden sich zu dir, +Und nun bist du gesund, bist lebensfroh. + +Prinzessin. +Ich bin gesund, das heißt: Ich bin nicht krank; +Und manche Freunde hab' ich, deren Treue +Mich glücklich macht. Auch hatt' ich einen Freund-- + +Leonore. +Du hast ihn noch. + +Prinzessin. +Und werd' ihn bald verlieren. +Der Augenblick, da ich zuerst ihn sah, +War viel bedeutend. Kaum erholt' ich mich +Von manchen Leiden; Schmerz und Krankheit waren +Kaum erst gewichen; still bescheiden blickt' ich +Ins Leben wieder, freute mich des Tags +Und der Geschwister wieder, sog beherzt +Der süßen Hoffnung reinsten Balsam ein. +Ich wagt' es vorwärts in das Leben weiter +Hinein zu sehn, und freundliche Gestalten +Begegneten mir aus der Ferne. Da, +Eleonore, stellte mir den Jüngling +Die Schwester vor; er kam an ihrer Hand, +Und, dass ich dir's gestehe, da ergriff +Ihn mein Gemüt und wird ihn ewig halten. + +Leonore. +O meine Fürstin, lass dich's nicht gereuen! +Das Edle zu erkennen, ist Gewinst, +Der nimmer uns entrissen werden kann. + +Prinzessin. +Zu fürchten ist das Schöne das Fürtreffliche, +Wie eine Flamme, die so herrlich nützt, +Solange sie auf deinem Herde brennt, +Solang sie dir von einer Fackel leuchtet, +Wie hold! Wer mag, wer kann sie da entbehren? +Und frisst sie ungehütet um sich her, +Wie elend kann sie machen! Lass mich nun. +Ich bin geschwätzig, und verbärge besser +Auch selbst vor dir, wie schwach ich bin und krank. + +Leonore. +Die Krankheit des Gemütes löset sich +In Klagen und Vertraun am leichtsten auf. + +Prinzessin. +Wenn das Vertrauen heilt, so heil' ich bald; +Ich hab' es rein und hab' es ganz zu dir. +Ach, meine Freundin! Zwar ich bin entschlossen: +Er scheide nur! Allein ich fühle schon +Den langen ausgedehnten Schmerz der Tage, wenn +Ich nun entbehren soll, was mich erfreute. +Die Sonne hebt von meinen Augenliedern +Nicht mehr sein schön verklärtes Traumbild auf, +Die Hoffnung ihn zu sehen füllt nicht mehr +Den kaum erwachten Geist mit froher Sehnsucht; +Mein erster Blick hinab in unsre Gärten +Sucht ihn vergebens in dem Tau der Schatten. +Wie schön befriedigt fühlte sich der Wunsch, +Mit ihm zu sein an jedem heitern Abend! +Wie mehrte sich im Umgang das Verlangen +Sich mehr zu kennen, mehr sich zu verstehn! +Und täglich stimmte das Gemüt sich schöner +Zu immer reinern Harmonien auf. +Welch eine Dämmrung fällt nun vor mir ein! +Der Sonne Pracht, das fröhliche Gefühl +Des hohen Tags, der tausendfachen Welt +Glanzreiche Gegenwart, ist öd' und tief +Im Nebel eingehüllt, der mich umgibt. +Sonst war mir jeder Tag ein ganzes Leben; +Die Sorge schwieg, die Ahndung selbst verstummte, +Und, glücklich eingeschifft, trug uns der Strom +Auf leichten Wellen ohne Ruder hin: +Nun überfällt in trüber Gegenwart +Der Zukunft Schrecken heimlich meine Brust. + +Leonore. +Die Zukunft gibt dir deine Freunde wieder +Und bringt dir neue Freude, neues Glück. + +Prinzessin. +Was ich besitze, mag ich gern bewahren: +Der Wechsel unterhält, doch nutzt er kaum. +Mit jugendlicher Sehnsucht griff ich nie +Begierig in den Lostopf fremder Welt, +Für mein bedürfend unerfahren Herz +Zufällig einen Gegenstand zu haschen. +Ihn musst' ich ehren, darum liebt' ich ihn; +Ich musst' ihn lieben, weil mit ihm mein Leben +Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt. +Erst sagt' ich mir: Entferne dich von ihm! +Ich wich und wich und kam nur immer näher, +So lieblich angelockt, so hart bestraft! +Ein reines, wahres Gut verschwindet mir, +Und meiner Sehnsucht schiebt ein böser Geist +Statt Freud' und Glück verwandte Schmerzen unter. + +Leonore. +Wenn einer Freundin Wort nicht trösten kann, +So wird die stille Kraft der schönen Welt, +Der guten Zeit dich unvermerkt erquicken. + +Prinzessin. +Wohl ist sie schön die Welt! In ihrer Weite +Bewegt sich so viel Gutes hin und her. +Ach, dass es immer nur um einen Schritt +Von uns sich zu entfernen scheint +Und unsre bange Sehnsucht durch das Leben +Auch Schritt vor Schritt bis nach dem Grabe lockt! +So selten ist es, dass die Menschen finden, +Was ihnen doch bestimmt gewesen schien, +So selten, dass sie das erhalten, was +Auch einmal die beglückte Hand ergriff! +Es reißt sich los, was erst sich uns ergab, +Wir lassen los, was wir begierig fassten. +Es gibt ein Glück, allein wir kennen's nicht: +Wir kennen's wohl und wissen's nicht zu schätzen. + + + +Dritter Auftritt +Leonore (allein). + +Wie jammert mich das edle, schöne Herz! +Welch traurig Los, das ihrer Hoheit fällt! +Ach sie verliert--und denkst du, zu gewinnen? +Ist's denn so nötig, dass er sich entfernt? +Machst du es nötig, um allein für dich +Das Herz und die Talente zu besitzen, +Die du bisher mit einer andern teilst +Und ungleich teilst? Ist's redlich, so zu handeln? +Bist du nicht reich genug? Was fehlt dir noch? +Gemahl und Sohn und Güter, Rang und Schönheit, +Das hast du alles, und du willst noch ihn +Zu diesem allen haben? Liebst du ihn? +Was ist es sonst, warum du ihn nicht mehr +Entbehren magst? Du darfst es dir gestehn.-- +Wie reizend ist's, in seinem schönen Geiste +Sich selber zu bespiegeln! Wird ein Glück +Nicht doppelt groß und herrlich, wenn sein Lied +Uns wie auf Himmelswolken trägt und hebt? +Dann bist du erst beneidenswert! Du bist, +Du hast das nicht allein, was viele wünschen; +Es weiß, es kennt auch jeder, was du hast! +Dich nennt dein Vaterland und sieht auf dich, +Das ist der höchste Gipfel jedes Glücks. +Ist Laura denn allein der Name, der +Von allen zarten Lippen klingen soll? +Und hatte nur Petrarch allein das Recht, +Die unbekannte Schöne zu vergöttern? +Wo ist ein Mann, der meinem Freunde sich +Vergleichen darf? Wie ihn die Welt verehrt, +So wird die Nachwelt ihn verehrend nennen. +Wie herrlich ist's, im Glanze dieses Lebens +Ihn an der Seite haben! So mit ihm +Der Zukunft sich mit leichtem Schritte nahn! +Alsdann vermag die Zeit, das Alter nichts +Auf dich und nichts der freche Ruf, +Der hin und her des Beifalls Woge treibt: +Das, was vergänglich ist, bewahrt sein Lied. +Du bist noch schön, noch glücklich, wenn schon lange +Der Kreis der Dinge dich mit fortgerissen. +Du musst ihn haben, und ihr nimmst du nichts: +Denn ihre Neigung zu dem werten Manne +Ist ihren andern Leidenschaften gleich. +Sie leuchten, wie der stille Schein des Monds +Dem Wandrer spärlich auf dem Pfad zu Nacht, +Sie wärmen nicht, und gießen keine Lust +Noch Lebensfreud' umher. Sie wird sich freuen, +Wenn sie ihn fern, wenn sie ihn glücklich weiß, +Wie sie genoss, wenn sie ihn täglich sah. +Und dann, ich will mit meinem Freunde nicht +Von ihr und diesem Hofe mich verbannen: +Ich komme wieder, und ich bring' ihn wieder. +So soll es sein!--Hier kommt der raue Freund: +Wir wollen sehn, ob wir ihn zähmen können. + + + +Vierter Auftritt +Leonore. Antonio. + +Leonore. +Du bringst uns Krieg statt Frieden: Scheint es doch, +Du kommst aus einem Lager, einer Schlacht, +Wo die Gewalt regiert, die Faust entscheidet, +Und nicht von Rom, wo feierliche Klugheit +Die Hände segnend hebt und eine Welt +Zu ihren Füßen sieht, die gern gehorcht. + +Antonio. +Ich muss den Tadel, schöne Freundin, dulden, +Doch die Entschuld'gung liegt nicht weit davon. +Es ist gefährlich, wenn man allzu lang +Sich klug und mäßig zeigen muss. Es lauert +Der böse Genius dir an der Seite +Und will gewaltsam auch von Zeit zu Zeit +Ein Opfer haben. Leider hab' ich's diesmal +Auf meiner Freunde Kosten ihm gebracht. + +Leonore. +Du hast um fremde Menschen dich so lang +Bemüht und dich nach ihrem Sinn gerichtet: +Nun, da du deine Freunde wieder siehst, +Verkennst du sie, und rechtest wie mit Fremden. + +Antonio. +Da liegt, geliebte Freundin, die Gefahr! +Mit fremden Menschen nimmt man sich zusammen, +Da merkt man auf, da sucht man seinen Zweck +In ihrer Gunst, damit sie nutzen sollen; +Allein bei Freunden lässt man frei sich gehen: +Man ruht in ihrer Liebe, man erlaubt +Sich eine Laune, ungezähmter wirkt +Die Leidenschaft, und so verletzen wir +Am ersten die, die wir am zärt'sten lieben. + +Leonore. +In dieser ruhigen Betrachtung find' ich dich +Schon ganz, mein teurer Freund, mit Freuden wieder. + +Antonio. +Ja, mich verdrießt--und ich bekenn' es gern-- +Dass ich mich heut so ohne Maß verlor. +Allein gestehe, wenn ein wackrer Mann +Mit heißer Stirn von saurer Arbeit kommt +Und spät am Abend in ersehnten Schatten +Zu neuer Mühe auszuruhen denkt +Und findet dann von einem Müßiggänger +Den Schatten breit besessen, soll er nicht +Auch etwas Menschlichs in dem Busen fühlen? + +Leonore. +Wenn er recht menschlich ist, so wird er auch +Den Schatten gern mit einem Manne teilen, +Der ihm die Ruhe süß, die Arbeit leicht +Durch ein Gespräch, durch holde Töne macht. +Der Baum ist breit, mein Freund, der Schatten gibt, +Und keiner braucht den andern zu verdrängen. + +Antonio. +Wir wollen uns, Eleonore, nicht +Mit einem Gleichnis hin und wider spielen. +Gar viele Dinge sind in dieser Welt, +Die man dem andern gönnt und gerne teilt; +Jedoch es ist ein Schatz, den man allein +Dem Hochverdienten gerne gönnen mag, +Ein andrer, den man mit dem Höchstverdienten +Mit gutem Willen niemals teilen wird-- +Und fragst du mich nach diesen beiden Schätzen: +Der Lorbeer ist es und die Gunst der Frauen. + +Leonore. +Hat jener Kranz um unsers Jünglings Haupt +Den ernsten Mann beleidigt? Hättest du +Für seine Mühe, seine schöne Dichtung +Bescheidnern Lohn doch selbst nicht finden können. +Denn ein Verdienst, das außerirdisch ist, +Das in den Lüften schwebt, in Tönen nur, +In leichten Bildern unsern Geist umgaukelt,-- +Es wird denn auch mit einem schönen Bilde, +Mit einem holden Zeichen nur belohnt; +Und wenn er selbst die Erde kaum berührt, +Berührt der höchste Lohn ihm kaum das Haupt. +Ein unfruchtbarer Zweig ist das Geschenk, +Das der Verehrer unfruchtbare Neigung +Ihm gerne bringt, damit sie einer Schuld +Aufs leichtste sich entlade. Du missgönnst +Dem Bild des Märtyrers den goldnen Schein +Ums kahle Haupt wohl schwerlich; und gewiss, +Der Lorbeerkranz ist, wo er dir erscheint, +Ein Zeichen mehr des Leidens als des Glücks. + +Antonio. +Will etwa mich dein liebenswürd'ger Mund +Die Eitelkeit der Welt verachten lehren? + +Leonore. +Ein jedes Gut nach seinem Wert zu schätzen, +Brauch' ich dich nicht zu lehren. Aber doch, +Es scheint, von Zeit zu Zeit bedarf der Weise +So sehr wie andre, dass man ihm die Güter, +Die er besitzt, im rechten Lichte zeige. +Du, edler Mann, du wirst an ein Phantom +Von Gunst und Ehre keinen Anspruch machen. +Der Dienst, mit dem du deinem Fürsten dich, +Mit dem du deine Freunde dir verbindest, +Ist wirkend, ist lebendig, und so muss +Der Lohn auch wirklich und lebendig sein. +Dein Lorbeer ist das fürstliche Vertraun, +Das auf den Schultern dir, als liebe Last, +Gehäuft und leicht getragen ruht; es ist +Dein Ruhm das allgemeine Zutraun. + +Antonio. +Und von der Gunst der Frauen sagst du nichts: +Die willst du mir doch nicht entbehrlich schildern? + +Leonore. +Wie man es nimmt. Denn du entbehrst sie nicht, +Und leichter wäre sie dir zu entbehren, +Als sie es jenem guten Mann nicht ist. +Denn sag': Geläng' es einer Frau, wenn sie +Nach ihrer Art für dich zu sorgen dächte, +Mit dir sich zu beschäft'gen unternähme? +Bei dir ist alles Ordnung, Sicherheit; +Du sorgst für dich, wie du für andre sorgst, +Du hast, was man dir geben möchte. Jener +Beschäftigt uns in unserm eignen Fache: +Ihm fehlt's an tausend Kleinigkeiten, die +Zu schaffen eine Frau sich gern bemüht. +Das schönste Leinenzeug, ein seiden Kleid +Mit etwas Stickerei, das trägt er gern. +Er sieht sich gern geputzt, vielmehr, er kann +Unedlen Stoff, der nur den Knecht bezeichnet, +An seinem Leib nicht dulden, alles soll +Ihm fein und gut und schön und edel stehn. +Und dennoch hat er kein Geschick, das alles +Sich anzuschaffen, wenn er es besitzt, +Sich zu erhalten: Immer fehlt es ihm +An Geld, an Sorgsamkeit. Bald lässt er da +Ein Stück, bald eines dort. Er kehret nie +Von einer Reise wieder, dass ihm nicht +Ein Drittteil seiner Sachen fehle. Bald +Bestiehlt ihn der Bediente. So, Antonio, +Hat man für ihn das ganze Jahr zu sorgen. + +Antonio. +Und diese Sorge macht ihn lieb und lieber. +Glücksel'ger Jüngling, dem man seine Mängel +Zur Tugend rechnet, dem so schön vergönnt ist, +Den Knaben noch als Mann zu spielen, der +Sich seiner holden Schwäche rühmen darf! +Du müsstest mir verzeihen, schöne Freundin, +Wenn ich auch hier ein wenig bitter würde. +Du sagst nicht alles, sagst nicht was er wagt, +Und dass er klüger ist, als wie man denkt. +Er rühmt sich zweier Flammen! Knüpft und löst +Die Knoten hin und wieder und gewinnt +Mit solchen Künsten solche Herzen! Ist's +Zu glauben? + +Leonore. + Gut! Selbst das beweist ja schon, +Dass es nur Freundschaft ist, was uns belebt; +Und wenn wir denn auch Lieb' um Liebe tauschten, +Belohnten wir das schöne Herz nicht billig, +Das ganz sich selbst vergisst und hingegeben +Im holden Traum für seine Freunde lebt? + +Antonio. +Verwöhnt ihn nur und immer mehr und mehr, +Lasst seine Selbstigkeit für Liebe gelten, +Beleidigt alle Freunde, die sich euch +Mit treuer Seele widmen, gebt dem Stolzen +Freiwilligen Tribut, zerstöret ganz +Den schönen Kreis geselligen Vertrauns! + +Leonore. +Wir sind nicht so parteiisch wie du glaubst, +Ermahnen unsern Freund in manchen Fällen; +Wir wünschen ihn zu bilden, dass er mehr +Sich selbst genieße, mehr sich zu genießen +Den andern geben könne. Was an ihm +Zu tadeln ist, das bleibt uns nicht verborgen. + +Antonio. +Doch lobt ihr vieles, was zu tadeln wäre. +Ich kenn' ihn lang, er ist so leicht zu kennen, +Und ist zu stolz sich zu verbergen. Bald +Versinkt er in sich selbst, als wäre ganz +Die Welt in seinem Busen, er sich ganz +In seiner Welt genug, und alles rings +Umher verschwindet ihm. Er lässt es gehn, +Lässt's fallen, stößt's hinweg und ruht in sich-- +Auf einmal, wie ein unbemerkter Funke +Die Mine zündet, sei es Freude, Leid, +Zorn oder Grille, heftig bricht er aus: +Dann will er alles fassen, alles halten; +Dann soll geschehn, was er sich denken mag; +In einem Augenblicke soll entstehn, +Was jahrelang bereitet werden sollte, +In einem Augenblick gehoben sein, +Was Mühe kaum in Jahren lösen könnte. +Er fordert das Unmögliche von sich, +Damit er es von andern fordern dürfe. +Die letzten Enden aller Dinge will +Sein Geist zusammenfassen; das gelingt +Kaum einem unter Millionen Menschen, +Und er ist nicht der Mann: Er fällt zuletzt, +Um nichts gebessert, in sich selbst zurück. + +Leonore. +Er schadet andern nicht, er schadet sich. + +Antonio. +Und doch verletzt er andre nur zu sehr. +Kannst du es leugnen, dass im Augenblick +Der Leidenschaft, die ihn behend ergreift, +Er auf den Fürsten, auf die Fürstin selbst, +Auf wen es sei, zu schmähn, zu lästern wagt? +Zwar augenblicklich nur; allein genug, +Der Augenblick kommt wieder: Er beherrscht +So wenig seinen Mund als seine Brust. + +Leonore. +Ich sollte denken, wenn er sich von hier +Auf eine kurze Zeit entfernte, sollt' +Es wohl für ihn und andre nützlich sein. + +Antonio. +Vielleicht, vielleicht auch nicht. Doch eben jetzt +Ist nicht daran zu denken; denn ich will +Den Fehler nicht auf meine Schultern laden; +Es könnte scheinen, dass ich ihn vertreibe, +Und ich vertreib' ihn nicht. Um meinetwillen +Kann er an unserm Hofe ruhig bleiben; +Und wenn er sich mit mir versöhnen will, +Und wenn er meinen Rat befolgen kann, +So werden wir ganz leidlich leben können. + +Leonore. +Nun hoffst du selbst, auf ein Gemüt zu wirken, +Das dir vor kurzem noch verloren schien. + +Antonio. +Wir hoffen immer, und in allen Dingen +Ist besser hoffen als verzweifeln. Denn +Wer kann das mögliche berechnen? Er +Ist unserm Fürsten wert. Er muss uns bleiben. +Und bilden wir dann auch umsonst an ihm, +So ist er nicht der einz'ge, den wir dulden. + +Leonore. +So ohne Leidenschaft, so unparteiisch +Glaubt' ich dich nicht. Du hast dich schnell bekehrt. + +Antonio. +Das Alter muss doch Einen Vorzug haben, +Dass, wenn es auch dem Irrtum nicht entgeht, +Es doch sich auf der Stelle fassen kann. +Du warst, mich deinem Freunde zu versöhnen, +Zuerst bemüht. Nun bitt' ich es von dir. +Tu' was du kannst, dass dieser Mann sich finde, +Und alles wieder bald im Gleichen sei. +Ich gehe selbst zu ihm, so bald ich nur +Von dir erfahre, dass er ruhig ist, +Sobald du glaubst, dass meine Gegenwart +Das Übel nicht vermehrt. Doch, was du tust, +Das tu' in dieser Stunde; denn es geht +Alphons heut' Abend noch zurück, und ich +Werd' ihn begleiten. Leb' indessen wohl. + + + +Fünfter Auftritt +Leonore (allein). + +Für diesmal, lieber Freund, sind wir nicht eins: +Mein Vorteil und der deine gehen heut +Nicht Hand in Hand. Ich nütze diese Zeit +Und suche Tasso zu gewinnen. Schnell! + + + + +Vierter Aufzug +(Zimmer.) + + + +Erster Auftritt + +Tasso (allein). +Bist du aus einem Traum erwacht, und hat +Der schöne Trug auf einmal dich verlassen? +Hat dich nach einem Tag der höchsten Lust +Ein Schlaf gebändigt, hält und ängstet nun +Mit schweren Fesseln deine Seele? Ja, +Du wachst und träumst. Wo sind die Stunden hin, +Die um dein Haupt mit Blumenkränzen spielten? +Die Tage, wo dein Geist mit freier Sehnsucht +Des Himmels ausgespanntes Blau durchdrang? +Und dennoch lebst du noch, und fühlst dich an, +Du fühlst dich an, und weißt nicht, ob du lebst. +Ist's meine Schuld, ist's eines andern Schuld, +Dass ich mich nun als schuldig hier befinde? +Hab' ich verbrochen, dass ich leiden soll? +Ist nicht mein ganzer Fehler ein Verdienst? +Ich sah ihn an, und ward vom guten Willen, +Vom Hoffnungswahn des Herzens übereilt: +Der sei ein Mensch, der menschlich Ansehn trägt. +Ich ging mit offnen Armen auf ihn los +Und fühlte Schloss und Riegel, keine Brust. +O hatt' ich doch so klug mir ausgedacht, +Wie ich den Mann empfangen wollte, der +Von alten Zeiten mir verdächtig war! +Allein was immer dir begegnet sei, +So halte dich an der Gewissheit fest: +Ich habe sie gesehn! Sie stand vor mir! +Sie sprach zu mir, ich habe sie vernommen! +Der Blick, der Ton, der Worte holder Sinn, +Sie sind auf ewig mein, es raubt sie nicht +Die Zeit, das Schicksal, noch das wilde Glück! +Und hob mein Geist sich da zu schnell empor +Und ließ ich allzu rasch in meinem Busen +Der Flamme Luft, die mich nun selbst verzehrt, +So kann mich's nicht gereun, und wäre selbst +Auf ewig das Geschick des Lebens hin. +Ich widmete mich ihr und folgte froh +Dem Winke, der mich ins Verderben rief. +Es sei! So hab' ich mich doch wert gezeigt +Des köstlichen Vertrauns, das mich erquickt, +In dieser Stunde selbst erquickt, die mir +Die schwarze Pforte langer Trauerzeit +Gewaltsam öffnet.--Ja, nun ist's getan! +Es geht die Sonne mir der schönsten Gunst +Auf einmal unter; seinen holden Blick +Entziehet mir der Fürst, und lässt mich hier +Auf düstrem, schmalen Pfad verloren stehn. +Das hässliche zweideutige Geflügel, +Das leidige Gefolg' der alten Nacht, +Es schwärmt hervor und schwirrt mir um das Haupt. +Wohin, wohin beweg' ich meinen Schritt, +Dem Ekel zu entfliehn, der mich umsaust, +Dem Abgrund zu entgehn, der vor mir liegt? + + + +Zweiter Auftritt +Leonore. Tasso. + +Leonore. +Was ist begegnet? Lieber Tasso, hat +Dein Eifer dich, dein Argwohn so getrieben? +Wie ist's geschehn? Wir alle stehn bestürzt. +Und deine Sanftmut, dein gefällig Wesen, +Dein schneller Blick, dein richtiger Verstand, +Mit dem du jedem gibst was ihm gehört, +Dein Gleichmut, der erträgt, was zu ertragen +Der Edle bald, der Eitle selten lernt, +Die kluge Herrschaft über Zung' und Lippe-- +Mein teurer Freund, fast ganz verkenn' ich dich. + +Tasso. +Und wenn das alles nun verloren wäre? +Wenn einen Freund, den du einst reich geglaubt, +Auf einmal du als einen Bettler fändest? +Wohl hast du Recht, ich bin nicht mehr ich selbst, +Und bin's doch noch so gut, als wie ich's war. +Es scheint ein Rätsel, und doch ist es keins. +Der stille Mond, der dich bei Nacht erfreut, +Dein Auge, dein Gemüt mit seinem Schein +Unwiderstehlich lockt, er schwebt am Tage +Ein unbedeutend blasses Wölkchen hin. +Ich bin vom Glanz des Tages überschienen, +Ihr kennet mich, ich kenne mich nicht mehr. + +Leonore. +Was du mir sagst, mein Freund, versteh' ich nicht, +Wie du es sagst. Erkläre dich mit mir. +Hat die Beleidigung des schroffen Manns +Dich so gekränkt, dass du dich selbst und uns +So ganz verkennen magst? Vertraue mir. + +Tasso. +Ich bin nicht der Beleidigte, du siehst +Mich ja bestraft, weil ich beleidigt habe. +Die Knoten vieler Worte löst das Schwert +Gar leicht und schnell, allein ich bin gefangen. +Du weißt wohl kaum--erschrick nicht, zarte Freundin-- +Du triffst den Freund in einem Kerker an. +Mich züchtiget der Fürst wie einen Schüler. +Ich will mit ihm nicht rechten, kann es nicht. + +Leonore. +Du scheinest mehr, als billig ist, bewegt. + +Tasso. +Hältst du mich für so schwach, für so ein Kind, +Dass solch ein Fall mich gleich zerrütten könne? +Das was geschehn ist, kränkt mich nicht so tief, +Allein das kränkt mich, was es mir bedeutet. +Lass meine Neider meine Feinde nur +Gewähren! Frei und offen ist das Feld. + +Leonore. +Du hast gar manchen fälschlich in Verdacht,-- +Ich habe selbst mich überzeugen können-- +Und auch Antonio feindet dich nicht an, +Wie du es wähnst. Der heutige Verdruss-- + +Tasso. +Den lass' ich ganz bei Seite, nehme nur +Antonio, wie er war, und wie er bleibt. +Verdrießlich fiel mir stets die steife Klugheit, +Und dass er immer nur den Meister spielt. +Anstatt zu forschen, ob des Hörers Geist +Nicht schon für sich auf guten Spuren wandle, +Belehrt er dich von manchem, das du besser +Und tiefer fühltest, und vernimmt kein Wort, +Das du ihm sagst, und wird dich stets verkennen. +Verkannt zu sein, verkannt von einem Stolzen, +Der lächelnd dich zu übersehen glaubt! +Ich bin so alt noch nicht und nicht so klug, +Dass ich nur duldend gegenlächeln sollte. +Früh oder spät, es konnte sich nicht halten, +Wir mussten brechen; später wär' es nur +Um desto schlimmer worden. Einen Herrn +Erkenn' ich nur, den Herrn der mich ernährt, +Dem folg' ich gern, sonst will ich keinen Meister. +Frei will ich sein im Denken und im Dichten: +Im Handeln schränkt die Welt genug uns ein. + +Leonore. +Er spricht mit Achtung oft genug von dir. + +Tasso. +Mit Schonung willst du sagen, fein und klug. +Und das verdrießt mich eben; denn er weiß +So glatt und so bedingt zu sprechen, dass +Sein Lob erst recht zum Tadel wird, und dass +Nichts mehr, nichts tiefer dich verletzt als Lob +Aus seinem Munde. + +Leonore. + Möchtest du, mein Freund, +Vernommen haben, wie er sonst von dir +Und dem Talente sprach, das dir vor vielen +Die gütige Natur verlieh. Er fühlt gewiss +Das, was du bist und hast, und schätzt es auch. + +Tasso. +O glaube mir, ein selbstisches Gemüt +Kann nicht der Qual des engen Neids entfliehen. +Ein solcher Mann verzeiht dem andern wohl +Vermögen, Stand und Ehre; denn er denkt: +Das hast du selbst, das hast du, wenn du willst, +Wenn du beharrst, wenn dich das Glück begünstigt. +Doch das, was die Natur allein verleiht, +Was jeglicher Bemühung, jedem Streben +Stets unerreichbar bleibt, was weder Gold, +Noch Schwert, noch Klugheit, noch Beharrlichkeit +Erzwingen kann, das wird er nie verzeihn. +Er gönnt es mir? Er, der mit steifem Sinn +Die Gunst der Musen zu ertrotzen glaubt? +Der, wenn er die Gedanken mancher Dichter +Zusammenreiht, sich selbst ein Dichter scheint? +Weit eher gönnt er mir des Fürsten Gunst, +Die er doch gern auf sich beschränken möchte, +Als das Talent, das jene Himmlischen +Dem armen, dem verwaisten Jüngling gaben. + +Leonore. +O sähest du so klar, wie ich es sehe! +Du irrst dich über ihn: So ist er nicht. + +Tasso. +Und irr' ich mich an ihm, so irr' ich gern! +Ich denk' ihn mir als meinen ärgsten Feind +Und wär' untröstlich, wenn ich mir ihn nun +Gelinder denken müsste. Töricht ist's, +In allen Stücken billig sein; es heißt +Sein eigen Selbst zerstören. Sind die Menschen +Denn gegen uns so billig? Nein, o nein! +Der Mensch bedarf in seinem engen Wesen +Der doppelten Empfindung, Lieb' und Hass. +Bedarf er nicht der Nacht als wie des Tags? +Des Schlafens wie des Wachens? Nein, ich muss +Von nun an diesen Mann als Gegenstand +Von meinem tiefsten Hass behalten; nichts +Kann mir die Lust entreißen, schlimm und schlimmer +Von ihm zu denken. + +Leonore. + Willst du, teurer Freund, +Von deinem Sinn nicht lassen, seh' ich kaum, +Wie du am Hofe länger bleiben willst. +Du weißt, wie viel er gilt und gelten muss. + +Tasso. +Wie sehr ich längst, o schöne Freundinn, hier +Schon überflüssig bin, das weiß ich wohl. + +Leonore. +Das bist du nicht, das kannst du nimmer werden! +Du weißt vielmehr, wie gern der Fürst mit dir, +Wie gern die Fürstin mit dir lebt; und kommt +Die Schwester von Urbino, kommt sie fast +So sehr um deint- als der Geschwister willen. +Sie denken alle gut und gleich von dir, +Und jegliches vertraut dir unbedingt. + +Tasso. +O Leonore, welch Vertraun ist das? +Hat er von seinem Staate je ein Wort, +Ein ernstes Wort mit mir gesprochen? Kam +Ein eigner Fall, worüber er sogar +In meiner Gegenwart mit seiner Schwester, +Mit andern sich beriet, mich fragt' er nie. +Da hieß es immer nur: Antonio kommt! +Man muss Antonio schreiben! Fragt Antonio! + +Leonore. +Du klagst, anstatt zu danken. Wenn er dich +In unbedingter Freiheit lassen mag, +So ehrt er dich, wie er dich ehren kann. + +Tasso. +Er lässt mich ruhn, weil er mich unnütz glaubt. + +Leonore. +Du bist nicht unnütz, eben weil du ruhst. +So lange hegst du schon Verdruss und Sorge, +Wie ein geliebtes Kind an deiner Brust. +Ich hab' es oft bedacht, und mag's bedenken +Wie ich es will: Auf diesem schönen Boden, +Wohin das Glück dich zu verpflanzen schien, +Gedeihst du nicht. O Tasso!--Rat' ich dir's? +Sprech' ich es aus?--Du solltest dich entfernen! + +Tasso. +Verschone nicht den Kranken, lieber Arzt! +Reich' ihm das Mittel, denke nicht daran, +Ob's bitter sei.--Ob er genesen könne, +Das überlege wohl, o kluge, gute Freundin! +Ich seh' es alles selbst, es ist vorbei! +Ich kann ihm wohl verzeihen, er nicht mir; +Und sein bedarf man, leider meiner nicht. +Und er ist klug, und leider bin ich's nicht. +Er wirkt zu meinem Schaden, und ich kann, +Ich mag nicht gegen wirken. Meine Freunde, +Sie lassen's gehn, sie sehen's anders an. +Sie widerstreben kaum und sollten kämpfen. +Du glaubst, ich soll hinweg; ich glaub' es selbst-- +So lebt denn wohl! Ich werd' auch das ertragen. +Ihr seid von mir geschieden--werd' auch mir, +Von euch zu scheiden, Kraft und Mut verliehn! + +Leonore. +Auch in der Ferne zeigt sich alles reiner, +Was in der Gegenwart uns nur verwirrt. +Vielleicht wirst du erkennen, welche Liebe +Dich überall umgab, und welchen Wert +Die Treue wahrer Freunde hat, und wie +Die weite Welt die Nächsten nicht ersetzt. + +Tasso. +Das werden wir erfahren! Kenn' ich doch +Die Welt von Jugend auf, wie sie so leicht +Uns hilflos, einsam lässt, und ihren Weg +Wie Sonn' und Mond und andre Götter geht. + +Leonore. +Vernimmst du mich, mein Freund, so sollst du nie +Die traurige Erfahrung wiederholen. +Soll ich dir raten, so begibst du dich +Erst nach Florenz, und eine Freundin wird +Gar freundlich für dich sorgen. Sei getrost, +Ich bin es selbst. Ich reise, den Gemahl +Die nächsten Tage dort zu finden, kann +Nichts freudiger für ihn und mich bereiten, +Als wenn ich dich in unsre Mitte bringe. +Ich sage dir kein Wort, du weißt es selbst, +Welch einem Fürsten du dich nahen wirst, +Und welche Männer diese schöne Stadt +In ihrem Busen hegt, und welche Frauen.-- +Du schweigst? Bedenk' es wohl! Entschließe dich. + +Tasso. +Gar reizend ist, was du mir sagst, so ganz +Dem Wunsch gemäß, den ich im stillen nähre; +Allein es ist zu neu: Ich bitte dich, +Lass mich bedenken! Ich beschließe bald. + +Leonore. +Ich gehe mit der schönsten Hoffnung weg +Für dich und uns und auch für dieses Haus. +Bedenke nur, und wenn du recht bedenkst, +So wirst du schwerlich etwas Bessers denken. + +Tasso. +Noch eins, geliebte Freundin! Sage mir, +Wie ist die Fürstin gegen mich gesinnt? +War sie erzürnt auf mich? Was sagte sie?-- +Sie hat mich sehr getadelt? Rede frei. + +Leonore. +Da sie dich kennt, hat sie dich leicht entschuldigt. + +Tasso. +Hab' ich bei ihr verloren? Schmeichle nicht. + +Leonore. +Der Frauen Gunst wird nicht so leicht verscherzt. + +Tasso. +Wird sie mich gern entlassen, wenn ich gehe? + +Leonore. +Wenn es zu deinem Wohl gereicht, gewiss. + +Tasso. +Werd' ich des Fürsten Gnade nicht verlieren? + +Leonore. +In seiner Großmut kannst du sicher ruhn. + +Tasso. +Und lassen wir die Fürstin ganz allein? +Du gehst hinweg; und wenn ich wenig bin, +So weiß ich doch, dass ich ihr etwas war. + +Leonore. +Gar freundliche Gesellschaft leistet uns +Ein ferner Freund, wenn wir ihn glücklich wissen. +Und es gelingt: Ich sehe dich beglückt, +Du wirst von hier nicht unzufrieden gehn. +Der Fürst befahl's: Antonio sucht dich auf. +Er tadelt selbst an sich die Bitterkeit, +Womit er dich verletzt. Ich bitte dich, +Nimm ihn gelassen auf, so wie er kommt. + +Tasso. +Ich darf in jedem Sinne vor ihm stehn. + +Leonore. +Und schenke mir der Himmel, lieber Freund, +Noch eh' du scheidest, dir das Aug' zu öffnen: +Dass niemand dich im ganzen Vaterlande +Verfolgt und hasst, und heimlich druckt und neckt! +Du irrst gewiss, und wie du sonst zur Freude +Von andern dichtest, leider dichtest du +In diesem Fall ein seltenes Gewebe, +Dich selbst zu kränken. Alles will ich tun, +Um es entzwei zu reißen, dass du frei +Den schönen Weg des Lebens wandeln mögest. +Leb' wohl! Ich hoffe bald ein glücklich Wort. + + + +Dritter Auftritt +Tasso (allein). + + Ich soll erkennen, dass mich niemand hasst, +Dass niemand mich verfolgt, dass alle List +Und alles heimliche Gewebe sich +Allein in meinem Kopfe spinnt und webt! +Bekennen soll ich, dass ich Unrecht habe, +Und manchem unrecht tue, der es nicht +Um mich verdient! Und das in einer Stunde, +Da vor dem Angesicht der Sonne klar +Mein volles Recht, wie ihre Tücke, liegt! +Ich soll es tief empfinden, wie der Fürst +Mit offner Brust mir seine Gunst gewährt, +Mit reichem Maß die Gaben mir erteilt, +Im Augenblicke, da er, schwach genug, +Von meinen Feinden sich das Auge trüben +Und seine Hand gewiss auch fesseln lässt! + + Dass er betrogen ist, kann er nicht sehen; +Dass sie Betrüger sind, kann ich nicht zeigen; +Und nur damit er ruhig sich betrüge, +Dass sie gemächlich ihn betrügen können, +Soll ich mich stille halten, weichen gar! + + Und wer gibt mir den Rat? Wer dringt so klug +Mit treuer, lieber Meinung auf mich ein? +Lenore selbst, Lenore Sanvitale, +Die zarte Freundin! Ha, dich kenn' ich nun! +O warum traut' ich ihrer Lippe je! +Sie war nicht redlich, wenn sie noch so sehr +Mir ihre Gunst, mir ihre Zärtlichkeit +Mit süßen Worten zeigte! Nein, sie war +Und bleibt ein listig Herz, sie wendet sich +Mit leisen klugen Tritten nach der Gunst. + + Wie oft hab' ich mich willig selbst betrogen, +Auch über sie! Und doch im Grunde hat +Mich nur--die Eitelkeit betrogen. Wohl! +Ich kannte sie, und schmeichelte mir selbst. +So ist sie gegen andre, sagt' ich mir, +Doch gegen dich ist's offne treue Meinung. +Nun seh' ich's wohl, und seh' es nur zu spät: +Ich war begünstigt, und sie schmiegte sich +So zart--an den Beglückten. Nun ich falle, +Sie wendet mir den Rücken wie das Glück. + + Nun kommt sie als ein Werkzeug meines Feindes, +Sie schleicht heran und zischt mit glatter Zunge, +Die kleine Schlange, zauberische Töne. +Wie lieblich schien sie! Lieblicher als je! +Wie wohl tat von der Lippe jedes Wort! +Doch konnte mir die Schmeichelei nicht lang +Den falschen Sinn verbergen: An der Stirne +Schien ihr das Gegenteil zu klar geschrieben +Von allem, was sie sprach. Ich fühl' es leicht, +Wenn man den Weg zu meinem Herzen sucht +Und es nicht herzlich meint. Ich soll hinweg? +Soll nach Florenz, sobald ich immer kann? + + Und warum nach Florenz? Ich seh' es wohl. +Dort herrscht der Mediceer neues Haus, +Zwar nicht in offner Feindschaft mit Ferrara, +Doch hält der stille Neid mit kalter Hand +Die edelsten Gemüter aus einander. +Empfang' ich dort von jenen edlen Fürsten +Erhabne Zeichen ihrer Gunst, wie ich +Gewiss erwarten dürfte, würde bald +Der Höfling meine Treu' und Dankbarkeit +Verdächtig machen. Leicht geläng' es ihm. + + Ja, ich will weg, allein nicht, wie ihr wollt; +Ich will hinweg, und weiter als ihr denkt. + + Was soll ich hier? Wer hält mich hier zurück? +O, ich verstund ein jedes Wort zu gut, +Das ich Lenoren von den Lippen lockte! +Von Silb' zu Silbe nur erhascht' ich's kaum, +Und weiß nun ganz wie die Prinzessin denkt-- +Ja, ja, auch das ist wahr, verzweifle nicht! +"Sie wird mich gern entlassen, wenn ich gehe, +Da es zu meinem Wohl gereicht." O! Fühlte +Sie eine Leidenschaft im Herzen, die mein Wohl +Und mich zugrunde richtete! Willkommner +Ergriffe mich der Tod, als diese Hand, +Die kalt und starr mich von sich lässt.--Ich gehe!-- +Nun hüte dich und lass dich keinen Schein +Von Freundschaft oder Güte täuschen! Niemand +Betrügt dich nun, wenn du dich nicht betrügst. + + + +Vierter Auftritt +Antonio. Tasso. + +Antonio. +Hier bin ich, Tasso, dir ein Wort zu sagen, +Wenn du mich ruhig hören magst und kannst. + +Tasso. +Das Handeln, weißt du, bleibt mir untersagt; +Es ziemt mir wohl, zu warten und zu hören. + +Antonio. +Ich treffe dich gelassen, wie ich wünschte, +Und spreche gern zu dir aus freier Brust. +Zuvörderst lös' ich in des Fürsten Namen +Das schwache Band, das dich zu fesseln schien. + +Tasso. +Die Willkür macht mich frei, wie sie mich band; +Ich nehm' es an und fordre kein Gericht. + +Antonio. +Dann sag' ich dir von mir: Ich habe dich +Mit Worten, scheint es, tief und mehr gekränkt, +Als ich, von mancher Leidenschaft bewegt, +Es selbst empfand. Allein kein schimpflich Wort +Ist meinen Lippen unbedacht entflohen: +Zu rächen hast du nichts als Edelmann, +Und wirst als Mensch Vergebung nicht versagen. + +Tasso. +Was härter treffe, Kränkung oder Schimpf, +Will ich nicht untersuchen: Jene dringt +Ins tiefe Mark, und dieser reizt die Haut. +Der Pfeil des Schimpfs kehrt auf den Mann zurück, +Der zu verwunden glaubt; die Meinung andrer +Befriedigt leicht das wohl geführte Schwert-- +Doch ein gekränktes Herz erholt sich schwer. + +Antonio. +Jetzt ist's an mir, dass ich dir dringend sage: +Tritt nicht zurück, erfülle meinen Wunsch, +Den Wunsch des Fürsten, der mich zu dir sendet. + +Tasso. +Ich kenne meine Pflicht und gebe nach. +Es sei verziehn, sofern es möglich ist! +Die Dichter sagen uns von einem Speer, +Der eine Wunde, die er selbst geschlagen, +Durch freundliche Berührung heilen konnte. +Es hat des Menschen Zunge diese Kraft; +Ich will ihr nicht gehässig widerstehn. + +Antonio. +Ich danke dir und wünsche, dass du mich +Und meinen Willen, dir zu dienen, gleich +Vertraulich prüfen mögest. Sage mir, +Kann ich dir nützlich sein? Ich zeig' es gern. + +Tasso. +Du bietest an was ich nur wünschen konnte. +Du brachtest mir die Freiheit wieder; nun +Verschaffe mir, ich bitte, den Gebrauch. + +Antonio. +Was kannst du meinen? Sag' es deutlich an. + +Tasso. +Du weißt, geendet hab' ich mein Gedicht; +Es fehlt noch viel, dass es vollendet wäre. +Heut überreicht' ich es dem Fürsten, hoffte +Zugleich ihm eine Bitte vorzutragen. +Gar viele meiner Freunde find' ich jetzt +In Rom versammelt; einzeln haben sie +Mir über manche Stellen ihre Meinung +In Briefen schon eröffnet; vieles hab' ich +Benutzen können, manches scheint mir noch +Zu überlegen, und verschiedne Stellen +Möcht' ich nicht gern verändern, wenn man mich +Nicht mehr, als es geschehn ist, überzeugt. +Das alles wird durch Briefe nicht getan: +Die Gegenwart löst diese Knoten bald. +So dacht' ich heut den Fürsten selbst zu bitten: +Ich fand nicht Raum; nun darf ich es nicht wagen +Und hoffe diesen Urlaub nun durch dich. + +Antonio. +Mir scheint nicht rätlich, dass du dich entfernst +In dem Moment, da dein vollendet Werk +Dem Fürsten und der Fürstin dich empfiehlt. +Ein Tag der Gunst ist wie ein Tag der Ernte: +Man muss geschäftig sein, sobald sie reift. +Entfernst du dich, so wirst du nichts gewinnen, +Vielleicht verlieren, was du schon gewannst. +Die Gegenwart ist eine mächt'ge Göttin: +Lern' ihren Einfluss kennen, bleibe hier! + +Tasso. +Zu fürchten hab' ich nichts: Alphons ist edel, +Stets hat er gegen mich sich groß gezeigt; +Und was ich hoffe, will ich seinem Herzen +Allein verdanken, keine Gnade mir +Erschleichen; nichts will ich von ihm empfangen, +Was ihn gereuen könnte, dass er's gab. + +Antonio. +So fordre nicht von ihm, dass er dich jetzt +Entlassen soll; er wird es ungern tun, +Und ich befürchte fast: Er tut es nicht. + +Tasso. +Er wird es gern, wenn recht gebeten wird, +Und du vermagst es wohl, sobald du willst. + +Antonio. +Doch welche Gründe, sag' mir, leg' ich vor? + +Tasso. +Lass mein Gedicht aus jeder Stanze sprechen! +Was ich gewollt ist, löblich, wenn das Ziel +Auch meinen Kräften unerreichbar blieb. +An Fleiß und Mühe hat es nicht gefehlt. +Der heitre Wandel mancher schönen Tage, +Der stille Raum so mancher tiefen Nächte, +War einzig diesem frommen Lied geweiht. +Bescheiden hofft' ich, jenen großen Meistern +Der Vorwelt mich zu nahen, kühn gesinnt, +Zu edlen Taten unsern Zeitgenossen +Aus einem langen Schlaf zu rufen, dann +Vielleicht mit einem edlen Christenheere +Gefahr und Ruhm des heil'gen Kriegs zu teilen. +Und soll mein Lied die besten Männer wecken, +So muss es auch der besten würdig sein. +Alphons bin ich schuldig, was ich tat; +Nun möcht' ich ihm auch die Vollendung danken. + +Antonio. +Und eben dieser Fürst ist hier, mit andern, +Die dich so gut als Römer leiten können. +Vollende hier dein Werk, hier ist der Platz, +Und um zu wirken, eile dann nach Rom. + +Tasso. +Alphons hat mich zuerst begeistert, wird +Gewiss der letzte sein, der mich belehrt, +Und deinen Rat, den Rat der klugen Männer, +Die unser Hof versammelt, schätz' ich hoch. +Ihr sollt entscheiden, wenn mich ja zu Rom +Die Freunde nicht vollkommen überzeugen. +Doch diese muss ich sehn. Gonzaga hat +Mir ein Gericht versammelt, dem ich erst +Mich stellen muss. Ich kann es kaum erwarten. +Flaminio de' Nobili, Angelio +Da Barga, Antoniano und Speron Speroni! +Du wirst sie kennen.--Welche Namen sind's! +Vertraun und Sorge flößen sie zugleich +In meinen Geist, der gern sich unterwirft. + +Antonio. +Du denkst nur dich und denkst den Fürsten nicht. +Ich sage dir, er wird dich nicht entlassen, +Und wenn er's tut, entlässt er dich nicht gern. +Du willst ja nicht verlangen, was er dir +Nicht gern gewähren mag. Und soll ich hier +Vermitteln, was ich selbst nicht loben kann? + +Tasso. +Versagst du mir den ersten Dienst, wenn ich +Die angebotne Freundschaft prüfen will? + +Antonio. +Die wahre Freundschaft zeigt sich im Versagen +Zur rechten Zeit, und es gewährt die Liebe +Gar oft ein schädlich Gut, wenn sie den Willen +Des Fordernden mehr als sein Glück bedenkt. +Du scheinest mir in diesem Augenblick +Für gut zu halten, was du eifrig wünschest, +Und willst im Augenblick, was du begehrst. +Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende, +Was ihm an Wahrheit und an Kräften fehlt. +Es fordert meine Pflicht, so viel ich kann +Die Hast zu mäß'gen, die dich übel treibt. + +Tasso. +Schon lange kenn' ich diese Tyrannei +Der Freundschaft, die von allen Tyranneien +Die unerträglichste mir scheint. Du denkst +Nur anders, und du glaubst deswegen +Schon recht zu denken. Gern erkenn' ich an: +Du willst mein Wohl; allein verlange nicht, +Dass ich auf deinem Weg es finden soll. + +Antonio. +Und soll ich dir sogleich mit kaltem Blut, +Mit voller, klarer Überzeugung schaden? + +Tasso. +Von dieser Sorge will ich dich befrein! +Du hältst mich nicht mit diesen Worten ab. +Du hast mich frei erklärt, und diese Türe +Steht mir nun offen, die zum Fürsten führt. +Ich lasse dir die Wahl: Du oder ich! +Der Fürst geht fort. Hier ist kein Augenblick +Zu harren. Wähle schnell! Wenn du nicht gehst, +So geh' ich selbst, und werd' es, wie es will. + +Antonio. +Lass mich nur wenig Zeit von dir erlangen +Und warte nur des Fürsten Rückkehr ab! +Nur heute nicht! + +Tasso. +Nein, diese Stunde noch, +Wenn's möglich ist! Es brennen mir die Sohlen +Auf diesem Marmorboden; eher kann +Mein Geist nicht Ruhe finden, bis der Staub +Des freien Wegs mich Eilenden umgibt. +Ich bitte dich! Du siehst, wie ungeschickt +In diesem Augenblick ich sei, mit meinem Herrn +Zu reden; siehst--wie kann ich das verbergen-- +Dass ich mir selbst in diesem Augenblick, +Mir keine Macht der Welt gebieten kann. +Nur Fesseln sind es, die mich halten können! +Alphons ist kein Tyrann, er sprach mich frei. +Wie gern gehorcht' ich seinen Worten sonst! +Heut kann ich nicht gehorchen. Heute nur +Lasst mich in Freiheit, dass mein Geist sich finde! +Ich kehre bald zu meiner Pflicht zurück. + +Antonio. +Du machst mich zweifelhaft. Was soll ich tun? +Ich merke wohl: Es steckt der Irrtum an. + +Tasso. +Soll ich dir glauben, denkst du gut für mich, +So wirke was ich wünsche, was du kannst. +Der Fürst entlässt mich dann, und ich verliere +Nicht seine Gnade, seine Hilfe nicht. +Das dank' ich dir, und will dir's gern verdanken; +Doch hegst du einen alten Groll im Busen, +Willst du von diesem Hofe mich verbannen, +Willst du auf ewig mein Geschick verkehren, +Mich hilflos in die weite Welt vertreiben, +So bleib auf deinem Sinn und widersteh! + +Antonio. +Weil ich dir doch, o Tasso, schaden soll, +So wähl' ich denn den Weg, den du erwählst. +Der Ausgang mag entscheiden, wer sich irrt! +Du willst hinweg! Ich sag' es dir zuvor: +Du wendest diesem Hause kaum den Rücken, +So wird dein Herz zurück verlangen, wird +Dein Eigensinn dich vorwärts treiben; Schmerz, +Verwirrung, Trübsinn harrt in Rom auf dich, +Und du verfehlest hier und dort den Zweck. +Doch sag' ich dies nicht mehr, um dir zu raten; +Ich sage nur voraus, was bald geschieht, +Und lade dich auch schon im voraus ein, +Mir in dem schlimmsten Falle zu vertraun. +Ich spreche nun den Fürsten, wie du's forderst. + + + +Fünfter Auftritt +Tasso (allein). + + Ja, gehe nur, und gehe sicher weg, +Dass du mich überredest, was du willst. +Ich lerne mich verstellen; denn du bist +Ein großer Meister, und ich fasse leicht. +So zwingt das Leben uns zu scheinen, ja +Zu sein wie jene, die wir kühn und stolz +Verachten konnten. Deutlich seh' ich nun +Die ganze Kunst des höfischen Gewebes! +Mich will Antonio von hinnen treiben +Und will nicht scheinen, dass er mich vertreibt. +Er spielt den Schonenden, den Klugen, dass +Man nur recht krank und ungeschickt mich finde, +Bestellet sich zum Vormund, dass er mich +Zum Kind erniedrige, den er zum Knecht +Nicht zwingen konnte. So umnebelt er +Die Stirn des Fürsten und der Fürstin Blick. + + Man soll mich halten, meint er: Habe doch +Ein schön Verdienst mir die Natur geschenkt; +Doch leider habe sie mit manchen Schwächen +Die hohe Gabe wieder schlimm begleitet, +Mit ungebundnem Stolz, mit übertriebner +Empfindlichkeit und eignem düstern Sinn. +Es sei nicht anders, einmal habe nun +Den einen Mann das Schicksal so gebildet; +Nun müsse man ihn nehmen, wie er sei, +Ihn dulden, tragen und vielleicht an ihm, +Was Freude bringen kann, am guten Tage +Als unerwarteten Gewinst genießen, +Im Übrigen, wie er geboren sei, +So müsse man ihn leben, sterben lassen. + + Erkenn' ich noch Alphonsens festen Sinn, +Der Feinden trotzt und Freunde treulich schützt? +Erkenn' ich ihn, wie er nun mir begegnet? +Ja, wohl erkenn' ich ganz mein Unglück nun! +Das ist mein Schicksal, dass nur gegen mich +Sich jeglicher verändert, der für andre fest +Und treu und sicher bleibt, sich leicht verändert +Durch einen Hauch, in einem Augenblick. + + Hat nicht die Ankunft dieses Manns allein +Mein ganz Geschick zerstört, in einer Stunde? +Nicht dieser das Gebäude meines Glücks +Von seinem tiefsten Grund aus umgestürzt? +O, muss ich das erfahren, muss ich's heut! +Ja, wie sich alles zu mir drängte, lässt +Mich alles nun; wie jeder mich an sich +Zu reißen strebte, jeder mich zu fassen, +So stößt mich alles weg und meidet mich. +Und das warum? Und wiegt denn er allein +Die Schale meines Werts und aller Liebe, +Die ich so reichlich sonst besessen, auf? + + Ja, alles flieht mich nun. Auch du! Auch du! +Geliebte Fürstin, du entziehst dich mir! +In diesen trüben Stunden hat sie mir +Kein einzig Zeichen ihrer Gunst gesandt. +Hab' ich's um sie verdient?--Du armes Herz, +Dem so natürlich war sie zu verehren!-- +Vernahm ich ihre Stimme, wie durchdrang +Ein unaussprechliches Gefühl die Brust! +Erblickt' ich sie, da ward das helle Licht +Des Tags mir trüb; unwiderstehlich zog +Ihr Auge mich, ihr Mund mich an, mein Knie +Erhielt sich kaum, und aller Kraft +Des Geists bedurft' ich, aufrecht mich zu halten, +Vor ihre Füße nicht zu fallen; kaum +Vermocht' ich diesen Taumel zu zerstreun. +Hier halte fest, mein Herz! Du klarer Sinn, +Lass hier dich nicht umnebeln! Ja, auch sie! +Darf ich es sagen? Und ich glaub' es kaum; +Ich glaub' es wohl, und möcht' es mir verschweigen. +Auch Sie! Auch Sie! Entschuldige sie ganz, +Allein verbirg' dir's nicht: Auch Sie! Auch Sie! + + O dieses Wort, an dem ich zweifeln sollte, +Solang ein Hauch von Glauben in mir lebt, +Ja, dieses Wort, es gräbt sich, wie ein Schluss +Des Schicksals noch zuletzt am ehrnen Rande +Der voll geschriebnen Qualentafel ein. +Nun sind erst meine Feinde stark, nun bin ich +Auf ewig einer jeden Kraft beraubt. +Wie soll ich streiten, wenn Sie gegenüber +Im Heere steht? Wie soll ich duldend harren, +Wenn Sie die Hand mir nicht von ferne reicht? +Wenn nicht ihr Blick dem Flehenden begegnet? +Du hast's gewagt zu denken, hast's gesprochen, +Und es ist wahr, eh' du es fürchten konntest! +Und ehe nun die Verzweiflung deine Sinnen +Mit ehrnen Klauen aus einander reißt, +Ja, klage nur das bittre Schicksal an +Und wiederhole nur: Auch Sie! Auch Sie! + + + + +Fünfter Aufzug +(Garten.) + + + +Erster Auftritt +Alphons. Antonio. + +Antonio. +Auf deinen Wink ging ich das zweite Mal +Zu Tasso hin, ich komme von ihm her. +Ich hab' ihm zugeredet, ja gedrungen; +Allein er geht von seinem Sinn nicht ab +Und bittet sehnlich, dass du ihn nach Rom +Auf eine kurze Zeit entlassen mögest. + +Alphons. +Ich bin verdrießlich, dass ich dir's gestehe, +Und lieber sag' ich dir, dass ich es bin, +Als dass ich den Verdruss verberg' und mehre. +Er will verreisen; gut, ich halt' ihn nicht. +Er will hinweg, er will nach Rom; es sei! +Nur dass mir Scipio Gonzaga nicht, +Der kluge Medicis, ihn nicht entwende! +Das hat Italien so groß gemacht, +Dass jeder Nachbar mit dem andern streitet, +Die Bessern zu besitzen, zu benutzen. +Ein Feldherr ohne Heer scheint mir ein Fürst, +Der die Talente nicht um sich versammelt: +Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt, +Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei. +Gefunden hab' ich diesen und gewählt, +Ich bin auf ihn als meinen Diener stolz, +Und da ich schon für ihn so viel getan, +So möcht' ich ihn nicht ohne Not verlieren. + +Antonio. +Ich bin verlegen, denn ich trage doch +Vor dir die Schuld von dem, was heut geschah; +Auch will ich meinen Fehler gern gestehn, +Er bleibet deiner Gnade zu verzeihn; +Doch wenn du glauben könntest, dass ich nicht +Das mögliche getan, ihn zu versöhnen, +So würd' ich ganz untröstlich sein. O! Sprich +Mit holdem Blick mich an, damit ich wieder +Mich fassen kann, mir selbst vertrauen mag. + +Alphons. +Antonio, nein, da sei nur immer ruhig, +Ich schreib' es dir auf keine Weise zu; +Ich kenne nur zu gut den Sinn des Mannes, +Und weiß nur allzu wohl was ich getan, +Wie sehr ich ihn geschont, wie sehr ich ganz +Vergessen, dass ich eigentlich an ihn +Zu fordern hätte. Über vieles kann +Der Mensch zum Herrn sich machen, seinen Sinn +Bezwinget kaum die Not und lange Zeit. + +Antonio. +Wenn andre vieles um den einen tun, +So ist's auch billig, dass der eine wieder +Sich fleißig frage, was den andern nützt. +Wer seinen Geist so viel gebildet hat, +Wer jede Wissenschaft zusammengeizt, +Und jede Kenntnis, die uns zu ergreifen +Erlaubt ist, sollte der, sich zu beherrschen, +Nicht doppelt schuldig sein? Und denkt er dran? + +Alphons. +Wir sollen eben nicht in Ruhe bleiben! +Gleich wird uns, wenn wir zu genießen denken, +Zur Übung unsrer Tapferkeit ein Feind, +Zur Übung der Geduld ein Freund gegeben. + +Antonio. +Die erste Pflicht des Menschen, Speis' und Trank +Zu wählen, da ihn die Natur so eng +Nicht wie das Tier beschränkt, erfüllt er die? +Und lässt er nicht vielmehr sich wie ein Kind +Von allem reizen, was dem Gaumen schmeichelt? +Wann mischt er Wasser unter seinen Wein? +Gewürze, süße Sachen, stark Getränke, +Eins um das andre schlingt er hastig ein, +Und dann beklagt er seinen trüben Sinn, +Sein feurig Blut, sein allzu heftig Wesen, +Er schilt auf die Natur und das Geschick. +Wie bitter und wie thöricht hab' ich ihn +Nicht oft mit seinem Arzte rechten sehn; +Zum Lachen fast, wär' irgend lächerlich, +Was einen Menschen quält und andre plagt. +"Ich fühle dieses Übel," sagt er bänglich +Und voll Verdruss: "Was rühmt ihr eure Kunst? +Schafft mir Genesung!"--Gut! versetzt der Arzt, +So meidet das und das.--"Das kann ich nicht."-- +So nehmet diesen Trank.--"O nein! Der schmeckt +Abscheulich, er empört mir die Natur."-- +So trinkt denn Wasser.--"Wasser? Nimmermehr! +Ich bin so wasserscheu als ein Gebissner."-- +So ist euch nicht zu helfen.--"Und warum?"-- +Das Übel wird sich stets mit Übeln häufen +Und, wenn es euch nicht töten kann, nur mehr +Und mehr mit jedem Tag Euch quälen.--"Schön! +Wofür seid Ihr ein Arzt? Ihr kennt mein Übel, +Ihr solltet auch die Mittel kennen, sie +Auch schmackhaft machen, dass ich nicht noch erst, +Der Leiden los zu sein, recht leiden müsse." +Du lächelst selbst und doch ist es gewiss, +Du hast es wohl aus seinem Mund gehört? + +Alphons. +Ich hab' es oft gehört und oft entschuldigt. + +Antonio. +Es ist gewiss, ein ungemäßigt Leben, +Wie es uns schwere, wilde Träume gibt, +Macht uns zuletzt am hellen Tage träumen. +Was ist sein Argwohn anders als ein Traum? +Wohin er tritt, glaubt er von Feinden sich +Umgeben. Sein Talent kann niemand sehn, +Der ihn nicht neidet, niemand ihn beneiden, +Der ihn nicht hasst und bitter ihn verfolgt. +So hat er oft mit Klagen dich belästigt: +Erbrochne Schlösser, aufgefangne Briefe, +Und Gift und Dolch! Was alles vor ihm schwebt! +Du hast es untersuchen lassen, untersucht, +Und hast du was gefunden? Kaum den Schein. +Der Schutz von keinem Fürsten macht ihn sicher, +Der Busen keines Freundes kann ihn laben. +Und willst du einem solchen Ruh und Glück, +Willst du von ihm wohl Freude dir versprechen? + +Alphons. +Du hättest Recht, Antonio, wenn in ihm +Ich meinen nächsten Vorteil suchen wollte! +Zwar ist es schon mein Vorteil, dass ich nicht +Den Nutzen grad und unbedingt erwarte. +Nicht alles dienet uns auf gleiche Weise; +Wer vieles brauchen will, gebrauche jedes +In seiner Art, so ist er wohl bedient. +Das haben uns die Medicis gelehrt, +Das haben uns die Päpste selbst gewiesen. +Mit welcher Nachsicht, welcher fürstlichen +Geduld und Langmut trugen diese Männer +Manch groß Talent, das ihrer reichen Gnade +Nicht zu bedürfen schien und doch bedurfte! + +Antonio. +Wer weiß es nicht, mein Fürst? Des Lebens Mühe +Lehrt uns allein des Lebens Güter schätzen. +So jung hat er zu vieles schon erreicht, +Als dass genügsam er genießen könnte. +O, sollt' er erst erwerben, was ihm nun +Mit offnen Händen angebothen wird: +Er strengte seine Kräfte männlich an +Und fühlte sich von Schritt zu Schritt begnügt. +Ein armer Edelmann hat schon das Ziel +Von seinem besten Wunsch erreicht, wenn ihn +Ein edler Fürst zu seinem Hofgenossen +Erwählen will, und ihn der Dürftigkeit +Mit milder Hand entzieht. Schenkt er ihm noch +Vertraun und Gunst und will an seine Seite +Vor andern ihn erheben, sei's im Krieg, +Sei's in Geschäften oder im Gespräch, +So, dächt' ich, könnte der bescheidne Mann +Sein Glück mit stiller Dankbarkeit verehren. +Und Tasso hat zu allem diesem noch +Das schönste Glück des Jünglings: Dass ihn schon +Sein Vaterland erkennt und auf ihn hofft. +O glaube mir, sein launisch Missbehagen +Ruht auf dem breiten Polster seines Glücks. +Er kommt, entlass ihn gnädig, gib ihm Zeit, +In Rom und in Neapel, wo er will, +Das aufzusuchen, was er hier vermisst, +Und was er hier nur wieder finden kann. + +Alphons. +Will er zurück erst nach Ferrara gehn? + +Antonio. +Er wünscht in Belriguardo zu verweilen. +Das Nötigste, was er zur Reise braucht, +Will er durch einen Freund sich senden lassen. + +Alphons. +Ich bin's zufrieden. Meine Schwester geht +Mit ihrer Freundin gleich zurück, und reitend +Werd' ich vor ihnen noch zu Hause sein. +Du folgst uns bald, wenn du für ihn gesorgt. +Dem Kastellan befiehl das Nötige, +Dass er hier auf dem Schlosse bleiben kann, +Solang er will, so lang, bis seine Freunde +Ihm das Gepäck gesendet, bis wir ihm +Die Briefe schicken, die ich ihm nach Rom +Zu geben Willens bin. Er kommt! Leb' wohl! + + + +Zweiter Auftritt +Alphons. Tasso. + +Tasso (mit Zurückhaltung). +Die Gnade, die du mir so oft bewiesen, +Erscheinet heute mir in vollem Licht: +Du hast verziehen, was in deiner Nähe +Ich unbedacht und frevelhaft beging; +Du hast den Widersacher mir versöhnt; +Du willst erlauben, dass ich eine Zeit +Von deiner Seite mich entferne, willst +Mir deine Gunst großmütig vorbehalten. +Ich scheide nun mit völligem Vertraun, +Und hoffe still, mich soll die kleine Frist +Von allem heilen, was mich jetzt beklemmt. +Es soll mein Geist aufs neue sich erheben +Und auf dem Wege, den ich froh und kühn, +Durch deinen Blick ermuntert, erst betrat, +Sich deiner Gunst aufs neue würdig machen. + +Alphons. +Ich wünsche dir zu deiner Reise Glück +Und hoffe, dass du froh und ganz geheilt +Uns wieder kommen wirst. Du bringst uns dann +Den doppelten Gewinst für jede Stunde, +Die du uns nun entziehst, vergnügt zurück. +Ich gebe Briefe dir an meine Leute, +An Freunde dir nach Rom und wünsche sehr, +Dass du dich zu den Meinen überall +Zutraulich halten mögest, wie ich dich +Als mein, obgleich entfernt, gewiss betrachte. + +Tasso. +Du überhäufst, o Fürst, mit Gnade den, +Der sich unwürdig fühlt und selbst zu danken +In diesem Augenblicke nicht vermag. +Anstatt des Danks eröffn' ich eine Bitte! +Am meisten liegt mir mein Gedicht am Herzen. +Ich habe viel getan und keine Mühe +Und keinen Fleiß gespart; allein es bleibt +Zu viel mir noch zurück. Ich möchte dort, +Wo noch der Geist der großen Männer schwebt, +Und wirksam schwebt, dort möcht' ich in die Schule +Aufs neue mich begeben: Würdiger +Erfreute deines Beifalls sich mein Lied. +O, gib die Blätter mir zurück, die ich +Jetzt nur beschämt in deinen Händen weiß! + +Alphons. +Du wirst mir nicht an diesem Tage nehmen, +Was du mir kaum an diesem Tag gebracht. +Lass zwischen dich und zwischen dein Gedicht +Mich als Vermittler treten: Hüte dich, +Durch strengen Fleiß die liebliche Natur +Zu kränken, die in deinen Reimen lebt, +Und höre nicht auf Rat von allen Seiten! +Die tausendfältigen Gedanken vieler +Verschiedner Menschen, die im Leben sich +Und in der Meinung widersprechen, fasst +Der Dichter klug in eins und scheut sich nicht, +Gar manchem zu missfallen, dass er manchem +Um desto mehr gefallen möge. Doch +Ich sage nicht, dass du nicht hie und da +Bescheiden deine Feile brauchen solltest; +Verspreche dir zugleich: In kurzer Zeit +Erhältst du abgeschrieben dein Gedicht. +Es bleibt von deiner Hand in meinen Händen, +Damit ich seiner erst mit meinen Schwestern +Mich recht erfreuen möge. Bringst du es +Vollkommner dann zurück: Wir werden uns +Des höheren Genusses freun und dich +Bei mancher Stelle nur als Freunde warnen. + +Tasso. +Ich wiederhole nur beschämt die Bitte: +Lass mich die Abschrift eilig haben! Ganz +Ruht mein Gemüt auf diesem Werke nun. +Nun muss es werden, was es werden kann. + +Alphons. +Ich billige den Trieb, der dich beseelt! +Doch, guter Tasso, wenn es möglich wäre, +So solltest du erst eine kurze Zeit +Der freien Welt genießen, dich zerstreuen, +Dein Blut durch eine Kur verbessern. Dir +Gewährte dann die schöne Harmonie +Der hergestellten Sinne, was du nun +Im trüben Eifer nur vergebens suchst. + +Tasso. +Mein Fürst, so scheint es; doch, ich bin gesund, +Wenn ich mich meinem Fleiß ergeben kann, +Und so macht wieder mich der Fleiß gesund. +Du hast mich lang gesehn: Mir ist nicht wohl +In freier Üppigkeit. Mir lässt die Ruh +Am mindsten Ruhe. Dies Gemüt ist nicht +Von der Natur bestimmt, ich fühl' es leider, +Auf weichem Element der Tage froh +Ins weite Meer der Zeiten hinzuschwimmen. + +Alphons. +Dich führet alles, was du sinnst und treibst, +Tief in dich selbst. Es liegt um uns herum +Gar mancher Abgrund, den das Schicksal grub; +Doch hier in unserm Herzen ist der tiefste, +Und reizend ist es sich hinab zu stürzen. +Ich bitte dich, entreiße dich dir selbst! +Der Mensch gewinnt, was der Poet verliert. + +Tasso. +Ich halte diesen Drang vergebens auf, +Der Tag und Nacht in meinem Busen wechselt. +Wenn ich nicht sinnen oder dichten soll, +So ist das Leben mir kein Leben mehr. +Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen, +Wenn er sich schon dem Tode näher spinnt: +Das köstliche Geweb' entwickelt er +Aus seinem Innersten, und lässt nicht ab, +Bis er in seinen Sarg sich eingeschlossen. +O, geb' ein guter Gott uns auch dereinst +Das Schicksal des beneidenswerten Wurms, +Im neuen Sonnental die Flügel rasch +Und freudig zu entfalten! + +Alphons. + Höre mich! +Du gibst so vielen doppelten Genuss +Des Lebens; lern', ich bitte dich, +Den Wert des Lebens kennen, das du noch +Und zehnfach reich besitzest. Lebe wohl! +Je eher du zu uns zurücke kehrst, +Je schöner wirst du uns willkommen sein. + + + +Dritter Auftritt +Tasso (allein). + +So halte fest, mein Herz, so war es recht! +Es wird dir schwer, es ist das erste Mal, +Dass du dich so verstellen magst und kannst. +Du hörtest wohl: Das war nicht sein Gemüt, +Das waren seine Worte nicht; mir schien, +Als klänge nur Antonios Stimme wider. +O gib nur Acht! Du wirst sie nun so fort +Von allen Seiten hören. Fest, nur fest! +Um einen Augenblick ist's noch zu tun. +Wer spät im Leben sich verstellen lernt, +Der hat den Schein der Ehrlichkeit voraus. +Es wird schon gehn, nur übe dich mit ihnen. + +(Nach einer Pause.) + +Du triumphierst zu früh, dort kommt sie her! +Die holde Fürstin kommt! O welch Gefühl! +Sie tritt herein, es löst in meinem Busen +Verdruss und Argwohn sich in Schmerzen auf. + + + +Vierter Auftritt +Prinzessin. Tasso. Gegen das Ende des Auftritts die Übrigen. + +Prinzessin. +Du denkst uns zu verlassen, oder bleibst +Vielmehr in Belriguardo noch zurück +Und willst dich dann von uns entfernen, Tasso? +Ich hoffe, nur auf eine kurze Zeit. +Du gehst nach Rom? + +Tasso. +Ich richte meinen Weg +Zuerst dahin, und nehmen meine Freunde +Mich gütig auf, wie ich es hoffen darf, +So leg' ich da mit Sorgfalt und Geduld +Vielleicht die letzte Hand an mein Gedicht. +Ich finde viele Männer dort versammelt, +Die Meister aller Art sich nennen dürfen. +Und spricht in jener ersten Stadt der Welt +Nicht jeder Platz, nicht jeder Stein zu uns? +Wie viele tausend stumme Lehrer winken +In ernster Majestät uns freundlich an! +Vollend' ich da nicht mein Gedicht, so kann +Ich's nie vollenden. Leider, ach, schon fühl' ich, +Mir wird zu keinem Unternehmen Glück! +Verändern werd' ich es, vollenden nie. +Ich fühl', ich fühl' es wohl, die große Kunst, +Die jeden nährt, die den gesunden Geist +Stärkt und erquickt, wird mich zu Grunde richten, +Vertreiben wird sie mich. Ich eile fort! +Nach Napel will ich bald! + +Prinzessin. + Darfst du es wagen? +Noch ist der strenge Bann nicht aufgehoben, +Der dich zugleich mit deinem Vater traf. + +Tasso. +Du warnest recht, ich hab' es schon bedacht. +Verkleidet geh' ich hin, den armen Rock +Des Pilgers oder Schäfers zieh' ich an. +Ich schleiche durch die Stadt, wo die Bewegung +Der Tausende den einen leicht verbirgt. +Ich eile nach dem Ufer, finde dort +Gleich einen Kahn mit willig guten Leuten, +Mit Bauern, die zum Markte kamen, nun +Nach Hause kehren, Leute von Sorrent; +Denn ich muss nach Sorrent hinübereilen. +Dort wohnet meine Schwester, die mit mir +Die Schmerzensfreude meiner Eltern war. +Im Schiffe bin ich still, und trete dann +Auch schweigend an das Land, ich gehe sacht +Den Pfad hinauf, und an dem Tore frag' ich: +Wo wohnt Cornelia? Zeigt mir es an! +Cornelia Sersale? Freundlich deutet +Mir eine Spinnerinn die Straße, sie +Bezeichnet mir das Haus. So steig' ich weiter. +Die Kinder laufen nebenher und schauen +Das wilde Haar, den düstern Fremdling an. +So komm' ich an die Schwelle. Offen steht +Die Türe schon, so tret' ich in das Haus-- + +Prinzessin. +Blick' auf, o Tasso, wenn es möglich ist, +Erkenne die Gefahr, in der du schwebst! +Ich schone dich; denn sonst würd' ich dir sagen: +Ist's edel so zu reden, wie du sprichst? +Ist's edel, nur allein an sich zu denken, +Als kränktest du der Freunde Herzen nicht? +Ist's dir verborgen wie mein Bruder denkt? +Wie beide Schwestern dich zu schätzen wissen? +Hast du es nicht empfunden und erkannt? +Ist alles denn in wenig Augenblicken +Verändert? Tasso! Wenn du scheiden willst, +So lass uns Schmerz und Sorge nicht zurück. + +(Tasso wendet sich weg.) + +Prinzessin. +Wie tröstlich ist es, einem Freunde, der +Auf eine kurze Zeit verreisen will, +Ein klein Geschenk zu geben, sei es nur +Ein neuer Mantel oder eine Waffe! +Dir kann man nichts mehr geben; denn du wirfst +Unwillig alles weg, was du besitzest. +Die Pilgermuschel und den schwarzen Kittel, +Den langen Stab erwählst du dir und gehst +Freiwillig arm dahin und nimmst uns weg, +Was du mit uns allein genießen konntest. + +Tasso. +So willst du mich nicht ganz und gar verstoßen? +O süßes Wort, o schöner, teurer Trost! +Vertritt mich! Nimm in deinen Schutz mich auf!-- +Lass mich in Belriguardo hier, versetze +Mich nach Consandoli, wohin du willst! +Es hat der Fürst so manches schöne Schloss, +So manchen Garten, der das ganze Jahr +Gewartet wird, und ihr betretet kaum +Ihn einen Tag, vielleicht nur eine Stunde. +Ja, wählet den entferntsten aus, den ihr +In ganzen Jahren nicht besuchen geht, +Und der vielleicht jetzt ohne Sorge liegt: +Dort schickt mich hin! Dort lasst mich euer sein! +Wie will ich deine Bäume pflegen! Die Zitronen +Im Herbst mit Brettern und mit Ziegeln decken, +Und mit verbundnem Rohre wohl verwahren! +Es sollen schöne Blumen in den Beeten +Die breiten Wurzeln schlagen; rein und zierlich +Soll jeder Gang und jedes Fleckchen sein. +Und lasst mir auch die Sorge des Palastes! +Ich will zur rechten Zeit die Fenster öffnen, +Dass Feuchtigkeit nicht den Gemälden schade; +Die schön mit Stuckatur verzierten Wände +Will ich mit einem leichten Wedel säubern; +Es soll das Estrich blank und reinlich glänzen; +Es soll kein Stein, kein Ziegel sich verrücken; +Es soll kein Gras aus einer Ritze keimen! + +Prinzessin. +Ich finde keinen Rat in meinem Busen, +Und finde keinen Trost für dich und--uns. +Mein Auge blickt umher, ob nicht ein Gott +Uns Hilfe reichen möchte, möchte mir +Ein heilsam Kraut entdecken, einen Trank, +Der deinem Sinne Frieden brächte, Frieden uns. +Das treuste Wort, das von der Lippe fließt, +Das schönste Heilungsmittel wirkt nicht mehr. +Ich muss dich lassen, und verlassen kann +Mein Herz dich nicht. + +Tasso. + Ihr Götter, ist sie's doch, +Die mit dir spricht und deiner sich erbarmt? +Und konntest du das edle Herz verkennen? +War's möglich, dass in ihrer Gegenwart +Der Kleinmut dich ergriff und dich bezwang? +Nein, nein, du bist's! Und nun, ich bin es auch. +O fahre fort und lass mich jeden Trost +Aus deinem Munde hören! Deinen Rat +Entzieh mir nicht! O sprich: Was soll ich tun, +Damit dein Bruder mir vergeben könne, +Damit du selbst mir gern vergeben mögest, +Damit ihr wieder zu den Euren mich +Mit Freuden zählen möget? Sag' mir an! + +Prinzessin. +Gar wenig ist's, was wir von dir verlangen, +Und dennoch scheint es allzu viel zu sein. +Du sollst dich selbst uns freundlich überlassen. +Wir wollen nichts von dir, was du nicht bist, +Wenn du nur erst dir mit dir selbst gefällst. +Du machst uns Freude, wenn du Freude hast, +Und du betrübst uns nur, wenn du sie fliehst; +Und wenn du uns auch ungeduldig machst, +So ist es nur, dass wir dir helfen möchten, +Und, leider! Sehn, dass nicht zu helfen ist, +Wenn du nicht selbst des Freundes Hand ergreifst, +Die, sehnlich ausgereckt, dich nicht erreicht. + +Tasso. +Du bist es selbst, wie du zum ersten Mal, +Ein heil'ger Engel, mir entgegen kamst! +Verzeih dem trüben Blick des Sterblichen, +Wenn er auf Augenblicke dich verkannt. +Er kennt dich wieder! Ganz eröffnet sich +Die Seele, nur dich ewig zu verehren. +Es füllt sich ganz das Herz von Zärtlichkeit-- +Sie ist's, sie steht vor mir. Welch ein Gefühl! +Ist es Verirrung, was mich nach dir zieht? +Ist's Raserei? Ist's ein erhöhter Sinn, +Der erst die höchste, reinste Wahrheit fasst? +Ja, es ist das Gefühl, das mich allein +Auf dieser Erde glücklich machen kann, +Das mich allein so elend werden ließ, +Wenn ich ihm widerstand und aus dem Herzen +Es bannen wollte. Diese Leidenschaft +Gedacht' ich zu bekämpfen; stritt und stritt +Mit meinem tiefsten Sein, zerstörte frech +Mein eignes Selbst, dem du so ganz gehörst-- + +Prinzessin. +Wenn ich dich, Tasso, länger hören soll, +So mäßige die Glut, die mich erschreckt. + +Tasso. +Beschränkt der Rand des Bechers einen Wein, +Der schäumend wallt und brausend überschwillt? +Mit jedem Wort' erhöhest du mein Glück, +Mit jedem Worte glänzt dein Auge heller. +Ich fühle mich im Innersten verändert, +Ich fühle mich von aller Not entladen, +Frei wie ein Gott, und alles dank' ich dir! +Unsägliche Gewalt, die mich beherrscht, +Entfließet deinen Lippen; ja, du machst +Mich ganz dir eigen. Nichts gehöret mir +Von meinem ganzen Ich mir künftig an. +Es trübt mein Auge sich in Glück und Licht, +Es schwankt mein Sinn. Mich hält der Fuß nicht mehr. +Unwiderstehlich ziehst du mich zu dir, +Und unaufhaltsam dringt mein Herz dir zu. +Du hast mich ganz auf ewig dir gewonnen, +So nimm denn auch mein ganzes Wesen hin! + +(Er fällt ihr in die Arme und drückt sie fest an sich.) + +Prinzessin (ihn von sich stoßend und hinweg eilend). +Hinweg! + +Leonore (die sich schon eine Weile im Grunde sehen lassen, herbeieilend). + Was ist geschehen? Tasso! Tasso! + +(Sie geht der Prinzessin nach.) + +Tasso (im Begriff, ihnen zu folgen). +O Gott! + +Alphons (der sich schon eine Zeitlang mit Antonio genähert). + Er kommt von Sinnen, halt ihn fest. (Ab.) + + + +Fünfter Auftritt +Tasso. Antonio. + +Antonio. +O stünde jetzt, so wie du immer glaubst, +Dass du von Feinden rings umgeben bist, +Ein Feind bei dir, wie würd' er triumphieren! +Unglücklicher, noch kaum erhol' ich mich! +Wenn ganz was Unerwartetes begegnet, +Wenn unser Blick was Ungeheures sieht, +Steht unser Geist auf eine Weile still: +Wir haben nichts, womit wir das vergleichen. + +Tasso (nach einer langen Pause). +Vollende nur dein Amt--ich seh', du bist's! +Ja, du verdienst das fürstliche Vertraun; +Vollende nur dein Amt, und martre mich, +Da mir der Stab gebrochen ist, noch langsam +Zu Tode! Ziehe! Zieh am Pfeile nur, +Dass ich den Widerhaken grimmig fühle, +Der mich zerfleischt! +Du bist ein teures Werkzeug des Tyrannen, +Sei Kerkermeister, sei der Marterknecht, +Wie wohl, wie eigen steht dir beides an! + +(Gegen die Szene.) + +Ja, gehe nur, Tyrann! Du konntest dich +Nicht bis zuletzt verstellen, triumphiere! +Du hast den Sklaven wohl gekettet, hast +Ihn wohl gespart zu ausgedachten Qualen: +Geh nur, ich hasse dich, ich fühle ganz +Den Abscheu, den die Übermacht erregt, +Die frevelhaft und ungerecht ergreift. + +(Nach einer Pause.) + +So seh' ich mich am Ende denn verbannt, +Verstoßen und verbannt als Bettler hier! +So hat man mich bekränzt, um mich geschmückt +Als Opfertier vor den Altar zu führen! +So lockte man mir noch am letzten Tage +Mein einzig Eigentum, mir mein Gedicht +Mit glatten Worten ab, und hielt es fest! +Mein einzig Gut ist nun in euren Händen, +Das mich an jedem Ort empfohlen hätte, +Das mir noch blieb, vom Hunger mich zu retten! +Jetzt seh' ich wohl, warum ich feiern soll. +Es ist Verschwörung, und du bist das Haupt. +Damit mein Lied nur nicht vollkommner werde, +Dass nur mein Name sich nicht mehr verbreite, +Dass meine Neider tausend Schwächen finden, +Dass man am Ende meiner gar vergesse, +Drum soll ich mich zum Müßiggang gewöhnen, +Drum soll ich mich und meine Sinne schonen. +O werte Freundschaft, teure Sorglichkeit! +Abscheulich dacht' ich die Verschwörung mir, +Die unsichtbar und rastlos mich umspann, +Allein abscheulicher ist es geworden. + Und du, Sirene! Die du mich so zart, +So himmlisch angelockt, ich sehe nun +Dich auf einmal! O Gott, warum so spät! + Allein wir selbst betrügen uns so gern +Und ehren die Verworfnen, die uns ehren. +Die Menschen kennen sich einander nicht; +Nur die Galeerensklaven kennen sich, +Die eng an eine Bank geschmiedet keuchen; +Wo keiner was zu fordern hat und keiner +Was zu verlieren hat, die kennen sich; +Wo jeder sich für einen Schelmen gibt +Und seinesgleichen auch für Schelmen nimmt. +Doch wir verkennen nur die andern höflich, +Damit sie wieder uns verkennen sollen. + Wie lang verdeckte mir dein heilig Bild +Die Buhlerin, die kleine Künste treibt. +Die Maske fällt: Armide seh' ich nun +Entblößt von allen Reizen--ja, du bist's! +Von dir hat ahndungsvoll mein Lied gesungen! + Und die verschmitzte kleine Mittlerin! +Wie tief erniedrigt seh' ich sie vor mir! +Ich höre nun die leisen Tritte rauschen, +Ich kenne nun den Kreis, um den sie schlich. +Euch alle kenn' ich! Sei mir das genug! +Und wenn das Elend alles mir geraubt, +So preis' ich's doch: Die Wahrheit lehrt es mich. + +Antonio. +Ich höre, Tasso, dich mit Staunen an, +So sehr ich weiß, wie leicht dein rascher Geist +Von einer Grenze zu der andern schwankt. +Besinne dich! Gebiete dieser Wut! +Du lästerst, du erlaubst dir Wort auf Wort, +Das deinen Schmerzen zu verzeihen ist, +Doch das du selbst dir nie verzeihen kannst. + +Tasso. +O sprich mir nicht mit sanfter Lippe zu, +Lass mich kein kluges Wort von dir vernehmen! +Lass mir das dumpfe Glück, damit ich nicht +Mich erst besinne, dann von Sinnen komme. +Ich fühle mir das innerste Gebein +Zerschmettert, und ich leb' um es zu fühlen. +Verzweiflung fasst mit aller Wut mich an, +Und in der Höllenqual, die mich vernichtet, +Wird Lästrung nur ein leiser Schmerzenslaut. +Ich will hinweg! Und wenn du redlich bist, +So zeig' es mir, und lass mich gleich von hinnen! + +Antonio. +Ich werde dich in dieser Not nicht lassen; +Und wenn es dir an Fassung ganz gebricht, +So soll mir's an Geduld gewiss nicht fehlen. + +Tasso. +So muss ich mich dir denn gefangen geben? +Ich gebe mich, und so ist es getan; +Ich widerstehe nicht, so ist mir wohl-- +Und lass es dann mich schmerzlich wiederholen, +Wie schön es war, was ich mir selbst verscherzte. +Sie gehn hinweg--O Gott! Dort seh' ich schon +Den Staub, der von den Wagen sich erhebt-- +Die Reiter sind voraus--Dort fahren sie, +Dort gehn sie hin! Kam ich nicht auch daher? +Sie sind hinweg, sie sind erzürnt auf mich. +O küsst' ich nur noch einmal seine Hand! +O dass ich nur noch Abschied nehmen könnte! +Nur einmal noch zu sagen: O verzeiht! +Nur noch zu hören: Geh, dir ist verziehn! +Allein ich hör' es nicht, ich hör' es nie-- +Ich will ja gehn! Lasst mich nur Abschied nehmen, +Nur Abschied nehmen! Gebt, o gebt mir nur +Auf einen Augenblick die Gegenwart +Zurück! Vielleicht genes' ich wieder. Nein, +Ich bin verstoßen, bin verbannt, ich habe +Mich selbst verbannt, ich werde diese Stimme +Nicht mehr vernehmen, diesem Blicke nicht, +Nicht mehr begegnen-- + +Antonio. +Lass eines Mannes Stimme dich erinnern, +Der neben dir nicht ohne Rührung steht! +Du bist so elend nicht, als wie du glaubst. +Ermanne dich! Du gibst zu viel dir nach. + +Tasso. +Und bin ich denn so elend, wie ich scheine? +Bin ich so schwach, wie ich vor dir mich zeige? +Ist alles denn verloren? Hat der Schmerz, +Als schütterte der Boden, das Gebäude +In einen grausen Haufen Schutt verwandelt? +Ist kein Talent mehr übrig, tausendfältig +Mich zu zerstreun, zu unterstützen? +Ist alle Kraft erloschen, die sich sonst +In meinem Busen regte? Bin ich nichts, +Ganz nichts geworden? +Nein, es ist alles da, und ich bin nichts; +Ich bin mir selbst entwandt, sie ist es mir! + +Antonio. +Und wenn du ganz dich zu verlieren scheinst, +Vergleiche dich! Erkenne, was du bist! + +Tasso. +Ja, du erinnerst mich zur rechten Zeit!-- +Hilft denn kein Beispiel der Geschichte mehr? +Stellt sich kein edler Mann mir vor die Augen, +Der mehr gelitten, als ich jemals litt, +Damit ich mich mit ihm vergleichend fasse? +Nein, alles ist dahin!--Nur eines bleibt: +Die Träne hat uns die Natur verliehen, +Den Schrei des Schmerzens, wenn der Mann zuletzt +Es nicht mehr trägt--Und mir noch über alles-- +Sie ließ im Schmerz mir Melodie und Rede, +Die tiefste Fülle meiner Not zu klagen: +Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, +Gab mir ein Gott, zu sagen wie ich leide. + +Antonio (tritt zu ihm und nimmt ihn bei der Hand). + +Tasso. +O edler Mann! Du stehest fest und still, +Ich scheine nur die sturmbewegte Welle. +Allein bedenk' und überhebe nicht +Dich deiner Kraft! Die mächtige Natur, +Die diesen Felsen gründete, hat auch +Der Welle die Beweglichkeit gegeben. +Sie sendet ihren Sturm, die Welle flieht +Und schwankt und schwillt und beugt sich schäumend über. +In dieser Woge spiegelte so schön +Die Sonne sich, es ruhten die Gestirne +An dieser Brust, die zärtlich sich bewegte. +Verschwunden ist der Glanz, entflohn die Ruhe. +Ich kenne mich in der Gefahr nicht mehr, +Und schäme mich nicht mehr es zu bekennen. +Zerbrochen ist das Steuer, und es kracht +Das Schiff an allen Seiten. Berstend reißt +Der Boden unter meinen Füßen auf! +Ich fasse dich mit beiden Armen an! +So klammert sich der Schiffer endlich noch +Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte. + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TORQUATO TASSO*** + + +******* This file should be named 10425-8.txt or 10425-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/1/0/4/2/10425 + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + + + + +Title: Torquato Tasso + +Author: Johann Wolfgang von Goethe + +Release Date: December 9, 2003 [eBook #10425] + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TORQUATO TASSO*** + + +E-text prepared by Andrew Sly + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + + + + + +Torquato Tasso + +Ein Schauspiel + +Johann Wolfgang von Goethe + + + + + + + +Personen + +Alphons der Zweite, Herzog von Ferrara. +Leonore von Este, Schwester des Herzogs. +Leonore Sanvitale, Graefin von Scandiano. +Torquato Tasso. +Antonio Montecatino, Staatssekretaer. + +Der Schauplatz ist auf Belriguardo, einem Lustschlosse. + + + + +Erster Aufzug +(Gartenplatz, mit Hermen der epischen Dichter geziert. Vorn an der +Szene zur Rechten Virgil, zur Linken Ariost.) + + +Erster Auftritt +Prinzessin. Leonore. + +Prinzessin. +Du siehst mich laechelnd an, Eleonore, +Und siehst dich selber an und laechelst wieder. +Was hast du? Lass es eine Freundin wissen! +Du scheinst bedenklich, doch du scheinst vergnuegt. + +Leonore. +Ja, meine Fuerstin, mit Vergnuegen seh' ich +Uns beide hier so laendlich ausgeschmueckt. +Wir scheinen recht beglueckte Schaeferinnen +Und sind auch wie die Gluecklichen beschaeftigt. +Wir winden Kraenze. Dieser, bunt von Blumen, +Schwillt immer mehr und mehr in meiner Hand; +Du hast mit hoeherm Sinn und groesserm Herzen +Den zarten schlanken Lorbeer dir gewaehlt. + +Prinzessin. +Die Zweige, die ich in Gedanken flocht, +Sie haben gleich ein wuerdig Haupt gefunden: +Ich setze sie Virgilen dankbar auf. + +(Sie kraenzt die Herme Virgils.) + +Leonore. +So drueck' ich meinen vollen frohen Kranz +Dem Meister Ludwig auf die hohe Stirne-- + +(Sie kraenzt Ariostens Herme.) + +Er, dessen Scherze nie verbluehen, habe +Gleich von dem neuen Fruehling seinen Teil. + +Prinzessin. +Mein Bruder ist gefaellig, dass er uns +In diesen Tagen schon aufs Land gebracht; +Wir koennen unser sein und stundenlang +Uns in die goldne Zeit der Dichter traeumen. +Ich liebe Belriguardo; denn ich habe +Hier manchen Tag der Jugend froh durchlebt, +Und dieses neue Gruen und diese Sonne +Bringt das Gefuehl mir jener Zeit zurueck. + +Leonore. +Ja, es umgibt uns eine neue Welt! +Der Schatten dieser immer gruenen Baeume +Wird schon erfreulich. Schon erquickt uns wieder +Das Rauschen dieser Brunnen. Schwankend wiegen +Im Morgenwinde sich die jungen Zweige. +Die Blumen von den Beeten schauen uns +Mit ihren Kinderaugen freundlich an. +Der Gaertner deckt getrost das Winterhaus +Schon der Zitronen und Orangen ab. +Der blaue Himmel ruhet ueber uns +Und an dem Horizonte loest der Schnee +Der fernen Berge sich in leisen Duft. + +Prinzessin. +Es waere mir der Fruehling sehr willkommen, +Wenn er nicht meine Freundin mir entfuehrte. + +Leonore. +Erinnre mich in diesen holden Stunden, +O Fuerstin, nicht, wie bald ich scheiden soll. + +Prinzessin. +Was du verlassen magst, das findest du +In jener grossen Stadt gedoppelt wieder. + +Leonore. +Es ruft die Pflicht, es ruft die Liebe mich +Zu dem Gemahl der mich so lang' entbehrt. +Ich bring' ihm seinen Sohn, der dieses Jahr +So schnell gewachsen, schnell sich ausgebildet, +Und Teile seine vaeterliche Freude. +Gross ist Florenz und herrlich, doch der Wert +Von allen seinen aufgehaeuften Schaetzen +Reicht an Ferraras Edelsteine nicht. +Das Volk hat jene Stadt zur Stadt gemacht, +Ferrara ward durch seine Fuersten gross. + +Prinzessin. +Mehr durch die guten Menschen, die sich hier +Durch Zufall trafen und zum Glueck verbanden. + +Leonore. +Sehr leicht zerstreut der Zufall, was er sammelt. +Ein edler Mensch zieht edle Menschen an +Und weiss sie fest zu halten, wie ihr tut. +Um deinen Bruder und um dich verbinden +Gemueter sich, die eurer wuerdig sind, +Und ihr seid eurer grossen Vaeter wert. +Hier zuendete sich froh das schoene Licht +Der Wissenschaft, des freien Denkens an, +Als noch die Barbarei mit schwerer Daemmrung +Die Welt umher verbarg. Mir klang als Kind +Der Name Herkules von Este schon, +Schon Hippolyt von Este voll ins Ohr. +Ferrara ward mit Rom und mit Florenz +Von meinem Vater viel gepriesen! Oft +Hab' ich mich hingesehnt; nun bin ich da. +Hier ward Petrarch bewirtet, hier gepflegt, +Und Ariost fand seine Muster hier. +Italien nennt keinen grossen Namen, +Den dieses Haus nicht seinen Gast genannt. +Und es ist vorteilhaft den Genius +Bewirten: Gibst du ihm ein Gastgeschenk, +So laesst er dir ein schoeneres zurueck. +Die Staette, die ein guter Mensch betrat, +Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt +Sein Wort und seine Tat dem Enkel wieder. + +Prinzessin. +Dem Enkel, wenn er lebhaft fuehlt wie du. +Gar oft beneid' ich dich um dieses Glueck. + +Leonore. +Das du, wie wenig andre, still und rein +Geniessest. Draengt mich doch das volle Herz, +Sogleich zu sagen, was ich lebhaft fuehle; +Du fuehlst es besser, fuehlst es tief und--schweigst. +Dich blendet nicht der Schein des Augenblicks, +Der Witz besticht dich nicht, die Schmeichelei +Schmiegt sich vergebens kuenstlich an dein Ohr: +Fest bleibt dein Sinn und richtig dein Geschmack, +Dein Urteil grad, stets ist dein Anteil gross +Am Grossen, das du wie dich selbst erkennst. + +Prinzessin. +Du solltest dieser hoechsten Schmeichelei +Nicht das Gewand vertrauter Freundschaft leihen. + +Leonore. +Die Freundschaft ist gerecht, sie kann allein +Den ganzen Umfang deines Werts erkennen. +Und lass mich der Gelegenheit, dem Glueck +Auch ihren Teil an deiner Bildung geben; +Du hast sie doch, und bist's am Ende doch, +Und dich mit deiner Schwester ehrt die Welt +Vor allen grossen Frauen eurer Zeit. + +Prinzessin. +Mich kann das, Leonore, wenig ruehren, +Wenn ich bedenke, wie man wenig ist, +Und was man ist, das blieb man andern schuldig. +Die Kenntnis alter Sprachen und des Besten, +Was uns die Vorwelt liess, dank' ich der Mutter; +Doch war an Wissenschaft, an rechtem Sinn +Ihr keine beider Toechter jemals gleich, +Und soll sich eine ja mit ihr vergleichen, +So hat Lucretia gewiss das Recht. +Auch kann ich dir versichern hab' ich nie +Als Rang und als Besitz betrachtet, was +Mir die Natur, was mir das Glueck verlieh. +Ich freue mich, wenn kluge Maenner sprechen, +Dass ich verstehen kann wie sie es meinen. +Es sei ein Urteil ueber einen Mann +Der alten Zeit und seiner Taten Wert; +Es sei von einer Wissenschaft die Rede, +Die, durch Erfahrung weiter ausgebreitet, +Dem Menschen nutzt indem sie ihn erhebt: +Wohin sich das Gespraech der Edlen lenkt, +Ich folge gern, denn mir wird leicht, zu folgen. +Ich hoere gern dem Streit der Klugen zu, +Wenn um die Kraefte, die des Menschen Brust +So freundlich und so fuerchterlich bewegen, +Mit Grazie die Rednerlippe spielt; +Gern, wenn die fuerstliche Begier des Ruhms, +Des ausgebreiteten Besitzes, Stoff +Dem Denker wird, und wenn die feine Klugheit, +Von einem klugen Manne zart entwickelt, +Statt uns zu hintergehen uns belehrt. + +Leonore. +Und dann nach dieser ernsten Unterhaltung, +Ruht unser Ohr und unser innrer Sinn +Gar freundlich auf des Dichters Reimen aus, +Der uns die letzten lieblichsten Gefuehle +Mit holden Toenen in die Seele floesst. +Dein hoher Geist umfasst ein weites Reich, +Ich halte mich am liebsten auf der Insel +Der Poesie in Lorberhainen auf. + +Prinzessin. +In diesem schoenen Lande, hat man mir +Versichern wollen, waechst vor andern Baeumen +Die Myrte gern. Und wenn der Musen gleich +Gar viele sind, so sucht man unter ihnen +Sich seltner eine Freundin und Gespielin, +Als man dem Dichter gern begegnen mag, +Der uns zu meiden, ja zu fliehen scheint, +Etwas zu suchen scheint, das wir nicht kennen, +Und er vielleicht am Ende selbst nicht kennt. +Da waer' es denn ganz artig, wenn er uns +Zur guten Stunde traefe, schnell entzueckt +Uns fuer den Schatz erkennte, den er lang +Vergebens in der weiten Welt gesucht. + +Leonore. +Ich muss mir deinen Scherz gefallen lassen, +Er trifft mich zwar, doch trifft er mich nicht tief. +Ich ehre jeden Mann und sein Verdienst, +Und ich bin gegen Tasso nur gerecht. +Sein Auge weilt auf dieser Erde kaum; +Sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur; +Was die Geschichte reicht, das Leben gibt, +Sein Busen nimmt es gleich und willig auf: +Das weit zerstreute sammelt sein Gemuet, +Und sein Gefuehl belebt das Unbelebte. +Oft adelt er, was uns gemein erschien, +Und das Geschaetzte wird vor ihm zu nichts. +In diesem eignen Zauberkreise wandelt +Der wunderbare Mann und zieht uns an, +Mit ihm zu wandeln, Teil an ihm zu nehmen: +Er scheint sich uns zu nahn, und bleibt uns fern; +Er scheint uns anzusehn, und Geister moegen +An unsrer Stelle seltsam ihm erscheinen. + +Prinzessin. +Du hast den Dichter fein und zart geschildert, +Der in den Reichen suesser Traeume schwebt. +Allein mir scheint auch ihn das Wirkliche +Gewaltsam anzuziehn und fest zu halten. +Die schoenen Lieder, die an unsern Baeumen +Wir hin und wieder angeheftet finden, +Die, goldnen Aepfeln gleich, ein neu Hesperien +Uns duftend bilden, erkennst du sie nicht alle +Fuer holde Fruechte einer wahren Liebe? + +Leonore. +Ich freue mich der schoenen Blaetter auch. +Mit mannigfalt'gem Geist verherrlicht er +Ein einzig Bild in allen seinen Reimen. +Bald hebt er es in lichter Glorie +Zum Sternenhimmel auf, beugt sich verehrend +Wie Engel ueber Wolken vor dem Bilde; +Dann schleicht er ihm durch stille Fluren nach +Und jede Blume windet er zum Kranz. +Entfernt sich die Verehrte, heiligt er +Den Pfad, den leis ihr schoener Fuss betrat. +Versteckt im Busche, gleich der Nachtigall, +Fuellt er aus einem liebekranken Busen +Mit seiner Klagen Wohllaut Hain und Luft: +Sein reizend Leid, die sel'ge Schwermut lockt +Ein jedes Ohr und jedes Herz muss nach-- + +Prinzessin. +Und wenn er seinen Gegenstand benennt, +So gibt er ihm den Namen Leonore. + +Leonore. +Es ist dein Name wie es meiner ist. +Ich naehm' es uebel, wenn's ein andrer waere. +Mich freut es, dass er sein Gefuehl fuer dich +In diesem Doppelsinn verbergen kann. +Ich bin zufrieden, dass er meiner auch +Bei dieses Namens holdem Klang gedenkt. +Hier ist die Frage nicht von einer Liebe, +Die sich des Gegenstands bemeistern will, +Ausschliessend ihn besitzen, eifersuechtig +Den Anblick jedem andern wehren moechte. +Wenn er in seliger Betrachtung sich +Mit deinem Werth beschaeftigt, mag er auch +An meinem leichtern Wesen sich erfreun. +Uns liebt er nicht,--verzeih dass ich es sage!-- +Aus allen Sphaeren traegt er, was er liebt, +Auf einen Namen nieder, den wir fuehren, +Und sein Gefuehl teilt er uns mit; wir scheinen +Den Mann zu lieben, und wir lieben nur +Mit ihm das Hoechste, was wir lieben koennen. + +Prinzessin. +Du hast dich sehr in diese Wissenschaft +Vertieft, Eleonore, sagst mir Dinge, +Die mir beinahe nur das Ohr beruehren +Und in die Seele kaum noch uebergehn. + +Leonore. +Du? Schuelerin des Plato! Nicht begreifen, +Was dir ein Neuling vorzuschwatzen wagt? +Es muesste sein, dass ich zu sehr mich irrte; +Doch irr' ich auch nicht ganz, ich weiss es wohl. +Die Liebe zeigt in dieser holden Schule +Sich nicht, wie sonst, als ein verwoehntes Kind: +Es ist der Juengling der mit Psychen sich +Vermaehlte, der im Rat der Goetter Sitz +Und Stimme hat. Er tobt nicht frevelhaft +Von einer Brust zur andern hin und her; +Er heftet sich an Schoenheit und Gestalt +Nicht gleich mit suessem Irrtum fest, und buesset +Nicht schnellen Rausch mit Ekel und Verdruss. + +Prinzessin. +Da kommt mein Bruder! Lass uns nicht verraten, +Wohin sich wieder das Gespraech gelenkt: +Wir wuerden seinen Scherz zu tragen haben, +Wie unsre Kleidung seinen Spott erfuhr. + + + +Zweiter Auftritt +Die Vorigen. Alphons. + +Alphons. +Ich suche Tasso, den ich nirgends finde, +Und treff' ihn--hier sogar bei euch nicht an. +Koennt ihr von ihm mir keine Nachricht geben? + +Prinzessin. +Ich sah ihn gestern wenig, heute nicht. + +Alphons. +Es ist ein alter Fehler, dass er mehr +Die Einsamkeit als die Gesellschaft sucht. +Verzeih' ich ihm, wenn er den bunten Schwarm +Der Menschen flieht und lieber frei im stillen +Mit seinem Geist sich unterhalten mag, +So kann ich doch nicht loben, dass er selbst +Den Kreis vermeidet, den die Freunde schliessen. + +Leonore. +Irr' ich mich nicht, so wirst du bald, o Fuerst, +Den Tadel in ein frohes Lob verwandeln. +Ich sah ihn heut von fern; er hielt ein Buch +Und eine Tafel, schrieb und ging und schrieb. +Ein fluechtig Wort das er mir gestern sagte, +Schien mir sein Werk vollendet anzukuenden. +Er sorgt nur kleine Zuege zu verbessern, +Um deiner Huld, die ihm so viel gewaehrt, +Ein wuerdig Opfer endlich darzubringen. + +Alphons. +Er soll willkommen sein, wenn er es bringt, +Und los gesprochen sein auf lange Zeit. +So sehr ich Teil an seiner Arbeit nehme, +So sehr in manchem Sinn das grosse Werk +Mich freut und freuen muss, so sehr vermehrt +Sich auch zuletzt die Ungeduld in mir. +Er kann nicht enden, kann nicht fertig werden, +Er aendert stets, ruckt langsam weiter vor, +Steht wieder still, er hintergeht die Hoffnung; +Unwillig sieht man den Genuss entfernt +In spaete Zeit, den man so nah geglaubt. + +Prinzessin. +Ich lobe die Bescheidenheit, die Sorge, +Womit er Schritt vor Schritt zum Ziele geht. +Nur durch die Gunst der Musen schliessen sich +So viele Reime fest in eins zusammen; +Und seine Seele hegt nur diesen Trieb, +Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ruenden. +Er will nicht Maehrchen ueber Maehrchen haeufen, +Die reizend unterhalten und zuletzt +Wie lose Worte nur verklingend taeuschen. +Lass ihn, mein Bruder! Denn es ist die Zeit +Von einem guten Werke nicht das Mass; +Und wenn die Nachwelt mit geniessen soll, +So muss des Kuenstlers Mitwelt sich vergessen. + +Alphons. +Lass uns zusammen, liebe Schwester, wirken, +Wie wir zu beider Vorteil oft getan! +Wenn ich zu eifrig bin, so lindre du: +Und bist du zu gelind, so will ich treiben. +Wir sehen dann auf einmal ihn vielleicht +Am Ziel, wo wir ihn lang' gewuenscht zu sehn. +Dann soll das Vaterland, es soll die Welt +Erstaunen, welch ein Werk vollendet worden. +Ich nehme meinen Teil des Ruhms davon, +Und er wird in das Leben eingefuehrt. +Ein edler Mensch kann einem engen Kreise +Nicht seine Bildung danken. Vaterland +Und Welt muss auf ihn wirken. Ruhm und Tadel +Muss er ertragen lernen. Sich und andre +Wird er gezwungen recht zu kennen. Ihn +Wiegt nicht die Einsamkeit mehr schmeichelnd ein. +Es will der Feind--es darf der Freund nicht schonen; +Dann uebt der Juengling streitend seine Kraefte, +Fuehlt was er ist, und fuehlt sich bald ein Mann. + +Leonore. +So wirst du, Herr, fuer ihn noch alles tun, +Wie du bisher fuer ihn schon viel getan. +Es bildet ein Talent sich in der Stille, +Sich ein Charakter in dem Strom der Welt. +O dass er sein Gemuet wie seine Kunst +An deinen Lehren bilde! Dass er nicht +Die Menschen laenger meide, dass sein Argwohn +Sich nicht zuletzt in Furcht und Hass verwandle! + +Alphons. +Die Menschen fuerchtet nur, wer sie nicht kennt, +Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen. +Das ist sein Fall, und so wird nach und nach +Ein frei Gemuet verworren und gefesselt. +So ist er oft um meine Gunst besorgt, +Weit mehr, als es ihm ziemte; gegen viele +Hegt er ein Misstraun, die, ich weiss es sicher, +Nicht seine Feinde sind. Begegnet ja, +Dass sich ein Brief verirrt, dass ein Bedienter +Aus seinem Dienst in einen andern geht, +Dass ein Papier aus seinen Haenden kommt, +Gleich sieht er Absicht, sieht Verraeterei +Und Tuecke die sein Schicksal untergraebt. + +Prinzessin. +Lass uns, geliebter Bruder, nicht vergessen, +Dass von sich selbst der Mensch nicht scheiden kann. +Und wenn ein Freund, der mit uns wandeln sollte, +Sich einen Fuss beschaedigte, wir wuerden +Doch lieber langsam gehn und unsre Hand +Ihm gern und willig leihen. + +Alphons. + Besser waer's, +Wenn wir ihn heilen koennten, lieber gleich +Auf treuen Rat des Arztes eine Kur +Versuchten, dann mit dem Geheilten froh +Den neuen Weg des frischen Lebens gingen. +Doch hoff' ich, meine Lieben, dass ich nie +Die Schuld des rauen Arztes auf mich lade. +Ich tue, was ich kann, um Sicherheit +Und Zutraun seinem Busen einzupraegen. +Ich geb' ihm oft in Gegenwart von vielen +Entschiedne Zeichen meiner Gunst. Beklagt +Er sich bei mir, so lass' ich's untersuchen; +Wie ich es tat, als er sein Zimmer neulich +Erbrochen glaubte. Laesst sich nichts entdecken, +So zeig' ich ihm gelassen, wie ich's sehe; +Und da man alles ueben muss, so ueb' ich, +Weil er's verdient, an Tasso die Geduld: +Und ihr, ich weiss es, steht mir willig bei. +Ich hab' euch nun aufs Land gebracht und gehe +Heut' Abend nach der Stadt zurueck. Ihr werdet +Auf einen Augenblick Antonio sehen; +Er kommt von Rom und holt mich ab. Wir haben +Viel auszureden, abzutun. Entschluesse +Sind nun zu fassen, Briefe viel zu schreiben; +Das alles noetigt mich zur Stadt zurueck. + +Prinzessin. +Erlaubst du uns dass wir dich hin begleiten? + +Alphons. +Bleibt nur in Belriguardo, geht zusammen +Hinueber nach Consandoli! Geniesst +Der schoenen Tage ganz nach freier Lust. + +Prinzessin. +Du kannst nicht bei uns bleiben? Die Geschaefte +Nicht hier so gut als in der Stadt verrichten? + +Leonore. +Du fuehrst uns gleich Antonio hinweg, +Der uns von Rom so viel erzaehlen sollte? + +Alphons. +Es geht nicht an, ihr Kinder; doch ich komme +Mit ihm so bald, als moeglich ist, zurueck: +Dann soll er euch erzaehlen und ihr sollt +Mir ihn belohnen helfen, der so viel +In meinem Dienst aufs Neue sich bemueht. +Und haben wir uns wieder ausgesprochen, +So mag der Schwarm dann kommen, dass es lustig +In unsern Gaerten werde, dass auch mir, +Wie billig, eine Schoenheit in dem Kuehlen, +Wenn ich sie suche gern begegnen mag. + +Leonore. +Wir wollen freundlich durch die Finger sehen. + +Alphons. +Dagegen wisst ihr, dass ich schonen kann. + +Prinzessin (nach der Szene gekehrt). +Schon lange seh' ich Tasso kommen. Langsam +Bewegt er seine Schritte, steht bisweilen +Auf einmal still, wie unentschlossen, geht +Dann wieder schneller auf uns los, und weilt +Schon wieder. + +Alphons. + Stoert ihn, wenn er denkt und dichtet, +In seinen Traeumen nicht, und lasst ihn wandeln. + +Leonore. +Nein, er hat uns gesehn, er kommt hierher. + + + +Dritter Auftritt +Die Vorigen. Tasso. + +Tasso (mit einem Buche, in Pergament geheftet). +Ich komme langsam, dir ein Werk zu bringen, +Und zaudre noch, es dir zu ueberreichen. +Ich weiss zu wohl, noch bleibt es unvollendet, +Wenn es auch gleich geendigt scheinen moechte. +Allein, war ich besorgt, es unvollkommen +Dir hinzugeben, so bezwingt mich nun +Die neue Sorge: Moecht' ich doch nicht gern +Zu aengstlich, moecht' ich nicht undankbar scheinen. +Und wie der Mensch nur sagen kann: Hie bin ich! +Dass Freunde seiner schonend sich erfreuen, +So kann ich auch nur sagen: Nimm es hin! + +(Er uebergibt den Band.) + +Alphons. +Du ueberraschest mich mit deiner Gabe +Und machst mir diesen schoenen Tag zum Fest. +So halt' ich's endlich denn in meinen Haenden, +Und nenn' es in gewissem Sinne mein! +Lang' wuenscht' ich schon, du moechtest dich entschliessen +Und endlich sagen: Hier! Es ist genug. + +Tasso. +Wenn Ihr zufrieden seid, so ist's vollkommen; +Denn euch gehoert es zu in jedem Sinn. +Betrachtet' ich den Fleiss, den ich verwendet, +Sah ich die Zuege meiner Feder an, +So konnt' ich sagen: Dieses Werk ist mein. +Doch seh' ich naeher an, was dieser Dichtung +Den innren Wert und ihre Wuerde gibt, +Erkenn' ich wohl: Ich hab' es nur von euch. +Wenn die Natur der Dichtung holde Gabe +Aus reicher Willkuer freundlich mir geschenkt, +So hatte mich das eigensinn'ge Glueck +Mit grimmiger Gewalt von sich gestossen; +Und zog die schoene Welt den Blick des Knaben +Mit ihrer ganzen Fuelle herrlich an, +So truebte bald den jugendlichen Sinn +Der teuren Eltern unverdiente Not. +Eroeffnete die Lippe sich zu singen, +So floss ein traurig Lied von ihr herab, +Und ich begleitete mit leisen Toenen +Des Vaters Schmerzen und der Mutter Qual. +Du warst allein, der aus dem engen Leben +Zu einer schoenen Freiheit mich erhob; +Der jede Sorge mir vom Haupte nahm, +Mir Freiheit gab, dass meine Seele sich +Zu mutigem Gesang entfalten konnte; +Und welchen Preis nun auch mein Werk erhaelt, +Euch dank' ich ihn; denn euch gehoert es zu. + +Alphons. +Zum zweiten Mal verdienst du jedes Lob, +Und ehrst bescheiden dich und uns zugleich. + +Tasso. +O koennt' ich sagen wie ich lebhaft fuehle, +Dass ich von Euch nur habe, was ich bringe! +Der tatenlose Juengling--nahm er wohl +Die Dichtung aus sich selbst? Die kluge Leitung +Des raschen Krieges--hat er die ersonnen? +Die Kunst der Waffen, die ein jeder Held +An dem beschiednen Tage kraeftig zeigt, +Des Feldherrn Klugheit und der Ritter Mut, +Und wie sich List und Wachsamkeit bekaempft, +Hast du mir nicht, o kluger, tapfrer Fuerst, +Das alles eingefloesst als waerest du +Mein Genius, der eine Freude faende, +Sein hohes, unerreichbar hohes Wesen +Durch einen Sterblichen zu offenbaren? + +Prinzessin. +Geniesse nun des Werks, das uns erfreut! + +Alphons. +Erfreue dich des Beifalls jedes Guten! + +Leonore. +Des allgemeinen Ruhms erfreue dich! + +Tasso. +Mir ist an diesem Augenblick genug. +An euch nur dacht' ich wenn ich sann und schrieb; +Euch zu gefallen, war mein hoechster Wunsch, +Euch zu ergoetzen, war mein letzter Zweck. +Wer nicht die Welt in seinen Freunden sieht, +Verdient nicht, dass die Welt von ihm erfahre. +Hier ist mein Vaterland, hier ist der Kreis, +In dem sich meine Seele gern verweilt. +Hier horch' ich auf, hier acht' ich jeden Wink, +Hier spricht Erfahrung, Wissenschaft, Geschmack; +Ja, Welt und Nachwelt seh' ich vor mir stehn. +Die Menge macht den Kuenstler irr' und scheu: +Nur wer Euch aehnlich ist, versteht und fuehlt, +Nur der allein soll richten und belohnen! + +Alphons. +Und stellen wir denn Welt und Nachwelt vor, +So ziemt es nicht nur muessig zu empfangen. +Das schoene Zeichen, das den Dichter ehrt, +Das selbst der Held, der seiner stets bedarf, +Ihm ohne Neid ums Haupt gewunden sieht, +Erblick' ich hier auf deines Anherrn Stirne. + +(Auf die Herme Virgils deutend.) + +Hat es der Zufall, hat's ein Genius +Geflochten und gebracht? Es zeigt sich hier +Uns nicht umsonst. Virgil hoer' ich sagen: +Was ehret ihr die Toten? Hatten die +Doch ihren Lohn und Freude da sie lebten; +Und wenn ihr uns bewundert und verehrt, +So gebt auch den Lebendigen ihr Teil. +Mein Marmorbild ist schon bekraenzt genug-- +Der gruene Zweig gehoert dem Leben an. + +(Alphons winkt seiner Schwester; sie nimmt den Kranz von der Bueste +Virgils und naehert sich Tasso. Er tritt zurueck.) + +Leonore. +Du weigerst dich? Sieh welche Hand den Kranz, +Den schoenen unverwelklichen, dir bietet! + +Tasso. +O lasst mich zoegern! Seh' ich doch nicht ein, +Wie ich nach dieser Stunde leben soll. + +Alphons. +In dem Genuss des herrlichen Besitzes, +Der dich im ersten Augenblick erschreckt. + +Prinzessin (indem sie den Kranz in die Hoehe haelt). +Du goennest mir die seltne Freude, Tasso, +Dir ohne Wort zu sagen, wie ich denke. + +Tasso. +Die schoene Last aus deinen teuren Haenden +Empfang' ich kniend auf mein schwaches Haupt. + +(Er kniet nieder, die Prinzessin setzt ihm den Kranz auf.) + +Leonore (applaudierend). +Es lebe der zum ersten Mal bekraenzte! +Wie zieret den bescheidnen Mann der Kranz! + +(Tasso steht auf.) + +Alphons. +Es ist ein Vorbild nur von jener Krone, +Die auf dem Kapitol dich zieren soll. + +Prinzessin. +Dort werden lautere Stimmen dich begruessen; +Mit leiser Lippe lohnt die Freundschaft hier. + +Tasso. +O nehmt ihn weg von meinem Haupte wieder, +Nehmt ihn hinweg! Er sengt mir meine Locken, +Und wie ein Strahl der Sonne, der zu heiss +Das Haupt mir traefe, brennt er mir die Kraft +Des Denkens aus der Stirne. Fieberhitze +Bewegt mein Blut. Verzeiht! Es ist zu viel! + +Leonore. +Es schuetzet dieser Zweig vielmehr das Haupt +Des Manns, der in den heissen Regionen +Des Ruhms zu wandeln hat, und kuehlt die Stirne. + +Tasso. +Ich bin nicht wert, die Kuehlung zu empfinden, +Die nur um Heldenstirnen wehen soll. +O hebt ihn auf, ihr Goetter, und verklaert +Ihn zwischen Wolken, dass er hoch und hoeher +Und unerreichbar schwebe! Dass mein Leben +Nach diesem Ziel ein ewig Wandeln sei! + +Alphons. +Wer frueh erwirbt, lernt frueh den hohen Wert +Der holden Gueter dieses Lebens schaetzen; +Wer frueh geniesst, entbehrt in seinem Leben +Mit Willen nicht, was er einmal besass; +Und wer besitzt, der, muss geruestet sein. + +Tasso. +Und wer sich ruesten will, muss eine Kraft +Im Busen fuehlen, die ihm nie versagt. +Ach! Sie versagt mir eben jetzt! Im Glueck +Verlaesst sie mich, die angeborne Kraft, +Die standhaft mich dem Unglueck, stolz dem Unrecht +Begegnen lehrte. Hat die Freude mir, +Hat das Entzuecken dieses Augenblicks +Das Mark in meinen Gliedern aufgeloest? +Es sinken meine Knie! Noch einmal +Siehst du, o Fuerstin, mich gebeugt vor dir! +Erhoere meine Bitte: Nimm ihn weg! +Dass, wie aus einem schoenen Traum erwacht, +Ich ein erquicktes neues Leben fuehle. + +Prinzessin. +Wenn du bescheiden ruhig das Talent, +Das dir die Goetter gaben, tragen kannst, +So lern' auch diese Zweige tragen, die +Das Schoenste sind, was wir dir geben koennen. +Wem einmal, wuerdig, sie das Haupt beruehrt, +Dem schweben sie auf ewig um die Stirne. + +Tasso. +So lasst mich denn beschaemt von hinnen gehn! +Lasst mich mein Glueck im tiefen Hain verbergen, +Wie ich sonst meine Schmerzen dort verbarg. +Dort will ich einsam wandeln, dort erinnert +Kein Auge mich ans unverdiente Glueck. +Und zeigt mir ungefaehr ein klarer Brunnen +In seinem reinen Spiegel einen Mann, +Der wunderbar bekraenzt im Widerschein +Des Himmels zwischen Baeumen, zwischen Felsen +Nachdenkend ruht: So scheint es mir, ich sehe +Elysium auf dieser Zauberflaeche +Gebildet. Still bedenk' ich mich und frage: +Wer mag der Abgeschiedne sein? Der Juengling +Aus der vergangnen Zeit? So schoen bekraenzt? +Wer sagt mir seinen Namen? Sein Verdienst? +Ich warte lang' und denke: Kaeme doch +Ein andrer und noch einer, sich zu ihm +In freundlichem Gespraeche zu gesellen! +O saeh' ich die Heroen, die Poeten +Der alten Zeit um diesen Quell versammelt! +O saeh' ich hier sie immer unzertrennlich, +Wie sie im Leben fest verbunden waren! +So bindet der Magnet durch seine Kraft +Das Eisen mit dem Eisen fest zusammen, +Wie gleiches Streben Held und Dichter bindet. +Homer vergass sich selbst, sein ganzes Leben +War der Betrachtung zweier Maenner heilig, +Und Alexander in Elysium +Eilt, den Achill und den Homer zu suchen. +O dass ich gegenwaertig waere, sie, +Die groessten Seelen, nun vereint zu sehen! + +Leonore. +Erwach'! Erwache! Lass uns nicht empfinden, +Dass du das Gegenwaert'ge ganz verkennst. + +Tasso. +Es ist die Gegenwart, die mich erhoeht, +Abwesend schein' ich nur: Ich bin entzueckt. + +Prinzessin. +Ich freue mich, wenn du mit Geistern redest, +Dass du so menschlich sprichst, und hoer' es gern. + +(Ein Page tritt zu dem Fuersten und richtet leise etwas aus.) + +Alphons. +Er ist gekommen! Recht zur guten Stunde. +Antonio!--Bring ihn her--Da kommt er schon! + + + +Vierter Auftritt +Die Vorigen. Antonio. + +Alphons. +Willkommen! Der du uns zugleich dich selbst +Und gute Botschaft bringst. + +Prinzessin. + Sei uns gegruesst! + +Antonio. +Kaum wag' ich es zu sagen, welch Vergnuegen +In eurer Gegenwart mich neu belebt. +Vor euren Augen find' ich alles wieder, +Was ich so lang' entbehrt. Ihr scheint zufrieden +Mit dem, was ich getan, was ich vollbracht; +Und so bin ich belohnt fuer jede Sorge, +Fuer manchen bald mit Ungeduld durchharrten, +Bald absichtsvoll verlornen Tag. Wir haben +Nun, was wir wuenschen, und kein Streit ist mehr. + +Leonore. +Auch ich begruesse dich, wenn ich schon zuerne. +Du kommst nur eben, da ich reisen muss. + +Antonio. +Damit mein Glueck nicht ganz vollkommen werde, +Nimmst du mir gleich den schoenen Teil hinweg. + +Tasso. +Auch meinen Gruss! Ich hoffe mich der Naehe +Des viel erfahrnen Mannes auch zu freun. + +Antonio. +Du wirst mich wahrhaft finden, wenn du je +Aus deiner Welt in meine schauen magst. + +Alphons. +Wenn du mir gleich in Briefen schon gemeldet, +Was du getan, und wie es dir ergangen, +So hab' ich doch noch manches auszufragen, +Durch welche Mittel das Geschaeft gelang. +Auf jenem wunderbaren Boden will der Schritt +Wohl abgemessen sein, wenn er zuletzt +An deinen eignen Zweck dich fuehren soll. +Wer seines Herren Vorteil rein bedenkt, +Der hat in Rom gar einen schweren Stand: +Denn Rom will alles nehmen, geben nichts; +Und kommt man hin, um etwas zu erhalten, +Erhaelt man nichts, man bringe denn was hin, +Und gluecklich, wenn man da noch was erhaelt. + +Antonio. +Es ist nicht mein Betragen, meine Kunst, +Durch die ich deinen Willen, Herr, vollbracht; +Denn welcher Kluge faend' im Vatikan +Nicht seinen Meister? Vieles traf zusammen, +Das ich zu unserm Vorteil nutzen konnte. +Dich ehrt Gregor und gruesst und segnet dich. +Der Greis, der wuerdigste, dem eine Krone +Das Haupt belastet, denkt der Zeit mit Freuden, +Da er in seinen Arm dich schloss. Der Mann, +Der Maenner unterscheidet, kennt und ruehmt +Dich hoch! Um deinetwillen tat er viel. + +Alphons. +Ich freue seiner guten Meinung mich, +Sofern sie redlich ist. Doch weisst du wohl, +Vom Vatikan herab sieht man die Reiche +Schon klein genug zu seinen Fuessen liegen, +Geschweige denn die Fuersten und die Menschen. +Gestehe nur, was dir am meisten half! + +Antonio. +Gut! Wenn du willst: Der hohe Sinn des Papsts. +Er sieht das Kleine klein, das Grosse gross. +Damit er einer Welt gebiete, gibt +Er seinen Nachbarn gern und freundlich nach. +Das Streifchen Land, das er dir ueberlaesst, +Weiss er, wie deine Freundschaft, wohl zu schaetzen. +Italien soll ruhig sein, er will +In seiner Naehe Freunde sehen, Friede +Bei seinen Grenzen halten, dass die Macht +Der Christenheit, die er gewaltig lenkt, +Die Tuerken da, die Ketzer dort vertilge. + +Prinzessin. +Weiss man die Maenner, die er mehr als andre +Beguenstigt, die sich ihm vertraulich nahn? + +Antonio. +Nur der erfahrne Mann besitzt sein Ohr, +Der taetige sein Zutraun, seine Gunst. +Er, der von Jugend auf dem Staat gedient, +Beherrscht ihn jetzt und wirkt auf jene Hoefe, +Die er vor Jahren als Gesandter schon +Gesehen und gekannt und oft gelenkt. +Es liegt die Welt so klar vor seinem Blick +Als wie der Vorteil seines eignen Staats. +Wenn man ihn handeln sieht, so lobt man ihn +Und freut sich, wenn die Zeit entdeckt, was er +Im stillen lang' bereitet und vollbracht. +Es ist kein schoenrer Anblick in der Welt, +Als einen Fuersten sehn, der klug regieret, +Das Reich zu sehn, wo jeder stolz gehorcht, +Wo jeder sich nur selbst zu dienen glaubt, +Weil ihm das Rechte nur befohlen wird. + +Leonore. +Wie sehnlich wuenscht' ich jene Welt einmal +Recht nah zu sehn! + +Alphons. +Doch wohl um mit zu wirken +Denn bloss beschaun wird Leonore nie. +Es waere doch recht artig, meine Freundin, +Wenn in das grosse Spiel wir auch zuweilen +Die zarten Haende mischen koennten--Nicht? + +Leonore (zu Alphons). +Du willst mich reizen, es gelingt dir nicht. + +Alphons. +Ich bin dir viel von andern Tagen schuldig. + +Leonore. +Nun gut, so bleib' ich heut in deiner Schuld! +Verzeih' und stoere meine Fragen nicht. +(Zu Antonio.) Hat er fuer die Nepoten viel getan? + +Antonio. +Nicht weniger noch mehr, als billig ist. +Ein Maechtiger, der fuer die Seinen nicht +Zu sorgen weiss, wird von dem Volke selbst +Getadelt. Still und maessig weiss Gregor +Den Seinigen zu nutzen, die dem Staat +Als wackre Maenner dienen, und erfuellt +Mit Einer Sorge zwei verwandte Pflichten. + +Tasso. +Erfreut die Wissenschaft, erfreut die Kunst +Sich seines Schutzes auch? Und eifert er +Den grossen Fuersten alter Zeiten nach? + +Antonio. +Er ehrt die Wissenschaft, so fern sie nutzt, +Den Staat regieren, Voelker kennen lehrt; +Er schaetzt die Kunst, so fern sie ziert, sein Rom +Verherrlicht und Palast und Tempel +Zu Wunderwerken dieser Erde macht. +In seiner Naehe darf nichts muessig sein! +Was gelten soll, muss wirken und muss dienen. + +Alphons. +Und glaubst du, dass wir das Geschaefte bald +Vollenden koennen? Dass sie nicht zuletzt +Noch hie und da uns Hindernisse streuen? + +Antonio. +Ich muesste sehr mich irren, wenn nicht gleich +Durch deinen Nahmenszug, durch wenig Briefe +Auf immer dieser Zwist gehoben waere. + +Alphons. +So lob' ich diese Tage meines Lebens +Als eine Zeit des Glueckes und Gewinns. +Erweitert seh' ich meine Grenze, weiss +Sie fuer die Zukunft sicher. Ohne Schwertschlag +Hast du's geleistet, eine Buergerkrone +Dir wohl verdient. Es sollen unsre Frauen +Vom ersten Eichenlaub am schoensten Morgen +Geflochten dir sie um die Stirne legen. +Indessen hat mich Tasso auch bereichert: +Er hat Jerusalem fuer uns erobert +Und so die neue Christenheit beschaemt, +Ein weit entferntes, hoch gestecktes Ziel +Mit frohem Mut und strengem Fleiss erreicht. +Fuer seine Muehe siehst du ihn gekroent. + +Antonio. +Du loesest mir ein Raethsel. Zwei Bekraenzte +Erblickt' ich mit Verwundrung, da ich kam. + +Tasso. +Wenn du mein Glueck vor deinen Augen siehst, +So wuenscht' ich, dass du mein beschaemt Gemuet +Mit eben diesem Blicke schauen koenntest. + +Antonio. +Mir war es lang' bekannt, dass im Belohnen +Alphons unmaessig ist, und du erfaehrst +Was jeder von den Seinen schon erfuhr. + +Prinzessin. +Wenn du erst siehst, was er geleistet hat, +So wirst du uns gerecht und maessig finden. +Wir sind nur hier die ersten stillen Zeugen +Des Beifalls, den die Welt ihm nicht versagt, +Und den ihm zehnfach kuenft'ge Jahre goennen. + +Antonio. +Er ist durch euch schon seines Ruhms gewiss. +Wer duerfte zweifeln, wo ihr preisen koennt? +Doch sage mir, wer druckte diesen Kranz +Auf Ariostes Stirne? + +Leonore. + Diese Hand. + +Antonio. +Und sie hat wohl getan! Er ziert ihn schoen, +Als ihn der Lorbeer selbst nicht zieren wuerde. +Wie die Natur die innig reiche Brust +Mit einem gruenen bunten Kleide deckt, +So huellt er alles, was den Menschen nur +Ehrwuerdig, liebenswuerdig machen kann, +Ins bluehende Gewand der Fabel ein. +Zufriedenheit, Erfahrung und Verstand +Und Geisteskraft, Geschmack und reiner Sinn +Fuers wahre Gute, geistig scheinen sie +In seinen Liedern und persoenlich doch +Wie unter Bluetenbaeumen auszuruhn, +Bedeckt vom Schnee der leicht getragnen Blueten, +Umkraenzt von Rosen, wunderlich umgaukelt +Vom losen Zauberspiel der Amoretten. +Der Quell des Ueberflusses rauscht darneben, +Und laesst uns bunte Wunderfische sehn. +Von seltenem Gefluegel ist die Luft, +Von fremden Herden Wies' und Busch erfuellt; +Die Schalkheit lauscht im Gruenen halb versteckt, +Die Weisheit laesst von einer goldnen Wolke +Von Zeit zu Zeit erhabne Sprueche toenen, +Indes auf wohl gestimmter Laute wild +Der Wahnsinn hin und her zu wuehlen scheint +Und doch im schoensten Takt sich maessig haelt. +Wer neben diesem Mann sich wagen darf, +Verdient fuer seine Kuehnheit schon den Kranz. +Vergebt, wenn ich mich selbst begeistert fuehle, +Wie ein Verzueckter weder Zeit noch Ort, +Noch, was ich sage, wohl bedenken kann; +Denn alle diese Dichter, diese Kraenze, +Das seltne festliche Gewand der Schoenen +Versetzt mich aus mir selbst in fremdes Land. + +Prinzessin. +Wer ein Verdienst so wohl zu schaetzen weiss, +Der wird das andre nicht verkennen. Du +Sollst uns dereinst in Tassos Liedern zeigen, +Was wir gefuehlt und was nur du erkennst. + +Alphons. +Komm mit, Antonio! Manches hab' ich noch, +Worauf ich sehr begierig bin, zu fragen. +Dann sollst du bis zum Untergang der Sonne +Den Frauen angehoeren. Komm! Lebt wohl. + +(Dem Fuersten folgt Antonio, den Damen Tasso.) + + + + +Zweiter Aufzug +(Saal.) + + + +Erster Auftritt +Prinzessin. Tasso. + +Tasso. +Unsicher folgen meine Schritte dir, +O Fuerstin, und Gedanken ohne Mass +Und Ordnung regen sich in meiner Seele. +Mir scheint die Einsamkeit zu winken, mich +Gefaellig anzulispeln: Komm, ich loese +Die neu erregten Zweifel deiner Brust. +Doch werf' ich einen Blick auf dich, vernimmt +Mein horchend Ohr ein Wort von deiner Lippe, +So wird ein neuer Tag um mich herum, +Und alle Bande fallen von mir los. +Ich will dir gern gestehn, es hat der Mann, +Der unerwartet zu uns trat, nicht sanft +Aus einem schoenen Traum mich aufgeweckt; +Sein Wesen, seine Worte haben mich +So wunderbar getroffen, dass ich mehr +Als je mich doppelt fuehle, mit mir selbst +Aufs neu' in streitender Verwirrung bin. + +Prinzessin. +Es ist unmoeglich, dass ein alter Freund, +Der, lang' entfernt, ein fremdes Leben fuehrte, +Im Augenblick, da er uns wieder sieht, +Sich wieder gleich wie ehmals finden soll. +Er ist in seinem Innern nicht veraendert; +Lass uns mit ihm nur wenig Tage leben, +So stimmen sich die Saiten hin und wider, +Bis gluecklich eine schoene Harmonie +Aufs neue sie verbindet. Wird er dann +Auch naeher kennen, was du diese Zeit +Geleistet hast, so stellt er dich gewiss +Dem Dichter an die Seite, den er jetzt +Als einen Riesen dir entgegen stellt. + +Tasso. +Ach, meine Fuerstin, Ariostes Lob +Aus seinem Munde hat mich mehr ergoetzt, +Als dass es mich beleidigt haette. Troestlich +Ist es fuer uns, den Mann geruehmt zu wissen, +Der als ein grosses Muster vor uns steht. +Wir koennen uns im stillen Herzen sagen: +Erreichst du einen Teil von seinem Wert, +Bleibt dir ein Teil auch seines Ruhms gewiss. +Nein, was das Herz im tiefsten mir bewegte, +Was mir noch jetzt die ganze Seele fuellt, +Es waren die Gestalten jener Welt, +Die sich lebendig, rastlos, ungeheuer +Um einen grossen, einzig klugen Mann +Gemessen dreht und ihren Lauf vollendet, +Den ihr der Halbgott vorzuschreiben wagt. +Begierig horcht' ich auf, vernahm mit Lust +Die sichern Worte des erfahrnen Mannes; +Doch ach! Je mehr ich horchte, mehr und mehr +Versank ich vor mir selbst, ich fuerchtete, +Wie Echo an den Felsen zu verschwinden, +Ein Widerhall, ein Nichts mich zu verlieren. + +Prinzessin. +Und schienst noch kurz vorher so rein zu fuehlen, +Wie Held und Dichter fuereinander leben, +Wie Held und Dichter sich einander suchen +Und keiner je den andern neiden soll? +Zwar herrlich ist die liedeswerte Tat, +Doch schoen ist's auch, der Taten staerkste Fuelle +Durch wuerd'ge Lieder auf die Nachwelt bringen. +Begnuege dich aus einem kleinen Staate, +Der dich beschuetzt, dem wilden Lauf der Welt, +Wie von dem Ufer, ruhig zuzusehn. + +Tasso. +Und sah ich hier mit Staunen nicht zuerst, +Wie herrlich man den tapfern Mann belohnt? +Als unerfahrner Knabe kam ich her, +In einem Augenblick, da Fest auf Fest +Ferrara zu dem Mittelpunkt der Ehre +Zu machen schien. O! Welcher Anblick war's! +Den weiten Platz, auf dem in ihrem Glanze +Gewandte Tapferkeit sich zeigen sollte, +Umschloss ein Kreis, wie ihn die Sonne nicht +So bald zum zweiten Mal bescheinen wird. +Es sassen hier gedraengt die schoensten Frauen, +Gedraengt die ersten Maenner unsrer Zeit. +Erstaunt durchlief der Blick die edle Menge; +Man rief: Sie alle hat das Vaterland, +Das eine, schmale, Meer umgebne Land, +Hierher geschickt. Zusammen bilden sie +Das herrlichste Gericht, das ueber Ehre, +Verdienst und Tugend je entschieden hat. +Gehst du sie einzeln durch, du findest keinen, +Der seines Nachbarn sich zu schaemen brauche!-- +Und dann eroeffneten die Schranken sich; +Da stampften Pferde, glaenzten Helm und Schilde, +Da draengten sich die Knappen, da erklang +Trompetenschall, und Lanzen krachten splitternd, +Getroffen toenten Helm' und Schilde, Staub, +Auf einen Augenblick, umhuellte wirbelnd +Des Siegers Ehre, des Besiegten Schmach. +O lass mich einen Vorhang vor das ganze, +Mir allzu helle Schauspiel ziehen, dass +In diesem schoenen Augenblicke mir +Mein Unwert nicht zu heftig fuehlbar werde. + +Prinzessin. +Wenn jener edle Kreis, wenn jene Taten +Zu Mueh' und Streben damals dich entflammten, +So konnt' ich, junger Freund, zu gleicher Zeit +Der Duldung stille Lehre dir bewaehren. +Die Feste, die du ruehmst, die hundert Zungen +Mir damals priesen und mir manches Jahr +Nachher gepriesen haben, sah ich nicht. +Am stillen Ort, wohin kaum unterbrochen +Der letzte Widerhall der Freude sich +Verlieren konnte, musst' ich manche Schmerzen +Und manchen traurigen Gedanken leiden. +Mit breiten Fluegeln schwebte mir das Bild +Des Todes vor den Augen, deckte mir +Die Aussicht in die immer neue Welt. +Nur nach und nach entfernt' es sich, und liess +Mich, wie durch einen Flor, die bunten Farben +Des Lebens, blass, doch angenehm, erblicken. +Ich sah' lebend'ge Formen wieder sanft sich regen. +Zum ersten Mal trat ich, noch unterstuetzt +Von meinen Frauen, aus dem Krankenzimmer, +Da kam Lucretia voll frohen Lebens +Herbei und fuehrte dich an ihrer Hand. +Du warst der erste, der im neuen Leben +Mir neu und unbekannt entgegen trat. +Da hofft ich viel fuer dich und mich; auch hat +Uns bis hierher die Hoffnung nicht betrogen. + +Tasso. +Und ich, der ich, betaeubt von dem Gewimmel +Des draengenden Gewuehls, von so viel Glanz +Geblendet, und von mancher Leidenschaft +Bewegt, durch stille Gaenge des Palasts +An deiner Schwester Seite schweigend ging, +Dann in das Zimmer trat, wo du uns bald, +Auf deine Fraun gelehnt erschienest--mir +Welch ein Moment war dieser! O vergib! +Wie den Bezauberten von Rausch und Wahn +Der Gottheit Naehe leicht und willig heilt, +So war auch ich von aller Phantasie, +Von jeder Sucht, von jedem falschen Triebe +Mit einem Blick in deinen Blick geheilt. +Wenn unerfahren die Begierde sich +Nach tausend Gegenstaenden sonst verlor, +Trat ich beschaemt zuerst in mich zurueck +Und lernte nun das Wuenschenswerte kennen. +So sucht man in dem weiten Sand des Meers +Vergebens eine Perle, die verborgen +In stillen Schalen eingeschlossen ruht. + +Prinzessin. +Es fingen schoene Zeiten damals an, +Und haett' uns nicht der Herzog von Urbino +Die Schwester weggefuehrt, uns waeren Jahre +Im schoenen, ungetruebten Glueck verschwunden. +Doch leider jetzt vermissen wir zu sehr +Den frohen Geist, die Brust voll Mut und Leben, +Den reichen Witz der liebenswuerd'gen Frau. + +Tasso. +Ich weiss es nur zu wohl, seit jenem Tage, +Da sie von hinnen schied, vermochte dir +Die reine Freude niemand zu ersetzen. +Wie oft zerriss es meine Brust! Wie oft +Klagt' ich dem stillen Hain mein Leid um dich! +Ach! Rief ich aus, hat denn die Schwester nur +Das Glueck, das Recht, der Teuern viel zu sein? +Ist denn kein Herz mehr wert, dass sie sich ihm +Vertrauen duerfte, kein Gemuet dem ihren +Mehr gleich gestimmt? Ist Geist und Witz verloschen? +Und war die eine Frau, so trefflich sie +Auch war, denn alles? Fuerstin! O verzeih! +Da dacht' ich manchmal an mich selbst und wuenschte, +Dir etwas sein zu koennen. Wenig nur, +Doch etwas, nicht mit Worten, mit der Tat +Wuenscht' ich's zu sein, im Leben dir zu zeigen, +Wie sich mein Herz im Stillen dir geweiht. +Doch es gelang mir nicht, und nur zu oft +Tat ich im Irrtum was dich schmerzen musste, +Beleidigte den Mann, den du beschuetztest, +Verwirrte unklug was du loesen wolltest, +Und fuehlte so mich stets im Augenblick, +Wenn ich mich nahen wollte, fern und ferner. + +Prinzessin. +Ich habe, Tasso, deinen Willen nie +Verkannt und weiss, wie du, dir selbst zu schaden, +Geschaeftig bist. Anstatt dass meine Schwester +Mit jedem, wie er sei, zu leben weiss, +So kannst du selbst nach vielen Jahren kaum +In einen Freund dich finden. + +Tasso. +Tadle mich! +Doch sage mir hernach: Wo ist der Mann, +Die Frau, mit der ich wie mit dir +Aus freiem Busen wagen darf zu reden? + +Prinzessin. +Du solltest meinem Bruder dich vertraun. + +Tasso. +Er ist mein Fuerst!--Doch glaube nicht, dass mir +Der Freiheit wilder Trieb den Busen blaehe. +Der Mensch ist nicht geboren, frei zu sein, +Und fuer den Edeln ist kein schoener Glueck, +Als einem Fuersten, den er ehrt, zu dienen. +Und so ist er mein Herr, und ich empfinde +Den ganzen Umfang dieses grossen Worts. +Nun muss ich schweigen lernen, wenn er spricht, +Und tun, wenn er gebietet, moegen auch +Verstand und Herz ihm lebhaft widersprechen. + +Prinzessin. +Das ist der Fall bei meinem Bruder nie, +Und nun, da wir Antonio wieder haben, +Ist dir ein neuer kluger Freund gewiss. + +Tasso. +Ich hofft' es ehmals, jetzt verzweifl' ich fast. +Wie lehrreich waere mir sein Umgang, nuetzlich +Sein Rat in tausend Faellen! Er besitzt, +Ich mag wohl sagen, alles, was mir fehlt. +Doch--haben alle Goetter sich versammelt, +Geschenke seiner Wiege darzubringen-- +Die Grazien sind leider ausgeblieben, +Und wem die Gaben dieser Holden fehlen, +Der kann zwar viel besitzen, vieles geben, +Doch laesst sich nie an seinem Busen ruhn. + +Prinzessin. +Doch laesst sich ihm vertraun, und das ist viel. +Du musst von einem Mann nicht alles fordern, +Und dieser leistet, was er dir verspricht. +Hat er sich erst fuer deinen Freund erklaert, +So sorgt er selbst fuer dich, wo du dir fehlst. +Ihr muesst verbunden sein! Ich schmeichle mir, +Dies schoene Werk in kurzem zu vollbringen. +Nur widerstehe nicht, wie du es pflegst! +So haben wir Lenore lang besessen, +Die fein und zierlich ist, mit der es leicht +Sich leben laesst; auch dieser hast du nie, +Wie sie es wuenschte, naeher treten wollen. + +Tasso. +Ich habe dir gehorcht, sonst haett' ich mich +Von ihr entfernt, anstatt mich ihr zu nahen. +So liebenswuerdig sie erscheinen kann, +Ich weiss nicht, wie es ist, konnt' ich nur selten +Mit ihr ganz offen sein, und wenn sie auch +Die Absicht hat, den Freunden wohl zu tun, +So fuehlt man Absicht, und man ist verstimmt. + +Prinzessin. +Auf diesem Wege werden wir wohl nie +Gesellschaft finden, Tasso! Dieser Pfad +Verleitet uns, durch einsames Gebuesch, +Durch stille Taeler fortzuwandern; mehr +Und mehr verwoehnt sich das Gemuet, und strebt, +Die goldne Zeit, die ihm von aussen mangelt, +In seinem Innern wieder herzustellen, +So wenig der Versuch gelingen will. + +Tasso. +O welches Wort spricht meine Fuerstin aus. +Die goldne Zeit, wohin ist sie geflohn, +Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt? +Da auf der freien Erde Menschen sich +Wie frohe Herden im Genuss verbreiteten; +Da ein uralter Baum auf bunter Wiese +Dem Hirten und der Hirtin Schatten gab, +Ein juengeres Gebuesch die zarten Zweige +Um sehnsuchtsvolle Liebe traulich schlang; +Wo klar und still auf immer reinem Sande +Der weiche Fluss die Nymphe sanft umfing; +Wo in dem Grase die gescheuchte Schlange +Unschaedlich sich verlor, der kuehne Faun, +Vom tapfern Juengling bald bestraft, entfloh; +Wo jeder Vogel in der freien Luft +Und jedes Tier, durch Berg' und Taeler schweifend, +Zum Menschen sprach: Erlaubt ist, was gefaellt. + +Prinzessin. +Mein Freund, die goldne Zeit ist wohl vorbei; +Allein die Guten bringen sie zurueck. +Und soll ich dir gestehen, wie ich denke: +Die goldne Zeit, womit der Dichter uns +Zu schmeicheln pflegt, die schoene Zeit, sie war, +So scheint es mir, so wenig als sie ist; +Und war sie je, so war sie nur gewiss, +Wie sie uns immer wieder werden kann. +Noch treffen sich verwandte Herzen an +Und teilen den Genuss der schoenen Welt; +Nur in dem Wahlspruch aendert sich, mein Freund, +Ein einzig Wort: Erlaubt ist was sich ziemt. + +Tasso. +O wenn aus guten, edlen Menschen nur +Ein allgemein Gericht bestellt entschiede, +Was sich denn ziemt! Anstatt dass jeder glaubt, +Es sei auch schicklich, was ihm nuetzlich ist. +Wir sehn ja, dem Gewaltigen, dem Klugen +Steht alles wohl, und er erlaubt sich alles. + +Prinzessin. +Willst du genau erfahren, was sich ziemt, +So frage nur bei edlen Frauen an. +Denn ihnen ist am meisten dran gelegen, +Dass alles wohl sich zieme, was geschieht. +Die Schicklichkeit umgibt mit einer Mauer +Das zarte, leicht verletzliche Geschlecht. +Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie, +Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts. +Und wirst du die Geschlechter beide fragen: +Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte. + +Tasso. +Du nennest uns unbaendig, roh, gefuehllos? + +Prinzessin. +Nicht das! Allein ihr strebt nach fernen Guetern, +Und euer Streben muss gewaltsam sein. +Ihr wagt es, fuer die Ewigkeit zu handeln, +Wenn wir ein einzig nah beschraenktes Gut +Auf dieser Erde nur besitzen moechten, +Und wuenschen, dass es uns bestaendig bleibe. +Wir sind von keinem Maennerherzen sicher, +Das noch so warm sich einmal uns ergab. +Die Schoenheit ist vergaenglich, die ihr doch +Allein zu ehren scheint. Was uebrig bleibt, +Das reizt nicht mehr, und was nicht reizt, ist tot. +Wenn's Maenner gaebe, die ein weiblich Herz +Zu schaetzen wuessten, die erkennen moechten, +Welch einen holden Schatz von Treu' und Liebe +Der Busen einer Frau bewahren kann; +Wenn das Gedaechtnis einzig schoener Stunden +In euren Seelen lebhaft bleiben wollte; +Wenn euer Blick, der sonst durchdringend ist, +Auch durch den Schleier dringen koennte, den +Uns Alter oder Krankheit ueberwirft; +Wenn der Besitz, der ruhig machen soll, +Nach fremden Guetern euch nicht luestern machte: +Dann waer' uns wohl ein schoener Tag erschienen, +Wir feierten dann unsre goldne Zeit. + +Tasso. +Du sagst mir Worte, die in meiner Brust +Halb schon entschlafne Sorgen maechtig regen. + +Prinzessin. +Was meinst du, Tasso? Rede frei mit mir. + +Tasso. +Oft hoert' ich schon, und diese Tage wieder +Hab' ich's gehoert, ja haett' ich's nicht vernommen, +So muesst' ich's denken: Edle Fuersten streben +Nach deiner Hand! Was wir erwarten muessen, +Das fuerchten wir und moechten schier verzweifeln, +Verlassen wirst du uns, es ist natuerlich; +Doch wie wir's tragen wollen, weiss ich nicht. + +Prinzessin. +Fuer diesen Augenblick seid unbesorgt! +Fast moecht' ich sagen: Unbesorgt fuer immer. +Hier bin ich gern, und gerne mag ich bleiben. +Noch weiss ich kein Verhaeltnis, das mich lockte; +Und wenn ihr mich denn ja behalten wollt, +So lasst es mir durch Eintracht sehn und schafft +Euch selbst ein gluecklich Leben, mir durch euch. + +Tasso. +O lehre mich, das Moegliche zu tun! +Gewidmet sind dir alle meine Tage. +Wenn, dich zu preisen, dir zu danken, sich +Mein Herz entfaltet, dann empfind' ich erst +Das reinste Glueck, das Menschen fuehlen koennen; +Das Goettlichste erfuhr ich nur in dir. +So unterscheiden sich die Erdengoetter +Vor andern Menschen, wie das hohe Schicksal +Vom Rat und Willen selbst der kluegsten Maenner +Sich unterscheidet. Vieles lassen sie, +Wenn wir gewaltsam Wog' auf Woge sehn, +Wie leichte Wellen, unbemerkt vorueber +Vor ihren Fuessen rauschen, hoeren nicht +Den Sturm, der uns umsaust und niederwirft, +Vernehmen unser Flehen kaum und lassen, +Wie wir beschraenkten armen Kindern tun, +Mit Seufzern und Geschrei die Luft uns fuellen. +Du hast mich oft, o Goettliche, geduldet, +Und wie die Sonne, trocknete dein Blick +Den Tau von meinen Augenliedern ab. + +Prinzessin. +Es ist sehr billig, dass die Frauen dir +Aufs freundlichste begegnen: Es verherrlicht +Dein Lied auf manche Weise das Geschlecht. +Zart oder tapfer, hast du stets gewusst, +Sie liebenswert und edel vorzustellen; +Und wenn Armide hassenswert erscheint, +Versoehnt ihr Reiz und ihre Liebe bald. + +Tasso. +Was auch in meinem Liede widerklingt, +Ich bin nur einer, einer alles schuldig! +Es schwebt kein geistig unbestimmtes Bild +Vor meiner Stirne, das der Seele bald +Sich ueberglaenzend nahte, bald entzoege. +Mit meinen Augen hab' ich es gesehn, +Das Urbild jeder Tugend, jeder Schoene; +Was ich nach ihm gebildet, das wird bleiben: +Tancredes Heldenliebe zu Chlorinde, +Erminies stille, nicht bemerkte Treue, +Sophronies Grossheit und Olindes Not, +Es sind nicht Schatten, die der Wahn erzeugte, +Ich weiss es, sie sind ewig; denn sie sind. +Und was hat mehr das Recht, Jahrhunderte +Zu bleiben und im stillen fortzuwirken, +Als das Geheimnis einer edlen Liebe, +Dem holden Lied bescheiden anvertraut? + +Prinzessin. +Und soll ich dir noch einen Vorzug sagen, +Den unvermerkt sich dieses Lied erschleicht? +Es lockt uns nach und nach, wir hoeren zu, +Wir hoeren und wir glauben zu verstehn, +Was wir verstehn, das koennen wir nicht tadeln, +Und so gewinnt uns dieses Lied zuletzt. + +Tasso. +Welch einen Himmel oeffnest du vor mir, +O Fuerstin! Macht mich dieser Glanz nicht blind, +So seh' ich unverhofft ein ewig Glueck +Auf goldnen Strahlen herrlich niedersteigen. + +Prinzessin. +Nicht weiter, Tasso! Viele Dinge sind's, +Die wir mit Heftigkeit ergreifen sollen: +Doch andre koennen nur durch Maessigung +Und durch Entbehren unser eigen werden. +So, sagt man, sei die Tugend, sei die Liebe, +Die ihr verwandt ist. Das bedenke wohl! + + + +Zweiter Auftritt +Tasso (allein). + +Ist dir's erlaubt, die Augen aufzuschlagen? +Wagst du's umher zu sehn? Du bist allein! +Vernahmen diese Saeulen was sie sprach? +Und hast du Zeugen, diese stumme Zeugen +Des hoechsten Gluecks zu fuerchten? Es erhebt +Die Sonne sich des neuen Lebenstages, +Der mit den vorigen sich nicht vergleicht. +Hernieder steigend hebt die Goettin schnell +Den Sterblichen hinauf. Welch neuer Kreis +Entdeckt sich meinem Auge, welches Reich! +Wie koestlich wird der heisse Wunsch belohnt! +Ich traeumte mich dem hoechsten Gluecke nah, +Und dieses Glueck ist ueber alle Traeume. +Der Blindgeborne denke sich das Licht, +Die Farben wie er will; erscheinet ihm +Der neue Tag, ist's ihm ein neuer Sinn. +Voll Mut und Ahnung, freudetrunken schwankend +Betret' ich diese Bahn. Du gibst mir viel, +Du gibst, wie Erd' und Himmel uns Geschenke +Mit vollen Haenden uebermaessig reichen, +Und forderst wieder, was von mir zu fordern +Nur eine solche Gabe dich berechtigt. +Ich soll entbehren, soll mich maessig zeigen +Und so verdienen, dass du mir vertraust. +Was tat ich je, dass sie mich waehlen konnte? +Was soll ich tun, um ihrer wert zu sein? +Sie konnte dir vertraun und dadurch bist du's. +Ja, Fuerstin, deinen Worten, deinen Blicken +Sei ewig meine Seele ganz geweiht! +Ja, fordre was du willst, denn ich bin dein! +Sie sende mich, Mueh' und Gefahr und Ruhm +In fernen Landen aufzusuchen, reiche +Im stillen Hain die goldne Leier mir, +Sie weihe mich der Ruh' und ihrem Preis: +Ihr bin ich, bildend soll sie mich besitzen, +Mein Herz bewahrte jeden Schatz fuer sie. +O haett' ein tausendfaches Werkzeug mir +Ein Gott gegoennt, kaum drueckt' ich dann genug +Die unaussprechliche Verehrung aus. +Des Mahlers Pinsel und des Dichters Lippe, +Die suesseste, die je von fruehem Honig +Genaehrt war, wuenscht' ich mir. Nein, kuenftig soll +Nicht Tasso zwischen Baeumen, zwischen Mensch +Sich einsam, schwach und trueb gesinnt verlieren! +Er ist nicht mehr allein, er ist mit dir. +O dass die edelste der Taten sich +Hier sichtbar vor mich stellte, rings umgeben +Von graesslicher Gefahr! Ich draenge zu +Und wagte gern das Leben, das ich nun +Von ihren Haenden habe--forderte +Die besten Menschen mir zu Freunden auf, +Unmoegliches mit einer edeln Schar +Nach Ihrem Wink und Willen zu vollbringen. +Voreiliger, warum verbarg dein Mund +Nicht das, was du empfandst, bis du dich wert +Und werter ihr zu Fuessen legen konntest? +Das war dein Vorsatz, war dein kluger Wunsch. +Doch sei es auch! Viel schoener ist es, rein +Und unverdient ein solch Geschenk empfangen, +Als halb und halb zu waehnen, dass man wohl +Es habe fordern duerfen. Blicke freudig! +Es ist so gross, so weit, was vor dir liegt, +Und hoffnungsvolle Jugend lockt dich wieder +In unbekannte, lichte Zukunft hin! +--Schwelle Brust!--O Witterung des Gluecks, +Beguenst'ge diese Pflanze doch einmal! +Sie strebt gen Himmel, tausend Zweige dringen +Aus ihr hervor, entfalten sich zu Blueten. +O dass sie Furcht, o dass sie Freuden bringe! +Dass eine liebe Hand den goldnen Schmuck +Aus ihren frischen, reichen Aesten breche! + + + +Dritter Auftritt +Tasso. Antonio. + +Tasso. +Sei mir willkommen, den ich gleichsam jetzt +Zum ersten Mal erblicke! Schoener ward +Kein Mann mir angekuendigt. Sei willkommen! +Dich kenn' ich nun und deinen ganzen Wert, +Dir biet' ich ohne Zoegern Herz und Hand +Und hoffe, dass auch du mich nicht verschmaehst. + +Antonio. +Freigebig bietest du mir schoene Gaben, +Und ihren Wert erkenn' ich wie ich soll: +Drum lass mich zoegern, eh' ich sie ergreife. +Weiss ich doch nicht, ob ich dir auch dagegen +Ein Gleiches geben kann. Ich moechte gern +Nicht uebereilt und nicht undankbar scheinen: +Lass mich fuer beide klug und sorgsam sein. + +Tasso. +Wer wird die Klugheit tadeln? Jeder Schritt +Des Lebens zeigt, wie sehr sie noetig sei; +Doch schoener ist's, wenn uns die Seele sagt, +Wo wir der feinen Vorsicht nicht beduerfen. + +Antonio. +Darueber frage jeder sein Gemuet, +Weil er den Fehler selbst zu buessen hat. + +Tasso. +So sei's! Ich habe meine Pflicht getan: +Der Fuerstin Wort, die uns zu Freunden wuenscht, +Hab' ich verehrt und mich dir vorgestellt. +Rueckhalten durft' ich nicht, Antonio; doch gewiss, +Zudringen will ich nicht. Es mag denn sein. +Zeit und Bekanntschaft heissen dich vielleicht +Die Gabe waermer fordern, die du jetzt +So kalt beiseite lehnst und fast verschmaehst. + +Antonio. +Der Maessige wird oefters kalt genannt +Von Menschen, die sich warm vor andern glauben, +Weil sie die Hitze fliegend ueberfaellt. + +Tasso. +Du tadelst, was ich tadle, was ich melde. +Auch ich verstehe wohl, so jung ich bin, +Der Heftigkeit die Dauer vorzuziehn. + +Antonio. +Sehr weislich! Bleibe stets auf diesem Sinne. + +Tasso. +Du bist berechtigt, mir zu raten, mich +Zu warnen; denn es steht Erfahrung dir +Als lang' erprobte Freundin an der Seite. +Doch glaube nur, es horcht ein stilles Herz +Auf jedes Tages, jeder Stunde Warnung +Und uebt sich ingeheim an jedem Guten, +Das deine Strenge neu zu lehren glaubt. + +Antonio. +Es ist wohl angenehm, sich mit sich selbst +Beschaeft'gen, wenn es nur so nuetzlich waere. +Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes +Erkennen; denn er misst nach eignem Mass +Sich bald zu klein und leider oft zu gross. +Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur +Das Leben lehret jedem, was er sei. + +Tasso. +Mit Beifall und Verehrung hoer' ich dich. + +Antonio. +Und dennoch denkst du wohl bei diesen Worten +Ganz etwas anders, als ich sagen will. + +Tasso. +Auf diese Weise ruecken wir nicht naeher. +Es ist nicht klug, es ist nicht wohl getan, +Vorsaetzlich einen Menschen zu verkennen, +Er sei auch, wer er sei. Der Fuerstin Wort +Bedurft' es kaum, leicht hab' ich dich erkannt: +Ich weiss, dass du das Gute willst und schaffst. +Dein eigen Schicksal laesst dich unbesorgt, +An andre denkst du, Andern stehst du bei, +Und auf des Lebens leicht bewegter Woge +Bleibt dir ein stetes Herz. So seh' ich dich. +Und was waer' ich, ging' ich dir nicht entgegen? +Sucht' ich begierig nicht auch einen Teil +An dem verschlossnen Schatz, den du bewahrst? +Ich weiss, es reut dich nicht, wenn du dich oeffnest, +Ich weiss, du bist mein Freund, wenn du mich kennst: +Und eines solchen Freunds bedurft' ich lange. +Ich schaeme mich der Unerfahrenheit +Und meiner Jugend nicht. Still ruhet noch +Der Zukunft goldne Wolke mir ums Haupt. +O nimm mich, edler Mann, an deine Brust +Und weihe mich, den Raschen, Unerfahrnen, +Zum maessigen Gebrauch des Lebens ein. + +Antonio. +In einem Augenblicke forderst du, +Was wohlbedaechtig nur die Zeit gewaehrt. + +Tasso. +In einem Augenblick gewaehrt die Liebe, +Was Muehe kaum in langer Zeit erreicht. +Ich bitt' es nicht von dir, ich darf es fordern. +Dich ruf' ich in der Tugend Namen auf, +Die gute Menschen zu verbinden eifert. +Und soll ich dir noch einen Namen nennen? +Die Fuerstin hofft's, Sie will's--Eleonore, +Sie will mich zu dir fuehren, dich zu mir. +O lass uns ihrem Wunsch entgegen gehn! +Lass uns verbunden vor die Goettin treten, +Ihr unsern Dienst, die ganze Seele bieten, +Vereint fuer sie das Wuerdigste zu tun. +Noch einmal!--Hier ist meine Hand! Schlag ein! +Tritt nicht zurueck und weigre dich nicht laenger, +O edler Mann, und goenne mir die Wollust, +Die schoenste guter Menschen, sich dem Bessern +Vertrauend ohne Rueckhalt hinzugeben! + +Antonio. +Du gehst mit vollen Segeln! Scheint es doch, +Du bist gewohnt zu siegen, ueberall +Die Wege breit, die Pforten weit zu finden. +Ich goenne jeden Wert und jedes Glueck +Dir gern, allein ich sehe nur zu sehr, +Wir stehn zu weit noch voneinander ab. + +Tasso. +Es sei an Jahren, an geprueftem Wert; +An frohem Muth und Willen weich' ich keinem. + +Antonio. +Der Wille lockt die Taten nicht herbei; +Der Mut stellt sich die Wege kuerzer vor. +Wer angelangt am Ziel ist, wird gekroent, +Und oft entbehrt ein Wuerd'ger eine Krone. +Doch gibt es leichte Kraenze, Kraenze gibt es +Von sehr verschiedner Art: Sie lassen sich +Oft im Spazierengehn bequem erreichen. + +Tasso. +Was eine Gottheit diesem frei gewaehrt +Und jenem streng versagt, ein solches Gut +Erreicht nicht jeder, wie er will und mag. + +Antonio. +Schreib es dem Glueck vor andern Goettern zu, +So hoer' ich's gern; denn seine Wahl ist blind. + +Tasso. +Auch die Gerechtigkeit traegt eine Binde +Und schliesst die Augen jedem Blendwerk zu. + +Antonio. +Das Glueck erhebe billig der Beglueckte! +Er dicht' ihm hundert Augen fuers Verdienst +Und kluge Wahl und strenge Sorgfalt an, +Nenn' es Minerva, nenn' es, wie er will, +Er halte gnaediges Geschenk fuer Lohn, +Zufaelligen Putz fuer wohl verdienten Schmuck. + +Tasso. +Du brauchst nicht deutlicher zu sein. Es ist genug! +Ich blicke tief dir in das Herz und kenne +Fuer's ganze Leben dich. O kennte so +Dich meine Fuerstin auch! Verschwende nicht +Die Pfeile deiner Augen, deiner Zunge! +Du richtest sie vergebens nach dem Kranze, +Dem unverwelklichen, auf meinem Haupt. +Sei erst so gross, mir ihn nicht zu beneiden! +Dann darfst du mir vielleicht ihn streitig machen. +Ich acht' ihn heilig und das hoechste Gut: +Doch zeige mir den Mann, der das erreicht, +Wornach ich strebe, zeige mir den Helden, +Von dem mir die Geschichten nur erzaehlten; +Den Dichter stell' mir vor, der sich Homer, +Virgil sich vergleichen darf, ja, was +Noch mehr gesagt ist, zeige mir den Mann, +Der dreifach diesen Lohn verdiente, den +Die schoene Krone dreifach mehr als mich +Beschaemte: Dann sollst du mich kniend sehn +Vor jener Gottheit, die mich so begabte; +Nicht eher stuend' ich auf, bis sie die Zierde +Von meinem Haupt auf seins hinueber drueckte. + +Antonio. +Bis dahin bleibst du freilich ihrer wert. + +Tasso. +Man waege mich, das will ich nicht vermeiden; +Allein Verachtung hab' ich nicht verdient. +Die Krone, der mein Fuerst mich wuerdig achtete, +Die meiner Fuerstin Hand fuer mich gewunden, +Soll keiner mir bezweifeln noch begrinsen! + +Antonio. +Es ziemt der hohe Ton, die rasche Glut +Nicht dir zu mir, noch dir an diesem Orte. + +Tasso. +Was du dir hier erlaubst, das ziemt auch mir. +Und ist die Wahrheit wohl von hier verbannt? +Ist im Palast der freie Geist gekerkert? +Hat hier ein edler Mensch nur Druck zu dulden? +Mich duenkt hier ist die Hoheit erst an ihrem Platz, +Der Seele Hoheit! Darf sie sich der Naehe +Der Grossen dieser Erde nicht erfreun? +Sie darf's und soll's. Wir nahen uns dem Fuersten +Durch Adel nur, der uns von Vaetern kam; +Warum nicht durchs Gemuet, das die Natur +Nicht jedem gross verlieh, wie sie nicht jedem +Die Reihe grosser Ahnherrn geben konnte? +Nur Kleinheit sollte hier sich aengstlich fuehlen, +Der Neid, der sich zu seiner Schande zeigt: +Wie keiner Spinne schmutziges Gewebe +An diesen Marmorwaenden haften soll. + +Antonio. +Du zeigst mir selbst mein Recht dich zu verschmaehn! +Der uebereilte Knabe will des Manns +Vertraun und Freundschaft mit Gewalt ertrotzen? +Unsittlich, wie du bist, haeltst du dich gut? + +Tasso. +Viel lieber, was ihr euch unsittlich nennt, +Als was ich mir unedel nennen muesste. + +Antonio. +Du bist noch jung genug, dass gute Zucht +Dich eines bessern Wegs belehren kann. + +Tasso. +Nicht jung genug, vor Goetzen mich zu neigen, +Und, Trotz mit Trotz zu baend'gen, alt genug. + +Antonio. +Wo Lippenspiel und Saitenspiel entscheiden, +Ziehst du als Held und Sieger wohl davon. + +Tasso. +Verwegen waer' es, meine Faust zu ruehmen; +Denn sie hat nichts getan; doch ich vertrau' ihr. + +Antonio. +Du traust auf Schonung, die dich nur zu sehr +Im frechen Laufe deines Gluecks verzog. + +Tasso. +Dass ich erwachsen bin, das fuehl' ich nun. +Mit dir am wenigsten haett' ich gewuenscht +Das Wagespiel der Waffen zu versuchen: +Allein du schuerest Glut auf Glut, es kocht +Das innre Mark, die schmerzliche Begier +Der Rache siedet schaeumend in der Brust. +Bist du der Mann der du dich ruehmst, so steh mir! + +Antonio. +Du weisst so wenig wer, als wo du bist. + +Tasso. +Kein Heiligtum heisst uns den Schimpf ertragen. +Du laesterst, du entweihest diesen Ort, +Nicht ich, der ich Vertraun, Verehrung, Liebe, +Das schoenste Opfer, dir entgegen trug. +Dein Geist verunreint dieses Paradies +Und deine Worte diesen reinen Saal, +Nicht meines Herzens schwellendes Gefuehl, +Das braust, den kleinsten Flecken nicht zu leiden. + +Antonio. +Welch hoher Geist in einer engen Brust! + +Tasso. +Hier ist noch Raum, dem Busen Luft zu machen. + +Antonio. +Es macht das Volk sich auch mit Worten Luft. + +Tasso. +Bist du ein Edelmann wie ich, so zeig' es. + +Antonio. +Ich bin es wohl, doch weiss ich, wo ich bin. + +Tasso. +Komm mit herab, wo unsre Waffen gelten. + +Antonio. +Wie du nicht fordern solltest, folg' ich nicht. + +Tasso. +Der Feigheit ist solch Hindernis willkommen. + +Antonio. +Der Feige droht nur, wo er sicher ist. + +Tasso. +Mit Freuden kann ich diesem Schutz entsagen. + +Antonio. +Vergib dir nur, dem Ort vergibst du nichts. + +Tasso. +Verzeihe mir der Ort dass ich es litt. + +(Er zieht den Degen.) + +Zieh oder folge, wenn ich nicht auf ewig, +Wie ich dich hasse, dich verachten soll. + + + +Vierter Auftritt +Alphons. Die Vorigen. + +Alphons. +In welchem Streit treff' ich euch unerwartet? + +Antonio. +Du findest mich, o Fuerst, gelassen stehn +Vor einem, den die Wut ergriffen hat. + +Tasso. +Ich bete dich als eine Gottheit an, +Dass du mit Einem Blick mich warnend baendigst. + +Alphons. +Erzaehl', Antonio, Tasso, sag' mir an, +Wie hat der Zwist sich in mein Haus gedrungen? +Wie hat er euch ergriffen, von der Bahn +Der Sitten, der Gesetze kluge Maenner +Im Taumel weggerissen? Ich erstaune. + +Tasso. +Du kennst uns beide nicht, ich glaub' es wohl. +Hier dieser Mann, beruehmt als klug und sittlich, +Hat roh und haemisch, wie ein unerzogner, +Unedler Mensch, sich gegen mich betragen. +Zutraulich naht' ich ihm, er stiess mich weg; +Beharrlich liebend drang ich mich zu ihm, +Und bitter, immer bittrer, ruht' er nicht, +Bis er den reinsten Tropfen Bluts in mir +Zu Galle wandelte. Verzeih! Du hast mich hier +Als einen Wuetenden getroffen. Dieser +Hat alle Schuld, wenn ich mich schuldig machte. +Er hat die Glut gewaltsam angefacht, +Die mich ergriff und mich und ihn verletzte. + +Antonio. +Ihn riss der hohe Dichterschwung hinweg! +Du hast, o Fuerst, zuerst mich angeredet, +Hast mich gefragt: Es sei mir nun erlaubt, +Nach diesem raschen Redner auch zu sprechen. + +Tasso. +O ja, erzaehl', erzaehl' von Wort zu Wort! +Und kannst du jede Silbe, jede Miene +Vor diesen Richter stellen, wag' es nur! +Beleidige dich selbst zum zweiten Male +Und zeuge wider dich! Dagegen will +Ich keinen Hauch und keinen Pulsschlag leugnen. + +Antonio. +Wenn du noch mehr zu reden hast, so sprich; +Wo nicht, so schweig und unterbrich mich nicht. +Ob ich, mein Fuerst, ob dieser heisse Kopf +Den Streit zuerst begonnen? Wer es sei, +Der unrecht hat? Ist eine weite Frage, +Die wohl zuvoerderst noch auf sich beruht. + +Tasso. +Wie das? Mich duenkt, das ist die erste Frage: +Wer von uns beiden Recht und Unrecht hat. + +Antonio. +Nicht ganz, wie sich's der unbegraenzte Sinn +Gedenken mag. + +Alphons. + Antonio! + +Antonio. + Gnaedigster, +Ich ehre deinen Wink, doch lass ihn schweigen! +Hab' ich gesprochen, mag er weiter reden; +Du wirst entscheiden. Also sag' ich nur: +Ich kann mit ihm nicht rechten, kann ihn weder +Verklagen, noch mich selbst verteid'gen, noch +Ihm jetzt genug zu tun mich anerbieten. +Denn, wie er steht, ist er kein freier Mann. +Es waltet ueber ihm ein schwer Gesetz, +Das deine Gnade hoechstens lindern wird. +Er hat mir hier gedroht, hat mich gefodert; +Vor dir verbarg er kaum das nackte Schwert. +Und tratst du, Herr, nicht zwischen uns herein, +So stuende jetzt auch ich als pflichtvergessen, +Mitschuldig und beschaemt vor deinem Blick. + +Alphons (zu Tasso). +Du hast nicht wohl getan. + +Tasso. + Mich spricht, o Herr, +Mein eigen Herz, gewiss auch deines frei. +Ja, es ist wahr, ich drohte, forderte, +Ich zog. Allein, wie tueckisch seine Zunge +Mit wohl gewaehlten Worten mich verletzt, +Wie scharf und schnell sein Zahn das feine Gift +Mir in das Blut gefloesst, wie er das Fieber +Nur mehr und mehr erhitzt--du denkst es nicht! +Gelassen, kalt, hat er mich ausgehalten, +Aufs Hoechste mich getrieben. O! Du kennst, +Du kennst ihn nicht und wirst ihn niemals kennen! +Ich trug ihm warm die schoenste Freundschaft an-- +Er warf mir meine Gaben vor die Fuesse; +Und haette meine Seele nicht geglueht, +So war sie deiner Gnade, deines Dienstes +Auf ewig unwert. Hab' ich des Gesetzes +Und dieses Orts vergessen, so verzeih. +Auf keinem Boden darf ich niedrig sein, +Erniedrigung auf keinem Boden dulden. +Wenn dieses Herz, es sei auch, wo es will, +Dir fehlt und sich, dann strafe, dann verstosse, +Und lass mich nie dein Auge wieder sehn. + +Antonio. +Wie leicht der Juengling schwere Lasten traegt +Und Fehler wie den Staub vom Kleide schuettelt! +Es waere zu verwundern, wenn die Zauberkraft +Der Dichtung nicht bekannter waere, die +Mit dem Unmoeglichen so gern ihr Spiel +Zu treiben liebt. Ob du auch so, mein Fuerst, +Ob alle deine Diener diese Tat +So unbedeutend halten, zweifl' ich fast. +Die Majestaet verbreitet ihren Schutz +Auf jeden, der sich ihr wie einer Gottheit +Und ihrer unverletzten Wohnung naht. +Wie an dem Fusse des Altars bezaehmt +Sich auf der Schwelle jede Leidenschaft. +Da blinkt kein Schwert, da faellt kein drohend Wort, +Da fordert selbst Beleid'gung keine Rache. +Es bleibt das weite Feld ein offner Raum +Fuer Grimm und Unversoehnlichkeit genug: +Dort wird kein Feiger drohn, kein Mann wird fliehn. +Hier diese Mauern haben deine Vaeter +Auf Sicherheit gegruendet, ihrer Wuerde +Ein Heiligtum befestigt, diese Ruhe +Mit schweren Strafen ernst und klug erhalten; +Verbannung, Kerker, Tod ergriff den Schuldigen. +Da war kein Ansehn der Person, es hielt +Die Milde nicht den Arm des Rechts zurueck, +Und selbst der Frevler fuehlte sich geschreckt. +Nun sehen wir nach langem, schoenem Frieden +In das Gebiet der Sitten rohe Wut +Im Taumel wiederkehren. Herr, entscheide, +Bestrafe! Denn wer kann in seiner Pflicht +Beschraenkten Grenzen wandeln, schuetzet ihn +Nicht das Gesetz und seines Fuersten Kraft? + +Alphons. +Mehr, als ihr beide sagt und sagen koennt, +Laesst unparteiisch das Gemuet mich hoeren. +Ihr haettet schoener eure Pflicht getan, +Wenn ich dies Urteil nicht zu sprechen haette; +Denn hier sind Recht und Unrecht nah verwandt. +Wenn dich Antonio beleidigt hat, +So hat er dir auf irgendeine Weise +Genug zu tun, wie du es fordern wirst. +Mir waer' es lieb, ihr waehltet mich zum Austrag. +Indessen, dein Vergehen macht, o Tasso, +Dich zum Gefangnen. Wie ich dir vergebe, +So lindr' ich das Gesetz um deinetwillen. +Verlass uns, Tasso! Bleib auf deinem Zimmer, +Von dir und mit dir selbst allein bewacht. + +Tasso. +Ist dies, o Fuerst, dein richterlicher Spruch? + +Antonio. +Erkennest du des Vaters Milde nicht? + +Tasso (zu Antonio). +Mit dir hab' ich vorerst nichts mehr zu reden. +(Zu Alphons.) O Fuerst, es uebergibt dein ernstes Wort +Mich Freien der Gefangenschaft. Es sei! +Du haeltst es recht. Dein heilig Wort verehrend, +Heiss' ich mein innres Herz im tiefsten schweigen. +Es ist mir neu, so neu, dass ich fast dich +Und mich und diesen schoenen Ort nicht kenne. +Doch diesen kenn' ich wohl--Gehorchen will ich, +Ob ich gleich hier noch manches sagen koennte +Und sagen sollte. Mir verstummt die Lippe. +War's ein Verbrechen? Wenigstens es scheint, +Ich bin als ein Verbrecher angesehn. +Und, was mein Herz auch sagt, ich bin gefangen. + +Alphons. +Du nimmst es hoeher, Tasso, als ich selbst. + +Tasso. +Mir bleibt es unbegreiflich wie es ist; +Zwar unbegreiflich nicht, ich bin kein Kind; +Ich meine fast, ich muesst' es denken koennen. +Auf einmal winkt mich eine Klarheit an, +Doch augenblicklich schliesst sich's wieder zu, +Ich hoere nur mein Urteil, beuge mich. +Das sind zuviel vergebne Worte schon. +Gewoehne dich von nun an zu gehorchen, +Ohnmaecht'ger! Du vergassest wo du standst: +Der Goetter Saal schien dir auf gleicher Erde, +Nun ueberwaeltigt dich der jaehe Fall. +Gehorche gern; denn es geziemt dem Manne, +Auch willig das Beschwerliche zu tun. +Hier nimm den Degen erst, den du mir gabst, +Als ich dem Kardinal nach Frankreich folgte; +Ich fuehrt' ihn nicht mit Ruhm, doch nicht mit Schande, +Auch heute nicht. Der hoffnungsvollen Gabe +Entaeussr' ich mich mit tief geruehrtem Herzen. + +Alphons. +Wie ich zu dir gesinnt bin fuehlst du nicht. + +Tasso. +Gehorchen ist mein Los, und nicht, zu denken! +Und leider eines herrlichern Geschenks +Verleugnung fordert das Geschick von mir. +Die Krone kleidet den Gefangnen nicht: +Ich nehme selbst von meinem Haupt die Zierde, +Die fuer die Ewigkeit gegoennt mir schien. +Zu frueh war mir das schoenste Glueck verliehen +Und wird, als haett' ich sein mich ueberhoben, +Mir nur zu bald geraubt. +Du nimmst dir selbst, was keiner nehmen konnte, +Und was kein Gott zum zweiten Male gibt. +Wir Menschen werden wunderbar geprueft; +Wir koennten's nicht ertragen, haett' uns nicht +Den holden Leichtsinn die Natur verliehn. +Mit unschaetzbaren Guetern lehret uns +Verschwenderisch die Not gelassen spielen: +Wir oeffnen willig unsre Haende, dass +Unwiederbringlich uns ein Gut entschluepfe. +Mit diesem Kuss vereint sich eine Traene +Und weiht dich der Vergaenglichkeit! Es ist +Erlaubt das holde Zeichen unsrer Schwaeche. +Wer weinte nicht, wenn das Unsterbliche +Vor der Zerstoerung selbst nicht sicher ist? +Geselle dich zu diesem Degen, der +Dich leider nicht erwarb! Um ihn geschlungen, +Ruhe, wie auf dem Sarg der Tapfern, auf +Dem Grabe meines Gluecks und meiner Hoffnung! +Hier leg' ich beide willig dir zu Fuessen; +Denn wer ist wohl gewaffnet, wenn du zuernst? +Und wer geschmueckt, o Herr, den du verkennst? +Gefangen geh' ich, warte des Gerichts. + +(Auf des Fuersten Wink, hebt ein Page den Degen mit dem Kranze auf +und traegt ihn weg.) + + + +Fuenfter Auftritt +Alphons. Antonio. + +Antonio. +Wo schwaermt der Knabe hin? Mit welchen Farben +Mahlt er sich seinen Wert und sein Geschick? +Beschraenkt und unerfahren, haelt die Jugend +Sich fuer ein einzig auserwaehltes Wesen +Und alles ueber alle sich erlaubt. +Er fuehle sich gestraft, und strafen heisst +Dem Juengling wohl tun, dass der Mann uns danke. + +Alphons. +Er ist gestraft, ich fuerchte: Nur zu viel. + +Antonio. +Wenn du gelind mit ihm verfahren magst, +So gib, o Fuerst, ihm seine Freiheit wieder, +Und unsern Zwist entscheide dann das Schwert. + +Alphons. +Wenn es die Meinung fordert, mag es sein. +Doch sprich, wie hast du seinen Zorn gereizt? + +Antonio. +Ich wuesste kaum zu sagen, wie's geschah. +Als Menschen hab' ich ihn vielleicht gekraenkt, +Als Edelmann hab' ich ihn nicht beleidigt. +Und seinen Lippen ist im groessten Zorne +Kein sittenloses Wort entflohn. + +Alphons. + So schien +Mir euer Streit, und was ich gleich gedacht, +Bekraeftigt deine Rede mir noch mehr. +Wenn Maenner sich entzweien, haelt man billig +Den Kluegsten fuer den Schuldigen. Du solltest +Mit ihm nicht zuernen; ihn zu leiten stuende +Dir besser an. Noch immer ist es Zeit: +Hier ist kein Fall, der euch zu streiten zwaenge. +Solang mir Friede bleibt, so lange wuensch' ich +In meinem Haus ihn zu geniessen. Stelle +Die Ruhe wieder her--du kannst es leicht. +Lenore Sanvitale mag ihn erst +Mit zarter Lippe zu besaenft'gen suchen: +Dann tritt zu ihm, gib ihm in meinem Namen +Die volle Freiheit wieder, und gewinne +Mit edeln, wahren Worten sein Vertraun. +Verrichte das, sobald du immer kannst; +Du wirst als Freund und Vater mit ihm sprechen. +Noch eh' wir scheiden, will ich Friede wissen, +Und dir ist nichts unmoeglich, wenn du willst. +Wir bleiben lieber eine Stunde laenger +Und lassen dann die Frauen sanft vollenden, +Was du begannst; und kehren wir zurueck, +So haben sie von diesem raschen Eindruck +Die letzte Spur vertilgt. Es scheint, Antonio, +Du willst nicht aus der Uebung kommen! Du +Hast ein Geschaeft kaum erst vollendet, nun +Kehrst du zurueck und schaffst dir gleich ein neues. +Ich hoffe, dass auch dieses dir gelingt. + +Antonio. +Ich bin beschaemt und seh' in deinen Worten, +Wie in dem klarsten Spiegel, meine Schuld! +Gar leicht gehorcht man einem edlen Herrn, +Der ueberzeugt, indem er uns gebietet. + + + + +Dritter Aufzug + + + +Erster Auftritt +Prinzessin (allein). + +Wo bleibt Eleonore? Schmerzlicher +Bewegt mir jeden Augenblick die Sorge +Das tiefste Herz. Kaum weiss ich was geschah, +Kaum weiss ich, wer von beiden schuldig ist. +O dass sie kaeme! Moecht' ich doch nicht gern +Den Bruder nicht, Antonio nicht sprechen, +Eh' ich gefasster bin, eh' ich vernommen, +Wie alles steht, und was es werden kann. + + + +Zweiter Auftritt +Prinzessin. Leonore. + +Prinzessin. +Was bringst du, Leonore? Sag' mir an, +Wie steht's um unsre Freunde? Was geschah? + +Leonore. +Mehr, als wir wissen, hab' ich nicht erfahren. +Sie trafen hart zusammen, Tasso zog, +Dein Bruder trennte sie. Allein es scheint, +Als habe Tasso diesen Streit begonnen: +Antonio geht frei umher und spricht +Mit seinem Fuersten: Tasso bleibt dagegen +Verbannt in seinem Zimmer und allein. + +Prinzessin. +Gewiss hat ihn Antonio gereizt, +Den hoch Gestimmten kalt und fremd beleidigt. + +Leonore. +Ich glaub' es selbst. Denn eine Wolke stand, +Schon als er zu uns trat, um seine Stirn. + +Prinzessin. +Ach dass wir doch, dem reinen stillen Wink +Des Herzens nach zu gehen, so sehr verlernen! +Ganz leise spricht ein Gott in unsrer Brust, +Ganz leise, ganz vernehmlich, zeigt uns an, +Was zu ergreifen ist und was zu fliehn. +Antonio erschien mir heute frueh +Viel schroffer noch als je, in sich gezogner. +Es warnte mich mein Geist, als neben ihn +Sich Tasso stellte. Sieh das Aeussre nur +Von beiden an, das Angesicht, den Ton, +Den Blick, den Tritt! Es widerstrebt sich alles; +Sie koennen ewig keine Liebe wechseln. +Doch ueberredete die Hoffnung mich, +Die Gleisnerinn: Sie sind vernuenftig beide, +Sind edel, unterrichtet, deine Freunde; +Und welch ein Band ist sichrer als der Guten? +Ich trieb den Juengling an; er gab sich ganz; +Wie schoen, wie warm ergab er ganz sich mir! +O haett' ich gleich Antonio gesprochen! +Ich zauderte; es war nur kurze Zeit; +Ich scheute mich, gleich mit den ersten Worten +Und dringend ihm den Juengling zu empfehlen; +Verliess auf Sitte mich und Hoeflichkeit, +Auf den Gebrauch der Welt, der sich so glatt +Selbst zwischen Feinde legt; befuerchtete +Von dem geprueften Manne diese Jaehe +Der raschen Jugend nicht. Es ist geschehn. +Das Uebel stand mir fern, nun ist es da. +O gib mir einen Rat! Was ist zu tun? + +Leonore. +Wie schwer zu raten sei, das fuehlst du selbst +Nach dem, was du gesagt. Es ist nicht hier +Ein Missverstaendnis zwischen gleich Gestimmten; +Das stellen Worte, ja im Notfall stellen +Es Waffen leicht und gluecklich wieder her. +Zwei Maenner sind's, ich hab' es lang gefuehlt, +Die darum Feinde sind, weil die Natur +Nicht einen Mann aus ihnen beiden formte. +Und waeren sie zu ihrem Vorteil klug, +So wuerden sie als Freunde sich verbinden: +Dann stuenden sie fuer einen Mann und gingen +Mit Macht und Glueck und Lust durchs Leben hin. +So hofft' ich selbst; nun seh' ich wohl: Umsonst. +Der Zwist von heute, sei er, wie er sei, +Ist beizulegen; doch das sichert uns +Nicht fuer die Zukunft, fuer den Morgen nicht. +Es waer' am besten, daecht' ich, Tasso reiste +Auf eine Zeit von hier; er koennte ja +Nach Rom, auch nach Florenz sich wenden; dort +Traef' ich in wenig Wochen ihn und koennte +Auf sein Gemuet als eine Freundin wirken. +Du wuerdest hier indessen den Antonio, +Der uns so fremd geworden, dir aufs neue +Und deinen Freunden naeher bringen: So +Gewaehrte das, was itzt unmoeglich scheint, +Die gute Zeit vielleicht, die vieles gibt. + +Prinzessin. +Du willst dich in Genuss, o Freundin, setzen, +Ich soll entbehren; heisst das billig sein? + +Leonore. +Entbehren wirst du nichts, als was du doch +In diesem Falle nicht geniessen koenntest. + +Prinzessin. +So ruhig soll ich einen Freund verbannen? + +Leonore. +Erhalten, den du nur zum Schein verbannst. + +Prinzessin. +Mein Bruder wird ihn nicht mit Willen lassen. + +Leonore. +Wenn er es sieht wie wir, so gibt er nach. + +Prinzessin. +Es ist so schwer, im Freunde sich verdammen. + +Leonore. +Und dennoch rettest du den Freund in dir. + +Prinzessin. +Ich gebe nicht mein Ja, dass es geschehe. + +Leonore. +So warte noch ein groessres Uebel ab. + +Prinzessin. +Du peinigst mich und weisst nicht, ob du nuetzest. + +Leonore. +Wir werden bald entdecken, wer sich irrt. + +Prinzessin. +Und soll es sein, so frage mich nicht laenger. + +Leonore. +Wer sich entschliessen kann, besiegt den Schmerz. + +Prinzessin. +Entschlossen bin ich nicht, allein es sei, +Wenn er sich nicht auf lange Zeit entfernt-- +Und lass uns fuer ihn sorgen, Leonore, +Dass er nicht etwa kuenftig Mangel leide, +Dass ihm der Herzog seinen Unterhalt +Auch in der Ferne willig reichen lasse. +Sprich mit Antonio; denn er vermag +Bei meinem Bruder viel, und wird den Streit +Nicht unserm Freund und uns gedenken wollen. + +Leonore. +Ein Wort von dir, Prinzessin, gaelte mehr. + +Prinzessin. +Ich kann, du weisst es, meine Freundin, nicht +Wie's meine Schwester von Urbino kann, +Fuer mich und fuer die Meinen was erbitten. +Ich lebe gern so stille vor mich hin, +Und nehme von dem Bruder dankbar an, +Was er mir immer geben kann und will. +Ich habe sonst darueber manchen Vorwurf +Mir selbst gemacht; nun hab' ich ueberwunden. +Es schalt mich eine Freundin oft darum: +Du bist uneigennuetzig, sagte sie, +Das ist recht schoen; allein so sehr bist du's, +Dass du auch das Beduerfnis deiner Freunde +Nicht recht empfinden kannst. Ich lass' es gehn +Und muss denn eben diesen Vorwurf tragen. +Um desto mehr erfreut es mich, dass ich +Nun in der Tat dem Freunde nuetzen kann; +Es faellt mir meiner Mutter Erbschaft zu, +Und gerne will ich fuer ihn sorgen helfen. + +Leonore. +Und ich, o Fuerstin, finde mich im Falle, +Dass ich als Freundin auch mich zeigen kann. +Er ist kein guter Wirth; wo es ihm fehlt, +Werd' ich ihm schon geschickt zu helfen wissen. + +Prinzessin. +So nimm ihn weg, und, soll ich ihn entbehren, +Vor allen andern sei er dir gegoennt! +Ich seh' es wohl, so wird es besser sein. +Muss ich denn wieder diesen Schmerz als gut +Und heilsam preisen? Das war mein Geschick +Von Jugend auf; ich bin nun dran gewoehnt. +Nur halb ist der Verlust des schoensten Gluecks, +Wenn wir auf den Besitz nicht sicher zaehlten. + +Leonore. +Ich hoffe dich, so schoen du es verdienst, +Gluecklich zu sehn! + +Prinzessin. + Eleonore! Gluecklich? +Wer ist denn gluecklich?--Meinen Bruder zwar +Moecht' ich so nennen; denn sein grosses Herz +Traegt sein Geschick mit immer gleichem Mut; +Allein, was er verdient, das ward ihm nie. +Ist meine Schwester von Urbino gluecklich? +Das schoene Weib, das edle grosse Herz! +Sie bringt dem juengern Manne keine Kinder; +Er achtet sie und laesst sie's nicht entgelten, +Doch keine Freude wohnt in ihrem Haus. +Was half denn unsrer Mutter ihre Klugheit? +Die Kenntnis jeder Art, ihr grosser Sinn? +Konnt' er sie vor dem fremden Irrtum schuetzen? +Man nahm uns von ihr weg: Nun ist sie tot. +Sie liess uns Kindern nicht den Trost, dass sie +Mit ihrem Gott versoehnt gestorben sei. + +Leonore. +O blicke nicht nach dem, was jedem fehlt; +Betrachte, was noch einem jeden bleibt! +Was bleibt nicht dir, Prinzessin? + +Prinzessin. + Was mir bleibt? +Geduld, Eleonore! Ueben konnt' ich die +Von Jugend auf. Wenn Freunde, wenn Geschwister +Bei Fest und Spiel gesellig sich erfreuten, +Hielt Krankheit mich auf meinem Zimmer fest, +Und in Gesellschaft mancher Leiden musst' +Ich frueh entbehren lernen. Eines war, +Was in der Einsamkeit mich schoen ergoetzte, +Die Freude des Gesangs; ich unterhielt +Mich mit mir selbst, ich wiegte Schmerz und Sehnsucht +Und jeden Wunsch mit leisen Toenen ein. +Da wurde Leiden oft Genuss, und selbst +Das traurige Gefuehl zur Harmonie. +Nicht lang' war mir dies Glueck gegoennt, auch dieses +Nahm mir der Arzt hinweg: Sein streng Gebot +Hiess mich verstummen; leben sollt' ich, leiden, +Den einz'gen kleinen Trost sollt' ich entbehren. + +Leonore. +So viele Freunde fanden sich zu dir, +Und nun bist du gesund, bist lebensfroh. + +Prinzessin. +Ich bin gesund, das heisst: Ich bin nicht krank; +Und manche Freunde hab' ich, deren Treue +Mich gluecklich macht. Auch hatt' ich einen Freund-- + +Leonore. +Du hast ihn noch. + +Prinzessin. +Und werd' ihn bald verlieren. +Der Augenblick, da ich zuerst ihn sah, +War viel bedeutend. Kaum erholt' ich mich +Von manchen Leiden; Schmerz und Krankheit waren +Kaum erst gewichen; still bescheiden blickt' ich +Ins Leben wieder, freute mich des Tags +Und der Geschwister wieder, sog beherzt +Der suessen Hoffnung reinsten Balsam ein. +Ich wagt' es vorwaerts in das Leben weiter +Hinein zu sehn, und freundliche Gestalten +Begegneten mir aus der Ferne. Da, +Eleonore, stellte mir den Juengling +Die Schwester vor; er kam an ihrer Hand, +Und, dass ich dir's gestehe, da ergriff +Ihn mein Gemuet und wird ihn ewig halten. + +Leonore. +O meine Fuerstin, lass dich's nicht gereuen! +Das Edle zu erkennen, ist Gewinst, +Der nimmer uns entrissen werden kann. + +Prinzessin. +Zu fuerchten ist das Schoene das Fuertreffliche, +Wie eine Flamme, die so herrlich nuetzt, +Solange sie auf deinem Herde brennt, +Solang sie dir von einer Fackel leuchtet, +Wie hold! Wer mag, wer kann sie da entbehren? +Und frisst sie ungehuetet um sich her, +Wie elend kann sie machen! Lass mich nun. +Ich bin geschwaetzig, und verbaerge besser +Auch selbst vor dir, wie schwach ich bin und krank. + +Leonore. +Die Krankheit des Gemuetes loeset sich +In Klagen und Vertraun am leichtsten auf. + +Prinzessin. +Wenn das Vertrauen heilt, so heil' ich bald; +Ich hab' es rein und hab' es ganz zu dir. +Ach, meine Freundin! Zwar ich bin entschlossen: +Er scheide nur! Allein ich fuehle schon +Den langen ausgedehnten Schmerz der Tage, wenn +Ich nun entbehren soll, was mich erfreute. +Die Sonne hebt von meinen Augenliedern +Nicht mehr sein schoen verklaertes Traumbild auf, +Die Hoffnung ihn zu sehen fuellt nicht mehr +Den kaum erwachten Geist mit froher Sehnsucht; +Mein erster Blick hinab in unsre Gaerten +Sucht ihn vergebens in dem Tau der Schatten. +Wie schoen befriedigt fuehlte sich der Wunsch, +Mit ihm zu sein an jedem heitern Abend! +Wie mehrte sich im Umgang das Verlangen +Sich mehr zu kennen, mehr sich zu verstehn! +Und taeglich stimmte das Gemuet sich schoener +Zu immer reinern Harmonien auf. +Welch eine Daemmrung faellt nun vor mir ein! +Der Sonne Pracht, das froehliche Gefuehl +Des hohen Tags, der tausendfachen Welt +Glanzreiche Gegenwart, ist oed' und tief +Im Nebel eingehuellt, der mich umgibt. +Sonst war mir jeder Tag ein ganzes Leben; +Die Sorge schwieg, die Ahndung selbst verstummte, +Und, gluecklich eingeschifft, trug uns der Strom +Auf leichten Wellen ohne Ruder hin: +Nun ueberfaellt in trueber Gegenwart +Der Zukunft Schrecken heimlich meine Brust. + +Leonore. +Die Zukunft gibt dir deine Freunde wieder +Und bringt dir neue Freude, neues Glueck. + +Prinzessin. +Was ich besitze, mag ich gern bewahren: +Der Wechsel unterhaelt, doch nutzt er kaum. +Mit jugendlicher Sehnsucht griff ich nie +Begierig in den Lostopf fremder Welt, +Fuer mein beduerfend unerfahren Herz +Zufaellig einen Gegenstand zu haschen. +Ihn musst' ich ehren, darum liebt' ich ihn; +Ich musst' ihn lieben, weil mit ihm mein Leben +Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt. +Erst sagt' ich mir: Entferne dich von ihm! +Ich wich und wich und kam nur immer naeher, +So lieblich angelockt, so hart bestraft! +Ein reines, wahres Gut verschwindet mir, +Und meiner Sehnsucht schiebt ein boeser Geist +Statt Freud' und Glueck verwandte Schmerzen unter. + +Leonore. +Wenn einer Freundin Wort nicht troesten kann, +So wird die stille Kraft der schoenen Welt, +Der guten Zeit dich unvermerkt erquicken. + +Prinzessin. +Wohl ist sie schoen die Welt! In ihrer Weite +Bewegt sich so viel Gutes hin und her. +Ach, dass es immer nur um einen Schritt +Von uns sich zu entfernen scheint +Und unsre bange Sehnsucht durch das Leben +Auch Schritt vor Schritt bis nach dem Grabe lockt! +So selten ist es, dass die Menschen finden, +Was ihnen doch bestimmt gewesen schien, +So selten, dass sie das erhalten, was +Auch einmal die beglueckte Hand ergriff! +Es reisst sich los, was erst sich uns ergab, +Wir lassen los, was wir begierig fassten. +Es gibt ein Glueck, allein wir kennen's nicht: +Wir kennen's wohl und wissen's nicht zu schaetzen. + + + +Dritter Auftritt +Leonore (allein). + +Wie jammert mich das edle, schoene Herz! +Welch traurig Los, das ihrer Hoheit faellt! +Ach sie verliert--und denkst du, zu gewinnen? +Ist's denn so noetig, dass er sich entfernt? +Machst du es noetig, um allein fuer dich +Das Herz und die Talente zu besitzen, +Die du bisher mit einer andern teilst +Und ungleich teilst? Ist's redlich, so zu handeln? +Bist du nicht reich genug? Was fehlt dir noch? +Gemahl und Sohn und Gueter, Rang und Schoenheit, +Das hast du alles, und du willst noch ihn +Zu diesem allen haben? Liebst du ihn? +Was ist es sonst, warum du ihn nicht mehr +Entbehren magst? Du darfst es dir gestehn.-- +Wie reizend ist's, in seinem schoenen Geiste +Sich selber zu bespiegeln! Wird ein Glueck +Nicht doppelt gross und herrlich, wenn sein Lied +Uns wie auf Himmelswolken traegt und hebt? +Dann bist du erst beneidenswert! Du bist, +Du hast das nicht allein, was viele wuenschen; +Es weiss, es kennt auch jeder, was du hast! +Dich nennt dein Vaterland und sieht auf dich, +Das ist der hoechste Gipfel jedes Gluecks. +Ist Laura denn allein der Name, der +Von allen zarten Lippen klingen soll? +Und hatte nur Petrarch allein das Recht, +Die unbekannte Schoene zu vergoettern? +Wo ist ein Mann, der meinem Freunde sich +Vergleichen darf? Wie ihn die Welt verehrt, +So wird die Nachwelt ihn verehrend nennen. +Wie herrlich ist's, im Glanze dieses Lebens +Ihn an der Seite haben! So mit ihm +Der Zukunft sich mit leichtem Schritte nahn! +Alsdann vermag die Zeit, das Alter nichts +Auf dich und nichts der freche Ruf, +Der hin und her des Beifalls Woge treibt: +Das, was vergaenglich ist, bewahrt sein Lied. +Du bist noch schoen, noch gluecklich, wenn schon lange +Der Kreis der Dinge dich mit fortgerissen. +Du musst ihn haben, und ihr nimmst du nichts: +Denn ihre Neigung zu dem werten Manne +Ist ihren andern Leidenschaften gleich. +Sie leuchten, wie der stille Schein des Monds +Dem Wandrer spaerlich auf dem Pfad zu Nacht, +Sie waermen nicht, und giessen keine Lust +Noch Lebensfreud' umher. Sie wird sich freuen, +Wenn sie ihn fern, wenn sie ihn gluecklich weiss, +Wie sie genoss, wenn sie ihn taeglich sah. +Und dann, ich will mit meinem Freunde nicht +Von ihr und diesem Hofe mich verbannen: +Ich komme wieder, und ich bring' ihn wieder. +So soll es sein!--Hier kommt der raue Freund: +Wir wollen sehn, ob wir ihn zaehmen koennen. + + + +Vierter Auftritt +Leonore. Antonio. + +Leonore. +Du bringst uns Krieg statt Frieden: Scheint es doch, +Du kommst aus einem Lager, einer Schlacht, +Wo die Gewalt regiert, die Faust entscheidet, +Und nicht von Rom, wo feierliche Klugheit +Die Haende segnend hebt und eine Welt +Zu ihren Fuessen sieht, die gern gehorcht. + +Antonio. +Ich muss den Tadel, schoene Freundin, dulden, +Doch die Entschuld'gung liegt nicht weit davon. +Es ist gefaehrlich, wenn man allzu lang +Sich klug und maessig zeigen muss. Es lauert +Der boese Genius dir an der Seite +Und will gewaltsam auch von Zeit zu Zeit +Ein Opfer haben. Leider hab' ich's diesmal +Auf meiner Freunde Kosten ihm gebracht. + +Leonore. +Du hast um fremde Menschen dich so lang +Bemueht und dich nach ihrem Sinn gerichtet: +Nun, da du deine Freunde wieder siehst, +Verkennst du sie, und rechtest wie mit Fremden. + +Antonio. +Da liegt, geliebte Freundin, die Gefahr! +Mit fremden Menschen nimmt man sich zusammen, +Da merkt man auf, da sucht man seinen Zweck +In ihrer Gunst, damit sie nutzen sollen; +Allein bei Freunden laesst man frei sich gehen: +Man ruht in ihrer Liebe, man erlaubt +Sich eine Laune, ungezaehmter wirkt +Die Leidenschaft, und so verletzen wir +Am ersten die, die wir am zaert'sten lieben. + +Leonore. +In dieser ruhigen Betrachtung find' ich dich +Schon ganz, mein teurer Freund, mit Freuden wieder. + +Antonio. +Ja, mich verdriesst--und ich bekenn' es gern-- +Dass ich mich heut so ohne Mass verlor. +Allein gestehe, wenn ein wackrer Mann +Mit heisser Stirn von saurer Arbeit kommt +Und spaet am Abend in ersehnten Schatten +Zu neuer Muehe auszuruhen denkt +Und findet dann von einem Muessiggaenger +Den Schatten breit besessen, soll er nicht +Auch etwas Menschlichs in dem Busen fuehlen? + +Leonore. +Wenn er recht menschlich ist, so wird er auch +Den Schatten gern mit einem Manne teilen, +Der ihm die Ruhe suess, die Arbeit leicht +Durch ein Gespraech, durch holde Toene macht. +Der Baum ist breit, mein Freund, der Schatten gibt, +Und keiner braucht den andern zu verdraengen. + +Antonio. +Wir wollen uns, Eleonore, nicht +Mit einem Gleichnis hin und wider spielen. +Gar viele Dinge sind in dieser Welt, +Die man dem andern goennt und gerne teilt; +Jedoch es ist ein Schatz, den man allein +Dem Hochverdienten gerne goennen mag, +Ein andrer, den man mit dem Hoechstverdienten +Mit gutem Willen niemals teilen wird-- +Und fragst du mich nach diesen beiden Schaetzen: +Der Lorbeer ist es und die Gunst der Frauen. + +Leonore. +Hat jener Kranz um unsers Juenglings Haupt +Den ernsten Mann beleidigt? Haettest du +Fuer seine Muehe, seine schoene Dichtung +Bescheidnern Lohn doch selbst nicht finden koennen. +Denn ein Verdienst, das ausserirdisch ist, +Das in den Lueften schwebt, in Toenen nur, +In leichten Bildern unsern Geist umgaukelt,-- +Es wird denn auch mit einem schoenen Bilde, +Mit einem holden Zeichen nur belohnt; +Und wenn er selbst die Erde kaum beruehrt, +Beruehrt der hoechste Lohn ihm kaum das Haupt. +Ein unfruchtbarer Zweig ist das Geschenk, +Das der Verehrer unfruchtbare Neigung +Ihm gerne bringt, damit sie einer Schuld +Aufs leichtste sich entlade. Du missgoennst +Dem Bild des Maertyrers den goldnen Schein +Ums kahle Haupt wohl schwerlich; und gewiss, +Der Lorbeerkranz ist, wo er dir erscheint, +Ein Zeichen mehr des Leidens als des Gluecks. + +Antonio. +Will etwa mich dein liebenswuerd'ger Mund +Die Eitelkeit der Welt verachten lehren? + +Leonore. +Ein jedes Gut nach seinem Wert zu schaetzen, +Brauch' ich dich nicht zu lehren. Aber doch, +Es scheint, von Zeit zu Zeit bedarf der Weise +So sehr wie andre, dass man ihm die Gueter, +Die er besitzt, im rechten Lichte zeige. +Du, edler Mann, du wirst an ein Phantom +Von Gunst und Ehre keinen Anspruch machen. +Der Dienst, mit dem du deinem Fuersten dich, +Mit dem du deine Freunde dir verbindest, +Ist wirkend, ist lebendig, und so muss +Der Lohn auch wirklich und lebendig sein. +Dein Lorbeer ist das fuerstliche Vertraun, +Das auf den Schultern dir, als liebe Last, +Gehaeuft und leicht getragen ruht; es ist +Dein Ruhm das allgemeine Zutraun. + +Antonio. +Und von der Gunst der Frauen sagst du nichts: +Die willst du mir doch nicht entbehrlich schildern? + +Leonore. +Wie man es nimmt. Denn du entbehrst sie nicht, +Und leichter waere sie dir zu entbehren, +Als sie es jenem guten Mann nicht ist. +Denn sag': Gelaeng' es einer Frau, wenn sie +Nach ihrer Art fuer dich zu sorgen daechte, +Mit dir sich zu beschaeft'gen unternaehme? +Bei dir ist alles Ordnung, Sicherheit; +Du sorgst fuer dich, wie du fuer andre sorgst, +Du hast, was man dir geben moechte. Jener +Beschaeftigt uns in unserm eignen Fache: +Ihm fehlt's an tausend Kleinigkeiten, die +Zu schaffen eine Frau sich gern bemueht. +Das schoenste Leinenzeug, ein seiden Kleid +Mit etwas Stickerei, das traegt er gern. +Er sieht sich gern geputzt, vielmehr, er kann +Unedlen Stoff, der nur den Knecht bezeichnet, +An seinem Leib nicht dulden, alles soll +Ihm fein und gut und schoen und edel stehn. +Und dennoch hat er kein Geschick, das alles +Sich anzuschaffen, wenn er es besitzt, +Sich zu erhalten: Immer fehlt es ihm +An Geld, an Sorgsamkeit. Bald laesst er da +Ein Stueck, bald eines dort. Er kehret nie +Von einer Reise wieder, dass ihm nicht +Ein Drittteil seiner Sachen fehle. Bald +Bestiehlt ihn der Bediente. So, Antonio, +Hat man fuer ihn das ganze Jahr zu sorgen. + +Antonio. +Und diese Sorge macht ihn lieb und lieber. +Gluecksel'ger Juengling, dem man seine Maengel +Zur Tugend rechnet, dem so schoen vergoennt ist, +Den Knaben noch als Mann zu spielen, der +Sich seiner holden Schwaeche ruehmen darf! +Du muesstest mir verzeihen, schoene Freundin, +Wenn ich auch hier ein wenig bitter wuerde. +Du sagst nicht alles, sagst nicht was er wagt, +Und dass er klueger ist, als wie man denkt. +Er ruehmt sich zweier Flammen! Knuepft und loest +Die Knoten hin und wieder und gewinnt +Mit solchen Kuensten solche Herzen! Ist's +Zu glauben? + +Leonore. + Gut! Selbst das beweist ja schon, +Dass es nur Freundschaft ist, was uns belebt; +Und wenn wir denn auch Lieb' um Liebe tauschten, +Belohnten wir das schoene Herz nicht billig, +Das ganz sich selbst vergisst und hingegeben +Im holden Traum fuer seine Freunde lebt? + +Antonio. +Verwoehnt ihn nur und immer mehr und mehr, +Lasst seine Selbstigkeit fuer Liebe gelten, +Beleidigt alle Freunde, die sich euch +Mit treuer Seele widmen, gebt dem Stolzen +Freiwilligen Tribut, zerstoeret ganz +Den schoenen Kreis geselligen Vertrauns! + +Leonore. +Wir sind nicht so parteiisch wie du glaubst, +Ermahnen unsern Freund in manchen Faellen; +Wir wuenschen ihn zu bilden, dass er mehr +Sich selbst geniesse, mehr sich zu geniessen +Den andern geben koenne. Was an ihm +Zu tadeln ist, das bleibt uns nicht verborgen. + +Antonio. +Doch lobt ihr vieles, was zu tadeln waere. +Ich kenn' ihn lang, er ist so leicht zu kennen, +Und ist zu stolz sich zu verbergen. Bald +Versinkt er in sich selbst, als waere ganz +Die Welt in seinem Busen, er sich ganz +In seiner Welt genug, und alles rings +Umher verschwindet ihm. Er laesst es gehn, +Laesst's fallen, stoesst's hinweg und ruht in sich-- +Auf einmal, wie ein unbemerkter Funke +Die Mine zuendet, sei es Freude, Leid, +Zorn oder Grille, heftig bricht er aus: +Dann will er alles fassen, alles halten; +Dann soll geschehn, was er sich denken mag; +In einem Augenblicke soll entstehn, +Was jahrelang bereitet werden sollte, +In einem Augenblick gehoben sein, +Was Muehe kaum in Jahren loesen koennte. +Er fordert das Unmoegliche von sich, +Damit er es von andern fordern duerfe. +Die letzten Enden aller Dinge will +Sein Geist zusammenfassen; das gelingt +Kaum einem unter Millionen Menschen, +Und er ist nicht der Mann: Er faellt zuletzt, +Um nichts gebessert, in sich selbst zurueck. + +Leonore. +Er schadet andern nicht, er schadet sich. + +Antonio. +Und doch verletzt er andre nur zu sehr. +Kannst du es leugnen, dass im Augenblick +Der Leidenschaft, die ihn behend ergreift, +Er auf den Fuersten, auf die Fuerstin selbst, +Auf wen es sei, zu schmaehn, zu laestern wagt? +Zwar augenblicklich nur; allein genug, +Der Augenblick kommt wieder: Er beherrscht +So wenig seinen Mund als seine Brust. + +Leonore. +Ich sollte denken, wenn er sich von hier +Auf eine kurze Zeit entfernte, sollt' +Es wohl fuer ihn und andre nuetzlich sein. + +Antonio. +Vielleicht, vielleicht auch nicht. Doch eben jetzt +Ist nicht daran zu denken; denn ich will +Den Fehler nicht auf meine Schultern laden; +Es koennte scheinen, dass ich ihn vertreibe, +Und ich vertreib' ihn nicht. Um meinetwillen +Kann er an unserm Hofe ruhig bleiben; +Und wenn er sich mit mir versoehnen will, +Und wenn er meinen Rat befolgen kann, +So werden wir ganz leidlich leben koennen. + +Leonore. +Nun hoffst du selbst, auf ein Gemuet zu wirken, +Das dir vor kurzem noch verloren schien. + +Antonio. +Wir hoffen immer, und in allen Dingen +Ist besser hoffen als verzweifeln. Denn +Wer kann das moegliche berechnen? Er +Ist unserm Fuersten wert. Er muss uns bleiben. +Und bilden wir dann auch umsonst an ihm, +So ist er nicht der einz'ge, den wir dulden. + +Leonore. +So ohne Leidenschaft, so unparteiisch +Glaubt' ich dich nicht. Du hast dich schnell bekehrt. + +Antonio. +Das Alter muss doch Einen Vorzug haben, +Dass, wenn es auch dem Irrtum nicht entgeht, +Es doch sich auf der Stelle fassen kann. +Du warst, mich deinem Freunde zu versoehnen, +Zuerst bemueht. Nun bitt' ich es von dir. +Tu' was du kannst, dass dieser Mann sich finde, +Und alles wieder bald im Gleichen sei. +Ich gehe selbst zu ihm, so bald ich nur +Von dir erfahre, dass er ruhig ist, +Sobald du glaubst, dass meine Gegenwart +Das Uebel nicht vermehrt. Doch, was du tust, +Das tu' in dieser Stunde; denn es geht +Alphons heut' Abend noch zurueck, und ich +Werd' ihn begleiten. Leb' indessen wohl. + + + +Fuenfter Auftritt +Leonore (allein). + +Fuer diesmal, lieber Freund, sind wir nicht eins: +Mein Vorteil und der deine gehen heut +Nicht Hand in Hand. Ich nuetze diese Zeit +Und suche Tasso zu gewinnen. Schnell! + + + + +Vierter Aufzug +(Zimmer.) + + + +Erster Auftritt + +Tasso (allein). +Bist du aus einem Traum erwacht, und hat +Der schoene Trug auf einmal dich verlassen? +Hat dich nach einem Tag der hoechsten Lust +Ein Schlaf gebaendigt, haelt und aengstet nun +Mit schweren Fesseln deine Seele? Ja, +Du wachst und traeumst. Wo sind die Stunden hin, +Die um dein Haupt mit Blumenkraenzen spielten? +Die Tage, wo dein Geist mit freier Sehnsucht +Des Himmels ausgespanntes Blau durchdrang? +Und dennoch lebst du noch, und fuehlst dich an, +Du fuehlst dich an, und weisst nicht, ob du lebst. +Ist's meine Schuld, ist's eines andern Schuld, +Dass ich mich nun als schuldig hier befinde? +Hab' ich verbrochen, dass ich leiden soll? +Ist nicht mein ganzer Fehler ein Verdienst? +Ich sah ihn an, und ward vom guten Willen, +Vom Hoffnungswahn des Herzens uebereilt: +Der sei ein Mensch, der menschlich Ansehn traegt. +Ich ging mit offnen Armen auf ihn los +Und fuehlte Schloss und Riegel, keine Brust. +O hatt' ich doch so klug mir ausgedacht, +Wie ich den Mann empfangen wollte, der +Von alten Zeiten mir verdaechtig war! +Allein was immer dir begegnet sei, +So halte dich an der Gewissheit fest: +Ich habe sie gesehn! Sie stand vor mir! +Sie sprach zu mir, ich habe sie vernommen! +Der Blick, der Ton, der Worte holder Sinn, +Sie sind auf ewig mein, es raubt sie nicht +Die Zeit, das Schicksal, noch das wilde Glueck! +Und hob mein Geist sich da zu schnell empor +Und liess ich allzu rasch in meinem Busen +Der Flamme Luft, die mich nun selbst verzehrt, +So kann mich's nicht gereun, und waere selbst +Auf ewig das Geschick des Lebens hin. +Ich widmete mich ihr und folgte froh +Dem Winke, der mich ins Verderben rief. +Es sei! So hab' ich mich doch wert gezeigt +Des koestlichen Vertrauns, das mich erquickt, +In dieser Stunde selbst erquickt, die mir +Die schwarze Pforte langer Trauerzeit +Gewaltsam oeffnet.--Ja, nun ist's getan! +Es geht die Sonne mir der schoensten Gunst +Auf einmal unter; seinen holden Blick +Entziehet mir der Fuerst, und laesst mich hier +Auf duestrem, schmalen Pfad verloren stehn. +Das haessliche zweideutige Gefluegel, +Das leidige Gefolg' der alten Nacht, +Es schwaermt hervor und schwirrt mir um das Haupt. +Wohin, wohin beweg' ich meinen Schritt, +Dem Ekel zu entfliehn, der mich umsaust, +Dem Abgrund zu entgehn, der vor mir liegt? + + + +Zweiter Auftritt +Leonore. Tasso. + +Leonore. +Was ist begegnet? Lieber Tasso, hat +Dein Eifer dich, dein Argwohn so getrieben? +Wie ist's geschehn? Wir alle stehn bestuerzt. +Und deine Sanftmut, dein gefaellig Wesen, +Dein schneller Blick, dein richtiger Verstand, +Mit dem du jedem gibst was ihm gehoert, +Dein Gleichmut, der ertraegt, was zu ertragen +Der Edle bald, der Eitle selten lernt, +Die kluge Herrschaft ueber Zung' und Lippe-- +Mein teurer Freund, fast ganz verkenn' ich dich. + +Tasso. +Und wenn das alles nun verloren waere? +Wenn einen Freund, den du einst reich geglaubt, +Auf einmal du als einen Bettler faendest? +Wohl hast du Recht, ich bin nicht mehr ich selbst, +Und bin's doch noch so gut, als wie ich's war. +Es scheint ein Raetsel, und doch ist es keins. +Der stille Mond, der dich bei Nacht erfreut, +Dein Auge, dein Gemuet mit seinem Schein +Unwiderstehlich lockt, er schwebt am Tage +Ein unbedeutend blasses Woelkchen hin. +Ich bin vom Glanz des Tages ueberschienen, +Ihr kennet mich, ich kenne mich nicht mehr. + +Leonore. +Was du mir sagst, mein Freund, versteh' ich nicht, +Wie du es sagst. Erklaere dich mit mir. +Hat die Beleidigung des schroffen Manns +Dich so gekraenkt, dass du dich selbst und uns +So ganz verkennen magst? Vertraue mir. + +Tasso. +Ich bin nicht der Beleidigte, du siehst +Mich ja bestraft, weil ich beleidigt habe. +Die Knoten vieler Worte loest das Schwert +Gar leicht und schnell, allein ich bin gefangen. +Du weisst wohl kaum--erschrick nicht, zarte Freundin-- +Du triffst den Freund in einem Kerker an. +Mich zuechtiget der Fuerst wie einen Schueler. +Ich will mit ihm nicht rechten, kann es nicht. + +Leonore. +Du scheinest mehr, als billig ist, bewegt. + +Tasso. +Haeltst du mich fuer so schwach, fuer so ein Kind, +Dass solch ein Fall mich gleich zerruetten koenne? +Das was geschehn ist, kraenkt mich nicht so tief, +Allein das kraenkt mich, was es mir bedeutet. +Lass meine Neider meine Feinde nur +Gewaehren! Frei und offen ist das Feld. + +Leonore. +Du hast gar manchen faelschlich in Verdacht,-- +Ich habe selbst mich ueberzeugen koennen-- +Und auch Antonio feindet dich nicht an, +Wie du es waehnst. Der heutige Verdruss-- + +Tasso. +Den lass' ich ganz bei Seite, nehme nur +Antonio, wie er war, und wie er bleibt. +Verdriesslich fiel mir stets die steife Klugheit, +Und dass er immer nur den Meister spielt. +Anstatt zu forschen, ob des Hoerers Geist +Nicht schon fuer sich auf guten Spuren wandle, +Belehrt er dich von manchem, das du besser +Und tiefer fuehltest, und vernimmt kein Wort, +Das du ihm sagst, und wird dich stets verkennen. +Verkannt zu sein, verkannt von einem Stolzen, +Der laechelnd dich zu uebersehen glaubt! +Ich bin so alt noch nicht und nicht so klug, +Dass ich nur duldend gegenlaecheln sollte. +Frueh oder spaet, es konnte sich nicht halten, +Wir mussten brechen; spaeter waer' es nur +Um desto schlimmer worden. Einen Herrn +Erkenn' ich nur, den Herrn der mich ernaehrt, +Dem folg' ich gern, sonst will ich keinen Meister. +Frei will ich sein im Denken und im Dichten: +Im Handeln schraenkt die Welt genug uns ein. + +Leonore. +Er spricht mit Achtung oft genug von dir. + +Tasso. +Mit Schonung willst du sagen, fein und klug. +Und das verdriesst mich eben; denn er weiss +So glatt und so bedingt zu sprechen, dass +Sein Lob erst recht zum Tadel wird, und dass +Nichts mehr, nichts tiefer dich verletzt als Lob +Aus seinem Munde. + +Leonore. + Moechtest du, mein Freund, +Vernommen haben, wie er sonst von dir +Und dem Talente sprach, das dir vor vielen +Die guetige Natur verlieh. Er fuehlt gewiss +Das, was du bist und hast, und schaetzt es auch. + +Tasso. +O glaube mir, ein selbstisches Gemuet +Kann nicht der Qual des engen Neids entfliehen. +Ein solcher Mann verzeiht dem andern wohl +Vermoegen, Stand und Ehre; denn er denkt: +Das hast du selbst, das hast du, wenn du willst, +Wenn du beharrst, wenn dich das Glueck beguenstigt. +Doch das, was die Natur allein verleiht, +Was jeglicher Bemuehung, jedem Streben +Stets unerreichbar bleibt, was weder Gold, +Noch Schwert, noch Klugheit, noch Beharrlichkeit +Erzwingen kann, das wird er nie verzeihn. +Er goennt es mir? Er, der mit steifem Sinn +Die Gunst der Musen zu ertrotzen glaubt? +Der, wenn er die Gedanken mancher Dichter +Zusammenreiht, sich selbst ein Dichter scheint? +Weit eher goennt er mir des Fuersten Gunst, +Die er doch gern auf sich beschraenken moechte, +Als das Talent, das jene Himmlischen +Dem armen, dem verwaisten Juengling gaben. + +Leonore. +O saehest du so klar, wie ich es sehe! +Du irrst dich ueber ihn: So ist er nicht. + +Tasso. +Und irr' ich mich an ihm, so irr' ich gern! +Ich denk' ihn mir als meinen aergsten Feind +Und waer' untroestlich, wenn ich mir ihn nun +Gelinder denken muesste. Toericht ist's, +In allen Stuecken billig sein; es heisst +Sein eigen Selbst zerstoeren. Sind die Menschen +Denn gegen uns so billig? Nein, o nein! +Der Mensch bedarf in seinem engen Wesen +Der doppelten Empfindung, Lieb' und Hass. +Bedarf er nicht der Nacht als wie des Tags? +Des Schlafens wie des Wachens? Nein, ich muss +Von nun an diesen Mann als Gegenstand +Von meinem tiefsten Hass behalten; nichts +Kann mir die Lust entreissen, schlimm und schlimmer +Von ihm zu denken. + +Leonore. + Willst du, teurer Freund, +Von deinem Sinn nicht lassen, seh' ich kaum, +Wie du am Hofe laenger bleiben willst. +Du weisst, wie viel er gilt und gelten muss. + +Tasso. +Wie sehr ich laengst, o schoene Freundinn, hier +Schon ueberfluessig bin, das weiss ich wohl. + +Leonore. +Das bist du nicht, das kannst du nimmer werden! +Du weisst vielmehr, wie gern der Fuerst mit dir, +Wie gern die Fuerstin mit dir lebt; und kommt +Die Schwester von Urbino, kommt sie fast +So sehr um deint- als der Geschwister willen. +Sie denken alle gut und gleich von dir, +Und jegliches vertraut dir unbedingt. + +Tasso. +O Leonore, welch Vertraun ist das? +Hat er von seinem Staate je ein Wort, +Ein ernstes Wort mit mir gesprochen? Kam +Ein eigner Fall, worueber er sogar +In meiner Gegenwart mit seiner Schwester, +Mit andern sich beriet, mich fragt' er nie. +Da hiess es immer nur: Antonio kommt! +Man muss Antonio schreiben! Fragt Antonio! + +Leonore. +Du klagst, anstatt zu danken. Wenn er dich +In unbedingter Freiheit lassen mag, +So ehrt er dich, wie er dich ehren kann. + +Tasso. +Er laesst mich ruhn, weil er mich unnuetz glaubt. + +Leonore. +Du bist nicht unnuetz, eben weil du ruhst. +So lange hegst du schon Verdruss und Sorge, +Wie ein geliebtes Kind an deiner Brust. +Ich hab' es oft bedacht, und mag's bedenken +Wie ich es will: Auf diesem schoenen Boden, +Wohin das Glueck dich zu verpflanzen schien, +Gedeihst du nicht. O Tasso!--Rat' ich dir's? +Sprech' ich es aus?--Du solltest dich entfernen! + +Tasso. +Verschone nicht den Kranken, lieber Arzt! +Reich' ihm das Mittel, denke nicht daran, +Ob's bitter sei.--Ob er genesen koenne, +Das ueberlege wohl, o kluge, gute Freundin! +Ich seh' es alles selbst, es ist vorbei! +Ich kann ihm wohl verzeihen, er nicht mir; +Und sein bedarf man, leider meiner nicht. +Und er ist klug, und leider bin ich's nicht. +Er wirkt zu meinem Schaden, und ich kann, +Ich mag nicht gegen wirken. Meine Freunde, +Sie lassen's gehn, sie sehen's anders an. +Sie widerstreben kaum und sollten kaempfen. +Du glaubst, ich soll hinweg; ich glaub' es selbst-- +So lebt denn wohl! Ich werd' auch das ertragen. +Ihr seid von mir geschieden--werd' auch mir, +Von euch zu scheiden, Kraft und Mut verliehn! + +Leonore. +Auch in der Ferne zeigt sich alles reiner, +Was in der Gegenwart uns nur verwirrt. +Vielleicht wirst du erkennen, welche Liebe +Dich ueberall umgab, und welchen Wert +Die Treue wahrer Freunde hat, und wie +Die weite Welt die Naechsten nicht ersetzt. + +Tasso. +Das werden wir erfahren! Kenn' ich doch +Die Welt von Jugend auf, wie sie so leicht +Uns hilflos, einsam laesst, und ihren Weg +Wie Sonn' und Mond und andre Goetter geht. + +Leonore. +Vernimmst du mich, mein Freund, so sollst du nie +Die traurige Erfahrung wiederholen. +Soll ich dir raten, so begibst du dich +Erst nach Florenz, und eine Freundin wird +Gar freundlich fuer dich sorgen. Sei getrost, +Ich bin es selbst. Ich reise, den Gemahl +Die naechsten Tage dort zu finden, kann +Nichts freudiger fuer ihn und mich bereiten, +Als wenn ich dich in unsre Mitte bringe. +Ich sage dir kein Wort, du weisst es selbst, +Welch einem Fuersten du dich nahen wirst, +Und welche Maenner diese schoene Stadt +In ihrem Busen hegt, und welche Frauen.-- +Du schweigst? Bedenk' es wohl! Entschliesse dich. + +Tasso. +Gar reizend ist, was du mir sagst, so ganz +Dem Wunsch gemaess, den ich im stillen naehre; +Allein es ist zu neu: Ich bitte dich, +Lass mich bedenken! Ich beschliesse bald. + +Leonore. +Ich gehe mit der schoensten Hoffnung weg +Fuer dich und uns und auch fuer dieses Haus. +Bedenke nur, und wenn du recht bedenkst, +So wirst du schwerlich etwas Bessers denken. + +Tasso. +Noch eins, geliebte Freundin! Sage mir, +Wie ist die Fuerstin gegen mich gesinnt? +War sie erzuernt auf mich? Was sagte sie?-- +Sie hat mich sehr getadelt? Rede frei. + +Leonore. +Da sie dich kennt, hat sie dich leicht entschuldigt. + +Tasso. +Hab' ich bei ihr verloren? Schmeichle nicht. + +Leonore. +Der Frauen Gunst wird nicht so leicht verscherzt. + +Tasso. +Wird sie mich gern entlassen, wenn ich gehe? + +Leonore. +Wenn es zu deinem Wohl gereicht, gewiss. + +Tasso. +Werd' ich des Fuersten Gnade nicht verlieren? + +Leonore. +In seiner Grossmut kannst du sicher ruhn. + +Tasso. +Und lassen wir die Fuerstin ganz allein? +Du gehst hinweg; und wenn ich wenig bin, +So weiss ich doch, dass ich ihr etwas war. + +Leonore. +Gar freundliche Gesellschaft leistet uns +Ein ferner Freund, wenn wir ihn gluecklich wissen. +Und es gelingt: Ich sehe dich beglueckt, +Du wirst von hier nicht unzufrieden gehn. +Der Fuerst befahl's: Antonio sucht dich auf. +Er tadelt selbst an sich die Bitterkeit, +Womit er dich verletzt. Ich bitte dich, +Nimm ihn gelassen auf, so wie er kommt. + +Tasso. +Ich darf in jedem Sinne vor ihm stehn. + +Leonore. +Und schenke mir der Himmel, lieber Freund, +Noch eh' du scheidest, dir das Aug' zu oeffnen: +Dass niemand dich im ganzen Vaterlande +Verfolgt und hasst, und heimlich druckt und neckt! +Du irrst gewiss, und wie du sonst zur Freude +Von andern dichtest, leider dichtest du +In diesem Fall ein seltenes Gewebe, +Dich selbst zu kraenken. Alles will ich tun, +Um es entzwei zu reissen, dass du frei +Den schoenen Weg des Lebens wandeln moegest. +Leb' wohl! Ich hoffe bald ein gluecklich Wort. + + + +Dritter Auftritt +Tasso (allein). + + Ich soll erkennen, dass mich niemand hasst, +Dass niemand mich verfolgt, dass alle List +Und alles heimliche Gewebe sich +Allein in meinem Kopfe spinnt und webt! +Bekennen soll ich, dass ich Unrecht habe, +Und manchem unrecht tue, der es nicht +Um mich verdient! Und das in einer Stunde, +Da vor dem Angesicht der Sonne klar +Mein volles Recht, wie ihre Tuecke, liegt! +Ich soll es tief empfinden, wie der Fuerst +Mit offner Brust mir seine Gunst gewaehrt, +Mit reichem Mass die Gaben mir erteilt, +Im Augenblicke, da er, schwach genug, +Von meinen Feinden sich das Auge trueben +Und seine Hand gewiss auch fesseln laesst! + + Dass er betrogen ist, kann er nicht sehen; +Dass sie Betrueger sind, kann ich nicht zeigen; +Und nur damit er ruhig sich betruege, +Dass sie gemaechlich ihn betruegen koennen, +Soll ich mich stille halten, weichen gar! + + Und wer gibt mir den Rat? Wer dringt so klug +Mit treuer, lieber Meinung auf mich ein? +Lenore selbst, Lenore Sanvitale, +Die zarte Freundin! Ha, dich kenn' ich nun! +O warum traut' ich ihrer Lippe je! +Sie war nicht redlich, wenn sie noch so sehr +Mir ihre Gunst, mir ihre Zaertlichkeit +Mit suessen Worten zeigte! Nein, sie war +Und bleibt ein listig Herz, sie wendet sich +Mit leisen klugen Tritten nach der Gunst. + + Wie oft hab' ich mich willig selbst betrogen, +Auch ueber sie! Und doch im Grunde hat +Mich nur--die Eitelkeit betrogen. Wohl! +Ich kannte sie, und schmeichelte mir selbst. +So ist sie gegen andre, sagt' ich mir, +Doch gegen dich ist's offne treue Meinung. +Nun seh' ich's wohl, und seh' es nur zu spaet: +Ich war beguenstigt, und sie schmiegte sich +So zart--an den Beglueckten. Nun ich falle, +Sie wendet mir den Ruecken wie das Glueck. + + Nun kommt sie als ein Werkzeug meines Feindes, +Sie schleicht heran und zischt mit glatter Zunge, +Die kleine Schlange, zauberische Toene. +Wie lieblich schien sie! Lieblicher als je! +Wie wohl tat von der Lippe jedes Wort! +Doch konnte mir die Schmeichelei nicht lang +Den falschen Sinn verbergen: An der Stirne +Schien ihr das Gegenteil zu klar geschrieben +Von allem, was sie sprach. Ich fuehl' es leicht, +Wenn man den Weg zu meinem Herzen sucht +Und es nicht herzlich meint. Ich soll hinweg? +Soll nach Florenz, sobald ich immer kann? + + Und warum nach Florenz? Ich seh' es wohl. +Dort herrscht der Mediceer neues Haus, +Zwar nicht in offner Feindschaft mit Ferrara, +Doch haelt der stille Neid mit kalter Hand +Die edelsten Gemueter aus einander. +Empfang' ich dort von jenen edlen Fuersten +Erhabne Zeichen ihrer Gunst, wie ich +Gewiss erwarten duerfte, wuerde bald +Der Hoefling meine Treu' und Dankbarkeit +Verdaechtig machen. Leicht gelaeng' es ihm. + + Ja, ich will weg, allein nicht, wie ihr wollt; +Ich will hinweg, und weiter als ihr denkt. + + Was soll ich hier? Wer haelt mich hier zurueck? +O, ich verstund ein jedes Wort zu gut, +Das ich Lenoren von den Lippen lockte! +Von Silb' zu Silbe nur erhascht' ich's kaum, +Und weiss nun ganz wie die Prinzessin denkt-- +Ja, ja, auch das ist wahr, verzweifle nicht! +"Sie wird mich gern entlassen, wenn ich gehe, +Da es zu meinem Wohl gereicht." O! Fuehlte +Sie eine Leidenschaft im Herzen, die mein Wohl +Und mich zugrunde richtete! Willkommner +Ergriffe mich der Tod, als diese Hand, +Die kalt und starr mich von sich laesst.--Ich gehe!-- +Nun huete dich und lass dich keinen Schein +Von Freundschaft oder Guete taeuschen! Niemand +Betruegt dich nun, wenn du dich nicht betruegst. + + + +Vierter Auftritt +Antonio. Tasso. + +Antonio. +Hier bin ich, Tasso, dir ein Wort zu sagen, +Wenn du mich ruhig hoeren magst und kannst. + +Tasso. +Das Handeln, weisst du, bleibt mir untersagt; +Es ziemt mir wohl, zu warten und zu hoeren. + +Antonio. +Ich treffe dich gelassen, wie ich wuenschte, +Und spreche gern zu dir aus freier Brust. +Zuvoerderst loes' ich in des Fuersten Namen +Das schwache Band, das dich zu fesseln schien. + +Tasso. +Die Willkuer macht mich frei, wie sie mich band; +Ich nehm' es an und fordre kein Gericht. + +Antonio. +Dann sag' ich dir von mir: Ich habe dich +Mit Worten, scheint es, tief und mehr gekraenkt, +Als ich, von mancher Leidenschaft bewegt, +Es selbst empfand. Allein kein schimpflich Wort +Ist meinen Lippen unbedacht entflohen: +Zu raechen hast du nichts als Edelmann, +Und wirst als Mensch Vergebung nicht versagen. + +Tasso. +Was haerter treffe, Kraenkung oder Schimpf, +Will ich nicht untersuchen: Jene dringt +Ins tiefe Mark, und dieser reizt die Haut. +Der Pfeil des Schimpfs kehrt auf den Mann zurueck, +Der zu verwunden glaubt; die Meinung andrer +Befriedigt leicht das wohl gefuehrte Schwert-- +Doch ein gekraenktes Herz erholt sich schwer. + +Antonio. +Jetzt ist's an mir, dass ich dir dringend sage: +Tritt nicht zurueck, erfuelle meinen Wunsch, +Den Wunsch des Fuersten, der mich zu dir sendet. + +Tasso. +Ich kenne meine Pflicht und gebe nach. +Es sei verziehn, sofern es moeglich ist! +Die Dichter sagen uns von einem Speer, +Der eine Wunde, die er selbst geschlagen, +Durch freundliche Beruehrung heilen konnte. +Es hat des Menschen Zunge diese Kraft; +Ich will ihr nicht gehaessig widerstehn. + +Antonio. +Ich danke dir und wuensche, dass du mich +Und meinen Willen, dir zu dienen, gleich +Vertraulich pruefen moegest. Sage mir, +Kann ich dir nuetzlich sein? Ich zeig' es gern. + +Tasso. +Du bietest an was ich nur wuenschen konnte. +Du brachtest mir die Freiheit wieder; nun +Verschaffe mir, ich bitte, den Gebrauch. + +Antonio. +Was kannst du meinen? Sag' es deutlich an. + +Tasso. +Du weisst, geendet hab' ich mein Gedicht; +Es fehlt noch viel, dass es vollendet waere. +Heut ueberreicht' ich es dem Fuersten, hoffte +Zugleich ihm eine Bitte vorzutragen. +Gar viele meiner Freunde find' ich jetzt +In Rom versammelt; einzeln haben sie +Mir ueber manche Stellen ihre Meinung +In Briefen schon eroeffnet; vieles hab' ich +Benutzen koennen, manches scheint mir noch +Zu ueberlegen, und verschiedne Stellen +Moecht' ich nicht gern veraendern, wenn man mich +Nicht mehr, als es geschehn ist, ueberzeugt. +Das alles wird durch Briefe nicht getan: +Die Gegenwart loest diese Knoten bald. +So dacht' ich heut den Fuersten selbst zu bitten: +Ich fand nicht Raum; nun darf ich es nicht wagen +Und hoffe diesen Urlaub nun durch dich. + +Antonio. +Mir scheint nicht raetlich, dass du dich entfernst +In dem Moment, da dein vollendet Werk +Dem Fuersten und der Fuerstin dich empfiehlt. +Ein Tag der Gunst ist wie ein Tag der Ernte: +Man muss geschaeftig sein, sobald sie reift. +Entfernst du dich, so wirst du nichts gewinnen, +Vielleicht verlieren, was du schon gewannst. +Die Gegenwart ist eine maecht'ge Goettin: +Lern' ihren Einfluss kennen, bleibe hier! + +Tasso. +Zu fuerchten hab' ich nichts: Alphons ist edel, +Stets hat er gegen mich sich gross gezeigt; +Und was ich hoffe, will ich seinem Herzen +Allein verdanken, keine Gnade mir +Erschleichen; nichts will ich von ihm empfangen, +Was ihn gereuen koennte, dass er's gab. + +Antonio. +So fordre nicht von ihm, dass er dich jetzt +Entlassen soll; er wird es ungern tun, +Und ich befuerchte fast: Er tut es nicht. + +Tasso. +Er wird es gern, wenn recht gebeten wird, +Und du vermagst es wohl, sobald du willst. + +Antonio. +Doch welche Gruende, sag' mir, leg' ich vor? + +Tasso. +Lass mein Gedicht aus jeder Stanze sprechen! +Was ich gewollt ist, loeblich, wenn das Ziel +Auch meinen Kraeften unerreichbar blieb. +An Fleiss und Muehe hat es nicht gefehlt. +Der heitre Wandel mancher schoenen Tage, +Der stille Raum so mancher tiefen Naechte, +War einzig diesem frommen Lied geweiht. +Bescheiden hofft' ich, jenen grossen Meistern +Der Vorwelt mich zu nahen, kuehn gesinnt, +Zu edlen Taten unsern Zeitgenossen +Aus einem langen Schlaf zu rufen, dann +Vielleicht mit einem edlen Christenheere +Gefahr und Ruhm des heil'gen Kriegs zu teilen. +Und soll mein Lied die besten Maenner wecken, +So muss es auch der besten wuerdig sein. +Alphons bin ich schuldig, was ich tat; +Nun moecht' ich ihm auch die Vollendung danken. + +Antonio. +Und eben dieser Fuerst ist hier, mit andern, +Die dich so gut als Roemer leiten koennen. +Vollende hier dein Werk, hier ist der Platz, +Und um zu wirken, eile dann nach Rom. + +Tasso. +Alphons hat mich zuerst begeistert, wird +Gewiss der letzte sein, der mich belehrt, +Und deinen Rat, den Rat der klugen Maenner, +Die unser Hof versammelt, schaetz' ich hoch. +Ihr sollt entscheiden, wenn mich ja zu Rom +Die Freunde nicht vollkommen ueberzeugen. +Doch diese muss ich sehn. Gonzaga hat +Mir ein Gericht versammelt, dem ich erst +Mich stellen muss. Ich kann es kaum erwarten. +Flaminio de' Nobili, Angelio +Da Barga, Antoniano und Speron Speroni! +Du wirst sie kennen.--Welche Namen sind's! +Vertraun und Sorge floessen sie zugleich +In meinen Geist, der gern sich unterwirft. + +Antonio. +Du denkst nur dich und denkst den Fuersten nicht. +Ich sage dir, er wird dich nicht entlassen, +Und wenn er's tut, entlaesst er dich nicht gern. +Du willst ja nicht verlangen, was er dir +Nicht gern gewaehren mag. Und soll ich hier +Vermitteln, was ich selbst nicht loben kann? + +Tasso. +Versagst du mir den ersten Dienst, wenn ich +Die angebotne Freundschaft pruefen will? + +Antonio. +Die wahre Freundschaft zeigt sich im Versagen +Zur rechten Zeit, und es gewaehrt die Liebe +Gar oft ein schaedlich Gut, wenn sie den Willen +Des Fordernden mehr als sein Glueck bedenkt. +Du scheinest mir in diesem Augenblick +Fuer gut zu halten, was du eifrig wuenschest, +Und willst im Augenblick, was du begehrst. +Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende, +Was ihm an Wahrheit und an Kraeften fehlt. +Es fordert meine Pflicht, so viel ich kann +Die Hast zu maess'gen, die dich uebel treibt. + +Tasso. +Schon lange kenn' ich diese Tyrannei +Der Freundschaft, die von allen Tyranneien +Die unertraeglichste mir scheint. Du denkst +Nur anders, und du glaubst deswegen +Schon recht zu denken. Gern erkenn' ich an: +Du willst mein Wohl; allein verlange nicht, +Dass ich auf deinem Weg es finden soll. + +Antonio. +Und soll ich dir sogleich mit kaltem Blut, +Mit voller, klarer Ueberzeugung schaden? + +Tasso. +Von dieser Sorge will ich dich befrein! +Du haeltst mich nicht mit diesen Worten ab. +Du hast mich frei erklaert, und diese Tuere +Steht mir nun offen, die zum Fuersten fuehrt. +Ich lasse dir die Wahl: Du oder ich! +Der Fuerst geht fort. Hier ist kein Augenblick +Zu harren. Waehle schnell! Wenn du nicht gehst, +So geh' ich selbst, und werd' es, wie es will. + +Antonio. +Lass mich nur wenig Zeit von dir erlangen +Und warte nur des Fuersten Rueckkehr ab! +Nur heute nicht! + +Tasso. +Nein, diese Stunde noch, +Wenn's moeglich ist! Es brennen mir die Sohlen +Auf diesem Marmorboden; eher kann +Mein Geist nicht Ruhe finden, bis der Staub +Des freien Wegs mich Eilenden umgibt. +Ich bitte dich! Du siehst, wie ungeschickt +In diesem Augenblick ich sei, mit meinem Herrn +Zu reden; siehst--wie kann ich das verbergen-- +Dass ich mir selbst in diesem Augenblick, +Mir keine Macht der Welt gebieten kann. +Nur Fesseln sind es, die mich halten koennen! +Alphons ist kein Tyrann, er sprach mich frei. +Wie gern gehorcht' ich seinen Worten sonst! +Heut kann ich nicht gehorchen. Heute nur +Lasst mich in Freiheit, dass mein Geist sich finde! +Ich kehre bald zu meiner Pflicht zurueck. + +Antonio. +Du machst mich zweifelhaft. Was soll ich tun? +Ich merke wohl: Es steckt der Irrtum an. + +Tasso. +Soll ich dir glauben, denkst du gut fuer mich, +So wirke was ich wuensche, was du kannst. +Der Fuerst entlaesst mich dann, und ich verliere +Nicht seine Gnade, seine Hilfe nicht. +Das dank' ich dir, und will dir's gern verdanken; +Doch hegst du einen alten Groll im Busen, +Willst du von diesem Hofe mich verbannen, +Willst du auf ewig mein Geschick verkehren, +Mich hilflos in die weite Welt vertreiben, +So bleib auf deinem Sinn und widersteh! + +Antonio. +Weil ich dir doch, o Tasso, schaden soll, +So waehl' ich denn den Weg, den du erwaehlst. +Der Ausgang mag entscheiden, wer sich irrt! +Du willst hinweg! Ich sag' es dir zuvor: +Du wendest diesem Hause kaum den Ruecken, +So wird dein Herz zurueck verlangen, wird +Dein Eigensinn dich vorwaerts treiben; Schmerz, +Verwirrung, Truebsinn harrt in Rom auf dich, +Und du verfehlest hier und dort den Zweck. +Doch sag' ich dies nicht mehr, um dir zu raten; +Ich sage nur voraus, was bald geschieht, +Und lade dich auch schon im voraus ein, +Mir in dem schlimmsten Falle zu vertraun. +Ich spreche nun den Fuersten, wie du's forderst. + + + +Fuenfter Auftritt +Tasso (allein). + + Ja, gehe nur, und gehe sicher weg, +Dass du mich ueberredest, was du willst. +Ich lerne mich verstellen; denn du bist +Ein grosser Meister, und ich fasse leicht. +So zwingt das Leben uns zu scheinen, ja +Zu sein wie jene, die wir kuehn und stolz +Verachten konnten. Deutlich seh' ich nun +Die ganze Kunst des hoefischen Gewebes! +Mich will Antonio von hinnen treiben +Und will nicht scheinen, dass er mich vertreibt. +Er spielt den Schonenden, den Klugen, dass +Man nur recht krank und ungeschickt mich finde, +Bestellet sich zum Vormund, dass er mich +Zum Kind erniedrige, den er zum Knecht +Nicht zwingen konnte. So umnebelt er +Die Stirn des Fuersten und der Fuerstin Blick. + + Man soll mich halten, meint er: Habe doch +Ein schoen Verdienst mir die Natur geschenkt; +Doch leider habe sie mit manchen Schwaechen +Die hohe Gabe wieder schlimm begleitet, +Mit ungebundnem Stolz, mit uebertriebner +Empfindlichkeit und eignem duestern Sinn. +Es sei nicht anders, einmal habe nun +Den einen Mann das Schicksal so gebildet; +Nun muesse man ihn nehmen, wie er sei, +Ihn dulden, tragen und vielleicht an ihm, +Was Freude bringen kann, am guten Tage +Als unerwarteten Gewinst geniessen, +Im Uebrigen, wie er geboren sei, +So muesse man ihn leben, sterben lassen. + + Erkenn' ich noch Alphonsens festen Sinn, +Der Feinden trotzt und Freunde treulich schuetzt? +Erkenn' ich ihn, wie er nun mir begegnet? +Ja, wohl erkenn' ich ganz mein Unglueck nun! +Das ist mein Schicksal, dass nur gegen mich +Sich jeglicher veraendert, der fuer andre fest +Und treu und sicher bleibt, sich leicht veraendert +Durch einen Hauch, in einem Augenblick. + + Hat nicht die Ankunft dieses Manns allein +Mein ganz Geschick zerstoert, in einer Stunde? +Nicht dieser das Gebaeude meines Gluecks +Von seinem tiefsten Grund aus umgestuerzt? +O, muss ich das erfahren, muss ich's heut! +Ja, wie sich alles zu mir draengte, laesst +Mich alles nun; wie jeder mich an sich +Zu reissen strebte, jeder mich zu fassen, +So stoesst mich alles weg und meidet mich. +Und das warum? Und wiegt denn er allein +Die Schale meines Werts und aller Liebe, +Die ich so reichlich sonst besessen, auf? + + Ja, alles flieht mich nun. Auch du! Auch du! +Geliebte Fuerstin, du entziehst dich mir! +In diesen trueben Stunden hat sie mir +Kein einzig Zeichen ihrer Gunst gesandt. +Hab' ich's um sie verdient?--Du armes Herz, +Dem so natuerlich war sie zu verehren!-- +Vernahm ich ihre Stimme, wie durchdrang +Ein unaussprechliches Gefuehl die Brust! +Erblickt' ich sie, da ward das helle Licht +Des Tags mir trueb; unwiderstehlich zog +Ihr Auge mich, ihr Mund mich an, mein Knie +Erhielt sich kaum, und aller Kraft +Des Geists bedurft' ich, aufrecht mich zu halten, +Vor ihre Fuesse nicht zu fallen; kaum +Vermocht' ich diesen Taumel zu zerstreun. +Hier halte fest, mein Herz! Du klarer Sinn, +Lass hier dich nicht umnebeln! Ja, auch sie! +Darf ich es sagen? Und ich glaub' es kaum; +Ich glaub' es wohl, und moecht' es mir verschweigen. +Auch Sie! Auch Sie! Entschuldige sie ganz, +Allein verbirg' dir's nicht: Auch Sie! Auch Sie! + + O dieses Wort, an dem ich zweifeln sollte, +Solang ein Hauch von Glauben in mir lebt, +Ja, dieses Wort, es graebt sich, wie ein Schluss +Des Schicksals noch zuletzt am ehrnen Rande +Der voll geschriebnen Qualentafel ein. +Nun sind erst meine Feinde stark, nun bin ich +Auf ewig einer jeden Kraft beraubt. +Wie soll ich streiten, wenn Sie gegenueber +Im Heere steht? Wie soll ich duldend harren, +Wenn Sie die Hand mir nicht von ferne reicht? +Wenn nicht ihr Blick dem Flehenden begegnet? +Du hast's gewagt zu denken, hast's gesprochen, +Und es ist wahr, eh' du es fuerchten konntest! +Und ehe nun die Verzweiflung deine Sinnen +Mit ehrnen Klauen aus einander reisst, +Ja, klage nur das bittre Schicksal an +Und wiederhole nur: Auch Sie! Auch Sie! + + + + +Fuenfter Aufzug +(Garten.) + + + +Erster Auftritt +Alphons. Antonio. + +Antonio. +Auf deinen Wink ging ich das zweite Mal +Zu Tasso hin, ich komme von ihm her. +Ich hab' ihm zugeredet, ja gedrungen; +Allein er geht von seinem Sinn nicht ab +Und bittet sehnlich, dass du ihn nach Rom +Auf eine kurze Zeit entlassen moegest. + +Alphons. +Ich bin verdriesslich, dass ich dir's gestehe, +Und lieber sag' ich dir, dass ich es bin, +Als dass ich den Verdruss verberg' und mehre. +Er will verreisen; gut, ich halt' ihn nicht. +Er will hinweg, er will nach Rom; es sei! +Nur dass mir Scipio Gonzaga nicht, +Der kluge Medicis, ihn nicht entwende! +Das hat Italien so gross gemacht, +Dass jeder Nachbar mit dem andern streitet, +Die Bessern zu besitzen, zu benutzen. +Ein Feldherr ohne Heer scheint mir ein Fuerst, +Der die Talente nicht um sich versammelt: +Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt, +Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei. +Gefunden hab' ich diesen und gewaehlt, +Ich bin auf ihn als meinen Diener stolz, +Und da ich schon fuer ihn so viel getan, +So moecht' ich ihn nicht ohne Not verlieren. + +Antonio. +Ich bin verlegen, denn ich trage doch +Vor dir die Schuld von dem, was heut geschah; +Auch will ich meinen Fehler gern gestehn, +Er bleibet deiner Gnade zu verzeihn; +Doch wenn du glauben koenntest, dass ich nicht +Das moegliche getan, ihn zu versoehnen, +So wuerd' ich ganz untroestlich sein. O! Sprich +Mit holdem Blick mich an, damit ich wieder +Mich fassen kann, mir selbst vertrauen mag. + +Alphons. +Antonio, nein, da sei nur immer ruhig, +Ich schreib' es dir auf keine Weise zu; +Ich kenne nur zu gut den Sinn des Mannes, +Und weiss nur allzu wohl was ich getan, +Wie sehr ich ihn geschont, wie sehr ich ganz +Vergessen, dass ich eigentlich an ihn +Zu fordern haette. Ueber vieles kann +Der Mensch zum Herrn sich machen, seinen Sinn +Bezwinget kaum die Not und lange Zeit. + +Antonio. +Wenn andre vieles um den einen tun, +So ist's auch billig, dass der eine wieder +Sich fleissig frage, was den andern nuetzt. +Wer seinen Geist so viel gebildet hat, +Wer jede Wissenschaft zusammengeizt, +Und jede Kenntnis, die uns zu ergreifen +Erlaubt ist, sollte der, sich zu beherrschen, +Nicht doppelt schuldig sein? Und denkt er dran? + +Alphons. +Wir sollen eben nicht in Ruhe bleiben! +Gleich wird uns, wenn wir zu geniessen denken, +Zur Uebung unsrer Tapferkeit ein Feind, +Zur Uebung der Geduld ein Freund gegeben. + +Antonio. +Die erste Pflicht des Menschen, Speis' und Trank +Zu waehlen, da ihn die Natur so eng +Nicht wie das Tier beschraenkt, erfuellt er die? +Und laesst er nicht vielmehr sich wie ein Kind +Von allem reizen, was dem Gaumen schmeichelt? +Wann mischt er Wasser unter seinen Wein? +Gewuerze, suesse Sachen, stark Getraenke, +Eins um das andre schlingt er hastig ein, +Und dann beklagt er seinen trueben Sinn, +Sein feurig Blut, sein allzu heftig Wesen, +Er schilt auf die Natur und das Geschick. +Wie bitter und wie thoericht hab' ich ihn +Nicht oft mit seinem Arzte rechten sehn; +Zum Lachen fast, waer' irgend laecherlich, +Was einen Menschen quaelt und andre plagt. +"Ich fuehle dieses Uebel," sagt er baenglich +Und voll Verdruss: "Was ruehmt ihr eure Kunst? +Schafft mir Genesung!"--Gut! versetzt der Arzt, +So meidet das und das.--"Das kann ich nicht."-- +So nehmet diesen Trank.--"O nein! Der schmeckt +Abscheulich, er empoert mir die Natur."-- +So trinkt denn Wasser.--"Wasser? Nimmermehr! +Ich bin so wasserscheu als ein Gebissner."-- +So ist euch nicht zu helfen.--"Und warum?"-- +Das Uebel wird sich stets mit Uebeln haeufen +Und, wenn es euch nicht toeten kann, nur mehr +Und mehr mit jedem Tag Euch quaelen.--"Schoen! +Wofuer seid Ihr ein Arzt? Ihr kennt mein Uebel, +Ihr solltet auch die Mittel kennen, sie +Auch schmackhaft machen, dass ich nicht noch erst, +Der Leiden los zu sein, recht leiden muesse." +Du laechelst selbst und doch ist es gewiss, +Du hast es wohl aus seinem Mund gehoert? + +Alphons. +Ich hab' es oft gehoert und oft entschuldigt. + +Antonio. +Es ist gewiss, ein ungemaessigt Leben, +Wie es uns schwere, wilde Traeume gibt, +Macht uns zuletzt am hellen Tage traeumen. +Was ist sein Argwohn anders als ein Traum? +Wohin er tritt, glaubt er von Feinden sich +Umgeben. Sein Talent kann niemand sehn, +Der ihn nicht neidet, niemand ihn beneiden, +Der ihn nicht hasst und bitter ihn verfolgt. +So hat er oft mit Klagen dich belaestigt: +Erbrochne Schloesser, aufgefangne Briefe, +Und Gift und Dolch! Was alles vor ihm schwebt! +Du hast es untersuchen lassen, untersucht, +Und hast du was gefunden? Kaum den Schein. +Der Schutz von keinem Fuersten macht ihn sicher, +Der Busen keines Freundes kann ihn laben. +Und willst du einem solchen Ruh und Glueck, +Willst du von ihm wohl Freude dir versprechen? + +Alphons. +Du haettest Recht, Antonio, wenn in ihm +Ich meinen naechsten Vorteil suchen wollte! +Zwar ist es schon mein Vorteil, dass ich nicht +Den Nutzen grad und unbedingt erwarte. +Nicht alles dienet uns auf gleiche Weise; +Wer vieles brauchen will, gebrauche jedes +In seiner Art, so ist er wohl bedient. +Das haben uns die Medicis gelehrt, +Das haben uns die Paepste selbst gewiesen. +Mit welcher Nachsicht, welcher fuerstlichen +Geduld und Langmut trugen diese Maenner +Manch gross Talent, das ihrer reichen Gnade +Nicht zu beduerfen schien und doch bedurfte! + +Antonio. +Wer weiss es nicht, mein Fuerst? Des Lebens Muehe +Lehrt uns allein des Lebens Gueter schaetzen. +So jung hat er zu vieles schon erreicht, +Als dass genuegsam er geniessen koennte. +O, sollt' er erst erwerben, was ihm nun +Mit offnen Haenden angebothen wird: +Er strengte seine Kraefte maennlich an +Und fuehlte sich von Schritt zu Schritt begnuegt. +Ein armer Edelmann hat schon das Ziel +Von seinem besten Wunsch erreicht, wenn ihn +Ein edler Fuerst zu seinem Hofgenossen +Erwaehlen will, und ihn der Duerftigkeit +Mit milder Hand entzieht. Schenkt er ihm noch +Vertraun und Gunst und will an seine Seite +Vor andern ihn erheben, sei's im Krieg, +Sei's in Geschaeften oder im Gespraech, +So, daecht' ich, koennte der bescheidne Mann +Sein Glueck mit stiller Dankbarkeit verehren. +Und Tasso hat zu allem diesem noch +Das schoenste Glueck des Juenglings: Dass ihn schon +Sein Vaterland erkennt und auf ihn hofft. +O glaube mir, sein launisch Missbehagen +Ruht auf dem breiten Polster seines Gluecks. +Er kommt, entlass ihn gnaedig, gib ihm Zeit, +In Rom und in Neapel, wo er will, +Das aufzusuchen, was er hier vermisst, +Und was er hier nur wieder finden kann. + +Alphons. +Will er zurueck erst nach Ferrara gehn? + +Antonio. +Er wuenscht in Belriguardo zu verweilen. +Das Noetigste, was er zur Reise braucht, +Will er durch einen Freund sich senden lassen. + +Alphons. +Ich bin's zufrieden. Meine Schwester geht +Mit ihrer Freundin gleich zurueck, und reitend +Werd' ich vor ihnen noch zu Hause sein. +Du folgst uns bald, wenn du fuer ihn gesorgt. +Dem Kastellan befiehl das Noetige, +Dass er hier auf dem Schlosse bleiben kann, +Solang er will, so lang, bis seine Freunde +Ihm das Gepaeck gesendet, bis wir ihm +Die Briefe schicken, die ich ihm nach Rom +Zu geben Willens bin. Er kommt! Leb' wohl! + + + +Zweiter Auftritt +Alphons. Tasso. + +Tasso (mit Zurueckhaltung). +Die Gnade, die du mir so oft bewiesen, +Erscheinet heute mir in vollem Licht: +Du hast verziehen, was in deiner Naehe +Ich unbedacht und frevelhaft beging; +Du hast den Widersacher mir versoehnt; +Du willst erlauben, dass ich eine Zeit +Von deiner Seite mich entferne, willst +Mir deine Gunst grossmuetig vorbehalten. +Ich scheide nun mit voelligem Vertraun, +Und hoffe still, mich soll die kleine Frist +Von allem heilen, was mich jetzt beklemmt. +Es soll mein Geist aufs neue sich erheben +Und auf dem Wege, den ich froh und kuehn, +Durch deinen Blick ermuntert, erst betrat, +Sich deiner Gunst aufs neue wuerdig machen. + +Alphons. +Ich wuensche dir zu deiner Reise Glueck +Und hoffe, dass du froh und ganz geheilt +Uns wieder kommen wirst. Du bringst uns dann +Den doppelten Gewinst fuer jede Stunde, +Die du uns nun entziehst, vergnuegt zurueck. +Ich gebe Briefe dir an meine Leute, +An Freunde dir nach Rom und wuensche sehr, +Dass du dich zu den Meinen ueberall +Zutraulich halten moegest, wie ich dich +Als mein, obgleich entfernt, gewiss betrachte. + +Tasso. +Du ueberhaeufst, o Fuerst, mit Gnade den, +Der sich unwuerdig fuehlt und selbst zu danken +In diesem Augenblicke nicht vermag. +Anstatt des Danks eroeffn' ich eine Bitte! +Am meisten liegt mir mein Gedicht am Herzen. +Ich habe viel getan und keine Muehe +Und keinen Fleiss gespart; allein es bleibt +Zu viel mir noch zurueck. Ich moechte dort, +Wo noch der Geist der grossen Maenner schwebt, +Und wirksam schwebt, dort moecht' ich in die Schule +Aufs neue mich begeben: Wuerdiger +Erfreute deines Beifalls sich mein Lied. +O, gib die Blaetter mir zurueck, die ich +Jetzt nur beschaemt in deinen Haenden weiss! + +Alphons. +Du wirst mir nicht an diesem Tage nehmen, +Was du mir kaum an diesem Tag gebracht. +Lass zwischen dich und zwischen dein Gedicht +Mich als Vermittler treten: Huete dich, +Durch strengen Fleiss die liebliche Natur +Zu kraenken, die in deinen Reimen lebt, +Und hoere nicht auf Rat von allen Seiten! +Die tausendfaeltigen Gedanken vieler +Verschiedner Menschen, die im Leben sich +Und in der Meinung widersprechen, fasst +Der Dichter klug in eins und scheut sich nicht, +Gar manchem zu missfallen, dass er manchem +Um desto mehr gefallen moege. Doch +Ich sage nicht, dass du nicht hie und da +Bescheiden deine Feile brauchen solltest; +Verspreche dir zugleich: In kurzer Zeit +Erhaeltst du abgeschrieben dein Gedicht. +Es bleibt von deiner Hand in meinen Haenden, +Damit ich seiner erst mit meinen Schwestern +Mich recht erfreuen moege. Bringst du es +Vollkommner dann zurueck: Wir werden uns +Des hoeheren Genusses freun und dich +Bei mancher Stelle nur als Freunde warnen. + +Tasso. +Ich wiederhole nur beschaemt die Bitte: +Lass mich die Abschrift eilig haben! Ganz +Ruht mein Gemuet auf diesem Werke nun. +Nun muss es werden, was es werden kann. + +Alphons. +Ich billige den Trieb, der dich beseelt! +Doch, guter Tasso, wenn es moeglich waere, +So solltest du erst eine kurze Zeit +Der freien Welt geniessen, dich zerstreuen, +Dein Blut durch eine Kur verbessern. Dir +Gewaehrte dann die schoene Harmonie +Der hergestellten Sinne, was du nun +Im trueben Eifer nur vergebens suchst. + +Tasso. +Mein Fuerst, so scheint es; doch, ich bin gesund, +Wenn ich mich meinem Fleiss ergeben kann, +Und so macht wieder mich der Fleiss gesund. +Du hast mich lang gesehn: Mir ist nicht wohl +In freier Ueppigkeit. Mir laesst die Ruh +Am mindsten Ruhe. Dies Gemuet ist nicht +Von der Natur bestimmt, ich fuehl' es leider, +Auf weichem Element der Tage froh +Ins weite Meer der Zeiten hinzuschwimmen. + +Alphons. +Dich fuehret alles, was du sinnst und treibst, +Tief in dich selbst. Es liegt um uns herum +Gar mancher Abgrund, den das Schicksal grub; +Doch hier in unserm Herzen ist der tiefste, +Und reizend ist es sich hinab zu stuerzen. +Ich bitte dich, entreisse dich dir selbst! +Der Mensch gewinnt, was der Poet verliert. + +Tasso. +Ich halte diesen Drang vergebens auf, +Der Tag und Nacht in meinem Busen wechselt. +Wenn ich nicht sinnen oder dichten soll, +So ist das Leben mir kein Leben mehr. +Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen, +Wenn er sich schon dem Tode naeher spinnt: +Das koestliche Geweb' entwickelt er +Aus seinem Innersten, und laesst nicht ab, +Bis er in seinen Sarg sich eingeschlossen. +O, geb' ein guter Gott uns auch dereinst +Das Schicksal des beneidenswerten Wurms, +Im neuen Sonnental die Fluegel rasch +Und freudig zu entfalten! + +Alphons. + Hoere mich! +Du gibst so vielen doppelten Genuss +Des Lebens; lern', ich bitte dich, +Den Wert des Lebens kennen, das du noch +Und zehnfach reich besitzest. Lebe wohl! +Je eher du zu uns zuruecke kehrst, +Je schoener wirst du uns willkommen sein. + + + +Dritter Auftritt +Tasso (allein). + +So halte fest, mein Herz, so war es recht! +Es wird dir schwer, es ist das erste Mal, +Dass du dich so verstellen magst und kannst. +Du hoertest wohl: Das war nicht sein Gemuet, +Das waren seine Worte nicht; mir schien, +Als klaenge nur Antonios Stimme wider. +O gib nur Acht! Du wirst sie nun so fort +Von allen Seiten hoeren. Fest, nur fest! +Um einen Augenblick ist's noch zu tun. +Wer spaet im Leben sich verstellen lernt, +Der hat den Schein der Ehrlichkeit voraus. +Es wird schon gehn, nur uebe dich mit ihnen. + +(Nach einer Pause.) + +Du triumphierst zu frueh, dort kommt sie her! +Die holde Fuerstin kommt! O welch Gefuehl! +Sie tritt herein, es loest in meinem Busen +Verdruss und Argwohn sich in Schmerzen auf. + + + +Vierter Auftritt +Prinzessin. Tasso. Gegen das Ende des Auftritts die Uebrigen. + +Prinzessin. +Du denkst uns zu verlassen, oder bleibst +Vielmehr in Belriguardo noch zurueck +Und willst dich dann von uns entfernen, Tasso? +Ich hoffe, nur auf eine kurze Zeit. +Du gehst nach Rom? + +Tasso. +Ich richte meinen Weg +Zuerst dahin, und nehmen meine Freunde +Mich guetig auf, wie ich es hoffen darf, +So leg' ich da mit Sorgfalt und Geduld +Vielleicht die letzte Hand an mein Gedicht. +Ich finde viele Maenner dort versammelt, +Die Meister aller Art sich nennen duerfen. +Und spricht in jener ersten Stadt der Welt +Nicht jeder Platz, nicht jeder Stein zu uns? +Wie viele tausend stumme Lehrer winken +In ernster Majestaet uns freundlich an! +Vollend' ich da nicht mein Gedicht, so kann +Ich's nie vollenden. Leider, ach, schon fuehl' ich, +Mir wird zu keinem Unternehmen Glueck! +Veraendern werd' ich es, vollenden nie. +Ich fuehl', ich fuehl' es wohl, die grosse Kunst, +Die jeden naehrt, die den gesunden Geist +Staerkt und erquickt, wird mich zu Grunde richten, +Vertreiben wird sie mich. Ich eile fort! +Nach Napel will ich bald! + +Prinzessin. + Darfst du es wagen? +Noch ist der strenge Bann nicht aufgehoben, +Der dich zugleich mit deinem Vater traf. + +Tasso. +Du warnest recht, ich hab' es schon bedacht. +Verkleidet geh' ich hin, den armen Rock +Des Pilgers oder Schaefers zieh' ich an. +Ich schleiche durch die Stadt, wo die Bewegung +Der Tausende den einen leicht verbirgt. +Ich eile nach dem Ufer, finde dort +Gleich einen Kahn mit willig guten Leuten, +Mit Bauern, die zum Markte kamen, nun +Nach Hause kehren, Leute von Sorrent; +Denn ich muss nach Sorrent hinuebereilen. +Dort wohnet meine Schwester, die mit mir +Die Schmerzensfreude meiner Eltern war. +Im Schiffe bin ich still, und trete dann +Auch schweigend an das Land, ich gehe sacht +Den Pfad hinauf, und an dem Tore frag' ich: +Wo wohnt Cornelia? Zeigt mir es an! +Cornelia Sersale? Freundlich deutet +Mir eine Spinnerinn die Strasse, sie +Bezeichnet mir das Haus. So steig' ich weiter. +Die Kinder laufen nebenher und schauen +Das wilde Haar, den duestern Fremdling an. +So komm' ich an die Schwelle. Offen steht +Die Tuere schon, so tret' ich in das Haus-- + +Prinzessin. +Blick' auf, o Tasso, wenn es moeglich ist, +Erkenne die Gefahr, in der du schwebst! +Ich schone dich; denn sonst wuerd' ich dir sagen: +Ist's edel so zu reden, wie du sprichst? +Ist's edel, nur allein an sich zu denken, +Als kraenktest du der Freunde Herzen nicht? +Ist's dir verborgen wie mein Bruder denkt? +Wie beide Schwestern dich zu schaetzen wissen? +Hast du es nicht empfunden und erkannt? +Ist alles denn in wenig Augenblicken +Veraendert? Tasso! Wenn du scheiden willst, +So lass uns Schmerz und Sorge nicht zurueck. + +(Tasso wendet sich weg.) + +Prinzessin. +Wie troestlich ist es, einem Freunde, der +Auf eine kurze Zeit verreisen will, +Ein klein Geschenk zu geben, sei es nur +Ein neuer Mantel oder eine Waffe! +Dir kann man nichts mehr geben; denn du wirfst +Unwillig alles weg, was du besitzest. +Die Pilgermuschel und den schwarzen Kittel, +Den langen Stab erwaehlst du dir und gehst +Freiwillig arm dahin und nimmst uns weg, +Was du mit uns allein geniessen konntest. + +Tasso. +So willst du mich nicht ganz und gar verstossen? +O suesses Wort, o schoener, teurer Trost! +Vertritt mich! Nimm in deinen Schutz mich auf!-- +Lass mich in Belriguardo hier, versetze +Mich nach Consandoli, wohin du willst! +Es hat der Fuerst so manches schoene Schloss, +So manchen Garten, der das ganze Jahr +Gewartet wird, und ihr betretet kaum +Ihn einen Tag, vielleicht nur eine Stunde. +Ja, waehlet den entferntsten aus, den ihr +In ganzen Jahren nicht besuchen geht, +Und der vielleicht jetzt ohne Sorge liegt: +Dort schickt mich hin! Dort lasst mich euer sein! +Wie will ich deine Baeume pflegen! Die Zitronen +Im Herbst mit Brettern und mit Ziegeln decken, +Und mit verbundnem Rohre wohl verwahren! +Es sollen schoene Blumen in den Beeten +Die breiten Wurzeln schlagen; rein und zierlich +Soll jeder Gang und jedes Fleckchen sein. +Und lasst mir auch die Sorge des Palastes! +Ich will zur rechten Zeit die Fenster oeffnen, +Dass Feuchtigkeit nicht den Gemaelden schade; +Die schoen mit Stuckatur verzierten Waende +Will ich mit einem leichten Wedel saeubern; +Es soll das Estrich blank und reinlich glaenzen; +Es soll kein Stein, kein Ziegel sich verruecken; +Es soll kein Gras aus einer Ritze keimen! + +Prinzessin. +Ich finde keinen Rat in meinem Busen, +Und finde keinen Trost fuer dich und--uns. +Mein Auge blickt umher, ob nicht ein Gott +Uns Hilfe reichen moechte, moechte mir +Ein heilsam Kraut entdecken, einen Trank, +Der deinem Sinne Frieden braechte, Frieden uns. +Das treuste Wort, das von der Lippe fliesst, +Das schoenste Heilungsmittel wirkt nicht mehr. +Ich muss dich lassen, und verlassen kann +Mein Herz dich nicht. + +Tasso. + Ihr Goetter, ist sie's doch, +Die mit dir spricht und deiner sich erbarmt? +Und konntest du das edle Herz verkennen? +War's moeglich, dass in ihrer Gegenwart +Der Kleinmut dich ergriff und dich bezwang? +Nein, nein, du bist's! Und nun, ich bin es auch. +O fahre fort und lass mich jeden Trost +Aus deinem Munde hoeren! Deinen Rat +Entzieh mir nicht! O sprich: Was soll ich tun, +Damit dein Bruder mir vergeben koenne, +Damit du selbst mir gern vergeben moegest, +Damit ihr wieder zu den Euren mich +Mit Freuden zaehlen moeget? Sag' mir an! + +Prinzessin. +Gar wenig ist's, was wir von dir verlangen, +Und dennoch scheint es allzu viel zu sein. +Du sollst dich selbst uns freundlich ueberlassen. +Wir wollen nichts von dir, was du nicht bist, +Wenn du nur erst dir mit dir selbst gefaellst. +Du machst uns Freude, wenn du Freude hast, +Und du betruebst uns nur, wenn du sie fliehst; +Und wenn du uns auch ungeduldig machst, +So ist es nur, dass wir dir helfen moechten, +Und, leider! Sehn, dass nicht zu helfen ist, +Wenn du nicht selbst des Freundes Hand ergreifst, +Die, sehnlich ausgereckt, dich nicht erreicht. + +Tasso. +Du bist es selbst, wie du zum ersten Mal, +Ein heil'ger Engel, mir entgegen kamst! +Verzeih dem trueben Blick des Sterblichen, +Wenn er auf Augenblicke dich verkannt. +Er kennt dich wieder! Ganz eroeffnet sich +Die Seele, nur dich ewig zu verehren. +Es fuellt sich ganz das Herz von Zaertlichkeit-- +Sie ist's, sie steht vor mir. Welch ein Gefuehl! +Ist es Verirrung, was mich nach dir zieht? +Ist's Raserei? Ist's ein erhoehter Sinn, +Der erst die hoechste, reinste Wahrheit fasst? +Ja, es ist das Gefuehl, das mich allein +Auf dieser Erde gluecklich machen kann, +Das mich allein so elend werden liess, +Wenn ich ihm widerstand und aus dem Herzen +Es bannen wollte. Diese Leidenschaft +Gedacht' ich zu bekaempfen; stritt und stritt +Mit meinem tiefsten Sein, zerstoerte frech +Mein eignes Selbst, dem du so ganz gehoerst-- + +Prinzessin. +Wenn ich dich, Tasso, laenger hoeren soll, +So maessige die Glut, die mich erschreckt. + +Tasso. +Beschraenkt der Rand des Bechers einen Wein, +Der schaeumend wallt und brausend ueberschwillt? +Mit jedem Wort' erhoehest du mein Glueck, +Mit jedem Worte glaenzt dein Auge heller. +Ich fuehle mich im Innersten veraendert, +Ich fuehle mich von aller Not entladen, +Frei wie ein Gott, und alles dank' ich dir! +Unsaegliche Gewalt, die mich beherrscht, +Entfliesset deinen Lippen; ja, du machst +Mich ganz dir eigen. Nichts gehoeret mir +Von meinem ganzen Ich mir kuenftig an. +Es truebt mein Auge sich in Glueck und Licht, +Es schwankt mein Sinn. Mich haelt der Fuss nicht mehr. +Unwiderstehlich ziehst du mich zu dir, +Und unaufhaltsam dringt mein Herz dir zu. +Du hast mich ganz auf ewig dir gewonnen, +So nimm denn auch mein ganzes Wesen hin! + +(Er faellt ihr in die Arme und drueckt sie fest an sich.) + +Prinzessin (ihn von sich stossend und hinweg eilend). +Hinweg! + +Leonore (die sich schon eine Weile im Grunde sehen lassen, herbeieilend). + Was ist geschehen? Tasso! Tasso! + +(Sie geht der Prinzessin nach.) + +Tasso (im Begriff, ihnen zu folgen). +O Gott! + +Alphons (der sich schon eine Zeitlang mit Antonio genaehert). + Er kommt von Sinnen, halt ihn fest. (Ab.) + + + +Fuenfter Auftritt +Tasso. Antonio. + +Antonio. +O stuende jetzt, so wie du immer glaubst, +Dass du von Feinden rings umgeben bist, +Ein Feind bei dir, wie wuerd' er triumphieren! +Ungluecklicher, noch kaum erhol' ich mich! +Wenn ganz was Unerwartetes begegnet, +Wenn unser Blick was Ungeheures sieht, +Steht unser Geist auf eine Weile still: +Wir haben nichts, womit wir das vergleichen. + +Tasso (nach einer langen Pause). +Vollende nur dein Amt--ich seh', du bist's! +Ja, du verdienst das fuerstliche Vertraun; +Vollende nur dein Amt, und martre mich, +Da mir der Stab gebrochen ist, noch langsam +Zu Tode! Ziehe! Zieh am Pfeile nur, +Dass ich den Widerhaken grimmig fuehle, +Der mich zerfleischt! +Du bist ein teures Werkzeug des Tyrannen, +Sei Kerkermeister, sei der Marterknecht, +Wie wohl, wie eigen steht dir beides an! + +(Gegen die Szene.) + +Ja, gehe nur, Tyrann! Du konntest dich +Nicht bis zuletzt verstellen, triumphiere! +Du hast den Sklaven wohl gekettet, hast +Ihn wohl gespart zu ausgedachten Qualen: +Geh nur, ich hasse dich, ich fuehle ganz +Den Abscheu, den die Uebermacht erregt, +Die frevelhaft und ungerecht ergreift. + +(Nach einer Pause.) + +So seh' ich mich am Ende denn verbannt, +Verstossen und verbannt als Bettler hier! +So hat man mich bekraenzt, um mich geschmueckt +Als Opfertier vor den Altar zu fuehren! +So lockte man mir noch am letzten Tage +Mein einzig Eigentum, mir mein Gedicht +Mit glatten Worten ab, und hielt es fest! +Mein einzig Gut ist nun in euren Haenden, +Das mich an jedem Ort empfohlen haette, +Das mir noch blieb, vom Hunger mich zu retten! +Jetzt seh' ich wohl, warum ich feiern soll. +Es ist Verschwoerung, und du bist das Haupt. +Damit mein Lied nur nicht vollkommner werde, +Dass nur mein Name sich nicht mehr verbreite, +Dass meine Neider tausend Schwaechen finden, +Dass man am Ende meiner gar vergesse, +Drum soll ich mich zum Muessiggang gewoehnen, +Drum soll ich mich und meine Sinne schonen. +O werte Freundschaft, teure Sorglichkeit! +Abscheulich dacht' ich die Verschwoerung mir, +Die unsichtbar und rastlos mich umspann, +Allein abscheulicher ist es geworden. + Und du, Sirene! Die du mich so zart, +So himmlisch angelockt, ich sehe nun +Dich auf einmal! O Gott, warum so spaet! + Allein wir selbst betruegen uns so gern +Und ehren die Verworfnen, die uns ehren. +Die Menschen kennen sich einander nicht; +Nur die Galeerensklaven kennen sich, +Die eng an eine Bank geschmiedet keuchen; +Wo keiner was zu fordern hat und keiner +Was zu verlieren hat, die kennen sich; +Wo jeder sich fuer einen Schelmen gibt +Und seinesgleichen auch fuer Schelmen nimmt. +Doch wir verkennen nur die andern hoeflich, +Damit sie wieder uns verkennen sollen. + Wie lang verdeckte mir dein heilig Bild +Die Buhlerin, die kleine Kuenste treibt. +Die Maske faellt: Armide seh' ich nun +Entbloesst von allen Reizen--ja, du bist's! +Von dir hat ahndungsvoll mein Lied gesungen! + Und die verschmitzte kleine Mittlerin! +Wie tief erniedrigt seh' ich sie vor mir! +Ich hoere nun die leisen Tritte rauschen, +Ich kenne nun den Kreis, um den sie schlich. +Euch alle kenn' ich! Sei mir das genug! +Und wenn das Elend alles mir geraubt, +So preis' ich's doch: Die Wahrheit lehrt es mich. + +Antonio. +Ich hoere, Tasso, dich mit Staunen an, +So sehr ich weiss, wie leicht dein rascher Geist +Von einer Grenze zu der andern schwankt. +Besinne dich! Gebiete dieser Wut! +Du laesterst, du erlaubst dir Wort auf Wort, +Das deinen Schmerzen zu verzeihen ist, +Doch das du selbst dir nie verzeihen kannst. + +Tasso. +O sprich mir nicht mit sanfter Lippe zu, +Lass mich kein kluges Wort von dir vernehmen! +Lass mir das dumpfe Glueck, damit ich nicht +Mich erst besinne, dann von Sinnen komme. +Ich fuehle mir das innerste Gebein +Zerschmettert, und ich leb' um es zu fuehlen. +Verzweiflung fasst mit aller Wut mich an, +Und in der Hoellenqual, die mich vernichtet, +Wird Laestrung nur ein leiser Schmerzenslaut. +Ich will hinweg! Und wenn du redlich bist, +So zeig' es mir, und lass mich gleich von hinnen! + +Antonio. +Ich werde dich in dieser Not nicht lassen; +Und wenn es dir an Fassung ganz gebricht, +So soll mir's an Geduld gewiss nicht fehlen. + +Tasso. +So muss ich mich dir denn gefangen geben? +Ich gebe mich, und so ist es getan; +Ich widerstehe nicht, so ist mir wohl-- +Und lass es dann mich schmerzlich wiederholen, +Wie schoen es war, was ich mir selbst verscherzte. +Sie gehn hinweg--O Gott! Dort seh' ich schon +Den Staub, der von den Wagen sich erhebt-- +Die Reiter sind voraus--Dort fahren sie, +Dort gehn sie hin! Kam ich nicht auch daher? +Sie sind hinweg, sie sind erzuernt auf mich. +O kuesst' ich nur noch einmal seine Hand! +O dass ich nur noch Abschied nehmen koennte! +Nur einmal noch zu sagen: O verzeiht! +Nur noch zu hoeren: Geh, dir ist verziehn! +Allein ich hoer' es nicht, ich hoer' es nie-- +Ich will ja gehn! Lasst mich nur Abschied nehmen, +Nur Abschied nehmen! Gebt, o gebt mir nur +Auf einen Augenblick die Gegenwart +Zurueck! Vielleicht genes' ich wieder. Nein, +Ich bin verstossen, bin verbannt, ich habe +Mich selbst verbannt, ich werde diese Stimme +Nicht mehr vernehmen, diesem Blicke nicht, +Nicht mehr begegnen-- + +Antonio. +Lass eines Mannes Stimme dich erinnern, +Der neben dir nicht ohne Ruehrung steht! +Du bist so elend nicht, als wie du glaubst. +Ermanne dich! Du gibst zu viel dir nach. + +Tasso. +Und bin ich denn so elend, wie ich scheine? +Bin ich so schwach, wie ich vor dir mich zeige? +Ist alles denn verloren? Hat der Schmerz, +Als schuetterte der Boden, das Gebaeude +In einen grausen Haufen Schutt verwandelt? +Ist kein Talent mehr uebrig, tausendfaeltig +Mich zu zerstreun, zu unterstuetzen? +Ist alle Kraft erloschen, die sich sonst +In meinem Busen regte? Bin ich nichts, +Ganz nichts geworden? +Nein, es ist alles da, und ich bin nichts; +Ich bin mir selbst entwandt, sie ist es mir! + +Antonio. +Und wenn du ganz dich zu verlieren scheinst, +Vergleiche dich! Erkenne, was du bist! + +Tasso. +Ja, du erinnerst mich zur rechten Zeit!-- +Hilft denn kein Beispiel der Geschichte mehr? +Stellt sich kein edler Mann mir vor die Augen, +Der mehr gelitten, als ich jemals litt, +Damit ich mich mit ihm vergleichend fasse? +Nein, alles ist dahin!--Nur eines bleibt: +Die Traene hat uns die Natur verliehen, +Den Schrei des Schmerzens, wenn der Mann zuletzt +Es nicht mehr traegt--Und mir noch ueber alles-- +Sie liess im Schmerz mir Melodie und Rede, +Die tiefste Fuelle meiner Not zu klagen: +Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, +Gab mir ein Gott, zu sagen wie ich leide. + +Antonio (tritt zu ihm und nimmt ihn bei der Hand). + +Tasso. +O edler Mann! Du stehest fest und still, +Ich scheine nur die sturmbewegte Welle. +Allein bedenk' und ueberhebe nicht +Dich deiner Kraft! Die maechtige Natur, +Die diesen Felsen gruendete, hat auch +Der Welle die Beweglichkeit gegeben. +Sie sendet ihren Sturm, die Welle flieht +Und schwankt und schwillt und beugt sich schaeumend ueber. +In dieser Woge spiegelte so schoen +Die Sonne sich, es ruhten die Gestirne +An dieser Brust, die zaertlich sich bewegte. +Verschwunden ist der Glanz, entflohn die Ruhe. +Ich kenne mich in der Gefahr nicht mehr, +Und schaeme mich nicht mehr es zu bekennen. +Zerbrochen ist das Steuer, und es kracht +Das Schiff an allen Seiten. Berstend reisst +Der Boden unter meinen Fuessen auf! +Ich fasse dich mit beiden Armen an! +So klammert sich der Schiffer endlich noch +Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte. + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TORQUATO TASSO*** + + +******* This file should be named 10425.txt or 10425.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/1/0/4/2/10425 + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's +eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, +compressed (zipped), HTML and others. + +Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over +the old filename and etext number. The replaced older file is renamed. +VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving +new filenames and etext numbers. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + +https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + +EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000, +are filed in directories based on their release date. 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For +example an eBook of filename 10234 would be found at: + +https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234 + +or filename 24689 would be found at: +https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689 + +An alternative method of locating eBooks: +https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL + +*** END: FULL LICENSE *** diff --git a/old/10425.zip b/old/10425.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..11dff7c --- /dev/null +++ b/old/10425.zip |
